1. Einleitung 3
2. Freges Wahrheitsbegriff. 4
3. Der Gedanke und die Wahrheit 7
4. Abschluss 9
Verwendete Literatur: 10
Seite 2
1. Einleitung
In dem 1919 erschienenen Aufsatz „Der Gedanke - eine logische Untersuchung“ widmet sich Gottlob Frege (1848-1925) einem Kernbestandteil seiner Philosophie, dem Gedanken. In dem Text erläutert Frege seine Ansichten zu diesem Teil seines philosophischen Systems, dass bereits in seinem 1892 veröffentlichten Aufsatz „Über Sinn und Bedeutung“ beschrieben ist und leitet in wichtige Charakteristika des Gedanken ein.
Der Text beginnt mit einer Abgrenzung der Logik gegenüber der Psychologie, wenn er ersterer die Wahrheit statt des Fürwahrhaltens zur Aufgabe macht. Dann versucht er eine Begriffsklärung von „wahr“, wobei er gemäß der Redundanzthe-orie der Wahrheit zu dem Ergebnis kommt, das diese „einzigartig und undefinierbar“ 1 sei. Als nächstes klärt Frege die Frage, was zu einem Gedanken gehört und grenzt diesen gegenüber der (subjektiven) Vorstellung ab. Abschließend erläutert er das Wesen der Gedanken, indem er ihnen ein „drittes Reich“ 2 zwischen Welt und Vorstellung zuweist.
Zentral ist dabei vor allem sein Wahrheitsbegriff und wie Frege zu diesem gelangt. Wie das Verhältnis der Sprache, durch welche die Gedanken vermittelt werden, und der Wahrheit funktioniert - anhand dieser Fragestellung möchte ich mich dem Text widmen. Hauptprobleme bei dieser Frage sind die von Frege angenommene Objektivität des Gedanken (in Abgrenzung zu den Vorstellungen) und die Redundanztheorie der Wahrheit, welche seinem Begriff von Wahrheit prägt.
Ich werde mich in meiner Arbeit zunächst einmal an der Explikation des Wahrheitsbegriffs und möglichen Widersprüchen gegen diesen orientieren, um später auf die Bedeutung des Gedankens für die Wahrheit einzugehen.
1 Frege, Gottlob: Der Gedanke - eine logische Untersuchung, aus: Frege, Gottlob: Logische Untersuchungen, hrsg. G. Patzig, Göttingen 1966 5 2003 (im folgenden: Der Gedanke), S. 38
2 Der Gedanke, S. 50
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2. Freges Wahrheitsbegriff
Frege beginnt den Aufsatz mit einer scharfen Abgrenzung gegenüber einer psychologistischen Einstellung, welche analysiert, was das Subjekt für wahr hält. Als Aufgabe der Logik sieht er vielmehr die Untersuchung der „Gesetze des Wahrseins“ 3 . Diese Prioritätensetzung hängt mit seiner Auffassung von Wissenschaft 4 zusammen, er definiert Wahrheit als etwas, „deren Erkenntnis der Wissenschaft als Ziel gesetzt ist.“ 5
Nach dieser einleitenden Abgrenzung wird klar, welche zentrale Stellung die Wahrheit in Freges System hat. Dementsprechend ist er bemüht, seine Auffassung zu diesem Begriff möglichst genau darzulegen. In dem Aufsatz begegnet er zunächst der Korrespondenztheorie der Wahrheit, die seiner eigenen Auffassung widerspricht. Diese Theorie geht davon aus, dass Wahrheit dann entsteht, wenn eine Abbildung mit dem Original identisch ist. Frege greift diese Theorie an, indem er ihr zwei Probleme entgegenstellt: Zum Einen können Vorstellungen (die Abbildungen) nur mit Vorstellungen identisch sein, nicht mit Dingen in der Welt. Zum Anderen „widerspricht aber die Gebrauchsweise des Wortes ‚wahr’“ der Korrespondenztheorie, da es keine Relation darstelle. Es sei hingegen „einzigartig und undefinierbar“. 6
