Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Zum Film 4
2.1. Inhaltsangabe des Films Die fetten Jahre sind vorbei. 4
2.2. Charaktere des Films. 5
2.2.1. Jan gespielt von Daniel Brühl 5
2.2.2. Jule gespielt von Julia Jentsch. 6
2.2.3. Peter gespielt von Stipe Erceg. 7
2.2.4. Hardenberg gespielt von Burghart Klaussner 8
2.4. Filmsprache. 10
3. Zur Thematik 12
3.1. Geschichte der 68er Bewegung. 12
3.2. Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) 13
3.3. Neue Globalisierungskritische Bewegung (ATTAC ) 14
4. „Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“ 15
4.1. Politisches Engagement im Film. 15
4.2. Fazit 16
5. Bibliographie: 19
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1. Einleitung
Der Film Die fetten Jahre sind vorbei ist der zweite Spielfilm von Regisseur, Autor und Produzent Hans Weingartner. Er nahm 2004 am Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes als erster deutscher Film seit 1993 teil. Sein nationaler Erfolg führte dazu, dass der Film in mehrere Sprachen übersetzt und somit zu einem international beachteten und prämierten Film wurde. Im Folgenden wird der Film analysiert, wobei der Focus auf den Umgang mit politischen Inhalten, politischem Engagement und seiner Relevanz für die heutige Zeit gerichtet ist. Damit die inhaltlichen Zusammenhänge und Verweise zu verstehen sind, wird zu Beginn der Arbeit der Inhalt verkürzt wiedergegeben. Danach werden die Charaktere einzeln portraitiert, wobei ein klares Gewicht auf deren Ideologie, ihren Problemen mit der Gesellschaft und deren Entwicklung im Film gelegt wird.
Da die Filmsprache extrem wichtig und charakteristisch für den Film ist, wird in Punkt 2.3 erläutert, wie sie die Inhalte und Absichten des Films stützt. Hierbei werden filmsprachliche Besonderheiten herausgearbeitet, wobei Authentizität eine große Rolle spielt.
Um die Thematik, die politischen Diskussionen und den Hintergrund Hardenbergs richtig verstehen zu können, muss man sich Teile der deutschen Geschichte bzw. diverse Bewegungen näher anschauen. Deshalb wird die Geschichte der 68er Bewegung, der Roten Armee Fraktion (RAF) und die neue globalisierungskritische Bewegung um die Organisation AT-TAC näher erläutert. Da eine detaillierte Wiedergabe der Geschehnisse den vorgegebenen Rahmen sprengen würde, beschränken sich die Darstellungen auf die wichtigsten Aspekte.
In Punkt 4.1 wird entschlüsselt, welche Formen des politischen Engagements der Film enthält und wie sie zu bewerten bzw. einzuordnen sind. Abschließend wird kritisch hinterfragt, welche Tragweite und Bedeutung der Film besitzt, was Hans Weingartner mit diesem Film bewirken will und ob er seinen Ansprüchen gerecht wird. Dabei müssen alle, vorab untersuchten Teilbereiche berücksichtigt werden, um ein ganzheitliches Bild des Films wiederzugeben.
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2. Zum Film
2.1. Inhaltsangabe des Films Die fetten Jahre sind vorbei
Der Film Die fetten Jahre sind vorbei von Regisseur Hans Weingartner handelt von drei jungen Leuten, die mit dem System unzufrieden sind und es individuell verändern wollen. Auf der Suche nach der besten Möglichkeit, sich politisch subversiv zu engagieren, geraten sie in Schwierigkeiten und ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt. Jule, die erfolglos auf der Strasse demonstriert, einen Schuldenberg von 94.500€ abarbeiten und ihre Wohnung räumen muss, flieht deshalb in die WG ihres Freundes Peter. Dort wohnt auch Jan, der ebenfalls wegen der Ungerechtigkeit im Staat gefrustet ist. Während Jan Jule beim Renovieren hilft, da ihr Freund Peter verreisen muss, freunden Jan und Jule sich an und sie erzählt ihm von ihren Schulden. Jan ist verärgert über Jules Situation und will sie ermutigen, dies nicht hinzunehmen. Während Peter noch in Barcelona ist, findet Jule in Jan einen Freund, mit dem sie über ihre aussichtslose Situation, Protest, Rebellion und Jugendbewegungen reden kann. Sie finden nicht nur Parallelen in ihren Denkweisen, sondern auch eine gegenseitige Zuneigung. Jan entschließt sich Jule in die Aktionen der Erziehungsberechtigten alias Jan und Peter, die in Villen einbrechen, Möbel verrücken und damit die Villenbesitzer verunsichern wollen, einzuweihen.
Fasziniert von der Aktion, überredet Jule Jan in die Villa ihres Gläubigers Hardenberg einzubrechen. Bei dieser Aktion kommen sie sich näher und küssen sich übermütig. Als sie überstürzt die Villa verlassen müssen, verliert Jule ihr Handy, das sie am nächsten Tag holen müssen. Dabei werden sie vom gerade ankommenden Besitzer Hardenberg überrascht, der sie erkennt und aufhalten will. Doch sie schlagen ihn bewusstlos und rufen den zurückgekehrten Peter zur Hilfe. Zu dritt entscheiden sie Hardenberg auf eine abgelegene Berghütte zu entführen, um dann ihr weiteres Vorgehen zu planen.
Auf der Hütte verurteilt der anfangs schweigsame und verängstigte Hardenberg ihre Aktion, doch die ratlosen Drei geben sich cool, wehren sich eloquent gegen Hardenbergs Kritik und machen ihm ihre Ideologie begreiflich. Mit der Zeit verändert sich das Verhältnis zwischen Entführern und Entführtem und der Bonze entpuppt sich als ehemaliger 68er. Er hat Respekt vor ihrem Idealismus, verurteilt aber ihre Vorgehensweise und integriert sich immer mehr in die Gruppe.
