INHALTSVERZEICHNIS 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
1.1 Gerhart Hauptmann und der Naturalismus 4
1.2 Das Konzept des ,,sozialen Dramas“ 6
2 Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang 7
2.1 Der geschichtliche Hintergrund 7
2.2 Die Staats- und Gesellschaftsform 10
2.2.1 Die Monarchie (Der Obrigkeitsstaat) 11
2.2.2 Der ,,Musterstaat“ (Das sozialistische Modell) 12
2.3 Das Wirtschaftssystem 13
2.3.1 Auswirkungen des Kapitalismus 13
2.3.2 L osungsversuche des Sozialismus 15
2.4 Die Gesellschaftsordnung 17
2.4.1 Die Schichten 17
2.4.2 Gesellschaft und Familie 19
2.5 Die Familie 19
2.5.1 Alkoholismus und Vererbung 20
2.5.2 Die Zentralfigur Alfred Loth 22
3 Rezeption und Wirkung 26
4 Res umee 29
1 EINLEITUNG 3
1 Einleitung
Die Gesellschaftskritik in der Literatur ist so alt wie die ¨ altesten darin beschriebenen Gesellschaftssysteme selbst. Die Entwicklung ihrer Methoden und Formen vollzog sich dabei stets durch das modifizierte Verh¨ altnis von Literatur und Gesellschaft im jeweiligen historischen Kontext. Das Wirkungsziel aber blieb gr¨ oßtenteils gleich: die positive Ver¨ anderung der gesellschaftlichen Realit¨ at durch die literarisch-modellhafte, enttabuisierte Darstellung gesellschaftlicher Defizite.
Gerhart Hauptmann (1862-1946) liefert durch sein Aufgreifen der aktuellen gesellschaftlichen Probleme daher einen wichtigen Beitrag zum Verst¨ andnis der Wechselbeziehung zwischen Literatur und der historisch-sozialen Realit¨ at seiner Zeit. Sein Erstlingsdrama Vor Sonnenaufgang (1889), zugleich das erste naturalistische Drama, ist ein Beispiel f¨ ur die Realisierung der Gesellschaftskritik im Kontext von Gesellschaft und Literatur in Deutsch-land zur Zeit des ” zweiten Reichs“. Im folgenden wollen wir ” Gesellschaftskritik“ in Anlehnung an Hermann Barnstorff definieren als
Darstellungen, Ausf¨ uhrungen und Bemerkungen in Werken der Literatur, die gesellschaftliche, politische und ¨ okonomische Fragen beleuchten und behandeln. [. . . ] [J]ede Erw¨ ahnung dieser Fragen [. . . ] zeigt [. . . ], daß sie im Schaffen der [. . . ] Schriftsteller eine Rolle spielen, und wir erhalten durch sie Einblicke in die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verh¨ altnisse der Zeit, wie sie sich in den Anschauungen der Darsteller wie auch der Dargestellten widerspiegeln. 1
Dem Thema der Arbeit entsprechend, werden wir folglich zur Textanalyse einen literatursoziologischen Ansatz w¨ ahlen, der die Beziehungen zwischen dem literarischen Text als Ausdruck des gesellschaftlichen Individuums Gerhart Hauptmann und der historischgesellschaftlichen Realit¨ at um 1890 offenlegt. Dieser Ansatz bietet sich zudem besonders deswegen an, weil sich die naturalistische Literatur ja gerade der gesellschaftlichen Prozesse (gesellschaftskritische Tendenz) annimmt, ihr also ein pragmatisches Literaturverst¨ andnis zugrundeliegt.