Der undefinierbare Begriff von Wahrheit wird zu einem Grundbegriff für seine Theorie. Der Herausgeber der Aufsatzsammlung, Günther Patzig, sieht hierin die Ansicht Freges, sein System der Logik „für das einzige überhaupt mögliche [zu halten], das die gestellten Anforderungen erfüllt.“ 7 Im Gesamtkontext dieses Aufsatzes stellt sich heraus, dass Frege beabsichtigte, „den Gedanken [...] von dem subjektiven Prozess des Denkens so unabhängig wie möglich zu machen.“ 8
3 Der Gedanke, S. 35
4 An mehreren Stellen in dem Aufsatz macht er Bemerkungen, welche darauf hindeuten, dass sein Aufsatz, auch dazu da ist, sein Modell des wissenschaftlichen Denkens darzustellen und darauf aufmerksam zu machen, dass er dieses für die Erklärung der Wirklichkeit als überlegen ansieht. Deutlich wird diese Behauptung an seiner nicht-wertneutralen Bezeichnung der Geisteswissenschaft: „Was man aber Geisteswissenschaft nennt, steht der Dichtung näher...“ (vgl. Der Gedanke, S. 42)
5 Der Gedanke, S. 35-36
6 ebenda, S. 37
7 Patzig, Günther: Einleitung, aus: aus: Frege, Gottlob: Logische Untersuchungen, hrsg. G. Patzig, Göttingen 1966 5 2003, S. 24
8 ebenda
Seite 4
Trotz dieser Setzung des Begriffs von Wahrheit als einen undefinierbaren Grundbegriff fährt Frege mit der Charakterisierung des Begriffs fort, wenn er in der Wahrheit eine Eigenschaft sieht, „die einer besonderen Art von Sinneseindrücken entspricht.“ 9 Er vergleicht sie mit der Eigenschaft des „Magnetischseins“, das man nicht sinnlich direkt wahrnehmen kann, sondern nur über Phänomene, die an einem Ding auftreten.
Ein bedeutendes Charakteristikum der Wahrheit ist es, dass sie in sofern eine besondere Eigenschaft ist, dass man an keinem Gegenstand eine Eigenschaft erkennen kann, ohne diese Zuweisung für wahr zu halten. Hinter dieser Behauptung steht Freges Ansicht, dass der in einem Satz „p“ enthaltende Sinn F bzw. Gedanke, mit dem des Satzes „es ist wahr, dass p“ identisch ist. Diese Ansicht nennt man eine Redundanztheorie der Wahrheit. Dementsprechend „wird das Erfassen des Sinns F von „wahr“ bei jeder Definition schon vorausgesetzt.“ 10
Es ist allerdings die Frage aufzuwerfen, ob die Wahrheit im System Freges überhaupt eine Eigenschaft darstellt. Zwar schreibt er schon zu Beginn seines Aufsatzes, dass „das Wort ‚wahr’ [...] sprachlich als Eigenschaftswort [erscheint]“ 11 . Er bezeichnet die Wahrheit an mehreren Stellen als Eigenschaft, zum Beispiel, wenn er sie mit der Eigenschaft des Magnetischseins vergleicht. Zum Abschluss seiner Begriffsklärung von „wahr“, zieht er selbst noch in Zweifel, ob man die Wahrheit als Eigenschaft im gebräuchlichen Sinn bezeichnen kann. Allerdings stellt er dieses Problem zurück und orientiert sich an dem Sprachgebrauch - der in der Wahrheit eine Eigenschaft sieht - „bis etwas Zutreffenderes gefunden sein wird.“ 12
Auf diese Frage wird in dem Aufsatz nicht weiter eingegangen, obwohl eine Erläuterung sicherlich sinnvoll wäre. Das Wort „Eigenschaft“ ist kein Bestandteil seines technischen Vokabulars, in dem es genau genommen nur Gegenstände und Funktionen gibt. In Freges System könnte man hier am ehesten von einem Begriff F (eine besondere Form von Funktion F ) sprechen, was allerdings dem Dogma Freges, dass die Wahrheit ein Gegenstand (und damit notwendigerweise kein Begriff F ) ist, widerspricht.