Als Hardenberg gekonnt auf Jan und Jules Verhältnis anspielt, realisiert Peter, was sich zwischen den beiden entwickelt hat. Er konfrontiert Jule und Jan damit und als sie ihre Affäre nicht leugnen können, kommt es zum Streit. Am nächsten Morgen entschuldigen sich Jule und Jan bei Peter und sie erklären die Entführungsaktion für beendet. Die Stimmung auf der
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Rückreise ist sehr gedrückt. Sie liefern Hardenberg, der ihnen versichert nichts der Polizei zu sagen und Jule die Schulden erlässt, in seiner Villa ab. Jan will das Projekt der Erziehungsberechtigten beenden, da er es moralisch nicht mehr vertreten könne, doch Peter macht ihm Mut und überredet ihn mit Jules Hilfe weiter zu machen, denn „die besten Ideen überleben“ (Weingartner 2004:119’09’’). Hardenberg hat die drei doch an die Polizei verraten, doch sie haben sich schon längst ins Ausland abgesetzt und versuchen, jetzt im Untergrund das europäische Fernsehen lahm zu legen.
2.2. Charaktere des Films
2.2.1. Jan gespielt von Daniel Brühl
Der verschlossen wirkende Jan ist der „Theoretiker der Gruppe“. (Arnold 2004:5) Er ist ein eher schüchterner und misstrauischer junger Mann, der eine tief sitzende Wut gegen das System und die Ungerechtigkeit auf der Welt in sich trägt. Dass er diese Ungerechtigkeit nicht beseitigen kann, widerstrebt seinem starken inneren Drang nach Gerechtigkeit und frustriert ihn so sehr, dass er sogar aggressiv wird (vgl. Weingartner 2004:7’40’’). Trotzdem versucht er mit Hilfe seiner Intelligenz eine Möglichkeit zu finden gegen die „kleinbürgerliche Scheiß-moral“ (ebd.:22’50’’) und das Spießertum aktiv zu protestieren. Dabei lehnt er die gängigen Protestformen ab und möchte seinen eigenen Weg finden, um sich politisch zu engagieren.
Seine analytische Fähigkeit und das fundierte Wissen über marxistische und leninistische Texte oder revolutionären Theorien helfen ihm, seine Ideologie zu verdeutlichen und sich in Diskussionen eloquent auszudrücken, doch kann er seine Ideologie nicht mit eigenen Worten exakt benennen (vgl. Arnold 2004:9). So kommt es, dass Jan oft als extrem „naiver Idealist“ (Knoben 2004:23) oder engstirniger Sprücheklopfer wahrgenommen wird. Wenn er das Wort ergreift, wirkt er rebellisch und redet mit Stolz und tiefster Überzeugung über die Aktionen der Erziehungsberechtigten, bei denen er die Villenbesitzer gezielt verunsichern will, damit sie sich in ihrem Reichtum unwohl fühlen. Ihre Devise lautet dabei, dass sie „einen treffen, 100 erziehen“ (Weingartner 2004:74’45’’) wollen. Des Weiteren sei die Rebellion schwieriger geworden, da Subversives vermarktet werde und somit jegliche revolutionäre Kraft verloren gehe (vgl. ebd.:34’17’’). Ihre Aktionen sollen deshalb möglichst im Kopf der Betroffenen wirken und sie nachhaltig prägen.
Jans Kritik umfasst viele Themen, wie zum Beispiel die Ungerechtigkeit in der dritten Welt oder die „Diktatur des Kapitals“(ebd.:79’12’’) und beschränkt sich dabei nicht auf einzelne Probleme. Es werden lieber mehrere Problematiken angeschnitten als dass eine konkret be-
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kämpft wird. So auch seine Kritik am Medium Fernsehen, die von der Frankfurter Schule 1 und Theodor Adornos Artikel zur Kulturindustrie geprägt ist (vgl. ebd.:34’45’’) und sich in der Planung des Anschlags auf die Sendemaste durch den ganzen Film zieht. Seine harte Fassade des Alleingängers fängt zu bröckeln an, als eine Frau in sein Leben tritt. Mit seiner Liebe zu Jule wird er sensibler und man erkennt, dass Jan sich nach Familie, Harmonie und Freundschaft sehnt und ihm dies sogar wichtiger ist als der Kampf gegen das System (vgl. ebd.:5’22’’).
Am Ende des Films zerfällt schließlich seine minuziös aufgebaute Hülle komplett, so dass er selbst erkennt, dass er „keine Ansprüche stellen kann, wenn er selbst das größte Arschloch ist“ (ebd.:114’22’’). Doch genau in dieser schwierigen Situation stehen seine Freunde ihm bei und mobilisieren ihn weiter zu kämpfen, so dass er am Ende des Films wieder selbstbewusst für die Aktionsplanung der Gruppe verantwortlich ist.
2.2.2. Jule gespielt von Julia Jentsch
Der Zuschauer wird mit Jules Schicksal als erstes konfrontiert. Durch diese Nähe des Zuschauers zur Person Jule wird sie zur „Hauptidentfikationsfigur“ (Arnold 2004:5) des Films, die ein reales Problem mit dem Kapitalismus hat und etwas orientierungslos und befangen versucht, gegen sozial Ungerechtigkeit und Ausbeutung zu protestieren (vgl. Kniebe 2004). Widersprüchlich dazu ist, dass sie gleichzeitig die Reichen bekämpfen will, doch sie abends freundlich und aufgesetzt bedient. Nicht nur diese Perversion, sondern auch ihre kriselnde Beziehung zu ihrem Freund Peter machen sie unglücklich und höchst unzufrieden. Sie kann sich mit Peters lockerer Lebenshaltung nicht anfreunden und sagt, dass er nichts von ihren Problemen verstehe und dass sie das Gefühl habe, nicht mehr von Peter geliebt zu werden (vgl. ebd.:10’34’’; 106’48’’). Jule fehlt ein richtiges Zugehörigkeitsgefühl, da es keine Jugendbewegung gibt, der sie sich anschließen könnte. Sie hat den Eindruck, dass alle revolutionären Bemühungen schon mal da waren und gescheitert sind. Deshalb bezweifelt sie, dass es dann ausgerechnet bei ihnen funktionieren sollte (vgl. ebd.:34’41’’). Man merkt, dass Jule nicht weiß, wo sie ihre rebellische und revolutionäre Energie nützlich einsetzen kann und erkennt, dass Plakate kleben oder demonstrieren sinnlos ist. Doch Jan, der sie zynisch als „Leibeigne eines reichen Wichsers“ (ebd.:34’00’’) bezeichnet, zeigt ihr eine Alternative, die sie als faszinierendes Abenteuer wahrnimmt. Sie blendet völlig die Gefahr aus und möchte sofort agieren. Plötzlich wird aus der pessimistischen Beobachterin eine emanzipierte und aufgeweckte Aktivistin, die ihren Traum nach wildem und freiem Leben wieder eine Chance
1 Kreis von Wissenschaftlern (u.a. T.W. Adorno und M. Horkheimer), die maßgeblich an soziologisch-
philosophischen Lehren und der Kritischen Theorie beteiligt waren.
