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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Der erste Eindruck 5
1. Beschreibung durch Christoph Kolumbus 5
3. Sie sind alle Kannibalen 8
1. Das Kannibalen-Bild des Amerigo Vespucci 8
2. Wie sahen deutsche Abenteurer die Kannibalen? 9
3. Nach den Vorstellungen, nun zur Realität des Kannibalismus 10
4. Die Rechtfertigung der Versklavung mit Hilfe des Kannibalismus-Topos' 11
1. Die theologisch-völkerrechtliche Debatte. 12
5. Schlussbetrachtung 14
6. Quellen 16
Internet 17
Lexikas 17
-3- 1.Einleitung
Jeder von uns hat ein bestimmtes, zum Teil vorbestimmtes Bild der Welt. Teilweise sind diese Vorstellung durch eigene Erfahrungen geprägt worden, meistens jedoch werden sie, aus einem Mangel an selbst erlebtem, durch Stereotype ersetzt. Wobei diese Bilder immer in Abgrenzung zu uns selbst stehen, das heißt vor allen die Andersartigkeit des Unbekannten, in Bezug auf zu uns, in den Vordergrund stellen. Durch den Mangel an konkreten Wissen müssen diese Stereotype mit einem sehr begrenzten Umfang an Fakten auskommen, dies führt zu einer Idealisierung, im positiven wie im negativen Sinne.
Der Begriff Stereotyp (von griechisch στερεός, stereós „fest, hart, haltbar, räumlich“ und τύπος, týpos „-artig“) tritt in verschiedenen Zusammenhängen mit unterschiedlicher Bedeutung auf. Allen Bedeutungen ist gemeinsam, dass ein bestimmtes gleich bleibendes oder häufig vorkommendes Muster bezeichnet werden soll, ähnlich der umgangssprachlichen Wendung „Schema F“. Ein Stereotyp kann als eine griffige Zusammenfassung von Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufgefasst werden, die häufig einen hohen
Wiedererkennungswert hat, dabei aber in aller Regel für sich genommen den gemeinten Sachverhalt sehr vereinfacht. Somit steht es in engem Bedeutungszusammenhang zum Klischee oder Vorurteil. 1
Zu solchen Stereotypen gehört auch das Bild, welches wir von Indianern, Rothäuten oder, wie es treffender heißen sollte, der indigenen Bevölkerung (Latein-)Amerikas haben. Ich bin überzeugt, dass der Großteil der (deutschen) Bevölkerung noch nie einen Indianer gesehen, geschweige denn vielleicht sogar mit einem gesprochen hat. Aber dennoch meinen wir, uns ein zutreffendes Bild über ihn machen zu können. Er hat eine rote Haut, bemalt sich gerne mit Farbe (Kriegsbemalung), hat eine Vorliebe für federnen Kopfschmuck und (fr)isst auch schon mal Andere auf (Kannibalen).
1 aus Wikipedia, Stereotype
-4-Diese Beschreibung würde, zumindest innerhalb Deutschlands, dazu führen, dass man wüsste das es sich hier um Indianer handeln soll, vielleicht hätte man sogar das Bild von Karl Mays Winnetou vor sich, dem Indianer per se. In (Latein-)Amerika herrschen aber noch ganz andere Bilder über Indigenen vor:
„Herr Subpräfekt, dieser Indio ist ein Dieb!“,
„Dieser Tankayllu ist ein schmutziger Indio,...“ 2
„... y un jíbaro, como los que se reunían en el muelle de El Idilio esperando por un resto de alcohol.“ 3
Und obwohl uns sehr wohl bewusst ist, dass nicht jeder Indigene die hier beschrieben Eigenschaften hat und diese sich auch nicht ausschließlich auf Indigene beschränken, halten sie sich doch hartnäckig.
