Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. 2
1. Einleitung 4
2. Definition: Hip Hop - die 4 Elemente. 5
2.1. Rap 5
2.2. DJing 7
2.3. Breakdance / B-Boying 8
2.4. Graffiti / Writing. 9
2.5. Zusammenfassung. 10
3. Hip Hop in Deutschland - Boom, Kommerz, Authentizität. 11
4. Der Begriff „Generation“ - Definition und Deutungen 16
4.1. Generationskriterien für die Analyse. 19
5. Hip Hop: Analyse anhand der Generationskriterien. 20
5.1. Gemeinsame Werte und Einstellungen im Hip Hop 20
5.2. Gemeinsame Symbole und Handlungsformen 22
5.3. Gemeinsame Ziele. 23
6. Zusammenfassung und Fazit 25
7. Quellen 28
Literatur. 28
Internet 29
1. Einleitung
Wohl kaum eine Bewegung hat die Jugend der letzten 20 Jahre so geprägt wie Hip Hop. Entstanden in den frühen 70er Jahren in den USA breitete sich die Kultur schnell weltweit aus und wurde auch in Deutschland immer populärer. Von den Anfängen bis heute hat Hip Hop viele Facetten gezeigt: als „Mitmach-Kultur“ und mögliche Quelle der Selbstverwirklichung für jedermann, als
Aufstiegsmöglichkeit aus dem Ghetto und Sprachrohr von Minderheiten 1 , aber auch als kommerzielles bzw. kommerzialisiertes Kulturgut, das von Firmen, Medien, aber auch Künstlern auf den reinen Geschäftszweck reduziert wird.
Heute wird die Diskussion über Hip Hop in Deutschland vor allem bezüglich der Aggressivität und Radikalität im Rap und den Folgen auf die meist jugendlichen Konsumenten geführt. Aber Hip Hop bietet durch seinen partizipierenden Charakter vor allem Möglichkeiten, Menschen aus verschiedenen sozialen und ethnischen Hintergründen zusammen zu bringen und ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln. Ob und wie weit man dabei von einer „Generation“ im soziologischen Sinne sprechen kann, soll in dieser Hausarbeit unter anderem behandelt werden. Im ersten Teil werde ich die Hip Hop-Kultur vorstellen, danach auf den problematischen Begriff Generation eingehen und dies im letzten Teil verbinden unter dem Gesichtspunkt, ob man von einer „Hip Hop-Generation“ 2 sprechen kann und wie sich die Kultur ausgewirkt hat bzw. noch wirkt. Rap spielt heute die wichtigste Rolle im Hip Hop, daher soll diesem Element auch besondere Beachtung geschenkt werden.
1 Chuck D., Rapper der politisch engagierten Gruppe Public Enemy, bezeichnete Rap auch als das „CNN der Schwarzen“.
2 Kitwana hat die „Hip Hop-Generation“ bereits für sich definiert: Afro-Amerikaner, die nach der Bürgerrechtsbewegung , also zwischen 1965 und 1984, geboren sind. (ebd., S.165)
2. Definition: Hip Hop - die 4 Elemente
Hip Hop wird von vielen Außenstehenden nur als Musikrichtung wahrgenommen, dabei ist diese nur ein Teil der gesamten Kultur 3 . Hip Hop besteht, nach allgemeinem Konsens 4 , aus den vier Elementen Rap, Breakdance, Graffiti und DJing, die zum Teil auf ähnliche Ursprünge zurückzuführen sind.
2.1. Rap
Rap oder Sprechgesang geht, je nach Quellenlage, auf verschiedene Wurzeln zurück. In Wikipedia wird auf die Tradition der afrikanischen Griots, Geschichtenerzähler in oralen Kulturen, verwiesen sowie auf das aus Jamaika stammende „Toasting“ 5 . Auch Hahn geht von einer traditionellen afrikanischen
Artikulationsform aus, die auch zurück geht „auf eine aus der Fremdheit der Sklavenhalter-Sprache geborene, sich gegen das aufgezwungene Verständigungssystem der Unterdrücker richtende, mißtrauisch-parodistische Redeweise der schwarzen Bevölkerung“. 6 Richardson spricht von einer „African American Language“ (AAL), die aus der Vermischung von europäischem Englisch und westafrikanischen Sprachen entstanden ist. „The result of this blend was a communication system that functioned as both a resistance language and a linguistic bond of cultural and racial solidarity for those born under the lash (slavery).“ 7
Rap entstand eigentlich als Pausenfüller für die Diskjockeys. Als die DJs ihre Techniken immer weiter verbesserten und das Publikum nur noch staunend zuschaute, statt zu tanzen, wurde das erste Mal
3 Diese Thematik wird auch in den Texten selbst immer wieder referiert, z.B. bei der Rapperin Cora E.: „...nur ein Teil der Kultur“ (1994); siehe auch Loh 2000, S.8
4 Wenngleich es auch verschiedene Ansätze gibt; z.B. spricht der Künstler KRS-One von 9 Elementen, u.a. „street knowledge“, „street fashion“ etc.
5 www.wikipedia.de: Rap, Griot, Toasting, 1.5.2007
6 Hahn 2002, S.61
7 Smitherman in Richardson 2006, S.25
gerappt, um die Leute und die Stimmung wieder anzuheizen. Dabei wurden einfache Parolen oder Slogans benutzt. „Dementsprechend waren die Texte (...) auch nicht darauf aus, eine Geschichte zu erzählen oder sich Gedanken über die Gesellschaft zu machen.“ 8
Erst mit Grandmaster Flash and the Furious Five kam es im Text zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen. Ihr Lied „The Message“ von 1982 gehört zu den wichtigsten und meist zitierten Rap-Songs aller Zeiten:
„Broken glass everywhere,
people pissing on the stairs, you know they just don´t care, i can´t take the smell, can´t take the noise, got no money to move out, i guess i got no choice...“
Das Lied beschreibt die Zustände und die Perspektivlosigkeit im Ghetto und wurde ein weltweiter Verkaufsschlager. Das gilt inzwischen für Rap im Ganzen. Von den USA ausgehend hat sich Rap (und auch Hip Hop) in nahezu alle Länder ausgebreitet, sich weiterentwickelt und eigene Formen gefunden. Auch in anderen Musikstilen wie Metal oder Dancefloor finden sich heutzutage Raps. Es gibt verschiedene thematische Differenzierungen von Rap, wie zum Beispiel „Gangsta-Rap“, der vor allem ein (echtes oder vorgetäuschtes) kriminelles Image verkauft, „Conscious Rap“ mit politischen oder gesellschaftskritischen Inhalten oder „Battle- Rap“, bei dem es darum geht, einen Konkurrenten verbal zu diskreditieren („dissen“) und sich selbst und seine Fähigkeiten zu glorifizieren.
