Inhalt
EINLEITUNG 4
1. SCHULTZ: NOMADENFRAUEN IN DER STADT 5
4.1 Die Migrantinnen 5
4.1.1 Traditionelle Migration 5
4.1.2 Migrationstypen 5
4.2 Leben in der Stadt 7
4.2.1 Einkommensmöglichkeiten 7
4.2.2 Soziale Netzwerke 7
4.3 Familienwandel 8
4.3.1 Haushaltsgröße 8
4.3.2 Heirat und Ehe 8
4.4 Die Verbindung zum Herkunftsgebiet: 9
4.5 Zusammenfassung der Thesen von Schultz 11
4.6 Kritik an Schultz 12
2. MIGRATIONSFORSCHUNG 13
4.1 Modernisierungstheorie 13
4.2 Dependenztheorie 15
4.3 Artikulationstheorie 16
4.4 Transnationalismus 18
4.5 Theoretische Einordnung Schultz 19
3. FRAUEN UND MIGRATION 21
4.1 Stand der Literatur 21
4.2 Die Migration 22
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4.3 Formen der weiblichen Migration 23
4.3.1 Land-Land-Migration 23
4.3.2 Land-Stadt-Migration 24
4.3.3 Interne und internationale Migration 24
4.3.4 Internationale Migration 25
4.4 Migrationsentscheidung und Motive 25
4.5 Frauen in der Stadt 27
4.5.1 Ökonomische Tätigkeiten 27
4.5.2 Urbanisierung versus Remigration 27
4. DIE FOLGEN DER MIGRATION VON FRAUEN 30
4.1 Familienwandel 30
4.1.1 Kinderpflegschaft 30
4.1.2 Haushaltsstruktur 31
4.1.3 Polygynie in der Stadt 32
4.1.4 Von der Familie zum Netzwerk? 32
4.2 Ökonomischer Wandel 33
4.2.1 Haushaltserweiterung und Diversifikation 33
4.2.2 Ökonomische Unabhängigkeit der Frauen 34
4.3 Wandel der Geschlechterbeziehungen 35
5. SCHLUSSBEMERKUNG 36
LITERATURVERZEICHNIS 37
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Einleitung
Seit einigen Jahren wächst der literarische Korpus zum Thema weiblicher Migration stetig an. Studien, die sich dem Thema „Frauen und Migration“ widmen, sind jedoch größtenteils empirische Einzelfallstudien. Bislang gibt es kaum Zusammenfassungen zu weiblicher Migration in Afrika. Zudem gingen die empirischen Ergebnisse nicht in die Theorienbildung zu Migration ein: Es gibt noch keine Migrationstheorie, die auch dem Phänomen der weiblichen Migration gerecht wird. Ansätze zu einer neuen Konzeptionierung von Migration und erste verallgemeinernde Thesen sind jedoch vereinzelt erkennbar. Ziel dieser Arbeit ist es diese darzustellen und zusammenzufassen. Anhand einer ausgewählten empirischen Einzelfallstudie möchte ich die Ansätze diskutieren und mit den Ergebnissen dieser Feldforschung vergleichen.
Als Ausgangspunkt und empirischer Bezugspunkt dieser Arbeit dient mir die Feldforschungsstudie von Ulrike Schultz von 1996 „Nomadenfrauen in der Stadt. Die Überlebensökonomie der Turkanafrauen“. Nach einer Einführung in die Studie von Ulrike Schultz gebe ich im zweiten Teil meiner Arbeit einen Überblick über die Migrationsforschung ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts wieder, indem ich die großen Migrationstheorien darstelle. Zudem werde ich diskutieren, ob und inwieweit diese Theorien für eine Analyse der Migration der Frauen geeignet sind. Im letzten Teil dieses Kapitels werde ich auf den theoretischen Bezugsrahmen der Studie von Schultz eingehen. Im dritten Kapitel widme ich mich dem Thema Frauen und Migration und fasse die Aussagen zusammen, die hinsichtlich der weiblichen Migrantin in entwickelten Ländern, ihrer Migrationsmotive und -hintergründe, dem Migrationsmuster und dem Leben der Migrantinnen am Zielort in der angegeben Literatur zu finden sind. Kapitel vier behandelt die Folgen und Auswirkungen der weiblichen Migration und geht auf den kulturellen, sozialen und ökonomischen Wandel ein, der durch die Migration von Frauen ausgelöst wird. Sowohl in Kapitel drei, als auch in Kapitel vier werde ich immer wieder auf die Ergebnisse von Schultz zurückgreifen und überprüfen, inwieweit sich diese in die aktuellen theoretischen Ansätze einordnen lassen.
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1. Schultz: Nomadenfrauen in der Stadt
In ihrer Studie „Nomadenfrauen in der Stadt. Die Überlebensökonomie der Turkanafrauen“ untersucht Schultz die Land-Stadt-Migration von Nomadenfrauen im Norden von Kenia. Diese haben das Nomadengebiet verlassen und sind nach Lodwar[1], die Distrikthauptstadt der Turkana-Region, gewandert. Schultz konzentriert sich vor allem auf das Leben der Migrantinnen in der Stadt und auf die Frage, inwieweit das urbane Leben in die traditionelle Lebensweise und Wirtschaftsform der Nomaden eingebettet ist. Ins Zentrum der pastoralen Lebensweise stellt sie dabei die Moralökonomie[2]. Werden ihre Regeln in der Stadt weiterhin befolgt, so bleibt man Teil
der pastoralen Ökonomie und Lebenswelt. Damit greift sie die Frage nach der Anpassungsfähigkeit der traditionellen Kultur der Migrantinnen an das städtische Leben auf und beschreibt unter welchen Umständen die Erhaltung der pastoralen Lebensweise und damit der kulturellen Identität gelingt.
4.1 Die Migrantinnen
4.1.1 Traditionelle Migration
Die Migration der Turkana Frauen ist kein rezentes Phänomen, sondern durch eine historische und kulturelle Kontinuität gekennzeichnet. Bei der Betrachtung traditioneller Migrationsmuster fällt auf, dass sich vor allem die Frauen durch eine hohe soziale Mobilität[3] und Flexibilität ausweisen. Sie sind es, deren Stellung in den pastoralen Haushalten in Frage gestellt wird (Schultz 1996: 99). Während die Männer sich mehr im Raum bewegen, wird von den Frauen vor allem eine soziale Flexibilität erwartet: Wird ein Haushalt, aufgrund einer Krise, aufgeteilt, so wird vor allem von jungen Frauen mit kleinen Kindern erwartet, dass sie den Haushalt verlassen und sich einem anderen Haushalt (z. B. dem der Herkunftsfamilie) anschließen (ebd.). Die soziale Flexibilität der Frauen gibt ihnen aber auch mehr Freiheit, da sie zwischen verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten auswählen und wechseln können (ebd.: 101). Sie stehen dadurch ständig vor Entscheidungen (ebd.). So eröffnet die soziale Mobilität den Frauen einen Handlungsspielraum und die Möglichkeit über ihre Wanderungen autonome Entscheidungen zu treffen.
4.1.2 Migrationstypen
Da die Motive, die zur Migration führen, meist aus einem Bündel verschiedener Ursachen bestehen, untergliedert Schultz die Migrantinnen nicht hinsichtlich ihrer Beweggründe, die zur Migration geführt haben, sondern teilt Migrationstypen anhand des Grades der Einbettung in die traditionellen
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Strukturen ein (Schultz 1996: 194). Der erste Typus umfasst Migrantinnen, die vollständig in das pastorale Leben integriert sind (ebd.). Für sie ist der städtische Haushalt ein Teil der pastoralen Ökonomie (ebd.). Das bedeutet, dass sie weiterhin als Mitglied eines Haushaltes im Nomadengebiet anerkannt sind und somit Anrechte auf die Nutzung dessen Viehbesitzes hat. Sie folgen einer Diversifikationsstrategie, in dem sie durch die städtischen Einnahmequellen das pastorale Einkommen ergänzen und die wirtschaftlichen Risiken verteilen (ebd.: 196). Der Zugang zu Vieh und die Erhaltung der Nutzungsrechte einer Viehherde sind ausschlaggebend für das Gelingen einer Rückkehr ins Nomadengebiet. Für Migrantinnen dieses Typus ist sowohl die Migration, als auch der Verbleib in der Stadt eine gewählte Option (ebd.: 200). Auslöser der Migration war in den meisten Fällen zwar eine ökonomische Krise, doch:
„Zentral für die Charakterisierung dieser Gruppe von Migrantinnen ist, dass ihre Produktionsgrundlagen im pastoralen Sektor in der Krise zwar geschwächt, aber nicht vollständig zerstört werden und dass traditionelle Methoden des ‚Restocking’ nach Beendigung der Krise greifen.“ (ebd.)
Typ zwei beschreibt nicht-vollständig integrierte Migrantinnen (ebd.: 195). Sie sind nicht Mitglied eines pastoralen Haushaltes und ohne substantiellen Viehbesitz (ebd.). Jedoch sind sie in ein soziales Netzwerk eingegliedert, dass sie mit dem traditionellen Sektor verbindet (ebd.). Die Stadt betrachten sie als Station zum Überleben der Krise (ebd.). Der Übergang von der ersten zur zweiten Gruppe ist fließend (ebd.: 202). Wegen fortbestehender Kontakte zu Bewohnern des Nomadengebietes ist eine Rückkehr offen, da man über diese Beziehungen Vieh mobilisieren, oder sich an einen bestehenden Haushalt anschließen kann (ebd.). Die Migration wurde meist durch eine Verdrängung aus einer sozialen Gruppe ausgelöst (ebd.: 204). Diese geschah, da soziale Ausgleichmechanismen, die jedem Turkana eine Subsistenz garantieren, in der Krise nicht mehr greifen konnten (ebd.). In Dürrezeiten und bei Hungerkrisen werden Frauen aus dem pastoralen Haushalt zum Beispiel durch Scheidung oder Trennung verdrängt (ebd.). Die Frauen versuchen durch städtische Einnahmen und durch den Empfang von Brautpreiszahlungen wieder eine eigene Herde, die ihnen die Rückkehr ermöglicht, aufzubauen (ebd.). Viele Frauen dieses Typus waren, im Gegensatz zu den Frauen der ersten Kategorie, nicht traditionell verheiratet, weswegen ihre Beziehung der Krise nicht standhalten konnte (ebd.).
Marginalisierte Migrantinnen, die aus dem pastoralen Sektor verdrängt wurden, werden im Typ drei umfasst (ebd.: 195). Ihre Migrationgründe sind heterogen und vielfältig: Sie entschieden sich zur Migration nach einem Viehraub, nach Schicksalsschlägen, aufgrund von Unfruchtbarkeit, etc. (ebd.: 206). Ausschlaggebend für ihre Migration waren vor allem die Push-Faktoren (ebd.: 208): Sie
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verloren meist ihre Lebensgrundlage im Nomadengebiet. Dort besitzen sie kein Vieh mehr und auch keine sozialen Beziehungen zu Bewohnern eines pastoralen Haushaltes. Im Vergleich zur Kategorie eins fällt auf, dass die Stadtfrauen dieses Typus mobiler und weniger sesshaft sind. Sie probieren neue städtische Nischen aus und pendeln zwischen verschiedenen Städten und Ansiedlungen (ebd.: 209).
4.2 Leben in der Stadt
4.2.1 Einkommensmöglichkeiten
Das benötigte Einkommen der Migrantinnen kommt in den wenigsten Fällen aus einer einzigen Quelle (Schultz 1996: 219). Vielmehr hat jede Frau ein individuelles Bündel von Einkommensmöglichkeiten, zudem nutzt sie die Hilfe und die Unterstützung ihres sozialen Netzwerkes um ihr Überleben und das ihrer Kinder zu sichern (ebd.). Die meisten Frauen sind im informellen Sektor tätig (ebd.: 220). Sie gehen legalen Tätigkeiten wie Korb- und Tablettflechten, Kleinhandel, Herstellung von Matten und Besen oder Feuerholzverkauf nach, oder betreiben illegale Beschäftigungen, wie das Brauen von Bier, das Brennen von Schnaps oder Prostitution (ebd.: 220ff.). Einige Frauen sind im formellen Bereich als Lohnarbeiterinnen tätig (ebd.: 224). Aufgrund der großen Umverteilungen der Einnahmen, steht den Migrantinnen nicht das gesamte erzielte Einkommen zur Verfügung (ebd.: 225). Nahezu jede Frau ist in reziproke Beziehungen eingebunden und muss traditionellen Verpflichtungen nachkommen, die auch die Einkommensverteilung betreffen (ebd.: 226).
4.2.2 Soziale Netzwerke
Die sozialen Beziehungen helfen der Frau aber andererseits ihren alltäglichen Lebensunterhalt zu bewältigen. Im pastoralen Leben sind Rechte und Pflichten bestimmten Personengruppen zugeordnet (Schultz: 268). Fehlt ein Teil des sozialen Netzwerkes, entsteht eine Lücke bei der Aufgabenverteilung (ebd.). Durch das Aufbauen von Freundschaften versuchen die Frauen in der Stadt diese Lücke zu schließen (ebd.). Diese müssen durch Geldgeschenke oder gegenseitige Hilfestellungen aufrechterhalten werden (ebd.). Dadurch verändert sich ihre Bedeutung: Während auf Hilfe von Freunden im Nomadengebiet nur in Notzeiten zurückgegriffen und für die Bewältigung der alltäglichen Arbeiten verwandtschaftliche Hilfe in Anspruch genommen wird, erhalten Freundschaften in der Stadt eher die Funktion von Verwandten und Familienangehörigen (ebd.: 269).
