Inhaltsverzeichnis
Abstract
1. Einleitung
2. Der World-Polity-Ansatz
2.1 Der Begriff der “World Polity
2.2 Abgrenzung
2.3 Modell: Mythen, Isomorphie, Entkopplung, Mechanismen
2.4 Das Modell auf internationaler Ebene
3. Der Irak als empirisches Beispiel
3.1 Die Anwendung des Modells
3.1.1 Existenz des Nationalstaats
3.1.2 Form des Nationalstaats
3.1.3 Datensysteme und Selbstbeschreibung
3.1.4 Bildung
3.1.5 Wissenschaft
3.1.6 Wohlfahrt, Bevölkerung und Gesundheit
3.1.7 Menschenrechte und das Individuum
3.1.8 Umweltschutz
3.1.9 Wirtschaft
3.2 Zwischenfazit
4. Fazit
5. Quellenverzeichnis
6. Erklärung
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Abstract
Diese Arbeit diskutiert den neo-institutionalistischen World-Polity-Ansatz John W. Meyers und zieht als empirisches Beispiel den Irak heran, welches auf Grund seiner Prominenz sowie auch seines Stellenwerts für die weltpolitische Lage geeignet ist, als Grundlage zu dienen für eine Debatte des Ansatzes. In diesem Kontext ist es wichtig hinzuzufügen, dass diese Arbeit nicht in Anspruch nimmt, die Lage im Irak detailliert zu untersuchen. Diese Arbeit ist theoriezentriert und möchte insbesondere Schlüsse ziehen im Hinblick auf den methodischen Wert des Ansatzes im Kontext der politikwissenschaftlichen und soziologischen Debatte um Themen der Weltgesellschaft.
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1. Einleitung
„Weltkultur - Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen“ lautet der Titel des Hauptwerkes von John W. Meyer, mit welchem er den Neo-Institutionalismus prägte und seinem World-Polity-Ansatz soziologische Geltung verschaffte. Meyer stellt die These auf, dass sich westliche Prinzipien wie Nationalstaatlichkeit, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit etc. überall auf der Welt verbreiten und jede ihrer Regionen prägen, unabhängig von der geografischen Lage oder der Ethnie. Prominentestes Demonstrationsbeispiel Meyers ist hierbei das „Inselbeispiel“. Dieses Beispiel führt aus, wie auf einer neu entdeckten Insel eine vom Rest der Welt bisher völlig unberührte Gesellschaft entdeckt wird, welche nun, nach der Entdeckung, nach und nach westliche Prinzipien aufnimmt und in ihre Abläufe integriert: Ein Nationalstaat entstünde, eine Verwaltung, Gesetze. Der Prozess der Globalisierung ist eine tragende Säule dieser Entwicklung, die Meyer als „Isomorphie“ bezeichnet. Nun werden bis auf sehr rare Ausnahmen, etwa im südamerikanischen Urwald, keine völlig neuen, unberührten Gesellschaften mehr entdeckt. Dennoch gilt es, diesen Prozess, der ja noch keineswegs beendet ist, an existierenden Beispielen genauer zu betrachten. Einen guten Ansatzpunkt bietet an dieser Stelle der Irak. Nachdem der Irak nach dem Golfkrieg 1990/1991 international isoliert und zudem mit einem Embargo belegt worden war, war er von zahlreichen Teilentwicklungen der Globalisierung vollständig ausgeschlossen. Mit dem USgeführten Irakkrieg 2003 und dem Sieg über das Regime Saddam Husseins änderte sich die Lage fundamental. Die USA und ihre Verbündeten im Krieg zogen in den Irak ein mit dem Anspruch, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu bringen; also, um es mit Meyer zu sagen, den Prozess der Isomorphie im Irak voranzutreiben. Inwieweit ist dies geschehen? Bestätigt die Entwicklung im Irak nach 2003 Meyers Ansatz? Kann man anhand des Beispieles Irak den von Meyer attestierten Prozess beobachten? Oder zeigen die jüngsten Entwicklungen im Irak, dass Meyer mit seiner Prognose zu optimistisch war? Diesen Fragen soll in der Arbeit nachgegangen werden.
Im ersten Teil der Arbeit wird der World-Polity-Ansatz genauer beschrieben werden. Den zweiten Teil der Arbeit macht die Anwendung von Meyers Ansatz auf das konkrete Beispiel Irak aus, wo den oben genannten Fragen nachgegangen werden wird. Im dritten Teil wird schließlich ein Fazit gezogen, welches zum Ziel hat, die im zweiten Teil gewonnenen Erkenntnisse zu verarbeiten und aus ihnen Schlüsse in Hinblick auf den politologischen Wert des Ansatzes zu ziehen.
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2. Der World-Polity-Ansatz 2.1 Der Begriff der „World Polity“
Um den World-Polity-Ansatz hinreichend beschreiben zu können, ist zunächst einmal nötig, eine begriffliche Klarstellung vorzunehmen. So ist unter „World Polity“ in diesem Fall nicht die klassische politikwissenschaftliche Definition zu verstehen, die sich typischerweise von den Begriffen „Policy“ und „Politics“ abgrenzt und staatlich-politische Strukturen beschreibt, sondern „eine breite kulturelle Ordnung, die explizite Ursprünge in der westlichen Gesellschaft hat“ (Meyer 1987: 41). In der näheren Ausgestaltung dieser Definition geht es Meyer um Elemente, die schon Max Weber mit dem Begriff der „Rationalisierung“ geprägt hat: „Fortschrittsglaube, Säkularisierung und die Durchsetzung zweckrationalen Handelns in sämtlichen Gesellschaftsbereichen“ (Krücken 2005: 9). Des Weiteren lassen sich Prinzipien wie „Individualismus, universalistische Gerechtigkeits- und Fairnessnormen, freiwillige und selbst organisierte Handlungsfähigkeit sowie Weltbürgertum“ unter die Begrifflichkeit der „World Polity“ fassen (ebd.: 9). Folglich kann man ihr also jene Werte und Prinzipien zuordnen, welche seit der Zeit der Aufklärung den westlichen Kulturkreis mehr und mehr geprägt haben.