Von Kolumbus an, war ein Indianer zum Beispiel auch immer ein Kannibale. Wie dieser gängige Stereotyp entstand und sich, wider besseren Wissens, halten konnte, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
2 aus Arguedas, S. 21 u. 45
3 aus Sepulveda, 17
-5- 2.Der erste Eindruck
Die Herausbildung der, noch heute gängigsten, Stereotype begann bereits kurz nach der Landung Christoph Kolumbus' 1492 in der Karibik. Das Weltbild, des ausgehenden 15. Jahrhunderts, war geprägt von den Vorstellungen antiker Philosophen, wie Aristoteles und Ptolemäus, die besagten, die Erde sei das Zentrum um das sich alles dreht, sowie von den Lehren der Bibel. Hinzu kamen noch einzelne Reiseberichte, wie die Marco Polos oder die Reiseromane John Mandevilles, wobei die letztgenannten rein fiktiv waren. Das zu Erwartende, das Fremde in der Neuen Welt konnte also kaum mit dem damaligen Wissen begriffen oder auch nur erklärt werden. 4
1. Beschreibung durch Christoph Kolumbus
Im August 1492 trat Kolumbus seine Reise nach Indien an. Dabei führte er, wie auch dann auf seinen weiteren Erkundungen, ein Bordbuch in dem er seine Eindrücke der Neuen Welt festhielt.
Nach gut zwei Monaten Fahrt stieß Kolumbus am 12.10.1492 auf Land, genauer gesagt auf die Insel Guanahaní, die heute zur Inselgruppe der heutigen Bahamas gehört. Auf der Weiterfahrt „entdeckte“ er auch Kuba und Hispaniola. Seine ersten Eindrücke von dem „neuen“ Land hält er durchaus positiv in seinen Bordbuch fest, vor allen seine Beschreibung der Menschen fällt dabei auf. 5
Más me pareció que era gente muy pobre de todo. Ellos andan todos desnudos como su madre los parió, y también las mujeres, aunque no vide más de una farto moza. Y todos los que yo vi eran todos mancebos, que ninguno vide de edad de más de treinta años: muy bien hechos, de muy fermosos cuerpos y muy buenas caras;... 6
4 vgl. Peters, 23
5 vgl. ibid, 24
6 aus „Diario de a bordo“; zit. nach Peters, 25
-6-Aus dem Zitat ist, meiner Meinung nach, ersichtlich wie fasziniert Kolumbus von seinen ersten Zusammentreffen mit den Indigenen war. Aber nicht nur von den Menschen berichtete er euphorisch, sondern auch von der exotischen Natur.
... que si las otras ya vista son muy fermosas y verdes y fértiles, ésta es muchos más y de grandes arboledos y muy verdes. Aquí unas grandes lagunas, y sobre ellas y a la rueda es el arboledo en maravilla, y aquí en toda la isla son todos verdes y la hierbas como en abril en el Andalucía; y el cantar de los pajaritos que parece que el hombre nunca se querría partir de aquí,... 7
Insgesamt scheint es, dass Kolumbus die (neu-)entdeckte Welt als einen locus amoenus 8 betrachtet. Im Laufe seiner vier Fahrten, ist er sich zunehmend sicherer das irdische Paradies entdeckt zu haben, wobei er sich auf seine religiösen Überzeugungen berufen konnte. 9
Obwohl Kolumbus meinte das irdische Paradies gefunden zu haben, hinderte ihn das nicht daran, gemäß seinen christlichen Glauben, die Indios missionieren zu wollen.
... porque concocí que era gente que mejor se libraría y convertiría a nuestra Santa Fe con amor que no por fuerza,... 10
Dabei erwähnte er auch den besonderen Gehorsam und die Tüchtigkeit, die einen guten Untertan für die spanische Krone auszeichneten. 11
Zu seinen, zumindest auf seiner ersten Fahrt, positiven Bild, gesellte sich allerdings auch der Mythos der „menschenfressenden“ Kariben, woraus sich später der Stereotyp des Kannibalen entwickelte. Insgesamt lässt sich festhalten, das sein euphorisches Indio-Bild im Verlauf seiner Fahrten einen negative Gegenpol erhielt.