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„Frauen leben mit ihren Freundinnen zusammen, teilen die Arbeit und helfen sich mit Nahrungsmitteln aus. Deshalb sind Freundschaften ganz anderen Belastungsproben ausgesetzt, als sie es im Nomadengebiet sind.“ (ebd.)
Problematisch werden diese Beziehungen, wenn die Frauen sehr stark auf sie angewiesen sind und nicht auf andere soziale Beziehungen, wie etwa verwandtschaftliche zurückgreifen können. In diesem Fall ist die generalisierte Reziprozität, die traditionelle freundschaftliche Beziehungen kennzeichnet, nicht mehr gegeben (ebd.: 270). Geldverstecken wird zur Strategie, die Beziehungen erhalten einen materialistischen Charakter (ebd.).
4.3 Familienwandel
4.3.1 Haushaltsgröße
Im Gegensatz zum Nomadengebiet teilen städtische Migrantinnen ihren Haushalt nicht mehr mit einer sozialen Gruppe, sondern leben in den meisten Fällen allein mit ihren Kindern (Schultz 1996: 266). Das bedeutet auch, dass auf die Hilfe von Frauen des gleichen Haushaltes zur Bewältigung der alltäglichen Arbeiten verzichtet werden muss (ebd.). Dieser Verlust wird in der Stadt jedoch oft durch nachbarschaftliche Hilfe ersetzt (ebd.). Die Frauen versuchen traditionelle Verhältnisse in der Stadt zu rekonstruieren und sich einer größeren sozialen Gruppe anzuschließen, wobei die Herkunftsfamilie oftmals an Bedeutung gewinnt (ebd.: 267).
4.3.2 Heirat und Ehe
Die traditionelle Eheschließung im Nomadengebiet ist bestimmt durch die Brautpreiszahlung, die in Form einer gewissen Anzahl von Vieh abgegolten wird (Schultz & Scholz 1994: 41). Dieser Tausch ist die Grundlage der Beziehung zwischen der Familie der Braut und der des Bräutigams (ebd.). Eingeleitet wird die zeremonielle Eheschließung durch die Übergabe des „eloto“[4], bestehend aus einem Schaf, Tabak und Zucker, die der Bräutigam beim ersten Treffen mit den Eltern der Braut mitbringt (ebd.: 41, 104). Dadurch werden die Eltern von der Beziehung ihrer Tochter mit dem Bräutigam in Kenntnis gesetzt, wobei diese einen „offiziellen“ Charakter erhält (ebd.: 42). Die traditionelle Ehe regelt neben dem Zusammenleben von Mann und Frau und der Zuordnung der Kinder, die der Patrilineage angehören, auch den Zugang zu Ressourcen (ebd.: 38). Die Übergabe des Brautpreises macht die Braut zur sozial anerkannten und vollwertigen Frau des Mannes und gibt ihr gewisse Rechte, wie die Versorgung durch eine angemessene Anzahl an zugewiesenem Vieh und eine gute Behandlung durch den Mann (ebd.). Erfüllt der Ehemann diese nicht, so findet die
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Frau in der Durchsetzung ihrer Interessen Rückhalt und Unterstützung bei ihrer Herkunftsfamilie (ebd.: 49f.).
In der Stadt sind die wenigsten Frauen traditionell verheiratet, dadurch sind die Rechte und Pflichten der Ehepartner und deren Familien nicht mehr klar definiert (Schultz 1996: 267). Dies liegt daran, dass es nicht ausreichend Vieh in der Stadt gibt, wodurch der Brautpreis nicht gezahlt werden kann. Schultz betont zudem die festigende Wirkung des Viehbesitzes: Dieser macht die Ehe für die Frau erst rentabel, da sie dadurch Zugang zu Viehherden erlangt (ebd.: 230). Durch den Wegfall dieses Vorteils bei einer Eheschließung in der Stadt, hat die Frau weitaus weniger Anreiz sich fest zu binden. Doch neben diesem ökonomischen Wert hat die traditionelle Eheschließung und die Brautpreiszahlung auch eine soziale Bedeutung. Durch sie werden zwei Familien miteinander verbunden. In der Stadt werden jedoch weder das „eloto“, noch der Brautpreis gezahlt. Somit kann auch keine Beziehung zwischen der Familie der Braut und der des Bräutigams entstehen (ebd.: 267). Für die Frau bedeutet dies eine geringere Absicherung, da sie in Konfliktfällen nicht mehr auf die Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie rechnen kann (ebd.). Aus diesem Grund versuchen die Frauen ihre Ehe durch das Einverständnis der Eltern und das Überreichen des „eloto“ zu legitimieren (ebd.). Dies gibt ihnen Absicherungen für die Zukunft (ebd.). Die Bedeutung des „eloto“ hat sich dadurch gewandelt: Während es im Nomadengebiet die traditionelle Eheschließung eingeleitet hat, dient es in der Stadt nur noch dem Aufbau reziproker Beziehungen und der Bekanntmachung der Beziehung zwischen Mann und Frau (Schultz & Scholz 1994: 42). Zusammenfassend kann man sagen, dass die nicht-traditionellen eheähnlichen Beziehungen in der Stadt den Frauen weniger Absicherung bieten: Bei tätlichen Übergriffen von Seiten des Mannes erhalten sie keine Unterstützung durch die Herkunftsfamilie, auch können sie ohne deren Hilfe ihre Anrechte auf Versorgungsleistungen von Seiten des Mannes nur schwer durchsetzten (ebd.: 50).
4.4 Die Verbindung zum Herkunftsgebiet:
Stadt-Land-Beziehungen, Rücktransfers und Remigration
Neben den sozialen Beziehungen in der Stadt versuchen die Migrantinnen auch Kontakte zu Familienangehörigen, Verwandten und Freunden im Nomadengebiet zu pflegen. Obwohl diese Beziehungen der Bewahrung und Generierung ökonomischer Ressourcen im Nomadengebiet dienen, ist ihr ökonomischer Nutzen beschränkt, da die Migrantin vor allem in Dürrezeiten mit Ansprüchen von Angehörigen ihres sozialen Netzwerkes im Nomadengebiet konfrontiert wird (Schultz 1996: 233, 236). Im Vordergrund der Stadt-Land-Beziehungen steht also nicht der kurzfristige ökonomische Nutzen, sondern das Aufrechterhalten und Intensivieren der Beziehungen
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(ebd.: 233). Indem die Migrantin Leistungen in die Bewahrung dieser Beziehungen investiert, sichert sie sich mittel- bis langfristige Ansprüche. Sie verfolgt damit eine Diversifikationsstrategie, da sie im Notfall ihr städtisches Einkommen durch ein pastorales ergänzt, sowie Strategien der Risikoverteilung, da sie im Fall eines Einbruchs des städtischen Einkommens auf Einnahmen aus dem Nomadengebiet, z.B. durch den Verkauf von Vieh, zurückgreifen kann (ebd.: 249). Für das alltägliche Überleben in der Stadt ist jedoch das städtische Netzwerk wichtiger als die Verbindung zum Herkunftsgebiet (ebd.: 237).
Schultz hebt die Stabilität und die Funktionalität der Stadt-Land-Beziehungen hervor (ebd.: 279). Auch wenn die Investitionen in diese Beziehungen unter ökonomischen Gesichtspunkten für die Migrantin irrational erscheinen, stärken sie die traditionelle Handlungsrationalität und erhalten moralökonomische Elemente im städtischen Kontext (ebd.). Einige Frauen nutzen ihr städtisches Einkommen zur Vergrößerung der Viehherde im Nomadengebiet, falls sie dort eine besitzen oder Mitglied eines pastoralen Haushaltes sind. Eine „Restocking-Methode“ von Migrantinnen ohne Viehbesitz ist es, ihre Töchter auf eine traditionelle Ehe vorzubereiten, um so durch eine Brautpreiszahlung Vieh zu bekommen und ins Nomadengebiet zurückkehren zu können (ebd.). Dies erfordert einige Investitionen und Anstrengungen. Es müssen enge Beziehungen zum Nomadengebiet bestehen, da die Tochter spätestens im heiratsfähigen Alter dorthin geschickt wird (ebd.: 280). Zudem ist die Anschaffung der benötigten traditionellen Bekleidung der Tochter kostspielig, denn sie beinhaltet vor allem den Kauf und die Herstellung vieler Ketten (ebd.). Bewusst entscheiden sich die Frauen in diesem Fall gegen den Schulbesuch der Tochter. Die Verheiratung einer Tochter ins Nomadengebiet ist demnach ein Zeichen von Wohlstand, nicht von Armut oder der Unfähigkeit am Bildungsprozess teilzunehmen (ebd.). Hinsichtlich der Rückkehrwünsche unterscheidet Schultz noch einmal stark zwischen den unterschiedlichen Migrationstypen. Frauen, die noch fest in das pastorale Leben integriert sind, haben meist keinen starken Rückkehrwunsch (ebd.: 284). Sie haben ihr Leben in der Stadt als eine von mehreren Möglichkeiten gewählt (ebd.). Ihr pastoraler Rückhalt stattet sie mit ausreichenden ökonomischen Mitteln aus (ebd.). Für sie ist die Stadt Teil des Nomadengebietes, da sie sich weiterhin innerhalb traditioneller Institutionen und Vorstellungen bewegen (ebd.). Frauen der zweiten Gruppe mit loseren Verbindungen zum Nomadengebiet hegen hingegen einen starken Rückkehrwunsch (ebd.: 287). Sie entwickeln keine Perspektiven in der Stadt und investieren ihr überschüssiges Einkommen in Vieh und damit in den Aufbau von Stadt-Land-Beziehungen (ebd.). Obwohl sie gezwungen sind, städtische Beziehungen aufzubauen, lehnen Frauen dieser Gruppe das Leben in der Stadt ab und ermahnen zum traditionellen Handeln (ebd.: 288). Frauen mit nahezu keinen Kontakten zum Nomadengebiet leben meist allein mit ihren Kindern in einem Haushalt
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(ebd.: 290). Sie bemängeln die fehlende Reziprozität der Stadtbeziehungen (ebd.). Die Norm stellt für sie noch immer die Moralökonomie dar, auch wenn sie nicht immer nach deren Richtlinie handeln können (ebd.). Diesen Frauen ist der Weg zurück ins Nomadengebiet verschlossen. Da sie dennoch versuchen in manchen Bereichen die traditionellen Normen zu erhalten, können sie ihre nomadische Identität bewahren (ebd.: 291).
„Auch die Frauen, die nicht in das Nomadengebiet zurückgehen können und wollen, überleben aufgrund traditionell erprobter Handlungsstrategien. Sie bleiben mobil und flexibel, pflegen soziale, auf Reziprozität basierende Beziehungen und bewahren Sitten und Bräuche, auch wenn diese scheinbar ihre Funktion verloren haben. In diesem Sinne bleiben auch sie Nomadenfrauen in der Stadt“ (ebd.: 292).
4.5 Zusammenfassung der Thesen von Schultz
Schultz hat bei den Migrantinnen Unterschiede hinsichtlich ihrer Einbettung ins pastorale Leben festgestellt, was starke Auswirkungen auf die Organisation des Stadtlebens hat. Frauen mit einem starken Rückhalt im Nomadengebiet und engen Kontakten zu Pastoralisten verfolgen mit ihrem Aufenthalt in der Stadt eine Diversifikationsstrategie: Sie stellen den „städtischen Zweig“ des pastoralen Haushaltes dar, der dazu benutzt wird, einem Teil der Kinder des Haushaltes den Schulbesuch in der Stadt zu ermöglichen und durch die städtische Beschäftigung die Einnahmen zu diversifizieren und die wirtschaftlichen Risiken zu verteilen. Frauen, die jedoch keine ökonomischen Ressourcen mehr im Nomadengebiet haben, dient die Migration in die Stadt als Überlebensstrategie und stellt eine existentielle Notwendigkeit dar. In der Stadt findet eine Ausbettung der Ökonomie aus gesellschaftlichen Zusammenhängen statt, was sich vor allem durch die Auflösung von Familien und Ehen bemerkbar macht, da diese keine ökonomische Grundlage mehr haben (Schultz 1996: 49). Doch nomadische Lebensweise und Handlungsrationalität verschwinden nicht automatisch mit der städtischen Niederlassung (ebd.: 252). Die Migrantinnen versuchen weiterhin eine Verbindung mit dem Nomadengebiet aufrecht zu erhalten und dadurch in den moralökonomischen Zusammenhängen integriert zu bleiben. Letzteres erfordert neue Regelungen und die Anpassung traditioneller Institutionen, denn „nur wer flexibel genug ist, traditionelle Arrangements umzustrukturieren, kann traditionelle Handlungsstrategien bewahren“ (ebd.: 256). So erhalten z.B. Freundschaften in der Stadt eine neue Funktion (ebd.: 276). Da selbst die Frauen ohne Rückkehraussichten auf traditionelle Handlungsstrategien zurückgreifen und ihr Überleben nicht vollständig auf marktökonomische Beziehungen und Verhältnisse aufbauen, bleiben sie ihrer Tradition zumindest zum Teil verhaftet und bewahren dadurch ihre nomadische Identität (ebd.: 292).