9 Der Gedanke, S. 39
10 Stepanians, Markus: Gottlob Frege zur Einführung, Hamburg 2001, S. 157
11 Der Gedanke, S. 36
12 ebenda, S. 40
Seite 5
Frege selbst hält der Ansicht, dass Wahrheit eine Eigenschaft sei, in seinen posthum veröffentlichen Schriften entgegen, dass in einem Satz der Form „der Gedanke, dass p, ist wahr“ kein Unterordnungsverhältnis des Gegenstandes unter den Begriff F des Wahren vorliegt. Vielmehr ist das ein Verhältnis des Sinns F von p zu dessen Bedeutung F . Eine weitergehende Deutungsmöglichkeit ist es, das „ist wahr“ als einen Begriff F zu sehen, der für die Funktion F „ist identisch mit dem Wahren“ steht. 13
13 vgl. Stephanians, Markus: Gottlob Frege zur Einführung, S. 160-164
Seite 6
3. Der Gedanke und die Wahrheit
Der Gedanke ist der Sinn F , den ein Satz ausdrückt. Was ist seine Rolle bei der Erkenntnis der Wahrheit? Frege sieht ihn in einer zentralen Rolle, da bei ihm „überhaupt Wahrheit in Frage kommen kann“ 14 .
Was macht den Gedanken aus? Zunächst einmal ist wichtig, welche Sätze einen Gedanken ausdrücken können. Das sind in erster Linie Behauptungssätze, aber auch so genannte „Satzfragen“ 15 . Diese werden bei einer positiven Beantwortung ebenfalls zu Behauptungen mit Wahrheitsanspruch.
Zudem ist es bedeutsam, wie mit bestimmten Wörtern umzugehen ist. Frege geht es um das Herauskristallisieren der Behauptung aus einem Satz, seiner Einschätzung zu Folge sind dabei sämtliche Pejorative und Euphemismen ebenso wie andere rhetorische Mittel zu eliminieren, damit man den Gedanken erhält. Ebenso haben sind Worte, die das Verständnis beim Leser eines Satzes verbessern sollen („noch“, „schon“, „aber“), im Gedanken Fehl am Platze. Das Wesentliche ist zu isolieren, „[w]as aber wesentlich ist, hängt vom Zwecke ab.“ 16
Es kommen allerdings auch Bestandteile zu einem Gedanken hinzu, welche in dem Satz nicht enthalten sind. Frege führt aus, dass bei indexikalischen Ausdrücken („dies“, „hier“, „da“), der Kontext, welcher bei der Äußerung des Textes geherrscht hat, miteinbezogen werden muss, um einen vollständigen Gedanken zu erhalten. Ebenfalls gilt, dass „ich“ durch den Sprecher zu ersetzen ist, damit der Gedanke Wahrheit ausdrücken kann.
Des Weiteren muss der Gedanke objektiv sein, wenn er die Möglichkeit zur Wahrheit besitzt, wenn Wahrheit nichts Subjektives ist, wie Frege in seiner Abgrenzung vom Psychologismus klarstellte. Er grenzt den Gedanken damit von dem ab, was er (subjektive) Vorstellungen nennt, welche allein in der Innenwelt des Individuums entstehen.
14 Der Gedanke, S. 38
15 Fragen, auf die man mit „ja“ oder „nein“ antworten kann; ebenda, S. 40
16 Der Gedanke, S. 43
Seite 7
Nach einer umfangreichen Charakterisierung der Vorstellungen 17 (sinnlich erfahrbar, subjektiv, eines und genau eines Trägers bedürftig). Der Gedanke, den ein Satz ausdrückt, kann auch aber von anderen Menschen „als wahr anerkannt werden“ - damit steht für Frege fest, dass dieser „nicht [...] Inhalt meines Bewusstseins“ 18 sein kann.