Eine weitere deutliche Abgrenzung vom klassischen politikwissenschaftlichen „Polity“-Begriff ist festzustellen, wenn man betrachtet, wie Meyer „Institutionen“ definiert. Im Verständnis von Meyer und seiner Forschungsgruppe sind Institutionen „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen“ (Meyer 2005: 18). Daraus folgt auch, dass durch den Prozess der Institutionalisierung „bestimmte Einheiten und Handlungsmuster normative und kognitive Gültigkeit erlangen und praktisch als Selbstverständlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten akzeptiert werden“ (ebd.: 18). Die Abgrenzung zur klassischen Politikwissenschaft wird vor allem daran deutlich, dass Meyer Institutionen als „kulturelle Regeln“ identifiziert. Da der - relativ abstrakte - Begriff der „Kultur“ insgesamt sehr viel mehr umfasst als bloße politische Strukturen, wird also schon die klassische Definition von Institutionen kollektiv bindender Entscheidungen ad absurdum geführt. Meyer verlässt mit diesem neo-institutionalistischen Ansatz also die klassische politikwissenschaftliche Bühne.
Somit wäre eine Übersetzung des Begriffes der „World Polity“ als „Weltkultur“ sehr viel zutreffender.
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2.2 Abgrenzung
Am Anfang von Meyers Überlegungen stand die Abgrenzung von anderen Ansätzen. So widersprach er zunächst den Thesen der Weltsystemtheorie um Immanuel Wallerstein, welche von einer globalen Dominanz der Ökonomie ausgehen, ökonomische Strukturen und Prozesse als weltweit verflochten und die Politik von Nationalstaaten prägend ansehen und dabei auch normative Dimensionen annehmen: „We must recognize „imperialism“ as a constant, not a variable, thrust in a capitalist world-economy. We must organize against its changing forms, and we must remember that it is merely one aspect of a wider system of human exploitation that is capitalism” (Wallerstein 1980: 23).
Meyer widerspricht den Thesen Wallersteins klar, indem er unterstellt, im Falle einer Gültigkeit der Weltsystemtheorie würden sich politische Organisationen, gleich welche, in einem Zustand permanenter Instabilität befinden, da sie gewissermaßen nach wirtschaftlicher Logik operieren würden und somit jederzeit mit einem Zusammenbruch rechnen müssten. Dies sei explizit nicht der Fall, insbesondere wenn man betrachte, dass, unabhängig davon, ob es sich um ein Land des Zentrums oder eines der Peripherie handele, sich global institutionelle Strukturen gleicher Art ausbreiteten. Doch nicht nur zum Wallerstein-Ansatz wurde eine deutliche Trennlinie gezogen, sondern ebenso auch zu Rational-Choice-Ansätzen, da diese bloß nutzenorientierte Akteure vorsähen und den beträchtlichen Einfluss von Institutionen ignorierten.
Insgesamt kritisiert Meyer also die mangelnde Erkenntnis- und Erklärungsfähigkeit beider Ansätze und bemängelt die scheinbare Unfähigkeit der Sozialwissenschaften, Beobachtungen und Erklärungen unabhängig von Ideologien aufzustellen: „Thus, we (...) argue against the tendency of social science to follow modern ideologies (of both the left and the right) in isolating the two“ (Meyer 1980: 111). Insbesondere die ideologische Nähe des Weltsystem-Ansatzes von Wallerstein zum Marxismus stellte für ihn also einen Faktor dar, der eine sachliche Beobachtung globaler Strukturen unmöglich machte. Darauf fußte schließlich sein neo-institutionalistischer Ansatz, der weder den individuellen Akteur noch die Ökonomie, sondern Institutionen als weltweit dominierend und prägend ansieht.
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2.3 Modell: Mythen, Isomorphie, Entkopplung, Mechanismen
Meyer wollte mit seiner Arbeit erklären, wieso sich inzwischen staatlich-politische, wirtschaftliche, rechtliche, schulische, wissenschaftliche und kulturelle Strukturen weltweit derart ähnlich und an westlichen Modellen orientiert sind, und sich zumindest in den theoretischen Ausgestaltung nur marginal und in Detailfragen unterscheiden. Ein anderer Untersuchungsgegenstand war die Frage, wieso diese Ähnlichkeiten und Überschneidungen erst nach 1945 auftraten und nicht vorher, etwa in der Zeit der Kolonialisierung, in der die Verbreitung westlicher Prinzipien viel direkter hätte vonstatten gehen können. In den nun seit den 70er Jahren andauernden Forschungen zu diesen Fragen führten Meyer und sein Team in Stanford vielerlei empirische Studien durch, anhand deren sie versuchten, einzelne institutionalisierende Prozesse zu analysieren und hier geregelte, immer wieder anzutreffende Abläufe festzustellen.
Doch bevor die Erkenntnisse der zahlreichen empirischen Untersuchungen weiter aufgegriffen werden, die Meyer insbesondere in seinem Hauptwerk „Weltkultur“ aufgezeigt hat, soll hier die theoretische Erklärung dargestellt werden, die Meyer liefert, um den Prozess der Verbreitung von Institutionen zu beschreiben. Die Schlüsselbegriffe sind in diesem Kontext Mythen, Isomorphie und Entkopplung.
Bereits nach Max Weber war es schon immer ein essenzielles Bedürfnis von Organisationen, sich und ihren Funktionen und Handlungen allgemeine Legitimität zu verschaffen und zu beweisen. Laut Weber geschieht dies über Effizienz, die über Bürokratie und Rationalität gewährt wird: Die Bürokratie, die sich durch Expertise und spezialisierte Beamte auszeichnet, hat die Aufgabe, „rational geordnetes Gesellschaftshandeln ins Leben zu rufen und planvoll zu leiten“ (Weber 1972: 548). Für ihn ist also Effizienz die Ursache, Legitimität die damit erzeugte Wirkung; beides gehört zusammen.