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4.6 Kritik an Schultz
Besonders gelungen an der Studie von Schultz finde ich die Herausarbeitung der unterschiedlichen Migrationstypen. Anhand dieser analytischen Einteilung wird klar, welche Bedeutungen und Auswirkungen die unterschiedliche Intensität der sozialen Beziehungen zu Verwandten im Nomadengebiet für das Überleben der Frauen in der Stadt haben. Die Logik der Handlungen der Migrantinnen erschließt sich dem Leser indem Schultz immer wieder auf die sozialen und ökonomischen Funktionen dieser Beziehungen verweist. Zudem wird deutlich, dass die nomadischen Migrantinnen durch ihre Ansiedlung im urbanen Raum nicht ihre Identität als Nomadin verlieren, sondern diese durch die Anpassung traditioneller Normen und Werte an die städtischen Gegebenheiten bewahren können. Dabei beschreibt sie die unterschiedliche Art und Weise in der die Migrantinnen der verschiedenen Typen mit dem pastoralen Leben verflochten sind. Trotz ihrer Darstellung der Verflechtung des pastoralen mit dem urbanen Bereich thematisiert sie diese Verbindung kaum. Bei genauerem Hinsehen hätte sie erkennen können, dass die Handlungen der Migrantinnen nicht mehr klar in moralökonomische oder marktökonomische Zusammenhänge einteilbar sind. Schultz beschreibt ja immer wieder den Widerspruch, in dem sich die Migrantinnen in der Stadt befinden: Einerseits wollen sie die moralökonomischen pastoralen Werte und Normen bewahren, andererseits werden sie mit den Gesetzen der Marktökonomie konfrontiert, nicht nur als ökonomische Akteure, die etwa einen kleinen Handel betreiben, sondern auch als soziale Wesen, deren soziale Beziehungen durch ökonomische Notwendigkeiten ausgehöhlt werden. Schultz spricht in diesem Zusammenhang auch von der Ausbettung der Ökonomie. Steinwachs beobachtete bei ihren Untersuchungen über die Herstellung von sozialer Sicherheit jedoch, dass in ein und derselben Handlung marktökonomische und moralökonomische Handlungsrationalitäten verschmelzen (Steinwachs 2004: 130). Sie beschreibt in diesem Zusammenhang Fälle, bei denen soziale Beziehungen eine starke marktökonomische Komponente haben. Beziehungen erhalten dadurch eine doppelte Bedeutung, wobei sowohl der wirtschaftliche als auch der soziale Aspekt der Herstellung von Sicherheit dient. Die ökonomische Komponente dient der Sicherung der Lebensgrundlage, die soziale sichert Ansprüche für die Zukunft (ebd.: 132). Gerade diese Kombination aus markt- und moralökonomischen Motiven eröffne, laut Steinwachs, neue Handlungsspielräume (ebd.: 130, 133). Kann man diese Kombination nicht auch bei den Migrantinnen in Lodwar beobachten? Meine Hypothese ist, dass die sozialen urbanen Netzwerke der Turkana-Frauen genau diese Kombination aufweisen, doch um dieser Annahme nachzugehen müsste man die Ergebnisse von Schultz noch einmal quer lesen und nach dieser Fragestellung untersuchen. Im Buch selbst finden sich zu wenige Hinweise dafür. Wenn Schultz auf der einen Seite betont, dass die Frauen des ersten Migrationstypus die moralökonomischen Handlungsweisen
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nahezu vollständig in den urbanen Lebensraum übertragen konnten, dann aber wieder von einer Ausbettung der Ökonomie bei Migrantinnen des zweiten und des dritten Typus spricht, und so zwischen Bewahrung der Moralökonomie und Verfall moralökonomischer Werte in ihren Aussagen hin und her pendelt, so erscheinen mir die Ergebnisse doch etwas konfus und unklar. Einmal mehr wirft dies die Frage auf, ob moralökonomische und marktökonomische Handlungen im Alltag überhaupt noch analytisch zu trennen sind. Steinwachs verneint dies zu Recht (ebd.: 129). Genau da liegen die Grenzen des moralökonomischen Ansatzes: Für die Analyse des alltäglichen Handelns, vor allem von Land-Stadt- Migranten - die ja meist mit einem Bein in der moralökonomisch geprägten ländlichen Lebenswelt und mit dem anderen Bein im urbanen marktökonomischen Raum verhaftet sind - ist er nicht mehr sinnvoll anwendbar.
2. Migrationsforschung
Obwohl Migration ein zentraler Gegenstand der Ethnologie ist, da Wanderung eine universelle Determinante ist, wurde sie lange Zeit nur am Rande behandelt (Eades 1987: 1). Dies liegt zum einen daran, dass Migration auch ein Thema anderer wissenschaftlicher Disziplinen wie der Soziologie, Ökonomie oder Geographie ist und Ethnologen dadurch mit Termini konfrontiert sind, die woanders entwickelt wurden. Zum anderen fällt Migration in den Bereich der angewandten Studien, die lange Zeit von Regierungen und anderen Auftraggebern diktiert wurden (ebd.). Schließlich impliziert Migration Wandel und war somit ein ungeliebtes Kind von Vertretern des funktionalistischen Modells der sozialen Ordnung (ebd.). Die ethnologische Migrationsforschung wandelte sich konstant. Im Folgenden werden die drei großen Theorien der Migrationsforschung vorgestellt, um anschließend die Studie von Schultz theoretisch einzuordnen.
4.1 Modernisierungstheorie
Bis zur Mitte der 1970er Jahre fanden Migrationsstudien im Rahmen der Modernisierungstheorie statt. Die Chicagoer Schule legte den Grundstein für die Themen der Modernisierungstheorie (Eades 1987: 2). Der Wachstum des Kapitalismus und die Urbanisierung wurden von ihr als „natürliche“ Entwicklung anerkannt (ebd.). Migration wurde dabei als „wesentlicher Motor der Modernisierung und Stadtentwicklung“ betrachtet (Ackermann 1997: 4). Die Ergebnisse dieser Prozesse wurden jedoch ambivalent betrachtet: Das städtische Leben war gekennzeichnet von dem Zusammenbruch der primären Beziehungen, der individuellen Entfremdung und der wachsenden Bedeutung des Marktes (Eades 1987: 2). Dies geschieht bei der Assimilation des Migranten, der
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sich „im Verlauf der Migration ‚emanzipiert’ […] von seiner Herkunftskultur“ (Ackermann 1997: 5). Das Konzept des Migranten ist das des „marginal man“, des kulturellen Hybriden, der zwischen zwei Kulturen steht (ebd.: 6). Anhänger der Migrationstheorien sehen den Migranten als Übermittler der Modernen, als fortschrittliche Person, die einen positiven Einfluss auf Entwicklung hat und die Innovationen in ihrer Herkunftsgemeinschaft vorantreibt (Kearney 1986: 333). Analyseeinheit ist der individuelle Migrant, der allein über seine Migration entscheidet (ebd.). Im Rahmen der Migrationstheorie wurden vor allem drei Dichotomien aufgebaut: Die Gegenüberstellungen von Land versus Stadt, Tradition versus Moderne und entwickelt versus unterentwickelt (ebd.). Während die Migrationsströme vom Land in die Stadt gehen, diffusioniere der Fortschritt von den städtischen Zentren in die ländliche Region (Kearney 1986: 334). Redfield übernahm 1941 die Land-Stadt-Dichotomie in sein Konzept des „folk-urban-continuum“ (Eades 1987: 3). Er schildert darin die ländliche Idylle und stellt sie dem demoralisierenden Stadtleben gegenüber (Ackermann 1997: 8). Auch die frühen britischen Forscher bewerteten Migration negativ (Eades 1987: 3). Sie verbanden mit ihr einen kulturellen Verfall und einen geringen landwirtschaftlichen Output (ebd.).
Nach 1945 wurden die Auswirkungen der Migration auf den Migranten positiver betrachtet: In Zentralafrika wurde sie als modernisierend und nachhaltig für die Stammesgesellschaft angesehen. In Westafrika wurden die migrierenden Bauern als Motor der Entwicklung für den ländlichen Kapitalismus betrachtet (ebd.: 3). Nachdem die ersten „Stadt-Anthropologen“ den Migranten in die Städte folgten, waren sie mit der Tatsache konfrontiert, dass Migration nicht immer Entwicklung bedeutet und bäuerliche Lebensweisen in die Stadt übertragen wurden (Kearney 1986: 334). Sie modifizierten das Modernisierungsmodell, unter anderem anhand von Studien über „Peasants in Cities“ (ebd.). Dennoch ging man weiterhin vom individuellen Entscheidungsträger aus (ebd.). Die Annahmen der Modernisierungstheorie leben noch immer in orthodoxen wirtschaftlichen Ansätzen zu Migration und Entwicklung weiter, innerhalb derer Migranten als Individuen, die auf ein wirtschaftliches Ungleichgewicht reagieren betrachtet werden (ebd.). Dabei werden jedoch negative Phänomene, die mit der Land-Stadt-Migration einhergehen, übersehen, wie die wachsende Arbeitslosigkeit in der Stadt, die durch die große Zuwanderung in die urbanen Zentren verstärkt wird und auch durch Arbeitskraft sparende Technologien auf dem Land hervorgerufen werden kann (ebd.: 335). Todaro bekannte als einer der ersten, dass Migration negative Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit in der Stadt hat und Unterentwicklung begünstigt (ebd.: 336; Todaro 1980: 362f.). Kritik kam auch von Oscar Lewis, der vor allem der Annahme Redfields widersprach, dass Migration einen Bruch mit der Herkunftsgesellschaft bedeute (Kearney 1986: 336). Vielmehr trifft
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die „migration and urbanization without breakdown“ nach Lewis auf die Bauern zu, die in die Stadt migrieren (ebd.). 0bwohl diese Studien die Widerstandsfähigkeit der Tradition betonen, fanden sie bis in die Mitte der 1970er Jahre hinein im Rahmen der Modernisierungstheorie statt (ebd.). Innerhalb der Migrationstheorie hatten Studien über Migration und Frauen keinen Platz. Dies liegt an der Auffassung des Migranten als jungen Mann, der alleine in die Stadt migriert. Da sich die Reichweite der Untersuchungen auf den einzelnen Migranten beschränkte, wurden die Auswirkungen der Migration auf das Leben der zurückgebliebenen Frauen nicht beachtet. Ein Grund für die Ignoranz der weiblichen Migration ist die Fokussierung der Forscher auf die ökonomisch motivierte Migration, wodurch Frauen nur als angehängte Migrantinnen wahrgenommen wurden (Adepoju 1995: 94).
4.2 Dependenztheorie
Ende der 60er Jahre wurde ersichtlich, dass Entwicklung nicht immer mit Migration einhergeht (Ackermann 1997: 12). Eine Erklärung dafür bot der Weltsystem-Ansatz von Wallerstein (ebd.). Von diesem ausgehend wurde die Dependenztheorie entwickelt. Zum einen wurde die Rolle der Peripherie in der Reproduktion und dem Export von billigen Arbeitskräften erforscht, zum anderen die Rolle vorkapitalistischer Formen der sozialen und ökonomischen Organisation innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft (Eades 1987: 5). Die vorkapitalistische Organisation der Peripherie sicherte billige Güter und Dienstleistungen, die die Kosten der Lohnarbeiter gering hielten (ebd.). Migration bedeutete demnach nicht die Entwicklung der ländlichen Regionen, sondern die Entwicklung der urbanen Zentren auf Kosten der ländlichen Gebiete, aus denen der ökonomische Überschuss abfloss, wodurch sich die Unterentwicklung auf dem Land ausbreitete (Kearney 1986: 338)., „Dependency theory theorizes historic macroeconomic relationships and processes at national and international levels,“ (ebd.), während die Modernisierungstheorie ahistorisch ist. Es wird nicht mehr von einer Zweiteilung der Welt in Tradition und Moderne ausgegangen, sondern von einem einheitlichen kapitalistischen Weltsystem (ebd.).
Da die Dependenztheorie zwischen der Meso- und der Makroebene angesiedelt ist, stellt sie den Ethnologen, der sich mit Phänomenen auf der Mikroebene beschäftigt vor operationale Probleme (ebd.: 339). Zur Konzeptionalisierung ethnologischer Feldstudien ist sie nicht geeignet (ebd.). Zudem behandeln Dependenztheoretiker nicht die horizontalen ökonomischen, sozialen und politischen Beziehungen auf der lokalen Ebene, die die vertikalen Abhängigkeitsverhältnisse reproduzieren (ebd.). Ebenso werden weder die Rückzahlungen von den Zentren in die Peripherie untersucht, noch der Migrant in seinem städtischen Umfeld und seinen Beziehungen zur
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Herkunftsgesellschaft betrachtet (ebd.: 339f.). Einige Ethnologen eigneten sich die Dependenztheorie an, um die negativen Auswirkungen der Migration auf die Herkunftsgesellschaft zu untersuchen (ebd.: 340). Doch die theoretische Verschiebung hin zu einer historischstrukturellen Perspektive bedeutete gleichzeitig den Rückzug von kulturellen Komponenten (ebd.: 341).
