Zur Zitierweise
1. Orthographie und Interpunktion entsprechen den zugrunde liegenden Ausgaben.
2. Stellen aus Kants "Kritik der reinen Vernunft" werden immer nur als "A" (1. Aufl.) oder "B" (2. Aufl.) angegeben. "B" bedeutet dabei, daß das Zitat nur in der zweiten Auflage zu finden ist; "A", daß es in beiden zu finden ist. Findet sich ein Zitat nur in A, so wird auf "nur A" verwiesen.
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6. Die Werke Heideggers werden nach der Gesamtausgabe unter Angabe der Nummer des Bandes und der Seite zitiert. Sind in der Gesamtausgabe bei einem Werk auch die Seitennummern des Erstdrucks oder separaten Drucks angeführt, so folge ich dieser Angabe, so dass jede Ausgabe eines Werks benutzt werden kann.
7. Sekundärliteratur wird unter Angabe des Nachnamens des Verfassers mit Zusatz der Jahreszahl (bei mehreren Werken) der zugrunde gelegten Auflage und der Seitennummer zitiert.
8. Im Text werden Werke, die oft erwähnt werden, durch Stichworte angesprochen:
"Kritik" ohne Anführungszeichen bezieht sich in unmißverständlichem Kontext immer auf Kants "Kritik der reinen Vernunft": "Kantvorlesung" auf Bd. 21 der Gesamtausgabe der Werke Heideggers; "Kantbuch" auf Bd. 3 derselben; "SZ" ist Sigle für "Sein und Zeit"
INHALT
1. Einleitung
1.1. Ausgangspunkt und Zielsetzung der Untersuchung 1.2. Allgemeine Problematik des Schematismus bei Kant 1.3. Der systematische Ort der Schematismusdeutung bei Heidegger 1.4. Äußere Darstellung des Schematismus im Kantbuch (1929)
2. Das Deduktionsproblem als Wurzel des Schematismus
2.1. Die den Schematismus vorzeichnende Darstellung bei Heidegger 2.2. Kant zum vorläufigen Vergleich: Die Deduktion in der Fassung A 2.3. Vorläufiger Vergleich der Darstellung bei Kant u. Heidegger
3. Transzendenz und Versinnlichung
4. Bild und Schema: Schematismus der empirischen Begriffe
5. Schema und Schema-Bild: Schematismus der mathematischen Begriffe
6. Der transzendentale Schematismus bei Kant und Heidegger
6.1. allgemeiner Charakter: Verwurzelung im Deduktionsproblem
6.2. Kants Schematismus der Quantitätskategorien 6.3. Schematismus der Qualitätskategorien 6.4. Schematismus der Relationskategorien 6.5. Schematismus der Modalitätskategorien 6.6. Das Subsumtionsproblem
8. Aspekte der Deutung
8.1 Die Kantdeutung Heideggers und der Begriff von Sein und Zeit in SZ 8.1. Hermeneutischer Ansatz und philologische Grundlage 8.3. Heideggers Kantbild und der Neukantianismus 8.4. Phänomenologische Methode
9. Zusammenfassung
10. Anhang
11. Anmerkungen
12. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Ausgangspunkt und Zielsetzung der Untersuchung
Die Bedeutung des Schematismusproblems in der Kritik der reinen Vernunft habe ich zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Begriff der
1
und ihrer durchdringenden
Einbildungskraft in den frühen Schriften Fichtes
2
erfahren und von dort aus einen Analyse in den Fichte-Studien des Novalis
Zugang zu Heideggers andersartiger und zugleich verwandter Behandlung der Thematik in den Kantbüchern wie zu seinem Denken überhaupt gefunden; also nicht - wie üblich - auf SZ oder das Spätwerk konzentriert, von der dekonstruktiven Postmoderne (Derrida), der geschichtlichen Hermeneutik Gadamers, dem Existenzialismus der Nachkriegsära (Sartre) oder vom Dekadenzdenken des ausgehenden 19. Jahrhunderts her (Nietzsche,
Kierkegaard, transzendentalphilosophisch
Verständnis Heideggers in der Absicht des gedanklichen Nachvollzugs sicher 4
dienlicher und insgesamt sachlich fruchtbarer , auch wenn die Bedeutung von
Nihilismus, Historismus, Vitalismus und Expressionismus für Heideggers Denken nicht geleugnet werden kann und die sogenannte Spätphilosophie als konsequente Folge der von ihr aus neu zu verstehenden `ersten Phase' seines Denkens aufgefaßt werden muß.
Im Nachdenken über Heideggers klassische Neu- und Uminterpretation Kants und besonders des Schematismuskapitels der Kritik sehe ich in erster Linie auch nicht die Aufgabe des antiquarischen historisch-kritischen Erkenntnis`gewinns' oder gar der heute als Zeugnis richtiger Gesinnung geltenden politischen `Entlarvung', sondern eine erneute Möglichkeit zum ansatzweisen Versuch, ein vertieftes Verständnis des Grundproblems der menschlichen Existenz -der wesentlich unaufhebbaren Spannung der
bewußtseinskonstitutiven Dialektik von Spontaneität und R ezeptivität - zu erreichen und das zeitgenössische Denken von diesem Problem aus in seinen geschichtlichen Grundlagen zu fassen, denn "es sind die Fragen der Zeit, die in dieser Philosophie gestellt und ausgetragen werden." (PÖGGELER, 1984, 24), ohne daß es dabei eine kurzatmige Modephilosophie gewesen ist.
Diese Orientierung an der "Sache" ist Bedingung jeder Art des Verständnisses, auch des reproduktiv philologischen oder rekonstruierend historischen, und ist ihr einzig möglicher Sinn, was für das philosophische Verständnis selbstverständlich ist, dem es darum geht, im Überstieg über das dem gesunden Menschenverstand naiv gegeben Erscheinende die "ungegebenen" Bedingungsgründe seiner Möglichkeit in der permanenten Unruhe des iterierenden Regresses der Reflexion tiefer zu erfragen, und dem darin selbst geschichtlich zum Ausdruck kommenden Grund eben diesen ihm entsprechendsten Ausdruck (zurück) zu geben. A. Vergleiche zu diesem
Philosophieverständnis FUNKE, 1966, besonders den Aufsatz "Was ist Philosophie, S. 5-24., zum interpretatorischen Grundverständnis "Erörterung der Interpretation" in KOPPER 1955,12-28; zur klassischen Kontroverse um hermeneutische Grundfragen bei Gadamer, Betti, Hirsch SEEBOHM 1966.
Insgesamt erscheint mir das Denken Heideggers geschichtlich gesehen am besten als eine an Kierkegaard, Nietzsche und besonders an Schellings Spätphilosophie anknüpfende (und damit insgesamt der antiaufklärerischen Frühromantik verhaftete) Negation der Systemphilosophie Hegels verständlich zu werden (x), den Heidegger auch als radikalen konsequenten Erben Kants interpretiert (vgl. 3 244). Heideggers Denken, in dem sich die typische Denkform der gegenaufklärerischen Moderne ausbildete, erscheint dabei als größte Herausforderung an das bisherige Denken der Philosophiegeschichte, wie es mit zu Höhepunkt und Hegel an sein Ende kam, und damit an das (metaphysische) Denken überhaupt: Es umfaßt und voll-endet, zumindest dem Anspruch nach (wie Hegel), das gesamte abendländische Denken und geht zugleich (gegen Hegel) auf dessen Wurzeln zurück. Das abendländische Denken führte zuerst zur Lehre dauernder Wesensordungen (Plato), dann zur Geschichtlichkeit des sich selbst findenden überzeitlichen Geistes (Hegel) und in Heidegger zur Erfahrung der Endlichkeit eben dieser Geschichtlichkeit.(x) vgl. MÜLLER, 1964, 37f, wenn auch die Rede von einer "absoluten Geschichtlichkeit" in sich aporetisch ist (x) vgl. VOLKMANN-SCHLUCK 1963.
Im transzendentalen Denken (X) Kants hatte sich das menschliche Selbstbewußtsein als in seinem ursprünglichen Ausgang vom gegenständlichen Sichzeigen der Welt unbewußt-entfremdetes Selbstverständnis überwunden. Das Sichzeigen des Vielen wurde ihm erstmals als die Erscheinung des selbst nicht mehr gegenständlich verstandenen einen Unbedingten offenbar. Dabei nahm das Bewußtsein dieses Sichzeigen selbst aber noch nicht bewußt in die Einheit der Vernunft zurück und verfestigte sich in einer neuen Dogmatik. (vgl. KOPPER 1961, 39ff; 1962, 146ff)
Heidegger hat dieses ursprüngliche transzendentale Denken in seinem doch wieder dogmatisch-behauptend verfahrenden Charakter erkannt und zu seinem modernen Selbstverständnis geführt, in dem das Denken selbst zu Ende und gewissermaßen zu Grunde geht, insofern in ihm die Weltlichkeit als das Sichbezeugen des Nichts auf die Weise des Seienden von sich aus das
Verlorensein des Denkens ausweist. (vgl. KOPPER 1961, 146ff; 1962, 181ff): Das Sein ist selbst in seinem Wesen endlich und offenbart sich nur in der Tanszendenz des in das Nichts auf dem Grunde der verborgenen Angst hinausgehaltenen Daseins, das der "Platzhalter" des Nichts ist. (Vgl. 9 (WiM), 118-120).
Ziel der nachstehenden Untersuchung ist es, die Deutung des transzendentalen Schematismus in ihren verschiedenen Fassungen bei Heidegger darzustellen, zu kommentieren, ihre Bedeutung für das Denken Heideggers herauszustellen und daraufhin zu analysieren, inwieweit seine Deutung dem Text und der Absicht Kants im einzelnen und im Ganzen entspricht. Dabei soll Heideggers Deutung in Abhebung von der metaphysisch-ontologischen Kantdeutung E. Heimsoeths, G. Martins und I. Heidemanns (x) dargestellt werden, auch deshalb, weil von hier aus das Eigentümliche der Heideggerschen Interpretation am deutlichsten wird. Die Eigenart seiner Deutung soll im Anschluß daran in verschiedenen Hinsichten dargestellt und diskutiert werden. A: Dabei konnten natürlich nicht alle wichtigen Themen abgehandelt werden: Am wichtigsten für ein tieferreichendes Verständnis der Deutung wäre ein Vergleich der Deutung Heideggers mit Husserls Aussagen zur Theorie der Zahlen, zur Bildlichkeit und zur kategorialen Anschauung, sowie mit dem Neukantianismus, dem Heidegger mehr verdankt, als er sich selbst bewußt war.
1.2. Allgemeine Problematik des Schematismus bei Kant
Das Schematismuskapitel in der "Kritik der reinen Vernunft" als 1. Hauptstück) im 2. Buch (Analytik der Grundsätze)des 2. Teils (transzendentale Logik) der Transzendentallehre, mit 11 Seiten das bei weitem kürzeste "Hauptstück" der Kritik überhaupt, hat in der Geschichte der Philosophie und der Kantforschung die meisten Klagen und die vielfältigsten und widersprüchlichsten Deutungen und Beurteilungen erfahren, die sich (wenn überhaupt) sachlich meist auf das Verhältnis zum vorangehenden Deduktions- und zum nachfolgenden Kapitel der Grundsätze, die Vollständigkeit einer "Schematafel", die Schemastruktur, die Frage der transzendentalen Zeitbestimung und die Rolle des Raums bei der Schematisierung der Kategorien bezog. Die einen lobten es (Fichte, Schelling, Hegel); hielten es für das wichtigste Kapitel überhaupt (Heidegger, Daval), die anderen für wunderlich (Schopenhauer), sorglos und verwirrt (Paton) oder schlechthin überflüssig (Adickes). Dabei wurde es außerdem seiner lapidaren
und oft nur in Andeutungen verfahrenden Ausführung halber für dunkel gehalten. Kants eigenes Urteil darüber war eindeutig: er hielt es für "eines der schwierigsten Punkte", aber auch "für eins der wichtigsten". Es ist völlig unverändert in die zweite Auflage der Kritik übernommen worden. Der Schematismus war für Kant in einer Bemerkung, die unvermittelt die Analyse der allgemeinen Schemastruktur unterbricht, also als spontaner Ausdruck der Schwierigkeit und des Ernstes der Reflexion, "eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden."(A 141). Diese echte Bescheidenheit Kants in ihrer feinen erkenntniskritisch auf die Dialektik der Vernunftlehre zu beziehenden Ironie sollte dann bei Heidegger als "Zurückschrecken" Kants vor dem "Abgrund" seines Denkens gedeutet werden.
Das Thema des transzendentalen reinen Schematismus ist, kurz gesagt, das dem empirischen Schematismus analoge regulative Verfahren der restringierenden Anwendung (Realisierung) von reinen Verstandesbegriffen auf Erscheinungen überhaupt - mittels der reinen Anschauung der Zeit durch ein rein zeitbestimmendes "Schema" der Kategorie (Vermittlung als figürliche Synthesis). Auf diese Weise werden reines Denken und Sinnlichkeit, Spontaneität und Rezeptivität vermittelt, Kategorien sensifiziert und Zeit-Anschauung kategorialisiert. Dies bereitet der Einteilung der traditionellen Logik folgend und anschließend an die Lehre vom Begriff als Leistung des Verstandesvermögens die Lehre vom Urteil als Leistung der Urteilskraft vor und gehört, da der reine Begriff (notio) verlassen ist, gewissermaßen eher zum Urteil, wenn man es schon nicht an einen eigenen Platz stellen will. Dies ist charakteristisch für die innere Verlegenheit der Systematik Kants und zeigt zugleich, daß der Schematismus die verstandesmäßige Unabhängigkeit der Kategorien in keiner Weise antastet (die Deduktion ist abgeschlossen und steht für sich), sondern nur als die Anwendungsfrage mitbetreffend konzipiert, beziehungsweise zurechtgestutzt wird.
Die Schwierigkeit des Schematismuskapitels erklärt sich aus dieser seiner systematischen vor- und nachbereitenden und zugleich die Synthesis überhaupt fundierenden Stellung zwischen der Deduktion der Kategorien und den transzendentalen Grundsätzen. Ein solches Zwischenglied ist in seiner Problematik grundsätzlich auf eine Weise gekennzeichnet, die
philosophiegeschichtlich an das Problem des "dritten Menschen" bei Platon
erinnert:
1. gehört es gewissermaßen nicht mehr zum ersten Teil, aus dem es fließt, andererseits noch nicht zum zweiten Teil, der aus ihm fließt; es erscheint also als Überleitung und damit in gewisser Weise als unbedeutend, da das Wesentliche vorher schon gesagt wurde (das Wesen der Kategorien) oder nachher ausgeführt wird (Anwendung der Kategorien im Urteil).
2. Der Verbindungscharakter muß in gewisser Weise schon im zu Verbindenen als Möglichkeit angelegt sein, sodaß die Herausstellung der Verbindung als Wiederholung oder Vorwegnahme erscheinen mag - oder als künstliche Trennung der zu verbindenden Aspekte.
2. Andererseits ist das Verbindungsglied äußerst wichtig, da ja ohne die logische Kohärenz weder die Berechtigung des Vorhergesagten aus der Konsequenz, noch die Berechtigung der Konsequenz aus dem Vorgehenden ersichtlich wird, insofern beide Teile sich in einer Gesamtargumentation gegenseitig stützen.
3. Dieser Verbindungscharakter macht die Darstellung der Verbindung aber zugleich schwierig, weil dadurch die Stringenz der systematischen Darstellung gestört und die Ebene der Untersuchung vertieft werden muß zu einem beiden Teilen gewissermaßen Vorausliegenden.
4. Der fundierende Aspekt des geschilderten Verbindungsproblems ist das Problem der Synthesis des synthetischen Urteils a priori, die in ihrer Möglichkeit geklärt werden, ohne die Synthesis analytisch aufzuheben. Die Heterogenität der Erkenntniskräfte und -vermögen muß bewahrt bleiben, Identität und Differenz miteinander bestehen, insofern die Analyse mit der Synthese zusammenfällt, da jene diese immer voraussetzt (vgl. B 130). Die Analyse darf sich also nicht soweit verselbständigen, daß sie ein Element als primäres nimmt oder ein drittes als beiden vorausliegendes. Das Schematismuskapitel hat diese Schwierigkeiten vermieden, indem das Thema der Einbildungskraft offen gelassen wurde.
Dies erklärt alle in der Rezeption herausgestellten Merkmale des Schematismuskapitels:
1. seine Kürze und Lapidarität: das Wesentliche scheint schon anderswo gesagt zu sein.
2. seine Dunkelheit: die Fragestellung würde, weiter geführt, die äußere Systematik untergraben; an dieser hängt aber Kants Philosophie, insofern die Trennung von Spontaneität und Rezeptivität im synthetischen Urteil bewahrt
bleiben muß .
3. seine Tiefe: es klärt den Bezug des vorhergehenden zum nachfolgenden der beiden Bücher der transzendentalen Analytik und damit die Berechtigung beider.
Diese Eigenschaften erklären rechtverstanden alle Klagen und Differenzen der Interpretation als berechtigte: Das Schematismuskapitel ist zugleich dunkel, tief und zugleich zu oberflächlich, zu kurz und trotz seiner äußerst großen Bedeutung doch eigentlich überflüssig, es führt zu größerer Deutlichkeit und ist doch absonderlich.
Diese Eigenschaften zeigen aber auch Größe und Grenzen der Philosophie Kants, die intellektuelle Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit, aber auch die Fixierung auf den Verstand gemäß der rationalistischen Tradition. Besonders hervorzuheben sind die Bescheidenheit des Denkens, nicht mehr zu behaupten, als erklärt werden kann, auch wenn dies wenig ist und die Offenheit des Denkens, in der die Reflexion die Ansätze und Widersprüche stehen läßt, ohne sie zu verschleiern.
Sie tragen auch zur Erklärung bei, warum Heidegger das Schematismuskapitel für seine Interpretation in den Mittelpunkt stellen konnte:
1. Die Dunkelheit ermöglicht es, vom eigenen Standpunkt aus "Licht" hineinzubringen, es also im Sinne der eigenen Philosophie auszulegen. 2.Die Tiefe ermöglicht es, eine Kantdeutung anspruchsvollerer Art vorzubringen.
3. Die Kürze und Unklarheit ermöglicht es, die eigene philosophische Fähigkeit in der Vervollständigung und Erklärung zu beweisen.
1.3. Der systematische Ort der Schematismusdeutung im Denkweg und Werk Heideggers
Die Bedeutung des transzendentalen Schematismus im Denkweg Heideggers kann zunächst aus seinem systematischen Ort im Zusammenhang mit der Werkgeschichte aufgezeigt gemacht werden.