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gibt. Infiziert von Jans Idealismus, unterdrückt sie ihre Wut nicht mehr und wehrt sich selbstbewusst gegen ihr fremdbestimmtes Schicksal. Auch in den politischen Diskussionen äußert sie sich noch in ihrer naiven Art, weil ihr offensichtlich die ideologische Grundlage fehlt, doch kritisiert sie öfters überraschend aggressiv, eloquent und treffsicher Hardenbergs Rechfertigungsversuche (vgl. ebd.:74’40’’).
Auch wenn es beim fast schon mütterlichem Umsorgen des Entführten so aussieht, dass sie die typisch weibliche Position und die Rolle des schwächsten Glieds in der Gruppe übernimmt, blockt sie Hardenbergs Versuch, über sie Einfluss zu erlangen, konsequent ab und stellt ihn bloß (vgl. ebd.:91’42’’). Dies zeugt von Jules Intelligenz. Anfänglich noch etwas verschreckt von Jan, blüht sie in seiner Gegenwart auf und gibt sich ihren Gefühlen ihm gegenüber hin, ohne dagegen anzukämpfen. Die daraus resultierenden Konsequenzen ignoriert sie, als zähle für sie nur der Moment.
Am Ende der Entführung ist sie es, die das ausspricht, was alle Mitglieder der Gruppe sich bis dahin noch nicht eingestehen wollen, nämlich dass die Entführung nichts mit ihren politischen Aktionen oder dem Versuch die Welt zu verbessern zu tun hat, sondern „moralisch unter aller Sau“ sei (ebd.:113’47’’) und einzig dazu diene „ihren eigene Arsch zu retten“ (ebd.:113’52’’). Dadurch, dass Jule der Gruppe den Spiegel vor Augen hält und sich das Scheitern eingesteht, ist die Entführung beendet. An ihrer damit gewonnenen Reife und Stärke kann man erkennen, wie sehr sich Jule während der Geschichte entwickelt.
2.2.3. Peter gespielt von Stipe Erceg
Peter, Jules Freund, ist eher ein lockerer Typ, so dass man am Anfang das Gefühl hat, dass ihm die ideologische Basis und Intention der Erziehungsberechtigten nicht bewusst ist und er sie deshalb nicht ernst nimmt. Jans Bestreben das „Ganze anders anzupacken“ (ebd.:11’30’’) oder seinen Unmut über Peters Diebstahl kann er nicht nachvollziehen. In Relation zum intelligenten Jan wirkt er etwas dumm, da er dessen Rhetorik und theoretischem Wissen scheinbar nicht gewachsen ist. Man geht davon aus, dass Peter nur ein Mitläufer von Jans Aktionen ist. Auch seine Beziehung zu Jule nimmt er scheinbar nicht allzu ernst. Dies äußert sich darin, dass es ihm nichts ausmacht ohne seine Freundin nach Barcelona zu fliegen oder dass Jule ihm vorwirft, dass er sie nicht mehr liebe (vgl. ebd.:106’48’’).
Trotz seiner Gelassenheit und Lockerheit ist er der Pragmatiker in der Gruppe. Er weiß oft sofort, was zu tun ist, bzw. ist derjenige, der als Erster die Initiative ergreift und handelt. So auch als Jan und Jule ihn zur Hilfe rufen oder als auf der Hütte die Frage aufkommt, wie sie weiterhin mit ihrer Geisel umgehen sollen (vgl. ebd.:65’24’’; 76’22’’). Er bewahrt meistens einen kühlen Kopf und geht sogar optimistisch an die Entführung heran (vgl. ebd.:73’17’’).
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Bei politischen Diskussionen hält er sich zurück, was ein Zeichen für sein fehlendes Verständnis sein könnte, doch wenn er sich einschaltet, sind seine Aussagen wohldurchdacht und sehr präzise (vgl. ebd.:82’51’’). Mit der Zeit merkt man, dass Peter voll und ganz hinter der Ideologie der Gruppe steht und sich im Klaren über die Probleme der Welt ist, doch überlässt er das Reden lieber den anderen.
Stipe Erceg, der Peter spielt, sagt über seine Rolle, dass Peter sich intellektuell nicht bewusst sei, was er tue, doch lasse er sich von seiner emotionalen Intelligenz leiten (vgl. Erceg 2004:0’05’’). Peter ironisiert seine scheinbar intellektuelle Schwäche, in dem er selbst darauf anspielt (vgl. Weingartner 2004:75’58’’). Damit zeigt er, dass er sich durchaus über seine Wirkung bewusst ist und sie akzeptiert.
Das Geschehen auf der Hütte läuft etwas an ihm vorbei. Er übersieht oder will Jules und Jans Liaison nicht sehen und merkt auch nicht, dass er sich durch die Nähe zu Hardenberg für ihn angreifbar macht. Sein freundschaftliches Verhältnis zu ihm wird ihm zum Verhängnis, als Hardenberg über ihn Einfluss in der Gruppe erhält. Mit dem Beziehungskonflikt zwischen den Drei und dem Ende der Entführung wird Peters Person gestärkt und man erfährt einen Wandel, der zeigt, dass alles, was man vorher über Peters Ideologie und Freundschaftsverständnis dachte, falsch ist. Er ist es nämlich, der Peter und Jule vergibt und am Ende Jan davon überzeugen kann, nicht aufzugeben und ihn an seine Ideale erinnert. Viel mehr als Jans Verhältnis mit Jule habe ihn gekränkt, dass Jan ihn ständig für einen Idioten hält. Ihm ist auch die Freundschaft zwischen ihnen wichtiger als irgendeine Spießermoral (vgl. ebd.:118’39’’). Damit zerfällt jegliches Bild, das man von der vermeintlich schwachen Person hatte, zusammen und zeigt, dass er dafür verantwortlich ist, dass die Gruppe weiterhin aktiv bleibt.
