„Nicht Sätze, sondern Bilder, nicht Aussagen, sondern Metaphern dominieren den größten Teil unserer philosophischen Überzeugungen. Das Bild, dass die traditionelle Philosophie gefangenhält, ist das Bild vom Bewußtsein als einem großen Spiegel, der verschiedene Darstellungen enthält - einige davon akkurat, andere nicht - und mittels reiner, nichtempirischer Methoden erforscht werden kann. Ohne die Idee des Bewußtseins als Spiegel hätte sich eine Bestimmung der Erkenntnis als Genauigkeit der Darstellung nicht nahegelegt.“ 1
Rorty knüpft dabei an die Spätwerke Wittgensteins, Heideggers und John Deweys an, die kein konstruktives, sondern ein therapeutisches Philosophieverständnis hatten. Genau wie sie negiert er die Auffassung, dass Erkenntnis als Darstellung betrachtet werden muss und verabschiedet Erkenntnistheorie und Metaphysik als philosophische Disziplinen. Er stützt sich auf Wilfried Sellars Angriff gegen das Gegebene und Quines Angriff auf den Notwendigkeitsbegriff. Wenn beide Angriffe fruchtbar sind, kann es laut Rorty keine analytische Philosophie mehr geben. 2 Sie wird abgelöst durch einen an William James und Dewey angelehnten Pragmatismus. Wahrheit wird nicht mehr als Darstellung verstanden, sondern wahr ist, was nützt und sich im Diskurs bewährt. „Wir können das Erkennen als die soziale Rechtfertigung von Meinungen verstehen, wir brauchen es daher nicht mehr als die Genauigkeit von Darstellungen aufzufassen.“ 3 Es stellt sich die Frage, ob Rorty mit seiner Kritik an der traditionellen Erkenntnistheorie und seiner generellen Kritik an der analytischen Philosophie Recht hat. Um dies zu beantworten, muss ebenfalls geklärt werden, auf welchen Grundlagen diese Ansicht beruht und welche Alternativen es geben könnte.
Sowohl Quine als auch Sellars vertreten einen semantischen und erkenntnistheoretischen Holismus. Sehr gut erkennbar ist dies in Quines berühmten Aufsatz Two Dogmas of Empiricism, in welchem er sich vorrangig gegen Carnap richtet. In diesem Aufsatz kritisiert er einerseits die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen und andererseits die Möglichkeit der Reduktion von Sätzen auf unmittelbare Erfahrung. Besonders der zweite Einwand wendet sich gegen ein Fundament der Erkenntnis, durch welches Sätze mittels Umformungen stets durch unmittelbare Verifikation an Sinnesdaten begründet werden können. Im Gegensatz dazu ist Wissen nach Quine “centrally located within the total network, meaning merely that little preferential connection with any particular sense data obtrudes itself” 4 .
1 Richard Rorty - Spiegel der Natur, S.22. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1987
2 vgl. a.a.O. S.192.
3 a.a.O. S.191.
4 W.V.O. Quine - Two dogmas of empiricism, S.44. In: W.V.O. Quine: From a logical point of view. Harvard University Press 1980, S.20-26
2
Das erkenntnistheoretische Grundproblem der Rechtfertigung von Sätzen wird dadurch mit der Duhem-Quine-These konfrontiert, nach der nicht ein einzelner Satz an der Erfahrung geprüft werden kann, sondern nur ein System von Sätzen. Tritt ein Widerspruch zwischen Theorie und Erfahrung auf, ist kein bestimmter Satz widerlegt, sondern nur mindestens einer im System. Dabei kann jedoch nicht entschieden werden, welcher Satz des Systems falsch ist. Im Prinzip kann ein Satz unter beliebigen Umständen aufrechterhalten werden, indem ad-hoc immer mehr Hintergrundannahmen verworfen werden. Die Wahrheit eines Satzes hängt also nicht ausschließlich von der Erfahrung ab, sondern auch von pragmatischen Komponenten, zum Beispiel dem Streben nach Einfachheit und Einheitlichkeit.