Auch bei der Dependenztheorie verhindert die gewählte Analyseeinheit die Beschäftigung mit weiblicher Migration. Die Migration von Frauen lässt sich kaum auf der Makroebene untersuchen, da es keine ausreichenden Datensätze über Migrantinnen gibt. Einen Anknüpfungspunkt bieten lediglich Studien, die sich auf die Arbeitsmigration von Frauen, die z.B. billige Arbeitskräfte in Fabriken oder städtischen Haushalten darstellen konzentrieren.
4.3 Artikulationstheorie
„The orientation, to which we now turn, promises to permit developmental anthropologists to return to culture, but to do so in a way that transcends the psychologistic limitations of modernization theory while at the same time examining relationships of dependency, but dependency seen not only as result of unequal exchange in the sphere of circulation and the universal workings of the world system, but also and especially as noncapitalist relations of production and reproduction in local settings from which and to which people migrate.“ (Kearney 1987: 341).
Die Artikulationstheorie geht davon aus, dass die nicht-kapitalistische Produktionsweise nicht durch die kapitalistische ersetzt wird, sondern neben dieser weiter existieren kann (Kearney 1987: 342). Arbeitskraft wird innerhalb der nicht-kapitalistischen Produktionsweise reproduziert und wird dann in die kapitalistische integriert (ebd.). Sie ist die verbindende Komponente bei der Verflechtung dieser beiden Produktionsweisen (ebd.). Drei Aspekte unterscheiden die Dependenz- von der Artikulationstheorie: Erstens lehnt die Perspektive der Produktionsweisen die Annahme eines einheitlichen globalen kapitalistischen Systems ab (ebd.). Zweitens gehen Artikulationstheoretiker davon aus, dass die peripheren Gemeinschaften ihre eigenen Formen, die den strukturellen Anforderungen entsprechen reproduzieren (ebd.). Diese sind unterschiedlich zu den Formen des Imperialismus und Kapitalismus, auch wenn sie von diesen beeinflusst werden (ebd.). Drittens fokussieren sich die Studien der Artikulationstheoretiker auf die Haushalte und Gemeinschaften, innerhalb derer der ökonomische Überfluss produziert wird und die an beiden Produktionsbereichen teilhaben (ebd.). Hauptvertreter dieser Theorie war Claude Meillassoux (ebd.). Er untersuchte die Funktion der Migration indem er die häusliche Gemeinschaft mit dem kolonialen Kapitalismus verband (ebd.: 343). Der Migrant ist integraler Bestandteil sowohl der kapitalistischen Produktion,
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als auch der Reproduktion der häuslichen Gemeinschaft (ebd.). Die nicht-kapitalistische häusliche Gemeinschaft wird gleichzeitig bewahrt und zerstört (ebd.): Bewahrt, da sie ein Mittel der sozialen Organisation ist, von deren Wert der Imperialismus profitiert, und zerstört, da sie durch die Ausbeutung ihrer Reproduktionsmittel beraubt wird (ebd.). Während die primitive Akkumulation auf der Migration der Bauern beruht, auf diese Weise der Herkunftsregion dauerhaft Arbeitskräfte entzieht und diese somit ausbeutet, besteht eine „verbesserte Form der Akkumulation“ weiter fort, nämlich die temporäre und zirkuläre Arbeitsmigration (ebd.). Letztere verbindet die unterschiedlichen Ökonomien (ebd.: 344). Für die kapitalistische Ökonomie ist der Kosten-Nutzen-Vorteil der zirkulären Migration größer als der der permanenten, da sowohl die Kosten der Reproduktion als auch die des Ruhestandes des Arbeiters außerhalb der kapitalistischen Ökonomie getragen werden (ebd.).
Der große Vorteil der Artikulationstheorie ist Kearney zu folge, dass sie zum einen die häusliche Gemeinschaft als Untersuchungseinheit identifiziere und isoliere und zum anderen die Einbindung dieser Gemeinschaften in die historischen und ökonomischen Rahmenbedingungen beachte (ebd.). Studien im Rahmen der Artikulationstheorie sind auf der Mesoebene angesiedelt. Der Haushalt bildet die Analyseeinheit. Er stellt die Brücke zwischen der individuellen und der gesamtgesellschaftlichen Ebene dar (ebd.: 347). Anhänger der Artikulationstheorie schenken dem Haushalt vor allem hinsichtlich seiner reproduktiven Strategien Beachtung, die aus einer Kombination aus entlohnter und nicht-entlohnter Arbeit bestehen (ebd.: 348). Somit ist die Migration Teil der Überlebenstechnik des Haushaltes. Während sowohl die Dependenz- als auch die Modernisierungstheorie die kulturellen Aspekte der Migration zu wenig beachtet hat, gibt es innerhalb der Artikulationstheorie zwei Felder, die sich mit Migration, Ideologie und Kultur beschäftigen (ebd.: 350). Das erste Feld umfasst die Reaktionen auf die Migration durch die aufnehmende Gesellschaft, das zweite Feld behandelt die veränderte Wahrnehmung des Migranten über sich selbst und den Wandel seines Klassenbewusstseins als Folge der Lohnarbeit und der Migrationserfahrung (ebd.: 351). Mangelhaft an vielen Studien innerhalb der Artikulationstheorie ist jedoch, dass die historischen Prozesse zu wenig beachtet werden (ebd.: 352). Die Artikulationstheorie bot erstmals Anknüpfungspunkte für Studien, die die Involvierung von Frauen im Migrationsprozeß untersuchten (Eades 1987: 5). Vor allem innerhalb der Anthropologie der Frau beschäftigt sich die Literatur mit der Kombination der kapitalistischen und nichtkapitalistischen Produktion (Kearney 1986: 348). So wurde die ökonomische Bedeutung der unbezahlten Arbeit der Frau entdeckt: „Labor which nevertheless produces value that enters into capitalist circuits of circulation where it is appropriated“. (ebd.). Direkt wird dieser Wert durch Kleinhandel und Tätigkeiten im informellen Sektor produziert, indirekt durch den ökonomischen
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Beitrag der Reproduktion von Arbeitskräften innerhalb der Haushaltswirtschaft (ebd.). Arbeitskräfte, die innerhalb der häuslichen Ökonomie produziert wurden, können mit einem niedrigeren Lohn auskommen als jene, die innerhalb der industriellen Ökonomie geboren, verpflegt werden und heranwachsen (ebd.).
„Women’s work is critical here both because they are producers of food and services consumed in the domestic sphere and because they are the bearers of children who become full or part-time workers (…). It is in the household, the domestic unit, more than anywhere else where genderspecific noncapitalist production and the partial reproduction of capitalist workers occurs.” (ebd.) Auch weibliche Arbeitsmigranten rückten ab Mitte der 70er Jahre ins wissenschaftliche Blickfeld (ebd.). Da Studien über Migrantinnen die Multiplizität der produktiven und reproduktiven Tätigkeiten der Frauen im Brennpunkt haben, sind sie innerhalb der Artikulationstheorie angesiedelt (ebd.: 359). Sie kombinieren Analysen des multinationalen Kapitals mit Analysen der informellen Beschäftigung der Frau innerhalb des Haushaltes und der Gemeinschaft. Die Migrantinnen können nicht allein durch ihre Lohnarbeit überleben und sind darum auch im informellen Sektor tätig.
4.4 Transnationalismus
Die neueren Migrationsströme, in deren Folge einhundert Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtlandes leben werfen die Frage nach dem Problem der Zugehörigkeit der Migranten auf (Ackermann 1997: 14). Die neuen Kommunikations- und Transportmittel erleichtern es dem Migranten ethnische Netzwerke über Grenzen hinweg aufzubauen und zu erhalten und somit eine enge Bindung zum Herkunftsland zu bewahren (ebd.). Das Interesse an der Kultur ist wieder ins Zentrum der Betrachtung gerückt (ebd.). Diesmal werden kulturelle Fragestellungen jedoch im Rahmen größerer historischer und struktureller Zusammenhänge betrachtet (ebd.). Die Analyseeinheit ist das Umfeld des Migranten, seine Familie und Gemeinschaft (ebd.). Es wird nicht mehr von der Assimilation des Migranten ausgegangen, vielmehr wird die Persistenz und die Konstruktion von Differenz untersucht (ebd.: 15). Der Migrant als Akteur beteiligt sich aktiv an den Migrationsprozessen, reagiert auf Anforderungen und entwickelt neue Strategien, z.B. durch die Bildung ethnischer Netzwerke und die Kettenmigration (ebd.). Die ethnischen Identifikationen werden dabei einem Wandel, je nach sozialem Kontext, unterzogen. Ein Prozess auf den schon die Manchester Schule verwiesen hat (ebd.).
Um die neue Dimension der Migrationsströme zu fassen, haben vor allem US-amerikanische Wissenschaftler in den 90er Jahren das Konzept des Transnationalismus entwickelt. Sie wollen damit der Tatsache gerecht werden, dass die Migranten vielfältige Verbindungen zwischen ihrer
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Herkunftsgesellschaft und der aufnehmenden Gesellschaft vorantreiben und aufrechterhalten (Glick Schiller et.al. 1992: IX). Transnationalität beschreibt „Migrationen, bei denen eine oder mehrere nationale Grenzen überschritten werden. (…) Transnationale Netzwerke bestehen aus Migrantengruppen deren Netzwerke mindestens zwei, unter Umständen auch mehrere Staaten verbinden“ (Ackermann 1997: 17). Verschiedene Orte werden so Teile einer Gemeinschaft, innerhalb derer Menschen, Waren, Geld und Informationen zirkulieren. Der Transmigrant pflegt dabei grenzüberschreitende Beziehungen der vielfältigen Art (Glick Schiller et al. 1992: ix). Durch seine Entscheidungen und Aktionen entsteht eine Verbindung zwischen der Herkunftsgesellschaft und der aufnehmenden Gesellschaft (ebd.).
Unklar ist meines Erachtens jedoch, inwieweit transnationale Aktivitäten eine neue soziale Erscheinung sind. Vor allem in Afrika ist die Migration durch einen großen Anteil von Remigration gekennzeichnet, was ein Beleg dafür ist, dass der Migrant weiterhin Kontakte zu seiner Herkunftsregion pflegt und pflegte (Gregory et al. 1983: 169). Zudem zeigen die Rücktransfers der Migranten, die schon immer ein Kennzeichen der Migration in Afrika waren, die Verbindung des Migranten mit der zurückgebliebenen Familie (Adepoju 1995: 100, 105). So bleibt die Frage offen, ob diese transnationalen Erscheinungen sich nur hinsichtlich ihrer Quantität verändert haben und dadurch ins Blickfeld der Forscher gerückt sind.
4.5 Theoretische Einordnung Schultz
Schultz hat ein starkes Augenmerk auf das wirtschaftliche Handeln der Migrantinnen. Dies lässt zunächst vermuten, dass ihre Studie modernisierungstheoretisch geprägt ist. Doch schon in der Einleitung betont sie, dass „menschliches Handeln nicht allein als individuelles Handeln zu begreifen ist“ (Schultz 1996: 17) und dass sie „wirtschaftliches Handeln einem konkreten gesellschaftlichen Kontext“ (ebd.: 18) gegenüber stellen möchte. Trotzdem sie einen Beitrag zur mikroökonomischen Theorie leisten möchte (ebd.), verabschiedet sie sich von der modernisierungstheoretischen Vorstellung, dass der Migrant mit seinen individuellen Handlungen ausschließlich auf äußere ökonomische Reize reagiert, sondern betont die soziale Einbettung des Individuums und seiner Entscheidungen (ebd.: 17f.). Dennoch ist es Schultz wichtig zu belegen, dass die Migrantinnen innerhalb ihrer pastoralen Ökonomie durchaus wirtschaftlich rational handeln. Betrachtet man das wirtschaftliche Handeln innerhalb seiner sozialen Zusammenhänge, so folgen die Turkana auch im Rahmen einer ökonomischen Theorie einer rationalen Logik (ebd.: 126). Auch die Migration der Turkanafrauen folgt dieser Logik und auch im urbanen Kontext wird diese Logik bewahrt und sichert den Frauen ihr Überleben (ebd.: 15).
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Schultz widerlegt einmal mehr die modernisierungstheoretischen Thesen zur Urbanisierung: Weder bricht die Migrantin durch ihre Wanderung in die Stadt mit den primären Beziehungen im Herkunftsgebiet, noch breitet sich die Marktökonomie auf das pastorale Leben aus. Ihrer Studie zufolge findet kaum eine individuelle Entfremdung statt und dem demoralisierenden Einfluss der Stadt können die Migrantinnen durch ihre Verwurzelung in der pastoralen Kultur entgegen wirken. Von kulturellem Verfall könne nicht die Rede sein. So wird in der Studie einmal mehr deutlich, dass eine klare Trennung von Land-Stadt, traditionell-modern, unterentwickelt-entwickelt nicht der sozialen Realität entspricht. Nach Schultz stellt die Migration in die Stadt für die Migrantinnen der Turkana nicht automatisch Entwicklung dar. Eine anhaltende wirtschaftliche Entwicklung würde für die Nomadenfrau die Rückkehr ins pastorale Leben und die Aufstockung ihrer Viehherde bedeuten. Schultz zieht daraus den Schluss, dass sich zukünftige Entwicklungsprojekte und Frauenförderungsprogramme vor allem dieses Ziel anhand mittels Restocking-Maßnahmen setzen sollten (ebd.: 298).
