Bertolt Brecht und die „Funktion des Rundfunks“ -
Was nützt eine alte Utopie im Digitalzeitalter? Ein Vergleich
Inhalt :
1. Einleitung 03
2. Überblick: Die Entwicklung des Radios 04
2.1. Entwicklung bis in die 1930er Jahre 04
2.2. „Einmal Leitmedium und zurück“ - die weitere Entwicklung bis heute 05
3. Grundzüge der Radiotheorie Brechts 06
3.1. Publikationsüberblick 06
3.2. „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“ 07
3.3. Versagen der Theorie? 09
4. User Generated Content im Online-Zeitalter -
eine Medienrevolution im Brechtschen Geiste? 10
4.1. Begriffsannäherung: Web 2.0 10
4.2. Utopie Internet vs. Utopie Radio 12
5. Fazit 14
Literaturverzeichnis 15
2
1. Einleitung
„Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen,
aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. Und wer waren alle?“
- Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat 1
Dass bereits wenige Jahre, nachdem Brecht die Forderung gestellt hatte, den Rundfunk von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln 2 , ein Kapitel deutscher Geschichte beginnen sollte, das die Gefahren der einseitigen Informationsübermittlung mehr als deutlich macht, hat ihn möglicherweise selbst überrascht. Mit Scharfsinn hatte Brecht aber das Problem mangelnder politischer Partizipation des Einzelnen erkannt, welches aus der Hoheit einer Regierung über die Rundfunkberichterstattung resultiert. Dass jedoch eine Neuordnung der Kommunikationsstrukturen, wie sie ihm vorschwebte, utopisch sein musste, war Brecht gleichsam bewusst: Die bestehende „Gesellschaftsordnung“ würde die Durchführung der Rundfunkrevolution unmöglich machen, weshalb eine „andere Ordnung“ anzustreben sei 3 - sowohl als strukturelle Grundlage, als auch als Resultat der multipolaren Ausdeutung und Verwendung des Rundfunksystems.
Jahrzehnte sind ins Land gegangen, und der Rundfunk spielt heute als Leitmedium keine Rolle mehr. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Radio die Erwartungen von Brechts Utopie nicht erfüllen konnte. Überraschenderweise zeigt jedoch ein Blick auf die mediale Entwicklung der letzten fünf bis zehn Jahre Tendenzen, die der utopischen Rundfunkkommunikation gar nicht so unähnlich sind: Im Zuge des gigantischen Wachstums des Internets tummelt sich unter dem Schlagwort „Web 2.0“ eine Vielzahl von Kommunikationsangeboten, die Millionen von Kleinstakteuren zur Beteiligung anregen. „Broadcast Yourself“ heißt es etwa in der Amateurvideodatenbank youtube.com, und damit scheint die alte Forderung, „allen alles zu sagen“ und damit jeden Einzelnen an der Ausstrahlung von Inhalten zu beteiligen, geradezu wörtlich ins 21. Jahrhundert übersetzt. Doch ist das Zeitalter des „User Generated Content“ tatsächlich die Brechtsche Rundfunkrevolution im postmodernen Gewand? Taugt das Internet als politisches Medium für jedermann? Oder können jene Visionen ein für alle mal als gescheitert gelten, da man, „wenn man es sich überlegt“, noch immer „nichts zu sagen“ hat?
1 BRECHT1, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks. In: Pias, Claus/Vogl, Joseph/Engell, Lorenz/Fahle, Oliver/Neitzel, Britta (Hg.): Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart: DVA 1999, S.259-263, 259.
2 Vgl. ebd., S.260.
3 Vgl. ebd., S.263.
3
Die Vorliegende Arbeit möchte einen Überblick über Bertolt Brechts Radiotheorie geben und einen Vergleich mit aktuellen Phänomenen der Onlinekommunikation wagen. Ein Abriss über die Entwicklung des Rundfunks von seinen Anfängen bis heute sowie einige Begriffserörterungen aus dem Bereich des World Wide Web sollen diesen Vergleich vertiefen, um ein Urteil über Erfolg und Misserfolg der neuen alten Theorie zu ermöglichen.