Meyer hingegen trennt beides und führt aus, Organisationen würden rationale, auf Expertise zielende bürokratische Strukturen zwar auch zwecks Effizienz herausbilden, oftmals aber ausschließlich zur Erzeugung von Legitimität - Effizienz spielt in dieser Konzeption also eine eher untergeordnete Rolle. An dieser Stelle wird der Begriff der Mythen schließlich relevant: Nach Herausbildung von Mythen, die man auch als eine Art institutionalisierte Rituale beschreiben könnte, setzt die Isomorphie ein: „Indem Organisationen diese Mythen aufgreifen, kopieren und zeremoniell zur Geltung bringen, wird eine Strukturähnlichkeit („Isomorphie“) zwischen Organisation und Gesellschaft hergestellt. Dies sichert die
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organisatorische Überlebensfähigkeit eher als eine bloße Orientierung an technischinstrumentellen Kriterien der Problembearbeitung“ (Hasse / Krücken 2005: 23). Nach Raimund Hasse und Georg Krücken ist es also, im Gegensatz zu Webers Ansicht, für die Selbstlegitimierung von Organisationen sehr viel wichtiger, Expertise und Rationalität im eigenen Apparat nach außen zu zeigen, als diese tatsächlich zu besitzen oder zu nutzen. Theresa Wobbe führt diese Konstruktion in ihrem Überblick zum World-Polity-Ansatz in einem Beispiel aus dem Wissenschaftsbereich aus, das sie sehr viel plastischer werden lässt. Sie spricht genauer über „Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereiche, Forschergruppen und vergleichbare Einrichtungen. Aufgrund dieser Anforderung ist es nützlich, im Design eines größeren Forschungsantrages auf Interdisziplinarität zu achten. Als Folge davon beschreiben sich Universitäten mit entsprechend konzipierten Projekten zunehmend als Organisationen, die interdisziplinäre, d.h. innovative Forschung betreiben“ (Wobbe 2000: 32). Wissenschaftliche Einrichtungen, Universitäten und Institute müssen sich also nach außen hin legitimieren und ihre Qualität beweisen, nicht indem sie einfach nur effektiv, effizient und gut arbeiten, wie Weber annehmen würde, sondern indem sie vor allem sämtlichen Instanzen, in deren Abhängigkeit sie in irgendeiner Form stehen, zeigen, dass sie sich um effektive und effiziente Arbeit bemühen. Dies tun sie, indem sie Mythen - in diesem Beispiel Interdisziplinarität - in ihre Außendarstellung - im Beispiel den Forschungsantrageinbeziehen und somit vor allem ihr öffentliches Image verbessern: „The laws, the educational and credentialing systems, and the public opinion then make it necessary or advantageous for organizations to incorporate the new structures“ (Meyer / Rowan 1991: 48). Da alle Universitäten und Institute sich diesen neuen Mythen anpassen müssen, um im Wettbewerb zu bestehen, ist die Isomorphie gewährleistet.
Meyer und Rowan bringen in diesem Zusammenhang auch noch ein anderes Beispiel, hier aus dem Bereich der Wirtschaft. So müssten zunehmend Unternehmen Rauchverbotsschilder in ihren Gebäuden anbringen, um ihre Legitimation und damit ihre Existenzgrundlage zu schützen: „No Smoking rules and signs, regardless of their enforcement, are necessary to avoid charges of negligence and to avoid the extreme of illegitimation: the closing of buildings by the state“ (ebd.: 51).
Ungeachtet der vorhandenen Isomorphie tritt jedoch laut Meyer und Rowan in den meisten Fällen das ein, was Entkopplung genannt wird: Das Element der Außenwirkung und das Element des tatsächlichen Zustandes im Innern der Organisation driften auseinander. Auf das
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Wobbe-Beispiel aus dem Wissenschaftsbereich angewendet: Universitäten und Institute geben sich zwar interdisziplinär und modern, sind es aber nicht, im tatsächlichen Arbeitsablauf ändert sich nichts und die Außendarstellung wirkt für am Arbeitsprozess Beteiligte häufig wie eine Sammlung von vielen inhaltsleeren Phrasen. Nach Meyer und Rowan jedoch ist der Zustand der Entkopplung jedoch gar nicht so unverständlich und auch nicht zwingend negativ, sondern oft sogar nötig. Sie zeigen dies auf an dem Beispiel einer Universität, die einen Nobelpreisträger als Dozenten einstellt: „For example, hiring a Nobel Prize winner brings great ceremonial benefits to a university. The celebrated name can lead to research grants, brighter students, or reputational gains. But from the point of view of immediate outcomes, the expenditure lowers the instructional return per dollar expended and lowers the university’s ability to solve immediate logistical problems” (ebd.: 56). Entkopplung sei demnach zumindest in vielen Bereichen nichts Kritisierenswertes, sondern eine völlig normale Erscheinung.
Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell haben ferner dem Modell eine Konzeption hinzugefügt, welche die Mechanismen der Isomorphie zu beschreiben und zu kategorisieren versucht. Beide konkretisieren in ihrer Konzeption auch das, was man als „Umwelt“ der Organisationen bezeichnen könnte, und bezeichnen es als organisationale Felder. Diese „setzen sich aus all den Organisationen zusammen, die die relevante gesellschaftliche Umwelt und damit den Bezugsrahmen für die zu untersuchende Organisation bilden. Für Wirtschaftsorganisationen wären dies beispielsweise konkurrierende Firmen, Zulieferer- und Abnehmerbetriebe sowie politisch-regulative Instanzen“ (Hasse / Krücken 2005: 25). Bezogen auf das Beispiel von Theresa Wobbe würde man hierunter also einerseits die Verwaltung verstehen sowie das Wissenschaftsministerium des Landes und des Bundes; sprich, alle Behörden, die der Universität übergeordnet sind und über Zuschüsse und andere für die universitäre Arbeit nötige Faktoren entscheiden, aber auch andere Universitäten und Institute, mit denen unsere Beispiel-Universität besonders heutzutage immer mehr im Wettbewerb steht. Die Isomorphie, von DiMaggio und Powell noch präziser als institutionelle Isomorphie bezeichnet, wird nun durch drei verschiedene Mechanismen erklärt: Zwang, Imitation und normativer Druck.
Unter Zwang wäre zunächst einmal alles zu verstehen, was Isomorphie auslöst, indem es Organisationen auf rechtlichem Wege zur Aufnahme bestimmter Elemente in die eigenen Abläufe und Strukturen verpflichtet. Dadurch, dass sich in einem Staat mehrere Organisationen in ein und dem selben Rechtsraum bewegen, wird die Isomorphie
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diesbezüglich zu einem ganz automatischen Prozess: „Beispiele sind etwa die durch das Steuerrecht erzwungene Buchführung, der durch das Haftungsrecht erforderliche Versicherungsschutz oder die durch das Vereinsrecht notwendige Ausarbeitung von Satzungen“ (ebd.: 25). Bezogen auf unser Beispiel aus der Wissenschaft könnte etwa die Pflicht, Forschungsanträge in einer bestimmten Form und Frist einzureichen, hierunter fallen. Imitation meint, wie die Bezeichnung bereits impliziert, Prozesse, in denen Organisationen Strukturen und Abläufe für sich übernehmen, die sich bereits zuvor in den organisationalen Feldern bewährt und als vorteilhaft oder gewinnbringend erwiesen haben. Hasse und Krücken nennen es „mimetischen Isomorphismus“ (ebd.: 26), DiMaggio und Powell bezeichnen dies auch als „modeling“ und bringen ein historisches Beispiel dazu: „One of the most dramatic instances of modeling was the effort of Japan’s modernizers in the late nineteenth century to model new governmental initiatives on apparently successful Western prototypes“ (DiMaggio / Powell 1991: 69). Im Wobbe-Beispiel wiederum könnte man die von ihr erwähnte Darstellung von Interdisziplinarität als ein Element der Imitation betrachten. Den Isomorphie-Mechanismus normativer Druck könnte man auch als einen „Druck zur Expertise“ bezeichnen. Organisationen, die bestehen wollen, müssen für ihre Selbstlegitimation nach außen beweisen, dass sie ihre Arbeit auf der Basis von Professionalität und Expertise erledigen. Dieses verursacht Personalselektion, welche zur Folge hat, dass jede Organisation Experten für ihr eigenes jeweiliges Fachgebiet einstellt: „Die (...) Dominanz von Verwaltungsjuristen in sämtlichen deutschen Ministerien stellt ein gutes Beispiel (...) dar“ (Hasse / Krücken 2005: 26 ff.). Im Beispiel aus dem Wissenschaftsbereich ist der normative Druck offensichtlich: Wer etwa eine empirische Studie durchführt, wird glaubwürdiger, wenn er Experten für Statistik und empirische Sozialforschung in seinem Team hat.
