Wohnungslosigkeit von Frauen ist erst seit wenigen Jahren ein Thema in der Fachöffentlichkeit. Ihr Umfang wurde lange unterschätzt. Typischerweise leben Frauen Wohnungslosigkeit verdeckt. Aufgrund ihrer weiblichen Sozialisation und der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Obdachlosigkeit versuchen Frauen, ihre Wohnungslosigkeit zu verbergen. Sie leben oft bereits lange in ungesicherten Verhältnissen, bevor sie Kontakt zum Hilfesystem aufnehmen. Alle wohnungslosen Frauen haben Armut und Gewalt erfahren. Die Ursachen weiblicher Wohnungslosigkeit liegen in der Wechselwirkung von strukturellen, sozialen und individuellen Faktoren.
Die in der empirischen Studie festgestellten sozialen Orientierungen wohnungsloser Frauen sind Ausdruck einer subjektiv praktizierten Normalität und weisen auf Handlungspotenziale hin. Wohnungslose Frauen finden in der Regel einen Weg, ihr Leben wieder zufriedenstellend zu gestalten. Dies gilt für ihr subjektives Empfinden und auch in Bezug auf objektive Kriterien (Ausbildung, Erwerbstätigkeit, gesicherte Wohnverhältnisse, finanzielle Absicherung, Zugang zur Gesundheitsversorgung). Die meisten Frauen sind der Meinung, dass sie sich selbst am besten zu helfen wissen und sehen sich als kompetent und handlungsfähig an. Sie wehren sich zumeist mit viel Energie gegen Defizitzuschreibungen des Hilfesystems. Frauen, die sich selbst als (teilweise) hilfebedürftig einschätzen, erleben das Hilfesystem als unterstützende Kraft. Andere Frauen bedürften einer professionellen Unterstützung, die sie jedoch nicht in der Form finden, die sie sich wünschen.
Aufgrund des Wohnungsnotstands in München und, weil eine Erwerbsarbeitsorientierung die Chance auf eine Sozialwohnung häufig zunichte macht, finden die Frauen zumeist keine eigene Wohnung. In München ist es den Institutionen der Wohnungslosenhilfe zwar gelungen, eine Ausdifferenzierung des Hilfesystems zu erreichen. Jedoch ist damit dem Wunsch von wohnungslosen Frauen nach billigem Wohnraum nicht entsprochen.
Zur Veränderung dieser Situation ist es notwendig, die Prinzipien feministischer Sozialer Arbeit mit dem Empowerment-Konzept zu verknüpfen. Der Abbau der Defizitorientierung inklusive des Beratungszwangs in der Wohnungslosenhilfe ist dringend geboten, wozu auch die Mitsprache der Klientin über Umfang, Inhalt und Struktur der Hilfestellung gehört. Wohnungslose Frauen müssen an der Ausgestaltung der Hilfeinstitutionen und ihrer Konzepte partizipieren können. Zur Verbesserung der Situation auf dem Wohnungsmarkt ist in der Wohnungslosenhilfe eine verstärkte politische Arbeit und auch eine andere Ausrichtung hin zur Bereitstellung von Wohnraum notwendig.
Inhaltsverzeichnis
Seite
1 Einleitung 5
2 Wohnungslosigkeit von Frauen 7
2.1 Definitionen von Wohnungslosigkeit 7
2.11 Gesetzliche Definition von Wohnungslosigkeit nach § 72 BSHG 8
2.12 Definition von Wohnungslosigkeit der Bundesarbeitsgemeinschaft und
Implikationen über Umfang und Struktur der Wohnungslosen 10
2.2 Wohnungslose Frauen als eigenständige Zielgruppe der Wohnungslosenhilfe 13
2.3 Erscheinungsformen weiblicher Wohnungslosigkeit 15
2.31 Sichtbare Wohnungslosigkeit 16
2.32 Verdeckte Wohnungslosigkeit 17
2.33 Latente Wohnungslosigkeit 18
2.4 Typologie wohnungsloser Frauen 18
2.41 Normalitätsorientierte Typen 19
2.42 Institutionenorientierte Typen 21
2.43 Alternativorientierte Typen 22
2.5 Erklärungsversuche und Faktoren für die Wohnungslosigkeit von Frauen 23
2.51 Strukturelle und soziale Faktoren 24
2.52 Individuelle Faktoren 26
2.6 Anknüpfungspunkte für die empirische Untersuchung 28
3 Münchner Wohnungslosenpolitik 30
3.1 Frauenspezifische Wohnungslosenhilfe 30
3.2 Die Krisensituation im Jahr 2000/2001 32
3.3 Neue Konzepte in der Münchner Wohnungslosenpolitik 35
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4 Soziale Orientierungsmuster und Bewältigungsstrategien wohnungsloser Frauen: Die empirische Untersuchung 37
4.1 Methode der Datenerhebung 38 4.11 Der Fragebogen 40
4.12 Zielgruppe und Zugangsschwierigkeiten 41 4.13 Die Interviewsituation 45 4.14 Ethische Überlegungen 46
4.2 Datenerfassung und Analyseverfahren 48
4.3 Stichprobenbeschreibung 49
4.4 Darstellung ausgewählter Ergebnisse 55
4.41 Subjektive Einschätzung der Situationsveränderung 57
4.42 Aktuelle Wohnungssituation 59
4.43 Strategien der Suche nach einer passenden Bleibe 63 4.44 Arbeitssituation 68 4.45 Finanzielle Situation 75 4.46 Gesundheitssituation 78 4.47 Soziales Netzwerk 82
4.48 Haltung zum Hilfesystem 85
4.5 Zusammenfassende Interpretation und Diskussion der Ergebnisse 93
5 Der Empowerment-Ansatz in der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Frauen 100
5.1 Handlungstheoretische Grundlagen des Empowerment-Konzepts 100
5.11 Das Menschenbild im Empowerment 102
5.12 Rolle und Aufgaben der SozialpädagogInnen 106
5.2 Empowerment mit wohnungslosen Frauen 108
5.21 Handlungsstrategien wohnungsloser Frauen - ein Fall von Empowerment? 109 5.22 Mögliche Empowerment-Ansätze in der Wohnungslosenhilfe mit Frauen 112
6 Fazit 118
Literaturverzeichnis 120
Anhang 1: Fragebögen 128
Anhang 2: Tabellen 140
Anhang 3: Auszüge aus der neuen Verordnung zu § 72 BSHG 156
1 Einleitung
Wohnungslosigkeit gilt als ein Männerphänomen. Das ist die alltägliche Wahrnehmung, bestätigt sich statistisch und zeigt sich in der Infrastruktur des Hilfesystems. Wohnungslosigkeit von Frauen wurde lange kaum wahrgenommen und die Zahl wohnungsloser Frauen unterschätzt. In den letzten Jahren rückte allerdings weibliche Wohnungslosigkeit verstärkt in den Blick der Fachöffentlichkeit. Der Anteil der Frauen an den Wohnungslosen ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Mit der Sensibilisierung für dieses soziale Problem begann auch der Ausbau des Hilfesystems für wohnungslose Frauen und die ersten frauenspezifischen Konzepte wurden erarbeitet.
Ursachen und Umgang mit der Wohnungslosigkeit äußern sich bei Frauen und Männern unterschiedlich. Eine Abgrenzung struktureller Benachteiligungen von individuellen Momenten bei weiblicher Wohnungslosigkeit ist extrem wichtig, um weibliche Problemlagen nicht zu individuellen Defiziten zu verkürzen. Die Wohnungslosenhilfe bezieht sich jedoch insgesamt in ihrer Orientierung überwiegend auf die Defizite und Probleme ihrer KlientInnen (Enders-Dragässer 1997, 250; Steinert 1997, 196, Back 2000, 133). Voraussetzung für sozialpädagogisches Handeln, wenn dies nicht an den Betroffenen vorbei gehen soll, ist jedoch die Kenntnis der Lebenssituation und der subjektiven Sinnsetzung, aus denen heraus sich Orientierungsmuster und Handlungsstrategien von wohnungslosen Frauen entwickeln. Zugleich werden mit diesem Blickwinkel auch die Ressourcen und Fähigkeiten der Frauen im Umgang mit ihrer Wohnungslosigkeit in den Mittelpunkt gerückt.
Diese Arbeit will mittels einer empirischen Studie die sozialen Orientierungsmuster und Bewältigungsstrategien von wohnungslosen Frauen herausarbeiten und sieht sich damit in der Tradition der Sozialarbeitsforschung, die „Definitions-, Erklärungs- und Bearbeitungsprozesse von gesellschaftlich und professionell als relevant angesehenen Problemlagen“ (Steinert/Thiele 2000, 21) anbietet. Damit professionelle Reaktionsformen der Sozialen Arbeit in der Praxis auf ihre Angemessenheit hin überprüft werden können, sollen insbesondere auch die Handlungspotenziale wohnungsloser Frauen dargestellt werden. Die sich aus diesen Vorüberlegungen ergebenden Fragestellungen lauten: Wie leben wohnungslose Frauen in der durch Mangel gekennzeichneten Situation der Wohnungslosigkeit? Was sind ihre Ressourcen und Überlebensstrategien? Wie realisieren sie ihre Handlungspläne?
Um die Erscheinungsformen der sozialen Orientierungsmuster und Handlungspotenziale wohnungsloser Frauen zu analysieren, wird das empirische Verfahren der qualitativen Interviewführung mit einem geschlechtsspezifischen Blickwinkel verbunden. Gestützt werden die Ergebnisse der Studie durch sekundärstatistische Auswertungen und die Analyse von Konzepten. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen jedoch die Aussagen wohnungsloser
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Frauen, d. h. ihre subjektiven Interpretationen über ein Leben ohne Wohnung und die Bewältigungsstrategien, die sie im Umgang mit der Wohnungslosigkeit entwickeln (Kapitel 4). In einer theoriegestützten Analyse mittels des Empowerment-Ansatzes werden aus den Ergebnissen der Studie zu wohnungslosen Frauen Lösungsansätze für die Praxis der Sozialen Arbeit erarbeitet (Kapitel 5).
Zunächst werden jedoch die Erkenntnisse über Erscheinungsformen und Ausmaß von weiblicher Wohnungslosigkeit, ihrer Ursachen und Erklärungsansätze zusammengefasst (Kapitel 2). Die spezifische Situation in München hinsichtlich frauenspezifischer Ansätze in der Wohnungslosenhilfe und die Analyse des Wohnungsnotstands im Jahr 2000/01 wird in Kapitel 3 beschrieben.
Zu dieser Arbeit hat mich mein Jahrespraktikum motiviert, das ich in der Notunterkunft für wohnungslose Frauen ‚Frauenobdach Karla 51‘ leistete. Bereits während meines Praktikums hat mich interessiert, wie sich die Frauen mit der Situation der Wohnungslosigkeit arrangieren, welche Schritte sie unternehmen, wie ihre Entwicklung verläuft und inwiefern die einzelnen Frauen ihren Lösungsweg als gut oder schlecht bewerten.
Bedanken möchte ich mich ganz besonders bei den Frauen, die mir in ihrer oft schwierigen Lebenssituation als Interviewpartnerinnen zur Verfügung standen und damit wesentlich zu dieser Arbeit beigetragen haben.
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Wohnungslosigkeit von Frauen
Die tatsächliche Situation von wohnungslosen Frauen bleibt oft hinter vorurteilsbelasteten Deutungen, Phantasien und Projektionen verborgen: Sie wird moralisch verurteilt (gefallen, sittlich verwahrlost), ist verrückt (geisteskrank und nicht-normal) oder - seltener - als ungebunden fantasiert (Flucht vor der Enge eines bürgerlichen Frauendaseins). Diese gesellschaftliche Wahrnehmung, so die Begründung in der Untersuchung von Golden (1992, 97 zitiert nach Enders-Dragässer 1997, 245ff), kommt dadurch zustande, dass die wohnungslose Frau gesellschaftliche Normen der Weiblichkeit verletzt, weil sie ohne Häuslichkeit, Mann und Familie ist. Die strukturellen Benachteiligungen von Frauen, die gesellschaftlichen Rollenerwartungen und die objektiven Handlungsbegrenzungen rücken oft in den Hintergrund angesichts individueller Verhaltensweisen, die scheinbar erklären können, warum aus einer zuvor ‚normal‘ lebenden Frau eine ‚randständige‘ Wohnungslose wird, z. B. nachdem die Beziehung gescheitert ist oder der Arbeitsplatz verloren wurde (Golden 1992 zitiert nach Enders-Dragässer 1997, 246f).
Entscheidende Veränderungen des Bildes der wohnungslosen Frau entwickelten sich aus den Arbeiten der Frauenbewegung und der Frauenforschung, indem die vorurteilsbelasteten Vorstellungen von der ‚sittlichen Gefährdung‘ und der ‚Verwahrlosung’ durch Erklärungsansätzen zu sozialstrukturellen Diskriminierungen in Bezug auf weibliche Armut und Wohnungslosigkeit abgelöst wurden (Enders-Dragässer 1997, 239; Enders-Dragässer et. al. 2000, 81f; Steinert 1997a, 31). Erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt werden wohnungslose Frauen als eine eigenständige Zielgruppe in der Wohnungslosenhilfe angesehen (vgl. Kapitel 2.2), womit auch eine verstärkte Sozialarbeitsforschung verbunden ist, die versucht, die tatsächliche soziostrukturelle Situation von wohnungslosen Frauen aufzudecken. Die für die Fragestellung dieser Arbeit relevanten Untersuchungsergebnisse über Erscheinungsweisen weiblicher Wohnungslosigkeit (Kapitel 2.3) und Typen von wohnungslosen Frauen (Kapitel 2.4) sind im Folgenden dargelegt. Erklärungsversuche für die Wohnungslosigkeit von Frauen (Kapitel 2.5) folgen am Schluss dieses Kapitels. Unabdingbar ist jedoch, zuvor eine Begriffsklärung von Wohnungslosigkeit vorzunehmen, die sich im anschließenden Abschnitt (2.1) findet.
2.1 Definition von Wohnungslosigkeit
Umgangssprachlich bzw. im Alltagsbewusstsein ist wohnungslos bzw. obdachlos ein klarer Begriff, denn damit werden jene Menschen assoziiert, die öffentlich auffallen, weil sie als ‚Penner‘ unter Brücken leben, mit Plastiktüten bepackt am Hauptbahnhof oder Stachus-
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Untergeschoss sitzen und betteln oder in stadtbekannten Obdachlosenunterkünften wie der ‚Pille‘ 1 leben. Im Gegensatz dazu gibt es im wissenschaftlichen Kontext nach wie vor keine allgemeingültige, von allen anerkannte Definition von Wohnungslosigkeit und auch die benutzen Begriffe ‚Wohnungslosigkeit‘, ‚Obdachlosigkeit‘ und ‚Nichtsesshaftigkeit‘ werden nicht trennscharf verwendet. In der Fachdiskussion hat sich mittlerweile weitgehend der Begriff ‚wohnungslos‘ 2 durchgesetzt, parallel fand eine Umbenennung der Nichtsesshaftenhilfe bzw. Gefährdetenhilfe in Wohnungslosenhilfe 3 statt (vgl. Enders-Dragässer 1997, 239; Wolf 2001, 1292; Holtmannspötter 1993a, 385). Zu dieser Entwicklung hat die Professionalisierung der Sozialen Arbeit beigetragen, die Kritik an den tradierten, individualistischen und stigmatisierenden Erklärungs- und Behandlungsformen für sogenannte Nichtsesshafte und Gefährdete 4 übte. Gleichzeitig fand auch eine Veränderung des Hilfesystems von der tradierten Anstalts- und Heimhilfe der 1970er Jahre zu vermehrt ambulanten und gemeindeorientierten Einrichtungen statt (vgl. Wolf 2001, 1292; Holtmannspötter 1993b, 672). Im folgenden werde ich zwei 5 Definitionen von Wohnungslosigkeit mit ihren jeweiligen Implikationen vorstellen: die rechtliche Festlegung nach § 72 BSHG und die gesellschaftspolitisch orientierte Bestimmung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.
2.11 Gesetzliche Definition von Wohnungslosigkeit nach § 72 BSHG
Die Zugangsmöglichkeiten zum Hilfesystem sind eng verknüpft mit den Definitionen von Wohnungslosigkeit und den entsprechenden Hilfeangeboten nach den gesetzlichen Regelungen des § 72 BSHG sowie der dazugehörigen Verordnung (VO). Im Jahre 1974 wurde mit der Reform des § 72 BSHG die diskriminierenden Begriffe „Personen ohne ausrei-
1 Größtesstädtisches Übernachtungsheim in der Pilgersheimer Straße.
2 Im Gegenzug dazu bezeichnet ‚obdachlos‘ in der Fachsprache nur diejenigen wohnungslosen Personen, die auf der Straße nächtigen, ‚Platte machen‘ (vgl. Specht-Killer 2000, 93).
3 Beispielsweise hat sich 1993 die Fachzeitschrift „Gefährdetenhilfe“ in „wohnungslos“ umbenannt.
4 Sogenannte Gefährdete wurden bis zur Reform des BSHG im Jahr 1974 als Personen definiert, die „aus Mangel an innerer Festigkeit ein geordnetes Leben in der Gemeinschaft nicht führen können“ (BSHG 1974 §72 Abs.1). Solches Gedankengut ist auf die im Nationalsozialismus geschaffene Orientierung rückführbar, wo eine „umfassende reichsrechtliche Regelung des gesamten Wanderwesens“ erreicht werden sollte. Die Vermischung sozialer Aburteilung und psychiatrischer Diagnosen von Obdachlosen („unstete Psychopathen“, „angeborene Abnormität der Persönlichkeit“, „wandernde Bazillenherde“) hat im Nationalsozialismus mit zur Verfolgung wohnungsloser Menschen beigetragen (Greifenhaben, Fichter 1998, 89f; Roscher 2001, 45).
5 Die dritte im Kontext von Wohnungslosigkeit häufig zitierte Definition, der 1987 vom Deutschen Städtetags etablierte Begriff ‚Wohnungsnotfälle‘, spielt im Kontext dieser Arbeit keine Rolle, da er sich stark an ordnungs-, förderungs- und bauaufsichtsrechtlichen Kriterien orientiert und daher eher im Zusammenhang mit einer gesellschaftspolitischen Diskussion über Wohnen allgemein geeignet erscheint (vgl. Riege1994, 11ff; König 1998, 17ff). Beispielsweise gehören in die Gruppe der Wohnungsnotfälle Menschen, die in unzumutbaren Wohnverhältnissen aufgrund von schweren baulichen und hygienischen Mängeln leben, in Wohnungen, die überbelegt sind oder die mehr als 40 % des Einkommens für Wohnkosten aufbringen müssen. Nach Schätzungen sind dies ca. 5 % der Gesamtbevölkerung (Rosenke 1996, 77), die überwiegende Anzahl davon ist weiblich (Rosenke 1995, 63).
chende Unterkunft“ und „Nichtsesshafte“ abgeschafft. Seit 1996, im Zuge einer weiteren Reform des Sozialgesetzbuches, wird im § 72 BSHG von „Personen, bei denen besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind“, gesprochen. Jedoch blieb in der VO zu § 72 BSHG die alte begriffliche Trennung bestehen: „Personen ohne ausreichende Unterkunft“ werden als diejenigen definiert, „die in Obdachlosen- oder sonstigen Behelfsunterkünften oder in vergleichbaren Unterkünften leben“ (§ 2 VO zu § 72 BSHG), und „Nichtsesshafte“ als Menschen beschrieben, „die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen oder die sich ... in einer Einrichtung für Nichtsesshafte aufhalten“ (§ 4 VO zu § 72 BSHG) 6 . Seit etwa 15 Jahren gibt es von Verbänden die Bestrebung diese in der VO zu § 72 BSHG bestehenden diskriminierenden Begrifflichkeiten und die künstliche Trennung der Personengruppen zu beseitigen, um eine einheitliche Kostenträgerschaft herbeizuführen. Für sogenannte Nichtsesshafte ist zumeist der überörtliche Sozialhilfeträger zuständig, und die Unterbringungspflicht dieser Personengruppe ist nach dem Ordnungsrecht geregelt; „Personen ohne ausreichende Unterkunft“ wird sozialhilferechtlich in der Regel vom örtlichen Sozialhilfeträger, d. h. den Kommunen, Hilfe zuteil 7 (vgl. Holtmannspötter 2000, 30). Aufgrund der unklaren Personendefinitionen („bis zu 50 % der Hilfesuchenden sind nach § 72 Bundessozialhilfegesetz nicht mehr zuzuordnen“ Bundesratsdrucksache 734/00, 32) kam es immer wieder zu Kostenträgerstreitigkeiten über ‚ortseigene‘ und ‘ortsfremde‘ Wohnungslose, denen durch die Zu-ordnung zu einer dieser im Gesetz definierten Gruppen Unterstützung verweigert wurde (Roscher 2001, 47; eigene Erfahrungen während des Jahrespraktikums).
Die versteckte Diskriminierung in der VO zu § 72 BSHG liegt für Frauen darin begründet, dass sie wesentlich seltener als Männer auf der Straße sind und wesentlich häufiger ihre Wohnungslosigkeit verdeckt leben (beispielsweise bei Bekannten unterkommen oder häufig wechselnde Wohnbehelfe haben, vgl. ausführlich Kapitel 2.3), d. h. gerade solche Lebensverhältnisse zu vermeiden versuchen, wie sie in § 72 BSHG und der VO beschrieben werden. Diese gesetzliche Erfassung von Wohnungslosigkeit nimmt die überwiegenden Lebensverhältnisse von wohnungslosen Frauen nicht zur Kenntnis und trägt durch Unsichtbarmachung mit zur Diskriminierung bei. Gerade die Kategorie der ‚Nichtsesshaften‘ verweist darauf, dass die Wahrnehmung und Beschreibung des Problems Wohnungslosigkeit männer-zentriert ist (vgl. Enders-Dragässer et. al. 2000, 89f; Brähler-Boyan 1998, 65ff; Steinert 1997a, 33ff).
6 Zum weiteren Personenkreis gehören v. a. noch § 5 VO aus „Freiheitsentziehung Entlassene“ und § 6 VO zu § 72 BSHG „verhaltensgestörte junge Menschen“, was immer wieder zu Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen BSHG und KJHG geführt hat (vgl. Roscher 2001, 48).
7 Davon kann es jedoch Abweichungen geben, denn je nach Bundesland sind die Zuständigkeiten zwischen dem örtlichen und überörtlichen Sozialhilfeträger unterschiedliche geregelt (Brähler-Boyan 1998, 67).
Mit der Neufassung der VO zu § 72 BSHG zum 01.08.2001 wurde die Diskriminierung im Allgemeinen und die von Frauen im Besonderen aufgehoben, da eine wesentliche Änderung der Wegfall der Aufzählung der erfassten Personengruppen war 8 (vgl. Roscher 2001, 46). Die Neuregelung definiert in § 1 VO zu § 72 BSHG den Personenkreis mit Hilfe der Begriffe „besondere soziale Schwierigkeiten“ in Verbindung mit „besonderen Lebensverhältnissen“, wobei letztere u. a. „bei fehlender oder nicht ausreichender Wohnung“ und „gewaltgeprägten Lebensumständen“ bestehen. Der Wegfall jeglicher Typisierung der Personen nimmt auch die Männerzentrierung aus der Gesetzesformulierung heraus und thematisiert mit der Gewaltfrage implizit weiblich geprägte Lebensumstände 9 . Die Länder sind nunmehr aufgefordert in ihren Ausführungsgesetzen eine Neuordnung vorzunehmen. Was jedoch bestehen bleibt, ist eine individuelle und defizitorientierte Zuschreibung der Wohnungslosigkeit. Das drückt sich darin aus, dass die in § 72 Abs. 1 S. 1 BSHG als notwendige Bedingung zu Gewährung von Hilfe definierte Unfähigkeit zur Überwindung aus eigener Kraft in den BSHG-Neukommentierungen vom Juli 2001 mit mangelnder Initiative, Charaktermängeln, Willensschwäche, Abartigkeit des Trieb- oder Gefühllebens etc. identifiziert wird, was auch auf Milieu-, Erziehung- und sozialisationsbedingte Schäden zurückführbar sein könne (zitiert nach Brühl 2002, 47f). Jegliche strukturelle Gesichtspunkte, wie z. B. Wohnungsmarktlage, Arbeitslosigkeit, Armut oder eben auch männliche Gewalt, bleiben damit außen vor.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass im Zuge der Reformen des Sozialgesetzbuchs die mit dem ‚Wohnungslosenparagrafen‘ einhergehenden Diskriminierungen abgebaut wurden. Insbesondere die neue Reform der VO zu § 72 BSHG zum 01.08.2001 beendet die Typisierung der Personengruppen und thematisiert zum ersten Mal auch weibliche Lebensverhältnisse. Eine defizitorientierte Problemzuschreibung auf die von Wohnungslosigkeit Betroffenen ist der rechtlichen Definition jedoch inhärent.
2.12 Definition von Wohnungslosigkeit der Bundesarbeitsgemeinschaft und
Implikationen über Umfang und Struktur der Wohnungslosen
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG 1997) hat eine von vielen Au-torInnen übernommene (vgl. z. B. Enders-Dragässer et. al. 2000, 90; König 1998, 22ff; Bräher-Boyan 1998, 65) Definition von Wohnungslosigkeit vorgelegt, die sehr weitgehend ist, Wertungen vermeidet und eher gesellschaftliche Erklärungen anklingen lässt:
Wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. (BAG 1997)
8 Zu den weiteren Veränderungen vgl. Roscher 2001, Holtmannspötter 2000, Brühl 2002.
9 Brühl sieht in seiner Rechtsexpertise zur VO § 72 BSHG „durchaus positive Anstöße für die Arbeit mit Frauen“ (2002, 45), die sich u. a. auch dadurch ableiten, dass laut Gesetz „bei der Hilfe ... geschlechts- und altersbedingte Besonderheiten ... zu berücksichtigen“ sind.
Als aktuell von Wohnungslosigkeit Betroffene zählen folgende Personengruppen:
• im ordnungsrechtlichen Sektor,
- die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, d. h. lediglich mit Nutzungsverträgen in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden;
• im sozialhilferechtlichen Sektor,
- die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten durch den Sozialhilfeträger nach §§ 11, 12 oder 72 BSHG übernommen werden;
- die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht;
- die als Selbstzahler in Billigpensionen leben,
- die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend unterkommen;
- die ohne jegliche Unterkunft sind, "Platte machen";
• im Zuwanderersektor
- Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum finden können und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind.
- Anerkannte Asylbewerber in Notunterkünften zählen im Sinne der Definition zwar zu den Wohnungslosen, können aber bei den Wohnungslosenzahlen aufgrund fehlender Daten nicht berücksichtigt werden. (BAG 1997)
Aus dieser Definition heraus schätzt als einzige Institution in Deutschland die BAG regelmäßig die Zahl der Wohnungslosen (vgl. Tabelle 1 im Anhang 2) und verbindet damit politische Forderungen nach gesetzlichen Voraussetzungen für eine bundeseinheitliche Wohnungsnotfallstatistik. D. h. auf Grundlage von Wissen über den Umfang von Wohnungslosigkeit soll eine adäquate „Wohnungspolitik, ... eine bedarfsgerechte Sozialarbeit und eine wissenschaftliche Ursachenforschung“ (BAG 2000a) möglich werden.
Verhinderung von Wohnungsverlusten v. a. durch eine verbesserte ambulante Beratung, Mietschuldenübernahme der Kommunen und erleichtere Vermittlung von Wohnraum zurückgeführt wird (vgl. BAG 2000a, 2002). Obwohl es in einigen Regionen bzw. Teilen
10 Genauere Ausführungen über die Methodik der Schätzung der BAG bei Specht-Kittler (2000), Kritik an dem Verfahren der BAG bei König (1998, 54ff).
Deutschlands eine hohe Rate an fertiggestellten Wohnungen und damit oftmals eine große Zahl preisgünstiger Wohnungen gibt, spricht die BAG (2002) nicht von einer Entwarnung bei der Entwicklung der Wohnungslosigkeit. Denn der verfügbare Sozialwohnungsbestand, auf den überwiegend einkommensschwache Haushalte angewiesen sind, nimmt weiterhin ab. Aufgrund von steigender Langzeitarbeitslosigkeit und damit einhergehender Sozialhilfebedürftigkeit steigt seit 1997 nach Angaben der Kommunen die Zahl der von Wohnungsverlust bedrohten Haushalte kontinuierlich an. Laut BAG nimmt die Zahl der akut Wohnungslosen seit Mitte 2001 insbesondere in einzelnen Großstädten wieder deutlich zu (vgl. BAG 1997, 2000a, 2002; Specht-Kittler 2000, 99).
Die Aufschlüsselung der soziodemografischer Angaben der Wohnungslosen nach Haushaltsstruktur, Geschlecht, Alter und Nationalität ist nur schätzungsweise möglich:
• Für das Jahr 2000 ergibt sich für die ca. 170.000 Einpersonenhaushalte ein Anteil von ca. 71,5 % und für die ca. 68.000 Mehrpersonenhaushalte (Familien mit Kindern, Paare, Alleinerziehende etc.) ein Anteil von ca. 28,5 % an den wohnungslosen Haushalten, d. h. der Anteil der wohnungslosen Einpersonenhaushalte ist gegenüber den Vorjahren noch weiter angestiegen (BAG 2000a, 2002; eigene Berechnungen).
•
Geschlecht und Alter lassen sich laut BAG
(2002; Specht-Kittler 2002, 99) relativ zuverlässig nur für Einpersonenhaushalte (alleinstehende Wohnungslose) schätzen. Dabei wird von einem Frauenanteil von ca. 21 % ausgegangen (ca. 34.000 Frauen im Jahr 2000). Der Anteil der Frauen unter den Wohnungslosen insgesamt (ohne AussiedlerInnen) liegt bei geschätzten 23 %
(ca. 90.000 Frauen) und der Männer bei 77 % (ca. 300.000 Personen). Rd. 22 % der Wohnungslosen sind Kinder und Jugendliche (ca. 85.000 Personen) (Zahlen jeweils vom Jahr 2000, vgl. auch Tabelle 1 im Anhang 2).
• Der Anteil ausländischer Staatsangehöriger und Staatenloser, die Hilfeangebote der Wohnungslosenhilfe in Anspruch nahmen, stieg (BAG 1999) bei Alleinstehenden im Jahr 1998 auf ca. 10,6 % (3 % EU-BürgerInnen) 11 . Der Anteil ausländischer wohnungs-
11 DieZahl der Menschen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, die trotz besonderer sozialer Schwierigkeiten das Hilfesystem nicht aufsuchen, dürfte ein Mehrfaches betragen, da besondere ausländerrechtliche und auch kulturelle Probleme im Zugang zum Hilfesystem bestehen (BAG 1999). Zu diesem Thema gibt es bislang kaum Untersuchungen und auch nur wenige Praxisberichte, weshalb die Situation nicht deutscher wohnungsloser Frauen in der vorliegenden Arbeit nicht gesondert thematisiert werden kann.
loser Frauen von außerhalb der EU liegt doppelt so hoch wie der der Männer (vgl. Tabelle 7 in Anhang 2).
Ungefähr 14 % der alleinstehenden Wohnungslosen (ca. 24.000 Menschen) lebten im Laufe des Jahres 2000 ohne jede Unterkunft auf der Straße, darunter ca. 2.000 bis 2.500 Frauen (ca. 9 %) (vgl. BAG 2000a, 2000b, 2002, eigene Berechnungen). Diese Zahlen sind als eine Annäherung an Umfang und Struktur der von Wohnungslosigkeit Betroffenen zu verstehen, geben jedoch keine Auskunft über die Problematik von Wohnungslosigkeit in einzelnen Regionen bzw. Städten, die davon erheblich abweichen kann (vgl. Enders-Dragässer et. al. 2000, 93f).
Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Definition der BAG die Versorgung mit mietrechtlich abgesichertem Wohnraums thematisiert und damit das Problem der Wohnungslosigkeit gesellschaftlich definiert. Die geschätzte Anzahl der Wohnungslosen war in den letzten Jahren rückläufig, wobei die Situation in den Großstädten sich aktuell verschärft hat. Der Frauenanteil liegt ca. bei einem Viertel aller Wohnungslosen.
2.2 Wohnungslose Frauen als eigenständige Zielgruppe der Wohnungslosenhilfe
Als soziales Problem wurde die Wohnungslosigkeit von Frauen erst Ende der 1980er Jahre zur Kenntnis genommen und erst seit ca. zehn Jahren gelten wohnungslose Frauen als eine eigenständige Zielgruppe für soziale Angebote der Wohnungslosenhilfe. Entscheidende Anstöße dazu kamen aus der Frauenforschung, die insbesondere durch die Thematisierung von Armutsrisiken für Frauen und männlicher Gewalt neue Erklärungsansätze zu gesellschaftlich bedingten weiblichen Lebensverhältnisse boten. Gleichzeitig veränderten sich die Diskussionen innerhalb der Sozialen Arbeit durch eine zunehmende Kritik an den stigmatisierenden Begriffen des ‚Gefährdeten‘ und ‚Nichtsesshaften‘, also an den individualistischen Erklärungsansätzen, und führten zu einer Veränderung des Hilfesystems mit mehr ambulanten Beratungsangeboten in der Wohnungslosenhilfe. Insgesamt führten diese beiden Entwicklungen dazu, dass wohnungslose Frauen stärker ins Blickfeld rückten und zu Adressatinnen des Hilfesystems wurden (Enders-Dragässer et. al. 2000, 81f; Endert-Dragässer 1998, 9f; Steinert 1997a, 31f).
Für wohnungslose Frauen ist jedoch auch heute noch das Hilfeangebot unzureichend. Bundesweit gab es im Jahr 2000 für wohnungslose Frauen 24 ambulante Beratungsstellen, davon zehn mit angegliedertem Tagesaufenthalt und neun selbständige Tagesaufenthalte. Frauenpensionen oder Übernachtungsstellen ausschließlich für Frauen sind selten, nur ca. ein Drittel der Kommunen haben Frauennotunterkünfte (Enders-Dragässer et. al. 2000, 93; BAG 2000b). Eine flächendeckenden Versorgung mit frauenspezifischen Angeboten im
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Bereich der Wohnungslosenhilfe ist daher nicht gewährleistet. Zumeist werden Frauen in gemischtgeschlechtlichen Notunterkünften bzw. Pensionen untergebracht, in denen es nur in Ausnahmen getrennte Frauenaufenthaltsräume (ca. 13 %) gibt und auch oft die Sanitärräume (ca. 35 %) und Badezimmer (rd. 50 %) nicht nach Geschlecht getrennt sind, womit diese Unterkünfte keinen ausreichenden Schutz vor Belästigung und Gewalt gewährleisten können (Rosenke 1999, 126ff) 12 . Eine Studie in Hessen ergab, dass „die kommunalen Angebote sowohl zur Verhinderung als auch zur Versorgung von Frauen bei Wohnungslosigkeit mehrheitlich für nicht ausreichend gehalten wurden“ (Enders-Dragässer 1998, 1). Dass die Hilfeangebote für wohnungslose Frauen unzureichend bzw. unpassend sind, kann laut Enders-Dragässer (et. al. 2000, 187) auch aus dem Umstand geschlossen werden, dass Frauen im Hilfesystem insgesamt wenig präsent sind.
Trotz des unzureichenden frauenspezifischen Ange-
bots in der Wohnungslosenhilfe 13 ist die Anzahl und der Anteil wohnungsloser Frauen laut DAW-System 14 in den letzten Jahren gestiegen (1999 15,1 % 15 , 1991 6,4 % - vgl. Tabelle 2 im Anhang 2), eine Tendenz, die auch innerhalb der einzelnen EU-Länder dokumentiert ist (Avramov 1995, 95). Die Tatsache, dass wohnungslose Frauen seltener als Männer auf der Straße und im Hilfesystem anzutreffen sind, ist jedoch kein hinreichender Indikator dafür, dass Frauen wesentlich geringfügiger von Wohnungslosigkeit betroffen sind (Sellach 1998, 61), da sich die Erscheinungsweisen weiblicher Wohnungslosigkeit grundsätzlich von der der Männer unterscheiden. derwatadfg
12 In vielen Fällen zeigen sich gerade in Notunterkünften und Pensionen Praktiken, die zu einem würdelosen Alltagsleben von Obdachlosen beitragen, z. B. indem in einem Drittel die BewohnerInnen tagsüber das Haus verlassen müssen, die Aufenthaltsdauer rechtswidrig auf einige Tage begrenzt wird oder indem die Ausstat-tungsstandards die Grundbedürfnisse nach Hygiene, selbstbestimmter Ernährung (23 % keine Kochmöglichkeit) und Privatheit (nur ca. 30 % Einzelzimmer) nicht gewährleisten (Rosenke 1999, 127f).
13 ‚Frauenspezifisches Angebot‘ meint in diesem Zusammenhang insbesondere die Gewährung von Frauenräumen und weibliche Beraterinnen. Inwieweit die weiteren Kriterien feministischer Sozialer Arbeit (vgl. Freytag 1992, Tatschmurat 1996), die sich auch in den Qualitätsstandards der Wohnungslosenhilfe für Frauen wiederfinden (Sellach 1998), in den einzelnen Einrichtungen umgesetzt sind, kann ich nicht beurteilen.
14 Das DAW-System ist das Dokumentationssystem zur Wohnungslosigkeit der BAG Wohnungslosenhilfe für die Gruppe der wohnungslosen Einpersonenhaushalte im sozialhilferechtlichen Sektor, d. h. dokumentiert werden hier wohnungslose Menschen, die in eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe nach § 72 BSHG aufgenommen wurden und die am Dokumentationssystem teilnimmt. Dokumentiert wird also ein bestimmter Ausschnitt der Wohnungslosen. Aufgrund von fehlender Finanzierung hat die BAG ihr Dokumentationssystem 1999 eingestellt.
15 Aufgrund der weiblichen Erscheinungsweise von Wohnungsnot (vgl. Kapitel 2.32) ist von einer hohen Dunkelziffer wohnungsloser Frauen auszugehen (Rosenke 1995, 63).
2.3 Erscheinungsformen weiblicher Wohnungslosigkeit
In der Literatur besteht Einigkeit darüber, dass Wohnungslosigkeit bei Frauen in anderen Formen als bei Männern auftritt (Enders-Dragässer et. al. 2001, 94f). Dies zeigt sich einmal in Hinsicht auf soziodemografische Unterschiede, deren wichtigste sich anhand der zur Verfügung stehenden Daten aus dem o. g. DAW-System wie folgt skizzieren lassen:
• Danach sind knapp 20 % der weiblichen Wohnungslosen alleinstehend mit Kindern, ca. 7 % leben mit Partner und Kindern und ca. 13 % alleine mit Partner, d. h. 60 % der wohnungslosen Frauen im sozialhilferechtlichen Sektor sind alleinstehend (bei Männern 95 %) (Rosenke 1998, 17; BAG 1997). Laut den Schätzung der BAW über Wohnungslose insgesamt leben 60 % der wohnungslosen Frauen in Mehrpersonenhaushalten, d. h. mit Kindern bzw. Partner (Basiszahlen in Tabelle 1 im Anhang 2).
•
Wohnungslose Frauen sind deutlich jün-
ger als Männer (vgl. Tabelle 3 im Anhang 2). Rd. 36 % der Frauen sind jünger als 30 Jahre (17 % bei Männern) und 67 % unter 40 Jahren (45 % bei Männern) (BAG 1997). Das wird auch aus anderen Untersuchungen bestätigt, bei denen der Anteil der jungen Frauen unter 30 Jahren mit bis zu 50 % angegeben wird (Schroll-Decker/Kraus 2000, 110). In der Gruppe der unter 20jährigen stehen 10 % Frauen 1 % Männer gegenüber (Bodenmüller 1995, 19) 16 .
Eine weitere geschlechtsspezifische Differenzierung in den Erscheinungsweisen von Wohnungslosigkeit ist mittels den in der Fachöffentlichkeit unterschiedenen Arten - manifest und latent - der Wohnungslosigkeit feststellbar. Manifest wohnungslos sind Menschen, die offensichtlich auf der Straße leben oder vom Hilfesystem wahr- bzw. aufgenommen werden. Als latent wohnungslos gelten jene, die potenziell von akuter Wohnungslosigkeit bedroht sind, beispielsweise aufgrund von prekären Wohnverhältnissen (mietrechtlich ungeschützte Wohnverhältnisse bei Bekannten oder Arbeitgeberunterkünfte wie etwa bei Zimmermädchen) oder aufgrund von Entlassung aus Institutionen (Psychiatrie, Krankenhaus, JVA etc.) (vgl. Enders-Dragässer 1997, 240; Steinert 1997a, 36; Enders-Dragässer et. al. 2001, 94f). Diese Unterteilung der Wohnungslosigkeit angewandt auf den
16 Zahlen aus diesen Studien beziehen sich wie sonst auch fast immer auf eine bestimmte Region, da der lokale Bezug nach § 72 BSHG den Handlungsspielraum der Kommunen darstellt.
Wohnstatus unmittelbar vor Beginn der Hilfe (vgl. Tabelle 5 Anhang 2, BAG 1997) zeigt folgende geschlechtsspezifischen Unterschiede:
•
Manifest wohnungslos sind knapp 30 %
der Frauen, d. h. sie leben entweder auf der Straße (ca. 10 %) oder in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe (20 %), der Anteil der Männer liegt mit fast 60 % doppelt so hoch (davon 26 % ‚Platte‘).
• Als latent wohnungslos sind ca. 45 % der Frauen zu bezeichnen, insbesondere gehört dazu der mit 31 % hohe Anteil an Frauen, die bei Freunden/Bekannten unterkommen. Nur ca. 30 % der Männern sind latent wohnungslos (davon leben 17 % bei Freunden/Bekannten).
• Eine eigene Wohnung besaßen unmittelbar vor der Wohnungslosigkeit 26 % der Frauen (Männer 10 %).
Enders-Dragässer kritisiert aufgrund ihrer Forschungsergebnisse die Unterteilung von manifester und latenter Wohnungslosigkeit, da dies „den tatsächlichen Erscheinungsweisen weiblicher Wohnungslosigkeit nicht gerecht wird“ (Enders-Dragässer et. al. 2001, 95). Sie schlägt eine Dreiteilung von sichtbar, verdeckt und latent wohnungslosen Frauen vor und verändert damit den Blickwinkel hin zu den Lebensverhältnissen und Bewältigungsstrategien der von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen.
2.31 Sichtbare Wohnungslosigkeit
Im Gegensatz zu offensichtlich auf der Straße lebenden ‘Pennern’ sind obdachlose Frauen in der Öffentlichkeit kaum zu erkennen, nur selten ist eine umherziehende ‚Tütenfrau‘ deutlich erkennbar. Studien zu auf der Straße lebenden Obdachlosen konstatieren - unabhängig vom Befragungsort - daher ‚nur’ einen Frauenanteil von rund 10 % (GFS 1995, 6; AG Freie Wohlfahrtspflege Hamburg 1996; Holm et. al. 1999, 7; GFS 1999a, 48; Behrens-Schröter 1999, 21; Duschinger 2000, 6). Diese sichtbar auf der Straße lebenden Frauen gelten als die typisch wohnungslosen Frauen, sind es aber nicht. Sie leben entweder als Teil einer Gruppe im Straßenmilieu oder ziehen als Einzelgängerinnen umher (Steinert 1997a, 37).
Da die offen wohnungslosen Frauen, die auf der Straße leben, gesellschaftliche Weiblich-keitsvorstellungen durchbrechen (kein Haus, Familie, Mann) sind sie gezwungen, sich mit gesellschaftlichen Abwertungen und Stigmatisierungen auseinanderzusetzen. Viele von
ihnen suchen sich neue Orientierungsmuster und können daher zumeist den alternativorientierten Typen wohnungsloser Frauen zugerechnet werden (vgl. Kapitel 2.43).
2.32 Verdeckte Wohnungslosigkeit
Als typisch wohnungslose Frauen müssen - da sie die zahlenmäßig größte Gruppe darstellen - diejenigen gelten, die in verdeckter Wohnungslosigkeit leben, d. h. die in ihrer Wohnungslosigkeit nicht sichtbar werden wollen. Frauen versuchen, möglichst lange ohne institutionelle Hilfe auszukommen und suchen daher nach privaten Lösungen. Sie schlüpfen bei FreundInnen/Bekannten unter und gehen oft zweckorientierte Partnerschaften ein, was zwar ein Dach über dem Kopf garantiert jedoch keinerlei mietrechtliche oder ökonomische Absicherung. Ausnutzung, Gewalt, Gelegenheitsprostitution bedingen eine Lebenssituation, die von der verdeckten in die sichtbare Wohnungslosigkeit führen kann. Oder sie kehren mehrmals in die Partnerschaft bzw. zur Herkunftsfamilie zurück, die sie aufgrund eskalierender Konflikte verlassen haben oder aus der sie wegen (sexueller) Gewalt geflohen sind (Enders-Dragässer et. al. 2001, 98ff; Enders-Dragässer 1998, 21ff).
Wesentlich für diese Frauen ist der Verlust von familiären und sozialen Beziehungen. Bei Müttern fällt die Trennung von ihren Kindern erschwerend ins Gewicht, die sie dem Selbstbild und der gesellschaftlichen Rollenzuschreibung entsprechend versorgen und erziehen müssten. Wohnungslose Frauen verfügen nicht mehr über diese zentralen Dimensionen ‚weiblicher Identität‘, was zu Schuld- und Schamgefühlen führt. Auch gibt es für sie keine öffentlichen Räume, wo sie sich frei von männlicher Überlegenheit und Gewalt bewegen können, d. h. Frauen verlieren nicht nur ihre Wohnung, sondern auch deren Schutzfunktion. Darüber hinaus erleben wohnungslose Frauen schnell soziale Abwertung bzw. haben negative gesellschaftliche Deutungsmuster verinnerlicht. Sie selbst verstehen sich daher in der Regel eher als wohnungssuchende und nicht als wohnungslose Frau (Enders-Dagässer et. al. 2000, 96, 98f).
Die versteckte Erscheinungsweise weiblicher Wohnungslosigkeit muss auch als Bewältigungsstrategie für Frauen verstanden werden, d. h. in dem ihr möglichen Rahmen selbstbestimmt leben zu können und ihren eigenen Grundbedürfnissen (Essen, Duschen, Waschen) nachgehen zu können, wobei sie auf ihre Beziehungs- und Versorgungskompetenzen zurückgreifen (Enders-Dragässer 1998, 21ff).
An das Hilfesystem wenden sich wohnungslose Frauen in der Regel erst im äußersten Notfall, d. h. wenn sie nicht mehr weiter wissen und es ihnen schon lange schlecht geht (BAG 2002b, Enders-Dagässer et. al. 2000, 100). Diese Frauen sind - auch wenn sie nicht im Hilfesystem in Erscheinung treten - nicht latent sondern faktisch wohnungslos.
2.33 Latente Wohnungslosigkeit
Latent wohnungslos sind Frauen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, da sie in einer mietvertraglich ungesicherten Wohnsituation leben. Häufig läuft der Mietvertrag über den Ehemann, Partner, Vater etc., was bei Beziehungskonflikten oder Trennung zum Auszug aus der Wohnung führen kann. Insbesondere sind hierbei die Frauen zu nennen, die in gewaltgeprägten Lebensverhältnissen leben und der Gewalt oft nur durch Auszug aus der Wohnung entgehen können 17 . Gerade auch der Anteil sehr junger Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, zeigt die Auswirkungen mietrechtlich ungesicherter Verhältnisse.
Ungenügend abgesichert sind auch an die Beschäftigungsstelle gekoppelte Wohnmöglichkeiten. Oft kommt dies in frauentypischen Berufen vor, wie Hausangestellte oder häusliche Pflege, aber auch in der Gastronomie und bei bestimmten Ausbildungsberufen, beispielsweise Krankenschwester. Dazu gerechnet werden müssen auch Frauen, die in Bordellen und Hostessenwohnungen untergebracht sind.
Latent wohnungslos sind weiterhin Frauen, die nach einem Aufenthalt im Krankenhaus, Psychiatrie, Suchtklinik oder Haftanstalten nicht mehr in die alte Wohnung bzw. zur Herkunftsfamilie zurück können (Enders-Dragässer 2000, 100f).
2.4 Typologie wohnungsloser Frauen
Die Typologie wohnungsloser Frauen ist von Erika Steinert (1997) in einem zweijährigen Forschungsprojekt 18 mittels der Auswertung von 48 narrativen Interviews mit von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen erstellt worden (Steinert 1997a, 70, 179). Das einschneidende Erlebnis des Wohnungsverlustes verlangt von den Frauen eine Reaktion, die entweder in der Wiederherstellung des Status Quo oder in einer Anpassung an veränderte Bedingungen bestehen kann und somit zentrale Deutungsmuster (Wert- und Verhaltensmuster) in Frage stellt. Deutungsmuster und soziale Orientierungen haben eine Bedeutung, die die individuellen Zielsetzungen beeinflusst - so die These von Steinert (1997, 119f). Deshalb konzentriert sich ihre Materialauswertung auf folgende zentrale Fragestellungen:
• Die subjektive Problemgenese der Wohnungslosigkeit, d. h. vor allem der Unterschied zwischen interner und externer Zuschreibung der Wohnungslosigkeit.
17 Das neue Gewaltschutzgesetz eröffnet hierbei neue Möglichkeiten für Frauen bei Gewalt in der Ehe.
18 Bei dem Projekt handelt es sich um einen Forschungsauftrag für das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Ziel war es eine Quantifizierung des Problems der weiblichen Wohnungsnot vorzunehmen sowie den Umgang der Betroffenen mit ihrer Wohnungslosigkeit und dem Hilfesystem zu beschreiben (Geiger/Steinert 1997, 9ff; Steinert 2000, 185).
- 18 -
• Der Umgang mit der Wohnungslosigkeit, d. h. welche Ziele und welche soziale Orientierungen wählen die Frauen. Hierbei erfasst die Auswertung insbesondere die Unterscheidung zwischen der Eigenzuschreibung als Akteurin bzw. Opfer der Verhältnisse, die alltagspraktische Relevanz einer Ausrichtung des Lebens am bürgerlichen Normalitätsmodell und das Verhältnis zum Hilfesystem (Steinert 1997b, 120ff).
Nach Analyse des Materials anhand der sozialen Orientierung kristallisieren sich drei Grundkategorien wohnungsloser Frauen heraus: normalitätsorientierte, institutionenorientierte und alternativorientierte Typen, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Die Deutungsmuster hinsichtlich der Problemgenese konnten keinem bestimmten Orientierungsmuster zugeordnet werden - gleiche Interpretationen der Problemgenese können zu entgegengesetzten Orientierungen führen und umgekehrt (Steinert 1997b, 182f). Die Typologie ist außerdem - wie es jede Typologie sein sollte - eine Idealisierung einiger bestimmter Eigenschaften und dient nicht der Zuschreibung von Charakteren realer Menschen.
2.41 Normalitätsorientierte Typen
Alle normalitätsorientierten Typen wohnungsloser Frauen schätzen sich selbst als handlungsfähig ein. Sie streben normalisierte Wohn- und Arbeitsverhältnisse an (Orientierung am bürgerlichen Normalitätsmodell 19 ) und sehen ihre Wohnungslosigkeit als ein vorübergehendes Problem. Da sie sich selbst als kompetent und aktiv erleben, legen sie Wert darauf, dass das Hilfesystem sie nicht entmündigt, da sie ihren Hilfebedarf nicht auf einer persönlichen Ebene sondern nur aufgrund problematischer Umstände sehen (Problemgenese i. d. R. extern attribuiert) (Steinert 1997b, 124f, 179ff). Die vier Untertypen unterscheiden sich v. a. in ihrem Umgang mit dem Hilfesystem.