Eine besondere Form ist das so genannte Freestylen. Dabei wird der Text komplett improvisiert, meist findet dies in so
8 Loh 2000, S.17
genannten Freestyle-Battles statt, bei denen mehrere Rapper gegeneinander antreten.
2.2. DJing
Der Diskjockey ist verantwortlich für das Auflegen und Mixen der Platten. Beim Hip Hop im Speziellen gibt es verschiedene Techniken wie Scratchen, Beatjuggling und Backspinning 9 , mit denen aus den ursprünglichen Platten völlig neue Kompositionen entstehen können. Die Geschichte der DJ-Kultur ist fest mit dem Namen Kool DJ Herc verbunden. Er fand heraus, dass das Publikum am meisten bei den so
genannten Breakpassagen 10 tanzte. Forthin nutzte er ein zweites Exemplar der selben Platte, um nun mit Hilfe eines zweiten Plattenspielers nur diese Breaks nacheinander zu spielen 11 . Daraus entstand auch der Breakdance (siehe 2.3.). Der bereits erwähnte Grandmaster Flash sowie Grandwizard Theodore und Afrika Bambaata erfanden neue Techniken und erweiterten das Spektrum der Möglichkeiten von Plattenspielern, Mischpult und Mikrofon. Nachdem die DJs anfangs im Fokus der Aufmerksamkeit standen, sind sie heutzutage eher in den Hintergrund getreten, da sich Rap immer weiter entwickelt hat und für das Publikum noch attraktiver geworden ist. Dennoch ist der DJ nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Kultur.
9 Scratchen ist das rhythmische Bewegen der Platte, während sie läuft; Beatjugglen die Kombination zweier Instrumental-Passagen zu einer neuen; Backspinning bezeichnet das Zurückdrehen der Platte.
10 Mit „Break“ wird der instrumentelle Teil eines Liedes bezeichnet, der nur aus Bass und Schlagzeug besteht.
11 „Der Breakbeat nahm einfach nur die Kirsche von der Torte, aß sie auf und schmiss den Rest weg.“ (Toop in Loh 2000, S.14)
2.3. Breakdance / B-Boying
Breakdance, auch B-Boying genannt, ist ein bestimmter Tanzstil, bei dem die Künstler artistische Bewegungen vorführen. Der Name leitet sich aus den Breakpassagen der Musik ab, zu denen die Leute tanzten (siehe 2.2.). Beeinflusst wird Breakdance vor allem von Capoeira 12 , Turnen sowie (Zirkus-)Artistik und Akrobatik. Auch beim Breakdance gibt es verschiedene Formen, wie z.B. „Popping“ und „Locking“ 13 . Der neue, dynamische Tanzstil wurde bald benutzt, um Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gangs tänzerisch und somit friedlich zu lösen. Wie bei den anderen Elementen auch, spielt der Wettkampf auch heute noch beim Breakdance eine große Rolle.
Auch mit Hilfe von Filmen wie z.B. „Beat Street“ wurde Breakdance in die ganze Welt transportiert, löste in Deutschland einen Breakdanceboom aus und wurde der Anfang der deutschen Hip Hop-Bewegung. Breakdancer gehörten damals in vielen Fußgängerzonen zum Stadtbild. Die Rock Steady Crew, die bis heute bekannteste Breakdance-Gruppe, trat u.a. bei „Wetten, dass...?“ auf. Ende der 80er Jahre flaute die Begeisterung etwas ab, erst Mitte der 90er Jahre wurde Breakdance wieder populärer. 14 Ähnlich wie Rap hat auch Breakdance heute Einzug in andere Musikstile gefunden, Tänzer finden sich auch in Pop-oder Dancefloormusik bzw. in den entsprechenden Musikvideos.
12 Capoeira ist ein brasilianischer Kampftanz, der von afrikanischen Sklaven praktiziert wurde.
13 „Popping“ sind roboterartige Bewegungen, beim „Locking“ bewegen sich die Tänzer wie Comicfiguren.
