1. Vorwort 3
2. Einleitung 6
3. Theoretische Grundlagen 8
3.1. Der Konstruktivismus als theoretische Basis 8
3.2. Der Sozialisationsprozess als Erzeuger von Wirklichkeiten 10
4. Medien und Wirklichkeiten. 11
4.1. Der Rezeptionszyklus als Weiterentwicklung von Wirklichkeiten 11
4.2. Die Wahrnehmung als Zusammenkunft von Realität und Fiktion 13
5. Die Interaktion 16
5.1. Der symbolische Interaktionismus als Abgleich von Wirklichkeiten. 16
5.2. Parasoziale Interaktion als Teil der Wirklichkeiten. 18
6. Schlussbetrachtung. 22
7. Literaturliste 24
Internetquelle: 25
2
1. Vorwort
„Fernsehen kann schaden und nutzen. Es könnte aber auch umgekehrt sein.“ 1 Wir leben in einer Welt, in der Mitteilungen nicht mehr ausschließlich von Menschen über Menschen an andere Menschen überbracht werden. Botschaften werden in der heutigen Zeit oft über Medien vermittelt. Eine globalisierte und in so starkem Maße vernetzte Welt, wie wir sie heute erleben, wäre ohne technische Hilfsmittel gar nicht denkbar. Um ein solch globales Netz zwischen den Menschen zu spannen und aufrecht zu erhalten, sind wir geradezu auf Medien angewiesen. Das System der Medien sichert die Erreichbarkeit der Kommunikationspartner sowie die Übertragbarkeit der Kommunikationsinhalte, also der Botschaften.
Ein Medium, in seiner hier verwandten Bedeutung, soll als technisches Hilfsmittel zur Verbesserung der Kommunikation, d.h. zur besseren Verbreitung von Botschaften dienen. Insbesondere sollen Massenmedien thematisiert werden, die die Vermittlung von Botschaften eines Senders an eine Vielzahl von Empfängern ermöglicht. Das Mediensystem hat, als Teilsystem der heutigen Gesellschaft, innerhalb weniger Jahrzehnte einen enormen Stellenwert erreicht und scheint seinen Einfluss unaufhaltsam zu steigern. Wohl kaum ein anderes System berührt so viele andere gesellschaftliche Teilbereiche in solch hohem Maß wie die Medien. Eben dieser systemübergreifende Charakter der Massenmedien versetzt sie in die Lage, Geschehnisse aus nahezu allen Lebensbereichen an die Mitglieder einer Gesellschaft zu vermitteln. Sie scheinen das »Alltägliche der Welt« wiederzugeben und sind gleichzeitig - oder gerade deswegen - in den Alltag nahezu aller Gesellschaftsmitglieder fest etabliert. Eben diese Nähe zum Alltag sowie die Bandbreite an Entfaltungsmöglichkeiten 2 führen dazu, dass jeder Einzelne
1 MÜLLER-GERBES 1989 zitiert nach MERTEN 1994; 292.
2 Obwohl das Potential des Mediensektors sicherlich bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist, erreicht er
schon heute ein überwältigendes Spektrum an Umgangsformen, Zuwendungsmotiven und Anwendungs-
möglichkeiten. Er liefert dem Rezipienten eine Vielzahl an Informations-, Unterhaltungs-, Erfahrungs-
und auch Interaktionsmöglichkeiten und das rund um die Uhr über viele verschiedene Kanäle.
3
sich zumindest mit Teilen dessen identifizieren kann, was die Medien anbieten. Womöglich liegt gerade darin die immense Popularität und Bedeutung der Massenmedien. Der Bedeutungszusammenhang zwischen Medien, Gesellschaft und Individuum wird auch in der Wissenschaft zunehmend thematisiert. Dabei bleibt zu beachten, dass sich die Medienwirkungsforschung in einem sehr widersprüchlichen Stadium befindet, dessen klärender Prozess noch lange nicht abgeschlossen zu sein scheint. 3 Hier stößt man insbesondere auf zwei sich diametral zugewandte Ansätze, die zur Analyse des Zusammenspiels von Mensch und Medien herangezogen werden.
Bei dem ersten Ansatz werden die Medienorganisationen und deren Möglichkeiten und Sichtweise genauer untersucht. Hier geht es um die Frage: Was machen die Massenmedien mit den Menschen?
Bei diesem medienzentrierten Ansatz ist immer wieder von der Macht der Medien und deren Organisationen die Rede. Es werden Szenarien dargestellt, welche Gefahr von den Medien auszugehen scheint, wie stark ihr Einfluss auf die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung ist, welch großes Verzerrungspotential in medial vermittelten Botschaften schlummert und wie der (hilflose) Rezipient von den Medien überwältigt und gemäß ihrer Ziele manipuliert werden kann und wird. 4
Diesem Ansatz ist ein anderer entgegengesetzt, der die Sicht der Rezipienten und deren Möglichkeiten im Umgang mit den Massenmedien beleuchtet. Die entsprechende Frage lautet hier: Was machen die Menschen mit den Medien?
Hier wird der Kommunikationsfluss aus Sicht der Rezipienten beleuchtet und analysiert. Es wird untersucht, wer welche Medien wann konsumiert, wieso sie sich diesen und keinen anderen Medienangeboten zuwenden und wie die mediale Botschaft aufgenommen und verarbeitet wird. Hier wird schon fast von einer Ohnmacht der Medien ausgegangen, die lediglich Angebote an einen aktiven und kritisch selektierenden Rezipienten
3 vgl. MERTEN 1994; 291f
4 Besonders bekannt ist hier der Ansatz der kritischen Theorie, welche die Massenmedien unter
Manipulationsverdacht stellt. Hier steht der passive Rezipient einem schier Übermächtigen Mediensektor
gegenüber, der die Masse regelrecht zu kontrollieren scheint.
4
abgeben. Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf die Bedürfnisse, Sichtweisen, Wahrnehmungen und Handlungen einzelner Rezipienten sowie auf deren Rezeptionskontext gerichtet. Es wird die Art und Weise analysiert, wie die Menschen mit den Massenmedien umgehen, welche direkte Wirkung diesen dann noch zugesprochen werden kann und welche Möglichkeiten der Rezipient hat, Medienangebote wahrzunehmen und zu verarbeiten.
In dieser Arbeit wird der rezipientenorientierte Ansatz im Mittelpunkt stehen. Dabei wird der Einfluss der Medien vor allem vor dem Hintergrund der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit 5 beleuchtet.
5 Als Einführung sei hier beispielhaft auf das gleichnamige Buch von BERGER/LUCKMANN (1969)
verwiesen.