• Die Dissidentin
Äußere Umstände lassen sie wohnungslos werden (z. B. materielle Notlage, Trennung, Wohnungsmarktlage). Diese Frauen zeigen eine hohe Motivation und viel Eigenaktivität, um diese Situation so schnell wie möglich zu beenden, und haben eine eigene Vorstellung über Formen der Bewältigung (z. B. Arbeits-, Wohnungssuche). Professionelle Hilfe wird als Entmündigung und Kontrolle verstanden, denn sie definieren sich nicht als persönlich hilfebedürftig oder gar defizitär: Gewünschte Hilfe erhalten sie nicht (Vermittlung einer Wohnung) und unerwünschte wird geboten (z. B. Beratungsgespräche). Diese Frauen setz-
19 Andieser Stelle möchte ich gesondert darauf hinweisen, dass ‚Normalitätsorientierung‘ in dieser Arbeit eine Ausrichtung an zentralen bürgerlichen Lebensweisen bedeutet und nicht eine bewertende Kategorie darstellt. Da ‚normal‘ immer auch sein Gegenstück ‚nicht-normal‘ impliziert, das gesellschaftlich negativ bewertet und oft ausgrenzend und abwertend gebraucht wird, bin ich mit der Begriffsvergabe von Steinert nicht zufrieden. Eine Umbenennung wie beispielsweise in ‚Bürgerlichkeitsorientierung‘ ist jedoch nicht so prägnant und leicht verständlich, so dass ich auf eine Begriffsneuschöpfung verzichtet habe.
ten sich gegenüber der empfundenen Entmündigung und mangelndem Respekt zur Wehr, indem sie eine klare Abgrenzung gegenüber dem Hilfesystem und anderen BewohnerInnen vornehmen und sich im Dissens mit den SozialarbeiterInnen befinden (keine Übernahme der Problemdefinition). Zumeist ist ihr Kontakt zum Hilfesystem einmalig und kurz (Steinert 1997b, 125ff).
• Die Pragmatikerin
Auch diese Frauen schreiben die Problemgenese oft externen Faktoren zu und sehen das Hilfesystem nur als unvermeidbare Übergangslösung bis zur Wiederherstellung des Status Quo ante. Sie geht das Problem des Wohnungsverlustes mit Eigenaktivität und Planung an, versteht sich als nicht-betreuungsbedürftig und empfindet sich aufgrund der Zwänge im Hilfesystem entmündigt. Diese Frauen schlagen eine Strategie des flexiblen Widerstands im Hilfesystem ein, d. h. Anpassung in Bereichen wo es leicht zu bewerkstelligen ist (z. B. Hausversammlungen), Sicht-entziehen, wo die ‚Kosten‘ hoch wären (persönliche Beratungsgespräche). Der Kontakt zu anderen BewohnerInnen ist von marginaler Bedeutung. Auch diese Frauen sind oft zum ersten mal wohnungslos (Steinert 1997b, 133ff).
• Die Hilfebedürftige
Die sogenannten hilfebedürftigen Frauen sehen häufig ein persönliches Problem als die Wohnungslosigkeit mitverursachend (z. B. nicht mit Geld umgehen können, Probleme mit dem alleine leben haben, Zurechtfinden in der Großstadt). Sie definieren sich selbst als partiell hilfebedürftig, weshalb das Hilfesystem für sie eine Unterstützung bedeutet. Auch stimmt ihre Problemdefinition zumeist mit der der SozialarbeiterInnen überein und sie wünscht sich eine persönliche Betreuung. Diese Frauen streben aktiv eine Veränderung bzw. Erweiterung ihrer Lebensperspektive an, die normalorientiert ist (Ausbildung suchen, Wohnung finden etc.). Daher verstehen sie den Kontakt zum Hilfesystem zeitlich befristet. Zumeist gibt es einen ausgeprägten Kontakt zu anderen BewohnerInnen der Einrichtung (Steinert 1997b, 139ff).
• Die Orientierungssuchende
Die zumeist jungen Frauen (oft Familienflucht) leben eine explorative Phase der Suche nach einem eigenen Lebenskonzept, in der sie Verschiedenes ausprobieren und auch verschiedene Wohnformen leben. Eine Orientierung am normalitätsorientiertes Lebenskonzept (Wohnung, Umschulung, mit Freund zusammenleben, Kinder) taucht erst wieder am Ende der Orientierungsphase auf. Dann ist sie zielorientiert und stellt auch Kontakt zum Hilfesystem her, beansprucht jedoch nur Unterstützung wegen ihrer problematischen Situation und nicht wegen persönlicher Hilfebedürftigkeit (Steinert 1997b, 142ff).
2.42 Institutionenorientierte Typen
Bei den drei institutionenorientierten Typen wohnungsloser Frauen wird das Hilfesystem als relevante materielle, soziale, pädagogisch-therapeutische und emotionale Ressource wahrgenommen. Diese Frauen haben sich an ein Leben ohne Wohnung angepasst und orientieren sich an den Anforderungen des Hilfesystems. Auch hier wird zumeist eine externe Problemgenese vorgenommen (problematische Familienverhältnisse, soziale Benachteiligungen, Krankheit etc.), wobei jedoch die Probleme, die die Wohnungslosigkeit verursacht haben, sich subjektiv schwerwiegender darstellen. Eine Normalitätsorientierung ist von marginaler Bedeutung, d. h. sie scheint alltagspraktisch wenig realisierbar und eine Veränderung der Situation nicht möglich (Steinert 1997b, 148ff, 162f).
• Die Heimatsuchende
Diese Frauen nehmen oft eine externe Problemgenese vor (körperliche bzw. psychische Erkrankung, Trennung, fehlende Unterstützung von Ämtern, keine Arbeit), wobei die einzelnen Faktoren jedoch als unbeeinflussbar gelten. Oft sind es Frauen in der mittleren Lebensphase, die bereits mehrere Fehlschläge bzw. Enttäuschungen, zumeist eine lange Karriere als Wohnungslose und einen ebenso langen Aufenthalt im Hilfesystem hinter sich haben, weshalb eine Orientierung am Normalitätsmodell obsolet geworden ist. In dieser Situation passen sie sich den veränderten Lebensbedingungen durch Assimilierung an einen institutionellen Schutz an, von denen ihr Überleben abhängt, denn sie sehen sich selbst als nicht handlungsfähig und haben keine Hoffnung auf Veränderung (Steinert 1997b, 149ff).
• Die Pendlerin
Charakteristisch für diese Frauen ist zwar eine externe Problemgenese (Opfer problematischer Verhältnisse), jedoch sehen sie sich trotzdem als Akteurin, in dem sie institutionelle Hilfsangebote funktionalisieren und oft jahrelang zwischen Einrichtungen pendeln, manchmal unterbrochen von kurzen Phasen der Entfernung vom Hilfesystem. Bürgerliche Werte sind ohne Bedeutung, ihre alltagspraktische Ausrichtung orientiert sich am Hilfesystem. Sie agieren gegenwartsorientiert, haben keine langfristige Planung bzw. kein Durchhaltevermögen und zeigen eine hedonistische Haltung (Steinert 1997b, 152ff).
• Die Schutzbedürftige
Diese Frauen nehmen zumeist eine externe Problemgenese vor, in dem sie ihren Eltern die Schuld an ihrer problematischen Biografie geben, die sie in einen Abstiegssog gerissen hat (z. T. Suchtproblematik). Sie pendeln zwischen den angeboten des Hilfesystems, das sie als eine relevante soziale bzw. therapeutische Ressource wahrnehmen, und Phasen ohne dessen Beanspruchung, die sich jedoch nicht als dauerhaft tragfähig erweisen. Eine Normalitätsorientierung scheint im Alltag nicht realisierbar, gilt jedoch als erstrebenswerte Fern-Perspektive (Steinert 1997b, 158ff).
2.43 Alternativorientierte Typen
Für sogenannte alternativorientierte Typen wohnungsloser Frauen sind bürgerliche Werte von untergeordneter Bedeutung, stattdessen hat eine alltagspraktische Orientierung an subkulturellen Werten und Normen bei gleichzeitiger Unabhängigkeit vom Hilfesystem statt-gefunden. Diese Frauen haben sich an ein Leben im Straßenmilieu angepasst (Steinert 1997b, 164ff, 178f).
• Die Szeneorientierte
Externe attribuierte Faktoren lassen diese Frauen eine Lebenskrise und die damit einhergehende bzw. folgende Wohnungslosigkeit erleben. Bei ihnen findet ein biografischer Bruch und eine soziale Umorientierung statt, d. h. die Internalisierung von Werten und Normen der männlichen geprägten Straßenszene und die Entwertung der früheren, normalitätsorientierten Lebenswelt. Sie leben als Teil einer Gruppe auf der Straße, worüber sie auch ihre Identität herstellen, wobei Frauen als schutzbedürftig gelten und über ‚ihren‘ Mann definiert werden. Das Hilfesystem wird nur als materielle Ressource genutzt und keine Veränderung der Lebensumstände angestrebt (eventueller Wunsch nach bürgerlicher Idylle ohne Realorientierung). Sie leben einen Gegenwartshedonismus - die Zukunft kann nur Schlimmeres bringen (Krankheit, Knast, Psychiatrie, Tod) (Steinert 1997b, 164ff).
• Die Grenzgängerin
Äußere Umstände lassen diese Frauen wohnungslos werden, woraufhin sie sich zeitweise am Straßenmilieu orientieren und zeitweise auch wieder Kontakt mit dem Hilfesystem aufnehmen. Es findet eine partielle Umorientierung statt, d. h. sowohl eine alternative Ausrichtung des Verhaltens (nichts tun, in den Tag hinein leben) als auch eine Normalitätsorientierung (Arbeit suchen). Dieses widersprüchliche Verhalten kann zum Problem werden (Steinert 1997b, 168ff).
• Die Individualistin
Diese Frauen sehen sich selbst als unkonventionell und ungebunden. Ein fester Wohnsitz erscheint nicht wichtig. Sie haben sich von einem Normalitätsmodell entfernt, aber nie dem Straßenmillieu angeschlossen. Zumeist sind dies ältere ‚schrullig‘ wirkende Frauen, die alleine umherziehen. Der Kontakt zu SozialpädagogInnen ist von ihrer Seite aus i. d. R. unproblematisch (Steinert 1997b, 176ff).
Insgesamt ist es wichtig festzuhalten, dass die Typologie wohnungsloser Frauen einer der wenigen Versuche ist, die Bewältigungsstrategien und Orientierungen der Frauen zu analysieren und ihre tatsächliche Lebensrealität beschreiben zu wollen. Der Blick des Hilfesystems ist häufig auf die Probleme Wohnungsloser zentriert und zumeist von einem ‚Normalisierungsdruck‘ begleitet (Back 2000, 133). Viele andere Analysen und Beschreibungen konzentrieren sich darauf, Ursachen oder Problemdimensionen von Wohnungslosigkeit
herauszuarbeiten (vgl. folgendes Kapitel), so dass dadurch häufig ein defizitäres Bild von wohnungslosen Menschen entsteht. Die Thematisierung des Selbstbildes wohnungsloser Frauen vertieft das Verständnis ihrer Lebenslage und kann dem Defizitblickwinkel eine Ressourcenorientierung entgegenstellen.
2.5 Erklärungsversuche und Faktoren für die Wohnungslosigkeit von Frauen
In den vorhergegangen Kapiteln ist bereits implizit deutlich geworden, dass Wohnungslosigkeit in aller Regel ein Folgeproblem ist. Es gehen andere Schwierigkeiten voraus, und oft genug entwickeln sich aus der Wohnungslosigkeit schließlich weitere Probleme. In der Fachdiskussion wird daher von einem multidimensionalen Problemszenario bei wohnungslosen Frauen (und Männern) gesprochen: am Rande des Arbeits- und Wohnungsmarktes, mit geringen Bildungs- und Qualifikationsstandards und einer diskontinuierlichen Erwerbsbiografie, oft vom Mann ökonomisch abhängig, häufig desolate Kindheit und Jugend und frühere Heim- bzw. Pflegefamilienaufenthalte, massive Beziehungsprobleme und ‚destruktive Bewältigungsstrategien‘ wie Depression oder süchtiges Verhalten, oft kombiniert mit weitern Problemen wie körperlichen und/oder psychischen Erkrankungen, Verschuldung etc. (Steinert 1997a, 52f). Diese Summe von Problemlagen prägen nicht nur häufig das Bild der wohnungslosen Frau sondern sind auch schwer in einem Erklärungsmodell zusammenfassbar. Denn was hierbei als auslösender Grund, als Ursache oder als Risiko-faktor für die Entstehungsbedingungen von Wohnungslosigkeit und was als direkte oder indirekte Folge zu rechnen ist, lässt sich oft schwer ausmachen, da es sich um wechselseitig sich beeinflussende und überlagernde Faktoren handelt (Steinert 1997a, 62, Enders-Dragässer 1997, 241).
Die zwei häufig zitierten und kritisierten eindimensionalen Erklärungsansätze, der ökonomisch orientierte Ansatz, der sich auf die Feminisierung von Armut bezieht, und der sozialpsychologisch orientierte Ansatz, der weibliche Sozialisationsbedingungen mit inadäquaten Bewältigungsstrategien verbindet, zeigen zwar wichtige Bestandteile auf, können jedoch aufgrund ihrer Monokausalität weibliche Wohnungslosigkeit nicht vollständig erklären (vgl. Steinert 1997a, 52ff, Enders-Dragässer 1997, 241ff, Enders-Dragässer et. al. 2001, 101ff; Brender 1999, 27ff; Riege 1994, 12ff). Deshalb erscheint es sinnvoll, diese beiden Ansätze in ein multifaktorielles Bedingungsgefüge zur Erklärung von Wohnungslosigkeit aufzunehmen, was von Steinert (1997, 62ff) vorgeschlagen, jedoch nicht ausformuliert wurde. Die Modellvorstellung dahinter, wie sie auch in der Sozialepidemiologie postuliert wird, ist, dass strukturelle, soziale und individuelle Faktoren in Wechselbeziehung untereinander verbunden sind und eine ambivalente Bedeutung haben, d. h. je nach Situation sowohl als Ressource wie als Belastung wirken können: Beispielsweise sind enge so-
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ziale Beziehungen eine soziale Ressource, um Wohnungslosigkeit auffangen zu können (vgl. verdeckte Wohnungslosigkeit), sie können sie aber ebenso hervorbringen, wie bei Familienausreißerinnen, die der sozialen Kontrolle entgehen wollen (Steinert 1997a, 62).
Im Folgenden werde ich die wichtigsten Erklärungsansätze von Wohnungslosigkeit in Bezug auf strukturelle, soziale und individuelle Faktoren darlegen.
2.51 Strukturelle und soziale Faktoren
Einig sind sich alle AutorInnen, dass Armut ein Faktor ist, der weibliche Wohnungslosigkeit mit hervorrufen kann (vgl. Steinert 1997a, 52ff, Enders-Dragässer 1997, 241ff, Enders-Dragässer et. al. 2001, 101ff; Brender 1999, 27ff; Riege 1994, 12ff; Geiger 1992, 7ff; Sellach 1995). Unzureichende materielle Absicherung und damit ein erhöhtes Armutsrisiko aufgrund eines geschlechtsspezifisch segmentierten Arbeitsmarkts (unbezahlte Reproduktionsarbeit wird den Frauen zugewiesen) und sozialrechtliche Abhängigkeit vom Ehemann (das Subsidiaritätsprinzip geht vom ‚Normalfall‘ der Versorgerehe aus) nehmen dabei eine zentrale Stellung ein. Das System der sozialen Sicherung diskriminiert Frauen durch Benachteiligungen, die aufgrund ihrer Erwerbsbiografie (diskontinuierliche Berufslaufbahn, Lohndiskriminierungen) entstehen (Steinert 1997a, 53ff; Enders-Dragässer et. al. 2001, 102ff, 107ff). Hinzuzufügen ist, dass die typischen Frauenberufe schlechter entlohnt werden. Unbestritten ist, dass Armut strukturell bedingt überwiegend weiblich ist, trotzdem ist Wohnungslosigkeit vor allem (77 %) ein männliches Phänomen (vgl. Kapitel 2.12, Tabelle 1 in Anhang 2). Die These dazu lautet, dass Frauen mit Armut und drohender Wohnungslosigkeit besser umgehen können als Männer, d. h. aufgrund ihrer weiblichen Sozialisation Kompetenzen im Reproduktionsbereich dazu nutzen, Häuslichkeit als ein zentrales Merkmal von gesellschaftlich zugeschriebener Weiblichkeit zu erhalten (vgl. verdeckte Wohnungslosigkeit) (Geiger 1992, 9; Steinert 1997a, 57; Enders-Dragässer et. al. 2001, 118f).
Unbestritten ist in der Literatur weiterhin, dass Veränderungen in sozialen (Familien-) Beziehungen ein wichtiger Grund für Wohnungslosigkeit sein können (Enders-Dragässer et. al. 2001, 119ff; Steinert 1997a, 60f; Rosenke 1997, 15f; Sellach 2001, 7f).
• Die Veränderung der Familienverhältnisse (Trennung bzw. Scheidung vom Partner 37,4 %, Flucht aus einer Gewaltpartnerschaft 10 % und Auszug von den Eltern 21,5 %) ist bei Frauen mit knapp 70 % der häufigste Auslöser für Wohnungsverlust (gegenüber ca. 50 % bei Männern, wobei Gewalt hier keine Rolle spielt) (BAG 1997, Tabelle 4 in Anhang 2).
Häusliche Gewalt gilt ebenfalls als eine geschlechtsspezifische Ursache von Wohnungslosigkeit und ist eindeutig ein Ausdruck der patriarchalen Gesellschaft. Die Folgen von Ge-
walt gegen Frauen sind häufig Trennung, Scheidung 20 sowie körperliche und psychische Beeinträchtigungen der Gesundheit und oft auch Alkoholkonsum, Drogen- bzw. Medikamentenabhängigkeit, was wiederum das Risiko von Verarmung und Wohnungslosigkeit mit sich bringen kann (Enders-Dragässer et al 2001, 122, 219). Gewalterfahrung kann somit die persönlichen Ressourcen entscheidend mindern, wobei hier deutlich die wechselseitige Beeinflussung der strukturellen und persönlichen Faktoren zu Tage tritt. Da ca. 90 % der wohnungslosen Frauen männliche Gewalt während der Zeit der Wohnungslosigkeit erlebt haben (Enders-Dragässer et al 2001, 122), ist die Relevanz des Gewaltfaktors sehr hoch einzuschätzen.
Die Jugend- bzw. junge Erwachsenenphase scheint für Frauen ein besonderer Risikofak-tor in Bezug auf Wohnungslosigkeit zu sein (vgl. Kapitel 2.3 und Tabelle 3 und 4 in Anhang 2). Zur grundsätzlichen Verunsicherung während der Adoleszenz kommt für Mädchen der Wandel der Frauenrolle hinzu. Eine weibliche Sozialisation mit den bestehenden Einschränkungen und Unterdrückungen birgt ein mädchenspezifisches Konfliktpotenzial in sich, das u. U. mit Auszug von den Eltern bzw. Familienflucht beantwortet wird und bei ungenügender materieller Absicherung zu Wohnungslosigkeit führen kann (Bodenmüller 1995, 34). Dies gilt in besonderer Weise für Mädchen mit einer bikulturellen Sozialisation, in der sich der Konflikt mit der tradierten weiblichen Rollenerwartung oft schärfer stellt (Bodenmüller 1995, 35). Dies findet seinen Niederschlag in der Zunahme junger ausländischer Frauen als Klientinnen der Wohnungslosenhilfe (Philipp 2002, 59).
Dass die ökonomische Abhängigkeit von Frauen nach der Trennung zu materieller Unter-versorgung und damit auch zu Wohnungslosigkeit führen kann, wird von einigen AutorInnen besonders hervorgehoben (Geiger 1992, 9; Enders-Dragässer et. al. 2001, 120f) und erscheint aufgrund der Analyse weiblicher Armut auch logisch. Andere sehen in den weiblichen Sozialisationsbedingungen und daraus folgenden Rollenerwartungen (Haus-, Ehefrau, Mutter) psychosoziale Defizite in der Persönlichkeit wohnungsloser Frauen (Brenner/Romaus 1990, 3ff; Brender 1999, 31f), die sie nicht genügend auf die Zwänge einer autonomen und selbstentworfenen Biografie vorbereiten 21 . Von anderen (Steinert 1997a,
20 In diesem Sinne könnten auch Frauenhäuser zum Hilfesystem der Wohnungslosigkeit gezählt werden, was jedoch u. a. aufgrund anderer Konzepte und Finanzierung (i. d. R. nicht über § 72 BSHG) nicht geschieht. Frauenhäuser nehmen zumeist auch keine Frauen auf, für die andere Probleme als Gewalt im Vordergrund stehen „wie Wohnungslosigkeit, Alkohol- oder Drogenmissbrauch oder eine psychische Erkrankung“ (Rosenke 2001, 8). In der Praxis des Wohnungslosenhilfesystems bedeutet dies, dass Frauen trotz massiver Gewalterfahrung oft nicht in ein Frauenhaus weitervermittelt werden können. Die Frauen, die Zuflucht in einem Frauenhaus finden, sind jedoch faktisch wohnungslos und werden auch in der Definition der Wohnungslosigkeit der BAG dazu gezählt (vgl. Kapitel 2.12). Das Verhältnis ist jedoch ambivalent und erst neuere Bestrebungen versuchen eine stärkere Verknüpfung des Hilfesystems der Wohnungslosigkeit und der Frauenhausbewegung (vgl. Rosenke 2001).
21 Problematisch an dieser Interpretation erscheint mir, dass, wenn sich Frauen ihrer weiblichen Rolle gemäß verhalten, also abhängig, selbstlos, passiv, schwach, unsicher, beziehungsorientiert etc. sind, diese Eigenschaften als psychologisch ungesund für einen normalen Erwachsenen gelten (Vargo 1992, S. 33f), d. h. dieser Defizitblick unreflektiert in diese Erklärung von Wohnungslosigkeit bei Frauen eingeht.
64f) wird gerade die stärkere Bindungsorientierung von Frauen (vgl. Chodorow 1986) als eine soziale Ressource gesehen, die sie im Fall drohender Wohnungslosigkeit in Form von sozialen Netzwerken nutzen können (vgl. verdeckte Wohnungslosigkeit).
Im Sinne des multifaktoriellen Modells zur Erklärung von Wohnungslosigkeit sind die strukturellen Faktoren (weibliche Armut, Gewalt, Stigmatisierung der ‚wohnungslosen Frau‘) negative Faktoren, die jedoch im Einzelfall (soziale Absicherung, Bildungs- und Erwerbschancen) teilweise aufgefangen werden können. Die typisch weibliche Sozialisation wird bei der Erklärung von Wohnungslosigkeit als ambivalent beurteilt: Einerseits hilft die Bindungsorientierung den Frauen durch ihr soziales Netzwerk Wohnungslosigkeit aufzufangen, ebenso wie ihre Orientierung an Häuslichkeit hilft, die sie vermehrt motiviert, Wohnraum zu erhalten bzw. wiederzuerlangen. Andererseits ist gerade auch die weibliche Sozialisation dafür verantwortlich, dass Frauen Beziehungen eingehen, die sie in materieller und emotionaler Abhängigkeit halten und damit bei Trennung auch Auslöser für Wohnraumverlust sein können. Bei jungen Frauen können weibliche Sozialisationsbedingungen und traditionelle Rollenvorstellungen zur Familienflucht und Wohnungslosigkeit führen.
Verbindet sich ein Mangel an strukturellen Ressourcen (Armut, Gewalt) mit fehlendem sozialen Netzwerk und eingeschränkten persönlichen Ressourcen (Bewältigungsstrategien, Gesundheit, Belastbarkeit etc.), besteht „ein hohes Risiko für sozialen Abstieg und den Verlust der Wohnung“ (Steinert 1997a, 65).
2.52 Individuelle Faktoren
In diesem Kapitel möchte ich auf einige hier als individuelle Faktoren benannte Gründe bzw. Folgen von Wohnungslosigkeit bei Frauen zu sprechen kommen, obwohl mir bewusst ist, dass körperliche Krankheit, psychische Auffälligkeiten und Suchtverhalten in Wechselwirkung mit strukturellen und sozialisationsbedingten Faktoren stehen. Ich nehme diesen Aspekt hier mit auf, da in der Praxis Erkrankungen und psychische Auffälligkeiten bei wohnungslosen Frauen (und Männern) immer häufiger thematisiert werden und auf Ver-sorgungsprobleme bzw. Lücken im Hilfesystem hingewiesen wird (Enders-Dragässer et. al. 2001, 218ff; Schild 1999; Wessel 1996; BAG 2000c; Keil 2000; Rosenke 2001). Problematisch ist allerdings, dass die medizinische Datenlage zur Situation wohnungsloser Frauen sehr dünn ist, die Studien sind (fast) ausschließlich geschlechtsindifferent bzw. beziehen sich auf Männer oder es sind Erfahrungsberichte (Enders-Dragässer et. al. 2001, 218).
Die Lebensumstände wohnungsloser Frauen (und Männer) werden als krankheitsauslösende bzw. krankheitsfördernde Faktoren beschrieben: materielle Notlage, seelische Anspannung und Stress, mangelhaft Hygiene und Ernährung, Witterungseinflüsse sowie die situationsbedingte Blockierung der Wahrnehmung von Unwohlsein, Schmerzen und Erkrankung. Der generell schlechtere Gesundheitszustand Wohnungsloser im Verhältnis
zur Allgemeinbevölkerung lässt sich belegen und äußert sich v. a. in Infektionskrankheiten, Erkrankungen der Atemwege, der Haut und chronischen Erkrankungen (Tuberkulose, Rheuma, Diabetes, AIDS) (Enders-Dragässer et. al. 2001, 218; BMFSFJ 2001, 509). In der einzigen (!) medizinische Untersuchung zur Situation wohnungsloser Frauen (Greifenhagen/Fichter 1999) - eine psychiatrisch-epidemiologische Studie zu psychischen Erkrankungen sichtbar wohnungsloser Frauen in München 22 - äußerten 97 % körperliche Beschwerden. Eine Folge des schlechten Gesundheitszustandes und geringer medizinischer Versorgung ist die hohe Mortalität bei Wohnungslosen und das frühe Sterbealter, das je nach Untersuchung mit zwischen 47,6 und 63,3 Jahren angegeben wird (Trabert 2000, 65).
In der Studie von Greifenhagen/Fichter (1998) wird die Sechs-Monats-Prävalenz für psychische Krankheiten (inklusive Störungen des Substanzgebrauchs) mit über 90 % bei Frauen angegeben (Lebenszeitprävalenz 100 %), wobei bei ca. einem Drittel sogenannten Doppeldiagnosen, d. h. psychische Erkrankung und Substanzabhängigkeit, diagnostiziert wurde. In den letzten sechs Monaten wiesen 34 % schizophrene Störungen, 47 % affektive Störungen (v. a. Depression), 28 % Angststörungen (v. a. Panikstörungen) und 66 % Substanzmissbrauch (davon 85 % Alkohol) auf. Auch wenn diese Befunde nicht generalisierbar sind, so zeigen sich dennoch - die auch generell geltenden - geschlechtsspezifische Unterschiede zu wohnungslosen Männern, bei denen häufiger eine Störung des Alkohol-und Drogengebrauchs diagnostiziert wurde und seltener affektive Störungen sowie - untypischerweise - auch Schizophrenie (Kellinghaus et. al. 2000, 43).
Der Beginn der Suchterkrankung liegt zu 90 %, der affektiven Störungen zu 72 %, der Schizophrenie zu 50 % und der Angststörungen zu 38 % vor der Verlust der Wohnung, woraus gefolgert wird, dass Wohnungslosigkeit zumeist nicht der Auslöser der psychischen Erkrankung ist (Greifenhagen/Fichter 1998, 92ff). Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich Frauen in verdeckter Wohnungslosigkeit in der Regel nicht als wohnungslos sondern als wohnungssuchend verstehen (vgl. Kapitel 2.32), d. h. auf die Frage zum Beginn ihrer Wohnungslosigkeit ‚falsch‘ antworten. Damit beantwortet die Studie meiner Meinung nach nicht, ob für die untersuchte Teilgruppe der überwiegend obdachlosen Frauen tatsächlich gilt, dass sie zumeist bereits vor der Wohnungslosigkeit eine psychische Erkrankung vorweisen. Es wird jedoch vermutet (Wessel 1996, 81), dass 30 % der Menschen in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe psychisch erkrankt sind.
Problematisch ist hierbei, dass hierbei schnell das Etikett ‚psychisch krank‘ den Frauen angeheftet wird und damit ‚die‘ Erklärung für Wohnungslosigkeit gefunden scheint, ähnlich wie es früher durch die pathologisierende Bezeichnung ‚Nichtsesshaft‘ oder ‚sittlich
22 Es wurden 32 Frauen mittels eines standardisierten Interviews von einer eigens geschulten Mitarbeiterin befragt, von denen 14 in Pensionen bzw. Obdachlosenunterkünften und 18 auf der Straße lebten. Die Ergebnisse dieser Studie können aufgrund der Stichprobe jedoch nicht auf alle wohnungslosen Frauen (vgl. Kapitel 2.3 zu den Erscheinungsweisen weiblicher Wohnungslosigkeit) übertragen werden.
verwahrlost‘ geschehen ist. Gewinnbringender sind hier feministische Ansätze, die ‚seltsame Verhaltensweisen‘ als Versuche verstehen, mit der Lebenssituation fertig zu werden und anhand der Möglichkeiten von wohnungslosen Frauen Vorschläge zu entwickeln versuchen, wie Sozialpädagoginnen mit diesen Klientinnen umgehen können (Sommer 2001; Ballhausen/Weismann 2001).
Unbestreitbar ist, dass es große Schnittstellenprobleme zwischen dem Hilfesystem der Wohnungslosigkeit, der Psychiatrie, der Suchthilfe, den Krankenhäusern und Frauenhäusern gibt, in denen wohnungslose Frauen (und Männer) oft genug ‚durchfallen‘ bzw. niedrigschwellige Angebote der Wohnungslosenhilfe als Auffangstruktur für schwer in das Hilfesystem integrierbare Menschen dienen (vgl. Wessel 1996; Schild 1999; BAG 2000; BMFSFJ 2001, Rosenke 2001).
2.6 Anknüpfungspunkte für die empirische Untersuchung
Als soziales Problem wurde die Wohnungslosigkeit von Frauen erst Ende der 1980er Jahre zur Kenntnis genommen. Das Angebot des Hilfesystems für wohnungslose Frauen ist seitdem ausgebaut worden. Dennoch ist das frauenspezifische Wohnungslosenhilfesystem immer noch unzureichenden.
Im Zuge der Reformen des Sozialgesetzbuchs und insbesondere die neue Reform der VO zu § 72 BSHG beendeten die diskriminierende Typisierung der Personengruppen der Wohnungslosen und thematisiert zum ersten Mal auch weibliche Lebensverhältnisse. Eine defizitorientierte Problemzuschreibung auf die von Wohnungslosigkeit Betroffenen ist der rechtlichen Definition jedoch inhärent. Die Versorgung mit mietrechtlich abgesicherten Wohnraum (BAG 1997) definiert das Problem der Wohnungslosigkeit als ein gesellschaftliches.
Die geschätzte Anzahl der Wohnungslosen war in den letzten Jahren rückläufig, wobei die Situation in den Großstädten sich aktuell verschärft hat. Der Frauenanteil liegt ca. bei einem Viertel aller Wohnungslosen und ist in den letzten Jahren gestiegen. Wohnungslose Frauen sind durchschnittlich wesentlich jünger als Männer, ein hoher Anteil (ca. ein Drittel) ist unter 30 Jahren. Zumeist sind sie nicht alleinstehend, sondern leben mit Partnern und/oder Kindern zusammen.
Vor allem die verdeckt gelebte Wohnungslosigkeit ist für Frauen typisch. Aufgrund der weiblichen Sozialisation der Häuslichkeit und Reproduktionsarbeit sowie gesellschaftlicher Stigmatisierung versuchen Frauen ihre Wohnungslosigkeit möglichst lange zu verbergen, weshalb sie oft eine lange Karriere in mietrechtlich ungesicherten Verhältnissen hinter sich haben, bis sie Kontakt zum Hilfesystem aufnehmen. Kennzeichen quasi aller wohnungsloser Frauen sind Armut und Gewalterfahrung. Ein Leben in Wohnungslosigkeit
bedeutet darüber hinaus häufig Krankheit, Suchtverhalten oder psychische Beschwerden bzw. Krankheiten.
Viele Analysen und Beschreibungen konzentrieren sich darauf, Ursachen oder Problemdimensionen von Wohnungslosigkeit herauszuarbeiten, so dass dadurch häufig ein defizitäres Bild von wohnungslosen Menschen entsteht. Die Erforschung von Gründen und Ursachen für die Wohnungslosigkeit zeigt dennoch kein klares Bild - strukturelle, soziale und individuelle Faktoren stehen in Wechselwirkung untereinander und können fördernde oder hindernde Wirkung haben. Eine genauere Ausformulierung steht hier noch aus.
Die Thematisierung des Selbstbildes wohnungsloser Frauen vertieft das Verständnis ihrer Lebenslage und kann den Defizitblickwinkel aufweichen. In der Typologie wohnungsloser Frauen wird deutlich, dass soziale Orientierungen Ausdruck einer subjektiv praktizierten Normalität sind. Sie weisen auf Handlungspotenziale hin, die den wohnungslosen Frauen zur Verfügung stehen. Von einer ‚Normalbiografie‘ abweichende Orientierungen sind unter diesem Blickwinkel Ausdruck einer sozialen Identität, die sich aus den sozialstrukturellen, sozialen und persönlichen Ressourcen der wohnungslosen Frauen speist (Geiger/Steinert 1997, 18, 195ff). In diesem Sinne sind all diese Orientierungen kein individuelles Defizit, das die Soziale Arbeit beheben soll. Frauen, die sich einer ‚Normalisierung‘ bzw. Pädagogisierung, die vom Hilfesystem in vielen Fällen verlangt wird, sperren, erscheinen jedoch schnell defizitär.
3
Münchner Wohnungslosenpolitik
Die Situation wohnungsloser Frauen ist stark davon abhängig, welche Möglichkeiten der lokale Raum in Bezug auf das Wohnungslosenhilfesystem und auch in Bezug auf den Wohnungsmarkt bietet. Begrenzungen und Handlungsspielräume wohnungsloser Frauen sind insbesondere von diesen beiden lokalen Faktoren abhängig. Inhalt dieses Kapitels ist daher einerseits eine kurze Analyse der problematischen Unterbringungssituation für Wohnungslose in München sowie eine kurze Beschreibung der sich verschärfenden Situation auf dem Wohnungsmarkt (Kapitel 3.2). Eine Bewertung der daraus entstandenen neuen Konzepte in der Münchner Wohnungslosenpolitik findet sich in Kapitel 3.3. Zuvor wird jedoch auf den Beginn der frauenspezifischen Wohnungslosenhilfe in München eingegangen und das Konzept kurz vorgestellt (Kapitel 3.1).
3.1 Frauenspezifische Wohnungslosenhilfe
Am 23. Februar 1995 beschloss der Sozialhilfeausschuss der Landeshauptstadt München im „Konzept zur Hilfe für alleinstehende wohnungslose Frauen“ einstimmig, eine zentrale Notunterkunft für Frauen einzurichten (Sozialreferat der LHM 1995). Vorangegangen war eine Debatte in der Fachöffentlichkeit über die Situation von alleinstehenden wohnungslosen Frauen und Männern und das Hilfesystem in München, die durch verschiedene Untersuchungen ausgelöst wurde (Brenner/Romaus 1990; GFS 1995). Die Analysen zeigten das Ausmaß der Wohnungslosigkeit, vor allem auch der verdeckten Wohnungslosigkeit, von Frauen in München. Außerdem wurde ein Ansteigen der weiblichen Wohnungslosigkeit in München festgestellt. Die Anzahl der Besucherinnen der ambulanten Anlaufstelle für wohnungslose Frauen (Einrichtung ‚Frauenteestube‘) war in den vorhergehenden Jahren stark angestiegen und es waren mehr Frauen in Pensionen und kommerziellen Wohnheimen untergebracht (Karla 51 1997, 3; Brenner/Romaus 1990). Am 2. Dezember 1996 wurde schließlich die erste frauenspezifische Notunterkunft, die Einrichtung Frauenobdach Karla 51, eröffnet. Das Haus, zentral gelegen in der Innenstadt in der Nähe des Hauptbahnhofs, verfügt über 38 Einzelzimmer mit Nasszelle und zwei Doppelzimmer, die der Notaufnahme dienen.
Das Frauenobdach Karla 51 ist die zentrale Anlauf- und Beratungsstelle für wohnungslose Frauen mit ihren Kindern in München. Zielsetzung ist, eine Verbesserung der Lebens- und Wohnverhältnisse für die Frauen zu erreichen. Jede Frau, die sich in einer existenziellen und/oder psychosozialen Notlage befindet, kann aufgenommen werden. Neben der Sofortaufnahme, die rund um die Uhr möglich ist, bietet die Einrichtung die Si-
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cherstellung materieller Grundbedürfnisse (Kleidung, Nahrung, Körperpflege), einen offenen Cafébetrieb, ärztliche Beratung und Erstversorgung sowie persönliche Beratung und Unterstützung im Umgang mit Behörden, Arbeitgebern, Vermietern etc. Als Clearingstelle hat die Karla 51 außerdem die wesentliche Aufgabe, die Frauen und Kinder an andere Beratungsstellen, Einrichtungen und in Wohnungen zu vermitteln. Innerhalb eines Monats werden durchschnittlich 30 Frauen aufgenommen. Das Café als Plattform für Kommunikation und Interaktion wird von bis zu 50 Frauen täglich besucht. Wohnungslosigkeit, Armut, Gewalterfahrung, Suchtprobleme und psychische Erkrankungen sind extreme Belastungen, denen die Frauen, die in Karla 51 Schutz suchen, ausgesetzt sind (Karla 51 1997, 1998). Die Einrichtung Karla 51 bietet den notwendigen Schutz vor Übergriffen. Außerdem können auch Frauen in latenter oder verdeckter Wohnungslosigkeit aufgenommen werden.
Die Analyse der Wohnform vor Aufnahme in die Karla 51 (Abbildung 1 in Anhang 2) veranschaulicht eindrücklich, dass Gewalt durch den Partner ein hohes Risiko für Frauen darstellt, wohnungslos zu werden: 21 % der aufgenommenen Frauen verlassen die Ehewohnung, weil die Bedrohung, die Gewalt und der psychische Terror nicht länger zu ertragen sind. Dass 29 % der Frauen zuletzt bei Bekannten waren, belegt die hohe Zahl verdeckt wohnungsloser Frauen, die jederzeit den Notbehelf verlieren können und dann von einem Tag auf den anderen auf der Straße stehen. 10 % der Frauen waren zuletzt in Pensionen untergebracht. Dass diese Frauen in der Karla 51 um Aufnahme nachfragen, hat in der Regel mit den unzumutbaren Bedingungen in den von der Stadt München zur Verfügung gestellten Notunterkünften zu tun: Mehrbettzimmer, fehlende abschließbare Schränke, fehlende Kochgelegenheiten und Gemeinschaftsduschen und -toiletten stellen für viele Frauen eine nicht zu ertragende Belastung dar. Diese Unterkünfte nehmen sowohl Frauen als auch Männer auf, viele Frauen fühlen sich dadurch bedroht. Manche in der Karla 51 aufgenommenen Frauen berichten, dass sie durch Männer des Wachdienstes in den Unterkünften belästigt worden seien. Bei den 8 %, die zuletzt bei ihrer Herkunftsfamilie gelebt haben, handelt es sich um junge Frauen, die aufgrund erheblicher Konflikte oder auch körperlicher und/oder psychischer Gewalt nicht länger dort leben wollten. Immerhin 8 % der Frauen haben tatsächlich zuvor auf der Straße gelebt. Diese Beschreibung der Klientinnen der Karla 51 deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien zu wohnungslosen Frauen (vgl. Kapitel 2).
Die Niederschwelligkeit ist eine tragende Säule des Konzeptes der Karla 51, bei dem jede Frau aufgenommen wird, ohne eine Bedingung erfüllen oder eine Vorleistung erbringen zu müssen. Es gibt keine Aufnahmebedingungen oder Ausschlusskriterien außer akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. Damit sind beispielsweise Alkohol- und Drogenabhängigkeit oder psychische Erkrankung keine Ausschlusskriterien. Auch mit diesem Prinzip wird die Einrichtung ihrem Charakter als Notunterkunft gerecht. Die Arbeitsweise in der Karla 51 umfasst Krisenintervention und Einzelfallberatung und basiert auf Freiwilligkeit,
wobei es sich ausdrücklich um ein Angebot, nicht um eine Verpflichtung handelt. In der Karla 51 verbinden sich die sozialarbeiterischen Elemente der klassischen Fürsorge mit beratender Tätigkeit, wobei mit weiblich parteilicher Einzelfallberatung gearbeitet wird. Neben dem Hauptaspekt der Wohnungslosigkeit versuchen die Beraterinnen in einem ganzheitlichen Ansatz andere oft ebenso drängende Problembereiche mit einzubeziehen, beispielsweise gesundheitliche Aspekte (offene Beine, Hörgerät u. a.), Sicherung von Einkommen (Sozialhilfe, Unterhaltszahlungen etc.) sowie die finanzielle Situation (Schulden, ‚Mietunfähigkeit’), psychosoziale Probleme (Trennung/Scheidung, Therapie, Sucht u. a.). Wesentlich ist dabei die Förderung der Selbsthilfekräfte der Frauen und ihre Motivation zu einer selbstbestimmten Lebensweise (Karla 51 1997, 3ff). Da Frauen ausgeprägte Beziehungs- und Selbstversorgungsbedürfnisse haben, knüpft das Konzept durch die Selbstver-sorgung an den Ressourcen der Frauen an und erlaubt durch die Einzelzimmer Intimität und Rückzugsmöglichkeiten ebenso wie Kontaktaufnahme und Austausch in den Stockwerksküchen und im Café. Karla 51 ist ein Frauenraum, in dem Frauen es lernen können, sich neu aufeinander zu beziehen.
Das Hilfesystem, das sich an wohnungslose Frauen richtet, soll die folgenden wesentlichen Anforderungen erfüllen (Enders-Dragässer et. al. 2000, 187ff; Sellach 1998, 59ff), die sich aus den spezifischen weiblichen Lebensumständen und Formen der Wohnungslosigkeit von Frauen ableiten. Die Beratungsstellen müssen niedrigschwellig arbeiten, damit Frauen nicht erst ein Hilfeangebot wahrnehmen, wenn die Wohnung bereits verloren wurde, sondern bereits dann, wenn es noch Möglichkeiten gibt, den Wohnungsverlust abzuwenden. Das Hilfesystem muss den Schutz vor Gewalt und Übergriffen von Männern und die Wahrung der Intimsphäre (Einzelzimmer) gewährleisten. Da wohnungslose Frauen oft Kinder haben, muss eine gemeinsame Unterbringung mit ihren Kindern möglich sein. Das Hilfesystem soll an die Selbstversorgungskompetenzen wohnungsloser Frauen anknüpfen (Koch-, Waschgelegenheiten etc.). Die Beratungsstellen müssen über qualifizierte Mitarbeiterinnen verfügen, die mit den spezifischen Gründen für die Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot von Frauen vertraut sind. Diesen Anforderungen wird die Frauennotunterkunft Karla 51 durch ihr Konzept gerecht.
3.2 Die Krisensituation im Jahr 2000/2001
Die schon länger problematische Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt spitzte sich in der zweiten Hälfte des Jahres 2000 nochmals zu. Die Zahl wohnungsloser Menschen stieg stark an. Zeitungen titelten mit „Wohnungslose: Die Situation wird immer dramatischer“ (SZ 11.10.00) oder „Hier ist Katastrophengebiet“ (SZ 12.10.00) und bezogen sich damit auf die Überfüllung von Notunterkünften für Wohnungslose. Es mussten Container-
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anlagen - i. d. R. ehemalige Flüchtlingsunterkünfte 23 - für eine Notunterbringung Wohnungsloser bereitgestellt werden, da die Kapazitäten von Übernachtungsheimen und Pensionszimmern erschöpft waren.
Für die plötzliche Zunahme wohnungsloser Menschen werden mehrere Faktoren ver-antwortlich gemacht, die sich gegenseitig verstärken. Der Bestand an preiswertem Wohnraum 24 ist in diesem Zeitraum stark zurückgegangen. Die Neubauraten im öffentlich geförderten Mietwohnungsbau sind gesunken. Der Bestand an Sozialwohnungen 25 ist in den letzten Jahren stark geschrumpft. Außerdem waren 1999 erstmals Wanderungsgewinne seit Anfang der 1990er Jahre zu verzeichnen. Als Folge dieser drastischen Verknappung von günstigem Wohnraum hat die Zahl der Menschen in akuter Wohnungslosigkeit um ca. 10 % im Jahr 2000 zugenommen. Gleichzeitig reduzierte die Stadt München die Kapazität der Pensionsunterbringung durch Schließung von unzumutbaren Häusern (Sozialreferat der LHM 2001a, 3f). Auf den dadurch entstehenden Engpass bei der Unterbringung von wohnungslosen Menschen reagierte die Landeshauptstadt München mit der Eröffnung von Containeranlagen als Notunterkünften.
Aufgrund des Anstiegs der Wohnungslosigkeit waren laut amtlicher Statistik Ende des Jahres 2001 in München rd. 8.000 Menschen wohnungslos, von denen ca. die Hälfte zu den akut Wohnungslosen zählen. Das sind diejenigen, die in einer vorübergehenden Unterkunft untergebracht sind: Sie leben entweder in Pensionen, Clearinghäusern oder den neu errichteten Notunterkünften (2.500), auf der Straße (ca. 600) 26 oder im Hilfesystem (800). Die anderen rd. 4.000 Wohnungslosen haben längerfristige bzw. dauerhafte Unterbringungsmöglichkeiten im Hilfesystem oder in städtischen Unterkünften gefunden (Sozialreferat der LHM 2002b, 31).
Die Verknappung von günstigem Wohnraum hat auch Auswirkungen auf Menschen mit geringeren Einkünften. Das Wohnungsamt der Landeshauptstadt München hatte in den Jahren von 1995 bis inklusive 2000 eine relativ konstante Anzahl von Vormerkungen für eine Sozialwohnung von ca. 10.000 Haushalten, wobei ca. die Hälfte die Dringlichkeitsstu-
23 DieUnterbringung von Flüchtlingen in diesen Wohnanlagen fand im übrigen längst nicht so viel Aufmerksamkeit in der Presse.
24 Das Münchner Mietpreisniveau liegt im deutschen Städtevergleich an der Spitze, wobei der durchschnittliche Mietpreis zwischen April 2000 und April 2001 um ca. 12 % pro Quadratmeter stieg, wodurch sich der Abstand zu anderen Städten weiter vergrößerte. Im April 2001 lag er um 70 % über dem Bundesdurchschnitt (Sozialreferat der LHM 2001b, 3, 7; eigene Berechnungen), ein halbes Jahr später (Oktober 2001) war der durchschnittliche Mietpreis nochmals um ca. 6 % gestiegen. Der Preis für Erstvermietungen mit mittlerem Wohnwert lag im Herbst 2001 bei durchschnittlich 11,25 DM) pro Quadratmeter Kaltmiete ohne Nebenkosten (Sozialreferat der LHM 2002b, 7, Anlage 1; eigene Berechnungen).
25 Zwischen 1993 und dem Jahr 2000 ging der Bestand an Sozialwohnungen trotz Neubau um ca. ein Drittel zurück (Sozialreferat der LHM 2002b, Anlage 4, 6).
26 Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, denn sie beruht auf der letzten Zählung im September 1995 (Sozialreferat der LHM 2002b, Anlage 4, 2).
fe 1 hatte, was i. d. R. auf wohnungslose Menschen zutrifft 27 . Im Jahr 2001 stieg aufgrund der Verschärfung am Wohnungsmarkt die Anzahl der Vormerkungen um 25 % auf über 12.000 Haushalte. Im selben Zeitraum nahm jedoch die Zahl der Wohnungsvergaben über das Wohnungsamt um 22,5 % ab und betrug im Jahr 2001 nur noch 3.849 Wohnungen (Sozialreferat der LHM 2002b, Anlage 4, 5). Das bedeutet, dass 40 % der Menschen mit einer Dringlichkeitsstufe 1 keine absehbare Chance auf eine Sozialwohnung haben. Die Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit FAST im Wohnungsamt kommt zu dem Schluss, „dass sich dieser Rückgang [der Vermittlung von Wohnungen] auf derzeit unbestimmte Zeit festsetzt, weil die Konkurrenz auf dem freien Markt die Chancen des Klientel der Fachstelle zunehmend verschlechtert“ (Sozialreferat der LHM 2001a, 5), d. h., für Wohnungslose hat sich die Möglichkeit, eine Sozialwohnung zu bekommen, drastisch verschlechtert, und auf dem freien Wohnungsmarkt haben sie fast keine Chance.
Diese sich kontinuierlich verschärfende Krisensituation hatte deutliche Folgen die Arbeit in der Karla 51 und für den Charakter der Notunterkunft. Mit Beginn der Krise auf dem Wohnungsmarkt wurde es zunehmend schwieriger, Wohn- bzw. Unterbringungsplätze innerhalb der formal vorgeschriebenen Frist von vier Wochen zu finden (Karla 51 1997, 8). Konnten im Jahr 1999 noch 121 Frauen in eine eigene Wohnung vermittelt werden, so waren es im Jahr 2000 nur noch 43 und ein Jahr später sogar nur noch 28 Frauen (Karla 51 1999, 2000, 2001 Anhang). Das ist ein Rückgang von über 75 % innerhalb von nur zwei Jahren. Die Wartezeiten für eine Sozialwohnung machen eine schnelle Weitervermittlung beinah unmöglich. Im Jahr 2000 konnte es passieren, dass eine Bewohnerin bis zu drei Monate warten musste, bis sie überhaupt in die notwendige Dringlichkeitsstufe für eine Sozialwohnung eingestuft wurde, und es dauerte oft länger als ein halbes Jahr, bis sie eine erste Benennung 28 erhielt. Damit war die Perspektive eines baldigen Umzugs in eine eigene Wohnung nicht mehr vorhanden. Darüber hinaus war die Fluktuation bei betreuten, längerfristigen Einrichtungen 29 so gering, dass oft mehrmonatige Wartezeiten entstanden. Aufgrund dessen blieben bereits in der Zeit der Anbahnung der Krise während des Jahres
27 Da wohnungslose Menschen zumeist nicht über Einkünfte über dem Sozialhilfeniveau verfügen (genaue Einkommensgrenzen für eine Sozialwohnung sind in § 25 Abs. 2 Wohnungsbaugesetz geregelt) haben sie i. d. R. Anrecht auf eine Sozialwohnung. Notwendig ist jedoch, dass die/der Wohnungslose seit mindestens fünf Jahren in München gemeldet ist, um einen Sozialwohnungsantrag stellen zu können (in seltenen Fällen sind Ausnahmen möglich). Problematisch ist dies vor allem bei Menschen, die wieder nach München zurückziehen möchten. Ist einE WohnungsloseR weniger als fünf Jahre in München gemeldet, muss sie/er sich eine Wohnung auf dem freien Markt suchen, bekommt aber vom Wohnungsamt eine Übernahme der Kautions- und Provisionskosten bis zu einer festgesetzten Höhe.
28 Das Wohnungsamt ‚benennt‘ mehrere Personen als potentielle MieterInnen für eine Sozialwohnung, die entsprechende Wohnungsbaugesellschaft wählt aus ihnen eineN aus.
29 Problematisch ist auch immer wieder, dass Konzepte von anderen Einrichtungen die oft von Mehrfachproblematik betroffenen Bewohnerinnen der Karla 51 ausschließen. So gab es z. B. für substituierte Frauen keine spezielle betreute Wohneinrichtung, Frauenhäuser nehmen keine Frauen mit einer Suchtproblematik auf und Altenwohnanlagen betreuen keine Frauen mit psychischen Erkrankungen.
2000 viele Bewohnerinnen mehrere Monate, ein halbes Jahr oder sogar noch länger im Frauenobdach Karla 51.
Der Wohnungsnotstand und der ‚Rückstau‘ bei betreuten Einrichtungen führten dazu, dass sich die Aufenthaltsdauer in der Karla 51 stetig verlängerte (Karla 51 2000, 14), sich die Notaufnahmestelle also zunehmend in ein Wohnheim verwandelte 30 und - in einer Zeit steigender Anfragen - immer häufiger wohnungslose Frauen nicht nur einige Tage, sondern oft länger auf eine Platz in der Notunterkunft Karla 51 warten mussten. Als Konsequenz beschloss das Team der Karla 51 im Sommer 2000, sich möglichst ausnahmslos an die Vier-Wochen-Aufenthaltsfrist zu halten, um den Status als Notunterkunft zu erhalten (Karla 51 2000, 14). Dieser Beschluss bedeutete allerdings auch, dass darauf verzichtet wurde, für alle Frauen einen adäquaten Weg aus der Wohnungslosigkeit zu finden, da dadurch mehr Frauen in eine Pension oder andere Notunterkünfte vermittelt wurden (vgl. auch Abbildung 2 in Anhang 2), was eigentlich eine Ausnahme darstellen sollte. In dieser Situation führte ich meine erste Befragung mit Bewohnerinnen der Karla 51 durch (vgl. ausführlich Kapitel 4).