Da wir die Gedanken nicht direkt sinnlich wahrnehmen können („sehen“), sondern sie nur „fassen“ 19 können, gehören sie auch nicht zu den Dingen der Außenwelt. Aus diesem Grund bezeichnet Frege die Gedanken als „drittes Reich“ (neben den Dingen der Außenwelt und den Vorstellungen). 20
Wie ist nun die Beziehung des durch einen Satz ausgedrückten Gedanken und dem Wahrheitswert des Satzes? Wie der Gedanke der Sinn F eines Satzes ist, so ist der Wahrheitswert die Bedeutung F eines Satzes. 21 Wie bei dem einzelnen Zeichen ist die Bedeutung F auch bei dem ganzen Satz durch den Sinn F gegeben. Der Wahrheitswert bzw. die Wahrheit oder die Falschheit eines Satzes wird also durch den Gedanken, welchen der Satz ausdrückt, gegeben.
Ein wahrer Gedanke nennt Frege eine Tatsache 22 . Diese Bezeichnung kommt also dem Gedanken zu, die als wahr anerkannt werden und der (gerade deshalb) wahr ist „ganz unabhängig von meiner Anerkennung seiner Wahrheit, auch unabhängig davon, ob ich daran denke.“ 23
Man fällt also über den Gedanken das Urteil, ob er nun wahr oder falsch ist, um zur Wahrheit zu gelangen. Gemäß des Kompositionalitätsprinzips 24 müssen die einzelnen Bestandteile des Satzes eine Bedeutung F besitzen, existieren, damit der Satz wahr ist. Die Anerkennung des Gegenstands des Wahren bedingt die Anerkennung seiner Existenz. Frege geht es auch darum, dass man etwas „als seiend anerkenn[t]“ 25
17 vgl. Der Gedanke, S. 47-49
18 Der Gedanke, S. 49
19 ebenda, S. 57
20 Der Gedanke, S. 50
21 Frege, Gottlob: Über Sinn und Bedeutung, Abschn. 34
22 ebenda, S. 57/58
23 ebenda, S. 57
24 in diesem Fall: Die Bedeutung eines Satzes (der Wahrheitswert) bleibt gleich, wenn ich ein Wort durch eines mit der gleichen Bedeutung ersetze.
25 Frege, Gottlob: Die Verneinung; zitiert nach: Stepanians, Markus: Gottlob Frege zur Einführung, Hamburg 2001
Seite 8
4. Abschluss
Die Wahrheit wird durch den Gedanken gegeben, ohne den objektiven Gedanken wäre sie also nicht zugänglich. Durch den Aufsatz wird deutlich, warum Frege den Gedanke so scharf von dem subjektiven Denken, der Vorstellung, abgrenzt: der Gedanke muss objektiv sein, um dem Zweck der Wissenschaft nach seinem Verständnis, der objektiven Wahrheit, gerecht zu werden.
Man kann einen Prozess auf dem Weg zur Wahrheit erkennen: Zunächst erfasst man den Gedanken, den ein Satz ausdrückt. Anschließend erkennt man die Wahrheit oder die Falschheit eines Gedanken an.
Prägend bleibt für diesen Aufsatz vor allem die scharfe Abgrenzung der Wahrheit gegenüber dem subjektiven „Fürwahrhalten“ und der Logik gegenüber der Psychologie.
Seite 9
Verwendete Literatur:
Frege, Gottlob: Der Gedanke - eine logische Untersuchung, aus: Frege, Gottlob: Logische Untersuchungen, hrsg. G. Patzig, Göttingen 1966 5 2003
Patzig, Günther: Einleitung, aus: Frege, Gottlob: Logische Untersuchungen, hrsg. G. Patzig, Göttingen 2003
Stepanians, Markus: Gottlob Frege zur Einführung, Hamburg 2001
Newen, Albert: Analytische Philosophie zur Einführung, Hamburg 2005
Seite 10
Arbeit zitieren:
Sven Lüders, 2006, Der Gedanke und die Wahrheit bei Gottlob Frege - Ausarbeitung zu Gottlob Frege: Der Gedanke – eine logische Untersuchung, München, GRIN Verlag GmbH
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