5
2. Einleitung
„Daß Wirklichkeiten als soziale Konstrukte verstanden werden können oder gar sollten, haben zumindest einige Soziologen seit der Etablierung ihrer Disziplin gewusst. Weil jedoch die Medien weder in der heute gegebenen technischen Vielfalt und Leistungsstärke, noch in der damit einhergehenden sozialen Organisation präsent waren, konnten diese frühen Überlegungen zur sozialen Konstruktion von Wirklichkeit noch nicht in eine Medientheorie verlängert werden.“ 6
Dieses soll jetzt nachgeholt werden und der Einfluss der Medien auf die subjektive und durch sozialen Austausch vermittelte Konstruktion von Wirklichkeit systematisch erarbeitet werden. Ein besonderes Interesse gilt dabei den parasozialen Interaktionen und der Frage, welchen Einfluss diese auf die soziale Konstruktion von Wirklichkeit haben oder haben können.
Zunächst einmal soll der theoretische Rahmen dargestellt und erläutert werden. Hierzu gehört die aktive Gestaltung der Wirklichkeit, wie sie von Konstruktivisten angenommen und verbreitet wird. Dabei wird auf die Unterschiede bei der persönlichen Wahrnehmung und Verarbeitung von spezifischen Umweltreizen und Kognitionen eingegangen, die eine subjektiv konstruierte Wirklichkeit zur Folge haben. Hier ist grundsätzlich zwischen der Entwicklung eines Persönlichkeitsbildes und der Entwicklung eines sozialen Weltbildes zu unterschieden. In dem Zusammenhang soll es auch zu einem besseren Verständnis des Begriffs »Wirklichkeit«, so wie er hier gebraucht wird, kommen. Verwiesen wird dann kurz auf den Prozess der Sozialisation, der für die aktive Konstruktion von Selbstbild und Weltbild eine zentrale Bedeutung besitzt. Des Weiteren wird der symbolische Interaktionismus erklärt und dessen Bedeutung für eine soziale Konstruktion von Wirklichkeit herausgearbeitet.
6 HEJL 1994; 43.
6
Im Ergebnis soll klar werden, dass Wirklichkeit als ein aktiver, selektiver und vor allem subjektiver Begriff verstanden werden muss, der zudem erst durch soziale Interaktionen entstehen und aufrecht erhalten werden kann.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dann auf der Analyse der subjektiven Konstruktion von Wirklichkeit in Bezug auf die von den Medien vermittelte Realität. Dabei soll erarbeitet werden, welchen Einfluss der Medienkonsum und insbesondere die parasoziale Interaktion auf die subjektive Konstruktion der Wirklichkeit sowie die Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung hat bzw. haben kann.
Hier wird deutlich werden, dass Medien, die mittlerweile fest in den Alltag integriert sind, das Wirklichkeitsbild in sehr starkem Maß mitbestimmen. Die Gefahr, dass Realität und Fiktion sich vermischen und bei der subjektiven Wirklichkeitskonstruktion nicht mehr auseinander gehalten werden können, zeigt eine Medienanalyse auf besonders deutliche Art und Weise.
Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die parasoziale Interaktion zwischen Zuschauer und Medienfigur. Hier ist eben diese Integration einer an sich fiktiven (oder zumindest nur mittelbar zugänglichen) Medienfigur in das real-soziale Leben offensichtlich. Die große Zahl an Fernsehkanälen und die damit einhergehende enorme Anzahl an Persönlichkeiten, die das Fernsehen prägen, erlauben dem Zuschauer eine unglaublich große Auswahlmöglichkeit, sich mit einer oder mehreren dieser Figuren zu identifizieren. Der Umgang mit der Medienfigur erfolgt, als ob sie eine reale Person wäre und somit vollständig in das soziale Leben integriert sei. Eben diese Identifikation mit Medienfiguren und deren Integration in das seinerseits wiederum subjektiv-reale Leben macht deutlich, wie nahe eine parasoziale Interaktion an eine soziale Interaktion heranreicht und deshalb die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit mitbestimmt. Im Ergebnis sollte dann klar werden, dass und wie parasoziale Interaktion die soziale Interaktion in ihrer sinnstiftenden Funktion ersetzen oder zumindest ergänzen kann.
7
3. Theoretische Grundlagen
3.1. Der Konstruktivismus als theoretische Basis
„Das »Basistheorem« des Konstruktivismus: Wirklichkeit ist nicht objektiv gegeben und wird von Menschen als Abbild in deren kognitives System eingespeichert, sondern muß im Gegenteil jeweils subjektiv konstruiert werden, was die Bedingung der Möglichkeit zu selektivem Verhalten bindend voraussetzt.“ 7
Diese Arbeit wird ihre theoretische Basis der konstruktivistischen Weltanschauung entnehmen. Diese soll hier nun kurz dargestellt werden. 8
Die Konstruktivisten gehen davon aus, dass ein jeder sich seine subjektive Wirklichkeit im Laufe seines Lebens, aufbauend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, aktiv konstruiert. Die Prämisse lautet, dass man sich sowohl ein Bild seiner Selbst, als auch ein Bild seiner sozialen Umwelt durch Erfahrungen, die das Leben anbietet, konstruiert. Der Begriff der Wirklichkeit soll hier aus eben dieser konstruktivistischen Sicht beleuchtet und verstanden werden. Wie in der Wissenschaft mittlerweile allgemein anerkannt, ist von einer aktiv subjektiven Konstruktion der Wirklichkeit auszugehen. Dabei ist es so, dass jedes Individuum sein ganz persönliches Leben lebt und seine ihm eigenen Erfahrungen aufnimmt, die ihm eine individuelle Biografie verschaffen und somit zu einem einzigartigen, denkenden Wesen machen. Kurz gesagt: Jeder lebt in seiner eigenen Welt, die er sich zudem selber geschaffen hat. Denn die unterschiedlichen Erlebnisse und Wahrnehmungen werden von jedem individuell verarbeitet, wobei auf bereits Erlebtes oder Gedachtes zurückgegriffen wird. Die zahlreichen Sinneswahrnehmungen werden stark selektiv wahrgenommen, kategorisiert und einem komplexen, kognitiven Modell zugeordnet, so dass nach und nach ein Modell persönlicher Weltanschauung entsteht. Es ist aber keineswegs so, dass von einer bewussten Planung des Wirklichkeitskonstrukts ausgegangen werden kann, sondern dieses entwickelt sich eher zwangsläufig und größtenteils beiläufig, wenn auch keineswegs willkürlich. 9
7 MERTEN 1994; 309.
8 Grundlage hierfür sind die Aufsätze von SCHMIDT, HEJL und vor allem KRUSE/STADLER (alle
1994).
9 vgl. SCHMIDT 1994; 5.