Da die Studie von Schultz auf der Mikroebene angesiedelt ist, also die horizontalen ökonomischen und sozialen Beziehungen auf der lokalen Ebene analysiert und die Migrantin innerhalb ihres urbanen Kontextes untersucht, lässt sie sich eindeutig nicht in die Dependenztheorie einordnen. Am ehesten verfolgt Schultz die Fragestellungen der Artikulationstheorie, ihre Ergebnisse entsprechen zum großen Teil den Thesen und Annahmen dieser Forschungsrichtung. Als Analyseeinheit wählte Schultz den Haushalt. Sie beschreibt das Handeln der Migrantinnen innerhalb ihres sozialen Umfeldes und geht ausführlich auf die Auswirkungen dieses Handelns auf den Haushalt und die Familie ein. Die Migration stellt sie dabei als Überlebensstrategie pastoraler Familien und Haushalte dar. Vor allem traditionell verheiratete Migrantinnen gehen in die Stadt um deren ökonomische und strukturelle Vorteile zu nutzen und dadurch den Haushalt im Nomadengebiet zu unterstützen. Die Migration ermöglicht so die Verflechtung der pastoralen nicht-kapitalistischen Ökonomie mit der urbanen kapitalistischen.
Das Konzept des Transnationalismus, dass etwa zur gleichen Zeit entstanden ist zu der das Buch von Schultz erschien, ist für die Untersuchung der Land-Stadt-Migration der Turkana unbrauchbar, da diese Bewegung nicht grenzüberschreitend ist. Die Betonung des transnationalen Charakters von Migranten-Gemeinschaften macht dieses Konzept für viele migratorische Phänomene in Afrika unbrauchbar. Auch wenn Migranten nicht immer eine nationale Grenze überschreiten, so können sie dennoch in eine Region migrieren, in der sie eine ethnische Minderheit darstellen und die sie selbst als Ausland bezeichnen. So bezeichnen sich die Turkana selbst nicht als Kenianer. Überqueren sie die südliche Grenze des Turkana-Distrikts, so betreten sie Kenia und befinden sich im Ausland. Andererseits gibt es viele ethnische Gruppen, die aufgrund der willkürlichen kolonialen
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Grenzziehung über zwei oder mehrere Nationen verstreut leben, wie etwa die Somali. Sie deswegen als transnationale Gemeinschaft zu bezeichnen, widerspricht der Tatsache, dass sie schon seit langer Zeit in diesem Gebiet leben und sich nicht aufgrund moderner Migration dort niedergelassen haben.
3. Frauen und Migration
4.1 Stand der Literatur
Lange Zeit wurde Migration als ein männliches Phänomen wahrgenommen. Im Zentrum der Migrationsforschung standen junge Männer, die sich durch die Migration ein höheres Einkommen erhofften (Todaro 1980) oder mit ihrem Einkommen den ländlichen familiären Haushalt aufbessern sollten (Stark 1980). Erst seit den 1980er Jahren begannen sich Migrationsforscher vermehrt für Frauen zu interessieren. Die meisten Untersuchungen begrenzten sich jedoch auf die Auswirkungen der Migration der Männer auf die Herkunftsregionen (Grawert 1994). Die Frau wurde weiterhin nicht als Migrantin, sondern als zurückgebliebene Frau auf dem Land, die mit einem Migranten verheiratet ist, wahrgenommen. Nur in wenigen Fällen wurde die Migration von Frauen zum Forschungsthema gemacht (Brydon 1987 & 1992; Nelson 1992; Platte 2000; Meier 2000). Oftmals richteten sich auch diese Studien auf Frauen, die nicht selbstbestimmt sondern aufgrund der Migration ihrer Männer in die Städte zogen. Nach wie vor gibt es nur vereinzelte Studien, in deren Mittelpunkt Frauen stehen, die unabhängig von ihren Männern in die Stadt ziehen, einen eigenständigen Haushalt aufbauen und kaum mit ökonomischer Unterstützung der Männer rechnen können (Schultz 1996; Ludwar-Ene & Wurster 1994). Trotz dieser Studien beanstanden viele Autoren bis heute, dass Frauen in der Migrationsforschung generell ignoriert werden (Harzig 2001: 15). Obwohl die Literatur zu weiblicher Migration zunimmt, „it is often argued, that migrant women and their (mostly female) chroniclers have not yet made it into mainstream migration research and analysis“ (ebd.). Einen Grund dafür sieht Bjerén in der noch immer unterprivilegierten Stellung der Frauen in der Gesellschaft (Bjerén 1997: 224). Gender ist ein Thema, dass sich auf Frauen bezieht und meist nur von Frauen aufgenommen wird. Die daraus entstehenden Studien fänden keine Resonanz in der „mainstream“-Literatur, da diese von Männern dominiert wird (ebd.) Die meisten Forschungen zu weiblicher Migration beruhen jedoch nach wie vor auf Fallstudien (Sharpe 2001a: 5). Erst seit kurzem ist die Forschung dazu übergegangen, die historische Tätigkeit der Migrantin und den weiteren Kontext der Migration zu betrachten (ebd.). Migration ist kein Einzelereignis, sondern ein Teil einer Strategie, die die Anpassung an ökonomische und soziale
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Veränderungen zum Ziel hat (ebd.). Im Sammelband von Sharpe „Women, Gender und Labour Migration. Historical and global perspectives“ (Sharpe 2001b) befasst sich ein großer Teil der Beiträge mit historischen Migrationsströmen. Rückwirkend werden diese Ereignisse aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive betrachtet.
4.2 Die Migration
Die Definition von Migration weist viele problematische Aspekte auf, da eine Charakterisierung sowohl über eine räumliche, als auch über eine zeitliche Komponente die unterschiedlichen Gruppen, die an Migrationsprozessen teilnehmen, stark begrenzt (Tamm 2005: 10). Dies wird z.B. an der Definition von Lee deutlich, der an Stelle von Migration noch den Begriff der Wanderung verwendet:
„Wanderung ist allgemein definiert als ein permanenter oder semi-permanenter Wechsel des Wohnsitzes. Dabei soll keine Einschränkung in Bezug auf die Entfernung des Umzugs oder auf die freiwillige oder unfreiwillige Art der Handlung, kein Unterschied zwischen externer und interner Wanderung gemacht werden“ (Lee 1972: 117)
Demnach ist ein Umzug innerhalb desselben Wohnhauses eine Wanderung. Die Mobilität der Nomaden und Wanderarbeiter allerdings nicht, da ihr Aufenthalt am Zielort nur von kurzer Dauer ist (Lee 1972: 117). Unbrauchbar finde ich diese Definition auch wegen ihrer Ungenauigkeit. Es ist völlig unklar, was Lee unter „semi-permanent“ versteht. Als weitaus sinnvoller erachte ich die Definition von Tamm.
„Wann immer eine Person ihren Lebensmittelpunkt an einen anderen geographischen Ort verlegt, kann von Migration gesprochen werden“ (Tamm 2005: 11).
Dabei ist die Migration nicht auf die bloße Bewegung von da nach dort beschränkt, vielmehr ist Migration ein Prozess, der neben der Reise auch die Bedingungen im Herkunftsland und die Niederlassung am Ankunftsort umfasst (Harzig 2001: 15).
Die Migrantin definiert Harzig als Teil verschiedener Migrationssysteme (Harzig 2001: 16). Sie hat zahlreiche Rollen und Funktionen inne, ist an der Bildung und Bewahrung von sozialen und persönlichen Strukturen beteiligt und reflektiert ihre Entscheidungsprozesse (ebd.).
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4.3 Formen der weiblichen Migration
Frauen beteiligen sich an den unterschiedlichen Migrationsformen. Dabei stellt das 20. Jahrhundert einen Wendepunkt in Bezug auf die steigende Teilnahme von Frauen an der Migration über weite Entfernungen dar (Sharpe 2001a: 1). Vor allem seit den 1970er Jahren hat der Anteil der Frauen an den Migrationsströmen zugenommen (Tamm 2005: 13). In den entwickelten Ländern machen Frauen sogar die Mehrheit der Migranten aus (Sharpe 2001a: 1). Bereits zu Beginn der 1970er Jahre bemerkte Lee, dass Frauen bei Wanderungen über kurze Entfernungen hinweg überwiegen (Lee 1972: 116). Dies liegt wohl vor allem daran, dass die Frau meist mit der Heirat den Wohnort wechselt. In der Literatur wird vor allem zwischen Land-Land-Migration und Land-Stadt-Migration und interner und internationaler Migration unterschieden. An all diesen Migrationsformen sind auch Frauen beteiligt, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Im Folgenden werde ich anhand von Beispielen aus Einzelfallstudien die Partizipation der Frauen an den unterschiedlichen Migrationsformen vorstellen.
4.3.1 Land-Land-Migration
Wie in vielen Regionen Afrikas ist auch in der Region des Tschadsees im Nordosten Nigerias das Pflanzen und Ernten eine spezifische Frauenarbeit (Platte 2000: 202). Deshalb sind es meist die Frauen, die in die fruchtbaren Regionen an den Ufern des Tschadsees gehen um temporär ihre Arbeitskraft zu verkaufen oder als eigenständige Bäuerinnen ein Stück Land zu bewirten und sich permanent dort niederzulassen (ebd.). Viele Frauen kommen als saisonale Arbeiterinnen die in der Ernte- oder Pflanzzeit aushelfen (ebd.). Die Migrationszeit ist bestimmt von den ökonomischen Aktivitäten in der Herkunftsregion: Die arbeitsärmeren Zeiten werden von den Frauen zu handwerklichen Tätigkeiten oder zur Migration genutzt (ebd.). Somit dient die saisonelle Arbeitsmigration der Diversifikation und der Risikoverteilung (ebd.). Auch die schon erwähnte Migration der Frau aufgrund des Wechsels der Residenz durch die Heirat in patri- oder virilokalen Gesellschaften ist in den meisten Fällen eine Land-Land-Migration. Ein weiteres Beispiel ist die Migration ganzer Familien während der Kolonialzeit in Ostafrika, die sich in der nähe von Farmen europäischer Siedler niederließen, wo der Mann auf den Plantagen als Lohnarbeiter beschäftigt war, während die Frau das Feld der Familie bestellte (Nelson 1992: 116). Harzig verweist im Zusammenhang mit der Land-Land-Migration auf die wichtige Rolle der Frau, da der Erfolg und die Dauerhaftigkeit der Niederlassung stark von deren Mitarbeit abhängig ist (Harzig 2001: 17). So zeigen diese Migrationsströme auch einen großen Frauenanteil (ebd.).
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4.3.2 Land-Stadt-Migration
Lange Zeit wurde davon ausgegangen, das Männer die Land-Stadt-Migration dominieren und Frauen nur als abhängige Migrantinnen in die Stadt ziehen (Ludwar-Ene 1993: 31). Neuere Studien haben jedoch aufgedeckt, dass der Anteil weiblicher Migrantinnen in der Stadt zunimmt (ebd.). Junge Frauen gehen in die Stadt um als Hausangestellte zu arbeiten, Ehefrauen begleiten ihre Männer, Witwen und geschiedene Frauen ziehen selbstständig in die Stadt, ebenso autonome Migrantinnen, die von der Herkunftsfamilie verbannt wurden oder einer unerwünschten Situation entfliehen wollen (ebd.). Zudem gibt es mehr und mehr junge Frauen, die vor ihrer Heirat in die Stadt gehen (ebd.). Nelson teilt die Land-Stadt-Migrantinnen in Kenia in drei Kategorien auf: Gutgebildete Elite-Frauen, ungebildete verheiratete Frauen, die ihren Männern nachfolgen, und ungebildete ungebundene Frauen (Nelson 1992: 134). Im Gegensatz zu den gebildeten Frauen, arbeiten die Frauen, die ihren Männern nachfolgten meist nicht, da es für sie kaum Arbeit im formalen Sektor gibt und ihre Männer das auch nicht wünschen (ebd.). Dies bedeutet für den Mann mehr Arbeit, da das Leben der Frau in der Stadt kostenintensiver ist, und mehr Freizeit für die Frau, da für sie die anstrengende Arbeit auf dem Land wegfällt (ebd.). Aus diesen Gründen lassen Männer ihre Frauen nur ungern nachkommen (ebd.).
Doch die Beteiligung der Frau an der Migration in die urbanen Zentren ist keine Neuheit. Bereits in den frühen Jahren der Urbanisierung gab es weibliche Arbeitsmigranten, die von ländlichen Regionen in die Städte zogen, um als Dienstmädchen oder in der Textilindustrie zu arbeiten (Harzig 2001: 18). Sie waren zudem in Sektoren beschäftigt, die wirtschaftlich weniger anfällig waren, so dass sich die Bewegung der weiblichen Arbeitsmigranten als konstanter erwies (ebd.).
4.3.3 Interne und internationale Migration
In Afrika ist eine Trennung zwischen interner und internationaler Migration problematisch (Adepoju 1995: 93). Internationale Migration lässt sich kaum beziffern, geschweige denn regulieren, da die Grenzen meist schlecht bewacht und durchlässig sind und keine geographische Barriere haben (ebd.). Zudem ergänzen sich die Ökonomien der Nachbarländer oftmals und es besteht eine kulturelle und ethnische Affinität zwischen den Bewohner angrenzender Länder (ebd.). Eine Grenzüberschreitung bedeutet demnach weniger ein fremdes Land zu betreten, als es ein Wechsel der Regionen innerhalb eines Landes vielleicht darstellt (s. oben S. 22).