2.2.4. Hardenberg gespielt von Burghart Klaussner
Im Film nimmt der Top-Manager sowohl die Rolle des Täters als auch die des Opfers ein. Auf der eine Seite ist er es, dem Jule 94500€ schuldet und sie somit in den Ruin stürzt. Auf der anderen Seite wird er durch die Entführung zum Opfer der Erziehungsberechtigten. Der stereotype Bonze Hardenberg, ist Familienvater, wohlhabend und beruflich eingebunden. Es scheint so, als ob sein Leben vo seinem Beruf bestimmt wird und daher wenig Platz zum Leben bleibt. Er leistet sich Luxus, denn der Alt-68er erhofft sich, dass mit dem Geld die Freiheit zurückkomme, die er sich in seiner früheren Studentenzeit erkämpft hatte (vgl. ebd.:104’01’’).
Dass er plötzlich Opfer einer Entführung wird, verängstigt ihn zutiefst. Als er scheinheilig seine Kooperation anbietet und trotzdem die Polizei alarmiert, verliert Hardenberg jegliches Vertrauen der Gruppe und zeigt früh seine hinterlistige Art (vgl. ebd.:65’03’’). Hardenberg
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lässt die folgende Entführung vorerst schweigsam über sich ergehen, doch geht er auf der Hütte sofort in die Offensive und bezeichnet die Gruppe zynisch als „Retter der BRD - die RAF des neuen Jahrtausends“ (ebd.:75’46’’). Durch diese Sticheleien versucht er die Gruppe bewusst zu provozieren und sie zu verunsichern. Seine ironische und sarkastische Art, ihre Motivation rhetorisch zu untergraben, ist ein Zeichen seiner Intelligenz und seines Mutes. In den Diskussionen zeigt er ihnen ihre ideologischen Grenzen auf, so dass sie nur noch mit platten Phrasen kontern können, die er entnervt ablehnt (vgl. ebd.:80’27’’). Er rechtfertigt zunächst das heutige System und sagt, dass es keine funktionierende Alternativen gebe, doch zweifelt er im Inneren selbst an der Richtigkeit seines Handelns. Nebenbei beobachtet er die Gruppe genau und versucht in vielen Einzelgesprächen Einfluss innerhalb der Gruppe zu erlangen. Hardenberg wirkt verängstigt, doch plant er die ganze Zeit, wie er die Harmonie in der Gruppe zerstören kann (vgl. ebd.:90’36’’; 99’03’’). Die Grenze zwischen Vaterfigur und Entführungsopfer verschwimmt zusehends, so dass die vorige Generation fast das Kommando übernimmt (vgl. Kniebe 2004). Den richtigen Zugang zur Gruppe findet der eigentliche Feind Hardenberg erst, als er von seiner bewegten Revoluzzerzeit 1968 erzählt. Als Freund Rudi Dutschkes, Mitglied des SDS-Vorstands und einer sexuell wilden WG machte Hardenberg Geschichte. Er schenkt der Gruppe Anerkennung, in dem er ihre Ideale und Argumente akzeptiert und respektiert, jedoch lehnt er die Art und Weise, wie sie sie durchsetzen wollen ab. Anfangs noch skeptisch, erkennt die Gruppe, dass ihr humorvolles Opfer ein „richtiger Revoluzzer“ (ebd.:87’33’’) war. Folglich lockert sich mit der Zeit das Verhältnis zwischen Entführer und Entführtem auf, so dass Hardenberg mehr Freiheiten erhält und seine Entführung fast zur Auszeit wird, um sich seiner ehemaligen Idealen bewusst zu werden und über sein jetziges Leben nachzudenken. Er kooperiert mit der Gruppe und wird nahezu ein Teil von ihnen. Wann Hardenberg er selbst ist und wann sein Handeln von Taktik geprägt ist, um einen Keil zwischen die Gruppenmitglieder zu treiben, bleibt schwer zu unterscheiden. Es stellt sich die Frage, ob das Bekenntnis, dass der Wandel vom Revoluzzer zum CDU-Wähler sehr schnell geht (vgl. ebd.:96’00’’) und dass er sich zurück in ein „armes aber glückliches Leben“ (ebd.:104’46’’) sehnt, auch nur Teil der Taktik ist, oder der Wahrheit entspricht. Hardenberg vergisst nie, dass er Gefangener ist, nutzt die aufkommende Dreiecksbeziehung aus, so dass die Harmonie innerhalb der Gruppe zerstört wird. Dass er aber erfolgreich die Hütte zurück in sein perverses Leben (vgl. ebd.:22’30’’) verlässt, kann nicht behauptet werden, denn durch seine Entführung wurde er auf seine alten Werte und Ideale gestoßen und er erkennt, dass er so geworden ist, wie er früher nie werden wollte. Diese persönliche Niederlage des Selbstverrats erkennt er an und muss lange darüber nachdenken, ob er sein Versprechen, die Polizei aus dem Spiel zu lassen, einhält. Dass er es letztlich bricht, ist ein
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Zeichen dafür, dass Hardenberg zu schwach ist, um sich zu ändern. Mit diesem Verrat schlägt er seine aufkochenden Ideale wieder in die Flucht und nutzt ihn als einzige Chance, um in seine alte Welt zurück zukehren (vgl. Held/Weingartner, 2004:121’02’’).
2.4. Filmsprache
Die Sprache des Films „Die fetten Jahre sind vorbei“ ist stark vom Arbeiten des Regisseurs, Autors und Produzenten Hans Weingartner geprägt. Wie ein roter Faden zieht sich die Authentizität durch alle Bereiche der Filmsprache. Auch für die Thematik des Films ist es wichtig, dass die Gefühle und Gedanken der Hauptdarsteller sehr authentisch eingefangen werden, denn man soll ihr Handeln und Denken nachvollziehen können. Nach Arnold bedient sich der urbane und direkt inszenierte Film mehreren Genres, wie zum Beispiel dem Drama, der Komödie, der Groteske oder des Roadmovies (vgl. 2004:13).
