Gliederung
1. Einleitung. 3
2 Tagesstätte EigenSinn 4
2.1 Frauenspezifisches Konzept 5
2.2 Die Besucherinnen: Struktur, Krankheitsbilder und Traumata. 7
2.3 Die symptomatischen Verhaltensweisen der Besucherinnen 11
3 Frühe und schwere Traumatisierung. 16
3.1 Störungsbilder. 16
3.2 Interventionsformen. 18
4. Traumasensible Interventionsformen
f ür ein offenes, niedrigschwelliges Gruppensetting 19
4.1 Regeln und Grundhaltungen für unser Team. 22
4.2 Gemeinschafts-Regeln und soziales Miteinander. 24
4.3 Psychoedukation. 31
4.3.1 Unterschiedliche Ansätze psychoedukativer Gruppen 32
4.3.2 Umsetzung von Psychoedukation im EigenSinn. 34
4.3 Achtsamkeits-Praxis zum Wohlbefinden und zu seelischer Gesundheit 38
4.3.1 Theoretischer Hintergrund von Achtsamkeit. 39
4.3.2 Achtsamkeitsübungen und Achtsamkeitstraining in der Tagesstätte 41
5. Fazit 47
Literatur 51
Anhang 54
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1. Einleitung (Ellen Puchstein, Ruth Weizel)
In der Sozialen Arbeit im komplementären psychiatrischen Bereich ist das Wissen über die Zusammenhänge von Traumatisierung unerlässlich. Psychotraumatologie ist ein Querschnittsfach. Viele KlientInnen in der ambulanten psychiatrischen Versorgung haben eine Vielzahl von Diagnosen, doch die oftmals dahinter liegende traumatische Erfahrung wird nicht immer erkannt. Dies birgt die Gefahr von unangemessener Behandlung (Seidler et al. 2003, 7).
Diese Studienarbeit beschäftigt sich mit dem Beziehungsgefüge in einer psychiatrischen Frauen Tagesstätte und wie wir dieses mit Psychoedukationselementen und Achtsamkeit positiv beeinflussen können. Da unser Arbeitskontext in einer psychiatrischen Frauentagesstätte überwiegend in niederschwelliger tagesstrukturierender Gruppenarbeit mit Krisenintervention besteht und wir keine langfristigen Beratungen/Betreuungen machen, möchten wir unsere sozialpädagogische Arbeit mit den Besucherinnen der Tagesstätte auf seine traumasensiblen Konzeptbausteine hin überprüfen.
Wir wollen die Studienarbeit nutzen, um das frauenspezifische Konzept der Tagesstätte EigenSinn mit psychotraumatologisch relevanten Thematiken theoretisch zu bereichern, denn dazu gibt es bisher nichts schriftlich Ausgearbeitetes in der Einrichtung. Aus unseren Gesprächen mit den Besucherinnen wissen wir, dass viele von ihnen frühe und schwere Traumatisierungen erlebt haben (die sich häufig auch in den Diagnosen niederschlagen) und wir müssen in der alltagspraktischen Arbeit in einem niederschwelligen Gruppenkontext damit umgehen. D.h. wir möchten einzelne, aus unserer Erfahrung oder aus der Theorie als wichtig für diesen Kontext erachteten Interventionen - wie Strukturkomponenten der Arbeit/des Settings, Psychoedukation, Achtsamkeit - auf seine Nützlichkeit für ein traumasensibles Konzept hin reflektieren, überprüfen und ggf. erweitern.
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2 Tagesstätte EigenSinn (Ruth Weizel)
Die Tagesstätte EigenSinn ist eine Münchner Einrichtung der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung für psychiatrieerfahrene Frauen, die einer Tagesstruktur bedürfen. Die Tagesstätte für Frauen ist ein Teilbereich des bereits seit 1978 bestehenden FrauenTherapieZentrums (FTZ) München e.V. 1 , der vor 11 Jahren entstanden ist, wobei das Konzept sich insbesondere durch den frauenspezifischen Ansatz auszeichnet. Tagesstätten für psychisch kranke und behinderte Menschen sind im 2. Bayerischen Psychiatrieplan (1990) als ambulante Betreuungsstellen zur sozialen Rehabilitation beschrieben. Vor allem für chronisch psychisch kranke Menschen braucht es ein niederschwelliges arbeits- und beschäftigungstherapeutisches Angebot (tagesstrukturierende Maßnahmen), dass zur Stabilisierung und Besserung des Gesundheitszustandes beiträgt, zu dem die Betroffenen ohne Hilfe von außen nicht in der Lage sind (Jungwirth 2000, 1). Die Ziele werden folgendermaßen beschrieben:
Beschäftigungsangebote zur sinnvollen Tagesgestaltung; Stabilisierung der vorhandenen Fähigkeiten und Ausbau im Sinne einer wirkungsvollen Hilfe zur Selbsthilfe; Entwicklung und Erprobung von tragfähigen Sozialkontakten sowie Eingliederung in das soziale Umfeld. Wesentliche Strukturmerkmale der Tagesstättenarbeit sind Freiwilligkeit und ein partizipativer Ansatz. (Jungwirth 2000, 1f) Entscheidend dafür und in deutlicher Abweichung von quasi allen anderen Maßnahmen, verzichtet der Bezirk Oberbayern als überörtlicher Sozialhilfeträger auf die Prüfung von Einkommen und Vermögen der HilfeempfängerInnen und deren unterhaltspflichtige Angehörige, um den Erfolg der Hilfe sicherzustellen und vor allem die Niederschwelligkeit zu gewährleisten (Jungwirth 2000, 3).
Laut dem darauf aufbauenden Konzept richtet sich das Angebot der Tagesstätte EigenSinn an v.a. chronisch psychisch kranke Frauen, die in ihrer Teilhabe am Leben in der Gesell- 1 Mittlerweilebeschäftigt der feministische Verein in derzeit 8 Einrichtungen ca. 85 hauptamtliche Mitar-
beiterinnen, rd. 15 Praktikantinnen sowie zahlreiche Aushilfen.
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schaft beeinträchtigt sind. Dies sind insbesondere psychiatrie-erfahrene und psychisch gefährdete Frauen u.a. mit folgenden Diagnosen und psychischen Beeinträchtigungen: Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, schwere Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen, Dissoziative Störungen, Doppeldiagnosen z.B. mit zusätzlicher Suchterkrankung sowie Frauen, deren innere Lebensgrundlagen verunsichert, verwirrt oder bedroht ist und auch Frauen mit Erfahrungen von sexualisierter Gewalt. Frauen mit jedem Erwerbs-und Familienstatus, kulturellem Hintergrund, sexueller und religiöser Orientierung oder auch Migrantinnen mit geringen Deutschkenntnissen können die Tagesstätte besuchen (FTZ 2005, 20).
2.1 Frauenspezifisches Konzept
Das Konzept der Tagesstätte EigenSinn verbindet Niederschwelligkeit und Struktur, Anforderungen und Freiräume. Es besteht eine frauenspezifische, emanzipatorische Grundhaltung in allen Bereichen und Handlungsdimensionen (FTZ 2005, 4). Frauen erfahren als Heranwachsende und Erwachsene andere Verletzungen ihrer inneren Lebensgrundlagen als Männer. Bedeutungsvoll ist z.B., dass ein sehr großer Teil der Frauen, die psychiatrisch erkranken, sexuell, körperlich und verbal misshandelt wurde. Gewalt ist ein Strukturmerkmal weiblicher Sozialisation und gehört zur Alltagserfahrung von Frauen. Sie ist ein gesellschaftliches Problem und ein Angriff auf körperliche und seelische Integrität, unter Ausdruck von Machtverhältnissen und polarisierten Geschlechterrollen (Freytag 1992, 12ff). Viele Frauen haben einschneidende, oft sehr frühe und vielfältige Verluste und Vernachlässigung sowie emotionale Vernachlässigung, Misshandlung und Verwirrung bewältigen müssen. Viele leben oder lebten in einseitigen Abhängigkeits- und Gewaltbeziehungen. Manchen wurde das Sorgerecht für die Kinder entzogen oder diese leben nicht bei ihnen, was für Mütter fast immer mit starken Schuld- und Versagensgefühlen verbunden ist. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse und Rollenbilder zu thematisieren bzw. sie im Blick zu haben, ist Teil des Konzepts der Tagesstätte.
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Von besonderer Bedeutung ist der Frauenraum als Schutz vor Gewalt und Übergriffen durch Männer. Bezüglich der Bedrohung oder Gewalttätigkeit anderer Frauen 2 besteht ein Regelsystem für die Besucherinnen, das verbindlich zur Hausordnung gehört. Das Eigen-Sinn ist ein offenes Angebot zur Tagesstrukturierung, es bietet den Frauen einen geschützten Ort, an dem sie sich tagsüber aufhalten, auf den sie sich beziehen und an dem sie sich über Themen, Tätigkeiten und Kontakte weiterentwickeln können 3 . Die Teilnahme an allen Angebote ist freiwillig. Wir beziehen alle Besucherinnen, die das wünschen, in unsere Angebote aktiv mit ein 4 .
In diesem Raum, in dem Frauen Bereiche ihres Lebens selbst gestalten, können sie Gemeinsamkeiten in ihren Lebensrealitäten leichter entdecken, ihre eigene Situation besser verstehen und positive Veränderung erleben. Der Frauenraum ermöglicht so auch die Auseinandersetzung mit Identität und „Weiblichkeit“ und fördert Unterstützungsbeziehungen und Bindungen unter Frauen. (FTZ 2005, 5) Die Arbeitsweise der Tagesstätte ist ausgerichtet auf die besonderen Bedürfnisse und Erfordernisse von psychiatrieerfahrenen und psychisch kranken Frauen. Frauen werden darin unterstützt, sich verstärkt als Subjekt zu erleben: Wahrnehmung und Verwirklichung der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele im Zusammenwirken mit anderen und dabei die eigenen Grenzen wie auch die anderer kennen zu lernen und sensibel damit umzugehen.
2 Auch bei Frauen kann es zu einer Verringerung von Empathie kommen, die so weit führen kann, dass
empathisches Erleben dauerhaft abgespalten wird, sodass im Extremfall aus Opfern Täter werden können
(Butollo et al. 2002, 109f). Deswegen wurde das Konzept seit seiner Entstehung erweitert und angepasst.
Dieser Prozess ist noch nicht vollständig abgeschlossen.
3 Die Angebote des EigenSinn finden regelmäßig von Montag bis Freitag zwischen 11.00 Uhr und 16.00
oder 19.00 Uhr statt. Zentral und den Ablauf strukturierend ist das tägliche Mittagessen, an dessen Umset-
zung sich die Besucherinnen beteiligen; gemeinsam wird für ca. 15-20 Frauen gekocht. Weiterhin gibt es
Sport- und Bewegungs-Aktivitäten, Angebote aus dem kreativen Bereich in der geräumigen Werkstatt
(Tiffany, Töpfern, Holzwerkstatt und vieles mehr). Spielenachmittage, Improvisationstheater oder Kommu-
nikationstraining, Ausflüge und Feste feiern etc. runden das Angebot ab. Die gemeinsamen Aktivitäten die-
nen auch dem Spaß, der Gruppenfindung und des Zusammenhalts, manchmal auch der Selbstdarstellung
(10-Jahres-Fest, EigenSinn-Film). Im Anhang findet sich der Flyer der sich an potentiell Interessierte rich-
tet sowie das Programm von März 2007.
4 In ganz seltenen Fällen können wegen einer akuten Phase der Erkrankung oder nach einem akuten Trau-
ma einzelne Besucherinnen nicht am gesamten Programm teilnehmen.
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In diesem Kontext richtet Ressourcenorientierung den Blick in erster Linie auf positive Potenziale und in zweiter Linie auf die durch die Erkrankung entstandenen Defizite. Psychiatrische Symptome werden als Überlebens- und Bewältigungsstrategie gesehen, in ihrem für die Entwicklung in traumatischem Geschehen notwendigen Sinn. Dieser positive Sinn wird genauso beachtet wie die Behinderung und Gefährdung die z.B. psychotisches Erleben oder Selbstverletzung darstellen. Im gemeinsamen Handeln und Austausch sollen neue Bewältigungs- und Lebensstrategien entwickelt werden (FTZ 2005, 6). Sowohl durch die verschiedenen Misshandlungserfahrungen als auch durch die Erziehung von Frauen zu ‚Beziehungsarbeiterinnen‘ wird die Möglichkeit von betroffenen Frauen, sich als Subjekt zu erleben, erschwert. Subjektsein heißt, eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ziele im Zusammenwirken mit anderen wahrzunehmen und zu verwirklichen, anstatt sich einseitig für die Bedürfnisse anderer Menschen zu funktionalisieren oder sich mit Gegebenheiten, Weisungen und Definitionen anderer abzufinden. Die Angebote im EigenSinn unterstützen Frauen in doppelter Weise darin, sich als Subjekt zu erleben: zum einen durch eine starke Betonung von Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung, durch offene Angebote zum Tätigsein, sensiblen Umgang mit Grenzen bezüglich Kontakt- und Leistungsfähigkeit und zum zweiten auch durch konkretes Handeln und Übernahme von Verantwortung. Und schließlich stellen die Strukturen und Regeln eine grundlegende Voraussetzung von Orientierung und Klarheit dar. Dies ist Vorbedingung dafür, ein selbstbestimmtes Verhältnis zu Zielen und Aufgaben im Rahmen der eigenen Fähigkeiten und Störungen zu gewinnen.
2.2 Die Besucherinnen: Struktur, Krankheitsbilder und Traumata
Die Niederschwelligkeit der Einrichtung zeigt sich u.a. darin, dass die Besucherinnen selbst entscheiden können, wie oft sie kommen und zu welchen Angeboten. Daher verbirgt sich hinter der vom Bezirk Oberbayern finanzierten Platzzahl von 20 eine wesentlich größere
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Anzahl von Frauen 5 . Im Jahr 2006 waren von Januar bis August durchschnittlich während eines Öffnungstages 17,5 Besucherinnen anwesend 6 , die sich im Monatsmittel auf 48 Personen mit insgesamt 381 Monatskontakten aufteilen (ca. 22 Öffnungstage pro Monat).
Mal im Monat, d.h. quasi jeden 2. Öffnungstag, teilweise auch täglich); eine weitere Gruppe besucht die Tagesstätte mit einer selteneren Häufigkeit (5-9 Mal im Monat, d.h. ca. 1-2 Mal die Woche) und über das Jahr gesehen entweder mit großer Regelmäßigkeit (fast jeden Monat) oder mit einer selektiven mittleren Frequenz (ca. die Hälfte des Jahres); die dritte Gruppe zeichnet sich durch seltene Besuche in der Tagesstätte aus (1-4 Mal im Monat), die jedoch durchaus konstant wiederkehrend (fast jeden Monat) oder sequenziell stattfinden (ca. die Hälfte des Jahres).
5 Seit 01.03.2007 ist eine Platzzahlaufstockung auf 25 Plätze gewährt worden und damit auch eine ½-Stelle
mehr, so dass wir nun mehr als nur 4 Kolleginnen auf 2-Vollzeitstellen sein werden.