In diesem Einleitungsteil wollen wir daher zun¨ achst auf den geistesgeschichtlichen Hin-tergrund des fr¨ uhen Gerhart Hauptmann und seine Bedeutung f¨ ur die Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang eingehen (Abschnitt 1.1 [S. 4]), bevor wir uns der Konzeption des St¨ ucks selbst als ” sozialem Drama“ widmen (Abschnitt 1.2 [S. 6]). Im Hauptteil der Arbeit soll dann, trotz der engen Verkn¨ upfung und den Interdependenzen der verschiedenen Aspekte der Gesellschaftskritik, zumindest durch eine grobe Gliederung das Gesamtbild der Kritik durch die konstitutiven Elemente verdeutlicht werden. Nach einer detaillierteren Darstellung des historischen Hintergrunds f¨ ur das Drama (Abschnitt 2.1 [S. 7]) steht dann die politische (Abschnitt 2.2 [S. 10]), wirtschaftliche (Abschnitt 2.3 [S. 13]), soziale (Abschnitt 2.4 [S. 17]) und gesellschaftliche Zeitkritik (Abschnitt 2.5 [S. 19]) im Mittelpunkt der Untersuchung. In Abschnitt 3 (S. 26) wollen wir abschließend auf die Wirkung
1 In [1] Hermann Barnstorff: Die soziale, politische und wirtschaftliche Zeitkritik im Werke Gerhart Hauptmanns. Jena: Frommann 1938, S. 8.
1 EINLEITUNG 4
und Rezeption des Texts eingehen, wobei dort, anders als im Hauptteil der Arbeit, wo v. a. inhaltliche Aspekte im Vordergrund stehen, auch verst¨ arkt die formalen Neuerungen einfließen.
1.1 Gerhart Hauptmann und der Naturalismus
Der junge Gerhart Hauptmann l¨ aßt sich der kulturkritischen Proteststr¨ omung des Naturalismus zuordnen, die sich unter dem Eindruck eines technisch-wissenschaftlichen Leitbilds als ” erste moderne“ Literatur versteht, die die umw¨ alzenden naturwissenschaftlichen, industriellen, sozialen, politischen und soziologischen Ph¨ anomene und Erkenntnisse des naturgetreu“ abbildet. 2 Die Literatur des Naturalismus vollzog den 19. Jht. aufgreift und ”
Anschluß an die historisch-soziale Situation und gesellschaftliche Realit¨ at und hat immer wieder die enorme Bedeutung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verh¨ altnisse f¨ ur das gesellschaftliche Leben und die Literatur betont.
Die Naturalisten, die sich in Deutschland durch die konservative und nationalistische Pr¨ agung der Gr¨ underzeit nach 1871 versp¨ atet durchsetzen (Kernzeit 1885-1895), stellen ihre Literatur in den Dienst der Aufdeckung gesellschaftlicher, v. a. sozialer Mißst¨ ande ( ” soziale Frage“), die mit dem Eintritt Deutschlands in die Phase der Hochindustrialisierung und all ihren Folgen auftauchten und die Gesellschaft zu zerr¨ utten drohten. 3 Die neuen Probleme der scharfen sozialen Kontraste ¨ offneten die Literatur f¨ ur bis dahin tabuisierte Themen und sozialrevolution¨ are Intentionen. Das Streben nach sozialen Verbesserungen war folglich das Hauptziel:
Aufkl¨ arung ¨ uber die Lage der niederen Klassen zu geben, Sympathie f¨ ur die wirtschaftlich Unterdr¨ uckten zu erwecken und das Unrecht, das an sozial Leidenden begangen wird, an den Pranger zu stellen, hielten die Dichter des deutschen Naturalismus f¨ ur eine ihrer ersten Aufgaben. Deshalb muß Alfred Loth in ” Vor Sonnenaufgang“
eine neue soziale Weltordnung verk¨ unden, obgleich die Menschenschicht, f¨ ur die er Mitleid zu erwecken sucht, nicht im Drama auftritt. 4
Die Zielrichtung der Literatur des Naturalismus ist also v. a. gegen idealistische wie auch gesellschaftsaffirmative Literaturauffassungen der Gr¨ underzeit gerichtet. F¨ ur die Naturalisten stand fest, daß der erstaunliche Fortschritt auf vielen Gebieten im 19. Jht. keinerlei Niederschlag in einer neuen Literatur gefunden hatte und immer wieder auf konventionelle Formen ( ” Literaturdrama“ etc.) und dargestellte Wirklichkeitsbereiche zur¨ uckgegriffen pseudo-idealistische Salonkultur“ 5 ), die wurde (kulturelle Stagnation und Regression: ” nicht mehr in das ver¨ anderte Bild der Zeit paßten.
