4.3 CATO ODER DER UNTERGANG DES TUGENDHAFTEN AUS EIGENSINN
UND DURCH FALSCHE VORSTELLUNG
4.3.1 Die dargestellte und berichtete Handlung
4.3.2 Die berichteten und geäußerten Motive Catos
4.3.3 Die theoretischen Reflexionen über Tugend und Affekte
4.4 CÄSAR ODER DIE VERSCHLEIERUNG DES LASTERS DURCH SCHEINBARE
TUGEND
4.4.1 Dargestellte und berichtete Handlung
4.4.2 Motive Cäsars
4.4.3 Theoretische Reflexionen
5. GOTTSCHEDS INTERPRETATION DES DRAMAS UND DES HISTORISCHEN
CATO HINSICHTLICH TUGEND UND AFFEKTEN
5.1 Die Vorrede zum "Sterbenden Cato" (in der Erstausgabe)
5.2 Die "Bescheidene Antwort" auf die erfahrene Kritik (1733 erschienen)
5.3 Die Catorede (1736 gedruckt)
6. DAS VERHÄLTNIS VON DRAMATISCHER GESTALTUNG, THEORIE UND
EIGENINTERPRETATION
7. ZUSAMMENFASSUNG
8. ANMERKUNGEN
9. LITERATURVERZEICHNIS UND ABKÜRZUNGEN
1. UNTERSUCHUNGSANSATZ: PHILOSOPHIE UND POETIK ALS GRUNDLAGE DER
GESTALTUNG DES DRAMAS
Über den Ausgangspunkt der deutschen Ästhetik in der Aufklärung schreibt Ernst Cassirer:
"Zum erstenmal stellt sich jetzt die gesamte Problematik des Ästhetischen unter die Leitung
und gewissermaßen unter die Obhut der s y s t e m a- t i s c h e n P h i l o s o p h i e" (1); und
Karl Otto Conrady gibt in seinem Aufsatz über Gottscheds "Sterbenden Cato"
dementsprechend das Leitziel der Interpretation an: "Erst wenn der bei Gottsched bis ins
Paradoxe hinein konsequente Folgezusammenhang zwischen philosophischem Weltbild,
Literaturtheorie und Einzelwerk sichtbar gemacht wird, rückt auch das Drama vom
"Sterbenden Cato" in die richtige Sicht" (2).
Diesen Folgezusammenhang suche ich in Gottscheds Mustertragödie hinsichtlich der
dramatischen Gestaltung von Tugend und Affekten deutlich zu machen, indem ich zunächst
von dem grundlegenden leibniz-wolffschen Denksystem ausgehend zur dem Prinzip der
Wirkung verpflichteten und insofern rhetorisch geprägten Poetik Gottscheds weiterschreite,
um von dem so erst zu gewinnenden begrifflichen Horizont aus die Gestaltung von Tugend
und Affekten im Trauerspiel deutlich machen und einer kritischen Prüfung hinsichtlich der
Frage nach dem Verhältnis von Theorie und dramatischer Praxis unterziehen zu können.
Auf diese Weise soll deutlich werden, daß schon in der philosophischen Grundlage ein
zentraler Bruchpunkt liegt, dessen Ausläufer durch die Poetik, das Drama selbst und alle
interpretativen Äußerungen hindurchwirken und auch die Fehlrezeption der antiken Poetik
erklären. Dieser Bruchpunkt liegt in der logischen Identifizierung von Natur und Vernunft
und dem daraus folgenden Erfolgskriterium des moralischen Handelns. Tragik im antiken
oder christlichen Sinne ist vor dem Hintergrunde dieses Verständnisses nicht möglich. Moral
als eigenständiger Bereich im Gegensatz zum technischen Handeln ist streng genommen
überhaupt nicht existent.
Wegen der heute weitgehend unbekannten und auch in der Sekundärliteratur allzu
oberflächlich abgehandelten Philosophie der Frühaufklärung und ihres fundamentalen
Charakters für eine dem Zeitgeist entsprechende Dramenanalyse wurde die Darstellung der
philosophische Grundlage und der Poetik ausführlicher gehalten, als bei einer reinen
Dramenanalyse zu erwarten wäre. Bei der Dramenanalyse genügt dann meist der einfache
Verweis, ohne in weitschweifigen Erörterungen den wesentlichen systematischen
Zusammenhang erst herstellen zu müssen. Dieses Vorgehen entspricht gerade auch
Gottscheds ausgesprochener und prinzipiell begründeter Intention zur Konzeption des
Dramas: einen bestimmten rational begründeten geistig-moralischen Gehalt poetisch wirksam
zu machen. Dieser Gehalt wird hier also auch in seiner abstrakten Isoliertheit allein im
systematischen Zusammenhang der Theorie dargestellt, bevor seine Anwendung und
Exemplifizierung untersucht wird. Gerade die Abweichungen des Textes von den
Theoriekonzepten werden dadurch deutlicher.
Mit diesem Ansatz stelle ich mich in einen gewissen Gegensatz zu Untersuchungen, die
vorwiegend literatur-historischen "Zusammenhängen" nachforschen und von da aus das Werk
als Text in der Geschichte von Texten meist nach dem naiven Analogieprinzip interpretieren:
"Es gab x vorher schon, folglich steht der Verfasser in einem (womöglich bewußten)
Traditionsverhältnis" (3). Hier dagegen wird von der ausdrücklichen Intention und dem
Verständnis Gottscheds als Vertreter eines aufklärerischen Programms ausgegangen: Die
"critische" Poetik wird als Versuch einer systematischen Folgerung und Anwendung
philosophischer Prinzipien aufgenommen und das Drama als Exempel und Muster analysiert
und verglichen. Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit heißt demnach: Welche
Auffassungen der philosophischen und poetischen Theorie wollte Gottsched in seiner
Mustertragödie hinsichtlich der Darstellung von Tugend und Affekten zum Ausdruck bringen
und inwieweit ist ihm dies gelungen? Ich glaube, daß das Resultat der Arbeit den gegangenen
Weg gegenüber den traditionelleren literaturhistorischen Verfahren rechtfertigt, insofern er zu
einem tieferen Begreifen und nicht nur Anempfinden von Gottscheds Drama führt.
Trotz des seinem Anspruch nach systematisch- rationalistischen Ausgangspunktes der
aufklärerischen Ästhetik und Poetik Gottscheds, dem die Arbeit kritisch nachfolgt, soll das
faktische, meist unbewußte Weiterwirken der Tradition nicht geleugnet werden. Gottscheds
Haltung der Tradition gegenüber ist ambivalent, insofern sich zwei Intentionen überlagern:
Elemente zum Beispiel der rhetorischen, poetischen und literarischen Tradition werden - oft
mehr unbewußt als bewußt - fortgeführt, andrerseits wird die Eigenständigkeit der Poesie im
systematischen Zusammenhang der rationalis-tischen Philosophie neu zu begründen versucht
(4). Gerade an der Analyse des Dramas zeigt sich diese Ambivalenz, insofern der Stoff und
seine Darstellung eher dem barocken Märtyrterdrama entspricht (5), die antikisierende Form
des Dramas dagegen dem antiken Begriff von Tragik, während das poetologisch-poetische
Ziel und die Interpretation von Form und Inhalt im Widerspruch dazu ganz dem
rationalistischen Ansatz Gottscheds verpflichtet sind.
Andererseits werden im Bereich der Theorie selbst aufgrund einer Neubewertung der
schöpferischen Einbildungskraft erstmals gegenüber der herkömmlichen rationalistischen
Philosophie Poetik und Poesie im großen Stile ausgeführt und aufgewertet (6), weswegen
Gottsched schon in der theoretischen Grundlage seines Werks eine Gestalt der Übergangszeit
darstellt, wenn er auch im ganzen ein typischer Vertreter dieser Epoche bleibt. Für die
spezielle Interpretation des Cato spielt dieser Aspekt aber keine besondere Rolle.
Die gesellschaftlichen Bedingungen der Anschauungen Gottscheds müssen leider
unberücksichtigt bleiben, obwohl auch und gerade in Gottscheds zum Teil gerade staats- und
gesellschaftsbezogenem Affekt- und Tugendsystem in Philosophie, Poetik und
Dramengestaltung eine "strategische Struktur" sichtbar gemacht werden kann, die dem
Aufbau der Poesie als bürgerlichem Institut der Aufklärung dient, zeitgenössische
Oppositionssysteme durch Assimilation entkräftet, neue Beziehungen zwischen Produzenten
und Publikum schafft und ein neues Funktionsmodell der literarischen Kritik etablieren hilft
(7).
Das systematische Verhältnis von Rhetorik und Poetik wird ebenfalls nur am Rande erwähnt,
da die Redelehre trotz der zentralen Stellung der Tugend- und Affektenlehre für die
Dramenanalyse weniger bedeutsam ist.
2. DIE PHILOSOPHISCH-SYSTEMATISCHE TUGEND- UND AFFEKTENLEHRE
GOTTSCHEDS
2.1 Zur historischen Stellung der Philosophie Gottscheds (8)
Wie Joachim Birke in seinen Untersuchungen herausgearbeitet hat (9), ist Gottscheds
philosophisches Werk im wesentlichen eine gestraffte und ungekünstelte Darstellung
philosophischer Lehrsätze Christian Wolffs (1679-1754), des bis zu Kant die deutschen
Universitäten beherrschenden Schulphilosophen (10), die wiederum weitgehend eine um
wesentliche Inhalte verkürzte, verflachende, aber streng syllogistisch aufgebaute
Systematisierung und Ausweitung philosophischer Darlegungen von Leibniz (1646-1716)
darstellen. Leibniz kann als eigentlicher Begründer der neueren deutschen Philosophie in der
Tradition vor allem der großen französischen Denker des Rationalismus gelten, durch dessen
Denken die theologische Denkform der scholastische Tradition abgewiesen und zugunsten
eines an dem Erkenntnisvorbild der Mathematik orientierten logisch-systematischen Denken
aufgegeben wird, das seine Gewißheit nicht mehr in erster Linie aus göttlicher Offenbarung,
sondern aus apriorisch gewiß erscheinenden Vernunftideen und Prinzipien sowie der
"unmittelbaren" Beobachtung der Natur gewinnt, wobei das Erlebnis der Übereinstimmung
zwischen Vernunft und Erfahrung zu ihrer empiristischen (Locke) oder rationalistischen
(Spinoza) Identifizierung durch Reduktion führen kann, oder zu einer Identifizierung, bei der
zwei Aspekte (Theorie und Praxis) als traditionell getrennte Bereiche erhalten bleiben (Wolff,
Gottsched).
Tugend und Affekte werden im Zusammenhang dieser neuen Naturauffassung rationalistisch,
mechanistisch und teleolo-gisch interpretiert. Der christlich-geistliche Gehalt der früheren
spirituell jenseitsorientierten, der Natur als eigen-ständiger Größe eher skeptisch
gegenüberstehenden Haltungs- und Gesinnungsethik mit ihrem Schwerpunkt auf Prüfung und
Gnade, hat sich verflüchtigt und lebt meist nur äußerlich im abstrakten Lob der religiös
verbrämten "Tugend" weiter, die technizistisch und ökonomistisch unter dem Gesichtspunkt
subjektiver langfristiger Bedürfnisbefriedigung in ein Vehikel des bürgerlichen `Wohlfahrts'strebens verwandelt wurde. Damit folgt dieses Denken einer Tendenz, die bereits in der Spätscholastik zum Ausdruck und mit der Renaissance und dem Humanismus in Italien zum
Durchbruch kam: Orientierung an der menschlichen Vernunfterkenntnis, der experimentellen
Natur-beobachtung und an der systematisch-mathematischen Begrün-dungsmethode der
Naturwissenschaften: Der Mensch als "geis-tiges" Ding unter Dingen: "matter in motion"
(Hobbes).
Die deutsche Aufklärung, die im Gegensatz zur französischen eher religionsfreundlich, im
Gegensatz zur englischen weniger empiristisch als rationalistisch blieb, steht im Ganzen
gesehen hinter den Nachbarländern in einer gewissen provinziellen Hausbäckigkeit zurück,
für die Gottscheds erfolgreiches philosophisches Lehrbuch, dessen Inhalt im Folgenden
dargestellt wird, repräsentativ ist.
2.2 Übersicht über die Lehre von Tugend und Affekt im
Brennpunkt der philosophischen Systematik Gottscheds
Gottscheds Tugend- und Affektenlehre ist dem Geist der deutschen Aufklärung entsprechend
in ein dem Anspruch nach lückenloses System eingebaut, eine Ordnung also, in der jedes
Element einen bestimmten Platz hat, der seiner Funktion im Ganzen entspricht, und mit allen
anderen Elementen oder Aspekten in einem Begründungs- und Ableitungszusammenhang
steht.
Außerdem - und dies ist der Grund der folgenden ausführlichen Darstellung - erstreckt sich
die theoretische Affekten- und Tugendlehre von der Philosophie als grundlegender
Universalwissenschaft ausgehend nach dem Prinzip der Systematik weiter auf sämtliche
anderen theoretischen und praktischen Gebiete des menschlichen Denkens und Handelns. So
gesehen ist es gerade für das Verständnis des zentralen Aspektes einer zumal als Vorbild
konzipierten praktisch-poetischen Hervorbringung Gottscheds, der Tugenden und Affekte im
"Sterbenden Cato", unabdingbar, das philosophisch-poetologische Gesamtsystem
darzustellen, in dessen und durch dessen Wechselbezüglichkeiten diese Aspekte erst ihren
vollen Bedeutungsgehalt bekommen.
Gottsched versteht übereinstimmend mit Leibniz (EG I, & 1) Philosophie als die dem
natürlichen affektiven Glücksstreben des Menschen entsprechende (EG I, & 16), zum guten
und daher erfolgreichen praktischen Handeln anleitende ("geschäftige und thätige" (EG I, &
5)) Wissenschaft der Glückseligkeit (EG I, & 1). Diese Glückseligkeit, die in fortwährendem
Vergnügen (EG I, & 2) aus dem Genusse von Vollkommenheiten besteht (EG I, & 5), kann
der zeitlich-endlichen Natur des Menschen ent-sprechend nur unvollkommen sein (EG I, &
3). Als Vollkom-menheit wird dabei das verstanden, was dem Zweck der Natur und damit den
menschlichen Bedürfnissen voll entspricht. Die Wissenschaft von der Glückseligkeit strebt
nach unwider-sprechlich gewissem Wissen von ihr (EG I, & 4), weil das Wissen die
Handlungen der Menschen leitet. Wegen ihres Charakters universaler und fundamentaler
Gewißheit und Nützlichkeit enthält sie auch die Anfangsgründe aller übrigen Künste
(besonders hervorgehoben hinsichtlich der Dichtkunst) und Wissenschaften (z.B. der Poetik)
(EG I, & 15), die auf einzelnen Gebieten des menschlichen Handelns und Denkens
unmittelbar und/oder als Mittel demselben naturgesetzlich vorbestimmten Ziel der
Glückseligkeit dienen wie die Philosophie auch, von der also alle Wissenschaften und Künste
abgeleitet sind und auch weiter abhängig bleiben, insofern sie in allen Fragen des Erkennens,
Urteilens und Handelns auf die Philosophie zurückgreifen müssen. Nur das vollkommene
Wissen um die wirklichen Vollkommenheiten ließe den Menschen in seinem natürlichen
Glücksbegehren auch die wahren und deshalb beständigen, weil wirklichen
Vollkommenheiten und damit Glückseligkeiten finden (EG I, & 6).
Daher beginnt Philosophie, die zwei Hauptteile besitzt: erstens, Wissen davon, wie man das
glücklich (=tugendhaft) machende erkennt (Theoretische Philosophie) und zweitens Wissen
davon, wie man Glückseligkeit praktisch erwirbt (Praktische Philosophie), mit der
Theoretischen Philosophie (EG I, & 6) und hier wieder charakteristischerweise mit der
Theorie des Erkenntnisvermögens (Logik oder Vernunftlehre (EG I, & 7)) und der Theorie
der Prinzipien der Erkenntnis (Metaphysik (EG I, & 8)) welche auch die Erkenntnis der
Gesetzlichkeit des Weltganzen (Kosmologie (EG I, & 9)) in sich begreift. Diese
Gesetzlichkeit wird in der Physik als der Lehre von einzelnen Naturbereichen, in der
Mathematik als einer der Meß- und Rechengenauigkeit dienenden Nebenwis-senschaft der
Naturlehre und in der Seelen-oder Geisterlehre in zwei Teilen näher angegeben: der Lehre
von der mensch-lichen Seele, zu der auch die im weiteren wichtige theoretische Affektenlehre
gehört und die natürliche Gottes-lehre, die den Grund des Charakters der geistig-sittlichen
Notwendigkeit der anzustrebenden, Glück verheißenden Vollkom-menheiten in Gottes
unendlich vernünftigen Schöpferwillen aufsucht (EG I, && 10-14). Dieser Aspekt der
göttlichen Herrschaft wird im Drama von Cato in meist treffender, von Cäsar in zweifelhafter
und Pharnaces in verdrehter Weise angesprochen.