Weingartner setzt, wie auch schon bei seinem Debütwerk 2 , auf den Einsatz von Digital-Video und Handkameras, so dass der Film möglichst real und fast schon dokumentarisch wirkt. Dies hat diverse Vorteile gegenüber normalem Film, denn neben den geringen Kosten, der kurzen Drehzeit und dem kleinen Team steht vor allem der Vorteil der Flexibilität und Mobilität am Drehort im Vordergrund. Die Kamera kann auf die teils improvisierten Reaktionen der Schauspieler reagieren und gibt dem Film Platz sich selbst zu entwickeln und zu wachsen (vgl. Weingartner 2004:64’34’’; Weingartner 2004a:1’03’’). Die Arbeit mit Handkameras hat zur Folge, dass die Bilder bewegt und teils verwackelt sind, was neben der Integration des Zuschauers, der direkt im Geschehen ist, zeigen soll, dass die Jugendlichen nicht still stehen, sondern etwas bewegen wollen (vgl. Weingartner 2004a:10’00’’). Außerdem verzichtet Weingartner zu Gunsten der Realitätsnähe meistens auf künstliche Beleuchtung oder Effekte und verwendet bei der Bildsprache nur diverse Montagesequenzen und so genannte Jump Cuts 3 , die Dynamik suggerieren sollen (vgl. Arnold 2004:14). Die Einstellungsgrößen sind zu Beginn des Films meistens nah oder halbnah und später auf der Alm sogar halbtotal oder total. Das ermöglicht eine relativ große Nähe zu den Personen (vgl. ebd.:14). Zwar ist die Kritik, dass das Stilmittel von verwackelten Bildern, um Authentizität zu erzeugen, schon sehr oft verwendet wurde und der Schnitt nicht revolutionär neu ist, verständlich und nachzuvollziehen, doch verdeutlicht die Arbeit Weingartners, dass der Schwerpunkt des Films nicht auf der technischen Realisierung, sondern auf den Inhalten der Dialoge liegt (vgl. Tritt [12.03.2006]).
2 Das Weiße Rauschen (2001) war Weingartners Debütspielfilm, der mehrere Preise, wie zum Beispiel den re-
nommierten Max-Ophüls-Preis gewann.
3 Jump Cuts sind hier Schnitte, die bewusst Bilder auslassen, um kleine Zeitsprünge zu erzeugen (Vgl. Arnold
2004: 13)
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Die Dialoge waren meistens vorgeschrieben, doch hatten die Schauspieler durch Improvisation auch die Möglichkeit Texte mitzugestalten und situativ zu verändern. Hier erkennt man die freiheitliche Arbeit Weingartners, dem der Moment der Szene wichtiger ist als das starre Drehbuch. Sprachlich orientieren sich die Dialoge an einer jugendliche Umgangssprache, die aber auch einen Hauch revolutionärer Poesie beinhaltet (vgl. Weingartner 2004:31’19’’), wo sich „poetische Worte mit politischem Inhalt“ (Arnold 2004:13) vermischen. Das Gleichgewicht zu den langen Einstellungen, in denen, teils etwas naiv und zu ideologisch, politisch debattiert wird, bilden viele stille Szenen, in denen allein mit Blicken kommuniziert und vermittelt wird.
Neben den politischen Inhalten findet man auch viele Symbole und Motive im Film, die an ihre ideologischen Vorbilder aus der 68er- und Folgezeit erinnern. Arnold erkennt, dass das Motiv des WG-Lebens, die rote Wandfarbe, Jans Parolen, Peters Pistole und die Bekennerschreiben deutliche Parallelen zu den 68ern und der späteren RAF darstellen (vgl. 2004:14). Am Beispiel des Liedes Hallelujah von Jeff Buckley ist gut zu erkennen, wie Musik im Film Szenen miteinander verknüpft und die Handlung unterstreicht. So ist es kein Zufall, dass am Ende der Entführung das melancholische Lied Halleluja (vgl. Weingartner 2004:114’42’’) erklingt und die Situation der Personen sehr gut beschreibt. Beide Seiten haben zwar die Entführung gut überstanden, doch von einem Happy End kann vorerst nicht die Rede sein.
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3. Zur Thematik
3.1. Geschichte der 68er Bewegung
Die Entwicklung der Studentenbewegung in Deutschland hat keinen klaren Anfang. Die Bewegung in Amerika war Vorbild für die deutsche Studentenbewegung, die aber hauptsächlich durch Ereignisse in der BRD beeinflusst wurde, so zum Beispiel die Abspaltung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) von der Mutterpartei SPD 4 . Der nun unabhängige SDS engagierte sich bei der Bildung einer „Neuen Linken“ (Schildt 2001:11) und setzte sich für die Hochschulreformen ein. Er kritisierte die schlechten Lehrbedingungen, die nicht herrschende Chancengleichheit für Studenten und mit Sprüchen wie „Unter den Talaren, der Muff von 100 Jahren“ (Görtemaker 2002:201) die starre Herrschaftsstrukturen an den Hochschulen. Die unter der Großen Koalition zu gering vertretende parlamentarische Opposition 5 , stetig steigende Arbeitslosenzahlen, eine rechte Bedrohung durch die neu gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), die schlechte NS-Vergangenheitsbewältigung und allen voran die geplante Notstandsverordnung 6 nahm sich die Studentenbewegung zum Grund in Form der Außerparlamentarischen Opposition (APO) auch politisch Druck zu machen. Mit Demonstrationen und Kundgebungen versuchte die APO gewaltfrei über die Missstände in der BRD aufzuklären, doch im Zuge der Entwicklung kam es zu einer Radikalisierung der Studentenbewegung. Beispielsweise beim Besuch des iranischen Schahs Reza Pahlewi am 2. Juni 1967 in Berlin kam es bei Gegendemonstrationen zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen aufgeheizter Staatsgewalt 7 und Demonstranten, wo der 26-jährige Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. Daraufhin eskalierten die Proteste. Am 11. April 1968 kam es sogar zu einem fast tödlichen Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke, den „personifizierte Bürgerschreck, das Sprachrohr der Revolution“ (Chaussy 2003:103). Aus der anfänglich proklamierten Gewalt gegen Sachen ist nun Gewalt gegen Personen geworden. Am 28. Juni 1968 trat die Notstandsverfassung in Kraft und „tatsächlich bedeutete das Scheitern des Kampfes gegen die Notstandsgesetze den Anfang vom Ende der Protestbewegung“ (Görtemaker 2002:207). Am 21. März löste sich endgültig der SDS auf und die Studentenbewegung zerfiel in verschiedene Teile, die bei den Jusos der SPD, bei der Deutschen Kommu- 4 Grunddafür waren das „Godesberger Programm“, mit dem aus der Arbeiterpartei SPD eine Volkspartei ge-
macht werden sollte, die Streichung der finanziellen Unterstützung und dem „Unvereinbarkeitsbeschluss“, der es
unmöglich machte, gleichzeitig in der SPD und im SDS Mitglied zu sein.