8
„Die Feststellung, daß wir eine unabhängig von unserem Erleben existierende Realität niemals anders erfahren können als eben über unser Erleben, ist argumentativ zwingend.“ 10 Es handelt sich folglich keineswegs um eine objektive, allgemeingültige Realität, die einfach in das kognitive System eines Menschen abgebildet oder kopiert wird, vielmehr ist eine aktive Rezeption und Aneignung der gebotenen Reize nötig. Aufmerksamkeit, Beobachtung, Wahrnehmung, interpretative Verarbeitung und Bewertung von Umweltreizen ist, aufgrund zahlreicher und auf allen Ebenen der Informationsverarbeitung stattfindender Selektionsvorgänge, 11 immer individuell zu betrachten und an dem bereits bestehenden habituellen bzw. kognitiven System ausgerichtet. Man sollte deshalb von zwei parallel laufenden Prozessen ausgehen: der objektiv-materiellen Realität und der Erlebniswirklichkeit. 12
Des Weiteren bleibt zu bedenken, dass das Konstrukt der Wirklichkeit - wie ein jedes von Menschen geschaffenes, geistiges Konstrukt - stets abstrakt und veränderbar ist oder sogar in sich zusammenbrechen kann. Deshalb, so zeigen zahlreiche psychologische Studien, verarbeiten (gesunde) Menschen eingehende Reize gezielt so, dass sie dem zuvor konstruierten, inneren System förderlich sind, also eine stabilisierende Wirkung besitzen. 13
Das entscheidende hier aufgestellte Axiom lautet folglich: Realität ist nur über Erlebnisse erfahrbar, so dass jeder in einer eigens von ihm und für ihn konstruierten, subjektiven Erlebniswirklichkeit lebt.
10 KRUSE/STADLER 1994; 20.
11 vgl. hierzu MERTEN 1994; 298f. Hier wird das Selektionsmodell dem ursprünglichen Stimulus-
Response-Modell gegenübergestellt, nach dem ein gleicher Stimulus immer die gleiche Wirkung erzielt.
Merten kommt einige Seiten später zu dem Ergebnis: „Es sind eben nicht die absoluten Qualitäten der
Stimuli, sondern die selektiven Operationen, die auf diese aufgesetzt werden, die für Wirkungen verant-wortlich zu machen sind. Es kann keine »Bedeutung« von Stimuli geben, sondern diese werden selektiv
erzeugt“ (MERTEN 1994; 310)
12 vgl. SCHMIDT 1994; 9.
13 So spricht MERTEN von folgender grundlegenden konstruktivistischen Annahme: „Rezipienten sind
sich ihrer Subjektivität bewußt und daher bestrebt, sich der Viabilität dieser Konstruktionen auf alle
erdenkliche Weise zu versichern.“ (MERTEN 1994; 309)
9
3.2. Der Sozialisationsprozess als Erzeuger von Wirklichkeiten
„Jedes neue Mitglied einer Gesellschaft trifft auf eine Situation, in der es immer schon Wirklichkeiten gibt. Durch die Prozesse, die die Sozialwissenschaften als »Sozialisation« bezeichnen, erlernen neue Mitglieder einen Teil der in einer Gesellschaft bestehenden Wirklichkeiten und wie man mit ihnen umgeht“ 14
Die gerade ausgeführte subjektive Konstruktion von Wirklichkeit beginnt spätestens bei der Geburt eines Kindes und ist immer in einen kulturellen und sozialen Rahmen gebettet. Deshalb ist es sehr entscheidend, welche sozialen Einflüsse auf den Menschen einwirken, was von den Sozialisationstheoretikern untersucht wird. Durch den Sozialisationsprozess werden die habituellen Verhaltens- und Denkmuster im Allgemeinen und der Umgang mit den Medien im Speziellen entwickelt. Sowohl das Selbst als auch die Umwelt werden aktiv konstruiert. Dabei ist die frühkindliche Sozialisation von besonderer Bedeutung, da sie eine enorme Tiefen- und Langzeitwirkung besitzt. Wo und wie der Sozialisationsprozess abläuft, welche Erfahrungen Menschen in ihrer (frühen) Kindheit machen und welches Anregungspotential die Umwelt bereitstellt, bestimmt, wie sich die Persönlichkeit des Kindes entwickelt. Vor allem die Eltern als erste Bezugs- und Identifikationsfiguren leben eine bestimmte »Wahrheit« vor, die den Kindern vorerst als einzig mögliche, allumfassende Wirklichkeit erscheint. Erst später erlangen Kinder, angeregt durch andere Umwelteinflüsse, ein differenzierteres Wirklichkeitsbild. Im Sozialisationsprozess stehen sich innere und äußere Realitäten gegenüber und müssen miteinander in Einklang gebracht werden, um eine gefestigte Persönlichkeit zu entwickeln. Dieser lebenslange und sehr komplexe Prozess soll hier nicht eingehender be-handelt werden. 15 Es sollte lediglich darauf hingewiesen werden, dass der frühe Umgang mit Medien, der oft im familiären Kontext vonstatten geht, dem Menschen grundsätzliches Wissen und Kompetenzen für den weiteren Umgang mit den Medien bereitstellt. Bei der heutigen Bedeutung von Medien gehört zu einer erfolgreichen Sozialisation wohl auch eine gelungene Einführung in die Medienwelt. In einer »Mediengesellschaft« fällt den Eltern somit auch die Aufgabe zu, ihren Kindern Medienkompetenzen zu vermitteln. Auch die Aufnahme dieses bedeutenden Lebensbereiches in das Schulcurriculum wäre meines Erachtens in Betracht zu ziehen.
14 HEJL 1994; 53.
15 Eine gute Einführung in die Sozialisationstheorien bietet das Buch von HURRELMANN (2002).
10
4. Medien und Wirklichkeiten
4.1. Der Rezeptionszyklus als Weiterentwicklung von Wirklichkeiten
Im Folgenden soll auf den gerade ausgeführten theoretischen Vorüberlegungen aufgebaut und der Prozess der Rezeption genauer analysiert werden. Durch die eben umschriebene Sozialisation mit den Medien und die spezifischen Erfahrungen und Lebensverläufe hat sich bei jedem potentiellen Rezipienten ein Wirklichkeitskonstrukt gebildet, das die Gedanken und Handlungen steuert.
Die »Wirklichkeit« entsteht in der Praxis und wirkt wieder auf diese zurück. Dieses soll nun kurz erklärt werden:
Einerseits ist das Wirklichkeitskonstrukt das Erzeugnis aus den vorangegangenen Sozialisations- und Lernprozessen der jeweiligen Lebensbedingungen. Es entsteht als eine Reaktion auf das soziale Umfeld, indem sich der Mensch die sozialen Regeln, die gesellschaftlichen Werte und das für ihn relevante Wissen aktiv aneignet. Die Genese, der, das Wirklichkeitsbild konstituierenden Dispositionen und Vorstellungen, erfolgt im Verlauf der Praxis, d.h. dem prägenden Interaktionsprozess. Dass dabei die soziale Interaktion auch durch die parasoziale Interaktion ersetzt oder zumindest ergänzt werden kann, wird später erläutert.