7 aus „Diario de a bordo“; zit. nach Peters, 25
8 locus amoenus = dt.: lieblicher Ort / paradiesische Gegend / Lustort / anmutige Gegend
9 vgl. Peters, 25f.
10 aus „Diario de a bordo“; zit. nach Peters, 27
11 vgl. Peters, 27
-7-Aus der zunächst, zumindest vorurteilsfrei gedeuteten Nacktheit und Zurückhaltung, wird Schutzlosigkeit und Feigheit. 12 Dies dürfte daran liegen, dass sich im Verlaufe der Reisen herausstellte, dass es den vermuteten große Goldfund nicht geben würde und sich Columbus deshalb nach neuer „Ware“ umschauen musste, um seine Auftraggeber, die Reyes Católicos, nicht vollends zu enttäuschen. Diese neue „Ware“ stellten die Indigenen dar, die nun einen wirtschaftlichen Ertrag für die spanische Krone erbringen sollten und zwar nicht als freie Untertanen, sondern als Sklaven. Um eine mögliche Versklavung zu rechtfertigen, beschrieb Kolumbus zunehmend das Bildes des bösen, kannibalischen Indianers, der es nicht anders „verdient“ hatte, als versklavt zu werden. 13
Dice más el Almirante; que en las islas pasadas estaban con gran temor de Carib, y en algunas le llamaban Caniba, pero en la Española Carib; y que debe de ser gente arriscada, pues andan por todas estas islas y comen la gente que pueden haber. 14
So prägte Columbus, zwei der gängigsten Stereotype, zum einen, dass des im Naturzustand lebenden, guten und auf der anderen Seite, dass des schlechten Indios.
12 „... más son desnudos y sin armas y muy cobardes fuera de remedio.“; aus „Diario de a bordo“; zit. nach Peters, 27
13 vgl. Peters, 27ff.
14 aus „Diario de a bordo“; zit. nach Peters, 30
-8- 3.Sie sind alle Kannibalen!
Zunächst möchte ich eine kurze Definition des Kannibalismus-Begriffs geben.
Kannibalismus, in der Ethnologie und Soziologie Bezeichnung für den Verzehr menschlichen Fleisches durch andere Menschen. Im aktuellen
wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird der Begriff Anthropophagie bevorzugt [...]. Der Begriff [...] ist abgeleitet von dem Wort Canibales, der spanischen Bezeichnung für die Ureinwohner der Karibik,[...] denen man nachsagte, dass sie Menschenfleisch äßen. 15
1. Das Kannibalen-Bild des Amerigo Vespucci
Wie Christoph Kolumbus beschreibt auch Vespucci den Kannibalismus unter den Indianern. In einem Brief an Lorenzo Pietro Francesco di Medici schreibt er:
You may be the more certain of this, because I have seen a man eat his children and wife; and I knew a man who was popularly credited to have eaten 300 human bodies. I was once in a certain city for twenty-seven days, where human flesh was hung up near the houses, in the same way as we expose butcher's meat. I say further that they were surprised that we did not eat our enemies, and use their flesh as food, for they say it is excellent. 16
Wie aus dem Textauszug zu ersehen ist, sind die Darstellungen Vespuccis fantastisch und sensationshaschend, man könnte sogar sagen, ähnlich den Artikeln der Bild-Zeitung heutzutage. Aus diesem Grund wurde sein Buch „Mundus Novus“ auch zum Bestseller. Beachtenswert ist, dass Vespuccis Werk in Italien den kleinsten Anklang fand, sich im deutschsprachigen Raum dagegen großer Beliebtheit erfreute. 17
15 aus Microsoft Encarta
16 aus Vespucci
17 vgl. Will, 45
-9- 2.Wie sahen deutsche Abenteurer die Kannibalen?