2 Vgl. [8] G¨ unther Mahal: Naturalismus. M¨ unchen: Fink 1982, S. 19.
3 Vgl. [1] Barnstorff, S. 118.
4 In [1] Barnstorff, S. 49.
5 In [13] Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Epoche - Werk - Wirkung. M¨ unchen: C. H. Beck 1984, S. 36.
1 EINLEITUNG 5
Im Anschluß an die im Kreis der Naturalisten viel diskutierten Erkenntnisse der Naturwissenschaften, v. a. der Evolutionslehre und des Positivismus, ist Hauptmanns Welt-und Menschenbild gepr¨ agt durch die ” wissenschaftlich-biologistische“ Annahme vom Zusammenwirken von Vererbung und Milieu, die den Menschen vorherbestimmen und kausal determinieren. Der Naturalismus wollte die Realit¨ at ja ungeschminkt darstellen, die pseudo-wissenschaftliche“ Durchdringung der Wirklichkeit sollte also garantieren, daß
”
die Literatur wieder glaubw¨ urdig und v. a. gesellschaftlich relevant wird. Die Thesen der Vererbungs- und Milieudetermination schienen gerade ” der Schl¨ ussel zu sein, um das Verhalten des Menschen aus seinen historischen und aktuellen Bedingtheiten wissenschaftlich erkl¨ aren zu k¨ onnen.“ 6 Hauptmanns Vor Sonnenaufgang stellt schließlich den Abschluß einer geistigen Entwicklung und Reifung bis zu diesem Punkt und die Konsequenz dieser ¨ Uberlegungen dar: 7
Man darf sagen, daß alle diese Erfahrungen, die der junge Hauptmann macht, in gewisser Hinsicht zeittypisch sind f¨ ur jene kulturgeschichtliche Umbruchsituation des Moderne“ mit der geistigen ¨ ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die s¨ akulare ” Uberlieferung zu brechen droht, dar¨ uber hinaus aber auch f¨ ur das geistige Bild Deutschlands uberhaupt bedeutend sind. 8 ¨
Da sich der literarische Naturalismus also gerade als Protestbewegung gegen die gesellschaftliche und literarische Realit¨ at der Zeit versteht, ist ihm die Kritik an beiden inh¨ arent und diese artikuliert sich gerade im Drama sowohl inhaltlich (Thematik) als auch formal (Darstellung).
Es ist nicht verwunderlich, daß die versp¨ ateten deutschen Autoren bei den großen ausl¨ andischen Naturalisten Vorbilder f¨ ur das eigene Schaffen suchten. Im Kontext von Vor Sonnenaufgang werden immer wieder zwei wichtige Einfl¨ usse genannt, Tolstoj und Ibsen. In Tolstojs Macht der Finsternis (1886) fand Hauptmann die Motive der moralischen Korruption unter dem Einfluß des Kapitalismus, Dekadenz, Ehebruch und Trunksucht vorgeformt, doch ist dort die soziologisch-naturalistische Problemstellung keineswegs so dominant wie bei Vor Sonnenaufgang. 9 Wesentlicher ist f¨ ur die Gestaltung des Dramas Hauptmanns Orientierung an seinem Vorbild Ibsen, die sowohl inhaltlich wie formal nachgewiesen werden kann und uns zur Konzeption des Texts hinf¨ uhrt:
Ibsens Dramen hatten den Zeitgenossen — und darin begr¨ undete sich das epochale Interesse am Schaffen des Norwegers, zumal in Deutschland — die gesellschaftskritische Funktion, das gesellschaftskritische Potential der (dramatischen) Literatur vorgef¨ uhrt. Sie hatten zugleich ein bestimmtes dramaturgisches Instrumentarium etabliert: das Ensemble des Familiendramas und die Figur des Boten aus der Fremde,
6 In [11] G¨ unter Schmidt: Die literarische Rezeption des Darwinismus. Das Problem der Vererbung bei ´ Emile Zola und im Drama des deutschen Naturalismus. Berlin: Akademie-Verlag 1974, S. 172.