Schon in der theoretische Grundlage läßt Gottsched erkennen, daß in seiner Philosophie der
Primat des naturhaften Begierdewillens gilt, eines Willens, der zu seiner Selbstverwirklichung strebt, wobei die Vernunft als Organ der Selbst- und Welterkenntnis nur dem
bewußten Ausdruck dieses Strebens dient, insofern sich der invdividuell-endliche
Begierdewille in seiner naturhaften Vernünftigkeit seiner bleibenden Identität im Streben
nach seinem Wesensziele versichert und steuert. Dies wird noch deutlicher in der praktischen
Glückseligkeitslehre (EG II).
Hier sollen die aus den rechten Anschauungen folgenden und somit selbst rechten
Handlungen angegeben werden, und zwar zunächst wieder im abstrakt-allgemeinen Sinn
(allgemeine Sittenlehre), wobei geklärt wird, was Handlungen, die Verbindlichkeit der
moralischen Naturgesetze, Tugend und Laster, Glückseligkeit und Mittel zum Glück,
Gewissen, Bekehrung und Buße bedeuten; daneben wird Charakterkunde geboten (VII.
Hauptstück) und Anleitung zur Beständigkeit im Guten (VIII. Hauptstück) gegeben. Dieses
letzte Kapitel enthält auch eine ausführlich moralisch begründete Empfehlung der Poesie (EG
I, & 164).
Neben diesem allgemeinen Teil der Sittenlehre stehen als einzelne Bereiche die Pflichtenlehre
für den Einzelmenschen, die Pflichtenlehre des Staatsbürgers, zu der die Pflicht zur Förderung
fremder Glückseligkeit (Nächstenliebe, aufklärerisch gesehen) gehört, weiter die
Tugendlehre, die Lehre der rechten philosophischen Frömmigkeit und die Staatslehre als
Überbegriff der Lehre vom rechten Haushalten (Eheschließung, Kinderzucht, Regierung des
ganzen Hauses) und von der rechten Regierung (Mit der Überschrift "Von der Herrschsucht"
betont Gottsched die Mängel und Laster des Regierens, obwohl er darauf nicht weiter eingeht)
(11).
Als letzter Maßstab dieses primär praktisch orientierten Denkens muß der E r f o l g des schon
oben beschriebenen nach Selbstverwirklichung strebenden Willens im äußeren Handlungseffekt gelten, da seine Basis nicht in einer weltfremd abstrakten Geisterwelt, sondern in der
gesetzlichen Natur dieser Welt selbst liegt.
Das unvermeidliche Leid und die Unvollkommenheiten des Menschen und der Welt werden
der Weisheit des Schöpfers dieser besten aller möglichen Welten zugeschrieben (EG I &
1156ff), da das Böse entweder in der notwendigen sinnlich-leiblichen Endlichkeit alles
Geschaffenen (metaphysisches und physi-kalisches Böses) liegt (z.B. gerade in der
Endlichkeit des sinnlich abhängigen Verstandes und damit des guten Willens) oder in der
davon abgeleiteten Bosheit im Handeln aufgrund schlechter Einsicht (moralisches Böses).
Gott läßt das Böse zu und lenkt es im Sinne des Fortschritts mit der Zeit durch seine
Vorsehung zum Guten. Gott läßt keinen redlichen Bürger elend und keinen boshaften
glücklich werden (& 1172). Catos und Cäsars Schicksal können dies im Drama, wie deutlich
zu machen sein wird, nicht plausibel machen. Auch ist die Feststellung von unvermeidbarem
Leid und ihre Abgrenzung zur persönlichen Verfehlung unmöglich, da ja die mangelnde
Erkenntnis, die zur Verfehlung führt, selbst metaphysisch notwendig ist. Insofern kann von
Schuld im eigentlichen Sinne ebensowenig die Rede sein wie bei dem Versagen einer
Maschine.
Aus dieser Lehre vom Bösen ist ersichtlich, daß Gottscheds Theorie wie die von Leibniz
deterministisch im Sinne der protestantischen Prädestinationslehre Luthers ist (vgl EG I,
&1165): Der Mensch ist aufgrund seiner metaphysisch-natürlichen Endlichkeit zwar wahlfrei,
genauer gesagt sogar zur Wahl gezwungen, aber nicht willensfrei.
Diejenigen, die in ihrem Leben nicht die Belohnungen aller ihrer Tugend empfangen haben,
werden sie nach dem Tode reichlich "ersetzt" bekommen (& 1183). Dieser Fall wird aber für
eher selten gehalten, weil er der Harmonie von Vernunft und Natur widerspricht. Es darf
hierin nur eine schöpfungs-notwendige Unvollkommenheit liegen, die der Weisheit des
Schöpfers entsprechend kleinstmöglich zu denken ist. Die Regel ist demnach die
weitestgehende Gerechtigkeit schon in dieser Welt. Das dargestellte Schicksal Catos und der
Erfolg Cäsars läßt, wie später ausgeführt, an dieser Auffassung Zweifel aufkommen.
2.3 Nähere Analyse von Tugend und Affekten
"Affekten" definiert Gottsched (EG I,& 963) als "einen heftigen Grad der sinnlichen
Begierde, oder des sinnlichen Abscheues." Als Synonyme nennt er "Gemüthsbewegung" und
"Leidenschaften", wobei er Leidenschaft als Übersetzung des lateinischen Wortes "passio"
versteht und demgemäß als Leiden des Gemüts auffaßt (12). Die Affekte entstehen aus
undeut-lichen verwirrten Vorstellungen und überhitzten Leiden-schaften, die zum einen als
Mitursache, zum andern als Folge der falschen Vorstellungen betrachtet werden. Dieser
Charakter der "Überhitztheit" wird auch im Drama bei der Beschreibung von Lastern immer
betont: Der Lasterhafte "wütet" und tobt (Bsp. Pharnaces). Wichtig für das Drama ist dabei
auch die Hervorhebung des Suchtcharakters der Leidenschaften: Herrschsucht, Ehrsucht. Zu
Schwierigkeiten führt diese Auffassung jedoch bei der Erklärung der Gelassenheit Cäsars und
der Standhaftigkeit Catos. Der Unterschied zwischen richtig und falsch bei der Handlung soll
in der Intensität der Gefühle liegen, die der Vernunftkanalisierung entspricht: Das schlechte
Ziel ist als schlechtes im Grunde nicht befreiend für das Gefühl, sondern hemmend und
stauend. Der Affekt konzentriert sich, weil er sich nicht in die richtige Richtung entladen kann
und entlädt sich kurzfristig explosiv in eine falsche, weil durch den benebelten Verstand
scheinbar Erfolg versprechende falsche Handlungsrichtung. Die Auffassung der Häßlichkeit
als Kontorsion, Grimasse etc. entspricht im körperlichen Ausdruck diesen Vorstellungen. Die
Ablehnung des Häßlichen in der drastischen Komik des Harlekin ist ein Beispiel für die
Folgen dieser Auffassungen für Gottscheds Kunsttheorie. Gesetzlichkeit und Vollkommenheit
werden dement-sprechend von Gottsched theoretisch auch als Wesen der Schönheit erklärt.
Im Drama erscheinen Cato und Cäsar in diesem Sinne eher als schön, obwohl sie doch in ihrer
Leidenschaftlichkeit häßlich sein müßten. Die Wirkung des Dramas auf das Publikum und die
Kritiker entsprechen dieser Darstellung.
Tugend definiert Gottsched (EG II, & 50) als "Fertigkeit, seine Handlungen nach dem
Gesetze der Natur einzurichten (im Original gesperrt gedruckt, A.d.V.)". Das Gesetz der
Natur "gebietet" (Gesetz=Gebot!), nach der Vollkommenheit überhaupt zu streben, sie bei
anderen zu befördern, und in allen seinen Handlungen eine Übereinstimmung zu beobachten.
Das Gegenteil der Tugend ist das Laster.
Die Beweggründe (Motive) zum tugendhaften Handeln werden in der Tugendlehre
abgehandelt (EG II, & 434). Hindernisse der Tugend sind Mangel an Erkenntnis der wahren
Natur der Tugend (EG II, & 440) und "die Gewalt der sinnlichen Begierden und
Leidenschaften, welche mit Vernunft allezeit streiten, und mehrentheils die Oberhand
behalten (EG I, & 983, II& 441)".
Dieses Hindernis wird aus dem Weg geräumt, indem man die Affekte so zu regieren lernt, daß
sie "mit dem freyen Willen, und also auch mit den Aussprüchen der gesunden Vernunft
übereinstimmen".
Für die Tugend- und Affektenlehre charakteristisch ist die Unterscheidung von Schein und
Wirklichkeit bei allen Vorstellungen hinsichtlich dem wahren Charakter der erstrebten
glücklich machenden Ziele. Die Aufgabe der Tugendlehre wie allen Wissens ist nun, eine
Mäßigung oder gar Ausmerzung der Leidenschaften durch die Einsicht in die Natur der Dinge
herbeizuführen, wodurch der Wille zum Guten geweckt und gestärkt wird.
Tugenden und Laster unterscheidet Gottsched ähnlich wie die Leidenschaften nach ihrem
jeweiligen Gegenstand und dem im Falle der Tugend richtigen Maße des Willens, bzw. der
kontrollierten Begierde (13).
Von zentraler Bedeutung für alles Folgende ist, daß Tugenden und Affekte nicht nur, wie man
in der bisherigen Darstellung meinen konnte (und mußte), aufeinander bezogen sind, sondern
auch die gleiche Wurzel im guten oder bösen, weil durch rechte oder scheinbar rechte und
falsche Erkenntnis geleiteten Willen haben. Affekte sind wie oben bemerkt starke Begierden
aus verwirrten Vorstellungen, der gute Wille jedoch, auf den die Tugend zurückgeht, ist von
der Begierde nur "dadurch unterschieden, daß er aus der deutlichen Vorstellung des Guten ...
entsteht" (EG I && 1056-1062).
Folglich ist, wie schon erwähnt, allein das Maß (Intensität und Umfang) des Gebrauchs der
Vernunft ausschlag-gebend dafür, ob es sich bei einem Verhalten um ein eher tugendhaftes
oder ein eher leidenschaftliches handelt, wobei jedoch völlige Tugendhaftigkeit aufgrund der
metaphysisch-physikalisch begründeteten Endlichkeit des Verstandes uner-reichbar ist. Diese
Endlichkeit des leiblich gebundenen Vernunftstrebens wird auch für die menschlichdramaturgische Begründung der Schwächen Catos angegeben (Vorrede, Erwiderung) und von
diesem selbst sogar im Drama angesprochen ( SC, 1640).
Zur Tugend im Staatsleben, die für die Problematik des Dramas besonders bedeutsam ist,
insofern verschiedene Staatsmänner mit ihren wichtigsten politischen Auffassungen zur
Sprache kommen, beschreibt Gottsched außerdem im Sinne eines Fürstenspiegels die
positiven Ziele des guten Regenten unter weitgehender Enthaltung von der Kritik negativer
Herrschaftspraktiken und Herrscherpersönlichkeiten: daß die vertragsmäßige Staatsform der
Republik dem Menschen unentbehrlich sei, deren oberster Grundsatz heiße: Tu alles was die
Wohlfahrt und Ruhe befördert und unterlaß alles, was solche stört. Ein guter Staat
(=Republik) fördere die Tugend und hindere das Böse, um die Glückseligkeit seiner Bürger
zu ermöglichen. Ein Staat muß daher von tugendhaften und verständigen Männern geleitet
werden. Diese Auffassungen werden im Drama vor allem von Cato, aber auch von seinem
Gegenspieler Cäsar vertreten. Die Darstellung von Staatsmännern und ihrer politischen
Anschauungen im "Sterbenden Cato" ist hinsichtlich eines negativen Fürstenspiegels vor
allem in der Darstellung der Charaktere des Pharnaces (Herrschsucht) und Cäsar (Ehrsucht)
ergiebiger, wichtig bleibt jedoch festzuhalten, daß bei Gottsched in der Theorie die Politik der
Moral untergeordnet wird und demselben Ziel der Glücklichmachung der Menschen dient wie
alle anderen Handlungsbereiche, wobei der Regent natürlich weiterreichende Aufgaben hat,
zum Beispiel auch die Förderung der Schauspielkunst, was sogar dem Ursprung der Poesie in
der Einheit von Philosoph, Künstler und Staatsmann (s.u.) entspricht. Diese Unterordnung der
Politik unter die Moral entspricht Gottscheds philosophischer Grundlegung, insofern das
Glück, das in der Politik eine gewisse Rolle spielt, als Faktor der Handlungsorientierung
eigentlich ausgeschlossen wird.
Kritisch bleibt nach der Durchsicht der theoretischen Systematik festzuhalten, daß Gottsched
Tugend und gemäßigte, weil vernunftgeleitete Begierde identifizert. Er hält jedoch über weite
Strecken den Erkenntnis- vom Willensaspekt getrennt, sodaß im Widerspruch zum
monistischen Ansatz die Tugend auf den freien Willen als solchen bezogen erscheint.
Dadurch macht es sich Gottsched einerseits möglich, auf scheinbar plausible Weise von
Moral unter dem Aspekt der Verpflichtung und Schuld zu sprechen, was für die Konzeption
der Tragödie wie die Gestaltung des Dramas notwendig ist. Auf der anderen Seite führt
jedoch die innere Konsequenz seines vorausliegenden monistischen Ansatzes dazu, daß
Ereignisse der Wirklichkeit, wie zum Beispiel des historischen Catostoffes als Infragestellung
des Tugend- und Dramenkonzeptes wirken können, das gerade durch den Verlauf der
Handlung im Drama in der Wirkung auf den Zuschauer überzeugen soll. Diese Handlung ist
jedoch als zeitlicher Ablauf demselben langfristigen Erfolgskriterium ausgesetzt wie die
Gesamtwirklichkeit, die in ihrer Naturgesetzlichkeit ja ausschnittweise repräsentiert werden
soll. Der tragische Ausgang der "Tragödie" widerspricht dem Erfolgskriterium, insofern die
scheiternde Hauptperson ja gerade als Tugendvorbild überzeugen soll.
2.4 Andere philosophische Lehren: Das rechte Verhalten in
Unglücksfällen und der Stoizismus
Ein wesentlicher Gesichtspunkt der Beurteilung (und damit auch Beschreibung!) von Catos
Haltung und Verhalten ist Gottscheds Auffassung davon, wie sich ein Mensch in
Unglücksfällen (wie in Catos Beispiel beim Untergang der Republik) zu verhalten habe und,
dies begründend, was die Natur von Glück und Unglück sei. Im Zusammenhang damit steht
dann die Frage, ob sich ein Mensch in der Not selbst töten dürfe. In der Eigeninter-pretation
des Dramas führt Gottsched Catos Selbstmord auf eine falsche Vorstellung zurück, die er aus
der stoischen Philosophie bezogen habe.
Interessant ist nun erstens die Auffassung von Glück und Unglück: Sie entspricht der
natürlichen Unvollkommenheit des Verstandes in der Auffassung der unverschuldeten
Komplexität der unvermeidlichen Situativität des individuellen mensch-lichen Handelns,
dessen nichtintendierte Effekte wegen des mangelnden Schuldcharakters nicht als Belohnung
oder Bestrafung verstanden werden dürfen (EG II, & 218). Die Verhaltensregel für
Unglücksfälle besteht nun darin, daß der Tugendhafte sich nicht auf das Glück verlassen
dürfe, da es unbeständig sei. Pflicht des Menschen sei es also, weder im Glücke stolz (es ist
kein Verdienst und hat keinen Bestand an sich selbst), noch im Unglück "kleinmüthig und
verzagt" zu werden (ebda). Die Fehlerhaftigkeit Catos als Ursache seines Freitodes bestünde
demnach von der philosophischen Pflichtenlehre aus betrachtet in den angegebenen Lastern
`Verzagtheit' und `Kleinmuth'.
Seine Handlung erfolgt aber zugleich aus Unwissenheit, insofern er über den Charakter des
Freitodes nicht im klaren ist. Seine stoische Überzeugung, schreibt Gottsched in seiner
Eigeninterpretation, führe zu einer falschen Auffassung. Interessant ist nun in diesem
Zusammenhange, daß Gottsched in seinem philosophischen Lehrbuch die Stoa in keiner
Weise kritisiert, sondern als Ausläufer der sokratischen Philosophie beschreibt, die er als
Spiegelbild seiner eigenen Philosophie darstellt (EG I, S. 115ff). Dies entspricht auch seiner
Auffassung in der später auszuwertenden Cato- und Sokrates-reden, unterstützt also den
Zweifel an der Konsistenz von Gottscheds theoretischen und interpretativen Aussagen. Allein
für Pharnaces' Auffassung vom Schicksal ist Gottscheds Konzept des Zufalls ohne
Einschränkungen gültig, da sein Verhalten der Regel direkt widerspricht und den
angegebenen Mißerfolg zeitigt. Im Charakter Cäsars dagegen wird auf andere Weise als bei
Cato die Widersprüchlichkeit des Konzeptes der Philosophie deutlich, insofern Cäsar sich
auch am Glück orientiert, und doch für lange Zeit erfolgreich bleibt.
