Obwohl der Exeget beispielsweise herausgearbeitet hat, dass die Vorstellungen der biblischen Auferstehung ihren Ursprung in Altägypten hat, will der Dogmatiker die Glaubenssätze seiner Religion herausarbeiten, motivieren und rechtfertigen. Dies kann er nur durch Setzungen bewerkstelligen, und je liberaler er ist, desto kleiner ist der Kern, dem seine Religion verbindlich geblieben ist, der empirisch nicht widerlegt werden kann und Anspruch auf absolute Wahrheit erhebt.
Egal wann diese Setzungen geschehen, sie sind wissenschaftstheoretisch nicht haltbar. Dies liegt nicht nur am fehlenden kognitiven Gehalt bzw. dem Mangel an Falsifizierbarkeit, denn Elemente ohne kognitiven Gehalt gibt es auch in den Naturwissenschaften. 2 Indem aber alle zentralen Aussagen der Religionen weit über die Wahrnehmung hinausgehen und oft den Bezug zu Sinnesdaten ganz verlieren, kann keine Religion vor der anderen ausgezeichnet werden. Religiöse Aussagen dürfen daher nicht den Anspruch auf Wahrheit erheben.
Sprechen diese Überlegungen vorrangig gegen die Barthianische Tradition, hat die Rezeption Bultmanns das Christentum vollständig entmythologisiert. Die Anwendung der historischkritischen Methode ist hier konsequent vollzogen, der Preis dafür ist jedoch die Auflösung der spezifisch religiösen Elemente. Die Rezeption Bultmanns in der Dogmatik durch befreiungstheologische und feministische Theologie strebt nach humanistisch-sozialistischen Idealen, kann aber das eigentlich Religiöse nicht mehr transferieren. Es scheint somit der Fall zu sein, dass die Antworten der Theologie auf die Philosophie versagt haben. Hat Religion verspielt, oder gibt es noch einen Platz für sie?
Zumindest kann man aus den eben gemachten Überlegungen den Schluss ziehen, dass der traditionelle Gegenstandsbereich der Theologie, der neben Aussagen zu Gott auch Sinnfragen und Ethik umfasst, nur philosophisch angemessen beantwortet werden kann. Wirft man einen Blick auf die sprachanalytische Tradition des 20. Jahrhunderts, fällt das Resultat hierzu allerdings nur sehr mickrig aus: „Soweit die Ethik aus dem Wunsch herausgeht, etwas über den letzten Sinn des Lebens, das absolut Gute, das absolut Wertvolle zu sagen, kann sie keine Wissenschaft sein. Durch das, was sie sagt, wird unser Wissen in keinem Sinne vermehrt.“ 3 Ein allgemeines Prinzip, aus dem heraus diese Fragen beantwortet werden können, existiert nicht. Führt die Ablehnung der Religion zum Nihilismus?
2 Diese sind im Gegensatz zu spekulativ-metaphysischen Entitäten allerdings mit Sinneserfahrungen kausal verlinkt. Vgl. z.B. Elie Zahar - Poincare´s Philosophy, S.44ff. Open Court, Chicago 2001
3 Wittgenstein, Vortrag über Ethik, S.19. In: Ludwig Wittgenstein, Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, hrg. und übers. von Joachim Schulte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 9-19
2
Wilhelm Weischedel bietet, aus der Existenzphilosophie kommend, eine dritte Lösung an. Gegenüber dem dogmatischen Glauben oder dem Leben in Trotz oder Ironie als Reaktion auf den Nihilismus setzt er das philosophische Leben, welches Leben in der radikalen Fraglichkeit bedeutet. Unbedingter Sinn wird weder bejaht noch verneint, da beides letztlich metaphysisch wäre und wieder infrage gestellt werden kann. Hier könnte man Parallelen zu Heidegger ziehen, der das Dasein dazu auffordert, aus der Verfallenheit an das Man zu treten, welches in den unbegründeten Setzungen der Religion oder des Alltags feststeckt.