Trotz der Vormachtstellung der Spanier und Portugiesen, verließen nicht nur Iberer Europa in Richtung Amerikas. Auch aus den anderen Königreichen zog es Abenteurer und Konquistadoren auf die andere Seite des Atlantiks. Darunter auch einige Deutsche.
Einer von ihnen war Hans Staden, der in seiner „Wahrhaftigen Historia der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute“ ein eindeutiges Bild von kannibalischen Indianern zeichnete. Er soll hier stellvertretend für die deutschen Amerika-Reisenden stehen.
So kam der dem er gegeben war todt zu schlagen / vnd schlegk jn auff den kopff / dass hirn herauß sprang / darnach liessen sie jnen leigen vor der huetten vnd wolten jn essen.[...] vnd er schneyd jme den kopff abe / Dann er hatte eyn auge / vnd scheyn heßlich von der kranckheyt so er gehabt / das er den kopff hinweg warff / vnd dem coerper sengete er die haut ab vber dem fewr. Darnach zerschneyd er jn / vnd teylete mit den andern gleich / wie jre gewonheyt ist / vnd assen jnen biß auff den kopff vnd daerme[...] Darnach gieng ich hin vnd wider durch die huetten / in der eynen brieten sie die fueß / in der anden die hend / in der dritten stuecke vom leibe. 18
Wie bei Vespucci, ist auch bei Staden festzustellen, dass die Beschreibungen so niedergeschrieben worden, dass eine möglichst große Leserschaft angesprochen worden ist und damit natürlich auch zum kommerziellen Erfolg des Werkes beitrug. Allerdings heißt dies nicht, dass die beschriebene Anthropophagie nicht stattgefunden hat, nur eben nicht genau in der beschrieben Weise.
18 aus Staden
-10- 3.Nach den Vorstellungen, nun zur Realität des Kannibalismus
Auch wenn es höchstwahrscheinlich nie zu kannibalischen Handlungen, wie zuvor beschrieben, gekommen ist, ist es jedoch nicht zu leugnen, dass es das Phänomen „Kannibalismus“ noch bis heute gibt. Allerdings nicht nur unter den indigenen Völkern, sondern generell unter den Menschen. So dachten auch die Schwarz-Afrikaner im 19. Jahrhundert, dass die Europäer Kannibalen seien müssten, da sie die, bei den Europäern lebenden Sklaven als Mast- und Schlachtvieh ansahen, welche diesen als Speise dienen sollten. Auch der christliche Brauch, des symbolischen Verzehrs des Leibes und Blutes Jesus' trug zu diesem Bild bei. 19
Insgesamt ist zwischen einem profanen Kannibalismus und einem rituellen bzw. religiösen Kannibalismus unterscheiden. Zur ersten Kategorie gehört beispielsweise der so genannte Hungerkannibalismus. Dabei kommt es in Extremsituationen zu Anthropophagie um das eigene Überleben sicherzustellen. So zum Beispiel 1972 nach einem Flugzeugabsturz, als sich die Überlebenden von dem Fleisch ihrer toten Mitreisenden ernährten. 20
Des weiteren gibt es Berichte über einen religiösen/ kultischen Kannibalismus, zum Beispiel bei den Azteken. Dabei werden bestimmte Körperteile von Toten verzehrt, um sich so ihre Kräfte an zueignen. Eine andere Theorie besagt, dass dem Verzehren Rache zu Grunde liegt. Indem man den Körper isst, wird die Seele des Toten vollkommen zerstört, da diese dann keine Heimstätte mehr hatte. 21
Insgesamt ist aber festzuhalten, dass diese Verhaltensweisen nicht der „normalen“ Nahrungsaufnahme dien(t)en. Sie haben vielmehr religiöse, rituelle und psychologische Hintergründe. Durch das Verzehrenden sollten bestimmte Eigenschaften der Toten, wie Stärke oder Intelligenz, auf die Essenden übergehen. Einen Kannibalismus, bei dem der menschliche Körper, neben anderen Lebensmitteln, als normales Nahrungsmittel diente, gab es aber nach neueren Forschungen zu keiner Zeit. 22
19 vgl. Microsoft Encarta
20 vgl. ibid
21 vgl. ibid
22 vgl. Microsoft Encarta
-11- 4.Die Rechtfertigung der Versklavung mit Hilfe des Kannibalismus-Topos'
Der Zusammenhang zwischen Kannibalismus und Konquista ist nicht zu übersehen. Wie erwähnt berichteten schon Kolumbus (Kariben) als auch Vespucci (Tupinambá) von kannibalischen Völkern, später kamen noch die Berichte Hernán Cortés', über Menschenopfer im Aztekenreich, hinzu.
