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Inhalt
Einleitung. 3
1. Die Moralökonomie bei Hyden. 4
1.1. Hydens Ansatz der Moralökonomie. 4
1.1.1. Afrikanische Kleinbauern 4
1.1.2. Die Ökonomie der Zuneigung. 7
1.2. Die Ökonomie der Zuneigung und ihre Bedeutung für die ländliche Entwicklung 8
1.2.1. Die Schwäche des Staates 8
1.2.2. Die Stärke der Kleinbauern. 10
1.2.3. Zusammenfassung von Hydens Thesen 12
1.3. Theoretische Einordnung 12
1.3.1. Die Hauptrichtungen der Wirtschaftsethnologie 12
1.3.2. Hydens Vorgänger 15
2. Die Verflechtung von Moralökonomie und Marktökonomie. 17
2.1. Kritik Lemarchands. 17
2.1.1. Konzeptionelle Kritik. 17
2.1.2. Inhaltliche Kritik 18
2.2. Der Bielefelder Verflechtungsansatz 21
2.2.1. Kritik an westlichen Entwicklungstheorien 21
2.2.2. Verflechtung von Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft 22
2.2.3. Moralökonomie und Marktökonomie 24
3. Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie 25
3.1. Sicherheit und Moralökonomie. 25
3.2. Die Rolle der Moralökonomie bei Steinwachs. 27
3.2.1. Die Herstellung sozialer Sicherheit durch die soziale Einbettung der Ökonomie. 27
3.2.2. Die Verflechtung moralökonomischer und marktökonomischer
Handlungsrationalit äten 29
3.2.3. Wandel und gesellschaftliche Tendenzen 32
3.3. Vergleich und Zusammenfassung Hyden und Steinwachs. 33
4. Schlussbemerkung 34
Literaturverzeichnis 35
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Einleitung
Der Terminus „Moralökonomie“ ist seit seiner „Erfindung“ in den 70er Jahren nicht mehr aus wirtschaftsethnologischen und entwicklungssoziologischen Debatten wegzudenken. Bei diesen Diskursen standen die Vertreter des moralökonomischen Ansatzes den Vertretern der liberalen Marktökonomie gegenüber. Diese Trennlinie verlief meist parallel zu der Dichotomisierung in substantivistische und formalistische Theorien. Die empirischen Beobachtungen des Alltags sozialer Akteure in sich entwickelnden Ländern Afrikas und Südostasiens warfen jedoch die Frage auf, inwieweit diese Gegenüberstellungen noch zeitgemäß sind, innerhalb einer globalisierten Welt. Kleinhändler z.B. ließen sich wegen ihrer starken Verbindung zur dörflichen, moralökonomisch geprägten Gemeinschaft, weder in die kapitalistische Marktökonomie einordnen, noch vollständig in die Moralökonomie, da sie ja auch nach den Gesetzen des Marktes handeln mussten, um als Kleinhändler zu überleben. So begannen in den 80er Jahren die ersten Wissenschaftler diesen Dualismus aufzuheben, und Komponenten beider Konzepte aufzunehmen.
In meiner Arbeit möchte ich vor allem zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen zum moralökonomischen Ansatz vorstellen: Den von Hyden, der noch stark von jener Dichotomie geprägt ist, und den Ansatz von Steinwachs, in dem die Grenzen zwischen Moral- und Marktökonomie nahezu vollständig zu verwischen scheinen. Ausgangspunkt ist der moralökonomische Ansatz von Goran Hyden. Sein Konzept der Ökonomie der Zuneigung wird im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit vorgestellt. Zudem werde ich in diesem Abschnitt die Bedeutung der Ökonomie der Zuneigung für die Entwicklung in Afrika nach Hyden darstellen. Anschließend im zweiten Teil der Arbeit behandele ich, ausgehend von der Kritik Lemarchands an Hydens Konzept, weitere moralökonomische Ansätze, insbesondere die Verflechtungstheorie der Bielefelder Soziologen. Dies baue ich als einen Übergang auf zu der Studie von Steinwachs über die Herstellung sozialer Sicherheit in Tansania. Im dritten Kapitel werde ich aufzeigen, inwiefern Steinwachs sowohl den moralökonomischen Ansatz von Hyden, als auch den der Bielefelder Theoretiker empirisch widerlegt.
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1. Die Moralökonomie bei Hyden
1.1. Hydens Ansatz der Moralökonomie
In seinem Buch „Beyond Ujamaa in Tanzania. Underdevelopment and an uncaptured Peasantry”, das 1985 erstmals veröffentlicht wurde, behandelt Hyden die Unterentwicklung in Afrika. Ausgangspunkt seiner Studie ist die Produktionsweise der Kleinbauern. Diese werde ich im ersten Teil dieses Kapitel erläutern. Im zweiten Teil gehe ich auf Hydens Konzepte zu Entwicklung und Unterentwicklung ein. Zum besseren Verständnis einer wissenschaftlichen Arbeit ist ihre theoretische Einordnung unerlässlich. Diese werde ich im dritten Teil vornehmen.
1.1.1. Afrikanische Kleinbauern
Innerhalb der Wirtschaft des subsaharischen Afrikas überwiegen die zahlenmäßig dominierenden Kleinbauern (Hyden 1985: 9) 1 . Diese sind stark von der natürlichen Ressourcenausstattung abhängig. Die Einkommensunterschiede beruhen innerhalb der Bauernschaft nicht auf Landakkumulation, sondern auf den unterschiedlichen Fähigkeiten der Landnutzung und den regionalen ökologischen Unterschieden (ebd.: 10). Die Felder sind klein, was aber nicht an einer Landknappheit liegt, sondern eine Folge des Arbeitskräftemangels ist (ebd.). Der Kleinbauer betreibt eine auf Ressourcen basierende Landwirtschaft, die dadurch ausgezeichnet ist, dass sie sich effektiv an die ökonomische und physische Umwelt anpasst (ebd.: 15). Nachteilig wirken sich auf die Landwirtschaft in tropischen Gebieten die schlechte Qualität des Bodens und die unregelmäßigen Regenfälle und Regenmengen aus. Der Bauer ist in erster Linie von diesen natürlichen Bedingungen abhängig (ebd.: 15). Auch wenn er keine Kontrolle über diese Faktoren ausüben kann, so hat er dennoch eine Kenntnis von seiner Umwelt (ebd.). Das Wissen über die richtige Technik basiert auf früheren Erfahrungen und wird von Generation zu Generation weitergegeben (ebd.).
1 Hydens Definition des Kleinbauerns bezieht sie sich auf die Bauern unterhalb der Sahara. Diese sind im Folgenden gemeint, wenn vom Bauern die Rede ist.
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Zur Beschreibung des kleinbäuerlichen Typus benutzt Hyden den Begriff der Produktionsweise. Er erweitert jedoch die marxistische Definition, die die Produktionsweise, die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte zusammenfasst um eine soziale Komponente: „Any mode of production is more than a matter of production. It has its own way of organizing reproduction of both material and social conditions, circulation of goods and services, and consumption” (ebd.: 12). Die marxistische Definition des Begriffes muss im afrikanischen Kontext auch deswegen modifiziert werden, da die Produktionsweise die Verhältnisse einer komplexen wirtschaftlichen Struktur beschreibt, innerhalb der der Mensch in antagonistischen Beziehungen gefangen ist (ebd.). Dies trifft jedoch nicht auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Afrika zu.
Die Produktionsweise des afrikanischen Bauern zeichnet sich vor allem durch eine geringe Arbeitsteilung und Produktspezialisierung, sowie eine rudimentäre landwirtschaftliche Technologie aus (ebd.: 13). Produktions- und Konsumtionseinheit ist der bäuerliche Haushalt (ebd.). Das Handeln des Kleinbauern ist vom Gesetz der Subsistenz bestimmt, dass heißt er produziert für den eigenen Bedarf und den seines Haushaltes, sowie für reziproke Gaben 2 . Das Ziel des Bauern ist demnach, die Lebensgrundlage seines Haushaltes auf eine verlässliche Weise nachhaltig zu sichern (ebd.: 14). Die Befriedigung der minimalen Bedürfnisse ist abhängig von der Größe und der Zusammenstellung des Haushaltes (ebd.). In das Handeln des Bauern sind auch nachfolgende Generationen mit eingeschlossen (ebd.). Die nachhaltige Planung betrifft jedoch nicht die produktiven, sondern die sozial reproduktiven Notwendigkeiten (ebd.). Nicht die Entwicklung der Produktionsmittel steht im Vordergrund, sondern die Bedürfnisse des Individuums (ebd.). Polanyi bezeichnet darum Gesellschaften, die nach dem Prinzip der Subsistenz handeln als humaner, da die Sicherung der Lebensgrundlage jedes Gesellschaftsmitgliedes (bzw. Haushaltmitgliedes) vor der Produktionssteigerung kommt (Polanyi 1957: 163f.; zit. n. Hyden 1985: 14).
2 Definition nach Elwert 1984: 384.
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Wegen des intensiven Landbaus und der geringen Produktspezialisierung kann der Kleinbauer trotz der kleinen Größe seines Landes sozial unabhängig existieren und seine Reproduktion sichern (ebd.: 10). Dies hält den Austausch zwischen den Produktionseinheiten auf einem geringen Niveau und verhindert die Entstehung einer funktionellen wechselseitigen Abhängigkeit, die eine Voraussetzung für soziale Ungleichheit ist, und die Bildung reziproker Beziehungen zwischen den Haushalten (ebd.: 13). Zwar gibt es gelegentlich eine Zusammenarbeit bäuerlicher Haushalte, doch diese ist zeitliche begrenzt und nicht formalisiert (ebd.). Die Basiseinheiten in einer bäuerlichen Gesellschaft sind nicht nur untereinander unabhängig, sondern auch relativ autonom gegenüber dem Staat (ebd.: 16). Innerhalb der bäuerlichen Ökonomie wird jedem ein Teil des totalen Arbeitsproduktes garantiert, so dass es nicht zu Hungeropfern kommt (ebd.). Dieser fundamentale Egalitarismus bedeutet jedoch nicht automatisch, die Existenz einer ökonomischen Gleichheit, er sichert lediglich die Lebensgrundlage jedes Individuums (ebd.). Das Individuum ist dem Kollektiv bzw. dem Haushalt untergeordnet, der Wohlstand dem Status (ebd.: 17). Das Paradoxon des Bauern ist, dass er für die Reproduktion seines Haushalts keine Ausbeutung oder andere soziale Klassen braucht, dass man ihn allerdings erst als Bauern bezeichnen kann, wenn Teile der ländlichen Produktion von anderen sozialen Klassen gebraucht werden, und er somit teilweise in den Markt integriert wird (ebd.: 16). Der Bauer ist Eigentümer seiner Produktionsmittel (ebd.: 9), er hat einen direkten Zugang zu Land (ebd.: 11), sein Land ist keine Ware (ebd.:10), die Produktion innerhalb des Haushaltes findet mit der Hilfe der Haushaltsmitglieder statt und erfolgt vor allem für den eigenen Konsum (ebd.: 11), von anderen Klassen ist der Bauer weitgehend unabhängig. Dies alles verhindert eine starke Einbindung in die monetäre Ökonomie. Gleichzeitig ist er aber in eine größere soziale Ökonomie eingebunden, an der er sich anhand von Steuern oder Renten beteiligen muss (ebd.). Er wird vom Staat gezwungen den Überschuss seiner Ernte - auch wenn dieser nur gering ist - abzugeben. Als soziale Klasse sind die Bauern eine Konstruktion der kolonialen Macht (ebd.: 10). Der Bauer steht somit zwischen dem „primitiven Landwirt“ und dem „kapitalistischen Farmer“ (ebd.: 11). Was den Bauern von ersterem unterscheidet ist der effektive Abzug vom Überschuss (ebd.).