Diese existenzphilosophischen Antworten sind in der Theorie zutreffend, da sie die alltäglichen Lebensprinzipien radikal hinterfragen. Sie scheitern aber an der Praxis, weil es schlichtweg nicht möglich ist, permanent in radikaler Fraglichkeit bzw. Eigentlichkeit des Daseins zu leben. Ohne Sinnpostulate und Handlungsmaximen aufzustellen, kann ein Mensch seinen Alltag einfach nicht bewältigen. Er kann sich zwar zu jeder Zeit hinterfragen, aber nicht permanent. Ebenso wenig kann der Nihilismus in seiner letzten Konsequenz ernst genommen werden, wenn man lebens- und handlungsfähig sein will. Auch wenn man ihn bejaht, ist die typische Reaktion auf das Fehlen eines absoluten Sinn das Setzen eines relativen Sinns. Die allgemeine Antwort auf den Sinn des Lebens gibt es zwar nicht, aber ich kann mein Leben nach diesen oder jenen Zwecken einrichten und bestimmen.
Selbstverständlich können diese Setzungen jederzeit hinterfragt oder revidiert werden. Man kann sie jedoch auch im Sinne eines kritischen Rationalismus für sein Leben als gültig und handlungskonstitutiv festlegen, solange sie nicht vom Leben selbst falsifiziert werden. Bedauerlicherweise gelingt diese Strategie nur selten. In den von Karl Jaspers als „Grenzsituationen“ bezeichneten Momenten (Tod, Leid, Kampf, Schuld) 4 können die selbst gestellten Lebensziele leicht widerlegt werden. Auf solche Situationen kann man mit Trotz, Ironie oder völliger Resignation reagieren. Fest steht nur, dass kein postulierter Sinn Stabilität gewähren kann.
Dieser Gedanke ist im Tagebuch eines Schriftstellers von Dostojewski auf die Spitze getrieben worden. Die Schilderung eines Selbstmörders, der sich aus Langeweile das Leben nimmt 5 , zeigt die Grenzen menschlicher Sinnfindung: Der Selbstmörder ist äußerst reflektiert und wägt Für und Wider seines Vorhabens genau ab. Es gelingt ihm jedoch nicht, aus der Vernunft heraus einen Grund zu finden, sich nicht zu töten.
4 Vgl. Karl Jaspers - Philosophie, Bd. 2, Kap 7. Springer, Berlin 1973
5 Dostojewski - Tagebuch eines Schriftstellers, S. 255ff. Piper: München 1996
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Einwände gegen Dostojewskis Selbstmörder bleiben nicht aus. Wir leben „im Zeitalter positiver Ansichten, im Zeitalter, daß eine Fahne hochhält, auf der geschrieben steht: ‚Leben um jeden Preis!’.“ 6 - so die Erwiderung eines zeitgenössischen Autors. Doch dies wirkt nur wie ein verzweifeltes Anrennen gegen den von oben herab blickenden Ironiker, der jedem Prinzip, jeder Weisheit und jedem Versuch, einen höheren Wert zu rehabilitieren von vorne herein den Boden entzieht. Man fühlt sich an Hume erinnert, welcher der menschlichen Vernunft in praktischen Fragen wenig Spielraum gab: „Es läuft der Vernunft nicht zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen Welt will als einen Ritz an meinem Finger. Es widerspricht nicht der Vernunft, wenn ich meinen vollständigen Ruin auf mich nehme, um das kleinste Unbehagen eines Indianers oder einer mir völlig unbekannten Person zu verhindern. Es verstößt ebensowenig gegen die Vernunft, wenn ich das erkanntermaßen für mich weniger Gute dem Besseren vorziehe und zu dem Ersteren größere Neigung empfinde, als für das Letztere.“ 7 Jeder Versuch, den Ironiker durch Vernunftargumente doch noch zu verbindlichen Werten zu überzeugen, muss daher fehlschlagen.
Die Theologen sollten sich davor hüten, die Schlussfolgerung Dostojewskis, „daß das Dasein des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich sei“ 8 , für bare Münze zu nehmen. Eine metaphysische Religion ist weder zeitgemäss noch kann sie ihren Zielen gerecht werden. Das genuin Religiöse kann aber vor allem für die existentiellen Grundfragen einen wichtigen Beitrag leisten. Denn die Verneinung eines absoluten Sinns durch den Nihilismus muss in der Praxis des persönlichen Lebens keineswegs akzeptiert werden.