Trotz dieser Unterscheidungen muss hinzugefügt werden, dass alle drei Mechanismen in bestimmten Fällen auch ineinander greifen können. Würde etwa der Staat ein Gesetz verabschieden, das jedem, der eine empirische Studie als solche durchführen und veröffentlichen will, vorschreibt, einen Fachmann für Statistik und Empirie in sein Team zu holen, so läge hier eine ganz offensichtliche Kopplung der Mechanismen normativer Druck und Zwang vor.
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2.4 Das Modell auf internationaler Ebene
Projizieren wir nun dieses Modell auf die internatonale Ebene, die diese Arbeit ja letztlich beschäftigt. Viele Staaten der Peripherie bewerben sich bei der Weltbank um Kredite und müssen, zur Gewährung dieser, eine Liste von Kriterien erfüllen. Eingeordnet in Meyers Modell, würden die aufgelisteten Kriterien - etwa Privatisierung, Rechtsstaatlichkeit, Demokratisierung, Ausweitung schulischer Einrichtungen - die Mythen darstellen, mit denen Peripherie-Länder operieren müssen, um Aussicht auf einen Kredit zu erhalten. Da eine große Menge von Peripherie-Ländern ein Bedürfnis nach Unterstützung durch die Weltbank hat, gibt sich auch eine große Menge an Peripherie-Ländern Mühe, die Weltbank von ihren Bemühungen, die Kriterien - Mythen - zu erfüllen, zu überzeugen. In diesem Prozess erkennen wir nach dem Meyer-Modell die Isomorphie wieder, die Ausbreitung der von der Weltbank geforderten, westlich orientierten Strukturen. Mehr und mehr Länder geben sich Verfassungen, verabschieden Gesetze zur Schaffung eines ausgeprägten Schulsystems, erlauben ihrer Wirtschaft immer mehr Freiheiten und legen in den Verfassungen Bürgerrechte fest. Nun lehrt die Vergleichende Politikwissenschaft an dieser Stelle, dass der Großteil der Nationen der Welt nicht demokratisch ist, obwohl zahlreiche Länder das „demokratisch“ im Namen führen oder Wahlen durchführen, um sich international zu legitimieren. Hier wiederum ist nun der Punkt der Entkopplung zu erkennen, der Punkt, an dem Außendarstellung und tatsächliche innere Lage auseinanderdriften. Diese Entkopplung normativ zu bewerten, ist hier schwierig, da sich die Situation von Bereich zu Bereich unterscheidet: Große Demokratiedefizite können tatsächlich ein starker Kritikpunkt sein, während sich Weltbank-Kriterien wie „Liberalisierung“ und „Sozialstaatlichkeit“ durchaus gegenseitig im Wege stehen können und damit die Entkopplung mitunter gar nicht zu vermeiden ist. Meyer beschreibt darüber hinaus anhand eines Beispiels aus Afrika, wie lokale Akteure westliche Prinzipien heranziehen, um ihre Kultur wiederum vor anderen westlichen Prinzipien und ihren Auswirkungen zu schützen: „In dieser Hinsicht haben sich afrikanische Intellektuelle hervorgetan, die sich auf die Prinzipien der Selbstbestimmung und der kulturellen Autonomie berufen haben, um die Anwendung westlicher feministischer Lehren auf ihre Gesellschaften zu verhindern“ (Meyer 2005: 125).
Körperschaften wie die Weltbank, den IWF und GATT betrachtet Meyer als Hauptakteure der Isomorphie: „Dieser globale Rahmen der Organisation und Legitimation hat viel zur Entstehung und zum Zusammenwirken der vielfältigen Bestandteile einer aktiven und
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einflussreichen Weltgesellschaft beigetragen“ (ebd.: 113). Ebenso dazu zählen für ihn soziale Bewegungen: „Als aktive Verfechter zentraler Bestandteile der Weltkultur kämpfen sie für Menschrechte (...), Verbraucherschutz (...), Umweltschutz (...), soziale und wirtschaftliche Entwicklung (...) sowie für menschliche Gleichheit und Gerechtigkeit (...) Als Agenten sozialer Probleme treiben sie den Strukturausbau in rationalisierten Systemen voran“ (ebd.: 115 f.). Interessanterweise zählt Meyer also auch Organisationen und Bewegungen, die sich im medialen Fokus Globalisierungskritik auf die Fahnen geschrieben haben, zu den Organisationen, die die Isomorphie und die Verbreitung westlicher Prinzipien weltweit vorantreiben. Die UNO als Ganzes ist eher auf Grund ihrer Symbolkraft denn auf Grund ihrer tatsächlichen Handlungsfähigkeit Trägerin der Isomorphie: „Die UNO ist zwar eine schwache Organisation, die aber insofern eine besondere Ebene der Interaktion darstellt, als sie viele Regeln der modernen Weltordnung symbolisiert und weiter verbreitet“ (Wobbe 2000: 36).
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3. Der Irak als empirisches Beispiel
3.1 Die Anwendung des Modells
John W. Meyer kategorisiert die Isomorphie in verschiedene Teilbereiche der Kultur: Existenz des Nationalstaats; Form des Nationalstaats; Datensysteme und Selbstbeschreibung; Bildung; Wissenschaft; Wohlfahrt, Bevölkerung und Gesundheit; Menschenrechte und das Individuum, Umweltschutz sowie Wirtschaft (vgl. Meyer 2005). Diese Teilbereiche stellen die Hauptelemente dessen dar, was Meyer grob als „westliche Prinzipien“ begreift. Im folgenden sollen diese Teilbereiche - auch in Hinblick auf ihre theoretische Einbindung in Meyers Ansatz - vorgestellt und mit ihrer Hilfe die heutige Situation im Irak genauer betrachtet werden, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, inwieweit sich die Thesen Meyers für das Fallbeispiel Irak bewahrheitet haben.