Die maßgebliche Prägung der sozial vermittelten Wirklichkeit erfolgt dabei sicherlich in der Kindheit. Folglich ist das Konstrukt immer von den Umständen seiner ersten Aneignung geprägt. Die elterliche Erziehung konstituiert das »Bild« in starkem Maße, wobei zu beachten ist, dass die Erziehungsmöglichkeiten stark von den Kompetenzen und Vorlieben der Eltern abhängig sind. 16
Andererseits ist das Wirklichkeitskonstrukt ein (generatives) Erzeugendenprinzip von Praxisformen. Es steuert die Denk- und Sichtweisen sowie unsere Urteils- und Bewertungsfähigkeit in allen Handlungssituationen. Die Wirklichkeitsvorstellung bildet somit den Raum der Möglichkeiten, in dem Handlungen oft unbewusst und spontan ablaufen
16 siehe auch Kapitel 3.2.
11
können. Aber nicht die Praktiken an sich, sondern der Spielraum dessen, was an Praxis möglich (und unmöglich) ist, wird festgelegt. Anders ausgedrückt stellt das Wirklichkeitsbild die Kompetenz dar, eine Vielzahl verschiedenartiger Praktiken des sozialen Handelns zu erzeugen. Diese tragen ihrerseits aber immer die Strukturmerkmale des Wirklichkeitskonstrukts und können sich nie außerhalb dessen bewegen. Insbesondere sei hier wieder auf die Medienkompetenzen und den praktischen Umgang mit Medien verwiesen. Das was im praktischen Umgang mit den Medien erlernt worden ist und als wirklich angesehen wird, stellt den Rahmen dessen, was als möglich erachtet wird. Kurz: Unsere Wirklichkeitsvorstellung steuert unser Denken und Handeln - auch der Umgang mit den Massenmedien ist dadurch bedingt.
Noch einmal zusammenfassend: Die sinnlichen (also auch die medialen) Wahrnehmungen füllen den »Geist« bzw. das Bewusstsein der Akteure. Die unterschiedlichen (medialen) Lebens- und Konsumbedingungen und Erfahrungen determinieren dabei ein spezifisches Wirklichkeitsbild. Dies prägt dann den Geschmack (bzw. die medialen Vorlieben), aber auch die Praxisformen, also den jeweils ausgeübten und bevorzugten sozialen Lebensstil (z.B. Fernsehstil) und insbesondere die Art der (Medien-) Konsumtion. Dieses, durch entsprechende Erfahrungen geprägte Wirklichkeitskonstrukt, dient nun als Grundlage für alle weiteren Handlungen im Umgang mit Medien. Es liefert den Raum dafür, dass ein bestimmtes Programm eines bestimmten Mediums zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kontext rezipiert wird. Sowohl welcher Medienform (Zeitung, Radio, Internet, TV, Magazine etc.) als auch welchem Medieninhalt sich der Rezipient zuwenden wird, ist durch das subjektive Wirklichkeitsbild bedingt. Des Weiteren bestimmen die erworbenen Dispositionen, Vorstellungen und Erfahrungen welcher Sinn dem Reiz zugeschrieben und wie dieser verarbeitet wird. Somit hat jeder Medienreiz, wenn er denn wahrgenommen, in das kognitive System aufgenommen und sinnhaft verarbeitet wird, Auswirkungen auf den Erhalt oder die Weiterentwicklung des Wirklichkeitskonstrukts. 17
17 Hier sei nochmals darauf verwiesen, dass sowohl das Bild der eigenen Person, als auch das soziale
Weltbild der eigens konstruierten Wirklichkeit entsprungen sind.
12
Die Medien beeinflussen somit die Reaktion und Verlaufsentwicklung, indem sie Reize vermitteln. Dies geschieht jedoch keineswegs unmittelbar und eindeutig, sondern die Mediensignale sind in der Regel mehrdeutig interpretierbar. Wie sie gelesen oder interpretiert werden ist durch zahlreiche habituelle und situative Faktoren bestimmt. Der Verarbeitungsprozess ist direkt nach der Rezeption aber noch nicht abgeschlossen. Eine weitere Verarbeitung und neue Denkanstöße werden oft durch Anschlusskommunikationen 18 gegeben, die auf den Medienbotschaften aufbauen. Hier verfestigt sich womöglich das von den Medien vermittelte Bild oder es wird durch den interaktionistischen Abgleich revidiert. 19 Viele Forscher warnen davor, den gesellschaftlichen Kontext, in den die Rezipienten jeweils eingebunden sind, zu unterschätzen. Denn dieser liefert den Rahmen dessen, was den Mediensignalen an Bedeutung beigemessen wird und, ohne sozial sanktioniert zu werden, beigemessen werden kann. Zahlreiche Lesarten einer Medienbotschaft sind denkbar und erst der Vergleich der Wirklichkeitsbilder, mit denen wichtiger Bezugspersonen oder Bezugsgruppen, führt zu einer haltbaren, wenn auch niemals vollendeten, Interpretation des Textes und gleichzeitigen Integration in das vorhandene Wirklichkeitsbild.
Ein jeder Rezeptionsprozess kann so die bereits entwickelten Vorstellungen ändern oder aber festigen, wobei diese Erneuerung dann ihrerseits wieder als Grundlage für spätere Medienrezeptionsprozesse dient.
4.2. Die Wahrnehmung als Zusammenkunft von Realität und Fiktion
„Simulation verweist auf ein grundlegendes Problem der Hochmoderne: Es kann jetzt nämlich nicht mehr eindeutig geklärt werden, was Realität »eigentlich« ist. Eine zu welchen Kontrastzwecken auch immer eingeführte »eigentliche« Realität steht nun immer unter dem Verdacht, nur eine andere Situationsdefinition bzw. Simulation zu sein.“ 20
18 Die Wichtigkeit der Anschlusskommunikation soll hier nur erwähnt werden. Zur weiteren Lektüre sei
hier beispielhaft auf SUTTER (2002) verwiesen.
19 Zu dem kommunikativen Abgleich von Wirklichkeiten siehe auch Kapitel 5.1.
20 WENZEL 1998; 84.
13
Einführend soll hier nochmals darauf hingewiesen werden, dass die soziale Wirklichkeitskonstruktion allein auf Vorstellungen beruht. Die eigenen Vorstellungen, nicht die Existenz einer sozialen und materiellen Welt, bestimmen darüber, wie wir leben. Dennoch sind es diese Vorstellungen, die unser Denken und Handeln bestimmen. 21 Der Mensch verlässt sich auf das, was er erlebt. Insbesondere auf sein Auge glaubt er sich verlassen zu können. Das was er sieht oder erlebt, 22 nimmt er nicht nur ins kognitive System auf, er nimmt es vielmehr auch »als wahr an«. In späteren Situationen ist dieses Erlebte dann Teil seines Konstrukts, welches das Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln steuert.