Die erste veröffentlichte Darstellung der Schematismusdeutung Heideggers findet sich im ersten seiner beiden Kantbücher, "Kant und das Problem der
Metaphysik". Es wurde im April 1929 (x) nach früheren Vorträgen in Riga (Sept. 1928) im Anschluß an die Davoser Vorträge (März/April 1929) mit der berühmten Abschluß-"disputation" (x) zwischen Heidegger und dem "Kulturphilosophen" Cassirer, dem Schüler Cohens und Natorps, verfaßt. (x) Heideggers Absicht war, mit der Methode seiner über Husserls Ansatz hinausgetriebenen hermeneutischen Phänomeno-Logie des geschichtlichen Daseins und in Frontstellung gegen die neukantianische Deutung (im Sinne einer Erkenntnistheorie der mathematischen Naturwissenschaften) Kants Vernunftkritik erster Auflage als eine "erste und ausdrückliche" (3, 271o) Grundlegung der Metaphysik auszulegen, "um so das Problem der Metaphysik als das einer Fundamentalontologie vor Augen zu stellen." (3,1). Dabei wird Fundamentalontologie als vor- und gegenanthropologisch/kulturphilosophische (x) mit der Kritik an der Anthropologie sucht Heidegger vor allem Scheler zu treffen, der seine Anthropologie besonders eindringlich in "Die Stellung des Menschen im Kosmos" (1929) dargestellt hat; mit der Kritik an der Kulturphilsüosophie vor allem die südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, aber auch die Philosophie der symbolischen Formen E. Cassirers, in der er hegelianisierende Züge entdeckt. Metaphysik (x) auf dem Grunde einer Analytik des menschlichen Daseins verstanden (vgl. ebda). Das Ziel der Auslegung ist zugleich ihre "leitende Idee", die sich "bewähren und darstellen" soll und der Maßstab der Richtigkeit des Ergebnisses - womit zugleich die zirkuläre Frage-Hermeneutik Heideggers in ihrem "fragwürdigsten" Kern getroffen ist. (x)
Heideggers Entwurf der Kantdeutung, ihr Ansatz und ihre Zielsetzung kann zunächst wie folgt kurz umrissen werden: Auf der Suche nach einer tragfähigen metaphysica specialis als "eigentlicher" "Metaphysik im Endzweck" habe Kant die ontische Orientierung der in aristotelisch-scholastischer Schultradition wurzelnden metaphysica specialis und generalis (ens commune) erkenntniskritisch vom Bereich des der Vernunft Zugänglichen ausgrenzen müssen. Dabei sei er in der zunächst naturwissenschaftlich orientierten methodisch-propädeutischen Bestimmung der Grenzen der menschlich/sinnlich/endlichen Erkenntnis - erstmals seit Aristoteles - zu den Bedingungen der Möglichkeit ontischer Erkenntnis überhaupt zurückgegangen, so unter dem Titel einer Transzendental-philosophie zu einer neuen metaphysica generalis (sive `fundamental'-onto-logia) vorgestoßen, um von diesem sicheren Fundament aus eine neue metaphysica specialis innerhalb eines
Wissenschaftssystem zu begründen. Zur entscheidenden Frage mußte ihm dabei im
Rahmen der überlieferten Auffassung des Erkennens als (synthetisch-verbindenden) Urteilens die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori als Frage nach der Bedingung der Möglichkeit der vorgängigen Einheit von reinem Verstand und reiner Anschauung werden. Kant sei auf diesem Wege zu dem Punkt gelangt, beide Elemente auf eine gemeinsame Wurzel und Grundquelle, die Einbildungskraft, zurückzuführen. Damit hatte Kant aber seinen ursprünglichen "Ansatz in der Vernunft" "gesprengt", die "bisherigen Grundlagen der abendländischen Metaphysik (Geist, Logos, Vernunft)" zerstört und sich durch diesen "Radikalismus" in eine Position gebracht, vor der er "zurückschrecken" mußte. (3, 273). Daher werden die an der Transzendenzbildung beteiligten Vermögen des Gemütes und damit die reinen Anschauung Zeit nicht explizit von der aufgespürten transzendentalen Funktion her bestimmt, sondern bleiben im ersten Ansatz stecken, weshalb auch die zeitliche Interpretation der Schemata letztlich versagen muß (vgl. 3, 200f). Von diesem Ergebnis aus will Heidegger eine erneute, radikale, "anfängliche" Enthüllung des "ursprünglichen" Wesensgrundes der Metaphysik als Metaphysik des Daseins vornehmen.
Dieser Ansatz des Kantverständnisses und Vorentwurf als "leitender Idee" seiner Kantdeutung findet sich im ersten vorbereitenden von vier Abschnitten des Kantbuchs, als erste einer vierfachen Grundlegung der Metaphysik, aber auch im 3. und 4, Abschnitt und, prägnanter und konziser, im der Zusammenfassung der Davoser Vorträge in der Davoser Revue (3, 271-273).
Die Schematismusdeutung gehört im Kantbuch zur zweiten Grundlegung, die nach der beschriebenen ersten "Grundlegung der Metaphysik im Ansatz" von der "Grundlegung der Metaphysik in der (historischen, A.d.V) Durchführung" handelt, also von der im Ansatz vorentworfenen Grundlegung der Metaphysik bei Kant in Form einer Kritik der reinen Vernunft. Die Schematismusdeutung macht in diesem zweiten Abschnitt das vierte von fünf Unterkapiteln aus, die die fünf Stadien der historischen Durchführung enthalten. Dies bedeutet, daß eine durchgehende Interpretation der "Kritik der reinen Vernunft" (Fassung A) in fünf Schritten bis zum Ende des Schematismuskapitels durchgeführt werden soll.
Das vierte Stadium als der entscheidende Schritt der Interpretation der historischen Grundlegung mit der Deutung des Schematismus als Frage nach dem "innersten Wesen der ontologischen Erkenntnis" (3, 111) trägt den Titel "Grund der inneren Möglichkeit der ontologischen Erkenntnis" (3, 88-113; von 246 Seiten) . Er wird später als erreicht erklärten Zielpunkt der (historischen) Grundlegung bezeichnet (vgl. 3,
113).
Im folgenden fünften Stadium der zweiten Grundlegung erfolgt die Zusammenfassung des Ergebnisses hinsichtlich des Wesens der ontologischen Erkenntnis. In den zwei folgenden Grundlegungen der Metaphysik, der Metaphysik "in ihrer Ursprünglichkeit" (Dritter Abschnitt) und der Metaphysik "in einer Wiederholung" (Vierter Abschmitt) wird das Ergebnis der historischen Durchführung der Metaphysik als Vernunftkritik vertieft.
1. Zunächst wird Kants Grundlegung "über den vulgären Zeitbegriff zurückgetrieben () zu dem transzendentalen Verständis der Zeit als reiner Selbstaffektion, die in ihrem Wesen mit der reinen Apperzeption einig ist" (3, 243); dabei wird der Abgrund aufgedeckt, vor dem Kant "zurückweicht", nämlich vor einem erweiterten und gesteigerten Verständnis der Einbildungskraft und der ihr zugrundeliegenden Anschauung der Zeit, in dessen Konsequenz die Reinheit einer selbständigen Vernunft im Theoretischen und Praktischen verloren zu gehen drohte; Diese Aufdeckung von Kants eigentlicher und ursprünglicher Einsicht geschieht dadurch, daß Heideggern nochmals auf das Deduktionskapitel Kants zurückkommt, um den Begriff der Einbildungskraft zu vertiefen und zugleich die Verdeckungsstrategie der 2. Auflage auf die Motive der Angst des Selbstverlusts und der Bedrohung seiner Autonomie durchleuchtet.
2. Im letzten Abschnitt wird die Frage nach dem Dasein i n seiner Endlichkeit aufgenommen. Diese Fragerichtung versteht sich als "Metaphysik des Daseins als Fundamentalontologie". Dieser vierte Teil ist so gesehen eine Überleitung und Einleitung zur Seinsfrage von SZ, insofern dort zum ersten Mal die Fundamentalontologie ausführlich dargestellt und publiziert wurde.(Dieser Teil ist nach Heideggers Auffassung für Sartres Heideggerverständnis fundierend.)
Insgesamt man man über die Gliederung des Kantbuchs sagen, daß Heidegger hier von den eigenen Voraussetzungen ausgehend, den kantischen Gedankengang bis zu dem Punkt verfolgt, wo der eigentliche Zeitbegriff Kants aufleuchtet und dann von der Konsequenz dieser Einsicht aus den Gedankengang wieder zurückläuft, um die Begriffe der Hinführung zu vertiefen. Heidegger stellt das dar, was Kant "sah", und konsequenterweise hätte ausführen müssen, und sucht die Gründe seines Scheiterns in Kants `Nichtsehen-wollen'. Der letzte Schritt der Darstellung führt, den Kreis der Untersuchung schließend wieder in den Ausgangspunkt zurück: zur fundamental- ontologischen Fragestellung, die sich nun durch den Aufweis ihrer "Ursprünglichkeit"
in einem geschichtlichen "Ursprung" als echte "Wiederholung" im Sinne der tieferen Neugründung ausweisen kann.(x) Unter der Wiederholung eines Grundproblems verstehen wir die Erschließung seiner ursprünglichen, bislang verborgenen Möglichkeiten, durch deren Ausarbeitung es verwandelt und so erst in seinem Problemgehalt bewahrt wird." (3, 204). "Sein und Zeit" wird als Thema verstanden geradezu zur Leitidee des Kantbuchs erklärt (vgl. 3, 203). So gesehen führt gerade der letzte fundamentalontologische Teil des Kantbuchs zur Seinsfrage von SZ zurück. Der kritische Schwerpunkt dieses Teils auf der Abggrenzung gegen Kulturphilosophie und Anthropologie und die Vertiefung der fragestellungg beider Wissenschaften zur Frage nach dem Dasein im Menschen muuß in diesem Rahmen auch als Kritik von typischen psychologischen, kulturkritischen und anthropologischen Mißverständnissen von SZ verstanden werden.
Die Schematismusdeutung bildet somit schon äußerlich, thematisch und systematisch das Zentrum der Kantdeutung Heideggers in seinem ersten "Kantbuch"; Es schließt den eher darstellenden Teil der Kantauslegung sachlich ab und bereitet die `Tiefendeutung' Kants als Ü berleitung zum Entwurf des Transzendenz- und Zeitverständnisses der Fundamentalontologie Heideggers vor, wobei dieser sich gerade als in fruchtbarer Auseinandersetzung aus der historischen Grundlegung hervorwachsend versteht.
Von SZ aus gesehen, dessen Gesichtspunkte aber nicht mehr wie früher üblich verabsolutiert werden sollten (x), gehört der Stoff des Kantbuchs zum geplanten 2. Teil der projizierten "Destruktion der Geschichte der Ontologie" (2, 39f), die als Destruktion der Tradition zur Aufdeckung der Vergangenheit und Ermöglichung eigentlicher Kommunikation mit ihr zu verstehen ist (19,413f). "Das Dasein "ist" seine Vergangenheit in der Weise seines Seins, das, roh gesagt, von der Zukunft her "geschieht"."(2,20). Das Dasein in seiner "überkommene(n) Daseinsauslegung" ist "elementar geschichtlich", das heißt iimer schon , ween auch nicht unbedingt explizit, traditionsbestimmt. Die "Seinsart historischen Fragens" bezieht sich auf ihren sie auch im Forschen fundierenden geschichtlichen Grund. Auch das Fragen nach dem geschichtlichen Sein ist durch Geschichtlichkeit charakterisiert. "Die Ausarbeitung der Seinsfrage muß so aus dem eigensten Seinssinn des Fragens selbst als eines geschichtlichen die Anweisung vernehmen, seiner eigenen Geschichte nachzufragen, d.h. historisch zzu werden, um sich in der positiven Aneignung der Vergangenheit in den vollen Besitz der eigensten Fragemöglichkeit zu bringen. Die Frage nach dem Sinn des Seins ist ... als vorgängige Explikation des Daseins in seiner Zeitlichkeit und
Geschichtlichkeit (,) von ihr selbst dazu gebracht, sich als historische zu verstehen." (2,20f). Insofern ist auch die Schematismusdeutung wesentlicher Teil des "Geburtsbriefs" der Ontologie (2, 22). Dabei wird in SZ besonders die thematische und grundsätzliche Aufdeckung dessen, wovor Kant gerade im Schematismuskapitel "zurückweicht" (A 141; 2, 23), ausdrücklich von Heidegger mit der Begründung gefordert, "... wenn anders der Ausdruck "Sein" einen ausweisbaren Sinn haben soll." (2, 23; Hervorhebungen vom Verf.)! Das Schematismuskapitel Kants ist also für Heidegger gerade auch schon in SZ kein zufällig oder beiläufig gewählter Gegenstand wie etwa für eine historisch-philologische Kantforschung, von der sich Heidegger überlegen distanziert, sondern sie ist in der Deutung als notwendige geschichtliche Explikation ihrer eigenen Ursprünge zugleich sachlicher Maßstab und damit denkerische Bewährung der letzten von Anfang an tragenden Absicht seiner Philosophie: die Frage nach dem Sein als Grund des Seienden im Dasein tiefer zu fassen. Insofern zielt das Kantbuch auf das Zentrum von Heideggers Fundamentalontologie: die Seinsfrage, zu der die Analytik des zeitlich ekstatischen Daseins der Sorge, die meist in den Vordergrund gestellt wird, nur hinführt, um dann in einem philosophischen Verständnis der vorgängigen, mithin nicht dem daseinstypischen "Verfallen" unterworfenen reinen "Temporalität" des Seins aus dessen "Perspektive" vertieft zu werden. Im Vorwort zur 1. Auflage des Kantbuchs hat Heidegger ausdrücklich auf das destruktiv-freilegende Programm und den 2. Teil von SZ als auf etwas schon vorliegendes oder zumindest Konzipiertes bezug genommen und die separate Kantinterpreation als "vorbereitende Ergänzug" des Teiles 2.1 von SZ und "geschichtliche Einleitung" zur Problematik von SZ bezeichnet.
Dem entspricht allerdings nicht ganz, daß Heidegger das Ziel der Fundamentalontologiem im Kantbuch gegenüber SZ neu bestimmt: Wenn die Problematik der Metaphysik des Daseins als die von "Sein und Zeit" benannt wird, so kann jetzt aus der Verdeutlichung der Idee der Fundamentalontologie klar geworden sein, daß in diesem Titel das "und" das zentrale Problem in sich birgt. "Sein" sowohl wie "Zeit" brauchen die bisherige Bedeutung nicht aufzugeben, wohl aber muß eine ursprünglichere Auslegung ihr Recht und ihre Grenze begründen." (3, 242).
Diese Erklärung des inneren Zusammenhanges führt zur Klärung der Frage, warum der Inhalt des Kantbuchs nicht als der geplante Teil 2.1 von SZ veröffentlicht wurde. Heidegger mußte die Konzeption von SZ schon aufgegeben haben, als er den Stoff zu Teil 2.1 zu einem eigenständigen Werk ausarbeitete. Das Kantbuch war Einführung und Erweiterung von SZ und Beitrag zur geforderten Destruktion, aber es brachte
auch einen Neuansatz in der Vertiefung der Seinsfrage, durch die der rahmen von SZ verlassen war.
Diese Zusammenhänge des Kantbuches mit der Thematik von SZ hat Heidegger dadurch deutlicher und zugleich fragwürdiger gemacht, daß er Mitte der Dreißiger Jahre in privaten Notizen und anhand ihrer im Vorwort zur 4. Auflage des Kantbuches 1973 und außerdem in den "Beiträgen" darauf hinwies, er habe das Kantbuch aus dem Beweggrund geschrieben, daß die in SZ gestellte Seinsfrage verkannt worden sei (3, xiiif). Das würde die separate Publikation aber nur teilweise erklären, denn die Darstellung der Seinsfrage war ja für die schon ausdrücklich konzipierten Teile von SZ geplant.
Zugleich sei aber auch in dieser "Zuflucht" zu Kant als "Fürsprecher", der "eigene Weg versperrt und mißdeutbar gemacht worden...", wobei Heidegger besonders auf den 4. (fundamentalontologischen) Abschnitt des Kantbuchs verweist (3, xiii). Heidegger meint damit, wie sich aus ...ergibt, daß man nun seine Philosophie für eine Anknüpfung oder Fortbildung der Transzendentalphilosophie halten konnte, was ein Fehlverständis sei. Dabei hat er doch selbst noch im Kantbuch ausdrücklich festgestellt, Transzendentalphilosophie und Fundamentalontologie seien synonym! -Das Buch sei ein "fragwürdiger Umweg" (3, XV), eine Einleitung zur Seinsfrage von SZ. - Dabei sollte doch die Seinsfrage selbst in SZ in der breit dargestellten Analytik des Daseins nur vorbereitet werden!
SZ sei so zum Vorgriff auf die versuchte Kantauslegung geworden, als er bei der Ausarbeitung seiner Vorlesung von 1927/28 auf das Schematismuskapitel "aufmerksam" wurde- dies widerspricht dem Programm der Destruktion in SZ und der Rolle die dort der Klärung des Schematismusproblems zugewiesen wird. All dies ist unvereinbar mit Heideggers Beurteilung Kants und des Schematismuskapitels in SZ (1926/27), seinem Rückblick auf ein einige Jahre zurückliegendes ihn zutiefst bestätigendes "Kanterlebnis" aufgrund des erneuten Studiums des Schematismuskapitels schon in der Vorlesung von 1927/28 (x), mit dem Vorwort des Kantbuchs und mit der Tatsache, daß der Schematismus spätestens schon 1926/27 in der Logikvorlesung ausführlich interpretiert worden war. H. kehrt also mit seiner späteren Deutung seines Werks die wirklichen Verhältnisse völlig um. Es ist auch unvereinbar mit der gesamten Bewegung seines Denkens seit der für Heideggers Geschichtsverständnis richtunggebenden Vorlesung zu Aristoteles 1921/22 (61), der Problemskizze von 1922 und der Ontologievorlesung von 1923. (x)
Als richtig bleibt demgegenüber festzuhalten daß Heidegger in SZ von einer schon früher erreichten Einsicht in den "destruktiven" Wert des Schematismuskapitels aus dessen Untersuchung für den 2. Teil von SZ aus systematischen Gründen einer historischen Erhellung der Grundlagen von SZ, also im Sinne einer Vertiefung und Vorbereitung, gefordert hat, und nur in diesem Sinne ist die Gliederung und die gedankliche Entwicklung des Kantbuchs von 1929 und der Vorlesung von WS 27/28 zu verstehen. Aus dem Rahmen fällt üeberraschenderweise der an SZ anknüpfende 4. und letzte Abschnitt, der zu SZ hinleitet und zugleich der Seinsfrage einen Vorrang gibt, der den Rahmen von SZ sprengt.
Die Verwirrung klärt sich etwas auf, wenn man hinzuzieht, daß Heidegger auch SZ spätestens 1935 (Brief an E. Blochmann) HBBr 87f als unvorsichtigen Sprung und gebunden an Zeitgenössisches, Gelerntes und Gelehrtes bezeichnet hat, 1942 sogar als "Verunglückung" Komerell). Das Kantbuch wird, so gesehen, gerade durch den Bezug des 4. Teils auf SZ, aus denselben Gründen verworfen wie SZ. Problem bleibt, daß das Kantbuch 2 Jahre anch SZ veröffentlicht wurde, obwohl doch Heidegger schon das Problem gesehen haben mußte, als er vor Teil 1, 3 von SZ bei der Frage steckenblieb, ob sich die Zeit nicht als Horizont des Seins offenbare (2,437).
Fest steht, daß Heidegger den Ansatz von SZ und damit auch den des Kantbuchs spätestens in den dreißiger Jahren aufgegeben hat, daß der Bruchpunkt seiner Konzeption allerdings schon viel früher lag, und daß alle Gehalte in neuer Perspektive in das denken Heideggers integriert sind, abgesehen davon daß dieses Denken sich selbst aus seiner Geschichte versteht und damit alle "Brüche" Entwicklungssprünge sind, deren Bedeutung erst vom Späteren sichtbar wird.
Heidegger hatte also früher oder später die Konsequenz daraus gezogen, daß sich sein Entwurf der Destruktion nicht verwirklichen ließ, wenn er die Fundamentalanalyse des vorontologischen Daseins konsequent weiterführen wollte, da die Destruktion und der philosophische Begriff der Temporalität aus der Handlungsperspektive des alltäglichen Daseins herausfällt, in der das Zeitverständnis mit ihrer horizontalen (auf Präsenz) bezogenen dreifachen Extatik der Zeitlichkeit auf der Grundlage der Erschlossenheit (Befindlichkeit, Verstehen, Rede). In der Philosophie geht es nicht nur um das Dasein, sondern das Sein überhaupt (2, 436f). Daher muß es sich mit der Geschichtlichkeit
Die folgende Interpretation stützt sich nicht allein auf das Kantbuch; Im WS 1927/28 hatte Heidegger eine Vorlesung "Phänomenologische Interpretation der Kritik der reinen Vernunft" (25) gehalten, in der zunächst thematisch an die vorhergehende Vorlesung über "Die Grundprobleme der Phänomenologie" (24) angeknüpft wurde (Problematik des Wissenschaftsbegriffs, Zeitbegriff). Diese als Vorlage des Kantbuchs anzusehende "Kantvorlesung" gibt - von einzelnen Unterschieden abgesehen - in breiterer Darstellung und genaueren Einzelanalyse den wichtigsten Teil desselben Gedankengang wieder wie er sich im Kantbuch findet, allerdings nur bis zum Beginn der Schematismusanalyse;, schon deshalb muß sie auf jeden Fall zunächst anhand des Kantbuchs dargestellt werden.