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4.3.4 Internationale Migration
Auch wenn mehr Männer den Schritt zur grenzüberschreitenden Migration wagen, ist ein steigender Anteil der Frauen an der internationalen Migration zu erkennen (Harzig 2001: 18). Mittlerweile wird sogar von einer Feminisierung der internationalen Migration gesprochen (Han 2003: 134). Grund für diese sind die strukturellen und gesetzlichen Bedingungen der Aufnahmeländer (ebd.). Diese, so Han, begünstigten die Frauen bei der Einreise aufgrund von geschlechtsspezifischen Zuweisungen, auf die die patriarchalische Gesetzgebung der Aufnahmeländer aufbaue (ebd.: 134f.). Frauen treten bei der internationalen Migration vor allem als abhängige Migrantinnen in Erscheinung, deren Einreise auf einer Heirat oder Familienzusammenführung beruht (ebd.: 135). Die abhängigen Migrantinnen würden von den Aufnahmeländern bevorzugt, da man davon ausgehe, dass sie wirtschaftlich von ihrem Mann unterstützt werden, und sie somit dem Staat keine zusätzlichen Kosten verursachen (ebd.). Doch auch unabhängig migrierende Frauen genäsen Vorzüge, sie profitierten von der patriarchalischen Vorstellung, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt keine Konkurrenz für Männer darstellen und somit als wettbewerbsneutral gelten (ebd.: 136). Da die Migrantinnen zudem degradiert werden und als ungelernte und gering bezahlte Arbeitskräfte eingestellt werden, wären sie sogar erwünscht, da sie von den einheimischen Frauen ungeliebte und nicht ausgefüllte Arbeitsbereiche abdecken (ebd.). Viele Migrantinnen gehen im Gastland einer Beschäftigung nach und zeigen dort eine größere Beteiligung am Arbeitsmarkt als in ihrem Herkunftsland (Harzig 2001: 18). Im Gastland hat die Migrantin eine ausschlaggebende Rolle in den Prozessen der Gemeinschaftsbildung (ebd.: 21). Als Haushaltsführer leisten sie einen nicht unbeachtlichen Beitrag zu der Bewältigung der Veränderungen die das Leben der Migranten bestimmen (ebd.). Diese Veränderungen betreffen die materielle Kultur, die Wertekultur und die Identität, einschließlich der Geschlechterbeziehungen (ebd.).
4.4 Migrationsentscheidung und Motive
Nelsons Studie zufolge bedeutet die Land-Stadt-Migration unabhängiger Frauen einen Bruch mit der patriarchalen Kontrolle und mit der Verwandtschaft und dem Haushalt im Herkunftsgebiet (Nelson 1992: 133). Frauen gingen meist in die Stadt, um einer unerträglichen Familiensituation oder einer extrem harten Arbeit zu entkommen (ebd.). Eine Ausnahme stellen ihr zu Folge junge Frauen dar, die zu Zeiten von Hungerkrisen in die Stadt gingen, um die Herden ihrer Väter aufzustocken (ebd.). Während Nelson auf diese Weise die Migration unabhängiger Frauen noch als einzelne Aktion der Migrantin, der eine individuelle Entscheidung voraus geht darstellt, gehen die meisten Forscher heutzutage davon aus, dass die Entscheidung im familiären Kontext stattfindet und den gesamten Haushalt betrifft. Nach Han ist der Haushalt sogar eine strukturelle Bedingung
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für die Migration von Frauen (Han 2003: 116). Innerhalb des Haushaltes wird kollektiv entschieden, ob ein Mitglied migrieren soll, um somit zum Überleben des Haushaltes beizutragen (Han 2003: 122). Die Kosten der Migration werden dann auch vom gesamten Haushalt getragen (ebd.). Die Migration als individuelle Handlung ist deswegen auch unwahrscheinlicher, da der Einzelne kaum über die nötigen Ressourcen verfügt, die er für die Migration aufbringen muss (ebd.). Han zufolge wird die Migration immer durch makrostrukturelle wirtschaftliche und soziale Veränderungen ausgelöst (ebd.). Die Arbeitsmigration ist Teil der Strategie des Haushaltes sich an diese Veränderungen anzupassen, indem das Einkommen maximiert wird und die wirtschaftlichen Risiken verteilt und damit reduziert werden (ebd.: 127.). Die Frage, ob ein männliches oder weibliches Haushaltsmitglied migriert, ist abhängig von der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung und Arbeitsteilung und der Nachfrage nach billigen Arbeitskräften (ebd.: 129). In Entwicklungsländern, vor allem in Asien und Lateinamerika, fällt die Wahl der Migranten zunehmend auf junge unverheiratete Frauen (ebd.: 123). In Asien verspricht man sich dadurch eine verlässlichere Unterstützung, da die Frau mehr an ihre Herkunftsfamilie angebunden ist und ihre Verpflichtungen der Familie gegenüber größer sind als die der jungen Männer (ebd.: 129f.). Zudem wurde die Migration der Frauen nach dem zweiten Weltkrieg zunehmend durch die steigende Nachfrage nach billigen, weiblichen Arbeitskräften begünstigt (ebd.: 131). Aufgrund von geschlechtsspezifischen Zuschreibungen, die die Frau als gefügig und einfach kontrollierbar charakterisierten, wurden Frauen in den arbeitsintensiven industriellen Betrieben bevorzugt (ebd.). Lange ging man davon aus, dass Frauen aufgrund sozialer und familiärer Motive migrierten wie dies bei abhängigen Ehefrauen der Fall ist. Die aktuelle Literatur ist sich jedoch einig, dass die Migrationsmotive von Frauen sehr unterschiedlich und kaum voneinander zu trennen sind. Zudem wird seit den 1990er Jahren vermehrt auf die ökonomisch motivierte Migration von Frauen und auf die Frau als Arbeitsmigrantin verwiesen. Obwohl die meisten Frauen familiäre Probleme angäben, betont Nelson, dass man in der Wirklichkeit nur schwer zwischen sozialen und ökonomischen Problemen unterscheiden könne (Nelson 1992: 134). Das Bedürfnis nach Arbeit gäbe aber meist den letzten „push“ (ebd.). Die Beiträge in Sharpes Sammelband machen deutlich, dass die Motive für die Migration nicht ausschließlich ökonomischer Art sind, sondern eine Mischung aus politischen, sozialen und ökonomischen Gründen (Sharpe 2001a: 3). Bjerén weist ebenso darauf hin, dass wirtschaftliche Ziele nicht isoliert betrachtet werden können, sondern in ihrem sozialen und kulturellen Kontext analysiert werden müssen:
“Even when there appears to be a distinct economic incentive to move this may not be sufficient to explain why the person in question actually migrates. Economic gain is rarely an end in itself; to understand the mechanisms behind migration one must question the reason why finding more
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money is vital. The because is likely to point also to reproductive processes - like the need to support one’s children - which in turn may be linked to cultural demands - like the need to accumulate dowry to marry” (Bjerén 197: 239)
Brydon hebt den Unterschied zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Migrationsmotiven ganz auf. Sie behauptet, dass Ghanaische Frauen aus denselben Gründen migrierten wie die Männer, wobei die Ehe kaum eine Rolle spiele (Brydon 1992: 96).
4.5 Frauen in der Stadt
4.5.1 Ökonomische Tätigkeiten
Die Frage, in welchen Bereichen Frauen arbeiten hängt stark von der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ab (Brydon 1992: 99). Obwohl das Bildungsniveau der Migrantinnen seit den 1980er Jahren anstieg, kann dieses kaum im jeweiligen Job eingesetzt werden (ebd.: 96). Neben den Differenzierungen des Arbeitsmarktes und dem Stand der Wirtschaft, haben die Bildung der Frau, die Anzahl und das Alter ihrer Kinder und ihr kultureller Hintergrund Einfluss auf die Arbeit der Frau (ebd.: 101). Im formalen Sektor arbeiten Frauen in den typischen Berufen wie Krankenschwester oder Lehrerin (ebd.). Das Jobangebot für Frauen ist demnach durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung stark beschränkt (ebd.: 102). Alle Fallstudien bestätigen, dass der Großteil der befragten Frauen im informellen Sektor arbeitet. In Ghana sind ältere verheiratete Frauen meist als Händlerinnen, jüngere als Köchinnen, Näherinnen und Hausmädchen tätig (Brydon 1992: 102). Frauen, die innerhalb Ghanas migrieren verrichten ähnliche Arbeiten wie die städtische einheimische weibliche Bevölkerung (ebd.: 105). Dabei ist die Auswahl durch die Ideologie der typischen Frauenarbeit stark eingeschränkt (ebd.). In Kenia hingegen können sich unabhängige Migrantinnen in den Städten nicht in denselben Arbeitsbereichen behaupten wie die einheimischen Frauen. Sie arbeiten im informellen Sektor als Essensverkäuferin, Bierbrauerin oder Prostituierte (Nelson 1992: 113). Zum Überleben und zur Existenzsicherung reicht jedoch eine Einkommensquelle nicht aus. So werden mehrere Beschäftigungen nebeneinander ausgeführt oder versucht durch die Anbindung an einen Mann zusätzliche Einnahmen zu generieren (Ludwar-Ene & Wurster 1994: 186).
4.5.2 Urbanisierung versus Remigration
Bleiben Frauen in der Stadt weiterhin mit ihrer Familie auf dem Land verbunden? Hegen sie Rückkehrwünsche oder planen sie einen dauerhaften Aufenthalt in der Stadt? Diesen Fragen widmet sich eine Studie von Ludwar-Ene und Wurster (1994), die die Urbanisierung von
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weiblichen Migrantinnen im Vergleich zu männlichen thematisiert. Sowohl Frauen als auch Männer hielten die Beziehungen zur Herkunftsgesellschaft aufrecht (Ludwar-Ene 1993: 32). Dies ist Teil der Überlebensstrategie und dient der Herstellung von sozialer Sicherheit, welche im städtischen Kontext nicht, oder nur unzuverlässig hergestellt werden kann (ebd.). Die Intensität und der Charakter dieser Land-Stadt-Beziehungen seien jedoch geschlechtsspezifisch (ebd.). Während Männer meist nur einen Referenzort auf dem Land hätten, nämlich den ihrer Herkunftsfamilie, hätten Frauen mindestens zwei: Die Familie, in der sie geboren sind und die Familie ihres Mannes, in die sie nach der Heirat gezogen sind (ebd.). Durch den Wechsel ihrer „primären sozialen und räumlichen Bezüge“ besäßen die Frauen kein kontinuierliches „Zuhause“ (Ludwar-Ene & Wurster 1994: 188). Männer investierten ihr in der Stadt erworbenes Einkommen auf dem Land in den Kauf von Ländereien und dem Bau eines Hauses, um dadurch ihren Status im Herkunftsort zu festigen. Frauen hingegen unterstützten mit ihren Einnahmen Familienangehörige (ebd.: 190). Ihre Motivation dabei sei emotional und moralisch begründet (ebd.). Ihr Bezugspunkt auf dem Land seien weniger geographische Orte als vielmehr Personen. (ebd.: 193). So könne es vorkommen, dass Migrantinnen nach dem Versterben ihrer Bezugspersonen gar nicht mehr ihren Herkunftsort besuchen (ebd.: 192). Zudem fielen Besuche der ländlichen Herkunftsgebiete bei Frauen weitaus geringer aus als bei Männern (Ludwar-Ene 1993: 38). Dies läge auch an den Ansprüchen der Verwandten und der Diskrepanz zwischen dem Frauenbild auf dem Land und dem Bild, das die berufstätigen Migrantinnen selbst von sich haben (Ludwar-Ene & Wurster 1994: 191f.). Weitere Belege für die urbane Einstellung der Frauen sieht Ludwar-Ene darin, dass sie eher ihren Lebensabend in der Stadt verbringen wollen als Männer (Ludwar-Ene 1993: 35) und dass sie sich weniger in primären Vereinigungen, also Institutionen, die der Stärkung der Bindung zum Herkunftsort dienen engagieren als vielmehr in nicht-ländlichen Organisationen mit universellem Anspruch, wie z.B. Kirchen (ebd.: 43). Als die Frauen selbst nach ihrer Präferenz befragt wurden, sprachen sie sich nach reifer Überlegung für ein Leben in der Stadt aus (Ludwar-Ene & Wurster 1994: 193). Sie wertschätzen den höheren Lebensstandard und den städtischen Freundes- und Bekanntenkreis (ebd.). Die Frauen würden in der Stadt heimisch und bauen sich eigene nichtfamiliäre Netzwerke auf (ebd.: 197). Ihre Verbindungen zur ländlichen Region seien schwächer (Ludwar-Ene 1993: 44). So kommen Ludwar-Ene und Wurster zu der Schlussfolgerung, dass Frauen urbaner seien als Männer und sich eher in das Stadtleben integrierten (ebd.). Die Frage, ob die Frauen vollständig urbanisiert sind, bleibt jedoch offen. Van Velsen versteht unter Urbanisierung einen Zustand, in dem die Person ihre soziale und ökonomische Abhängigkeit von ihrer Herkunftsgesellschaft aufgegeben hat und damit als Individuum und nicht als Mitglied seiner primären Gemeinschaft, Bürger des übergeordneten Staates ist (Van Velsen 1959: 268). Die
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wirtschaftliche Unabhängigkeit erreicht der Migrant jedoch nur, wenn er innerhalb des urbanen Kontextes genügend sozial abgesichert ist (ebd.). In den meisten Fällen verhindert der Mangel an sozialer Sicherheit in der Stadt die vollständige Integration in die städtische Wirtschaft und begünstig somit die Aufrechterhaltung der Bindungen des Migranten zur Herkunftsgesellschaft (ebd.). Auch Ludwar-Ene betont, dass die Land-Stadt-Beziehungen wichtig sind für die Herstellung sozialer Sicherheit (Ludwar-Ene 1993: 32). Dies würde dafür sprechen, dass auch die Frauen nicht vollständig urbanisiert sind, auch wenn sie oftmals weitgehende soziale Unabhängigkeit besitzen.