3. DIE ZENTRALE STELLUNG VON TUGEND UND AFFEKTEN IN DER
KRITISCHEN POETIK GOTTSCHEDS
Nach der Darstellung der philosophischen Grundlage ist es nun nicht weiter verwunderlich,
daß gerade auch in der ja systematisch abzuleitenden Poetik wie auch in der Rhetorik
Gottscheds die Lehre von Tugend und Affekten wie auch die Voraussetzung von
Naturgesetzen und Prinzipien des Denkens und Handelns eine zentrale Stellung einnehmen
(14). Anhand der "Critische(n) Dichtkunst" (CD) soll deutlich werden, daß Gottscheds
Auffassungen für j e d e n einzelnen Aspekt der Poetik wie für seinen gesamten
poetologischen Systementwurf bedeutsam sind:
1. Der Ursprung der Poesie: Die ersten Poeten als Weltweise und kluge Staatsleute (!)
bedienten sich der Poesie, (um, nhd.) "zu ihren Zwecken zu gelangen, und die
widerspenstigen Gemüther (Gemüth als Inbegriff von Geist und Affekten verstanden, A.d.V.)
dadurch zu bändigen. Ihre Absicht war, das wilde Volk ("wild" i.S. ungebändigter Affekte
verstanden, A.d.V.) die natürlichen Gesetze der Vernunft (gleichbedeutend mit Tugend,
A.d.V), oder das Recht der Natur (der Tugend zugrundeliegend, A.d.V.) zu lehren, und es
zum gesellschaftlichen (nur bei tugendhaften, nämlich vernünftig kontrollierten Affekten
möglichen, A.d.V.) Leben anzuführen" (CD I, 101).
2. Der Endzweck der "Poesie" aller Zeiten überhaupt: Wollten doch schon die allerersten
"Sänger" ungekünstelter Lieder nichts anderes "als ihren Affect auf eine angenehme Art
ausdrücken" (CD I, 137), "so daß derselbe auch in anderen eine gewisse Gemüthsbewegung
erwecken möchte" (ebda, 137);
3. Das Wesen der Poesie: Es besteht in der Nachahmung der Natur (Beschreibung,
Nachspielung (Imitation) und vor allem mittels phantasiegeschaffener Fabeln) (CD II, 195ff).
Nachahmung ist wichtig, da der Mensch vor allen anderen Lebewesen durch seine Fähigkeit
von anderen zu lernen ausgezeichnet ist und auch "alles" durch Nachahmung lernt (CD I,
150). Die Natur, die nachzuahmen ist, wird dabei als die sittlich-vernünftige Natur des
Menschen verstanden, die sich in tugendhaften Gefühlen und Handlungen zeigt,
beziehungsweise in lasterhaften Handlungen verfehlt wird (vgl.CD I, 137 u.v.a. Stellen).
4. Das Prinzip des dichterischen Schaffensprozesses: Die Poeten als erste "Weltweise" (CD I,
101, 137f) suchten andere zu "rühren" (CD I, 137) (also Affekte zu übertragen und zu
wecken, A.d.V.), sind dadurch die Lehrer des menschlichen Geschlechts (CD I, 140). Der
Poet muß ein gutes Naturell haben (CD I, 151), was heißt, daß er gemäß Opitz den Himmel
fühlen, scharf und geistig sein muß (ebda), er muß die Handlungen der Menschen kennen, um
sie nachzuahmen, die "vielmals aus den verschiedenen Neigungen des Gemüths und heftigen
Affecten ihren Ursprung haben" (CD I, 156). Um zu beurteilen, ob eine Handlung gut oder
böse (tugend- oder lasterhaft) ist, muß der Dichter das Recht der Natur, die Sittenlehre und
Staatskunst kennen, er soll selbst tugendhaft sein (CD I, 59f), um die Natur der Tugend richtig
treffen zu können.
5. Das Prinzip der Wirkung der Dichtung auf den Leser oder Hörer/Zuschauer: dieser soll
moralisch belehrt und gebessert werden, indem ihm Beispiele von Tugend und Laster gezeigt
werden. Bei der Tragödie soll die Fabel "geschickt" sein, "Schrecken und Mitleiden zu
erwecken, und also die Gemüthsbewegungen der Zuschauer auf eine der Tugend gemäße
Weise zu erregen" (CD II, 318).
6. Das Prinzip der inhaltlichen und formalen Gestaltung von Kunstwerken: Die "Fabel" ist das
"Hauptwerk der Poesie", verstanden als Zusammensetzung oder Verbindung wahrer und
falscher Sachen, Einkleidung eines moralischen Lehrsatzes in eine gewisse Begebenheit. Die
Sachen müssen auf das "Zubehör der Fabel" gedeutet werden, durch dessen Verbindung ein
Zusammenhang und eine Fabel entsteht. (vgl. CD I, 202ff). Dabei muß das Prinzip der
Wahrscheinlichkeit beachtet werden. Alles dient dazu, den moralischen Satz möglichst
wirkungsvoll darzustellen, das Vergnügen, das dabei ebenfalls nicht zu kurz kommen darf, hat
hinsichtlich des Lehrsatzes aber eher eine untergeordnete Hilfsfunktion, insofern das
Vergnügen nicht unmoralischer Art sein darf und die moralische Lehre transportieren, nicht
verstellen soll.
7. hinsichtlich des guten Geschmacks bei der Beurteilung von Kunstwerken durch den
Rezensenten wie den Laien.
8. hinsichtlich der Prinzipien einer Theorie der Künste überhaupt, da wie schon erwähnt alle
Künste dem naturgesetzlich festgelegten Ziel der Glückseligkeit entsprechen zu ihm beitragen
und es selbst durch Belehrung fördern sollen.
In dem dem Kapitel (10) über die Tragödie (CD II, 309ff) ist schon wegen der mehrmaligen
Erwähnung von Gottscheds eigenem Trauerspiel für die spätere Analyse neben dem vorhin
Erwähnten von besonderer Bedeutung, daß
1. das Trauerspiel die Absicht hat, durch harte und unvermutete Unglücks(!)fälle von großen
vornehmen Personen zur Vorbereitung auf eigene Trübsale des (bürgerlichen) Zuschauers
Traurigkeit, Schrecken, Mitleiden und Bewunderung hervorzurufen (& 5).
2. Der Held dürfe nicht "recht schlimm" aber auch nicht "recht gut" sein. Man müsse Mitleid
haben können. Der Held dürfe nicht recht gut sein, "weil man sonst die Vorsehung leicht einer
Ungerechtigkeit beschuldigen könnte, wenn sie unschuldige Leute so hart gestrafet hätte"
(ebda). Schon hier wird das Dilemma des Dramas wie der Theorie selbst deutlich: Es soll ein
Ziel erreicht werden, das sich selbst und seinen Voraussetzungen widerspricht.
3. Das Ödipusdrama, das die Mustertragödie von Aristoteles war und von Gottsched oft, wie
auch im Folgenden im Zusammenhang mit seinem Cato genannt wird, dient als Beispiel: Die
Hitzigkeit, Gewaltsamkeit und der Eigensinn des Ödipus werden zunächst als eigentlich
schuldhaft und damit Verderben bringend angesehen, nicht sein unbeabsichtigter Vatermord
oder sein Inzestverhältnis als solche, "weil er ...nach seinen Umständen es nicht wissen kann"
(CD II, 313). Diese Ausführungen verweisen trotz ihrer Verschwommenheit wieder auf das
grundsätzliche Dilemma der Gottschedschen Glückseligkeits-lehre, auch wenn es im
folgenden wieder verwischt wird: Es gibt nach dem Vorstehenden schuldlose und daher
straflose, weil aus unvermeidbarer Unwissenheit vollzogene Handlungen: Nur die Laster, die
er hätte bezähmen können, stürzen Ödipus ins Unglück (ebda). Wenn er nicht unklugerweise
(nach einem doch bei Gottsched unvernünftigen Orakel, A.d.V.!) Menschen getötet hätte,
wäre ihm alles erspart geblieben (Als ob jeder Todschläger ein ödipeisches Schicksal erlitte,
A.d.V.!). Dabei sei die göttliche "Rache" (Eigentlich ein Laster, A.d.V.!) zu bewundern!
4. Im Gegensatz zur vorhergehenden Interpretation des Ödipusdramas, führt Gottsched dann
seinen "Cato" und auch "Ödipus" als Beispiel für die Fabeltheorie an: Der moralische
Lehrsatz in der Absicht des Poeten sei, "daß Gott auch die Laster, die unwissend begangen
werden, nicht ungestraft lasse" (CD II, 317). Gottsched unterläßt es, die verschiedenen Arten
von Irrtum zu unterscheiden, die in beiden Fällen eine Rolle spielen: Tatbestandsirrtum als
Irrtum im Handlungsobjekt ohne direkten Vorsatz und Rechtsirrtum als vermeidbarer
Verbotsirrtum: Ödipus wußte nicht, daß Laios sein Vater war, Cato wußte nicht, daß es falsch
ist, sich zu töten. Bei beiden fehlt der Vorsatz, daher auch der böse Wille zur Tat und daher
auch die Schuld. Gottsched entschuldigt zunächst den Tatbestandsirrtum, dann läßt er ihn
ebenso wie den Rechtsirrtum nicht gelten. Handlung, Wissen, Schuld und Glück fallen also
gar nicht immer zusammen, wie in der Theorie behauptet: Nach dem soeben Festgestellten
scheint allein die äußere Handlung zu zählen, die über den Wert und damit Erfolg der
Handlung bestimmt, nicht, wie im zunächst angesprochenen Teil der Interpretation, primär
die Gesinnung und die subjektive Gefühlshaltung. Auch hier zeigt sich wieder der Bruch in
der Theorie von Tugend und Affekt, der bei der Dramenanalyse noch deutlicher wird. Für die
Dramentheorie bedeutet dieser Bruch insofern auch ein Problem, als die Wirkung auf den
Zuschauer damit gestört wird: Dieser soll lernen, moralisch zu sein, aus der Beobachtung der
Tatsache unvermeidbarer Irrtümer kann man aber gerade nichts lernen, als daß sie
unvermeidbar sind, nicht aber wie man sich wirklich verhalten soll, zumal der Selbstmord
Catos durchaus nicht so allgemein verworfen wird, wie Gottsched dies in der Catorede und
anderen Stellen behauptet.
5. Gottsched fährt ohne Rücksicht fort: Der Zuschauer beklage Ödipus seiner Unwissenheit
wegen, bedaure ihn in seinem Unglück, erstaune über die harte Gerechtigkeit Gottes. Man
äußere also Unlustempfindungen aller Art gegenüber dem obersten Gesetzgeber, was der
Tugendlehre und dem Ziel der Dichtung widerspricht (CD II, 318).
6. Über die Charaktere der Tragödien wird gesagt, der Poet müßte "seinen Hauptpersonen
eine solche Gemüthsbeschaffenheit geben, daraus man ihre künftige Handlungen
wahrscheinlich vermuthen, und wenn sie geschehen, leicht begreifen kann" (CD II, 324). So
zeige auch Cato schon im ersten Auftritte, daß er gesonnen sei, "Freyheit und Tugend auch
mit seinem Blute zu versiegeln" (ebda). Widersprüche in den Charakteren dürfe es nicht
geben (CD II, 325). In der Tat äußert Cato seine Bereitschaft zu sterben, nicht aber immer,
sich zu töten, was auch für Gottsched ein wesentlicher Unterschied ist (vgl. Catorede), von
Anfang an mehrmals. Damit ist die Einheit seines Charakters aber hergestellt, denn obwohl er
gleichzeitig er ein Tugendmuster sein soll, murß er wie jeder Mensch eine Schwäche haben -und diese Schwäche, sich töten zu wollen wird ihm von Anfang an als Selbstbekenntnis in
den Mund gelegt.
7. Die Natur der dargestellten Afekte solle man im "gemeinen" Leben beobachten und
nachahmen. Im Affekt würden auch die Standespersonen "wie andre Menschen" (327). Die
Nachahmung müsse überzeugend sein, denn "wo er (der wahrhaft Traurige, A.d.V.) selbst
nicht weinet, so wird gewiß niemand zum Weinen bewogen werden" (ebda). Dem entspricht
Gottscheds Regel, daß ein Stück nicht "schlecht und kaltsinnig hergesagt" werden dürfe, da
dies lächerlich sei (CD II, 333). Dazu wird später das Wesentliche gesagt werden.
Charakteristisch ist, daß bei jedem der Aspekte der Aspekt affektiver Wirkung in anderer
Beleuchtung wiederholt wird. Der Bereich der Gestaltung ist diesem Ziel untergeordnet und
selbst von den philosophischen Prämissen von der Bedeutung der Naturgesetze und Regeln
des Denkens und Handelns nach dem Prinzip der
Wahrscheinlichkeit=Naturgemäßheit=Vernünftigkeit geprägt. Dies bringt die
Dichtungstheorie Gottscheds in enge Nähe zu seiner Theorie der Rede, macht aus der
Dichtung genau genommen einen Unterfall der Rede, für die das Prinzip der Wirkung
(persuasio, voluntas, consilium) und das Prinzip der Glaubwürdigkeit (verisimilitas,
probabilitas, credibilitas) konstitutiv ist, wobei in Redetheorie wie Poetik bei Gottsched
typischerweise der Bereich der Einbildungskraft aufgewertet und von den klassischen
Bindungen befreit wird (in der Rhetorik "inventio", in der Poetik "Fabellehre").
Die rhetorische Verwandtschaft der Dichtung ist für das Drama, speziell die Tragödie, in einer
weiteren Hinsicht bedeutsam, insofern die Äußerungen der handelnden Personen als nach
rhetorischen Prinzipien gestaltete Reden dargestellt werden.
Typisch für jeden einzelnen der Aspekte der Wirkung ist: Affekte sollen empfunden, erfahren,
erkannt, unterschieden und sodann kontrolliert, gemäßigt, verändert oder unterdrückt werden
(15).
Der Affekt des Zuschauers eines Dramas steht natürlich in einem ganz unterschiedlichen
Verhältnis zum dargestellten Affekt. Zunächst werden alle Affekte nach dem Prinzip der
Nachahmung nachempfunden. Die guten dargestellten (vernunft-gemäßen) Affekte sollen
vom Zuschauer tief nachempfunden werden. Er soll sich davon anstecken lassen. Im zweiten
Schritt soll er sich bewußt machen, was ihm gefällt und warum und daraus lernen.
Die dargestellten negativen Affekte sollen Abscheu hervorrufen, die Gegenempfindung
wachrufen und dadurch den Zuschauer vom Laster abwenden und in seiner Tugendhaftigkeit
bestärken. Die Lehre von der Wirkung auf den Zuschauer ist jedoch nicht nur sekundär für die
Gestaltung der Dichtung, sondern in der dramatischen Gattung für die Gestaltung bedeutsam,
insofern die Personen der Wechselrede selbst die Position des Zuhörers und Zuschauers
einnehmen und die Position des Unterredners nach dem selben Prinzip der Wirkung zu
beeinflussen suchen.
Großen Wert hat aber nicht nur die Darstellung von Tugend und Affekten, sondern auch der
Verlauf der Handlung, an deren Erfolg oder Mißerfolg der Zuschauer ja die Richtigkeit seiner
Anschauungen und damit seiner Gefühle und Haltungen beurteilen kann: Das Laster muß (der
Naturordnung entsprechend) scheitern und auch durch die Art seines Scheiterns abstoßen, die
Tugend soll der Bewunderung würdig sein, bleiben oder werden. Speziell in der Theorie der
Tragödie ist dementsprechend von Schrecken und Mitleid die Rede, die im Zuschauer
geweckt werden sollen (16).
4. DIE DARSTELLUNG VON TUGEND UND AFFEKTEN IN DEN
HAUPTFIGUUREN DES DRAMAS "STERBENDER CATO"
4.1. ZUR METHODIK DER ANALYSE
Nach der Klärung der wichtigsten Theoriekonzepte und Begriffe kann nun die Prüfung ihrer
Anwendung in der eingehenden Analyse des Dramas erfolgen, die sich gemäß Gottscheds
Verständnis der Tragödie mit der Gestaltung der Fabel des "Sterbenden Cato", genauer mit
deren "Zubehör", "als da sind, die Thiere, Menschen, Götter, Handlungen, Gespräche u.s.w.