In Verlauf der Konquista, kam allmählich die Frage auf, ob die Indigenen Amerikas versklavt werden durften oder als freie Untertanen anzusehen waren. Wie bereits erwähnt, mussten sich die Konquistadoren, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es in Amerika keinen riesigen Bestand an wertvollen Rohstoffen (zu der Zeit meist Gold) gab, nach neuen Geldquellen umsehen. Eine davon war die Plantagenwirtschaft, wofür allerdings Arbeitskräfte benötigt worden. Hier spielte dann die Frage, nach dem Status der Indigenen, eine Rolle.
Die Frage entbrannte nach dem Tod der Reyes Católicos. Isabel la Católica wies zwar in ihrem Testament darauf hin, dass die Indianer mit Sorgfalt zu behandeln seien und ihnen kein Leid zugefügt werden durfte, da dies der feierliche Auftrag des Papstes an sie gewesen war. Jedoch wurde bereits ab dem Jahr 1503 anders verfahren: „Wilde“ die sich der Unterwerfung und Annahme des christlichen Glaubens widersetzten konnten nach Kriegsrecht versklavt werden. Dies war im besonderen auf Stämme anzuwenden, die Kannibalismus praktizierten. Damit waren die betroffenen Stämme praktisch rechtlos. 23
Ähnliche Verfügungen galten auch in den portugiesisch besetzten Gebieten. Versklavt werden konnte dort jeder, der in einem „gerechten Krieg“ gefangen genommen worden war. Als gerecht galten Kämpfe gegen Aufständige und Kannibalen. 24
23 vgl. Will, 48f.
24 vgl. ibid, 49
-12-Durch die Kirche erfuhr dieses Vorgehen eine weitere Legitimation:
Ich bin der Meinung, dass sie für die Sklaverei geboren sind und wir sie nur als Sklaven gut machen können. 25
Erst im Jahr 1530 wurde die Sklaverei durch Carlos V. untersagt.
1. Die theologisch-völkerrechtliche Debatte
Die Versklavung und Vernichtung der Indigenen führte sehr bald zu einer hitzigen Debatte. Als Stimmen, wie die von Las Casas, laut worden, die für die Indigenen Menschenrechte einforderten oder fragten, ob die Spanier überhaupt das Recht zur Eroberung der Neuen Welt hatten. Hinzu gesellte sich auch Frage, ob die Indios überhaupt Menschen seien, und damit in der Lage, den göttlichen Willen zu begreifen und zum Christentum konvertierbar zu seien. Wenn dies nicht der Fall wäre, könnte man sie, so zu sagen als „Nicht-Menschen“, einfach versklaven. 26
Als vermeintliche Beweise dafür, dass die Indianer keine Menschen seien, wurden die Menschenopfer und der Kannibalismus angeführt. Einer der Hauptvertreter dieser These, Juan Ginés de Sepúlveda, verwies auf Aristoteles, dessen Weltanschauung besagte, dass ein Mensch erst durch die Gabe der Vernunft zum Menschen wird. Seiner Argumentation zu Folge, sei dadurch, dass sie Kannibalismus praktizieren bewiesen, dass ihnen die Vernunftgabe fehle. 27
Auf der anderen Seite argumentierte Bartolomé de las Casas. Er benutzte den Topos des Kannibalismus als Argument für die Indios. Ihm zu folge, gehörten die Menschenopfer zum Teil ihrer religiösen Sitten, und auch wenn sie es nicht dem Wahren Gott, sondern nur einem Götzen opferten, zeigte dies doch, dass sie für ihre Religion bereit waren, hohe Opfer erbringen.