Dies ist ein deutliches Beispiel dafür, dass sinnvolle Konzepte und notwendige Aufgaben einer sozialen Einrichtung aufgrund von gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht einlösbar sind. Kurzfristig bleibt für die Soziale Arbeit dann nur die Wahl zwischen zwei Übeln, was die konkrete Arbeit unbefriedigend macht. Denn schließlich kann auf diese Weise keine Lösung für ein Problem geboten werden, das auf einer vollkommen anderen - nämlich politischen - Ebene behandelt werden müsste.
3.3 Neue Konzepte in der Münchner Wohnungslosenpolitik
Zuerst von der Krisensituation überrascht, reagierten die Verantwortlichen in der Münchner Verwaltung doch recht rasch mit vorläufigen Notprogrammen zur Unterbringung der Wohnungslosen. In Bezug auf längerfristige Planungen verabschiedete der Stadtrat der Landeshauptstadt München Mitte des Jahres 2001 ein Handlungsprogramm für die nächsten fünf Jahre, dessen wesentliche Neuerungen in einer Steigerung des Neubauvolumens für geförderten und freien Wohnraum besteht und - für wohnungslose Menschen - in der Einrichtung von sogenannten Clearinghäusern (Notunterkünften mit Beratung) sowie im Ausbau des sogenannten unterstützten Wohnens 31 - kleinteilige Wohnmöglichkeiten mit
30 Dies ist eine typische Entwicklung, die bei niederschwelligen Wohnheimen in München generell zu beobachten ist (vgl. GFS 1999b, 4f, 12).
31 Unterstützes Wohnen ist ein neu geschaffener Begriff für Wohnmöglichkeiten mit aufsuchenden sozialpädagogischen Hilfen (betreute Wohngemeinschaften, betreutes Einzelwohnen) (Sozialreferat der LHM 2002b, 28).
Betreuung (Sozialreferat der LHM 2002a, 8ff, 107ff). Insgesamt soll das Wohnungslosenhilfesystem mit 150 Wohneinheiten pro Jahr aufgestockt werden, davon 25 in Clearinghäusern und 125 in Einrichtungen des unterstützten Wohnens.
Die Aufenthaltsdauer in den Clearinghäusern ist auf ein halbes Jahr begrenzt, dann sollte eine Weitervermittlung stattgefunden haben. Das erste Clearinghaus wurde im Sommer 2001 eröffnet. Wie das Konzept des unterstützten Wohnens in Bezug auf Dauer und Intensität von Hilfen (Integration, Nachsorge und Prävention sollen angeboten werden) genau aussehen wird, wird in einer dafür eingerichteten Arbeitsgruppe 32 noch genau geklärt werden (Sozialreferat der LHM 2002b, 17ff).
Es lässt sich feststellen, dass sich in München das Hilfesystem nach innen weiter ausdifferenziert und vermehrt Angebote für wohnungslose Menschen gemacht werden. Damit wird versucht, den steigenden Zahlen von Hilfesuchenden gerecht zu werden. Bekämpft wird damit die sogenannte akute Wohnungslosigkeit. Jedoch führt dies nicht zu einer ‚Normalisierung‘ von Wohnverhältnissen im Sinne einer vergrößerten Möglichkeit der Vermittlung von Wohnungen. Bei über 12.000 vorgemerkten Haushalten beim Wohnungsamt, die Anspruch auf eine Sozialwohnung haben, ist der Neubau von 1.800 öffentlich geförderten Wohnungen pro Jahr nicht gerade üppig - insbesondere dann nicht, wenn frau/man bedenkt, dass der Bestand an Sozialwohnungen seit 1993 bis zum Jahr 2000 um über 30.000 Wohneinheiten gesunken ist. Auch in den nächsten Jahren werden weitere Sozialwohnungen aus der Bindung fallen.
Die Schaffung von ausreichend bezahlbarem Wohnraum wird meines Erachtens mit den neuen Konzepten nicht erreicht; vielmehr wird ein umfassenderes Hilfesystem für Wohnungslose geschaffen. Die Suche nach gesamtpolitischen Lösungen der Wohnungsnot in München findet nicht statt. Wohnungsnot wird stattdessen zu einem individuellen Problem der Einzelnen gemacht, das mittels Einzelfallhilfe in immer ausdifferenzierteren sozialen Institutionen gelöst werden soll. Die Überlegung, dass diese Menschen gar kein persönliches Problem haben, sondern sich einfach das ‚teure Pflaster’ München nicht leisten können, findet sich in den Konzeptpapieren nicht.
32 Teilnehmer sind Bezirk Oberbayern, Wohnungsamt, Sozialamt, Jugendamt, ASD-Außenstellen, Sozialbürgerhäuser, städtische Wohnungsbaugesellschaften, Verbände.
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Soziale Orientierungsmuster und Bewältigungsstrategien wohnungsloser Frauen: Die empirische Untersuchung
Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen die Aussagen von wohnungslosen Frauen über ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Bewältigungsstrategien. Das Ziel liegt in der Rekonstruktion von handlungstheoretischen Ansätzen und sozialen Orientierungsmustern, auf die wohnungslose Frauen rekurrieren, um ihre Situation der Wohnungslosigkeit zu überwinden. Dabei steht ein Teilabschnitt der Lebensgeschichte der Frauen im Fokus, nämlich der Zeitabschnitt zwischen November/Dezember 2000, als sie aufgrund von akuter Wohnungslosigkeit im Frauenobdach Karla 51 aufgenommen wurden (erste Befragung), und August/September 2001, nachdem sie das Frauenobdach Karla 51 verlassen hatten und sich in anderen Wohn- und Lebenssituationen befanden (zweite Befragung). In der Forschungsarbeit möchte ich über die Darstellung des individuellen Einzelfalls hinaus gehen und Regelmäßigkeiten und Muster der sozialen Orientierungen in der Wohnungslosigkeit bei Frauen herausarbeiten.
Die Idee zu dieser empirischen Untersuchung entstand während meines Jahrespraktikums im Frauenobdach Karla 51 (März 2000 bis Januar 2001), wo wohnungslosen Frauen eine vorübergehende Wohnmöglichkeit angeboten und mittels freiwilliger Beratung nach einer geeigneten Weitervermittlungsmöglichkeit gesucht wird. Aufgrund der Wohnungsnot in München ist nur in den seltensten Fällen die direkte Vermittlung in eine eigene Wohnung möglich. Viele Frauen ziehen in andere betreute Einrichtungen, gehen in die vorherige Wohnsituation zurück oder begeben sich in latente Wohnungslosigkeit bei FreundInnen bzw. Bekannten (vgl. Kapitel 3). Inwiefern diese Lösungsmöglichkeiten von den einzelnen Frauen als gut oder schlecht bewertet werden, wie sie sich mit der Situation arrangieren, welche Schritte sie unternehmen und wie ihre Entwicklung verläuft - diese Fragen haben mich schon während meines Praktikums dazu motiviert, eine Untersuchung in Form einer Diplomarbeit durchzuführen. Die Überprüfung des Theoriekonzepts zur Typologie wohnungsloser Frauen (vgl. Kapitel 2.4) und weiterführende Implikationen für sozialpädagogisches Handeln sind weitere zentrale Themen.
Die ersten Arbeitshypothesen, die sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu wohnungslosen Frauen beziehen (vgl. Kapitel 2), wurden im Verlauf der Datensammlung und Auswertung modifiziert und ergänzt. Das bedeutet, dass ich sowohl ein hypothesenüberprüfendes wie -generierendes Verfahren anwendete (vgl. Lamnek 1995b, 79). Folgende aus der Literatur abgeleitete Arbeitshypothesen stellte ich zu Beginn der Untersuchung auf:
• Normalitätsorientierte wohnungslose Frauen sehen sich als handlungsfähig und versuchen mittels Arbeit, Wohnung und vom Hilfesystem unabhängigen sozialen Beziehungen wieder ‚Normalität‘ zu erreichen (Überprüfung von Steinert 1997b, 125ff).
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• Normalitätsorientierte wohnungslose Frauen des Typs Dissidentin und Pragmatikerin sind im Hilfesystem unzufrieden. Je niederschwelliger und unverpflichtender das Hilfesystem ist, desto eher können sie sich damit arrangieren. Bei hoher Unzufriedenheit im Hilfesystem und keiner absehbaren Chance auf eine eigene Wohnung werden prekäre Wohnverhältnisse (latent, verdeckt) wieder in Kauf genommen (Unabhängigkeit als zentrales Merkmal von Handlungskompetenz).
• Institutionenorientierte wohnungslose Frauen sehen für ihre Situation keine Veränderungschancen und unternehmen kaum Anstrengungen vom Hilfesystem loszukommen (Überprüfung Steinert 1997b, 148ff).
• Bei hoher Akzeptanz der Veränderungslosigkeit ihrer Situation gehen institutionen-orientierte wohnungslose Frauen prekäre Wohnverhältnisse (latent, verdeckt) ein (Häuslichkeit als ein zentrales Merkmal von Weiblichkeit und damit ‚Normalität‘).
Zur Erarbeitung und Überprüfung von Hypothesen dient ein qualitativer Forschungsansatz, da sich qualitative Sozialforschung vor allem für Deutungs- und Handlungsmuster von Menschen interessiert, durch die sie sich ihre soziale Wirklichkeit ‚erschaffen‘ und entsprechend handeln (Lamnek 1995a, 105). Auch lebensnahe Fragestellungen sind für eine auf qualitativen Methoden beruhende Untersuchung günstig, da dabei die Befragten auf ein spezifisches Interesse bzw. eine subjektive Relevanz des Themas stoßen und als ExpertIn angesprochen werden können (Stauber 1998, 120). Ein qualitativer Zugang in Kombination mit einer Gender-Perspektive gestattet, typische Ambivalenzen weiblicher Identität sichtbar zu machen, da dies den Befragten ermöglicht, selbst Inhalt, Kontext und Umfang ihrer Antworten zu bestimmen (Brück et. al. 1992, 34).
4.1 Methode der Datenerhebung
Ein geeignetes Instrument der empirischen Sozialforschung, um die subjektive Sichtweise wohnungsloser Frauen zu erheben, ist das qualitative Interview. Um „die Orientierungsstrukturen des faktischen Handelns“ (Schütze 1977, 1 zitiert nach Maindok 1996, 111) zu rekonstruieren, wird oft das narrative Interview benutzt (vgl. Maindock 1996, 100ff; Steinert/Thiele 2000, 115ff; Friebertshäuser 1997, 386; Lamnek 1995b, 70ff). Allerdings ist dieser Interviewtyp nur dann anwendbar, wenn die soziale Erscheinung einen Prozesscharakter hat und dies den InformantInnen vor Augen steht. Zustandsaspekte lassen sich direkter und griffiger durch offene Beschreibungsinterviews 33 erfassen (Maindok 1996, 126).
33 Die Begriffsverwendung für verschiedene Interviewtypen ist in der Literatur uneinheitlich (vgl. Friebertshäuser 1997, 372f)
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Das problem- bzw. themenzentrierte Interview ist eine Alternative zum narrativen Interview, das auf methodischer Ebene die Ansprüche des narrativen Interviews einlösen kann. Denn hier stehen Erkenntnisse über individuelle und kollektive Handlungsstrategien und Verarbeitungsmuster gesellschaftlicher Realität im Vordergrund. Die Gesprächsführungstechnik mittels Frageleitfadens versetzt die Befragten in die Lage, ihre Problemsicht zur Geltung zu bringen. Es ist eine Verschränkung von erzählungs- und verständnisgenerierenden Kommunikationsformen (Maindok 1996, 127; Friebertshäuser 1997, 380; Steinert/Thiele 2000, 136ff; Schmidt-Grunert 1999, 39f). Für meine Forschungsarbeit ist daher das themenzentrierte Interview mit narrativen Elementen geeignet, da die Erfahrungen der Frauen im Umgang mit der Wohnungslosigkeit den thematischen Rahmen darstellt, um vor diesem Hintergrund ihre Handlungsstrategien zu schildern.
Die Grundlage der empirischen Untersuchung bildete eine erste Befragung im November/ Dezember 2000 mit 40 Bewohnerinnen des Frauenobdach Karla 51. Hierbei verwendete ich einen teilstandardisierten Fragenbogen, den ich selbst im Gespräch mit den Frauen ausfüllte (Fragebogen 1a in Anhang 1). Im Sommer 2001 versuchte ich den aktuellen Aufent-haltsort der 40 befragten Frauen zu ermitteln - nachdem diese bereits durchschnittlich 8,1 Monate außerhalb des Frauenobdachs Karla 51 lebten - und führte mit denen, die auffindbar und zu einem Interview bereit waren, eine zweite Befragung durch (follow-up). Bei diesem Erhebungsteil verwendete ich die Methode des themenzentrierten Interviews mit Frageleitfaden sowie einen kurzen standardisierten Fragebogen, der Teile des ersten Fragebogens aufgriff (Fragebogen 2a, b in Anhang 1).
Bei beiden Befragungen führte ich den in der Literatur empfohlenen (Steinert/Thiele 2000, 137; Schmidt-Grunert 1999, 48f) Pretest des Fragebogens durch. Bei der zweiten Befragung hielt ich es daraufhin für notwendig, den Fragenkatalog nochmals abzuändernnicht, weil die Fragen unverständlich gewesen wären und ich unbrauchbare Antworten erhielt, sondern weil die Balance zwischen den Informationen und der Wahrung der persönlichen Integrität der Informantin nicht ausgewogen war. In diesem Fall befragte ich eine 60-jährige alkoholabhängige Frau mit gesundheitlichen Problemen, bei der die Fragen bzw. das Nachdenken über Antworten emotionalen Stress auslösten, so dass sie in Tränen ausbrach und sich schwer beruhigen ließ. Glücklicherweise wohnte sie zu diesem Zeitpunkt in einer sozialen Einrichtung, so dass ich mir sicher sein konnte, dass sie, falls es später notwendig sein sollte, fachliche Unterstützung hatte. Daraufhin veränderte ich den Frageleitfaden, indem ich vor allem darauf achtete, positive Formulierungen zu verwenden. Dieser Aspekt wird im Kapitel zu ethischen Überlegungen (4.14) nochmals aufgegriffen.
4.11 Der Fragebogen
Bei der ersten Befragung im Frauenobdach Karla 51 verwendete ich einen teilstandardisierten Fragenbogen und füllte ihn selbst im Gespräch mit den Frauen aus. Dieser Fragebogen ermittelte die Nutzung der Angebotsstruktur der Karla 51 und von Ämtern bzw. dem Hilfesystem. Weiterhin wurde die Zufriedenheit mit zentralen Lebensbereichen abgefragt. Zentral war jedoch das Thema Wohnen: Erfragt wurde die Wohnbiografie, die Begründungen für den Wohnungsverlust, der Wohnwunsch und die entsprechenden Realisierungsprobleme. Ein weiterer Themenkomplex befasste sich mit der Weitervermittlung und der voraussichtlichen Unterkunft, gefragt wurde nach den Gründen des Dorthin-Gehens und der Zufriedenheit damit. Den Abschluss bildeten soziodemografische Angaben (Fragebogen 1a in Anhang 1). Ergänzt wurde dieser Erhebungsteil durch eine Kurz-Befragung der zuständigen Sozialpädagogin der interviewten Bewohnerin nach ihrem Auszug aus der Karla 51. Hierbei wurde die folgende Bleibe, ob diese aus Sicht der Sozialpädagogin passend ist sowie ihre Meinung über die Gründe der Wohnungslosigkeit ermittelt (Fragebogen 1b in Anhang 1). Diese Erhebung bildete die Grundlage für die zweite Befragung der Frauen.
In der zweiten Befragung - dem problem- bzw. themenzentrierten Interview - sollten die wohnungslosen Frauen durch das Interview dazu angeregt werden, über ihr gegenwärtiges Befinden, über die kognitive Verarbeitung ihrer Situation, über ihre bisherigen Handlungen und Pläne zur Bewältigung ihrer Situation zu berichten. Im Vordergrund dieser zweiten Befragung stand die Konzeptgenerierung durch die Befragten (Erfahrungen, Umgang und Sichtweisen zur eigenen Wohnungslosigkeit) (vgl. Lamnek 1995b, 79). Der dazu benutzte Frageleitfaden (Fragebogen 2a in Anhang 1) strukturiert (thematisch gegliedert) die Herangehensweise an die Fragestellung, er diente zur Orientierungshilfe und wurde als eine offen Fragenpalette ohne festgelegte Reihenfolge benutzt (Stauber 1998, 124; Friebertshäuser 1997, 380).
Die ersten Fragen sollten neutral und darauf gerichtet sein, das Interesse der Befragten zu gewinnen (Maindok 1996, 82). Meine erste Frage, war eine Aufforderung, sich zu erinnern: Sie beinhaltete die Chance, die Zeit vom Aufenthalt im Frauenobdach Karla 51 bis zum Befragungszeitpunkt (durchschnittlich 8,1 Monate später) zu rekonstruieren. Damit sollte es den Frauen ermöglicht werden, ihren eigenen Erzählstrang zu entwickeln (narratives Element), aus dem heraus ich nachfragen konnte (Stauber 1998, 123; Friebertshäuser 1997, 380). Ein weiteres damit verbundenes Ziel war es, meinen Gesprächspartnerinnen zu vermitteln, dass sie Expertinnen sind, d. h. von Kompetenzbereichen erzählen und sich damit einen Status verschaffen können (Stauber 1998, 125f). Die daran anschließenden Fragebereiche des Frageleitfadens umfassten folgende Themenbereiche mit subjektiven Handlungsbezügen: Wohnung, Arbeit/Ausbildung, soziale Kontakte, Gesundheit und Zufriedenheit mit der augenblicklichen Lebenssituation.
Erfragt wurde weiterhin, was sich für die Frauen seit ihrem Aufenthalt in der Karla 51 veränderte und was ihnen geholfen hat, ihre Situation zu verbessern 34 . Dabei wurde auch versucht, Unterstützungszusammenhänge zu ermitteln, z. B. durch Nachfragen nach konkreten Personen bzw. Institutionen des Hilfesystems. Ziel war es zu verstehen, wie die subjektive Beurteilung der Wohnungslosigkeit in Zusammenhang mit den Bewältigungsstrategien der Frauen steht.
Das Interview bot den Frauen auch einen Freiraum, in dem Zukunftspläne und Wünsche formuliert werden konnten. Diese Fragebereiche dienten insbesondere dazu, die eigenständigen Handlungspotenziale sichtbar zu machen und nicht nur auf dem gesellschaftlich definierten Problem Wohnungslosigkeit und seiner Überwindung zu beharren. Schließlich sind auch Forscherinnen nicht frei von Normalitätsdruck (Problemzuschreibung Wohnungslosigkeit), weshalb bewusst Gegenräume geschaffen werden sollten (Stauber 1998, 121, 126f).
4.12 Zielgruppe und Zugangsschwierigkeiten
Die im Vorlauf einer empirischen Studie gemachten Erfahrungen sind eine zentrale Grundlage für die Festlegung der Fragestellungen, die Auswahl der Methode, die Formulierung von Fragen für Interviews und die Entwicklung von Auswertungskategorien (Bitzan et. al. 1998, 95). Für diese Erhebung ist es von ausschlaggebender Bedeutung, dass ich Jahrespraktikantin im Frauenobdach Karla 51 war und zwar insbesondere in Bezug auf den dadurch guten Kontakt zu den wohnungslosen Frauen.
Wohnungslose Frauen sind eine gesellschaftliche Gruppe, bei der es zunächst nicht offensichtlich ist, wer dieser Gruppe überhaupt zugeordnet werden kann (vgl. Kapitel 2.3 zu den Erscheinungsweisen weiblicher Wohnungslosigkeit). Alle mir bekannten empirischen Studien zu wohnungslosen Frauen wählten daher einen (zumindest ersten und oft auch einzigen) Zugang zum Feld über Hilfeinstitutionen (vgl. Geiger/Steinert 1997; Fichter/Quadflieg 1999; Greifenhaben/Fichter 1998; Bodenmüller 1995; Schroll-Decker/Kraus 2000; Weller 2000; Helfferich et. al. 2000; GFS 1999; Macke 2000; Enders-Dragässer et. al. 2000). Auch ich entschied mich dafür, einen ‚Hilfesystem-Zugang‘ zu wählen, und definierte als Grundgesamtheit die Bewohnerinnen des Frauenobdachs Karla 51. Dabei gehe ich von der Annahme aus, dass die Bewohnerinnen dieser Unterkunft einen typischen Querschnitt von wohnungslosen Frauen darstellen, was aufgrund des Charakters der Notunterkunft und des niederschwelligen Zugangs plausibel und vertretbar erscheint (vgl. Kapitel 3.1). Da sich mein Forschungsinteresse auf Handlungsstrategien und Bewältigungs-
34 Mirist bewusst, dass diese Frage nicht wertfrei ist und es zu vermeiden gilt, dass Fragen suggestiv sind (Maindock 1996, 78). Ich habe mich für diese Formulierung aufgrund der Erfahrung des Pretests und aus ethischen Gründen entschieden, was in Kapitel 4.14 genauer begründet wird.
muster von wohnungslosen Frauen allgemein bezieht, habe ich keine weiteren Eingrenzungen der Grundgesamtheit vorgenommen. Dieser Zugang ist natürlich auch rein praktischen Gründen geschuldet: Erstens waren mir die Frauen bekannt und umgekehrt (Ver-trauensvorschuss) und zweitens waren die Bewohnerinnen für mich leicht erreichbar 35 .
Bei qualitativen Studien wird in der Regel über die Stichprobenziehung wenig nachgedacht, zumeist spielen pragmatische Gründe - wie die Erreichbarkeit - eine große Rolle (Merkens 1997, 97). Der Typ qualitativer Studien, die eine bestimmte Fragestellung verfolgen, benötigt ein passende Stichprobe, im Gegensatz zur ‚ground theories‘, die keine theoretischen Annahmen vorab aufstellen können und daher keine besonderen Methoden des Stichprobenziehens brauchen (Merkens 1997, 99). Da meine empirische Studie sich auch auf theoriegeleitete Hypothesen gründet (die Überprüfung des Konzepts zu Typen wohnungsloser Frauen (Steinert 1997b, 118ff)), habe ich mich dafür entschieden, aus einer Grundgesamtheit eine angemessene Auswahl zu treffen (Merkens 1997, 98), um einer durch gezielte Auswahl hervorgerufenen selektiven und verzerrenden Stichprobe vorzubeugen (Lamnek 1995a, 239).
Um einen repräsentativen Querschnitt für die Befragung zu erhalten, wählte ich als Grundgesamtheit alle im Zeitraum vom 23. Oktober bis 30. November 2000 36 in der Karla 51 wohnenden Frauen. Die Erhebungseinheit der Stichprobe präzisierte ich im Hinblick auf die notwendige Aufenthaltsdauer von mindestens einer Woche. Sinnvoll erschien dies einerseits aufgrund von sozialpädagogischen Überlegungen, da das Konzept der Karla 51 einen niederschwelligen Zugang bedeutet - an die Frauen keine Ansprüche zu stellen, sie erstmal zur Ruhe kommen zu lassen - und ich dies nicht durch eine Befragung durchbrechen wollte. Andererseits war mein Forschungsinteresse auch darauf gerichtet zu überprüfen, inwiefern die Frauen die Angebote der Karla 51, der Ämter und des Hilfesystem in Anspruch nehmen, sowie Informationen zur potenziellen Weitervermittlung in andere Wohnformen zu erhalten. Beide Überlegungen führten zu dem Schluss, dass eine Mindestaufenthaltsdauer von einer Woche eine notwendige Voraussetzung für eine Befragung darstellt. Von den 90 in diesem Zeitraum aufgenommen Frauen erfüllten 34 diese Bedingung nicht (d. h. sie waren kürzer als eine Woche da). 16 weitere Frauen konnte ich aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen (4), wegen Verweigerung bzw. Terminschwierigkeiten (9) oder, weil ich sie betreut habe (3), nicht befragen. 40 Interviews habe ich schließlich durchgeführt. Zumindest was die für alle Frauen verfügbaren soziodemografischen Angaben - Nationalität und Alter - angeht, erfüllte dieses Auswahlverfahren weitgehend die Forderung, ein verkleinertes Abbild der Grundgesamtheit zu sein (Kromrey 1990, 136f).
35 Auf die Problematik der Vermischung der Rollen der angehenden Sozialpädagogin und der Forscherin gehe ich im Kapitel 4.14 zu ethischen Überlegungen ein.
36 Der Einzugszeitpunkt konnte auch vor diesem Datum liegen.
Die Kontaktaufnahme zu den Frauen
gestaltete sich unterschiedlich:
• Falls es möglich war, versuchte ich als erstes einen direkten persönlichen Kontakt herzustellen (telefonisch bzw. vis-a-vis auf dem Sozialamt) und einen Interviewtermin zu vereinbaren, was in acht Fällen gelang. Dabei kamen sechs Interviews zustande, die anderen zwei Frauen ließen die Termine platzen und ich hatte - aufgrund von abgelaufenen Handy-Karten und unbekanntem Wohnort - keine Möglichkeit zur erneuten Kontaktaufnahme.
• Den nicht persönlich kontaktierbaren Frauen schrieb ich einen (manchmal auch mehrere) Briefe, mit der Bitte sich bei mir telefonisch zu melden oder eine beigelegte frankierte Postkarte mit der Angabe einer Kontaktmöglichkeit an mich zurückzusenden (von letztgenannter Gelegenheit machte nur eine Frau Gebrauch). Vier Frauen riefen mich zurück, eine Frau kam nicht zur Verabredung und ich konnte keinen weiteren Kontakt mehr herstellen. Vier Interviews konnte ich durch den schriftlich hergestellten Kontakt führen.
• Da ich von den restlichen 17 Frauen nach der schriftlichen Kontaktaufnahme nichts hörte und mir teilweise auch unsicher war, ob ich tatsächlich ihre aktuelle Adresse hatte, überprüfte ich ihren Wohnort persönlich und konnte - teilweise nach mehrmaligem Vorbeifahren - weitere 13 Frauen direkt sprechen. Sechs Interviews kamen auf diese Art zustande. Die Frauen entschuldigten ihre nicht erfolgte Rückmeldung zumeist mit Vergesslichkeit oder Arbeitsüberlastung („ich hatte so viel zu tun“). Eine ließ den vereinbarten Termin platzen und war nicht mehr kontaktierbar, sechs lehnten das Interview ab. Bei den restlichen vier Frauen stimmte die Adresse, auf meine schriftlichen Mitteilungen meldeten sie sich nicht und ich konnte sie trotz mehrmaligen Besuchen nie persönlich treffen.
Bei den sechs Frauen, die ein Interview ablehnten, war die Begründung, dass sie andere Probleme hätten und/oder gerade keine Zeit bzw. keine Lust. Insgesamt konnte ich schließlich 16 Interviews führen, von denen 12 ausgewertet wurden. Zwei wurden aufgrund
nicht gestatteter Bandaufzeichnungen nicht mit einbezogen 39 . Das Pretest-Interview und eine wegen technischer Probleme zum großen Teil unverständliche Bandaufnahme wurden ebenfalls ausgeschlossen.
4.13 Die Interviewsituation
Qualitative Interviews sollten im alltäglichen Milieu der Befragten erfolgen, um eine möglichst natürliche Situation herzustellen und authentische Informationen zu erhalten. Ein vertrauter Raum trägt auch zu einer freundschaftlich-kollegialen Atmosphäre bei (vgl. Lamnek 1995b, 60ff). Ich ließ allerdings die Frauen entscheiden, wo das Interview stattfinden sollte: 13 luden mich in ihre Bleibe ein, bei drei Frauen fand das Gespräch auf eigenen Wunsch in einem Café statt.
Vor Interviewbeginn erklärte ich den Frauen nochmals Sinn, Zweck und Gegenstand des Interviews und sicherte ihnen Vertraulichkeit und Anonymität zu (vgl. Lamnek 1995b, 102ff). Auch versuchte ich den Frauen zu vermitteln, dass sie die Expertinnen sind (Stauber 1998, 125). Da mich alle Frauen als Praktikantin aus der Karla 51 kannten, legte ich Wert darauf klarzustellen, dass ich mittlerweile keinen Kontakt mehr zum Frauenobdach hatte und diese Befragung als Studentin für meine Diplomarbeit durchführe - in zwei Fällen war diese deutliche Abgrenzung die Voraussetzung, dass sich die Frauen zu einem Interview mit mir bereit erklärten. Ich fragte auch, ob ich das Interview auf Kassette aufnehmen könne, was zwei Frauen ablehnten. Aus ethischen Überlegungen führte ich diese Interviews dennoch durch (vgl. Morse 1994, 229), aus Gründen der Vergleichbarkeit habe ich sie jedoch nicht ausgewertet.
In Bezug auf die Interviewführung habe ich mich an Maindock (1996) orientiert: Bei Nachfragen möglichst Formulierungen der Befragten verwenden, interessiert und nicht neugierig oder suggestiv klingen, Aussagen nicht bewerten, Bereichen mit emotionaler Bedeutung besondere Aufmerksamkeit widmen und nachfragen, allgemeine Aussagen mit Sondierungsfragen oder Fragen nach Fakten präzisieren und, wenn der Informationsfluss erschöpft ist, zum nächsten Thema überleiten (Maindok 1996, 77f). Die Kompetenz des/der InterviewerIn spielt bei qualitativen Interviews eine große Rolle: Anforderungen sind vor allem Neutralität, die Fähigkeit, die eigene Meinung herauszuhalten, und eine fördernde Gesprächsatmosphäre herzustellen. Häufigste Fehlerquellen sind mangelnde Nachfragen, die zumeist aus selektiver Wahrnehmung über das Gesagte resultieren, und
39 Diese zwei Frauen sind beide psychisch krank: Eine hat eine diagnostizierte Borderlineerkrankung, die andere hat zwar keine psychiatrische Diagnose, aber laut Aussagen von Fachkräften psychische Probleme in Form von Zwängen und paranoiden Zügen. Beide zeigen Ansätze von Verfolgungswahn wie es z. B. in folgender mitgeschriebener Aussage deutlich wird: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich vom Bösen verfolgt werde. Ich weiß nicht, wie ich mich dagegen schützen soll. Wenn ich Geld hätte, dann könnte ich einen Privatdetektiv beauftragen, was über Leute herauszubekommen, die mir übel wollen“. Meine These ist, dass ihr Gefühl verfolgt zu werden, sie davon abgehalten hat, das Interview aufnehmen zu lassen.
suggestive Formulierungen, also eine zu geringe Kontrolle der eigenen Äußerungen (Maindok 1996, 60f). Erfahrung und Übung verbessern die Qualität der Interviews, was ich auch bei den von mir durchgeführten bemerken konnte 40 . Nach dem Interview hielt ich in einem Postskript die Atmosphäre des Interviews fest, machte Notizen über den Wohnort sowie über Mimik, Verfassung und eventuelle Störungen während des Gesprächs (vgl. Lamnek 1995b, 77, 98).
Maindok (1996, 78) empfiehlt das Interview zu beenden, bevor die Befragten ermüdet sind, d. h. spätestens nach 45 Minuten. Die von mir anvisierte reine Interview-Dauer betrug eine dreiviertel Stunde, die zumeist knapp überschritten (maximal 1¼ Stunden), bei einigen Frauen jedoch auch unterschritten wurde (Mindestdauer 25 Minuten). Das erste Interview der zweiten Befragung fand am 8. August, das letzte am 5. September 2001 statt.
Es besteht Konsens darüber, dass von Seiten des/r InterviewerIn ein Einfluss auf die Ergebnisse des Interviews stattfindet (Maindok 1996, 48). Das gängige Konzept der ‚sozialen Erwünschtheit‘ beinhaltet, dass die Befragten aus einem grundsätzlichen Bedürfnis nach Harmonie heraus versuchen, ihre Meinung der des/r InterviewerIn anzupassen. Vor allem Personen, die sich nicht zwischen unterschiedlichen Kommunikationsstilen bewegen können (häufig aus niedrigeren sozialen Schichten), geraten in einer unangenehmen Situation in die Defensive und geben häufig die Kommunikation auf, das führt zu Anpassung ebenso wie zu Verweigerung (Maindok 1996, 53, 68). Dies könnte eine Erklärung für die kurzen Interviews sein, bei denen sich die Frauen möglicherweise (einer Antwort oder des Nachdenkens über die Frage) verweigerten. Dazu ein Beispiel aus einem der kurzen Interviews:
Zapf 41 : Hm ... Vielleicht könnten Sie einfach mal so .. ein bisschen erzählen, wie es so gewesen ist, als Sie dann wieder hier hin zurück sind in ihre Wohnung? ... Phh (Ausatmen) Was soll ich da erzählen? ... Na, was Sie so meinen, wie es so gewesen ist. ... Am Anfang war’s ‘n bissel komisch, aber jetzt geht’s wieder. Hm .. komisch? Na ja .. mein Mann war ‘n bissel .. aber ... jetzt geht’s schon wieder. Gott sei Dank. Hm ... Ihr Mann war ein bisschen? ... Ah ja, am Anfang war er a bissel komisch, aber ... Ja, ja .. hm ... was is denn komisch oder was war komisch? Ah ja (leichtes Lachen) so a bissel misstrauisch halt.
4.14 Ethische Überlegungen
Der Prozess der Datengewinnung bei qualitativen Interviews benötigt kommunikative und interaktive Kompetenzen sowie Fähigkeiten des Verstehens und Deutens subjektiver Sinngehalte, die auch in der Sozialen Arbeit gebraucht werden, was in der Literatur als positiv für die Sozialarbeitsforschung angemerkt wird (Schmidt-Grunert 1999, 13ff). Allerdings zeigen sich große Unterschiede in den Zielen, Aufgaben einerseits und der Klientin- bzw. Informantin-Beziehung andererseits zwischen Sozialer Arbeit und soziologischer For-
40 Sogesehen war es von Vorteil, dass die ersten drei Interviews nicht in die Auswertung mit einflossen (Pretest-Interview, keine Bandaufnahme gestattet und technische Probleme bei der Bandaufnahme).
41 Zur Anonymisierung wurden die hier benutzten Nachnamen erfunden.
schung. Ziel eines sozialpädagogischen Gesprächs ist im weitesten Sinne eine Beratung und nicht wie im Forschungskontext, Wissen zu erhalten. Das hat auch Auswirkungen auf die Fragetechniken: Zu sozialpädagogischen Methoden gehören z. B. auch konfrontative Fragen, um Ungereimtheiten, Widersprüche oder Ausweichen zu verdeutlichen, was im soziologischen Kontext - vor allem bei ungeübten GesprächspartnerInnen - möglichst vermieden werden soll (Schmidt-Grunert 1999, 47). Mit anderen Worten: Eine sozialpädagogische Ausbildung kann zweifellos hilfreich für qualitative Interviewführung sein, sie ist jedoch längst nicht hinreichend.
Als Forscherin initiiere ich den Kontakt zu den InformatInnen und möchte von ihnen etwas lernen, d. h. bin qua Definition ‚inkompetent‘. Als Sozialpädagogin ist es in der Regel umgekehrt: Zumeist kommen die KlientInnen mit dem Ziel zu mir, sich helfen zu lassen und ich bin je nach Selbst- bzw. Fremdzuschreibung ‚kompetent‘. Entsprechend ist auch der sozialpädagogische Fokus: Häufig geht es um Probleme, ihre Überwindung und um Emotionen bzw. Befindlichkeiten. Eine Vermischung der Rolle der Sozialpädagogin und der Forschenden sollte möglichst vermieden werden (Bodenmüller 1995, 66f; Padgett 1998, 16). Als Jahrespraktikant in der Karla 51 hatte ich einen Zwischenstatus: Einerseits war ich Lernende und konnte somit unbedarft fragen, andererseits wurde ich jedoch durchaus als angehende Beraterin wahrgenommen. Um eine möglichst große Rollentrennung vorzunehmen, habe ich bei der ersten Befragung keine Klientinnen interviewt, die von mir (mit)betreut wurden. Trotzdem wurde ich sowohl bei der ersten wie zweiten Befragung von manchen Informantinnen, die diese Rollentrennung nicht so klar sahen, durchaus nach Hilfestellungen oder Tipps gefragt. Ihre Anfragen waren zumeist durch einen Hinweis auf zuständige Stellen (Betreuerin, Hilfeinstitution) ausreichend beantwortet. Außerdem legte ich großen Wert darauf, deutlich zu machen, dass die Teilnahme an der Befragung freiwillig ist und eine Ablehnung keinerlei Konsequenzen hat.
Ein anderes Problem, das während meiner Untersuchung auftauchte, war der Umgang mit für die Informantinnen emotional hochsensiblen Themen. Wie bereits erwähnt, führte der Pretest zu schmerzhaften Gefühlen und einem Tränenausbruch bei einer befragten Frau. Meiner Meinung nach geschah dies an dem Punkt, wo sie realisierte, dass sich ihre Situation in den letzten acht Monaten nicht verändert hatte und sie keinerlei positive Veränderungsperspektiven sah. Als Sozialpädagogin habe ich in solchen Momenten ein Handlungsrepertoire. Und in der Rolle der Forschenden? Emotionale und schmerzvolle Themen (z. B. Scheidung, Tod eines Familienangehörigen etc.) sollten von Seiten der Interviewerin nicht ohne Wissen und Zustimmung der Befragten angeschnitten werden (vgl. Padgett 1998, 37f). In diesem Fall zeigte sich die Problematik in dem, was die Fragen an negativen Gefühlen auslösen (können). In meiner Verantwortung als Forschende liegt es, negative Gefühle möglichst nicht auszulösen insbesondere dann, wenn die Frau sich in einer psy-
chisch labilen Situation befand und voraussichtlich Probleme haben würde, damit umzugehen, und/oder keinerlei professionelle Hilfestellung hat.
Konkret bedeutete dies, dass ich den Frageleitfaden nach dem Pretest abwandelte und vor allem darauf bedacht war, möglichst keine negativen Formulierungen, bei Nachfragen auch nicht die der Informantin selbst, zu verwenden. Außerdem achtete ich darauf, sehr sensibel und vorsichtig tastend zu fragen, die Fragen je nach Situation zu verändern oder auch mal nicht zu stellen und vor allem - eigentlich ein Fehler in der Interviewführung - nicht immer nachzufragen. Da wohnungslose Frauen sich oft in einer psychisch und emotional schwierigen Lage befinden, möchte ich die Brisanz dessen an einigen Äußerungen von verschiedenen Frauen deutlich machen:
Weber: Entweder i ziehs durch oder i mach’ a .. Cut. .. Bring i mi um, aber das san, das is ja a schon bestätigt, das is das Borderline-Syndrom und (schniefen) und des is des Problem. A kein Wunder. Vacic: Früher wollte ich mich, vor einem Jahr wollte ich mich umbringen, aber ich hab gedacht, dass ich Kinder nie sehen kann, weil mein Ex-Mann [das] gesagt hat.
Bender: [...] also ich habe ja zwischendurch, war ja auch völlig verzweifelt, weil ich die Schule dann wieder abgebrochen hab und da nicht mehr hingegangen bin. Und dann mir gedacht habe, ja, anscheinend ich bin völlig zu blöd irgendwie, also unfähig irgendwas auszuhalten und durchzuhalten. Also, das ist schon immer sehr, also nahe an der Verzweiflung.
Eine Selbstverständlichkeit ist die Zusicherung von Anonymität und Vertraulichkeit, d. h. in den zitierten Interviewabschnitten habe ich alle Orts- und Personennamen, Namen von Einrichtungen und selbstverständlich die der befragten Frauen anonymisiert bzw. verändert, so dass keine Rückschlüsse möglich sind.
4.2 Datenerfassung und Analyseverfahren
Die Interviews wurden per Tonband aufgezeichnet, das dann später transkribiert wurde, was den ersten Schritt der Auswertung darstellt. Bei der Verschriftlichung der Interviews habe ich ein einfaches Transkriptionsverfahren angewendet, d. h. es wurde das aufgeschrieben, was auf dem Band festgehalten war, wobei ich mich an die Rechtschreibregeln hielt, allerdings umgangssprachliche Besonderheiten erhalten blieben. Pausen, Auslassungen, Unverständlichkeiten ebenso wie lautes und leises Sprechen und ‘Nebensprachliches’ (Lachen, räuspern etc.) wurden in der Transkription deutlich gemacht (Transkriptionszeichen siehe Anhang 1). Weitere sprachliche Elemente, z. B. Intonation, wurden nicht übernommen, da die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden können, in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen (Jäger 1992, 27). Bei den darauf folgenden Einzelanalysen wurde eine „Konzentration des Materials“ (Lamnek 1995b, 108) vorgenommen, Nebensächlichkeiten und Abschweifungen wurden aus den einzelnen Abschriften entfernt, so dass ein leicht gekürzter und konzentrierter Text entstand.
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Für die Auswertung habe ich mich für ein inhaltsanalytisches Verfahren mittels einer Ka-tegorienbildung am Material entschieden, bei dem die Interviews nach Themen oder Einzelaspekten inhaltlich zusammengefasst werden (Schmidt 1997, 545ff). Um dem Anspruch der Offenheit qualitativer Forschung gerecht zu werden, war es notwendig, die Auswer-tungskategorien nicht einfach aus theoretischen Vorannahmen abzuleiten. Erste vage Kate-gorien entstanden aus den Fragestellungen und Forschungsergebnissen, die in der Ausei-nandersetzung mit dem Material modifiziert und ergänzt wurden (vgl. Schmidt 1997, 548ff), so dass ein Codierleitfaden zusammengestellt werden konnte (siehe Anhang 1), der selbst schon einen Teil der Untersuchungsergebnisse darstellt. Der Codierleitfaden übernimmt Teile der Systematik des Frageleitfadens (Arbeit-, Wohn-, und finanzielle Situation, soziale Kontakte, Gesundheit, Pläne und Wünsche) ebenso wie Themenbereiche der theoretischen Vorannahmen (Haltung zum und Bewertung des Hilfesystems). Darüber hinaus wurden jedoch neue thematische Felder erschlossen (Handlungskompetenz, Selbstbild/Selbsteinschätzung, Einstellungs- und Verhaltensänderungen). Die Codierung selbst erfolgte mittels einer Satz-für-Satz-Analyse aller Interviews, wobei sich die Aussagen zumeist mehreren Kategorien zuordnen ließen, wie z. B. in folgendem Beispiel (aktuelle Wohnform, finanzielle Situation, (nicht-vorhandene) Zukunftspläne und Selbstbild):
Barth: Ja, und dann ähm bin ich letzte Woche in so ein Wohnheim gekommen, städtische Unterkunft. Ja, und jetzt habe ich halt Sozialhilfe beantragt. Für einen Monat wenigstens, ich muss mal schauen, wie es alles so weitergeht. Ich habe ehrlich gesagt, keinen blassen Dunst, also ... ja, es geht immer so dahin, wie' s immer bei mir dahin geht.
Dies entspricht der Umgangssprache, wo oft in einem Satz mehrere Aspekte, u. U. auch durcheinander, angesprochen werden. Um eine vergleichende und generalisierende Analyse leichter durchführen zu können, erfolgte die Codierung mit dem Textanalysesystem MAXqda. Immer wieder war eine Kontrolle der Codierung der Interviewpassagen nötig, um durch falsche Zuordnung oder Verkürzungen keine Fehlinterpretationen entstehen zu lassen (vgl. Lamnek 1995b, 110).
4.3 Stichprobenbeschreibung
In diesem Kapitel werde ich die Charakteristika der Stichprobe der 40 von mir in der Karla 51 befragten Frauen aufzeigen (erste Stichprobe) und zwar als Kontrast zwischen denen, die ich nochmals interviewte (16 Frauen = zweite Stichprobe), und denen, die ich kein zweites Mal befragen konnte (24 Frauen) 42 . Der Zeitpunkt der zweiten Befragung lag im
42 Mir ist bewusst, dass die folgenden Zahlen- und Prozentangaben aufgrund der kleinen Stichprobe nur bedingt aussagekräftig sind, insbesondere was die Vergleichbarkeit zwischen den Stichproben angeht. Dennoch sind einige Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten auffällig.
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Ein weitere Differenz zeigt sich bei
der Arbeitssituation zum Zeitpunkt der ersten Befragung: Rd. die Hälfte der Frauen der zweiten Stichprobe arbeiten (zumeist in unqualifizierten Berufen), was für ihre stärkere Nor-malitätsorientierung sprechen könnte. Einer Erwerbsarbeit nachzugehen trifft - trotz der im Schnitt besseren Berufsausbildung - nur auf rd. ein
Fünftel der kein zweites Mal Befragten zu, drei Viertel von ihnen hat keine Arbeit. In Bezug auf die Einkommenssituation leben entsprechend häufiger Frauen der zweiten Befragung von ihrem Erwerbseinkommen. Gleichmäßig dagegen verteilt sich die Schuldensituation, da jeweils ca. zwei Drittel der Frauen (zum Teil erhebliche) Schulden hat (vgl. Tabelle 11 in Anhang 2).
Etwas über ein Viertel der 40 Frauen der ersten Stichprobe hat noch minderjährige
Kinder,
die entweder beim Vater, bei Verwandten oder bei Pflegeltern sind. Alle Frauen möchten, dass ihre Kind(er) wieder bei ihnen sein können, die meisten unter der Bedingung, dass sie eine Wohnung haben.
Bei einigen sind es Gründe wie: „Wenn ich mein Leben wieder im Griff habe“, „wenn ich clean bin“. Diese 11 Mütter waren - unerwarteterweise - eine schwer zu erreichende Teilgruppe: Ich konnte nur zwei in der zweiten Befragung interviewen 43 . Von den neun Frauen mit Kindern, die ich nicht befragen konnte, sind fünf nach ihrem Aufenthalt in der Karla 51 zum neuen Freund bzw. Bekannten gezogen, drei in eine Pension und nur eine in ein betreutes Wohnheim, was sie allerdings mit unbekanntem Aufenthaltsort nach einigen Wochen wieder verließ. Zum Zeitpunkt der zweiten Befragung im Sommer 2001 hatten alle 11 Frauen mit Kindern - soweit ermittelbar - keinen Kontakt zum Hilfesystem. Diese Unabhängigkeit von sozialen Institutionen wird von rd. der Hälfte jedoch durch verdeckte Wohnungslosigkeit erreicht, d. h. die Abhängigkeit vom neuen Freund bzw. Bekannten. Gewalt bzw. Trennung ist bei neun der 11 Mütter mit Kindern der Auslöser für die Woh-
43 Aufgrundvon Aufnahmeproblemen konnte ich eines dieser Interviews leider nicht in die weitere Auswertung einbeziehen. Bei den neun Frauen mit Kindern, die ich nicht interviewen konnte, war bei vier der Auf-enthaltsort unbekannt, zwei waren nach geplatzten Terminen nicht mehr auffindbar, zwei lehnten die Befragung ab und eine konnte ich nie erreichen.
Unterschiedlich lang ist die
Aufenthaltsdauer in
der Karla 51: Bei der zweiten Stichprobe betrug der durchschnittliche Aufenthalt 17 Wochen, bei den kein zweites Mal befragten Frauen sind es dagegen nur 10 Wochen, was ein weiteres Indiz dafür sein könnte, dass die nicht-befragten Frauen den Aufenthalt in betreuten Wohnformen kurz zu halten versuchen, eventuell deswegen, weil sie Hilfeinstitutionen nicht als Lösungsmöglichkeit für ihre Probleme ansehen. Die Nutzung der Angebotsstruktur in der Karla 51 ist dagegen bei den zwei Gruppen nahezu identisch. Leichte Unterschiede zeigen sich bei der Zufriedenheit mit dem Aufenthaltsort Karla 51, der von der zweiten Stichprobe tendenziell schlechter bewertet wird (vgl. Tabelle 14 in Anhang 2).
Nach den
Auslösern der Wohnungslosigkeit
befragt, geben die Frauen der zweiten Stichprobe durchschnittlich 1,5 Gründe an, die Nicht-Befragten nur einen (vgl. Tabelle 15 in Anhang 2). Die zum zweiten Mal befragten Frauen begründen ihre Wohnungslosigkeit zu je einem Drittel mit Konflikten mit den Eltern, Schulden und Sucht (die Nicht-Befragten nur zu jeweils 8 %); keine Rolle spielt dagegen in
der subjektiven Einschätzung zur Begründung der Wohnungslosigkeit eine Erkrankung bzw. Lebenskrise/Psychiatrieaufenthalt (bei den Nicht-Befragten zu je einem Achtel als Grund angeführt). Trennung bzw. Gewalt haben bei rd. einem Drittel der Frauen insgesamt zur Wohnungslosigkeit geführt.
Diejenigen Frauen, die illegale Drogen gebrauchen und/oder substituiert werden, konnte ich bei der zweiten Befragung nicht erreichen 45 . Diese Gruppe wohnungsloser Frauen zeichnet sich durch besonders wechselnde und instabile Wohnverhältnisse aus (vgl. Weller 2000, 36ff, 59ff).
45 Bei zwei war der Aufenthaltsort unbekannt, mit den anderen beiden platzten die Termine und sie waren nicht mehr erreichbar.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich große Ähnlichkeiten zwischen den zwei Stichproben zeigen. Signifikante Unterschiede sind trotz schlechterer Qualifikation in Bezug auf einen höheren Anteil der Erwerbsarbeit bei den Frauen der zweiten Stichprobe feststellbar, was ein Indiz für eine ausgeprägtere Normalitätsorientierung kein kann. Dafür könnte auch sprechen, dass diese Frauen nach dem Aufenthalt in der Karla 51 stabilere Wohnverhältnisse aufweisen. Allerdings verbleiben sie auch eher im Hilfesystem. Frauen mit Kindern sind schwer erreichbar, da sie sich rasch aus dem Hilfesystem verabschieden und häufig von Männern abhängige Wohnverhältnisse eingehen. Frauen mit vermuteter Alternativorientierung sind nicht mehr auffindbar, d. h. bewegen sich außerhalb des Hilfesystems. Auf dem Hintergrund dieser Ergebnisse der Ähnlichkeiten und Unterschiede der zwei Stichproben muss die folgende Analyse der Ergebnisse der qualitativen Interviews gesehen werden.
4.4 Darstellung ausgewählter Ergebnisse
Im Folgenden werden die 12 verwertbaren
Interviews der zweiten Befragung nach thematischen Gesichtspunkten analysiert. Anhand des Auswertungsschemas werde ich die Aussagen der Befragten vergleichend darstellen und anschließend Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten.
Die inhaltlichen Bereiche der Analyse, aus denen sich mögliche Erkenntnisse für die Soziale Arbeit ableiten lassen, sind die Wohn- und Arbeitssituation, die finanzielle Absicherung, der Zugang zur Gesundheits-versorgung und das soziale Netzwerk. Ich werde in dieser Auswertung auch beleuchten, inwiefern die notwendigen Grundbedürfnisse der Frauen gedeckt sind, nämlich: gesicherte Wohnverhältnisse, ausreichende eigene finanzielle Ressourcen, Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und soziale Kontakte (in Anlehnung an die Ausstattungsdimensionen von Staub-Bernasconi 1998, 15ff). Ein weiteres Kapitel wird die Haltung zum Hilfesystem einnehmen. In
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jedem dieser inhaltlichen Abschnitte wer-
den außerdem Handlungsstrategien, die zur Erreichung von entsprechenden Zielen und Wünschen führen sollen, thematisiert, sowie die subjektive Einschätzung der Handlungsfähigkeit der Frauen. Um die zu klären, welchem Typus (normalitätsorientiert, institutionenorientiert, alternativorientiert) die Frauen zuzurechnen sind, werden die entsprechenden inhaltliche Bereiche -Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie entsprechende Strategien und Ziele, Wohnung und Arbeit zu erhalten, die Haltung zum Hilfesystem sowie die subjektive Einschätzung der Handlungsfähigkeit bzw. Hilfsbedürftigkeit - analysiert (vgl. Kapitel 2.4). Überlegungen zur Zuordnung der wohnungslosen Frauen zur Typologie werden in den jeweiligen Kapiteln vorgenommen und fortlaufend präzisiert. Als erstes werde ich jedoch eine Analyse der subjektiven Einschätzung der Veränderungen seit dem Aufenthalt in der Karla 51 vornehmen, auf deren Hintergrund die o. g. Punkte beleuchtet werden.