6 Die Auswertung der Jahresstatistik 2006 des EigenSinn ist zur Zeit noch nicht erfolgt, so dass wir hier auf
die Zwischenauswertung zurückgreifen. Da sich aufgrund von Aufnahmestopp bzw. Warteliste die Besuche-
rinnen-Anzahl und -Struktur in der Tagesstätte kaum verändert hat, gehen wir davon aus, dass die Daten
der Jahresstatistik sich von den dargestellten kaum abweichen werden.
7 Diese Daten stammen ebenso wie die folgenden aus dem Jahresbericht 2005 der Tagesstätte EigenSinn
und wurden für diesen Zweck aufbereitet.
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Das Durchschnittsalter der Tagesstätten-Besucherinnen liegt bei 41 Jahren (mit einer Bandbreite von 19-69 Jahre). Ca 10% der Tagesstättenbesucherinnen sind nicht-deutscher Herkunft. 37% der Tagesstätten-Besucherinnen arbeiten (von Vollzeit-Erwerbstätigkeit bis ‚1-€-Job‘), sind in einer Ausbildungsmaßnahme (Schule, Studium oder BFZ-Kurs) oder erziehen ihre Kinder.
Die diagnostizierten bzw. uns mitgeteilten Erkrankungen der Besucherinnen sind mit ca. 30% Persönlichkeitsstörungen (fast ausschließlich Borderline-Persönlichkeitsstörungen), 40% Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, 15% PTBS und (manchmal) Dissoziative Störungen, 40% Depressionen oder Angststörungen und 15% haben eine zusätzliche Suchterkrankung, wobei insgesamt 33% der Besucherinnen an mehr als einer Erkrankung leiden. Depressionen und Angststörungen haben eine hohe Komorbidität mit den anderen Diagnosen, so dass sich die Zahlen verändern, wenn nur die (vermutete) Hauptdiagnose genommen wird (vgl. Abbildung * ).
Bekanntermaßen haben die Symptome der PTBS eine große Überschneidung mit anderen psychischen Störungen, insbesondere „mit der Gruppe der dissoziativen Störungen ... und vor allem der so genannten Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (Butollo et al. 1998, 82), d.h., es finden sich bei vielen dieser Menschen traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit (Butollo et al. 1998, 82f). So wird davon ausgegangen, dass bei dem Störungsbild der
* Die Prozentangaben beziehen sich auf 94 Besucherinnen der Tagesstätte im Jahr 2005, die fehlenden Pro-
zent sind keine Angaben (6%).
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Borderline-Persönlichkeitsstörung bei ca. 70% eine Gewalterfahrung in der Kindheit vorliegt, häufig traumatisierende sexuelle Missbrauchserfahrungen (Bohus/Reicherzer 2006, 9ff). Und umgekehrt gilt, dass Menschen mit einer PTBS in sehr hoher Zahl auch noch die Kriterien für eine oder mehrere Persönlichkeitsstörungen zeigen, was zu Fehldiagnosen führen kann (Fiedler 2003, 55f). Auch wenn wir es nicht mit diagnostischen Tests belegen können, gehen wir in unserer konkreten Arbeit davon aus, dass die Mehrzahl der Besucherinnen mit der Diagnose (Borderline-)Persönlichkeitsstörung traumatisiert sind. Auch wissen wir von den Besucherinnen der Tagesstätte, die eine Psychoseerfahrung haben, von traumatischen Erlebnissen, die manchmal mit der Psychiatrie in Verbindung stehen (z.B. Gewalt durch Zwangseinweisungen, Fixierungen etc.) oder sich auch in der Vorgeschichte abgespielt haben können. Schizophreniekranke werden im Vergleich zu anderen KlientInnengruppen überdurchschnittlich oft gegen ihren Willen behandelt. Für die jeweilige Klient-In stellt die Zwangseinweisung einen schweren Eingriff in die Freiheit dar. Ganz besonders gilt dies dann, wenn am Anfang der Behandlung Zwangsmaßnahmen, wie z.B. mechanische Fixierungen gegen den körperlichen Widerstand der KlientIn, nötig sind. Diese Zwangsfixierungen werden von KlientInnen als besonders bedrohlich und erniedrigend empfunden (Luderer 2004, 278ff). Psychosen können, je nach dem wie bedrohlich der Inhalt ist, auch selbst erneut traumatisierende Auswirkungen haben, was wir nach den Aussagen unserer Besucherinnen häufig bestätigt bekommen.
Darüber hinaus wurde bei psychotischen sowie auch bei schizophrenen und schizoaffektiven Störungen oft ein Zusammenhang mit Traumata in der Vorgeschichte gefunden, insbesondere gilt dies für schwere und früh durch andere Menschen erlittene Traumatisierungen (Dümpelmann 2003, 2f; Dümpelmann 2002, 66). Neurobiologische und psychologische Untersu-chungsbefunde zeigen, dass die Entwicklung psychischer Funktionen, welche für Psychosen wesentlich sind, durch Traumatisierungen ernsthaft gestört werden. Die zu Psychosen prädisponierende Vulnerabilität wird oft wegen traumatischer Erfahrungen entwickelt und Traumatisierungen sind nicht nur das Resultat genetisch oder konstitutionell höherer Vune-
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rabilität 8 . Bei einem Teil der Gruppe der psychotisch beschriebenen Krankheitsbilder findet man bei frühen Traumata einen hoch wirksamen, entwicklungspsychologisch greifbaren Ri-sikofaktor (Dümpelmann 2003, 9).
Diese diagnostischen Argumentationslinien legen nahe, dass viele unserer Besucherinnen traumatische Erfahrungen gemacht haben bzw. traumatisiert sind, was wir im folgenden Abschnitt vertieft belegen möchten.
2.3 Die symptomatischen Verhaltensweisen der Besucherinnen
Wenn wir nun versuchen, die Hauptphänomene des Verhaltens der Besucherinnen der Tagesstätte zu beschreiben, dann zeigt sich eine große Ähnlichkeit zu Phänomenen nach Traumatisierungen. Für uns in der Tagesstätte ist die Diagnose nicht ausschlaggebend, dennoch orientieren wir uns am psychischen Befund 9 , wobei wir beachten, dass psychopathologische Symptome keinesfalls nur krankhaft sind, sondern auch beim Gesunden auftreten können, z.B. Wahrnehmungsstörungen wegen Übermüdung (Brunnhuber/Lieb 2000, 8, 40). Phänomenologische, zur Diagnostik dienende Beschreibungen sind wichtig, um Begleiterscheinungen feststellen zu können (vgl. Butollo et al. 1998, 207ff), denn wir möchten keine Symptome wegen Nichtwissen übersehen. Eine spezielle
8 Das bio-psycho-soziale-Modell der Erklärung von Psychosen nennt als einen Entstehungsfaktor (Vulnera-
bilität) hohen Stress oder Belastungen, die in anderen Zusammenhängen als traumatogen bezeichnet wer-
den. Dieselbe Diskussion gibt es übrigens auch bei Borderline-Störungen, also dass eine Borderline-
Erkrankung wesentliche durch eine Traumatisierung ausgelöst wird oder - als Gegenpol - durch innere
biologische oder psychogene Eigenschaften hervorgerufen sei (Dümplemann 2002, 67ff). Im letzteren Fall
überwiegt jedoch die Tendenz aufgrund von Vorgaben tradierter diagnostischer Vorgehensweisen diese als
überwiegend „exogen“ zu begreifen, während bei psychotischen Erkrankungen theoriegeleitet eine „endo-
gene“ Exogenese angenommen wird, was dazu führt, dass Trauma und psychotische Störungen als getrennt
wahrzunehmen (Dümpelmann 2002, 70).
9 Dazu gehört u.a. auch äußeres Erscheinungsbild, Verhalten in der Situation, Bewusstseinslage und Orien-
tierung, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis, formales und inhaltliches Denken, Wahrneh-
mungsstörungen, Ich-Störungen, Antrieb und Psychomotorik, Affektivität, Suizidalität und Fremdgefähr-
lichkeit (vgl. Brunnhuber/Lieb 2000, 8f)
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Diagnostik ist in unserem niederschwelligen Rahmen nicht nötig und auch nicht möglich. Wir beobachten jedoch die Besucherinnen mit ihren dysfunktionalen Verhaltensweisen v.a. beim Kontakt in der Gruppe genauso wie ihre Bewältigungsstrategien. Wir wissen aus den Berichten der Besucherinnen von sehr verschiedenen, oft lange zurückliegenden traumatisierenden Ereignissen. Traumatische Ereignisse bewirken tiefgreifende und langfristige Veränderungen der im Lauf der Entwicklung aufgebauten Überzeugungen von Sicherheit. Wir sehen Reaktionen auf traumatische Ereignisse zunächst als Bewältigungsstrategie und Schutzmechanismus an. Bei den Besucherinnen der Tagesstätte fallen einige typische Symptome auf wie:
a) intrusive Gedanken und Vorstellungen; b) erhöhte Dauernervosität und Schreckhaftigkeit, ver-bunden mit Schlafstörungen; c) aktives Vermeiden von Gedanken, Vorstellungen und realen Situationen, die an das Erlebnis erinnern; d) Gefühlsverarmung, reduzierte Körperwahrnehmung (Butollo et al. 1998, 89).
Rückzugs- und Vermeidungsstrategien 10 sind eine wesentliche Form der Anpassung nach Traumatisierung. Diese psychische Verengung betrifft alle Lebensbereiche und führt zu einer Verarmung der psychischen Fähigkeiten, insbesondere der sozialen Fertigkeiten. Die Diagnosekriterien der PTB legen zu wenig Wert auf die zwischenmenschliche Bedeutung der einzelnen symptomatischen Verhaltensweisen, vor allem aus den Bereichen Vermeidung und Übererregung. Welchen Einfluss haben diese Symptome auf die Fähigkeit, zwischenmenschliche Ressourcen mobilisieren und nützen zu können? Wo gelingt den Betroffenen Kontakt, wo vermeiden sie ihn? (Butollo et al. 1998, 214f)
Wir merken die Verarmung der psychischen Fähigkeiten in der Tagesstätte v.a. darin, dass bei vielen die Kontaktfähigkeit stark eingeschränkt ist; letztendlich sind die meisten von
10 Wir als Team müssen uns selbst beobachten, wie viel Zeit wir im Büro verbringen, denn es gibt wegen
Organisationsstrukturen und Verwaltung viele wichtige Gründe sich im Büro zu beschäftigen. Möglich
kann aber auch sein, dass wir Pause brauchen oder Schutzmechanismen suchen, weil wir die Beziehungen
zu den Klientinnen als zu intensiv empfinden, dass also eine Pause vom permanenten vielfältigen Kontakt
für unsere Psychohygiene nötig ist. Wir finden es wichtig, dies bewusst zu reflektieren, um uns nicht vom
Rückzugsverhalten der Besucherinnen ‚anstecken‘ zu lassen.
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ihnen Einzelgängerinnen, die kaum tragfähige Sozialkontakte haben und denen es auch oft schwer fällt, überhaupt ein nicht nur einseitiges Gespräch zu führen. Frühe Traumatisierungen wirken sich auf die Bindungsfähigkeit aus, so dass zwischenmenschliche Beziehungen häufig zwischen intensiver Zuneigung und verängstigtem Rückzug schwanken (Huber 2005a, 87ff). Dieses Verhalten zeigen oft - aber nicht nur - die Frauen mit Borderline-Diagnosen.
Starke Dissoziationen sind eher selten, dagegen beobachten wir häufig dissoziatives Verhalten wie ‚weggetreten sein‘ oder ‚durch einen hindurchschauen‘, letzteres ist oft verbunden mit - i.d.R. kürzeren - Gedächtnislücken und/oder Konzentrationsschwierigkeiten, was zusammengenommen ein relativ sicherer Hinweis darauf ist, dass ein Trauma vorliegt (Reddemann 2006a, 299). Viele Besucherinnen berichten davon, dass sie häufig stark Grübeln, und wesentlich weniger Zeit, als sie selbst oft wahrnehmen, gar nicht wirklich anwesend sind. Das schränkt natürlich ihre Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit stark ein. Einige Besucherinnen zeigen häufig einen sehr gespannten Zustand, sind sehr erregt, laut, hektisch und oft in ihrem Redefluss nicht zu stoppen. Hohe Erregungs- oder Spannungszustände beeinflussen das Gruppengeschehen negativ und, da frühe und schwere Traumatisierung nicht nur zu Hyperarousal sondern auch zu einer geringeren Stresstoleranz führen kann (Reddemann/Dehner-Rau 2004, 30f), müssen wir zum Schutz der Frauen deswegen oft intervenieren, da viele bei Stress schnell irritierbar sind. Traumatisierungen beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl stark und die Welt und die Menschen werden oft als bedrohlich wahrgenommen (Butollo et al. 1998, 227ff, Reddemann 2006a, 298). Viele der Besucherinnen des EigenSinn haben ein mehr oder weniger ausgeprägtes inneres Sicherheits- und Kontrollbedürfnis, d.h. sie handeln oft wenig spontan, möchten fast jedes Detail im voraus wissen und Veränderungen - und seien es auch nur Kleinigkeiten - verunsichern sie.
Eine Folgewirkung von Traumatisierung kann auch geringes Selbstvertrauen und eine erschütterte Selbsteinschätzung sein (Butollo et al. 1998, 227ff; Reddemann 2006a, 299). Das ist kennzeichnend für die meisten Besucherinnen der Tagesstätte; häufig sind Gedanken
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oder Sätze wie: „Das kann ich nicht, „Ich schaffe es nicht“ oder „Ich bin nichts wert“ etc.. Das Gefühl nichts bewirken oder erreichen zu können, ständig auf der Verliererseite zu stehen und immer das Opfer von Umständen zu werden, kennzeichnet überwiegend ihr Erleben oder Verhalten, weshalb es auch so wichtig ist, auf der Ressourcenseite anzusetzen. Manche der Besucherinnen des EigenSinn haben häufig Wutausbrüche oder negative Gefühle wie Hass und Verzweiflung. In der Literatur sind Störungen der Affekt- und Impulskontrolle als mögliche Auswirkung einer frühen und schweren Traumatisierung aufgezeigt (Huber 2005a, 116ff). Im Zuge der Täter-Opfer-Spaltung nach Traumatisierung (Huber 2005a, 159f; Huber 2005b, 129ff) haben wir es zumeist mit Besucherinnen zu tun, die wie oben schon beschrieben, sich eine weitgehende Opferidentität zugelegt haben. Bei einigen wenigen zeigen sich jedoch auch hin und wieder Anteile, die täteridentifiziert sind und anderen gegenüber gewalttätiges bzw. aggressives Verhalten an den Tag legen (wie verbale Gewalt z.B. in Form von Abwertungen oder Provokationen, Bestechungen und Erpressungen, emotionales oder ökonomisches Ausnutzen, regelmäßiges Aushöhlen der Regeln, Manipulationen wie lügen, verschleiern etc.).
Suizidgedanken oder -impulse sind oft eine Begleiterscheinung bei schwerer und früher Traumatisierung (Huber 2005a, 149ff). Viele der Frauen, die die Tagesstätte besuchen, haben immer wieder damit zu kämpfen und Suizid ist ein häufiges Thema bei den Kriseninterventionen.