14 Verlan 2000, S. 17
2.4. Graffiti / Writing
Neben Rap steht Graffiti am deutlichsten von allen Elementen in der öffentlichen Kritik, weil es für viele nur die Beschädigung bzw. Zerstörung des öffentlichen Raumes und keine Kunst, wie von den Sprühern selbst oft dargestellt, ist. Illegales Graffiti verursacht jährlich Schäden in
mehrstelliger Millionenhöhe. Mit Graffiti werden Bilder und Schriftzüge bezeichnet, die meist illegal vornehmlich auf öffentliche Wände und Nahverkehrsmittel (vor allem U- und S-Bahnen) gesprüht werden. Dabei unterscheidet man grob zwischen einem „Tag“, einer Art künstlerischer Unterschrift, „Characters“ (Figuren) und „Pieces“
(aufwändig gestaltete, große Schriftzüge). Der Begriff Graffiti kommt vom italienischen „graffito“, was einkratzen bedeutet und auf die ursprünglichen Bilder und Texte verweist, die in Wände gekratzt wurden, wie z.B. Funde im untergegangenen Pompeji belegen. Über die Entstehung gibt es verschiedene Vermutungen. Mit einfachen Graffitis könnten Gangs in den Ghettos ihre Reviere markiert haben, um Eindringlinge zu warnen. 15 Das „Taggen“, also das Hinterlassen eines Schriftzuges, wurde angeblich von einem griechischen Botenjungen in New York erfunden, der bei seinen Fahrten an verschiedenen Orten das Kürzel „Taki 183“ hinterließ. Durch die Berichterstattung in den Medien gab es bald viele Nachahmer, die Schriftzüge wurden immer größer, kreativer und überall hingesprüht. Vor allem auf Bahnen, die überall zu sehen waren und die Werke und damit den Künstler
15 www.wikipedia.de: „Hip Hop“, 5.5.2007
weithin bekannt machten. Denn die Hauptmotivation für die Sprüher ist es „Fame“, also Ruhm zu erlangen, über die Qualität, aber auch die Zahl der Werke, die von möglichst vielen gesehen werden sollen. Daran entzündet sich bis heute der Grundkonflikt beim Graffiti: Für die Sprüher ist Graffiti auf legalen Flächen nicht reizvoll, da es zu wenige davon gibt und einer der Hauptgründe eben gerade der Kick des Verbotenen ist 16 . In der breiten Bevölkerung werden künstlerisch gestaltete Bilder durchaus als Kunst anerkannt, einige wenige Graffiti-Künstler stellen auch in Galerien aus; die weniger aufwändigen, aber für die Sprüher und der Verbreitung ihres Namens ebenso wichtigen Schriftzüge dagegen werden als Schmierereien abgetan und häufig strafrechtlich verfolgt.
2.5. Zusammenfassung
Hip Hop ist Rap, Graffiti, DJing und Breakdance - auch wenn heute vor allem Rap im Mittelpunkt des Interesses steht, ist es wichtig, auf die kreative Vielfalt hinzuweisen. Denn wie keine andere (Jugend-)Kultur bietet Hip Hop durch die 4 Elemente für jeden Interessierten, die Möglichkeit selbst aktiv zu werden. Die Eintrittshürden sind, bis auf die Kosten für DJ-Equipment und Sprühdosen, relativ gering: Für Rappen und Breakdance braucht man im Grunde nur seine Kreativität und seinen Körper. Vielen Anhängern bietet sich so eine Chance, sinnvoll ihre Freizeit zu gestalten und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Vor allem für soziale Randgruppen, wie zum Beispiel Jugendliche mit
Migrationshintergrund, bietet Hip Hop das Erleben von
16 Zu den Motiven zählen nach einer Studie der Kick des Illegalen, Selbstverwirklichung, Gemeinschaftsgefühl etc.; siehe Falko Rheinberg, Yvette Manig: Was macht Spaß am Graffiti- Sprayen? Eine induktive Anreizanalyse; Institut für Psychologie der Universität Potsdam. 2003
Gemeinschaft und Anerkennung, das ihnen in anderen Bereichen vielleicht versagt bleibt. Nicht durch Zufall entstand Hip Hop in den sozial benachteiligten Ghettos von New York und war anfangs vor allem geprägt von den unteren Schichten der Gesellschaft, bevor er von der breiten Bevölkerung aufgenommen wurde. Heute ist Hip Hop salonfähig geworden und in allen gesellschaftlichen Milieus populär.
3. Hip Hop in Deutschland - Boom, Kommerz, Authentizität...
Aktuell wird Hip Hop in Deutschland vor allem mit deutschem Battle-Rap (siehe 2.1.), speziell aus Berlin, assoziiert. Rapper wie Kool Savas, Eko Fresh, Sido (=“SuperIntelligentes DrogenOpfer“) und Bushido lassen nicht nur die jugendlichen Konsumenten, sondern vor allem auch Jugendschützer aufhorchen, die die oft sexistische, Gewalt verherrlichende und rohe Sprache kritisieren. 17 „Du fickst nur mit deiner Freundin, warum ist dein Arsch so rot? Deutscher Rap, er liegt am Boden, aber er will gerade hoch.
Weißt du, was ich mache? Ich hole einen Stein und schlag ihn tot(...)
Guckt mal, eure Mütter haben euch im Puff bekommen, ihr seid Gangster, aber rappt von 99 Luftballons. All ihr Schwuchteln kommt, ich ficke euren Hammer Splash 18 (...)“ 19
17 Eine aktuelle Studie des nordrhein-westfälischen Familienministeriums über die Therapie insgesamt rund 300 junger Sextäter in NRW kam zu dem Ergebnis: „Jeder zweite hört gewaltverherrlichenden Hardcore-Rap, schaut Pornofilme im Internet und im TV.“ (BILD, 19.5.2007)