25 von Fray Juan de Quevedo, zit. nach Will, 48
26 vgl. Will, 50f.
27 vgl. ibid, 51
-13-Er rechtfertigt seine Argumentation mit einem Verweis auf das Alte Testament, in dem Gott als Vertrauensbeweis auch Menschenopfer forderte. 28
In dieser Debatte fand der Topos Kannibalismus seine wichtigste und stärkste Verwendung. Wie zu sehen ist, wurde er nicht eindeutig interpretiert, sondern fand je nach Standpunkt, eine positive oder negative Ausprägung.
28 vgl. ibid, 59f.
-14- 5.Schlussbetrachtung
Wie zu sehen ist, wurde der Kannibalismus-Topos sehr früh geprägt. Schon auf seiner ersten Reise berichtete Kolumbus vom kannibalischen Verhalten der Indianer. Jedoch war dies nur ein Aspekt unter vielen. Erst im Laufe der Zeit verfestigte sich dieser Topos zunehmend. Nicht zuletzt wurde der heutige Begriff „Kannibalismus“ von Kolumbus geprägt.
Vor allen in Deutschland fand die Entdeckung der Neuen Welt und mit ihr die der Kannibalen einen großen Niederschlag. Zu den Gründen kann ich hier nur spekulieren. Vielleicht lag es daran, dass Deutschland kaum in der Neuen Welt vertreten war, und sich die Deutschen deshalb kein „eigenes“ Bild von den Indios machen konnten. Durch dieses Unwissen und das fantastische/ abenteuerliche Bild, mit dem die Indianer in vielen „Reiseberichten“ beschrieben wurden, fand das Kannibalen-Bild schnell Eingang in die Vorstellungskraft der Menschen.
Aber der Kannibalismus-Topos trug nicht nur zur „Unterhaltung“ der Menschen bei, sondern diente den Konquistadoren auch als Rechtfertigung zur Unterdrückung der Indios. Durch die sich anschließende Debatte (Menschen: ja oder nein), könnte der Topos weiter Einzug in das Denken der Menschen erhalten haben.
Insgesamt ist der Kannibalismus-Topos seit der (Wieder-)Entdeckung Amerikas mit den Indigenen verbunden und lässt sich, wider besseren Wissens, auch nicht vollkommen ausrotten. Es scheint zu selbstverständlich zu sein, dass wir, die wir uns selber als hochzivilizierte Menschen betrachten, Anderen (wie den Indigenen), die uns nicht so hochentwickelt erscheinen, Dinge zutrauen, die wir selbst als barbarisch betrachten und uns selbst nie bedienen würden. Aber da sie noch nicht „entwickelt“ sind, ist es für uns wahrscheinlicher, dass sie Kannibalismus praktizieren, vielleicht auch, weil wir meinen, dass sie es nicht besser Wissen könnten.