Frauen tauchen in der Forschung oft als ‚Problemgruppe‘ auf, d. h. ihr Subjektstatus wird ihnen aberkannt. In der Regel sind alle sozialwissenschaftlichen dungen, in denen eine problemkonstruierende Perspektive dominant ist, verknüpft mit Klischees über diese Gruppe (Bitzan et. al. 1998, 78ff). Ich möchte diesen vereinfachenden und zuschreibenden Blick vermeiden. Es soll im Folgenden nicht darum gehen, Wohnungslosigkeit zu erklären, was in einigen Studien mittels eines biogra- fischen Ansatzes gemacht wird (z. B. Bo-
denmüller 1995; Macke 2000), sondern aufzuzeigen, welche Strategien Frauen einschlagen, um Wohnungslosigkeit zu überwinden versuchen, weshalb ich auf eine biografische Darstellung verzichte (soziodemografische Angaben in Tabelle oben und 16 in Anhang 2).
4.41 Subjektive Einschätzung der Situationsveränderung
Ob die Frauen ihre Entwicklung seit der Zeit in der Karla 51 positiv oder negativ einschätzen und welche Gründe dafür ausschlaggebend sind, ist Inhalt dieses Abschnitts. Im Durchschnitt waren die Frauen zum Zeitpunkt ihrer zweiten Befragung 8,1 Monate aus der Karla 51 ausgezogen, wobei eine Frau seit knapp vier Monaten nicht mehr dort lebte, alle anderen seit sieben bis 10 Monaten einen anderen Aufenthaltsort hatten. Die Veränderung seit dem Aufenthalt in der Karla 51 beurteilten fünf Frauen positiv, fünf gaben an, es habe keinerlei Änderung gegeben, und zwei schätzten die Entwicklung negativ ein.
Alle fünf Frauen mit empfundener positiver Veränderung sind mit ihrer Situation in unterschiedlichen Abstufungen zufrieden. Zwei von ihnen begründen ihre Situationsverbesserung mit ihrer wiedergewonnen Unabhängigkeit bzw. Freiheit, wozu ein eigene Bleibe (Zimmer in der Wohnung der erwachsenen Söhne, Sozialwohnung) und auch Arbeit gehört. Unabhängigkeit kann hierbei als ein Zeichen für subjektiv verspürte Normalität ver-standen werden.
Ullmann: .. Ähm, was sich verbessert hat, is natürlich ähm, ja zum einen .. wieder Arbeit zu haben, zum anderen ähm ... wieder, wenn auch in Anführungsstrichen, jetzt erstmal ein Zimmer zu haben .. und ähm .. ja einfach wieder ein normales Leben führen zu können. Das is das (unverständlich) .. Ich bin mein, mein eigener Herr, ich verdien mein eigenes Geld, ich ähm praktisch auf niemanden angewiesen, also .. hm und das is für mich wahnsinnig viel wert, also .. unabhängig, klar. Bullinger: .. Ja, ich bin halt freier, ich kann mein Leben .. wieder so leben, wie .. wie ichs halt auch gewohnt bin, ne. Ja, selber zu entscheiden halt und .. selbst was zu unternehmen und .. sich eben auch, ja, irgendwie mit mehr Elan und mit positiver Grundstimmung so halt meinen Interessen widmen, ne. [...] Jetzt muss ich nur noch wieder so‘n Job finden.
Bei zwei weiteren Frauen spielt wiedergewonnene Unabhängigkeit keine Rolle, ebenso wenig der Aufenthaltsort bzw. die Arbeit. Sie urteilen aufgrund von vermehrter psychischer Stabilität, d. h. einem besseren Umgang mit ihrer Borderline- bzw. Suchterkrankung:
Milenz: Wenn ich‘s positiv nennen würde (leichtes Lachen), dann dann würde ich sagen, alles was ich .. dafür tu‘, dass ich mit meiner Krankheit [Alkoholsucht] hinkomme, dass is positiv und besser und insofern is‘ es auch .. besser nach der Karla gewesen .. [...] ähm, also, dass ich da jetzt in XY [Therapieeinrichtung] bin, dass is’ schon ‘ne Verbesserung, finde ich, auf jeden Fall. Bender: Also logo, durch die ganze Therapie schon wieder .. schlauer geworden .. und selbständiger und von meiner Mutter bin ich mehr distanziert. Genau, Karla war ja eigentlich der erste Schritt ... das ich gecheckt hab’, ich muss unbedingt von meiner Mutter weg. ... Also, ich war ja da in Haar kurz da-vor und dann .. ich wollte nicht in die Karla gehen. Ich wollte da absolut nicht rein. Aber mir war es dann scheißegal, ja, der Therapeut hat gesagt, ich muss es einfach mal in die Hand nehmen und nicht immer wieder zu .. Mama zurück. Also ... schon selbständig, auf jeden Fall selbständiger geworden. Ein Zuhause, eine Heimat zu haben, ist für Frau Zapf, die zu ihrem Mann zurückkehrte, das Kriterium für eine Situationsverbesserung:
Zapf: .. Na (leichtes Lachen) .. daheim is’ daheim (leichtes Lachen), Karla, mei, so is’ schön in der Karla, aber hier is’ halt doch besser. Ja, was is’ denn hier besser? Ja (leichtes Lachen) ... ... ... ... ...
hier is’ mei Wohnung. Hm ... und zu Hause, was heißt das so für Sie? ... na daheim is. Die fünf Frauen, die keinen Unterschied ihrer Situation zur Zeit in der Karla 51 sehen, begründen dies damit, dass sich für sie nichts Einschneidendes verändert hat.
Peschel: Was hat sich denn so für Sie verändert, seit Sie aus der Karla weggegangen sind? Net Viel. Nicht viel? Ja .. gar nix. I geh’ in die Arbeit halt und dann die die [zukünftige] Wohnung in Neuperlach, sonst nix.
Kramer: Was hat sich denn so verändert, seit Sie Ihrem Aufenthalt in der Karla? Kein Ahnung. Oder verbessert? .. is’ eigentlich fast gleich geblieben (sehr leise) Fast gleich geblieben. Ja, ich glaub schon (sehr leise). Ja, ich hab’ jetzt halt .. ich konnte mich jetzt hier [betreutes Wohnheim] richtig einrichten, keine Ahnung.
Schöller: Also verändert hat sich, dass ich ins Berufsleben eingetreten bin. Aber, das hat eigentlich mit der Karla nicht so viel zu tun und ... mhm ja also, nichts verbessert und nichts verschlechtert in dem Sinn. Also jetzt auch familiär, ich bin ja in die Karla gekommen, weil mein Vater hat mich ja rausgeschmissen aus der Wohnung uuund .. ich mein, das hat sich wieder eingerenkt sozusagen, also das war halt ‘ne schwierige Zeit, und das is’ jetzt wieder vorbei und es is’ .. weitgehend gleich geblieben. Vacic: Was hat sich denn so für Sie verändert, seit Sie aus der Karla rausgegangen sind? ... Nix. Gar nichts? ... alles gleich. Ich habe kein Problem mehr, ich weiß nicht, ob ich es mal gesagt habe, aber jetzt bin ich ganz glücklich. Ich hab’ nur Problem, dass ich keine Wohnung hab’, [...] vor einem Jahr wollte ich mich umbringen, aber ich hab’ gedacht, dass ich Kinder nie sehen kann, weil mein Ex-Mann gesagt hat. Ich geh’ in die Disco, nie. Ich geh’ nie aus, ich bin immer zusammen mit meine Kinder.
Obwohl sich für diese vier Frauen objektiv gesehen einiges veränderte (Ausbildung begonnen, Verhältnis zu den Eltern verbessert, neue Arbeit, zukünftige Sozialwohnung, Kinder wieder da) und sie alle mit ihrer Lebenssituation zufrieden sind, sagen sie, dass alles gleich geblieben sei. Dieser anscheinende Widerspruch kommt daher, dass Wohnungslosigkeit für sie eine kurze, extern verursachte Episode in ihrem Leben darstellt (Gewalt vom Ehemann, Rauswurf bei den Eltern), d. h. eine ‚Normalisierung‘ ihres Alltags etwas Gewöhnliches ist, was nicht als Veränderung bewertet wird. Exemplarisch dafür:
Schöller: Es hat sich, wie gesagt, nichts verändert, [...] ich hatte ja schon Pläne im Kopf. Ich wusste ja, ich mach’ne Ausbildung ähm .. das das wusste ich ja, so, das war nicht so, ach, jetzt mach’ ich mal ein paar Jahre hier und da, sondern ich wollte diese Ausbildung eben machen und ähm (räuspern). Das einzige, was mir halt gefehlt hat, war ‘ne Wohnung. Und das war das einzigste Problem und das is’ das, wo ich mich halt dahinter geklemmt hab’, dass ich das irgendwie .. in den Griff bekomm einigermaßen.
Diese vier Frauen waren, bevor sie in die Karla 51 kamen, nur einige Tage (bei Frau Kramer einige Monate) wohnungslos, die sie bei Bekannten verbrachten. Frau Barth lebt dagegen bereits seit ca. 15 Jahren entweder in Hilfeinstitutionen bzw. verdeckter Wohnungslosigkeit und im Gegensatz zu den anderen vier Frauen, die keine Situationsveränderung sehen, ist sie mit ihrer Lage unzufrieden.
Barth: Wenn Sie so an die Zeit in der Karla denken, was hat sich so für Sie verändert? Hat sich da was verändert? Nää, ... das ist dasselbe wie vorher, also das liegt ja nicht an der Karla. Es liegt ja an mir. Also ich meine (leichtes Lachen) [...] Hat sich also nix verändert? Nä, würde ich nicht, ne, echt nicht. Wie immer, keine Wohnung, richtige Arbeit (belustigt, leichtes Lachen) ... [...] Bei mir eher wechselhaft, würde ich sagen. Was heißt zufrieden? Hm ... ja, mit so einer Situation, denke ich, kann man ja nicht zufrieden sein.
Die zwei Frauen, für die sich ihre Lage seit dem Aufenthalt in der Karla 51 verschlechterte, sind ebenfalls mit ihrer Situation unzufrieden. Der Beurteilungsmaßstab ist dabei ein
erlebte Verschlimmerung (Gesundheitszustand, finanzielle Situation) plus unveränderte Lebensbedingungen (Wohnungs-, Arbeitssituation). Frau Arzu lebt nach der Eigenbedarfskündigung seit über 1½ Jahren im Hilfesystem, Frau Weber ist zu ihrem neuen Freund in die Wohnung gezogen.
Arzu: [...] ich bin nicht zufrieden, leider muss ich so [in einer betreuten Wohngemeinschaft] leben. Weil ich keine .. Chance [auf eine Wohnung habe]. Aber wie lange, ich weiß nicht. [...] Ist es besser geworden seit Sie aus der Karla raus sind? Nein, schlechter. Seit bin ich aus die Karla, schlecht. Karla bin ich weg .. trotzdem ich komme noch mehr schlecht. Seit ich schwöre, die Karla bin ich weg, oft ich bin krank. Oft.
Weber: Und was hat sich noch geändert, seit der Karla? [...] also, das ähm Finanzielle hat sich einiges geändert. Das i noch weniger Geld hab’. Ahm, (Ausatmen) ... des i beruflich was angeleiert hab’, was sich a nix tut. I mein, i weiß net, was i noch alles machen soll. [...] Und ist das für Sie jetzt eine positive Veränderung? ... ... Eigentlich net, na. Eigentlich wollte ich ganz was anderes, aber, des des erreicht man halt einfach net in Deutschland, mit der Bürokratie geht des gar net. Das geht nicht. Ich hab’ wirklich alles angeleiert.
Positiv beurteilt wird insgesamt betrachtet die (wiedergewonnene) Freiheit und Unabhängigkeit sowie eine innerpsychische Veränderung, die einen Fortschritt bei der Bewältigung von psychischen bzw. Suchterkrankungen bedeutet. Situationsverschlimmerungen werden negativ beurteilt, Situationsverbesserungen positiv und mit Zufriedenheit asoziiert. Eine objektive Situationsverbesserung wird dann nicht als eine Veränderung wahrgenommen, wenn Wohnungslosigkeit als eine kurze, von außen verursachte Krise gesehen wird und eine ‚Normalisierung‘ der Lebensverhältnisse eingetreten ist.
Auf dem Hintergrund der analysierten Unterschiede der ‚Globalbeurteilung‘ werden nun einzelne Alltagsaspekte (Wohnung, Arbeit, finanzielle Situation, Gesundheit, soziale Kontakte), von denen einige bereits in o. g. Zitaten angeklungen sind, herausgegriffen und daraufhin überprüft, welchen Stellenwert sie für die Situationseinschätzung der Frauen haben.
4.42 Aktuelle Wohnungssituation
Die Zufriedenheit mit der Wohnsituation und die Gründe dafür herauszuarbeiten, ist das Ziel dieses Kapitels. Drei Frauen beurteilen ihre aktuelle Wohnsituation positiv und wohnen alle in den ‚eigenen vier Wänden‘: Sozialwohnung, betreutes Einzelwohnen, Wohnung mit Ehemann. Acht Frauen können sich mit ihrer Wohnsituation vorerst arrangieren und sehen sie als eine kurz- bzw. mittelfristige Übergangslösung an. Von ihnen lebt eine in einem Pensionszimmer, vier in Wohnheimen des Hilfesystems und die restlichen drei Frauen in latenter bzw. verdeckter Wohnungslosigkeit (beim Freund, bei den Söhnen, in der von der Mutter angemieteten Wohnung). Eine Frau ist deutlich unzufrieden: Frau Arzu lebt seit 1½ Jahren im Hilfesystem und wartet auf eine (Sozial)Wohnung. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des vorherigen Kapitels bedeutet das, dass die Wohnsituation zwar einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Zufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation beiträgt, allerdings nicht das alleinige Kriterium dafür darstellt.
Eine eigene Wohnung für sich zu haben, wird als positiver Wert beurteilt. Das gilt natürlich einerseits für die zwei Frauen (Frau Bullinger, Frau Schöller), die alleine in einer eigenen Wohnung leben, beispielsweise:
Bullinger: Es is’ schon wichtig, dass man seine eigenen vier Wände hat, ne. Dies gilt aber auch für fünf weitere Frauen, die eine Wohnung für sich alleine konkret anstreben (Frau Vacic, Frau Ullmann, Frau Milenz, Frau Arzu, Frau Peschel - vgl. nächstes Kapitel zu den Strategien der Unterkunftssuche). Ein dazu gehöriges positiv besetztes Kriterium ist dabei das Einrichten der Wohnung nach eigenen Vorstellungen und eigenem Geschmack.
Bullinger: So mit Möbeln und so was .. also ich hatte gar nichts [beim Einzug in die Sozialwohnung]. Das war schon, das hat mich schon etwas mitgenommen, ne. Ja, gut, den Herd hab’ ich bekommen, von Sozialamt und so. Aber ich hab’ da lang in den kleinen Zimmerchen ähm auf dem Boden geschlafen und so und ich .. war mir eigentlich sicher, dass ich das auf die Dauer nicht möchte (leichtes Lachen) (unverständlich). [...] Und dann bin ich möglichst viel nicht in dieser Wohnung gewesen, ja, weil ich .. überhaupt nix hatte. [...] da will ich ‘n Esstisch hinstellen, wo jetzt das Bett steht .. und das [Bett] wird nur so ‘ne Futoncouch sein, das kommt .. da sitz ich halt am Tage drauf. Und da kommt halt Kleiderschrank und Schreibtisch und so was hin, ne. [...]
Milenz: Also ganz ganz wichtig is’ wirklich mal wieder eigene vier Wände. Also überhaupt so .. so wieder so‘n zu Hause für mich zu haben, wo ich, das wär’ für mich einfach auch .. so‘n Beweiß, dass ich so sozial nicht nicht so ganz unten bin, ne. Und einfach auch so mich mal wieder so für mich einzurichten, ich hab’ da irgendwo so im Keller Möbel rumstehen, ich hab’ Kleinigkeiten .. das denk’ ich einfach, wär’ total wichtig für mich, dass ich so immer wieder ‘n Ort für mich hab’. Peschel: Schaut gut aus. Für mich alleine und so a klein Kammerchen, so a Schlafkammer und Bad, Küche. [...] Also Wohnung wollen Sie gerne haben. Schöne Wohnung, schöne Möbel. Ein eigenes Zimmer, das frau nach eigenen Vorstellungen einrichten kann, ist auch für das Wohlbefinden im Hilfesystem wichtig - insbesondere dann, wenn die Aufenthaltsdauer längerfristig ist, wie folgendes Beispiel von Frau Kramer verdeutlicht, die für sich selbst plant, die nächsten zwei Jahre in einem betreuten Wohnheim zu bleiben:
Kramer: Und wie gefällt es Ihnen hier so? Na ja, es geht schon. Also es is, man hat sein eigenes Zimmer und Dusche und WC. Und, also wie in der Karla eigentlich. [...] ich habe auch eins der größten Zimmer, normalerweise ist es irgendwie nicht so .. mit Gang. Ich hätte eigentlich lieber ein kleineres gehabt. Es glaubt mir keiner, aber ich mags eher eng und gemütlich, aber so habe ich mich halt so einigermaßen eingerichtet.
Bei den meisten Frauen, die ich in ihrer Bleibe besuchen konnte, war die persönliche Note in der Einrichtung erkennbar. Eine deutliche Ausnahme stellt Frau Arzu dar, die ich sechs Wochen nach ihrem Einzug in eine betreute Wohngemeinschaft interviewte und deren großes Zimmer kaum bewohnt wirkte (viele unausgepackte Koffer und Kisten, kaum persönliche Gegenstände). Von allen Frauen ist sie mit ihrer Wohnsituation am unzufriedensten. Dass sie sich in ihrem Zimmer nicht einrichtet und keine/kaum Wohnlichkeit herstellt, ist einerseits als ein nach außen getragenes Zeichen verstehbar, dass sie nicht bereit ist, sich mit dieser Situation zu arrangieren. Andererseits könnte dies auch mit dafür verant-wortlich sein, dass sie sich dort unwohl fühlt.
Einen Ort für sich zu haben und das Sich-Einrichten ist ein wichtiger Ausdruck sozialer Identität, den die meisten Frauen mit einer eigenen Wohnung verknüpfen. Zwei junge
Frauen streben vorerst keine eigene Wohnung an, sondern würden gerne in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. Dabei spielt es einerseits eine Rolle, dass sie sich zumindest partiell als hilfebedürftig einschätzen, andererseits aber auch die Gemeinschaft schätzen bzw. das Nicht-alleine sein:
Kramer: Oder ich könnt mir auch nicht so ganz jetzt vorstellen, so ganz allein zu sein. Aber ich würde auch nicht unbedingt mit ’nem Jungen zusammenwohnen wollen, das mach’ ich nicht nochmal den Fehler. Weil, wenn’s dann wieder Stress gibt, dann schaut man dann wieder blöd aus. Aber so ‘ne richtig coole Mädchen-WG das würd’ mir schon taugen, so ‘ne normale Mädchen-WG, wo vielleicht ab und zu mal ein Betreuer kommt oder so ..
Bender: Also ich hatte noch nie eine eigene Wohnung, ich habe immer in irgendwelchen Wohngemeinschaften oder Kliniken oder bei meinen Eltern halt gewohnt. Auf der einen Seite ist es schon schön, eigene Wohnung. .. Aber ... aber auf der anderen Seite überfordert mich das irgendwie. Hm ... und deswegen halt auch die Suche nach ’ner betreuten Wohngemeinschaft? Ja. Schon. Wohngemeinschaft nicht betreutes Einzelwohnen. Das halte ich nicht aus. So mit allein sein? Ja .. Die Überlegung gemeinsam eine Wohnung zu bewohnen, spielt für alle anderen Frauen keine Rolle (als einzige könnte sich Frau Ullmann dies als Notlösung vorstellen). Eine Ausnahme ist dabei Frau Zapf, die zu ihrem Mann in die Wohnung zurückgekehrt ist und sich anscheinend keinen besseren Wohnort denken kann, allerdings auch keine positive Begründung dafür benennt:
Zapf: Wie zufrieden sind Sie denn hier mit Ihrer Wohnung? Na ja, schon an und für sich. ... Wo möchten Sie denn am liebsten wohnen? .. hier.
Zapf: Vielleicht könnten Sie einfach mal so .. na so ein bisschen so erzählen, wie es so gewesen ist, als Sie dann wieder hier hin zurück sind in ihre Wohnung? ... Phh (Ausatmen) Was soll ich da erzählen? ... Na, was Sie so meinen, wie es so gewesen is. ... Am Anfang war’s ‘n bissel komisch, aber jetzt geht’s wieder. Hm .. komisch? Na ja .. mein Mann war ‘n bissel .. aber ... jetzt geht’s schon wieder. Gott sei Dank. Hm ... Ihr Mann war ein bisschen? ... Ah ja, am Anfang war er a bissel komisch, aber ... Ja, ja .. hm ... was is’ denn komisch oder was war komisch? Ah ja (leichtes Lachen) so a bissel misstrauisch halt. Hm .. und sind Sie jetzt zufrieden? Ja, so weit schon. Gibt' s irgendwas, was Sie sich wünschen? ... (Ausatmen) ... das so bleibt (leichtes Lachen) ... so bleibt hm, ja, was heißt das? Ah ja (leichtes Lachen) das ... so .. mei, wie soll ich sagen ... ... ... ... ... na ja (Ausatmen) kein Ärger gibt und so. Hm, gibt keinen Ärger? Im Moment net, ne. Hm, wünschen Sie sich sonst noch irgendetwas? ... nö .. im Moment net.
Frau Zapf könnte man als resignativen Typ deuten, die sich mit der Situation arrangiert hat und keine Veränderung möchte bzw. sich vorstellen kann. Anscheinend stellt die Wohnung mit ihrem Mann ihre Heimat dar („daheim is“), also einen positiv besetzten Wert, der trotz der anklingenden Probleme im o. g. Zitat nicht einfach aufgegeben werden kann. Heimat kann hier in einem doppelten Sinne gedeutet werden, einerseits als Beziehung zu ihrem Mann, die ihr einen sozialen Platz gibt, andererseits örtlich als Wohnung. Allerdings machte ihre Wohnung einen ungepflegten Eindruck. Sie roch alt und ungelüftet, war vergilbt, verstaubt und angeschmuddelt. Dies würde dafür sprechen, dass bei ihr der soziale Ort an der Seite ihres Mannes das entscheidende Kriterium darstellt, und dass es vor allem darum geht, den Status Quo („keinen Ärger“) aufrechtzuerhalten.
Bei zwei Frauen, die jeweils mit ihrer Situation insgesamt unzufrieden sind, sind andere Orientierungen deutlich. Für Frau Weber, die zu ihrem neuen Freund - also in latente
Wohnungslosigkeit - gezogen ist, ist diese Lösung eine Alternative zu einer Unterbringung in einer Pension. Sie verspricht sich davon mehr Stabilität und Sicherheit.
Weber: Und ähm das Sie jetzt hier wohnen .. das ist in Ordnung? Ja, aber es gibt auch finanzielle Probleme. Logisch. Durch des, dass i den ganzen Kack jetzt da gehabt hab’, wie .. ähm .. i mein, mei Freund, der is’ sowieso ähm .. wenn i den net gehabt hätt’, dann i weiß echt net, was passiert wär’. Dann hätt’ i echt, dann hätt’ i mir wirklich mit ’nem Koffer vor’s Wohnungsamt sitzen müssen und sagen so und jetzt weist‘s mir ‘ne Pension damit i regelrecht abstürz. Ja, was soll i sagen? Is’ doch so! Für sie ist dies, obwohl sie aufgrund von Streit bereits einmal die Wohnung ihres Freundes verlassen hat, eine Lösung, da sich ihre Wohnwünsche nicht realisieren lassen. Frau Weber zeichnet sich allerdings durch uneindeutige Zielvorstellungen aus: Sie hätte gerne sowohl eine Therapienachsorgeeinrichtung als auch eine eigene Wohnung, was jeweils nicht ihrer jetzigen Situation bei ihrem Freund entspricht. Dass ihre aktuelle Bleibe bei ihrem Freund ein Notbehelf ist, zeigt sich auch darin, dass die Wohnung einen zweckmäßigen und keinen liebevoll eingerichteten Eindruck machte, d. h. Wohnlichkeit für sie in dieser Situation keine große Bedeutsamkeit aufweist.
Weber: Es is’ alles net, so wie i mir das vorstell. ... Wie gesagt, mir wär’s halt lieber gewesen, i wär’ von der Therapie raus in so ‘ne weitergehende Einrichtung. Hat halt net hingehauen. ... Weber: Da von der Therapie aus noch hab’ i a .. Wohnung beantragt und dann hams es gekürzt, von fünf Jahr Anwartschaftszeit auf drei Jahr, ja was nützt mir des? (Ausatmen) Was nützt mir des? Für die seit 15 Jahren wohnungslose Frau Barth hat eine Wohnung, ein eigener Ort keine große Relevanz, im Gegenteil: das Losgelöste, Unabhängige, Unklare hat für sie den Reiz:
Barth: Im Moment sitze ich so rum und warte mal, was sich so alles kommt und ähm, .. ich weiß nicht, ich hab’, ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass mal irgendwas anders wird oder so, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber wahrscheinlich will ich das auch gar nicht. ... Es hat ja auch was Spannendes immer so ein Leben, man muss immer irgendwie Kämpfchen, so ‘n Bett, kriegste ‘n Geld, kriegste so das das das, wenn das alles geregelt wäre, wüsst ich ja gar nicht mehr, was ich zu tun hätte. ... Es ist ja nicht so, dass ich das nicht mal versucht hätte, oder so, aber, ne, aber es waren auch total viele Leute da, die haben so viel für mich gemacht und so, aber es, irgendwie jetzt, nicht das mich die Leute langweilen, sondern dieser Lebensstil, da finde ich mich nicht. Barth: Wie lange waren Sie dann in der Wohnung? Nicht lange, acht Wochen oder so, bis ich halt zum ersten Mal die Miete nicht mehr zahlen konnte. Hm, haben Sie sich da wohl gefühlt? Ne, eigentlich nicht. Nö, was heißt wohl, mei gut, stand halt mein Bett da. Aber ansonsten ... Was hat Ihnen da gefehlt? ... Aufregung wahrscheinlich, irgendwie ...
Eine mögliche Erklärung wäre, ihre Haltung als eine Entwertung der normalitätsorientierten Lebenswelt mit gleichzeitiger positiver Umdeutung des Lebens ohne Wohnung zu sehen (vgl. Kapitel 2.53 alternativorientierte Typen). Ihre gegenwartsorientierte Einstellung und ihre Biografie lassen jedoch eher auf den Typus der Pendlerin schließen. Im folgenden Zitat wird deutlich, dass durchaus ein Bedauern über ihr Leben zu spüren ist und dies die andere Seite ihrer ‚Das-Leben-ist-ein-Spiel‘-Einstellung ist.
Barth: Es ist immer dasselbe. Ich guck (?) immer in irgendwelchen Häusern rum, fang wieder irgendetwas an, habe ‘ne Wohnung, hab’nen Job und irgendwie geht immer alles den Bach runter. [...] Ja, bei mir ist es einfach so, ich bin ja seit, naja, sagen wir mal seit 15 Jahren ungefähr, spielsüchtig und es ist halt immer so, wenn ich mein Geld gekriegt habe, dann verzocke ich wieder alles, und dann sehe ich dann gar keinen Zweck drin, warum ich eigentlich arbeiten gehe.
Bei den meisten Frauen spielt die Orientierung an einer eigenen Wohnung eine zentrale Rolle. Einen Ort für sich zu haben, ist gleichzeitig auch ein Feld der persönlichen Gestaltung und ist den meisten Frauen für ihr Wohlbefinden wichtig. Eine andere Ausrichtunggerade bei jungen Frauen - kann eine Wohngemeinschaft sein, die mit positiv besetzter Betreuung und Gemeinschaft assoziiert wird. Eine andere mögliche Orientierung - in diesem Fall von einer älteren Frau - kann die Fixierung auf eine Heimat in der Ehe sein. Ganz anders ist die Orientierung bei Frau Weber, bei der das Zusammenwohnen mit ihrem Freund eher eine Alternative in einer Notsituation darstellt. Frau Barth - als Ausnahmezeigt kein Interesse an einer eigenen Wohnung, da sie damit keine positiven Assoziationen verbindet.
Die aktuelle Wohnungssituation zeigt auch, dass vier Frauen latente bzw. verdeckte Wohnungslosigkeit in Kauf nehmen: So Frau Ullmann, die sich über ihre wiedergewonnene Unabhängigkeit freut und bei ihren Söhnen lebt, so Frau Zapf, die zurück zu ihrem Ehemann gezogen ist, oder Frau Weber, die den Einzug bei ihrem neuen Freund als Alternative zur Pensionseinweisung sieht. Auch Frau Bender, die in der von der Mutter angemieteten Wohnung mit einer Freundin lebt, ist verdeckt wohnungslos. Das Hilfesystem ist für sechs Frauen der aktuelle Lebensort, eine Frau ist in einem Pensionszimmer untergebracht. Nur Frau Bullinger lebt im eigentlichen Sinne in einer eigenen (Sozial)Wohnung. Inwiefern diese unterschiedlichen Wohnformen nur als Übergangslösung gesehen werden, und welche Veränderungen angestrebt werden, ist Inhalt des nächsten Kapitels.
4.43 Strategien der Suche nach einer passenden Bleibe
Sich eine andere Bleibe zu suchen, streben zum Zeitpunkt der zweiten Befragung von den 12 Frauen sechs konkret an. Die anderen sechs Frauen haben aus unterschiedlichen Gründen derzeit keine aktuellen Umzugspläne.
Keine aktuellen Umzugspläne haben die drei Frauen, die in einer eigenen Wohnung leben und mit ihrer Wohnform zufrieden sind (Sozialwohnung bei Frau Bullinger, betreutes Einzelwohnen bei Frau Schöller, Wohnung mit Ehemann bei Frau Zapf), was auch die stark bindende Kraft der ‚eigenen vier Wände‘ für die Frauen verdeutlicht. Sowohl Frau Bullinger wie Frau Zapf haben keinerlei Umzugspläne.
Die zwei jungen Frauen (Frau Schöller, Frau Kramer), die beide im Hilfesystem leben (betreutes Einzelwohnen, betreutes Wohnheim) und eine Ausbildung machen, planen mit Ende der Ausbildung auch ihren Umzug. Frau Schöller will bis zum Ende ihrer Ausbildung im betreuten Einzelwohnen bleiben. Sie sieht es zwar nicht als optimale Lösung an, ist jedoch aufgrund ihrer Lebenssituation damit ganz zufrieden.
Schöller: Ja, bin ich auch zufrieden [mit der Wohnung]. Also ich find, klar für das, ich mein .. ich kann nicht viel Hohes erwarten, aber is’ ok. Die Lage is’ super, da kann ich mir fast keine bessere wünschen, ehrlich gesagt, die würd’ ich mir auch so aussuchen. Und ja klar hätt’ ich gern schon ‘ne
größere Wohnung, aber, ich mein, dass das jetzt nicht in Frage kommt, das is’ halt .. schon ok. Frau Kramer, die in einem betreuten Wohnheim lebt und sich, wie vorher zitiert, eine betreute Wohngemeinschaft vorstellen könnte, sieht momentan keinen akuten Handlungsbedarf. Allerdings klingt im folgenden Zitat durchaus an, dass sie sich in der momentanen Bleibe nicht immer wohlfühlt. Dennoch zeigt sich bei ihr in Bezug auf Wohnen eine Orientierung am Hilfesystem, da sie befürchtet, dass, „wenn irgendwas ist“, sie wieder auf der Straße steht. Das Hilfesystem gibt ihr da die Sicherheit.
Kramer: Ich hab’ mir überlegt, ähm, die Berufsschule jetzt erst zu machen, das sind halt zwei Jahre. Ich weiß nicht, ob ich es so lange hier aushalte, aber ähm .. ja, ich weiß nicht, ich habe halt Angst, dass wenn dann irgendwas ist, dass ich dann die Miete nicht mehr zahlen kann und so, deswegen ... Hm .. Also, dass Sie also auf jeden Fall noch bis zum Ende der Ausbildung hier bleiben? Ja, wahrscheinlich schon. Kann sich immer irgendwas ändern, aber ich denke schon, dass ich hier bleibe. Von den Frauen, die mit ihrer aktuellen Situation unzufrieden sind, können zwei keine realisierbaren Handlungsstrategien vorweisen (Frau Weber in der Wohnung bei ihrem neuen Freund, Frau Barth in einem Clearinghaus), d. h. sie haben beide keine konkreten Pläne und Strategien zur Veränderung ihrer aktuellen Wohnform: Sie warten ab, sie lassen es auf sich zukommen - Ausdruck einer zumindest teilweise resignativen Haltung.
Weber: Na, aber wie gesagt, das is’ alles am Laufen und (Einatmen, Ausatmen) ... Jetzt warten Sie auf Antwort? Ja. Scheidung Antwort, Arbeitsamt Antwort. Finanzielle Antwort, Wohnungsamt Antwort. Ich warte.
Barth: Ja, und dann ähm bin ich letzte Woche in so ein Wohnheim gekommen, städtische Unterkunft. Ja, und jetzt habe ich halt Sozialhilfe beantragt. Für einen Monat wenigstens, ich muss mal schauen, wie es alles so weitergeht. Ich habe, ehrlich gesagt, keinen blassen Dunst, also ... Ja, es geht immer so dahin, wie' s immer bei mir dahin geht.
Es zeigt sich, dass Frau Weber durchaus sehr normalitätsorientierte Wünsche hat, jedoch nicht weiß, wie sie sie umsetzten soll/kann. Deshalb deklariert sie diese auch als Traum vom normalen Leben. Im Gegensatz dazu kann Frau Barth überhaupt keine Pläne oder Wünsche angeben, d. h. das Sich-treiben-lassen ist bei ihr die dominierende Haltung. Auch ihr Traum, nach einem Lottogewinn ins Spielparadies Las Vegas zu fahren, ist keine zielführende und die Situation verändernde Handlungsweise.
Weber: I mein, Wünsche hab’ i mit Sicherheit. I hätt’ gern a festen Job, i hätt’ gern aaa Wohnung, a eigene, i mein, das is’ ja auch angeleiert. Des is’ alles bloß a Frage, der Zeit, i weiß net, wie lang des da grad geht. Ich weiß es nicht. [...] na aber mei Wunschtraum wäre, i wollt eigentlich mei Meisterbrief machen, a eigene Wohnung haben, also Meisterbrief als Friseurin, .. mei eigene Wohnung und und irgendwie schauen, das i ähm .. ja irgendwie so. Das wär’ jetzt mei Traum gewesen, dass i wieder Autofahren kann, obwohl man in München keins braucht. Aber einfach so halt, ganz normal! Ganz normal.
Barth: Also, keine Pläne so in dem Sinne? Also, im Moment nicht, ne. Da haben Sie leider die Falsche (belustigt) .. erwischt. Und wenn Sie so mal fantasieren dürften, haben sie da so Ideen, Wünsche, was Sie gerne machen würden? Was ich gerne machen würde? .. Im Lotto gewinnen und nach Las Vegas fahren. ... Ehrlich ... Ich wüsste sonst gar nicht, was ich mit dem Geld machen sollte. (belustigt) ... Das wäre dann mein endgültiger Ruin. (belustigt) ...
Von den sechs Frauen mit Umzugsplänen, streben fünf eine eigene Wohnung an und eine Frau eine betreute Wohngemeinschaft. Auf eine Sozialwohnung wartet nur Frau Peschel, die sie, nach rd. acht Monaten Wartezeit, im nächsten Monat beziehen wird, d. h. ihre
Wohnungssuche hat ein positives Ende genommen. Die anderen Frauen haben letztlich kein Anrecht auf ein Sozialwohnung.
Frau Vacic wohnt noch nicht fünf Jahre in München und hat damit auch keinen Anspruch auf eine Sozialwohnung. Sie versucht auf privater Basis eine Wohnung zu finden, die günstig genug ist, dass das Sozialamt die Miete zahlt 46 .
Vacic: Ja, ich finde keine Wohnung. Sicher, wenn es zwei Zimmer wäre oder ein Zimmer, reicht für mich. Aber finde ich nicht. Ich hab’, ich kauf jeden Tag, jeden Wochenende kauf ich .. Kurz und Fündig, wenn ich einmal anrufe .. schon weg, schon vergeben. Was soll ich noch machen. Sie hat auch schon unter der Hand mit Zuzahlung an den Hausmeister versucht, an eine Wohnung heranzukommen, was dann allerdings letztendlich nicht geklappt hat. Sie erklärt sich ihre Probleme bei der Wohnungssuche nicht mit der Wohnungsnot in München, sondern dadurch, dass sie Sozialhilfeempfängerin und Ausländerin ist.
Vacic: Ja, frag ich immer meine .. so .. Freundin oder so was, wenn ich irgendwas eine kenne ... ja ähm Wohnung gibt’s aber .., wenn ich sage, dass Kosten werden vom Sozialamt übernimmt, dann gibt dir keine oder .. ob ich Ausländer bin, krieg ich auch keine Wohnung. Das is’ das Problem. Vacic: Ist es schwierig eine Wohnung zu finden? Nä, nä, da war nicht schwierig. Hm. Aber Sie haben leider noch keine. Ja. Weil ich Ausländerin.
Es ist eher ungewöhnlich, dass sich eine Frau einen Problemgruppenstatus zuschreibt. Momentan wartet Frau Vacic darauf, dass eine Bekannte aus ihrer Wohnung auszieht und sie dort einziehen kann. Ob das allerdings, wie sie hofft, tatsächlich Ende Dezember sein wird, ist ungewiss. Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht sehr aktiv eine Wohnung sucht, denn im Gegensatz zu anderen Frauen, redet sie davon wenig im Interview. Vielleicht ist sie weniger aktiv, da sie sich als Ausländerin wenig Chancen bei der Wohnungssuche ausrechnet - es ist ja auch real, dass sie geringe Chancen hat - und schlägt die Strategie des Abwartens ein, bis ihr eine Wohnung durch persönliche Kontakte vermittelt wird.
Frau Arzu und Frau Ullmann verdienen jeweils zu viel, um eine Sozialwohnung zu erhalten. Aufgrund ihres Gehalts bekommen sie nicht Dringlichkeitsstufe 1. Frau Arzu vertraut bei der Wohnungssuche momentan am ehesten auf einen Makler.
Arzu: Ich suche auch selber, ich guck, aber phh .. leider is’ schwer. Aber wegen Gesundheitsprobleme unbedingt ich brauche zwei Zimmer. [...] Trotzdem ich hoffe, der andere Makler hilft .. und ich hoffe, ich kriege auch drei Monate Kaution und Provision vom Wohnungsamt. Ok, ich will nicht geschenkt, aber wie Darlehen, ich kann 100 bezahlen zurück, aber die Maklergeld, ich glaube, ich bin, ich muss, ich kann nicht sowieso für den Makler bezahlen .. ich hoffe, ich kriege, aber wann oder wie, ich weiß nicht.
Sie hat sich auch um Alternativen gekümmert und sich überlegt, ob sie eine Eigentumswohnung kaufen kann, was jedoch aufgrund ihres geringen Gehalts nicht in Frage kommt. Dass sie keine Wohnung findet, erklärt sie sich mit dem ungerechten Sozialsystem.
Arzu: Warum für mich ist schwierig? Warum? Ich bin ganz genau 20 Jahre arbeitet Deutschland, ich
46 Die Höhe der Kosten, die vom Sozialamt übernommen werden, liegt im Jahr 2001 bei rd. 900 DM für eine Ein-Zimmer-Wohnung inklusive der Nebenkosten.
zahle meine Steuer und deswegen vielleicht ich habe keine Recht. Wer ist schwarzarbeitet, wer zahlt nicht Steuer, wer Alkoholtrinken oder wer Heroin nimmt, für diese Leute kommt wirklich erste Platz, oder wer hat die .. Kind ohne Mann, diese Leute. Wer is’ korrekt arbeite, zahlt seine Steuern, zahlt seine Miete, das, ich sehe, hat keine Recht .. Beispiel die Frau XY [Mitbewohnerin], einfach direkt meine Gesicht sagen, sagt, ich bin nicht so blöd wie eine Ausländer, ich geh’ nicht Arbeit, ich zahle nicht Steuer, muss ich kriegen [eine Wohnung vom] Sozialamt .. sagt, deine Fehler is’, bist du Arbeit angefangen .. Eine Seite ich denke, sie hat Recht (Lachen), jetzt ohne Spaß. Eine Seite wirklich sie hat Recht [...] Ich kann nicht so denken, ich denke lieber, ich gehe meine Arbeit. Aber trotzdem is’ eine Fehler. Jetzt schau, immer hab’ ich noch nicht [eine Wohnung]. Vielleicht jetzt eine Seite ich denke, Frau XY hat wirklich recht, weil ich noch arbeitslos wäre, bestimmt ich kriege. Im Kern trifft ihre Aussage die Wahrheit: Frau Arzu hat keine Chance auf eine Sozialwohnung, weil sie wegen ihrem Gehalt von 1.800 DM netto nicht mehr Dringlichkeitsstufe 1 erhält. Somit ist sie zwar beim Wohnungsamt vorgemerkt, bekommt aber keine Sozialwohnung zugewiesen. Arbeit ist ihr jedoch so wichtig, dass sie ihre Stelle für die Chance auf eine Sozialohnung nicht aufgeben möchte, d. h. faktisch erschwert Frau Arzu ihre Normalitätsorientierung, eine Wohnung zu bekommen. Das steht im Gegensatz zu den Befunden von Steinert (1997, 132, 139), wonach eine Orientierung am Normalitätsmodell in der Regel dazu führt, nur kurzzeitig wohnungslos zu sein. Da Frau Arzu bereits seit beinahe zwei Jahren eine Wohnung sucht und keine bezahlbare findet, glaubt sie mittlerweile nicht mehr daran, noch eine zu finden. Sie fühlt sich handlungsunfähig und hat eine fatalistische Einstellung angenommen. Sie erhält sich ihr letztes Stück Handlungsfreiheit, indem sie in zwei Jahren entscheiden möchte, ob sie so weiterleben oder in die Türkei zurückgehen will.
Arzu: Jetzt ich kann die Wahrheit sagen: ich glaube überhaupt nicht, ich finde die Wohnung. Nein, dass ich hab’ nicht mehr jetzt Vertrauen und niemanden glauben. Trotzdem seit zwei Jahren ich hab’ Geduld und jetzt hab’ ich nicht mehr .. aber trotzdem ich probier jetzt noch .. schwer is’, aber noch zwei Jahre. So ich hoffe, ich kriege, wenn ich kriege, kriege, wenn ich kriege nicht, ich gehe zurück. Frau Ullmann, die bei ihren erwachsenen Söhnen in deren Sozialwohnung mitwohnt, ist aktiv bei der Wohnungssuche: Sie beschreibt ausführlich ihr Vorgehen und ihre Erfahrungen. Ihre Probleme, eine Wohnung zu finden, erklärt sie sich mit der Wohnungsnot.
Ullmann: Ich hab’n Bekannten, der is’n Makler, bei dem ich ähm auf der obersten Liste [stehe], obwohl (leichtes Lachen) es is’, er sagt, er kriegt keine Wohnungen rein. Das is’ das Problem. Im Moment. Es ist, im Moment is’ es grausam. [...] angeschaut hab’ ich mir einen Haufen. Ja, natürlich nur über Makler, is’ ja klar. Einen Haufen, aber es is’ einfach .. es ist, Sie kommen irgendwo rein und dann stehen 80 Leute da oder 150, was weiß ich, ist ja auch schon passiert. Und das Irreste is’ .. ähm, wo ich dann leider nicht mehr mitkomme, die Leute, die schauen sich ja die Wohnung ja gar nicht mehr an, die füllen nur noch aus ..
Auch sie hat schon versucht, unter der Hand an eine Wohnung zu kommen, indem sie in eine Wohnung ohne Mietvertrag einziehen wollte, was allerdings nicht funktioniert hat. Im Gegensatz zu Frau Arzu und Frau Vacic, die es weitgehend aufgegeben haben, eine aktive Suche auf dem freien Wohnungsmarkt zu betreiben, versucht es Frau Ullmann dort weiterhin und nimmt auch noch andere Möglichkeiten wahr, d. h. sie strebt aktiv normale Wohnverhältnisse an.
Ullmann: Also ich habe jetzt gerade, vorher, da habe ich gesehen, da is’ ein Umzugswagen hier in der XYstraße. Jetzt bin ich da hin .. und hab’ gefragt, und dann sagt der, ja ja, sagt er, wir ziehen aus, das
sind zwei Wohnungen, ich geb’ ihnen die Adresse vom Vermieter etcetera, hat mir die gleich gezeigt, also da werd ich da jetzt nachher gleich mal anrufen .. ich mein, so auf die Art, also, alles alles (leichte Lachen), was ich irgendwie kriegen kann. ... Bei den Gesellschaften vormerken lassen, also .. Ihre zeitliche Vorstellung, wann sie eine Wohnung finden wird, ist von der Problematik des Wohnungsmarktes mitgeprägt, da sie frühestens in einem halben Jahr damit rechnet.
Ullmann: Hm .. also insofern rechnen Sie dann auch in absehbarer Zeit mit ’ner Wohnung. Ja, ja. Hm. Wann ungefähr? Wann ungefähr. Das kann, das kann natürlich niemand voraussagen, also dieses Jahr wird' s wohl nicht mehr sein, nehm ich an, aber vielleicht nächstes Jahr. .. Im Gegensatz zu Frau Arzu, die eine resignative Einstellung angenommen hat und letztendlich gar nicht mehr damit rechnet, dass sie noch eine Wohnung erhält, und auch im Gegensatz zu Frau Vacic, die abwartet und sich vor allem auf andere verlässt, scheint die Haltung von Frau Ullmann vor allem durch eine handlungsorientierte Einschätzung ihrer Kräfte und Möglichkeiten geprägt.
Die Suche nach einer Bleibe sieht bei Frau Milenz und Frau Bender deshalb anders aus, weil beide vorerst einen längeren Aufenthalt im Hilfesystem planen. Frau Milenz, die sich momentan in einer Therapieeinrichtung für Alkoholkranke aufhält, möchte in ca. einem halben Jahr in ein betreutes Wohnheim ziehen. Sie steht bereits auf der Warteliste, und möchte erst später, von dort aus, eine Wohnung suchen. D. h. für sie ist das Ende des Aufenthalts im Hilfesystem absehbar, so dass sie bereits Überlegungen über eine eigene Wohnung anstellt.
Milenz: [Ich] werd halt von XY [betreutes Wohnheim] aus gleich wieder versuchen das eben auch über’s Sozial- oder Wohnungsamt laufen zu lassen. Aber .. das is’ ja auch gar nicht so einfach, weil, wenn ich arbeite, dann hab’ ich nur so ‘ne Minikategorie. Wann, bis wann ich da dran komme? Und ich werd halt auch einfach so suchen, ne, aber, das gute is’ eben in XY auch, dass ich mich da nicht so abhetzten muss, also ich muss da jetzt nicht sofort irgendeine nehmen. Und ich hab’ nur mitgekriegt, es muss ja katastrophal sein in München mit Wohnungen zur Zeit. [...] Aber die [Sozialpädagoginnen] helfen mir natürlich, beziehungsweise, is’ ja auch deren Ziel, dass ich was finde und das is’ halt erstmal ‘n ganz guter Ausgangpunkt für mich. Ich muss nicht sofort jede Wohnung nehmen, sondern kann mir ‘n bisschen Zeit nehmen [...]. Ich glaub auch, dass das funktioniert. Frau Bender, die momentan zusammen mit einer Freundin, die sie in der Psychiatrie kennen lernte, in einer von ihrer Mutter angemieteten Wohnung wohnt, möchte gerne in eine betreute Wohngemeinschaft für psychisch Kranke ziehen, da sie sich aufgrund ihrer Doppeldiagnose (Borderline und Sucht) ohne Betreuung überfordert fühlt. Einen schnellen Umzug sieht sie jedoch nicht als vordringlich an.
Bender: Und das mit der Wohnung ist jetzt nicht .. so akut, weil ich habe ja jetzt diese Wohnung. Ja. Also es wäre schon schön, wenn ich endlich in die Wohngemeinschaft ziehen könnte, aber es ist jetzt nicht so das absolut krasse, so wie einfach jetzt das Arbeiten .. endlich mal schaffen und durchhalten .. Eine für sie passende betreute Wohngemeinschaft zu finden, ist aufgrund ihrer Erfahrungen schwierig. Sie probiert es jedoch weiterhin. Sie kann das Ende ihres Aufenthalts im Hilfesystem nicht absehen. Eine eigene Wohnung spielt daher in ihren Plänen keine Rolle.
Bender: Schwierig, was zu finden? Ja, sehr schwierig. Und ganz viele wollen mich auch nicht nehmen mit der Drogenvorgeschichte. Ja .. hm .. also entweder Drogen. Oder Psychose. Bender: Aber jetzt bin ich nochmal hingegangen ... und da habe ich mich bei einer Wohngemeinschaft
vorgestellt, die hätten mich sogar, also die haben halt die Wohngemeinschaften so gegliedert, da nur Psychotiker und da nur Borderliner und mein Krankheitsbild fällt halt unter Borderline, und die hätten mich schon genommen auch .. auch mit den Drogen, .. aber das ging dann nicht, weil die haben immer am Montag WG-Sitzung und ich muss am Montag in die Gruppentherapie. Hm ... Da wollen Sie sich jetzt wieder melden? Ja, genau. Weil die haben noch eine nur für Borderliner und am Montag soll ich dort anrufen. Aber das, ach, ich weiß es nicht, ob des, ich glaub, es liegt eher an mir, die gliedern das halt so auf. In der Wohngemeinschaft, in der ich da war, .. da waren fünf Leute, also gemischt Männer und Frauen, das ist wichtig, finde ich, und, aber alle an Depressionen. Und ich finde das, ehrlich gesagt, auch nicht gut, lauter Depressive zusammenzuwürfeln ... Die Analyse der Umzugspläne der Frauen zeigt, dass die Suche nach einem passenden Aufenthaltsort im Hilfesystem - trotz geschilderter Probleme und Lücken - anscheinend einfacher vonstatten geht (Frau Milenz, Frau Bender), als die Suche nach einer eigenen Wohnung. Frau Peschel kann das Warten auf eine Sozialwohnung (rd. acht Monate) im Hilfesystem überbrücken, da sie als einzige die notwendige Dringlichkeitsstufe 1 hat. Bei den anderen drei Frauen (Frau Ullmann, Frau Vacic, Frau Arzu) zeigt sich, dass sie trotz eigener Initiative momentan wenig Chancen auf eine Mietwohnung haben: Übliche Mittel (Makler, Zeitungen) ebenso wie private Beziehungen oder nicht ganz legales Vorgehen (Zuzahlung an Hausmeister, Übernahme einer Wohnung ohne Mietvertrag) funktionieren gleichermaßen schlecht. Frau Ullmann, die als einzige die Wohnungsnot in München für ihre Probleme verantwortlich macht (externe Attribuierung), lässt sich von Misserfolgen nicht beeindrucken und bleibt weiterhin aktiv. Sowohl Frau Vacic wie Frau Arzu fühlen sich ungerecht behandelt (als Steuerzahlerin, als Sozialhilfeempfängerin und Ausländerin) und sehen wenig Handlungsspielräume. Deshalb nehmen sie beide trotz ihrer Normalitäts-orientierung in Bezug auf eine Wohnung eine passive Haltung ein (Frau Vacic wartet auf die Wohnung einer Bekannten, Frau Arzu auf eine Wohnung über einen beauftragten Makler). Da dies die einzigen zwei nicht-deutschen Frauen der Stichprobe sind, könnte ihr Verhalten u. U. auch durch kulturell bedingte Verhaltensmuster erklärbar sein. Zwei Frauen (Frau Barth, Frau Weber) haben aktuell keine Pläne, ihrer Unterkunft zu ändern, weil sie keine für sich realisierbaren Handlungsmöglichkeiten sehen. Ihre Haltung ist durch teilweise Resignation gekennzeichnet. Keine Umzugspläne zeigen die Frauen in eigener Wohnung. Das spricht dafür, dass eine wie auch immer geartete ‚eigene Wohnung‘ (Sozialwohnung, betreutes Einzelwohnen, Wohnung mit Ehemann/Freund) ein stark zufriedenstellendes Element darstellt. Für junge Frauen, die in Ausbildung sind (Frau Schöller, Frau Kramer), hat das Hilfesystem (u. a. aus finanziellen Gründen) einen Übergangscharakter.