3.1.1 Existenz des Nationalstaats
Das bloße Vorhandensein von Nationalstaatlichkeit ist für Meyer bereits ein Element der Isomorphie, da Nationalstaatlichkeit ein westliches Prinzip darstellt: „Die externe Anerkennung und Konstruktion des souveränen Staates ist seit Jahrhunderten ein wichtiges Merkmal des westlichen Systems (...), wobei neue Anwärter in besonderem Maße auf ihre formale Anerkennung durch die dominierenden Mächte angewiesen sind“ (Meyer 2005: 105). Selbst Staaten, die, wie heutzutage etwa der Iran oder Venezuela, öffentlich eine scharfe Ablehnung globalisierender Prozesse postulieren, sind Meyer zufolge allein auf Grund ihrer Selbstdefinition als Nationalstaat zu Agenten der Isomorphie zu zählen: „Sie verfügen über eine staatliche Bürokratie und viele moderne Institutionen von der Zentralbank bis zum Schulsystem. Dadurch setzen sie ungewollt ihre Traditionen einem Veränderungsdruck in Richtung auf die weltkulturellen Formen aus“ (ebd.: 107).
Der Irak erfüllt die Kriterien für diesen Teilbereich hundertprozentig. Wie die Geschichte des Landes zeigt, ist der Irak nicht nur souveräner Staat, seitdem 1932 das britische Mandat für das Land aufgehoben wurde, sondern auch seit 1945 als Mitglied der UNO als solcher international anerkannt. Nach einer Phase der Militärverwaltung durch die USA und ihre Verbündeten 2003-2004 wurde der Irak 2004 wieder offiziell zum souveränen Staat erklärt.
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3.1.2 Form des Nationalstaats
Die Form des Nationalstaats kann verschiedene konkurrierende Systemmodelle umfassen, wie sie die Vergleichende Politikwissenschaft vorstellt; hierunter könnte etwa das Gegensatzpaar Zentralismus vs. Föderalismus oder das Gegensatzpaar Parlamentarismus vs. Präsidentialismus fallen. Logischerweise ist dies aber auch vom „ideologischen“ Hintergrund abhängig, welcher den jeweiligen Staat geprägt hat. Somit sind westlich-liberaldemokratische, sozialistisch-autokratische oder aber auch theokratische Verfassungen denkbar. Meyer zufolge liegt die genaue Form des jeweiligen Nationalstaats zumeist im politischgeografischen Kontext begründet: „Diese Modelle werden mit der Zeit immer feiner ausgearbeitet, und wenn ein neues Land dem System beitritt, dann spiegelt seine Verfassung die Modelle wider, die zur Zeit seines Beitritts aktuell sind“ (ebd.: 146). So sind etwa nach der Niederlage 1945 die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik staatlich in der Form strukturiert worden, wie sie die sie jeweils prägenden Siegermächte bereits inne hatten.
Im Irak können wir, historisch betrachtet, diesen Prozess zweimal erkennen. Noch als der Irak unter britischem Mandat stand, hatte sich bereits eine konstitutionelle Monarchie herausgebildet (1921) - also die gleiche Staatsform, wie sie Großbritannien zu jener Zeit schon besaß. Sogar nach der Erlangung der Souveränität 1932 dauerte es noch über 20 Jahre, bis diese Staatsform im Irak abgeschafft und 1958 die Republik ausgerufen wurde. Der Irak wurde nach 2004 wieder zum souveränen Staat erklärt. Im Jahr 2005 wurde darüber hinaus per Referendum für eine neue Verfassung entschieden, durch die der Irak offiziell eine parlamentarische Demokratie darstellt. Zusätzlich wurde 2006 ein Gesetz verabschiedet, welches im Irak föderalistische Strukturen einführt. An diesem Punkt ist deutlich erkennbar, wie der Irak auch dieses Kriterium erfüllt: Es wurde, bis auf geringfügige Abweichungen (die USA besitzen ein präsidentialistisches System), das liberal-demokratische Staatsmodell, das die im Irak prägnanten Kräfte aufweisen, in die Verfassung übernommen.
3.1.3 Datensysteme und Selbstbeschreibung
Diese Kategorie wird von Meyer folgendermaßen erklärt: „Nationalstaaten benützen Datensysteme, um sich selbst in ausführlicher und standardisierter Weise zu beschreiben, und darin werden Einflüsse von Weltstandards sichtbar. Seit dem Aufkommen internationaler
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statistischer Standards für die ordnungsgemäße Beschreibung des Nationalstaats übernehmen immer mehr Länder die Institution des Zensus“ (ebd.: 148).
Dass dies mit der Rückkehr in die internationale Gemeinschaft nach dem dritten Golfkrieg 2003 im Irak ebenso der Fall ist, versteht sich mehr oder weniger von selbst, was man schon leicht beobachten kann, wenn man statistische Informationen betrachtet, die die Regierungsbehörden des Landes im Internet herausgeben. Diese Kategorie ist also ebenfalls erfüllt.
3.1.4 Bildung
Meyer stellt fest, dass „überall in der Welt und in den verschiedensten Ländern mit zunehmender Häufigkeit standardisierte allgemeine Bildungssysteme entstanden sind“ (ebd.: 149). Dazu zählt er unter anderem die Zahlen zur Bildungsteilnahme, die Sitte der Einführung nationaler Regeln zur Schulpflicht sowie Lehrpläne. Als empirisches Beispiel hierfür nennt er die ursprünglich amerikanische Idee, die Schulfächer Geschichte und Geografie zum Fach „social studies“ zusammenzuführen, welche sich weltweit inzwischen stark verbreitet hat. Auch in Sachen höherer Bildung sei Isomorphie feststellbar: „Das westliche Modell der Universität breitet sich immer mehr über die ganze Welt aus“ (ebd.: 149). Laut dem UNESCO-Bericht von 2004 zum Bildungssystem des Irak ist ein ausgeprägtes Schulsystem im Irak vorhanden, welches jedoch nach langer Zeit der Indoktrination durch das Regime der Baath-Partei einer umfassenden Reform unterzogen werden muss. Zudem existieren Schulpflicht und umfassende Lehrpläne, die in ungefähr das gleiche Spektrum an Schulfächern umfassen wie die westlichen Lehrpläne dies tun. Es existieren außerdem mehrere Universitäten im Land, die drei größten wurden in den 50er, 60er und 70er Jahren gegründet und befinden sich in Bagdad.