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Die Prozesse die zum Zeitpunkt seiner Studie in Afrika vorgehen bezeichnet Hyden deswegen als „Verbäuerlichung“ und nicht als „Proletarisierung“ (ebd.). Mit dieser Charakterisierung des Bauern in Afrika unterstellt Hyden verallgemeinernd, dass „der afrikanische Bauer“, der unterhalb der Sahara lebt, ein Kleinbauer ist. Er geht dabei nicht auf innerafrikanische unterschiedliche landwirtschaftliche Produktionsformen ein 3 .
1.1.2. Die Ökonomie der Zuneigung
Jeder Produktionsweise entspricht eine bestimmte Ökonomie. Die Ökonomie, die sich aus der bäuerlichen Produktionsweise entwickelt bezeichnet Hyden als „economy of affection“ bzw. „Ökonomie der Zuneigung“ 4 (Hyden 1985: 18). Innerhalb der Ökonomie der Zuneigung dominieren emotionale Bindungen, die auf der gemeinsamen Deszendenz und Residenz beruhen. Die Ökonomie der Zuneigung konzentriert sich auf das Problem der Reproduktion und nicht auf das der Produktion (ebd.). Gesellschaftliche Schichtung und soziale Ungleichheit basiert nicht auf der Kontrolle über die Produktionsmittel, sondern auf der Macht über die Reproduktionsmittel (also über die Frauen) (Meillassoux 1976: 58f., 64). Investitionen für den Erhalt sozialer Netzwerke sind keine Verschwendung und nicht irrational, da sie die potentiellen Ansprüche auf Vermögen erweitern und damit die Fähigkeit Risiko zu tragen (Hyden 1985: 19). Austauschbeziehungen und wirtschaftliches Handeln finden innerhalb des primordialen Rahmens statt. Gegenüber der Marktökonomie beweist sich die Ökonomie der Zuneigung als äußerst resistent (ebd.). Die ökonomische Struktur in Afrika wird beeinflusst von den zwei zueinander in Konkurrenz stehenden Produktionsweisen, der bäuerlichen und der kapitalistischen (ebd.). Die Marktkräfte haben lediglich einen Einfluss auf den Komfort der Bauern, nicht aber auf deren Existenz (ebd.: 21). Letztere wird nur von einer Transformation der Produktionsmittel beeinflusst (ebd.). Da der Bauer diese jedoch selbst kontrolliert (da er ja deren Eigentümer ist), ist eine gravierende Veränderung der Produktionsmittel ohne Zwang unwahrscheinlich. Die Achillesverse
3 s. dazu auch die Definition von Netting (1993: 1-29): Netting unterscheidet den Kleinbauern („smallholder“) von anderen landwirtschaftlichen Produzenten. Hauptkennzeichen des Kleinbauern ist demnach der permanente, intensive landwirtschaftliche Anbau. Netting schließt mit seiner Definition Bauern aus, die eine andere landwirtschaftliche Anbauweise, wie Wanderfeldbau und Schwendfeldbau, betreiben.
4 Im Folgenden werde ich diesen Begriff in seiner deutschen Übersetzung als „Ökonomie der Zuneigung“ verwenden.
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der bäuerlichen Produktionsweise ist ihre Abhängigkeit von den Bedingungen der natürlichen Umwelt (ebd.: 17). Ein drastischer Wandel der natürlichen Umwelt kann zum Ende der bäuerlichen Produktionsweise führen; die Bauern sind dann gezwungen sich nach außen hin zu orientieren, dass heißt sie müssen außerhalb der moralökonomischen Zusammenhänge agieren (ebd.).
1.2. Die Ökonomie der Zuneigung und ihre Bedeutung für die ländliche Entwicklung
Hyden geht auf den Begriff der Entwicklung nicht explizit ein und erläutert diesen nicht näher. Aus der Lektüre seines Buches sind aber einige Elemente der Entwicklung ableitbar. Immer wieder wird deutlich, dass Hyden wirtschaftliche Entwicklung mit Modernisierung gleichsetzt 5 . So bedeutet ländliche Entwicklung die Verbesserung und Transformation der Produktionsmittel und die Steigerung der Produktivität (Hyden 1985: 81). Entwicklung ist aber nicht zwangsweise mit Kapitalismus verbunden. Hyden möchte in diesem Buch ja gerade das Gegenteil beweisen, nämlich, dass Entwicklung in Afrika besser mit Hilfe sozialistischer Regierungen erreicht werden kann (ebd.: 200f.), wenn er auch betont, dass der Sozialismus dann ungeliebte Aufgaben des Kapitalismus übernehmen muss (ebd.: 221f.).
Im folgenden Abschnitt werde ich, der Argumentationslinie Hydens folgend, zunächst erklären, warum es den meisten afrikanischen Staaten bislang nicht gelang Entwicklung voran zu treiben. Im zweiten Teil gehe ich auf die Bedeutung von Macht und Klassenbildung für die Entwicklung ein und auf die Frage, warum die bäuerliche Produktionsweise einer Entwicklung im Wege steht.
1.2.1. Die Schwäche des Staates
Ohne eine schnelle Verbesserung des landwirtschaftlichen Sektors kann sich der Kapitalismus in Afrika nicht ausbreiten, er bedarf einer produktiveren Landnutzung (Hyden 1985: 21). Dies erfordert die Ersetzung der vorkapitalistischen bäuerlichen Produktionsweise durch eine effektivere (ebd.: 22). Das Eindringen des Kapitalismus
5 Hinsichtlich der politischen Entwicklung betont Hyden die Autonomie des Staates (Hyden 1985: 33)
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hat zwar die soziale Struktur in Afrika modifiziert, diese wird jedoch weiterhin von der vorkapitalistischen Produktionsweise beeinflusst (ebd.: 23). Der Kapitalismus hat die bäuerliche Produktionsweise nicht ersetzt, sondern ihr nur eine neue hinzugefügt (ebd.). Beide existieren weiterhin in einer kontroversen Beziehung zueinander (ebd.). Wie kann eine Transformation der Produktionsmittel dennoch erreicht werden? Hyden betont, dass die staatlichen Mittel sich bislang als ineffizient erwiesen haben. Im ländlichen Afrika greift der Staat nicht in die Lösung des Existenzproblems des Bauern ein, außer in einer Notlagesituation (ebd.: 23). Um den Bauern in die Marktökonomie zu integrieren gibt es vor allem vier Instrumentarien, die in Tansania jedoch alle nur einen mäßigen Erfolg bewirken konnten. Das erste Mittel ist die Eintreibung von Steuern, die den Bauern zwingen, einen Beitrag zur übergeordneten sozialen Wirtschaft zu leisten (ebd.: 24). Steuern als Mittel zur Ankurbelung der Produktion für den Markt haben ihr Ziel während der Kolonialzeit jedoch verfehlt. Wenn die Produktion für den Markt erst einmal angelaufen ist, bewirken Steuern nicht, dass sich diese ausbreitet (ebd.).
Ein weiteres Instrument um die Produktion zu erhöhen sind steigende Preise (ebd.). In Kreisen der Entwicklungshilfe wird dies als das am besten geeignete Instrument angesehen, um die Bauern zu erreichen (ebd.). Diese Politik geht von der Voraussetzung aus, dass der Markt einen großen Einfluss auf das Verhalten des Bauern hat (ebd.). Doch diese sind nur marginal in das kapitalistische System integriert (ebd.). Wegen dem Mangel an Arbeitskräften kommt die Produktion für den Markt meist nicht über eine bestimmte Stufe hinaus (ebd.) 6 . Ein politisches Mittel um die Unterordnung der Bauern zu erhöhen ist die Reorganisation der landwirtschaftlichen Produktion, z.B. in Form von staatlichen Farmen oder in der Bildung von dörflichen Niederlassungen, in denen der Zugang zu den Bauern für bürokratische Interventionen leichter ist (ebd.: 25). Doch diese Formen haben gezeigt, dass es auch hier Überbleibsel der bäuerlichen Gesellschaft gibt und soziale Beziehungen ihre eigene Existenz außerhalb der offiziellen Organisation fortführen (ebd.).
Die vierte staatliche Maßnahme die auf die kapitalistische Integration der Kleinbauern abzielt, ist die Bildung von „Dorf-Niederlassungen“ in die die Bauern umgesiedelt werden (ebd.). Die neue Umgebung soll das lokale Wissen der Bauern unbrauchbar
6 s. dazu auch (Berry 1993: 136). Während die Bauern auf Preissteigerungen in den 1960er Jahren reagierten, wiederholte sich dieser Effekt nicht nach einer positiven Veränderung der Preise in den 1970er Jahren. Die erwünschte Entwicklung blieb aus.
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machen, so dass sie offen sind für neue Ideen und Produktionsmethoden (ebd.). Doch da die Bauern die Eigentümer der Produktionsmittel sind, können sie sich der staatlichen Kontrolle durch einen Rückzug entziehen. Der Einfluss der Beamten bleibt gering, solange es an Arbeitskräften und nicht an Land mangelt (ebd.). Die Macht des Staates in Afrika ist begrenzt, da die staatlichen Aktionen beschränkt sind (ebd.: 26). Grund dafür ist die fehlende Legitimität des öffentlichen staatlichen Raumes in Afrika (ebd.). Der öffentliche und der private Raum basieren nicht auf denselben moralischen Grundlagen (ebd.: 27). Zudem existieren in Afrika, entsprechend zu den zwei unterschiedlichen Ökonomien, zwei unterschiedliche öffentliche Räume: Der staatsbürgerliche und der primordiale (ebd.). Der primordiale öffentliche Raum bezieht sich auf die primordialen Gruppen 7 (ebd.). Er ist moralisch aufgeladen und beinhaltet dieselben moralischen Normen wie der private Raum (ebd.). In ihm spielen moralische Verpflichtungen eine Rolle (ebd.). Der staatsbürgerliche öffentliche Raum hingegen bezieht sich auf die kolonialen Regeln und staatsbürgerlichen Strukturen (ebd.). Er ist amoralisch und hat keine allgemeinen moralischen Normen (ebd.). Innerhalb dieses Raumes versuchen die Individuen Gewinn zu erzielen (ebd.). Innerhalb einer fragmentierten Wirtschaftsbasis ist die Orientierung hin zum primordialen öffentlichen Raum hoch rational (ebd.). Solange die bäuerliche Produktionsweise, mit der entsprechenden Ökonomie der Zuneigung und dem primordialen öffentlichen Raum erhalten bleibt, haben die Kleinbauern die Machtposition inne: „(…) they do have the freedom to stay outside the state system“ (ebd.: 25).