4.44 Arbeitssituation
Für alle Frauen (außer für Frau Zapf, die in Rente ist) hat Erwerbsarbeit eine wichtige Bedeutung, die mit unterschiedlichen Begründungen gefüllt sein kann: finanzielle Absicherung, personale Stabilität, Selbstbewusstsein und soziale Kontakte sind die wichtigsten Themen. Zum Zeitpunkt der zweiten Befragung hatten nur drei Frauen eine Anstellung (Frau Ullmann als Bürokraft im zweiten Arbeitsmarkt, Frau Arzu als Putzfrau bei einer
Zeitarbeitsfirma, Frau Peschel eine Halbtagsstelle als Büglerin noch in der Probezeit). Von den drei jungen Frauen befindet sich Frau Schöller in einer Ausbildung zur Hotelfachfrau, Frau Kramer wird Mitte September eine Berufsschule zur Sozialpflegerin besuchen und Frau Bender wird ab Anfang September in einem Projekt des zweiten Arbeitsmarktes für ehemalige Abhängige beschäftigt sein. Zwei Frauen sind arbeitssuchend: Frau Bullinger als Fachverkäuferin in der Schmuckbranche und Frau Vacic als Aushilfe. Drei Frauen suchen aktuell keine Arbeit. Frau Milenz ist gerade in einer Therapieeinrichtung und kann gegen Ende des Jahres (nach Therapieende) wieder bei ihrem vorherigen Aushilfsjob einsteigen. Die beiden anderen Frauen (Frau Barth, Frau Weber), die bereits keine realisierbaren Handlungsstrategien bei der Wohnungssuche aufweisen, haben auch keine Erwerbsarbeitspläne. Das bedeutet, dass - abgesehen von den Ausbildungsverhältnissen - keineder Frauen in einem gesicherten und/oder qualifizierten Anstellungsverhältnis arbeitet.
Für zwei der jungen Frauen (Frau Schöller, Frau Kramer), die wegen Konflikten mit ihren Eltern wohnungslos geworden sind, zeigt die Ausbildung ihre Normalitätsorientierung: Die Berufsausbildung ist der „gesicherte Weg“, mit dem frau „was erreichen kann“:
Schöller: Also ich hab’, letztes Jahr hab’ ich ähm .. Schulabschluss gemacht, 2000, und dann hab’ ich .. ca. acht Monate rumgejobbt, einfach so, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte, genau, und hab’ mich dann eben entschieden und .. hab’ dann ab Februar meine Ausbildung bekommen. [...] ich find, also das is’ halt ein gesicherter Weg, ich mach’ halt meine Ausbildung, die Probezeit hab’ ich auch bestanden .. also ich bleib da jetzt auch bis zum Schluss, mach’ bis zu Ende. Und danach wird' s halt losgehen mit Bewerbungen für ‘ne Festanstellung und so weiter und so fort. Also ganz normal eigentlich.
Kramer: Ich wollte vielleicht was mit Kindern machen, so im Krankenhaus arbeiten, und das ist es eben, dass ich halt erst diese zwei Jahre mach, weil dann hab’ ich halt meine abgeschlossene Lehre. Das geht auch nur zwei Jahre und dann kann ich drauf aufbauen, und dann kann ich in verschiedene Richtungen machen. [...] Und, ja, ich will jetzt auch irgendwas erreichen, ich will hier nicht ewig festhocken. Ich will auch auf jeden Fall eine abgeschlossene Lehre haben, weil ich auch eigentlich .. ich möchte halt auch viel sehen von der Welt.
Aus der Ausbildung leiten sich für diese beiden jungen Frauen auch weitergehende Pläne und Wünsche ab, die jeweils am Normalitätsmodell orientiert sind.
Schöller: Was wünschen Sie sich, was hätten Sie gerne? Ja, also (Lachen) auf jeden Fall ‘ne eigene Wohnung, die ich selber bezahlen kann, die auch .. ‘n bisschen größer is’ und die ich nach meinem Geschmack einrichten kann .. das wünsch ich mir und .. ja und das ich halt Spaß an der Arbeit hab’, dass ich mit den Leuten in der Arbeit gut auskomm’, find ich sehr sehr wichtig und .. dass halt genug Geld da is’ einfach, das wünsch ich mir für die Zukunft oder so, ja ... genau. Kramer: Was ist Ihnen denn am aller wichtigsten zu erreichen? (Ausatmen) Dass ich endlich eine abgeschlossene Lehre hab’ (Lachen) .. lang genug hat’s ja jetzt gedauert. Und ‘nen Führerschein. Und ‘ne eigene Wohnung. Die drei Sachen eigentlich.
Für vier Frauen - die drei mit einem Anstellungsverhältnis und Frau Bullinger, die erst vor kurzem arbeitslos wurde, - stellt Erwerbsarbeit ein zentrales Element in ihrem Leben dar. Das Alter dieser Frauen liegt - bis auf Frau Arzu (36 Jahre) - bei über 50 Jahren 47 . Frau
47 Zwei von ihnen, Frau Peschel und Frau Ullmann, haben erwachsenen Kinder.
Peschel und Frau Arzu haben keine Berufsausbildung, Frau Bullinger ist Goldschmiedin und Frau Ullmann ist Bürokauffrau. Für diese Frauen hat Erwerbsarbeit ganz allgemein eine identitätsstiftende Wirkung: Sie bekommen „Auftrieb“ und sind „wieder wer“, als Beispiel dafür:
Ullmann: Was hat Ihnen denn geholfen Ihre Situation zu verbessern? Was mir natürlich am meisten geholfen hat, muss ich echt sagen, is’ die Arbeit, weil es is’ .. einfach was anderes, also ... es is’ ähm, vom Gefühl her is’ es einfach was ganz anders, ne [...] ich meine, ich war ja noch nicht so lange arbeitslos. Aber ähm .. es is’ ähm trotzdem so ... ja es is’ halt ähm, hast keine Arbeit so ungefähr und bist nix wert und so und ähm man merkt das halt schon. Ja, es gibt ‘n Stück Auftrieb. Ganz einfach, gibt ‘n Stück Auftrieb. Ich mein, ich hab’ mein Leben lang gearbeitet, also ich ähm ... ich meine, wenn ich jetzt ähm, ich sag jetzt, von anderen höre, ähm acht, neun Jahre arbeitslos, ja, ich mein, da frag ich mich schon, gell, also ..
Peschel: Ja, kann net daheim bleiben, den ganzen Tag da jetzt sitzen [im betreuten Wohnheim]. Und dann die anderen Leut Probleme anhören. I hab’ selber Probleme, ne. [...] Da war noch die XY [Mitbewohnerin], der hab’ i mal geholfen, hat a net mögen, [...] wie i gefragt hab’, die suchen noch je-manden zum Bügeln [...] und mach’s so wie ich und dann kommst a hoch, ne. Aber, die wollt halt net. is’ mir egal. Hauptsach ich hab’ mei Arbeit, des is’ am Besten, ne. Jetzt sind Sie froh, dass Sie wieder eine Arbeit haben? Ja, Gott sei Dank. Bin i wieder wer (Lachen). Komm i a wieder unter Leut, ne. is’ schon besser.
Diese Frauen benennen ihre Erwerbsarbeit in Abgrenzung zur Wohnungslosigkeit, d. h. sehen es als eine Möglichkeit wieder in ein ‚normales‘ Leben einzusteigen. Bei beiden zitierten Frauen ist eine Abgrenzung zu ‚den anderen‘ (Arbeitslosen, Hilfesystembewohnerinnen) spürbar, von denen sie sich durch Erwerbsarbeit positiv abheben. Bei Frau Ullmann hat diese Arbeitsorientierung zur Folge, dass sie auf eine Sozialwohnung verzichten muss (vgl. vorheriges Kapitel). Sie orientiert sich lieber an Erwerbsarbeit als an einer eigenen Wohnung, um ‚Normalität‘ wieder zu erreichen. Allerdings sieht sie im Mitwohnen in der Sozialwohnung ihrer Söhne das ihr wichtige Charakteristikum von Unabhängigkeit gewährleistet. Frau Peschel verdient mit ihrem Halbtagsjob als Büglerin nicht so viel, dass sie ihre Dringlichkeitsstufe verliert und wird demnächst in eine Sozialwohnung einziehen.
Frau Arzu, die auch aufgrund ihres Gehalts keine Sozialwohnung erhält, lebt unzufrieden im Hilfesystem und benutzt ihre Erwerbstätigkeit noch stärker als die beiden eben zitierten Frauen dazu, sich vom Status der Wohnungslosen abzuheben und ihre ‚Normalität‘ zu demonstrieren, z. B.:
Arzu: Frau XY [Sozialpädagogin] ohne mich fragen .. und sie hat sofort Termin genommen und schreibt meine Türe einen Zettel, Frau Arzu haben sie 13 Uhr Termin von XY [betreute Wohngemeinschaft], müssen sie gehen und die Zimmer schauen und ich war sauer. Ich sage, Frau XY [Sozialpäda-
gogin] wissen sie ersten, ich bin arbeiten acht Stunden und kann ich nicht jede sechs Monate frei nehmen. [...] sagt ja, später geht nicht, und später vielleicht haben sie kein Zimmer und so. Ich sag Hallo, erstens ich zahle meine Miete 48 , zweitens dass is’ nicht meine Problem, sie sind meine Berater. Und wissen sie Bescheid, ich Arbeit, immer versuchen sie die Nachmittag [...] sagt, hier die Leute geht, andere Leute interessiert mir nicht, alle Leute is’ arbeitslos, meint sie Sozialhilfe, aber ich bin arbeitet.
48 Frauen, die finanzielle Mittel (Gehalt, Rente, etc.) zur Verfügung haben, müssen ihre Unterbringung im Hilfesystem oder in einem Pensionszimmer selbst bezahlen.
Es scheint fast so, als ob diese starke Abgrenzung vom Hilfesystem (Bewohnerinnen und Betreuerinnen) für Frau Arzu notwendig ist, da ihre Erwerbstätigkeit das einzige ist, was sie von ihrer Orientierung an einem ‚normalen‘ Leben aufrecherhalten kann. Denn eine Wohnung hat sie auch nach 1½ Jahren Wohnungslosigkeit noch nicht gefunden und lebt deshalb immer noch im Hilfesystem, was sie von Frau Ullmann (Mitwohnen bei Söhnen) und Frau Peschel (demnächst Sozialwohnung) unterscheidet. Für Frau Arzu gilt jedoch wie für Frau Ullmann, dass sie auch eher auf eine Sozialwohnung als auf ihre Arbeit verzichtet.
Für Frau Bullinger ist die Zeit der Wohnungslosigkeit mit Einzug in die Sozialwohnung vorüber. Aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit erhält sie momentan Sozialhilfe und fühlt sich von der dortigen Arbeitsberaterin gedrängt, irgendeinen Job anzunehmen. Eine „richtig angemeldete“ Arbeit in ihrem Berufsfeld ist ihr Ziel.
Bullinger: Ja, da war ich irgendwie sehr froh [die ehemalige Arbeit gefunden zu haben]. Weil es irgendwie auch kein Hilfsjob irgendwie war, sondern es war in meiner Branche. Das is’ die Schmuckbranche .. so was möchte ich natürlich auch wieder finden. [...] Aber auf jeden Fall möchte ich dann halt .. richtig angemeldet arbeiten. Nicht irgendwelche lauen Jobs da, ne .. so was wird einem ja auch an jeder Ecke angeboten ... aber das bringt nichts, das nutzt nix. Und dann können die einem von heute auf morgen auch wieder sagen, wir brauchen sie nicht mehr [...] Ich möchte jetzt unbedingt eine regelmäßige Arbeit finden oder irgendwas, ‘nen Job finden. Das is’ wirklich das wichtigste. Denn diese Gänge zum Sozialamt jetzt speziell auch noch sind nicht so toll.
Frau Bullinger fühlt sich in Bezug auf die Arbeitssuche kompetent, da sie sich in der Branche auskenne und abgesehen von Bewerbungen auf Zeitungsanzeigen nun auch selbst in Fachzeitschriften annoncieren werde. Deshalb stört es sie, dass die Sachbearbeiterin im Sozialamt ihre Bemühungen und Wünsche nicht anerkennt und sie mit den ‚anderen‘ SozialhilfeempfängerInnen gleichsetzt:
Bullinger: Nur die Sachbearbeiterin da war mehr die, die hat halt einen furchtbaren Pik jetzt auf mich, weil sie sagt, die kommt nur abkassieren und war dann gleich, das war dann halt gleich ähm .. die hat jetzt halt so ‘ne Antistellung, so Antigefühle entwickelt. Da kann man nix machen. Obwohl ich eigentlich voraussetze, dass die auch mal die .. Spreu vom Weizen trennen müssten, aber sie is’ anscheinend nicht in der Lage dazu.
Diese Frauen (Frau Bullinger, Frau Arzu, Frau Ullmann, Frau Peschel) haben aufgrund von geringer Qualifikation und/oder Alter schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Sie waren alle schon arbeitslos und hatten Schwierigkeiten, wieder eine feste Anstellung zu finden. Verglichen mit der Wohnungssuche gestaltet sich die Arbeitssuche anscheinend einfacher, weshalb sie in der Situation der Wohnungslosigkeit eine Anstellung finden konnten. Für sie hat eine Erwerbsarbeit eine identitätsstiftende Wirkung. Ein charakteristisches Moment scheint bei einer deutlichen Normalitätsorientierung (Wohnung, Arbeit) das Bedürfnis zu sein, sich gegenüber anderen - den Sozialhilfeempfängerinnen, Arbeitslosen, Hilfesystembewohnerinnen - abzugrenzen. Diese Abgrenzung kann als Teil der Normali-tätsorientierung verstanden werden, da damit das negative und als diskriminierend em-pfundene Bild der ‚Wohnungslosen‘ abgewehrt wird.
Die zwei Frauen, deren zentrales Anliegen es ist, psychische Stabilität wiederzuerlangen (Doppeldiagnose bei Frau Bender, Alkoholsucht bei Frau Milenz), sehen eine Arbeit als ein stabilisierendes Moment zur Alltagsstrukturierung an.
Bender: Und mittlerweile .. habe ich auch die Einstellung, dass, glaube ich, Arbeit verdammt wichtig ist, um glücklich zu sein. Eine Arbeit zu haben. Wegen Beschäftigung und Arbeit macht die Psyche .. frei, glaube ich. Aber die Erkenntnis kam auch erst (leichtes Lachen), ist noch nicht so lange her. Milenz: Das nennt sich Soziotherapie. [...] also, das is’ so, dass wir einfach beschäftigt sind so über die Woche ... und wenn ich jetzt zurückgeh’ nach München, dann kann ich eben ähm da in dem Veranstaltungsservice weiterarbeiten, wo ich vorher auch war. .. Ja, das is’ auch sehr wichtig für mich, weil .. angenommen ich käm jetzt zurück und hätte keine Wohnung und auch nicht .. nicht irgend ’ne Struktur, dann wär’ ich mir schon wieder nicht so sicher, ne.
Zentrales Motiv für die Aufnahme der Beschäftigung im zweiten Arbeitsmarkt ist für Frau Bender, dass sie dort in einem beschützten Rahmen arbeiten kann, ohne sich wie bei der vorherigen Job- oder Wohnungssuche immer verstellen zu müssen. Ihre Ausrichtung ist vorerst deutlich auf das Hilfesystem orientiert, ganz im Gegensatz zu Frau Milenz, die auch hierbei bereits weitergehende Zukunftspläne hat.
Bender: Positiv finde ich, dass ich mit vielen Menschen zusammenarbeite und dass auch, also da arbeiten auch viele junge Leute, dass ich mich da nicht verstellen muss, dass das auch ehemalige .. Drogenabhängige .. sind. Ja, und da muss ich halt nicht, also ich, hab’ halt so, da muss ich halt nicht .. irgendwelche Geschichten erzählen. Im Solarium musste ich ja auch Geschichten erzählen, was ich gemacht hab’, kann ja nicht erzählen, dass ich .. eineinhalb Jahre in der Psychiatrie war und so Zeug. Und darf das auch nicht anmerken lassen und muss die Arme verstecken [Selbstverletzungsritzen] und da muss ich das gar nicht. Das finde ich sehr gut. [...] aber er [Arbeitsberater vom Sozialamt] hat gesagt, das ist keine Zukunftsaussicht, aber das ist mir eigentlich relativ egal, weil ich will trotzdem nochmal Schule machen. Aber ich find, ich muss mich erstmal an regelmäßige Sachen gewöhnen. Milenz: Ich war ja ursprünglich beim Fernsehen. Und .. ich denke mal, dass ich da nicht wieder hin kann. Also, das trau ich mir einfach nicht zu, und das is’ mir auch zu stressig. Und .. vor allem, ich mein, da trinkt jeder zu jeder Tages- und Nachtzeit. [...] Und ich muss jetzt einfach sehen, dass ich .. in der Arbeit, da jetzt in dem Veranstaltungsservice, dass ich da einfach mal da so .. ich sag jetzt mal, so ‘n Jahr .. stabil drin sein kann .. und eben auch ‘ne Wohnung finden kann in der Zeit. [...] und dann will ich sehen, ob ich mich beruflich noch mal ein bisschen weiterentwickeln kann. Also die Aussichten da .. beruflich seh ich für mich nicht sehr rosig, aber .. dass ich überhaupt die Arbeit annehmen kann und weitermachen kann, das is’ schon mal gut.
Obwohl auch für diese beiden Frauen Erwerbsarbeit wichtig ist, haben sie im Zusammenhang damit kein Abgrenzungsbedürfnis wie die vorher zitierten Frauen. Bei Frau Bender ist es im Gegenteil eher eine Identifikation mit einer ‚Problemgruppe‘, wo sie sich aufgehoben fühlt. Frau Milenz, die ein ‚normales‘ Leben perspektivisch anstrebt und entsprechende Pläne hat, hebt sich allerdings gegenüber anderen in ihrer Therapieeinrichtung ab, da sie den Willen hat, es zu schaffen.
Milenz: Also da [Therapieeinrichtung] sind wirklich hauptsächlich Abhängige, die die sich sooo abge-funden haben, dort auch zu bleiben. Also der Großteil der Leute is’ so zwischen 10 bis 15 Jahre älter als ich [...] und die meisten da, die ham halt überhaupt nicht mehr so‘n Ehrgeiz sich so nach außen wieder zu orientieren, sondern .. die ham eigentlich so abgeschlossen und sind da gut aufgehoben. Sowohl Frau Barth (Spielsucht) wie Frau Weber (Borderline) sind auf den ersten Blick in einer ähnlich schwierigen Situation wie die beiden eben zitierten Frauen mit psychischen Problemen. Jedoch hat für sie Erwerbsarbeit keine stabilisierende Funktion. Beide zeigen in Bezug auf Erwerbsarbeit eine ambivalente bzw. unklare Haltung. Frau Barth hat nie
eine Ausbildung gemacht, findet allerdings schnell einen Job, den sie auch schnell wieder beendet - denn sie sieht aufgrund ihrer Spielsucht keinen Sinn in der Arbeit. Erwerbsarbeit bedeutet vor allem Geld, was eher einen suchtverstärkenden Charakter hat.
Barth: Waren das ähm so richtige Angestelltenverhältnisse? Ja, teilweise, bei der XY [Anstellung im zweiten Arbeitsmarkt] schon, dann habe ich ja wieder gezockt, hatte ‘n brutalen Rückfall, dann hatte ich natürlich wieder keine Lust, zum Arbeiten zu gehen. Dann hab’ ich auf ‘m Markt gearbeitet, also schwarz. Da hatte ich dann auch keine Lust mehr. Dann mal wieder so ein bisschen Gastro und so. Es sind halt immer alles so Jobs, das schnelle Geld, ne, und ... es ist halt auch nicht das Wahre. In Bezug auf Arbeitssuche sieht sich Frau Barth als kompetent, jedoch hilft ihr das nicht, ihre Situation insgesamt zu verändern.
Barth: Wenn es jetzt um die Jobs geht, haben Sie sich die selber gesucht? Ja, doch, das mache ich schon immer selber dann. Ja, also kein Problem. Also einen Job zu finden, ist mein kleinstes Problem. So im Endeffekt. So also das durchzuhalten und mal eben was äh .. Hm ... das ist mehr das Problem, nicht was zu finden. Genau.
Frau Weber hat zwei Berufe erlernt (Friseurin, Bürokauffrau) und ist aufgrund ihrer Erkrankung (Borderline) momentan arbeitslos. Sie steht im Kontakt mit dem Arbeitsamt wegen einer Reha-Maßnahme, die sie jedoch als eigentlich überflüssig beurteilt:
Weber: Ja, i hab’ zwischenzeitlich, hab’ i mich mit dem Arbeitsamt in Verbindung gesetzt. Und hab’ da a Rehamaßnahme .. angeleiert. Da hab’ i bis heute noch nix gehört und hab’ nur Ärger. I weiß zwar, i mein, das Problem is’ bei mir, i hab’ zwei Berufe. ... Des die nochmal a Umschulung, das brauch i ja gar net, das will i a gar net. Wenn mi die länger langweilen, dann dann dann .. dann geh’ i in mei Arbeit und dann werd ich‘s schon irgendwie schaffen, anders geht’s net. Auf der einen Seite sieht sie sich als kompetent, denn sie hat ja schon zwei Berufe und im Zweifelsfall schaffe sie es auch, wieder zu arbeiten. Andererseits, wie im folgenden Zitat deutlich wird, fühlt sie sich von der Situation überfordert:
Weber: Momentan habe i echt den Mut verloren .. Na, das sag i ganz einfach so, weil mi des alles langweilt. Ich kenn’s von hinten bis vorne und das hilft mir nix, i geh’ raus und dann kauf mir erstmal ‘ne Halbe (Lachen), weil’s mi so frustriert und so so geht' s a bisserl besser. I schau, dass i momentan a Rhythmus wieder reinkrieg, jetzt morgens aufstehen, .. Haushalt machen, i mein, momentan schaut’s aus wie Sau, weil i mi gestern so geärgert, das is’ alles so, .. i bin net stabil, des is’ des, des is’ so ... net greifbar momentan. Aber, was i machen soll, keine Ahnung. Keine Ahnung. Auch im Bereich der Erwerbsarbeit haben beide, wie bei der Wohnungssuche, keine klare und realisierbare Handlungsstrategie. Allerdings hat Hausarbeit für Frau Weber eine stabilisierende Funktion, mittels derer sie versucht, eine Alltagsstruktur aufzubauen, was eine frauentypische Ressource ist. Hausarbeit hat explizit nur noch für Frau Zapf, die zu ihrem Mann zurückgekehrt und verrentet ist, eine ähnliche alltagsstrukturierende Rolle, die allerdings bei ihr einen notwendigen Charakterzug trägt:
Zapf: Ja, was .. haben Sie so gemacht? ... (Ausatmen, Lachen) was man daheim macht. (Lachen) Hm ... ja und was ähm ... ja, was machen Sie so? ... ‘n Haushalt (Lachen). Sonst net recht viel mehr. Zapf: Was machen Sie so tagsüber? Mei, was mach’ ich? ... Das is’ verschieden ... was man halt so macht. Ja, was machen Sie denn? (Lachen) mei, mal waschen, mal bügeln, mal .. (Lachen) nix, was man halt so machen muss im Haushalt.
Für alle anderen Frauen ist die Haushaltsführung kein als wichtig empfundenes Element in ihrem Leben, es wird höchstens am Rande erwähnt. Negative Anmerkungen darüber fallen
in Bezug auf den Putzdienst o. ä. in Wohnheimen (Frau Arzu, Frau Kramer).
Für Frau Vacic spielt Erwerbsarbeit keine so zentrale Rolle, im Interview spricht sie trotz Nachfragen kaum davon. Sie hat sich bei ihrer alten Arbeit bei der Flughafenpost beworben und wartet nun, bis dort ein Aushilfsjob frei wird. Ebenso wie bei der Wohnungssuche ist auch bei der Arbeitssuche das Abwarten eine Handlungsstrategie von Frau Vacic. Mit einer Anstellung verbindet sie finanzielle Mittel und möchte auch eine Vereinbarkeit mit der Betreuung ihrer Kinder (7 und 5 Jahre) erreichen:
Vacic: Ich hab’ bei Nachtschicht ganz viel am kotieren [gearbeitet], (Umrühren aufgehört) fast viertausend Mark.. ja, ja. Zehn bis halb sechs Uhr oder halb sieben. Passt schon .. das passt für Kinder auch, wenn eine in Schule, eine in Kindergarten, dann kann ich schlafen bis fünf Uhr. Da Frau Vacic, die mittlerweile das Sorgerecht hat, momentan in einer Pension wohnt, sind ihre Kinder bei ihrer Schwägerin untergebracht, die sich mit um die Kinder kümmert.
Vacic: [...] meine Kinder wohnen in XY [Stadtteil von München], is’ nicht so weit hier. [...] Da geh’ ich jeden Tag dahin. Und Freitag geh’ ich weg, bis Sonntag Abend bleib ich mit meinen Kindern. Sonst nicht. Manchmal hol ich die Kinder ab, früher, früher .. vor die Ferien, vom Kindergarten abgeholt. Dann gehen wir spazieren und essen mit mein Schwägerin und beiden Kindern. [...] Und phhh (Ausatmen) ganz schön bin ich, ganz glücklich bin ich jetzt. Keine Probleme so was. Die Kinder stellen eine zentrale Orientierung für Frau Vacic dar, sie erzählt sehr viel davon (Kindergeburtstage, Besuche bei den Großeltern, Einschulung, Beschneidungsfest, Ausstattung der Kinder mit Spielzeug). Wenn sie eine genügend große Wohnung gefunden hat, dann möchte sie schon mit ihren Kindern wieder zusammenwohnen, bis dahin ist die Lösung mit ihrer Schwägerin für sie optimal. D. h. Frau Vacic zeigt eine Normalitätsorientierung in ihren Zielen, jedoch strebt sie diese nicht sehr aktiv an. ‚Normalität’ ist für sie dadurch zum großen Teil bereits hergestellt, dass sie mit ihren Kindern wieder zusammen sein kann.
Vacic: Früher wollte ich mich, vor einem Jahr wollte ich mich umbringen, aber ich hab’ gedacht, dass ich Kinder nie sehen kann, weil mein Ex-Mann [das] gesagt hat. Ich geh’ in die Disco, nie. Ich geh’ nie aus, ich bin immer zusammen mit meine Kinder.
Vacic: Und was haben Sie sonst noch für Pläne, ... so für die Zukunft? Heiraten und Mädchen zu haben, Tochter haben. Ja. Ich wollte immer Tochter haben, ich wünsche mir, aber ich hab’ keinen Mann (Lachen) egal irgendwann, passt schon. Irgendwann. Aber jetzt nicht, sofort nicht, drei vier Jahren. [...] Und was wünschen Sie sich für die Zukunft? Schöne Haus, schöne, meine Kinder zusammenleben ... phh (Ausatmen) schöne Mann, ja, (Lachen), nochmal heiraten mit weiß. Auch in Bezug auf ihre Wünsche und Pläne spielt Erwerbsarbeit keine Rolle. Sie präferiert ein traditionelles Frauenbild entsprechend der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Heiraten und Kinder haben, ist für keine der anderen Frauen momentan wichtig, sie erwähnen es in ihren Plänen nicht. Anscheinend zeigen wohnungslose Frauen mit Kindern eine stärkere Orientierung auf ein traditionelles Frauenbild und sind eher bereit, sich auf typische Beziehungsstrukturen mit Männern einzulassen. Das zeigte sich auch schon bei der Stichprobenanalyse (vgl. auch Kapitel 4.3). In diesem Sinne zeigt Frau Vacic ähnliche Orientierungen wie Frau Zapf, der der soziale Platz an der Seite ihres Ehemannes das Wichtigste zu sein scheint und die damit auch einem traditionellen Frauenbild entspricht.
Die Art der Tätigkeit beeinflusst die soziale und personale Identität und geht als zentraler Bezugspunkt in die Selbst- und Fremdeinschätzung ein (vgl. Berger 2001, 73). Eine Orientierung an der Erwerbsarbeit ist somit ein zentraler Faktor, sich einen sozialen Status und/oder eine Identitätsstabilisierung zu verschaffen, was fast alle befragten Frauen deutlich zum Ausdruck bringen (Ausbildung, feste Anstellung, Jobsuche). Eine frauentypische zusätzliche Handlungsmöglichkeit ist die Reproduktionsarbeit (Kinder, Haushalt), über die sich Frau Vacic und Frau Zapf definieren und die für Frau Weber die anscheinend einzige für sie noch erreichbare Tätigkeit ist, die eine stabilisierende Funktion hat.
Problematisch wird eine Ausrichtung an der Erwerbsarbeit dann, wenn sie mit der Wohnungssuche kollidiert. Bei Frau Ullmann führte das dazu, dass sie nach wie vor in verdeckter Wohnungslosigkeit bei ihren Söhnen lebt. Bei Frau Arzu geht dies mit großer Unzufriedenheit mit ihrem Aufenthaltsort und starken Abgrenzungsbedürfnissen im betreuten Wohnheim einher. Die Frauen, die eine ausgeprägte Normalitätsorientierung aufweisen, tendieren dazu, sich vom negativen Image der ‚nicht-arbeitenden, sozialhilfebeziehenden Wohnungslosen‘ vor allem mittels Erwerbsarbeit abzugrenzen (Frau Ullmann, Frau Arzu, Frau Bullinger, Frau Peschel). Frauen die ihr zukünftiges Leben zumindest vorerst stärker am Hilfesystem orientieren, haben dieses Bedürfnis nicht (Frau Bender, Frau Milenz). Erwerbsarbeit hat hier weniger einen Leistungscharakter, sondern ist ein stabilisierender Fak-tor im Leben. Bei den zwei jungen Frauen in Ausbildung (Frau Schöller, Frau Kramer) ist ein Abgrenzungsbedürfnis im Interview nicht spürbar.
Die Orientierung an Erwerbsarbeit hat nicht immer einen konsolidierenden Charakter, wie das Beispiel von Frau Barth zeigt, die immer wieder einen Job annimmt, was jedoch immer wieder zu einem Spielsuchtrückfall führt, d. h. Arbeit als identitätsstabilisierendes Element hat bei ihr eine destabilisierende Wirkung. Ähnliches gilt für Frau Weber, deren Erwerbs-arbeitsorientierung aufgrund ihrer Erkrankung nicht realisierbar ist, was zu eigenen, uneindeutigen Kompetenzzuschreibungen führt.
4.45 Finanzielle Situation
Bei der Analyse der finanziellen Situation der Frauen ist ein wichtiges Kriterium, dass sie ein gesichertes unabhängiges Einkommen erhalten. Das kann im Idealfall das eigene Gehalt sein, aber auch Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder geregelter Unterhalt vom Ex-Ehemann. In diesem Sinne leben alle Frauen in gesicherten finanziellen Verhältnissen. Nur bei Frau Weber scheint die Einkommenssituation, noch teilweise ungeklärt zu sein: Die Zuständigkeitsprobleme zwischen Sozialamt und Arbeitsamt konnten letztendlich geregelt werden, die Auszahlung der Arbeitslosenhilfe durch das Arbeitsamt ist allerdings noch nicht erfolgt. Darüber hinaus steht noch die gerichtliche Klärung der Unterhaltszahlung des Ex-Ehemannes aus, der sich weigert, zu zahlen.
Weber: Des Sozialamt macht mir Ärger ohne Ende, zuerst sagt’s Arbeitsamt sie zahlen net ... Dann
sagt’s Arbeitsamt, sie müssen auf’s Sozialamt, jetzt sagt’s Sozial, äh Arbeitsamt wieder, dass i auf’s Sozialamt muss. Äh jetzt auf einmal ist es wieder so, dass das Arbeitsamt wieder auch für mi zuständig ist, also, wissen’s was, manchmal blick i ... i blick teilweise nicht mehr durch. Die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel ist unterschiedlich. Acht der Frauen kommen mit den ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel aus. Vier Frauen haben finanzielle Probleme, da das verfügbare Geld zu wenig ist.
Acht Frauen geben an, mit ihrem Einkommen hinzukommen und insofern ‚ausreichende‘ finanzielle Ressourcen zu haben. Dazu gehören die drei Frauen, die Gehalt beziehen. Frau Ullmann ist als einzige mit ihrem relativ hohen Lohn zufrieden. Sowohl Frau Arzu wie Frau Peschel schätzen ihren Lohn als niedrig ein, wodurch sie manchmal zu Einschränkungen gezwungen sind, beispielsweise:
Arzu: Dort [Lager für ihre untergestellten Möbel] ich bezahle 300 Mark, andere Seite muss ich bezahlen 300 Mark .. die wirklich für mich war schwer. Und ich verdiene knapp 1700, 800 Mark [...] und hier [betreute Wohngemeinschaft] is’ 530 Mark Miete, zwei Monte ich bezahle 1060 Mark. [...] und können sie ausrechnen was bleibt. Und ich hab’ keine Glück. Ok, ich fahr Urlaub, aber unten hab’ ich die Familie wenigsten, wenn wäre habe ich keine Familie, ich habe keine Chance Urlaub zu machen. Ok, meine Familie auch nicht reich, aber wenigstens ich weiß, ich brauche nicht Hotel bezahlen, ich habe Wohnung .. und Essen und so.
Frau Zapf bezieht eine niedrige Rente und kommt mit ihrem Geld durch gut geplante Einteilung aus, d. h. sparsames Wirtschaften ist für sie notwendig und machbar.
Zapf: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer finanziellen Situation? Ah ja, mei (Lachen), es geht schon so .. Geht schon so? Na ja, da wird sich nix ändern (Lachen) [...] Ist es so, dass es ähm dass manchmal die finanziellen Einschränkungen Ihnen zu schaffen machen? Ach ja, zu schaffen, das könnt ich grad net sagen, aber ... man muss sich‘s halt einteilen, das nutzt ja alles nix. Fällt es Ihnen schwer Ihr Geld einzuteilen? .. Des weniger, mei (Lachen), das, was man hat, muss man halt einteilen, anders geht' s ja net.
Keine der Frauen ist mit ihrem Sozialhilfebezug zufrieden. Allerdings spielen die damit notwendigerweise einhergehenden finanziellen Einschränkungen bei drei Frauen (Frau Milenz, Frau Barth, Frau Bender) keine Rolle im Interview. Diese drei Frauen zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine (aktuelle) Normalitätsorientierung aufweisen: Frau Bender orientiert sich deutlich und längerfristig am Hilfesystem (betreute Wohngemeinschaft, zweiter Arbeitsmarkt für ehemalige Abhängige). Bei Frau Milenz ist die nächste Zukunft auf das Hilfesystem ausgerichtet (Therapie für Alkoholsucht, dann betreutes Wohnheim). Frau Barth zeichnet sich durch gegenwartsorientiertes Sich-treiben-lassen aus (Pendlerin).
Frau Vacic bezieht auch Sozialhilfe, die sie mit Zuschüssen von ihrer Familie aufbessert, und ist deshalb mit den ihr zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zufrieden. Sie beschäftigt sich sehr oft im Interview mit Geld bzw. materiellen Dingen. Damit ist sie unter den von mir interviewten Frauen eine Ausnahme. Auch hierbei wird ihre Haltung des Abwartens (vgl. Wohnung, Arbeit) bis sie etwas bekommt, deutlich - z. B.:
Vacic: Ja, wenn ich irgendwas brauche, dann ruf ich an. Letztes Mal, ich hab’ vorige Woche, meine Kinder wollte ich ein bisschen Taschengeld geben für Urlaub fahren, da hab’ ich meine Eltern angerufen und [...] da hab’ ich gesagt, ich brauch so Geld, da hab’ ich mein Konto Geld bekommen.
Vacic: Müssen wir dann auch Hochzeit [Beschneidungsfest] machen, ganz große Hochzeit. So wie Brauthochzeit. Ja, zwei Kinder, da kann man viel Geschenk, Gold, was weiß ich Geld oder .. alles. Vacic: Und ich hab’ von Karla, für meine Kinder Fahrrad bekommen. [...] Aber auch so große, ganz neue hab’ ich bekommen .. so Sport so, wie sagt man, ähm Buffalos oder wie der heißt da. Schuhe. Markenschuhe. Buffalos. Das hab’ ich alles bekommen. Alles neu aber. Vier Frauen benennen finanzielle Probleme, d. h. starke Einschränkungen und damit einhergehende Belastungen, die aus dem Bezug von geringen Transfereinkommen bzw. niedrigem Ausbildungsgehalt herrühren.
Bullinger: Ja, ich muss mich finanziell auch etwas freier fühlen. Also das is’ ähm, das is’ eigentlich, was mich am meisten .. bedrückt, ne. Weil Sozialhilfe is’ natürlich schon .. in München .. ja, dafür is’ mir auch was gestrichen worden. [...] Das kürzen Sie mir jetzt um 20 Prozent. [...] Das is’ ganz eng. Also die finanzielle Situation is’ ganz eng. Hm. Aber als Sie gearbeitet haben, wie war es dann? Das war besser.
Schöller: Und das war schon eine sehr heftige Umstellung, muss ich sagen, so auf das Lehrlingsgehalt, was ja 700 Mark ca. beträgt. Das ist echt schon heftig gewesen. Da hab’ ich auch jetzt noch dran zu hadern an diesem .. mit diesem Geld halt einfach aber, Geldprobleme, also ich konnte noch nie so richtig mit Geld umgehen, von daher is’ das auch nicht so toll. (leichtes Lachen) [...] die Geldprobleme sind das negative, aber das gibt sich ja, wenn ich die Ausbildung fertig hab’ dann. Kramer: Man kriegt hier ja ähm Wochengeld, also Lebensmittelgeld, die Woche 65 Mark. Und ähm dann kriegt man einmal im Monat ein Taschengeld von 180 Mark. [...] es reicht hinten und vorne nicht, auch 65 Mark die Woche nur für Lebensmittel, das reicht nicht. Das ist echt so. Wenn man dann auch noch Raucher ist, dann reichts nicht. Was soll denn das. Man kann sich kaum was zu Essen machen. [...] wenn man noch jung ist und ein bisschen in die Diskothek gehen will, dann reicht das hinten und vorne nicht. [...]
Weber: Ja, aber es gibt auch finanzielle Probleme. Logisch. Durch des, dass i den ganzen Kack jetzt da gehabt hab’.
Die Strategien, dafür Lösungen zu suchen, sind unterschiedlich. Frau Bullinger möchte vor allem wieder eine Arbeit aufnehmen. Bis dahin versucht sie, sich einzuschränken und weniger Geld auszugeben. Sie sieht somit ihre finanziellen Probleme als zeitlich begrenzt. Frau Schöller hat sich mit ihren geringen finanziellen Mitteln (Ausbildungsgehalt) bis zum Ende der Ausbildung arrangiert. Frau Kramer, die Sozialhilfe bezieht und demnächst in die Berufsschule zur Sozialpflegerin gehen wird, benennt am deutlichsten und ausführlichsten ihre finanziellen Schwierigkeiten. Sie bekommt finanzielle Unterstützung von ihrem Vater und hat sich überlegt, eine geringfügige Beschäftigung (630 DM Job) anzunehmen.
Kramer: Ich find’s halt nur blöd, wenn man hier also ähm auf 630 Mark Basis anfängt, dass man .. ungefähr nur 200 rauskriegt. Deswegen überlege ich mir halt, ob ich mir das wirklich antue. Frau Weber, die sich insgesamt und auch finanziell in einer sehr unklaren Situation befindet, hat faktisch wenig Möglichkeiten an mehr Geld zu kommen. Die einzige für sie realisierbare Strategie ist, sich von ihrem Arzt Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) verschreiben zu lassen und diese weiterzuverkaufen.
Weber: Ich weiß nicht, wie’s weiter geht, ich weiß es nicht, wie’s weiter geht momentan. Kann bloß abwarten .. ich kann momentan nur abwarten und ähm .. mich drauf verlassen, was mei Anwältin [wegen Unterhaltszahlungen] macht, was das Arbeitsamt a bisserl bringt und .. dann kann i wieder agieren, ansonsten geht' s net.
Weber: [...] und .. im Endeffekt is’ a Tablettenverschreiber. .. I, i hol mir die zwar, i verkauf’s .. die geb i ihm [Freund] und er verkauft’s. Ja, Entschuldigung irgend .. wie soll man denn überleben? I sags so, wie’s is. Da hast ‘n 20er Streifen, gib mir, gib mir 12 Mark. (Ausatmen) ... Strada, Diazepan. Sehr beliebt. I friss net.
Positiv zu bewerten ist, dass alle Frauen ein eigenständiges Einkommen beziehen (werden), in dem Sinne also finanziell abgesichert sind. Negativ ist, dass, abgesehen von Frau Ullmann, die mit einem BAT-Lohn ein Durchschnittsgehalt bezieht, alle Frauen als Geringverdienerinnen bzw. als arm zu betrachten sind (vgl. GFS 2002). Damit zeigt sich, dass auf fast alle interviewten Frauen eine Marginalisierung in finanzieller Hinsicht zutrifft, d. h. Armut ist ein Faktor, der weibliche Wohnungslosigkeit mit hervorruft und/oder, verhindert, eine Wohnung zu erhalten. Finanzielle Engpässe bzw. Einschränkungen folgen aus Sozialhilfebezug, Ausbildungsvergütung, Arbeitslosenhilfe oder geringer Rente. Eine Handlungsstrategie ist eine - teilweise vorübergehende - Anpassung an eine finanziell enge Situation. Dabei entsteht der Eindruck, dass eher hilfesystemorientierte Frauen Armut als gegeben hinnehmen. Eine normalitätsorientierte Ausrichtung ist die Aufnahme einer Erwerbsarbeit. Eine andere Möglichkeit ist Unterstützung durch das familiäre Umfeld oder - als quasi letzte Chance - illegaler Gelderwerb.
4.46 Gesundheitssituation
In diesem Kapitel geht es nicht nur um eine Analyse der Gesundheitssituation der befragten Frauen sondern auch um den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Nur drei Frauen geben körperliche Beschwerden an, wobei nur eine Frau diese als subjektiv gravierend beschreibt. Psychische Belastungen zeigen sich bei vier Frauen. Bei zwei von ihnen hat sich aufgrund von Behandlung ihre Situation stabilisiert. Die zwei anderen Frauen mit psychischer Erkrankung haben keinen Kontakt zum Hilfesystem und befinden sich in einem psychisch labilen Zustand.
Die meisten Frauen fühlen sich gesund. Von den 12 Frauen geben nur drei körperliche Beschwerden an: Frau Zapf ist wegen ihrer Diabetes in Behandlung, Frau Bullinger geht in eine Rückenschule wegen einer „Lendenwirbelgeschichte“ - beide sind dennoch mit ihrem Gesundheitszustand relativ zufrieden. Eine Ausnahme stellt Frau Arzu dar, die insgesamt mit ihrer Lebenssituation und v. a. dem langen ungewollten Aufenthalt im Hilfesystem, unzufrieden ist. Ihre Gesundheitssituation hat sich seitdem verschlechtert:
Arzu: Ist es besser geworden seit Sie aus der Karla raus sind? Nein, schlechter. Seit bin ich aus die Karla, schlecht. Karla bin ich weg, .. trotzdem ich komme noch mehr schlecht. Seit ich schwöre, die Karla bin ich weg, oft ich bin krank. Oft.
Arzu: Langsam ich verliere meine Gesundheit. Langsam ich verliere meine Gesundheit, das wirklich nicht schön.
Sie hat Probleme mit der Wirbelsäule, Asthma, Allergien und häufig Abszesse. Sie selbst führt dies auf ihre Lebenssituation zurück, die sie zermürbt, unruhig werden lässt und ihr viel Stress verursacht, was auf psychosomatische Reaktionen schließen lässt.
Arzu: Aber trotzdem ich bin jetzt .. auch sehr nervös, ich kann nicht und muss ich immer die Creme und so. Ich hab’ nicht eine normale Leben. Die wie Frauenarzt Dr. XY auch letzte Woche sagt, sagt Frau Arzu, ihre Blut und alles hat untersuchen, alles is’ sauber. Das kommt nur wegen Stress, brauchen sie unbedingt ihre Wohnung, ihre Ruhe, aber ...
Arzu: Meine Arzt auch sagt, warum bist du jetzt raus aus die Karla? .. Ich sag, so so, sagt, ja, aber bist du krank, normal musst dort war, dort ich war bisschen noch ruhig, nicht so Stress, aber hier [betreute Wohngemeinschaft] oder XY [vorheriges betreutes Wohnheim] .. leider Stress Frau Arzu verspürt eine ständige Anspannung und Stress wegen ihrer Lebenssituation in der Wohnungslosigkeit, aber beispielsweise auch wegen dem Zwang zum Putzdienst oder Streitigkeiten mit Mitbewohnerinnen, was ein Beleg für die These ist, dass Wohnungslosigkeit Krankheiten verursachen kann (vgl. Kapitel 2.52). Wegen ihrer körperlichen Beschwerden befindet sie sich in ärztlicher Behandlung, wobei die Ärzte ihr vor allem Ruhe empfehlen und die psychosomatischen Symptome behandeln. Aufgrund ihrer Allergien und des Asthmas raten ihr die Ärzte zu einer 1½- bis 2-Zimmerwohnung.
Arzu: Aber wegen Gesundheitsprobleme unbedingt ich brauche zwei Zimmer. Und ich kann nicht so riesengroße, eine kleine Küche aber mit Fenster.
Arzu: Manchmal ich denk, und alles sagt, nein Frau Arzu, manchmal ich denk, is’ wurscht, ich nehme eine Zimmer. Arzt sagt, geht nicht .. sind sie krank [...] sagt, unbedingt brauchen sie ihre Schlafzimmer und ich hab’ auch von die Asthma ..
Letztendlich ist das ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Je kränker sie wird, desto mehr braucht sie eine 2-Zimmerwohnung, aber desto utopischer wird es auch, dass sie eine Wohnung findet. Eine 1-Zimmer-Sozialwohnung hätte sie schon in ihrer Zeit in der Karla 51, als sie noch arbeitslos war, haben können und damals ausgeschlagen. Ihr Festhalten an einer Wohnung mit zwei Zimmern (was im übrigen auch dem Status Quo ante entspricht) führte zu einer Verschlechterung ihrer Situation. Ihre Haltung ist geprägt durch eine Nicht-Akzeptanz ihrer Wohnungslosigkeit und der Realität der Wohnungsnot in München oder -anders formuliert - letztendlich nutzt sie ihr Krank-Sein zur Bestätigung ihrer Normalitäts-orientierung (2-Zimmer-Wohnung), was faktisch ihre Situation verschlechtert hat und ihr auch wenig Aussicht auf Veränderung gibt.
Arzu: Jetzt ich kann die Wahrheit sagen, ich glaube überhaupt nicht, ich finde die Wohnung. Nein, das ich hab’ nicht mehr jetzt Vertrauen und niemanden glauben. Trotzdem seit zwei Jahren ich hab’ Geduld und jetzt hab’ ich nicht mehr .. aber trotzdem ich probier jetzt noch .. schwer is, aber noch zwei Jahre. So ich hoffe, ich kriege, wenn ich kriege, kriege, wenn ich kriege nicht, ich gehe zurück [Türkei].
Anscheinend führt eine Normalitätsorientierung nicht unbedingt dazu, Wohnungslosigkeit überwinden zu können. Es kann auch dazu kommen, dass - vor allem im Laufe zunehmender Erkenntnis der eigenen Handlungsunmöglichkeit - an den Symbolen eines bürgerlichen Lebens festgehalten wird (hier v. a. Erwerbsarbeit und eigene Wohnung), ohne dass eine ‚Machbarkeitsprüfung‘ in Bezug auf Umsetzungsmöglichkeiten stattfindet. Fakt ist, dass es mit einem Niedriglohngehalt ein realitätsferner Wunsch ist, in München eine 2-Zimmer-Wohnung finanzieren zu wollen. Das Anliegen an und für sich halte ich für legitim, die Umstände, die es verhindern, sind der Skandal.
Psychische Belastungen benennen vier Frauen ausführlich. Die zwei Frauen, die in Be-handlung sind (Frau Bender, Frau Milenz), brachten ihre Situationsverbesserung seit der Karla 51 mit wiedergewonnener psychischer Stabilität aufgrund von Therapie in Verbin-
dung (vgl. Kapitel 4.41). Längere Vorerfahrungen mit dem Hilfesystem aufgrund ihrer Erkrankung hatten sowohl Frau Bender (1½ Jahre psychiatrische Klinik aufgrund von Borderlineerkrankung, betreute Wohngemeinschaft für Suchtkranke, mehrere Krisenaufenthalte in Haar) als auch Frau Milenz (dreimal Kurzzeitalkoholtherapie, häufige Entgiftungen in Haar, AA-Selbsthilfegruppe). Frau Bender, die, da sie sich alleine überfordert sieht, eine betreute Wohngemeinschaft für psychisch Kranke sucht, empfindet ihre regelmäßige Therapie als große Unterstützung. Bei Frau Milenz ist es die Therapieklinik insgesamt, die ihr zu psychischer Stabilität verhilft.
Bender: Also die Unterstützung ist eigentlich meine Therapeutin und .. ja, ist die größte Unterstützung. Hm, wie oft gehen Sie da hin? Zweimal in der Woche. Zweimal in der Woche Einzeltherapie bei meiner Therapeutin und noch zweimal in der Woche in die Gruppentherapie.
Milenz: Da [Therapieeinrichtung für Suchtkranke] ging’s mir die ersten drei Monate recht mies [...] und ich wollte ja erst panikartig nach zwei Monaten sofort wieder abhauen, so völlig unsicher wohin auch und .. ja da ham sie [SozialpädagogInnen] mir da eigentlich auch mit Gesprächen ganz gut geholfen ... ja .. jetzt bleib ich halt noch ein paar, ich .. letztendlich so so schwer es is’, da auch durchzuhalten manchmal .. es is’, für meine Krankheit is’ es halt einfach das beste, ne, weil ich merke .. ich komm runter, ich werde ruhiger, ich kann ruhig schlafen. Ich hab’ auch nicht mehr so viel Angst, wenn ich jetzt rausgehen, dass dann gleich der nächste Rückfall lauert, ja also das ... das is’ halt einfach wirklich so, man braucht diesen Abstand und ich brauche ihn, ich brauch einfach noch immer ‘ne Kontrolle, ne .. ich schaff’s nicht alleine. Und so da, so fühl ich mich da schon ok. Diese beiden Frauen mit psychischen Problemen sehen eine therapeutische Unterstützung als hilfreich an. Für beide hat sich aufgrund dessen ihr Leben weiter stabilisiert.
Frau Barth und Frau Weber, die beide keine Unterstützung in Bezug auf ihren psychischen Zustand haben, sind mit ihrer Situation unzufrieden und erlebten keine positive Veränderung seit der Zeit in der Karla 51 (vgl. Kapitel 4.41). Beide hätten gerne psychische Unterstützung, die sie jedoch nicht in der Form finden, die sie ihrer Meinung nach bräuchten.
Barth: Ich habe mal, ich wollte was [Spielsuchttherapie] anleiern, hab’ ich auch halbwegs und 10 Monate Wartezeit und so, ich bin eigentlich, bei mir muss gleich immer alles von heut auf morgen sein, ne, da habe ich überhaupt keine Geduld für, dass ich da jetzt 10 Monate irgendwie mich halbwegs .. durchbringe, damit ich dann irgendwann mal in ‘ne Therapie kann, also. ... Ich weiß auch nicht. Barth: Ich habe schon mal ernsthaft in Erwägung gezogen, mich irgendwo einweisen zu lassen, einfach mal so, ne, weil ich war auch Rechts der Isar, da hams ‘ne Borderline-Untersuchung gemacht. Aber keine Ahnung, was dabei herausgekommen ist. Und ähm ... aber es ist halt so, wenn man nicht völlig hysterisch ausflippt oder was weiß ich, dann hat man da .. dann sagen die, ja, was wollen Sie eigentlich, ne ... [...] Aber keiner kann mir so genau sagen ... was so ungefähr, oder was man mal machen könnte oder [...] Hm, und als Sie da dann äh Rechts der Isar, haben Sie jetzt (unverständlich)? Ich sag mal, wer hat mich jetzt dahin geschickt, äh ja der Psychiater, wo ich mal war. Der hat gemeint, er hat da so den Verdacht. Dann bin ich mal hin gelatscht. Und dann haben sie so eine Untersuchung gemacht. Und dann wollte ich mal wissen, was jetzt rausgekommen ist, ja dann hat er mir da zwei Sätze zu gesagt und dann wollte er mich weiter überweisen und .. also irgendwie hat er eigentlich gar nichts gesagt und da habe ich mir gedacht, ja was soll jetzt des schon wieder, (Lachen) und dann hatte ich schon wieder keine Lust mehr, ne.