Man kann somit auch in dieser Kategorie - unabhängig vom jüngsten Irakkrieg - Meyers Thesen als erfüllt ansehen. Allerdings muss an dieser Stelle von einer beträchtlichen Entkopplung ausgegangen werden: Wie der im Internet einsehbare UNESCO-Bericht zeigt, haben die Zahlen der tatsächlich am Unterricht teilnehmenden Kinder insbesondere im Laufe der 90er Jahre bis heute stark abgenommen. Paradoxerweise könnte man darin aber auch eine Bestätigung von Meyers Thesen sehen, da in den 90er Jahren der Irak durch Embargo und weitere politische Sanktionen bekanntlich international bewusst isoliert und von isomorphischen Prozessen stark abgeschnitten war. Somit würde eine immer größer werdende
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Entkopplung zu dieser Zeit nicht verwundern. Ob die Zahlen nun, nach der Rückkehr des Landes in die internationale Gemeinschaft, wieder zunehmen, kann noch nicht sicher geklärt werden.
Auch ist klar, dass, trotz der Existenz von Lehrplänen, diese lange Zeit der Indoktrination gedient haben anstatt der Bildung. Diesbezüglich ist das irakische Schulsystem ebenfalls gegenwärtig in einem Wandlungsprozess begriffen. Dennoch muss auch hier noch von einer Entkopplung ausgegangen werden.
3.1.5 Wissenschaft
Wissenschaft ist nach Meyer inzwischen ein essenzieller Bestandteil nationalstaatlicher Strukturen geworden und damit auch der Isomorphie. Meyer attestiert dabei eine „Zunahme nationaler wissenschaftlicher Aktivitäten, die sich (...) in zunehmend standardisierter Weise über die ganze Welt ausbreiten (...). So tauchen in den wissenschaftlichen Zitationsindizes Autoren aus immer mehr verschiedenen Ländern auf, und die wissenschaftlichen Projekte, die in den einzelnen Ländern durchgeführt werden, decken zunehmend das ganze Spektrum der anerkannten wissenschaftlichen Disziplinen ab“ (ebd.: 150).
Nun können an dieser Stelle aus sprachlichen Gründen keine wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Irak untersucht werden. Eine andere Tatsache hat jedoch genug Aussagekraft, um die hier aufkommende Frage nach der Isomorphie-Kategorie „Wissenschaft“ ausreichend zu beantworten: Betrachtet man sich die Selbstdarstellung der Universität Bagdad auf deren offizieller Webseite näher, so sticht heraus, dass ihre Fakultäten einen großen Teil der Wissenschaftsbereiche abdeckt, die auch westliche Universitäten bearbeiten. So existiert z.B. ein Medizinisches Kolleg, ein Kolleg für Politikwissenschaft, ein Kolleg für Rechtswissenschaft und ein Kolleg für Verwaltungs- und Wirtschaftswissenschaften. Die mit dem vorhandenen Kolleg der „Wissenschaft für Frauen“ aufkommende Frage der Gleichstellung soll in dieser Kategorie nicht beantwortet werden. Festzustellen ist somit jedoch, dass wenigstens ein durchaus beträchtlicher Teil dieser Kategorie anhand dieses empirischen Beispieles als erfüllt gelten kann. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass auch hier wiederum ein hoher Grad an Entkopplung vorhanden sein kann, da anzunehmen ist, dass die Wissenschaft zu Zeiten des Saddam-Regimes oftmals für politische Zwecke genutzt worden ist und es noch in Frage steht, ob sich eine „Freiheit der Wissenschaft“ und ihrer Arbeit inzwischen genügend ausdifferenziert hat.
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3.1.6 Wohlfahrt, Bevölkerung und Gesundheit
Zu dieser Kategorie zählt Meyer die Gesamtheit an sozialpolitischen Strukturen, die Staaten aufbieten können; nur die wichtigsten sollen an dieser Stelle berührt werden. Meyer fasst hierunter etwa wohlfahrtsstaatliche Strukturen, Gesundheitsversorgung sowie Maßnahmen der Geburtenkontrolle. Bei allen drei Faktoren sieht er wiederum eine zunehmende Verbreitung über die Länder der Welt. Allerdings fügt er hier hinzu, dass diese insbesondere durch internationale Organisationen angetrieben würden: So seien etwa wohlfahrtsstaatliche Strukturen oftmals „durch die Vorgabe globaler Muster durch die ILO (International Labor Organization)“ (ebd.: 151) entstanden, während Gesundheitsversorgung nicht selten durch internationale Hilfsorganisationen vorangetrieben wird.
Durch die zahlreichen Kriege und die langwierige internationale Isolation des Irak ist es bezüglich dieser Kategorie wieder besonders schwierig, gewöhnliche Isomorphie-Prozesse auf den Irak anzuwenden. Das Gesundheitssystem ist durch Kriegsfolgen und humanitäre Nöte so überlastet worden, dass man kaum davon ausgehen kann, dass trotz seines Vorhandenseins nicht extreme Entkopplungseffekte auftreten; sprich, dass es in der Lage ist, effektiv zu operieren. Zwar wird von den im Irak arbeitenden Hilfsorganisationen die Wiedererrichtung gesundheitlicher Versorgung vorangetrieben. Nichtsdestotrotz nahm bereits nach dem Golfkrieg 1991 die Kindersterblichkeit um 380 % zu - kalkuliert man den Irakkrieg 2003 und die jetzigen bürgerkriegsartigen Zustände mit ein, ist nicht unbedingt mit Verbesserungen zu rechnen.
Wohlfahrtsstaatliche Programme sind definitiv erkennbar. So hat schon das Regime Saddam Husseins kurz nach dem Ende des Golfkrieges 1991 ein Programm gestartet, wonach Überlebensrationen an die Bevölkerung ausgehändigt werden. Des weiteren garantiert die neue irakische Verfassung prinzipielle soziale Grundrechte. Letztlich ist also mit einem langsamen und schrittweise (Wieder-)Aufbau gesundheitspolitischer und einem Ausbau wohlfahrtsstaatlicher Strukturen zu rechnen. Da jedoch zunächst bezweifelt werden muss, dass die Regierung in der Lage sein wird, gesundheits- und sozialpolitische Maßnahmen auch wirklich auszuführen, ist die Effektivität solcher Strukturen vorerst fraglich. Letztlich kann man also in dieser Kategorie von einer Bestätigung der Meyer-These ausgehen, die Entkopplung ist jedoch als hoch einzustufen.