..." befaßt (CD I, 203). Die Untersuchung läßt sich dementsprechend von den folgenden
Fragen leiten:
A. Welche Affekte und Tugenden oder Laster werden auf welche
Weise
1.Mit expressiven äußeren Mitteln,
2.durch verbale Äußerungen der Handelnden
dargestellt
B. Welche Tugend-und Affektenlehre wird auf welche Weise
1. durch die Handlung
2. durch theoretische Äußerungen der handelnden
Personen
Dabei stehen die Personen Cato, Cäsar und Pharnaces im Vordergrund, da in ihrer
konfrontierenden Darstellung der Konflikt von Tugend und Laster am deutlichsten zum
Ausdruck kommt. Arsene wäre in ihrer Darstellung als Frau, als Liebende, als Staatsführerin,
als Tochter, von mindestens ebensogroßer Bedeutung für das Thema wie Pharnaces, bleibt
aber hier unberücksichtigt, weil die angedeuteten Aspekte vom Schwerpunkt der
Untersuchung abführen würde und Arsene nach ihrer Rolle im Drama eine Figur der
Nebenhandlung darstellt, wenn auch das inhaltliche Eigengewicht dieser Nebenhandlung
nicht ganz den Prinzipien der Einheit der Handlung entspricht, die Gottsched in der Critischen
Poetik entwickelte.
Zur Frage der äußeren expressiven (nonverbalen) Darstellung von Affekten kann
zusammenfassend gesagt werden, daß es für Gottscheds "sterbenden Cato" noch ganz der
barocken Tradition gemäß trotz der oben angeführten Zitate aus der CD typisch ist, daß
Affekte von einigen "Achs" und "Ohs" abgesehen, meist in reflektierter verbalisierter Form
dargestellt werden: Man ist nicht (nur) zornig, sondern sagt: "Ich bin zornig". Des weiteren
wird von den "handelnden" Personen der moraltheoretische Kommentar zu den eigenen und
fremden Gefühlen gleich mitgeliefert: Man sagt nicht nur "Ich bin zornig", sondern erklärt die
Ursachen, Wirkungen, die moralische Bedeutung des Zorns. Ein schönes Beispiel dafür ist die
Rede des Pharnaces, die außerdem noch rhetorisch untergliedert und ausgestaltet ist
(entsprechend dem genus deliberativum) (SC, 351ff):
Zunächst wird die gefühlsmäßige Einstellung und Haltung ausgesprochen (propositio): "Mein
Haß hat sich bisher der Freundschaft gleichgestellt:/ Ich bin den Römern gram. .../". Sodann
wird erklärt, wie es zu diesen Gefühlen kam (narratio): Er diente den Römern, weil sie
erfolgreich waren, kämpfte gegen Mithridates, weil dieser schwach war. In Wirklichkeit ist
seine Römerfreundschaft aber nur Verstellung aus Berechnung, weil er mit Hilfe der Römer
selbst König werden wollte. Sobald er dies war, ließ er die Maske fallen. Am Ende kommt
dann die (falsche, auf Irrtum beruhende) moralische Begründung (argumentatio): "Doch,
Felix, der Erfolg zeigt itzt das Gegenteil" und weiter, daran anschließend Schluß auf die
praktische Handlung (SC, 401ff) (peroratio 1: conclusio): "Geh, Timon und Arbat soll
augenblicklich gehn,/ Und Cäsarn Catos Kopf mit nechstem zugestehn/...". Es folgt die
(fakultative) Wiederholung der Hauptargumente (peroratio 2: recapitulatio): "Ich weiche, so
wie sie, dem Glücke, so ihn schützet./ Auf Lastern liegt sein Grund, durch Laster wirds
gestützet./"
Äußerer Redeausdruck und Redeinhalt fallen im Drama also meist im letzteren zusammen;
zudem findet die eigentliche äußere Handlung darüber hinaus vor allem in der Rede statt.
Wesentlicher Bestandteil der Rede ist wie im angeführten Beispiel die moralische Reflexion,
sei es als aus dramaturgischen Gründen in sehr einseitigen Dialogen (wie im obigen Beispiel
mit den Bedienten) ausgesprochenen "Selbstreflexionen" zur Information der Zuschauer, aus
Mangel an anderen darstellerischen Mitteln, oder als Bestandteil des Versuches andere zu
überzeugen (Cato-Cäsar), als rhetorisches Mittel also: Apell an die eigene Vernunft und die
des Gesprächspartners, indirekt natürlich die des Zuschauers.
Wichtig ist dabei aber festzustellen, daß wie gerade bei Pharnaces die rhetorische
(verstandesmäßig-planhafte) Form, wie die Versform des ganzen Stückes und der Stil der
Äußerungen, völlig der Auffassung Gottscheds von der unvernünftigen lasterhaften
Leidenschaftlichkeit, wie auch der Forderung der Poetik nach Natürlichkeit des Sprechens,
die bei der Durchsicht der CD erwähnt wurde, widersprechen.
4.2 PHARNACES ODER DER UNTERGANG DES LASTERS DURCH
SELBSTZERSTÖRUNG
4.2.1 Dargestellte und berichtete Handlung
Pharnaces, König von Pontus, der den jüngeren Bruder Arsenens, Pacor, hinterlistig ermorden
ließ, will Arsene, jetzige Königin von Parthien, heiraten, um seine Macht zu vergrößern. Er ist
auch mit Catos Römern verbündet und hofft auf die Hilfe Catos bei der Eheschließung. Als
dieser sich nicht erpressen läßt, will er sich auf die Seite Cäsars, seines heimlichen Vorbilds,
schlagen und dafür Cato töten, um sich Cäsar anzudienen. Als dieser seine Dienste entrüstet
zurückweist, will er Arsenen rauben, und überfällt das Schloß, wird aber überwältigt.
Pharnaces ist das moralische Gegenbild zu Cato, das personifizierte Laster besonders in der
Politik (Macchiavellismus), und dies ist auf allen Analyseebenen ausgeführt.
1. Die berichteten Handlungen: im Rückgriff: Tötung Pacors (95ff) (heimtückischer Mord aus
Machtgier, vielleicht Neid) im Botenbericht: heimtückischer "treuloser" Überfall auf das
Schloß aus Machtgier, Rachsucht, (Verzweiflung?)
2. Die dargestellten Handlungen: Heuchelei, ein Freund der Römer zu sein (291ff),
Erpressung Catos( 305f) und Arsenes (543f), Schmeichelei und Apell an die Lasterhaftigkeit
gegenüber Cäsar (1027ff)
4.2.2 Motive und Moralreflexion
Die im Monolog oder Dialog ausgesprochenen Motive sind: Rachgier (345), Haß (351),
Ehrsucht( 383), Wut (305), Glut (346), Gewalt (348) etc.. Am deutlichsten ist sein
Vernunftcharakter aber wiederum in der von ihm selbst verbalisierten Theorie dargestellt, die
er monologartig an den Zuschauer richtet oder im Dialog mit seinem Bedienten Felix, aber
auch mit Cäsar offen oder indirekt äußert oder gegenüber den "Tugendhaften" Arsene und
Cato in der für den Zuschauer offenkundigen Lüge versteckt.
Typisch für ihn und seine "theoriegeleitete Praxis" im Sinne der Tugendlehre Gottscheds ist
1. die auch theoretisch begründete "dissimulatio" und "aemulatio": Der Lasterhafte muß sich
den Schein der Tugend leihen, um Erfolg zu haben, seine wahren Motive verheimlichen, die
wirklichen oder angeblichen Untugenden der anderen moralisch geißeln, kurz gesagt: gerecht
scheinen, um ungerecht sein zu können. P. handelt so jedoch interessanterweise nicht nur aus
dem inneren Zwange seiner Lasterhaftigkeit heraus, sondern mit vollem Bewußtsein, was
eigentlich im Widerspruch zu Gottscheds Tugend- und Erkenntnisauffassung steht: Hier ist
die erwartete Zuschauerreflexion zum Bestandteil des dargestellten falschen Bewußtseins
geworden.
2. der Appell an die Lasterhaftigkeit im Gegenüber, so an Felix' Ehrsucht (688) und an Cäsars
Hinterlist (1013ff).
Die Äußerungen Catos und Cäsars bilden dazu den direkten Kontrast und oft Kommentar.
3. die innere Verbindung von Unbeherrschtheit, ausschweifender Begierde, mangelnder
Einsicht, Lasterhaftigkeit und Erfolglosigkeit: Wut, Glut, Gewalt (s.o.), Glücksgläubigkeit
etc., illustriert durch sein Aufbäumen gegen die Überlegenheit der Gegner im Überfall auf das
Schloß, auch damit Gegenbild des unterliegenden, aber in seiner Tugendhaltung siegenden
Cato.
4. der "Fortunismus", als Glaube an die Willkür des zufälligen Glücks, an dem er sich
fehlorientiert. Hier liegt von Gottscheds Philosophie aus gesehen die tiefste Wurzel von
Pharnaces' falschem Weltbild: Er sieht die Welt nicht von der Vernunft eines weisen
Schöpfers regiert an, sondern von Schicksals und Glück, weshalb er sich mit allen Mitteln am
kurzfristigen individuellen äußeren Erfolg orientiert, und nicht an der allgemeingültigen
überzeitlichen Tugend, deren Erfolg oft erst auf lange Sicht, "nachträglich", sichtbar wird
(SC, 301, 311, 323, 356, 400f, 375, 522, 645f, 672f). In 645f zeigt sich, daß daß er schon die
Wendung des Glücks erkannt hat, aber glaubt es sich durch das Laster wieder günstig
stimmen zu können:
Durch Morden; Glut und Stahl verkehrt sich das Geschick,/ So meinem Haupte droht, in ein
erwünschtes Glück./
Im Widerspruch zu seiner generellen Auffassung steht allerdings V. 315: Hier wird die
Langfristigkeit der Handlungswirkung betont, um das angebliche Laster Catos (Heimlichkeit)
anzugreifen. Im Rahmen der Gesamtdarstellung kann man diese Äußerung als Verstellung des
Pharnaces fassen. Erkenntnistheoretisch sonderbar bleibt dann aber doch, daß er die richtige
Auffassung haben konnte, ohne dies selbst zu merken.
Pharnaces kann auch als Beispiel der partiellen Richtigkeit aller, auch der falschen
Erkenntnis, dienen, die in Gottscheds Erkenntnistheorie zum Ausdruck kommt: Selbst
Pharnaces hat erkannt, daß der Erfolg Kriterium der Richtigkeit der Handlungen ist. Ihm fehlt
nur noch die Einsicht in die durchgängige Bestimmtheit aller zeitlichen Handlungsfolgen
durch Gott gemäß dem Prinzip der Gerechtigkeit. Er ist vielleicht der schlechtest mögliche
Mensch, aber eben daher auch ein wenig gut, zum Teil aus Einsicht, zum Teil aus dem Zwang
der Umstände. Aber wie aus seinem bösen Tun am Ende doch noch Gutes entstehen soll, wie
in der Theorie Gottscheds gefordert, bleibt ungewiß.
Am deutlichsten wird die "theoriegeleitete Praxis" Pharnaces' in seinen vorhin schon
erwähnten Gesprächen mit dem vertrauten Diener Felix nach dem gescheiterten
Erpressungsversuch Catos (343ff) und Arsenes (624ff). Hier spricht er seine Ziele und
Motive, den Ursprung seiner Haltung und seine Prinzipien, am deutlichsten aus:
(aus 343ff:)
Ich habe wider ihn den Römern zwar gedient,
weil ihrer Waffen Glück im Orient gegrünt. Opportunismus, Fortunismus
...
Nunmehro leg ich denn auch die Verstellung nieder. bewußte Verstellung
So lange Rom geblüht, sah ich sein Wachstum an
Als einer, der es haßt, doch nicht ihm schaden kann. unterdrückter Haß
Erwege, wie vergnügt ich nachmals zugesehen, Appell an die böse Begierde
Als durch der Zwietracht Wut die Trennungen geschehen. Lust am Bösen
Wenn der Parteien Schwert sich wechselseitig schlug, (Bürgerkrieg)
Ein Römer wider Rom Gewehr und Harnisch trug.
Um meine Rache nun vollkommen auszuüben, Rachgier
...
...Jedoch ich muß nur schweigen, Verstellung, Heuchelei
Um dies Geheimnis noch nicht jedem anzuzeigen.
...
Mein Ruhm erfodert das! Was wagt man um ein Reich: Ruhmsucht, Machtstreben
Ein glücklich Bubenstück sieht oft der Tugend gleich. aemulatio
...
Ich weiche so wie sie (die Götter), dem Glücke, so ihn schützet. (Fortuna als höchste Göttin)
Auf Lastern liegt sein Grund, durch Laster wirds gestützet. Pervertierte Vorstellung der
Naturordnung
Der Ehrsucht opfert er ganz Rom und alles auf:
Vor Catons Mord erfolgt für mich noch mehr darauf! Berechnung
Wohlan, nun will ich auch die Unschuld nicht mehr hören; Abwehr des Gewissens
Ich muß, wie Cäsar tat, die Macht durch Bosheit mehren.
Machiavellismus
Ein Frevel hilft mir leicht und schafft mir Thron und Ruh; Illusion des Glücks, Laster als
Mittel
An ein paar Lastern liegts, so fällt mir alles zu.
4.3 CATO ODER DER UNTERGANG DES TUGENDHAFTEN AUS EIGENSINN
UND DURCH FALSCHE VORSTELLUNG
4.3.1 Die dargestellte und berichtete Handlung
Cato, Führer der republikanischen Römer, in Utica unter dem Schutze Arsenes, der Königin
der Parther und wie sich herausstellt, Tochter Catos, ist zunächst mit Pharnaces gegen Cäsar,
den Zerstörer der Republik, verbündet. Um seine republikanische Tugend nicht preiszugeben,
widersteht er allen Versuchungen und allem Zureden (durch Phocas, seinen Diener, Domitius,
Cäsars Diener, Cäsar, Arsene), sich mit Cäsar auszusöhnen (Standhaftigkeit oder Eigensinn?),
trennt sich von Pharnaces, lehnt das Königtum seiner Tochter ab (Unklugheit oder
Konsequenz?), verzichtet auf Flucht und tötet sich selbst (Verzweiflung ?).
4.3.2 Die berichteten und geäußerten Motive Catos:
Arsene spricht bewundernd von seiner Standhaftigkeit, Gleichgesinntheit (SC 26ff), Cato
selbst nennt seine Unverzagtheit in der Not als Motiv seines Ausharrens und spricht damit die
Gottschedsche Regel zum Verhalten in Unglücksfällen aus, fühlt sich getrieben, Arsene zu
beschützen, was den Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen entspricht (SC 149ff); Catos
Lust ist in Jammer und Verdruß verkehrt, als er erfährt daß seine Tochter Königin ist, was sie
als Römerin nicht sein darf: Abscheu und Unlust gegenüber der Untugend (SC 215ff). Ihn
rührt nichts als Recht und Billigkeit (SC 246, 264). Cato ist zunächst voll Hoffnung (SC
284ff). Er ist voll Scham und fast verzweiflungsvoll, weil er den Großmut Cäsars nicht
leugnen kann (SC 980ff). Am Ende hat er keine Hoffnung, den Endzweck zu ereichen (SC
1392), er empfindet Gram, ohne Angst und ein schlechtes Gewissen zu fühlen, ohne sich
eines Lasters bewußt zu sein: Er interpretiert seinen Zustand also als Unglück ohne eigenes
Verschulden (SC 1465ff). Er spricht trotz seiner Absicht sich zu töten von Hoffnung, da er
wie Gottsched an sein Weiterleben nach dem Tode glaubt (SC 1494). Er ist nach Aussage
seiner Tochter ein zärtlicher Vater, voller Güte und "gelind" (SC 1531ff). Phenice, Arsnens
Dienerin bezeichnet ihn jedoch als streng, hart und mitleidlos, weil er dem Unglück nicht
weicht (SC 1525ff). Er zweifelt am Ende an seiner Tat, "ob er hier nicht vielleicht zuviel
getan hat", beruft sich aber auf die allgemeinmenschliche Schwäche, die auch den Besten
vom Tugendpfade wanken läßt. Hiermit spricht Cato die Grundlehre der philosophischen
Ethik Gottscheds aus, ebenso wie die Grundsätze zur Gestaltung des Hauptcharakters der
Tragödie.
4.3.3 Die theoretischen Reflexionen über Tugend und Affekte
Catos Äußerungen über Tugend und Affekte entsprechen völlig den zu Anfang dargelegten
Prinzipien von Gottscheds philosophischem System. Sie finden sich vor allem in dem
Monolog der 5. Handlung, 1. Auftritt, in dem Cato gelegentlich der Lektüre von Platon
(Phaidon) über den Tod meditiert, der Diskussion mit Phocas über Laster und Tugend,
Aberglaube und Vernunftmoral in der 1. Handlung, 4. Auftritt, vor allem aber in dem den
Mittel- und Höhepunkt des Dramas bildenden Dialog zwischen Cato und Cäsar in der 3.