Aus diesen Zitaten wird die Not und der dringende Wunsch deutlich, Hilfe erhalten zu wollen, worum sich Frau Barth ja auch bemüht: Anmeldung bei der Spielsuchttherapie, psychiatrische Praxis, Untersuchung im Krankenhaus Rechts der Isar, Überlegung, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen. Jedoch ist sie mit den Ergebnissen ihrer Versuche nicht zufrieden, denn sie bringen nicht das, was sie sich erhofft: schnelle Hilfe. Sie „hat keine
Geduld dafür“, weder für die Wartezeit, noch, von einer Institution zur nächsten geschickt zu werden. Aus den folgenden Zitaten wird jedoch deutlich, dass ihre Haltung in Bezug auf psychische Hilfe allerdings ambivalent ist:
Barth: Hm .. und ähm ist jetzt Therapie so ein bisschen so ein Ziel von Ihnen? Ja, schon ein bisschen. Aber eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass das was hilft. Weil ich wüsste nicht, wenn ich jetzt spielen und so weglasse, was ich denn dann mit dieser Zeit machen sollte. .. Also keine Ahnung. .. Barth: Ja, es gibt ja auch Tage, wo es mir gut geht, weil da brauche ich auch keine Therapie oder irgendwas, um Gottes Willen. Ich krieg das schon alles hin.
Sie möchte zwar schon therapeutische Hilfe, meint aber gleichzeitig, sie eigentlich nicht wirklich zu brauchen. Auch fehlt ihr die Vorstellung davon, wie ein anderes Leben aussehen könnte - ebenso wie ihr überhaupt Zukunftspläne fehlen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sie noch nie über einen längeren Zeitraum hinweg ein ‚normales‘ Leben geführt hat.
Frau Weber ist bei ihrem Arzt in Behandlung, von dem sie sich Hilfe gegen ihre Depressionen wünscht. Er verschreibt ihr jedoch nur Beruhigungstabletten, die sie nicht nimmt. Alkohol ist für sie eine Art Selbstmedikation, um nicht in psychische Krisen zu fallen (Doppeldiagnose). Eine Therapie möchte sie momentan nicht machen, da sie sich davon nichts verspricht.
Weber: Wobei i mir helfen lassen muss, das weiß i, das san einfach meine starken Depressionen und da hab’ i gestern echt an an Scheißtag gehabt mit meinen Arzt da [...] Mein Internist und Psychologe und .. im Endeffekt is’ a Tablettenverschreiber. .. I, i hol mir die zwar, i verkauf’s .. [...] Strada, Diazepan. Sehr beliebt. I friss net.
Weber: Momentan habe i echt den Mut verloren .. Na, das sag i ganz einfach so, weil mi des alles langweilt. Ich kenn’s von hinten bis vorne und das hilft mir nix, i geh’ raus und dann kauf mir erstmal ‘ne Halbe (Lachen), weil’s mi so frustriert und so so geht' s a bisserl besser. Weber: Wissens was, i hab’ mir scho überlegt, dass i mir a Therapeutin nehm oder ‘n Therapeuten .. is’ alles a Schmarrn, wer soll denn mir helfen? .. Man kann sich doch bloß selber helfen im Endeffekt. Mehr oder weniger. [...] Einen Therapeuten oder eine Therapeutin wollen Sie im Moment nicht? Momentan nicht, nein. [...] i hab’s probiert und, wenn die Chemie net stimmt, was soll i der Frau erzählen. I mein jetzt a Therapeutin. Dadurch, das verändert ja net mei mei mei Situation, was mit mir als Kind passiert is’ und und .. was los war und und und. Des ändert ja nix mehr an der Sache. Sie würde gerne eine Gruppentherapie für Frauen machen und hat sich in Bezug auf ihr Alkoholproblem beim Blauen Kreuz erkundigt, das dann anscheinend aber nur gemischt geschlechtliche Selbsthilfegruppen hat. Sie fühlt sich uninformiert und hat den Eindruck einer Versorgungslücke.
Weber: Weil Sie gesagt haben, mit den Depressionen wissen Sie, dass Sie sich helfen lassen müssen. Haben Sie da schon ‘ne Idee, wie Sie das angehen wollen? Ja, so mit Tabletten geht gar nix, ne. Das hab’ i schon abgeschafft. (Einatmen, Ausatmen) ... Ich weiß es nicht (sehr leise) ... Also, was i mir denk, ähm was mir helfen würde, wär’ a Frauengruppe. A reine Frauengruppe. Das wird scho seine Gründe ham, i weiß jetzt net warum, aber so in gemischten Gruppen hab’ i mi noch nie wohlgefühlt und des war so ... äh (Ekelausdruck) .. i hab’ nun mal des und des Syndrom und diese Ängste und und die san nun mal da .. vielleicht tiefenpsychologisch. .. Aber, wen finden, wo, wann, wie, was, wäh. .. Ätzend. Das is’ echt ätzend. (leise)
Weber: Null Information. Keine Ahnung, ich weiß es nicht (leise) ... es is’ a Lücke da. Meines Erachtens, es is’, entweder ich bin zu wenig informiert über München oder oder ähm oder es ist wirklich so wenig Angebot. Die die preisen dann schon immer hoch und Caritas und Suchtambulanz für Erwachsene und Blablabla.
Auch Frau Weber zeigt eine Ambivalenz in Bezug auf ihre psychische Hilfsbedürftigkeit: Einerseits möchte sie Unterstützung bei den Depressionen, lehnt aber Tabletten und Therapie ab, wodurch sich die Möglichkeiten schon ziemlich einschränken.
Dass Frau Barth und Frau Weber keinen Zugang zu einer therapeutischen Unterstützung haben, ist extrem bedenklich, da sich beide in einer instabilen Verfassung befinden. Bei beiden zeigen sich keine realisierbaren Handlungsstrategien in Bezug auf Wohnung und Arbeit - und auch keine in Bezug auf eine psychische Unterstützung, die sie gerne hätten. Das entsprechende Hilfesystem scheint für beide nicht zugänglich. Eine psychische Unterstützung - wie sich bei Frau Bender und Frau Milenz zeigt - hat einen stabilisierenden Charakter und wird als positiv erlebt.
4.47 Soziales Netzwerk
Die Intensität und das Ausmaß von sozialen Kontakten und die Unterstützung durch das soziale Netzwerk ist bei den interviewten Frauen sehr unterschiedlich. In der Regel haben die Frauen Kontakt zu ihrer Familie bzw. Familienteilen, der allerdings in der Intensität variiert. Die meisten Frauen haben auch einen FreundInnen- und Bekanntenkreis, mit dem sie wie auch mit Familienmitgliedern Teile der Freizeit verbringen. Die meisten Frauen haben keine Liebesbeziehung. Nur fünf Frauen haben eine Partnerschaft: die drei jungen Frauen (Frau Bender, Frau Kramer, Frau Schöller), die sich allerdings zum Interviewzeitpunkt jeweils in einer Partnerschaftskrise befanden, und die zwei Frauen, die beim Ehe-mann/Freund leben (Frau Zapf, Frau Weber). Acht Frauen haben ein stabiles soziales Umfeld, das ihnen Unterstützung in unterschiedlicher Intensität bietet. Drei Frauen haben ein stark reduziertes soziales Netzwerk, das aus einigen wenigen Personen besteht. Eine Frau hat gar keine Sozialkontakte.
Die Frauen mit einer deutlichen Normalitätsorientierung, das in der Relevanz einer eigenen Wohnung bzw. der Suche danach sowie in der Wichtigkeit von Erwerbsarbeit bzw. Ausbildung deutlich wird, haben ein stabiles soziales Umfeld. Von ihrer Familie bzw. Freund-Innen erhalten sie auch Unterstützung. Dazu einige Beispiele:
Schöller: [...] also Bewerbungsschreiben, gut da hat ich jetzt Unterstützung, ich mein, ich hab’ keinen eigenen Computer, die Freunde halt und so weiter.
Kramer: Und ähm Ihr Vater, der unterstützt Sie wie? Ja, halt ähm ja auch so unterstützen, so aufbauen halt ein bisschen, und ja Geld halt. Das ist hier echt notwendig.
Peschel: [...] mein Sohn auch .. der hilft mir auch, der sagt, komm a mal, wir haben so viel Schlechtes am Sozialamt mitgemacht, des wirst a noch schaffen.
Arzu: Meine Freundin, die Frau X, sie is’ sowieso immer helft bei mir, seit bin ich meine Wohnung weg. Und jetzt auch hilft bei mir, wo ich kenne von die XY [betreutes Wohnheim], die Frau Y, sie auch hilft bei mir. Was ich nicht verstehe, die was die kommt Brief [...] Aber jetzt Gott sei Dank, wegen meine Freundin .. bin sehr zufrieden.
Milenz: Die paar Freunde, die ich hatte damals, ja gut, das einzige, was sich bei denen verbessert hat, die sind natürlich froh, wenn ich trocken bin, und das hat sich, also das hat sich gut .. auf ’nem guten Level so erhalten eigentlich. Und meine Familie, ich mein, die ham, die sind ja eigentlich durch dick und dünn mit mir gegangen [...].
Ullmann: Wenn’s schön is’, ich bin an der Isar oder ich fahr mit Freunden zum See oder was weiß ich .. ähm und ich hab’ eben ‘n sehr guten Freundeskreis .. und bin halt mit denen unterwegs. Vacic: Meine Eltern sind hier, Deutschland. Düsseldorf. Ruf die Woche zweimal an, meine Eltern. Ich hab’ große Familie da. [...] wenn ich irgendwas brauche, dann ruf ich an, letztes Mal, ich hab’ vorige Woche, meine Kinder wollte ich ein bisschen Taschengeld geben für Urlaub fahren, da hab’ ich meine Eltern angerufen [...] da hab’ ich gesagt, ich brauch so Geld, da hab’ ich mein Konto Geld bekommen. Frau Bullinger mit deutlicher Normalitätsorientierung hat kaum ein soziales Netzwerk. Von ihrer Familie sieht sie nur ihre Schwester, wobei „der Kontakt nicht ganz so eng ist“, und sie hat auch keinen engen Freundeskreis. In diesem Sinne stellt sie eine Ausnahme zu den o. g. Frauen dar. Allerdings ist sie diejenige, die am meisten von ihrer Freizeitgestaltung erzählt (als ich sie besuchte, widmete sie sich ihrem Hobby der Schmuckherstellung), die anscheinend für sie eine Ausgleichsmöglichkeit darstellt.
Bullinger: Und wie es so mit dem Freundeskreis, hat sich der verändert von der Karla? Ach, den, der war eigentlich vorher schon ein bisschen abgehakt, als es anfing mir schlecht zu gehen, das is’ auch dann ganz natürliche Geschichte. Ich muss auch sagen, ich hab’, ich bin da jetzt, ich vermiss es gar nicht so .. ich möchte jetzt meine Angelegenheiten ordnen und ‘nen Job finden und dann kann ich wieder, dann hab’ ich wieder Freiraum dafür. Aber mich jetzt da .. natürlich gibt' s da irgendwelche Ereignisse .. Biergartentreffen oder sonst was, aber ähm ich merke doch, dass ich .. ähm, dass mir andere Dinge wichtiger sind. Also, dass ich eine Basis erst wieder haben muss. Bullinger: Heute wollte ich die Balkonerde wechseln, weil da Ungeziefer drin sind. (Lachen) Weil ich hab’ mir neue Pflanzen gekauft [...] Ansonsten geh’ ich ins Kino .. und Open Air und alles was billig is’ [...] es kommen unheimlich viele Kultursendungen und das interessiert mich halt, ne, also auch so Kunstgeschichte und so was, ne. Jetzt bei dem schönen Wetter, setz ich mich halt auf das Radel. Das ich das hier mal kennenlern, ne.
Bei zwei von den drei jungen Frauen (Frau Kramer, Frau Bender) ist ihr Freundeskreis vor allem darauf gerichtet, etwas zusammen zu unternehmen. Sie sehen ihre Kontakte teilweise eher als schwierig bzw. nicht sehr stabil an, weshalb sich eine Veränderung des Freundeskreises abzeichnet.
Bender: Ja, .. wie wichtig ist denn für Sie so ein Freundeskreis? Sehr wichtig. Sehr Wichtig. Und ähm, .. das läuft auch gut? (hörbares Ausatmen) .. Nein, weil die .. also ich habe schon viele Freunde .. aber das ist .. also es sind nicht viele Gescheite dabei. Also ... (Lachen), also zum Beispiel .. kenn ich dann welche, die trinken halt dann immer .. der eine der säuft so wahnsinnig viel. Und der andere ist auch ein ehemaliger Drogenabhängiger, und war wieder sauber. Und haut sich jetzt aber lauter Tablettenscheiße ein. Und .. also die sind nicht gescheit, finde ich. Und die Gescheiten sind halt, die die, was ich hauptsächlich aus der XY, aus dieser psychiatrischen Einrichtung, und die es halt auch mehr oder weniger versuchen zu schaffen oder auf dem Weg sind, das irgendwie zu schaffen, oder so. Kramer: So im letzten halben Jahr mit dem Freundeskreis, hat der sich jetzt irgendwie verändert? Jaaa, also .. ja schon. Manche sitzen jetzt und .. weiß nicht (sehr leise). Ja, es ist halt .. keine Ahnung, ich kenn halt so aus verschiedenen Schichten immer welche. Und .. ja, das XY [Diskothek] halt, da bin ich jetzt wieder öfters drin und .. da kenn ich halt ziemlich viele. Das is’ne Stammdiskothek und, wenn man da rein geht, wenn man da ein paarmal reingeht, dann kennt man die Hälfte. Und da geht man dann so durch ..
Diese beiden jungen Frauen zeigen in Bezug auf die Wohnsituation eine Orientierung am Hilfesystem (betreutes Wohnheim, Suche nach einer betreuten Wohngemeinschaft für psychisch Kranke). In Bezug auf die Erwerbsarbeit wird Frau Kramer eine Ausbildung beginnen und Frau Bender im zweiten Arbeitsmarkt bei einem Projekt für ehemalige Drogenabhängige anfangen. Die hier anklingende Veränderung des Freundeskreises könnte an neuen Einstellungen liegen, d. h. dann, die Orientierung an einer bestimmten Szene aufzugeben
und eine Normalitätsorientierung anzustreben. Allerdings ist bei jungen Menschen ein unbeständigerer Freundeskreises nicht unüblich.
Sowohl Frau Zapf, die zu ihrem Ehemann zurückkehrte, als auch Frau Weber, die zu ihrem neuen Freund zog, haben ein stark reduziertes soziales Umfeld, das auf Familienmitglieder begrenzt ist. Frau Zapfs Sozialkontakte beschränken sich auf ihren Ehemann und ihre Schwiegermuter. Ihr Aktionsradius ist auf den Haushalt, gelegentliche Besuche bei der Schwiegermutter und Spazierengehen reduziert - insgesamt hat sie ein reduziertes Tätigkeitsrepertoire, was zu ihrem resignativen Typus ‚passt‘.
Zapf: Was machen Sie denn so tagsüber außer Haushalt? Phhh (Ausatmen) .. a bissel spazieren gehen. Einkaufen. (unverständlich, sehr leise) .. ja ansonsten, mei Schwiegermutter hat ‘n Garten, da warn wir schon öfter draußen ... und sonst nix (sehr leise). Besuchen Sie manchmal andere Verwandte oder so? Na, weniger. ... oder Freunde oder Bekannte oder so? ... nein. Zapf: Machen Sie manchmal auch was mit Ihrem Mann zusammen? Ja, Garten sind wir schon mit-einand raus und so, machen wir schon. Hm .. und sonst irgendwelche anderen Sachen? ... höchstens a mal spazieren gehen. Das machen wir schon. .. Ja (leichtes Lachen) ... Frau Weber ist die Familie wichtig. Ihre Kontakte erstrecken sich jedoch - abgesehen von ihrem Freund - vor allem auf ihren Vater, der sie auch immer wieder moralisch unterstützt. Weitergehende Freund- oder Bekanntschaften hat sie anscheinend nicht. Sie lebt eher isoliert. Abgesehen von den vielen, von ihr ausführlich beschriebenen Ämtergängen und ein wenig Haushalt (vgl. Kapitel 4.44) benennt sie keine weiteren Aktivitätsfelder - also zeigt sich auch bei ihr ein weitestgehend auf Notwendiges reduziertes Alltagsleben.
Weber: Und hier in München, wie ist das mit Verwandtschaft und Freunden? Das is’ ok. Also das hat sich mit meinen Papa wieder eingependelt. Der steht, sagt er, du darfst halt nix saufen .. mein Bruder (Ausatmen), ja .. relativ wenig Kontakt, die ham jetzt ein Baby kriegt, [...] dann helfen von der Familie, mein Gott, uns geht' s a net so gut. Ähm, des, des sind alles so Sachen, des is’ einfach die Familie einfach. [...] Er [Freund] is’ auch total in Ordnung, seine Familie is’ intakt, des is’ .. hat auch Schwierigkeiten freilich. ...
Weber: Und dass Ihre Familie Sie unterstützt in irgendeiner Art und Weise? Geht net. ... (leise), das möchte i a net (leise). Die ham ihre eigenen Sorgen und, na, wie auch? Finanziell geht' s eh net, (Einatmen) ... (Ausatmen) sicher mein Papa hat mir sicher geholfen, dass er mi zum Arzt gefahren hat oder .. mal zum Gericht mit begleitet hat, aber das war schon das einzigste, der kann net jedes Mal mitrennen, der wohnt in XY [Münchner Umland], also, das geht net. Na, das will i a net. Mei Bruder is’ beruflich und mit dem Baby und ähm hat sei eigene Probleme (leise) ... ... Jetzt kann i bloß abwarten. Mehr kann i net machen .. traurig, aber wahr. Na, aber mir hilft keiner. Diese beiden Frauen mit reduziertem sozialen Umfeld wohnen mit dem Ehemann/Partner zusammen. Isolation ist ein typisches Zeichen von problematischen Paarbeziehungsstrukturen, was bei Frau Zapf zutrifft und auch bei Frau Weber der Fall sein dürfte, da sie beide bereits Versuche unternommen haben, sich aus der Beziehung zu lösen. Letztendlich entsteht hier auch der Eindruck, dass diese Frauen zentrale ‚weibliche‘ Elemente wie Bedürftigkeit, Abhängigkeit, Angewiesensein aufnehmen und in Anforderungen (die Sorgende, die Selbstlose) uminterpretieren, da sie beide sich um ihre Partner kümmern:
Zapf: Wie kam das denn, dass Sie jetzt hier wieder ähm in die Wohnung zurück gekommen sind zu Ihrem Mann? ... ... ah ja (Ausatmen) ich nehm an durch des, dass er so schlecht beinand war. Da hat sich eins ins andere gegeben ...
Weber: Naja, er [Freund] hat ‘n Pechtag, is’ krank geschrieben. [...] Bechterew. Das is’, für mi is’ das
die schlimmste Krankheit nach Krebs. Und zwar, das is’ ähm ähm eine Wirbelsäulenversteifung. [...] Schmerzen ohne Ende. Ja pfhh, mehr als schlimm. (Ausatmen) [...] is’ unheilbar. Also mich belastet’s schon. Ihn a. Klar, jetzt ist er scho wieder krank geschrieben. Er arbeitet bei der Post seit 16 Jahren und das ist sowieso absolute Leistung, ne.
Frau Barth unterscheidet sich von allen anderen Frauen dadurch, dass sie kein soziales Umfeld besitzt: Sie hat weder Kontakte zu ihrer Familie noch hat sie Freundschaften. Auch im Bereich von sozialen Kontakten zeichnet sie sich durch Unbeständigkeit und Sich-Treiben-Lassen aus, was zu ihrer 15-jährigen Wohnungslosigkeit und ihrer Ziellosigkeit passt. Momentan meidet sie Menschen, sie will „ihren eigenen Kram machen“ und „es soll sie keiner nerven“. Sozialkontakte erlebt sie ambivalent: Einerseits als „lustig“ und „schön“, andererseits als einengend, da sie sich dann rechtfertigen müsse.
Barth: Ja, ich bin vielleicht nicht mehr so .. was heißt zugänglich. Aber früher habe ich mich ja immer locker irgendwo integriert und ne, lustig war’s, und ähm .. es war ja eigentlich auch immer ein Fehler, weil man kommt dann nicht mehr raus aus so einer Situation, ne. Aber irgendwie, da habe ich jetzt keine Lust mehr drauf, das hat sich verändert. Ich mache lieber meinen eigenen Kram. ... Ja, irgendwie nicht wieder ähm, ich meine in dem Wohnheim wäre es auch relativ einfach, wieder in so ‘ne Clique da reinzukommen. Und da Späßchen zu haben. Aber, wie soll ich, aber in der Karla, das war dann auch nicht passiv Ziel, ne. Das war ‘ne schöne Zeit, das will ich nicht missen, aber ... So ist halt nicht das Leben, ne. Eher so, dass Sie Ihre Ruhe haben wollen? Jaa, ich habe auch irgendwie keine Lust mehr immer alles zu erklären und so, ne. Weil klar, man ist ja da, irgendwie muss man immer Rechenschaft ablegen. .. Ich denke mal, wenn ich für mich bin, dann brauche ich mich nicht rechtfertigen. ...
Barth: Und wie sieht das aus mit Bekannten oder Freunden, die Sie treffen? Ja, im Moment bin ich da eher, wie gesagt, ein bisschen .. einfach zurückhaltend. Weil ich denke, es ist auch in in meiner Lebens, so wie ich mein Leben leb oder wie immer man das nennen .. kann, ist halt auch viel mit dieser Sucht und so, dann lügt man wieder irgendwelche Leute an und naja, und mein Leben lang, hab’ ich auch die Schnauze voll, das ist ja auch normal, ne. Und wie gesagt, im Moment bin ich da eher .. ich will meine Ruhe haben, soll mich keiner nerven.
Frau Barth passt dadurch, dass sie eine hedonistische Einstellung hat und sich durchs Leben treiben lässt, eher zum Typus Pendlerin. Der in o. g. Zitaten sichtbare Verhaltenwechsel könnte sie möglicherweise auf Dauer zu einer einzelgängerischen wohnungslosen Frau werden lassen, die wohl dem alternativorientierten Typus der Individualistin zuzuordnen wäre.
Normalitätsorientierte Frauen haben fast alle ein stabiles soziales Netzwerk. Sie zeichnen sich außerdem auch durch Aktivitäten im Alltag (Arbeit, Freizeit) aus. Eher institutionen-orientierte junge Frauen weisen Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld auf, was sich aufgrund von verringerter Szeneorientierung wandelt. Sehr rudimentäre Sozialkontakte, die sich nur auf wenige Personen beziehen, und problematische Paarbeziehungen zeigen sich bei zwei Frauen (Frau Zapf, Frau Weber), die beide auch ein reduziertes Aktivitätsrepertoire haben, was zu ihrer eher resignativen Haltung passt. Frau Barth hat als einzige keine sozialen Kontakte, sie vermeidet diese momentan gewollt.
4.48 Haltung zum Hilfesystem
Bei der Haltung zum Hilfesystem ist es auch relevant, ob die einzelnen Frauen zum Zeitpunkt des Interviews im Hilfesystem leben oder bereits nicht mehr. Sechs Frauen halten
sich aktuell im Hilfesystem auf, wobei die Betreuungsintensität je nach Einrichtungsart stark variiert: Am intensivsten in der Therapieeinrichtung für Alkoholsucht (Frau Milenz), über die betreuten Wohnheime, die eine permanente Nähe zu Sozialpädagoginnen hervorrufen (Frau Peschel, Frau Kramer, Frau Barth), bis hin zu betreuten Wohngemeinschaften (Frau Arzu) und betreutem Einzelwohnen (Frau Schöller), wo der Kontakt in Abständen stattfindet. Die anderen sechs Frauen leben nicht mehr im Hilfesystem, sind jedoch über Ämter, Einrichtungen des zweiten Arbeitsmarktes und/oder therapeutische Unterstützung im weitesten Sinne an das soziale System angebunden. Nur Frau Zapf, die zu ihrem Mann zurückkehrte, hat auch zu Ämtern keinerlei Kontakt. Bei diesen Frauen, die nicht mehr im Hilfesystem leben, sind gesicherte Wohnverhältnisse in der eigenen Wohnung die Ausnahme (Frau Bullinger). Die anderen Frauen leben in verdeckter (Frau Ullmann, Frau Weber) oder latenter Wohnungslosigkeit (Frau Bender, Frau Zapf). Eine Frau (Frau Vacic) ist in einer Pension untergebracht.
Ob das Verhältnis zum Hilfesystem positiv oder negativ geprägt ist, hängt stark davon ab, ob sich die Frauen selbst als (zumindest partiell) hilfebedürftig sehen oder ob sie sich als eigenständig und kompetent erleben. Je stärker sich die Frauen als handlungsfähig einschätzen, desto eher wird das Hilfesystem als bevormundend und kontrollierend empfunden. Frauen, die sich als hilfsbedürftig sehen, wünschen sich in der Regel eine persönliche Betreuung und empfinden die Unterstützung des Hilfesystems als positiv. Diese polarisierenden Kategorien existieren allerdings in unterschiedlichen Nuancen. Drei Frauen erleben das Hilfesystem als eine positive Ressource, sechs Frauen empfinden es als eine Entmündigung. Eine andere Einstellungen ist eine starke Funktionalisierung des Hilfesystems. Eine Frau erlebt es als unzugänglich und eine hat keinen Kontakt.
Das Hilfesystem wird von drei Frauen (Frau Bender, Frau Milenz, Frau Peschel) als positive Ressource und als Unterstützung erlebt, die sich alle drei auch als hilfebedürftig einschätzen. Frau Peschel und Frau Milenz, die beide eine Normalitätsorientierung aufweisen, sehen sich als partiell unterstützungsbedürftig und streben einen zeitlich befristeten Aufenthalt im Hilfesystem an, wodurch sie dem Typus der Hilfebedürftigen zuzuordnen sind (vgl. Kapitel 2.41).
Milenz: Und da sind sie [SozialpädagogInnen in der Therapieeinrichtung] auf mich auch zugekommen am Anfang so, am Anfang, wo es mir so schlecht gegangen is’ und .. die ham mir schon auch geholfen über diese erste Zeit weg, dass ich .. dass ich meine Entscheidung nicht revidiert hab’, ne, und .. und ham mir schon einfach auch so sagen können, ja das is’ auch einfach, das gehört auch zu so ‘nem Suchtverlauf dazu, dass man so Depressionen kriegt, dass man .. nur noch den grauen Alltag sieht [...] Da ham mir die schon geholfen, ne. Also zu so ‘ner Ruhe oder zu den Einsichten wär’ ich, .. wenn ich jetzt so für mich alleine weiter probiert hätte und wenn ich halt trocken geblieben wäre und nur weiter in die AA-Gruppen gegangen wär’, wär’ ich sicherlich nicht gekommen.
Peschel: Diiiie .., a wie sagt man denn, weil die [Sozialpädagogin] mir da drin [betreutes Wohnheim] so viel Glauben geben. [...] die ham mir des geben, dass i wieder alle Vertrauen fass. Net so, dass i jedem trau, trauen tu‘ i nimmer, ne. Aber die .. die Mut, was die mir immer geben haben .. [...]. Deswegen (Lachen). I kann gar net beschreiben, ne. Die Frau XY [Sozialpädagogin] hat mi immer gelobt, gut ham Sie‘s macht, schön ham Sie‘s macht, toll und Sie san ja .. pfundig, ne, und so und des macht
mir Mut. Des freut mir, ne.
Frau Bender möchte eine umfangreichere und längerfristige Betreuung (betreute Wohngemeinschaft, Projekt des zweiten Arbeitsmarktes) und schätzt sich in einem umfassenderen Sinne als hilfsbedürftig ein. Da ihr ein ‚normales Leben‘ aufgrund ihrer Borderlineerkrankung mit Suchtrückfällen momentan nicht realistisch erscheint, ist ihre Handlungsorientierung überwiegend auf Hilfeinstitutionen ausgerichtet, die sie als eine relevante soziale und therapeutische Ressource bewertet. Sie dürfte dem Typus der Schutzbedürftigen (vgl. Kapitel 4.24) zuzurechnen sein. Da sie normalitätsorientierte Fernperspektiven hat, z. B. „später einmal Schule zu machen“ und auch eine Orientierung hin zur Erwerbsarbeit hat, zeigt sich hierin vielleicht eine erste leichte Veränderung zum Typus der Hilfebedürftigen.
Bender: [...] weil ich mach’ ja noch so viel Therapie und so, dann hat, wenn ich das nicht schaffe von der Zeit her, dann kann ich, glaube ich, auch halbtags [im Projekt für Ex-Drogenabhängige arbeiten]. Und ich kann denen erzählen von meinem ganzen Psycho-Scheiß und .. und die verstehen das halt. Bender: Dann muss man ja diesen Arztbericht und des alles und die Krise und alles vorlegen, da .. und da [betreute Wohngemeinschaft] muss ich mich schon alles selber drum kümmern. Ok meine Psycho, meine Therapeutin schreibt das halt und der behandelnde Arzt, aber trotzdem ist das voll .. voll das, also voll der Stress.
Vom Hilfesystem erhalten diese drei Frauen die persönliche Unterstützung, die sie erwarten bzw. brauchen, und haben einen guten Kontakt zu den SozialpädagogInnen.
Als Entmündigung und Kontrolle empfinden sechs Frauen das Hilfesystem, die alle eine Normalitätsorientierung (vgl. Kapitel 4.42, 4.43 zu Wohnung, 4.44 zu Arbeit) aufweisen. Sie wünschen sich auf einer formalen Ebene zumeist durchaus eine Unterstützung (Umgang mit Formularen und Behörden etc.), halten jedoch eine persönliche Betreuung für überflüssig, weil sie sich in diesem Bereich nicht als hilfebedürftig definieren - exemplarisch:
Vacic: Ich hab’ nur Problem, dass ein Wohnung nicht habe, sonst hab’ ich kein Problem. Schöller: Das einzige, was mir halt gefehlt hat, war ‘ne Wohnung. Und das war das einzigste Problem und das is’ das, wo ich mich halt dahinter geklemmt hab’, dass ich das irgendwie .. in den Griff bekomm einigermaßen.
Bullinger: Ich hab’ ja meine Wohnung verloren und das war das Ur-Thema eigentlich, ne .. deswegen war’s ja gut, das ich eben .. durchs Wohnungsamt diese Wohnung gefunden habe. Als besonders lästig und einschränkend wird in den intensiver betreuten Wohnformen der Putzdienst und die Hausversammlungen beurteilt. Diese Vorschriften und Regeln werden als bevormundend empfunden, da sie eine Regelmäßigkeit verlangen, die nicht dem persönlichen Alltagsplan angepasst werden kann.
Arzu: [...] ich habe auch Putzdienst und das macht mich Stress, das macht mich Stress. Beispiel egal heute wieviel Uhr, zehn oder bis Mitternacht 12, ich muss meine Putzdienst machen, sonst ich kriege die Strafe von 10 Mark. [...] Hier is’ wie .. wie kann ich sagen ... wie muss, eine Seite. Das macht mich nervös.
Arzu: [...] wie lange ich bin so leben. Ich will eigene Wohnung .. und das Beispiel XY [betreutes Wohnheim] oder hier [betreute Wohngemeinschaft], jede Woche Donnerstag hat Hausversammlung. Und das heißt, muss immer jede Woche Donnerstag Hausversammlung kommen [...] das, mag ich nicht gern. Und trotzdem man bist du nicht Hausversammlung, musst du 10 Mark Strafe bezahlen.
Kramer: Und ähm .. ja wenn man seinen Putzdienst nicht macht, sei es denn, dass man die ganze Zeit nicht da is’, oder sonst irgendwas, dann ziehen sie auch jedes mal 10 Mark ab. Der Umgang mit der empfundenen Entmündigung kann in einer deutlichen Abgrenzung vom Hilfesystem und der weitgehenden Verweigerung von Betreuung bestehen, was sich bei drei Frauen zeigt (Frau Ullmann, Frau Bullinger, Frau Arzu), die damit dem Typus der Dissidentin zuzuordnen sind. Diese ablehnende Haltung nehmen die Frauen dann ein, wenn sie den Eindruck haben, dass ihnen das Hilfesystem keine Unterstützung zur Erlangung einer Wohnung bietet und sie stattdessen einengt. Als niederschwellige Einrichtung ohne Betratungsverpflichtung wird die Karla 51 von diesen Frauen noch am ehesten als Übergangswohnform akzeptiert, weshalb sie versuchen - solange es keine bessere Möglichkeit gibt - dort möglichst lange zu bleiben: Von den interviewten Frauen sind Frau Ullmann (6,6 Monate), Frau Bullinger (5,7) und Frau Arzu (11,3) diejenigen mit dem längsten Aufenthalt in der Karla 51 49 .
Frau Bullinger wartete in der Karla 51 die Zeit bis zum Erhalt einer Sozialwohnung ab und konnte sich über diese Zeit mit dem Gefühl des „Eingesperrt-Seins“ arrangieren. Eine stärker betreute Wohnform in einem Wohnheim oder einer betreuten WG lehnte sie ab. Frau Ullmann zog schließlich, als „es nicht mehr geht“, lieber in die Sozialwohnung zu ihren Söhnen, als länger in der Karla 51 zu bleiben oder in eine andere betreute Einrichtung zu gehen. Letztendlich suchen damit beide nach einem für sie vertretbaren Kompromiss zwischen subjektiven Ansprüchen und gesellschaftlicher Realität, so dass sie mit den gewählten Lösungswegen zufrieden sind. Beide Frauen sehen sich als handlungskompetent an.
Bullinger: Ich bin halt ein total eigenständiger Mensch und .. das is’ eigentlich so die Grundvoraussetzung. [...] Ein bisschen als eingesperrt sieht man das halt schon, obwohl es ja gar nicht eingesperrt ist, ne. Da [Karla 51] gibt’s ja noch nichtmal ‘ne Sperrstunde. Das war ja von allem das beste, was ich eigentlich gesehen habe, denn ich war ja in der XY [betreutes Wohnheim], hab’ andere Unterkünfte mir .. angeguckt, ne. Frau XY [Sozialpädagogin in der Karla 51] war mir ganz böse, dass ich mal einmal eine [betreute] Wohngemeinschaft nicht .. angenommen hab’ (leichtes Lachen). Sicher aus der Sicht, die müssen ja auch wieder ihren freien Raum haben. Bin ja sowieso schon länger da geblieben, so weit ich weiß, .. als erlaubt ..
Ullmann: Es is’ auch in der Karla also ähm, wenn man selbst nichts tut, dann ähm ... geht auch nicht viel weiter. Also das is’ ... is’ schon gut, es war wirklich in der Situation ‘ne tolle Anlaufstelle, aber .. ähm ... ... ich kann jetzt wirklich nicht sagen, also ich will ja jetzt nicht undankbar erscheinen, aber ich ich kann nicht sagen, [...] dass mich das so wahnsinnig weiter gebracht hat .. oder vielleicht bin einfach ähm ich auch nicht der Typ dazu, vielleicht ähm war ich mein Leben lang zu aufsässig oder zu selbständig oder was weiß ich, also .. ähm, ich fand das am Anfang sehr gut und dann zum Schluss oder, wo es zum zum Schluss hin ging, also .. ähm hab’ ich mich einfach nur eingeengt gefühlt. Anders ist dagegen die Situation bei Frau Arzu: Für sie ist das „beste Frauenobdach Karla“ 51, wo sie sich nicht von Hausversammlungen oder Putzdiensten wie in dem betreuten Wohnheim bzw. der betreuten Wohngemeinschaft belästigt sah und auch keinen Dissens mit der Sozialpädagogin hatte.
49 Nur noch Frau Vacic hat eine ähnlich lange Aufenthaltsdauer in der Karla 51 (7,2 Monate). Die anderen acht Frauen waren durchschnittlich 1,7 Monate dort. Dies liegt zum Teil daran, dass die offizielle 4-Wochen-Aufenthaltsfrist erst nach Einzug in die Karla 51 umgesetzt wurde (vgl. Kapitel 3.2).
Arzu: Einmal ich hab’ gesagt Frau XY [Sozialpädagogin], tut mir leid aber, wenn ich ihre Miete bezahlt, ich zahle auch Miete, wo is’ meine Sache von Münchener Tafel? Nicht! Sagt, ja, Frau Arzu sagen Sie ihre Kollegen, ich sag nein, meine Kollegen das nicht muss, sind Sie meine Berater? Und wissen Sie, ich bin Arbeit! Normal fragen Sie bei mir, was ich brauche, .. und können Sie das jedes Mal machen? Nicht meine Kollege kriegt von der Stadt Geld, Sie kriegen Geld wegen Beratung. Tut mir leid .. mir is’ wurscht, ich hab’ gesagt 99 Pfennig is’ die eine .. Joghurt oder sag mal die Petersilie, nicht wegen das, aber ich bin wirklich war sauer.
Sie findet keinen Kompromiss zwischen ihren Wünschen (eigene 2-Zimmer-Wohnung vgl. Kapitel 4.46) und den faktischen Tatsachen (Wohnungsnotstand), so dass sie einerseits mit ihrer Situationsentwicklung deutlich unzufrieden ist (vgl. Kapitel 4.41), andererseits keine Handlungsperspektiven auf Verbesserung aufweist (resignatives Abwarten und Hoffen vgl. Kapitel 4.43). Sie fühlt sich zwar nicht hilfebedürftig, allerdings hat sie in Bezug auf eine eigene Wohnung auch keine Handlungsperspektiven.
Arzu: Trotzdem jetzt, sag mal so, ich hab’ auch gewöhnt. Ich schimpf, ich schleim, ich hab’ Ärger gemacht, aber hilft nicht .. das heißt, muss ich so leben .. bis ich Wohnung krieg .. anders geht nicht. Arzu: Jetzt ich kann die Wahrheit sagen, ich glaube überhaupt nicht, ich finde die Wohnung. Nein, das ich hab’ nicht mehr jetzt Vertrauen und niemanden glauben. Trotzdem seit zwei Jahren ich hab’ Geduld und jetzt hab’ ich nicht mehr .. aber trotzdem ich probier jetzt noch .. schwer is’, aber noch zwei Jahre. So ich hoffe, ich kriege, wenn ich kriege, kriege, wenn ich kriege nicht, ich gehe zurück. Es zeigt sich, dass diejenigen Frauen, die das Hilfesystem als Entmündigung und Kontrolle empfinden, unterschiedliche Strategien anwenden, um ihren Wunsch nach einer eigenen Wohnung umzusetzen: Verweigerung von Umzug in intensiver betreute Wohnformen (Frau Bullinger) und verdeckte Wohnungslosigkeit (Frau Ullmann). Ein Verbleib im Hilfesystem wie bei Frau Arzu bedeutet eine permanente Zumutung, die mit psychosomatischen Beschwerden (vgl. Kapitel 4.46) und Dissens mit dem Fachpersonal einhergeht.
Das Hilfesystem als entmündigend und kontrollierend zu empfinden, führt bei zwei Frauen mit Normalitätsorientierung nicht zur Verweigerung sondern zur Akzeptanz partieller Betreuung, die dabei jeweils als unvermeidbar eingeschätzt wird. Diesem Typus der Pragmatikerin 50 können Frau Schöller und Frau Kramer, zwei der jungen Frauen, zugeordnet werden. Ihre pragmatische Haltung gegenüber dem Hilfesystem macht den Einruck eines stillschweigenden Übereinkommens - es ist eine Art ‚Deal‘, bei der die Frau etwas vom Hilfesystem möchte, was sie anscheinend nur erhält, wenn sie sich auf Betreuung einlässt. Logischerweise ist Beratung als Pflichtübung „nervig“, so dass diese Frauen versuchen, sie zu reduzieren oder sie im Sinne einer Kosten-Nutzen-Überlegung zu funktionalisieren. Am prägnantesten bringt Frau Schöller diese Haltung auf den Punkt: Erhalt einer eigenen Wohnung im Gegenzug für Betreuung.
Schöller: Da gibt es solche Institutionen, so soziale Institutionen, die nehmen Jugendliche auf, ähm bieten denen eine Wohnung an, übernehmen die Kosten und ähm aber im Gegenzug ähm .. findet halt
50 Den Typus der Orientierungssuchenden (vgl. Kapitel 2.41), d. h. jungen Frauen in einer explorativen Phase, die danach das Hilfesystem zur Realisierung ihrer Normalitätsorientierung aufsuchen, halte ich im Rahmen dieser Studie nicht für eine relevante Kategorie, da sich diese jungen Frauen nach ihrer Orientierungsphase einem der anderen Typen zuordnen lassen können (vgl. vor allem Frau Kramer).
eine Betreuung pro Woche, einmal pro Woche oder zweimal, je nach Bedarf eben, statt, ja, wo halt alles mögliche geredet wird oder so.
Schöller: Also es is’ halt so, dass, eigentlich is’ es vorgesehen, dass man jeden Jugendlichen zweimal die Woche trifft, ja .. dadurch dass es aber ähm, dass ich eben sehr viel, ich hab’ halt Schichtdienst, sehr unregelmäßige Arbeitszeiten, sehr viele Überstunden und so weiter, da is’ es oft nicht möglich gewesen. Dann hat sich das bei mir so ausnahmsweise auf einmal die Woche reduziert und das geht schon. Aber ich muss sagen, das hat mich total genervt also, dieses zweimal, es hat mich total genervt, weil ich .. irgendwie an sich ... das war mir dann doch zuviel irgendwie und ... weiß ich nicht, bin ganz froh, dass ich das so auf einmal die Woche, passt eigentlich, ja. Frau Kramer funktionalisiert die Gespräche mit den Sozialpädagoginnen möglichst in ihrem Sinne, in dem sie versucht, „Papierkram“ zu erledigen und genau so viel Persönliches zu erzählen, wie es notwendig erscheint.
Kramer: Ja, die [Sozialpädagoginnen] sind halt .. sind schon nett und so. Aber die machen halt, mit denen mach’ ich meistens Papierkram, ich erzähl schon mal, die wollen immer so Gespräche und so, dass man ein bisschen was erzählt, ja, dann erzähl ich halt so ein bisschen und .. dann passt das wieder (Lachen) [...] ich muss da jede Woche fast hin und .. ich freu mich immer, wenn eine von denen in Urlaub ist, dann kann ich, also meine Betreuung in Urlaub is’, dann .. kann ich machen, was ich will. Ich möchte nicht jede Woche kommen.
Ihre Handlungsausrichtung ist in Bezug auf Ausbildung normalitätsorientiert (vgl. Kapitel 4.44), in Bezug auf Wohnverhältnisse jedoch vorerst auf das Hilfesystem gerichtet (betreutes Wohnheim, vgl. Kapitel 4.42). Sie sieht die Betreuung als notwendige Begleiterscheinung im Wohnheim an, das sie vorübergehend in Kauf nimmt, weil sie aufgrund finanzieller Engpässe nicht wieder auf der Straße stehen möchte - interpretierbar als ‚Tausch‘ von Wohnsicherheit gegen Betreuung.
Kramer: Ich hab’ mir überlegt, ähm, die Berufsschule jetzt erst zu machen, das sind halt zwei Jahre. Ich weiß nicht, ob ich es so lange hier aushalte, aber ähm .. ja, ich weiß nicht, ich habe halt Angst, dass wenn dann irgendwas ist, dass ich dann die Miete nicht mehr zahlen kann und so, deswegen ... Kramer: Hier [betreutes Wohnheim] is’ schon schön, doch. Am Anfang wollte ich ja gar nicht hier rein, weil ich es doof fand, so, aber ne, aber mittlerweile ist schon schön, doch. Man muss sich halt ab und zu mit den Betreuern treffen und das nervt halt.
Dieser ‚Tausch‘ von Betreuung gegen eigene Wohnung bzw. Wohnsicherheit zeigt einerseits, dass das Hilfesystem vor allem in Bezug auf materielle Ressourcen als eine Unterstützung angesehen wird. Andererseits ist zu fragen, ob die hier beschriebene Haltung vor allem für junge Frauen gilt, die faktisch wenig realistische Perspektiven (geringe finanzielle Mittel) auf eine vom Hilfesystem unabhängigen Wohnform haben.
Eine starke Funktionalisierung des Hilfesystems zeigen zwei Frauen (Frau Vacic, Frau Barth). Sie nutzen das Hilfesystem als materielle und formelle Ressource, lassen sich jedoch nicht auf eine Betreuung ein, sondern versuchen, sie zu vermeiden. Frau Vacic, die seit über einem halben Jahr in einer Pension lebt und somit keinerlei Betreuung hat (obwohl sie sich diese durchaus hätte organisieren können), ist mit ihrer Lebenssituation zufrieden (vgl. Kapitel 4.41). Sie funktionalisiert das Hilfesystem relativ stark, indem sie dann Kontakt aufnimmt, wenn sie etwas braucht. Oft benötigt sie dann materielle Dinge, manchmal auch Hilfe bei formellen Fragen.
Vacic: Und der Herr X [Sachbearbeiter im Sozialamt] hat bei Flughafen [potenzielle Arbeitsstelle]
angerufen. Ich hab’ doch gesagt, Herr X. Wenn ich was brauche, dann sag ich immer Herr X. Oder frag ich, .. dann helft der mir sofort. (Umrühren) [...] Und ich hab’ von Karla, für meine Kinder Fahrrad bekommen. [...] Aber auch so große, ganz neue hab’ ich bekommen .. so Sport so, wie sagt man, ähm Buffalos oder wie der heißt da. Schuhe. Markenschuhe. Buffalos. Das hab’ ich alles bekommen. Alles neu aber. Wenn ich was brauche, dann sag ich Frau Y [Sozialpädagogin von Karla 51]. Dann krieg ich sofort. Ich hab’ alles bekommen von Frau Y, von Karla, alles.
Vacic: Ja, Frau Y [Sozialpädagogin] .. oder ihre, von Karla, wenn ich irgendwas brauche. Alle helfen mir. [...] Kinder und Rechtsanwalt und alles. War auch bei mit mir Gericht gewesen. [...] Wir hatten vor ... zwei einhalb Monaten nochmal Gericht gehabt, wegen Unterhalt [...]. Sie sieht sich grundsätzlich als handlungskompetent an, denn sie bekommt, was sie benötigt: Entweder, weil sie es schafft, andere dazu zu bringen, etwas für sie zu tun, oder weil sie abwartet, bis sie es erhält - so wie das Warten bis ihre Bekannte umzieht, damit sie in die Wohnung kann, oder bis bei der Flughafenpost ein Job für sie frei wird. Grundsätzlich zeigt sie durchaus eine Orientierung an Wohnung und Arbeit, wobei sie allerdings relativ wenig Aktivität an den Tag legt. Ihre Normalitätsorientierung zeigt sich mehr in dem Wunsch, mit ihren Kindern zusammen zu sein, die momentan bei ihrer Schwägerin wohnen. Insgesamt gesehen zeigt Frau Vacic eine Normalitätsorientierung, die mit wenig Eigenaktivität verknüpft ist. Die der traditionellen Frauenrolle zugeordnete Passivität wird von ihr verstärkt gelebt.
Frau Barth funktionalisiert das Hilfesystem auch sehr deutlich, allerdings auf eine andere Art und Weise. Sie pendelt seit ca. 15 Jahren zwischen verschiedenen Einrichtungen des Hilfesystem und weiß daher, was die SozialpädagogInnen von ihr hören wollen.
Barth: Jetzt am Mittwoch sprechen Sie mit einem Sozialpädagogen. Ja .. das wird genau so ablaufen wie immer. Weil ich meine, ich bin ja auch so ein Typ, ich weiß ja, was die hören wollen. (leichtes Lachen) Das ist halt das Problem immer. ... Ich weiß das zwar selber, ich mach’ das, ich gehe da auch nicht rein und denke mir, jetzt ziehe ich den übern Tisch oder so, sondern es ist so eine ganz automatische Reaktion, ne. Jetzt auch nicht, was weiß ich, dass ich das jetzt stolz erzähle, aber irgendwie, ich weiß so genau, was sie von mir hören wollen und das kriegen sie dann zu hören und ich habe meine Ruhe.
Im Gegensatz zu normalitätsorientierten Frauen zeigt sie eine insgesamt ambivalente Haltung zu ihrer Handlungskompetenz bzw. Hilfebedürftigkeit, beispielsweise in Bezug auf therapeutische Unterstützung (vgl. Kapitel 4.46). Auch hat sie keinerlei Zukunftspläne und eigentlich auch keine dauerhaft tragfähige Motivation, etwas an ihrem Leben zu ändern.
Barth: Also ich kann mir das auch gar nicht vorstellen, anders zu leben, also, das ist ja so, man hat ja immer ein Ziel und denkt sich, ah, das wäre besser oder so, und diese Vorstellung habe ich gar nicht. Das irgendetwas anders wird? Ja, genau. Ja, das ist dann natürlich schwierig, da fehlt so ein bisschen die Motivation. Genau. So ist es. Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, ich könnte auch Hunderttausend Mark Schulden haben und unter der Brücke sitzen, ich würde mich da schon arrangieren und das wäre eigentlich mein Problem. Das ich da keinen Anspruch hätte. Frau Barth „arrangiert“ sich mit dem Gegebenen, so dass ihre Art der Funktionalisierung des Hilfesystems vor allem bedeutet, es sich einfach zu machen und sich den Anforderungen nach Einstellungs- und Verhaltensänderungen zu entziehen. Bei Frau Vacic stellt sich das etwas anders dar, sie will punktuell etwas bekommen und fühlt sich, da ihr das zu gelingen scheint, als handlungsfähig.
Eine andere Haltung gegenüber dem Hilfesystem zeigt Frau Weber. Durch die Ämter fühlt sie sich vor allem gegängelt und schikaniert (vgl. Kapitel 4.44 zu Arbeit und 4.45 zur finanziellen Situation) sowie vor allem auch abhängig in ihren Handlungen („Jetzt kann ich nur abwarten“). In ihrer momentanen Phase hat sie den Eindruck, dass für sie das Hilfesystem unzugänglich ist, denn sie findet nicht die richtige Unterstützung und hat auch keine Strategie, wie sie das erreichen könnte (vgl. auch Kapitel 4.46 zur Gesundheitssituation).
Weber: Weil i hab’ mich im XY [betreutes Wohnheim] vorgestellt, i weiß net, ob i das verzählt hab’, i glaub scho, die ham mich net genommen, weil die erzkatholisch san, na, wie schaut des aus, wenn sie rückfällig werden. ... Super, .. ja abgelehnt.
Weber: Dann hab’ i mich ähm letztes Jahr noch von ‘ner Therapie aus [...] vorgestellt bei, ähm XY [Drogennachsorgeeinrichtung] [...] Die hätten mi scho genommen wahrscheinlich, nur ich .. darf bittschön a noch aussuche, wo i sei will oder was i mache will. Und das waren halt, das war halt mehr oder weniger so, dass es um Frauen ging ähm .. mit harten Drogen. I mei, Alkohol is’, reicht ja scho ... (Ausatmen) ... mein Gott na ... na. Die waren mir erstens mal a unsympathisch, die Damen, also das war irgendwie so wie ein Verhör so. Ne, das war irgendwie total blöd.
Weber: Da gibt’s a Buch, [...] Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, da hab’ i a bisserl geschmökert .. und da gibt’s so Bücher ... haja, was also zum Beispiel mich betreffen würde, Borderline-Störungen und so ‘n Schmarrn [...] aber, das san so Sachen, mit denen beschäftige ich mich, ja. Ja. Ja, irgendwo muss i mir ja a Hilfe holen, also.
Als Ressource zeigt sich bei Frau Weber ihre Eigenständigkeit, sich zu informieren und auch selbst urteilen zu wollen. Frau Weber ist am ehesten dem Typus der institutionen-orientierten Schutzbedürftigen zuzuordnen und zwar in der Phase der Entfernung vom Hilfesystem, in der sie versucht, einen tragfähigen Alltag aufzubauen.