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3.1.7 Menschenrechte und das Individuum
Meyer geht davon aus, dass zunehmend mehr Staaten dieser Welt Menschen- und Bürgerrechte in ihren Verfassungen niederschreiben und die Einhaltung dieser Rechte mit zum fundamentalen Staatsziel erklären. Dies sei insbesondere seit Gründung der UN erfolgt, da diese zum ersten Mal globale Maßstäbe in Sachen Menschenrechten gesetzt habe: „Seither ist der Katalog von zu schützenden Menschenrechten stark gewachsen, und sie haben organisationale Unterstützung in zahlreichen zwischenstaatlichen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen gefunden“ (ebd.: 152). Hierunter sind logischerweise NGOs wie Amnesty International und andere zu zählen, welche nach Meyer, obwohl sie nicht selten gegen globalisierende Prozesse Stellung beziehen, somit selbst Träger der Isomorphie werden, indem sie westliche Prinzipien global vorantreiben.
Es ist offensichtlich, dass wir mit dieser Kategorie nun in Bezug auf den Irak den brisantesten Punkt erreicht haben. Der Irak scheint auch in dieser Kategorie Meyers Thesen zu bestätigen: Es existiert inzwischen eine umfassende, Grundrechte garantierende Verfassung - auch wenn laut Verfassung elementare Rechte wie Presse- und Meinungsfreiheit durch schwammige Begriffe wie „Moral“ eingeschränkt werden können und Frauenrechte durch zahlreiche religiöse Freiheiten wieder stark zurückgefahren werden. Andererseits existiert sogar ein eigenes Ministerium für Menschenrechte, was selbst in westlichen Ländern ungewöhnlich ist. Dies sind bemerkenswerte Belege für die Isomorphie, andererseits aber auch für einen Grad an Entkopplung, der den der anderen genannten Kategorien bei weitem übertrifft. Denn nirgendwo auf der Welt hat ein Ministerium für Menschenrechte soviel zu tun wie im Irak. Sieht man einmal von Skandalen wie den Folterungen durch US-Soldaten im Militärgefängnis Abu Ghraib ab, die aus den Medien hinreichend bekannt sind, so wiederholen sich vor allem auch Fälle von Menschenrechtsverletzungen durch irakische Streitkräfte selbst. Solche Vorfälle liegen zumeist in Entgleisungen amerikanischer, britischer oder irakischer Offiziere begründet. Daneben dürfen aber auch die bürgerkriegsartigen Unruhen nicht vergessen werden, die den Konflikt zwischen der Gruppe der Schiiten und der der Sunniten kennzeichnen, und die eine Vielzahl von staatlichen Bemühungen vollständig zunichte machen, da das staatliche Gewaltmonopol keineswegs gesichert ist. Wie also bereits angedeutet: Strukturell erfüllt der Irak in dieser Kategorie viele von Meyers Kriterien. Die Entkopplung nimmt jedoch höchste Ausmaße an.
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3.1.8 Umweltschutz
Auch Strukturen des Umweltschutzes haben laut Meyer eine erhebliche Verbreitung weltweit gefunden. Dies sei durch im Grunde schon standardisierte Prozesse entstanden: So gibt es „eine Flut internationaler Verträge und schließlich zwischenstaatlicher Organisationen, die Standardvorschriften und -modelle zu diesem Bereich zur Verfügung stellen (...). Dies führt wiederum zu einer weltweiten Welle nationaler Umweltschutzmaßnahmen und -strukturen, etwa zur Einrichtung von Umweltministerien in zahlreichen Ländern“ (ebd.: 153). Auch der Irak besitzt inzwischen ein Umweltministerium, welches primär die Aufgabe hat, durch die Kriege entstandene Umweltfolgeschäden zu beseitigen und zu bekämpfen. Auch in dieser Kategorie trifft also Meyers Ansatz zu. Laut Informationen von Greenpeace jedoch ist das Budget des Ministeriums aus offensichtlichen Gründen derzeit stark beschränkt, da Umweltschutz nicht gerade weit oben auf der politischen Agenda im Irak steht. Da eine Behörde mit geringem Budget kaum als sonderlich handlungsfähig einzustufen ist, muss auch hier wiederum von einem hohen Entkopplungsgrad ausgegangen werden.
3.1.9 Wirtschaft
Schließlich sieht Meyer auch in der Kategorie Wirtschaft eine Isomorphie. Genauer gesagt bekräftigt er, dass „bevorzugte grundlegende Wirtschaftsstrukturen dazu tendieren, sich in der ganzen Welt auszubreiten (...) Das gilt etwa für das allgemeine Wachstum des industriellen Sektors und des Dienstleistungssektors, aber auch für die Zusammensetzung der erwerbstätigen Bevölkerung“ (ebd.: 153 ff.). Zwar sei damit offensichtlicher Weise längst nicht immer Wohlstand der Bevölkerung verbunden, in den meisten Fällen aber ein symbolisches Kopieren von bewährten Wirtschaftsordnungen.
Die irakische Verfassung garantiert prinzipiell sämtliche wirtschaftlichen Grundrechte liberaldemokratischer Natur. Insofern kann man also auch hinsichtlich dieser Kategorie von einem Beleg der Meyer-These ausgehen, dass bewährte wirtschaftliche Ordnungen übernommen wurden. Andererseits muss auch hier wieder beachtet werden, dass sich die wirtschaftliche Lage im Irak nach Informationen des Auswärtigen Amtes nach Ende des Irakkrieges 2003 zwar gebessert, aber längst nicht normalisiert hat, und somit von einem auch nur annähernden Wohlstand bei der Bevölkerung nicht die Rede sein kann. Problematisch ist außerdem, dass die gegenwärtige Sicherheitslage im Irak verhindert, dass ausländische Investoren sich im
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Land engagieren. Sofern sich die Lage nicht ändert, ist diesbezüglich also auch nicht mit einer Besserung zu rechnen. Letztlich lässt sich also auch hier wieder sagen: Die These Meyers gilt als erfüllt, die Entkopplung ist jedoch unvermindert stark ausgeprägt.
3.2 Zwischenfazit
Wir können in allen Kategorien Isomorphie feststellen. Sämtliche Strukturen, denen Meyer eine Verbreitung über die ganze Welt attestiert hat, sind auch im Irak in deutlicher Ausprägung wiederzufinden. Durch den politischen Einfluss insbesondere der Besatzungsmächte USA und Großbritannien sind die benannten Strukturen mitunter noch deutlicher ausgeprägt als in zahlreichen anderen Ländern der islamischen Welt, die oftmals deutlich weniger säkularisiert sind: Der Irak ist mit seiner Selbstbeschreibung als „föderale, parlamentarische Demokratie“ zusammen mit Israel ein deutlicher „Außenseiter“ im Nahen und Mittleren Osten.