Vor allem das Fernsehen, welches über den Seh- und den Hörsinn Signale übermittelt, macht sich genau das zu Nutze. Es spielt oftmals geradezu mit der Möglichkeit, den Zuschauer zu täuschen oder zumindest an der Echtheit des gerade Gesendeten keine Zweifel aufkommen zu lassen. Manchmal werden bewusst die Bild- oder Tonqualität verschlechtert, um die vermeintliche »Realität« des Zustands zu untermauern. Wir sehen einiges im Fernsehen, was offenbar nicht »real« ist. Dieser Zustand ist uns oft, aber keineswegs immer, bewusst. Dennoch kommt es zur Vermischung von Fiktion und Realität im Laufe der Informationsverarbeitung. 23 Auch wenn es dem Zuschauer meistens bewusst zu sein scheint, dass Fernsehbilder nicht zwangsläufig ein Abbild der Realität wiedergeben, ist die Grenze zwischen dem was die Realität wiedergibt und dem was eher einer Animation oder Fiktion gleichkommt für den Zuschauer kaum ersichtlich. Wenn man die Entstehung eines Sendebeitrags, egal ob im Internet, Fernsehen, Radio oder der Zeitung, zurückverfolgen möchte, ist dieses nahezu unmöglich. Bereits bei der Produktion eines Beitrags sind oft zahlreiche Personen beteiligt. Dadurch ist er zwangsweise so vielen Selektionen unterworfen, dass kaum von einer reinen Wiedergabe oder Abbildung der Realität ausgegangen werden kann. Der Zuschauer, Zuhörer oder Leser ist selten in der Lage zu erkennen, welcher Textteil und welche Bewertung woher stammen und von wem wie verändert wurden.
21 HEJL 1994; 45-49.
22 Das Erleben ist von dem kulturell vorgegebenen oder sozial vermittelten nie ganz zu trennen. Alle
Erfahrungen die wir sammeln, sind nur vor dem kulturellen Hintergrund zu verstehen und ganz und gar
von der Kultur durchsetzt. (vgl. auch Kapitel 3.2)
23 vgl. hierzu auch KRUSE/STADLER 1994; 39.
14
Bei dem Rezipienten kommt nur das Gesamtwerk an. Wer aber hat die Wirklichkeit so gezeichnet, wie sie der Rezipient wahrnehmen soll? 24
Sollte doch jemand sich gelegentlich die Mühe machen, den Sendebeitrag genauer zu analysieren und womöglich, mehr oder weniger erfolgreich, das Geschehene von dem zu trennen, was im Entstehungsprozess durch Selektion und Veränderung seitens der Produzenten und Mitarbeiter abgewandelt oder hinzugefügt wurde, ist dennoch davon auszugehen, dass auch die als fiktiv aufgedeckten Informationen den Empfänger erreicht haben und somit den Prozess der Wahrnehmung, Interpretation und Kategorisierung durchlaufen haben. Es ist also davon auszugehen, dass auch diese Teile der Nachricht den Rezipienten und dessen Wirklichkeitsbild erreichen und beeinträchtigen. Gestärkt wird diese Annahme dann, wenn man des Weiteren annimmt, dass mit der Zeit die Quelle und Entstehung von Einstellungen und Gedankeninhalten und somit die Unterscheidung zwischen fiktivem und realem Ursprung mehr und mehr verwischt. Reale Sachverhalte und fiktive Vorstellungen werden beide später erinnert, aber der Ursprung dessen verblasst mit der Zeit. "Der Erzeugungsprozeß der sozialen Wirklichkeit geht dem Bewusstsein verloren; was bleibt, ist die illusio, ein Wirklichkeitsglaube, der feldspezifische Geltung und Verbindlichkeit beansprucht." 25 Deshalb soll hier die Behauptung aufgestellt werden, dass es keinem Rezipienten je gelingt, eine klare und eindeutige Trennung zwischen Realität und Fiktion vorzunehmen, da der Entstehungsprozess eines gesendeten Beitrags (meistens) nur schwer nachvollziehbar ist. Zudem vermischen sich Realität und Fiktion nicht nur bei der Produktion einer Medienbotschaft sondern auch nach der Rezeption verblassen die Grenzen zwischen Sein und Schein immer mehr. Man kann also sagen, dass die Wirklichkeitskonstruktion von dem Parasiten des virtuellen Scheins durchsetzt ist. Ich würde deshalb noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass es »objektive Berichterstattung« gar nicht geben kann, da immer Personen (und mit ihnen subjektive Interpretationen und Selektionen) der gesendeten Botschaft zwischengeschaltet sind, die die Nachricht verändern und/oder eingeschränkt wiedergeben. Zugespitzt kann man sagen, dass Massenmedien immer manipulativen oder realitätsverzerrenden Charakter haben und, aufgrund ihrer Beschaffenheit, haben müssen.
24 vgl. hierzu BURGER, BAUMBERGER und LUGINBÜHL (1998).
25 BOHN und HAHN 1999; 261.
15
5. Die Interaktion
5.1. Der symbolische Interaktionismus als Abgleich von Wirklichkeiten „Wirklichkeiten werden durch Kommunikation konstruiert, so daß hier relevante Selektionsinstanzen zu suchen sind“ 26
Entsprechend vorangegangener Ausführungen wollen wir festhalten, dass jedes kognitive System, bedingt durch die Umweltsysteme, sein eigenes Bild der Wirklichkeit entwickelt. Es gibt demzufolge zahlreiche unterschiedliche Wirklichkeitskonstrukte und unendlich viele mehr, die hypothetisch entstehen könnten. Jeder lebt in seiner eigenen Vorstellung einer sozialen Welt und das real-existierende bietet »nur« die Reize, die das kognitive System dann verarbeiten kann und muss. „Interaktion, also das zwischen den Partnern ablaufende Geschehen, bedeutet nun für kognitive Systeme, daß sie auf die in ihren jeweiligen Kognitionsbereichen konstruierten Partner bezogen handeln.“ 27 Nun ist es aber dennoch so, dass Menschen nicht dauernd in Streitigkeiten verfallen, sondern (mehr oder weniger) häufig ähnliche oder nahezu gleiche Ansichten teilen. Hier kommt der Austausch zwischen den einzelnen kognitiven Systemen ins Spiel. Auch wenn man keine unmittelbare Veränderung im anderen kognitiven System erreichen kann, so besteht über das kommunikative System doch die Möglichkeit, Gedankeninhalte und persönliche Bedeutungszuweisungen zu vermitteln. „Die individuellen Bewußtseine sind füreinander verschlossen; sie können nur mittels Zeichen kommunizieren, in denen sich ihre internen Zustände ausdrücken.“ 28 Wie oben beschrieben, muss Handlungsobjekten erst eine Bedeutung zugeordnet werden, die dann ihrerseits zu einem Teil der subjektiven Wirklichkeit werden kann. 29 Dieser, einem Objekt zugewiesene, Sinn wird benutzt für und verändert durch die Ausei-nandersetzung mit Anderen und dem (gemeinsamen) interpretativen Prozess. Wer mit-einander kommunizieren will, muss Zeichen als Symbole verwenden.