Handlung, 3. Auftritt.
Zusammenfassend kann gesagt werden:
1. Cato lehnt Laster als Mittel der Tugend ab (236ff). Damit berührt er ein Problem, das es in
Gottscheds Philosophie nicht wirklich gibt und geben kann: Das Problem des Verhältnisses
von Mitteln zu ihren Zwecken. Gottscheds Dilemma, das er wohl nicht sehen wollte, ist, daß
im Falle der Unterordnung des Bösen unter das Gute als legitimes Mittel das Böse in der
Handlung des Menschen gerechtfertigt wäre - wie im Parallelfall für Gott das metaphysische
Übel bei der Erschaffung der Welt. Cäsar könnte sich im Drama mit diesem Gedanken
rechtfertigen und Catos Standhaftigkeit wäre von vorneherein in Frage gestellt. Im anderen
Fall, bei der Ablehnung schlechter Mittel für gute Zwecke, erschiene Cato wieder als
Tugendideal, als das er auch von den meisten Rezipienten analog zum barocken
Märtyrerdrama verstanden wurde. Damit würde aber gerade seine Tugendhaftigkeit zur
Ursache seines politischen Versagens, die ethischen Prinzipien Gottscheds erschienen
widerlegt. Dieses Dilemma ist Gottsched nie bewußt geworden, es kommt aber in den
Widersprüchen innerhalb der Theorie wie zwischen ihr und den interpretativen Äußerungen
zum Ausdruck.
2. Cato stellt die Tugend über das Leben (246ff). Dies entspricht Gottscheds angegebener
Auffassung von der Belohnung gerechter Taten nach dem Tod.
4. Cato richtet sich nur nach dem von der Natur eingepflanzten Vernunfttrieb zur Tugend
(261ff), glaubt an die Macht und den letztlichen Sieg der Tugend (274ff, 289f). Sein
unentschuldbarer letzter Akt stellt diese Lehre in Frage.
5. Cato lehnt als Bürger und republikanisdcher Staatsmann Tyrannendienste ab (430ff). Dies
entspricht Gottscheds Auffassung von der Republik.
6. Cato glaubt wie Gottsched nicht daran, daß zeitliche Macht ein Beweis von Tugend sei
(439ff),
7. Cato analysiert die Tyrannenherrschaft kritisch als Ausdruck von Lastern: Machtstreben,
List, Wut, (440ff), Verstellung, Laster, Schuld (466ff), Grausamkeit, (885ff), Verbrechen
(890), Verführung (932), Ehrsucht (998). Das wird in der Darstellung des Charakters Cäsars
nicht plausibel.
8. Er weiß, daß der Geist unsterblich ist, daß Gott die Tugend belohnen wird, auch wenn "hier
auf Erden" die Tyrannen herrschen (1420ff).
9. Er glaubt an die Macht des Schicksals (73), aber nicht als die höchste Macht und weist
solche Auffassungen schroff ab (261ff), glaubt vielmehr unverzagt an die langfristige
Überlegenheit der Tugend (76).
10. Er ist empfindsam für den Schmerz anderer, hat also Interesse, die Glückseligkeit anderer
zu fördern, was eine von den Hauptpflichten des Menschen ist (100).
Von Gottscheds Moraltheorie weicht allein ab, daß er meint, sich selbst töten zu dürfen und es
dann auch tut, und daß er keine Einigung mit Cäsar sucht, obwohl er sogar in dessen Großmut
eine Tugend erkennt und die teilweise Berechtigung seiner Siege anerkennen muß.
Seiner unglücklichen Lage entspräche die Geduld, die Unverzagtheit. Diese besitzt er am
Ende nicht mehr. Er grämt sich - hat also sein Vertrauen in Gottes Lenkung verloren und ist
gewissermaßen an seinem eigenen Tugendideal irre geworden, wie der Zuschauer
wahrscheinlich auch. Eigensinn ist vielleicht im Spiel: Er stellt sein eigenes Wähnen über die
Sicherheit der Vernunft, findet keinen Ausweg und verzweifelt. Der Tod erscheint ihm als
letztes Mittel, dem Laster zu entgehen, als ob das Leiden unter einer Tyrannei Untugend wäre.
4.4 Cäsar oder die Verschleierung des Lasters durch scheinbare
Tugend
4.4.1 Dargestellte und berichtete Handlung
Cäsar, der alle seine Gegner bis auf Cato besiegt hat, kommt nach Utica, um die Hand
Arsenes zu gewinnen, die ihre Liebe zu ihm jedoch verliert, und Cato Frieden und
gemeinsame Herrschaft anzubieten. Den Antrag des Pharnaces, ihm durch die Tötung Catos
zu dienen, weist er empört zurück und warnt Cato. Auch nach dem Scheitern seines
Versuches, Catos Freundschaft oder sein Nachgeben zu erreichen, bewundert er weiter seinen
Charakter.
In der Handlung kommt schon zum Ausdruck, daß Cäsar als Erfolgsmensch dargestellt wird,
dem außerdem die alten Füürstentugenden der Milde und des Großmutes eigen sind. Mit dem
Erfolg steht er in Kontrast zu Cato, seine Milde könnte der Grund für ein Einlenken Catos
sein, das dieser jedoch abweist.
4.4.2 Motive Cäsars
Durchgängig wird von Cäsar selbst und anderen das Streben nach Ehre besonders
hervorgehoben. Daneben wird sein Heldenmut (53), edles Tun (58), etc..
Cäsar selbst bezeichnet sich als wahrheitsliebend und ohne Verstellung (698), freut sich nicht
an der Furcht, sondern an der Liebe der Menschen, wie es der rechte Staatsmann nach
Gottsched soll (718ff), lehnt Rachgier, Wüten, Blutvergießen ab, empfindet daran nicht wie
Pharnaces Freude (ebda). Pharnaces unterstellt ihm seinem eigenen Charakter gemäß
Machtstreben, Ehrsucht und Lasterhaftigkeit (393ff). Cäsar interpretiert sein eigenes
Verhalten als unverstandenes Streben nach Gerechtigkeit für sich selbst (Eigensinn?) (746ff),
wozu ihm der Krieg als Mittel diente. Im Gespräch mit Cato spricht er von seinem
Friedenswillen, Gerechtigkeitsstreben, Wunsch alle glücklich zu machen. Gegenüber
Pharnaces lehnt er Hinterlist und Bosheit, Freveltaten Verrat und List ab.
Cato charakterisiert seine Motive natürlich anders als Cäsar selbst: Er spricht von Tyrannei,
Schande, Laster, Verwegenheit und List, Lust an den "Tränen" (446), Wut, Ungerechtigkeit,
Falschheit, Rachgier, List und Ränke (871), Herrschsucht, Ehrsucht. Cäsar sei "der tollen
Ehrsucht Knecht" (998).
4.4.3. Theoretische Reflexionen
Cäsar orientiert sich vor allem am Ratschluß der Götter, also am Glück, das ihm bis jetzt
günstig war. Er kennt aber dessen Wandelbarkeit und sucht daher den langfristigen Erfolg. Er
orientiert sich außerdem an "Vollkommenheiten" im Gottschedschen Sinne, ist also relativ
tugendhaft. Der Hauptunterschied zu Catos Anschauungen liegt in Cäsars Meinung, daß der
Mensch sich der Situation gemäß verhalten müsse. Er orientiert sich also auch an der Natur
der Sache, wie Gottsched es fordert, aber nicht an ihrem abstrakten Tugendwert, wie Cato
dies tut, obwohl beide Positionen nach Gottscheds Theorie zum selben Ergebnis führen
müßten.
Cäsars Charakter wird am deutlichsten in seiner Antwort auf Pharnaces (1031ff):
Wie frech erkühnst du dich, durch solche Freveltaten
Die Bosheit deiner Brust vor Cäsarn zu verraten?
Pharnaz, du denkst wohl nicht, daß ich ein Römer bin!
Ich hasse den Betrug! Kein schändlicher Gewinn Offenheit
Kann mein gesetztes Herz zur Hinterlist bewegen, Standhaftigkeit
Und soll ich heute noch den Zepter niederlegen. Konsequenz
Geh, schäme dich ins Herz, daß du ein König bist Ehrgefühl
Und zum Verräter wirst. Mein Schwert braucht keine List! Wahrheitsliebe
Die Götter haben mir bisher den Sieg verliehen: Schicksalsglaube
Soll ich vor Utica zuletzt den kürzern ziehen,
Wohlan, ich bin bereit und weiche dem Geschick
Und geb dem Cato selbst die Freiheit Roms zurück!
Du aber sieh dich für, daß die Verrätereien, Erfolgsorientierung
Womit du schwanger gehst, dir selber wohl gedeihen.
5. GOTTSCHEDS INTERPRETATION DES DRAMAS UND DES HISTORISCHEN
CATO
5.1 Die Vorrede zum "Sterbenden Cato"
In der Vorrede will Gottsched dem Leser klar machen, wie er zur Gestaltung seines Dramas
kam, wie er dabei vorging und was er damit beabsichtigte. Wichtig ist hierbei die Charakterisierung der Hauptpersonen. Über Deschamps' Cato schreibt Gottsched abwertend, daß dieser
Cato aus Verzweiflung sterben lasse (SC, S.15) und nicht als Weltweisen. Dies widerspreche
dem historischen Charakter des Cato. Mit Verzweiflung kann aber hier auch die bestimmte
tumultartige Situation gemeint sein, in der sich der Cato des Deschamps befindet.
Gottsched findet in beiden Bearbeitungen den Charakter des Cato zutreffend dargestellt - mit
Ausnahme der Sterbeszene (SC, 12). das bedeutet, daß er die heroische Darstellung Catos in
beiden Bearbeitungen gutheißt. Catos Charakter wird in der Tradition als Muster stoischer
Standhaftigkeit und patriotischer Liebe zur Freiheit gepriesen. Gottsched schließt sich diesem
Urteil an (SC, 10) und begründet damit die Wahl Catos als Hauptcharakter seiner Tragödie.
Die Todesart wird zusätzlich als Grund für die Eignung seines Charakters für die Tragödie
angegeben (SC, 11). Am Addissonschen Cato lobt Gottsched, daß Cato sonderlich als der
redlichste Patriot, der tugendhafteste Mann und vollkommenste Bürger einer freien Republik
darinnen vorgestellt ist (11). Erst gegen Ende der Vorrede schränkt Gottsched das Lob Catos
ein: er sei kein vollkommenes Tugendmuster - wegen seines unentschuldbaren Selbstmordes.
Dies sei der typisch menschliche Fehler, den alle Menschen haben, was seiner Philosophie
entspricht und den vor allem auch der Held der Tragödie haben müsse. "Er treibet seine Liebe
zur Freiheit zu hoch, so daß sie sich in Eigensinn verwandelt. Dazu kommt seine stoische
Meinung von dem erlaubten Selbstmorde. Und also begeht er einen Fehler, wird unglücklich
und stirbt..."(17).
Cäsars Charakter wird als falsch aufgrund einer scheinbaren Tugendgröße aus glücklichem
Laster beschrieben (16).
Diese Darlegungen entsprechen den Forderungen der Poetik und seiner philosophischen
Grundlehren. Dem Drama entsprechen sie besonders hinsichtlich der Darstellung Catos: Er
erscheint als Vorbild gegenüber Pharnaces und zum Teil Cäsar, sein Tod erscheint als
überflüssig (Fluchtmöglichkeit) und falsch, weil Ausdruck von Unglücklichkeit. Die
behauptete Übertreibung der Freiheitsliebe im Eigensinn kommt in der Tragödie nicht zum
Ausdruck. Was Cato über Freiheit und Republik von sich gibt, entspricht völlig den
Anschauungen Gottscheds selber. Sein Fehler im Stück kann nicht die Freiheitsliebe sein,
sondern wie Gottsched anderweitig sagt, die falsche Vorstellung des Selbstmordes. Hier zeigt
sich wieder der Bruchpunkt zwischen Denken, Naturgesetz und Moral: Gottsched spürt, daß
Unwissenheit an sich zwar unglücklich machen kann, aber nicht Ausdruck eines Lasters sein
muß, insofern auch nicht zu verantworten, sondern nur zu kritisieren ist. Also muß, um die
Unvollkommenheit Catos ins Lasterhafte zu ziehen, die Übertreibung der Freiheitsliebe
hinzugebracht werden, die mit der falschen Vorstellung über den Selbstmord nichts zu tun
hat, sondern allenfalls eine allgemeine Charakterschwäche Catos oder eine spezielle falsche
Vorstellung über die Vollkommenheiten der Republik vorraussetzt. Beide werden aber
handlungslogisch so nebeneinandergesetzt, daß der Eindruck entstehen muß, Catos Todesart
sei Ausdruck von Unwissenheit aus Lasterhaftigkeit, also ein moralisches Übel. Diese
Tendenz entspricht in Gottscheds Verständnis dem Erfordernis der Einrichtung einer
Tragödie.
5.2. Die "Bescheidene Antwort" auf die erfahrene Kritik
(1733 erschienen)
Gottsched kommt hier auf die Gestaltung der Hauptperson entsprechend seiner
Dramentheorie zu sprechen. Cato mußte als Hauptperson eine "Vorzug" vor den anderen
haben, seine "Unfälle" sollen Schrecken und Mitleiden erwecken (SC, S.100). Cato sei weit
größer als Cäsar und dieser diene nur dazu, seine Größer deutlicher zu machen (101). Er
besitze wahre Größe, etc.
Cäsars Charakter wird in seiner Vielschichtigkeit von Gottsched in der "Bescheidenen
Antwort" trivialisiert. Cäsar besitzt nur Scheintugenden, es ist nur lauter Rachgier und
Verstellung, die ihn antreibt (101), seine Gnade sei nur Verstellung, seine "politische"
Gelassenheit (!) nur eine Scheintugend. Dies alles wird im Stück selbst gar nicht deutlich. Es
handelt sich offenkundig um nachträgliche Rationalisierungen. Gottsched unterschlägt dabei,
wie Cäsar die Anmutungen von Pharnaces zurückweist (in einer Szene, die er selbst neu
einfügte!) und sich von dessen Lasterhaftigkeit abgestoßen fühlt, daß er nach Frieden und
Ausgleich strebt und Cato um seine Haltung beneidet. Auch der Erfolg Cäsars und die
Sympathien, die er wegen seiner besonnenen Haltung weckt, weisen im Gegensatz zu
Pharnaces auf Stärke, Selbstkontrolle und Vernunftorientierung hin. Cäsar ist nicht Kontrast
zu Cato, sondern steht zwischen ihm und Pharnaces als Muster des erfolgreich politischen
Menschen gegenüber dem despotisch antipolitischen Pharnaz und dem moralisch
überpolitischen Cato. Er ist daher der Sieger des Konflikts und sein Vorbild muß auf die
Zuschauer des Dramas als Verunsicherung am abstrakten Tugendideal der Aufklärung wie
Catos führen.
Catos Eigensinn, der in der Vorrede betont wurde, wird nun als scheinbar abgewertet (102)
und wegen der Unentbehrlichkeit für das Drama gewissermaßen entschuldigt. Wieder ist nicht
von Schuld, sondern von einem Unfall die Rede, was auf schuldloses Unglück eher verweist
als auf lasterhaftes Versagen. Interessant ist der schon in der CD bemerkte Analogie-Vergleich mit der Lieblingstragödie des Aristoteles, dem Ödipusdrama. Die Hitzigkeit des
Ödipus, die Raserei des Orestes tragen die Schuld an der Katasthrophe. Wie in der CD stört
auch hier wieder der Vergleich verschiedenartiger Dinge, der das Wesentliche gerade
verdeckt und in die Irre führt, zumal dieses Verständnis der Antike nicht entspricht, die
Handlung aber nur von einem richtigen Verständnis der Antike her zu erklären wäre. Cato ist
gar nicht hitzig dargestellt. Er ist bis zum Ende ruhige Besonnenheit, sein Fehler liegt nicht in
seinem Temperament, auch nicht in der quaestio facti, sondern seiner unverschuldeten
Unwissenheit, die ihn etwas tun läßt, was nach dem Verständnis Gottscheds falsch ist, da es
dem rechten Verhalten in Unglückslagen nicht entspricht.
Catos Eigensinn wird in der Bescheidenen Antwort weiter als aus der stoischen Philosophie
herkommend und seinem Naturell erklärt. Auch dies ist im Drama nur für die falsche
Vorstellung nachzuvollziehen. Weiterhin betont Gottsched seine bewunderns- und
liebenswerte Standhaftigkeit im Unglück (!), Großmut, Redlichkeit, Gerechtigkeit und
Sorgfalt für die Wohlfahrt seiner Freunde. Bezeichnend der Satz:" Wäre Cato ganz
unschuldig und vollkommen ohne Tadel gewesen: So würde man der Tugend einen
schlechten Dienst getan haben, wenn man ihn dennoch unglücklich werden lassen"(102). Hier
ist also die Fehlerhaftigkeit Catos als notwendiges und menschlich unvermeidbares Minimum
dargestellt, um den Ausgang der Handlung zu motivieren. Hier ist wieder deutlich der Einfluß
der unverstandenen Tragödientheorie von Aristoteles zu spüren, das in seiner Vorstellung
vom Handlungsverlauf dem Verständnis Gottscheds völlig fremd ist.