(Die Kantvorlesung ist aufgrund der weitestgehenden inhaltlichen und sprachlichen Übereinstimmungen sowie der Textentstehung des Kantbuchs als direkte "Vorlage" des Kantbuches anzusehen, das eine gestraffte zum Teil thematisch gekürzte, zum Teil zur Problematik von SZ hinführend erweiterte Darstellung mit zielbetonter Gliederung des Stoffes enthält. Daher kann zur Klärung von Aussagen Heideggers im Kantbuch oft direkt auf die Kantvorlesung zurückgegriffen werden.) z
Die erste feststellbare Darstellung des Schematismusproblems überhaupt liegt in der "Logikvorlesung" vom WS 1925/26 vor (21, 357-400), die den doppelten Umfang der Darstellung des Kantbuchs hat und enger am Text Kants vorgehend alle einzelnen Themenpunkte behandelt. Daher wird diese Darstellung zur Klärung und Vervollständigung des im Kantbuch Gesagten herangezogen werden, immer unter dem Gesichtspunkt, etwaige Veränderungen der Darstellung auch interpretatorisch zu beachten. So ist bereits nach dem Wenigen äußerlich bemerkten festzustellen, daß das Schematismuskapitel offensichtlich von 1926 - 1929 für Heidegger an Interpretationswürdigkeit verloren hat und auch das Mißverhältnis Außerdem wird in der Darstellung zurückgegriffen auf die Darstellung H. Mörchens , dessen Dissertation 1928 über die Einbildungskraft bei Kant ganz im Sinne von Heideggers Kantvorlesung abgefaßt ist, und die von heidegger im Vorwort zur 4. Aufl. des Kantbuchs als Ergänzung zu diesem quasi autorisiert wird. In die Zeit der Beschäftigung mit der Kantdeutung fallen außerdem 2 wichtige Abhandlungen Heideggers, "Was ist Metaphysik" (WiM) von 1929 (jetzt 9, 103-122) und "Vom Wesen des Grundes" (WdG) desselben Jahres.
Auf die weitere Entwicklung der Kantdeutung Heideggers in seinem zweiten Kantbuch "Die Frage nach dem Ding" von 1935/36//1962 (jetzt 41) und dem Vortrag "Kants These über das Sein" 1961/62 (jetzt 9, 445ff) kann nuur am Rande eingegangen
werden, ebenso auf die Kantvorlesung vom SS 31 (31) "Vom Wesen der menschlichen Freiheit".
1.4 Die äußere Darstellung des Schematismuskapitels im Kantbuch
Heidegger gliedert das Schematismuskapitel Kants am Ende seiner Analyse in 7 thematische Abschnitte (3, 112f):
Diese Gliederung ist im Wesentlichen richtig, obwohl man weiter gliedern kann (vgl. Anhang 1). Die Kennzeichnung des Subsumtionsproblem als äußerliche Einleitung sowie der sechste Schritt zur Transzendenz als Signum der Endlichkeit finden sich im Text Kants so ausdrücklich nicht. Insofern ist die Gliederung nicht nur Gliederung des Textes, sondern auch der Interpretamente Heideggers, die erst gerechtfertigt werden müssen.
Auch inwiefern die Gliederung die behauptete "schärfste" Durchgliederung (3, 112m) und "unvergleichliche Durchsichtigkeit" des Kapitels (3, 113m) zeigt, bleibt zu untersuchen.Deutlich ist vorerst nur die Absicht Heideggers seine Analyse zielstrebig auf ein ganz bestimmten Ergebnis hinzuführen. Außerdem hat Heidegger es im Gang seiner Deutung des Schematismus in 5 Paragraphen (3, &&19-23) vorgezogen, dieser Kant nachträglich lobend zugesprochenen konsequenten Gedankenentwicklung nicht zu folgen, weil, wie sich zeigen wird, die Entwicklung der Darstellung bei Kant nicht zu Heideggers "leitender Idee" paßt, diese vielmehr vorausgesetzt und der Text Kants daraufhin vom vorausgesetzten Ergebnis her aufgerollt werden muß.
Heidegger beginnt seine Analyse also nicht wie Kant mit dem Subsumtionsproblem (dies mit ein Grund für die Nachstellung der Gliederung), sondern beschließt sie damit, da es nur ein äußerer Ausgangspunkt im Sinne eines "Leitfadens" sei und das Problem nur in der "nächsten und äußeren Gestalt" (3, 112m) zeige. Die innere Berechtigung dieses Ausgangspunktes
von einer äußerlichen "quaestio juris" wie bei der Deduktion, könne erst am Ende der Analyse aufgezeigt werden (3, 89ff). Damit stellt er das gelobte "durchsichtige" Vorgehen Kants geradewegs in Frage. Außerdem reicht der genannte Grund nicht für die Rückstellung aus. Ursache ist vielmehr, daß Heidegger - sachlich möglicherweise zu Recht -das Schematismusproblem auf eine Weise auf die ontologische Frage zu-gestellt hat, daß das Subsumtionsproblem "äußerlich" erscheinen muß.
Heidegger beginnt aber auch nicht mit dem zum zweiten Punkt der angegebenen Gliederung gehörenden Text des Schematismuskapitels, sondern schaltet zwei Paragraphen (3, &19/20) ein, in denen er weitgehend unabhängig vom Text Kants zur Deduktionsproblematik zurückgreifend das Verhältnis von Transzendenz und Versinnlichung (3, &19) und Kants Begriffe "Bild und Schema" (3, &20) klärt, von denen die Ausdrücke Schema-bild und transzendentales Schema später abgehoben werden können. Inhaltlich gesehen passen diese Erklärungen (von &19) am ehesten zu den die Ergebnisse der Deduktion bloß rekapitulierenden Passagen des 5. Absatzes (Schritte 6 a-c) des Schematismuskapitels bei Kant (vergleiche Konspekt im Anhang 1); und (von & 20) zum 6. Absatz (8a); genaugenommen ist es aber nicht möglich, sie e inzelnen Gedankenschritten Kants zuzuordnen, da Heidegger den Gehalt seiner Analyse so nicht aus dem Kantschen Text Kants erarbeiten konnte. Die Gewinnung der erstmalig eingeführten Grundbegriffe "Abbild, Bild, Schema, Schema-Bild" erfolgt also weitgehend unabhängig vom Text Kants, obwohl sie Heideggers Interpretation in den darauf folgenden Paragraphen tragen, die sich nun enger an die Ausführungen Kants anlehnen. Hier wird nun trotz doppelt langer Darstellung (11 S. bei Kant: 26 S. bei Heidegger im kantbuch) vieles einfach wiedergegeben und zusammengefaßt, was bei Kant schon zu knapp ist. Die Darstellung des Kantbuchs bricht dann außerdem im Abschnitt 4 (Heideggers Gliederung des Schematismuskapitels bei Kant) ab; nur der Schematismus der Substanzkategorie wird -angeblich nur zum äußeren Beweis der Fruchtbarkeit der Methode! - genauer untersucht. Die Begründung für den Abbruch erfolgt 100 Seiten später.
Bevor jedoch Fragen der Vorgehensweise und des Textverständnisses näher behandelt werden können, soll im Folgenden zunächst der Gedankengang Heideggers mitvollzogen werden. Wertvoll ist dieses Vorgehen gerade deshalb, weil so zugleich die Gesamtumrisse des Heideggerschen Denkens von ihrem
expliziten Zentrum aus deutlicher werden können, die ein an SZ orientiertes Verständnis meist verfehlt und in gewissem Sinn sogar verfehlen muß. Im Gang der Analyse werden auch diejenigen Aspekte der Deutung Heideggers herausgearbeitet, die später im Einzelnen erörtert werden sollen (vgl. Inhaltsangabe).
2. : das Deduktionsproblem bei Kant und Heidegger
2.1 Transzendenz und Versinnlichung: Deduktion bei Heidegger
Heideggers vorhergehende vorbereitende Interpretation der Kritik der reinen Vernunft hatte seine ontologische Frage -immer weiter reiterierend tiefere transzendentale Bedingungen suchend - nach der Klärung der "Elemente" der "ontologischen Synthesis" (1.Stadium) und der "Wesenseinheit der reinen Erkenntnis" (2.Stadium) zur Frage nach der inneren Möglichkeit der "ontologischen Synthesis" von Anschauung und Denken geführt (3.Stadium); Als Elemente war 1. die unmittelbare sinnlichendliche Anschauung (exhibitio originaria als intuitus derivativus) in der sich ontologische rezeptive Spontaneität (Vorblick) und ontische Rezeptivität vereinigen, dargestellt worden, und 2. das in seiner Spontaneität endliche, weil auf Anschauung dienend bezogenes (rezeptives) Denken. Die "Wesenseinheit der reinen Erkenntnis" als notwendige Einheit von Synopsis (anschauendes Einigen) und reiner reflektierender (prädikativer) Synthesis war als notwendige Einheitbildung, die allen Synthesen vorangehen muß, aufgezeigt worden. Deren innere Möglichkeit war im 3. Stadium untersucht worden. Sie zeigte sich, so rekapituliert nun zu Beginn der Schematismusdeutung Heidegger das 3. Stadium (3,69-88), "aus der spezifischen Ganzheit der Transzendenzverfassung", deren "zusammenhaltende Mitte ... die reine Einbildungskraft (ist)" (3, 88).
Gemeint ist, daß Kant im Deduktionskapitel der Vernunftkritik erster Auflage in Anlehnung an die äußere Form der traditionellen Logik versucht habe, das Problem der Vermittlung der "beiden" Enden" des zweistämmigen (und doch auch dreiquelligen, A 94f,115) Erkenntnisvermögens, durch Beziehung auf einen gemeinsamen Ursprung in der Einbildungskraft einer Lösung näher zu bringen; dies geschieht haupsächlich im zweiten Abschnitt der Deduktion "Von den Gründen a priori der Möglichkeit der Erfahrung", der der Bezeichnung Heideggers für das 3. Stadium entspricht:
Das bedeutetet für die leitende Interpretationsabsicht Heideggers, die transzendentalphilosophische und fundamentalontologische Termini verbindet und vermischt, daß Kant das ontologische Wesen der Kategorien zu enthüllen versuchte; In Heidggers Diktion, die eigene Ausdrücke und Termini Kants verbindet, zusammengefaßt:
1.Die apriorische reine "onto-logische" (3, 84) Synthesis des reinen spontanen per se zur Bestimmung dienenden Denkens (logisches Element) und der reinen rezeptivhinnehmenden und per se der Bestimmung bedürftigen Anschauung (ontisches Element) ist nur aufgrund einer "Transzendenz", also des ek-statischen Herausgangs und Übergangs vom einen zum anderen "Element" möglich, die in der vorgängigen Wesenseinheit beider eröffnet werden muß.
2. Diese transzendierend gegründete Wesenseinheit wird durch das beide Elemente "fügende und tragende" (3, 71) reine `Synthesisgefüge' (3, 71) gegründet. In dieser Synthesis geschieht vor-ontologisch eine onto-logische "entgegenstehenlassende Zuwendung-zu". Darin wird der Transzendenz eröffnende `Korrespondenzspielraum' geschaffen (3, 71; vgl. A 104), innerhalb dessen dann Ontisches (Empirische Erkenntnis nach Gegenständen) erscheinen kann.
3. Anders gesagt, um die Begrifflichkeit und die Implikationen des Aufsatzes "Was ist Metaphysik?" einzubringen: Das reine Entgegenstehenlassen als Urbegriff und Urhandlung des Bewußtseins überhaupt, "hält" sich in das relative Nichts der Möglichkeit der Begegnung von Seiendem überhaupt hinein, wobei das bestimmte Seiende als Negation dieses relativen Nichts innerhalb dieser reinen Potentialität begegnen kann (3, 71). Die vorgängige "Widerständigkeit des Seins" nötigt in sich zur Einstimmigkeit durch Bestimmung, damit sich das Unstimmige als Widerständiges zeigen kann; das Erkennen hält sich die Möglichkeit von Einheit vor, und "stellt" sie gerade damit "vor". Dies ist charakteristisch für den Begriff und für das Bewußtsein überhaupt.
4. Reiner Verstand, im weitesten Sinne (Erkenntnisvermögen überhaupt) gleichbedeutend mit der zeitlich sich erstreckenden transzendentalen Apperzeption (Selbst-Bewußtsein) als alle Verstandessynthesen umgreifende und ermöglichende Syn-these, kommt zu seiner ihn als Bestimmen überhaupt ermöglichenden reinen Anschauung (Anschaubarkeit überhaupt ermöglichend) (hodos kato;vgl. A 116-120)
durch eine mit ihm struktureinheitliche, ihn logisch vorhergehend
Bewußtseinssynthesis überhaupt ermöglichende und zugleich vor-stellend vollzogene zeitliche Einheitsbildung der transzendentalen reinen produktiven Einbildungskraft (vgl. A 118). Einfach gesagt: "Das reine Denken ist ein Vorweg-zu-denken von Bestimmungen derart, daß dieses Zu-Denken als solches allererst das Gegenstehen des anschaulich Begegnenden konstituiert." (25,321).
5. Reine Anschauung, kommt zum sie in der Bestimmung ermöglichenden reinen Begriff (A120-128) im reinen Bilden von regelhaften Verhältnissen
Das hier zusammengefaßte 3. Stadium konnte zwar die Möglichkeit kennzeichnen, wie Anschauung und Verstand durch die Einbildungskraft einheitsbildend zusammenwirken, aber das immmer noch äußerliche zweistämmige Verhältnis war doch nur als Ganzes von der aus der ungeklärten Einbildungskraft stammenden Einheit des Verstandes von diesem her betrachtet worden, als ob die reinen Verstandesbegriffe ("notiones") "a priori" in einem isolierten Subjekt bereitlägen, woraus sich dann das Problem der "Rechtfertigung" (Deduktion) (25, 314) ihrer Geltung für Objekte erst ergab. eine Tendenz, der sich die 2. Auflage noch stärker verschrieb und die dann maßgeblich für die neukantianische Kantinterpretation Cohens wurde.
Es fehlte aber noch die "konkrete Durchführung" der Realerklärung (25, 323), die eigentliche Begründung der Deduktion, die Kant dann im Schematismus lieferte, ohne sie als solche zu verstehen (vgl. 25, 431), Es fehlte der Blick von der konsequent als Ursprung der Vermögen konzipierten Einbildungskraft her über die Anschauung auf den Begriff: dieser Bezug ist für Heidegger primär, da die Anschauung das den Verstand tragend ermöglichende und für sich fordernde ist, das aber in der Einheitsbildung überhaupt der Einbildungskraft wurzeln muß. Erst von hier aus ist dann das Verhältnis von Verstand und Anschauung in seiner inneren Hierarchie, die nicht gleichbedeutend mit kausaler Folge ist, erkennbar.
Das Kernproblem im Schematismuskapitel Kants war dementsprechend nicht mehr die weitere Herausarbeitung der Kategorialität der Kategorien, sondern der Grund ihrer Möglichkeit in den reinen transzendentalen Zeitsätzen. "Kant sucht jetzt zu zeigen, daß die reinen Verstandesbegriffe nur fungieren aufgrund eines Verfahrens des Verstandes, demgemäß dieser seinen eigenen Begriffen in der reinen Zeit ein reines Bild verschafft." (25,430). Diesen "wesenhaft zeitbezogene Vollzugscharakter
des Verstandes als sich selbst in der Zeit darstellenden", nennt Kant "den Schematismus ..., d.h. das Verfahren mit reinen Zeitverhältnissen." (25,430/431). Das Kernproblem ist dabei die Horizontbildung der reinen Einbildungskraft. Von dieser Problemstellung aus ist es verständlich, warum Heidegger das Schematismusproblem nicht mit der Subsumtionsfrage angehen konnte. Heidegger legt es, seiner Leitidee folgend, "absichtlich in der einzigen Orientierung auf das innerste Geschehen der Transzendenz" aus (3, 108), nämlich als "die Anweisung auf die ursprüngliche Sphäre der radikalen Begründung der möglichen ontologischen Erkenntnis." (25, 431).
2.2. Die Darstellungen der Deduktion bei Kant
2.2.1. In der ersten Auflage
Diese Darstellungen finden sich in den 2 Varianten der beiden Auflagen, die sich vor allem durch ihre unterschiedliche Darstellung und Bewertung der Einbildungskraft unterscheiden: In B wird es nicht mehr als Grundvermögen behandelt. Im Opus posthumum ist die Einbildungskraft völlig aufgegeben. Entsprechend ist in A von drei, in B nur noch von zwei Erkenntnisvermögen die Rede. Ein weiterer Unterschied ist die Ausscheidung psychologischer Aspekte in B, sowie die deutlichere Darstellung der nun nominell thematisierten Selbstaffektion. Beide Auflagen werden von den meisten Forschern als in ihrer Tendenz und ihrem Ergebnis gleichartig aufgefaßt. B ist dabei in sich konsequenter, A wird erst gegen Ende in seiner Intention deutlicher, was wohl der Hauptgrund der Überarbeitung war.
In A werden als drei Grundvermögen des Subjekts mit ihren bestimmten Leistungen unterschieden: Sinn (eher rezeptive Synopsis, vgl. nur A 97; kaum abgrenzbar gegen die eher spontane Syn-thesis der Apprehension, vgl. nur A 98), Einbildungskraft (Synthesis) und Apperzeption (Einheit) (nur A 94); An Synthesen werden unterschieden: die apprehensive, reproduktive und rekognitive (vgl. nur A 98, 100, 103).
Die apprehensive (syn-optische) "Syn-thesis" (i.w.S.) in der Anschauung ist von der rein rezeptiv zu denkenden Anschauung durch ihren schwer zu bestimmenden und gegen Anschauung abzugrenzenden synthetischen Charakter unterschieden und damit schon eine spontane (Einheit bestimmende) Leistung (vgl. nur A 97), während die Apprehension in der Ästhetik noch als rein rezeptiv dargestellt wurde. Die Aufgabe der Deduktion, die Art zu erklären, wie sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen
können (vgl. nur A 85), wird also schon auf der untersten, entscheidenden Ebene desavouiert.
Die reproduktive Synthesis in der Einbildung schließt sich an die ihr unzertrennlich verbundene, ja sogar unterstellte und identifizierte (nur A 102, 120) Apprehension an und macht als reine transzendentale Synthesis Erfahrung möglich (nur A 101). Sie unterliegt außerdem der Bestimmung durch die Apperzeption (nur A 119). Eine genaue Grenze zwischen beiden ist wiederum nicht festzustellen. Der Berührungspunkt beider Sphären liegt in dem Konzept der Affinität der Erscheinungen als Grund ihrer assoziativen, das heißt regelgeleiteten Produktion (vgl. nur A 121). Affinität wird aber von der Einheit der Apperzeption aus festgestellt (nur A 122). In A 123 wird das Verhältnis zwischen Verstand und Einbildungskraft aber wieder verkehrt, insofern jetzt die Einbildungskraft von der Affinität ausgehend erst Erfahrung möglich macht. Das schon in der Apprehension grundsätzlich verunklärte Verhältnis von Rezeptivität und Spontaneität wird also weiter verdunkelt.
In der Synthesis der Apperzeption oder Rekognition als die Leistung eines Radikalvermögens (wurzelhaft ursprünglich) (A 114) die Bedingung der transzendentalen Gegenstände, indem sie deren Einheit auf ihre eigene Einheit, nämlich die subjektive Einheit eines Selbstbewußtseins bezieht und umgekehrt und so erst Erkenntnis ermöglicht. Die Einbildungskraft hat dabei jedoch diese Beziehung zu ermöglichen, indem sie "beide Enden" der Erkenntnis zusammenbringt. Welches Vermögen dabei "wichtiger" ist, kann nicht entschiden werden. In seinem Handexemplar der 1. Auflage (zu A 78) bezeichnete Kant die Einbildungskraft jedoch als "Funktion des Verstandes". (x) Nachträge zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Aus Kants Nachlass herausgegeben von Benno Erdmann. Kiel 1881, XLI, 24.
2.2.2. In der Auflage B
Kritik
3. Transzendenz und Versinnlichung (&19 Kantbuch)
3.1 Abschnitt: Der Angebotscharakter des Horizonts
Aspekt: Sprache
In & 19 kommt Heidegger zunächst wieder auf seinen Begriff der "Endlichkeit" zurück und rekapituliert die Ergebnisse der Deduktionsinterpretation in bezug auf dieses Endlichkeitskonzept. Die "Hinnahme des "Seienden als schon "Vorhandenen setzt eine "vorgängig das Begegnen von Seiendem ermöglichende Zuwendung des Seienden zu diesem Wesen voraus. Das endliche Wesen hat - als solches in seiner Endlichkeit - einen es selbst begrenzenden und dadurch begrenzte Erfahrung ermöglichenden offenen "Horizont", in dem i hm Dinge erst als von sich her erscheinende zur Erscheinung kommen können. Dieser Horizont hat (und ist) also "Angebotscharakter": Die "Dinge", die mit ihm in ihm erscheinen können, ohne daß er sich selbst als solcher in seinem Erscheinenlassen erscheinend zeigt, weil er sich nur "zeigt", indem er Erscheinungen erscheinen läßt, haben als Erscheinende etwas sich dem Annehmenden Bietendes. Das Annehmende ist also gerade auch das sich etwas bieten lassende, das nur annehmen kann, weil es Gebotenes gibt, und d as nur Gebotenes annimmt, weil es nur durch Annehmen "etwas" "erhalten" kann. Heidegger drückt dies sehr knapp aus: Die Zuwendung muß - in sich - zugleich ein vorbildendes Sich-vorhalten von Angebothaftem überhaupt sein. (vgl. 3, 90).