Was Traumatherapeuten immer wieder feststellen, spürt das Opfer nach der erlittenen Gewalt: eine intuitive Tendenz, selbst das auszuführen bzw. zu Ende zu bringen, was die Tat suggerierte, nämlich eine Suizidhandlung. (Bauer 2007, 115f)
Traumafolgestörungen haben häufig ein Phänomen zur Folge, das traumatischer Stress genannt wird und auf physiologischen Reaktionen des Körpers beruht. Anzeichen dafür im Verhalten können eine geringere Stresstoleranz, starkes Kontrollbedürfnis, leichte Erregbarkeit, häufiger Ärgern etc. sein (Reddemann/Dehner-Rau 2004, 30f, Reddemann 2006a, 297f). Die Stressreaktionen können sich auf der körperlichen Ebene (z.B. Erschöpfungsgefühl, erhöhte Muskelspannung, Kopfschmerzen, Probleme mit der Verdauung, Schlafprob-
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leme etc.), auf der Verhaltensebene (Nervosität, Reizbarkeit, Betäubungsverhalten u.a. mittels Essen und Trinken) und auf der Ebene der Gedanken und Gefühle (Unzufriedenheit, Ärger, Denkblockaden, Grübeln, Missstimmungen) zeigen (Benkert 2005, 24ff; Reddemann 2006b, 117ff; van der Kolk 2000, 171). Bei einigen Besucherinnen sind vor allem Symptome auf der Verhaltensebene sichtbar, wie hastigen Sprechen, keine Muße beim Essen oder Unterhalten und ein insgesamt ruheloser und angespannter Eindruck. Auffällig sind auch manchmal Sucht-Stresssymptome 11 wie unkontrolliertes Essen und Rauchen oder übermäßiger Kaffeegenuss. In Phasen oder auch mal für längere Zeit zeigen einige der Frauen eher gefühls- und gedankenmäßige Stressanzeichen, wie Selbstvorwürfe, Minderwertigkeits- und Versagensgefühle, sie sind weinerlich und sorgengeplagt, fühlen sich fast ständig unter Druck und gehetzt von Terminen oder Behördenschreiben beispielsweise. Wir können beobachten, wie sehr die Besucherinnen mit den auftretenden Symptomen zu kämpfen haben, auch wenn einige der Symptome sicherlich als Bewältigungsstrategien eine Rolle spielen. Die Frauen sind durch ihre Symptome in ihrem täglichen Leben so beeinträchtigt, dass sie unsere Tagesstrukturierung benötigen, um eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und v.a. Sozialkontakte zu erfahren.
11 Einige unserer Besucherinnen schliddern auch regelmäßig in Medikamentenabhängigkeit von Beruhi-
gungsmitteln, die sie dann durch Klinikaufenthalte meist wieder in den Griff bekommen. Alkohol und an-
dere nicht-legale Drogen werden von einigen wenigen mit gewisser Regelmäßigkeit als Selbstmedikamen-tation konsumiert.
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3 Frühe und schwere Traumatisierung (Ellen Puchstein)
Das Risiko eine PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln ist für Frauen doppelt so hoch wie für Männer (10-13% vs.3-6%). Bei Frauen wird außerdem ein chronischer Verlauf viermal so häufig verzeichnet. Das erklärt sich daraus, dass Frauen viel häufiger als Männer Situationen mit hoher traumatischer Wirkung erleben. Insbesondere mit körperlicher und sexueller Gewalt werden sie häufiger als Männer noch vor dem 15. Lebensjahr konfrontiert. Mädchen werden zwei bis dreimal öfter als Jungen sexuell traumatisiert und die Täter sind öfter aus dem näheren Bekanntenkreis. Der sexuelle Missbrauch dauert lange an, was das Risiko einer PTSD und anderer schwerer Folgeschäden nach sich zieht. Ungefähr 10% der Frauen werden vergewaltigt oder in ihrer Partnerschaft sehr schwer geschädigt (Teegen 2001, 258ff).
3.1 Störungsbilder
Die akute Belastungsstörung (nach ICD-10 F43.0) tritt während oder direkt nach der traumatischen Erfahrung auf. Im allgemeinen wird sie als normal-psychologische und vorübergehende Reaktion angesehen. Die Symptome sind Angst, Betäubung, Desorientierung und Überaktivität (Teegen 2001, 265). Die Posttraumatische Belastungsstörung (nach ICD-10 F43.1) wird festgestellt, wenn die Erlebnisse der Traumadefinition 12 sowie das Auftreten einer bestimmten Anzahl von Einzelsymptomen aus den drei Symptomclustern 1. Intrusionen, (sich aufdrängende Erinnerungen), 2. Vermeidungsverhalten (Vermeidung von
12 Die Traumadefinition bezieht sich auf eine verzögerte und verlängerte Reaktion auf eine kürzere oder
längere Belastungssituation von besonders bedrohlichem oder katastrophalem Ausmaß, die bei fast jedem
Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (Dilling 2000, 169). Potentiell traumatische Erfah-
rungen schließen folgende Erlebnisse ein: sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Diagnose einer lebensbe-drohlichen Erkrankung oder belastende medizinische Eingriffe, gewalttätige Angriffe auf die eigene Person,
sowie Raubüberfall, Entführung, Geiselnahme, Folterung, Kriegsgefangenschaft oder Natur- oder durch
Menschen verursachte Katastrophen wie schwere Autounfälle, Terroranschlag (Ehlers 1999; 5).
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Aktivitäten und Situationen, welche Erinnerungen an das Trauma wecken) und 3. Hyperarousal (vegetative Übererregtheit mit Vigilanzsteigerung, einer übermäßigen Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit) entsprechen (vgl. Dilling et al. 2000, 169). Für gewisse Zeit andauerndes oder wiederholtes Trauma, z.B. wiederholte sexuelle Kin-desmisshandlung, Folter oder Geiselnahme, kann zu langfristig beständigen Persönlichkeitsveränderungen (nach ICD-10 F 62.0) führen und kann sich aus der posttraumatischen Belastungsstörung heraus entwickeln. Sie wird festgestellt, wenn die Persönlichkeitsänderung wenigstes über zwei Jahre andauert und sich in unflexiblen und unangepassten Verhalten äußert:
1. Eine feindliche oder mißtrauische Haltung der Welt gegenüber. 2. Sozialer Rückzug. 3. Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit. 4. Ein chronisches Gefühl von Nervosität wie bei ständigem Bedrohtsein. 5. Entfremdung. (Dilling et al. 2000, 235) Die Abgrenzung der PTBS gegenüber anderen psychischen Störungen ist nicht immer leicht, es gibt eine hohe Komorbidität mit anderen psychiatrischen Störungen, wie z.B. PTBS mit affektiven Störungen, anderen Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Alkoholismus und Depression. Weitere Berichte sagen aus, dass die PTBS mit einem erhöhten Risiko für körperliche Krankheiten verbunden ist (Ehlers 1999, 10). Bei den Besucherinnen der Tagesstätte gibt es viele Überlappungen der Symptome mit anderen Störungsbildern (vgl. Kapitel 2.2 und 2.3), auch haben viele von ihnen schon die unterschiedlichsten Diagnosen erhalten. Einige berichten über emotionale Taubheit, was eines der hartnäckigsten Symptome der PTBS ist und übrig bleibt, wenn die Symptome der Traumatisierung längst ver-schwunden sind.
Es hat sich eine Unterscheidung der Traumatisierung in zwei Kategorien traumatischer Erfahrungen bewährt. Die Traumata des Typs I sind verhältnismäßig kurzfristige und unerwartete Ereignisse z.B. eine Vergewaltigung oder ein Unfall. Traumata des Typs II sind Stressoren, welche über einen längeren Zeitraum fortwähren oder sich wiederholen, wodurch sie zu einer Belastung werden, z.B. Misshandlung und Gewalt in der Familie. Viele der Besucherinnen der Tagesstätte leiden an einer komplizierten, über die Kernsymptomatik
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einer PTBS hinausgehenden Störung (vgl. Butollo et al. 1998, 15). Aus Berichten der Besucherinnen entnehmen wir, das oft eine Traumatisierung im Sinn des Typs II vorliegt, weil sie mehrmalig und wiederholt oder andauernd traumatisiert wurden. Seit dem Zeitpunkt der Einführung der Diagnose PTBS ist klar geworden, dass die Langzeitwirkung von Traumata häufig und schwierig sind (van der Kolk 2000; 170). Traumafolgestörungen haben häufig traumatischen Stress zur Folge, der auf physiologischen Reaktionen des Körpers beruht und zu den Langzeiteffekten von Traumatisierung gehört. Dazu gehört eine generalisierte Übereregung und Schwierigkeiten bei der Erregungsmodulation, Probleme mit sozialen Bindungen, Veränderungen neurobiologischer Prozesse, die an der Reizdiskrimminierung beteiligt sind, Erschütterung der Sinnzusammenhänge, soziale Vermeidung sowie mangelnde Anteilnahme an der Zukunftsplanung (van der Kolk 2000, 171).
3.2 Interventionsformen
An dieser Stelle möchten wir die mehrphasige integrative Traumatherapie (vgl. Butollo et. al 1998, 226ff; 1999, 185) und ihre Anwendungsmöglichkeiten in der sozialpädagogischen Arbeit vorstellen, an der wir uns orientieren. Diese wurde speziell für die Behandlung von traumabedingten Störungen - eine Vielzahl von Prozessen, die in Folge von traumatischen Erfahrungen auftreten können - entwickelt. Als Hauptkomponenten einer traumabedingten Störung zählen: die existentielle Verunsicherung bedingt durch die traumatische Erfahrung, der gestörte Bezug zur Welt verursacht durch den Verlust der psychischen Grenze zwischen Innen und Außen; und der gestörte oder blockierte Trauerprozess.
Dieses Konzept ist für uns interessant, weil nicht nur auf Diagnose-Kriterien geachtet wird, sondern die Betroffenen mit ihrer ganzen Person gesehen werden, d.h. nicht das Trauma ist zentral sondern die Fähigkeiten und Ressourcen. Dies wird mit der Orientierung an ökologischer, multidimensionaler Begriffsbestimmung von Heilung begründet und im Mehrphasenmodell erklärt (Petzold et al. 2000, 446ff; Butollo et. al 1998, 226ff) (vgl. Abbildung).
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Die vier Ebenen Sicherheit; Stabilität; Konfrontation; Integration kann man sich hierarchisch übereinander aufgebaut denken. Die Sicherheit und Stabilität muss gegeben sein, bevor an der Konfrontation und Integration der traumabedingten Veränderung gearbeitet werden kann. Sicherheit und Stabilität herzustellen kann einen langwierigen Prozess darstellen 13 .
Grundsätzlich wird in diesem Modell davon ausgegangen, dass eine umfassende Traumabehandlung die Konfrontation mit traumatischen Erfahrungen und den traumabedingten Veränderungen beinhalten sollte. (Butollo et al. 1999, 185)
13 Die Arbeit zu Beginn der Therapie besteht darin Sicherheitsaspekte wahrzunehmen und integrieren zu
können. Wenn die Sicherheit wiedergewonnen wurde kann es möglich sein der Welt neu begegnen. Somit
ist die Voraussetzung geschaffen auf der zweiten Ebene auch wieder Unsicherheiten zu erkennen und zu
integrieren. Dabei handelt es sich um realistische Gefahren, um Unsicherheiten in Beziehungen, oder auch
um Unsicherheiten in ihnen selber (Butollo et al. 2002, 227).
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Die Kompetenz Traumata zu bearbeiten haben wir in der Tagesstätte nicht, trotzdem gibt uns das Modell einer ‚mehrphasigen Integrativen Traumatherapie‘ eine wichtige Strukturierungshilfe. Im Kontext der Tagesstättenarbeit ist es möglich, auf den unteren beiden Ebenen (Sicherheit und innere Stabilität) zu arbeiten, d.h. in erster Linie die inneren und äußeren Ressourcen zu stärken, was ein langwieriger Prozess sein kann (vgl. Butollo et al. 2002, 225). Wir können im Rahmen unserer Möglichkeiten als Sozialpädagoginnen in den Phasen Sicherheit und Stabilisierung eine Steigerung der Selbstwirklichkeit bei den Frauen erreichen. Dabei setzten wir mit unserem am Alltag orientierten Konzept an vielen Punkten an, welche wir im nächsten Kapitel genau erklären möchten. Phase 1, also die Ebene der Sicherheit bedeutet, dass man sich auf seine Sinne verlassen kann und dadurch eine Bedrohung erkennt. Die Besucherinnen müssen lernen, wann und inwieweit sie sich auf ihre Sinne verlassen können, denn das Vertrauen auf die eigenen Sinne bzw. Wahrnehmung kann durch traumatische Erfahrungen verloren gehen. Wenn sie sich nicht auf ihre Sinne verlassen können, dann sind sie entweder allgemein argwöhnisch, oder wiegen sich in zuviel Sicherheit (Butollo et al. 2002, 227ff). Wir unterstützen die Frauen, beruhigende und Sicherheit fördernde Kontakte aufzubauen und ihr inneres Sicherheitserleben zu festigen. Dies tun wir durch Psychoedukation, indem wir die Besucherinnen über Traumafolgestörungen aufklären. Bei einigen Besucherinnen hat sich die akute Symptomatik chronifiziert, sie klagen über Interessenverlust sowie depressive oder aggressive Stimmungen, mit FreundInnen oder nahen Angehörigen gibt es für sie schwer zu ertragende Konflikte etc. Die Frauen leiden unter Intrusionen, Angsterleben, Konzentrationsstörungen, Panik und haben größtenteils ein Vermeidungsverhalten entwickelt. Hier bieten wir körperorientierte Methoden wie z.B. bewusstes Atmen und Entspannung an. Viele unserer Übungen (Achtsamkeitsgruppe) erleichtern die Symptome bezüglich der organischen Funktionen und steigern die innere Sicherheit. Dies gilt auch für chronische Belastungsreaktionen. Da wir in der Tagesstätte nicht an traumatischen Erfahrungen arbeiten, verweisen wir Frauen, wenn sie sicher und stabil sind und dies möchten, an Therapeut-Innen weiter.
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In der Phase 2, der Ebene der Stabilität lernen die Klientinnen zu differenzieren, dadurch werden auch Gefahren, Ängste und Schwächen wieder wahrgenommen und sie müssen lernen diese zu akzeptieren (vgl. Butollo et al. 2002, 255ff).
Stabilität bezeichnet hier die Möglichkeit der differenzierten Wahrnehmung und die Akzeptanz sowohl der sicheren und der unsicheren Aspekte im Leben wie auch der sicheren und unsicheren Selbstanteile. (Butollo et al. 2002, 255)
Auch in dieser Phase arbeiten wir nicht an traumatischen Erfahrungen, unsere Ziel ist eine Stabilisierung der Frauen zu erreichen, einen weiteren Abbau der Symptomatik zu erzielen, die Beziehungsfähigkeit zu verbessern und die Möglichkeit eventuell sogar die intra- und interpersonellen Wahrnehmungen zu verändern.