Allerdings musste ebenso in fast allen Kategorien ein hoher Grad an Entkopplung festgestellt werden. Hierbei sind natürlich solche Kategorien auszunehmen, in denen eine Entkopplung der Natur der Sache nach nicht möglich ist, zu nennen sind hier die Punkte Existenz des Nationalstaats, Form des Nationalstaats und Datensysteme und Selbstbeschreibung. In allen anderen Kategorien jedoch ist der Entkopplungsgrad sogar besonders hoch. Die Frage, wie dies im Kontext des World-Polity-Ansatzes zu bewerten ist, wird der nächste und letzte Teil dieser Arbeit versuchen zu beantworten.
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4. Fazit
Im Zwischenfazit haben wir erkannt, dass im Irak Isomorphie zweifellos in hohem Maße vorhanden, die Entkopplung jedoch sehr ausgeprägt ist. Bevor wir dazu kommen, die dadurch aufkommende Frage nach der Bedeutung für den Ansatz zu beantworten, soll kurz und bündig den Gründen für die erkannten Tatsachen nachgegangen werden. Meyer macht auf Grund der weltweiten Vorherrschaft der USA, welche zwar 1945 bis 1990 im Wettbewerb mit der sowjetischen stand, aber dennoch prägend war, die Vereinigten Staaten von Amerika als einen der Hauptträger von Isomorphie aus: „Die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten während dieser Epoche und der Zusammenbruch Europas (...) an ihrem Beginn spielen hier offensichtlich eine große Rolle“ (Meyer 2005: 65). Die zweite große Trägerin von Isomorphie ist bekanntlich die UNO sowie die ihr angehörenden Organisationen. Nun ist der Irak seit vielen Jahren eines der Hauptthemen auf der Agenda der UN. Die USA sind, durch ihre Rolle als Hauptbesatzungsmacht, im Irak engagiert wie in keinem anderen Land der Welt. Die deutliche Isomorphie im Irak ist somit gut erklärt. Woher aber die Entkopplung? Meyer sieht als Gründe für das ursprüngliche Entstehen westlicher Prinzipien zwei wesentliche Einflüsse; zum einen „in der Kultur des westlichen Christentums, aus der die Weltkultur zu einem Großteil hervorgegangen ist“ (ebd.: 121). Zum anderen ist es der Einfluss der Säkularisierung und der Aufklärung: Meyer erklärt, dass „die rationalisierte Moderne eine universalistische und ungeheuer erfolgreiche Form des früheren religiösen und postreligiösen westlichen Systems ist (...) Dieser Glaube [der der Aufklärung; Anm. d. Autors] operiert weltweit und prägt fast überall die Organisation der Gesellschaft“ (ebd.: 131). Ausgehend von dieser These können wir feststellen, dass weder der eine, noch der andere Einfluss im Irak vorhanden ist oder war. Weder ist der Irak christlich geprägt, noch hatte die islamische Gesellschaft in ihrer Geschichte jemals einen Einschnitt, der dem der Epoche der Aufklärung gleichkäme. Im Gegenteil: Derzeit verhindern ausschließlich bürgerkriegsartige Konflikte zwischen im Ursprung nur religiös voneinander getrennten Gruppen - Schiiten und Sunniten - dass der Grad der Entkopplung sich verringert. Die daraus denkbar gewordene These, dass Entkopplung oftmals in den Ländern am höchsten ist, in denen die Hauptursachen für das Aufkommen westlicher Prinzipien nicht vorhanden sind, sollte empirisch näher untersucht werden.
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Was bedeutet dies alles nun für den World-Polity-Ansatz? In der abschließenden Bewertung durch das empirische Beispiel des Iraks muss man John W. Meyers Thesen grundsätzlich recht geben. Wie Meyer ja auch in seinem Hauptwerk mit sehr zahlreichen empirischen Beispiel belegt, so ist die Isomorphie auch hier beobachtbar. Andererseits aber ergeben sich aus der Feststellung des uneingeschränkt hohen Entkopplungsgrades aus meiner Sicht deutliche Konsequenzen für den methodischen Wert des World-Polity-Ansatzes. Es ist ein nicht gerade gering einzuschätzendes Defizit, dass der Ansatz lediglich die Verbreitung formaler Strukturen beobachtet, die tatsächliche inhaltliche Ausgestaltung in den einzelnen Ländern aber nur mit dem abstrakten Begriff „Entkopplung“ abtut. Schon der Titel von Meyers Hauptwerk führt hier deutlich in die Irre: Wie kann hinsichtlich der westlichen Prinzipien von einem „Durchdringen der Welt“ die Rede sein, wenn letztlich doch eine große Anzahl der vielen Peripherie-Länder diese Prinzipien doch nur in ihre Verfassungen schreiben, ohne jedoch im geringsten ihre weitere Ausgestaltung im Innern voranzutreiben? Helmut Willke kritisiert dies scharf und verdeutlicht seine Haltung am Beispiel Schule und anhand der globalen Expansion von Bildungssystemen, die er zwar anerkennt, zu der er jedoch anmerkt: „Allerdings ist ebenso wenig anzuzweifeln, dass das, was an diesen Schulen tatsächlich passiert, krass unterschiedlich ausfällt (...) In totalitären und fundamentalistischen Gesellschaften dienen sie der gnadenlosen Indoktrination“ (Willke 2006: 30). Aus dieser zweifellos begründeten Kritik ergibt sich, dass der World-Polity-Ansatz gerade im Kontext der heutigen Diskussionen, die die Politikwissenschaft prägen, ob es hier um Globalisierung, Terrorismus oder neue Kriege geht, methodisch in die falsche Richtung deutet. Wie Willke es ausdrückt: „„Es wird deutlich, dass die Frage „Homogenität oder Heterogenität der Weltgesellschaft?“ weder besonders klug noch besonders aufschlussreich ist“ (ebd.: 32). Relevanter sei hierbei viel mehr, wie Homogenitäten und Heterogenitäten zusammenspielen, wie damit umgegangen und vor welche Herausforderungen die Weltgesellschaft damit gestellt würde. Da der World-Polity-Ansatz nicht so konstruiert ist, dass er diesen Fragen nachgehen kann, muss als Resümee festgehalten werden, dass es zumindest fraglich ist, ob er in der Lage ist, die politikwissenschaftliche und soziologische Debatte um die oben genannten Hauptthemen effektiv weiterzubringen.
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Florian Sander, 2007, Der World-Polity-Ansatz von John W. Meyer in Anwendung - Eine Diskussion des Ansatzes am Beispiel des Irak, München, GRIN Verlag GmbH
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