Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Vom romantischen Wald zum Traumwald 4
2.1 Der romantische Wald 4
2.2 Der feindliche Wald 7
2.3 Die verbotene Zone 9
2.4 Wald als Traumlandschaft 10
3 The Company of Wolves 11
3.1 Symbole des
Ubergangs 11
3.2 Die Enklave in einer feindlichen Umgebung 13
3.3 Das Animalische und die Vernunft 14
4 Schlußbemerkung 16
Literatur 17
Filmographie 18
2
1 Einleitung
1 Einleitung
W¨ alder waren und sind seit jeher Quellen der Inspiration f¨ ur K¨ unstler jedweder Richtung gewesen. Zum einen mag dies auf ihre Unergr¨ undlichkeit zur¨ uckzuf¨ uhren sein, zum anderen auch auf ihr erdgeschichtlich hohes Alter und die daraus resultierende mythologische Aufladung. W¨ alder k¨ onnen verschiedene Funktionen in der Kunst einnehmen: als pittoreskes Beiwerk, als Ort der Erholung, der Stille, der Tr¨ aumerei, aber auch als Verursacher von Phobien. In einigen Filmgenres wie z.B. dem M¨ archenfilm oder dem Grusel-und Horrorfilm ist der Wald ein nahezu unverzichtbares Element, wobei er gerade dort nicht nur die Rolle des Handlungsortes ¨ ubernimmt, sondern aktiv in die Geschichte miteinbezogen wird - als Protagonist oder Antagonist.
Unter den vielen m¨ oglichen Waldbildern erscheint mir der Wald als Handlungsort von Tr¨ aumen - als Traumlandschaft - als lohnendes Objekt einer n¨ aheren Untersuchung. In solchen Traumlandschaften finden sich wiederum andere Formen der Walddarstellung wieder, daher ist es notwendig, auf diese unterschiedlichen Darstellungsarten anhand exemplarischer Untersuchungen einzugehen.
Im Rahmen dieser Arbeit ist es selbstverst¨ andlich nicht m¨ oglich, auf alle erdenklichen Aspekte der Walddarstellung einzugehen. Ich beschr¨ anke mich auf diejenigen, die mir hinsichtlich der Thematik der Traumlandschaft relevant erscheinen. Zun¨ achst werde ich mich ausgew¨ ahlten Aspekten des Waldbildes der Romantik widmen. In einer Art Gegendarstellung wende ich mich der rationalen Waldrezeption, insbesondere der Rezeption der Aufkl¨ arung, zu, die als Wegbereiter der Moderne auch in unserer Zeit noch g¨ ultig ist. Die Abstraktion auf die Traumebene resultiert aus einer Konfrontation dieser beiden gegens¨ atzlichen Rezeptionen.
Die aufgezeigten Ergebnisse werde ich anschließend anhand Neil Jordan’s The Company of Wolves von 1984, der auf den beiden Kurzgeschichten The Company of Wolves und Wolf-Alice der britischen Autorin Angela Carter basiert, noch einmal verdeutlichen.
3
2 Vom romantischen Wald zum Traumwald
2 Vom romantischen Wald zum Traumwald
2.1 Der romantische Wald
Die Romantik 1 verstand sich als Gegenbewegung zur Aufkl¨ arung, die besagte, daß fort-
an nun die Vernunft f¨ ur den Menschen bestimmend sei. Sie - die Vernunft - sollte dazu
dienen, jedwede Irrationalismen und Aberglauben aus dem Leben zu verbannen. Die
englische Bezeichnung ” enlightenment“ setzt sich klar von der f¨ ur das Mittelalter ge-brauchten Formulierung ” The Dark Ages“ ab, eine Zeit, die man mit Unwissenheit und
Fortschrittsfeindlichkeit in Verbindung brachte.
Die Romantiker setzten sich vom Vernunft- und Verstandesdiktat der Aufkl¨ arung ab
und wendeten sich stattdessen dem Gef¨ uhlvollen und dem Phantastischen zu. Die Beto-
nung der Emotion und die Ablehnung der Vernunft als einzige Richtlinie ¨ außert sich vor
allem in einer Poetisierung der Natur und dem Streben nach Einheit mit ihr.
William Wordsworth’s Gedicht Lines written in early spring faßt diese Geistes-
haltung stellvertretend zusammen:
I heard a thousand blended notes,
While in a grove I sate reclined, In that sweet mood when pleasant thoughts Bring sad thoughts to the mind.
To her fair works did Nature link
The human soul that through me ran; And much it grieved my heart to think What man has made of man.
Through primrose tufts, in that green bower,
The periwinkle trailed its wreaths; And ’tis my faith that every flower Enjoys the air it breathes.
The birds around me hopped and played,
Their thoughts I cannot measure: But the least motion which they made It seemed a thrill of pleasure.
1 Die zeitlich-literarische Einordung der Romantik beginnt 1789 mit der Ver¨ offentlichung von William Blakes Songs of Innocence und endet mit Percy Shelleys Posthumous Poems. Vgl. Hoffmeister (1990): S. 4 ff.
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2 Vom romantischen Wald zum Traumwald
The budding twigs spread out their fan,
To catch the breezy air; And I must think, do all I can, That there was pleasure there. If this belief from heaven be sent, If such be Nature’s holy plan, Have I not reason to lament What man has made of man? 2
Der Sprecher dieses Gedichtes setzt sich hier in Einklang mit der Natur, die ihn umgibt. Er h¨ ort die T¨ one des Waldes - das Rauschen der Bl¨ atter, das Singen der V¨ ogel. Sie verschmelzen zu einer musik¨ ahnlichen Einheit. Gleichzeitig aber dr¨ uckt er seine Trauer aus ¨ uber das, zu was sich der Mensch entwickelt hat ( ” What man has made of man?“).