1.2.2. Die Stärke der Kleinbauern
Wenn Klassen im Verlauf der wirtschaftlichen Geschichte zur Macht kamen, dann geschah das immer auf dem Rücken der Bauern, die untergeordnet wurden (Hyden 1985: 9). In der modernen industrialisierten Welt gibt es keine soziale Klasse der Bauern mehr (ebd.). Afrika ist der einzige Kontinent, in dem die Bauern nicht von anderen sozialen Klassen beschränkt werden (ebd.). Um eine
gesamtgesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben, muss der Bauer von anderen
7 Primordiale Bindungen umschreibt jene ersten Beziehungen, in denen das Individuum seine erste Sozialisation erfährt und die ersten prägenden Erfahrungen macht.
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sozialen Klassen abhängig gemacht werden (ebd.: 31). Entwicklung ist eine Frage der Macht und der Bildung von Machtstrukturen, die diese erleichtern (ebd). Gegenseitige Abhängigkeiten sind eine Vorraussetzung für den effektiven Nutzen von Macht: Eine Klasse muss das kontrollieren, was eine andere Klasse braucht (ebd). In diesem Zusammenhang haben die Bauern in Afrika die vorteilhaftere und mächtigere Position inne: Während die Kleinbourgeoisie von einer Steigerung der Erträge abhängig ist, sind die Dinge, die die Bauern wertschätzen, nämlich Bildungs-und Gesundheitswesen, nicht unbedingt notwendig, sondern nur wünschenswert (ebd.).
Wie oben schon erwähnt, konnte die staatliche Kontrolle Staat bislang nicht als regulierendes und entwicklungsförderndes Mittel eingesetzt werden. Die Bauern blieben gegenüber den Forderungen der offiziellen Politik gleichgültig, einerseits weil die Maßnahmen innerhalb des lokalen Rahmens sinnlos waren, oder weil die Bauern alternative Methoden hatten um mit dem Problem umzugehen (ebd.: 32). Klein ist mächtig, da es wirtschaftlich unabhängig ist (ebd.). Jene die Macht in Afrika besitzen sind nicht unbedingt diejenigen die die staatliche Kontrolle innehabe, sondern diejenigen, die sich außerhalb der staatlichen Kontrolle befinden, und das sind die Bauern (ebd.). Das Drohmittel der Bauern ist der Entzug der Unterstützung des Regimes (ebd.: 33). Die einzige Option des Staates, um seine Autonomie zu erlangen, ist die landwirtschaftliche Modernisierung (ebd.). Die Macht des Kleinen steckt in der bäuerlichen Produktionsweise und der eigenen alternativen Wirtschaft. Die Bauern wollen die Entwicklung nicht vorantreiben, da dies für sie den Verlust der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und der politischen Freiheit bedeuten würde (ebd.: 26). Bäuerliche Gemeinden sind zwar in die Warenproduktion eingeschlossen und somit teilweise in das kapitalistische System integriert (ebd.: 4). Auf der lokalen Ebene jedoch funktionieren die ökonomischen Strukturen des „vormodernen“ Lebens noch immer (ebd.). Hyden weist die negativen Folgen der Globalisierung als eine primäre Begründung für die Unterentwicklung Afrikas zurück. Die strukturellen Beschränkungen liegen nicht auf der globalen, sondern auf der lokalen Ebene, inmitten der bäuerlichen Ökonomie in Afrika (ebd.: 6). Die Herausforderung in Afrika ist der Kleinbauer, nicht die multinationalen Konzerne (ebd.) Für die Entwicklung ist die Zerstörung der bäuerlichen Produktionsweise somit unabdingbar.
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1.2.3. Zusammenfassung von Hydens Thesen
Das Handeln des Bauern ist von den Prämissen der Ökonomie der Zuneigung bestimmt und findet innerhalb seines primordialen Rahmens statt. Ziel dabei ist die Reproduktion des Haushaltes. Der Bauer betreibt Subsistenzanbau und erwirtschaftet dabei nur einen geringen Überschuss, der entweder anhand von Steuern an die kapitalistische Klasse, die nicht Landwirtschaft betreibt, bzw. deren landwirtschaftliche Produktion nicht dem Prinzip der Subsistenz folgt, weitergegeben wird oder auf dem Markt gegen notwendige Produkte eingetauscht wird. Der Bauer ist somit nur am Rande in die Marktökonomie integriert. Abhängig ist er nur von der Natur, gegenüber dem Staat ist er autonom. Er steht auch in keiner Abhängigkeitsbeziehung zu anderen Klassen. Deshalb kann es auch nicht zu Klassenkonflikten kommen, in deren Folge sich der Bauer der Macht des Staates unterwerfen würde. Da die Abhängigkeit zu anderen Klassen eine Voraussetzung für Entwicklung ist, kann eine Entwicklung und Modernisierung ohne die Zerstörung der Ökonomie der Zuneigung nicht stattfinden.
1.3. Theoretische Einordnung
In diesem Abschnitt möchte ich zum ersten einen Überblick über die Debatten innerhalb der Wirtschaftsethnologie geben, um anschließend Hydens Untersuchung theoretisch einzuordnen. Im zweiten Teil skizziere ich die Entwicklung des Ansatzes der Moralökonomie von Edward P. Thompson bis zur Studie von Hyden.
1.3.1. Die Hauptrichtungen der Wirtschaftsethnologie
Die Diskussionen innerhalb der Wirtschaftsethnologie werden vor allem geprägt von den drei Hauptrichtungen: dem Formalismus, dem Substantivismus und dem Marxismus bzw. der Kritik der politischen Ökonomie. Der Formalismus geht auf das neoklassische Wirtschaftsmodell zurück und postuliert den Homo oeconomicus, unterstellt also, dass dem wirtschaftlichen Handeln eines jeden Menschen ökonomisch rationale Motive zugrunde liegen. Der neoklassischen Theorie zu Folge ist der Mensch mit einer natürlichen Neigung zum Tausch und zum Handel
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ausgestattet (Polanyi 1978: 71). Diese ist universell, und gilt für den Menschen moderner industrialisierter Gesellschaften ebenso wie für den Menschen einer „vor-modernen“ Stammesgesellschaft. Das Individuum handelt nach dem utilitaristischen Kosten-Nutzen-Kalkül. Der Formalismus bestreitet damit jeglichen Einfluss sozialer Strukturen und Beziehungen auf die Produktion, die Verteilung und den Konsum (Granovetter 1985: 483). Das ökonomische Verhalten ist unabhängig von den sozialen Beziehungen (ebd.: 482). Die ökonomische Wahl wird durch die Kräfte des Marktes reguliert (Lemarchand 1989: 36). Landwirtschaftliche Entwicklung und Wandel wird durch die Reaktion des rationalen Akteurs auf die Anreize des Marktes erklärt (Berry 1993: 10). Demnach würde eine Preisanhebung dazu führen, dass die Bauern mehr produzieren, da sich ihr Gewinn dadurch vergrößert (ebd.). Die wirtschaftlichen Prozesse unterliegen den Kräften des Marktes und dem Mechanismus des Wettbewerbes. Der ökonomisch Handelnde hat als Ziel immer die Gewinnmaximierung im Auge. Politische und ökonomische Bereiche sind klar voneinander getrennt.
Diese Differenzierung zwischen politischen, sozialen und ökonomischen Beziehungen und Kontexten verneinen die Anhänger des Substantivismus. Karl Polanyi, Begründer der substantivistischen Theorie, betrachtet den Menschen in erster Linie als ein soziales Wesen (Polanyi 1978: 75). Seine Grundthese ist, dass die wirtschaftliche Tätigkeit in „Stammesgesellschaften“ in soziale Beziehungen eingebettet ist (ebd.). Das Handeln des Einzelnen dient nicht der Sicherung der individuellen Interessen und des materiellen Besitzes, sondern der Sicherung seines gesellschaftlichen Ranges, seiner gesellschaftlichen Ansprüche und Wert-vorstellungen (ebd.). Es gibt keine wirtschaftlichen Institutionen, vielmehr sind die wirtschaftlichen Beziehungen den sozialen Verhältnissen untergeordnet. Das ökonomische Verhalten wird von den drei Prinzipien der Reziprozität, der Redistribution (Polanyi 1978: 77) und der Haushaltung (ebd.: 85) bestimmt. Diese Prinzipien bewirken eine wirtschaftliche Ordnung ohne individuelle und ökonomische Motive. Die soziale Einbettung der Wirtschaft trifft jedoch nur auf Nicht-Marktgesellschaften zu. Im Zuge der Modernisierung differenzieren sich wirtschaftliche und soziale Bereiche aus.