18 Der „Splash“ ist ein jährliches Hip Hop-Event, das dieses Jahr erstmalig in der Nähe von Leipzig stattfindet.
19 aus dem Lied „Weißt du“ von Bushido
Hip Hop in Deutschland begann aber mit dem Breakdance-Boom in den 80er Jahren. Vor allem durch die Filme „Wild Style“ (1982), „Beat Street“ (1984) und „Breakin“ (1984) und die Massenmedien wurden immer mehr Jugendliche auf die neue Kultur aufmerksam, auch in der damaligen DDR. 20 Auf so genannten Jams in ganz Deutschland trafen sich die Hip Hopper, um gemeinsam und
gegeneinander zu rappen, zu breaken und zu sprühen. „Hip Hop in Deutschland begann als Reisekultur. (...) Der typische Hip Hopper dieser Zeit war ein Reisender, für den der Gedanke an (...) die Zugehörigkeit zu der weltweiten HipHop-Bewegung die größte Rolle spielte.“ 21 So schnell wie Breakdance zum Trend wurde, war der Boom auch vorüber. Ende der 80er war der Hype zunächst zu Ende. Erst einige Jahre später wurde Breakdance durch Rap und die Musikvideos wieder populärer. 1992 brachten die Fantastischen Vier mit ihrem Hit „Die da“ 22 deutschen Rap das erste Mal in den Fokus der Aufmerksamkeit und an die Spitze der Charts 23 . Obwohl nach Meinung vieler Experten damit die Geburtsstunde des deutschen Raps geschlagen hatte, gab es aber auch viele kritische Stimmen aus der Szene, denn die Fantastischen Vier waren dort kaum bekannt. „Wieder hatte eine Gruppe ohne jeden Kontakt zur Szene Erfolg mit Hip Hop 24 . Das Wort vom Ausverkauf machte die Runde (...), da nun einmal, so die verbreitete Ansicht, der wahre und echte Hip Hop
20 Der Film „Beat Street“ war als abschreckendes Beispiel für kapitalistischen Wettbewerb geplant, machte aber in Wirklichkeit viele Jugendliche überhaupt erst auf Hip Hop aufmerksam. (vgl. Hahn 2002, S.79)
21 Loh 2000, S.27
22 Das entsprechende Musikvideo wurde übrigens in Leipzig gedreht. (wikipedia: „Die Fantastischen Vier“, 11.5.2007)
23 1992 belegte „Die da“ Platz 2 der deutschen Singlecharts, Platz 1 in Österreich und der Schweiz. (wikipedia, s.o.)
24 In den USA war es ähnlich, als die „Sugarhill Gang“, eine in der Szene unbekannte Gruppe, 1979 mit „Rapper´s Delight“ die erste Rap-Schallplatte auf den Markt brachte.
nicht massenkompatibel sein kann, und damit erfolglos bleiben muss.“ 25
Doch bereits zuvor gab es mit „Ahmed Gündüz“ (Fresh Familee) und „Fremd im eigenen Land“ (Advanced Chemistry) Lieder, die Aufmerksamkeit hervor riefen - auch weil sie die soziale Situation einer wichtigen Gruppe beschreiben: Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Gerade sie waren es, die Hip Hop zu Beginn geprägt und aufgebaut haben.
„(...) Das Problem sind die Idee im System, ein echter Deutscher muss so richtig deutsch aussehen, blaue Augen, blondes Haar,
gab´s da nicht ´ne Zeit, wo es schon mal so war? (...) Kein Ausländer und doch ein Fremder, ich habe einen grünen Pass mit einem goldenen Adler drauf, doch keiner fragt danach, wenn ich in die falsche Straße lauf (...)“ 26
Mit „Die da“ wurde eine Welle los getreten, an der sich nun auch viele deutsche Jugendliche beteiligten. „Faktum ist, dass man viele Leute aus der Szene rausgeekelt hat, besonders die „ausländischen Mitbürger“.(...) Plötzlich sind da nur noch deutsche Mittelstandskids, die was von authentisch und „keep it real“ erzählen und sich von Papas Kohle teure Markenklamotten kaufen.“ 27 Rap und Hip Hop wurde von vielen Jugendlichen aufgenommen, weil sie Möglichkeiten boten, sich selbst zu inszenieren, aber auch Anerkennung und Gemeinschaft zu finden. Der ursprüngliche Gedanke, Rap als Stimme einer benachteiligten Gruppe, ging dabei verloren. Da in
25 Verlan 2000, S.19
26 „Fremd im eigenen Land“ (1992), Advanced Chemistry
27 Rapper Ade in Loh 2000, S.35
Deutschland andere soziale Bedingungen herrschen als in den Ghettos der USA, wo Hip Hop entstand, entbrandete eine Diskussion über Authentizität und „Realness“ 28 . Rappern wurde vorgeworfen, ein Gangster-Image zu verkaufen, obwohl es derlei Zustände wie in den USA in Deutschland nicht gibt. „Die Botschaft und die Ästhetik des Hip Hop und damit auch dessen Lebensgefühl werden in soziale Umfelder transportiert, in denen sie eigentlich nichts verloren haben. (...) Oft wird in der Phantasie ein wenig nachgeholfen, um auch in Deutschland ein bisschen Ghetto-Bewusstsein zu bekommen.“ 29 Bis heute findet sich diese Diskussion, gerade bei vielen Rappern aus Berlin, die das aktuelle Bild beherrschen. „Rap ist Kunst, aber auch authentische Kunst.(...) Sido ist eine krasse Kunstfigur, ein krasser Charakter. Natürlich spricht er mir aus der Seele.“ 30 Ein weiterer Kritikpunkt ist die Kommerzialisierung 31 . Nach dem Erfolg von „Die da“ war das Interesse der Medien geweckt, die Veröffentlichungen und Verkaufszahlen schossen in die Höhe. 32
Rap entwickelte sich langsam zu einem Massenphänomen, immer mehr Gruppen und Künstler strömten auf den Marktnicht immer qualitativ ausgereift. Es wurde klar, dass man mit Rap und Hip Hop schnell Geld verdienen kann, das sahen sowohl die Künstler als auch die Industrie. “Die Medien- und Konsumgesellschaft unserer Tage hat die
28 Interessanterweise wurde Hip Hop in der ehemaligen DDR von vielen als authentischer beschrieben, da die Lebensumstände im Osten denen der Ghettos in den USA eher entsprachen als die westdeutschen. (vgl. Hahn 2002, S.80)
29 Janke / Niehues in Hahn 2002, S.80
30 Rapper Sido in einem Interview in der stern-Ausgabe 23/2005
31 „Kommerzialisierung beschreibt einen Prozess, in dem wirtschaftliche Gesichtspunkte einen immer stärkeren Einfluss gegenüber ideellen Aspekten gewinnen“. (wikipedia: „Kommerzialisierung“, 14.5.)