In dieser Stelle taucht nun erstmals der Ausdruck "Bild" auf. Der Horizont ist vor-bildend. Er schafft ursprünglich ("(her)vor"-bildlich), selbst unbildlich ("vor" im Sinne von noch nicht selbst bildlich) etwas Entgegenstehendes ("vor" im Sinne des vor sich Bringens). Dieses Vorbilden gehört zu einem Sich-vorhalten, ist also subjektbezüglich ("Sich-") und zugleich -im Subjektbezug- räumlich trennend (von sich weg) vor-sich, also auf sich zu haltend. Auf diese Bedeutung stellt auch der Ausdruck "Horizont" ab, der die Bilder in ihrer Sichtbarkeit ermöglicht. Unter Horizont versteht man gewöhnlich die scheinbare Begrenzungslinie zwischen Himmel und Erde als Sichtgrenze des Gesichtskreises als Bereich des visuell, aber auch im übertragenen Sinne überhaupt Wahrnehmbaren, oder des Auffassungsvermögens. Im 17. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt, stammt es ursprünglich aus dem Griechischen "horizon (kyklos)) von "horizein", abgrenzen, genau bestimmen. Stammwort ist horos, Grenze, Grenzstein, Ziel (Duden Band 7 Etymologie, Mannheim, Wien, Zürich 1963. Für einen Sprachdenker wie Heidegger sind solche Zusammenhänge nicht gleichgültig und müssen Grund der Wortwahl gewesen sein: Besser als viele andere Wörter drückt Horizont die Paradoxie
der Endlichkeit aus. Als Grenze des Sichtbaren ist der Horizont gerade der Bereich der Sichtbarkeit überhaupt. Er ist aber als solcher nicht zu fassen, man kann auch nicht unter ihm durchgehen, sondern er scheint zurückzuweichen. Z
Diese Sprache ist aufgrund ihrer Vieldeutigkeit problematisch. Sie soll bildlich und damit zeitlich-räumlich und oft auch stimmungsmäßig etwas zum Ausdruck bringen, was sie als diese zeitlich-räumlichen Eigenschaften hervorbringend und zu stimmungsmäßigen Reaktionen führend in seinem gedachten An-sichselbst nicht "haben" kann. Dieses Dilemma weist aber zurück auf die Wahrheit des Ausgedrückten, insofern das endliche Wesen auch in seinem Sich-selberverstehen in der Reflexion immer wieder in Sprachbildern oder Denkbildern verfahren muß, deren Uneigentlichkeit es einsieht, ohne doch eine andre Weise des "Aus-drucks" erreichen zu können. Andererseits wird diese Eigentümlichkeit gerade im Bewußtsein ihrer charakteristischen
"Uneigentlichkeit" zu einem Ausdruck ihrer eigentlichen Bedeutung: Das Sprachbild wird zum Symbol. Anstatt auf anderes zu verweisen, verweist es auf sich selbst als Problem, indem aber die Problematik als ganze gerade zum Ausdruck kommt. Indem Heidegger etwa von Gegen-ständlichkeit spricht und die räumliche Bildlichkeit des abstrakten Ausdrucks "mitklingen" läßt, bekommt die Bezeichnung eine Vieldeutigkeit, in der alle Problemaspekte der Gegenständlichkeit in ihrer inneren Verbindung ausgesprochen werden: der abstrakte Sinn ("Objekt"), die konkret räumliche Vorstellung (Gegen-stehendes) und die paradoxe Beziehung zwischen beiden, wobei der abstrakte Sinn das Bild verneint, das Bild aber dem Begriff sein Bild vorhält und aus der wechselhaften Verneinung ein drittes Moment sich in dem Wortklang selbst "meldet": das eigentlich gemeinte bildlich-unbildlich-überbildlichüberbegriffliche. Das Wort wird so zum Selbstbeweis der "Sache", die es ausspricht. Im Sehen des zeichenhaften Wortbildes "Gegenstand" sieht sich nun das Sehen selbst in seiner "Gegenständlichkeit", wobei es aber ständig zwischen abstrakter und konkreter Bedeutung wechselt. Die Sprache büßt in diesem Gebrauch (der zur Lyrik als Gattung der Kunst gehört) allerdings ihre Funktion "Information" zu transportieren fast völlig ein, sie wird zum Kunstwerk und damit ein Opfer der "Beliebigkeit" und des "Beliebens", denn "wer kann einem sagen, ob "das alles" wirklich gemeint ist?" Die Deutung einer solchen Sprache nähert sich einer selber innerlich mit- und weiterkomponierenden Interpretation. ZE
3.2. Abschnitt: Vernehmbarkeit des Angebotscharakters
Ganz in diesem Sinne scheint es zu liegen, wenn Heidegger im Anschluß an den Horizontcharakter des Gegenstehenlassens von seiner "Vernehmbarkeit" spricht, und mit diesem Ausdruck den inneren Widerspruch zwischen "hörenden" (Empfangen) Moment und dem "nehmenden" (sich verschaffen), der das Denken konstituiert, zur Sprache bringt. Die Vernehmbarkeit wird wie folgt charakterisiert:
1.Der Horizont ist "reiner" Anblick: das heißt er ist schon Blick zu etwasüberhaupt, zu "Gegenständlickeit als solcher" (3, 90), bevor er Anblick von etwas bestimmtem wird, und er kann
2.nur so Anblick von etwas bestimmten werden, das ist mit "vorgängig" gemeint.
3. Dieser Anblick ist "ständig": Soweit überhaupt "Blick" (Bewußtsein) ist, muß es als An-blick (Bewußtsein von etwas-überhaupt) gedacht werden. Das Wort drückt außerdem einen Zeitbezug aus: Bewußtsein ist in seinem Anblickscharakter zeitlich. "Ständig" enthält als Wortbild einen Widerspruch zu seiner abstrakten Bedeutung und gibt das Zeitliche durch ein räumliches Verhältnis an (stehen). Abstrakt bedeutet es "ohne Unterbrechung weitergehend", betont also den Zeit"fluß", bildlich drückt es gerade völlige Unbeweglichkeit aus (stehend), verweist auf die Temporalität - aber als Aktivität (stehen).
4. Er ist "unmittelbar": zwischen Anschauung und Denken steht kein isolierbares Mittel; die Anschauung ist als Anschauung innere Bedingung der Möglichkeit des Denkens selbst. Der Verstand, so übersetzt Heidegger abschließend in der Sprache Kants, gründet in einer reinen Anschauung. Damit spricht Heidegger zum wiederholten Mal die "leitende Idee" seiner Kantinterpretation aus, die zugleich Schlüssel zu seinem Zeitbegriff und Daseinsverständnis ist: Die reine Anschauung ist primär, und der Verstand ist dienend auf sie als seinen ihn führenden und tragenden Ursprung zurückgebogen. Schon hier, im Bild eines Wesens, das nur im selbstverdeckten Selbstverhältnis bei sich sein kann und doch für sich selbst außer sich ist, insofern es sich selbst nur in seinem Herausgehen außer sich "hat", zeigt sich die Zirkularität und der tautologische Charakter von Heideggers Denken: Sein ist Sein, die ihn auf tiefgründige Weise mit zwei anderen großen Tautologen, Leibniz und Hegel, verbindet. Das "ist" in dieser "Gleichung" steht jedoch bei Heidegger für einen gedanklich prinzipiell unaufklärbaren und
unaufhebbaren Prozess, nämlich die "Zeitigung" des Seins als Seiendes im Dasein, als dem Ort, an dem das Sein "da" ist (erscheint). Dieser Prozess ist nichts hinzukommendes, sondern die Weise, in der das Sein Sein ist. Es "ist" nur als im Dasein als Seiendes Gegebenes.
3.3. Absatz: gedoppeltes Bilden des Horizontanblicks durch die reine Einbildungskraft
Nach der Klärung von Hinnehmbarkeit und Vernehmbarkeit wendet sich Heidegger der Frage der Vernehmbarmachung zu. Diese ist doppelt. Einmal muß das Subjekt von sich aus den Anblickshorizont "bilden", dies geschieht in der Einbildungskraft; zum anderen muß die Einbildungskraft aber auch "Bilder" überhaupt verschaffen: einmal geht sie das Gegenstehende bildende nach außen, dann von außen kommend das Gegengestellte empfangend wieder nach innen. Diesen Doppelcharakter, des von-sich-weg-zu-sich-her-stellens von Vernehmbarem drückt Heidegger mit dem Wort "An-blick" aus, der als geboten oder gegeben erscheint.
4. Absatz: "Bild" als Anblick
Als Beispiele für Bilder im ursprünglichsten, d.h. hier alltäglichsten Sinn nennt Heidegger das "schöne Bild", das eine Landschaft "bietet", wobei der "Anblick" der Landschaft gemeint ist, also im Sinne Heideggers die Landschaft, so wie ich sie als mich an-blickend (gegenstehend) erlebe, wenn ich sie an-blicke und das traurige Bild, das eine Versammlung "bietet", womit wieder das Moment des Gegenstehens wie Gegenstellens ausgedrückt ist, die sich beide nicht trennen lassen. Indem ich es anblicke, scheint es mich anzublicken. Kommentar
Entscheidend ist hier die ganzheitliche Verbindung des Anschaulich-Gegenständlichen mit dem Moment der Stimmung. Das Bild als
Wahrgenommenes ist selbst traurig oder schön, die Affektion des inneren Sinnes durch Empfindungen von Lust und Unlust verbindet sich unmittelbar mit der räumlichen Anschauung der äußeren Sinne, es wäre nicht das selbe Bild, wenn das Stimmungsmoment fehlen würde, denn das Schöne oder die Traurigkeit erscheinen dabei nicht als etwas hinzukommendes Subjektives, sondern als durch das Bild gegebenes Objektives.
Die zeitliche Form des inneren Sinnes, die weiter ist als, ist die Zeit. Die sind also der Einbildungskraft näher und werden von dieser in einem Akt mit der äußeren Anschauung zusammen gebildet, zumal der intentionale Inhalt dieser Stimmungen ja das äußerlich Wahrgenommene ist.
Wichtig ist auch, daß Heidegger vom alltäglichen Verständnis ausgeht. Dieses zeigt ihm den "ursprünglichsten Sinn". Gemeint ist, daß im Gegensatz dazu, objektiv wissenschaftliche Theorien des Bildes (Semiotik), das Wesentliche verstellen würden. Gemeint ist nicht, daß das Alltagsvertständnis schon das letztmögliche sei. Dieses soll ja gerade vertieft werden. "Ursprünglich" heißt bei Heidegger nicht "erstes", sondern auf den Ursprung verweisend, indem es aus ihm stammt. Seine Absicht ist also nicht, das Alltagsverständnis durch Abstraktion zu zerstören und aufzulösen, sondern seine konkrete Wurzel sich in ihm zeigen zu lassen, zum Vorschein kommen zu lassen.
21, 370
5. Absatz: Transzendenz als Endlichkeit
Dieser Doppelcharakter des Anblickverschaffens als Zuwendung und Darbietung im Geschehen des An-blicks verweist auf den Grund der Möglichkeit der Transzendenz, die die Notwendigkeit dieses Anblickckarakters erklärt. Dieser Grund der Transzendenz ist die Einbildungskraft. Transzendenz ist gleichsam die Endlichkeit selbst, da die Horizontbildung nur durch Anschauung möglich ist, diese aber endlich ist, weil sie auf Sinnliches angewiesen ist. Transzendenz ist also Versinnlichung Kommentar:
Das stimmungshafte Bild der Landschaft, die wir im unmittelbaren Anblick erleben, zeigt uns in seinem ganzheitlichen Geschehen die Tätigkeit der Einbildungskraft in ihrem vorgängigen sinnlichen Einheitsbilden. Dieses Bilden ist Geschehen und zwar im Sinne eines "Ereignisses". Wir sehen - zunächstnicht die Landschaft und dazu etwas zufälliges Sinnliches; Wir nehmenzunächst - nicht einerseits etwas von uns aus als getrenntes wahr und andererseits wird uns etwas gegeben; Wir nehmen - zunächst - nicht etwas wahr und haben außerdem noch Gefühle dazu; sondern das Sinnliche selbst "ist" die gefühlte Landschaft und indem wir überhaupt fühlend sehen, sind wir zugleich "im" Bild. Das Bild zeigt sich uns als Fremdes im Eigenen, indem es uns selbst als sein Fremdes von sich hält, und so uns uns selbst im Fremden
gegen dieses zu eigen gibt. Und all dies wird nicht zweckorientiert von einem Subjekt "gemacht", sondern es geschieht wie "von sich her".
6.- 9. Absatz: Die Sicht des Verstandes
Aus der Sicht des reinen Verstandes muß diese reine Versinnlichung Versinnlichung seiner reinen Begriffe sein: Transzendenz geschieht also. von ihm aus gesehen, als reine Schemabildung, sie muß von der Einbildungskkraft geleistet werden (Schematismus). Dazu muß geklärt werden, was Versinnlichung über das bisher Gesagte hinaus bedeutet, sonst kann sie nicht aufgewiesen werden. Dies folgt schon aus der Idee der Versinnlichung. Versinnlichung ist Hinnehmen von etwas, was sich im Hinnehmen allererst bildet, ohne Seiendes darzubieten. Zur Klärung dieser Fragen müssen zunächst die Phänomene der Versinnlichung geklärt werden, also die Frage, was überhaupt ein Bild ausmacht und inwiefern es sich vom Schema unterscheidet.
4. Bild und Schema (& 20 Kantbuch;3, 92-97)
2.3.1. Abschnitt 1-7: Bild und Anblick; Kritik der phänomenologischen Analyse Heideggers
Heidegger will die Phänomene der Versinnlichung interpretieren. Dazu differenziert er zunächst die Begriffe "Bild" und "Anblick":
1. Bild überhaupt als sich anbietender Anblick eines bestimmten Seienden, dieses Buches jetzt hier. Abgeleitet sind davon
2.a. dieser sich anbietende Anblick kann zugleich abbildend sein: dies Foto jetzt hier zeigt das noch vorhandene Buch: Abbild
2.b. oder er kann nachbildend sein: das hier und jetzt abgebildete Buch ist nicht mehr vorhanden: Nachbild.
2.c. er kann auch vorbildend sein: das hier und jetzt abgebildete Buch (in einem Prospekt), das erst zu drucken ist.
3. Bild kann auch Anblick überhaupt heißen ohne Bezug auf die Seiendheit des Angeschauten (gemeint ist Begriffsversinnlichung).
Kommentar-Heidegger differenziert also Bilder nach ihrem zeitlichen Verhältnis zum Abgebildeten als "gewesenem", "gegenwärtigem" und "zukünftigem". beziehungsweise zeitlich unbestimmt, wenn das Bild einen Begriff vesinnlichen
soll, zum Beispiel "Dreieck". (1) entspricht dem vorhin erörterten unmittelbaren Anblick (Anblick einer Landschaft) ohne Abbildcharakter. Die anderen Formen differenzieren diesen Begriff un setzen ihn zugleich als das ihnen gemeinsame und fundierende voraus, denn ohne Anblick gäbe es auch kein Abbild, das Abbild ist nur durch seinen inneren Bezug zum Anblick Abbild. Die zeitlichen Weisen dieses Verhältnisses verweisen auf die (reproduktive) Einbildungskraft (facultas fingendi), die allgemein als "Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen..." (B151) definiert wird. Sie ist das Vergegenwärtigungsvermögen überhaupt, dessen Vorstellungen densellbn sinnlichen singulären durchgängig bestimmten Charakter haben wie die Vorstellung der Sinne, auch wenn die Empfindung dem Ggemüt selbst entspringt. Den Unterteilungen Heideggers entsprechen die drei Tteilvermögen der facultas fingendi, nämlich 2a facultas formandi, 2b imaginandi und 2c praeveniendi. Von dieser Gliederung hat sich Heidegger wahrscheinlich leiten lassen. Husserl nannte 2a "Gegenwartserinnerung", 2b sekundäre Erinnerung. Z Dabei wird deutlich, daß das Problem der Erinnerung und Vergegenwärtigung und das der Phantasievorstellung nicht erwähnt wird, obwohl der Abbildcharakter eines Bildes nach Heideggers Definition ja daran hängt, wie man das Abgebildete vergegenwärtigt. Z
Nach Heidegger sind (1), (2a) und (3) undeutlich auch bei Kant zu finden, möglicherweise verlange das Schematismusproblem sogar mehr
Unterscheidungen. Sicher ist, daß Kant (1) und (3) unterscheidet und diese Unterscheidung ist im Folgenden wichtig. Heidegger erläutert in Folgenden seine Differenzierungen : Ad 1: wird charakterisiert als unmittelbar gesehenes Einzelnes "Dies-da" oder als einzelnes Ganzes zusammengefaßte Mannigfaltigkeit vieler Einzelner Diesda als eines reicheren Dies-da mit innerer Struktur, lebendiger individueller Gestalt (3, 93). Anblick ist ein Bild von etwas.
Ad 2a: ist als Abbild selbst Bild wie (1) aber es trägt einen Verweis auf einen anderen Anblick. Als Bild "will" es das Abgebildete zeigen und nicht sich selbst. Das Anzuschauenden ist nicht unmittelbare Anschauung. Es handelt sich um eine Mittelbarkeit auf der Ebene der unmittelbaren Anschauung selbst ( vgl. "indem es sich zeigt", 3, 93u). Es ist die "Versinnlichung von Erscheinungen", wie Heidegger in der Vorlesung von 21,361 sagt.
Ad 1b: Fotografie der Fotografie, die nicht mehr vorhanden ist. Heidegger gebraucht das Beispiel der Fotografie einer Totenmaske. Die Fotografie ist nun
Nachbild eines Abbildes und zeigt zugleich den unmittelbaren Anblick des Toten. Aus letzterem Grund ist sie selbst Bild. Kritik:
Heideggers phänomenologische Differenzierung überzeugt nicht: Abbild soll von bestimmtem Anblick abgeleitet sein, zugleich aber auch Anblick sein. Wenn ich hier ein Blatt Papier mit Farbflecken sehe ist dies ein unmittelbarer Anblick, soweit ich nicht "Papier" und "Farbflecken" mitdenke, wie zum Beispiel ein Kleinkind, von Tieren ganz zu schweigen. Sobald ich das Papier als Papier, die Farbe als Farbe, die Art und Verbindung beider im Zusammenhang mit meiner Weltkenntnis als entwickelte Fotografie und die Farbkonfiguration als vielleicht schattenhafte "Aufnahme" von etwas auffasse, was ich kenne, kannte oder was es gibt oder gegeben hat kann, ist dies nicht mehr Anblick, sondern auch Begriff. Diese Auffassungen sind nicht aus der unmittelbaren Gegebenheit eins "Dies-da" "abzuleiten", das Abbild in seiner Abbildungsfunktion also kein Anblick, sondern im Angeblickten synthetischbestimmend erkannt. Daß ich das "Dargestellte" als photografisch Dargestelltes erkenne ist ein Urteil, daß ich annehme, daß dieses Dargestellte noch existiert oder existiert hat, ist ein Schluß oder eine Vermutung oder Möglichkeit. Der Anblick als solcher bietet mir nur raumzeitliche Verhältnisse und unbestimmte sekundäre Qualitäten (Daß Gelb "gelb" ist, ist kulturell bedingt (Farbbegriff). (der interessanterweise auch über die den wirklichen "Anblick" gar nichts aussagt, insofern das Farbspektrum bei verschiedenen Menschen systematisch verschieden ausgeprägt sein kann, so daß jemand bei "rot" immer "grün" sagt, der andere bei "grün" immer "rot" und umgekehrt. Bei völlig verschiedener Anschauung wäre völliges Einverständnis möglich.)