Kritisiert wurde der Formalismus auch von Vertretern des marxistischen Ansatzes. Während sie mit den Formalisten den universellen Anspruch ihrer Konzepte teilen, bemängeln sie die Annahme, dass Macht außerhalb ökonomischer Prozesse existiert
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(Berry 1993: 11). „Power is treated not as exogenous, but rather as subordinate to processes of capitalist accumulation“ (ebd.: 12). Da sie die Kontrolle über die Ressourcen innehaben befinden sich die Kapitalisten in einer Vormachtstellung gegenüber dem Staat und können diesen somit für ihre eigenen Zwecke benutzen (ebd.). Sowohl innerhalb des formalistischen als auch beim marxistischen Ansatz spielt die Kultur eine untergeordnete Rolle. Bei der neoklassischen, formalistischen Theorie steht die Kultur außerhalb rationaler Erklärungsmodelle, die marxistische Theorie ordnet die Kultur den materiellen Bedingungen unter (ebd.). Obwohl Hyden in seiner Untersuchung marxistische Begriffe und Konzepte zur Hilfe nimmt (Produktionsmittel, Produktionsverhältnisse, Produktionsweise) und die „vor-moderne Produktionsweise“ 8 der Bauern sogar zum Mittelpunkt seiner Studie macht (Hyden 1985: 6), sagt er sich von den westlichen Konzepten des Liberalismus und Marxismus los (ebd.: ix). Er versucht Afrika anhand seiner genuinen Begrifflichkeit zu analysieren (ebd.) und plädiert dafür, unsere moderne westliche Rationalität nicht auf vormoderne Gesellschaften zu übertragen (ebd.: 3). Die moderne westliche Welt unterscheidet sich im Wesentlichen von der vormodernen durch die Transformation von organischem Material in inorganisches und die Ausbreitung der inorganischen Welt (ebd.: 1). Dies hat das materielle Leben in der Moderne kalkulierbar gemacht (ebd.: 2). Obwohl der marxistische Materialismus die Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Umwelt kritisiert, hat er dem nichts entgegenzusetzen, da er selbst auf der Ausbreitung er inorganischen Welt beruht (ebd.: 3). Hyden bestreitet somit den Universalismus der formalistischen und marxistischen Ansätze. Eher lässt sich seine Studie in die substantivistische Theorie einordnen, da er die vormoderne Gesellschaft stark von der modernen unterscheidet. Untersuchungsobjekt sind die vormodernen Strukturen, die das Verhalten der Bauern determinieren (ebd.: 5). Zur Beschreibung der sozialen Strukturen geht er nicht von den gegebenen Modellen aus, sondern von der Studie der afrikanischen Phänomene (ebd.). Dabei sieht er die Grundthese der Substantivisten, die soziale Einbettung wirtschaftlicher Tätigkeit, bestätigt.
8 Den Begriff der „Produktionsweise“ verwendet Hyden jedoch in einer erweiterten Fassung, vgl. dazu Abschnitt 1.1.1.
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1.3.2. Hydens Vorgänger
Edward P. Thompson verwendete in seinem Aufsatz „The Moral Economy of the English Crowd in the 18th Century“, der 1971 veröffentlicht wurde, als einer der ersten den Begriff der „moral economy“. Anhand des Konzeptes der Moralökonomie erklärt er die Aufstände der englischen Unterschicht im 18. Jahrhundert. Er betont die Legitimationsvorstellungen der Bevölkerung denen die Volksunruhen folgten (Thompson 1980: 69). Es gab eine Übereinstimmung in der Bevölkerung hinsichtlich dessen, was als legitim und was als illegitim betrachtet wurde. „Dieser Konsens wiederum beruhte auf einer in sich geschlossenen, traditionsbestimmten Auffassung von sozialen Normen und Verpflichtungen und von den angemessenen wirtschaftlichen Funktionen mehrerer Glieder innerhalb des Gemeinwesens. Zusammengenommen bildeten sie das, was man die ‚moralische Ökonomie’ der Armen, die „moral economy of the poor“, nennen könnte“ (ebd.: 69f.). Thompson geht nicht detailliert auf den Inhalt der sozialen Normen und Verpflichtungen ein, erwähnt aber an anderer Stelle den Einfluss des Prinzips der Subsistenz 9 (ebd.: 84) und die fürsorgliche Komponente. So ist die moralische Ökonomie in einem Gemeinwesen verwurzelt, in der die Not des anderen (noch) nicht ausgenutzt werden darf, um damit Profit zu machen (ebd.: 124). Thompson wendet das Konzept der Moralökonomie innerhalb einer Gesellschaft an, die durch die Ausbeutung einer Unterschicht durch die Oberschicht gekennzeichnet ist. Ziel der Moralökonomie ist es, diese Ausbeutung so einzugrenzen, dass es jedem Gesellschaftsmitglied möglich ist seine Existenz zu sichern und sich ausreichend mit den Lebensgrundlagen - in erster Linie Brot - zu versorgen.
Auch Scott schreibt die Moralökonomie einer Bevölkerungsschicht zu, die innerhalb eines feudalen Systems ausgebeutet wird. Bei seiner Untersuchung „The Moral Economy of the Peasant. Rebellion and Susbsistence in Southeast Asia“ (1976) zu Bauernunruhen in Südostasien zu Beginn des 20. Jahrhundert kommt er zu ähnlichen Ergebnissen wie Thompson: Bei ihren Unruhen klagten die Bauern ihr Recht auf Subsistenz ein und wehrten sich gegen eine übermäßige Ausbeutung.
9 Die Moralökonomie bei Thompson beschreibt jedoch nicht die Ökonomie der Bauern, sondern die der Unterschicht, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie keinen direkten Zugang zu Korn und Brot hat, sondern dies auf dem Markt erwerben muss.
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Nicht das feudale System an sich wurde in Frage gestellt. Vielmehr verlangten die Bauern von ihren Lehnsherren lediglich eine Gegenleistung dafür, dass sie in guten Zeiten von den Abgaben der Bauern lebten, nämlich die Anerkennung und Sicherung der Subsistenz in schlechten Zeiten. Sowohl Thompson als auch Scott beschreiben eine gesellschaftliche Situation, die sich im Umbruch von der feudalen bzw. paternalistischen hin zur kapitalistischen Gesellschaft befindet. Scott geht jedoch genauer auf die Implikationen der Moralökonomie ein. Das Handeln der Bauern ist bestimmt von der Reziprozitätsnorm und dem Subsistenzrecht. Dabei stehen die Bedürfnisse der Familie als Produktions- und Verbrauchereinheit im Vordergrund. Ziel ökonomischen Handelns ist die Existenzsicherung. Demnach hat die Risikominimierung Vorrang vor der Gewinnmaximierung. Alle wirtschaftlichen Tätigkeiten folgen diesem „safety-first-Prinzip“ (Scott 1976: 15-26).
Hyden knüpft an die von Scott beschriebenen Elemente der Moralökonomie zum Großen teil an (Reziprozitätsnorm, Subsistenzrecht, Orientierung zum Haushalt, Risikominimierung und Innovationsscheue). Doch im Gegensatz zu Scott kennzeichnet er die Kleinbauern in Afrika als eine gesellschaftliche Gruppe, die sich am Rande der übergeordneten staatlichen Gesellschaft befindet und von dieser unabhängig und autonom ist. Während Scott die Ausbeutung der Bauern bemängelt, betont Hyden die strukturelle Notwendigkeit einer Ausbeutung der Bauern durch eine andere Klasse zum Zwecke der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. „‘Exploitation‘ in this sense of the word, is inevitable in the African societies if they are to develop“ (Hyden 1985: 31).
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2. Die Verflechtung von Moralökonomie und Marktökonomie
Kritiker sehen die Schwäche von Hydens Argumenten vor allem darin, dass er Marktökonomie und Moralökonomie als klar voneinander getrennte Bereiche wahrnimmt. Neuere Theorien gehen jedoch von einer Verflechtung moralökonomischer und marktökonomischer Sphären aus. In diesem Abschnitt werden ich diese Ansätze darstellen und mit der Kritik Lemarchands an Hydens Thesen beginnen.
2.1. Kritik Lemarchands
Neun Jahre nach der ersten Veröffentlichung von Hydens Werk (1980), erschien die Rezension von Lemarchand mit dem Titel: „African Peasantries, Reciprocity and the Market. The Economy of Affection Reconsidered”. Die darin vorgebrachte Kritik lässt sich in konzeptionelle und inhaltliche Gesichtspunkte einteilen.
2.1.1. Konzeptionelle Kritik
Lemarchand kritisiert zunächst den holistischen Charakter der Ökonomie der Zuneigung (Lemarchand 1989: 34). Die Ökonomie der Zuneigung entwickelt sich aus der bäuerlichen Produktionsweise heraus (Hyden 1985: 18). Da die Arbeitsteilung und die Spezialisierung bei der bäuerlichen Produktionsweise gering sind, findet auch nur wenig Austausch zwischen den Einheiten statt (Lemarchand 1989: 37). Durch die Ökonomie der Zuneigung werden die Einheiten, die ansonsten autonom wären, miteinander verbunden (ebd.). Die Individuen und die Gemeinschaften werden durch Bindungen, die von Solidarität und Zuneigung geprägt sind, zusammengehalten (ebd.). Als Organisationsprinzip entwickelt die Ökonomie der Zuneigung informelle Mechanismen, die die Bildung eines schwachen Staates begünstigen (ebd.). Das Konzept ist durch diese Implikationen so weitläufig und umfassend, dass es nahezu alle Phänomene in Afrika erklärt: Patron-Client-Beziehungen, Korruption und Unterentwicklung sind alle auf die Ökonomie der Zuneigung zurück zu führen. Dadurch wird der Begriff untauglich und verliert seine Erklärungskraft (Lemarchand 1989: 34). Zudem unterschlägt Hyden die Vielfalt und
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Unterschiedlichkeit der Phänomene. Mit Hilfe der Ökonomie der Zuneigung begründet er z.B. einmal die Befreiungsbewegungen am Ende der Kolonialzeit, während der postkolonialen Zeit spricht er ihr jedoch einen revolutionären Charakter ab, da die Bauern kein Interesse an Klassenkämpfen hätten (ebd.: 38). Lemarchand schlussfolgert daraus, dass Hyden in der afrikanischen Gesellschaft mehr Uniformität als Unterschiedlichkeit wahrnimmt (ebd.: 39).
Die zweite Schwäche des Begriffes ist sein statischer Charakter (ebd.: 34). Hyden erklärt nicht unter welchen Bedingungen sich die Ökonomie der Zuneigung in eine Ökonomie, die nicht auf Zuneigung basiert, wandelt. Er erläutert z.B. nicht die Entstehung kleinkapitalistischer Bauern. Doch nur wenn man von der Annahme ausgeht, dass sich das Konzept wandeln kann, ist es laut Lemarchand operiatonal (ebd.: 34). Hyden betont immer wieder die Autonomie der Kleinbauern gegenüber staatlichem Handeln und ignoriert dabei jeglichen Einfluss äußeren Wandels auf die „vormodernen“ afrikanischen Institutionen. Lemarchand hingegen betont die Beschränkungen der afrikanischen Bauern durch den Kolonialismus. Er fordert, dass das Konzept der Ökonomie der Zuneigung diese Beschränkungen, die sich aus dem Prozess der ländlichen Klassenbildung ergeben haben, mehr beachtet (ebd.: 57). Ebenso wichtig ist der Einfluss der ökonomischen und finanziellen Krise des kolonialen Kapitalismus auf die einheimischen afrikanischen Institutionen (ebd.).
2.1.2. Inhaltliche Kritik
Lemarchands inhaltliche Kritik zielt in erster Linie auf die Motive ab, die hinter der wirtschaftlichen Wahl des Bauern stehen. Er bezweifelt, dass sie ausschließlich von kulturellen, moralischen Imperativen bestimmt wird. Interessant ist vielmehr die Frage, inwieweit soziale Solidarität, die auf Zuneigung basiert, mit Austauschbeziehungen, die auf dem eigenen Interesse gründen, kompatibel oder durch diese sogar ersetzbar sind (Lemarchand 1989: 35). Das charakteristische Kennzeichen der Ökonomie der Zuneigung ist die soziale Logik der Reziprozität. Hyden nennt jedoch nicht die Ebenen, in denen Reziprozität angewandt wird und erläutert somit nicht die Stärke und Weite seiner moralischen Qualität (ebd.: 40). Es bleibt unklar, ob Reziprozität eine Regel ist, die in spezifischen Kontexten angewandt wird, oder eine weit verbreitete Verhaltensnorm (ebd.).