7 Vgl. [3] Roy C. Cowen: Hauptmann-Kommentar zum dramatischen Werk. M¨ unchen: Winkler 1980, S. 35.
8 In [5] Karl S. Guthke: Gerhart Hauptmann. Weltbild im Werk. G¨ ottingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1961, S. 12.
9 Vgl. [14] Peter Szondi: Theorie des modernen Dramas 1880-1950, 2. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1965, S. 63.
1 EINLEITUNG 6
die analytische Technik, den zugespitzten, zur Thesenbildung dr¨ angenden Dialog und schließlich die Funktionalisierung all dieser Elemente im Hinblick auf eine Dramatisierung des Konflikts zwischen fortschrittlichem Individuum einerseits, gesellschaftlicher kompakter Majorit¨ at“) andererseits. 10 Reaktion ( ”
1.2 Das Konzept des ” sozialen Dramas“
Durch die Darstellung der gesellschaftlichen Mißst¨ ande seiner Zeit hat Hauptmann fr¨ uhzeitig den Ruf des ” sozialen Dichters“ erworben. Die Gattungsangabe des Untertitels von Vor Sonnenaufgang, ” soziales Drama“, beinhaltet im Sinne der Wirkungsweise des Naturalismus eine Kritik am Verhalten der Oberschicht und Mitleid mit der Unterschicht. 11 Rudolf Mittler beschreibt die wesentlichen Elemente des ” sozialen Dramas“ in Anschluß an eine Definition von E. Dosenheimer:
[E]rstens macht das soziale Drama bestimmte gesellschaftliche Verh¨ altnisse zu seinem Ausgangspunkt, [. . . ] [die] in [. . . ] [ihren] jeweiligen sozialen Konkretheiten thematisiert [. . . ] [werden und] [z]weitens besteht eine notwendige Relation zwischen den gesellschaftlichen Verh¨ altnissen als dem “Untergrund” von Stoff, Gehalt, Charakteren und Handlung und eben diesen [. . . ]. 12
Mit diesen ” sozialen Konkretheiten“ gehen prinzipiell nat¨ urlich auch politische und wirtschaftliche Fragen einher, da die Gesellschaftsform nat¨ urlich von der politischen Organisation und dem wirtschaftlichen System abh¨ angt. Das Drama des Naturalismus sch¨ opft bei der Darstellung seines Milieus dabei aus dem Familiendrama und stellt, nach dem Menschenbild der Naturalisten, v. a. der Determination ausgelieferte Charaktere als Produkte ihrer Vererbung und Lebensverh¨ altnisse in den Mittelpunkt. Peter Szondi f¨ uhrt dazu zur Konzeption aus:
Der soziale Dramatiker versucht die dramatische Darstellung jener ¨ okonomisch-politischen Zust¨ ande, unter deren Diktat das individuelle Leben geraten ist. Er hat Faktoren aufzuweisen, die jenseits der einzelnen Situation und der einzelnen Tat wurzeln und sie dennoch bestimmen. 13
Wenn Szondi das naturalistische Drama also als ” Rettungsversuch“ des im B¨ urgertum
abhandengekommenen Dramas versteht, 14 so erscheint darin der in der Gr¨ underzeit noch versch¨ arfte Kontrast vom Kunstideal, das die Naturalisten als realit¨ atsabgewandte Darstellung brandmarkten, und der empirischen Realit¨ at, wie sie sich den Sozialisten darstellte.