32 Im Jahr 1993 hatte sich die Rate deutschsprachiger Hip Hop-Tonträger im Vergleich zu 1991 verfünffacht (vgl. Loh 2000, S.29)
Tendenz, krakengleich sich nahezu alle stilistischen Neuerungen so schnell wie möglich einzuverleiben und als massenindustriell produzierte Waren auf den Markt zu werfen.“ 33
Das galt nicht nur für die Musik selbst, sondern auch für Mode-und Freizeitindustrie. Trendscouts großer
Textilfirmen suchten in der Szene nach neuer Ästhetik, um diese für eine breite Käuferschicht zugänglich zu machen. Am „Hip Hop-Look“ - Sneakers, weite Baggy-Jeans, Basecaps - orientierten sich viele Jugendliche, die zunächst mit der Kultur wenig zu tun hatten. „Der HipHop-Dresscode wuchs in den 90ern zur bestimmenden Jugendmode, zum „Lifestyle“ einer ganzen Generation.“ 34 Auch Breakdance wurde immer häufiger „szenefremd“ eingesetzt und fand sich nicht nur in anderen Musikstilen bzw. den Videos wieder, sondern auch in der Werbung für verschiedene jugendaffine Produkte wie Getränke, PC-Spiele etc. Graffiti war und ist aufgrund des kriminellen Images schwieriger zu vermarkten, findet aber nichtsdestotrotz ebenfalls Einsatz in der Werbung und anderen Feldern.
33 Möller in Hahn 2002, S.89
34 Hahn 2002, S.95
4. Der Begriff „Generation“ - Definition und Deutungen
Der Begriff der Generation wird mittlerweile inflationär benutzt, sowohl in den Medien 35 als auch in der (jugend)soziologischen Forschung. Alle paar Jahre werden neue „Generationen“ über Symbole wie „Golf“, „MTV“, „Chips“(!) oder aktuell „Praktikum“ ausgerufen, die tatsächliche Relevanz ist nicht immer gegeben und auch selten wissenschaftlich unterfüttert. 36 Der Begriff wird somit immer weiter verwässert.
Karl Mannheim benutzte den Begriff der Generation, um Kohorten (Geburtsjahrgänge) zusammenzufassen, die ein einschneidendes Jugenderlebnis (z. B. Weltkrieg) geteilt haben und in Folge dessen gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse ähnlich wahrnehmen und interpretieren, reagieren 37 . „Der jedoch unterschiedlich darauf
Generationenzusammenhang bedeutet also (...) eine besondere Art der gleichen Lagerung verwandter Jahrgänge im historisch-sozialen Raume, (...) durch Momente bestimmbar, die aus den Naturgegebenheiten des Generationswandels heraus bestimmte Arten des Erlebens und Denkens den durch sie betroffenen Individuen nahe legen“ 38 .
Ulrike Jureit schwächt diese Definition bzw. die Wichtigkeit
35 „In den Massenmedien verkauft sich das Generationenetikett auch ohne Qualitätsstandards schlicht hervorragend. Wer generationell argumentiert, kann auf erhöhte Aufmerksamkeit hoffen, unabhängig davon, ob er wirklich etwas zu sagen hat.“ (Jureit 2006, S.19)
36 Z.B. zeigen die 2004 im Rahmen des Absolventenpanels vom Hochschul-Informations-System (GmbH) veröffentlichten Studien keinen signifikanten Anstieg von Praktika von Hochschulabsolventen vor dem Berufseinstieg. Neuere Untersuchungen deuten jedoch einen signifikanten Aufwärtstrend an.
Bereits Mannheim deutete auf diese Problematik hin, wo bezüglich der Geschichtstheorien ein Geschehen zum entscheidenden Faktor evtl. einseitig hochstilisiert wird (ebd., S.555)
37 Mannheim unterscheidet dabei die „Generationseinheiten“, die im Rahmen des selben „Generationenzusammenhanges“ unterschiedlich reagieren. (ebd., S. 544)
38 Mannheim 1964, S.529
historischer Ereignisse ab. „Konzipiert man Generationengeschichte konsequent als Erfahrungsgeschichte (...), dann wird deutlich, dass es nicht Ereignisse wie Kriege, Revolutionen und Katastrophen an sich waren und sind, die generationelle Vergemeinschaftungen hervorbringen.
Generationsbildungen können sich auf nahezu alle Lebensbedingungen beziehen und zum Gegenstand altersspezifischer Selbstdeutung werden lassen.“ 39 Nach Herrmann ist eine Generation eine Gruppe, die gemeinsame Wertvorstellungen und aus gemeinsamen Lebenserfahrungen resultierende Lebensstile hat sowie ein Verhältnis von Gleichzeitigkeit, das unabhängig vom Lebensalter sein kann. Menschen sind über etwas verbunden und sich dessen bewusst, dass sie ein Kollektiv sind. Generation meint weder Altersabstand, noch Altersgruppenzugehörigkeit, sondern „Gemeinschaft durch Werte und Ziele“ 40 .
Diese benötigt in der Regel „Führer“ und macht sich kollektiv bemerkbar. Dabei unterscheidet Herrmann zwischen einer „Schicksalsgemeinschaft“, die wenige Jahrgänge umfasst (z.B. Flakhelfer) und einer (politischen) Bewegung, die mehrere Altersklassen umfassen kann (z.B. „Grüne“). Er definiert eine Generation als „ein kollektives Handlungs- und Deutungssubjekt, das als sozial-kulturell wirksame Größe auftritt, sich bemerkbar macht, sein Selbstverständnis dokumentiert, oder als solches (re)konstruiert wird.“ 41
Wie aber definiert sich eine Generation als Gemeinschaft? Was ist es, dass Gemeinsamkeit herstellt? Es sind gemeinsame Ideen, Einstellungen sowie bestimmte
39 Jureit 2006, S.128
40 Herrmann in Schüle 2006, S.35
41 Herrmann in Schüle 2006, S.39
symbolische Ausdrucksformen, um diesen Ausdruck zu verleihen - Mannheim spricht von „Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien“ 42 . Unter Prinzipien werden dabei so unterschiedliche Dinge wie Schlagwörter oder Kunstwerke verstanden, die die Individuen verbinden, Gemeinschaft verkörpern und als Symbole dienen können. Die Symbole beruhen auf einer „geglaubten Gemeinsamkeit“. Diese Gemeinsamkeit kann sich in der Realität aber auch als vielschichtig heraus stellen. „Die Identifikation mit einem gemeinsamen Objekt dient also der Vereinheitlichung der an sich differenten Erfahrungsinhalte.“ 43 Wichtige Elemente, um eine Generation zu formieren, sind Kommunikation, Deutungs- und Erinnerungsarbeit und Aktionsformen.