Unklar ist auch der Begriff des "reicheren Dies-da". Strukturierte Anblicke setzen Begriffe voraus, die gliedern. das Beispiel der Landschaft macht dies klar. jemand, der nicht weiß, was eine Landschaft ist, sieht nur Bäume und Hügel, oder jemand sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, wie schon der Volksmund Heidegger hätte lehren können.
Falsch ist das Verhältnis von Fotografie, Totenmaske und Totem angegeben: Die Fotografie der Maske ist kein "Nachbild" nach Heideggers eigener Definition, sondern Abbild, die Maske kein Abbild, sondern Nachbild; die Fotografie somit Abbild eines Nachbildes. Die Fotografie ist auch kein Nachbild des Verstorbenen, da es ein Abbild des Nachbildes ist, das außerdem den Verstorbenen ebenso wie die Maske nur mittelbar zeigt, nicht "unmittelbar", wie Heidegger auch gegen seine eigenen Definitionen behauptet (3, 93/94o).
Richtig wäre, daß die Vorstellung, die ich mir vielleicht anhand eines Fotos vom Verstorbenen mache, in meiner Phantasie produktiv oder reproduktiv (erinnernd) "unmittelbar" vorgestellt wird, obwohl diese Unmittelbarkeit eine andere ist, als die wirkliche. Insofern die Einbildungskraft hier Mittel ist, wäre auch nicht von Unmittelbarkeit zu sprechen. Dies trifft aber auch Heideggers Begriff der Unmittelbarkeit, da er die Beteiligung der Einbildungskraft voraussetzt.
Ursache der inneren Unklarheit der Differenzierung von Phänomenen der Sinnlichkeit
Die aufgedeckten Schwierigkeiten im vorangehenden Kapitel sind nicht zufällig: Sie entstehen aus der vorgegebenen Zielsetzung, Anschauungen als etwas Primäres zu erweisen, um von hier aus die Endlichkeit des Menschen und die Abgeleitetheit des Verstandes zu erweisen. Heidegger mußte also vermeiden, bei der Analyse der Bildlichkeit anschauungsfremde verstandesmäßige Operationen einzuführen. Wenn nämlich schon auf der untersten Ebene der bewußten Wahrnehmung bestimmende Erkenntnis stattfindet, so kann von einer primären A nschauung nicht die Rede sein. Heideggers Darlegung suggeriert auf psychologistische Weise die "Unmittelbarkeit" der Anblicke. Plausibel wird sie allein durch den allerdings bemerkenswerten Umstand, daß beim Anblick die bestimmenden Momente und die rezeptiven wirklich als Einheit "wahrgenommen" werden und gerade die bestimmenden Momente nur der nachträglichen Analyse deutlich werden. Ich nehme ein bestimmtes Haus als bestimmtes Haus wahr, ohne bewußt die Merkmale des Begriffes Haus abzuzählen und zu überprüfen. Ich tue dies aber bei anderen Gelegenheiten, zum Beispiel, wenn ich einen Text auf Flüchtigkeitsfehler untersuche, obwohl ich doch auch in der Flüchtigkeit ganzheitliche Anblicke von vielgestaltigen Einheiten habe und nur fühle, daß ich wohl etwas "über-sehe", ohne schon sagen zu können, was. Das begriffliche Element ist also im Anblick gestalthaft mit-enthalten, es ist aber nicht identisch mit der Anschauung und erwächst auch nicht aus ihr, den 1. ist begrifflose Anschauung möglich, 2. ist das begriffliche Element immer isolierbar auch wenn es nicht wünschenswert ist, dies zu tun.
4.2 8.- Abschnitt: Versinnlichung von Begriffen
Im Bisherigen hatte Heidegger nur Bilder im Sinne von bestimmten einzelnen
hier und jetzt unmittelbar konkret wahrgenommenen Gegenständen und die unmittelbar mitgesehenen inneren Bezüge dieser Bilder besprochen. Nun sucht er zu zeigen, was es bedeutet, daß ein Bild nicht nur Bild von, sondern zugleich auch Bild für etwas sein kann, was für vieles gilt: für Begriffe. Dies war in der Bedeutung 3 seiner Differenzierung in Anschnitt 2 als Anblick überhaupt bezeichnet worden. Die Photografie zeigt nicht nur sich selbst, und in sich das Abgebildete als Abgebildetes und das Abgebildete als unabhängig von der Abbildung bestehendes, sondern kann auch "zeigen", was eine Photografie überhaupt ist. Die Fotografie der Totenmaske kann aber auch die Totenmaske überhaupt zeigen, das Gesicht eines toten Menschen überhaupt, Fotografie überhaupt, also etwas allgemeines (eidos, idea) "in einem, was für viele gilt". Diese Einheit für mehrere ist begrifflich vorgestellt. Auch das Wahrgenommene ohne Abbildlichkeit ("ein einzelner Toter selbst") hat diesen Charakter, auf Begriffliches zu verweisen, das mit-gesehen, nicht mit-gedacht wird. Diese neue Unterscheidung wurde aber nicht aus dem Vorhergehenden entwickelt, sondern schließt sich unvermittelt an die Erläuterung des unmittelbaren empirischen Anschauens an. Heidegger wollte zunächst alle Einzelbedeutungen von "Bild" klären, seine Unterscheidungen waren solche des Begriffsgebrauchs. Dann aber entwickelte sich eine Darstellung der Sache, die darauf aus war, die einzelnen Abbilder von dem allgemeinen Anblick "abzuleiten", wie es schon in der Begriffsgliederung hieß. Der Weg ging vom "Nächstbekannten" zum "Weniger bekannten", wobei letzteres nur eine innere Komplikation des ersteren sein sollte. Nun springt Heidegger gewissermaßen zum Begriff und will dabei den Eindruck erwecken, also ob das Bisher gesagte auch für den Begriff gelte, so als ob dieses Versinnlichen von Begriffen auch den Charakter des unmittelbar Gesehenen und Mitgesehenen hat. So ist immer noch von denselben Anblicken die Rede wie vorher, und als diese bekommen sie nun als dieselben sich bietenden zeigenden Anblicke allgemeine Bedeutung.
Im nächsten Schritt hält Heidegger fest, daß der Begriff als solcher gar nicht abbildbar ist, da Anschauungen immer singulär sind. Damit betont Heidegger, daß der Weg zum Begriff immer von der Anschauung ausgeht und aus dieser erwächst, insofern der Begriff abstrakt für sich genommen nicht abbildbar ist. Versinnlichung eines Begriffs kann also nicht heißen, daß vom Begriff ausgehend ein Bild entworfen wird. Es kann nur heißen, daß von der Anschauung ausgehend das Begriffliche Moment gefaßt wird, daß in natürlicher Verbindung mit der Anschauung immer mitgesehen wird. Heidegger gibt als
Beispiel den Anblick eines Hauses. Dieses zeigt sich in seinem bestimmten Anblick als solches, "das, um ein Haus zu sein, nicht notwendig so aussehen muß, wie es aussieht" (3,95). Es zeigt sich selbst also im "Umkreis von Möglichkeiten des Aussehens" zugleich als allgemeines "Haus" überhaupt (also nicht "dies-da"), innerhalb dessen es eine bestimmte Möglichkeit entscheidet. Dieser "Umkreis" ist Grenze und Regel des Hauses, nicht im Sinne eines Inventars von Merkmalen, sondern als "Auszeichnen des Ganzen". Ausgezeichnet muß es werden, weil es als ganzes gerade nicht meinbar ist. Ich kann bei dem Begriff "Haus" mir nicht alle möglichen Häuser gleichzeitig vorstellen, aber auch nicht nacheinander, da es unendlich viele geben muß. Trotzdem ist mit dem Begriff gerade dies Unmögliche und Unendliche, daß es aber in der Fülle seiner Möglichkkeiten gibt, gemeint und ausgesprochen, aber nicht nur als Verweis auf etwas Unbestimmtes, sondern verbunden mit dem sicheren Wissen um die Fähigkeit, jedes beliebige Haus als solches bestimmen zu können, auch wenn ich es nie gesehen habe, nicht sehe oder nie sehen werde. Der Begriff hat also hier auch sämtliche Eigenschaften der Einbildungskraft, er partizipiert an den Zeitverhältnissen, ist "Vorbegriff" "Anbegriff" und "Nachbegriff". Wichtiger ist aber der erwähnte Regelaspekt, mit dem, Heidegger ganz der Kantischen Definition der Regel folgt, "als des Verhältnisses eines Begriffs zu allem, was unter ihm enthalten ist". Wenn ich mir einen Begriff vorstelle und versinnliche, so stelle ich mir notwendigerweise immer ein besonderes Dies-da vor. Will ich mir vorstellen, was Haus überhaupt bedeutet, denke ich an ein singuläres Haus. An diesem erscheint dann nicht der Begriff des Hauses inhaltlich angeheftet, sondern die Regelungsweise, das Wie, dessen was zum Haus überhaupt gehört, indem das unthematisch notwendig Mitvorkommende, zum Beispiel eine besondere Art des Daches nicht gemeint, sondern nur als Möglichkeit vorgestellt wird.
Vergleich mit der Logikvorlesung
In der LV ist die Darstellung im Wesentlichen gleich, Beispiele sind ausführlicher, Termini traditioneller und der Bezug zum Text Kants durch ein Zitat (B 179) hergestellt. Wichtig ist die Unterscheidung von "purem Dingbegriff" und "hermeneutischem Bildbegriff", die im Kantbuch fehlt, wohl aufgegeben wurde. Heidegger spricht nicht von Anblick, Abbild und Anblick überhaupt,
sondern von der Versinnlichung von Erscheinungen, empirischer Begriffe, reiner sinnlicher Begriffe und auch reiner Verstandesbegriffe, worauf Heidegger im entsprechenden Passus des Kantbuchs noch nicht verweist. Die Fotografie wird als Abbildung im strengen Sinn, als Abklatsch also, eingeführt, um so später gegen die künstlerische Darstellung ab- gesetzt zu werden; bei dem Begriff "Maske", der noch historisch auf eine Person, Pascal, bezogen wird hält er es für nötig, auf das "Darstellungsphänomen der Maske" (21, 361) zu verweisen, das nicht näher behandelt werden könne. A Eine erste Behandlung dieses Themas findet sich unter dem Titel der Herausgeber "Larvanz, Maskierung" in den Phänomenologischen
Interpretationen zu Aristoteles" 1921/22, 61, 107f und meint hier die Selbstblendung des faktischen Lebens durch Vorhaltung unendlicher Möglichkeiten von Bedeutsamkeit, wodurch es sich in seiner Sorge gegen die Aneignung des abständigen abriegelt, und sich selbst nur in seinen Masken begegnet. Maske wird später auch erörtert in der Ontologievorlesung 1923, 63, 32, das Dasein hält sich eine Maske der öffentlichen Ausgelegtheit (Durchschnittlichkeit, Gerede, Man,) vor, um nicht vor sich selbst zu erschrecken, zur Abwehr d er Angst; es präsentiert sich als "höchste Lebendigkeit". 63, 103: Neugier maskiert sich vor der eigenen Sorge durch die vier Charaktere der Selbstauslegung (63/64) in der "Öffentlichkeit des Bildungsinteresses": "Objektivität" (maskiert Relativismus), Übereinstimmung mit dem "wir alle" (maskiert Skeptizismus), dynamische "Lebensnähe" (maskiert Lebensfremdheit); Universalität und Konkretheit (maskieren Oberflächlichkeit). A
5. &21 Schema und Schema-Bild
Abschnitte 1-4
Zur Klärung des Schema-Bildes werden empirisch sinnliche und reine sinnliche Begriffe erörtert. Die Unangemessenheit von Bild und Anblick und Begriff, das Fehlen jeglicher Abbildfunktion in jedem illustrativen Exemplum des Begriffs gehört gerade zum Schema-Bild. Der empirische Anblick enthält alles und sogar mehr als der Begriff, aber auf andere Weise; der Begriff so, daß
es für viele gilt. Das Bildbeispiel für den Begriff wird von diesem als Beliebiges und Vielgültiges geregelt, wobei der Begriff aber gerade seine "spezifisch gegliederte Bestimmtheit" zeigt.
Das Schema ist demgegenüber nicht das geregelte der Abbildung der Regelung dienende Beispiel, sondern Vorstellung der Regel als Regel, wie zum Beispiel der Begriff des Hundes (empirischer, also nicht rein sinnlicher Begriff) eine Regel zur allgemeinen Verzeichnung von Gestalten ohne Einschränkung auf besondere konkrete Gestalten oder Bilder (3,98; A 141). Schema-Bild wäre ein Anbllick eines besonderen Hundes, der allerdings als Exemplifikation gemeint ist, als mögliche Darstellung der Regel
Wichtiger als alles Gesagte ist die Feststellung am Ende, daß der "Begriff" folglich über das Schema hinaus, das immer auf Schema-Bilder und diese auf Bilder überhaupt, und diese auf Anblicke zurückgebunden bleibt, nichts ist. In einer Anmerkung aus den 30er Jahren macht Heidegger auf die (desaströsen) Folgen dieser Einsicht für die Logik aufmerksam. Er verweist im Zusammenhang der Exemplarität des Schema-Bildes auf die Kritik der Urteilskraft (&59, B254), wo die Bestimmung der "symbolischen Hypotypose" (Darstellung, exibitio, subjectio (des Begriffs) sub adspectum (Anblick)) Heideggers Erklärung des Schemabildes und seines Unterschieds zum Schema entgegenkommt und zudem die schematisch-demonstrative und symbolisch-analoge Vorstellungsart als intuitive der diskursiven entgegen gesetzt werden. Allerdings ist Kants Terminologie etwas anders; nur die Anschauungsbeispiele empirischer Begriffe heißen "Beispiele", die reiner Verstandesbegriffe "Schemate". Wichtig für das Folgende ist Kants Unterscheidung von Hypotyposen und Charakterismen, also Darstellungen und Bezeichnungen (Benennungen), so sind "Fünf" und "5" graphische Charakterismen der akustischen Charakterismen von (5), "....." wäre schematische Hypotypose; (5) steht für das Schema der so grafisch charakterisierten Zahl.
Kommentar
Indem Heidegger den Begriff, mit dem die Logik verfahre, die er auch Notion nennt, völlig von der Anschauung abtrennt, will er nicht die Eigenständigkeit des Begriffs hervorheben, sondern seine Nichtigkeit, die wiederum darauf verweist, wie fundamental die Anschauung ist. Zugleich ist es ein Seitenhieb gegen Cohen und Natorp, die gerade diese Eigenständigkeit hervorheben. Die
Tatsache, daß der empirische Anblick seinen empirischen Begriff nicht erreicht, wird also dem Begriff nicht als wirkliche Stärke, sondern als Schwäche und Abhängigkeit ausgelegt.
Abschnitt 5-10
das vom empirischen Gegenstand Gesagte gilt in geringerem Maße von den reine sinnlichen (Kreis, Dreieck, Zahl) "Gegenständen" und Schema-Bildern. Ein gezeichnetes Dreieck hat weniger Möglichkeiten der Darstellung als ein empirischer wie Haus, jede seiner Möglichkeiten hat aber einen weiteren Umkreis, ist also dem Begriff in der Enge der Intension und der umgekehrt proportionalen Weite der Extension ähnlicher. Als Schema-Bild ist das gezeichnete Dreieck jedoch immer noch singulär, das Schema des Dreiecks nicht. Das Schema-Bild springt aus dem dargestellten zu Regelnden heraus. "....." kann nur deshalb Bild (nicht bloß Bezeichnung) der Zahl Fünf sein, weil die Regel der Zahl sich gleichsam in diese Anschauung als mögliches Bild hineinhält. Es könnte davon abgesehen auch etwas ganz anderes, oder gar nichts bestimmtes symbolisieren. Die Zahl sieht nicht so aus, weil sie gar nicht aussieht. Daß die Punkte abzählbar sind, ist für ihre Regelhaftigkeit nicht entscheidend; wir entnehmen den Punkten nicht die Zahl, sondern weil wir wissen, was 5 ist, sehen wir "....." als mögliches Bild der Zahl. Wir sehen also die Darstellungsregel schon vorher, die Versinnlichung des Zahlbegriffs findet also vor dem empirischen Abbild statt (Vorstellung von Dreieck vor dem Bild an der Tafel), nicht mit ihm (Hund ist keine reine Vorstellung). Diese
Abweichung der Darstellung in 21, 365-375
6. &22 Der transzendentale Schematismus 3,101-108
A1. Darstellung im Kantbuch 19.30 Uhr
1.Die Behauptung des Schematismus als Verfahren der reinen Versinnlichung der Transzendenz soll durch den Nachweis der schematischen Versinnlichung der reinen Verstandeskategorien geschehen.
2.Absicht der Versinnlichung: Zwischen Begriff und Bild steht als Schema der "geregelte Bezug der Erblickbarkeit", dessen Anschaulichkeit den Begriff erst
vernehmbar macht.
3. Nach Kant ist aber das Schema eines reinen Verstandesbegriffes ist nicht in ein Bild zu bringen (A 142). "Bild" ist hier nur gemeint als empirischer Anblick oder Schema-Bild, nicht vorgängiger Gegenständlichkeit überhaupt bildender Horizont.
4. Die Deduktion hatte den imaginativ vermittelten Wechselbezug von Zeit als reiner Anschauung und reinem Verstand nur von der Notion aus erörtert. 5. Die "innerste Fügung" der Transzendenz als innere Struktur dieser Beziehung ist die reine Anschauung Zeit, die einen reinen Anblick oder ein "reines Bild" der Sinnlichkeit verschafft (vgl. A 142o, A 320m) 6. Die Zeit ist als "reines Bild" Schemabild und nicht nur den Verstandesbegriffen gegenüberstehende Anschauungsform. In diese Zeit, die die Vorstellung eines Gegenstandes ist (A 31f) muß der Schematismus die reinen Verstandesbegriffe hineinregeln. Damit ist die Zeit nicht nur reines Bild der Schemata, sondern auch ihre einzige Anblicksmöglichkeit. 7. Die verschiedenen Verstandesbegriffe müssen dieses eine Bild mannigfach bilden können. Sie artikulieren , indem sie sich "bestimmend" ihr Bild geben lassen, die einzige reine Anblicksmöglichkeit zu einer Mannigfaltigkeit reiner Bilder: a priori Transzendenz bildender Schematismus. 8. Die der Urteilstafel entnommenen einzelnen Kategorien versieht Kant nun den vier Einteilungsmomenten der "Notionentafel" entsprechend mit Definitionen der Schemata, wobei die vier den Einteilungsmomenten entsprechenden Zeitcharaktere vier Möglichkeiten der Bildbarkeit zeigen. 9. Die definitorische Knappheit Kants erklärt sich daraus, daß die genauere Darstellung der ontologischen Erkenntnisse im System der synthetischen Grundsätze stattfinden muß, was dann in begrenztem Maß geschieht (A 158ff). Die Wesensstruktur der Transzendenz ist jetzt durchsichtig, daher verzichtet Kant auf weitere Zergliederung. Dem schließt sich Heidegger scheinbar an. Die eigentliche Erklärung für Kants Verzicht wie den eigenen gibt Heidegger am zur eigenen ontologischen Grundlegung überleitenden Ende des dritten Abschnitts (3, 200f): Kant habe das Wesen der Zeit als reine auch die Räumlichkeit konstituierende Selbstaffektion nicht fassen können, daher nimmt er die Zeit nur als "reine Jetzfolge" . Er konnte die Struktur des Schemas nicht richtig bestimmen, daher fehlt ihm auch das nötige Rüstzeug für die Analyse der einzelnen Schemata (vgl. 21, 378).
10. Nach einer bloß illustrierenden Analyse des Schemas der Substanz, resümiert Heidegger: die Zeit als Wesensgrund des Transzendenzhorizontes
umschließt zusammenhaltend als einziges universales Bild den Horizont. Sie gibt "Einhalt", indem sie einem endlichen Wesen das "Dawider" der Gegenständlichkeit vernehmbar macht.