Er hat sich von seinen nat¨ urlichen Wurzeln entfernt, ist ein Stadtmensch, ein ” Kulturmensch“ geworden.
Einen ¨ ahnlichen Ansatz hat Jean-Jacques Rousseau, dessen Kulturpessimismus den Wandel vom aufgekl¨ arten Zeitalter hin zur Romantik entscheidend mitgepr¨ agt hat, 3 bereits 1770 in seinen Confessions verfolgt. Darin beschreibt er seine Wanderungen durch die W¨ alder von Saint-Germain, die ihm als Antithese zur selbstgeschaffenen Verdorbenheit des aufgekl¨ arten Menschen erschienen und in denen er sich quasi als gl¨ ucklicher Urmensch vor dem S¨ undenfall der Zivilisation f¨ uhlte: Den ganzen ¨ ubrigen Tag tief im Walde weilend, suchte und fand ich dort das Bild der Urzeit, deren Geschichte ich k¨ uhn umriß; ich deckte die kleinen L¨ ugen der Menschen auf; ich wagte ihre Natur bis zur Nacktheit zu enth¨ ullen, dem Fortschritt der Zeit und der Dinge zu folgen, die sie entstellt haben; indem ich den Menschen, wie er durch seine Mitmenschen geworden war, mit dem nat¨ urlichen Menschen verglich, zeigte ich ihnen in ihrer angeblichen Vervollkommnung die wahre Quelle ihrer Leiden. 4
Der Wald steht also f¨ ur eine Urspr¨ unglichkeit, die den aufgekl¨ arten, modernen Menschen l¨ angst abhanden gekommen ist. Die Sehnsucht nach dem Vergangenen und Urspr¨ unglichen war ein Motiv, das die Geschichtsschreibung der Romantik bestimmte. In diesem Zusammenhang m¨ ussen die Gebr¨ uder Jacob und Wilhelm Grimm erw¨ ahnt
2 Wordsworth (1950): S. 377 ff.
3 Vgl. Jung (2001): S. 34
4 Rousseau (1978): S. 383
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2 Vom romantischen Wald zum Traumwald
werden, in deren Volksm¨ archensammlung Kinder- und Hausm¨ archen W¨ alder eine bedeutende Rolle spielen. Die Grimms verstanden die W¨ alder als eine Art symbolischen Ort f¨ ur ¨ uberlieferte Traditionen (Sitte, Gesetz, Kultur). Sie wollten durch die Heraufbeschw¨ orung der Vergangenheit und der verlorenen Urspr¨ unge ein deutsches Einheitsgef¨ uhl kreiern 5 - zu diesem Zeitpunkt war Deutschland noch zersplittert in unz¨ ahlige F¨ urstent¨ umer.
Die W¨ alder aus Grimms M¨ archen sind mittlerweile zum Inbegriff des ” M¨ archenwaldes“
geworden. Meist liegen sie fernab von der vertrauten Welt, die Protagonisten verirren sich darin, treffen auf fremdartige Gesch¨ opfe, werden Zeugen von Magie und Zauberei. Die W¨ alder sind bev¨ olkert von oftmals freundlich gesonnenen Tieren, die zumeist auch durch menschliche Sprache kommunizieren k¨ onnen. Derjenige, der sich in diese nat¨ urliche Einheit einf¨ ugt, der auch den Gesch¨ opfen des Waldes keine Feindseligkeit, sondern Freundschaft entgegenbringt, wird am Ende des M¨ archens immer belohnt, dadurch, daß eben diese Gesch¨ opfe ihm in der Not helfen. Die W¨ alder repr¨ asentieren gewissermaßen die alte Einheit der Natur und der Arten: 6 den eben angesprochenen symbolischen Ort der Entstehung und des Bestandes deutscher Kultur.
Dieses romantische Waldbild (mit dem Schwerpunkt auf Einheit Mensch-Natur) finden wir vor allem in M¨ archenfilmen realisiert. In diesem Zusammenhang erw¨ ahnenswert ist die Rotk¨ appchen-Interpretation von Jan Kounen, der 1996 mit dem Kurzfilm Le Dernier Chaperon Rouge eine eigenwillige Version des klassischen M¨ archenstoffes geschaffen hat. Die letzte Vertreterin einer ganzen Dynastie von Rotk¨ appchen entsteigt einer Atomrakete und findet sich in einem verzauberten Wald wieder. Dort singt und tanzt sie mit den lebendig gewordenen Pflanzen des Waldes, groߨ augig und staunend uber die Wunderwelt, die sich ihr offenbart. Zumindest f¨ ur diesen Augenblick f¨ uhlt sie ¨ sich vom ” Kosmos umschlungen“. Die Traumsequenzen in John Landis’ An American Werewolf in London (1981) zeichnen strenggenommen ebenfalls ein romantisches Waldbild: Der von einem Werwolf gebissene David l¨ auft in seinen Tr¨ aumen vollkommen nackt durch einen Wald und reißt ein Reh mit bloßen H¨ anden und Z¨ ahnen. Er ist nur
5 Vgl. Harrison (1992): S. 202
6 Vgl. ebd., S. 204
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Arbeit zitieren:
Christian Hein, 2003, Wald als Traumlandschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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