-15-So vertritt der Anthropologe Arens die Auffassung, dass Kannibalismus als eine, von den so genannten Kulturvölkern entwickelte, Legende zu betrachten sei, in der sich rassistische Abgrenzungsbestrebungen gegenüber weniger fortgeschrittenen Völkern manifestierten und wodurch zum Beispiel die Konquistadoren von ihren eigenen Gräueltaten abzulenken suchten. 29
29 vgl. Bertelsmann Lexikodisc
-16- 6.Quellen
Arguedas, J. M.: Fiesta des Blutes, Berlin, 1980
Berg, W. B.: Lateinamerika. Literatur-Geschichte-Kultur. Eine Einführung, Darmstadt, 1995
Kalitschke, M.: Das Indiobild der deutschen Konquistadoren Nikolaus Federmann, Philipp von Hutten, Ulrich Schmiedel und Hans Staden im Spiegel ihrer Reiseberichte in: Schlüter, H. (Hg.): Die Anderen. Indianer in Lateinamerika,S. 120-151, Frankfurt (M.), 1996
König, H.-J.: Die Mythisierung der „Conquista“ und des „Indio“ zu Beginn der Staats-und Nationbildung in Hispanoamerika in: Kohut, K. (Hg.): Der eroberte Kontinent. Historische Realität, Rechtfertigung und literarische Darstellung der Kolonisation Amerikas, S. 361-375, Frankfurt (M.), 1991
Kummer, W.: Die Entwicklung der Indiostereotypen in der Frühzeit der Conquista in: Stoll, A. (Hg.): Sepharden, Morisken, Indianerinnen und ihresgleichen. Die andere Seite der hispansichen Kultur, S. 47-70, Bielefeld, 1995 Lutz, H.: „Indianer“ und „Native Americans“, Hildesheim, 1985 Otero, C.: Aproximación al mundo hispánico. Einführung in die Landeskunde Spaniens und Laiteinamerikas, Wilhelmsfeld, 2000
Peters, M.: Christoph Kolumbus ein Anthropologe? Zum Indio-Bild im Spiegel des Bordbuches und der Briefe in: Schlüter, H. (Hg.): Die Anderen. Indianer in Lateinamerika,S. 21-38, Frankfurt (M.), 1996
Pitschmann, H.: Die Conquista. Ein historischer Abriss in: Kohut, K. (Hg.): Der eroberte Kontinent. Historische Realität, Rechtfertigung und literarische Darstellung der Kolonisation Amerikas, S. 13-32, Frankfurt (M.), 1991 Schlüter, H.: Túpac Amaru: Ein Inka-Nachfahre fordert das spanische Imperium heraus. Annäherung an den peruanischen Freiheitshelden in: Schlüter, H. (Hg.): Die Anderen. Indianer in Lateinamerika,S. 230-280, Frankfurt (M.), 1996 Sepulveda, L.: Un viejo que leía novelas de amor, Barcelona, 2006 Will, S.: Kannibalismus - Ein europäischer Topos zur Konquistazeit in Südamerika in: Schlüter, H. (Hg.): Die Anderen. Indianer in Lateinamerika,S. 39-69, Frankfurt (M.),
1996
-17- Internet
Staden, H.: Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden / Nacketen / Grimmigen Menschfresser Leuthen auf: http://gutenberg.spiegel.de/staden/historia/historia.htm, 20.04.2007 Vespucci, A.: The Letters of Amerigo Vespucci. An Electronic Edition auf: http://www.mith2.umd.edu/eada/html/display.php?docs=vespucci_letters.xml&action=s how, 15.04.2007
Wikipedia. Die freie Enzyklopädie: Kannibalismus auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Kannibalismus, 15.04.2007 Wikipedia. Die freie Enzyklopädie: Opferkult der Azteken auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Opferkult_der_Azteken, 21.04.2007 Wikipedia. Die freie Enzyklopädie: Stereotype auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Stereotyp, 15.04.2007
Lexikas
Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005: Kannibalismus
Bertelsmann Lexikodisc-System; Kannibalismus
Arbeit zitieren:
Stefanie Feller, 2007, Stereotype - Indianer sind Kannibalen, München, GRIN Verlag GmbH
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Die sprachliche Darstellung der eurozentrischen Weltsicht im Kolumbusb...
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