5 Die FPD hatte nur 49 Oppositionsabgeordnete. Im Gegensatz dazu hatte Die Große Koalition 447 Abgeordnete.
6 Die Regierung sollte die Möglichkeit erhalten, dass sie „Gefahren für die Existenz und für die freiheitliche
Ordnung der Bundesrepublik“ ( Borowsky 1998: 18) entgegenwirken konnte.
7 „Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hinein stechen, damit sie, an
den Enden auseinander platzt“ (Bölsche 2001: 73), so beschrieb der Polizeipräsident Erich Duensing die Einsatz-
strategie
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nistischen Partei (DKP) oder bei den marxistischen leninistischen Kadergruppen ihren von Dutschke geforderten „langen Marsch durch die Institutionen“ (Borowsky 1998:20) antraten. Der Radikalere Teil organisierte sich in der linksterroristischen Roten Armee Fraktion (RAF). „Man darf 1968 als glücklich gescheiterte Revolution charakterisieren“ (Leggewie 2001:5), denn trotz ihres Scheiterns hat sie das soziale Umfeld mit Themen wie antiautoritärer Erziehung, Gleichberechtigung oder Emanzipation sowie den Ungang mit Sexualität in Bezug auf Aufklärung oder Abtreibung nachhaltig geprägt, wenn nicht sogar verbessert.
3.2. Terror der Roten Armee Fraktion (RAF)
Schon gegen Ende der Studentenbewegung zeichnete sich ab, dass verschiedene Gruppierungen versuchten ihre sozialrevolutionären Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Die Rote Armee Fraktion (RAF) war die bekannteste dieser linken Terrororganisationen, die im Untergrund agierten. Schon am 2. April 1968 machten zwei der späteren Köpfe der RAF, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, durch einen Bombenanschlag in zwei Frankfurter Kaufhäusern auf die Aktionen des militanten Flügels der APO aufmerksam. Neben ihnen zählten unter anderem Holger Meins, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe zur so genannten „ersten Generation“ (Aust: 1989:312) der RAF. Anfangs noch Gewalt gegen Sachen, meistens Anschläge gegen Einrichtungen der Polizei oder der amerikanischen Armee sowie Banküberfälle und Diebstähle, endeten später die Aktivitäten der Stadtguerilla mit Gewalt gegen Personen. Sie entführten bekannte Persönlichkeiten und wollten so inhaftierte Terroristen freipressen und Druck auf die Politik ausüben. Am 1. Juni 1972 wurden die führenden RAF-Mitglieder festgenommen und wegen Mordes zu lebenslanger Haft in das Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim inhaftiert. Im Gefängnis ging der Kampf gegen das System weiter. Sie animierten die zweite Generation der RAF weitere terroristische Anschläge zu verüben und traten aus Protest gegen die herrschenden Haftbedingungen in den Hungerstreik. Mit der zweiten Generation startete der deutsche Herbst, der 1977 den Höhepunkt der Brutalität darstellte (vgl. Müller 2002:403). Mit Aktionen wie der Entführung und Ermordung von zum Beispiel Siegfried Buback 8 , Jürgen Ponto 9 oder Hanns Martin Schleyer 10 , oder der Flugzeugentführung am 13. Oktober 1977, hielt die RAF die Bundesrepublik in Angst und Schrecken. Der Versuch, die RAF-Riege freizupressen schlug fehl, da die BRD jetzt strikt gegen Angriffe der RAF vorging. Am 18.07.1977 begingen Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart-Stammheim Selbstmord.
8 Siegfried Buback (1920-1977) war damals Generalbundesanwalt
9 Jürgen Ponto (1923-1977) war Vorstandssprecher der Dresdner Bank
10 Hanns Martin Schleyer (1915-1977) war Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbän-
de und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie
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Nach diesem Rückschlag für die RAF, ging der Terror zwar bis in die 90er mit Hilfe eines sehr gut funktionierenden Netzwerks aus Sympathisanten und Terroristen weiter, doch war ihr Höhepunkt damit vorbei, so dass am 20.April 1998 die Rote Armee Fraktion sich selbst auflöste und die RAF für Geschichte erklärte (Vgl. Rote Armee Fraktion 1998).
3.3. Neue Globalisierungskritische Bewegung (ATTAC )
Attac ist die Abkürzung für Association pour une Taxation des Transactions financières pour l’Aide aux Citoyens 11 und wurde am 3. Juni 1998 in Frankreich gegründet. Ausschlaggebend für die Gründung war ein Artikel des Franzosen Ignacio Ramonet, in dem er die Gefahr der neoliberalistischen Globalisierung anprangerte und die offene Frage stellte, ob es nicht möglich sei eine Nichtregierungsorganisation zu gründen, die mit Hilfe der Gewerkschaften und den sozialen, kulturellen und ökologischen Organisationen Druck auf die Regierungen ausüben könnte (vgl. Kessler 2003:5). Zu Beginn stand die Verhinderung der Tobin-Steuereinführung 12 und die „demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte“ (At-tac:[19.03.2006]) im Vordergrund ihrer Aktionen. Heute hat sich ihre Zielsetzung dahin gehend verändert, dass sie sich als globalisierungskritische „außerparlamentarische Sammelbewegung und Netzwerk“ (ebd.) verstehen, die gegen neoliberale Politik und deren Auswirkungen, gegen die ungerechte Verteilung von Kapital und gegen Steueroasen protestieren und sich außerdem für Menschenrechtssicherung, mehr Gerechtigkeit, Demokratie und umweltgerechtes Handeln in der Welt einsetzen. Attac ist keine Partei, das bedeutet, dass sie kein bindendes Programm besitzen und deren Entscheidungen nach dem Konsensprinzip getroffen werden. Des Weiteren kann jedes Individuum oder jede Organisation bei Attac aktiv werden, es sei denn sie haben einen rassistischen, antisemitischen, fremdenfeindlichen, oder ähnlichen Hintergrund. Das globale Netzwerk findet großen Zuspruch unter jungen politisch Engagierten und wächst stetig weiter, was sich auch in der Mitgliederzahl von ca. 90.000 Leuten in 50 verschiedenen Ländern widerspiegelt. Ihre gewaltfreien Aktionen reichen von Vorträgen, öffentlichen Diskussionen, Aufklärung, Publikationen, Aufzeigen von Alternativen zum Neoliberalismus, bis hin zu Workshops, Konferenzen, Demonstrationen oder Aktionen des „zivilen Ungehorsams" (ebd.), um Druck auf die Politik auszuüben, denn eine andere Welt ist möglich! 13
11 « Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen»
12 Die Tobin-Steuer ist eine Besteuerung von Devisentransfers, die Wirtschaftssystemen mit schwacher Währung
zum Verhängnis werden können
13 Motto von Attac, das motivieren soll, sich zu engagieren und nicht mit der jetzigen Situation zufrieden zu
geben.