5.3 Die Catorede (1736 gedruckt)
Weiter kompliziert wird Gottscheds Selbsteinschätzung und damit die Frage nach der Quelle
der Widersprüche durch die Berücksichtigung seiner Catorede, die in der einige Jahre nach
dem Drama erschienenen Rhetorik direkt hinter der Rede auf Sokrates als Kontrast-Muster
beigefügt ist. Hier zeichnet Gottsched ein den historischen Tatsachen auch nach neuerer
Darstellung entsprechendes Bild von Cato, verbunden allerdings mit seiner eigenen
Beurteilung und Bewertung. Diese weichen von der Darstellung des Dramas und den anderen
interpretativen Äußerungen stark ab.
1. So behauptet Gottsched, Catos Selbstmord habe auch gegen die Lehre der Stoa verstoßen
(AR 595), was der Darstellung der EG entspricht. Hierin könnte Gottscheds Zweifel an der
Richtigkeit seiner Irrtumstheorie zum Ausdruck kommen, denn nur wenn Cato es besser hätte
wissen können und müssen, kann von einem Verschulden im engeren Sinne gesprochen
werden.
2. Sein Charakter wird durchweg negativ und besonders auch seine republikanische
Freiheitsliebe wird nun als "gar zu eifrig" kritisiert - im eklatanten Gegensatz zu Gottscheds
Auffassung von der Republik in den EG, im Drama selbst und den anderen interpretativen
Äußerungen. Diese Liebe zur Republik sei bloß Vorwand des Eigensinns und der Begierde
sich einen unsterblichen Namen zu machen (AR 561).
3. Sein Verhalten gegenüber Cäsar sei von heimlichem (!) Hochmut geprägt (AR 560). Hier
versucht Gottsched, Catos Motive sämtlich umzudeuten und geht dabei völlig an seiner
dramatischen Darstellung vorbei. Dies kann nicht damit begründet werden, daß es Gottsched
in der Rede um den historischen Cato gegangen sei, denn die fast identischen Äußerungen des
Lobes von Catos Charakter in der Tradition finden sich nicht nur in der Rede, sondern auch in
der Vorrede zum Drama - mit anderem Akzent. Gottsched muß also seine Meinung über die
Darstellung von Catos Charakter geändert oder nicht bemerkt haben. Möglicher Grund ist nur
die Inkonsistenz der Darstellung im Drama selbst. Wird dort der Tod Catos gar nicht in seiner
Leidenschaftlichkeit motiviert, so wird nun in der Rede der Tod Catos folgerichtig aus seinem
Charakter abgeleitet. Diese Argumentation ist nun in sich stringent: Kein Rede von Unfällen,
Eigensinn, Rechtsirrtümern etc, sondern Konsequenz der Verzweiflung aus Bosheit. So
konsequenzt diese Motivierung im Sinne der Gottschedischen Tugend- und Affektelehre nun
ist, so untauglich muß sie jedoch nun auch rückblickend für die Motivierunmg der
Dramenhandlung erscheinen. Indirekt, sicher nicht völlig bewußt, gibt die Catorede den
Grund für die Mängel des Dramas an: rationale Ideen im falschen historischen Stoff und in
der falschen dramatischen Form.
4. Über den Selbstmord schreibt Gottsched: "Es ist ein Zeichen eines ohnmächtigen Gemüths,
schreibt Aristoteles, wenn man ein bevorstehendes Uebel für unerträglich ansiehet, und sich
dem Tode in den Rachen stürzet, um demselben nur auszuweichen. Der Mensch, wie Plato
sagt, ist als ein leibeigener Unterthan des höchsten Wesens anzusehen (AR 558)". Dies Zitat
steht in Platos Phaidon, den Cato im Drama vor seinem Selbstmord liest! Er hätte also (im
Drama) das Verbot des Selbstmordes kennen müssen. Auch hier ist Gottscheds Motiv zu
vermuten, seine Irrtums- und Schuldtheorie klarer zu machen.
Weiter schreibt Gottsched: "So siegete denn die Furcht vor der Sclaverey über die Liebe des
Lebens; die Zaghaftigkeit über die Großmuth; die Verzweiflung über die Weisheit und
Tugend. Cato stirbt; aber nicht aus Verachtung des Todes, sondern aus Überdruß eines
unglücklichen Lebens. Nicht er hat den Tod, sondern die Kleinmüthigkeit und Ehrsucht hat
seine ohnmächtige Seele überwunden (AR 561)". Die Lasterhaftigkeit Catos ist gegenüber der
Darstellung des Dramas in der Vorrede und der Bescheidenen Antwort also erheblich
verstärkt, das Motiv des Todes liegt in der Verzweiflung, was in der Vorrede
gerade verneint wird.
6. DAS VERHÄLTNIS VON DRAMATISCHER GESTALTUNG, THEORIE UND
EIGENINTERPRETATION
Gottscheds Poetik und Philosophie passen nur schlecht zu seiner Mustertragödie.
1. Cato scheitert im Drama nicht deswegen tragisch, weil er nicht vollkommen genug ist,
sondern weil ihn seine ausschließliche direkte Orientierung an dem abstrakten Ideal der
Tugendhaftigkeit, die Gottscheds eigener Anschauung entspricht, hindert, das der Situation
Angemessene politisch durchzusetzen: Er gibt das Bündnis mit Pharnaces preis, weil er sich
nicht erpressen lassen will und Arsene nicht `verkaufen' möchte, obwohl er ohne dessen Hilfe
keine Chance hat, gegen Cäsar zu siegen. Er redet sich auf die scheinbare Überlegenheit
Roms als Hort der Tugend heraus, die am Ende siegen müsse. Der geschichtskundige
Zuschauer, auf den Gottscheds wirkungsästhetisch konzipiertes Drama zielte, weiß, daß Cäsar
und die Republikfeinde für Jahrhunderte siegten und selbst Cato ahnt dies. Er bemüht sich
dennoch um grundsätzliche moralischen Fragen, ohne der augenblicklich drängenden
Situation Rechnung zu tragen, so etwa mit der Frage, ob seine Tochter als Römerin Königin
bleiben dürfe.
Statt sich mit Cäsar um eine Lösung des Konflikts zu bemühen, sieht er nur die
grundsätzlichen Gegensätze, die unüberbrückbar erscheinen.
3. Gottsched ist aufgrund seiner auf Aristoteles zurückgehenden Tragödientheorie
gezwungen, den Helden trotz seiner zu bewundernden Vorbildlichkeit durch einen Zufall, der
die Zuneigung des Publikums nicht wesentlich beeinträchtigt, scheitern zu lassen. Vor dem
Hintergrund seiner Moraltheorie gerät er dadurch in folgende logische Zwickmühle:
Tugend ist Orientierung an Naturgesetzen, die der Vernunft gemäß sind. Wer sich nach ihnen
richtet, hat langfristig, spätestens im Hiimmel, Erfolg, insofern er seiner Glückseligkeit
teilhaftig wird. Wie kann also Cato trotz seiner überwiegenden Tugendhaftigkeit gegenüber
dem Laster scheitern? Trotz seines Scheiterns muß er als heimlicher Sieger dargestellt
werden, da doch sonst seine Tugendhaftigkeit nicht überzeugen würde. Er muß also zufällig
scheitern, durch eine Unvollkommenheit. Scheitert er aber zufällig und unwissend, so gibt es
ja gerade kein Laster, sondern einen unvermeidbaren Unfall. Damit aber wird seine
Tugendhaftigkeit wieder schwer beeinträchtigt, schließlich soll er ja durch sein Vorbild
wirken. Außerdem hat der Zuschauer keine moralische Lehre daraus zu ziehen, außer daß das
Unvermeidbare unvermeidbar ist. Gottscheds Heldendrama müßte also logischerweise
eigentlich mit einem `Happy Ending' schließen: dem Sieg der Tugend. Ein solches Drama gibt
es aber in der Theorie nicht. Die Tragödie in der klassischen Form mit aufklärerischem Inhalt
läßt Zweifel an der Richtigkeit der Tugendorientierung aufkommen, sie bestärkt den
Zuschauer nicht in seiner Einsicht in die Richtigkeit der Tugend. Gottsched kann im Drama
diesen Widerspruch nur dadurch lösen, daß sich Cato nach Platons Phaidon ein seliges Leben
nach dem Tode verspricht, das er sich zudem angeblich nach der Meinung der Zeit Gottscheds
(Zuschauer) durch seinen Selbstmord ja gerade verwirkt, denn wenn etwas Schlechtes
(Selbstmord) den höchsten Gewinn (seliges Leben) nach sich zöge, wäre es um die
Gerechtigkeit Gottes geschehen und niemand würde leben wollen.
Die Auffassung des Tragischen ist für die Griechen der Antike eine ganz andere als für
Gottsched: Verhängnis des Schicksals, nicht Strafe für "Unvollkommenheiten", wie
Gottsched in seiner Erörterung des "Ödipus" in der Critischen Dichtkunst unterstellt.
4. Letztlich liegen die Ungereimtheiten der Darstellung des Dramas in Gottscheds
Tugendlehre und Affektenlehre selbst begründet: Sie kann die Tatsache nicht erklären, daß
intelligentes taktisches an der Situation orientiertes Verhalten in der Politik, aber auch im
Alltagsleben, zu größerem Erfolg führt, gerade auch im Positiven, als das starre Festhalten
und Verfolgen von abstrakten Grundsätzen, zumal die Theorie selbst eine positive Wirkung
des Bösen in der Vorsehung Gottes zugesteht. Da in Gottscheds Philosophie Mensch, Natur
und Gott als einheitliches Wesen mit einer Identität von Wille, Trieb, Vernunft und Glück
konzipiert werden, gibt es keinen Raum für Geschichtlichkeit, Irrationalität und
Existenzialität. Jedes Drama nach der Konzeption Gottscheds müßte an diesem Mangel und
inneren Widerspruch in der dargestellten Fabel leiden. Aus diesen Gründen konnte der
Moraltheorie Gottscheds wie seiner Poetik keine Dauer beschieden sein. Sein Originaldrama
bleibt ein lesenswertes Beispiel der Widersprüche der Weltanschauung der Aufklärung, die
heute noch in vieler Hinsicht weiterwirkt.
7.ZUSAMMENFASSUNG
Entsprechend der zentralen Stellung der Tugend- und Affektenlehre in der
Glückseligkeitslehre der philosophischen Grundlage des Systems der Wissenschaften und
Künste und in ihrer theoretisch-praktischen Anwendung und Ausarbeitung als kritischer
Regelpoetik, unternahm es Gottsched in seiner Mustertragödie "Sterbender Cato" seine
Auffassung von Tugend und Affekten den Regeln der Poetik gemäß wirkungsvoll und
unterhaltsam an ein bürgerliches Publikum zu vermitteln und gab dem Publikum und seinen
Kritikern in der Vorrede des Dramas und der "Bescheidenen Antwort" zudem die
Rechtfertigung seines Vorgehens im besonderen Fall seiner Tragödie.
Er stellte seine Auffassung in der Handlung und vor allem in den Äußerungen der handelnden
Personen dar; zum einen indirekt, zum anderen aber auch direkt, indem er die handelnden
Personen in Kommentaren und Reflexionen ihre und zugleich Gottscheds Auffassung deutlich
machen ließ.
Die so dargestellte Lehre von Tugend und Affekten zentriert sich um die wichtigsten
Personen: Cato, den Helden der Tragödie, Pharnaces, seine Kontrastfigur, und Cäsar, der eine
Mischung aus den Grundsätzen und Haltungen beider verkörpern soll.
Die äußere Handlung läßt den Wert der verkörperten Haltungen erkennen: Pharnaces, der
unvernünftig triebhafte und damit Lasterhafte, geht an seiner Lasterhaftigkeit zugrunde;
Cäsar, der nach Gottsched das Laster in der Tugend verbirgt, geht einer ungewissen und
zweifelhaften Zukunft entgegen; Cato, der bewundernswert Tugendhafte unterliegt nicht
seinem Schicksal, aber nimmt ein "tragisches" Ende, indem er sich selbst tötet, weil er seinen
Eigensinn und die falsche Auffassung des Selbstmordes nicht als Fehler durchschaute.
In der Vorrede arbeitete Gottsched das Verhältnis der Hauptcharaktere deutlich heraus: Catos
stoisch-republikanische Haltung und allzumenschliche Schwächen, Pharnaces als absolute
Kontrastperson, Cäsar als Beispiel einer "falschen Tugend".
In der "Bescheidenen Antwort ..." geht Gottsched ausführlicher auf den Gegensatz zwischen
Cato und Cäsar ein: Catos Großmut und Vaterlandsliebe, Cäsars Rachgier, Herrschsucht und
Verstellung werden einander gegenübergesetzt. Gegenüber der scheinbar glücklichen
Gelassenheit Cäsars soll Cato trotz seines Unglücks der Größere sein, als der er im Sinne der
Theorie der Tragödie wie der Tugendlehre erscheinen soll.
Der Eigensinn Catos wird als Funktion des Handlungsverlaufes in seiner Bedeutung
heruntergespielt und seiner stoischen Überzeugung und seinem Naturell zugeschrieben. Seine
Tugendhaftigkeit überwiegt aber bei weitem, weswegen die Reaktion des Publikums auch
Mitleid sein muß.
Kritisch angemerkt wurde, daß
1. die Darstellung Cäsars im Drama der Interpretation Gottscheds nicht entspricht: Die ihm
zugeschriebenen Laster werden nicht deutlich;
2. Catos Haltung kann nach Gottscheds eigener Theorie nicht überzeugen, weil Tugend und
Laster bei ihm nicht deutlich zu trennen sind: Gerade seine Tugendhaftigkeit führt zur
Kathastrophe, nicht nur seine Unvollkommenheiten.
3. Die Form der Tragödie ist den Intentionen der Gottschedschen Moralphilosophie nicht
gemäß, weil der Tugendhafte leiden muß, obwohl doch gerade die Tugend am langfristigen
Erfolg und der Übereinstimmung mit dem Naturgesetz gemessen wird. Der Handlungsverlauf
der Tragödie entspicht dem antiken oder auch dem christlichen Verständnis von Tragik, nicht
dem aufklärerischen. Dies wird auch an Gottscheds grotesker Fehlinterpretation des "Ödipus"
von Sophokles deutlich.
4. Die Ungereimtheiten des Dramas gehen in erster Linie auf Widersprüche in der
poetologischen Dramentheorie und der Vernunftlehre zurück: Das Gute und das Natürliche
werden unmittelbar identifiziert, so daß die "Moral" als eigentümlich funktionslos und am
traditionellen Verständnis gemessen kontraproduktiv oder sinnnlos erscheinen muß, weil der
langfristige äußere Erfolg letzter Maßstab bleibt.
8. ANMERKUNGEN
(1) vgl. Cassirer 1932, S. 444. Natürlich ist es vom heutigen Standpunkt der Forschung aus
notwendig, dieses Urteil Cassirers einzuschränken. Die Aufklärung als Epoche war ein
äußerst vielfältiges und in sich widersprüch-liches Phänomen, noch dazu in Deutschland, das
traditionelleren Vorstel-lungen länger verhaftet blieb als Frankreich oder England. Trotzdem
ist der Ausgangspunkt von einem rein rationalistischen Verständnis der "Aufklärung" insofern
nicht verfehlt, als es diese rationalistische Strömung gab, sie im Vergleich zur Tradition das
eigentlich Neue und damit Auffällige darstellt und besonders, weil Gottsched in seiner
Philosophie und Poetik gerade diesem Programm der rationalistischen Aufklärung verpflichtet
ist.
(2) vgl. Conrady 1960, S. 62. Ich folge in gewisser Weise dem Ansatz Conradys, der in
diesem Zitat zum Ausdruck kommt, insofern auch ich von der philosophischen Grundlage
ausgehe. Conrady leistet allerdings keine ausführliche Werkinterpretation, der von ihm
aufzuweisende Zusammenhang von Philosophie, Poetik und Werk wird in seiner inneren
Logik und strengen Systematik nicht wirklich abgeleitet, sondern nur in essayistischer Manier
"geschildert". Außerdem befaßt sich Conrady nicht mit der Catorede und konzentriert sich
weithin auf poetologische Aspekte hinsichtlich Gottscheds Theaterreform.