Ulrike Jureit verweist auch auf den Unterschied zwischen dem Begriff Generation als Selbstbeschreibungsformel und als analytische Kategorie, die in der Forschungspraxis oft nicht getrennt werden. Der Unterschied liegt dabei in der Zuschreibung: Während sich Individuen und Gruppen einer Generation zuordnen und darüber definieren, ist der wissenschaftliche Begriff unabhängig vom Selbstverständnis; eine Generation ist „eine Grundbedingung menschlicher Existenz“ 44 .
Zum genaueren Verständnis möchte ich die Generation klar vom Jahrgang und der Kohorte trennen. Unter einem Jahrgang versteht man alle Individuen, die das selbe Geburtsjahr haben. Auch daraus kann eine Generation entstehen, wenn gemeinsame Prägungen stattfanden und sich die Individuen dessen bewusst sind. 45
42 Mannheim 1964, S.545
43 Jureit 2006, S.129
44 Ebd., S.9
45 Herrmann in Schüle 2006, S. 34
Eine Kohorte kann mehrere benachbarte Jahrgänge umfassen. Merkmal kann, je nach Forschungsinteresse, sowohl Geburtsjahr, Jahr des Schulabschlusses oder des Berufseinstiegs etc. sein. Das Verständnis einer Generation kann helfen, die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Zeit und den sozialen Wandel zu verstehen und zu erklären. „Generationszugehörigkeit beleuchtet (...) die Hintergründe, Treibkräfte und Motive von Akteuren durch Rekonstruktion der ihnen gemeinsam lebensgeschichtlich wirksamen Prägungen. Generationen gestalten Geschichte, und der Gang der Geschichte gestaltet Generationen“ 46
4.1. Generationskriterien für die Analyse
Die verschiedenen Generationsdefinitionen unterscheiden sich meines Erachtens nicht wesentlich voneinander. Ich werde mich für die Analyse daher an folgenden Punkten orientieren, die - zusammengefasst aus den verschiedenen Autoren - eine Generation beinhaltet:
- die gemeinsamen Werte und Einstellungen
- gemeinsame Symbole und Handlungsformen - gemeinsame Ziele
46 Ebda. S.39
5. Hip Hop: Analyse anhand der Generationskriterien
Eine (Jugend-)Kultur als Generation? Kann Hip Hop so viele gesellschaftlich relevante Werte und Ziele vermitteln und eine Generation definieren? Empirisch gibt es keine gesicherten Daten, wie viel Menschen sich zur Hip Hop-Kultur zählen. 2005 umfasste die Altersgruppe der 15-25-jährigen ca. 9,7 Millionen 47 ; Schätzungen über die Zahl der Hip Hop-Anhänger gehen von einigen Hunderttausend bis zu Millionen. Dabei ist fraglich, welchen Einfluss Hip Hop auf das Alltagsleben hat oder ob die Person nur passiver Konsument der Musik bzw. Kultur ist. Hip Hopper verstehen sich selbst als „kulturell heterogen, politisch differenziert und ständig in Bewegung.“ 48
5.1. Gemeinsame Werte und Einstellungen im Hip Hop
Hip Hop ist die Kultur des Ghettos. 49 Daraus resultierte zunächst für viele, die Chance sich über die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten des Hip Hop Respekt und Anerkennung zu verschaffen, wo es den Betreffenden ansonsten verwehrt blieb. Als sich erste Kommerzialisierungstendenzen zeigten, wurde besonders Rap immer mehr auch zu einer Möglichkeit, viel Geld zu verdienen und somit dem Ghetto zu entfliehen. Dieser Aspekt, mit seiner
47 Statistisches Bundesamt; www.destatis.de, 20.5.2007
Beachtet werden sollte auch, dass Hip Hop nicht nur Jugendliche anzieht: „Hip Hop generationers at the older end of the age-group are well into their thirties. And those in their early forties, who technically fall into the baby boom generation but identify with hip hop, should not be overlooked.“ (Quinn 2005; S.169)
48 Neumann 2005, S.124
49 Toop in Verlan 2000, S.12
Kreativität lukrativ zu arbeiten und sich zu vermarkten, wird jedoch bis heute kontrovers diskutiert. Kreativ sein, sich damit selbst verwirklichen und darüber Identität
herzustellen, war von Anfang an eines der größten Motive, sich mit Hip Hop zu beschäftigen. Auch das
Gemeinschaftsgefühl ist sehr wichtig, das gilt sowohl für kleine Gruppen („Crews“) von Breakdancern oder Sprühern, aber auch in der Szene insgesamt. „Für viele Jugendliche hat die Gruppenzugehörigkeit zum Movement einen höheren Stellenwert als die eigene Familie.“ 50 Ebenso ist der Gedanke des Wettstreits („Battle“) tief im Hip Hop verwurzelt. Der kreative Wettkampf gegeneinander wurde als anderes Mittel der Auseinandersetzung gesehen und zum Beispiel dazu genutzt, Streitigkeiten unter Gangs friedlich zu lösen. Gewaltverzicht war auch einer der zentralen Werte der „Zulu-Nation“, einer weltweiten Hip Hop-Organisation, die auch Drogenverzicht sowie
gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung proklamierte. Heute artet dieser Wettstreit jedoch besonders im Rap immer wieder aus; entgegen geltender Normen kommt es zwischen Rappern immer wieder zu Beleidigungen unter der Gürtellinie oder im Extremfall auch zu körperlicher Auseinandersetzung. 51
Hip Hop, vor allem Rap, ist dazu geeignet, politisches Sprachrohr zu sein, zu provozieren und gesellschaftliche Themen aufzugreifen und zu kommentieren. In dem Umgang mit den 4 Elementen geht es auch darum, Grenzen (und nicht nur technische) zu überschreiten und dadurch zur Diskussion anzuregen. 52 Aber natürlich geht es für viele,
50 Henkel in Hahn 2002, S.58
51 2004 kam es auf dem Event Hip Hop Open zu einer Schlägerei zwischen den Rappern Azad und Sido, nachdem letzterer die Mutter seines Kontrahenten beleidigt hatte.