Quine stellt sich somit in die Tradition des Duhemschen Holismus. Dieser vertritt keine Korrespondenztheorie der Wahrheit, sondern eine Kohärenztheorie: „Die Übereinstimmung mit der Erfahrung ist das einzige Kriterium der Wahrheit für eine physikalische Theorie.“ 5 Alle Rezeptionen Duhems verbindet die Ablehnung der Erkenntnis als Darstellung. Sie wurden aufgegriffen in Quines Naturalismus, Rortys Pragmatismus, Kuhns Relativismus und Bas van Fraassens konstruktivem Empirismus. Hier eröffnet sich eine gute Möglichkeit zur Überprüfung der These Rortys. Je nachdem, mit welchen Mitteln der Erfolg der Wissenschaften gerechtfertigt oder ihr Misserfolg festgestellt werden kann, entscheidet es sich auch, ob Wissenschaft und damit ein großer Teil unseres Wissens als vereinfachte Darstellung die Welt widerspiegelt oder nicht. Bas van Fraassen lehnt seine Wissenschaftstheorie explizit an Pierre Duhem an und vertritt gleichzeitig einen Empirismus, der die Kritik Quines berücksichtigt. Als prominentester lebender Vertreter des Antirealismus und damit größter Kontrahent der Auffassung, dass Wissenschaft die Welt darstellt, ist sein Programm daher gut zur Analyse der Leitfrage dieses Essays geeignet. Ebenso wie Duhem lehnt van Fraassen alle metaphysischen Elemente einer Theorie ab. Dies schließt auch das Postulieren unbeobachtbarer Teilchen wie Atome mit ein. Im Laufe der Zeit wurden bereits viele Atomtheorien falsifiziert, daher kann die Wahrheit für eine neue Atomtheorie nicht garantiert werden. Aus diesem Grund hängt die Akzeptanz einer Theorie nicht vom Glauben an ihre theoretischen Entitäten ab: „Science aims us theories which are empirically adequate; and acceptance of a theory involves as belief only that it is empirically adequate.” 6 Selbst wenn man als Elementarteilchenphysiker arbeitet, muss man nicht daran glauben, dass die Teilchen der eigenen Theorie tatsächlich mit einer nicht beobachteten Entität korrespondieren.
5 Pierre Duhem - Ziel und Struktur der physikalischen Theorien, S.22. Meiner Verlag, Hamburg 1998
6 Bas van Fraassen - The scientific image, S.12. Clarendon Press, Oxford 1980
3
Es reicht aus, wenn sie mit der beobachteten Wirklichkeit nicht im Widerspruch steht. Das Akzeptieren und Rechtfertigen einer Theorie hängt wie bei Rorty von pragmatischen Aspekten ab, da sich der Physiker ein möglichst bequemes Forschungsprogramm wählt. Bas van Fraassens Wissenschaftstheorie hat gegenüber dem metaphysischen Realismus viele Vorteile. Dieser kann die ontologischen Diskontinuitäten bei wissenschaftlichen Revolutionen nicht erklären. Außerdem braucht er im Fall von empirisch adäquaten rivalisierenden Theorien Zusatzkriterien, um die wahre Theorie auszuzeichnen. Diese sind jedoch willkürlich und schwer motivierbar. Es ist daher nicht entscheidbar, welche dieser Theorien die Wirklichkeit korrekt darstellt. Ist damit Rortys Standpunkt endgültig bestätigt?
Wäre dies der Fall, bliebe ein großes Problem vernachlässigt. Weder Rorty noch van Fraassen oder Kuhn können den offensichtlichen Erfolg der Wissenschaften befriedigend erklären. Obwohl wissenschaftliche Theorien scheinbar nicht wahr sind, können tagtäglich neue und unvermutete Phänomene vorausgesagt werden. Wenn Wissenschaft nichts Wahres von der Welt darstellen würde, müssten diese Voraussagen ein großer Zufall sein. Falls von einer Theorie nichts weiter gefordert wird als Kohärenz, bleibt auch die Frage offen, warum Standartmedizin und Evolutionslehre neue Phänomene voraussagen, die empirisch adäquaten Theorien der anthroposophischen Medizin und des Kreationismus jedoch nicht.