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„It is one thing to say that member of a rotating credit association abide by the rule of reciprocity and make regular cash contributions to a common fund, (…) it is quite another to assume, with Mauss and Malinowski, that the principle of reciprocity is the organizing force of society. The former is well established and empirically verifiable; the latter takes for granted what needs to be demonstrated, namely that people reciprocate out of cultural or psychological compulsion rather than for self-interested motives” (ebd.).
Indem man versucht alle gesellschaftlichen Prozesse mit Hilfe der unsichtbaren Hand der Reziprozität zu erklären, geht man reduktionistisch vor (ebd.: 41). Auch Granovetter kritisiert diesen Reduktionismus, den sich Substantivisten oft zu Schulden kommen lassen. Er bezeichnet Konzepte, in denen der soziale Einfluss auf das Handeln des Einzelnen über internalisierte Normen, Gewohnheiten und Bräuche bestimmt ist, als „oversocialized“ (Granovetter 1985: 485). Das Handeln des Einzelnen wird auf automatische, mechanische Reaktionen reduziert (ebd.). Dabei wird der Akteur losgelöst von seinem unmittelbaren sozialen Kontext betrachtet (ebd.). Granovetter hält dem entgegen, dass Kultur keine einmalige Determinante ist, sondern einem fortlaufenden Prozess, der andauernd in Interaktionen konstruiert und rekonstruiert wird, unterlegen ist (ebd.: 486). Es gilt demnach das Handeln des Akteurs innerhalb seiner konkreten Systeme sozialer Beziehungen zu untersuchen (ebd.: 487).
Uneinigkeit besteht auch über die Motivation der Reziprozität. Stellt Reziprozität eine kulturelle Verpflichtung dar oder wird sie aus einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung heraus vollzogen (Lemarchand 1989: 41)? Lemarchand ordnet Hyden der theoretischen Richtung zu, die die normative Komponente der Reziprozität betonen (ebd.). Hyden spricht der Ökonomie der Zuneigung jegliche utilitaristische Bedeutung ab, während Lemarchand bezweifelt, dass Zuneigung zwingend utilitaristische und egoistische Motive ausschließt (ebd.). Nicht jede Austauschbeziehung beruht auf Reziprozität, zudem sind die nicht-ökonomischen Motive eines sozialen Austausches beschränkt (ebd.: 41f.). Angebrachter wäre es, ökonomische und nicht-ökonomische Motive an den zwei Enden einer Skala zu sehen (ebd.: 42). Diese würde vom altruistischen Austausch bis zum egoistischen reichen (ebd.). Inwieweit Elemente der Zuneigung oder des Utilitarismus eine Rolle bei den jeweiligen Austauschbeziehungen spielen, lässt sich nur anhand der Empirie feststellen (ebd.). Lemarchand unterscheidet die Varianten des sozialen Austausches anhand von drei Kriterien. Die erste Frage behandelt die unterschiedlichen Motivationen (ebd.: 43). Ist
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der soziale Austausch spezifiziert oder diffus (ebd.)? Werden also spezifische Vorteile gegenseitig ausgetauscht, wie dies bei Kreditgruppen der Fall ist, oder geht es um unspezifische diffuse Leistungen, wie bei Patron-Client-Beziehungen (ebd.)? Während bei Kreditgruppen auch nicht-ökonomische Zwecke verfolgt werden, wie die Erlangung eines sozialen Status, spielen bei Patron-Client-Beziehungen ausschließlich diffuse, nicht-ökonomische Elemente eine Rolle (ebd.: 44). Ein zweites Einteilungsmerkmal ist die soziale Distanz der beteiligten Akteure (ebd.: 45). Dabei begünstigen ungleiche Machtverhältnisse einen unausgeglichenen Austausch und wirtschaftliche Ausbeutung (ebd.). Fairer Tausch ist aber nicht nur vom Machtverhältnis der Tauschpartner, sondern auch vom Grad der Institutionalisierung abhängig (ebd.: 48). Ist der Austausch durch einen kulturellen Code institutionalisiert, gibt es also moralische Beschränkungen, so kann man sich dem sozialen Druck, einen fairen Tausch zu beschließen, kaum widersetzen (ebd.).
Der zweite inhaltliche Kritikpunkt hinterfragt die Kapazität der Bauern, sich der Marktökonomie zu entziehen. Lemarchand stellt die Frage, bis zu welchem Grad primordiale Bindungen wirklich die Beteiligung der Marktökonomie hemmen und inwieweit die Bauern in die kapitalistische Ökonomie integriert sind (ebd.: 35, 58). Für Hyden gibt es strukturelle Unvereinbarkeiten zwischen der Ökonomie der Zuneigung und den Anforderungen der kapitalistischen Wirtschaft (ebd.: 57). Andere Autoren betonen hingegen die Elemente der wirtschaftlichen Rationalität im Verhalten der Bauern (ebd.). Ein kritischer Punkt liegt in den Risiken, die mit der kapitalistischen Produktion verbunden sind (ebd.: 58). Entscheidend ist nicht die Auswahl zwischen Risikovermeidung und Profit, sondern die Frage, ob der Profit mit den sozialen Verpflichtungen, die mit der Mitgliedschaft in einer verwandtschaftlichen Gruppe verbunden sind, vereinbar ist (ebd.). Risikofaktoren werden also innerhalb des Rahmens der Subsistenzethik und der Ethik der sozialen Verpflichtungen gegenüber einer sozialen Gruppe kalkuliert (ebd.). Dies begründet auch die unterschiedlichen Reaktionsweisen auf die Marktökonomie (ebd.). Wo die Einführung eines cash crop der Besteuerung durch die koloniale Regierung vorausging und mit dieser somit nicht zusammenhing, florierte der ländliche Kapitalismus (Bsp.: Kakao-Anbau in Ghana) (ebd.). Wurde das cash crop unter Zwang eingeführt und war dies verbunden mit der Besteuerung und mit Zwangsarbeit, so erhöhten sich die Risiken für die Erhaltung der Subsistenz und der sozialen Verpflichtungen und die Bauern
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reagierten mit großem Widerstand (ebd.: 59). Folgens Lemarchand sind die Ökonomie der Zuneigung und die Ethik des Kapitalismus nicht prinzipiell miteinander unvereinbar (ebd.: 60). Es gibt Situationen, in denen die Subsistenzökonomie die Integration in den Sektor der Lohnarbeit subventioniert oder die Lohnarbeiter durch die Rückzugsmöglichkeit in die Subsistenzproduktion eine Verhandlungsmacht zur Erlangung besserer Arbeitsbedingungen besitzen (ebd.). Doch auch der umgekehrte Fall ist denkbar, nämlich dass die kapitalistische Wirtschaft zur Erhaltung der Moralökonomie beiträgt:
„To carry the argument a step further, one might also conceive of situations where the normative pressure of the traditional order act as major incentives for involvement in the capitalist economy. Rather than the economy of affection providing a margin of security for extracting higher benefits from capitalist employers, here the shoe is on the other foot, with the rewards of the capitalist economy providing the guarantees, as it were, of continuing or increasing high social standing in traditional milieux. In this sense the feedback of the capitalist economy into traditional social networks can only help reinforce their hold on society.” (ebd.)
2.2. Der Bielefelder Verflechtungsansatz
Lemarchand deutet bereits auf die Vereinbarkeit der Ökonomie der Zuneigung mit der Ethik des Kapitalismus hin (Lemarchand 1989: 60) und verweist auf mögliche Verbindungen zwischen Subsistenzökonomie und der kapitalistischen Wirtschaft. Zu Beginn der 1980er Jahre entwickelten Sozialanthropologen und Entwicklungssoziologen der Universität Bielefeld einen theoretischen Ansatz, der genau diese Verflechtung von Subsistenz- und Marktökonomie zum Inhalt hat. Im Folgenden nenne ich die Kernthesen dieses Bielefelder Verflechtungsansatzes.
2.2.1. Kritik an westlichen Entwicklungstheorien
Der Bielefelder Verflechtungsansatz versteht sich als kritische Ergänzung zur Dependenz- und Weltsystemtheorie (Evers 1986: 1). Vertreter der Dependenztheorie übersehen die Wirtschaftsbereiche, die außerhalb des formalen Lohnsektors liegen, wie die Hauswirtschaft, die unbezahlte Frauenarbeit, die Reproduktion von Wohnraum und die agrarische Subsistenzproduktion (ebd.). Diese Wirtschaftsbereiche werden zwar als Subsistenz(land)wirtschaft wahrgenommen, ihre Verflechtung mit
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der Warenökonomie wird jedoch nicht erkannt (ebd.). Während Modernisierungs-theoretiker die Subsistenzwirtschaft „als unterentwickelte Vorstufe der (höher) entwickelten Markwirtschaft“ (ebd.) verstehen, ordnen die Vertreter der Dependenz-theorie die traditionelle Subsistenzwirtschaft in einem dualistischen Modell ein, in dem sie der modernen Marktwirtschaft gegenüber steht (ebd.; Elwert 1984: 381). Der Stagnationsthese - einem Ansatz der Dependenztheorie - zu Folge existieren in den Entwicklungsländern die traditionelle 10 und die moderne Produktionsweise nebeneinander (Elwert 1984: 381). Zwar hat sich das Gesicht der vormodernen Produktionsweise durch das Eindringen der Warenökonomie verändert, ihre Basis blieb jedoch erhalten und wirkt sich hemmend auf eine weitere wirtschaftliche Entwicklung aus (ebd.). Genau dieselbe Argumentationslinie finden wir auch bei Hyden, wenn er von den zwei bestehenden Produktionsweisen spricht (Hyden 1985: 19) und die entwicklungshemmende Wirkung der bäuerlichen Produktionsweise betont. Als Ursache der Unterentwicklung betrachten sowohl Vertreter der Stagnationsthese als auch Modernisierungstheoretiker das Eindringen und die Expansion des Kapitalismus in die vorkoloniale Wirtschaftsweise und die Resistenz der traditionellen Strukturen (Elwert 1984: 381).
2.2.2. Verflechtung von Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft
Vertreter des Bielefelder Ansatzes lehnen eine Trennung „traditioneller“ und „moderner“ Wirtschaftsbereiche ab.