26 MERTEN 1994; 309.
27 RUSCH 1994; 63.
28 DURKHEIM 1985; 630 zitiert nach HEJL 1994; 48.
29 Der symbolische Interaktionismus geht davon aus, dass Bedeutungen bzw. der »Sinn« erst durch sozia-
le Interaktion entsteht und Handeln immer auf der Grundlage von Bedeutungszuweisungen abläuft.
16
Diesen Zeichen muss, um erfolgreich kommunizieren zu können, zwangsläufig eine ähnliche Bedeutung beigemessen werden. Aber „nicht die Wirklichkeit tatsächlicher Ereignisse wird, in Zeichen repräsentiert, wiedergegeben; Zeichen, Modelle, Situationsdefinitionen antizipieren vielmehr die Wirklichkeit des Ereignisses und erzeugen sie dadurch - die self-fulfilling prophecy ist nur ein Sonderfall dieser allgemeinen Formel.“ 30
Kurz gesagt kommt es über den Austausch von Symbolen nach und nach zu einer Annäherung der Wirklichkeitsbilder. 31 Über den Prozess der Interaktion sollen eigene kognitive Sinnstrukturen an den Interaktionspartner weitergegeben werden. Im Laufe der Interaktion gleichen sich die Muster und die Ideen der Wirklichkeit(en) immer mehr an und die »Konstrukte« werden miteinander oder gegeneinander abgeglichen. Die Interpretation der Zeichen wird aufeinander abgestimmt, um einen möglichst hohen Verständigungsgrad zu erreichen. Kommt es zu einer positiven Korrelation, d.h. die subjektiven Bedeutungen ähneln einander, bleiben sie zunächst aber nur konkret für die Handelnden im Kommunikationsprozess existent. Wenn nun aber zusätzlich Raum und Zeit für weitere positive Konventionen bestehen, weitet sich die gemeinsame Basis zusehends aus. Je länger und intensiver der Kontakt zu dem Partner besteht, desto eher besteht die Möglichkeit, die Wirklichkeitskonstrukte einander anzupassen. 32 „Da Vorstellungen den Kern des Sozialen ausmachen, die »individuellen Bewußtseine [aber] für-einander verschlossen« sind, ist Kommunikation, d.h. die Symbolisierung von Interaktion und von sozial erzeugtem Wissen eine fundamentale Existenzbedingung für Gesellschaften.“ 33
30 WENZEL 1989; 83.
31 vgl. hierzu auch HEJL 1994; 47.
32 Das und wie die Wirklichkeitskonstrukte durch Interaktion entstehen und das der Prozess der gesell-
schaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit erst durch die Übertragung auf die nächste Generation voll-endet wird ist z.B. bei BERGER/LUCKMANN (1969) nachzulesen. Diese gehen davon aus, dass den
neuen Gesellschaftsmitgliedern die sozialen Konstrukte als objektive Gegebenheit gegenübertreten, die
dann als objektiv richtig und unwiderrufbar angesehen werden.
33 HEJL 1994; 48.
17
5.2. Parasoziale Interaktion als Teil der Wirklichkeiten
„Nichts spricht dagegen, daß Menschen auch das symbolische Material elektronischer Massenmedien dazu verwenden, ihre Realität zu definieren und dabei versuchen, die benutzten Symbole in einen möglichst konsistenten Zusammenhang zu bringen - wie die Star Trek-Deutung Barbara Wenks belegt.“ 34
Das zuvor umschrieben Phänomen ist nicht nur bei sozialen Interaktionen auszumachen, sondern lässt sich, mit gewissen Abstrichen, auch auf die parasoziale Interaktion 35 eines Fernsehzuschauers mit einer Medienfigur übertragen. Hier ist der Prozess der Rollenübernahme und somit der Wirklichkeitsangleichung ein einseitiger. Nur der Rezipient ist in der Lage, unmittelbar auf die Gesten der Medienfigur zu reagieren. Auch ist nur er in der Lage, die Rolle der Figur einzunehmen und sich emotional und gedanklich mit deren Situation auseinanderzusetzen. Die Medienfigur hingegen ändert weder ihr Verhalten noch ihre Einstellungen aufgrund möglicher Aktionen des Rezipienten - sie nimmt diesen ja gar nicht wahr.
Genau hier ist der entscheidende Unterschied zu einer sozialen Interaktion zu sehen. Dennoch handelt der Zuschauer oft, „»als ob« er mit den Medienakteuren in einer direkten personalen Interaktion stünde“. 36 JURGA sagt weiter, dass „die Zuschauer eine Beziehung zu den Medienpersonen aufbauen, bei denen das asymmetrische Verhältnis zwischen Medienakteur und Zuschauer ausgeblendet wird und die Illusion entsteht, die Medienakteure seien quasi Mitglieder der unmittelbaren sozialen Umwelt.“ 37 Die spezifische, über mehrere Sinneskanäle laufende und oft die handelnden Akteure in den Mittelpunkt setzende, Präsentationsform des Fernsehens erweckt die Illusion eines direkten face-to-face-Kontakts. Viele Medienfiguren und die häufig auf den Alltag übertragbaren Situationen ähneln den Rahmenbedingungen sozialer Interaktionen sehr.
34 WENZEL 1998; 83.
35 Erstmalig verwendet wurde der Begriff parasoziale Interaktion von HORTON/WOHL (1959) und in
späteren Arbeiten (anderer Autoren) immer wieder aufgenommen. Dabei wurde er insbesondere zum
Begriff der sozialen Interaktion aber auch der parasozialen Beziehung abgegrenzt.