Es geht also letztendlich darum, dass traumatisierte Klienten ihr eigenes Inneres nicht länger vermeiden, sondern nach innen schauen, um das, was sie da finden, wahrzunehmen, freundlich und selbstunterstützend kennen zu lernen. (Butollo et al. 2002, 256) In unseren Gruppen haben die Frauen die Möglichkeit zu lernen, sich in den Beziehungen wieder wahrzunehmen, sie senden Impulse und empfangen welche. Die Frauen spüren ihre Wünsche wieder stärker und haben das Bedürfnis am Leben teilzunehmen. Leider entwickeln sie häufig parallel dazu starke Ängste, denn der Prozess der Abstumpfung ist auch ein Schutz. In unseren Achtsamkeitsübungen können wir viel zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung tun.
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4. Traumasensible Interventionsformen für ein offenes, niedrigschwelliges Gruppensetting
Es ist in der Arbeit mit Traumatisierten grundsätzlich wichtig, das eigene professionelle Vorgehen transparent zu machen, sowie Schutz und Sicherheit, Ruhe, Mitgefühl, Hoffnung und Orientierung auf nächste Schritte zu bieten sowie auf dieser Grundlage ein Arbeitsbündnis herzustellen. In einem solchen Arbeitsbündnis sollte möglichst wenig Retraumatisierung ausgelöst werden. Die Frau sollte Handelnde bleiben, sich nicht genauso ausgeliefert fühlen wie in der traumatischen Situation. In erster Linie wollen wir stabilisierend, ressour-cenorientiert und genussfördernd arbeiten und ein angenehme, ruhige und freundliche Atmosphäre schaffen, denn nur in einer stress- und angstfreien Umgebung kann Neues gelernt und/oder ausprobiert werden.
Nur ein entspanntes, möglichst gar vergnügtes Hirn lernt gut und gern. (Spitzer/Bertram 2007, 12)
4.1 Regeln und Grundhaltungen für unser Team (Ellen Puchstein)
Übergreifendes Ziel ist es, eine professionelle Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Die Besucherinnen haben ein Recht auf optimale frauengerechte Behandlung. Es hat sich bei uns als sehr hilfreich herausgestellt, mit allen Besucherinnen diagnoseübergreifend und traumasensibel im Tagesgeschehen zu arbeiten. Das bedeutet, dass wir die Klientinnen in ihrer biografischen und sozialen Situation, in ihrem So-Sein ohne Beurteilung und Bewertung akzeptieren. Viele der Klientinnen empfinden sich oft von der Welt ‚ver-rückt‘ und sind überzeugt, dass wir nicht nachvollziehen können, wie es ihnen geht. Wenn zwischenmenschliche Beziehungen der Besucherinnen traumabedingt vor allem negativ geprägt waren, dann wird erst einmal die Beziehung zu uns als Team kritisch oder misstrauisch bewertet. Wenn es uns gelingt, den Besucherinnen zu vermitteln, das wir an ihrem Leben und ihrer Person und nicht
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nur an ihrer Erkrankung interessiert sind, können wir darauf hoffen, dass sie ihre Annahmen überdenken und zu restrukturieren versuchen (vgl. Fiedler 2003, 73f). Ringen um EigenSinn ist notwendig und heilungsfördernd. Viele Frauen erleben in seelischen Krisen Verluste von Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit. Sie bemühen sich um ihre Eigenheit und ihre eigenen Grenzen (Bock 2006, 15). Wenn wir als Profis Rückfallvermeidung um jeden Preis erreichen wollen, so bedeutet das oft, mit den Krisen auch das Leben zu vermeiden. Es geht nicht darum alle Krisen verhindern zu wollen und den Frauen ein risikoloses und vielleicht farblosen Leben zu ermöglichen, sondern sie in ihren Krisen zu begleiten (Bock 2006, 32). Wir möchten den Frauen Sinnfindung in der Auseinandersetzung mit uns ermöglichen. Daher gehen wir davon aus, dass wir von den Besucherinnen mindestes soviel zu lernen haben wie diese von uns.
Da es grundsätzlich nicht entwicklungsfördernd ist, wenn das Team unterschiedliche Haltungen einnimmt, denn dann können sich traumatisierte Menschen an nichts orientieren und die interpersonelle Sicherheit geht dabei verloren (Sachse 2003, 198), gibt es ausgearbeitete Regeln und Verfahrensweisen, um dem Anspruch an Sicherheit und Schutz gerecht zu werden. Insgesamt versuchen wir jedoch mit einem Minimum an Regeln auszukommen und mit diesen auch möglichst flexibel umzugehen, um den Besucherinnen Raum zur Eigenverant-wortung und Kontrollerleben zu geben. Ziel ist es dabei auch aus dem starren Schwarz-Weiß-Denken herauszukommen und ein Bewusstsein für Zwischentöne zu entwickeln. Das Team muss klare Grenzen, Regeln und ‚Verträge‘ aushandeln und für alle Beteiligten transparent machen. Nur so können wir Klarheit in die Desorganisation der Besucherinnen bringen. Ansonsten sind wir in Gefahr, die Gruppe in Reinzinierung zu lenken. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist eine offene Kommunikation, d.h. Klarheit der Informationen und einen guten Informationsaustausch zu den Besucherinnen über das Tagesstätten-Konzept und die Regeln, strukturelle Gegebenheiten und Grenzen, Veränderungen der Finanzierung, Dokumentationsverpflichtungen etc.. Auch legen wir großen Wert auf Entscheidungstransparenz (in Anlehnung an z.B. Bohus 2002, 99f; Maragkos/Krüsmann 2001, 28), d.h. wir erklären und besprechen mit den Besucherinnen möglichst alle für die Tagesstätte relevanten Belange (ausführlich dazu im nächsten Kapitel).
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Unsere Schwerpunkte ergeben sich dabei aus unseren Grundannahmen, dass es 1.) in Ordnung ist, extreme Reaktionen auf die schweren Erkrankungen/Traumatisierungen zu haben, und 2.) unser Interesse für frauenspezifische Anliegen bzw. der Umsetzung des frauenspezifischen Konzepts. In der ausschließlichen Betreuung von Frauen sehen wir gleichzeitig einen Schonraum für traumatisierte Klientinnen. Alle unsere Regeln (vgl. Kap. 4.2.) gelten sowohl für das Team als auch für die Besucherinnen.
Wichtig ist es auch, dass wir uns als Team einig sind und uns gegenseitig stützen. D.h. für uns konkret, dass nicht die einzelne Mitarbeiterin Fehler macht, sondern dass dann das Team versagt bzw. nicht aufgepasst hat. Das ist wichtig, um Raum zum Reden, Fragen, Darstellen von Unsicherheiten etc. untereinander zu haben. Damit kein Außenseitertum entsteht haben wir unter uns die Regelung getroffen, dass bei angeblichen oder vielleicht auch faktischen Erlaubnissen, Verfahrensweisen von einer Teamkollegin („... bei Mitarbeiterin X darf ich aber immer...“; „... hat mir erlaubt ...“) nach ihrem aktuellen Eindruck zu handelnalso so wie sie es in dieser Situation für angemessen hält („möglich, dass du bei Mitarbeiterin X das so machen kannst, jetzt hier bei mir machen wir es so“) 14 oder auch Entscheidungen zu verschieben und im Team nachzufragen. Damit stehen wir den Besucherinnen auch als Lernmodell für Gemeinschaft (= Team) ebenso zur Verfügung wie für Individualität.
4.2 Gemeinschafts-Regeln und soziales Miteinander (Ruth Weizel)
Bei uns geht es im Wesentlichen darum, den Frauen die schon allein durch ihre psychische Erkrankung schwere Belastungen erlitten haben, Mut zu machen, deshalb bezieht sich die wechselhafte Unterstützung weniger auf ‚was ihnen Schlimmes widerfahren ist‘ sondern auf ‚wie sind die Besucherinnen mit dem Schlimmen bis jetzt fertig geworden und was kann ih-
14 Dawir aufgrund der Teilzeitstellen versetzt arbeiten und niemand von uns alles mitbekommt, passiert
dies häufiger. Es macht jedoch keinen Sinn, für jede Kleinigkeit eine eigene Regel oder Verfahrensweise
festzuschreiben, denn dann wäre der flexible Lernalltag in der Tagesstätte nicht mehr gewährleistet, vgl.
nächste Kapitel.
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nen helfen, damit in Zukunft noch besser fertig zu werden‘ (vgl. Reddemann 2006b, 48). Das ist wichtig, um ‚Olympiaden des Leidens‘ erst gar nicht entstehen zu lassen. Wir berücksichtigen die Erkenntnisse aus der Psychotraumatologie über Triggerwirkungen von belastendem Material. Denn nur sehr stabile Menschen verkraften es, ohne Vorbereitung über lange zurückliegende Traumatisierungen zu sprechen. Bei allen anderen Menschen besteht die Gefahr, dass es dadurch zu einer Verschlechterung ihres psychischen Zu-stands kommt. Es kann also schädliche Auswirkungen haben, wenn die Frauen ausführlich über ihre Kindheitstraumata sprechen, dabei besteht die Gefahr von Retraumatisierung (Sachsse 2003, 195f; Flatten 2006, 19f). Daraus leiten wir ab, dass es in unserer tagesstrukturierenden Maßnahme viele chronisch kranke Frauen überfordern würde, sich die belastenden Erlebnisse anderer Besucherinnen anzuhören 15 . Daher haben wir zusammen mit den Besucherinnen vor ca. vier Jahren gemeinsam Umgangs- und Respektregeln (vgl. Anhang) erarbeitet, die wir jeder neuen Besucherin aushändigen und mit ihr durchsprechen. Ein zentrales Element dabei ist, Triggerwirkungen im Verhalten und in Gesprächen zu unterlassen. Auch vermeiden wir deswegen alles, was bei den Besucherinnen Gefühle des Misstrauens, des Verrates und der Abhängigkeit entstehen lässt. So gilt beispielsweise, dass über Abwesende nicht gesprochen wird oder dass Belastendes nur mit Zustimmung der anderen ausgesprochen werden soll.
Das Problem mit den Umgangs- und Respektregeln ist, den Besucherinnen begreiflich zu machen, dass es hier nicht - wie manche daraus in ihrem Schwarz-Weiß-Denken ableitenum Zensur geht. Oft verstehen sie es so, dass beispielsweise über das Thema Vergewaltigung, Religion 16 etc. nicht geredet werden darf. Unser Ansatz ist jedoch, das Gesprächsin-
15 Frauendie erst vor kurzem eine Extrembelastung erlitten haben, sind bisher nicht zu uns in die Tages-
stätte gekommen. Sie benötigen ein Setting, in dem sie so sprechen könnten, so wie sie es bräuchten: Denn
ihre Umgebung sollte zum Zuhören bereit sein, schließlich würde in ihrem Fall das darüber Sprechen beim
Verarbeitungsprozess helfen (Reddemann 2006, 48).
16 Religion ist in der Tagesstätte ein sensibles Thema, da mehrere Besucherinnen in christlich-religiösen
Gemeinschaften/Sekten aktiv sind und über ihre spirituellen Erfahrungen ausgiebig, manchmal mit beinah
missionarischem Eifer sprechen; andere belästigt oder triggert dieses Thema, insbesondere dann, wenn sie
negative Erfahrungen in Sekten oder mit dem Themenkomplex ‚Schuld‘ gemacht haben. Für einige Besu-
cherinnen ist die Religiösität eine Möglichkeit, ihre psychische Krankheit als spirituelle Krise umzudeuten
und den Identitätsverlust durch die psychiatrische Diagnose teilweise auszugleichen (Knuf et al. 2007, 126)
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halte dosiert, gesteuert und reflektiert werden müssen. Somit versuchen wir zu vermitteln, dass es ein Unterschied ist, ob über die eigene Trauma- und Gewalterfahrung einer Vergewaltigung gesprochen wird, was triggert und somit retraumatisierend wirkt, oder über den israelischen Präsidenten, der aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen zurücktreten soll. D.h. die Besucherinnen müssen lernen, ihre eigenen Grenzen und die Wirkung ihrer Worte bei anderen wahrzunehmen, und auch lernen mit Gesprächskonflikten umzugehen. Diese Regel muss - i.d.R. aufgrund von aktuellen Beschwerden oder Konflikten - immer wieder neu diskutiert und erklärt werden, denn sie verlangt durch ihre subjektive Ausformulierung (z.B. „Ich belaste keine Frau/Frauen ohne deren Zustimmung mit meinen Problemen“) ein großes Maß an Reflexionsfähigkeit und Bewusstheit sich selbst und anderen gegenüber. Nach vier Jahren Erfahrung mit dieser Regel hat sich das Kommunikationsverhalten der Besucherinnen untereinander sehr verbessert und traumatisierende oder potentiell triggernde Inhalte der Kommunikation haben stark abgenommen, beispielsweise gewalttätige Kindheitserfahrungen oder negative Erlebnisberichte von Psychiatrieaufenthalten. Die meisten Besucherinnen haben gelernt, dass solche Gespräche ihnen nicht gut tun. Diese Regeln werden von der Mehrzahl der Besucherinnen selber vertreten und verteidigt. Zu diesem Punkt gehört auch, dass es Rückzugsräume gibt, in die sich Besucherinnen begeben können, wenn sie sich labil fühlen oder ihre Grenzen nicht oder nur schlecht wahren können. Hierbei geht es darum, eine stressfreie oder zumindest stressarme Umgebung oder eine sich sicher anfühlende Umgebung (z.B. mit Decken und Stofftieren oder Wärmflasche auf dem Sofa) parat zu haben, auf die die Besucherinnen zurückgreifen können. Ebenso stehen diese Räume denjenigen offen, die über ein Thema sprechen möchten, was andere belastet oder auch einfach nervt 17 ; denn wir haben eine Übereinkunft, dass über Themen, welche die Mehrzahl der Frauen nicht diskutieren oder anhören möchte, im Rückzugsraum gesprochen wird.
17 Abgesehen von einer großen Gemeinschaftswohnküche, in der sich ein großer Teil des Alltags abspielt,
bestehen die Aufenthaltsräume der Tagesstätte EigenSinn noch aus einem geräumigen Wohnzimmer, in
dem auch Gruppenangebote stattfinden, einer Kleiderkammer mit Nähstube, einem gemütlichen Computer-raum mit Sofa sowie einer großen Werkstatt. Sowohl das Wohnzimmer wie das Computerzimmer werden
oft als Rückzugsraum genutzt.
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Die emotionale Selbstbetäubung vieler unser Klientinnen verstehen und respektieren wir als Bewältigungsstrategie, d.h. als Sicherheit vor weiteren Verletzungen. Mit einigen Besucherinnen gibt es Einzelabsprachen zu ihrer Sicherheit. Diese können sich auf Essverhalten beziehen, umfassen besondere Absprachen in Bezug auf die Benutzung von ‚gefährlichen‘ Werkzeugen in der Werkstatt etc.. Wenn es einer Besucherin akut schlecht geht, sie eine Krise hat, dann gibt es die Regel, dass eine Team-Mitarbeiterin für eine Krisenintervention zur Verfügung steht 18 .