Kritik kommt Ludwar-Ene und Wurster hinsichtlich ihrer Interpretationen der empirischen Ergebnisse entgegen. Meier bezweifelt, dass die Häufigkeit der Besuche des ländlichen Herkunftsgebietes ein Kriterium für die Verbundenheit des Migranten mit seiner Herkunftsgesellschaft sei (Meier 2000: 193). Bei ihrer Untersuchung über Organisationen von Migrantinnen in der Stadt in Ghana kam sie zu dem Ergebnis, dass die Frauen innerhalb der Stadt weiterhin versuchen, Netzwerke und Organisationen innerhalb derselben Ethnie aufzubauen (Meier 2000). Dies, so Meier, sei ein Indikator für die Bewahrung ethnischer Identität und Verbindungen zur Herkunftsgesellschaft (ebd.: 193).
Schultz kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie Meier, auch wenn sie in einem Punkt mit Ludwar-Ene und Wurster übereinstimmt: Jene Migrantinnen, die nicht aus einer ökonomischen Not heraus in die Stadt kamen, für die der Stadtaufenthalt eine von mehreren Möglichkeiten ist, hegen die wenigsten Rückkehrwünsche (Schultz 1996: 284). Auch bei Ludwar-Ene und Wurster sind es die ökonomisch besser gestellten Frauen, die das Leben in der Stadt positiv bewerten. Doch Schultz nennt dafür andere Gründe. Bei den ökonomisch besser ausgestatteten Migrantinnen handelt es sich um genau jene, die noch immer stark in der pastoralen Lebenswelt verwurzelt und Teil eines pastoralen Haushaltes sind (ebd.). Die Stadt ist sie Teil des Nomadengebietes. Die Migrantinnen können dort nahezu dasselbe Leben führen wie im Nomadengebiet (ebd.). Ihre Lebensweise ist demnach weiterhin eher rural, als urban. Auch wenn die ökonomisch schlechter gestellten Migrantinnen eigene soziale urbane Netzwerke aufbauen und kaum mehr Verbindungen zum Nomadengebiet haben, orientiert sich ihr Handeln auf die Zeit nach dem städtischen Aufenthalt und eine eventuelle Rückkehr ins Nomadengebiet (ebd.: 287). Mit Hilfe der urbanen Netzwerke versuchen sie traditionelle soziale Beziehungen in die Stadt zu übertragen und Überbleibsel moralökonomischer Verhaltensweisen zu retten. Schultz erkennt darin einen Beleg für die emotionale Verwurzelung der Turkana-Frauen mit dem pastoralen Leben.
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4. Die Folgen der Migration von Frauen
Obwohl von mehreren Autoren betont wird, dass Migration ein Prozess ist, der nicht nur den Zielort, sondern auch den Herkunftsort umfasst, finden sich hinsichtlich der Migration von Frauen in der genannten Literatur kaum Hinweise auf die Auswirkungen und Folgen, die diese Migration in der Herkunftsgesellschaft hat. So werde ich im Folgenden vor allem auf die sozialen, kulturellen und ökonomischen Veränderungen am Zielort eingehen.
4.1 Familienwandel
Die Veränderungen, die die Migration von Frauen in den Familien auslösen, sind am augenscheinlichsten: Migriert die Frau alleine, so lässt sie unter Umständen ihren Mann und manchmal auch ihre Kinder bei Verwandten zurück. Die Familie lebt an geographisch getrennten Orten. Migriert die Frau innerhalb des Familienverbandes zusammen mit ihrem Mann, so verlässt sie dennoch den Rahmen der erweiterten Familie im Herkunftsgebiet. In beiden Fällen ändert sich das Leben der Frau und der Familie. Da die Frau in erster Linie für die Reproduktion der Familie und des Haushaltes zuständig ist, behaupte ich, dass die weibliche Migration größere Veränderungen innerhalb der Familien hervorruft als die Migration der Männer. Auf den Zusammenhang zwischen Reproduktion und Migration weist auch Bjerén hin. Ihr zu Folge sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Migration meist ein Ergebnis der unterschiedlichen Rollen, Verantwortlichkeiten und Macht, die die Reproduktion betreffen (Bjerén 1997: 227). In diesem Abschnitt werde ich die unterschiedlichen Aspekte des Familienwandels behandeln.
4.1.1 Kinderpflegschaft
Wie oben schon erwähnt folgt aus der Migration eine räumliche Konsequenz der sozialen Organisation der Reproduktion (Bjerén 1997: 227). Um die kulturelle Reproduktion zu sichern, ist es z.B. eine Strategie von Migranten aus Bangladesch, die im Ausland leben, die Kinder nach der Geburt nach Bangladesch zurückzuschicken und sie dort aufwachsen zu lassen (ebd.: 231). Die Pflegschaft von Kindern in den Herkunftsgebieten ist zudem eine Strategie, um die Beziehungen zur Herkunftsgesellschaft aufrecht zu erhalten (ebd.). Sie verbindet die Gemeinschaft zu Hause und im Gastland (ebd.). Diese Beziehungen sind verbunden mit dem Wunsch, in der Zukunft zurückzukehren (ebd.).
„Concerns about social reproduction are the engine for considerable migration in both directions and provide some of the glue that prevents those first established abroad in a kin group to cut loose from the source of identity back home.“ (ebd.: 232).
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Zudem wird die Möglichkeit, die Kinder bei Verwandten auf dem Land in Pflegschaft zu geben von Frauen in der Stadt oftmals zur Bewältigung einer Krise genutzt (Nelson 1992: 136; Brydon 1992: 98). Doch der Migrationsstrom von Kindern geht auch in die andere Richtung. Kinder und Jugendliche kommen oft in die Stadt, um im Haushalt ihres Gastes zu arbeiten und als Gegenleistung die Bildungschancen zu nutzen (Brydon 1992: 97).
Beide Phänomene, sowohl die Pflegschaft von Kindern durch städtische Verwandte, als auch durch Verwandte auf dem Land, konnte Schultz bei den Turkana-Frauen beobachten. Zum einen werden die Kinder eines pastoralen Haushaltes einer Nebenfrau, die einen städtischen Zweig des Haushaltes aufgebaut hat, mitgegeben, um ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen, zum anderen werden Kinder zu Verwandten ins Nomadengebiet geschickt, damit sie dort die pastorale Lebensweise kennen lernen und nach traditionellen Werten und Normen aufwachsen. Die Kinder, die im Herkunftsgebiet aufwachsen, können später traditionell verheiratet werden und dadurch der Frau in der Stadt durch die Übergabe des Brautpreises die Rückkehr ins Nomadengebiet ermöglichen. Die Kinderpflegschaft bei Verwandten auf dem Land ist demnach nicht in die Kategorie „crisis fostering“ einzuordnen (vgl. Brydon), sondern vielmehr Teil einer reproduktiven Strategie (vgl. Bjerén).
4.1.2 Haushaltsstruktur
Eine der sichtbarsten Folgen der Migration ist die Veränderung der Haushaltsstrukturen. Durch die Migration eines Familienmitgliedes kommt es zu multipolaren Haushalten, deren Residenz an zwei oder mehreren Orten ist (vgl. Findley 1997). Der städtische Zweig des Haushaltes kann demnach nicht als eigenständiger Haushalt betrachtet werden. Demnach kann auch nicht von einer Abnahme der Haushaltsgröße die Rede sein. Dies ist nur der Fall, wenn die Migrantin keine Anbindung mehr zum ruralen Haushalt hat und einen eigenständigen städtischen Haushalt führt. Die Migration von Frauen hat demnach zwei unterschiedliche Entwicklungen zur Folge: Zum einen führt sie zu einer geographischen und ökonomischen Erweiterung des Haushaltes, dessen soziale Struktur weitgehend bestehen bleibt, zum anderen führt sie zur Aufteilung und Trennung von Haushalten. Der daraus entstandene neue urbane Haushalt hat eine geringere Mitgliederzahl und wird von der Frau geführt, da er meist nur aus einer Mutter und deren Kindern besteht.
In Lodwar sind beide Entwicklungen zu erkennen: Es gibt Migrantinnen, die noch immer Teil des pastoralen Haushaltes sind und es gibt Frauen, die sich von ihren Familien auf dem Land getrennt haben und ihrem eigenen urbanen Haushalt vorstehen.
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4.1.3 Polygynie in der Stadt
Tamm hat bereits in ihrer Arbeit deutlich gemacht, dass das Leben in der Stadt keineswegs zur Entstehung von monogamen Ehen und zum Rückgang der Polygynie führt (Tamm 2005: 33). Inoffiziell pflegen die Ehemänner Beziehungen zu einer oder mehreren weiteren Frauen neben ihrer Ehefrau. Die Polygynie „verschwindet“ scheinbar im privaten Raum. Auch die Turkana leben in der Stadt weiterhin in polygynen Verhältnissen (Schultz & Scholz 1994: 59). Die Institution der Polygynie hat sich im urbanen Raum jedoch derart verändert, dass sie von den Frauen vor allem als benachteiligend empfunden wird (ebd.: 70). Durch die räumliche Trennung der Nebenfrauen, die jeweils eigenständige Haushalte führen, fällt die gegenseitige Hilfe und Unterstützung der Frauen untereinander weg (ebd.). Aufgrund des knappen Einkommens des Mannes stehen die Frauen untereinander in Konkurrenz, die sich erhöht, wenn die Frauen sich nicht gegenseitig kennen (ebd.: 67). In der Stadt missbrauchen viele Männer zudem die Polygynie als Diversifikationsstrategie: Sie ernähren sich an den Kochtöpfen mehrerer Frauen mit und lassen eine Frau fallen, wenn diese ihn nicht mit Nahrung versorgen kann oder will (ebd.).
Aus der Institution der Polygynie, die der Arbeitserleichterung der Frau dient, wurde ein Instrument der Männer, das ihnen ökonomische Absicherung und Ausbeutung ermöglicht (ebd.: 70). Die Stellung der Frau in polygynen Beziehungen hat sich durch diesen Wandel extrem verschlechtert.
4.1.4 Von der Familie zum Netzwerk?
Nahezu alle Untersuchungen zeigen, dass Frauen in der Stadt neue Formen sozialer Netzwerke jenseits von bilateralen verwandtschaftlichen Beziehungen aufbauen (vgl. Platte 2000, Nelson 1992, Ludwar-Ene 1993). Anders als in der Herkunftsregion dienen diese Netzwerke vor allem der Bewältigung alltäglicher Aufgaben, während in akuten Notlagen die Hilfe der Verwandtschaft auf dem Land in Anspruch genommen wird (Platte 2000: 208). So übernehmen die urbanen sozialen Netzwerke Funktionen der Familie, beispielsweise die alltägliche Unterstützung, während die Funktion der affinalen Netzwerke, nämlich die Absicherung für Notzeiten auf die Familien übertragen wird. Vor allem allein lebende Frauen benutzen neue Formen sozialer Beziehungen um die patrilineare Struktur, die erweiterte Familie und die konventionelle Ehe auszugleichen (Nelson 1992: 137). Während einige Autorinnen behaupten, dass die eigenständige Migration von Frauen meist einen Bruch mit der Herkunftsgesellschaft bedeutet (Nelson 1992: 133), betonen andere Autorinnen die anhaltenden Verbindungen der Migrantinnen mit der Familie aus dem Herkunftsort (Sharpe 2001a: 5; Meier 2000: 192f.; Brydon 1992: 05). Durch die Migration wird demnach nicht die Bedeutung der Familie geschwächt, vielmehr veränderte sich deren Funktion. Dabei möchte ich
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nicht missachten, dass bei Migrantinnen eine hohe Bereitschaft zu erkennen ist, sich in neue Formen sozialer Beziehungen zu integrieren. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Frauen in patrilinearen Gesellschaften in ein fragileres soziales Netzwerk eingebunden sind als Männer und sich dadurch in einer veränderten sozialen Umgebung leichter zurechtfinden und integrieren können. Zwar haben viele Untersuchungen gezeigt, dass sich Frauen im urbanen Raum leichter anpassen können als Männer, doch das bedeutet noch lange nicht, dass sie die Werte und die Lebensweise des ländlichen Raumes in Frage stellen.