Frau Zapf hat letztendlich keine Haltung zum Hilfesystem. Sie ist mittlerweile mehrmals in der Karla 51 gewesen und jedesmal zu ihrem Mann zurückgekehrt. Wie bereits erwähnt, ist für sie die Institution Ehe ihre Heimat. Die Typologie der wohnungslosen Frauen passt nicht auf sie. In einer weiten Interpretation könnte sie als institutionenorientierte Frau gelten (Ehe), die ihre Schutzbedürftigkeit nicht im Hilfesystem sondern an der Seite ihres Ehemannes („daheim is“) auslebt. Dies ist insofern passend, als dieser Typus seine Umwelt als unbeeinflussbar sieht und ein anderes Leben daher als aussichtslos beurteilt, was sich bei Frau Zapf in ihrer resignativen Haltung ausdrückt.
Zapf: Karla, mei so is’ schön in der Karla, aber hier is’ halt doch besser. Ja, was is’ denn hier besser? Ja (leichtes Lachen) ... ... ... ... ... hier is’ mei Wohnung. Hm, hm ... und zu Hause, was heißt das so für Sie? ... na daheim is. Hm hm ... hm, ham Sie sich in der Karla nicht so wohl gefühlt? Ach doch, an und für sich schon, aber in der Karla kann man ja nicht ewig bleiben. Da muss man ja wieder raus. Das geht nur a Zeit (sehr leise).
Insgesamt ist auffallend, dass die Notunterkunft Karla 51, von allen Frauen sowohl als wichtige erste Anlaufstelle gesehen wird (notwendige Basisfunktion für die existenzsichernde Versorgung und Bereitstellung von frauengerechter Wohnmöglichkeit), als auch in der überwiegenden Zahl der Fälle als die beste Wohnform im Hilfesystem beschrieben wird, da sie am meisten Eigenständigkeit ermöglicht (Freiwilligkeit von Beratung, Einzelzimmer, keine Zwangsverpflichtungen wie Putzdienst, Hausversammlungen u. ä.). Dies gilt auch für die Frauen, die sich kritisch über die Karla 51 äußern, denn sie bleiben lieber
dort, als in eine andere intensiver betreute Wohnform zu gehen. Negativ wird öfters angemerkt, dass die Aufenthaltsdauer begrenzt ist.
Grundsätzlich gibt es zwei generelle Handlungsorientierungen gegenüber dem Hilfesystem: den positiven Bezug auf das Hilfesystem als Ressource und die negativ geprägte Haltung aufgrund empfundener Einengung. Das Hilfesystem wird als eine positive Ressource vor allem auch in persönlicher Hinsicht wahrgenommen, wenn die Frauen sich als (partiell) hilfebedürftig einschätzen. Ein längerer Aufenthalt auch im intensiver betreuten Hilfesystem fällt diesen Frauen relativ leicht. Sie können dabei sowohl eine Normalitätsorientierung (Frau Milenz, Frau Peschel) als auch eine Hilfesystemorientierung (Frau Bender) aufweisen. Schätzen sich die Frauen andererseits nicht als persönlich hilfebedürftig ein, erleben sie das Hilfesystem schnell als einengend und kontrollierend. Diese Frauen weisen alle eine Normalitätsorientierung auf. Es gibt nun zwei Möglichkeiten des Umgangs mit der verspürten Einengung und Kontrolle: Die überwiegende Verweigerung von Betreuung und der Versuch, möglichst bald das Hilfesystem zu verlassen. Gelingt dies, sind die Frauen zufrieden, auch mit subjektiv nicht perfekten Wohnbedingungen (Frau Ullmann, Frau Bullinger). Gelingt die Unabhängigkeit vom Wohnungslosenhilfesystem nicht, ist eine große Unzufriedenheit spürbar und sie versuchen, sich permanent vom Hilfesystem abzugrenzen (Frau Arzu). Die andere Möglichkeit des Umgangs mit dem Hilfesystem ist die Akzeptanz von partieller Betreuung, sofern eine baldige Unabhängigkeit vom Hilfesystem nicht realistisch erscheint. Dies wird als selbst gewählter Kompromiss interpretiert, bei dem frau Wohnsicherheit gegen Betreuung erhält und zeigt sich bei zwei der jungen Frauen (Frau Schöller, Frau Kramer). Eine andere Variante ist eine starke Funktionalisierung des Hilfesystems. Dabei ist der Bezug auf das Hilfesystem im Sinne einer materiellen Ressource durchaus positiv, ist jedoch gleichzeitig dadurch geprägt, sich den Anforderungen nach Einstellungs- und Verhaltensänderungen entziehen zu wollen. Diese Haltung können sowohl Frauen mit einer Normalitätsorientierung einnehmen, die dann jedoch eher wenig Eigenaktivität zeigen (Frau Vacic), als auch solche mit einer Orientierung auf das Hilfesystem, deren Einstellung durch ein hedonistisches Sich-Treiben-Lassen geprägt ist (Frau Barth). Die Zugänglichkeit des Hilfesystems kann für einige Frauen durchaus ein Problem darstellen, insbesondere wenn Vorleistungen erbracht werden müssen (Frau Weber). Bei einer stark resignativen Haltung (Frau Zapf) gilt die Umwelt als unbeeinflussbar, so dass das Hilfesystem keine Relevanz mehr hat.
4.5 Zusammenfassende Interpretation und Diskussion der Ergebnisse
Die sozialen Orientierungen und Handlungsmuster, die in den vorangegangenen Kapiteln analysiert wurden, sind Ausdruck einer subjektiv praktizierten Normalität und weisen auf Handlungspotenziale hin, die wohnungslosen Frauen zur Verfügung stehen. Wohnungslo-
sigkeit ist per Definition ein Mangel an eigenem Wohnraum. Ein zentrales Merkmal von gesellschaftlich zugeschriebener Weiblichkeit ist dagegen Häuslichkeit. Das bedeutet, dass wohnungslose Frauen auch eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Vorstellungsbild von Weiblichkeit führen müssen, da die Geschlechterrollen auch das Selbstbild von Frauen (und Männern) bestimmen. Dieser Konflikt lässt unterschiedliche Handlungsspielräume offen: Sich selbst von den negativen Zuschreibungen der Obdachlosen, die sich ‚geschlechtsunangemessen‘ verhält (kein Heim, kein Mann, keine Familie), abzugrenzen, bedeutet dann ein positives Selbstbild zu behalten. Bei den meisten Frauen findet sich der Wunsch nach einem eigenen Heim - zumeist in Form der eigenen Wohnung. Manchmal ist die Lösung auch, sich auf einen Mann hin zu orientieren oder auf die eigenen Kinder. Möglich ist jedoch auch, sich von diesen zugeschriebenen Weiblichkeitsvorstellungen zu lösen, wobei dann auch eine Orientierung an Häuslichkeit keine Rolle mehr spielt. Dass die meisten der interviewten Frauen gerne eine eigene Wohnung hätten, ist sicherlich auch auf eine zunehmende Individualisierung der Gesellschaft insgesamt zurückzuführen ist, wo kollektive Wohn- und Lebensmodelle im Vorstellungsbild keine Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund sind die Handlungsstrategien und die Suche nach möglichen Alternativen und/oder Übergangslösungen der Frauen zu sehen, die hier in komprimierter und geordneter Form zusammengefasst werden.
Die Handlungsorientierungen von normalitätsorientierten Frauen sind folgende:
• Alle normalitätsorientierten Frauen streben eine eigene Wohnung und eine Erwerbsarbeit an. Ein wichtiges Element zur Herstellung von Häuslichkeit (auch bei einem aktuellen Aufenthaltsort im Hilfesystem) wird von ihnen durch die Gestaltung der „eigenen vier Wände“, des sich Einrichtens erreicht. Ein stabiles soziales Netzwerk unterstützt diese Frauen und sie zeichnen sich durch Aktivitäten im Alltag (Arbeit, Freizeit) aus. (Frau Kramer, Frau Schöller, Frau Peschel, Frau Milenz, Frau Arzu, Frau Ullmann, Frau Bullinger, Frau Vacic).
• Bei jungen Frauen, die eine Normalitätsorientierung aufweisen (Frau Kramer, Frau Schöller), zeigt sich, dass eine Ausbildungsplatz, das entscheidende Kriterium für ein ‚normales‘ Leben darstellt und als Grundlage für die Realisierung von weiteren Wünschen dient. Ein wichtiger Zukunftswunsch stellt dabei eine eigene Wohnung dar, deren Verwirklichung auf „später“, nach Ausbildungsende, verschoben wird. Grund dafür sind die geringen finanziellen Mittel, die sie dazu veranlassen, sich die nächsten Jahre mit einer Wohnsituation im Hilfesystem zu arrangieren. Einzelbetreutes Wohnen ist bei den jungen Frauen, die sich nicht als betreuungsbedürftig sehen, die zufriedenstellendste Lösung, da hierbei eine weitgehende Selbständigkeit und Unabhängigkeit gewährleistet ist (Frau Schöller). Ein betreutes Wohnheim wird aufgrund der permanenten Nähe von Sozialpädagoginnen als „nerviger“ beurteilt. Eine betreute Mädchen-Wohngemeinschaft wird als bessere Möglichkeit gesehen, insbesondere dann, wenn
damit eine positive Gemeinschaft asoziiert wird (Frau Kramer). Hierin unterscheidet sich Frau Kramer, die sich mehr an einer Jugendszene orientiert, von Frau Schöller, für die dies keine Rolle spielt.
• Nicht mehr als junge Erwachsene geltende, ‚ältere‘ normalitätsorientierte Frauen streben möglichst bald eine eigene Wohnung und eine Arbeitsstelle an. Aufgrund der geringen Realisierungschancen, in München eine Wohnung zu finden, dient insbesondere Erwerbsarbeit dazu, sich wieder in die Gesellschaft integriert zu fühlen und „wieder wer zu sein“. Eine Orientierung auf die Kinder stellt dabei eine alternative Handlungsoption dar. Diese Frauen zeigen ein Bedürfnis, das vor allem mittels der Arbeit ausgelebt wird, sich gegenüber den als ausgrenzend erlebten Zuschreibungen der ‚Wohnungslosen‘ zur Wehr zu setzten: Deutlich ist dies bei Frau Arzu, Frau Ullmann, Frau Bullinger, Frau Peschel, weniger bei Frau Milenz und gar nicht bei Frau Vacic, die sich als Ausländerin als Ausgegrenzte sieht. Die Orientierung auf eine Erwerbsarbeit verringert jedoch oft die Chancen auf eine Sozialwohnung. Keine Erwerbsarbeit aufzunehmen, ist für diese Frauen anscheinend keine lebbare Alternative.
• Für normalitätsorientierte Frauen, die sich als partiell unterstützungsbedürftig wahrnehmen (Frau Peschel, Frau Milenz), ist das Hilfesystem vor allem auch in persönlicher Hinsicht eine positive Ressource, denn sie begreifen Gespräche mit Sozialpädagog-Innen als Hilfestellung und begründen damit positive individuelle Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Ein längerer Aufenthalt auch im intensiver betreuten Hilfesystem fällt diesen Frauen relativ leicht, weshalb sie hier auch die Wartezeit auf eine Sozialwohnung überbrücken können. Prekäre Wohnverhältnisse werden nicht eingegangen (latente, verdeckte Wohnungslosigkeit).
• Normalitätsorientierte Frauen, die sich als handlungsfähig und persönlich nicht hilfebedürftig wahrnehmen (Frau Arzu, Frau Ullmann, Frau Bullinger, Frau Vacic), erleben das Hilfesystem als einengend und kontrollierend. Niederschwellige Einrichtungen ohne Betratungsverpflichtung werden als Übergangswohnform akzeptiert, intensiver betreute Wohnformen abgelehnt. Diese Frauen verweigern eine persönliche Betreuung, funktionalisieren das Hilfesystem und versuchen es möglichst schnell zu verlassen.
• Der gewählte Lösungsweg ist für sie (Frau Ullmann, Frau Vacic, Frau Bullinger) ein vertretbarer Kompromiss zwischen subjektiven Ansprüchen (eigene Wohnung, Arbeit/Kinder, Unabhängigkeit vom Hilfesystem) und gesellschaftlicher Realität (Wohnungsnot). Deshalb verstehen sie sich auch als eigenständig und handlungsfähig, egal ob sie aktive oder eher abwartende Handlungsstrategien verfolgen. Eine subjektive Zufriedenheit ist dann gegeben, wenn zumindest in einem der Bereiche (entweder Wohnung oder Arbeit/Kinder) eine positive Veränderung stattfindet. Deshalb können sich diese Frauen mit subjektiv nicht perfekten Wohnbedingungen (Frau Ullmann, Frau
Vacic) zufrieden fühlen, d. h. sie akzeptieren auch prekäre Wohnbedingungen (u. a. latente Wohnungslosigkeit).
• Gelingt es nicht, einen Kompromiss zwischen eigenen Wünschen und den faktischen Tatsachen zu finden, ist eine große Unzufriedenheit spürbar. Es entsteht der subjektive Eindruck, keine Handlungsperspektiven auf Verbesserung zu haben, so dass ein resignatives Sich-Abfinden bestimmend wird (Frau Arzu), was auch psychosomatische Auswirkungen hat und zu einer Verschlechterung der Lebenslage führt.
Von den normalitätsorientierten Frauen unterscheiden sich deutlich die institutionenorientierten Frauen, die folgende andere Handlungsstrategien aufweisen:
• Institutionenorientierte Frauen zeichnen sich dadurch aus, dass sie wechselnde, ambivalente oder keine Zukunftswünsche haben (Frau Bender, Frau Barth, Frau Weber, Frau Zapf). Unabhängigkeit und Autonomie ist im Gegensatz zu normalitätsorientierten Frauen kein konkretes Ziel, was angestrebt wird. Sie zeigen vermehrt die andere, den Frauen zugeschriebene Seite - Bedürftigkeit, Abhängigkeit, Angewiesensein, wobei sich dies auf Unterschiedliches beziehen kann (Hilfesystem, therapeutische Unterstützung, Ehe, Beziehung).
• Bei jüngeren Frauen (Frau Bender) zeigt sich die Institutionenorientierung darin, dass eine Unterstützung von professioneller Seite gewünscht und vermehrt gesucht wird (Betreuung in Bezug auf Wohnen und Arbeit), um eine Stabilisierung ihrer Lebenssituation zu erreichen. Diese Frauen identifizieren sich mit einer hilfebedürftigen Gruppe/Szene, in der sie sich aufgehoben fühlen (hier: psychisch Kranke und Ex-Drogenabhängige). Sie zeigen positive Zukunftswünsche („irgendwann was anderes machen“), die sie auch versuchen umzusetzen. Zufriedenheit entsteht hier, wenn durch persönliche und psychische Betreuung Stabilität entsteht und sie sich nicht allein gelassen und überfordert fühlen, d. h. sie benötigen den Kontakt zum Hilfesystem, was für sie eine relevante Ressource auf lange Zeit darstellt. Eine Orientierung in Richtung auf eine eigene Wohnung rückt dadurch in weite Ferne. Arbeit dagegen - wie auch schon bei den jungen Frauen mit Normalitätsorientierung - wird als erstrebenswert angesehen. Die Suche nach einem passenden Aufenthaltsort im Hilfesystem ist trotz Problemen und Lücken realisierbar.
• ‚Ältere‘ institutionenorientierten Frauen haben schon mehrere gescheiterte Versuche unternommen, ihre Lebenssituation zu verändern (Frau Barth, Frau Weber, Frau Zapf). Sie zeigen uneindeutige Kompetenzzuschreibungen und haben keine klaren Handlungsoptionen (mehr), wie sie ihre Situation verbessern können. Deshalb haben sie faktisch eine Veränderungslosigkeit ihrer Situation akzeptiert, schlagen die Strategie des Abwartens, des Sich-Treiben-Lassens oder des resignativen Sich-Abfindens ein und zeigen ein geringes Aktivitätsrepertoire. Ein Sich-Abzufinden, führt vordergründig zu
einer Zufriedenheit (Frau Zapf). Sind Wünsche vorhanden, die sie nicht zu realisieren wissen, sind die Frauen unzufrieden (Frau Barth, Frau Weber). Diese Frauen leben alle isoliert und haben entweder rudimentäre Sozialkontakte, die sich nur auf wenige Personen beziehen, oder gar keine. Der Kontakt zum Hilfesystem ist sporadisch. Er wird dann aufgenommen, wenn Anstrengungen unternommen werden, von der unbefriedigenden Lebenssituation loszukommen. Das über niederschwellige Frauennotunterkünfte hinausgehende Hilfesystem erleben sie dabei oft als unzureichend zugänglich, da häufig Vorleistungen erbracht werden müssen, es zu hochschwellig oder zu spezifisch ist. Dies wirkt ausgrenzend, führt zu Frustrationen und bestärkt ihr subjektives Empfinden der Veränderungslosigkeit.
• Ein Versuch, sich Teile einer gesellschaftlich vorgegebenen Normalitätsorientierung zu erhalten, zeigt sich in einer Orientierung auf ‚Weiblichkeit‘ im weitesten Sinne: Es wird eine (problematische) Paarbeziehung aufrechterhalten, mit der der Zugang zu einer Wohnung verbunden ist (Frau Zapf, Frau Weber). Damit nehmen diese Frauen latente bzw. verdeckte Wohnungslosigkeit in Kauf. Dieser Ort erfüllt anscheinend das Bedürfnis nach Häuslichkeit, Zugehörigkeit sowie den Wunsch, nicht allein zu sein, und wird damit als eine (relativ) zufriedenstellende Wohnform erlebt. Dass es hierbei jedoch Ambivalenzen gibt, zeigt sich darin, dass diese Frauen keinen Versuch machten, eine eigene Gestaltung, Einrichtung ihrer Bleibe vorzunehmen. Für diese Frauen spielt einzig Hausarbeit als frauentypische Ressource zur Alltagsstrukturierung eine Rolleallerdings auch deshalb, weil Erwerbsarbeit alltagspraktisch nicht relevant bzw. realistisch ist.
• Ist eine Normalitätsorientierung obsolet (geworden), findet eine weitgehend vollständige Loslösung vom ‚normalen‘ Leben statt (Frau Barth), wobei Unbeständigkeit als Freiheit interpretiert und der Normalisierungsdruck des Hilfesystems zu funktionalisieren versucht wird. Es zeigt sich, dass diese Frauen durchaus Potenziale haben und immer wieder versuchen, ihre Situation zu verändern (Suche nach Arbeit, Wohnung), was jedoch nur kurze Zeit funktioniert. Eine andere Erklärung wäre, dass sie sich von der zugeschriebenen Weiblichkeitsvorstellungen lösten (Orientierung an Heim, Mann, Familie) und dann auch eine Orientierung an Häuslichkeit keine Rolle mehr spielt 51 .
Die Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen eine Reihe von Anknüpfungspunkten für die Soziale Arbeit, die ausführlich im folgenden Kapitel behandelt werden, wo eine theoreti-
51 DaFrau Barth die einzige Lesbe in der Stichprobe ist, können mehrere Gründe für diese Haltung ausschlaggebend sein. Bei Lesben setzt der Konflikt um die Frauenrolle und ein positives Selbstbild an ihrer sexuellen Präferenz an, da sie sich dadurch deutlich nicht ‚geschlechtsgemäß‘ verhalten. D. h., wollen sie ihr Lesbischsein schätzen, geht dies einher mit einer zumindest teilweisen positiven Bewertung von ‚Geschlechtsunangemessenheit‘ und einer Ablehnung der Frauenrolle. Scheitern sie dabei ihr Lesbischsein zu akzeptieren, scheitern sie auch daran, ein positives Selbstbild zu entwickeln (Vargo 1992, S. 37).
sche Verortung der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Frauen vorgenommen wird. An-hand der analysierten Aussagen der wohnungslosen Frauen wird deutlich, dass insbesondere zwei Themenkomplexe von besonderem Interesse sind und eine theoretische Fundierung benötigen:
• Einerseits Überlegungen zu einer kritischen Reflexion des Gegenstands Sozialer Arbeit
- beispielsweise mit folgender Fragestellung: Sind wohnungslose Frauen immer im eigentlichen Sinne Klientinnen der Sozialen Arbeit? Ist Wohnungslosigkeit nicht in vielen Fällen ein rein gesellschaftliches Problem? Hier ist zu überprüfen, inwiefern wohnungslosen Frauen eigenständig Möglichkeiten der Verbesserung ihrer Lebenssituation finden können oder eben aufgrund von objektiven lokalen Bedingungen daran gehindert werden.
• Andererseits zeigen sich auch viele Anknüpfungspunkte in Bezug auf die sozialarbeiterischen Methoden und Handlungsweisen sowie in Bezug auf die Adäquatheit des Hilfesystems. Die Wohnungslosenhilfe hat mit ihren vielfältigen Angeboten sicherlich eine Basisfunktion für die existenzsichernde Versorgung sowie die Unterbringung in Wohnraum. Eine darüber hinausgehende Arbeit mit wohnungslosen Frauen bedarf jedoch nach den Ergebnissen der Studie besonderer Überlegungen. Hier ist zu fragen, welche Angebote für wohnungslose Frauen sinnvoll sind und wie diese umgesetzt werden können.
Eine mögliche psychologische Interpretation der Ergebnisse, z. B. nach dem Modell der ‚Erlernten Hilflosigkeit’ von Seligmann u. a. (vgl. Davison/Neale 1998, 262ff), liegt sicherlich in vielen Punkte nahe. Ein psychologischer Ansatz wird jedoch hier nicht vorgenommen, da der Schwerpunkt dieser Arbeit nicht auf der Erklärung von individuellem Verhalten liegt, sondern darauf, Verhaltensmuster und Handlungsstrategien wohnungsloser Frauen herauszuarbeiten und für die Soziale Arbeit verstehbar und damit nutzbar zu machen. Ebenso wird hierbei auch der Bogen zu gesellschaftlichen Verhältnissen (Woh-nungsnotstand) hergestellt.
Bei einer kritischen Reflexion der Untersuchungsergebnisse zeigt sich, dass die Verknüpfung mit der Typologie wohnungsloser Frauen teilweise gewinnbringend ist, teilweise jedoch nicht die gewünschte Hilfestellung bietet. In den Fällen, wo die Frauen eine stärkere Orientierung auf eine traditionelle Frauenrolle aufweisen, ergeben sich Probleme mit der Zuordnung zu einzelnen Typen. Konkret bedeutet dies, dass eine Ausrichtung auf Mutter-Sein und Versorgung der Kinder, auf Ehe und Familie, auf Paarbeziehungen nicht so recht in das System der Typologie passt, wobei Steinert (1997b) ihre Untersuchung an sogenannten alleinstehenden wohnungslosen Frauen 52 durchführte und diese Punkte in ihrer
52 Dieser Begriff hat viele theoretische Unschärfen, die teilweise auch von Geiger/Steinert (1997, S. 33f) gesehen werden. ‚Alleinstehende Wohnungslose‘ ist in Bezug auf Frauen in vielen Fällen kein geeigneter
Stichprobe nicht auftauchten bzw. nicht berücksichtigt wurden (Geiger/Steinert 1997, 36). Die von mir vorgenommene erweiterte Interpretation der Typologie bleibt aufgrund der dargestellten Probleme meiner Stichprobe (vgl. Kapitel 4.3) lückenhaft und damit unbefriedigend. Die verhältnismäßig große Anzahl von wohnungslosen Frauen mit Kindern, die anscheinend eine stärkere Orientierung auf ein traditionelles Frauenbild haben und sich eher auf typische Abhängigkeitsbeziehungen mit Männern einlassen, d. h. in verdeckter oder latenter Wohnungslosigkeit leben, konnten vielfach nicht erreicht und damit nicht einbezogen werden (vgl. Kapitel 4.3, 4.44). Hier zeigt sich eine Lücke in der Forschung, ebenso wie bei ausländischen wohnungslosen Frauen, deren teilweise abweichende Orientierungen im Hinblick auf mögliche kulturelle Begründung untersucht werden müssten.
Adäquatheit bezieht sich bei qualitativen Studien auf die Menge an Daten, d. h. es soll so viel Material vorhanden sein, dass bei Variation und Tiefe der Informationen eine Sättigung eintritt (Morse 1994, 230). Mit der o. g. Einschränkung sehe ich diese Anforderung an diese Untersuchung gewährleistet. Die Angemessenheit des methodischen Vorgehens ebenso wie die Überprüfbarkeit der Ergebnisse (Morse 1994, 230), als zwei weitere wissenschaftliche Kriterien, sind durch die Diskussion der Methodenwahl und die Dokumentation des Verlaufs gewährleistet, so dass der Forschungsprozess und die Schlussfolgerungen nachvollziehbar und überprüfbar sind.
Begriff, da viele Frauen Kinder haben und sich, auch wenn diese fremduntergebracht sind, doch an einem Familienmodell orientieren (vgl. Kapitel 4.3). Darüber hinaus gehen Frauen viel schneller wieder Paarbeziehungen ein und nehmen eine Ausrichtung daran vor, so dass mir auch aus diesem Grund der Begriff nicht sinnvoll und eher an einem autonomen , d. h. ‚männlichen‘, Lebensmodell orientiert erscheint.
5
Der Empowerment-Ansatz in der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Frauen
Kenntnisse der Lebenssituation und der subjektiven Sinnsetzung, aus denen heraus sich Orientierungsmuster und Handlungsstrategien von wohnungslosen Frauen entwickeln, sind auch Voraussetzung für sozialpädagogisches Handeln, wenn dies nicht an den Betroffenen vorbeigehen soll. Bedeutsamer als eine ‚objektive‘ Wahrheitssuche ist für Sozialpädagog-Innen die Wahrnehmung von Wünschen und Bedürfnissen der Frauen. Die subjektiven Interpretationen der Wohnungslosigkeit sind nicht immer kongruent mit denen, die innerhalb des Hilfesystems entwickelt werden, wie im vorangegangenen Kapitel gezeigt werden konnte.
In Theorien der Sozialen Arbeit, in denen ein Verständnis subjektiver Interpretationen nicht oder nicht zentral verfolgt wird, ist die Divergenz zwischen Selbstwahrnehmung der KlientInnen und Problembeschreibung der Sozialen Arbeit kein Thema. Denn die Gegen-standsbestimmung erfolgt hierbei in einer von subjektiven Tun und Wollen losgelösten objektiven Struktur 53 . Da in dieser Arbeit gerade die subjektiven Interpretationen interessieren und wohnungslose Frauen als Handelnde verstanden werden, liegt es nahe, den theoretischen Ansatz der Sozialen Arbeit zu wählen, der explizit KlientInnen als kompetente AkteurInnen wahrnimmt, also das Empowerment-Konzept.
Bei der Verknüpfung der Auswertungsergebnisse der empirischen Studie mit dem theoretischen Konzept des Empowerment werden handlungstheoretische und handlungsleitende Gesichtspunkte behandelt. Folgende Fragen möchte ich in diesem Kapitel klären: Inwiefern ist es möglich, die Bewältigungsmuster wohnungsloser Frauen als Empowerment-Strategien zu beschreiben? Welche Handlungen und Einstellungen sind für Sozialpädagog-Innen für die Empowerment-Arbeit mit wohnungslosen Frauen nötig? Zuvor werde ich die wichtigsten Grundzüge des Empowerment-Ansatzes darlegen.
5.1 Handlungstheoretische Grundlagen des Empowerment-Konzepts
Empowerment ist ein Begriff für Konzepte in der Sozialen Arbeit, die die Menschen zur Entdeckung eigener Stärken ermutigen und Hilfestellung bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie vermitteln möchte. Insbesondere dem defizitorientierten KlientInnenbild setzt das Empowerment - als zentrales theoretisches Fundament - die
53 Ein Beispiel für eine solche Theorie der Sozialen Arbeit ist der systemisch-prozessuale Ansatz von Staub-Bernasconi (1998), der die Gegenstandsbestimmung durch ungenügende Ressourcen bzw. ungleiche Verteilung von Ressourcen anhand von Ausstattungs-, Austausch-, Macht- und Kriterienproblemen vornimmt.
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„Philosophie der Menschenstärken“ (Herriger 1997a, 73) entgegen. Mit diesem Menschenbild nimmt Empowerment Elemente aktueller gesellschaftspolitischer Diskurse über Individualisierung, Zivilgesellschaft und die Relevanz des Sozialstaats auf, die auch die Lösung des Menschen aus normativen Zwängen und dessen Selbstbestimmung betonen. Im Zuge der sozialen Reformdebatte ist der Empowerment-Ansatz in der Sozialen Arbeit in kurzer Zeit zu einer „modischen Fortschrittsformel“ (Herriger 1997b, 29) geworden, der oft als progressives Symbol ohne faktische Neuerungen verwendet wird. Das dem Empowerment inhärente soziale, politische und gesellschaftliche Veränderungsbestreben (z. B. Lüttringhaus 2000, 81ff) geht damit verloren.
Die Wurzeln des Empowerment-Ansatzes liegen in politischen Bewegungen, wie beispielsweise der black-power-Bewegung in den USA, den feministischen Bewegungen, der Selbsthilfebewegung, den Bürgerinitiativen oder der educacion popular in Lateinamerika. Hier wird deutlich, dass Empowerment auf die strukturell bedingte ungleiche Verteilung von Macht, Einflussnahmen und Ressourcen zielt. Politische und/oder gesellschaftliche Bewegungen (z. B. die Anti-Globalisierungs-Bewegung) sind daher auch als Empowerment-Prozesse beschreibbar. Die aktuelle Diskussion um Empowerment ist ein Teil der erst seit kurzem geführten Debatte um Soziale Arbeit als Menschenrechtsberuf. Diese neue Tendenz grenzt sich deutlich der Entwicklung hin zur pragmatischen Marktorientierung und zum Sozialmanagement in der Sozialen Arbeit ab (Fröschl 2001, 295f). Diese Men-schenrechts-Orientierung der Sozialen Arbeit nimmt - zum ersten Mal seit den 1970er Jahren - wieder eine verstärkt politische Haltung ein, bei der die Bedürfnisse und Rechte der Menschen im Mittelpunkt stehen und ihre gesellschaftliche Durchsetzung angestrebt wird. Empowerment gilt als eine Möglichkeit zur Durchsetzung der Menschenrechte der KlientInnen der Sozialen Arbeit (Fröschl 2001, 296).
In der Fachöffentlichkeit ist Empowerment mittlerweile ein allgemein akzeptierter Begriff, dessen genaue inhaltliche Füllung und Ausrichtung jedoch in vielen Punkten noch offen ist (Herriger 1997a, 11), d. h. es ist eine noch nicht gänzlich ausformulierte Theorie der Sozialen Arbeit. Empowerment ist vor allem ein Konzept, dass im Prozess der Diskussionen weiterentwickelt und präzisiert werden muss. Dadurch ergeben sich auch die Schwierigkeiten in der Beschreibung dieses Ansatzes.
Einigkeit besteht darin, dass Empowerment - entsprechend der dem Begriff innewohnenden Bedeutung - einen Entwicklungsprozess meint, in dessen Verlauf die Menschen die Kraft und Stärke gewinnen, um ein eigenverantwortlich bestimmtes, besseres Leben zu verwirklichen. Das Ziel dieser individuellen bzw. kollektiven Bemächtigungsprozesse, also die Definition dessen, was denn ein besseres Leben sein soll, ist nicht klar dargelegt. Daher können sich hinter dem Konzept auch die unterschiedlichsten Werthaltungen verbergensozialrevolutionäre Zukunftsvorstellungen ebenso wie traditionelle Rückwärtsgewandtheit (vgl. Herriger 1997a, 11). Betont wird die Prozesshaftigkeit des Empowerment-Ansatzes,
durch den eine „Befreiung von Unterdrückung“ und eine „Eroberung von Selbstbestimmung“ (Herriger 1997a, 11) erfolgen soll. Damit ist auch der Ausgangspunkt des Empowerment benannt, nämlich eine „Position der Schwäche und Marginalisierung“ (Stark 1993, 41), also das, was grundsätzlich als Ausgangspunkt/Gegenstand Sozialer Arbeit gesehen wird: Soziale Problemlagen im weitesten Sinne.
Die Soziale Arbeit ist eine Handlungswissenschaft, die immer Ziele benötigt, also etwas, was erreicht bzw. vermieden werden soll. Daher befindet sich die Soziale Arbeit in Aus-einandersetzung mit der Frage, wie anzustrebende Gesellschaften aussehen sollen, d. h. sie muss einen Ist-Zustand mit einem Soll-Zustand mittels Analyse und handlungsleitenden Werten verbinden sowie in einem zweiten Schritt durch Beschreibung adäquater Methoden die Zielerreichung formulieren (vgl. beispielsweise das Vorgehen von Staub-Bernasconi 1998, 11f). Dem Empowerment-Konzept fehlt bisher eine Operationalisierung von Zielen ebenso wie eine klar strukturiertes Instrumentarium zur Ist-Analyse. Darin liegt eindeutig die Schwäche des Ansatzes.
Die Stärke des Empowerment-Konzepts liegt in der Grundhaltung der sozialpädagogischen Arbeit - nämlich Hilfe überflüssig zu machen - und in der Hinwendung auf die Stärken und Fähigkeiten der Menschen, wodurch ihre Wünsche und Bedürfnisse von der Sozialen Arbeit „wirklich ernst genommen und unterstützt werden“ (Pankofer 2000, 18). Empowerment bedeutet vor allem eine Änderung des professionellen Blickwinkels und damit einhergehend andere Aufgaben und Rollen für die SozialpädagogInnen. Grundlage für diese Perspektive sind wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen eine wichtige Voraussetzung für körperliches und seelisches Wohlbefinden die Fähigkeit und Möglichkeit von Individuen sind, ihr Leben selbst kontrollieren zu können (Stark 2001, 3).
In der folgenden ausführlichen Darlegung des Empowerment-Konzepts werde ich insbesondere auf die fortschrittlichen Aspekte des Ansatzes eingehen. Diese liegen einerseits im Menschenbild sowie dessen inhärenten Zielvorstellungen und andererseits in den daraus resultierenden Rollen und Aufgaben der SozialpädagogInnen, die das professionelle Handeln bestimmen. In diesen beiden Aspekten finden sich die gravierendsten Unterschiede zu anderen theoretischen Auffassungen. Innerhalb der Empowerment-VertreterInnen besteht darin auch eine weitgehend große Einigkeit.
5.11 Das Menschenbild im Empowerment
Durch Empowerment sollen die Menschen ermutigt werden, ihre Stärken und Fähigkeiten wahrzunehmen und diese aktiv einzusetzen. Die eigene Fähigkeit 54 zu „der Selbstbestimmung und der autonomen Lebensführung“ (Herriger 1997, 155) soll (wieder)entdeckt wer-
54 Zurexakten Abgrenzung und Begriffsbestimmung von Stärken, Kompetenzen, Fähigkeiten und Ressourcen vgl. Miller (2000).
den. Damit einher geht das Ziel, dass die Menschen Macht über die Gestaltung ihres Lebens erlangen. Dabei kann Macht als Ressource sich auf Unterschiedliches stützen, beispielsweise materielle Güter (z. B. Geld, Wohnung), physiologische Ressourcen (z. B. Ge-sundheit), psychische Ressourcen (z. B. positive Selbsteinschätzung), soziale Ressourcen (z. B. unterstützende Netzwerke), kulturelle Ressourcen (z. B. Wissen) (vgl. Miller 2000, 30). Diese Ressourcen dienen den Menschen zur Freisetzung von „Veränderungspotenzialen auf der emotionalen, kognitiven und interaktiven Ebene“ (Stark 1993, 41). Dieser positive Ansatz der Menschenstärken ist in fünf zentralen Grundsätzen zusammengefasst worden (Herriger 1997a, 75ff):
• Das Vertrauen in die Fähigkeiten jedes einzelnen zu Selbstgestaltung und gelingendem Lebensmanagement: Die Orientierung auf die (oft verschütteten) Stärken, das Leben auch in Phasen der Hilflosigkeit in eigener Regie gestalten zu können, bedeutet, den KlientInnen die Möglichkeit zu geben, sich der eigenen Fähigkeiten und Ressourcen bewusst zu werden und sie einsetzen zu lernen (Methoden: Unterstützungsmanagement, Kompetenzdialog, Netzwerkarbeit).
• Die Akzeptanz von Eigensinn und der Respekt auch vor unkonventionellen Lebensentwürfen der KlientInnen bedeutet einerseits ein parteiliches Engagement und ein Sich-Einlassen auf ihre Lebenshaltung und bedeutet andererseits auch, ihnen Werkzeuge für eine selbst ausgesuchte gelingendere Lebensbewältigung zur Verfügung zu stellen. Die Toleranzgrenze ist hierbei jedoch die eigene physische und psychische Integrität oder die von anderen.
• Das Respektieren eigener Wege und eigener Zeit der KlientInnen: Ein autonomes und selbstbestimmtes Leben kann eigenständig gemeistert werden, wobei dieser Prozess seine „eigene Zeit“ (Herriger 1995, 159) braucht und „in aller Regel in Umwegen, Rückschritten, Warteschleifen“ (Herriger 1995, 159) verläuft, d. h. zeitlich nicht planbar ist und vor allem nicht streng strukturierten Hilfeplänen angepasst werden soll.
• Der Verzicht auf entmündigende ExpertInnenurteile über die Definition von Lebensproblemen, Problemlösungen und wünschenswerten Lebenszukünften: Eine nicht-beurteilende Grundhaltung will neue Lebensperspektiven durch machtgleiches Aushandeln herbeiführen (Methode: Biografischer Dialog), wobei dazu auch Kritik und Problematisierungen gehören. ‚Sharing power‘(vgl. Herriger 1997a, 198ff), also die dialogische Verständigungsarbeit des machtgleichen Aushandelns, ist dabei ein zentraler Ansatz, mit dem Empowerment erreicht werden soll.
• Die Orientierung an der Lebenszukunft bedeutet den auf die Vergangenheit gerichteten retrospektiven Defizitblick (Misserfolge) in die Zukunft zu wenden und neue Möglichkeitsräume und Ressourcen zu erschließen (Methode: zukunftsorientierter biografischer Dialog).
Der „Teufelskreis“ (Herriger 1997a, 65ff) von Defizitblickwinkel der ExpertInnen und negativer Selbstdarstellung der Hilfesuchenden, der eine Hilfe zur Selbsthilfe oft erschwert bzw. unmöglich macht, soll durch den Bezug auf die Menschenstärken und die Umsetzung der Empowerment-Philosophie durchbrochen werden. Den KlientInnen werden grundsätzlich Fähigkeiten und Stärken sowie ein eigenes Lebensmanagement zugetraut. Sie tragen immer die Verantwortung für ihr Leben selbst, ohne von Fachkräften über das ‚richtige‘ Leben oder die ‚beste‘ Lösung belehrt zu werden. Erst dadurch können sie ihre ‚Selbstmächtigkeit‘ erkennen und einsetzen lernen.
Empowerment wendet sich mit diesem Menschenbild gegen die Klientifizierung von gesellschaftlichen Gruppen. Die Abwendung vom Problemgruppenstatus ist positiv zu sehen, da dadurch den Menschen ihr Subjekt-Sein und ihre Handlungsfähigkeit zugesprochen wird. Damit steht nicht mehr die Viktimisierung des Einzelnen (Opfer) und kompensierende Programme im Zentrum sozialpädagogischen Handelns, sondern die Blickrichtung geht auf die Bewältigungsstrategien und Lebensmöglichkeiten in der Zukunft (ÜberlebendeR). Diese Umorientierung ist in der sozialen und/oder therapeutischen Arbeit nicht gänzlich neu. Beispielsweise wird in einer feministischen Orientierung mit Betroffenen von sexuellem Missbrauch dieser Perspektivwechsel (Überlebende statt Opfer) schon lange in die Arbeit mit einbezogen, wodurch sich neue Bewältigungsmöglichkeiten für Betroffene ergeben (vgl. Loulan 1992, 214).
Die deutliche Betonung des starken, autonomen und erfolgreichen Individuums im Empowerment-Konzept verleugnet jedoch Abhängigkeit, Bezogenheit und Bedürftigkeit (vgl. Quindel/Pankofer 2000, 36f) und präsentiert damit ein Bild des Menschseins, wie es in westlichen, kapitalistischen Gesellschaften vorherrscht. Dieses Konzept des Menschen ist euro- und androzentristisch, d. h. geht eindeutig von einem weißen, männlichen Subjektverständnis aus. Das Empowerment propagiert mit dem Bild des autonomen, selbstbestimmten, abgegrenzten und selbstwirksamen Menschen ein Subjekt mit ‚männlichen‘ Eigenschaften, das eine positive Bewertung erhält, und in der Empowerment-Arbeit explizit angestrebt wird. Damit werden implizit den Frauen zugeschriebene Eigenschaften (Ver-bundenheit, Bezogenheit, Abhängigkeit etc.) negativ bewertet, wodurch das Empowerment-Konzept, weil es die geschlechtsspezifische Thematik nicht aufnimmt, mit zum Erhalt eines abwertenden Frauenbildes beiträgt. Selbstbestimmung und Lebensautonomie werden bei Frauen oft nicht positiv beurteilt, sondern häufig in moralisierende Verurteilungen umgemünzt und in Ansprüche umformuliert (die Mütterliche, Sorgende, Selbstlose u. ä.). Der gesellschaftliche Normalitätsdruck auf Frauen wird durch diese Ideologie des Empowerment erhöht und Frauen werden dadurch in eine verstärkte Ambivalenz gezwungen (gleichzeitig autonom und sozial bezogen sein).
Es fehlt hier an einer Ausgestaltung eines ausgeglicheneren Menschenbildes, das Autonomie/Selbstbestimmung und Abhängigkeit/Verbundenheit nicht als zwei unterschiedlich
bewertete Pole sieht, sondern in diesem Spannungsfeld einen Ausgleich zu schaffen sucht. Diese Kritik am Empowerment-Konzept kann meines Erachtens in der Praxis dadurch relativiert werden, dass die geschlechtsspezifische Thematik und die Prinzipien feministischer Sozialer Arbeit in die konkrete Praxis mit eingebracht werden. Grundsätzlich halte ich das im Empowerment vertretene Ziel, Selbstbestimmung über das eigene Leben zu erhalten, für alle Menschen als anstrebenswert. Eine freie Entscheidung für eine eigene Lebensweise muss in der Arbeit mit Frauen mit einer Ausweitung von Denk- und Handlungsspielräumen einhergehen und gleichzeitig die einschränkenden traditionellen Geschlechterrollenverteilung problematisieren.
Das im Empowerment-Konzept beschriebene Menschenbild ist außerdem ‚mainstreamförmig‘, da es sich gut in die Anforderungen an Einzelne in einer postmodernen, individualisierten und neoliberalen Gesellschaft integrieren lässt. Eine „flexible Anpassung an Lebensumbrüche“ (Herriger 1997a, 177), die vom Empowerment als eine mögliche Strategie des erfolgreichen Handelns gesehen wird, ist auch im postmodernen Kapitalismus nötig, der den flexiblen und marktgängigen Menschen braucht. Inwiefern in diesen Gesellschaften Schwach-Sein und Nicht-Gelingen noch seinen Platz haben kann, anstatt profitable Höchstleistungen erbringen zu müssen, wird nicht thematisiert. Eine Diskussion darüber steht im Empowerment-Diskurs noch aus.
Empowerment-Prozesse entwickeln sich auf drei miteinander verknüpften und sich wechselseitig beeinflussenden Ebenen, die auch von alle AutorInnen benannt werden (vgl. z. B. Stark 1993, 43f) und deren Nähe zur klassischen Aufteilung der Sozialen Arbeit in Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit ins Auge sticht: Auf der individuellen Ebene (sogenanntes psychologisches Empowerment) besinnen sich die Menschen auf ihre Stärken und entwickeln das Bewusstsein, ihre Lebenswelt gestalten zu können; auf der Gruppen- und Organisationsebene fungiert die Gemeinschaft als Lern- und Entwicklungsfeld für organisatorische und soziale Kompetenzen; auf der strukturellen Ebene (sogenanntes politisches Empowerment) bedeutet Empowerment die aktive Teilhabe und Gestaltung an Entscheidungen für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. Die manchmal vorgenommene Trennung in psychologisches und politisches Empowerment (vgl. Herriger 1997a, 169ff) ist eine künstliche Trennung von Prozessen, die erst in Verknüpfung unter-einander Sinn machen. Die Vorstellung, dass sich Menschen „mit anderen zusammenschließen und sich vernetzen, um gemeinsam ihr Leben zu kontrollieren“ (Herriger 1997b, 30), impliziert bestimmte Motivationslagen zur Voraussetzung für Empowerment-Prozesse wie beispielsweise der Willen zur Lebensumweltgestaltung oder zur Teilhabe an Gruppen.
Zusammenfassend bedeutet das Empowerment-Konzept eine Ermutigung zur selbstbestimmten und selbstgewählten Lebensführung. Es verlangt eine Änderung des professionellen Blickwinkels, der Vertrauen auf die Stärken und auf die selbstgewählten Lösungswege der Menschen zeigt. Kritisch anzumerken ist, dass der dem Konzept inhärente Sub-
jektbegriff nicht genügend reflektiert wird und somit ‚blinde Flecken‘ in Bezug auf Geschlecht, Modernisierung und Kultur enthält. Hier ist eine theoretische Erweiterung nötig. Trotz dieser Einschränkungen birgt das Empowerment-Konzept Anregungen für ein neues Verständnis Sozialer Arbeit.
5.12 Rolle und Aufgaben der SozialpädagogInnen
Der von SozialpädagogInnen verlangte Perspektivenwechsel des Empowerment bedeutet sich von der „sozialtechnologischen ‚Reparaturmentalität‘ helfender Berufe“ (Stark 1993, 41) und der „fürsorglichen Belagerung“ (Herriger 1997b, 30) zu verabschieden und eine Haltung einzunehmen, die vom grundsätzlichen Vertrauen in die Stärken des Menschen geprägt ist.
Die zentralen Aufgaben des Empowerment liegen für Professionelle darin (Stark 1993, 41ff), Prozesse anzustoßen und die KlientInnen auf ihrem Weg zur Gestaltung der eigenen sozialen Lebensräume zu begleiten. Dabei sind die KlientInnen ExpertInnen in eigener Sache. Sie entscheiden sich aufgrund ihres Erfahrungshintergrundes für die für sie passenden Lösungen, die von den SozialarbeiterInnen im Sinne dialogischer Verständigungsarbeit akzeptiert werden müssen. Entsprechend verändern sich auch der Kontakt und die Arbeitsbereiche, da von Seiten der Fachkräfte nun geboten ist, vor allem eine indirekte Förderung vorzunehmen, um den KlientInnen neue „Möglichkeitsräume für Selbstbestimmung“ (Herriger 1997b, 31) zu eröffnen, d. h. ihnen (Lern)Erfahrungen der eigenen und/oder gemeinsamen Stärke zu geben.
Grundlage dieser Haltung ist die Anerkennung von Gleichberechtigung zwischen Professionellen und KlientInnen (vgl. Herriger 1997b, 33). Es muss eine symmetrische Beziehung aufgebaut werden, die auf eine gleichberechtigte Verteilung von Verantwortung und Macht achtet und sich auf einen Beziehungsmodus einlässt, der vom partnerInnenschaftlichen Aushandeln geprägt ist. Diese Konstellation ist im Empowerment-Konzept unter dem Begriff ‚sharing power‘ gefasst worden 55 , mit der eine veränderte berufliche Identität der SozialarbeiterInnen einhergeht. Da ich diesen Punkt für zentral halte, ist es wichtig, die entscheidenden Grundlagen und die damit einhergehenden Probleme zu benennen. Die „insti-tutionengebundenen Ressourcen der Macht“ (Herriger 1997a, 198) sichern den SozialarbeiterInnen die Position von strukturell bedingter Überlegenheit, bei denen nach Wegen gesucht werden muss, Macht zu teilen bzw. abzugeben. Die strukturellen Machtressourcen der SozialpädagogInnen liegen in folgenden Punkten begründet:
• Durch die Kontrolle des Zugangs zu institutionellen Ressourcen verfügen die SozialpädagogInnen erstmal prinzipiell über die Macht, den KlientInnen eine Leistung
55 In den Begrifflichkeiten von Staub-Bernasconi (1998, 24ff) geht es hier um den Aufbau einer symmetrischen Beziehung, die keine Behinderungsmacht sondern stattdessen Begrenzungsmacht einsetzen möchte.
grundsätzlich zu gewähren und auch über deren Umfang und Zuschnitt zu entscheiden. Im Sinne des Empowerment-Konzepts ist es notwendig, den KlientInnen einen Einfluss auf die Gestaltung des Hilfeprozesses und letztendlich auch über die Strukturen in der Hilfeinstitution selbst zu gewähren. Möglichkeiten dazu sind beispielsweise eine Beteiligung an Organisationsstrukturen und Entscheidungsabläufen nicht nur im individuellen Hilfeprozess sondern auch innerhalb der Institutionen selbst. Hier steht meines Erachtens viel noch ungenutzter Spielraum zur Verfügung, denn dies wird selten umgesetzt.
• Die Definitionsmacht der ExpertInnen über die zu bearbeitenden Probleme, die häufig in Diagnosen niedergelegt wird, kann durch Anerkennung der alltagsgebundenen Wirklichkeitskonstruktionen, der Problemdefinitionen und Lösungen der KlientInnen verändert werden, wenn das Menschenbild des Empowerment ernstgenommen wird. Notwendig ist dafür das dialogische Prinzip der Aushandlung über die ‚Wirklichkeit‘, Normalisierungsansprüche von professioneller Seite zurückzustellen und eine gemeinsame Reflexion über Ziele und Erfolg durchzuführen.
• Die Beziehungsmacht bezieht sich auf die Macht der SozialpädagogIn, das formale Setting, die Kommunikationsregeln und die Interventionsverfahren zu bestimmen. Zur Herstellung einer demokratischen, das Selbstbestimmungsrecht und die Autonomie der KlientInnen achtenden Arbeitsbeziehung gehört u. a., auf verwissenschaftlichte Sprachmuster und auf überhebliche Distanz zu verzichten (vgl. Herriger 1997a, 198ff). Unerlässlich ist es dafür, sich auch auf unübliche Situationen einzulassen und sich in die Welt der KlientInnen zu begeben.
Notwendig zur Umsetzung von sharing power ist die Selbstreflexion und zwar insbesondere, um die eigenen Normen sowie den eigenen Normalitätsbegriffs von gelingendem Leben und der Machtstrukturen im Prozess zu überprüfen, die oft auch verdeckt vorliegen. Insbesondere die „stillen Verführungen zum Mächtig-Sein“ (Herriger 1997a, 199) sind dabei einer bewussten Reflexion zugänglich zu machen. Fakt ist auch, das Reflexion allein nicht ausreichend ist. Zur Umsetzung von sharing power gehört auch der tatsächliche Wille, Macht auf Dauer abgeben zu wollen. Denn Mitbestimmung und Partizipation bedeuten noch nicht unbedingt eine Machtverschiebung bzw. einen Machtausgleich zwischen den Beteiligten. Wichtig ist hierbei, tatsächlich die Verfügungsgewalt über Ressourcen in die Hände von KientInnen zu legen und ihnen nicht nur den „sense of empowerment“ (Quindel/Pankofer 2000, 39), das Gefühl von Empowerment zu geben.
Die Beziehung zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn kann unterschiedlich ausgelösten Störungen unterworfen sein (Herriger 1997a, 200ff): so beispielsweise das Abwehren von als Zumutung verstandener Selbstbestimmung und Autonomie durch die KlientInnen, der Rückgriff auf „soziale Fertigprodukte“ (Herriger 1997a, 196) von Seiten der Sozialpäda-
gogInnen, der Widerstand gegenüber jeglichen Unterstützungsversuchen und das Beharren auf grenzüberschreitendem Eigensinn. Probleme ergeben sich auch durch institutionelle Widerstände gegen den Empowerment-Ansatz vor allem im Zwang zu schneller und sparsamer Fallbearbeitung, im Mandat zur Verhaltenskontrolle oder in Bearbeitungsroutinen (Herriger 1997a, 204ff). Hierbei müssen die SozialarbeiterInnen eine Veränderung der Situationsvorgaben anstreben.