Während der gesamten Dauer des Aufenthaltes in der Tagesstätte, was Jahre sein können, legen wir unser Augenmerk auf dem Wiederaufbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten der Besucherinnen, was gerade auch für traumatisierte Menschen wichtig ist (u.a. Maragkos/Krüsmann 2001; Fischer/Riedesser 1999, 192ff). Ziel dabei ist, die Aktivierung und Förderung von Eigeninitiative und Eigenwirksamkeit, was u.a. auf dem Empowerment-Ansatz beruht. D.h. die Menschen werden zur Entdeckung eigener Stärken ermutigt und ihnen werden Hilfestellungen bei der Aneignung von Selbst- und Lebensautonomie geben. Empowerment zielt auf die (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung über die Gegebenheiten des eigenen Alltags (Herriger 1997, 73). Die Stärke des Empowerment-Konzepts liegt in der Grundhaltung der sozialpädagogischen Arbeit - nämlich Hilfe überflüssig zu machen - und Hinwendung auf die Stärken und Fähigkeiten der Menschen, wodurch ihre Wünsche und Bedürfnisse von der Sozialen Arbeit „wirklich ernst genommen und unterstützt werden“ (Pankofer 2000, 18). Die Frauen werden dadurch befähigt, selbst ein aktiver Motor in der Entwicklung ihrer Partizipationsmöglichkeiten zu werden und erhalten Unterstützung, so das ihre aktive Partizipation unabhängig von der Schwere der Behinderung sichergestellt werden kann (Niehaus 2001, 747), um ihre Teilhabe an der Gesellschaft dauerhaft zu gewährleisten. Eine der Regeln in der Tagesstätte lautet deswegen, dass sich alle an den anfallenden Aufgaben im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten beteiligen.
18 Diese Regel gilt auch dann, wenn nur eine Mitarbeiterin in der Tagesstätte arbeitet. Gruppenangebote
werden dann unterbrochen. Falls die betroffene Frau sich nicht selbst die Hilfe eines Kriseninterventionsge-sprächs holen kann, z.B. bei starken dissoziativen Zuständen, dann werden wir vom Team von anderen Be-
sucherin geholt.
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Auch in der Gruppe bekommen die Frauen, dadurch dass sie etwas geben, positive Erfarhungen. Es geht dabei nicht nur um das wechselseitige Geben und Nehmen, sondern um das Geben als Handlung 19 . Viele Frauen sind demoralisiert und haben bedrückende Gefühle, anderen nichts Wertvolles geben zu können. Ihrer Überzeugung nach sind sie eine Last für die Gesellschaft. Durch die Erfahrung, dass sie für andere wichtig sind, wird ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung gehoben (Yalom 2005, 32).
Die regelmäßig stattfindende ‚EigenSinn-Gruppe‘ ist ein Konzeptbaustein, mit dem wir dies zu realisieren versuchen. In dieser gut besuchten, wöchentlich stattfindenden Gruppe können die Frauen Einfluss auf den Tagesstätten-Ablauf nehmen. Es geht hierbei darum, die Besucherinnen möglichst weitgehend in Entscheidungen einzubeziehen und Eigenverant-wortung zu fördern 20 . Damit mehr Verbindlichkeit herrscht, sind alle vom Team 21 , die an dem Tag arbeiten, in der Gruppe anwesend, und möglichst sollten auch alle Besucherinnen
19 Geschichten wie beispielsweise die folgende zu erzählen, ist in unserem Arbeitskontext wichtig, damit die Informationen wirklich bei den Besucherinnen hängen bleibt: “Eine alte chassidische Geschichte berichtet von einem Rabbi, der mit dem Herrgott über Himmel und Hölle sprach. „Ich will dir die Hölle zeigen“, sagte der Herrgott und führte den Rabbi in ein Zimmer, in dem um einen großen runden Tisch herum eine Gruppe hungernder, verzweifelter Menschen saßen. Mitten auf dem Tisch stand eine riesige Schüssel
mit Eintopf, mehr als genug für alle. Das Gericht duftete köstlich, und dem Rabbi lief das Wasser im Mund zusammen. Doch niemand aß. Jeder am Tisch hatte einen sehr langstieligen Löffel in der Hand - lang genug, um den Topf zu erreichen und sich einen Löffel von dem Eintopfgericht zu nehmen, jedoch zu lang, um die Speise zum Mund zu führen. Der Rabbi sah, daß die Leute wirklich schrecklich litten und neigte mitleidsvoll das Haupt. „Nun will ich dir den Himmel zeigen“, sagte der Herrgott, und sie betraten ein anderes Zimmer, das dem ersten genau glich - da waren derselbe große runde Tisch, dieselbe riesige Schüssel mit Eintopf, dieselben langstieligen Löffel. Doch hier herrschte Fröhlichkeit: alle waren wohlgenährt, rundlich und ausgelassen. Zunächst begriff der Rabbi nicht und schaute den Herrn an. „Es ist ganz einfach“, sagte der Herrgott, „aber es gehört eine gewisse Geschicklichkeit dazu. Siehst du, sie haben gelernt, sich gegenseitig zu füttern!““ (Yalom 2005, 32)
20 Zur Gestaltung der Gruppe orientieren wir uns methodisch an TZI und haben auch einige essenzielle Re-
geln übernommen, z.B. Störungen haben Vorrang.
21 Alle Teammitglieder meint, alle Mitarbeiterinnen, Praktikantinnen und/oder Ehrenamtliche. Auch findet
nie ein anderes Angebot parallel zur EigenSinn-Gruppe statt.
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teilnehmen. Zur Verbindlichkeit gehört auch, dass immer eine der Besucherinnen Protokoll schreibt, was später an der Pinnwand ausgehängt wird. Gemeinsam wird zu Beginn die Ta-gesordnung festgelegt, wo jede ihre Themen einbringen kann, welche sie gerne besprochen hätten. Das können allgemeine Thematiken sein, die allerdings dann oft auch die Gespräche im EigenSinn beherrschen, beispielsweise Religion(sausübung), Gesundheit, Psychopharmaka oder gewünschte Neuanschaffungen (bessere Kaffeemaschine), Feste und Ausflugsziele. Ebenso werden allgemeine Konflikte, die die Tagesstätte betreffen, eingebracht (wie „das immer dieselben abspülen“).
Es ist wichtig, einen solchen Ort zur Aushandlung von Regeln oder Konflikten zu haben; denn das entlastet die Besucherinnen bei aktuellen Unstimmigkeiten. Sie können eher eine Distanz zu ihren negativen Emotionen aufbauen, wenn sie wissen, dass ihre Gefühle und Wünsche ernstgenommen und respektiert werden und dass darüber zu dieser festgelegten Zeit über das Problem gesprochen werden kann. Gleichzeitig hat das Team die Möglichkeit den Frauen Themenvorschläge zu unterbreiten oder wichtige Informationen weiterzugeben (z.B. Platzzahlaufstockung, neue Räume). In dieser Gruppe werden gemeinsam mit den Besucherinnen möglichst alle für die Tagesstätte relevanten Belange besprochen. Auch vermitteln wir z.B. regelmäßig Wissen, da Wissen Kontrollerleben fördert und die Besucherinnen sich dadurch mehr als Handelnde erleben können, so dass sie selbständiger Entscheidungen treffen können. Unser Ziel ist es, die Frauen auf die (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung über ihren Alltag zu ermutigen und durch Informations- und Entscheidungstransparenz gegen die Ohnmachtsgefühle und Handlungsunfähigkeit anzukommen. Ziel dabei ist, die Aktivierung und Förderung von Eigeninitiative und Eigenwirksamkeit. Zur Übertragung von Handlungsmacht an die Besucherinnen gehört auch, dass sie sich von uns den Schlüssel ausleihen können und am Wochenende selbstständig die Tagesstätte aufmachen können (vgl. dazu die Regeln im Anhang). Dies geschieht ca. ein- bis zweimal im Monat, wenn eine der gesünderen Besucherinnen die Initiative ergreift. Zumeist sind es dann fünf bis acht Frauen beim selbstorganisierten ‚Kaffee-Klatsch‘ anwesend. Für ca. ein Drittel der Besucherinnen ist dieser selbstorganisierte Kontakt eine Überforderung. Sie
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kommen nicht, wenn keine Mitarbeiterin vom Team da ist, die Sicherheit und Stabilität garantiert.
Das soziale Miteinander ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit in der Tagesstätte, denn es schafft Sozialkontakte, Gemeinschaftsgefühl und wirkt somit der Vereinzelung und Vereinsamung der Besucherinnen entgegen. Auch kann durch die Gemeinschaft zumindest ansatzweise positive Bindungserfahrung gemacht werden, was bei Traumatisierungen wichtig ist (Huber 2005a, 107ff). Außer den bisher erwähnten Strukturelementen gehört dazu auch, dass wir nur Gruppenangebote und keine Einzelfallarbeit 22 machen. Wichtig dafür ist u.a., dass wir gemeinsam Geburtstage und Feste feiern, Mittagessen wie in einer Großfamilie zubereiten, Ausflüge planen oder auch Rituale zur Integration neuer Besucherinnen durchführen etc. Es geht hierbei um ein atmosphärisches Klima der Gemeinschaft, was soziales Lernen in der Gruppe ermöglicht, mit den Ziel soziale Kompetenzen zu aktivieren und soziale Prozesse zu trainieren. Viele Besucherinnen haben Defizite im sozialen Miteinander, beispielsweise in Bezug auf Kommunikation, Konflikte, und profitieren vom ‚Milieu‘ der Gemeinschaft der Tagesstätte.
Eine stressfreie und dennoch fordernde ‚Wohlfühl‘atmoshäre zu schaffen, ist ein zentraler Punkt dieser Arbeit, denn nur in einem solchen Sicherheit gebenden Raum, kann Neues Verhalten geprobt und erlernt werden. Dazu gehört, dass alle am Zusammensein Beteiligten soweit wie möglich ihre eigenen Grenzen erkennen und die der anderen respektieren. So gibt es in der EigenSinn-Gruppe beispielsweise Aushandlungsprozesse darüber, ob das Radio beim Essen eingeschaltet ist (wurde abgelehnt, da für einige zu störend und stressig) oder ob Stricken beim Kommunikationstraining zulässig ist (wurde als ok. befunden, wenn niemand der aktuell Anwesenden das Nadelgeklappere stört). Solche sozialen Aushandlungsprozesse finden regelmäßig in der EigenSinn-Gruppe statt und die meisten Besucherinnen haben mittlerweile gelernt, dies als Raum zur Etablierung eines respektvollen Mitein- 22 ImRahmen unseres Konzepts stimmen wir ca. halbjährlich mit den Betroffenen ab, was sie von der Ta-
gesstätte erwarten und brauchen. Auch vermitteln wir sie bei Bedarf in andere entsprechende Angebote (Er-
gotherapie, Schuldenberatungsstelle etc.). Im Rahmen der (Kriseninterventions)Gespräche überzeugen wir
sie u.U. zum Arzt oder auf die Krisenstation zu gehen, d.h. wir appellieren auf die juristisch rechtlich ver-
ankerte ‚wohlinformierte Zustimmung‘ der Besucherin.
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ander zu nutzen. Sie erfahren dadurch, scheinbar persönliche Konflikte als Unterschiede der jeweiligen Bedürfnisse zu erkennen.
Dennoch sind wir als Mitarbeiterinnen immer wieder gefragt, die Stimmung zu stabilisieren. Denn es passiert z.B. häufig, dass Besucherinnen in einem sehr gespannten Zustand, mit Hyperarousal ankommen und andere mit lautem, hektischen Ohne-Komma-und-Punkt-Reden völlig Überschwemmen, so dass sofort eine gestresste und oft auch leicht aggressive Atmosphäre entsteht. Und natürlich endet nicht jeder Konflikt zwischen den Besucherinnen in einem wie oben geschilderten konstruktiven Aushandlungsprozess; sondern die Mitarbeiterinnen sind immer wieder gefordert, regulierend einzugreifen. Um das soziale Mitein-ander zu gewährleisten und zu verbessern, machen wir immer mal wieder spezielle stabilisierenden Gruppenangebote (vgl. das folgende Kapitel Psychoedukation). Ein ganz schwieriger Punkt, den wir uns sehr genau überlegen müssen, ist der Ausschluss einer Klientin aus dem EigenSinn. Das hat große Konsequenzen für die betroffene Frau sowie auch für die Gruppe. In den letzten vier Jahren war es ‚nur‘ zweimal der Fall, das wir eine Frau ausschließen mussten (im Vordergrund stehende Drogensucht und übergriffiges Verhalten, gewalttätiges und missbräuchliches Verhalten). Diese Suspendierung der Besucherinen war für einige so angsterregend, dass sie noch heute befürchten, ihnen könnte es genau so ergehen; denn „die Ausstoßung eines Gruppenmitglieds rührt tiefe archaische Schichten der Angst auf“ (Yalom 2005, 340). Es gelingt uns auch immer nur teilweise diese Frauen zu beruhigen, indem wir wiederholt die Gründe für unser Handeln erklären und sie darüber informieren, dass wir die ausgeschlossenen Frauen an für sie geeignete Einrichtungen verwiesen haben.
4.3 Psychoedukation (Ellen Puchstein)
Psychoedukation hat als psychotherapeutische Gruppenintervention zunehmend an Bedeutung gewonnen. Bei der großen Vielfalt der unterschiedlichen Psychoedukations-Konzepte
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gibt es auch viele Gemeinsamkeiten: vor allem die verbindende Philosophie, nämlich das Selbsthilfepotenzial von KlientInnen (und Angehörigen) zu wecken und die Kooperation zwischen KlientInnen, Angehörigen und professionellen Helfern zu stärken (Bäuml/Pitschel-Walz 2004, Vorwort IX). In diesem Kapitel werden wir die Möglichkeiten und Grenzen von psychoedukativen Angeboten in einem niederschwelligen ambulanten Setting in einer Tagesstätte theoriegeleitet beschreiben und mit unseren Erfahrungen anreichern.
4.3.1 Unterschiedliche Ansätze psychoedukativer Gruppen
Psychoedukation hat seine Wurzeln in der kognitiven Verhaltenstherapie 23 . Anfangs war sie konzeptionell in ein umfassenderes therapeutisches Programm eingebettet. Meist standen soziale Kompetenz, Kommunikation, Symtommanagement oder das Familiensystem der KlientInnen im Zentrum der eigentlichen Therapie. In Deutschland etablierten sich zu Anfang der 1990er Jahre verschiedene psychoedukative Ansätze. In Folge wurden auch mehr kurze, einfach durchzuführende Informationsgruppen unabhängig von weiterfolgender Therapie angeboten. Seit Ende der 1990er Jahre gibt es Konzepte zur Psychoedukation für viele psychische Störungen: so liegen zur Zeit manualisierte Programme für Menschen mit Schizophrenie, depressiven Erkrankungen, Angst- und Zwangsstörungen wie auch für Alkoholabhängigkeit und Doppeldiagnosen (Abhängigkeit und schizophrene Psychose) vor (Rentrop et al. 2007, 2f).
Den unterschiedlichen Programmen gemeinsam ist eine Aufteilung der zu vermittelnden Inhalt in Module. Folgende Themenbereiche finden sich im Einzelnen in unterschiedlicher Gewichtung: Krankheitsbegriff und Symptomatik, biologische Vorgänge während der aku-
23 Inder Psychiatrie wurden als erste Gruppe die PatientInnen aus dem schizophrenen Formenkreis über ih-
re Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt. Als 1952 mit der Einführung der Neuroleptika die PatientInnen
nicht mehr nur verwahrt, sondern auch medizinisch behandelt werden konnten, stellte man schnell fest,
dass die neuen Behandlungsmethoden kurzfristig aber nicht langfristig erfolgreich waren. Wegen der feh-
lenden Informationen nahmen die KlientInnen ihre Medikamente nach Verlassen der Klinik oft nicht mehr
regelmäßig ein (Rentrop et al. 2007, 1f).