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4. „Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“ 4.1. Politisches Engagement im Film
Der Film Die fetten Jahre sind vorbei beschäftigt sich von der ersten bis zur letzten Szene mit dem individuellen politischen Engagement junger Erwachsener, die mit der Gesellschaft unzufrieden sind und die derzeitigen Normen umstürzen wollen. Die üblichen Formen des Protests, wie zum Beispiel Demonstrieren, Aufklären auf Straßen oder Plakatieren, werden als wirkungslos gegen die Staatsgewalt dargestellt (vgl. Weingartner 2004:4’44’’). So kommt die Frage auf, wie Jugendliche ihre Wut und Energie nützlich gegen das System einsetzen können, wenn für sie parteipolitisches Engagement keine Alternative ist. Zwei der drei Aktivisten haben von Filmbeginn an für sich selbst eine Möglichkeit gefunden, dem Kapitalismus den Kampf anzusagen. Frei dem Motto „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ 14 (Büchner 1834:40) brechen Jan und Peter nachts in Villen ein, errichten ein kreatives Chaos und hinterlassen Bekennerschreiben, mit denen sie die Besitzer verunsichern und umerziehen wollen. Aus dem Duo wird ein Trio, denn was Jan, Peter und Jule vereint, ist dass sie keine Gruppe oder Bewegung gefunden haben, mit der sie sich ideologisch identifizieren und gegen die soziale Ungerechtigkeit engagieren könnten. So schließen sie sich zusammen und werden selbst aktiv. Dabei haben sie kein grundlegendes Pamphlet und fühlen sich auf der richtigen Seite, da sie sich selbst die benötigte Legitimation für ihre intuitiven Aktionen gegeben haben (vgl. Weingartner 2004:75’28’’). Ihr gemeinsamer ideologischer Nenner ist „ihre Forderung nach sozialer Gerechtigkeit basierend auf dem demokratischen Gleichheitsideal, sowie tradierten humanistischen Idealen“ (Arnold 2004:9), ihr Kampf gegen die „Diktatur des Kapitals“ (Weingartner 2004:79’08’’) und ihre eigenen Wertvorstellungen. Bei den Erziehungsberechtigten ist keine klare Affinität für eine konkrete politische Theorie erkennbar. Ihre Aussagen sind antiautoritär, anarchistisch und marxistisch geprägt, wobei sich klare Parallelen zu den Gedanken der 68er ziehen lassen. Sie grenzen sich klar von den Führungsschichten ab, nehmen während ihrer Aktionen Gewalt gegen Sachen in Kauf, verurteilen aber Gewalt an Personen rigoros. Eine Beeinflussung durch die neuere Antiglobalisierungsbewegung lässt sich auch in Jules Kritik an der Ausbeutung der dritten durch die erste Welt erkennen (vgl. ebd.:79’57’’). So bedienen sich die Erziehungsberechtigten bei diversen kritischen Bewegungen, um ihre subversiven Aktionen zu unterstützen, mit denen sie lieber „neue Fehler begehen, als die alten unwidersprochen zu übernehmen“ (Weber 2004:77) und kritischen Stillstand zu verhindern. Sie hoffen, damit den entscheidenden Impuls für eventuelle Nachahmungstäter geben zu können.
14 Zitat aus dem Hessischen Landboten, der als Revolutionsappell an die Landbevölkerung, die adelige Ober-
schicht und das reiche, liberale Bürgertum adressiert war
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Gegen Ende des Films droht ihr revolutionäres Bestreben im Privaten zu scheitern, doch sind sie jetzt konsequent und durch ihre Freundschaft gestärkt genug, um gemeinsam im Ausland als Gruppe im Untergrund weiter für eine bessere Welt zu kämpfen.
4.2. Fazit
Hans Weingartner hat einen Film inszeniert, der sich mit politischen Inhalten beschäftigt, ohne pathetisch oder kitschig zu wirken. Er hofft, dass dieser Film einen Anstoß gibt einen festgefahrenen revolutionären Prozess, bei dem die guten Ideen bestehen bleiben und die schlechten reformiert werden, wieder in Gang zu setzen (vgl. Weingartner 2004a:3’55’’). Diese Hoffnung basiert auf seiner Biographie, denn als Weingartner in den 90er Jahren Teil der Hausbesetzerszene Berlins war, wollte er auch eine Revolution, mit der sich sofort alles ändern sollte. Er wusste nur nicht, wohin er seine revolutionäre Energie stecken sollte, da ihm eine politische Gruppierung fehlte (vgl. Köhler 2004).
Man erkennt daher klare autobiographische Parallelen zu den Charakteren des Films. Obwohl dem Zuschauer das Wissen über ihre genaue Vergangenheit fehlt, ist die Darstellung der Erziehungsberechtigten sehr authentisch und überzeugend gelungen. Die drei Aktivisten stellen keine unrealistischen Personen dar und vermitteln mit ihrer Einfachheit und Nähe zum jungen Zuschauer, dass der Unterschied zwischen ihnen und den Erziehungsberechtigten nicht zu groß ist. Man hat damit die Möglichkeit sich mit ihnen zu identifizieren und stellt sich unbewusst auf die Seite der Erziehungsberechtigten. Jan, Jule und Peter spiegeln einen Teil der jungen Erwachsenen wieder, für die politisches Engagement kein Novum ist, doch wird ihnen mit Hardenberg eine Person gegenübergestellt, die für den Film sehr wichtig ist. Hardenberg verhindert, dass der Film zur Selbstinszenierung der Gruppe wird, denn er stellt sie konsequent in Frage und ist ihnen einiges voraus, da er scheinbar genau das durchlebt hat, was sie gerade durchleben. Deshalb sieht der Film von einem reinen Gut/Böse-Schema ab und zeigt gerade mit Hardenberg, der seine Ideale von damals verraten hat und so geworden ist, wie er früher nie werden wollte, die Perversion der Gesellschaft.