52 Verlan 2000, S.12 ff.
besonders im sozial und finanziell gesicherten Mittelstand in Deutschland, vor allen Dingen darum, Spaß zu haben. Weinfeld verweist auch auf die Doppelnatur von Hip Hop, „eine politisch-engagierte, die gegen Rassismus und soziale Diskriminierung kämpft und eine spielerische, die auf Spaß eingestellt ist.“ 53
Nicht zuletzt ist Glaubwürdigkeit und Authentizität („Realness“) in der Szene ungemein wichtig. Damit ist gemeint, die entsprechenden Werte und den Hip Hop-Lifestyle auch zu leben und nicht bloß so zu tun. Da schwarzer Rap für viele noch als Vorbild und Referenzpunkt gilt, war und ist es in Deutschland teilweise schwierig, den deutschen Hip Hop zu definieren und zu legitimieren, denn die sozialen und kulturellen Verhältnisse unterscheiden sich stark von den Bedingungen, in denen Hip Hop entstanden ist. Heute geht es eher um ein „feeling“, sich ernsthaft mit der Kultur zu beschäftigen und zu identifizieren, darum „ein authentisches Lebensgefühl zu haben, ohne entsprechende soziale Erfahrung in Kauf zu nehmen.“ 54 Interessant ist auch der Reibungspunkt zwischen der Kreativität und Grenzüberschreitung (z.B. im Graffiti) und der, nach der neuesten Shell-Jugendstudie, Rückkehr zu traditionellen Werten wie „Gesetz und Ordnung respektieren“.
5.2. Gemeinsame Symbole und Handlungsformen
Die 4 Elemente Rap, Graffiti, Breakdance und DJing kann man als gemeinsame Handlungsformen bezeichnen. Diese Formen sind auch insoweit relevant, als dass sie
53 Weinfeld in Roth 2000, S. 255
54 Klein 2003, S.80
gesellschaftlich prägend sind: Über Rap-Texte, die selbst gesellschaftliche Themen reflektieren, und deren Wirkung wird öffentlich und medial diskutiert (siehe auch 3.), ebenso wie über Graffiti, als alltäglich sichtbares Zeichen der Kultur. Breakdance und DJing sind weniger öffentlich, aber ebenfalls gemeinsame Handlungsformen. Als Symbol kann man die Kleidung ansehen, die den Mitgliedern als Kennungsmerkmal gilt. Hier wird es allerdings auch schon schwierig, da die „Hip Hop- Kleidung“ inzwischen von vielen Jugendlichen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit, getragen wird. Interessant ist dabei, dass die Ursachen der verschiedenen Stile heutzutage selten bekannt sind. Ein Beispiel: Die Art, seine Hosen locker zu tragen und bis unter den Po hängen zu lassen, entstand in den amerikanischen Gefängnissen, weil dort Gürtel, Hosenträger etc. als potenzielle Waffen verboten waren. Dieser Kleidungsstil wurde dann als Zeichen des Protestes gegen die Diskriminierung in den Gefängnissen übernommen. Das alles umfassende Symbol gibt es meines Erachtens im Hip Hop nicht, wobei viele Künstler wie Grandmaster Flash, Crazy Legs (Breakdance) oder Torch (Rap) in Deutschland als wichtige Figuren gelten und Symbolcharakter haben.
5.3. Gemeinsame Ziele
Das gemeinsame Ziel aller Hip Hop-Anhänger ist sicherlich, die Kultur und ihre Werte weiter zu verbreiten und weiter zu entwickeln. Seit über 30 Jahren ist Hip Hop präsent und hat sich in dieser Zeit von der Straßenkultur einer Minderheit zu einem weltweiten Kultur-und Kommerzphänomen entwickelt. Über die Entwicklung ist sowohl inner- als auch außerhalb der Szene immer wieder kontrovers diskutiert worden, besonders was Kommerzialisierung, Authentizität
und negativer Tendenzen wie zunehmendem Sexismus, Gewalt- und Drogenverherrlichung oder die Vereinnahmung durch extreme Gruppierungen („Nazi-Rap“) angeht.
Das wichtigste Ziel für die einzelnen Mitglieder dürfte das Ausleben und Ausprobieren der persönlichen Kreativität und die Suche nach Anerkennung und Respekt sein.
6. Zusammenfassung und Fazit
Ziel dieser Arbeit war es zu untersuchen, ob es möglich ist, im wissenschaftlichen Sinn von einer „Hip Hop-Generation“ zu sprechen. Dazu habe ich die Kultur Hip Hop kurz vorgestellt und bin auf die Ansätze und Probleme des Begriffs „Generation“ eingegangen, um dann abschließend zu untersuchen, ob man den Generationenbegriff auf Hip Hop anwenden kann, um eine ebensolche Generation zu kreieren.
Hip Hop übt mit seinen 4 Elementen, den kulturellen Werten, dem Gemeinschaftsgefühl und der Möglichkeit der Selbstverwirklichung große Anziehung auf viele Menschen, besonders Jugendliche, aus. Ob diese sich selbst als Generation verstehen, ist empirisch nicht belegt - ebenso wie der Versuch, aus den Merkmalen der Hip Hop-Kultur eine Generation zu definieren.