„Eine dualistische Trennung, eine Dichotomisierung in Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft ist ebenso unvertretbar, wie eine evolutionstheoretisch begründetet Lehre vom Übergang von dem einen in das andere Wirtschaftssystem. Subsistenzproduktion und Marktproduktion sind immer eng verflochten, wenn auch in regional und zeitlich unterschiedlichen Figurationen“ (Evers 1986: 2).
Demnach gibt es keine Wirtschaft, innerhalb derer sich die Produktionseinheiten völlig autonom ernähren können und keine Ökonomie, die ohne ein gewisses Maß an Subsistenzproduktion existieren kann (ebd.). Der Einzelne produziert sowohl für den Markt, als auch für den eigenen Gebrauch, handelt demnach mal nach den
10 Als „traditionell“ wird von den Entwicklungstheoretikern „alles, was technologisch gesehen vorindustriell wirkt und was in der Sozialorganisation nicht unserem Modell von Marktwirtschaft entspricht“ (Elwert 1984:380) bezeichnet. Somit wird eine Trennung von traditionellen und modernen Strukturen postuliert.
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Rationalitäten der Marktwirtschaft und mal nach den Werten der Subsistenzökonomie (ebd.: 3). Die unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche stehen in einer Beziehung zueinander und sind eng miteinander verflochten. Evers geht von einer Verflechtung unterschiedlicher Produktionsformen aus, die innerhalb der gleichen kapitalistischen Produktionsweise zusammengefasst sind 11 (ebd.: 3). Er widerspricht damit Hyden, der zwischen der bäuerlichen und der kapitalistischen Produktionsweise unterscheidet. Gegenstand des Verflechtungsansatzes sind das Verhältnis und die Beziehungen der unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche 12 zueinander, sowie der Wandel innerhalb dieser Bereiche, der durch die Verflechtung hervorgerufen wird (Elwert 1984: 385). Genauer gesagt geht es um den Austausch von Gütern und Leistungen zwischen den verschiedenen Wirtschaftsbereichen, um die soziale Kontrolle und das Machtverhältnis, das diesen Austausch begleitet und ermöglicht, um den Konflikt der unterschiedlichen Handlungsrationalitäten (Gewinnmaximierung versus Risikoaversität) und den internen historischen Wandel der Wirtschaftsbereiche (ebd.).
Die Einführung und Expansion der Warenproduktion in Entwicklungsländern führte zu zwei unterschiedlichen Prozessen. Zum einen ist eine Zerstörung der Subsistenzökonomie zu erkennen (ebd.: 387). Zum anderen finden sich auch Fälle, in denen Formen der Subsistenzproduktion wiederhergestellt und restrukturiert werden (ebd.: 388). So ist die Subsistenzproduktion nicht mehr nur auf den ländlichen Raum beschränkt, sondern setzt sich auch in der Stadt fort (Evers 1986: 2). Hier werden nicht nur Nahrungsmittel für den eigenen Konsum angebaut, sondern auch der Wohnraum wird selbst produziert und konsumiert (ebd.). Meist findet eine Umwandlung von einer „autonomen Subsistenzproduktion“ hin zu einer „dependenten Subsistenzproduktion“ statt, das heißt die Produktionsmittel werden zunehmend außerhalb der Produktionseinheit hergestellt (Elwert 1984: 388). In diesem Fall ist die Subsistenzökonomie auf die Warenökonomie angewiesen (ebd.). Die Integration in die Warenökonomie trägt somit nicht unbedingt zu einer Zerstörung der Subsistenzwirtschaft bei, sondern kann umgekehrt zu deren Erhalt verwendet
11 Während Evers zwischen den verschiedenen Produktionsformen unterscheidet, trennt Elwert unterschiedliche Produktionsweisen. Elwert setzt die sozio-ökonomischen Produktionsweisen mit sozio-ökonomischen Sektoren gleich, die innerhalb eines sozio-ökonomischen Zusammenhangs existieren. Unter dem Begriff des sozio-ökonomischen Sektors fasst er die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte zusammen (Evers 1984: 384). Damit kommt er der Definition von Hyden näher.
12 Mit Wirtschaftsbereich werde ich im Folgenden das bezeichnen, was Evers unter Produktionsformen und Elwert unter Produktionsweise bzw. Sektor versteht.
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werden (Evers 1986: 7). Die Subsistenzproduktion wird z.B. durch die Lohnarbeit subventioniert (ebd.). Erst die Einbindung in die Warenökonomie ermöglicht dann den Erhalt der Subsistenzwirtschaft (ebd.). Gerade im Bereich der Lohnarbeit finden sich aber auch Beispiele für den umgekehrten Fall, nämlich dass die Integration in die Warenökonomie durch die Subsistenzproduktion subventioniert wird. Oft ist ein Eintritt in den formalen Sektor der Lohnarbeit nicht ohne den Input aus der Subsistenzarbeit möglich (Evers 1986: 6).
2.2.3. Moralökonomie und Marktökonomie
Die Verwendung des Begriffes der Moralökonomie begrenzt Elwert nicht auf vor-moderne Gesellschaften und Gesellschaften, die sich in einem
Transformationsprozess befinden. Auch die moderne Marktgesellschaft ist moralökonomisch eingebettet (Elwert 1987: 302). Elwert versteht unter Moralökonomie „die generalisierte Reziprozität [die] durch moralische Forderungen zu einem Muster stabilisiert wird (…). Zu ihr gehören z.T. subtile Formen der sozialen Kontrolle“ (ebd.: 301). Die zu Mustern stabilisierte generalisierte Reziprozität artikuliert sich in der modernen Marktökonomie in der Form der bürgerlichen Tugenden (ebd.: 399). Die Moralökonomie bettet die Marktökonomie ein, schafft Vertrauen und Sicherheit (ebd.). Der moralökonomische Austausch findet nach dem Prinzip der generalisierten Reziprozität statt: Leistungen und Gaben werden gratis erbracht, ohne eine sofortige, gleichwertige Gegenleistung zu erwarten (ebd.). Innerhalb der Markwirtschaft ist moralökonomisches Handeln nicht auf jene Gesellschaftsmitglieder beschränkt, die man kennt, mit denen man verwandt ist oder mit denen man eine soziale Beziehung pflegt (ebd.). Da die Gratisleistungen für anonyme Personen erbracht werden, setzt dies die Konstruktion einer (virtuellen) Gemeinschaft voraus (ebd.; Elwert 1987: 314). Die Existenz von Vertrauen ist eine essentielle Voraussetzung für die Ausbreitung der Warenökonomie (Elwert 1987: 306). Deshalb ist die Existenz und Expansion der Marktökonomie ohne ihre Verflechtung mit der Moralökonomie nicht denkbar, solange man einen Rückfall in einem Markt, der von venaler Käuflichkeit bestimmt ist, vermeiden will (ebd.: 400).
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3. Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie
In diesem Kapitel stelle ich vor allem die Ergebnisse der Dissertation von Luise Steinwachs vor. Dabei werde ich gelegentlich sowohl auf den Text von Hyden und möglichen Vergleichspunkten verweisen, als auch Steinwachs Anknüpfungspunkte zum Modell der Bielefelder Entwicklungssoziologen aufzeigen und darstellen, inwieweit Steinwachs dieses Modell modifiziert und schließlich in Frage stellt. Beginnen werde ich mit dem Gegenstand der empirischen Untersuchung von Steinwachs, nämlich der Herstellung sozialer Sicherheit und ihrem Zusammenhang mit der Moralökonomie. In den folgenden zwei Abschnitten (3.1. & 3.2.) stelle ich die Ergebnisse und Thesen Steinwachs dar.
3.1. Sicherheit und Moralökonomie
Auf dem ersten Blick scheinen die Texte von Hyden und Steinwachs wenig miteinander gemein zu haben, von dem Ort der Forschung, Tansania, einmal abgesehen. Während Hydens Gegenstand die Unterentwicklung in Tansania ist, thematisiert Steinwachs die Herstellung sozialer Sicherheit. Inwiefern die Unterentwicklung afrikanischer Länder auf der Ökonomie der Zuneigung basiert wurde ausführlich erläutert. Doch wie hängt die Herstellung sozialer Sicherheit mit der Moralökonomie zusammen? Moralökonomische Zusammenhänge dienen dem Zweck soziale Sicherheit zu generieren. Wie aber wird soziale Sicherheit in einer Gesellschaft hergestellt, die bereits in Prozesse der Monetarisierung und der Integration in die Marktwirtschaft eingebunden ist?
In seiner Rezension über Hydens Untersuchung wirft Lemarchand die Frage auf, ob und inwieweit rational-ökonomische Motive bei Handlungen der Bauern eine Rolle spielen (Lemarchand 1989: 36). Er plädiert dafür, das jeweilige Maß des Einflusses der Ökonomie der Zuneigung und der Marktökonomie auf das Verhalten der Bauern in spezifischen Situationen zu untersuchen, da diese Frage nur empirisch geklärt werden kann (ebd.: 37). Hyden fehlt jedoch der Maßstab, der zur Beantwortung der Frage nötig ist (ebd.).
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Scott hingegen wendet das „safety-first-Prinzip“ an (ebd.): Inwieweit das Handeln des Bauern marktökonomischen Rationalitäten folgt, hängt davon ab, ob es mit der Herstellung von nachhaltiger Sicherheit für den gesamten Haushalt vereinbar ist.
“The safety-first principle thus does not imply that peasants are creatures of custom who never take risks they can avoid. When innovations such as dry season crops, new seeds, planting techniques, or production for market offer clear and substantial gains at little or no risk to subsistence security, one is likely to find peasants plunging ahead. What safety-first does imply, however, is that there is a defensive perimeter around subsistence routines within which risks are avoided as potentially catastrophic and outside of which a more bourgeois calculus of profit prevails” (Scott 1976: 24).
Die Herstellung von Sicherheit hat Priorität vor der Maximierung des Gewinnes. Dies bedeutet aber nicht, dass markt- und gewinnorientiertes Handeln automatisch der Herstellung von Sicherheit widerspricht. Steinwachs Argument geht sogar soweit, dass soziale Sicherheit gerade innerhalb von jenen sozialen Beziehungen und Netzwerken hergestellt wird, die sich durch eine enge Verflechtung von wirtschaftlichem und sozialem Handeln auszeichnen (Steinwachs 2004: 99). Bevor ich näher auf die Thesen von Steinwachs eingehe, möchte ich kurz ihr Konzept von sozialer Sicherheit erläutern. Bei der Analyse von Sicherheit wurden lange Zeit in erster Linie formale, meist staatliche Sicherungssysteme berücksichtigt (ebd.: 10). Eine erste Erweiterung des Begriffes fand durch die Eingliederung informeller kleinerer Organisationen statt, die der Herstellung sozialer Sicherheit dienen, und meist im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit auftreten (z.B. Kredit- und Spargruppen) (ebd.: 10). Steinwachs will darüber hinaus jedoch auch die sozialen Institutionen und Beziehungen mit einbeziehen, deren Ziel nicht vornehmlich soziale Sicherheit ist, die dennoch aber einen großen Beitrag zu deren Entstehung leisten (ebd.: 11). Sie definiert soziale Sicherheit folgendermaßen:
„Soziale Sicherheit wird (...) verstanden als diejenigen Aspekte und Dimensionen von sozialen Beziehungen und sozialen Institutionen, die darauf gerichtet sind, die Herstellung bzw. Aufrechterhaltung der Lebensgrundlagen zu sichern. Diese sozialen Beziehungen und sozialen Institutionen werden permanent von Akteuren durch deren Handlungen produziert, reproduziert und verändert“ (ebd.: 9).
