Geographische und geschichtliche Elemente des Ostseeraumes 3
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - die Ostsee als natürlicher und politischer Raum
S. 4
1.1 Naturraum der Ostsee 5
1.2 Die Ostseeanrainerstaaten im Kurzvergleich 8
2. Hauptteil - die Ostsee als geschichtlicher Raum
S. 13
2.1 Frühgeschichte der Ostsee 13
2.2 Die Ostsee im späten Mittelalter und in der Hansezeit 16
2.3 Großmachtansprüche auf die Ostseevorherrschaft 19
3. Schluß - die Ostsee als Kooperationsraum
S. 23
3.1 Geschichtliche Gemeinsamkeiten als Grundlage der Ostseekooperation 24
3.2 Die Chancen und Perspektiven der Ostseeregion 25
4. Literaturverzeichnis
S 28
Geographische und geschichtliche Elemente des Ostseeraumes 4
(Karte unter http://www.io-warnemuende.de:20080/forum/de_sb_ostsee.html)
1. Einleitung - die Ostsee als natürlicher und politischer Raum 5
1. Einleitung - die Ostsee als natürlicher und politischer Raum
„Meere und Wasserwege können Kulturen verbinden und Gemeinschaften fördern, genauso wie sie
Grenzen bilden können, seien es das Mittelmeer, die Donau, der Rhein - oder die Ostsee. Die
gemeinsame Ostseekultur hat sich durch Jahrhunderte entwickelt. Es scheint, als hätten nach dem Fall
der Mauer viele unsere gemeinsame, ostseekulturelle Identität wiederentdeckt. Wenn die
Blockierungen des Kalten Krieges beseitigt sind und sich damit die traditionellen außen- und
sicherheitspolitischen Aufgaben wandeln, kann die kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Staaten
und Regionen an Bedeutung gewinnen“ (BERNER 1996, S. 14). Diplomaten sprechen so, sie müssen es wohl auch. Wir sollten jedoch Natur und Geschichte des Ostseeraumes einer kritischen, kurzen, Bestand aufnehmenden Betrachtung unterwerfen, bevor wir uns ein Bild über die Chancen und Perspektiven dieses Raumes in Gegenwart und Zukunft machen.
Der Ostseeraum - hier so genannt, weil er das Binnenmeer Ostsee 1 und einen schwer abgrenzbaren Teil des Territoriums der Anrainerstaaten umfaßt - war nie Mittelpunkt einer zumindest bis zu den Weltkriegen eurozentrischen Weltgeschichte, aber auch nicht „ein Nebenschauplatz [...], eine Art Brackwasser“ (ALTEN 1996, S. 10) im Windschatten europ. Geschichte. Wie sehr dieses - geologisch gesprochen - junge Meer (ca. 12000 Jahre) insbesondere zur Hansezeit, während des 30jährigen Krieges und den Nordischen Kriegen Ort politischer, wirtschaftlicher und militärischer Interaktion gewesen ist, soll in unserem Referat hauptsächlich thematisiert werden. Zunächst wird der Blick auf den Naturraum (1.1) und die gegenwärtigen Ostseeanrainerstaaten (1.2) gelenkt: eine Kurzanalyse des Status quo, die notwendig erscheint, wenn zum Abschluß des Referates die geschichtlichen Implikationen (3.1), die Möglichkeiten der Zusammenarbeit und die Entwicklungsperspektiven der Region (3.2) zur Sprache kommen sollen. Damit wird zugleich der Kern und Schwerpunkt unserer Betrachtung ausgeschält sein, denn die Ostsee der Gegenwart und Zukunft ist das Resultat ihrer frühen (2.1), spätmittelalterlichen (2.2) und neuzeitlichen Geschichte (2.3). Aus Gründen der Zeit und des Umfangs muß die Darstellung der Skizze verhaftet bleiben. Die Ostseegeschichte ist die Geschichte eines vergessenen Raumes, der seit Jahrtausenden menschlich erschlossen und in erster Linie nautisch genutzt wurde. Ungeachtet der Problematik einer historischen Kategorie wie Raum wird die undeutlich abgegrenzte, weit ausgedehnte Ostseeregion hier völlig unpolitisch als Ostseeraum bezeichnet und behandelt. Dadurch ist es möglich, die Geschichtslandschaft Nordosteuropas 2 naturräumlich und zugleich im Kontext europäischer Geschichte zu betrachten.