B. Kommentar
Wieder erweist sich, daß die Schematismuslehre alleine auf schwachen Füßen steht, sondern ihren ganzen Gehalt aus der vorausgehenden Deduktion erhält. Dies ist der Grund, dafür, daß das Schematismuskapitel häufig für funktionslos und überflüssig gehalten wurde, zumal in der Lehre der Grundsätze der Charakter der Zeitbestimmungen deutlich gemacht wird, worauf auch Heidegger, allerdings nur nebenbei, hinweist. Die Tatsache, daß Heidegger nicht zu den Grundsätzen weitergeht, zeigt, daß er den ganzen Ansatz, wie er schon in der Deduktion vorliegt, für zu kurz greifend hält. Der Blick auf die Transzendenz ist alles, was er Kant zutraut, und dieser ist im Schematismuskapitel geleistet. Interessanterweise setzt aber Heideggers zweites Kantbuch gerade an der Lehre von den Grundsätzen an - mit dem besonderen Hinweis, daß hier geleistet werden, was im Kantbuch fehle. Mit dieser feinen Ironie brachte Heidegger nur zu Ausdruck, daß in den transzendentalen Grundsätzen nach seiner Interpretation die Begrenztheit des Blickes Kants noch deutlicher zum Ausdruck komme, weswegen die Darstellung des Schematismuskapitels in diesem 2. Werk fehlen konnte: Der große Blick wird Kant nicht mehr zugetraut, es reicht schon, die Befangenheit seines Blickes im Begriffsnetz des naturwissenschaftlichen Denkens zu zeigen.
C. Kritik
1. tautologisch D. Kant (vgl. dazu Obergfell, 221ff)
Am besten geht man von der Wesensbestimmung des Schemas eines reinen Verstandesbegriffes aus (A 142). Folgende Strukturmomente des Schemas werden unterschieden: reine Synthesis und transzendentales Produkt der Einbildungskraft. 18.00Uhr
6.2. Schematismus der Quantitätskategorien: die Zahl als Schema der Quantität
Der Titel verspricht natürlich mehr als er halten kann, da Kant nur ein Schema aus der Kategoriengruppe der Quantität näher bespricht.
Hier folgt die Darstellung ganz der Logikvorlesung von 1925/26, da ihre Darstellung im Kantbuch aus den obigen Gründen fehlt. Diese Gründe können nicht ganz ausschlaggebend gewesen sein, denn sie werden auch in der Logikvorlesung ausführlich dargestellt (21, 378f). Heidegger hält das hier für nötig, "von der bearbeiteten Problematik der Temporalität aus", die in der Vorlesung bezeichnenderweise der Kantinterpretation vorausgeht und nicht wie im Kantbuch nachfolgt, zur Klärung des Zeitverständnisses "Licht in ihre Explikation zu bringen" (21,379), um aus der Analyse der Schemata etwas Fundamentales über die Zeit selbst zu erfahren (21, 384u). Das bisher von Kant gesagte scheint also noch nicht auszureichen. Von hier aus wird auch deutlich werden, warum Heidegger dann doch im Kantbuch, angeblich aus rein illustrativen Gründen, eine Interpretation nur und gerade des Schemas der Substanz darstellt.
Heidegger beginnt mit der kritischen Behauptung, daß Kant den Schematismus der Zahl und die Zahl als Schema der Quantität nicht klar auseinandergehalten und damit ihren inneren Zusammenhang auch nicht aufgewiesen habe. Zur Klärung der Zahl als "Regel des Sehenlassens der reinen Kategorie Quantität im Bilde der Zeit" (21,380) geht H. auf das "Sehenlassen der reinen Mannigfaltigkeit Zeit" zurück, die er als "Hebung des reinen Nacheinander, Hebung der Jetztfolge" "phänomenologisch" charakterisiert. In einer an Hegels Phänomenologie erinnernden Erklärung sagt H. : Jedes jetzt ist dem anderen als "Jetzt" gleich, insofern jedes "jetzt" ist, und doch gerade deshalb auch verschieden von jedem anderen jetzt, unterscheidbar sind. da es zugleich immer ein "Dieses" oder ein "So" artikuliert, das aber auch für alle jetzt charakteristisch ist, weshalb sie zugleich alle in ihrer Einheitlichkeit vergleichbar und in ihrer Vergleichbarkeit unterscheidbar sind, welche Unterscheidbarkeit gleichbedeutend mit Zählbarkeit ist. Die "Jetztmannigfaltigkeit" läßt also die "Diesheiten schlechthin" sehen. Diese Diesheit folgt aber nicht einfach aus dem Jetztcharakter, sondern die Zeit als Hebung der Jetzte ist erst im Hinblick auf
die Vielheit überhaupt vollzogen: Ich fasse eine Mannigfaltigkeit immer als leere mnannigfaltigkeit von bloßen "Etwas" auf, sonst könnte ich Äpfel und Birnen nicht zuusammenzählen. Von daher bedeutet jedes Jetzt-Dieses und Jetzt-So ein Jetzt-Soviel. Die verschiedenen Jetzt-Soviel stehen aber in einem gemeinsamen, sie verbindenden einheitlichen Horizont der Vielheit, von dem her alle Jetzt-Soviele schon zu einer additiven Einheit verbunden sind. Dabei zählt der Horizont nicht die Jetzte, sondern gibt die "Diese" erst als in der Zeit zählbare, nicht die Zeit selbst zählende "Einheiten" frei. Dieses ist das "reine Gezählte", das vom Abgezählten und Abzählen unterschieden werden muß, das erst aufgrund des reinen Gezählten möglich ist. Die Zahl zählt also im reinen Zählen sich selber und darin besteht ihr Charakter, Zahl zu sein. Die Zeit gibt in ihrer Hebung ein mögliches Sichzählendes. Von daher sind die Schemata der Zahlen zu verstehen, die Kant am Beispiel der Zahl Fünf erklärt hatte. Jede Zahl ist die Regel für ein mögliches reines Sichzählen. In den Zahlen, die nicht in der Zeit sind, steckt die Zeit. Die Zeit zeigt sich in der Zahl also auf eine ursprüngliche, bei Kant sonst unter der Idee der Zeit als Jetzt-Zeit verdeckte Weise.
Heidegger interpretiert nun das von Kant `Geahnte' (vgl. 21, 385f); In der reinen Zahl als Schema der Quantität zeigt sich die Zeit im "Jetzt" als Absehen von demselben als reine Mannigfaltigkeig von "Diesen" in Hinsicht auf ein Wieviel überhaupt. Das Jetzt ist das "es", das das "es gibt" gibt. "Es", das Jetzt, gibt "es", das Dieses, im Verbund des "es-gibt" überhaupt. Wenn Kant das Schema Zahl "Erzeugung der Zeit" nennt, so meint er die unthematische Jetzthebung als Hebung eines Dieses als "Soviel" im Hinblick auf die Vielheit. Zeit als Bild ist ein unsichtbares Sehenlassen von etwas.
Kant
Kants Darstellung verfährt in einer anderen Begrifflichkeit und ist daher dem mit ihr Bekannten klarer. Die entscheidende Stelle, die der Intertpretation Heideggers zugrunde liegt, heißt:
Das reine Bild aller Größen (quantorum) vor dem äußern Sinne, ist der Raum, aller Gegenstände überhaupt, die Zeit. Das reine S c h e m a d e r G r ö ß e aber (quantitatis) als eines Begriffs des Verstandes, ist die Z a h l, welche eine Vorstellung ist, die die sukzessive Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt. Also ist die Zahl nichts anders, als die (A143) Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt,
dadurch, daß ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge." (A142f/B182).
Klar wird dieses Zitat nur durch eine Klärung der Begriffe quantitas und quantum, (vgl A 526f, A169, A 170f, A163f), die von dem verwandten Gegensatz des quantum discretum und continuum zu verstehen sind. das Diskrete, also das teilbare, folglich zusammengesetzte, mithin meßbare Quantitative ist nur als Einschränkung der vorausliegend ermöglichenden Kontinuität möglich, da es keinen kleinstmöglichen Teil geben kann und jede Einschränkung von Raum und Zeit selbst wiederum Raum und Zeit ist (vgl. A 169) . Raum und Zeit sind notwendig anzunehmender Grund der unendlichen Teilbarkeit (vgl. A 527). Sie sind reine Anschauungen, also nichtbegriffliche Vorstellungen. Sie bestimmen alle Objekte überhaupt unmittelbar als anschauliche. Hinsichtlich ihres Gegenständlichkeitscharakters überhaupt aber sind sie als Objekte durch die Kategorien bestimmt, wodurch also Zeit und Raum kategorial mitbestimmt sind. Durch den ersten Satz des Zitats rekapituliert Kant die wesentlichen Ergebnisse seiner Ästhetik und will durch die Konfrontation mit der andersartigen Kategorialität das Verhältnis beider deutlicher machen, das im reinen Schema Zahl zum Ausdruck kommt. Die Kategorie "Größe" ist als "notio" (synthesis intellectualis) das Prinzip der kompositiven Einheit. Ihre Funktion ist, wie die Deduktion zeigte, das in der Einbildungskraft apprehendierte (durchlaufene) und reproduzierte (behaltene) unbestimmt Mannigfaltige als Gegebenes zu bestimmen, und zwar als quantitativ Gleichartiges und auch Verschiedenes mit Absicht auf eine mögliche objektive quantitative Einheit. "Die Kategorie der Quantität regelt die Synthesis der Einbildungskraft, so daß dadurch diese selbst das Mannigfaltige vorgibt als abzählbares." (OBERGFELL, 246).
Gemäß den Axiomen der Anschauung wird jedes Objekt als raumzeitlichextensive Größe bestimmbar
Ein weiteres Problem ist die Frage, warum Kant nicht einzelne Schemate der Quantitätskategorien entwirft, sondern nur für ihre Zusammenfassung als Titel der Gruppe. Mit OBERGFELL (248ff) können sie als M omente des Quantitätsschemas und zugleich als eigenständige Schemata interpretiert werden. Einheit und Vielheit können als die erwähnte Gleichheit und
Verschiedenheit der Jetzthebungen verstanden werden. Soweit die Vielheit als kompositive Einheit aufgefaßt wird, findet die Kategorie der Allheit statt. Die Quantitätskategorie verhält sich konstitutiv zu den Momenten.
Kritik
1.Heidegger hält sich in seiner Darstellung nicht an den Text Kants, sondern entwickelt phänomenologisch Unterscheidungen, die dann punktuell auf den Kantschen Text bezogen werden.
2.Knifflige philologische Fragen (quantitas, quantum) werden vom Gesamtverständnis her ausgeblendet, wodurch aber der Textbezug fraglich wird.
3. Die Gedankenentwicklung zeigt, daß nicht die Beschäftigung mit Kant, sondern die kritische Auseinandersetzung mit neukantianischen
Fragestellungen und phänomenologsichen Untersuchungen Quelle des Denkens Heideggers sind (Rickert, Husserls "Philosophie der Arithmetik"), was die Sprache Heideggers verdeckt. Der Begriff des "es gibt" stammt von E. Lask. 4. Die Bezüge zwischen Verstand und Anschauung und ihre Vermittlung werden in der Darstellung Heideggers nicht genügend deutlich gemacht. 5. Insgesamt trägt die Darstellung Heideggers aber in einem Maße zu einer auch dem Kantverständnis dienlichen Verdeutlichung der Sachproblematik bei, wie sie auch in neusten Darstellungen (Obergfell) nicht übertroffen werden konnte.
6. Im Vergleich der anderen Analysen ist diese die ausführlichste und eindringlichste, von der alle anderen Analysen abhängen.
6.3. Schematismus der Qualitätskategorien: Die Empfindung als Schema der Realität (21, 387ff)
1.Das Reale als die Zeit erfüllendes Etwas (Was-da, res, Etwas, Sache) hat ihr Wesen in dieser Zeiterfüllung, der Sachheit.
2.Zeit als reine Mannigfaltigkeit der Jetztfolge wird nicht nur immer gleichartig als Jetzt-Dieses schematisiert, sondern auch als "Jetzt-Das", welches jedes Jetzt wesentlich ist. Das Jetzt-Nichts ist ein jetzt-Das, d.h. "seine Privation" (21,388). Dieses Das muß für Kant Empfindung sein, da diese dem inneren Sinn zunächst gegeben ist. Diese "transzendentale Materie" in der Kantischen
Terminologie.
3. Zu jeder res gehört eine Zeitlang, also etwas Quantitatives. Dieses wird nun aber nicht in seiner Trennung von Hebung zu Hebung verfolgt, sondern in seiner sich durchhaltenden Dauer, die natürlich nur, insofern Zeiterzeugung und damit Hebung überhaupt stattfindet, möglich ist, weshalb die Qualität Quantität impliziert und umgekehrt.
4. Beide sind gleichursprünglich und fundiert in der Substanzkategorie, dessen abstrahierte Strukturmomente die anderen Kategorien sind. 5. Kant wurde diese Einheit der Kategorien nicht bewußt, das zeigt die künstliche Kategorientafel. Ihn interessierte in erster Linie der Bezug auf naturwissenschaftliche Erfahrung, das heißt, die Erscheinung der Natur. Kant
6.4. Schematismus der Relationskategorien: Die Beharrlichkeit als Schema der Substanz
1.Wie schon erwähnt, ist die Beharrlichkeit das einzige Schema überhaupt, das im Kantbuch analysiert wird, und dies nur, wie Heidegger behauptet, um sichtbar zu machen, daß Kants Lehre vom transzendentalen Schematismus aus den Phänomenen selbst! geschöpft ist. Allerdings müsse die erste Analogie zur Klärung des Gemeinten mitberücktigt werden.
2.Substanz bedeutet Zugrundeliegen (Subsistenz) wie es sich im reinen Bild der Zeit darstellt. Das schon bekannte jederzeitige Jetzt in jedem Jetzt der Jetztreihe als jeanderes gleiches Dieses ist in gewisser Weise "ständig", wobei die Zeit die Ständigkeit ihrer selbst als dessen, was in allem Fließen nicht verfließt, zeigt. Sie ist also kein Bleibendes unter vielen (Quantität/Qualität), wie ein Dieses als Aggregat (Allheit) mehrerer (Vielheit) Dieser (Einheit), die über eine gewisse Zeit hinweg bleiben sondern reiner Anblick von Bleiben überhaupt, der jedem einzelnen Dauern eines Jetzt-Diesen als "Jetzt-Das", "zugrundeliegend" "gedacht" werden muß, wobei es nicht ein Zugrundliegendes in einer Hierarchie, sondern das überhaupt Zugrundeliegende ist: daher "Substanz".
3. Heidegger will nun den "vollen Gehalt", das heißt die Gesamtstruktur der Relationskategorien explizieren, was Kant "hier", gemeint, vor den Grundsätzen, unterlassen habe. Substanz steht zwischen Subsistenz und Inhärenz, bildet also eine Verbindung (Relation) zwischen Zugrundeliegen und einem "Anhängenden" (Heideggers Übersetzung von Inhärenz). Dies erklärt Heidegger in seinem Stil: jedes Jetzt ist als jedes-bleibendes Jetzt ein anderes Jetzt: "Als Anblick des Bleibens bietet sie (die Jetztfolge, M.G.) zugleich das Bild des reinen Wechsels im Bleiben." (3,107). "Der Zeit ... korrespondiert in der Erscheinung das Unwandelbare im Dasein." (A 143).
4. Diese Interpretation nennt Heidegger selbst eine "kurze und rohe" (3, 106). Der Vergleich mit der Darstellung in der Logikvorlesung (21,391-395) bietet hier weitere Aufschlüsse:
Heidegger bezieht das Beharrliche hier auf das bleibende "Das", also die Qualität in jedem Jetzt der Folge, genauer auf jedes jetzt- da das als das jedem einzelnen das gleichbleibend Zugrundeliegende.
Diese Interpretation hat H. wohl deswegen im Kantbuch aufgegeben, weil er damit die Substanzkategorie in die der Qualität hineininterpretiert, was nicht ganz falsch ist, da jede Kategorie auf alle anderen verweist, aber doch nicht ganz zu der Behauptung passt, die Qualität sei mit der Quantität gleichursprünglich in der Substanz fundiert. Der Bezug auf das Jetzt als solches vermeidet den Ausgang von der Qualität ("Das") oder, was ebenso möglich gewesen wäre, von der Quantität ("Dieses"), sondern abstrahiert davon und geht auf das beiden gemeinsame zeitliche zurück. Noch bevor das Jetzt sich als Dieses und Das zeigt, ist es schon immer gleiches Jetzt, und nur darin sind auch alle reinen Diese und alle reinen das prinzipiell gleich.
5. Ein weiterer interessanter Aspekt fällt in der Logikvorlesung auf: Heidegger bezieht hier die Befunde direkt auf seine daseinsanalytischen Grundwörter: Das Unwandelbare ist das Vorhandene und diese die Natur selbst. 6. Interessant ist auch Heideggers Modifikation des Verweises auf dioe klärenden Analogien im Kantbuch. In der Logikvorlesung hält Heidegger es noch für einen schweren Mangel, daß die 1. Analogie nicht in einem Schema begründet wird, da "die drei Analogien ... ihrerseits nur möglich (sind), wenn ihre eigene Möglichkeit aufgewiesen ist, d.h. wenn zuvor überhaupt gezeigt ist, daß ein Bestimmen, eine Verstandeshandlung bestimmend auf Erscheinungen sich beziehen kann. Die Bedingung der Möglichkeit für Grundsätze der
empirischen Zeitbestimmung ist der Schematismus des Verstandes selbst."" (21, 329). Die Tatsache, daß dieses Fundierungsverhältnis im Kantbuch undeutlich bleibt, bei der Analyse der Schemata aber zur näheren Erklärung des Schematismus und der Substanzschemata berücksichtigt wird, zeigt, daß 7.Heidegger hält auch in der Logikvorlesung die Substanzkategorie für die fundamentalste. In Kants "äußerlicher Architektonik" sei dies verdeckt geblieben und "hintangehalten" worden (21,395), womit Heidegger Kant eine heimliche Absicht oder Tendenz unterstellt.
8. Auch in der Logikvorlesung versucht nun Heidegger selbst eine weitere Klärung (21,395f). Anders als im Kantbuch geht er hier von der Bestimmung der Substanzkategorie als Zeitordnung aus (B184f), die er als
"Zeitordnungsberechnung" oder "empirische Zeitberechnung" auffaßt. Möglicherweise wollte so Heidegger im Kantbuch eine Kontaminierung der Substanz- mit der Quantitätskategorie vermeiden.
Mit seiner Charakterisierung der Substanz ist Heidegger der Bestimmung der Zeit überhaupt als eines reinen Bildes sehr nahe gekommen, so daß es keiner großen Umstände bedürfte, zu sagen: Substanz und Zeit sind dasselbe.
Zusammenfassung der Unterschiede der Darstellungen im Kantbuch und der Logikvorlesung:
1. Im Kantbuch wird die Substanz konsequenter als fundierend dargestellt, in der Logikvorlesung nicht deutlich von Quantität und Qualität abgehoben.
2. Im Kantbuch wird die Struktur der Relationskategorien aufgedeckt, dies fehlt in der Logikvorlesung völlig.
3. In der Logikvorlesung wird die Hierarchie Schematismusgrundsätze betont und von daher der Schematismus kritisiert. Im Kantbuch werden die Grundsätze als spätere Aufklärung der Schemata einfach vorausgesetzt.
4. In der Logikvorlesung wird Substanz als Zeitordnung im Sinne der Meßbarkeit verstanden. Dies fehlt im Kantbuch.
5. In der Logikvorlesung wird die Lapidarität Kants nicht entschuldigt, sondern durch eigene Überlegung das Gemeinte expliziert. Im Kantbuch dient die Lapidarität als Zeichen des "Zurückschreckens" Kants.
Von daher läßt sich nun auch klären, warum im Kantbuch die Substanzkategorie allein, ausführlicher, erklärt wird: sie ist fundierend und steht damit der Zeit als reinem Bild am nächsten; die anderen sind nur Aspekte
dieser Kategorie.
Im Ganzen zeigt sich der Schematismus im Kantbuch gegenüber der Logikvorlesung in einer sonderbaren Abwertung, die gegen seine ständige Anpreisung als Zentrum der Kritik steht: Die Hauptsache wird den Analogien entnommen, die wesentliche Klärung der Begriffe erfolgt schon in der Deduktion, die Klärung des Schemastruktur erfolgt außerhalb des Textes Kants, der Schematismus der einzelnen Schemata entfällt. Hauptsache ist der Nachweis, daß in der Schemastruktur die Zeit das Ursprüngliche, der Verstand das Sekundäre ist, was auch ohne Kants Kritik hätte aufgezeigt werden können und genaugenommen auch ohne ihn aufgezeigt wurde.