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Soziale Sicherheit wird durch die Verflechtung und das Ineinandergreifen verschiedener sozialer Bereiche und Dimensionen hergestellt (ebd.: 11). Gerade diese Verbindungen haben einen für die soziale Sicherheit konstituierenden Charakter (ebd.).
3.2. Die Rolle der Moralökonomie bei Steinwachs
Im Gegensatz zu Hydens Analyse gründet die Untersuchung von Steinwachs auf einer Fülle qualitativer empirischer Daten. Bei ihren mehrmonatigen Feldforschungen untersuchte sie das Alltagshandeln und die Alltagsrealität der Menschen in Tansania (Steinwachs 2004: 2). Ausgangspunkt war die Frage „wie Handelnde in ihrer Alltagsrealität soziale Sicherheit herstellen“ (ebd.). Bei ihrer Analyse stand die soziale Wirklichkeitskonstruktion des Akteurs im Mittelpunkt. Ziel war es, dessen Handeln nachzuvollziehen und die Relevanzstruktur seiner Handlung heraus zu arbeiten (ebd.: 12). Bereits in der Methode unterscheidet sich Steinwachs von Hyden. Während letzterer einen strukturellen Ansatz verfolgt, indem er die strukturellen Determinanten des bäuerlichen Verhaltens untersucht, vertritt Steinwachs einen akteursorientierten Forschungsansatz. Im Folgenden werde ich auf die Bedeutung der Moralökonomie bei der Herstellung sozialer Sicherheit, wie sie von Steinwachs heraus gearbeitet wurde, eingehen.
3.2.1. Die Herstellung sozialer Sicherheit durch die soziale Einbettung der Ökonomie
Eine Strategie zur Sicherung der Lebensgrundlage ist die Diversifizierung von Einkommen und die Verflechtung unterschiedlicher Produktionsbereiche. Vor allem Frauen verfolgen Produktionsformen, bei denen die Produktion für den Markt und für die Subsistenz miteinander verbunden werden können (Steinwachs 2004: 107). Durch die Diversifizierung von Einkommen werden die unterschiedlichen Einkommensquellen gegenseitig abgesichert (ebd.: 108). Das Überleben kann meist nur durch eine Kombination aus Subsistenzproduktion, informeller und formeller Tätigkeiten gesichert werden. Dabei ist es von Fall zu Fall verschieden, welche Wirtschaftsbereiche dominieren (Evers 1986: 3). Formale Lohnarbeit allein reicht
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nicht aus, da das feste formale Einkommen die Ernährungsgrundlage nicht direkt absichert, so ist „Lohnarbeit ohne die Subsistenzproduktion nicht denkbar“ (Steinwachs 2004: 10). Zudem gleicht die Diversifikation von Einkommen saisonelle Schwankungen in der Landwirtschaft sowie bei wirtschaftlichen Tätigkeiten außerhalb der Landwirtschaft aus (ebd.). Die Verflechtung der Produktionsformen eröffnet und erweitert den Handlungsspielraum des Akteurs (ebd.: 116).
„Ökonomische Handlungsräume entstehen durch die Verknüpfung von Strategien und den Fluss von Ressourcen zwischen verschiedenen Einkommensbereichen, durch die die Aufrechterhaltung verschiedener ökonomischer Aktivitäten gewährleistet wird“ (ebd.).
Die Subsistenzsicherung stellt, neben der Sicherung des Lebensstandards unabhängig von finanziellen Ressourcen und monetären Schwankungen, eine „nichtmonetäre Investition in soziale Beziehungen“ dar (ebd.). Sie zielt nicht nur auf die Versorgung des eigenen Haushaltes ab, sondern auch auf die Möglichkeit, Austauschbeziehungen zu schließen, indem soziale Verpflichtungen geleistet werden (ebd.: 122). Um Austauschbeziehungen aufzubauen, bedarf es einer Investition, z.B. eines Geschenkes (ebd.: 123). Wird dieses angenommen, besteht eine Ungleichheit, die konstituierend ist für das Bestehen reziproker Beziehungen (ebd.). Um an Unterstützungsbeziehungen und -netzwerken teilnehmen zu können, bedarf es demnach Ressourcen, die über den Eigenverbrauch hinausgehen und die in diese Beziehungen und Netzwerke einfließen können (ebd.: 124). Steinwachs verwendet das Konzept der Solidaritätskapazität um die Partizipationsfähigkeit an Austauschbeziehungen, die der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung dienen, zu beschreiben:
„Das (…) Konzept der Solidaritätskapazität betrifft die auf soziale Beziehungen und auf ökonomische Ressourcen beruhende Fähigkeit, an
Austauschbeziehungen, die sozialen Regeln folgen, teilzunehmen und damit einen entscheidenden Beitrag zur Herstellung sozialer Sicherheit zu leisten“ (ebd.: 122).
Soziale Sicherheit wird vorrangig nicht durch die Akkumulation von monetären Ressourcen, sondern von sozialen Anrechten gewährleistet. Durch die Teilnahme an sozialen Austauschbeziehungen bekommt man Zugang zu Anrechten und kann diese etablieren (ebd.: 126). Das Geben und Nehmen ist nicht ausgeglichen, vielmehr geht es um die „kontextabhängige Etablierung von Anrechten auf Leistungen“ (ebd.: 127).
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Anrechte müssen immer wieder ausgehandelt und argumentativ etabliert werden (ebd.). Die Herstellung von Sicherheit ist nicht nur von dem Besitz oder Zugang zu Ressourcen abhängig, sondern auch vom Zugang und von der Zugehörigkeit zu moralökonomischen Gemeinschaften, die einem Anrechte auf Austausch gewährleisten (ebd.). Solidaritätskapazität hängt somit von dem Vorhandensein von Ressourcen und der Partizipationsmöglichkeit an sozialem Austausch ab (ebd.). Der Zusammenhang zwischen Solidaritätskapazität, Austauschbeziehungen und sozialer Sicherheit lässt sich auch in einem Dreieck grafisch veranschaulichen: Aufgrund der Solidaritätskapazität, die auf ökonomischen und sozialen Kapital gründet, kann der Akteur in soziale Austauschbeziehungen investieren und an diesen teilnehmen. Dadurch bekommt er Anrechte auf Leistungen, die ihm soziale Sicherheit gewähren. Diese besteht in der Existenzsicherung, auch in Notsituationen und in überschüssigem Kapital, dass wieder eine Solidaritätskapazität garantiert. Steinwachs Argument ist nun, dass innerhalb der sozialen Austauschbeziehungen marktökonomische und moralökonomische Handlungsrationalitäten gleichzeitig verfolgt werden. Darum soll es im nächsten Abschnitt gehen.
3.2.2. Die Verflechtung moralökonomischer und marktökonomischer Handlungsrationalitäten
Steinwachs definiert Moralökonomie als soziale Einbettung ökonomischer Tätigkeit.
„Gemeinsam sind den Konzepten der Moralökonomie (Scott, Elwert), dass es sich um Übereinkünfte und Normen handelt, wie wirtschaftlicher Austausch innerhalb eines bestimmten sozialen Zusammenhangs oder einer bestimmbaren Gemeinschaft geregelt wird“ (Steinwachs 2004: 127).
Die soziale Einbettung macht sich mehrfach bemerkbar. So finden Handelswegen und die Erschließung neuer Märkte meist entlang von sozialen Beziehungen statt, da soziale Beziehungen aufgrund des ihnen innewohnenden Vertrauens bevorzugt werden (ebd.: 117). Neue Märkte werden mit Hilfe von bereits bestehenden sozialen Beziehungen erschlossen, die dann einer Neuformulierung und -aushandlung unterzogen werden. So kann über die Mitgliedschaft im Kirchenchor ein Kundenstamm bzw. Absatzmarkt aufgebaut werden (ebd.: 121). In diesem Fall überlagern ökonomische Motive (Absatzmarkt) und soziale Beweggründe (Herstellung von
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Sicherheit), die auf den Prinzipien der Reziprozität basieren (ebd.). Ökonomische Beziehungen werden auf bereits existierende soziale Beziehungen aufgebaut, die dadurch verdichtet und verfestigt werden (ebd.: 124). Innerhalb dieser Unterstützungsbeziehungen finden sowohl ökonomische Aktivitäten (Austausch materieller Güter), als auch soziale Handlungen (immaterielle Unterstützung) statt (ebd.). Aufgrund der sozialen Einbettung der Ökonomie können soziale Beziehungen mehrfach interpretiert werden und eine doppelte Bedeutung erhalten: Neben der ökonomischen Tätigkeit, die innerhalb dieser Beziehungen stattfindet, werden auch situationsspezifische gegenseitige Hilfeleistungen ausgetauscht (ebd.: 126). Dabei ergänzen sich der soziale und der ökonomische Aspekt unterstützend: soziale Beziehungen sind ein Grundlage für ökonomisches Handeln, dieses wiederum verstärkt die soziale Komponente (ebd.).
„Interessant ist hierbei, dass in denselben sozialen Zusammenhängen sowohl Solidarität und gegenseitige Unterstützung, als auch gewinnorientiertes Handeln zu finden sind, den sozialen Beziehungen also situationsspezifisch unterschiedliche Bedeutung verliehen werden“ (ebd.: 5).
Der Fall Emily dient Steinwachs als Demonstration der Doppelung von Beziehungen. Emily betreibt neben ihrer Subsistenzproduktion einen kleines Unternehmen, das Brot und andere Backwaren herstellt (ebd.: 101). Dies tut sie auch im Rahmen einer Frauengruppe, deren Mitglied sie ist (ebd.: 102). Die Mitgliedschaft in der Frauengruppe sichert ihr einerseits die zum Überleben und wirtschaftlichen Handeln notwendige Produktionsfähigkeit, zum anderen nimmt sie damit an einer Austauschbeziehungen teil (ebd.: 132). Beide Komponenten dienen der Herstellung der sozialen Sicherheit: der ökonomische Aspekt dient der Sicherung der Lebens-grundlage, vor allem in der Gegenwart, der soziale Aspekt sichert Ansprüche für die Zukunft, im Falle des Eintretens einer Notsituation oder im Alter. Noch deutlicher wird die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Handlungsrationalitäten bei der Vermietung des Ofens von Emily an die anderen Mitglieder der Frauengruppe. Für die Benutzung des Ofens verlangt sie eine Gebühr (ebd.: 129). Diese geldliche Bezahlung wird jedoch in moralökonomischen Begrifflichkeiten definiert, da laut Emily, die Bezahlung lediglich der Kostendeckung für Reparatur und Rückzahlung des Kredits dient, nicht aber gewinnorientiert berechnet ist (ebd.).