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ten Erkrankung, Ursachenmodelle, Wirkung und Nebenwirkung der Medikation, psychotherapeutische Hilfen, Notfallplan und Frühwarnzeichen. Ziel ist es immer, die Krankheit besser zu verstehen und besser mit ihr umgehen zu können, zum Beispiel, indem persönliche Erfahrungen mit der eigenen Erkrankung mit dem gegenwärtigen Wissen über die Erkrankung verbunden werden. Auch sollen eigene Ressourcen und Möglichkeiten kennen gelernt werden, um mögliche Rückfälle zu vermeiden und selbst langfristig zur eigenen Gesundheit beizutragen. Die Aufklärung der PatientInnen über die Entstehungs- und Aufrechterhaltungsbedingungen der Störung bildet oftmals die Grundlage für sich anschließende Behandlungsschritte. Der Einblick in die Ursachen und Wirkungen der eigenen Krankheit sowie der Blick für Zusammenhänge wirken sich häufig positiv auf die Behandlung und den weiteren Verlauf der Krankheit aus. Das Wiedererkrankungs- oder Rückfallrisiko kann dadurch gesenkt werden. Auch fühlen sich PatientInnen und Angehörige, die über das Krankheitsbild genauer informiert sind, weniger hilflos (Bäumel/Pitschel-Walz 2004, 3f). Die Gründung von kleineren psychiatrischen Abteilungen führte dazu, dass es für manche Kliniken schwerer ist, diagnosespezifische Psychoedukationsangebote anzubieten. Deshalb gibt es inzwischen auch diagnoseübergreifende Informationsangebote. Dadurch wird es schwieriger, krankheitsspezifische Informationen wirklich zu denjenigen zu bringen, die das entsprechende Thema betrifft. Wegen der allgemein gültigen Darstellung leidet die Spezifität. Hierbei besteht aber die Möglichkeit, das Einfühlungsvermögen zwischen den Patienten mit unterschiedlichen Schwierigkeiten zu fördern und gegenseitige Vorbehalte abzubauen (Rentrop et. al 2007, 4f). Dennoch stoßen diagnoseübergreifende psychoedukative Angebote auf den Vorbehalt, dass “eine solche Form der Psychoedukation unserer Auffassung nach dann aber eher einer interaktionszentrierten Stationsgruppe als einer tatsächlich auf Informationsvermittlung fokussierten Psychoedukation gleicht“ (Rentrop et al.2007, 5f); eine Meinung, die unseres Erachtens doch sehr durch einen klinik- und medizin-spezifischen Blick geprägt ist.
In der Traumatherapie wird auf Psychoedukation im Sinne von Erklärungen und Informationen zu den Symptomen großen Wert gelegt und spielt vor allem zu Beginn der Behandlung eine große Rolle, damit traumatisierte Menschen verstehen, was mit ihnen los ist (Bu-
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tollo et al. 1998, 238). Die Besucherinnen des EigenSinn berichten, dass sie unter Intrusionen, Angst- und Schreckreaktion, Schlafstörungen und Alpträumen leiden. Auch haben sie in der Regel keine Traumatherapie gemacht. Bei uns hören sie meist das erste Mal, dass ihre Symptome eine vollkommen normale Reaktion auf die traumatische Erfahrung darstellen (vgl. Butollo et al. 2002, 238). Nach unserer Erfahrung ist es für die Frauen eine Entlastung zu hören, dass sie nicht ver-rückt sind, auch wenn sie es manchmal nicht glauben wollen.
4.3.2 Umsetzung von Psychoedukation im EigenSinn
Im Kontext unserer Arbeit verstehen wir Psychoedukation nicht als Erziehung (abgeleitet von lat. educare = erziehen) sondern als Herausführen aus einem Informationsdefizit (lat. educere = herausführen aus dem Zustand der Unwissenheit).
Das heißt, es geht nicht um Anpassung um jeden Preis, nicht um allgemeine Psychoedukation sondern um die individuelle und kooperative Suche nach subjektiven Bedeutungen. (Bock 2006, 40) Nach dem Stand der Forschung wird der Begriff der Psychoedukation sehr breit verwendet. Das Spektrum beginnt bei kurzen informationszentrierten Einzelinterventionen bis zu umfassenden längerfristigen Familieninterventionen (Bäuml/Pitschel-Walz 2004, 19). Wir arbeiten in der Tagesstätte i.d.R. mit psychoedukativen Elementen, d.h. mit kürzeren (zumeist ein- bis zweistündigen) Wissensvermittlungsbausteinen, die je nach Bedarf flexibel eingesetzt werden. Dabei findet auch ein Informations- und/oder Erfahrungsaustausch mit bzw. zwischen den Besucherinnen statt, sodass es nicht zur einseitigen Informationsvermittlung kommt. In diesem Sinne ist Psychoedukation ein selbstverständlicher Bestandteil der Arbeit in unserer Tagesstätte. Wir vermitteln Informationen mittels Fachvorträgen von unserer Seite, geladenen Referentinnen oder Dokumentationsfilmen und initiieren anschließende Diskussionen mit den Besucherinnen.
Sozialpsychiatrische Ansätze und Konzepte, wie sie in Tagesstätten umgesetzt werden, bedeuten u.a. auch, dass immer diagnoseübergreifend gearbeitet werden muss. Das heißt für
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die Tagesstätte EigenSinn, dass es für das Beziehungsgefüge wichtig ist, dass wir den Besucherinnen Umgangshilfen und Wissen über die unterschiedlichen Störungsbilder und Be-handlungsmöglichkeiten geben, damit Ängste und Konflikte untereinander vermindert und mehr Toleranz und Verständnis aufgebaut werden können. So haben die Besucherinnen mit Persönlichkeitsstörungen oft Angst vor psychosenahen Zuständen von schizophrenen Klientinnen 24 , diese wiederum leiden häufiger unter den für sie unverständlichen dissozialen Zügen der Frauen mit Borderlineerkrankungen. Manchmal werden Selbstverletzungsnarben als Suizidversuche missinterpretiert. Frauen mit Selbstverletzungsdruck berichten uns häufig auch über Angst vor sich selbst und stecken mit dieser Angst oft die Gruppe an etc. Inhalte der psychoedukativen Kurzschulungen sind daher einerseits psychische Erkrankungen wie z.B. Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und Psychose, Angst- und Zwangssymptome, Essstörungen und Medikamentenabhängigkeit etc., und andererseits auch damit zusammenhängende psychische Phänomenen und Symptome wie Traumagedächtnis, Dissoziation, selbstverletzendes Verhalten oder Suizidalität. Dies ist für das Gruppengeschehen wichtig, um das gegenseitige Verständnis für Krankheitssymptome und Symptommanagement zu fördern, die sozialen Kompetenzen und die Kommunikation zu stärken und gegenseitige Ängste abzubauen. Dadurch steigt die Toleranz untereinander und Bedürfnisse und Grenzen der einzelnen werden besser verstanden und respektiert. Da wir mit solchen psychoedukativen Einheiten bereits vor einigen Jahren begonnen haben, haben sich die Probleme des gegenseitigen Umgangs deutlich reduziert. Wahnhaftes, psychosenahes Verhalten, wenn es denn nicht aggressiv ist, verunsichert zwar häufig immer noch viele Besucherinnen, dennoch zeigen sie zumeist auch Mitleid und eine relativ große Toleranz gegenüber den für sie nun erkennbaren Krankheitssymptomen. Stärkere Dissoziationen oder seltsames Zwangsverhalten werden mittlerweile von den meisten nicht mehr mit Psychosen verwechselt, sondern sind als kurzfristige Verhaltensänderungen einzuordnen. Narben oder Wunden von Selbstverletzungen, starke Konzentrationsprobleme, motorische
24 Menschen mit akuten psychotischen Symptomen erscheinen dabei für andere zunächst besonders beängs-
tigend und häufig ihr Verhalten als nicht nachvollziehbar. Ausführliche Aufklärung soll dieser Entwick-
lung entgegenwirken (vgl. Jensen/Chirazi-Stark 2004, 139)
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Unruhe wegen Medikamenten etc. wird mit Rücksicht begegnet. Nach wie vor im Alltag problematisch sind dagegen die häufig negativ geladenen Emotionen oder Verhaltensweisen von Frauen mit Persönlichkeitsstörungen. Ihr immer wieder grenzüberschreitendes Verhalten wird in der Regel als persönlicher Angriff interpretiert, was je nach Betroffener zu Rückzug oder Konflikten führt.
Um das soziale Miteinander zu gewährleisten, ist es auch wichtig gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen, wie gleichgeschlechtliche Lebensformen, Rassismus und Migration, Religion und Sekten. Solche Themen setzten wir zumeist von Teamseite auf die Agenda, wenn es aktuelle Konflikte dazu in der Tagesstätte gibt. So gibt es beispielsweise, seitdem eine Mitarbeiterin der Lesbenberatungsstelle Letra einen Workshop zum Thema lesbische Lebensformen gehalten hat, bisher keine von Homophobie geprägten Konflikte und Ausei-nandersetzungen mehr.
Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen einzelne Besucherinnen über das Verhalten von anderen ängstlich, verwirrt, erschreckt oder verärgert sind. Verbal aggressives oder als aggressiv aufgefasstes Verhalten, nicht zu stoppender Redefluss, Stress verbreitendes Handeln von einzelnen bei gespannten Zuständen etc. gehören dazu, ebenso wie auch eine laute und als hektisch und stressig wahrgenomme Atmosphäre aufgrund von empfundener räumlicher Enge. Um den einzelnen Besucherinnen dazu Handlungsoptionen an die Hand zu geben, sind psychoedukative Schulungen zur Stressbewältigung und emotionaler Regulation wichtig. Themen dazu sind beispielsweise das Freudetagebuch, Notfallkoffer-Einheiten, Krisenplan oder Selbstberuhigungstechniken. Es geht dabei darum, die Klientinnen zu positiven Aktivitäten ermuntern, welche sie ‚bei schönem Wetter‘, d.h. wenn es ihnen gut geht und sie nicht in einer Krise sind, eingeübt haben, so dass sie sich ohne unsere Unterstützung beruhigen können. Da großes Interesse sowohl im Team als auch bei den Besucherinnen an diesen Angeboten besteht, ist es dringend erforderlich, das Konzept in dieser Richtung zu erweitern; denn faktisch machen wir bisher dazu noch zu wenig Regelmäßiges. Zur Aktivierung sozialer Kompetenzen und Training von sozialen Prozessen gibt es in unregelmäßigen Abständen kürzere psychoedukative Einheiten zu den Themen Grenzen, Konflikt, Kommunikation. Regelmäßige, d.h. wöchentlich stattfindende, Angebote zum Training
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von sozialer Kompetenz finden sich in den gut besuchten Improvisations-Theater- und in der Kommunikationstrainings-Gruppe, die sich jeweils sehr spielerisch und mit Spaß diesen Themen nähern.
Ein weiterer wichtiger Konzeptbaustein sind salutogenetische Ansätze zum Thema Hygiene und Ernährung. Bei chronischem Stress und Trauma sind vor allem die Selbstregulationsmechanismen des Körpers (Verdauung, Schlaf, Temperaturregelung, Herzschlag, etc.) gestört. Essen und Trinken kann das zusätzlich ungünstig beeinflussen, z.B. durch hohen Kaffee, Zigaretten und Zuckerkonsum (Fischer 2003, 93ff) 25 . Ernährung und Hygiene sind darüber hinaus bei unseren häufig chronisch kranken Frauen sowieso ein wichtiges Thema zur Prävention und Gesundheitsstabilisierung, denn der oft hohe Psychopharmakakonsum verbunden mit wenig Bewegung und häufig auch somatischen Erkrankungen führt bei vielen zu einem insgesamt schlechten Gesundheitszustand. Aufgrund des gemeinsamen Mittagessens sind die Themen Gesundheit und Hygiene im Alltagsrahmen täglich präsent und fließen beim gemeinsamen Einkaufen und Kochen mit ein. Gesetzliche Vorgaben regeln z.B. die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln, welche wir den Besucherinnen in unregelmäßigen Abständen vermitteln. Darüber hinaus haben wir seit diesem Jahr mit aufeinander aufbauende, einmal im Monat stattfindenden Ernährungsschulungen mit dem Titel „Essen hält Leib und Seele zusammen“ begonnen. In einem immer wieder auch zähen Prozess über die letzten vier Jahre hinweg ist es uns in Bezug auf das gemeinsame Mittagessen gelungen, alle Fertiggerichte abzuschaffen, regelmäßig frischen Gemüse und Salat einzuführen, die Sahnemenge in den Soßen auf unter 30% zu drücken, Vollkornnudeln und -reis zu kochen, auch mal im Bioladen einzukaufen, Obst statt Keksen oder Schokolade zum Nachtisch anzubieten - das Essen schmeckt trotzdem allen und die Besucherinnen greifen das Thema ge-sundes Essen untereinander auf. Tatsächlich können Kräutertees dem Wohlbefinden dienen, Leitungswasser ist trinkbar (und außerdem billig), allerdings ist die Einführung von ko-
25 Nachunseren - parallel zum Arbeitsalltag stattfindenden - Recherchen gibt es zu den Zusammenhängen
von psychischen Erkrankungen und Ernährung nicht besonders viel Literatur, die über die üblichen Tipps
zu gesunder Ernährung hinausgeht. Das ist schade, denn dies ist ein sehr alltagstaugliches Terrain zur Res-
sourcenstärkung und im Tagesstättenkontext auch leicht umsetzbar.
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feinfreiem Kaffee der allgemeinen Desorganisation der Kaffeedosen und Thermoskannen zum Opfer gefallen.
In Bezug auf im weitesten Sinne psychoedukative Angebote integrieren wir in den Alltag regelmäßig Inhalte mit sozialrechtlichem Bezug, die häufig von den Besucherinnen aktuell eingebracht werden, beispielsweise Vorsorgevereinbarung, Rente, Gesundheitsreform, Betreuungsrecht, Patientenverfügung, SGB XII, ICF, Krankenkassenzuzahlung, Gesamtplan u.a.. Häufig werden dazu auch andere Klientinnen des FTZ bzw. anderer Einrichtungen und Dienste der Sozialpsychiatrie eingeladen. Das dient einer klassischen Wissensvermittlung und gibt damit den Besucherinnen einen Kompetenzzuwachs an die Hand. Insgesamt haben wir mittlerweile ein relativ weites Repertoire an im weitesten Sinne psychoedukativen Elementen erprobt, die wir bei aktuellem Bedarf in das Programm integrieren können. Alles in allem erscheint dieser Bereich in weiten Teilen jedoch als ein noch unstrukturiertes Gemenge von Konzeptbausteinen, die zu mehr Stringenz zusammengefasst und regelmäßiger umgesetzt werden könnten. In Zukunft möchten wir auch die Frauen noch mehr an der Konzeption und der Planung dieser Gruppen mit einbeziehen und beteiligen.