(3) vgl. Arntzens und Heydebrandts Aufsätze 1976. In meiner Arbeit gehe ich auf die
Argumentation dieser Aufsätze nicht näher ein, weil sie in ihrem Ansatz: Gottscheds Tragödie
im Kräftefeld von Autorintention, Publikums-wirkung und Kritik (Heydebrandt) und dem
Vergleich von Gottscheds Stück mit Gryphius und Büchner (Arntzen) den Gang meiner
Untersuchung nur vom Rand her berühren. Das Verdikt Heydebrandts, die Verfasser der
meisten Gottschedmonographien gingen unkritisch von Gottscheds eigenen Aussagen und
denen der Kritiker aus (vgl. S.554) ist zwar richtig, ist aber nicht geeignet, den vom
aufklärerischen Programm ausgehenden Interpretations-ansatz zu verwerfen. Daß man eine
solche Interpretation auch und gerade kritisch betreiben kann und dann zu Ergebnissen
kommt, die denen von Heydebrandt ähnlich sind, ist hoffentlich das Ergebnis meiner Arbeit.
Mein Ansatz zeichnet sich gegenüber dem von Arntzen und Heydebrandt dadurch aus, daß er
zu einem vertieften geistigen Verständnis des Dramas führen kann, das den Leser selbst
betrifft, auch wenn es ihm fremd bleibt, während die herkömmliche Interpretationsmethode
meist nur zu interessanten "Impressionen" führt, die an der ästhetisch-literarischen Oberfläche
der künstlerischen Problematik verbleiben, so komplex die Darstellung im einzelnen auch
sein mag.
(4) vgl. Freier, S. 181ff
(5) vgl. Arntzens Aufsatz
(6) vgl. Birke 1964 und 1966
(7) vgl. Freier, S. 39-130
(8) vgl. zur Aufklärung allgemein Segreff 1984, Kondylis 1981, Wundt 1964, Ciafardone
1990.
(9) vgl. Birke 1966
(10) Der Vergleich von Gottscheds mit Wolffs Darstellungen der Philosophie ergibt bis in den
Wortlaut hinein reichende Übereinstimmungen. Vgl. zum Beispiel Wolffs "Vernünftige
Gedancken Von Gott, Der Welt und der Seele des Menschen ...Die neunte Auflage ... Halle
1743. Erstausgabe 1720.
Zur schnellen Orientierung über die Grundbegriffe von Wolff kann man Meissners
Philosophisches Lexikon heranziehen.
(11) Wichtig für das Verständnis der näheren Bedeutung von Tugend und Affekten im System
Gottscheds für die Analyse des Trauerspiels sind entsprechend:
1. in der theoretischen Philosophie der vierte Teil über die Geisterlehre, I. Abschnitt "Von den
Kräften der Seelen und der Geister", IV. Hauptstück "Von der sinnlichen Begierde und den
Affekten"; II. Abschnitt "IV. Hauptsstück "Von den Begierden und dem Willen";
2. Im praktischen Teil: Erster Teil, III. Hauptstück "Von der Tugend und dem Laster"; die
Tugendlehre im dritten Teil;
3. Wegen der besonderen Thematik des "Cato" muß auch das Kapitel über die Staatslehre
beachtet werden, da sich hier Erörterungen der Fürstentugenden finden, wie sie im "Cato" vor
allem in den Personen Cäsars und Pharnaces'dargestellt werden.
Andere Themen, wie das Verhältnis Catos zu seiner Tochter, in dem das Thema der
Kinderzucht und der Regierung des Hauses berührt werden (Gehorsamspflichten der Kinder
gegenüber den Eltern), ebenso das Verhältnis zwischen Hausherr und "Gesinde", zu dem
sozialgeschichtlich die "Bedienten" im Drama gehören etc. bleiben hier unberücksichtigt, da
sie nicht im Mittelpunkt des Dramas stehen.
(12) Die Leidenschaften, die Gottsched im einzelnen nennt, und die hier aufgeführt werden,
da sie alle im Drama in der Darstellung der Handlung, in der Reflexion der Personen und in
der erwarteten Zuschauerreaktion eine Rolle spielen, sind folgende:
1. a. Freude, die aus der Vorstellung der Erlangung
eines großen Gutes folgt (EG I, & 964; II, & 517).
b. Traurigkeit, aus der Vorstellung eines scheinbaren Übels
(ebd.).
2. a. Liebe, aus der Vorstellung des vielen Guten an einer
Person oder einer Sache (EG I, & 965; II, & 518).
b. Haß, aus der Vorstellung des Gegenteils (ebd.).
3. a. Neid, Mißvergnügen über das vermeintliche Glück anderer
(EG I, & 966; II, & 519).
b. Verspottung, Vergnügen über das vermeintliche Unglück
anderer (ebd.).
4. a. Mitleid, Unlust über des anderen Unglück Zufriedenheit
(EG II, & 520).
b. Zufriedenheit aus dem Bewußtsein eines rühmlichen
Verhaltens (ebd.).
c. Reue, Verdruß über ein vermeintliches eigenes Verschulden
(ebd.).
5. a. Ehrliebe, Lust an fremden Urteilen über das getane Gute
(EG II, &521).
b. Schamhaftigkeit, Unlust über gegenteilige Urteile (ebd.).
6. a. Dankbarkeit, Lust über die Wohltatan anderer (EG II, & 522).
b. Gunst, Lust an der Vorstellung der guten Sitten anderer
(ebd.).
7. a. Hoffnung, Lust an der Vorstellung eines bevorstehenden
Gutes (EG II, & 523).
b. Zuversicht ist mit stärkerer Gewißheit verbunden (ebd.)
c. Furcht aus der Vorstellung eines Übels (ebd).
d. Verzweiflung, ein höherer Grad von Furcht (ebd.).
8. a. Wankelmut, eine Vermischung von 7.a. und 7.c. (EG II,
& 524)
b. Kleinmüthigkeit, Unlust über die Schwierigkeit, etwas
Gutes zu erhalten (ebd.).
c. Verlangen, Unlust über den "Verzug" eines Gutes (ebd.).
9. a. Zorn aus der Vorstellung erlittenen Unrechts (II, & 522)
Diese Klassifikation ist z.T. unsystematisch, denn
1. 1a/b sprechen nur das Klassifikationsprinzip Lust (=Freude) und Unlust (=Traurigkeit) aus,
gehören also nicht in die Aufzählung hinein;
2. 9a steht alleine ohne logisches Gegenstück.
3. müßten die Tugenden viergliedrig sein, da der Mangel eines Gutes nicht gleichbedeutend
mit dem Vorliegen eines Übels sein kann.
(13)Tugenden sind im einzelnen:
1.. spezielle Mäßigkeit und Unmäßigkeit im Essen und
Trinken (II, & 540ff).
2. allgemeine Sorgfalt für den Leib und Keuschheit
3. Fleiß, Sparsamkeit und Freigebigkeit
4. Bescheidenheit, Demut und Edelmut
5. Standhaftigkeit, Unerschrockenheit und Mäßigung im Glück
6. Menschenliebe, Sanftmut und Freundschaft
7. Aufrichtigkeit, Verschwiegenheit und "Gesprächsamkeit"
8. Gerechtigkeit als Inbegriff aller Tugenden und
Redlichkeit
(14) Genauer wird schon in den "Ersten Gründen" ausdrücklich zu Poetik und Rhetorik
gesagt, daß
1. die philosophische Vernunftlehre die Grundsätze aller übrigen Künste und Wissenschaften
enthalte (EG I, &15);
2. wird der allgemeine Begründungszusammenhang zwischen Glückseligkeit, Philosophie
und Regelpoetik sogar als Beispiel für den Nutzen der Vernunftlehre syllogistisch formalisiert
und somit unwiderleglich "synthetisch" bewiesen (EG I, & 145).
3. wird der spezielle Zusammenhang zwischen Philosophie, republikanischer Politik und dem
Nutzen von Satiren und Komödien für die Beförderung der Tugendhaftigkeit analytisch
bewiesen.
4. hilft die Philosophie bei der Beurteilung guter Reden und "Poemata" (EG I, &&180,181).
5. hilft die philosophische Vernunftlehre beim Überreden, Überzeugen, Disputieren
verständig vorzugehen und auf die Affekte der Zuhörer Rücksicht zu nehmen (EG I, &&
195ff, &210), was für Rhetorik uund Poetik zentrale Bedeutung hat.
6. gibt die phil. Geisterlehre Anleitung zum rechten Gebrauch der Einbildungskraft bei der
Erfindung wahrscheinlicher Fabeln und guter Reden (EG I, && 893ff).
7. gibt dieselbe Anleitung zum scharfsinnigen Gebrauch des Verstandes, der für Poeten und
Redner wichtig ist (EG I, & 910)
8. ebenso für den "Witz" (EG I, & 930ff),
9. zeigt die Philosophie, daß die Dichtung zur Beständigkeit im Guten hilft (s.o.).
10. muß der Regent für gute Schauspiele sorgen, um die Glückseligkeitnder Bürger zu fördern
(EG II, & 389)
11. zeigt die Tugendlehre die Bedeutung der Künste zur Beförderung der Tugend (EG II,
&484)
12. mahnt die Phil. den Regenten, die Schaubühne zu säubern und gute Schauspiele zu
fördern (ebda && 771ff), zur Beförderung der Tugend und Bekämpfung des Lasters, aber
auch
13. zur nützlichen Belustigung der Bürger (& 797f)
(15) Ad 1: Dichtung wie alle Kunst ist ein ursprüngliches Mittel zur
Affektbändigung
Ad 2: Zweck ist die Übertragung von Affekten, zur Belehrung und
Kontrolle
Ad 3. Wesen ist die Darstellung guter (vernunftgeleiteter und
so gebändigter) und schlechter Affekte zur Abschreckung
Ad 4. Der Dichter muß ein kultivierter Mensch sein, der Affekte
kennt und fühlt, aber vernunftmäßig ausrichtet
Selbst beim Schöpfungsakt muß er sich schon von seinen
Affekten vernunftmäßig distanziert haben (CD I, 198f).
Ad 5. Der Rezipient soll durch Erregung von Affekten schlechte
Affekte überwinden und tugendhaft (kontrolliert
affekthaft) werden
Ad 6. Die Fabel ist Darstellung richtiger und falscher Affekte
und belehrt über die Notwendigkeit der Steuerung und
Kontrolle durch Darstellung der Wirkungen richtigen und
falschen Handelns
Ad 7. Der kontrollierte Affekt ist Maßstab des guten Geschmacks
Ad 8. Der kontrollierte Affekt und die Kontrolle der
Affekte ist Prinzip der Dichtungstheorie
(16) Die Aspekte der philosophischen Literaturtheorie stehen demnach alle in einem inneren
Zusammenhang der sich unter Einschließung der philosophischen Gottes- und
Schöpfungslehre (EG I, 6& 1099ff) folgendermaßen zusammenfassen ließe:
Die vernünftige Gesetzgebung aus Gott (als moralisches Gebot erkannt) und in dessen
Weltordnung (als Naturgesetz beobachtet und verstanden) wird vom Philosophen erkannt und
gelehrt, vom Dichter/Philosophen selbst oder nach Maßgabe eines Normgebers gelernt,
erkannt, erlebt und zur Belehrung auf naturgemäße (wahrscheinliche) und unterhaltsame (zur
Glückseligkeit beitragenden) Weise zur moralischen Wirkung gebracht. Sie (die göttliche
Naturgesetzgebung) wird in einer Fabel dargestellt, die einen moralischen Lehrsatz umkleidet,
so vom Rezipienten nacherlebt und gelernt, vom Rezensenten/Philosophen hinsichtlich Inhalt,
Form und Wirkung beurteilt. Dabei können und sollen im Idealfall die Positionen des
Philosophen, Dichters, Kritikers und Literartheoretikers, ja sogar wenn möglich des
Staatsmannes identisch sein. Zur Not steht der Weltweise allein, dann sollen die anderen
seinem Rat folgen. Der Rezipient sollte dagegen nicht Philosoph sein, denn dann hätte er die
umständliche Belehrung nicht nötig. Er kann auch nicht Philosoph werden, solange er sich nur
mit Dichtung beschäftigt, denn er erfährt die Wahrheit nur in der Fabel, kaum im
Zusammenhang des abstrakten Lehrsystems. Seine Rolle besteht darin, die Moral der
Geschichte unter Steigerung seines Vergnügens in sich aufzunehmen und als Bürger einer
Republik vertragsgemäß, gottgefällig zur Förderung seiner und fremder Glückseligkeit zu
praktizieren.
9.LITERATURVERZEICHNIS UND ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
1. Textausgabe des Dramas
SC Gottsched, Johann Christoph: Sterbender Cato. Im Anhang: Auszüge aus der
zeitgenössischen Diskussion um Gottscheds Drama. Herausgegeben von Horst
Steinmetz. Stuttgart (Reclam). 1964.
Darin:
"Vorrede" Die Vorrede Gottschedsin der Textausgabe des Dramas S.5-18.
"Bescheidene Antwort" Gottsched, Johann Christoph : Bescheidene Antwort auf
die vorhergehenden kritischen Gedanken über den "Sterbenden Cato".
S.95-113.
2. Ausgewählte Werke Gottscheds
Gottsched, Johann Christoph: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke und
Brigitte Birke. Fortgeführt von P.M. Mitchell. Berlin, New York. 1968ff.
(= Ausgaben Deutscher Literatur des XV. bis XVIII. Jahrhunderts. Herausgegeben von Hans-Gert Roloff).
EG I Bd. 5, Teil 1: Erste Gründe der Gesammten
Weltweisheit (Theoretischer Teil (sic!)).
Herausgegeben von P.M. Mitchell.Berlin, New York.
1983.
II Bd. 5, Teil 2: Erste Gründe der Gesammten
Weltweisheit (Praktischer Teil (sic!)).
Herausgegeben von P.M. Mitchell. Berlin, New York.
1983.
CD I Bd. 6, Teil 1: Versuch einer Critischen Dichtkunst:
Erster allgemeiner Theil. Herausgegeben von J. Birke
und B. Birke. Berlin, New York. 1973.
II Bd. 6, Teil 2: Versuch einer Critischen Dichtkunst:
Anderer Besonderer Theil. Herausgegeben von J. Birke
und B. Birke. Berlin, New York. 1973
Bd. 6, Teil 3: Versuch einer Critischen Dichtkunst:
Variantenverzeichnis. Herausgegeben von J. Birke und B.
Birke. Berlin, New York. 1973.
Bd. 6, Teil 4: Versuch einer Critischen Dichtkunst:
Kommentar. Herausgegeben von P.M. Mitchell. Berlin,
New York. 1978.
AR Gottsched, Johann Christoph: Johann Christoph Gottscheds
Ausführliche Redekunst ... Die erste Auflage ... Leipzig,
Verlegts Bernh. Christoph Breitkopf ... 1736. Reprogr.
Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1736. (=Documenta Linguistica.
Quellen zur Geschihcte der dt. Sprache des 15.-20. Jh.
Ergänzungsreihe). Hildesheim, New York 1973.
Daraus:
Catorede: Cato ist nicht als ein unüberwindlicher Weiser gestorben.
Im VIII. Hauptstück, S. 554-563.
3. Sekundärliteratur
Arntzen, Helmut: Von Trauerspielen. Gottsched, Gryphius, Büchner. In: Rezeption und
Produktion zwischen 1570 und 1730. Festschrift Günther Weydt. Hrsg. von Wolfdietrich
Rasch u.a.. Bern und München 1972. S. 571-586.
Bernays, Michael: Johann Christoph Gottsched. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 9.
Leipzig 1879. Bd IX, S. 497-508.
Birke, Joachim: Christian Wolffs Metaphysik und die zeitgenössische Literatur- und
Musiktheorie: Gottsched, Scheibe, Mitzler. (=Quellen und Forschungen zur Sprach- und
Kulturgeschichte der germanischen Völker. Begründet von Bernhard ten Brink und Wilhelm
Scherer. Neue Folge. Herausgegeben von Hermann Kunisch. Bd 21 (145). Berlin 1966.
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1964.
Borjans-Heuser, Peter: Bürgerliche Produktivität und Dichtungstheorie. Strukturmerkmale der
poietischen Rationalität im Werk von Johann Christoph Gottsched. (=Europäische
Hochschulschriften. Reihe Deutsche Sprache und Literatur Bd 448). Frankfurt/Main 1981.
Brüggemann, Fritz (Hrsg.): Gottscheds Lebens -und Kunstreform in den zwanziger und
dreißiger Jahren. Leipzig 1935. (=Deutsche Literatur ...in Entwicklungsreihen. Reihe
Aufklärung. Bd.3)
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In: Literaturwiss. Jahrb. 20 (1979), S. 71-87.
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Hrsg. v. Benno v. Wiese. Bd.1. 2. Aufl. Düsseldorf 1960, S. 61-78.
Cassirer, Ernst: Die Philosophie der Aufklärung. Tübingen 1932.
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Hinske und Rainer Specht. Stuttgart 1990 (Erstauflage ital. Torino 1983).
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1848.
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Stuttgart 1973.
Fritz, Kurt von: Antike und moderne Tragödie. Neun Abhandlungen. Berlin 1962.