1 In den Ländern Skandinaviens oftmals auch als Baltisches Meer, in England als Baltic Sea bezeichnet.
2 Klaus Zernack hat schon früh darauf aufmerksam gemacht, daß die Begriffe Ostseeraum und Nordosteuropa nicht unbedingt
kongruent müssen. Der letztere „korrespondiert nomenklatorisch mit Südosteuropa und Ostmitteleuropa, aber weist inhaltlich
zugleich auf das Übergangsproblem zwischen Osteuropa und Nordeuropa/Skandinavien hin“ (ZERNACK 1985, S. 10).
1. Einleitung - die Ostsee als natürlicher und politischer Raum 6
1.1 Naturraum der Ostsee
Die Ostsee ist ein „intrakontinentales Mittelmeer des nordeurop. Kontinents“ (WESTERMANN LEXIKON DER GEOGRAPHIE 1970, S. 710) 3 mit einer Gesamtfläche von 412560 km 2 , einem Wasservolumen von 21631 km 3 und einer Durchschnittstiefe von 52 m. Sie erstreckt sich in der Länge über 1300 km (Nord-Süd-Ausdehnung), während ihre größte Breite ungefähr 1000 km (West-Ost-Ausdehnung) beträgt. Dabei wird sie im Süden und Osten vom Norddeutschen Tiefland bzw. dem Baltischen Landrücken umgeben und im Norden und Westen durch die Skandinavische Halbinsel bzw. Jütland vom Atlantischen Ozean getrennt. Die Ostsee kann grob in Kattegat, Beltsee (mit Kieler und Lübecker Bucht), eigentliche Ostsee, Rigaischer, Finnischer und Bottnischer Meerbusen gegliedert werden 4 .
Von einer ausführlichen Darstellung der Entstehungsgeschichte müssen wir an dieser Stelle absehen; es sei hier nur darauf hingewiesen, daß die Ostsee „als Folge ehemaliger Inlandeisbedeckung und anhaltender Hebung Skandinaviens“ (LIEDTKE 1992, S. 620) entstanden ist, als sich am Ende der letzten Eiszeit (Weichseleiszeit vor rd. 13000 Jahren) die Baltische Senke mit Schmelzwasser zu füllen begann. Der so entstandene Baltische Eisstausee erlebte verschiedene Salz- und Süßwasserepochen und wandelte sich vor 4000-5000 Jahren zur Ostsee heutiger Gestalt. Die Ostsee als „eines der größten Brackwassermeere der Erde“ läßt sich auch am „Wasseraustausch zwischen Nord- und Ostsee“ (MATTHÄUS 1992, S. 626) erklären. Insgesamt ist eine natürliche Prägung und Überformung des Ostseeraumes durch die Eiszeit festzustellen 5 . Zahlreiche Inseln befinden sich im westlichen und nördlichen Teil der Ostsee. Die dänischen Inseln wie Seeland, Fünen, Lolland und Falster sind die Reste einer früheren Landverbindung zwischen Norddeutschland und Südschweden. Zentral liegen die historisch bedeutsamen schwedischen Inseln Gotland und Öland, östlicher die baltischen Inseln Ösel, Moon, Dagö und Worms. Entlang der finnischen und schwedischen Küste gruppieren sich unzählige Felseninseln (sog. Schären), die für die nördliche Ostseelandschaft charakteristisch sind. Insgesamt weist die Ostsee eine „Vielzahl ganz unterschiedlicher Küstenformationen - von Förden über Bodden, Kliffs und Steilküsten, Nehrungen, Haffs, Binnenseen und Flußdeltas, Dünenlandschaften, Schären bis zu den Inseln - [...]“ (LIEDL/WEBER/WITTE 1992, S. 14) auf.
3 Andere wichtige Nachschlagewerke sind die BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE 1972, S. 64ff und zum Vergleich DER GROßE
BROCKHAUS 1932, S. 843ff. Hilfreich auch ein Steckbrief zur Ostsee des Instituts für Ostseeforschung Warnemünde unter der
Internetadresse http://www.io-warnemuende.de:20080/forum/de_sb_ostsee.html.
4 Tafel 2 im angehängten Abbildungsverzeichnis geht näher auf die natürliche Gliederung der O. ein.
5 Die paläogeographische Entwicklungsgeschichte der Ostsee ist konzis von Herbert Liedtke (LIEDTKE 1992) dargestellt worden
und ausführlich bei Matti Sauramo (SAURAMO 1958) nachzulesen.