36 GLEICH 1996; 115 zitiert nach JURGA 1999; 83.
37 JURGA 1999; 84.
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Eben dieser hohe Realitätsgrad bildet die Basis für die Wirkung parasozialer Interaktionen. „Die Fähigkeit der elektronischen Medien, die Art von Interaktion und Erfahrung zu liefern, die früher intimen Begegnungen vorbehalten war, ist als eine Ursache für die hohe Attraktivität, die sie auf die Mediennutzer ausüben, anzusehen.“ 38 Grundlegend ist, dass eine Identifikation mit der Medienfigur sowie eine Interpretation der Signale möglich sind. 39 Das Angebot im Fernsehen ist heutzutage so von Personen und/oder Figuren durchsetzt, dass eine Vielzahl an Identifikationsmöglichkeiten gegeben ist. Die meisten Angebote - ob fiktional oder real, ob unterhaltend oder informierend - drehen sich um Personen oder zeigen Personen. Zusätzlich gestärkt wird die Möglichkeit, eine parasoziale Interaktion führen zu können, durch die Tatsache, dass viele Rezipienten personenorientiert fernsehen. Eine parasoziale Interaktion besitzt den großen Vorteil, eine gänzlich ungezwungene Bindung mit der Medienfigur eingehen zu können, wobei die in den Partner investierten »Kosten« sehr gering ausfallen und der Kontakt jederzeit beendet werden kann.
Der Ablauf einer, auf den ersten Eindruck passiven, Rezeption von Medieninhalten ist folglich eher als aktiver Handlungsprozess in Form von Interaktion anzusehen. Ähnlich wie in gängigen face-to-face-Interaktionen ist der »Austausch mit dem Fernseher« ebenfalls durch ein ständiges Geben und Nehmen geprägt. Auch wenn das entscheidende Kriterium der Einseitigkeit der Rollenübernahmen nicht von der Hand zu weisen ist, bleibt die Illusion, eine intime Beziehung herzustellen und aufrechtzuerhalten gegeben. Diese Intimität weist zudem den großen Vorteil auf, dass die eigentliche Distanz gewährt bleibt und die Interaktion jederzeit, ohne direkte Sanktionen befürchten zu müssen, beendet werden kann.
Eben diese Einflussnahme auf den Entwicklungsprozess der Rezipienten ist es, wodurch die Massenmedien des (teils berechtigten, teils überzogenen) Verdachts der Manipulation bezichtigt werden. Deshalb ist ein bewusster und geschulter Umgang mit den Massenmedien, der durch eine positive Mediensozialisation möglich ist, von großer Wichtigkeit um das »Abstumpfen der Gesellschaft« zu verhindern bzw. eine zunehmende
38 JURGA 1999; 85.
39 vgl. hierzu KEPPLER 1996; 11ff.
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Wissenskluft zwischen denen, die bewusst, selektiv und reflexiv fernsehen und denen die das nicht tun zu vermeiden.
Ähnlich wie bei der real-sozialen Interaktion ist davon auszugehen, dass eine dauerhafte Zuwendung des Rezipienten zu der Medienfigur sowie ein häufiger Versuch sich mit dieser zu identifizieren, das Wirklichkeitsbild des Rezipienten mehr und mehr beeinflusst. „Es können im Verlauf anhaltender parasozialer Interaktionen sog. parasoziale Beziehungen entstehen […] bei denen mitunter auch Verschiebungen der Grenze vom Fiktiven zum Realen hin stattfinden können.“ 40
Je mehr Zeit einer vor dem Fernseher verbringt und somit einer Vielzahl sinnstiftender Signale ausgesetzt ist, desto mehr ist sein Gedankengut auch von diesem Medium geprägt. Dabei spielen sicherlich andere Faktoren wie die Leseart, der Reflektionsgrad und die Medienkompetenz ebenfalls eine Rolle. Es kann aber dennoch davon ausgegangen werden, dass »Vielseher» ihr Selbstbild und ihr Weltbild durch den hohen Grad an parasozialen Interaktionen oder sogar parasozialen Beziehungen, die sie mit dem Medium eingehen, verändern.
Einen Schritt weiter gedacht wird auch der mögliche Einfluss der Medien auf die Kulturentwicklung deutlich. Da Massenmedien aufgrund ihrer Breitenwirkung einen Großteil der Bevölkerung gleichzeitig erreichen können, ist davon auszugehen, dass diese die kulturelle Basis und gesellschaftliche Entwicklung in einem sehr hohen Maße prägen können oder dies bereits tun. Wenn nämlich ein Wirklichkeitskonstrukt von ausreichend vielen Gemeinschaftsmitgliedern angenommen und akzeptiert und daraufhin an andereinsbesondere an die nachfolgende Generation - vermittelt wird, ist eine abstraktere und dauerhaftere kulturelle Wirklichkeitsebene erreicht. Der Entstehungskontext verliert sich mehr und mehr und auch die kritische Auseinandersetzung geht verloren, da es ja »alle tun« bzw. von allen anerkannt ist. Positiv gewendet kann aber auch der Verlust gemeinsamer Wirklichkeitsbilder verhindert werden. „In dem Moment, in dem ein gemeinsames, übergreifendes Weltbild bzw. Wertsystem seine allgemeine Verbindlichkeit verliert, geht auch ein gemeinsames Realitätsverständnis verloren.“ 41
40 JURGA 1999; 84.
41 WENZEL 1998; 85.
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Die Medien können in der heutigen pluralistischen Gesellschaft als zentrale sinnstiftende Einheiten agieren und eine gemeinsame kulturelle Basis bzw. einen allgemeinen Werte- und Wirklichkeitskonsens vermitteln.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl parasoziale als auch soziale Interaktionen stattfinden und somit eine (para-)soziale Konstruktion von Wirklichkeit ermöglichen. Der entscheidende Unterschied ist, dass soziale Interaktion durch gegenseitige Rollenübernahme ein wechselseitig aufeinander bezogenes Handeln ermöglicht, während dieser Prozess bei der parasozialen Interaktion immer einseitig abläuft und ablaufen muss. Folglich ist parasoziale Interaktion keinesfalls mit sozialer Interaktion gleichzusetzen. Ihr kann aber für die subjektive Wirklichkeitskonstruktion eine ähnliche Bedeutung beigemessen werden. Darin ist das große Potential der Massenmedien zu sehen und es wäre ratsam, dieses gezielt und sinnvoll einzusetzen.
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6. Schlussbetrachtung
Wird diese Arbeit »richtig« 42 verstanden, sollte klar geworden sein, dass es nicht die eine Wirklichkeit gibt, was zwangsläufig zur Folge hat, dass es auch nicht die eine Bedeutung oder Lesart oft mehrdeutiger Fernsehtexte gibt. In einer differenzierten und individualisierten Gesellschaft ist vielmehr von einer Unzahl verschiedenster Wirklichkeitskonstrukte auszugehen, die sich umso mehr voneinander entfernen, je unterschiedlicher der kulturelle bzw. soziale Hintergrund ist. Man könnt sagen: Jeder ist auf der Suche nach seiner persönlichen Wahrheit oder der eigenen Deutung bzw. Sinnzuweisung.