2. Überblick: Die Entwicklung des Radios
2.1. Entwicklung bis in die 1930er Jahre
Als mutmaßlich erste Radiosendung überhaupt gilt zwar die „radiophone“-Übertragung durch Reginald Fessenden am Heiligabend 1906 4 ; der Beginn der deutschen Rundfunkgeschichte ist jedoch erst 1923 anzusetzen, als am 29. Oktober die „Berliner Radiostunde“ ihren Betrieb aufnahm. Die technische Möglichkeit der Übertragung von Funksignalen bestand bereits sehr lange, wurde allerdings bis dahin nur in „Individualmedien“ 5 wie Telegraph und Telefon genutzt, wohingegen die neue Form der Informationsverbreitung sich an eine große, unbestimmte Masse richtete und deshalb von vielen Regierungen - insbesondere im politisch unruhigen Europa - misstrauisch betrachtet wurde. 6 Dass sich das Medium dennoch durchsetzte, ist dem Einfluss der Elektronikkonzerne geschuldet: Diese hatten während des Ersten Weltkriegs große Kapazitäten zur Produktion von Funksende- und empfangsgeräten aufgebaut, die sie nun in Friedenszeiten einer neuen Verwendung zuführen wollten. 7 Der Staat war seinerseits, zumal sich Deutschland in einer Wirtschaftskrise befand, an einem funktionierenden Verbreitungsmedium interessiert, das seiner Kontrolle unterlag. 8 „Bei der institutionellen Fassung des Rundfunks verbanden sich staatliche und industrielle Interessen.“ 9 Von vornherein bestand auf technischer Seite kaum ein Problem darin, das Empfangsgerät (mit dessen Besitz der Erwerb einer Lizenz verbunden war) in ein Sendegerät umzuwandeln, was sich jedoch in der Praxis nicht durchsetzte. 10
4
STÖBER, Rudolf: Mediengeschichte. Die Evolution neuer Medien von Gutenberg bis Gates. Eine Einführung. Band 2: Film - Rundfunk - Multimedia. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003, S.72.
5 HICKETHIER, Knut: Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart u.a.: J.B. Metzler 2003, S.292.
6 Vgl. ebd. Als plastisches Beispiel führt Knut Hickethier die Besetzung des Wolff'schen Telegraphen-Bureaus durch Arbeiter- und Soldatenräte im Jahr 1918 an, die den damaligen staatlichen Instanzen die potentiellen Möglichkeiten der Massenbeeinflussung durch das Radio vor Augen führte.
7 Vgl. ebd., S.293.
8 Vgl. ebd.
9 Ebd.
10 Vgl. ebd.
4
Mit der Ausweitung des staatlichen Einflusses kann ab 1932 von einer Verstaatlichung des Rundfunks gesprochen werden, die die Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten wenig später erleichtern sollte. In diese Zeit fällt auch Bertolt Brechts berühmte Rede „über die Funktion des Rundfunks“.
2.2. „Einmal Leitmedium und zurück“ - die weitere Entwicklung bis heute
Dass die massive Anwendung sogenannter „Volksaufklärung“ und Propaganda unter dem Hakenkreuz ohne den Einsatz der Rundfunktechnologie kaum möglich gewesen wäre, ist heute ein medienhistorischer Konsens und wurde bereits seinerzeit von der Wissenschaft bemerkt. 11 Nach dem Zweiten Weltkrieg besorgten die jeweiligen Besatzungsmächte den Aufbau des Rundfunksystems: Während die Westalliierten nach dem Vorbild der BBC einen öffentlich-rechtlich föderalistischen Hörfunk organisierten, entstand in der Sowjetischen Besatzungszone ein zentralistischer Staatsrundfunk. 12
Was folgte, war ein rapides Wachstum des Radiogeschäfts: Vor allem in der BRD erwarben sich die Landesrundfunkanstalten durch die Qualität der Berichterstattung den Rang einer „übergeordneten Instanz“, die darüber hinaus Anteil an der Bildung eines gemeinsamen Bewusstseins hatte. 13 Aus jener Zeit stammt die bis heute gültige Maxime, das Sendeprogramm in „bildender, unterrichtender und unterhaltender Art“ 14 zu gestalten, die sich so oder ähnlich in den Statuten aller deutschen Rundfunkinstitutionen erhalten hat. 15 Die Umstellung auf Ultrakurzwellen-Netze (UKW) in den 1950ern ermöglichte die Ausstrahlung sogenannter „zweiter“ Programme und damit eine größere Zahl an Sendern. 16 Das Radio wurde zur Standardausstattung in deutschen Haushalten: Anfang der 1960er Jahre wurde die Vollversorgung mit Empfangsgeräten in der BRD erreicht, die DDR folgte wenig später 17 , auch wenn es hier bis in die 80er Jahre hinein deutlich geringere Programmvielfalt gab. 18 Mit Ausbreitung des Fernsehens in den 60er und 70er Jahren büste das Radio jedoch seine Funktion als Leitmedium ein und wurde nunmehr zum „Begleitmedium“ degradiert, woran auch die Zulassung kommerzieller Anbieter 1984 und die darauffolgende Vervielfachung der
11 Vgl. ebd., S.294.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Aus dem Hessischen Rundfunkgesetz von 1948; zit. nach Hickethier, S.296.
15 Ebd.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. Stöber, S.85.
18 Vgl. Hickethier, S.296.
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Arbeit zitieren:
Ludwig Andert, 2007, Bertolt Brecht und die "Funktion des Rundfunks" - Was nützt eine alte Utopie im Digitalzeitalter? Ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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