Für die Artikulation eines absoluten Sinn bietet sich ein religiöses Sprachspiel geradezu an. Doch dieses darf gerade nicht mit dogmatischen Postulaten arbeiten. Beispielsweise könnte Bekenntnis zur Schöpfung der Welt nicht darauf abzielen, einen allmächtigen und allgütigen Gott als erste Ursache des Universums zu erklären, sondern der Welt als Ganzem Sinn zuzusprechen. Hierbei wäre eine dogmatische Aussage über den Sinn der Welt wieder verfehlt. Religiöse Aussagen sind vielmehr auf die Sprache des Mythos angewiesen und damit nie Aussagen im strengen Sinne. Ihr Inhalt lässt sich nicht in allgemeingültige Aussagen pressen. Im Unterschied zu dieser Ausdrucksart greift Religion nicht nur auf metaphorische und allegorische Sprache zurück, sondern ebenso auf religiöse Handlungen durch Riten, Sakramente und Musik.
6 a.a.O. S. 263
7 Hume - Traktat über die menschliche Natur, Buch II. Kap. III Abs. III. Meiner Verlag, Hamburg 1978.
8 Dostojewski - Tagebuch eines Schriftstellers, S.264. Piper: München 1996
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Kunst, Musik, Literatur und Religion besitzen Ausdrucksmöglichkeiten, die weit mehr leisten können als eine Aussage. Sie argumentieren nicht, sie überzeugen nicht und sie führen keine empirischen Forschungen durch. Doch sie weisen auf etwas hin, das sich nicht sagen, sondern nur zeigen lässt - und dennoch den wichtigeren Teil des Lebens bildet. 9 Religion beginnt dort, wo alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet und die wirklich wichtigen Fragen noch nicht behandelt wurden. Diese müssen nicht zwingend aufgelöst oder abgewiesen werden, nur weil eine rationale Beantwortung nicht möglich ist. Die wirklich wichtigen Fragen können allerdings nicht von Naturwissenschaftlern beantwortet werden - und auch nicht von Philosophen. Aus diesen Überlegungen ergeben sich eine Abkehr von jeder Dogmatik und eine Hinwendung zum Menschen mit seinen existentiellen Fragen. Diese Überlegungen sind nicht neu. Ein bekanntes Beispiel für existentiell konzipierte Religion bietet Kierkegaard. Im 20. Jahrhundert hat vor allem Rudolf Bultmann die Entmythologisierung und Anthropologisierung der Religion gefordert. Doch leider haben es nur wenige Theologen verstanden, die metaphysische Schale des Mythos zu entfernen, ohne den religiösen Kern zu beschädigen. Eine der Ausnahmen bildet vielleicht Eugen Drewermann. Durch die Verbindung von Tiefenpsychologie, Existenzphilosophie und historisch-kritischer Exegese gelingt es ihm, die zeitlosen Komponenten religiöser Überlieferungen herauszuarbeiten und auf die Problemsituation der Gegenwart anwenden zu können. Dass ein solches Vorgehen jedoch alles andere als die Regel ist, zeigt der langjährige Streit zwischen ihm und der katholischen Kirche. 10
Es liegt somit an der Theologie und an den Gläubigen selbst, wie sich ihre Religion weiter entwickelt. Niemand kann garantieren, dass eine Abkehr von Dogmatik, traditionellen Bekenntnissen und absolutem Wahrheitsanspruch zugunsten einer vertretbaren, antidogmatischen, Glauben und Vernunft harmonisierenden Theologie von religiösen Menschen überhaupt gewollt wird.
9 vgl. Wittgenstein, Tractatus 6.522. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1963. Der mystische Schluss des Tractatus ist meiner Meinung nach zu Unrecht von Lebensphilosophie und Analytischer Philosophie nicht ernst genommen worden. Man darf das Unaussprechliche nicht mit dem Unausdrückbaren oder Unerfahrbaren verwechseln.
10 vgl. Eugen Drewermann - Worum es eigentlich geht. Protokoll einer Verurteilung. DTV 1994
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Arbeit zitieren:
Tobias Breidenmoser, 2007, Zur Stellung der Religion in der Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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