4.3 Achtsamkeits-Praxis zum Wohlbefinden und zu seelischer Gesundheit (Ruth Weizel)
Wir wollen in diesem Kapitel eine theoriegeleitete und durch unsere Erfahrung fundierte Umsetzungsmöglichkeit für Achtsamkeitspraxis in einem niederschwelligen ambulanten Setting für psychiatrieerfahrene Frauen vorstellen und bewerten.
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4.3.1 Theoretischer Hintergrund von Achtsamkeit
Achtsamkeit ist ein sehr altes Konzept, das wesentlich mehr ist als nur eine Entspannungsmethode. Die aus dem Buddhistischen stammenden Achtsamkeitsprinzipien finden seit über 2500 Jahren Anwendung. Schon seit längerem wird Achtsamkeit in der Behandlung von Menschen mit psychischen Störungen integriert und hat dabei an Bedeutung zugenommen, was auch an der Zahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema abzulesen ist (Heidenreich/Michalak 2006, 10f). Achtsamkeit zu definieren, scheint recht einfach; jedoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass ein tatsächliches Verstehen dieses Prinzips recht schwer ist. Im Grunde ist Achtsamkeit ein ziemlich einfaches Konzept und für Jedermann/-frau erlernbar. Achtsamkeit heißt, auf ganz bestimmte Art aufmerksam zu sein, nämlich bewusst im gegenwärtigen Moment und ohne zu urteilen. (Kabat-Zinn 1994, 18)
Letztendlich ist Achtsamkeit „eine besondere Form der Aufmerksamkeitslenkung“ (Heidenreich/Michalak 2006, 11), die absichtsvoll, nicht-wertend und auf das bewusste Erleben des Augenblicks gerichtet ist. Das bedeutet also, alles, was im gegenwärtigen Moment geschieht, bewusst und ohne zu urteilen wahrzunehmen. Oft verliert man den gegenwärtigen Augenblick aus den Augen. Wenn sich die Gedanken nur noch in der Zukunft oder der Vergangenheit befinden, gefühlsmäßig getönt durch aktuelle Stimmungen und bewertet mit alten Mustern, ist es nicht mehr möglich, präsent zu sein, weder bei kleinen noch bei großen Ereignissen - das Leben rauscht förmlich vorbei, ohne gelebt zu werden, der Auto-Pilot-Modus ist eingeschaltet (Heidenreich/Michalak 2006, 11f; Kabat-Zinn 2006, 15ff). Wirkliches Leben erfahren wir nur im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist schon vorüber und die Zukunft ist noch nicht da. Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir das Leben wirklich berühren. (Hanh 2004, 18)
Durch Achtsamkeitsübungen ist es möglich, innezuhalten und den Körper, Gedanken und Gefühle aufmerksam wahrzunehmen, ohne sie direkt beurteilen oder verändern zu wollen. Dadurch ist ein tieferes Verständnis für sich selbst möglich. Man erkennt, dass man auch in stressigeren oder kritischeren Situationen aufmerksam handeln kann, ohne sich in der Situa-
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tion zu verlieren und nur noch automatisch zu reagieren. Achtsamkeit als Haltung bietet Raum und Zugang zur Wahrnehmung der eigenen körperlichen und emotionalen Befindlichkeit. Dabei ist Achtsamkeit nicht mit Nachdenken gleichzusetzen, sondern meint bewusstes, absichtsvolles und nicht-wertendes Gewahrsein auf das Hier und Jetzt. Insofern ist erhöhte Achtsamkeit mit erhöhter Bewusstheit gleichzusetzen. Bewusstheit ermöglicht, erweiterte und vertiefte Wahrnehmung im Innen und Außen und bietet ein Regulativ für Täuschung und Selbsttäuschung. In diesem Sinne schafft Achtsamkeit einen Zugang zu nicht-wertender Selbstreflexion und somit Distanz zum emotionalen Erleben, was Grundlage zum Ablegen von automatisierten Handlungsmustern ist und zu vermehrtem Kontrollerleben über eigene Handlungen führen kann (Grossmann 2006, 73ff; Roediger 2006, 677ff; Kabat-Zinn 2006, 16ff).
Außerhalb der religiös-spirituellen Tradition wird Achtsamkeit in einem therapeutischen Kontext angewendet: einerseits als zentrales Element von Programmen (z.B. Mindfullness Based Stress Reduction MBSR nach Kabat-Zinn) oder andererseits als Bestandteil von Therapiekonzepten (wie in der Dialektisch Behavioralen Therapie DBT nach Linehan). Auch in klassischen Therapieansätzen lassen sich Prinzipien finden, die Achtsamkeitsprinzipien ähneln. So geht der gestalttherapeutische Ansatz davon aus, im Hier und Jetzt psychotherapeutisch zu arbeiten (Heidenreich/Michalak 2006, 13). Auch gibt es anwendungsorientierte Ansätze, in denen Achtsamkeit in die Behandlungsplanung einbezogen wird, z.B. im Suchtbereich oder bei psychosomatischen Erkrankungen (Heidenreich/Michalak 2006, 18f). Achtsamkeit wird in der Traumatherapie insbesondere im Sinne von Ich-stärkenden Interventionen ausgeführt. Das Ziel dabei ist, die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung v.a. in Handlungen bzw. im handelnden Körperaktionen oder auf der Sinneswahrnehmungsebene zu stärken und damit Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit zu erhöhen. Insbesondere das gewohnheitsmäßige Dissoziieren, was bei Traumafolgestörungen häufig auftritt, kann mit einer geeigneten Achtsamkeitspraxis begegnet werden (Reddemann 2006a, 299ff. auch Huber 2005b, 101).
Insgesamt gesehen bietet sich Achtsamkeit bzw. Achtsamkeitsübungen als eine Übungs- und Trainings-Methode auch in einem niederschwelligen Setting an, um Körperempfinden zu
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schärfen, sich eingeschliffene unbewusste Reaktionsmuster bewusst zu machen und die Last negativer Emotionen oder Gedanken zu mildern. Und schließlich geht eine gesteigerte Eigenwahrnehmung oft auch mit einer gesteigerten Selbstwirksamkeit einher, weil das Wissen und Kontrollerleben über sich selbst größer ist.
4.3.2 Achtsamkeitsübungen und Achtsamkeitstraining in der Tagesstätte
Die hier geschilderten Erfahrungen wurden in der Tagesstätte EigenSinn gemacht. Seit drei Jahren finden hier Achtsamkeitstrainings-Gruppen, Achtsamkeitsübungsstunden sowie seit ca. einem halben Jahr in den Tagesstätten-Ablauf integrierte Achtsamkeitsübungen statt. Insgesamt betonen wir immer wieder, dass Achtsamkeit für alle Menschen, gesunde und kranke, einen wohltuenden Effekt hat und sich positiv auf ihr Wohlbefinden auswirkt (vgl. z.B. Reddemann 2004, 49). Von dieser als Normalisierung wahrgenommene Haltung profitieren die Teilnehmerinnen unserer Erfahrung nach, da damit nicht ihr Krankheitsbild im Vordergrund steht (und im übrigen im Rahmen der Gruppen und Trainingsstunden auch nicht darüber geredet wird) sondern eine gesundheitsfördernde Praxis, die an ihren Fähigkeiten ansetzt. Wir betonen auch, dass Achtsamkeit erlernbar ist und sich v.a. durch Praxis/Übung erschließt und weniger durch ein intellektuelles Verstehen. In unserer Übungsgruppe ist es nicht notwendig, dass wir die gesamte Philosophie der Achtsamkeit vermitteln. In unserem Kontext wird dies manchmal zu schwierig und kann uns auch Unruhe bringen, so dass wir nur Erklärungen geben, wenn die Teilnehmerinnen eine nähere Erläuterung im Bezug auf die Übungen wünschen. Wir haben deshalb eine Klientengerechte Definition des Achtsamkeitskonzeptes nach Linehan als Einführung genommen. Insgesamt hat sich für unsere Klientinnen die fünf- Sinne Achtsamkeit besonders bewährt. (vgl. Rentrop et al. 2007, 36).
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Die Achtsamkeits-Trainingsgruppe ist eine 10mal stattfindende, mit psychoedukativen Elementen angereicherte Übungsgruppe, an der 10-12 Frauen mit Psychiatrieerfahrung (und unterschiedlichen Diagnosen) verbindlich teilnehmen 26 . Diese Gruppe findet drei- bis viermal im Jahr statt. In dieser Gruppe wird vermittelt, was Achtsamkeit ist, wozu sie nützlich sein kann und das Achtsamkeit mehr Bewusstheit im alltäglichen Leben ermöglicht und zu mehr Steuerungsmöglichkeiten über sich selbst führt (Rentrop et al. 2007, 37). Zentraler Bestandteil sind die unterschiedlichen Übungs- und Trainingssequenzen, an denen Achtsamkeit eingeübt wird. Inhaltlich orientieren wir uns dabei an dem Modul Achtsamkeit der DBT, Elementen aus dem MBSR sowie der Traumatherapie von Reddemann und Huber (exemplarisch: Linehan 1996a,b; Kabat-Zinn 1994, 2006; Reddemann 2004; Reddemann/Dehner-Rau 2004; Huber 2005a,b,c). Da die Achtsamkeits-Trainingsgruppe einen niederschwelligen Zugang bieten soll, gibt es außer regelmäßiger Anwesenheit und der Bereitschaft mitzumachen keine weiteren Verpflichtungen für die Teilnehmerinnen (Flyer im Anhang).
Die Resonanz der Teilnehmerinnen, die eine Gruppe bis zum Ende durchgehalten haben 27 , war bisher ausnahmslos positiv. Viele haben mittlerweile die Gruppe ein zweites Mal besucht, um ihre Erfahrungen zu vertiefen. Auch wenn eine Integration der Übungen in den Alltag der psychisch kranken Frauen sich häufig als schwierig erweist, so ist der durch die Übungen ausgelöste Effekt von Distanz zum eigenen Erleben und zumeist auch Ruhe und Gelassenheit 28 innerhalb der Trainingsgruppe durchweg positiv und wirkt entlastend auf aktuelle Alltags- oder Befindlichkeitsprobleme. Es geht hierbei um die Erfahrung, dass zumindest eine zeitlang Anspannung, Stress und negative Gedanken nicht nur im
26 Da mittlerweile viele der Tagesstätten-Besucherinnen die Achtsamkeitstrainingsgruppe bereits besucht
haben, wurde die Gruppe zuerst für andere Klientinnen des FTZ geöffnet und ist inzwischen ganz allgemein
offen.
27 Die meisten Teilnehmerinnen (80-90% der Teilnehmerinnen der Gruppen im letzten Jahr) nehmen bis
zum Schluss an der Gruppe teil. Abbrüche finden in der Regel aufgrund von Krisen, Klinikaufenthalten etc.
statt, eher seltener wegen Arbeits-/Umschulungsaufnahme.
28 Es ist keineswegs automatisch so, dass Achtsamkeitsübungen zu mehr Ruhe und Entspannung führen.
Einzelne Übungen können bei manchen das Spannungsniveau hochtreiben und/oder sie bemerken erst
durch die Übungen wie angespannt sie sind.
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Vordergrund stehen müssen, sondern dass es möglich ist, dazu eine Distanz zu gewinnen. Viele entdecken in der Gruppe zum ersten Mal, dass sich ihre Aufmerksamkeit häufig nicht mit dem Hier und Jetzt (also der Achtsamkeitsgruppe) beschäftigt, sondern dass sie beispielsweise mehr als die Hälfte der Stunde mit Gedankenschleifen, Grübeln über Zukunft oder Vergangenheit beschäftigt sind.
Diese Eigenwahrnehmungen in der Achtsamkeitsgruppe schaffen die Möglichkeit, Wahrnehmungen steuern zu lernen und damit Kontrolle zu erleben, was zu einer Distanzierung von Problemen führen kann und damit Raum für neue Sichtweisen und Handlungsspielräume ermöglicht. So berichten Teilnehmerinnen der Gruppe häufig in folgenden Gruppenstunden, dass ihnen bestimmte negative Gedanken bewusster geworden seien oder dass sie versucht haben, bewusst eine entspannende und wohltuende Handlung durchzuführen. Solche von den Teilnehmerinnen wahrgenommenen Veränderungen wirken sich positiv aus, da damit Raum für Veränderungen bewusst wahrgenommen wird und eine verstärkte Motivation entsteht, weiter an sich zu arbeiten.
Gerade bei Traumatisierten zeigen Achtsamkeitsübungen oft einen selbstberuhigenden Effekt, der sich sehr positiv auf die Befindlichkeit der einzelnen und damit auch auf die Gruppe auswirkt. Allerdings muss es die ‚richtige‘ Übung sein, also eine, die ihr guttut und die sie leicht durchführen kann. Deswegen machen wir mit den Teilnehmerinnen der Achtsamkeitsgruppe viele verschiedene Übungen, damit sie die für sich besten erfahren können. Auch erklären wir immer wieder, dass nicht jede Übung für jede zu jeden Zeitpunkt hilfreich ist, weshalb wir auch viel mit der Spannungskurve und unterschiedlichen Skills arbeiten, um das Prinzip eines Notfallkoffers zu erklären.
Auch haben wir die Erfahrung gemacht, dass die in die Gruppe integrierten psychoedukativen Elemente sich günstig für die sozialpädagogische Arbeit im Tagesstätten-Alltag auswirken. Bei Krisen, Konflikten oder emotional angespannten Zuständen ist es leichter möglich, die Ressourcen der Besucherinnen anzusprechen („Was hast du gelernt?“, „Was davon hat dir gut getan?“) und zumindest im Nachhinein können sie sich kognitiv ihre
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Befindlichkeit erklären (Spannungskurve, Gedankenfenster etc.). Dies wirkt sich positiv auf das Gruppenklima in der Tagesstätte aus, da Krisen und Konflikte seltener auftauchen, weniger intensiv sind und auch häufiger untereinander geklärt werden können. Was sich für viele Teilnehmerinnen als schwierig erweist, ist, Achtsamkeitsübungen in den Alltag zu integrieren. Das erfordert nämlich Bemühung, Disziplin und Kraft, gewohnheitsmäßiger Unaufmerksamkeit und unreflektierte Verhaltens- oder Gedankenmustern entgegenzuwirken. Diese Art von Arbeit z.B. in Form einer täglichen 5minuten-Übung regelmäßig zu verrichten, fällt vielen der Besucherinnen schwer. Da die Achtsamkeits-Trainingsgruppe einen niederschwelliger Zugang ermöglichen soll, verzichten wir darauf, regelmäßiges Üben verpflichtend zu machen, auch wenn wir betonen, dass nur regelmäßiges Üben einen dauerhaften Effekt haben wird. Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir angefangen, im Tagesstättenalltag regelmäßig Achtsamkeitsübungsstunden zu integrieren. In den Achtsamkeitsübungsstunden werden, wenn keine Achtsamkeits-Trainings-Gruppe angeboten wird, einmal die Woche für 30 bis 45 Minuten unterschiedliche Achtsamkeitsübungen trainiert, an denen teilnehmen kann, wer gerade möchte. Hierbei geht es einerseits darum, den Besucherinnen der Tagesstätte eine regelmäßiges Üben von Achtsamkeit zu ermöglichen, um dadurch die Integration in den Alltag der Betreffenden zu erleichtern und das in der Trainingsgruppe Erlernte zu festigen. Andererseits bietet diese offene Stunde auch die Möglichkeit, Achtsamkeit praktisch kennen zu lernen, und erleichtert somit für einige den Einstieg in das Trainingsprogramm. Für andere, die regelmäßige und verbindliche Gruppen nicht ein/aushalten können, ist dies ein niederschwelliger Zugang zu salutogenetisch wirksamen Übungen.