In ihrem Buch hat Schultz die Bedeutung der urbanen sozialen Netzwerke ausführlich beschrieben, und ist dabei auch auf den Funktionswandel eingegangen, den freundschaftliche, nicht-verwandtschaftliche Beziehungen in der Stadt durchlaufen (s. oben S.7). In der Stadt sind freundschaftliche Beziehungen zudem höheren Belastungsproben ausgesetzt und können eine starke materialistische Komponente erhalten (ebd.).
4.2 Ökonomischer Wandel
4.2.1 Haushaltserweiterung und Diversifikation
Für Frauen bedeutet die Migration oftmals die Erweiterung der Haushaltseinheit (Sharpe 2001a: 3). Dadurch wird die Definition des Haushaltes über das Kriterium der gemeinsamen Residenz hinaus erweitert. Der Haushalt stellt dabei ein enges Netzwerk von gegenseitiger Unterstützung dar (ebd.). Viele Frauen in der Stadt sind demnach Teil einer weiten Familiengruppe, die ihre Basis in einer ländlichen Region hat (ebd.: 5). Durch das zusätzliche urbane Einkommen der Frau diversifizieren sich die Einkommensquellen des Haushaltes. Da das städtische Einkommen zudem anderen Risiken unterliegt als das ländliche - ersteres hängt eher von makroökonomischen Veränderungen, wie Rezension ab, letzteres von ökologischen Bedingungen - werden durch die Migration der Frau die Risiken verteilt und somit reduziert. Dabei folgen die Haushalte den traditionellen Mustern der Risikominimierung, Risikoaversität und Diversifikation. Dies trifft auch auf saisonelle Arbeitsmigrantinnen im ländlichen Bereich zu, die in arbeitsärmeren Zeiten ihre Herkunftsregion verlassen um die verschiedenen Ernte- und Pflanzzeiten anderer Regionen auszunutzen und dort ihre Arbeitskraft zu verkaufen (Platte 2001: 202). Han argumentiert, dass vor allem die Migration von Frauen von der Strategie der Risikominimierung und der Diversifikation bestimmt werde, da von den Frauen ein größerer und zuverlässiger Rücklauf erwartet wird (s. oben). Zudem gibt es Gesellschaften, die die Arbeit der Frau als nutzlos und überflüssig erachteten, wie z.B. in den ländlich-bäuerlichen Regionen in Peru (Han 2003: 130). In diesem Fall bringt die Migration der Frau gleich zwei Vorteile: Sie entlastet den ländlichen Haushalt durch den Wegzug eines
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ökonomisch unproduktiven Mitgliedes und sie bessert das Einkommen durch die finanziellen Überweisungen der Migrantin auf (ebd.).
Die Erweiterung des pastoralen Haushaltes und die Diversifizierung des Einkommens werden in Lodwar vor allem von jenen Migrantinnen verfolgt, die traditionell verheiratet oder auf eine andere Weise an einen Haushalt im Nomadengebiet angebunden sind. Schultz belegt damit ihre These, dass Migration in die Stadt traditionellen Mustern folgt und somit keinen Bruch mit pastoralen Werten und Normen bedeutet.
4.2.2 Ökonomische Unabhängigkeit der Frauen
Über den Zusammenhang zwischen weiblicher Migration und den ökonomischen Gewinn bzw. die ökonomische Unabhängigkeit der Frau lässt sich keine allgemeingültige Aussage machen. Die Frage, ob die Migration die Unabhängigkeit der Frauen ermöglicht und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft verbessert, ist von politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren abhängig und kann nur im jeweiligen Einzelfall entschieden werden. Daneben spielen auch die reproduktiven Verhältnisse eine wichtige Rolle (s. oben). So hat sich z.B. die Stellung von Frauen aus Sri Lanka, die in den Golfstaaten als Dienstmädchen arbeiten nicht verbessert, da sie dort einer ebenso starken sozialen Kontrolle ausgesetzt waren wie am Herkunftsort (Bjerén 1997: 241). Die Migration dieser Frauen führte weder einen sozialen noch einen ökonomischen Wandel herbei (ebd.).
Besonders auf ungebildete Migrantinnen, die in die Stadt migrieren wirkt sich die geschlechtsspezifische Einteilung der Arbeitsbereiche negativ aus (Ludwar-Ene 1993: 33). Die Aufteilung des Arbeitsmarktes in der Stadt diskriminiert die Frauen, für die nur noch wenige Beschäftigungsmöglichkeiten übrig bleiben, die sich zudem oftmals außerhalb der Legalität befinden, wie beispielsweise das Brauen von Bier, das Brennen von Schnaps und der Prostitution nachgehen. Hinzu kommt, dass die Stadt den Frauen wenig soziale Sicherheit bietet (ebd.). Dennoch ermöglicht die Migration in die Stadt den Frauen ein monetäres Einkommen zu erzielen, das sie finanziell von ihren Ehemännern unabhängig macht (ebd.). Ihre Unabhängigkeit auf dem Land ist hingegen durch den begrenzten Zugang zu Anbauflächen und die soziale Kontrolle der Familienangehörigen stark beschränkt (Ludwar-Ene & Wurster 1994: 195). Auch bei den Turkana-Frauen in Lodwar kann die Frage, ob sie durch ihre Migration mehr ökonomische Unabhängigkeit gewinnen nicht eindeutig beantwortet werden. Einerseits haben fast alle Frauen ein eigenes Einkommen, über das sie frei verfügen, dieses ist aber sehr gering und reicht meist nur zum alltäglichen Überleben aus. Da sie keine soziale Absicherung in der Stadt haben, sind
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die Frauen zudem gezwungen, Teile ihrer Einnahmen in die Bildung sozialer Netzwerke zu investieren, um damit Ansprüche auf soziale Sicherheit bei Notsituationen in der Zukunft geltend machen zu können. Andererseits werden Frauen in der Stadt in den nicht abgesicherten Arbeitsbereich des informellen Sektors abgedrängt, da sie durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Stadt vom überwiegenden Teil der formalen Arbeit ausgeschlossen sind. Da die wenigsten Migrantinnen in Lodwar eine formale Bildung nachweisen können, bleibt ihnen der formale Sektor zusätzlich verschlossen. Doch selbst wenn diese Hürden beseitigt wären, ist es fraglich, ob sich die Migrantinnen in den formalen urbanen Arbeitssektor integrieren ließen. Ihren eigenen Aussagen zufolge ist es nicht das Ziel der Frauen sich dauerhaft in der Stadt niederzulassen und dort ein sicheres Beschäftigungsverhältnis aufzubauen, sondern ins Nomadengebiet zurückzukehren und die pastorale Ökonomie wiederaufzunehmen. So scheint es, dass nur die ökonomische Unabhängigkeit innerhalb des Nomadengebietes ein wünschenswerter Zustand ist, und diese ist durchaus erreichbar. Vor allem ältere Frauen können mit ihrem Viehbestand einen eigenen Haushalt führen. Um diesen Viehbestand aufzubauen, kann ein vorübergehender Aufenthalt in der Stadt nützlich sein. Über diesen „Umweg“ gelänge es den Frauen dann doch mit Hilfe der Migration ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen. Diese Überlegungen zeigen einmal mehr, dass eine Überbewertung wirtschaftlicher und (bildungs-)politischer Bedingungen bei gleichzeitiger Unterbewertung kultureller Faktoren ein falsches Bild der Realität wiedergeben und zu (entwicklungs)politischen Maßnahmen führen, die nicht greifen und wirkungslos am eigentlichen Ziel vorbei gehen.
4.3 Wandel der Geschlechterbeziehungen
Es lässt sich nicht eindeutig klären, ob sich durch die Frauenmigration die Stellung der Frau verbessert hat. Zweifelsohne werden durch die Migration von Frauen patrilineare Familienstrukturen aufgeweicht. In vielen Fällen ermöglicht die Migration der Frau ein eigenständigeres Leben mit eigenem Einkommen und Haushalt zu führen. So kommt es zu einer Zunahme weiblich geführter Haushalte. Durch die instabilen, nicht-traditionell geschlossenen eheähnlichen Beziehungen werden die „vaterlosen“ Kinder der Verwandtschaft der Mutter zugesprochen und es findet eine Matrilinearisierung der Verwandtschaftsstruktur statt. Die Untersuchungen von Ludwar-Ene und Wurster haben zudem gezeigt, dass für Frauen in der Stadt die Herkunftsfamilie an Bedeutung gewinnt. Zudem ermöglicht die Migration einigen Frauen durch die geographische Distanz die Lockerung oder Loslösung von der patriarchalen Kontrolle. Doch all diese Entwicklungen haben auch ihre Schattenseite. Aufgrund der kulturell bedingten geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Stadt haben es Frauen um ein Vielfaches schwerer ihre Familien zu ernähren. Die Schwächung der Ehe führt dazu, dass die Frau bei
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Beziehungsproblemen und Unterhaltsforderungen weniger Rückhalt in ihrer Familie findet. Frauen müssen ihre Kinder meist ohne jegliche finanzielle Unterstützung der Väter groß ziehen. Oftmals werden diese sogar von den Frauen miternährt. Die Ergebnisse von Ludwar-Ene und Wurster lassen jedoch mutmaßen, dass die Migration für Frauen mit hoher formaler Bildung einen Zugewinn an Autonomie und Selbstbestimmung mit sich bringt. Für sie bedeutet ein Leben in der Stadt einen Status zu erwerben, „der nicht primär an einen Mann, eine Familie und ihr Geschlecht geknüpft ist“ (Ludwar-Ene & Wurster 1994:196). Die Migration kann es Frauen ermöglichen, in männliche Domänen und Rollen vorzudringen, z.B. als Haushaltsvorstand und Ernährerin. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch eine Verbesserung ihrer Lebensumstände und ihrer gesellschaftlichen Position.
5. Schlussbemerkung
Folglich lässt sich nicht eindeutig klären, ob die Migration die Stellung der Frauen verbessert und zur Emanzipation der Frauen in unterentwickelten Ländern beiträgt. Was aus unserer westlichen ethnozentrischen Sicht heraus zunächst als Vorteil erscheinen mag, wie etwa die Loslösung aus patriarchalen Familienstrukturen, bedeutet für die Frauen nicht immer eine Verbesserung ihrer Lebensumstände und einen Zuwachs an Autonomie und Unabhängigkeit. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Migrantin eine zentrale Rolle bei der Erweiterung des Haushaltes, der Diversifizierung des Einkommens und der Minimierung der Risiken spielt und ihre Handlungen nur unter der Berücksichtigung des gesamten Haushaltes verstehbar sind. Sie stellen das Verbindungsglied zwischen dem ländlichen und dem städtischen Sektor dar. Eine weiterführende Theorienbildung ist meines Erachtens darum nur im Rahmen der Artikulationstheorie, die eben diese Verflechtung zwischen Land und Stadt untersucht sinnvoll. Doch wäre es auch angebracht, die vielen Einzelfallstudien theoretisch zu verbinden und allgemeine Aussagen, die die lokale Ebene überschreiten zu treffen. Um dies zu ermöglichen, ist es unerlässlich die Migration der Frauen mit der der Männer zu vergleichen, um Unterschiede und geschlechtsspezifischen Wandel besser heraus arbeiten zu können.
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[1] Schultz bezeichnet Lodwar als eine „pastorale Stadt“ (Schultz 1996: 213), die „eine Klammer
zwischen traditioneller Turkanagesellschaft und modernem Nationalstaat“ (ebd.) darstellt. Sie ist gekennzeichnet durch einen charakteristischen Aufbau, eine spezifische
Bevölkerungszusammensetzung (die Bevölkerung besteht zum größten Teil aus Turkana) und ihre besondere Funktion für das pastorale Hinterland (ebd.). Sie ermöglicht den Nomaden Zugang zum Markt, zu staatlichen Dienstleistungen und Infrastruktur. Durch sie wird die „traditionelle pastorale Ökonomie in die Warenökonomie und die nationale Wirtschaft und Gesellschaft Kenias integriert“ (ebd.).
[2] Schultz will mit dem Begriff Moralökonomie ausdrücken, dass moralische Bewertungen wirtschaftliche Prozesse beeinflussen. „Unter Moralökonomie verstehe ich dabei ein System von Transaktionen, die als sozial erwünscht angesehen werden, weil durch sie soziale Beziehungen geschaffen werden.“ (Schultz 1996: 131). Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf die Definition von Moralökonomie eingehen, verweise aber auf Thompson 1980, Scott 1976, Hyden 1985 und Elwert 1987.
[3] Mit „sozialer Mobilität“ ist nicht die vertikale Mobilität gemeint, die es einem Gesellschaftsmitglied ermöglicht zwischen den sozialen Schichten zu wechseln, sondern eine horizontale Mobilität innerhalb der Schicht, die durch den Wechsel in verschiedene soziale Gruppen geschieht.
[4] Das „eloto“ ist nicht der eigentliche Brautpreis. Es leitet vielmehr die Brautpreisverhandlungen und den Prozess der Eheschließung ein. Demnach ist die Heirat ein dynamischer Fortgang, der mehrere Stadien durchläuft und Jahre anhalten kann, wenn z.B. der vollständige Brautpreis erst nach langer Zeit vollständig gezahlt werden kann.
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Arbeit zitieren:
Tania Götze, 2006, Migrantinnen in der Stadt - Thesen über die Land-Stadt-Migration von Frauen in Afrika, München, GRIN Verlag GmbH
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