Die Fülle an Programmvielfalt im (westlichen) Fernsehen versucht diesem Rechnung zu tragen. Zusätzlich sind Sendebeiträge oft bewusst so verfasst, dass es viele Lesarten geben kann und der Rezipient aktiv und selektiv die Fernsehsignale deuten, verarbeiten und verwalten muss. Das dieser Rezeptionsprozess höchst komplex ist dürfte ebenfalls klar geworden sein. Angefangen bei der Frage nach der Zuwendung zu einem bestimmten und keinem anderen Sender, über die Frage nach der Aufnahme bestimmter Reize und der unwillentlichen nicht Beachtung anderer Reize, bis zur Berücksichtigung des Rezeptionskontextes und der Anschlusskommunikation ist leicht ersichtlich, wieso dieser komplexe Prozess (noch) soviel Unordnung in die Wissenschaft bringt. Denn je nach Betrachtungsweise lassen sich die einzelnen Rezeptionsvorgänge mehr oder weniger schwer gewichten und somit andere Ergebnisse erreichen. Eines dürfte jedoch klar geworden sein: Die Medien im Allgemeinen und das Fernsehen im Besonderen beeinflussen zunehmend die kulturelle, gesellschaftliche aber vor allem die individuelle, persönliche Entwicklung und Wirklichkeitskonstruktion und werden dies auch weiterhin tun.
42 Nach den Ausführungen dieser Arbeit ist selbstverständlich eine »richtige Interpretation« der Arbeit
ihrerseits wieder als subjektiv anzusehen und die Arbeit mehrdeutig lesbar.
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Abschließen möchte ich mit einem längeren Zitat aus dem hier viel zitierten Sammelwerk »Die Wirklichkeit der Medien«, welches von MERTEN, SCHMIDT und WEISCHENBERGER herausgegeben worden ist:
„Die Fernsehwirklichkeit, in der sich mit neuen mediengerechten Sendungstypen zunächst heimische Privatheit und Sendungssituation angenähert hatten, begann eine Sphäre der Interaktion - zwischen den überkommenen Polen der Öffentlichkeit und Privatheit - zu konstituieren. Seitdem sich der Zuschauer als privilegierte Augenzeugen des vom Fernsehen gelieferten Weltgeschehens betrachtet, ist das Medium zu einem Wahrnehmungshorizont geworden, der unsere Konstrukte von Wirklichkeit beherrscht. Das Fernsehen hat sich im Bewußtsein eingenistet und unsere Wahrnehmungswelt so nachhaltig geprägt, daß es kein Zurück zu einer Zeit vor dem Fernsehen mehr geben kann. Es hat sich als privilegierte Form des Sehens und Erlebens etabliert. Der mit unserer Wahrnehmung eng verbundene, gleichsam angewachsene Fernseher im Kopf läßt sich kollektiv nicht mehr abschalten. […] Die durch das Medium Fernsehen beeinflußten Konstruktionen von Wirklichkeit sind irritierender oder komplexer geworden. Das wird Folgen haben sowohl für die Ebene des individuellen Bewußtseins als auch für die Struktur der gesellschaftlichen Kommunikation.“ 43
43 ELSNER/GUMBRECHT/MÜLLER/SPANGENBERG 1994; 187.
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7. Literaturliste
BERGER, Peter L. / LUCKMANN, Thomas (1969): „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: eine Theorie der Wissenssoziologie“. Frankfurt am Main: S. Fischer.
BOHN, Cornelia und HAHN, Alois (1999): „Pierre Bourdieu“, in: Kaesler, Dirk (Hrsg.): „Klassiker der Soziologie“. München: Beck, S.252-271. ELSNER, Monika / GUMBRECHT, Hans Ulrich / MÜLLER, Thomas / SPANGEN-BERG, Peter M. (1994): „Zur Kulturgeschichte der Medien“, in: Weischenberg (Hrsg.) et al.: „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.163-187. HEJL, Peter M. (1994): „Soziale Konstruktion von Wirklichkeit“, in: Weischenberg (Hrsg.) et al.: „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.43-59. HORTON, Donald / WOHL, Richard R. (1959): “Mass communication and para-social interaction: Observations on intimacy at a distance”, in: Psychiatry, 19: 215-229. HURRELMANN, Klaus (2002): „Einführung in die Sozialisationstheorie“. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
JURGA, Martin (1999): „Fernsehtextualität und Rezeption“. Opladen: Westdeutscher Verlag.
KEPPLER, Angela (1996): „Interaktion ohne reales Gegenüber. Zur Wahrnehmung medialer Akteure im Fernsehen“, in: Vorderer, Peter (Hrsg.): „Fernsehen als „Beziehungskiste“: Parasoziale Beziehungen und Interaktionen mit TV-Personen“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.11-24.
KRUSE, Peter / STADLER, Michael (1994): „Der psychische Apparat des Menschen“, in: Weischenberg (Hrsg.) et al.: „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.20-42.
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MERTEN, Klaus (1994): „Wirkungen von Kommunikation“, in: Weischenberg (Hrsg.) et al.: „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.291-328. RUSCH, Gebhard (1994): „Kommunikation und Verstehen“, in: Weischenberg (Hrsg.) et al.: „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.60-78. SCHMIDT, Siegfried J. (1994): „Die Wirklichkeit des Beobachters“, in: Weischenberg (Hrsg.) et al.: „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.3-19. SUTTER, Tilmann (2002): „Anschlusskommunikation und die kommunikative Verarbeitung von Medienangeboten. Ein Aufriß im Rahmen einer konstruktivistischen Theorie der Mediensozialisation“, in: Groeben, Norbert und Hurrelmann, Bettina (Hrsg.): „Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen, Funktionen“. Weinheim: Juventa, S.80-105.
WEISCHENBERG, Siegfried (Hrsg.) und andere (1994): „Wirklichkeit der Medien“. Opladen: Westdeutscher Verlag.
WENZEL, Harald (1998): „Parasozialität und Vertrauen. Zur Bedeutung elektronischer Massenmedien für die soziale Integration der amerikanischen Gesellschaft“, in: Wenzel, Harald (Hrsg.): „Die Amerikanisierung des Medienalltags“ . Frankfurt a.M./New York: Campus, S.80-126.
Internetquelle:
BURGER, Harald / BAUMBERGER, Thomas / LUGINBÜHL, Martin (1998): „Die mediale Konstruktion der Wirklichkeit“.
http://www.unicom.unizh.ch/unimagazin/archiv/2-98/wirklichkeit.html (10.03.2007)
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Arbeit zitieren:
Patrick Lamers, 2007, Medien und Wirklichkeiten - Der Einfluss parasozialer Interaktion auf die soziale Konstruktion von Wirklichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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