Notwendig für eine Empowerment-Praxis sind auch Empowerment-Prozesse bei den SozialarbeiterInnen selbst, d. h. wir sind aufgefordert, Vertrauen in die Gestaltungsmöglichkeiten unserer eigenen Arbeit zu haben. Dazu gehört dann auch eine Emanzipation aus beschränkenden Arbeitsvorgaben, was durch die „Entwicklung einer neuartigen sozialpolitischen Professionalität, die sich in der Öffnung administrativer und politischer Strukturen für Partizipation und Bürgerbeteiligung dokumentiert“ (Herriger 1997a, 216), erreicht werden soll. Empowerment kann nicht nur einseitig als professionelle Anforderung ver-standen werden, sondern beinhaltet auch für die Professionellen selbst ein emanzipatives Potenzial, sich der eigenen Handlungsmächtigkeit bewusst zu werden und dieses in der sozialen und gesellschaftlichen Arbeitspraxis individuell und kollektiv umzusetzen. Genauso wie SozialpädagogInnen Macht an KlientInnen abgeben sollen, müssen sie - in meinem Verständnis - sich Mitsprache und Entscheidungsspielräume im Feld der Sozialpolitik erkämpfen.
Zusammenfassend bedeutet dies, dass das Selbstverständnis der SozialpädagogInnen durch das Empowerment-Konzept grundsätzlich verändert wird, da es auf die professionelle Grundhaltung einwirkt. Zentrale Aufgabe ist demnach das Anstoßen und die Begleitung von Emanzipationsprozessen bei den KlientInnen, wobei individuelle Lösungen akzeptiert werden müssen. Diese Haltung gepaart mit dem Bild der Menschenstärken wirkt gegen eine Klientifizierung der Menschen bzw. einzelner Gruppen. Damit einhergehen muss eine Machtverschiebung zugunsten der KlientInnen, die im Prinzip des sharing power angelegt ist. Hierin können sich in der Umsetzung unterschiedliche Schwierigkeiten zeigen, die durch kritische Reflexion des Prozesses und den Willen zur Umgestaltung angehbar sind. Entscheidend für solche Veränderungen sind jedoch auch Empowerment-Prozesse bei den Professionellen selbst, die dazu aufgerufen sind, die Struktur der Hilfe-landschaft in einem gemeinsamen Prozess zu gestalten.
5.2 Empowerment mit wohnungslosen Frauen
Der Empowerment-Diskurs spielt in der Wohnungslosenhilfe im Vergleich zu anderen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern eine geringe Rolle, da es vermeintlich als wenig vereinbar mit der beruflichen Praxis gilt (Back 2000, 129). Tatsächlich scheint das Menschen-
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bild im Empowerment-Konzept im Gegensatz zum Vorstellungsbild der wohnungslosen Frau zu stehen, das durch multiple Problemlagen gekennzeichnet ist (vgl. Kapitel 2.5 zu Erklärungsversuchen und Faktoren für die Wohnungslosigkeit von Frauen). In der Regel sehen die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe vor allem die Probleme und Defizite ihres Klientels (Back 2000, 133). Dennoch gibt es - wenn auch bisher nur selten - Ansätze, Empowerment-Prozesse in der Wohnungslosenhilfe umzusetzen (vgl. Back 2000, 134ff; Blank 1997).
Im Folgenden wird anhand des theoretischen Ansatzes des Empowerment-Konzepts die Frage überprüft, inwiefern sich die von mir befragten wohnungslosen Frauen ‚empowert‘ haben. In dem darauf folgenden Schritt wird Überlegungen nachgegangen, wie in der Wohnungslosenhilfe mit Frauen eine Umsetzung des Empowerment-Konzepts in die Praxis aussehen könnte.
5.21 Handlungsstrategien wohnungsloser Frauen - ein Fall von Empowerment?
Empowerment im ganz allgemeinen Sinne ist häufige Alltagspraxis und findet sich an vielen individuellen und kollektiven Orten. Daher ist es grundsätzlich möglich, die Veränderung der Lebenssituation der befragten wohnungslosen Frauen, die auch ohne fachliche Hilfe vonstatten gehen kann, in den Begriffen des Empowerment-Ansatzes zu beschreiben. Um persönliche Unabhängigkeit (auch von sozialen Institutionen) und die Selbstbestimmung des eigenen Lebens zu erreichen, wie es das Ziel des Empowerment-Ansatzes ist, müssen eigene Potenziale erkannt, entwickelt und eingesetzt werden. Diese angestrebte Autonomie setzt generell die Handlungsfähigkeit voraus, den Anforderungen des individuellen Alltags gerecht zu werden.
Diese Zieldefinition des Empowerment, bezogen auf die untersuchten wohnungslosen Frauen, ergibt insgesamt ein positives Bild. Begreifen wir die Situation der Wohnungslosigkeit als eine Krisensituation, dann zeigt sich, dass ca. ein dreiviertel Jahr danach die meisten interviewten Frauen einen Weg gefunden haben, ihr Leben wieder zufriedenstellend zu gestalten bzw. dabei sind, ein für sie gelingenderes Leben umzusetzen. Die eingeschlagenen Richtungen sind unterschiedlich, erlauben den Frauen in den meisten Fällen jedoch, mit ihrem Lebensalltag besser klar zu kommen und Schritte in Richtung vermehrter Selbstbestimmung und Selbständigkeit zu unternehmen. Dies gilt einerseits im subjektiven Empfinden der Frauen und lässt sich andererseits auch objektiv anhand der Kriterien Ausbildung, Erwerbstätigkeit, gesicherte Wohnverhältnisse, finanzielle Absicherung und Zugang zur Gesundheitsversorgung ablesen (vgl. Kapitel 4).
Es zeigt sich in der empirischen Studie auch (vgl. Kapitel 4.48), dass die meisten Frauen der Meinung sind, dass sie sich selbst am besten zu helfen wissen und sich als grundsätzlich kompetent und handlungsfähig erleben. Dies gilt natürlich vor allem für diejenigen, die sich als eigenständig sowie handlungsfähig sehen und ihrer Meinung nach keiner per-
sönlichen Unterstützung bedürfen. Aber auch wenn sich Frauen als (partiell) hilfebedürftig einschätzen, so ist im subjektiven Erleben ihre Entscheidung, sich helfen zu lassen, dann eine eigenständig gewählte Alternative. Der Empowerment-Ansatz in praktischer Umsetzung kann sich daher bei wohnungslosen Frauen auf ihr zumeist vorhandenes Potenzial stützen, Autonomie und Selbstbestimmung wiedergewinnen zu wollen.
Die Stärken, die alle wohnungslose Frauen dabei zeigen, ihr Leben wieder selbständig gestalten zu wollen, liegen insgesamt in ihrem hohen Durchhaltevermögen, auch in schwierigen und problematischen Lebenslagen nicht aufzugeben, und in ihrer großen Kreativität, ihren Alltag zu gestalten. Damit gelingt es den Frauen, mit geringen sozialen und materiellen Ressourcen in ihrer überwiegend durch Mangel gekennzeichneten Lebenswelt zurechtzukommen. Auch haben sie große Kompetenzen im Bereich der Selbstversorgung und in der Regel auch in der Alltagsstrukturierung. Diese Fähigkeiten und Ressourcen sollte die Umsetzung von Empowerment in der Praxis der Wohnungslosenhilfe mit Frauen einsetzen.
Damit eigene Interessen erkannt und gelebt werden können, ist ein Prozess der Sensibilisierung für sich selbst, für tatsächlich eigene Wünsche und Bedürfnisse notwendig. In unterschiedlichem Maße zeigen die interviewten Frauen Einstellungs- und Verhaltensänderungen, die von einem vergrößerten Verständnis von sich selbst zeugen. Eine solche ‚Persönlichkeitsveränderung‘, wie sie vom sozialpädagogischen Fachpersonal häufig angestrebt wird, zeigt sich nur bei einigen Frauen. Sie bewerten ihre persönliche Veränderung positiv und nehmen dazu professionelle Unterstützung in Anspruch. Ein solcher Veränderungsprozess auf einer persönlichen Ebene findet nach meiner Untersuchung nur dann statt, wenn die Frauen in diesem Bereich Unterstützung möchten, d. h. sich zumindest partiell als hilfebedürftig einschätzen. Ist das der Fall, ist der Kontakt zu den Professionellen intensiv und länger andauernd.
Nun zeigt sich allerdings nicht bei allen untersuchten wohnungslosen Frauen eine positive Veränderung ihrer Lebenssituation. Bei einigen Frauen scheint ein gelingenderes Leben nicht realisierbar, so dass eine resignative Phase eingesetzt hat, die sich in einer Verschlechterung ihrer Lebenslage und vermehrter Hilflosigkeit zeigt. Diese Frauen leiden zumeist unter fehlenden sozialen Kontakten, Perspektivlosigkeit und haben Probleme in ihrer Alltagsbewältigung. Bei ihnen hat kein Empowerment-Prozess stattgefunden, der mit dem der anderen Frauen vergleichbar ist. Aus unterschiedlichen Gründen überfordert es diese Frauen, realisierbare Veränderungsstrategien zu entwickeln. Es zeigt sich darin, dass es ihnen alleine nicht (mehr) möglich ist, Stärke zu bewahren, sondern dass sie professioneller Unterstützung bedürfen. Nach den Ergebnissen der empirischen Untersuchung ist der Kontakt dieser Frauen zum Hilfesystem zumeist ein (mehrmaliger) kurzfristiger und anscheinend erhalten diese Frauen Hilfe nicht in der Form, die sie sich wünschen.
Die Nützlichkeit, die die meisten Frauen in den sozialpädagogischen Hilfeangeboten sehen, liegt insbesondere in ganz konkreten Aufgaben der Alltagsbewältigung (v. a. Regelung der Behördenangelegenheiten) und/oder in der Bereitstellung von Wohnmöglichkeiten sowie in einigen Fällen auch Arbeitsgelegenheiten. Das Hilfesystem muss diese vordringliche existenzsichernde Versorgung anbieten, erst dann sind weitergehende Prozesse denkbar. Die von vielen Frauen gewünschte Vermittlung einer Wohnung kann das Hilfesystem in München wegen der extrem angespannten Wohnungsmarktsituation (derzeit) nicht leisten.
Die Problemdefinitionen des Hilfesystems werden vor allem von normalitätsorientierten Frauen abgewehrt und der empfundene Zwang zur Beratung möglichst umgangen. Diese Frauen haben ihre eigenen Vorstellungen von Veränderungsprozessen. Allerdings können sie diese trotz Stärken und Ressourcen aufgrund von strukturellen Bedingungen (z. B. Wohnungsnotstand) oft nicht umsetzen. Empowerment-Prozesse müssen an dieser Stelle deutlich im wohnungspolitischen Feld eingreifen, was im folgenden Kapitel genauer ausgeführt wird.
Erst ökonomische Unabhängigkeit macht ein selbstbestimmtes Leben möglich, wozu eine Erwerbsarbeit notwendig, jedoch oft aufgrund der niedrigen Bezahlung nicht hinreichend ist. Aufgrund der hohen Mieten ist es den interviewten Frauen trotz Erwerbsarbeit häufig nicht möglich, eine finanzierbare Wohnung zu finden. Problematisch ist auch, dass sie wegen einer Erwerbstätigkeit faktisch oft keine Sozialwohnung erhalten. Das bedeutet, dass die Absicht sich finanzielle Ressourcen zu erarbeiten, in vielen Fällen ein selbstbestimmtes Leben in Bezug auf eine eigene Wohnung verhindert. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass individuelle Empowerment-Prozesse eine Grenze in strukturellen Gegebenheiten haben, die nur durch kollektive politische Ansätze gelöst werden können.
Der Wunsch nach Selbstverantwortung und Autonomie der wohnungslosen Frauen führt dazu, dass Hilfsangebote ausgeschlagen werden, wenn sie nicht dem Selbstbild entsprechen. Da wohnungslose Frauen sich in der Regel nicht als defizitäre Individuen sehen und deshalb die gesellschaftlichen und teilweise auch internalisierten Stigmatisierungen der ‚Wohnungslosen‘ abwehren müssen, klafft das Selbstbild, die Problemdefinitionen und die Ursachenzuschreibungen oft zwischen ihnen und den Beraterinnen auseinander. Die Folge ist in vielen Fällen ein pragmatischer oder offen gelebter Widerstand gegenüber dem Hilfesystem. Es ist eine Stärke dieser Frauen, an der eigenen Handlungsmächtigkeit festzuhalten und nicht den oft von Defiziten geprägten Blick des Hilfesystems bzw. der Gesellschaft zu übernehmen. Ein Empowerment-Ansatz würde für diese Frauen die Chance beinhalten, sich in ihren Anstrengungen um Eigenständigkeit nicht in einer Auseinandersetzung mit Hilfeinstitutionen zu verausgaben, sondern ihre Ressourcen auf andere Bereiche lenken zu können.
Festhalten lässt sich, dass in den meisten Fällen Empowerment-Prozesse bei den wohnungslosen Frauen stattgefunden haben, die zu einem gelingenderen und selbstbestimmteren Leben führen. Da die Frauen in der Regel ein großes Potenzial haben, Selbstbestimmung wiedergewinnen zu wollen, und da sie sich dabei auf Fähigkeiten im Bereich kreativer Alltagsgestaltung unter widrigen Umständen stützen können, können sich sozialpädagogisch unterstützte Empowerment-Prozesse mit wohnungslosen Frauen auf diese Stärken beziehen. Bei einigen Frauen ist die Entwicklung von vermehrter Resignation, Hilf- und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet, so dass sie professioneller Unterstützung bedürften, die sie jedoch nicht in der Form finden, die sie sich wünschen. Auch haben diese zumeist keinen Kontakt zum Hilfesystem. Das Hilfesystem zeigt sich nur bei Frauen, die sich selbst als (teilweise) hilfebedürftig einschätzen, als unterstützende Kraft. In vielen Fällen stecken die Frauen viel Energie darein, sich gegen Defizitzumutungen zu wehren und ihre Selbstbestimmung erhalten zu wollen.
5.22 Mögliche Empowerment-Ansätze in der Wohnungslosenhilfe mit Frauen
Die folgenden Überlegungen beziehen sich ganz allgemein auf das System der Wohnungslosenhilfe für Frauen ohne eine Differenzierung des Hilfeangebots nach Hoch- bzw. Niederschwelligkeit, nach ambulanten oder stationären Einrichtungen oder unterschiedlichen Konzepten und Arbeitschwerpunkten vorzunehmen. Konkrete Vorschläge für eine Umsetzung finden sich in diesem Kapitel damit nicht, sondern hier werden Ideen für eine Empowerment-Praxis mit wohnungslosen Frauen mit Rückgriff auf die Untersuchungsergebnisse vorgestellt, die in der konkreten Praxis auf die Einrichtung angepasst werden müssen.
Da geschlechtsspezifische Konzepte in der Wohnungslosenhilfe notwendig sind (vgl. beispielsweise Rosenke 1997; Sellach 1998; Macke 2000; Reichert 1993), muss sich ein Empowerment-Ansatz mit wohnungslosen Frauen auf die Grundprinzipien einer feministischen Sozialen Arbeit beziehen, d. h. auf Parteilichkeit, Frauenräume, Ganzheitlichkeit, Ressourcenorientierung, Selbsthilfepotenzial und Transparenz (vgl. Freytag 1992; Tatschmurat 1996; Hartwig/Weber 2000). Diese frauenspezifischen Arbeitsprinzipien sind die Grundlage, auf dem ein Empowerment-Prozess in der Praxis stattfinden kann. Dazu ist es notwendig, dass jede Einrichtung eine geschlechtsspezifisch ausgerichtete Konzeption aufweist oder diese aufbaut. Eine geschlechtsspezifische Arbeitsweise ermöglicht es auch, dass die Frauen wählen können, ob sie in geschlechtsgetrennten oder gemischten Einrichtungen betreut werden wollen. Ebenso sollten in die Arbeit auch kulturspezifische Gesichtspunkte einfließen.
Ein Ansatz, der vor allem die Defizite und Probleme wohnungsloser Frauen ins Zentrum der sozialpädagogischen Arbeit rückt, entspricht in der Regel nicht dem Selbstbild der Frauen und wird abgewehrt. Daher sollten frauengerechte und nicht-stigmatisierende Unterstützungen angeboten werden. Entsprechend der zentralen Idee der Menschenstärken
des Empowerment sollten Beratungsangebote im Wohnungslosenbereich auf freiwilliger Basis beruhen, so dass die Frauen selbst Art und Umfang der begleitenden Unterstützung bestimmen können. In der Praxis ist die Freiwilligkeit der Beratung vor allem in niederschwelligen Bereich realisiert im Gegensatz zu intensiver betreuten Wohnformen, wo Beratung als zentrales Element der Sozialen Arbeit verstanden wird. Es ist jedoch hierbei wichtig, immer wieder Angebote zur Kontaktaufnahme und/oder Beratung zu machen, damit die Frauen auch tatsächlich entscheiden können, ob sie Unterstützung benötigen.
Die Wohnungslosenhilfe ist ein Bereich, in dem eine Komm-Struktur vorherrscht. Bei einigen der Frauen zeigt sich, dass die Loslösung vom Hilfesystem als eher problematisch einzuschätzen ist. Sie leben isoliert und wissen ihre als unbefriedigend erlebte Lebenssituation nicht zu ändern, woraus sich Hilflosigkeit und Resignation ergibt. Sinnvoll könnte es sein, in diesen Fällen auch mal unübliche Wege zu gehen und aufsuchenden Kontakt anzubieten, um die Frauen aus ihrer Isolation, Hilflosigkeit und Resignation herauszubringen.
Zur Entwicklung einer positiven weiblichen Identität sind Frauenbezüge hilfreich, diese können auch die eigene Isolation durchbrechen, ohne neue Abhängigkeiten hervorzubringen. Damit ist auch eine Unabhängigkeit von professionellen Hilfsangeboten möglich. Gruppenarbeit ist keine favorisierte Methode der Wohnungslosenhilfe. Auch Selbsthilfegruppen für Wohnungslose gibt es kaum (vgl. Back 2000, 136). Im niederschwelligen und im ambulanten Bereich ist Gruppenarbeit aufgrund von kurzer Aufenthaltsdauer und wechselnden Klientinnen schwer realisierbar. Auch gibt es, wie die Untersuchung zeigen konnte, von vielen Frauen Widerstände, sich mit der ‚Problemgruppe‘ der Wohnungslosen zu identifizieren. Daher müssen andere Möglichkeiten gefunden werden, um solidarische Frauenbezüge hervorzurufen. Da Frauen eine stärkere Beziehungsorientierung und eine starke Selbstversorgungsneigung haben, sind eventuell freiwillige Angebote im Bereich gemeinsamer Freizeitaktivitäten oder Kochen/Essen sinnvoll, die sich auf die Stärken und auf das Eigenständigkeitspotenzial der Frauen beziehen. Aufgezwungene Gruppenprozesse wie gemeinsame Bewohnerinnen-Sitzungen/Hausversammlungen, wie es in manchen Wohnheimen oder betreuten Wohngemeinschaften praktiziert wird, scheinen eher kontraproduktiv und werden abgelehnt.
Frauenräume haben in der Wohnungslosenhilfe vor allem die Funktion von Schutzräumen zur Bewahrung von körperlicher und psychischer Integrität, was ein wichtiger stabilisierender Aspekt ist, da viele Frauen aus einem unerträglichen Beziehungskontext flüchten. Um Frauenbezüge zu verstärken, sollten Frauenräume angeboten werden, in denen vermehrt eine Selbstgestaltung und Selbstverwaltung möglich ist. Abgesehen von der vermehrten Selbstbestimmung wäre es dadurch auch möglich, eine positive Identifikation mit sich und anderen hervorzurufen. Da eine Zufriedenheit mit und ein Wohlfühlen in der Wohnform bei den Frauen unter anderem auch dadurch hervorgerufen wird, dass sie sich
selbst einrichten können, sollte dies in der Praxis nicht nur für das eigene Zimmer aufgegriffen werden (keine Verbote von Aufhängen von Bildern etc.) sondern auch für Gemeinschaftsräume, die in kollektiven Aktionen neu gestaltet werden können.
Eine Partizipation von wohnungslosen Frauen an der Ausgestaltung der Hilfeinstitutionen und an einer Kritik der Arbeit kann zu einem gegenseitigen neuen Rollenverständnis im Sinne des Empowerment-Konzepts führen. Auch kommen Gruppenprozesse bei wohnungslosen Frauen anscheinend dann leichter zustande, wenn keine Dauerpräsenz von Sozialpädagoginnen gegeben ist (vgl. Back 2000, 138). Hier müsste also darüber nachgedacht werden, wie ein stärker selbstorganisierter und selbstbestimmter Alltag in den Einrichtungen des Wohnungslosenhilfesystems (vor allem bei längerfristigen betreuten Wohnformen) von den Frauen aussehen könnte, ohne dass der Zwang zum Gruppenprozess gegeben ist, sondern wo positive kollektive Gestaltungserfahrungen machbar sind. Ein erster Schritt wäre beispielsweise die Wahl von Vertreterinnen der wohnungslosen Frauen einer Einrichtung (v. a. bei längerfristigen betreuten Wohnformen), die als Sprecherinnen deren Interessen vertreten, oder die Etablierung von regelmäßigen Kritikrunden mit oder ohne die Hauptamtlichen. Eine Institutionalisierung der formalen Befugnisse muss dabei jedoch gegeben sein, um nicht nur den Schein von Partizipation zu geben. Eine andere Idee ist, einen gemeinsamen Prozess zur Gestaltung und/oder Einrichtung des Hauses bzw. der Räume zu initiieren, da Wohnlichkeit den Frauen in der Regel ein Anliegen ist. Weitere Überlegungen könnten dahin gehen, den Frauen eigenverantwortlichen Gestaltungsspielraum beispielsweise über die Öffnungszeiten der Einrichtung zu geben, indem sie Verfügungsgewalt über den Türschlüssel haben. Dies könnte ein Anfang für Selbsthilfe sein, aus dem heraus sich auch neue, eventuell auch kollektivere Lebensperspektiven entwickeln können. Um die Frauen mit den Selbstverwaltungs- und Autonomieanforderungen nicht zu überfordern, ist ein langsames und stufenweises Vorgehen, abhängig von der einzelnen Einrichtung und ihrem Klientel notwendig.
Es ist deutlich geworden, dass im Bereich der Wohnungslosenhilfe individuelle Angebote nicht zur Lösung der Wohnproblematik ausreichen, da der Wohnungsmarkt dem einen Riegel vorschiebt. Es herrscht ein Mangel an günstigem Wohnraum - vor allem in München. Eine Einmischung der sozialen Träger und Wohlfahrtsverbände in die Wohnungspolitik findet kaum statt. In München ist es den Institutionen der Wohnungslosenhilfe gelungen, eine Ausdifferenzierung des Hilfesystems zu erreichen. Jedoch ist damit dem Wunsch von wohnungslosen Frauen nach billigem Wohnraum nicht entsprochen. Eine Einbeziehung der Betroffenen in die Planung hat in den Überlegungen zum „Münchner Gesamtplan Soziale Wohnraumversorgung - Wohnungslosenhilfe“ (Sozialreferat der LHM 2002b) nicht stattgefunden. In Zukunft sollte darauf geachtet werden, wie die Betroffenen ein Mitspracherecht bei der Ausgestaltung des Hilfesystems erhalten können, um den Empowerment-Gedanken bei der eigenen Gestaltung des Lebensumfeldes zu realisieren. In Köln
wurde ein Pilotprojekt gestartet, wo auf eine Tagungsreihe zur Entwicklung von Hilfsangeboten jedeR MitarbeiterIn mit einem wohnungslosen Menschen erscheinen musste (Back 2000, 140). Damit waren Kommunikationsschwierigkeiten und divergierende Rollenverständnisse noch nicht gelöst, jedoch ein erster Schritt in Richtung einer Mitsprache und Machtumverteilung gegeben. Ziel sind politisch motivierte Empowerment-Prozesse der wohnungslosen Frauen, wozu vermehrte Anstrengungen gemacht werden sollten. Einfache erste Schritte in dieser Richtung könnte beispielsweise eine Befragung der NutzerInnenzufriedenheit von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sein sowie die oben beschriebenen Möglichkeiten, überhaupt Gruppenstrukturen und kollektive Vernetzungsprozesse aufzubauen.
Sinnvoll wären auch grundsätzlich andere Ausrichtungen und Konzepte in der Wohnungslosenhilfe: Beispielsweise könnte die Gründung von sozialen Wohnungsbaugesellschaften, die versuchen mittels Einbeziehung der wohnungslosen Frauen, gemeinschaftliche und bedürfnisgerechte Wohnprojekte zu entwickeln, eine neue Aufgabe der Sozialen Arbeit sein. Damit könnte das Hilfesystem - insbesondere in Städten mit knappen Wohnungsangebot - seinem Anspruch gerecht werden, Wohnraum zu vermitteln. Ähnliches gilt für den Bereich der Erwerbsarbeit. Die ökonomische und strukturelle Abhängigkeit der Frauen gegenüber Institutionen, wie beispielsweise Sozialamt, Arbeitsamt und dem Wohnungslosenhilfesystem, sollte abgebaut werden. Die Wohnungslosenhilfe sollte verstärkt Qualifizierungsmaßnahmen und Arbeitsprojekte anbieten (vgl. Enders-Dragässer et. al. 1999; Enders-Dragässer 2002), damit wohnungslose Frauen, die in der Regel eine starke Erwerbsarbeitsorientierung aufweisen, besser bezahlte Arbeit erhalten können.
Modelle alternativen Wohnens existieren nicht. Der Wunsch eine eigene Wohnung zu haben, bringt gleichzeitig eine Situation der Vereinzelung und Isolation mit sich. Meiner Meinung nach wäre es wichtig, andere und kollektive Frauenwohnmodelle zu entwickeln 56 . Da Frauen häufig eine stärkere Beziehungsorientierung aufweisen und sich oft kompetent für andere einsetzen können, gäbe es dadurch auch die Möglichkeit der gegenseitigen Unterstützung und Stabilisierung, die es den Frauen gleichzeitig ermöglicht, sich eigenwirksam zu fühlen. Eine Umsetzung hierzu wäre beispielsweise, ein Hausbau-und/oder Modernisierungsprojekt durchzuführen, bei dem wohnungslose Frauen unter Anleitung selbst ihre Wohnung renovieren und eigenständig gestalten können. So ein Selbst-
56 Modellvorhaben,an denen frau sich dabei orientieren könnte, gibt es im Bereich der Alleinerziehende in Notlagen. In einigen Projekten in Deutschland (Recklinghausen, Bergkamen) insbesondere aber auch in den Niederlanden und Dänemark konnten zukünftige Bewohnerinnen aktiv an der Planung beteiligt werden, so dass von Anfang an ein gemeinschaftlicher Prozess entstand, der kollektive Wohnmodelle entstehen ließ. In einem Projekt in Berlin wurde ein Wohnbauvorhaben realisiert, in dem Alleinerziehende in gemeinsamer Planung mit Fachleuten und in Selbsthilfe ein kollektives Wohnen realisieren konnten (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung 1992, 31ff, 42ff).
hilfeprojekt könnte einerseits Gemeinschaft stiften, Qualifikationen vermitteln und notwendigen Wohnraum beschaffen.
Faktisch ist es in der Wohnungslosenhilfe in München kaum mehr möglich, die geforderte Vermittlung in eine eigene Wohnung vorzunehmen, was die Arbeit von SozialpädagogInnen im Bereich der Wohnungslosenhilfe zum Teil erheblich einschränkt. Hier ist ein Empowerment der SozialpädagogInnen nötig, um verstärkten Druck auf die Politik aufzubauen, andere Wohnkonzepte zu entwickeln. Dazu sind gemeinsame, organisierte Anstrengungen der Professionellen nötig, was aufgrund dessen, dass teure Mieten und geringes Wohnungsangebot Problembereiche sind, die sich in vielen Feldern der Sozialen Arbeit zeigen, auch möglich sein sollte. Schlechte Arbeitsbedingungen für die MitarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe könnten dabei ein Ansatzpunkt sein, sich zu organisieren und politischen Druck zu erzeugen. Denn ohne einen aufnahmefähigen Wohnungsmarkt, der ausreichend bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellt, ist das Hilfesystem weitgehend hilflos und handlungsunfähig sowie für viele wohnungslose Frauen - abgesehen von der Bereitstellung von Unterbringungsmöglichkeiten - im gewissen Sinne auch sinnlos. Vielleicht ist hierin auch ein Grund dafür zu sehen, dass die Wohnungslosenhilfe zumeist auf individuelle Defizite und Probleme blickt und dementsprechend personenverändernd wirken möchte. Meines Erachtens nach ist es nicht nur notwendig, dass von professioneller Seite dafür gearbeitet wird, dass sich die Frauen selbstbestimmt organisieren und ihre Interessen versuchen umzusetzen. Notwendig ist auch, dass die SozialpädagogInnen sich für ihre Belange einsetzen, d. h. die geforderten Arbeitsaufgaben (Wohnraumvermittlung) realisierbar und umsetzbar gestalten. Im Sinne des Empowerment ist ein Einsetzen für die Belange anderer nicht sinnvoll (außer im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe), weshalb die MitarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe ihre eigenen Interessen vertreten lernen müssen und auf sinnvolle Arbeitsbedingungen hinwirken sollten. Eine Vernetzung der politischen Ziele beider Gruppen ist dabei unabdingbar.
Insgesamt gilt jedoch, dass eine Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit in Bezug auf Wohnungslosigkeit von Frauen nötig ist, damit das Faktum keine Wohnung zu haben, nicht auf individuelles Versagen zurückgeführt wird.
Zusammenfassend gilt, dass es notwendig ist, die Prinzipien feministischer Sozialer Arbeit mit dem Empowerment-Konzept zu verknüpfen. Der Abbau der Defizitorientierung inklusive des Beratungszwangs in der Wohnungslosenhilfe ist dringend geboten, wozu auch die Mitsprache der Klientin über Umfang, Inhalt und Struktur der Hilfestellung gehört. Unkonventionelle Wege der Kontakt- und Beziehungsaufnahme können die Isolation und die Nicht-Erreichbarkeit des Hilfesystems für einzelne Frauen durchbrechen. Um Frauenräume und positive Frauenbezüge als neue Möglichkeitsräume aufzubauen, sollte an den Stärken - gemeinsamer Freizeitaktivitäten, Alltagsgestaltung etc. - angeknüpft werden. Wohnungslose Frauen müssen an der Ausgestaltung der Hilfeinstitutionen und ihrer Konzepte
partizipieren können. Dazu könnte die Wahl von Sprecherinnen, eigenverantwortliche Bereiche zur Gestaltung oder (Teil-)Selbstverwaltung dienen. Notwendig ist es auch, andere frauengerechte Wohnmodelle mit den wohnungslosen Frauen zusammen zu entwickeln und umzusetzen, was bedeutet, dass die Wohnungslosenhilfe sich verstärkt in Richtung auf faktische Bereitstellung von Wohnraum orientieren sollte. Zur Verbesserung der Situation des Wohnungsmarkts ist in der Wohnungslosenhilfe eine offensive politische Arbeit und Vernetzung der SozialpädagogInnen notwendig. Dabei sollte nicht das Motiv, für andere etwas tun zu wollen, sondern die Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen im Vor-dergrund stehen.
6 Fazit
Soziale Arbeit verlangt, die subjektiven Sinnstrukturen, Deutungs- und Handlungsmuster der KlientInnen zu erkennen, weshalb eine empirische Arbeit mit entsprechendem Fokus für die sozialarbeiterische Praxis gewinnbringend ist. Da sich die Soziale Arbeit immer wieder kritisch mit Fragen der Effizienz bzw. der Wirksamkeit ihrer Maßnahmen ausei-nandersetzen muss, ist es wichtig eine Dokumentation des ‚Erfolges‘ nicht nur von Seiten der SozialarbeiterInnen sondern auch von Seiten der KlientInnen vorzunehmen, was in diesem Fall mittels einer empirischen Studie erfolgte, und dieses auf der Grundlage von theoretischen Modellen rückzukoppeln.
In der vorgelegten Arbeit ist deutlich geworden, dass wohnungslose Frauen ein heterogener Personenkreis sind. Die rechtlichen Kategorien erfassen und beschreiben ihn nur ungenau. Latente und verdeckte Wohnungslosigkeit sind dabei frauentypische Lebensformen. Monokausale Erklärungen für Wohnungslosigkeit sind ungenügend, ein multifaktorielles Bedingungsgefüge aus strukturellen, sozialen und persönlichen Faktoren wird als Ursache von weiblicher Wohnungslosigkeit angesehen. Dieser Ursachenblickwinkel jedoch läuft oft Gefahr, die Defizite und Probleme der Frauen zu betonen, was auch häufig im Hilfesystem zu beobachten ist.
Aus unterschiedlichen Gründen landen Frauen im Wohnungslosenhilfesystem, die sich nicht als betreuungsbedürftig sehen. Diese Frauen stecken viel Energie in die Zurückweisung von Pädagogisierung und empfundener Klientifizierung. Eine von ihnen gewünschte Normalisierung ihrer Lebensverhältnisse kann das Hilfesystem nicht leisten. Eine Einstellungs- und Verhaltensänderung, die sich zumeist in den sozialpädagogischen Konzepten von intensiver betreuten Einrichtungen finden lässt, wird von vielen Klientinnen nicht gewollt. Sie verlassen deshalb in der Regel das Hilfesystem bald wieder - auch in prekäre Wohnverhältnisse, die zu vermeiden ein Anspruch der Sozialen Arbeit in der Wohnungslosenhilfe ist. Dies ist unter Umständen ein sich selbst verstärkender Kreislauf, denn prekäre Wohnverhältnisse führen auch schneller wieder zu Wohnraumverlust und damit möglicherweise erneut zum Gang in das Hilfesystem. Dies könnte zu einer sozialpädagogischen Haltung führen, die vermehrt an den Kompetenzen der Klientin zweifelt. Eine quantitative und strukturelle Ausweitung des Hilfesystems ohne flankierende drastische wohnungsmarktpolitische Maßnahmen, wie es zur Zeit in München geschieht, verfestigt dieses Dilemma der Klientifizierung und trägt nicht zu dessen Beseitigung bei.
Das Hilfesystem für wohnungslose Frauen in München ist für diejenigen Frauen sinnvoll und hilfreich, die sich selbst als (partiell) hilfebedürftig einschätzen. Hier stimmen die gegenseitigen Anforderungen von KlientInnen und Professionellen überein. Diese Frauen
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erwarten von den SozialpädagogInnen Hilfe und Unterstützung in persönlicher und organi-satorischer Hinsicht, die sie auch erhalten. Ein längerer Aufenthalt im Hilfesystem ist für sie durchführbar, weshalb sie dort die Zeit bis zur Erlangung einer geeigneten Wohnmöglichkeit überbrücken können.
In einigen Fällen wird das Hilfesystem von wohnungslosen Frauen (v. a. mit Institutionen-orientierung) nicht als passend zur Lösung der eigenen Probleme eingeschätzt, weshalb es nicht in Anspruch genommen wird. Die Isolation dieser Frauen setzt eine Abwärtsspirale in Gang, an dessen Ende sie sich weitgehend handlungsunfähig sind und resignieren.
Gewinnbringend ist es, sich auf die Orientierungsmuster und Bewältigungsstrategien wohnungsloser Frauen zu konzentrieren, da sich damit auch relevante geschlechtsspezifische Besonderheiten erfassen lassen. Die Betrachtung von Bewältigungsmustern und Umgangs-formen mit der Wohnungslosigkeit zeigt die Stärken und Fähigkeiten der Frauen, mit schwierigen Situationen fertig zu werden und betont ihre vielfältigen Handlungskompetenzen. Die Aufgabe Sozialer Arbeit mit wohnungslosen Frauen sollte nicht vordringlich darin gesehen werden, ‚Persönlichkeitsdefizite‘ zu beheben, sondern in der Verbesserung der Lebenslage und in der Erweiterung von Handlungsspielräumen liegen, um selbstbestimmte Lebensweisen zu erreichen. Der Empowerment-Ansatz auf der Grundlage der Prinzipien feministischer Sozialer Arbeit ist dafür geeignet, die Stärken der Frauen aufzubauen und ihnen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Dafür sind jedoch Umgestaltungen in der Sozialen Arbeit und in den Strukturen des Hilfesystems mit wohnungslosen Frauen unabdingbar.
Als persönliches Fazit möchte ich hier noch anfügen, dass die intensive Auseinandersetzung mit den Aussagen wohnungsloser Frauen meine Wahrnehmung in vielerlei Hinsicht geschärft hat. Insbesondere ihre Urteile über das Hilfesystem sind nicht nur häufig überraschend sondern auch ernüchternd. Beratungen und Gespräche mit den Sozialpädagog-Innen, insofern sie über formale Fakten hinausgehen, werden von der überwiegenden Zahl der Frauen in desillusionierender Weise dargestellt. Denn eine Beratung und Betreuung wird häufig nicht als Hilfestellung wahrgenommen, sondern als Einmischung in persönliche Belange. Die Frauen brauchen und wollen Informationen zu formellen Angelegenheiten (Ämter) und eine Wohnung. Das Wohnen im Hilfesystem, was letztendlich auch eine ungesichertes Wohnverhältnis darstellt, denn hier ist die Aufenthaltsdauer in der Regel zeitlich begrenzt und von der Einhaltung von Regeln abhängig, empfinden sie als Abhängigkeit. Negative Entwicklungen einzelner Frauen waren nicht verwunderlich, dennoch jedoch bedrückend. Wesentlich häufiger, als ich zuvor gedacht hatte und was mich auch sehr freute, war, dass die interviewten Frauen in ihrem eigenen Erleben zumeist mit der Entwicklung ihrer Lebenssituation zufrieden waren und bei den Interviews eine positive Ausstrahlung hatten. Dies zeigt, dass die Frauen aus eigener Kraft vieles positiv verändern und gestalten können.
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Steinert, Erika; Thiele, Gisela (2000): Sozialarbeitsforschung für Studium und Praxis -Einführung in die qualitativen und quantitativen Methoden. Köln
SZ - Süddeutsche Zeitung 11.10.2000: Wohnungslose: Die Situation wird immer dramatischer
SZ - Süddeutsche Zeitung 12.10.2000: Hier ist Katastrophengebiet
Tatschmurat, Carmen (1996): Feministisch orientierte Soziale Arbeit: Parteilich handelndekonstruktivistisch denken?. In: Miller, Tilly; Tatschmurat, Carmen (Hrsg.): Soziale Arbeit mit Frauen und Mädchen. Stuttgart, S. 9-28
Vargo, Sue (1992): Die Auswirkungen weiblicher Sozialisation auf lesbische Paare. In: Loulan, JoAnn et. al. (Hrsg.): Lesben, Liebe, Leidenschaft. Texte zur feministischen Psychologie. Berlin, S. 33-49
Weller, Sabine (2000): Sozialpädagogische Überlegungen zu einem Betreuungskonzept für Konsumentinnen illegaler Drogen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Diplomarbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München
Wessel, Theo (1996): Die Wohnungsnot von Frauen in der psychiatrischen Versorgung. In: wohnungslos 3/96, S. 81-83
Wolf, Andreas (2001): Obdachlosigkeit. In: Otto, Hans-Uwe; Thiersch, Hans (Hrsg.): Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Neuwied, S. 1292-1300
Anhang 1: Fragebögen
Transkriptionszeichen:
.. = kurze Pause
... = längere Pause
fett = deutliche Betonung
(Lachen) = Charakterisierung von nichtsprachlichen Vorgängen
(unverständlich) = unverständlich
XY [Kleinstadt] = Anonymisierungen von Namen
[xxx] = Ergänzung des Textflusses
[...] = Auslassungen im Textfluss
kursiv = meine Fragen
(nach Mayring 1996)
- 128 -
Kontakte zu Ämtern/Hilfesystem:
3. Haben Sie persönlich Kontakte zu Ämtern, seit Sie in der Karla 51 sind? Wie oft waren Sie dort? Was haben Sie dort gemacht? Gab es Schwierigkeiten? * Sozialamt * Wohnungsamt * Arbeitsamt * Jugendamt * andere
4. Bekommen Sie von anderen Einrichtungen Hilfe/Unterstützung, seit Sie in der Karla 51 sind? Welche? Wie oft? Was machen Sie dort? * Drogenhilfe / Substitution * Therapie u.ä. * AnwältIn * Betreuung * Sonstiges
Wohnen:
5a. Wo möchten Sie nach dem Aufenthalt in der Karla 51 am liebsten wohnen?
5b. Welche Probleme haben Sie, um Ihren Wunsch zu realisieren? * Zu lange Wartezeiten * Kein Platz frei * Zu hohe Kosten * Gesetzlich nicht möglich, weil ... * Sonstiges
6a. Wo haben Sie vor der Karla 51 gewohnt?
* Die Woche da vor? * Den Monat davor?
6b. Seit wann sind Sie wohnungslos?
6c. Seit wann sind Sie in München?
7. Können Sie Gründe nennen, die bei Ihnen zur Wohnungslosigkeit geführt haben?
8. Wo werden Sie voraussichtlich nach dem Aufenthalt in Karla 51 wohnen? * Wie zufrieden sind Sie mit dieser voraussichtlichen Unterkunft? Warum? * Aus welchen Gründen gehen Sie dorthin? * Wie lange haben Sie vor dort zu bleiben/wohnen?
9a. Sind Ihnen im Zuge Ihrer Weitervermittlung Wohnmöglichkeiten angeboten worden? * Welche?
* Haben Sie diese besichtigt, ein Gespräch gehabt? * Hätten Sie dort bleiben können? * Wollten Sie dort bleiben? * Warum (nicht)?
9b. Wurden Sie bei der Suche nach einer neuen Wohnmöglichkeit unterstützt? Wie sah die Unterstützung aus? Was hat gefehlt? * Betreuerin Karla 51 * Wohnungsamt * Freunde / Bekannte / Familie * Makler
Zur Ihrer Person:
10. Alter Nationalität, Aufenthaltsstatus Familienstand Schul-/Bildungsabschluss Beruf Arbeit
11a. Kinder: Anzahl
Alter der Kinder Wo sind die Kinder jetzt?
Seit wann sind sie dort? Seit wann nicht bei Ihnen?
11b. Haben Sie Besuchsrecht? Wie oft?
11c. Möchten Sie, dass Ihre Kinder wieder bei Ihnen wohnen können? * Ja, wenn ...
12. Einkommensverhältnisse:
* HLU * Lohn/Gehalt * Rente * Alo/AlHi * Krankengeld * Kindergeld * Unterhalt * Sonstiges
13. Haben Sie Schulden? In welcher Höhe ungefähr?
14. Wenn Sie dem Oberbürgermeister zum Thema wohnungslose Frauen einen Rat
geben dürften, was würden Sie sagen?
Im Kurz-Gespräch mit den jeweils zuständigen Sozialpädagoginnen nach Auszug der befragten Bewohnerin selbst ausgefüllt. (Dezember 2000 bis April 2001)
1. Wohin ist die Bewohnerin X faktisch gegangen?
2. Wohin hätte sie vermittelt werden sollen? Was wäre passend gewesen?
3. Gründe für ihre Wohnungslosigkeit?
Erklärung:
Hiermit erkläre ich,
.......................................................................... (Vorname, Name)
.......................................................................... (Geburtsdatum)
dass ich damit einverstanden bin, dass an Frau Ruth Weizel meine Adresse weitergegeben wird, damit der zweite Teil der Umfrage zur Situation wohnungsloser Frauen durchgeführt werden kann.
..........................................................................
(Unterschrift)
Vielen Dank, dass Sie bereit sind, sich von mir nochmals befragen zu lassen. Danke für die Bereitschaft und dass Sie sich Zeit dafür nehmen.
Ich bin Studentin der Katholischen Stiftungsfachhochschule für Soziale Arbeit. Im Frauenobdach Karla 51 absolvierte ich letztes Jahr mein Jahrespraktikum. Ich habe mit Ihnen ja bereits im Herbst 2000 eine Befragung über den Alltag und die Schwierigkeiten von wohnungslosen Frauen durchgeführt, als Sie in der Karla 51 wohnten. Mein Praktikum in der Karla 51 ist beendet und ich habe dahin keinen Kontakt mehr.
Jetzt möchte ich - wie damals angekündigt - den 2. Teil der Befragung durchführen. Es geht darum, was seitdem passiert ist. Welche Sachen sich für Sie verändert haben und mit welchen Hindernissen und Ereignissen Sie zu tun hatten. Es ist mir wichtig, Ihre Sicht und Ihre Erfahrungen zu erfahren.
Diese Befragung soll zur Verbesserung der Situation wohnungsloser Frauen dienen und findet im Rahmen meiner Diplomarbeit statt. Es dauert ca. 45 Minuten. Sind Sie bereit an der Befragung teilzunehmen, wenn ich zusichere, die Daten vertraulich zu behandeln und dass keine Rückschlüsse auf Ihre Person möglich sind?
1. Erzählen Sie bitte, wie es Ihnen seit Ihrem Aufenthalt in der Karla 51 ergangen ist?
Wo haben Sie gewohnt? Wie lange?
* Was waren die Gründe für einen Auszug/Umzug? * Wie zufrieden waren Sie mit der jeweiligen Wohnsituation? * Wie lange möchten/können Sie hier noch wohnen bleiben? * Weshalb?
Hatten Sie eine Arbeit/Waren Sie in Ausbildung?
* Wie zufrieden waren Sie mit der jeweiligen Arbeit? * Falls Sie die Arbeit gewechselt haben, was waren die Gründe? * Was möchten Sie arbeiten?
Wie hat sich der Kontakt zu ihren Kindern gestaltet?
Welche Kontakte waren Ihnen in dieser Zeit besonders wichtig?
Wie ist es Ihnen insgesamt ergangen?
* Wie haben Sie sich gefühlt? * Wie ging es Ihnen gesundheitlich?
Wie zufrieden sind Sie mit ihrer momentanen Situation?
2. Was hat sich seit Ihrem Aufenthalt in der Karla 51 für Sie persönlich verändert? * Was hat sich verbessert? * Was hat sich verschlechtert? * Was ist gleich geblieben? * Warum?
3. Was haben Sie unternommen, um wieder eine Wohnung zu finden? Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
4. Was hat Ihnen geholfen, Ihre Situation zu verbessern? * genügend Geld * Arbeit/Ausbildung * Wohnung/Wohnmöglichkeit * Gesundheit/Krankheit * Freundeskreis/Verwandte * Beziehung/Kinder
5. Von wem haben Sie Hilfe erhalten? * Ämter * soziale Einrichtungen * FreundInnen/Bekannte * Eltern/Verwandte
6. Wenn Sie in die Zukunft denken, was meinen Sie, wie wird sie aussehen? Was hätten Sie gerne? (Fantasie freien Lauf lassen)
7. Welche konkreten Pläne/Ziele haben Sie? * Wie möchten Sie diese umsetzen? Wann?
* Welche Chancen haben Sie, um dies zu erreichen? Was müssten Sie dafür tun? * Was ist Ihnen am Wichtigsten zu erreichen?
* Wären Sie bereit, für eine eigene Wohnung lange Anfahrtswege, geringere Ausstattung, Lärmbeeinträchtigungen oder dergleichen in Kauf zu nehmen?
8. Was glauben Sie, warum sich Ihre Situation (seit Karla 51) verändert hat?
5. Ich frage Sie jetzt eine Reihe von Meinungen, Ansichten, Erfahrungen. Bitte sagen Sie mir, wie stark jeder Satz auf Sie zutrifft. Sie können abstufen.
Die finanziellen Einschränkungen machen mir zu schaffen
Es fällt mir schwer mein Geld einzuteilen
Ich langweile mich
Ich beschäftige mich und bin aktiv
Es fällt mir schwer, den Tag gut einzuteilen
Ich habe das Gefühl, dass andere auf mich herab- blickten
Ich bin gereizt und schlecht gelaunt
Ich kann mich schlecht konzentrieren
Ich fühle mich abgespannt und nicht auf der Höhe
Ich leide aufgrund von Sorgen und Problemen unter Schlaflosigkeit
Das Interesse an meinem Aussehen und ist groß
Ich habe Angst vor der Zukunft
Ich habe das Interesse an vielen Dingen verloren
Ich habe Vertrauen zu mir, dass ich mir selbst helfen kann
Ich habe Lust und Freude am Leben.
Zur Ihrer Person:
6. Aktuelle Arbeit
7. Veränderter Familienstand?
8. Wo sind Ihre Kinder jetzt? Seit wann?
9. Einkommensverhältnisse:
10. Haben Sie Schulden? In welcher Höhe ungefähr?
Codeplan zur themenorientierten Auswertung
der qualitativen Interviews:
1. Zeit seit Karla 51
1.1 Arbeit/Tätigkeit:
- Ausbildung/Job/Erwerbstätigkeit
- Haushalt
- Kinder
1.2 Finanzielle Situation
1.3 Wohnung:
- aktuelle Situation
- Wohngeschichte
1.4 Soziale Kontakte:
- Ehemann/Freund
- Familie
- Szene, HilfesystembewohnerInnen
1.5 Gesundheit:
- physisch
- psychisch
1.6 Hobbys/Freizeit
1.7 Beurteilung der Situationsveränderung seit der Zeit in der Karla 51 (Globalbeurteilung)
- 138 -
2. Hilfesystem
2.1 Haltung zum Hilfesystem (Unterstützung, Hilfe, Zwang, Anpassung)
2.2 Erwartung und Beurteilung des Hilfesystems
- Karla 51
- andere
3. Problemlösungsstrategien
3.1 Handlungskompetenz
- handlungsfähig, Eigenaktivität
- hilfebedürftig, nicht-handlungsfähig
3.2 Ziele, Pläne, Planungen
- langfristig (über 2 Jahre bzw. ohne Zeitangabe, Wünsche)
- kurzfristig (bis 2 Jahre bzw. bereits begonnen)
3.3 Selbstbild, Selbsteinschätzung, Selbstbehauptung
3.4 Einstellungs-, Verhaltensänderungen
Anhang 3: Auszüge aus der neuen Verordnung zu § 72 BSHG
Auszüge aus der Verordnung zur Durchführung des § 72 des Bundessozialhilfegesetzes (Hervorhebungen von der Autorin)
§ 1 Persönliche Voraussetzungen
(1) Personen leben in besonderen sozialen Schwierigkeiten, wenn besondere Lebensverhältnisse derart mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind, dass die Oberwindung der besonderen Lebensverhältnisse auch die Oberwindung der sozialen Schwierigkeiten erfordert. Nachgehende Hilfe ist Personen zu gewähren, soweit bei ihnen nur durch Hilfe nach dieser Verordnung der drohende Wiedereintritt besonderer sozialer Schwierigkeiten abgewendet werden kann.
(2) Besondere Lebensverhältnisse bestehen bei fehlender oder nicht ausreichender Wohnung, bei ungesicherter wirtschaftlicher Lebensgrundlage, bei gewaltgeprägten Lebensumständen, bei Entlassung aus einer geschlossenen Einrichtung oder bei vergleichbaren nachteiligen Umständen. Besondere Lebensverhältnisse können ihre Ursachen in äußeren Umständen oder in der Person der Hilfesuchenden haben.
(3) Soziale Schwierigkeiten liegen vor, wenn ein Leben in der Gemeinschaft durch ausgrenzendes Verhalten des Hilfesuchenden oder eines Dritten wesentlich eingeschränkt ist, insbesondere im Zusammenhang mit der Erhaltung oder Beschaffung einer Wohnung, mit der Erlangung oder Sicherung eines Arbeitsplatzes, mit familiären oder anderen sozialen Beziehungen oder mit Straffälligkeit.
§ 2 Art und Umfang der Maßnahmen
(2) Maßnahmen sind die Dienst-, Geld- und Sachleistungen. die notwendig sind. um die besonderen sozialen Schwierigkeiten nachhaltig abzuwenden, zu beseitigen. zu mildem oder ihre Verschlimmerung zu verhüten. Vorrangig sind als Hilfe zur Selbsthilfe Dienstleistungen der Beratung und persönlichen Unterstützung für die Hilfesuchenden und für ihre Angehörigen, bei der Erhaltung und Beschaffung einer Wohnung, bei der Vermittlung in Ausbildung, bei der Erlangung und Sicherung eines Arbeitsplatzes sowie bei Aufbau und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und der Gestaltung des Alltags. Bei der Hilfe sind geschlechts- und altersbedingte Besonderheiten sowie besondere Fähigkeiten und Neigungen zu berücksichtigen.
- 156 -
Arbeit zitieren:
Ruth Weizel, 2002, Wohnungslose Frauen, ihre sozialen Orientierungsmuster und Bewältigungsstrategien, München, GRIN Verlag GmbH
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