Dabei ist es eigentlich schon verwunderlich, dass trotz der großen Relevanz und Aufmerksamkeit, die der Kultur zugeschrieben wird, eine „Hip Hop-Generation“ noch nicht proklamiert wurde. Dafür aber die „Generation Golf“ mit dem materiellen, unpolitischen Hedonisten und aktuell der ewige Praktikant der „Generation Praktikum“. Wie bereits erwähnt, sind diese Formulierungen oft von den Massenmedien ins Leben gerufen und wissenschaftlich kaum gedeckt.
Für eine „Generation Hip Hop“ spricht das bei einer schwer konkretisierbaren Anzahl von Menschen Vorhandensein eines gewissen Lebensstils, damit verbundenen Werten und Einstellungen sowie dem Bewusstsein der Individuen, als Kollektiv zu gelten und zu agieren (vgl. 4.)
Gegen eine „Generation Hip Hop“ spricht die fehlende Datenbasis über Anzahl und wirkliche Identifikation mit der Kultur sowie die meiner Meinung nach vielleicht zu allgemeinen, längst etablierten Wertvorstellungen der Hip Hopper. Streben nach Gemeinschaft, Wettkampf, Identität und Selbstverwirklichung sind zwar legitim, stehen aber nicht exklusiv für Hip Hop, sondern würden für viele verschiedene Gruppen bzw. Individuen zutreffen. Fraglich ist auch, ob sich die meist jugendlichen Anhänger dieser Werte bewusst sind bzw. ihnen folgen und Hip Hop nicht nur als bloße Modeerscheinung oder „Zwischenstation“ sehen, da die verschiedenen Szenen häufig immer mehr verschwimmen und auch zwischen ihnen gewechselt wird (vgl. Seminar-Referat Selbstinszenierung). Dennoch kann man meiner Meinung nach, sowohl salopp als auch wissenschaftlich, von einer „Generation Hip Hop“ sprechen. Hip Hop ist immer noch die bestimmende Jugendkultur in Deutschland und die vorgestellten Werte decken sich auch teilweise mit den Trends der Shell-Studie: Streben nach Individualität und Kreativität, ein „konkurrenz- und wettstreitorientiertes Lebenskonzept“ der männlichen Jugendlichen und Toleranz gegenüber anderen. 55 Auch der im Seminar angesprochene Trend zur zunehmenden Selbstinszenierung findet im Hip Hop genügend Abnahme. Natürlich repräsentiert Hip Hop nur einen Teil der Werte und Individuen insgesamt, das dürfte jedoch für nahezu jeden Versuch gelten, anhand eines Schlagwortes eine Generation zu definieren. Bei der Reflexion über die Zuordnung meiner selbst zu einer bestimmten Generation, ist mir auch die Schwierigkeit bewusst geworden, sich nur anhand eines Schlagwortes zuzuordnen. Gehöre ich zur „Generation @“, weil ich viel Zeit im Internet verbringe? Oder mit 9 absolvierten Praktika und suboptimalen Zukunftsperspektiven zur „Generation Praktikum“? Oder sind die Begriffe auch kombinierbar - „neosexuelles Style-Prekariat“?
55 Shell-Jugendstudie 2006, www.shell.com
Durch die Globalisierung, zunehmenden Wandel, Innovation und Durchmischung auf verschiedenen Ebenen (sozial, kulturell, politisch etc.) scheint der Begriff der Generation bedeutungslos bzw. ineffektiv zu werden, da es in Zukunft in einer Vielzahl differenzierter Gruppen wenig trennscharfe Merkmale für eine Generation auch nur geringer Dauer geben wird.
7. Quellen
Literatur
Breaking, Popping, Locking - Tanzformen der Hip Hop-Kultur; Dorit Rode; 2002; Tectum Verlag
Coolhunters - Jugendkulturen zwischen Medien und Markt; Klaus Neumann-Braun, Birgit Richard; 2005; Suhrkamp
Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur; Annegret Schüle, Thomas Ahbe, Rainer Gries; 2006; Leipzig
Generationenforschung; Ulrike Jureit; 2006; Vandenhoeck und Ruprecht
Gothic, Metal, Rap, and Rave - Youth Culture and its Educational Dimensions; Max Peter Baumann; 2000; Verlag für Wissenschaft und Bildung
Hip Hop Arbeitsbuch: Sprechgesang - Raplyriker und Reimkrieger; Hannes Loh, Sascha Verlan; 2000; Verlag an der Ruhr
Hip Hop - Globale Kultur, lokale Praktiken; Jannis Androutsopoulos; 2003; transcript Verlag
Hip Hop: Licht und Schatten einer Jugendkulturbewegung; Jean Weinfeld; in: Jugendkulturen, Politik und Protest; Roland Roth, Dieter Rucht; 2000; Keske und Budrich
HipHop Literacies; Elaine Richardson; 2006; Routledge
Is this real? - Die Kultur des Hip Hop; Gabriele Klein, Malte Friedrich; 2003, Suhrkamp
Kommerzialisierung der Jugendkultur Hip Hop, Magisterarbeit; Sabine Hahn; 2002; Institut für Kulturwissenschaften
Nuthin´but a „g“ thang - the culture and commerce of gangsta rap; Eithne Quinn; 2005; Columbia University Press
Rap-Texte; Sascha Verlan; 2000; Reclam
represent what... Performativität von Identitäten im Hip Hop; Stefanie Menrath; 2001; Argument Verlag
Why white kids love Hip Hop; Bakari Kitwana; 2005; Basic Civitas Books
Wissenssoziologie; Karl Mannheim; 1964; Darmstadt
XXX - Drei Jahrzehnte Hip Hop; Nelson George; 2002; Orange Press
Internet
www.wikipedia.de
www.hiphop.de
www.destatis.de
www.shell.com
Arbeit zitieren:
Markus Gärtner, 2007, Generation Hip Hop? - Jugendkultur als generationsstiftendes Merkmal, München, GRIN Verlag GmbH
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