Eine Lösung und gleichzeitig eine Ablehnung der These Rortys ist bereits zur Zeit Duhems von Henri Poincaré gegeben worden. Dieser sah ebenso wie Duhem die willkürlichen und konventionellen Elemente der Wissenschaft und die Unmöglichkeit, komplizierte Experimente nicht theoriegeladen durchzuführen. Doch anstelle eines umfassenden Holismus mit kohärenztheoretischer Wahrheitstheorie vertritt er einen strukturellen Realismus. Im Gegensatz zu Quine und van Fraassen stehen bei ihm nicht die Dinge im Vordergrund, sondern die Relationen zwischen den Dingen. Relationen zwischen Dingen in einfachen und empirisch erfolgreichen Theorien spiegeln etwas Wahres über die Wirklichkeit wider. Sie können den großen semantischen Bedeutungswandel in wissenschaftlichen Revolutionen überstehen. 7 Dadurch gibt es keine großen Brüche in der Wissenschaft, wie Kuhn dies beim Paradigmenwechsel behauptet.
7 vgl. Elie Zahar - Poincaré’s Philosophy, S.39. Open Court, Chicago 2001
4
Angesichts des großen Erfolgs der Wissenschaften formuliert Poincaré sein Keine-Wunder-Argument: Relationen, die in erfolgreichen Theorien auftauchen und auch durch wissenschaftliche Revolutionen nicht verschwinden, stellen die Wirklichkeit in angenähert wahrer Weise dar. So wenig dieses Argument bei Putnam für seinen metaphysischen Realismus funktioniert, so einleuchtend ist es für den strukturellen Realismus. Aufgegriffen und weiterentwickelt wurde diese Position unter anderem durch Wolfgang Stegmüller. Ab den 70er Jahren wurden durch Patrick Suppe, Joseph D. Sneed, C. Ulises Moulines und Wolfgang Balzer mengen- und modelltheoretische Methoden benutzt, um den Strukturalismus nicht nur als metaphysische Position zu vertreten, sondern wissenschaftliche Theorien zu modellieren und ihre Entstehung, Entwicklung und Kontinuität bestätigen zu können.
Rortys These kann somit zurückgewiesen werden, denn es gibt Wissen, dass die Welt abbildet. Poincaré wendet sich allerdings auch gegen eine andere Ansicht, die sich bei Duhem und Quine niedergeschlagen hat. Nicht alle Sätze sind theoriegeladen oder Teil eines riesigen Netzwerks von Wissen. Es gibt faktische Sätze, die unabhängig von einer Theorie wahr sind und daher vor aller Theorie feststehen. Poincaré nennt sie rohe Tatsachen, sie bilden den Grundbaustein für wissenschaftliche Tatsachen. Wenn man ein Messinstrument abliest, ist die Deutung der Messung ein hoch komplizierter Vorgang, der bereits viele Theorien voraussetzt. Der Blick auf die Messskala selbst ist jedoch nicht theoriegeladen. Wenn man als Skeptiker die Möglichkeit anzweifelt, einen Wert ablesen zu können, ist Wissenschaft unmöglich. Ebenso wird ein Philosoph, der ein herannahendes Auto anzweifelt, nicht lange leben.
Diese Beispiele zeigen, dass der Rechtfertigungsbegriff nicht immer von einer sozialen Praxis abhängen muss. Wissen kann in vielen Fällen mit dem Hinweis auf Wahrnehmungserlebnisse und damit dem Gegebenen begründet werden. Sellars Angriff auf das Gegebene, welcher von Rorty als notwendiges Argument aufgenommen wird, beruht auf einem übertriebenen Anspruch auf Rechtfertigung. In neueren Entwicklungen der Erkenntnistheorie wird dagegen dafür plädiert, Rechtfertigung kontextabhängig zu betrachten. 8 Nur von einem radikal skeptischen Standpunkt kann Sellars Argumentation für Rorty fruchtbar gemacht werden.
Es hat sich somit gezeigt, dass Rortys Angriffe auf die analytische Philosophie fehlgeschlagen sind. Dennoch haben sie für viel Belebung und fruchtbringende Diskussionen gesorgt. Pragmatische Komponenten spielen auch dank ihm in neueren Diskussionen, beispielsweise bei Robert Brandom, eine immer größere Rolle.
8 vgl. Gerhard Ernst - Einführung in die Erkenntnistheorie, Kap. 8. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007
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Arbeit zitieren:
Tobias Breidenmoser, 2007, Ist menschliches Wissen ein Spiegel der Natur, München, GRIN Verlag GmbH
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