Nicht nur durch die schauspielerische Leistung, sondern auch durch die Inszenierung, ist ein intelligenter und zugleich unterhaltsamer Film entstanden. Umrandet von einer Liebesgeschichte gerät die Handlung nie in die Versuchung peinlich zu werden. Obwohl an vielen Stellen oft Gehörtes und bekannte Phrasen zur Argumentation herangezogen werden, gelingt es der Filmsprache die Authentizität beizubehalten und somit glaubwürdig zu sein. Der Film verweist in vielen Szenen und Dialogen auf die Vergangenheit und andere revolutionäre oder gesellschaftskritische Bewegungen. Besitzt man das oben aufgeführte Hinter-
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grundwissen zur 68er Bewegung, der RAF und zur Generation ATTAC, hat man die Möglichkeit die Aktionen der Erziehungsberechtigten einzuordnen und zu bewerten. Deren Ideologie ist zu weit gefasst, als dass man sie einer kritischen Bewegung zuordnen könnte, denn sie greifen sich viele Kritikpunkte, die für sie relevant sind, heraus und formen sich somit ihre eigene, zwar geprägte und beeinflusste, individuelle Ideologie. Man kann ihnen trotzdem eine größere Nähe zur 68er Bewegung und der globalisierungskritischen Bewegung attestieren, denn diese repräsentieren sehr gut die Ziele und Ideale der Erziehungsberechtigen. Doch muss immer beachtet werden, dass es sich bei den Erziehungsberechtigten um eine Einzelgruppe und nicht um eine weit verbreitete Bewegung handelt. Sie als „RAF des neuen Jahrtausends“ (Weingartner 2004:75’46’’) oder „Baby-RAF“ (Deckert 2004:47) zu bezeichnen, ist äußerst kritisch zu betrachten. Zwar sind Teile ihrer Thesen sehr radikal, doch erkennen sie, dass die Entführung kein politischer Akt ist, sondern, nur zur Rettung ihres eigenen Arschs (vgl. Weingartner 2004:11’30’’) dient und distanzieren sich somit von der RAF. Nun stellt sich die Frage nach der Bedeutung der im Film gezeigten Möglichkeit des politischen Engagements. Ist das kreative Tischerücken schon Revolution? Reicht eine Stereoanlage im Kühlschrank aus, um auf die Ungerechtigkeit in der Welt aufmerksam zu machen? Die Revolutionsfrage ist mit einem Blick auf entsprechende Definitionen leicht zu beantworten (vgl. Berg 2000:648). Natürlich strebt die Gruppe eine Umwälzung der herrschenden Bedingungen an, doch fehlt ihnen die entsprechende Infrastruktur beispielsweise die Unterstützung einer breiten Masse, um eine Revolution durchzuführen. So bleibt der Revolutionsversuch der Erziehungsberechtigten im Privaten, wo er dann auch vermeintlich scheitert. Ihr Scheitern hat keinen politischen oder gesellschaftlichen Grund, nein, sie scheinen an ihren eigenen Wertvorstellungen zu zerbrechen. Hier zeigt sich die Intelligenz des Films, denn die Erziehungsberechtigten geben sich noch nicht geschlagen und der Kampf geht trotz Rückschläge für sie weiter. Dass sie jetzt von Einbrüchen abrücken und die Dimension ihrer Aktionen erheblich erweitern, zeigt, dass ihnen ihre Sache ernst ist und sie sie auf die nächste Stufe (Weingartner 2004:11’30’’) heben wollen. Damit zerschlägt der Film jegliche Kritik an der Ernsthaftigkeit der Gruppe. Es kann jetzt nicht mehr von einer ideologisch naiven „Spaßguerilla“ (Bühler 2004) die Rede sein, wenn sie den Kampf gegen den Kapitalismus und die soziale Ungerechtigkeit weiterführen, ihr altes Leben zurück lassen und in den Untergrund gehen. Natürlich hat ein minutenlanger Fernsehausfall nicht die Tragweite, um die Welt zu verbessern, doch bleibt die Gruppe ihrer Linie treu und versucht durch gewaltfreie Aktionen, die Menschen zu verunsichern und zu erziehen.
Ziel von Hans Weingartner war es, dass „die Zuschauer aus dem Kino gehen und sagen: Es macht Sinn, sich zu engagieren, es kann auch durchaus Spaß machen“ (Gansera/Göttler:
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[22.11.2004]). Vielleicht ist Jan und Peters Wunsch einen Impuls zu geben und Nachahmer zu finden, gar nicht so weit von Weingartners Motivation entfernt, einen Film zu machen, den man durchaus als einen politischen Film ansehen kann, der die Zuschauer zu politischen Interaktion motiviert und gleichzeitig unterhalten kann.
Das gesellschaftspolitische Interesse der Jugendlichen ist nachweislich gestiegen, doch wollen sie sich auch nicht in Parteien oder dergleichen organisieren (vgl. Arnold 2004:18). Die Aktualität des Films ist also nicht zu übersehen, denn am Beispiel der wachsenden Anzahl von Globalisierungskritikern (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2005) oder beispielsweise Demonstrationen gegen Studiengebühren kann man sehen, dass genügend Probleme vor-handen sind, mit denen sich junge Leute beschäftigen und gegen die sie vorgehen wollen. Sie sollen sich die Missstände bewusst machen und sich nicht damit vertrösten keine Plattform zu finden, sondern selbst projektorientiert aktiv werden, denn die Gesellschaft benötigt eine kritische Bevölkerung, die deren Taten hinterfragt. Hierfür will der Film nicht die ultimative und einzig richtige Alternative des politischen Engagements zeigen, sondern zur Selbstauseinadersetzung mit möglichen Alternativen anregen. Er zeigt, dass es sich lohnt, sich zu engagieren und auch wenn Bewegungen wie zum Beispiel die von 1968 scheitern, können sie die Welt nachhaltig verbessern, wenn ihre besten Ideen überleben. Es wird klar, dass der Film mit seinen politischen Aktionen eine Utopie ist, doch er kann auch eine Perspektive sein, die Mut macht und einen aufgeweckten und zum Handeln motivierten Zuschauer zurück lässt, der erkennt, dass die fetten Jahre vorbei sind.
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Arbeit zitieren:
Christian Gail, 2006, Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle - eine Analyse von Die fetten Jahre sind vorbei und dem politischen Engagement im Film , München, GRIN Verlag GmbH
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