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So verschmelzen in ein und derselben Handlung marktökonomische und moralökonomische Handlungsrationalitäten (ebd.: 130).
„Beziehen sich jedoch die moralökonomischen Zusammenhänge auf diejenigen, mit denen zusammengearbeitet wird, können beide Handlungsorientierungen zugleich verfolgt werden, da die Zugehörigkeit zu moralökonomischen Gemeinschaften gleichzeitig die gegenseitige Sicherung für die Produktionsfähigkeit bildet“ (ebd.: 130).
Es findet eine Übereinstimmung zwischen verschiedenen Austauschmoralitäten statt, die unterschiedlichen Handlungsrationalitäten werden gegeneinander abgewogen (ebd.). Dies stellt jedoch ein Dilemma dar, da nach marktökonomischen Gesichtspunkten die Gebühr möglichst hoch sein sollte, aus moralökonomischer Perspektive möglichst gering (ebd.). Evers wertet das Resultat dieses Dilemmas, das auch bei Kleinhändlern auftritt, als für den Betreffenden äußerst negativ: „Das Händlerdilemma in Dorfgemeinschaften äußert sich also dergestalt, dass der Händler entweder den Verlust von physischem oder sozialem Kapital erleidet“ (Evers 1999: 4). Steinwachs weist hingegen darauf hin, dass die Kombination markt- und moralökonomischer Motive neue Handlungsspielräume eröffnet (Steinwachs 2004: 130, 133). Werden neben dem marktökonomischen gewinnorientierten Handeln auch moralische Forderungen erfüllt, begründet man damit eigene Anrechte innerhalb der moralökonomischen Zusammenhänge (ebd.: 131). Soziale Sicherheit wird hergestellt, das gewinnorientierte Handeln bleibt aber erhalten (ebd.). Individueller Nutzen kann in moralökonomische Zusammenhänge integriert werden (ebd.). Finden Zusammenarbeit, Konkurrenz und gegenseitige Unterstützung innerhalb von ökonomischen Zusammenhängen gleichzeitig statt, dann wird auch soziale Sicherheit hergestellt (ebd.). Erst die Herstellung sozialer Sicherheit rechtfertigt und bedingt die Entstehung und Existenz der Frauengruppe (ebd.). Soziale Sicherheit ist keine moralische Verpflichtung, sondern die Voraussetzung für die Entstehung der Gruppe (ebd.).
Bei der Herstellung der sozialen Sicherheit ist nicht nur eine Pluralität der sozialen Beziehungen zu erkennen, sondern die Gleichzeitigkeit „verschiedener eventuell sich widersprechender Handlungslogiken“ in ein und derselben Situation feststellbar (ebd.: 17). Eine analytische Trennung von moralökonomischen und markt- ökonomischen Handlungen ist im Alltag nicht mehr möglich (ebd.: 129).
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Dies stellt die Verwendung des moralökonomischen Ansatzes in Frage: Wenn er nicht mehr zu einer analytischen Unterscheidung beitragen kann, verliert er seine methodische Operationalisierungskraft.
3.2.3. Wandel und gesellschaftliche Tendenzen
Vor allem Elwert hat auf den Zusammenhang von Moralökonomie und Gemeinschaft hingewiesen (Elwert 1984; 1987). Moralökonomische Zusammenhänge finden sich vor allem innerhalb von Familiennetzwerken. Durch die Monetarisierung und die Migration von Familienmitgliedern entsteht jedoch die Notwendigkeit, moralökonomische Zusammenhänge außerhalb von verwandtschaftlichen Gruppen aufzubauen. Es entstehen neue Formen sozialer Sicherheit (Steinwachs 2004: 95). Migration und formales Einkommen ermöglichen es Stadtbewohnern ihr Leben unabhängig von familiären Verpflichtungen zu organisieren (ebd.: 96). Doch damit verlieren sie auch die Möglichkeit, wieder in ihre Herkunftsregion zurück zu kehren (ebd.). Das soziale Netzwerk wird einerseits über die Familie hinaus erweitert, andererseits führt die Unabhängigkeit zur Aufteilung und Diversifizierung sozialer Beziehungen (ebd.). Allerdings werden in der „Fremde“ auch neue Beziehungen geschaffen und Gemeinschaften „neu erfunden“ (ebd.). Selbstorganisationen sind eine jener neuen Formen von außerfamiliaren Beziehungen, die der Herstellung von Sicherheit dienen. Was sind die Auswirkungen der Bildung neuer Formen von Solidarität für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung?
Die der Selbstorganisation zugrunde liegenden Gemeinsamkeiten beziehen sich auf ökonomische Faktoren (Höhe des Einkommens, Bereich, in dem das Einkommen erzielt wird) (ebd.: 147). Deswegen finden sich in einer Selbstorganisation Mitglieder mit ähnlichen ökonomischen Verhältnissen wieder (ebd.). Dadurch werden Bevölkerungsgruppen, die kaum über Ressourcen verfügen können, von Selbstorganisationen ausgeschlossen (ebd.). Während in Familiennetzwerken durch die Einkommensunterschiede eine Umverteilung der Ressourcen statt findet, ist dies bei Selbstorganisationen nicht der Fall (ebd.: 225). Sie begünstigen soziale Differenzierung und treiben die gesellschaftliche Schichtung voran (ebd.). Da bei der Selbstorganisation auf ähnliche ökonomische Potentiale und Fähigkeiten Wert gelegt wird, um den Austausch von etwa gleichwertigen Leistungen zu gewährleisten, der in
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einem gewissen zeitlichen Rahmen geschieht, während innerhalb von Familiennetzwerken der Austausch von Leistungen zeitlich verzögert statt findet - er kann dabei die Generationen überspringen - und das Einkommen verteilt wird, ist eine Tendenz weg von der generalisierten Reziprozität und hin zum ausgeglichenen Austausch erkennbar (ebd.: 160).
Zudem durchlaufen Selbstorganisationen einen Formalisierungsprozess, da neben der alltäglichen Solidarität auch formalisierte Beitragszahlungen eine wichtige Rolle spielen (ebd.: 161). Nimmt die Formalisierung zu, so verringert sich der Handlungsspielraum und die Anpassungsfähigkeit situationsspezifisch Hilfe zu leisten. Die Alltagssolidarität geht zurück (ebd.: 162) 13 .
3.3. Vergleich und Zusammenfassung Hyden und Steinwachs
Hyden propagiert noch eine substantivistische Einteilung in vormoderne Gesellschaft, die nach den Regeln der Ökonomie der Zuneigung organisiert ist, und moderne, industrialisierte Gesellschaft, die marktökonomisch handelt. Eine Verflechtung der beiden Ökonomien besteht nur am Rande und hat kaum Einfluss auf die Ökonomie der Zuneigung. Lemarchand, Elwert und andere Vertreter des Bielefelders Verflechtungsansatzes trennen noch immer zwischen moralökonomischen und marktökonomischen Bereichen. Diese sind jedoch in ein und derselben Gesellschaft zusammengefasst. Nicht nur die Länder Afrikas und andere Entwicklungsländer sind von dieser Verflechtung gekennzeichnet. Sie setzt sich auch in den kapitalistischen Ländern der westlichen Welt fort. Weltweit und in jeder Gesellschaft kombinieren die Akteure marktökonomische und moralökonomische Handlungsfelder. Lediglich die Gewichtung der unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche ist verschieden. Steinwachs hat jedoch nachgewiesen, dass es kaum mehr zu trennende moralökonomische und marktökonomische Bereiche gibt. Ein und dieselbe Handlung, ein und dieselbe Beziehung und Situation kann sowohl marktökonomische als auch moralökonomische Motive und Handlungslogiken beinhalten und verfolgen.
13 Innerhalb des Gesundheitssystem findet jedoch ein gegenläufiger Prozess statt: Er ist von moralökonomischen Beziehungen durchzogen und unterliegt Informalisierungstendenzen (Steinwachs 2004: 233). So ist z.B. der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen an persönliche Beziehungen gekoppelt (Steinwachs 2004: 234).
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4. Schlussbemerkung
Wenn aber moralökonomische und marktökonomische Handlungsrationalitäten kaum mehr unterscheidbar sind, macht es dann überhaupt noch Sinn, von einer Moralökonomie zu sprechen? Steinwachs hat ihre Thesen jedoch nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht und verfolgt: Wenn in allen, oder zumindest in der Mehrzahl der Beziehungen und Handlungen die Handlungsrationalitäten miteinander verschmelzen, dann ist eine Unterscheidung zwischen moralökonomischen und marktökonomischen Zusammenhängen, Werten, Regeln und Normen wertlos und uninteressant. Dies erscheint mir umso evidenter, wenn man die Frage aufwirft, ob und inwieweit dieses Phänomen in den modernen Ländern des Westen anzutreffen ist. Werden auch in den westlichen Industrienationen beide Handlungslogiken derart miteinander vermischt? Elwert betonte bereits, dass sich Moral- und Marktökonomie keineswegs ausschließen, sondern die Marktökonomie ohne eine gewisse soziale Einbettung nicht existieren kann. Meine Hypothese ist, dass auch in Gesellschaften, in denen die Marktökonomie dominiert, soziale Beziehungen und Handlungen unterschiedlichen Rationalitäten folgen können. Ein Beispiel wäre die Mitgliedschaft in Vereinen (oder im Kirchenchor), die vordergründig der Geselligkeit und des sozialen Austausches dienen, die aber unter Umständen von Kleinunternehmern dazu genutzt werden, neue Kunden zu werben, mit denen man dazu noch einen „guten Preis“ aushandelt. Mir scheint die Verflechtung der unterschiedlichen Handlungsrationalitäten keineswegs nur ein Phänomen sich entwickelnder Länder zu sein. Wenn der moralökonomische Ansatz keine analytische und theoretische Relevanz mehr hat, was tritt dann an die Stelle der Moralökonomie? Diese Fragen und Hypothesen können hier nicht weiter verfolgt werden und bedürfen noch vieler empirischer und theoretischer Studien.
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Tania Götze, 2006, Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie - Zur Rolle der Moralökonomie im Alltagshandeln sozialer Akteure in Tansania, München, GRIN Verlag GmbH
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