Die Teilnehmerinnen der Übungsstunden berichten regelmäßig über die Erfahrung von Entspannung, die ihnen diese angeleiteten Achtsamkeits-Übungen vermitteln. Dieser für die Besucherinnen der Tagesstätte wohltuende und beruhigende Effekt sorgt für Wohlbefinden und stärkt somit die Ressourcen, denn nur in einer stress- und angstfreien Zeit kann Neues erfahren und Gelernt werden (Kabat-Zinn 2006, 200ff), was gerade bei früh und schwer traumatisierten Menschen zu einer geringeren Stresstoleranz führen kann ( Reddemann/Dehner-Rau 2004, 30f). Durch diese Übungssequenzen bleibt das Thema Achtsamkeit
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in dem Tagesstätten-Alltag erhalten (steht im Programm, ist Gesprächsthema zwischen den Besucherinnen, kann von Seite der Mitarbeiterinnen bei Bedarf von einzelnen thematisiert werden etc.) und wird somit im Bewusstsein der Besucherinnen als eine Möglichkeit verankert, etwas für sich zu tun.
Bisher haben wir versucht, regelmäßig in den Tagesstätten-Alltag 5minütige Achtsamkeitsübungen zu Beginn der wöchentlich stattfindenden EigenSinn-Gruppe zu integriert. Dies hat das Ziel, eine Gruppen-Atmosphäre zu schaffen, in der die Besucherinnen achtsam zu sich und den anderen sind, indem sie spüren, wo sie mit ihrer Spannung sind, so dass die Diskussionen und Gespräche in der EigenSinn-Gruppe konstruktiver verlaufen, einander mehr zugehört und mehr zum jeweiligen Thema gesprochen wird. Zu Beginn der Eigen-Sinn-Gruppe wurde die jeweilige kurze Übung angekündigt und kurz erklärt (z.B. Atmenübung, Hörübung etc.) und die Teilnahme freigestellt („Ihr könnt mitmachen, wenn ihr wollt, müsst es aber nicht. Überlegt für euch, was euch hier und jetzt gut tut.“). D.h. konkret, die Besucherin kann sich dafür entscheiden, im Raum zu bleiben und nicht teilzunehmen oder den Raum zu verlassen und wiederzukommen, wenn die Übung vorbei ist. Dieses Verfahren stärkt die Entscheidungskompetenz und das Kontrollerleben. Von beiden Möglichkeiten machten jedes Mal einige Besucherinnen Gebrauch
Es hat sich jedoch gezeigt, dass es schwer zu realisieren ist, die EigenSinn-Gruppe mit einer Achtsamkeitsübung zu beginnen. Als regelmäßiges Ritual hat sich die kurze Achtsamkeitsübung nicht vollständig etablieren können. Beispielsweise kam es vor, dass sowohl einzelne Besucherinnen als auch an stressigen Tagen manchmal wir als Mitarbeiterinnen dieses Vorhaben vergessen, so dass wir häufig erst nach einem Hinweis von einzelnen spontan zu Beginn der Gruppe eine Übung einbauen. Auch wenn es spürbar war, dass die Achtsamkeitsübung die Atmosphäre und Stimmung beruhigen (vermutlich dadurch, dass diejenigen mitmachten, die es aktuell mehr entspannt), war durch das Rein und Raus doch Unruhe vorprogrammiert. Auch beschwerten sich einige über das ‚Zwangsritual‘. In der Gruppe haben wir abgesprochen, dass wir jetzt nach der EigenSinn-Gruppe, mit denjenigen die möchten, die Achtsamkeitsübung durchgeführt wird. Es wird sich zeigen, ob dies eine besser zu realisierende Idee ist.
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Zeitgleich mit der Einführung der Achtsamkeitsübungen in der EigenSinn-Gruppe haben wir auch eine 5minütige Achtsamkeitsübung zu Beginn unserer Teambesprechung etabliert, wobei die Ziele letztendlich dieselben waren (denn Achtsamkeitsübungen haben ja auch auf uns einen positiven Effekt, der sich in mehr Gelassenheit zeigt und somit einer besseren Arbeitsverfassung dient) - plus die Überlegung, dass Lernen am Modell (also an uns) hierbei am Besten funktioniert und somit einen motivierenden Charakter für die Besucherinnen bekommt. Allerdings funktioniert die Umsetzung bei unseren Teamsitzungen auch nicht besonders gut: Aufgrund von Parkplatz, MVV, Kindergartenproblemen etc. fängt unser Team oft nicht pünktlich an, so dass einzelne bereits Informationen austauschen oder sich besprechen, wenn die letzte kommt. Dieser schleichende Beginn und der große Besprechungsdruck verhindert oft einen wirklichen Start mit einer Achtsamkeitsübung. Immer wieder müssen wir alle viel Energie in eine Achtsamkeitsübung setzten, die sich dann immer positiv auf den weiteren Verlauf der Teamsitzung auswirkt. Vermutlich besteht dabei auch ein Zusammenhang zu der nicht einfachen Umsetzung in der EigenSinn-Gruppe. Insgesamt hat sich Achtsamkeit für unseren Kontext bewährt. Die Besucherinenn lernen dadurch eine Distanzierung von emotionalen oder Kognitiven Zuständen. Aufmerksames Gewahrsein (z.B. auf den Körper) ist auch Ich-stärkend und hilft bei der Affektregulierung.
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5. Fazit (Ellen Puchstein, Ruth Weizel)
Selbstverständlich ist es möglich, mit den von uns geschilderten Verhalten und Symptomen der psychiatrieerfahrenen Frauen auch anders umzugehen. Bei uns hat sich jedoch das hier beschriebene Konzept bewährt. Die therapeutische Wirkung der Mischung von Theorie und Übungen (unterschiedliche Psychoedukationselemente, Informationsaustausch mit den Besucherinnen, Achtsamkeit etc.) und Alltagspraxis (soziales Miteinander und das Übungsfeld der TS) wirkt insgesamt positiv auf die einzelnen Besucherinnen sowie auf das Gruppenklima.
Diese Kombination schafft nach unserer Erfahrung die Grundlage, neue Bewältigungsstrategien einzuüben, was wir deutlich im Alltag der Tagesstätte merken: die Besucherinnen übernehmen mehr Verantwortung für sich selber und zeigen auch vermehrt Rücksicht und Verständnis für andere, beteiligen sich an der Struktur und der Ausgestaltung des Ablaufs und etablieren positive Sozialkontakte. Ohne die Ausgestaltung eines solchen wohlwollenden und auf eine positive Gruppenatmosphäre ausgerichteten Raumes wäre ein Lernen unmöglich oder zumindest sehr erschwert.
Das flexible und gemeinsam immer wieder erweiterbare Regelsystem mit den dazugehörigen Strukturen ist u.E. nach geeignet, um die Aktivierung und Förderung von Eigeninitiative und Eigenwirksamkeit zu erreichen. Das Ziel, die Frauen auf die (Wieder-) Herstellung von Selbstbestimmung über ihren Alltag zu ermutigen und durch Informations-und Entscheidungstransparenz gegen die Ohnmachtsgefühle und Handlungsunfähigkeit anzukommen, können wir dadurch weitgehend erreichen, ohne dass die notwendige Sicherheit und der Schutz vor Überforderung fehlt. Weitere Regeln oder Strukturen sind u.E. nicht nötig, jedoch könnten wir den Besucherinnen mehr Skills vermitteln, um ihr Kontrollerleben zu fördern und ihnen mehr Handelungsoptionen zu geben 29 .
29 In Anlehnung an die Vorlesung von Frau Dr. Krüsmann im WS 2006/07 erzählen wir den Besucherinnen
gerne die Geschichte von der Person, die sich in den Bergen verläuft: Wenn sie gut ausgerüstet ist, geht der
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Insgesamt haben wir mittlerweile ein relativ weites Repertoire an im weitesten Sinne psychoedukativen Elementen erprobt, die wir bei aktuellem Bedarf in das Programm integrieren. Hier wäre es sinnvoll, gezielt mehr Angebote zu Stressbewältigung und emotionalen Regulation zu entwickeln und einzubauen, die wir zu unregelmäßig und mit bisher zu engem thematischen Fokus durchführen. Ressourcenfördernde Gruppentrainings zu diesen Themen würden nicht nur ein weiter verbessertes Gruppenklima schaffen, sondern könnten mittels des Übungsfeldes der Tagesstätte den Besucherinnen auch Verhaltensweisen an die Hand geben, die sie in ihrem Alltag einsetzen können.
Die psychoedukativen Konzeptbausteine, die wir bei Bedarf in das Programm einbauen, erscheinen in weiten Teilen als ein noch unstrukturiertes Gemenge. Hier wäre zu überlegen, wie die unterschiedlichen Inhalte, die zu mehr Stringenz zusammengefasst und regelmäßiger umgesetzt werden könnten. So wie es regelmäßige offene Gruppenangebote zum Training sozialer Kompetenzen gibt (Improvisations-Theater-Gruppe und Kommunikationstraining), wäre es möglich eine ‚Stressbewältigungs- und Wohlfühl-Gruppe‘ anzubieten, wo u.U. auch die Konzeptbausteine zu Grenzen und Konflikt sowie Selbstberuhigungstechniken, das Freudetagebuch, Notfallkoffer-Einheiten eingebaut werden könnten. Eine regelmäßige Gruppe mit freier Teilnahme hat den Vorteil, dass die Themen in der Tagesstätte präsent sind, dadurch eine größere Attraktion haben und dass durch die Wiederholung die Themen sich setzen können.
Die Einheiten mit sozialrechtlichem Bezug oder gesellschaftspolitische Themen sind natürlich konjunkturabhängig und damit nicht langfristig planbar. Ebenso verfahren wir aufgrund des Ressourcenansatzes mit den vermittelten Inhalten zu psychischer Erkrankungen und Symptomen, die wir dann aufgreifen, wenn sie in der Tagesstätte aktuell zu beobachten sind.
Stresspegel runter, je nach dem wie sie ihre Fähigkeit bewertet, wird sie handeln bzw. auf mögliche Un-
wetter reagieren. Diese Geschichte ist gut einsetzbar, um die Motivation zu steigern, eine eigene Strategie
zu finden und die eigene ‚Ausrüstung‘ zu verbessern.
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Achtsamkeit hat sich als ein hilfreiches Prinzip bewährt, um den Besucherinnen einen Zugang zu nicht-wertender Selbstreflexion und Distanz zum emotionalen Erleben zu geben. Gerade die Kombination aus Achtsamkeitsübungen mit psychoedukativen Elementen bietet eine Chance, automatisierte Handlungsmuster ablegen zu lernen und vermehrt Kontrolle zu erleben. Bei Traumatisierten zeigen die Achtsamkeitsübungen oft einen selbstberuhigenden Effekt, der sich sehr positiv auf die Befindlichkeit der einzelnen und damit auch auf die Gruppe auswirkt.
Um diesen positiven Effekt auf Dauer auch bei Besucherinnen zu erzielen, ist es notwendig, wiederkehrend Übungen in den Tagesstättenablauf zu integrieren. Möglich wäre z.B. eine 10minütige Morgenübung oder entsprechendes nach dem Mittagessen, also regelmäßig jeden Tag zu einer festgelegten Uhrzeit eine kurze Sequenz. Damit eine Übertragung auch auf den Alltag der Betroffen möglich ist, müssen wir Achtsamkeit erst einmal bei uns als Ritual etablieren. Dasselbe gilt für eine Übung für die EigenSinn-Gruppe bzw. unser Team. Es wäre zu überlegen, ob es nicht zumindest für das Team möglich wäre, eine Verantwortliche dafür (eventuell auch wechselnd) festzulegen.
Auch überlegen wir schon länger an einer Vertiefung der Achtsamkeits-Trainingsgruppe, die für diejenigen gedacht ist, die bereits einmal oder mehrfach die Gruppe besucht haben. Ziel wäre es dabei v.a., eine Integration in den Alltag zu erreichen - beispielsweise in dem Übungen verpflichtend gemacht werden, wir mit Wochenprotokollen o.ä. arbeiten. Wir planen dies im Herbst oder Winter umzusetzen.
In Planung und Umsetzung ist eine körperbezogene Erweiterung des Achtsamkeitsprinzip durch eine wöchentliche Yoga-Stunde. Mittels Yoga kann nicht nur eine differenzierte Körperwahrnehmung erreicht werden, sondern mittels langsamer und bewusster Bewegung in Kombination mit dem Atem wird auch Achtsamkeit trainiert (vgl. Kabat-Zinn 2006, 98ff). Da wir uns immer wieder mit den Besucherinnen mit Borderline-Störung beschäftigen, die je nach ruhigerem oder krisenhafteren Zustand viel Unruhe, Streit, Konflikte und Eskalationen in die Gruppe bringen und auch oft sehr negativ und aggressiv die Atmosphäre beeinflussen, gibt es die Idee mit anderen ähnlich arbeitenden Einrichtungen eine einrichtungs-
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übergreifende ambulante Skillsgruppe nach DBT ins Leben zu rufen, denn dazu gibt es in München nichts. In den nächsten Monaten werden wir uns mit den zwei anderen interessierten Einrichtungen gemeinsam überlegen, wie sich das realisieren lassen könnte (organi-satorisch-strukturell, finanziell, quer zu den Trägerstrukturen und natürlich auch inhaltlich). Das Problem in so niederigschwelligen Einrichtungen wie Tagesstätten ist, dass diese Klientinnen eigentlich ein diagnosespezifischeres Angebot und auch straffere und regelhaftere Struktur bräuchten, damit sie sich weiterentwickeln können. Da Tagesstätten konzeptmäßig diagnoseübergreifend arbeiten, können wir spezielle Regeln und/oder Angebote für b estimmte Erkrankungen nicht bereitstellen. Für Klientinnen mit einer Borderline-Erkrankung ist die Tagesstätte EigenSinn zur Stabilisierung in Krisenzeiten gut geeignet, jedoch kann sie - falls die Frauen sich nicht woanders eine Therapie o.ä. suchen - auch zu einer Chronifizierung beitragen. Um dem konstruktiv zu begegnen, soll es die einrichtungsübergreifende ambulante Skillsgruppe nach DBT geben.
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Anhang
1. Flyer der Tagesstätte EigenSinn für interessierte Besucherinnen 2. Programm der Tagesstätte EigenSinn im März 2007 3. Umgangs- und Respektregeln für die Tagesstätte EigenSinn 4. Regeln für von den Besucherinnen eigenständig organisierte Öffnungszeiten 5. Flyer der Achtsamkeits-Trainingsgruppe für die Internetseite
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Arbeit zitieren:
Ruth Weizel, Ellen Puchstein, 2007, Re-Traumatisierung vermeiden durch Achtsamkeit und Psychoedukation, München, GRIN Verlag GmbH
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