6.5. Schematismus der Modalitätskategorien
Die Modalitätskategorien werden in der Logikvorlesung nur kurz abhgehandelt (21,395): Es wird nur festgestellt, daß Kant die Relationskategorien, besonders die Substanzkategorie und die Modalitätskategorien "völlig ineinander laufen läßt." (loc.cit.), wobei man berücksichtigen muß, daß Heidegger selbst in diesem Kapitel Substanz und Qualitätskategorien `ineinander laufen läßt'. Die Wurzel des Problems ist wieder die merkwürdige "künstliche Zufälligkeit" (21,396) der Kategorientafel.
Kant:
Der Konstitutionsprozess des Objekts überhaupt ist mit den Kategorien der Relation vollständig geleistet. Es ist durch die kategoriale Zeit bestimmt. Die Modalität der Urteile dagegen bestimmt nicht weiter deren Inhalt, sondern geht nur den "Wert der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt" an (A 74, vgl. A 219). "Sein", so sagt Kant aus diesem Zusammenhang heraus an anderer Stelle (Gottesbeweise) ist kein reales Prädikat, gehört also zum Objekt als solchem nicht konstitutiv dazu. Dieses Thema wird in Heideggers späteren Kantschriften eine entscheidende Rolle spielen.
Die "nichtsachliche Prädizierungskompetenz" (OBERGFELL, 308) der Modalitätskategorien, die so als "dynamische" (dynamis: Möglichkeit, Kraft),
bloß regulative (nicht konstitutive), den Relationskategorien (im Gegensatz zu den konstitutiven mathematischen (quantitativen und qualitativen) Kategorien) ähneln (vgl. B 110, A 160, A 178f) (s.o., S.), bezieht sich auf die faktische Gegenständlichkeit eines speziellen Objektes, leistet die "Synthesis eines bestimmten Objekts mit der Objektheit überhaupt" (OBERGFELL, 311 zu A 145), setzen also schon die subjektive, nämlich kategorial bestimmte Zeit , insofern sie also Objekte überhaupt, als extensive Größe, bestimmt, voraus. Die modalen Schemata gehen dabei auf den "Zeitinbegriff" (A 145), also auf die gesamte im Objekt überhaupt begriffene subjektive Kategorialzeit. Als "Regel der Möglichkeit des faktischen Dawiderseins" (OBERGFELL, 312) eröffnet das Schema der Modalität zwischen dem transzendentalen Horizont der Objektheit und der transzendentalen Möglichkeit der Anwendung von Kategorien auf Objekte als Position der Objekte "zu irgendeiner Zeit" (A 144f), die eine bestimmte Zeit in der gesamten Wahrnehmungszeit einschließlich der Zukunft meint (Möglichkeit),"zu keiner Zeit" ( Unmöglichkeit als kontradiktorischer Korrelatbegriff zu Möglichkeit); "in einer bestimmten Zeit" (A 145) als Einschränkung der ganzen möglichen Zeit auf eine bestimmte vergangene oder gegenwärtige, in der die Wahrnehmung des Objekts möglich oder ausgeschlossen ist (Wirklichkeit/Nichtsein); oder als Position der "Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben ist" (B 111) durch das Notwendigkeitsschema "Dasein eines Gegenstandes zu aller Zeit." (A 145). "Alle Zeit" heißt natürlich nicht im empirischen Sinne "immer" oder im Sinne des Substanzschemas "beharrend" (in jedem Jetzt seiend"), sondern in bezug auf die subjektive Wahrnehmungszeit, in ihrer inneren Ordnung, (zukünftig, vergangen und gegenwärtig), also in einer Zeitstelle, in der der Bezug zu anderen Zeitstellen festgelegt ist und zwar kausal (notwendig) oder ohne kausale Bestimmbarkeit a priori (zufällig).
Im Verhältnis untereinander ist durch den jeweils verschiedenen Bezug zur subjektiven Wahrnehmungszeit bestimmt: quantitativ (Möglichkeit), qualitativ (Wirklichkeit) oder relational (kausal) (Notwendigkeit).Die Postulate legen daraufhin fest, daß jedes empirische Objekt in mindestens und höchstens einer Hinsicht bestimmt sein muß.
6.6. Das Subsumtionsproblem
7. Die "Überdeutung" des Schematismus
Als Grund der inneren Möglichkeit der Transzendenz hatte sich die transzendentale Einbildungskraft gezeigt. Dieser Grund muß nun näher bestimmt werden. Als sinnliches Vermögen der Anschauung auch ohne Gegenwart des Gegenstandes ist es gewissermaßen freizügiges Sich-Geben von Anblicken überhaupt. Sie ist zugleich rezeptiv und spontan, steht also zwischen Verstand und Sinnlichkeit und ist so ein Vermögen des Verbindens, also des Vergleichens, Gestaltens, Kombinierens, Unterscheidens in engem Zusammenhang mit Witz und Unterscheidungsvermögen, aber all dies als Vermögen der anschaulichen Vorstellung. Die Einbildungskraft ist produktiv und reproduktiv, abwer nicht schöpferisch. Gerade diesen Charakter der Einbildungskraft hatte das Schematismuskapitel gezeigt. Dort wird die Eigentümlichkiet der Einbildungskraft, etwas oohne Gegenwart eines Seineden vorzustellen, "grundsätzlich ursprünglich" gefaßt (3, 132). Sie schafft den Horizont der Gegenständlichkeit überhaupt im empirisch anschauungsfreien reinen Bilde der Zeit. Als reine Einbildungskraft ist sie notwendig produktiv, also spontan in einem ursprünglichen Sinne.
7. Die Bedeutung des Schematismus für Heideggers Fundamentalontologie
Anhang 1
KONSPEKT DES SCHEMATISMUSKAPITELS IN DER "KRITIK DER REINEN VERNUNFT"
"...." markiert die Gliederung Heideggers (3, 112f); arabische Ziffern die
Gedankenschritte Kants nach Auffassung des Verfassers; die Absätze geben die äußere Textgestaltung an; die kleinen lateinischen Buchstaben markieren die einzelnen thematischen oder problematischen Punkte der Darstellung Kants; Großdruck markiert die Termini Kants, die eingefühhrt werden.
....................................................................................................... 1. Abs.(10): 1.a.Grundvoraussetzung aller SUBSUMTION "Gegenstand"-Begriff:GLEICHARTIGKEIT.
b.Beispiel: Begriffe Teller (empirisch) - Zirkel (geometrisch): Rundung. 2. Abs.(19): 2.Tatsächliche Subsumtion der ungleichartigen reinen Verstandesbegriffe-Anschauungen wird nur durch ursächlich anzunehmende TRANSZENDENTALE DOKTRIN DER URTEILSKRAFT
möglich, da Anschauung von Kategorien unmöglich ist. DIGRESSION: 3.In "allen anderen Wissenschaften" ist diese Erörterung unnötig, da dort allgemeine
Gegenstandsbegriffe und in concreto vorstellende nicht so heterogen sind.
3. Abs.(07): 4.Es muß eine die Gleichartigkeitsbedingung der Subsumtion erfüllende Kategorie und
Erscheinung vermittelnde reine intellektuell-sinnliche Anschauung geben: das TRANSZENDENTALE SCHEMA.
4. Abs.(15): 5.Dieses sind die transzendentalen Zeitbestimmungen: sie sind allgemein und apriori
geregelt wie die Kategorien und zugleich der Zeit gleichartig wie jede empirische
Vorstellung. Die Zeit enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen Anschauung.
5. Abs.(29): 6.Die Deduktion hat 1. gezeigt, daß Kategorien als apriorische Bedingungen einer
möglichen Erfahrung nicht auf Dinge an sich gehen, sondern (2.) nur auf Gegenstände
durch Modifikationen unserer Sinnlichkeit. 3. Reine Begriffe müssen a priori formale
und reine Bedingungen der Sinnlichkeit (namentlich des inneren Sinnes) a priori
enthalten, die die Anwendung der Kategorie auf Gegenstände möglich machen.
7.Diese restringierenden Bedingung heißt Schema dieses Verstandesbegriffs; das Verfahren Schematismus des reinen Verstandes
....................................................................................................... 6. Abs.(16): 8.a.Produkt der Synthesis der Einbildungskraft ist hierbei keine einzelne (A 140) Anschauung (Bild), sondern Schema: beabsichtigt ist allein die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit.
b.Beispiel: ..... ist Bild der Zahl Fünf. Das Denken einer Zahl ist dagegen "mehr
die Vorstellung einer Methode, einem gewissen Begriffe gemäß eine Menge (...) in einem Bilde vorzustellen..."
c.Dieses Verfahren, einem Begriff sein Bild zu verschaffen heißt Schema zu diesem Begriff.
7. Abs.(46): 9.a.Bedeutung der Schemata für die reinen sinnlichen Begriffe. b.Bsp. (A140/141)Triangel (als reine Gestalt im Raume), ein Bild eines besonderen
Triangels dem allgemeinen Begriff nicht adäquat, eingeschränkt geltend.
c.Das Schema existiert in Gedanken und ist Regel der Synthesis der
10.a.Gegenstand unvereinbar, der emp Begr,
auf eine
"POESIE": 11.Der Schematismus ist eine verborgene Kunst... 12.a.Bild ist Produkt des empirischen Vermögens der produktiven (reproduktiven?) Einbildungskraft.
b.Schema sinnlicher Begriffe bildermöglichendes Monogramm der reinen apriorischen Einbildungskraft.
....................................................................................................... 13.Schema des reinen Verstandesbegriffes ist
a.bildlos b.reines c. transzendentales d. Produkt der e. kategorial f. geregelten g.Synthesis der h. Einbildungskraft
8. Abs.(05):14.weitere Zergliederung von (12) wäre trocken und langweilig.
....................................................................................................... 9. Abs.(10):15.a.Das reine Bild aller Größen sind Raum und Zeit. b.Das reine Schema der Größe ist die Zahl. c.Die Zahl
10. Abs.(25):16.a. Realität b. Negation c. erfüllte/leere Zeit d. Kontinuität 11. Abs. :17.a.Schema der Substanz 12. Abs. : b.Kausalität 13. Abs. : c.Gemeinschaft 14. Abs. :18.a.Möglichkeit 15. Abs. : b. Wirklichkeit 16. Abs. : c. Notwendigkeit
....................................................................................................... 17. Abs.(17):19.Zusammenfassung: Schemata sind Zeitbestimmungen a priori nach Regeln auf die
Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung und den Zeitinbegriff aller
möglichen Gegenstände.
.......................................................................................................
18. Abs.(18):20.Verhältnis von Einheit im inneren Sinn, transzendentaler Synthesis der Einbildungskraft
Verstandesbegriffe verschaffen
Ende nur von einem
notwendigen Einheit
Synthesis.
19. Abs.(05):21.Die transzendentale Wahrheit im Ganzen der möglichen Erfahrung geht der empirischen ermöglichend vorher.
.......................................................................................................
20. Abs.(35):22.a.die Schemate realisieren restringierend, sie sind sinnliche Begriffe in
der bloßen Einheit
Subjekt denkbares Etwas.
......................................................................................................
Unterschiede in der Darstellung zwischen Kantbuch (1929) und Kantvorlesung (WS 1927/28);
Die Darstellung Heideggers in der Kantvorlesung ist viel kritischer als das Kantbuch. Kant wird im einzelnen zugeschrieben
1. die Widersprüchlichkeit und Äußerlichkeit der Deduktion aufgrund des Nichtsehens des Transzendenzproblems (zentraler Grundmangel) und dem Motiv, um das Psychologische zu vermeiden, alles ins Logische zu legen: 1.1. daß die kategorien vonm der reinen Anschauung abgeschnürt seien 1.2. die reine Anschauung angeblich allein schon Gegenstände geben könne 1.3. transzendenzfreie Auffassung des a priori 1.4. Streichung der Selbständigkeit der Einbildungskraft
2. Die Kennzeichnung der Untersuchung als phänomenologiosche ist weggefallen.
8.2. Heideggers Hermeneutik
8.2.1. Hermeneutische Aussagen zur Kantinterpretation
Heideggers Hermeneutik ist von seiner Philosophie nicht zum trennen; seine Philosophie gerade zeichnet sich dadurch aus, daß sie Hermeneutik ist. Es kann sich also bei der Beschäftigung mit Hermeneutik als Aspekt nur um eine, wenn auch verdeutlichende, Abstraktion handeln, die zuletzt wieder zurückgenommen, oder kritisch gegen Heideggers Philosophie als ganze gewendet werden muß.
Heidegger spart nicht mit Aussagen über seinen hermeneutischen Ansatz bei der Kantinterpretation. Am bekanntesten sind sein Bekenntnis zur "Gewaltsamkeit" der Interpretation, die ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht worden ist (3, XVII), und seine gleichbedeutende Verachtung der philosophiehistorischen Forschung und Kantphilologie, deren Erkenntnissen er ein echtes philosophisches Mißverständnis wie das der neukantianischen Kantinterpretation vorzieht.
In der Kantvorlesung ist Absicht seiner Interpretation Kants ist die Gewinnung eines spezifisch philosophischen und damit nicht- im Sinne eines vorwissenschaftlichen Verständnisses, das nicht inhaltlich vorbestimmt werden kann, sondern als Prozess "Philosophieren" stattfindet, das aber immer nur als Lernen stattfindet, nicht als Aneignung eines schon Vorfindlichen (vgl. 25,1) im Sinne einer Kenntnisnahme. Diese Art des Lernens besteht aus dem wiederholten beständigen Fragen nach dem, was die ursprünglichsten Bemühungen des Menschen ausmacht, sie ist "Kampf der Existenz mit der in ihr jederzeit ausbrechenden Dunkelheit" (25, 2) und damit in der Interpretation anderer Meinungen "philosophisch(er) Kampf" (25,4), "Auseinandersetzung" (loc.cit.) und "denkendes Zwiegespräch" (3, XVII). Es geht also nicht um ein psychologisch-biografisches Verständnis des Autors oder des Textes als "Textes" (Gewebe), sondern um die "Sache selbst" (Prinzip der Phänomenmologie), die sich aber phänomeno-logisch im "Phänomen" des Textes nur mittelbar als Ausdruck des "Logos" zeigt, weshalb die Interpretation - äußerlich gewaltsam erscheinend - durch den Text hindurch zur Sache vorstoßen muß, deren Abhub der Text nur sein kann. Die Philosophie eines anderen recht verstehen kann man (von daher gesehen) nur mit einer leitenden Idee von der leitenden Idee des anderen als einem "einheitliche(n) Ganze(n)" ( 25,6) . Dazu zitiert er Kant, der in der Kritik in bezug auf diese sagte, daß man für eine Wissenschaft eine zugrundeliegende Idee brauche, der die Ausführung oft nicht entspreche. Diese Idee der Wissenschaft müsse man dadurch suchen, daß man zu den "Teilen", die der Urheber zusammengebracht habe, in der Vernunft selbst die natürliche Einheit finde (A 834). Heidegger "schlußfolgert" daraus, daß man sich bei Kant nicht an die bloße wörtliche Beschreibung halten dürfe (vgl. 25,3), sondern die Idee in ihrem "sachlichen Grund" (loc.cit) aufsuchen müsse. Kant hatte aber den `zusammengebrachten Teilen'(loc.cit.) durchaus noch eine gewisse Bedeutung gelassen. Was er meinte, war, daß man sich nicht auf die Teile als Teile, sondern auf sie in einem sinnvollen Ganzen, zu dessen Sinn die eigene Vernunft letzter Maßstab ist, beziehen müsse, um eben Wissenschaft als Wissenschaft zu begreifen. In diesem Sinne ist auch sein von Heidegger als
Bestätigung verstandenes Diktum zu verstehen, man könne einen Verfasser besser verstehen, als er sich selbst verstand (vgl. A 314; 21,3)), die Stellen aus der Streitschrift gegen Eberhard (Cass. VI, 71) und die aus den Prolegomena (Cass. VI, 74). Die Quelle der Wissenschaft ist allein die Vernunft, und darauf als letzter Maßstab ist alles zu beziehen. Diese Vernunftabsicht ist auch dem Autor der wissenschaftlichen Schriften zu unterstellen und von daher wird sein Text ausgelegt. Dies schließ jedoch ein Problem ein: Wie weit soll ich bei meinem Verständnis einer Textstelle davon ausgehen, daß der Autor doch noch einen vernünftigen Sinn damit verbunden hat, den ich noch nicht erkenne, und von welchem Punkt an bin ich berechtigt, eine Stelle als "schlechten Ausdruck" zu ignorieren oder eine vieldeutige Stelle nach meiner Vernuft auszulegen, oder gar gegen die ausdrückliche Intention des Autors? Wo hört das affirmative Entgegenkommen auf und wo fängt die Überinterpretation an? Inwiefern ist noch der von mir gemeinte und vom Autor gemeinte Sinn unterscheidbar? Inwieweit ist eine Meinung noch als Falsche feststellbar? Diese Fragen bleiben schon bei Kant offen. Was aber bleibt, sind die Teile, an die sich die Interpretation halten muß, also das vom Autor "Gesagte". Heidegger ist im Unrecht, wenn er glaubt Kants Hermeneutik zu Bestätigung seiner eigenen einsetzen zu können, denn
Andererseits ist Heidegger die Gefahr durchaus bewußt, an dem vom Autor Gemeinten vorbeizugehen: Er betont, wie wichtig es sei, mit dem Text vertraut zu sein, den Aufbau, Zusamenhang der Begriffe etc. zu kennen (vgl.25, 5), setzt dagegen aber sogleich wieder die Orientierung an Problemen.
Das Hauptproblem des Verhältnisses von Text und Sinn wird also bei Heidegger offen gelassen.
Im Kantbuch wird das Verhältnis von leitender Idee und Interpretation deutlicher gemacht: Es geht jetzt weniger darum, die leitende Idee des Autors zu finden, als darum, die eigene Idee einer Fundamentalontologie des Daseins "durch ihre Kraft zur Durchleuchtung" sich "bekunden" zu lassen (3,1), in der Interpratation zu "bewähren" und "darzustellen". Die Frage ist also nicht mehr, wie der Sinn des Ganzen aus einer leitenden Idee des Autors von der eigenen Einsicht her erschlossen werden kann, sondern inwiefern es möglich ist, eine von der eigenen Einsicht her gewonnene "Idee" in den Gedanken eines anderen aufzuspüren, um von dort aus den "geheimen" Sinn des Ganzen, der dem Autor verborgen war und verborgen bleiben mußte, aufzuspüren. Der Sinn der Untersuchung ist nicht, Philosophieren zu lernen, sondern die Philosophie anderer so zu durchleuchten, daß die Idee der Fundamentalontologie durch die oberflächlichen Strukturen des Denkens anderer als ihr geheimer Hintergrund und Urgrund hindurchscheint, und zwar nicht als Idee, sondern wirklicher Wesensgrund der "Naturanlage" Metaphysik, existiert mit der Natur des Menschen zusammen faktisch, und ist in jeder theoretischen Beschäftigung mit ihr sozusagen `am Werk.' Die Interpretation ist daher eigentümlich passiv: ein
"Wirksamwerdenlassen der Trägerschaft des gelegten Grundes" (3,2). Der Grund muß als ursprünglicher in seiner Ursprünglichkeit "in das konkrete Geschehen des Entspringenlassens" gebracht werden (loc.cit.). Das heißt, das geschichtliche Ereignis selbst seiner ersten Grundlegung bei Kant ("Ursprung") muß in seinem lebendigen Charakter dargestellt werden ("ürsprünglich"), also wiederholt werden, wobei der "Anfang" sozusagen "neu angefangen" wird. In dieser Wiederholung der anfangenden Ursprünglichkeit soll sich der Wesensgrund selbst in einer Verwandlung neu enthüllen. Die Geschichte der Überlieferung zeigt sich Heidegger im Kantbuch also als Hülle der Metaphysik selbst. Eine Grundlegung geschieht nicht aus dem Nichts, da das Grundzulegende in der Tradition immer anwesend ist, eingeschlossen ist, und die Möglichkeiten der Auslegung sind in der Kraft oder Unkraft der Gestalten derÜbnerlieferung vorgezeichnet (3,2): Die Interpretation Kants ist also zur Entwicklung der Ursprungsenthüllung des Grundes unabdingbar und als einzig möglicher Weg sogar - schicksalhaft- "vorgezeichnet" (loc.cit.). Der Wesensgrund legt sich auf diese Weise selbst frei, der Vollzug seiner Offenbarung wird dem Anspruch des Interpreten nach nur mitvollzogen, genauer gesagt nachvollzogen, da die Enthüllung primär, die Entdeckung sekundär ist, auch wenn sie gleich-zeitig sind. Das Sichenthüllenlassen des Grundes ist Bedingung der Möglichkeit seiner Enthüllung. Von daher zeigt sich, daß das Kantbuch wie behauptet, von der Seinsfrage her der Thematik von SZ zugewandt ist. Ein Jahr vor SZ, in der Kantvorlesung WS 27/28, stand noch die Überlieferung als solche im Mittelpunkt der Untersuchung, deren Grundlagen gesucht werden sollten.