1. Einleitung - die Ostsee als natürlicher und politischer Raum 7
Die Ostsee ist ein Meer der Mäßigung und Stille: dem gemäßigten feuchten Klima entsprechen die geringen Oberflächenströme und Windstärken, die zu vernachlässigenden Wasserstandsschwankungen (Tidenhub) und der niedrige Oberflächensalzgehalt. Im Gegensatz zur Nordsee (unter Seeleuten auch Mordsee genannt) ist sie für die nautische Nutzung auch auf dem primitiven technologischen Niveau unserer Vorfahren in früheren Zeiten geeignet. Behindert wurde die Schiffahrt auf der Ostsee seit je her durch die örtlichen unterschiedlichen Eisverhältnisse 6 ; eisfreie Häfen sind in der Geschichte daher oftmals Streitfälle der Großmächte gewesen. Die Schiffahrt, eine menschliche Tätigkeit und Nutzung eines Naturraumes, drängt uns zu einer Betrachtung der Ostsee als Ökosystem und Lebensraum für 85 Mio. Menschen. Das Ökosystem der Ostsee ist äußerst labil. Eine geringe Artenvielfalt resultiert aus natürlich bedingten und anthropogen bewirkten Umweltstress. Die Ostsee-Umwelt wird insbesondere durch den Schadstoffeintrag aus dem 1,7 Mio. km 2 großen hydrographischen Einzugsgebiet der Ostsee, durch die Eutrophierung infolge des Stickstoff- und Phosphoreintrages, durch Überfischung, durch Sauerstoffmangel im Tiefenwasser und durch Temperaturschwankungen in Flußeinmündungen belastet. Zwei Umweltexperten, Sebastian A. Gerlach und Gerhard Kortum, warnten 1992: „Das Ökosystem Ostsee ist nach heutiger Einschätzung deutlich gefährdeter als das der Nordsee.
Hierfür sind die natürlichen Gegebenheiten, insbesondere der geringe Wasseraustausch und die
mangelnde vertikale Durchmischung durch Schichtenbildung verantwortlich, die die
Selbstreinigungskraft der Ostsee herabsetzen. Anthropogene Belastungen wirken sich daher in der
Ostsee gravierender aus“ (GERLACH/KORTUM 1992, S. 646).
Den Ostseeschutz haben sich nach den politischen Veränderungen zu Beginn der 90er Jahre nicht allein die Ostseeanrainerstaaten zur Aufgabe gemacht, auch nichtstaatliche, weltweit agierende Umweltorganisationen wie Greenpeace nehmen die Bekämpfung der Meeresverschmutzung sehr ernst (vgl. LEITHE-ERIKSEN 1992, S. 130ff und LOZÁN/LAMPE/MATTHÄUS 1996, S. 291ff). Ein wirksamer Ostseeschutz ist als die wesentliche Voraussetzung einer weiteren touristischen Nutzung dieses einmaligen Naturraumes anzusehen (siehe dazu BREUSTE 1992, S. 662ff) 7 . Die natürlichen Ressourcen der Ostsee wurden im Laufe der menschlichen Besiedlung vom Wasser aus erschlossen. Schiffahrt war nämlich immer schon zweckgebunden an militärische Expedition und Eroberung, Fischerei und Seehandel. So diente und dient die Ostsee ihren Anwohnern als Kriegsschauplatz, Nahrungsquelle und Wasserstraße
6 In einer der ältesten naturgeschichtlichen Abhandlungen über die Ostsee hat Ernst Boll das Zufrieren größerer Teile der Ostsee
vom 14. bis zum 18. Jahrhundert verfolgt. Einleitend schreibt er:
„Das Geschick der Ostsee ist minder glänzend, aber auch minder traurig gewesen. Ihr Einfluß erstreckt sich nicht gleich dem des Mittelmeeres über den ganzen Erdkreis,
aber er ist äußerst wohlthätig für den Norden Europas gewesen. Die Küsten des baltischen Meeres waren der erste Punkt wo der Norden und der Süden dieses Erdtheils in
Berührung kamen; kaufmännischer Speculationsgeist führte wahrscheinlich schon Jahrhunderte vor Christi Geburt die Phönizier an die preußischen Küsten. Handel,
Kultur und Christentum drangen auf dieser weitverzweigten Wasserstraße zuerst in das nördliche Europa ein, und verbreiteten von den Gestaden der Ostsee ihren
mildernden, temperirenden Einfluß auf die angränzenden uncultivirten, barbarischen Länder“ (BOLL 1847, S. 31f und 60ff).
7 Unzählige Reiseschilderungen, Routenplaner, Bildbände und Werbebroschüren bezeugen das menschliche Erholungsbedürfnis
und das vitale Interesse der Ostseeanrainerstaaten an einer touristischen Entwicklung. Dafür exemplarisch MAIER 1995.
Arbeit zitieren:
Christian Schwießelmann, 2001, Geographische und geschichtliche Elemente des Ostseeraumes, München, GRIN Verlag GmbH
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