Guthke, Karl S.: Das deutsche bürgerkliche Trauerspiel. 3., durchges. u. erw. Aufl. Stuttgart
1980. (Slg. Metzler, 116 Abt. Dt. Litgesch).
Heitner, Robert R.: German Tragedy in the Age of Enlightenment. A Study in the
Development of Original Tragedies 1724-1768. Berkeley/Los Angeles 1963. (Zum Cato:
S.21ff).
Heydebrand, Renate von: Johann Christoph Gottscheds Trauerspiel Der sterbende Cato (sic!)
und die Kritik. Analyse eines Kräftespiels. In: Rezeption und Produktion zwischen 1570 und
1730. Festschrift Günther Weydt. Hrsg. von Wolfdietrich Rasch u.a..Bern und München
1972, S. 553-570.
Kondylis, Panajtios: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitl. Rationalismus. Stuttgart 1981.
Koopmann, Helmut: Drama der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche.
München 1979.
Lausberg, Heinrich: Elemente der literarischen Rhetorik. Eine Einf. f. Studierende der
klassischen, romanischen, englischen und deutschen Philologie. 5. Aufl. München 1976
(1963).
Markwardt, Bruno: Geschichte der deutschen Poetik. Bd. 1. 2. Aufl. Berlin 1958.
Bd. 2. 2. Aufl. Berlin 1956.
Meier, Christian: Afrikanischer Feldzug, Catos Tod. In: Cäsar. Berlin/Darmstadt/Wien 1982,
S. 500-509.
Meissner, Heinrich Adam: Philosophisches Lexikon aus Christian Wolffs sämtlichen
deutschen Schriften. Mit einem Vorwort von Lutz Geldsetzer. (=Instrumenta Philosophica.
Series Lexica III). Photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Bayreuth 1737. Düsseldorf
1970.
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Drama des 18. Jahrhunderts. Hrsg. von Benno von Wiese. 1977, S. 38-61.
Martini, Fritz: Von der Aufkl. z. Sturm und Drang 1700-1775. In: Annalen der Dt Literatur.
Eine gemeinschaftsarbbeit zahlreicher Fachgelehreter. Hrsg. v. Heinz Otto Burger. 2. überarb.
Aufl. Stuttgart 1971 (Erstaufl. 1952).
Newald, Richard: Die Dt. Lit. v. Späthumanismus z. Empfindsamkeit 1570-1750. 4. verb.
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Helmut de Boor u. Richard Newald. Band 5) München 1962 (Erstaufl. 1951)
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Steinmetz, Horst: Nachwort. In SC, S. 132-143.
Waniek, Gustav: Gottsched und die deutsche Literatur seiner Zeit. Leipzig 1897.
Wölfel, Kurt: Moralische Anstalt. Zur Dramaturgie von Gottsched bis Lessing. In: Deutsche
Dramentheorien. Beiträge zu einer historischen Poetik des Dramas in Deutschland. Hrsg. und
eingeleitet von Reinhold Grimm. Band 1. Frankfurt/Main 1971, S. 45-122.
Wundt, Max: Die deutsche Schulphilosophie im Zeitalter der Aufklärung. Hildesheim 1964.
Reprogr. Nachdruckder Ausgabe Tübingen 1945.(=Heidelberg. Abhandlungen z. Philosophie
und ihrer Geschichte 32).
Wuthenow, Ralph-Rainer: Zwischen Absolutismus uund Aufklärung: Rationalismus,
Empfindsamkeit, Sturm und Drang 1740-1786. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte.
Hrsg. v. Horst Albert Glaser. Bd 4. Reinbek 1980. S. 277-298.
1. Überblick über den Inhalt der "Ersten Gründe der gesamten Weltweisheit"
Gottsched versteht übereinstimmend mit Leibniz (EG I, & 1) Philosophie als die dem
natürlichen affektiven Glücksstreben des Menschen entsprechende (EG I, & 16), zum guten
und daher erfolgreichen praktischen Handeln anleitende ("geschäftige und thätige" (EG I, &
5)) Wissenschaft der Glückseligkeit (EG I, & 1). Diese Glückseligkeit, die in fortwährendem
Vergnügen (EG I, & 2) aus dem Genusse von Vollkommenheiten besteht (EG I, & 5), kann
der zeitlich-endlichen Natur des Menschen ent-sprechend nur unvollkommen sein (EG I, &
3). Als Vollkommenheit wird dabei das verstanden, was dem Zweck der Natur und damit den
menschlichen Bedürfnissen voll entspricht. Die Wissenschaft von der Glückseligkeit strebt
nach unwidersprechlich gewissem Wissen von ihr (EG I, & 4), weil das Wissen die
Handlungen der Menschen leitet. Wegen ihres Charakters universaler und fundamentaler
Gewißheit und Nützlichkeit enthält sie auch die Anfangsgründe aller übrigen Künste
(besonders hervorgehoben hinsichtlich der
Dichtkunst)
und Wissenschaften (z.B. der
Poetik)
(EG I, & 15), die auf einzelnen Gebieten des menschlichen Handelns und Denkens
unmittelbar und/oder als Mittel demselben naturgesetzlich vorbestimmten Ziel der
Glückseligkeit dienen wie die Philosophie auch, von der also alle Wissenschaften und Künste
abgeleitet sind und auch weiter abhängig bleiben, insofern sie in allen Fragen des Erkennens,
Urteilens und Handelns auf die Philosophie zurückgreifen müssen. Nur das vollkommene
Wissen um die wirklichen Vollkommenheiten ließe den Menschen in seinem natürlichen
Glücksbegehren auch die wahren und deshalb beständigen, weil wirklichen
Vollkommenheiten und damit Glückseligkeiten finden (EG I, & 6).
Daher beginnt Philosophie, die zwei Hauptteile besitzt: erstens, Wissen davon, wie man das
glücklich (=tugendhaft) machende erkennt (Theoretische Philosophie) und zweitens Wissen
davon, wie man Glückseligkeit praktisch erwirbt (Praktische Philosophie), mit der
Theoretischen Philosophie (EG I, & 6) und hier wieder charakteristischerweise mit der
Theorie des Erkenntnisvermögens (Logik oder Vernunftlehre (EG I, & 7)) und der Theorie
der Prinzipien der Erkenntnis (Metaphysik (EG I, & 8)) welche auch die Erkenntnis der
Gesetzlichkeit des Weltganzen (Kosmologie (EG I, & 9)) in sich begreift. Diese
Gesetzlichkeit wird in der Physik als der Lehre von einzelnen Naturbereichen, in der
Mathematik als einer der Meß- und Rechengenauigkeit dienenden Nebenwissenschaft der
Naturlehre und in der Seelen-oder Geisterlehre in zwei Teilen näher angegeben: der Lehre
von der menschlichen Seele, zu der auch die im weiteren wichtige theoretische Affektenlehre
gehört und die natürliche Gotteslehre, die den Grund des Charakters der geistig-sittlichen
Notwendigkeit der anzustrebenden, Glück verheißenden Vollkommenheiten in Gottes
unendlich vernünftigen Schöpferwillen aufsucht (EG I, && 10-14). Dieser Aspekt der
göttlichen Herrschaft wird im Drama von Cato in meist treffender, von Cäsar in zweifelhafter
und Pharnaces in verdrehter Weise angesprochen.
Schon in der theoretische Grundlage läßt Gottsched erkennen, daß in seiner Philosophie der
Primat des naturhaften Begierdewillens gilt, eines Willens, der zu seiner Selbstverwirklichung
strebt, wobei die Vernunft als Organ der Selbst- und Welterkenntnis nur dem bewußten
Ausdruck dieses Strebens dient, insofern sich der invdividuell-endliche Begierdewille in
seiner naturhaften Vernünftigkeit seiner bleibenden Identität im Streben nach seinem
Wesensziele versichert und steuert. Dies wird noch deutlicher in der praktischen
Glückseligkeitslehre (EG II).
Hier sollen die aus den rechten Anschauungen folgenden und somit selbst rechten
Handlungen angegeben werden, und zwar zunächst wieder im abstrakt-allgemeinen Sinn
(allgemeine Sittenlehre), wobei geklärt wird, was Handlungen, die Verbindlichkeit der
moralischen Naturgesetze, Tugend und Laster, Glückseligkeit und Mittel zum Glück,
Gewissen, Bekehrung und Buße bedeuten; daneben wird Charakterkunde geboten (VII.
Hauptstück) und Anleitung zur Beständigkeit im Guten (VIII. Hauptstück) gegeben. Dieses
letzte Kapitel enthält auch eine ausführlich moralisch begründete Empfehlung der Poesie (EG
I, & 164).
Neben diesem allgemeinen Teil der Sittenlehre stehen als einzelne Bereiche die Pflichtenlehre
für den Einzelmenschen, die Pflichtenlehre des Staatsbürgers, zu der die Pflicht zur Förderung
fremder Glückseligkeit (Nächstenliebe, aufklärerisch gesehen) gehört, weiter die
Tugendlehre, die Lehre der rechten philosophischen Frömmigkeit und die Staatslehre als
Überbegriff der Lehre vom rechten Haushalten (Eheschließung, Kinderzucht, Regierung des
ganzen Hauses) und von der rechten Regierung (Mit der Überschrift "Von der Herrschsucht"
betont Gottsched die Mängel und Laster des Regierens, obwohl er darauf nicht weiter eingeht)
(11).
Als letzter Maßstab dieses primär praktisch orientierten Denkens muß der E r f o l g des schon
oben beschriebenen nach Selbstverwirklichung strebenden Willens im äußeren Handlungseffekt gelten, da seine Basis nicht in einer weltfremd abstrakten Geisterwelt, sondern in der
gesetzlichen Natur dieser Welt selbst liegt.
Das unvermeidliche Leid und die Unvollkommenheiten des Menschen und der Welt werden
der Weisheit des Schöpfers dieser besten aller möglichen Welten zugeschrieben (EG I &
1156ff), da das Böse entweder in der notwendigen sinnlich-leiblichen Endlichkeit alles
Geschaffenen (metaphysisches und physi-kalisches Böses) liegt (z.B. gerade in der
Endlichkeit des sinnlich abhängigen Verstandes und damit des guten Willens) oder in der
davon abgeleiteten Bosheit im Handeln aufgrund schlechter Einsicht (moralisches Böses).
Gott läßt das Böse zu und lenkt es im Sinne des Fortschritts mit der Zeit durch seine
Vorsehung zum Guten. Gott läßt keinen redlichen Bürger elend und keinen boshaften
glücklich werden (& 1172). Catos und Cäsars Schicksal können dies im Drama, wie deutlich
zu machen sein wird, nicht plausibel machen. Auch ist die Feststellung von unvermeidbarem
Leid und ihre Abgrenzung zur persönlichen Verfehlung unmöglich, da ja die mangelnde
Erkenntnis, die zur Verfehlung führt, selbst metaphysisch notwendig ist. Insofern kann von
Schuld im eigentlichen Sinne ebensowenig die Rede sein wie bei dem Versagen einer
Maschine.
Aus dieser Lehre vom Bösen ist ersichtlich, daß Gottscheds Theorie wie die von Leibniz
deterministisch im Sinne der protestantischen Prädestinationslehre Luthers ist (vgl EG I,
&1165): Der Mensch ist aufgrund seiner metaphysisch-natürlichen Endlichkeit zwar wahlfrei,
genauer gesagt sogar zur Wahl gezwungen, aber nicht willensfrei.
Diejenigen, die in ihrem Leben nicht die Belohnungen aller ihrer Tugend empfangen haben,
werden sie nach dem Tode reichlich "ersetzt" bekommen (& 1183). Dieser Fall wird aber für
eher selten gehalten, weil er der Harmonie von Vernunft und Natur widerspricht. Es darf
hierin nur eine schöpfungs-notwendige Unvollkommenheit liegen, die der Weisheit des
Schöpfers entsprechend kleinstmöglich zu denken ist. Die Regel ist demnach die
weitestgehende Gerechtigkeit schon in dieser Welt. Das dargestellte Schicksal Catos und der
Erfolg Cäsars läßt, wie später ausgeführt, an dieser Auffassung Zweifel aufkommen.
2. Zusammenfassung des Ergebnisses der Untersuchung
Entsprechend der zentralen Stellung der Tugend- und Affektenlehre in der
Glückseligkeitslehre der philosophischen Grundlage des Systems der Wissenschaften und
Künste und in ihrer theoretisch-praktischen Anwendung und Ausarbeitung als kritischer
Regelpoetik, unternahm es Gottsched in seiner Mustertragödie "Sterbender Cato" seine
Auffassung von Tugend und Affekten den Regeln der Poetik gemäß wirkungsvoll und
unterhaltsam an ein bürgerliches Publikum zu vermitteln und gab dem Publikum und seinen
Kritikern in der Vorrede des Dramas und der "Bescheidenen Antwort" zudem die
Rechtfertigung seines Vorgehens im besonderen Fall seiner Tragödie.
Er stellte seine Auffassung in der Handlung und vor allem in den Äußerungen der handelnden
Personen dar; zum einen indirekt, zum anderen aber auch direkt, indem er die handelnden
Personen in Kommentaren und Reflexionen ihre und zugleich Gottscheds Auffassung deutlich
machen ließ.
Die so dargestellte Lehre von Tugend und Affekten zentriert sich um die wichtigsten
Personen: Cato, den Helden der Tragödie, Pharnaces, seine Kontrastfigur, und Cäsar, der eine
Mischung aus den Grundsätzen und Haltungen beider verkörpern soll.
Die äußere Handlung läßt den Wert der verkörperten Haltungen erkennen: Pharnaces, der
unvernünftig triebhafte und damit Lasterhafte, geht an seiner Lasterhaftigkeit zugrunde;
Cäsar, der nach Gottsched das Laster in der Tugend verbirgt, geht einer ungewissen und
zweifelhaften Zukunft entgegen; Cato, der bewundernswert Tugendhafte unterliegt nicht
seinem Schicksal, aber nimmt ein "tragisches" Ende, indem er sich selbst tötet, weil er seinen
Eigensinn und die falsche Auffassung des Selbstmordes nicht als Fehler durchschaute.
In der Vorrede arbeitete Gottsched das Verhältnis der Hauptcharaktere deutlich heraus: Catos
stoisch-republikanische Haltung und allzumenschliche Schwächen, Pharnaces als absolute
Kontrastperson, Cäsar als Beispiel einer "falschen Tugend".
In der "Bescheidenen Antwort ..." geht Gottsched ausführlicher auf den Gegensatz zwischen
Cato und Cäsar ein: Catos Großmut und Vaterlandsliebe, Cäsars Rachgier, Herrschsucht und
Verstellung werden einander gegenübergesetzt. Gegenüber der scheinbar glücklichen
Gelassenheit Cäsars soll Cato trotz seines Unglücks der Größere sein, als der er im Sinne der
Theorie der Tragödie wie der Tugendlehre erscheinen soll.
Der Eigensinn Catos wird als Funktion des Handlungsverlaufes in seiner Bedeutung
heruntergespielt und seiner stoischen Überzeugung und seinem Naturell zugeschrieben. Seine
Tugendhaftigkeit überwiegt aber bei weitem, weswegen die Reaktion des Publikums auch
Mitleid sein muß.
Kritisch angemerkt wurde, daß
1. die Darstellung Cäsars im Drama der Interpretation Gottscheds nicht entspricht: Die ihm
zugeschriebenen Laster werden nicht deutlich;
2. Catos Haltung kann nach Gottscheds eigener Theorie nicht überzeugen, weil Tugend und
Laster bei ihm nicht deutlich zu trennen sind: Gerade seine Tugendhaftigkeit führt zur
Kathastrophe, nicht nur seine Unvollkommenheiten.
3. Die Form der Tragödie ist den Intentionen der Gottschedschen Moralphilosophie nicht
gemäß, weil der Tugendhafte leiden muß, obwohl doch gerade die Tugend am langfristigen
Erfolg und der Übereinstimmung mit dem Naturgesetz gemessen wird. Der Handlungsverlauf
der Tragödie entspicht dem antiken oder auch dem christlichen Verständnis von Tragik, nicht
dem aufklärerischen. Dies wird auch an Gottscheds grotesker Fehlinterpretation des "Ödipus"
von Sophokles deutlich.
4. Die Ungereimtheiten des Dramas gehen in erster Linie auf Widersprüche in der
poetologischen Dramentheorie und der Vernunftlehre zurück: Das Gute und das Natürliche
werden unmittelbar identifiziert, so daß die "Moral" als eigentümlich funktionslos und am
traditionellen Verständnis gemessen kontraproduktiv oder sinnnlos erscheinen muß, weil der
langfristige äußere Erfolg letzter Maßstab bleibt.
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Martin Gabel, 1993, Tugend und Affekte in Gottscheds Trauerspiel "Sterbender Cato" unter besonderer Berücksichtigung der philosophischen und poetologischen Grundlagen, München, GRIN Verlag GmbH
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