Die Tendenz der Entwicklung hin zum Seinsbegriff der phase Heideggers wird noch deutliche, wenn man hinzunimmt, daß in der Logikvorlesung WS 25/26 wird Kants Philosophie lediglich als unausgegrabener Fundus an Erkenntnissen behandelt, dessen fundamentale Bedeutung noch nicht ausgewertet sei (vgl. 21, 194). Dabei werden die Gründe für Kants letztliches Versagen in seinen begrifflichen Fassungen und Unterscheidungen gesucht, die Aufdeckung des gemeinten geht klar von der eigenen Zeit-Konzeption aus, und wird argumentativ gegen andere Positionen dargestellt. Die hermeneutische Auffassung hat sich also von 1925-1929 von einer textorientierten historisch-argumenativen Darstellung über die Aufdeckung dedr leitenden Idee immer mehr zu einer das Sein selbst kundgebenden entwickelt.
Kantzitate Heideggers, die seine Interpretation tragen
S. 21, 26,
A 19 Primat der Anschauung: Denken als Mittel abzweckend 30 er Jahre: B 306 Vorrang der Anschauung!
S. 24, 25: B 71/72 Endlickeit
S. 48: A 33 Zeit
S.64ff: A76-79 Synthesis
S. 72ff: A 104 Horizont, Transzendenz Kant Gegennständlichkeit Knat stellt hier als erster die entscheidende Frage
8.1. Zur Textbasis Heideggers und zum philologischen Aspekt
1.Heidegger konzentriert sich ausschließlich auf Ästhetik und Logik der 1. Auflage der Kritik.
2. Die seine Interpretation tragenden Zitate sind spärlich. Viele betreffen kurze Definitionen oder gar äußere programmatische Äußerungen oder allgemeine Kommentare Kants zu seinem Werk oder kritische Äußerungen zu anderen Philosophien ("Kopernikanische Wendung", gegen Locke und Leibniz (A271); 3. Tragende Zitate sind eigentlich nur aus aus A 14, A 104, A 124 und dem Deduktionsteil entnommen. Bei ihrer Verwendung sind Heidegger aber ungewöhnlich viele Ungenauigkeiten unterlaufen, die interpretative Konsequenzen haben und die Einseitigkeit seiner Deutung aufweisen. Außerdem paßt seine Interpretation meist nicht zum näheren Textzusammenhang.
3.1 25, 82f;3, 21f) Das Zitat aus aus A 14 trägt die Fundamentalthese von der Dienststellung des Verstandes in Abhängigkeit von der Anschauung und ist auusdrücklich empfohlener Leitfaden Heideggers für alle Kantinterpretation : "Auf welche Art und durch welche Mittel ... A n s c h a u u n g. " Kants Satz bezieht eindeutig Erkenntnis und damit Denken als Satzsubjekt auf "Mittel" als Mittel der Erkenntnis zu ihrem Bezug auf Gegenstände: "Anschauung" ist also im letzten Satzteil als Mittel des Denkens zu seinem Zweck (der Gegenstandserkenntnis) zu verstehen, nicht aber umgekehrt das Denken als Mittel der Anschauung, auf welche Mittlerstellung das Denken selbst angeblich "abzweckte". Auf diesen letzteren Sinn, der auch ganz aus dem Zusammenhang des Zitates herausfällt, zweckt aber Heideggers Anführung dieser Stelle gerade ab, und auch hier, in der Philologie, erweist sich also die Anschauung als das Mittel (und Opfer) des Erkenntniswillens, der hier paradoxerweise darauf abzweckt, sich prinzipiell in den Dienst der Anschauung zu stellen, die er doch mißachtet. Im Anschluß an das Zitat fordert Heidegger den Leser auf: "Für alles Verständnis der Kritik muß man sich gleichsam einhämmern: Erkennen ist primär Anschauen." (3,21) Warum, wenn Kant es doch selbst gesagt hat?
3.2 Das Zitat aus A 104 trägt die These von den Gegenständen der Vorstellungen, nach der zu fragen für die Aufhellung der inneren Möglichkeit der ontologischen Erkenntnis entscheident ist: "Wir finden aber...bestimmt seien...". "was dawider ist" bedeutet in der Sprache Kants lediglich "wodurch verhindert wird". "Dawider" ist also einen Nebensatz einleitendes Pronominaladverb, nicht Teil eines transitiven trennbaren Verbes "dawiderstehen". Dies beweist auch - unabhängig von Kants Sprachgewohnheiten - der angeschlossene Daß-Satz.
Der Charakter der Notwendigkeit in der Gegenstandsbeziehung hat also -in der Äußerung Kants - nichts mit der "Widerständigkeit" des Gegenstandes im Gegenstehenlassen zu tun, das mehr mit seinem "Sichhineinhalten in das Nichts" (3, 72) zu tun hat, das dann vom Gegenstand negiert wird. Heidegger ereeicht mit seiner Fehlinterpretation, daß der Gegenstand in seiner wichtigsten Eigenschaft allein von der zeitbildenden Einbildungskraft her zu verstehen ist. Das ist auch vom unerwähnten Kontext des Zitates her völlig ausgeschlossen. Natürlich ist damit über den Sachgehalt von Heidegges Philosophieunabhängig von seinen prinzipiellen philosophie-geschichtlichen Bezügennoch nichts entschieden, obwohl ein richtiges Sachverständnis ein offenkundiges Sprachmißverständnis nicht rechtfertigen kann.
8.3. Phänomenologische Methode
8.4. Kantbild
8.2.2. Heideggers Umgang mit der Philologie als Konsequenz seiner Hermeneutik
8.2.3.
8.3. Phänomenologische Methode
Werkgeschichtliche Aspekte
Am Ende der Kantvorlesung vom WS 27/28 schreibt Heidegger: "Als ich vor einigen Jahren die "Kritik der reinen Vernunft" erneut studierte und sie gleichsam vor dem Hintergrund der Phänomenologie Husserls las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und Kant wurde mir zu einer wesentlichen Bestätigung der Richtigkeit des Weges auf dem ich suchte."(25, 431). Daraus ist zu schließen, daß die entscheidende Befassung Heideggers mit dem Schematismusproblem wohl zu Beginn der zwanziger Jahre stattfand; denn von einem eigenen Wege konnte in aller Deutlichkeit erst ab 1919 die Rede sein, 1925 liegt dann aber schon eine ausgefeilte Interpretation vor, die sich dann, stark gekürzt und im Hauptabschnitt abgebrochen, im Kantbuch von 1929 wiederfindet. Dazwischen liegt die programmatische Äußerung in SZ, die wohl schon 1926 verfaßt wurde:
"Der erste und Einzige, der sich eine Strecke untersuchenden Weges in der Richtung auf die Dimension der Temporalität (des philosophischen Zeitbegriffs im Unterschied zum vulgären des Alltagsverständnises, A.d.V.) bewegte, bzw. sich durch den Zwang der Phänomene selbst dahin drängen ließ, ist Kant. Wenn erst die Problematik der Temporalität fixiert ist, dann kann es gelingen der Schematismus-lehre Licht zu verschaffen. Auf diesem Wege läßt sich dann aber auch zeigen, warum für Kant dieses Gebiet in seinen eigentlichen Dimensionen und seiner zentralen ontologischen Funktion verschlossen bleiben mußte. (...) Wovor Kant hier (im Schematismuskapitel A.d.V.) gleichsam zurückweicht, das muß thematisch und grundsätzlich ans Licht gebracht werden, wenn anders der Ausdruck "Sein" einen ausweisbaren Sinn haben soll. Am Ende sind gerade die Phänomene, die unter dem Titel "Temporalität" herausgestellt werden, die geheimsten Urteile der "gemeinnen Vernunft", als deren Analytik Kant das Geschäft der Philosophen bestimmt." (2,23).
Kant habe sich in der Tradition Descartes und weiter, der Griechen, stehend, "trotz der Rücknahme dieses Phänomens in das Subjekt" am vulgären Zeitverständnis orientiert, weil er die Seinsfrage und die Analytik de
Subjektivität versäumt habe; der Zusammenhang zwischen der Zeit und dem "ich denke" sei noch nicht einmal zum Problem geworden. Immerhin wird Kant gegenüber Hegel der Vorzug gegeben, da bei ihm "ein radikaleres Verständnis der Zeit aufbricht", die Zeit zwar subjektiv, aber unverbunden neben dem "ich denke" stehe (2,427).
Heideggers Auffassung vom Zugang zum Denkenin seiner Geschichtlichjkeit
Die häufigsten Vorwürfe an Heideggers Kantdeutung sind folgende 1. Sie ist gewaltsam, in sofern sie etwas in den Text hineinlegt, was nicht darin liegt.
2. Sie befaßt sich nur mit einem Ausschnitt des Werkes Kants. 3.
Die Auseinandersetzung mit der Kulturphilosophie Cassirers gehört zu den wichtigen verdeckten Aspekten der Kantdeutung Heideggers, auf dienicht
nnäher eingegangen werden kann. Heidegger hatte zu Cs Hauptwerk "Philosophie der symbolischen Formen" eine ausführliche Rezension (zum zweiten Teil) verfaßt. In dieser geht er besonders kritisch auf den eigentlich unphilosophischen kulturphilosophischen Aspekt von Cassirers Untersuchung ein, der einer ontologischen Fundierung bedürfe. Von daher sind alle häufigen kritischen Darstellungen der Kulturphilosophie im Kantbuch erst recht zu verstehen. Es wird auch C sein, der die erste große Rezension des Kantbuchs schreiben wird, deren Kritik Heidegger bis in die 30er Jahre hinein beschäftigen wird. Wichtig ist auch, daß die Disputation zwischen H. und C. der Abfassung des Kantbuchs unmittelbar vorausging. Die Disputation zeigt in einer eindrucksvolleren und prägnanteren Form als das Kantbuch, was Heideggers Kantdeutung für die Philosophie der Zeit bedeutete und wie wenig die Vertreter der herkömmlichen Kantauffassung in der Lage und willens waren, auf die Herausforderung Heideggers adäquat, nämlich geistig kämpfend, zu reagieren. Am wichtigsten ist die Disputation aber als Ergänzung zum Kantbuch, weil hier bei Kenntnis der unterschiedlichen Biografien und der Zeitgeschichte die unterschiedlichen Auffassungen und Darstellungsweisen ihren Bezug zur politischen und gesellschaftlichen Lebensform erhalten. Auf der einen Seite steht der typische "gelehrte Professor" der Weimarer Republik: der liberale, urbane, aristokratische Vertreter "unseres" humanistischen Bildungsideals, dem Zitate Goethes und Schillers fast schon die Argumente ersetzen und der vom Elfenbeinturm des Kulturforschers herab die "symbolischen Formen" der Wirklichkeit innerlich unbeteiligt beschreibt und in der Distanz ästhetisch genießt; auf der anderen Seite der Gegner und spätere Gehilfe bei der Zerstörung der Republik: der radikale bodenständige Verkünder der Geworfenheit des Daseins in seine schicksalhafte Faktizität, dem die Philosophie die Aufgabe hat, den Menschen "zurückzuwerfen in die Härte seines Schicksals" (3,291), und der wohl auch in Cassirers Denken nur den "faulen Aspekt eines Menschen" sieht, "der bloß die Werke des Geistes benutzt." (3, 291) "Disputation" dürfte dieses Hochschulgespräch schon deswegen nicht heißen, weil außer Standpunktsvertretungen vor allem seitens Cassirers eine wirkliche Auseinandersetzung vermieden wird. Es ist Cassirer, der -pikanterweise unter hegelianisierendem Hinweis auf die Sprache als Medium des "objektiven Geistes", "durch die wir uns doch verstehen" (vgl. 3,293) - den Versuch, Heidegger zu überzeugen, von sich weist (3, 292), "da mit logischen Argumenten wenig auszurichten ist". Es gehe ihm nur darum sich "seine Position verständlich (zu) machen". Und dies, obwohl er weiß, daß Heidegger immerhin die "Sittlichkeit als Übergang zu einem mundus intelligibilis" und damit die Möglichkeit der Freiheit als einer praktisch vernünftigen Selbstbestimmung radikal verneint (vgl. 3, 276), einer Auffassung, an der nicht zuletzt das Selbstverständnis derselben republikanischen Staatsform hing, die zu vertreten Cs ureigenstes Existenzinteresse hätte sein müssen, wie seine spätere Verfolgung (durch Menschen wie Heidegger) zeigt, der er durch Emigration entfliehen konnte. Besonders tragikomisch ist der Versuch Cs das Gespräch auf die Verlautbarung von "Standpunkten" zu reduzieren, indem er Fichtes berühmtes Diktum zitiert, was für eine Philosophie man wähle, hänge davon ab, was für ein Mensch man ist (3,292). Als ob es gerade Fichte um die Beliebigkeit der Meinungen gegangen wäre. Die Disputation zeigt so die Bedeutung des philosophischen Denkens "für den
außerakademischen Bereich" und ist ein Lehrstück auch für die fatalen Folgen einer lebensfernen geistesaristokratischen Überheblichkeit, die nicht fähig ist, Denken als existenzielle Herausforderung ernst zu nehmen, für die Cassirer nur ein Beispiel ist. Heidegger hatte also in gewissem Sinne recht, als er die Zuhörer zum Abschluß darauf hinwies, daß das "was Sie hier in einem kleinen Ausmaß sehen, der Unterschied der philosophierenden Menschen in der Einheit der Problematik, daß das im Großen sich noch ganz anders ausdrückt...". (3, 296).
Versicherung
Hiermit versichere ich, daß ich, daß ich die vorliegende Arbeit selbständig verfaßt und keine anderen Hilfsmittel als die angegebenen benutzt habe. Alle Stellen der Arbeit, die dem Wortlaut oder dem Sinn nach entlehnt sind, habe ich kenntlich gemacht. Ich versichere außerdem, daß die Arbeit noch nicht in dieser oder anderer Form an irgendeiner Stelle als Prüfungsleistung vorgelegt wurde.
Mainz, 24.11.93
P.S.
Ich erlaube mit außerdem, darauf hinzuweisen, daß die Arbeit wirklich innerhalb der angegebenen Frist verfaßt wurde, auch wenn ich mich schon vorher im Rahmen zweier Seminare zu Heideggrs Kantbuch und zur Davoser Disputation mit Aspekten des Themas beschäftigt habe.
Die Nichteinhaltung der Frist ist heute zur Regel geworden und führt zu einer ungerechten Verzerrung der Erwartungen, Ansprüche und Leistungsmaßstäbe. Beides trägt auch zu einer Verlängerung der Studiendauer bei.
ANMERKUNGEN
1 vgl. Camartin, Iso: Kants Schematismuslehre und ihre Transformation beim frühen Fichte. Zur Ausformung des Identitätsgedankens. Dissertation Regensburg 1971. Wie weit die Fichte-Interpretation sich Heidegger annähern kann, zeigen die Fichte-Interpretationen der Schüler des Heideggerschülers Volkmann-Schluck, Köln, W. Janke und G. Schulte. Wie produktiv Fichtes Philosophie, allerdings in schärfstem Gegensatz zu Heidegger, noch heute ist,
zeigen übrigens die Münchner Neofichteaner um Reinhart Lauth, dessen Zeitanalyse meinem Verständnis sehr geholfen hat.
2 Interessant im Vergleich zu Heideggers Sprachdenken ist besonders die an Hölderlin erinnernde musikalische Poesieauffassung des Novalis sowie seine nichttradische Semiotik, in der das Zeichen, besser "Hieroglyphe" zum Ausdruck des Unaussprechlichen wird. Wie überraschend nah Novalis trotz seiner frühidealistisch-schellingianischen Grenzen der Auffassung Heideggers von Sein, Dasein und Seiendem kommt, mögen die folgenden Zitate der Fichtestudien zeigen. Der Kursivdruck stammt von Novalis, derFettdruck dient der Hervorhebung des mir wichtig Erscheinenden.
"Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge. (Vermischte Bemerkungen Nr 1)
In: Novalis: Fragmente und Studien. Die Christenheit uund Europa. Herausgegeben von C. Paschek. Stuttgart 1984.
"Was für eine Beziehung ist das Wissen? Es ist ein Seyn außer dem Seyn, das doch im Seyn ist. (...) Das Bewußtseyn ist ein Seyn außer dem Seyn im Seyn." "Wissen kommt her von Was - es bezieht sich allemal auf ein was - Es ist eine Beziehung auf das Seyn, im bestimmten Seyn überhaupt nemlich im Ich." (Fichte-Studien, Fragment Nr 2; Hervorhebung von mir, M.G.)). "Das Außer dem Seyn muß kein rechtes Seyn seyn. Ein unrechtes Seyn außer dem Seyn ist ein Bild - also muß jenes außer dem Seyn ein Bild des Seyns im Seyn seyn. D/as/ Bewußtseyn ist folglich ein Bild des Seyns im Seyn." (loc.cit.).
"Es (das Subjekt, M.G.) ist wo? Zeit und Raum. (...). Die Beziehung aufs reine Ich muß, weil das reine Ich ein bloß Getrenntes ist, Ein Getrenntsein mittelst eines Verbundenseyns, die Beziehung aufs Getheilte Ich muß, weil das getheilte Ich e in bloß Verbundenes ist, Ein Verbundenseyn durch ein Getrenntseyn seyn. Das Getrennte im Verbundenen ist Raum - das Verbundene im Getrennten Zeit." (Fichte-Studien, Fragment Nr. 48) Vgl. Novalis Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, herausgegeben von Paul Kluckhohn und Richard Samuel unmter Mitarbeit von Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. 2. erg., verb. u. erw. Aufl. Stuttgart 1960-1975. Band 2: Das philosophische Werk I. 1965. 3. verb. Aufl. 1981..
3 Transzendentalphilosophie wird hier nicht verstanden als die spezifische Ausprägung, die Kant ihr gegeben hat, sondern in dem weiteren Sinn, wie er in SEEBOHM Bedingungen der Möglichkeit einer Transzendentalphilosophie 1962, Bonn 1962, bsd. 21-38. Insofern ich aber auch Heideggers Denken selbst von diesem Verständnis her verstehe, bin ich auch dem Intrepretationsansatz von Walter Schulz verbunden, der Heideggers Seinslehre im Anschluß an das gleichgestimmte metaphysische Denken der Tradition und letztlich sogar als eine säkularisierte Form der christlichen Bekehrung darstellt. vgl. SCHULZ 1957, 54f. Heidegger hat solche Ansätze allerdings immer vehement verworfen, auch wenn er in anderem Sinne sein Denken immer in Auseinandersetzung mit dieser philosophisch-theologischen Tradition entwickelte. Sein Kantbuch stellt Heideggers engste Annäherung an das transzendentalphilosophische Denken
Kants dar, seine Philosophie bis zu den 30erJahren ist eine Radikalisierung des i.w.S. transzendentalphilosophischen Denkens der Phänomenologie Husserls, erst das radikale Seinsdenken Heideggers in seiner deutlichen Ausprägung des Spätwerks kann so nicht mehr bestimmt werden, da es nicht mehr philosophisch ist und sein will.
4
, Das übliche auf die fundamentalontologisch-daseinsanalytische Hermeneutik in SZ fixierte, also von dem Grundriß dreier regionaler Ontologien: des Zuhandenen, des Vorhandenen, und des Daseins in seiner zeitlich-extatischen Sorge-Struktur ausgehende Verständnis Heideggers, verfehlt meist psychologisch die ontologische Aussagebene (besonders abschreckendes Beispiel: Binswanger) und die leitende Seinsfrage im Hintergrund der Darstellung. Das vom Seyns-Denken Heideggers ausgehende Verständnis überhebt sich dagegen meist über die gründliche Befassung der geschichtlichen Ursprünge von Heideggers Denken.
Arbeit zitieren:
Martin Gabel, 1993, Heideggers Deutung des transzendentalen Schematismus in Kants Kritik der reinen Vernunft, München, GRIN Verlag GmbH
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