10 In [13] Sprengel, S. 67.
11 Peter Szondi nennt die Kategorie des Mitleids als zentral f¨ ur die Hauptmannsche Dramaturgie (vgl. [14] S. 84).
12 Die Definition entstammt E. Dosenheimer: Das deutsche soziale Drama von Lessing bis Sternheim. Konstanz: 1949, zit. n. [9] Rudolf Mittler: Theorie und Praxis des sozialen Dramas bei Gerhart Hauptmann. Hildesheim: Olms 1985, S. 50.
13 In [14] Szondi, S. 63.
14 Vgl. [14] Szondi, S. 83f.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 7
In Vor Sonnenaufgang wird ja bereits im ersten Gespr¨ ach zwischen Loth und Hoffmann das g¨ angige b¨ urgerliche Kunstideal durch Hoffmann thematisiert, wenn er ¨ uber die bildende Kunst ihres fr¨ uheren Kammeraden ” Fips“ urteilt: ” Abstoßendes Zeug. Ich will von
der Kunst erheitert sein . . . Nee! diese Sorte Kunst war durchaus nicht mein Geschmack“ (1. Akt [S. 10 o.]). 15
Daß die naturalistischen Dramen dem b¨ urgerlichen Geschmack in der Tat nicht entsprachen, zeigt die Rezeption, auf die wir noch zu sprechen kommen (Abschnitt 3 [S. 26]), sehr deutlich, denn in Hinblick auf das zu verwirklichende Ideal m¨ ussen die realen gesellschaftlichen Zust¨ ande kritisch und tendenzi¨ os beschrieben werden. Der Kontrast zwischen dem Idealismus“ der Gesellschaft, den das ” soziale Drama“ gegen¨ uber den existierenden sozia-”
len Zust¨ anden formuliert, 16 resultierte in einer Gesellschaftskritik, die die nationalistische Stimmung und gesellschaftliche Selbstgef¨ alligkeit im Deutschland der Gr¨ underzeit sp¨ urbar zu st¨ oren drohte.
2 Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang
Im Hauptteil der Arbeit wollen wir nun, aufbauend auf den beiden Einleitungsabschnitten, detaillierter auf die konkreten Punkte der Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang eingehen. 17 Dazu m¨ ussen wir zuerst die relevanten Aspekte des konkreten historischen Hintergrunds f¨ ur das Drama darstellen, die die Bezugspunkte f¨ ur die im Text ge¨ außerte Gesellschaftskritik sind. In den Abschnitten 2.2-2.5 werden dann die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Kritikpunkte des Textes in ihrer Beziehung zum geschichtlichen Hintergrund im Zentrum stehen.
2.1 Der geschichtliche Hintergrund
Den geographischen Hintergrund f¨ ur das St¨ uck liefert Hauptmanns Heimatprovinz Schlesien: Schauplatz des Dramas ist der fiktive Ort ” Witzdorf“ im Kohlegebiet beim schlesischen
Weißstein an drei Tagen in einem September der 80er Jahre des 19. Jht. Hauptmann erkannte sehr fr¨ uh, daß es auf dem Land ¨ ahnliche Probleme gab wie in der Stadt. Die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen sind auch hier zentral. 18
Deutschland war mit der Reichsgr¨ undung der konstitutionellen Monarchie 1871 in die Phase der Hochindustrialisierung getreten, die den endg¨ ultigen ¨ Ubergang vom Agrar- zum
15 Die Seitenangaben beziehen sich auf die Einzelausgabe [6] Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama (1889), 23. Auflage. Frankfurt/M. und Berlin: Ullstein 1992.
16 Vgl. [9] Mittler, S. 56.
17 Vgl. f¨ ur eine genauere Inhaltsangabe [2] Adolf Bartels: Gerhart Hauptmann, 2., vermehrte Auflage. Berlin: Felber 1906, S. 24-31.
18 Vgl. f¨ ur die folgenden Ausf¨ uhrungen auch [13] Sprengel, Abschnitt I: ” Epoche des Naturalismus“.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 8
Industriestaat markierte. Vor allem durch die intensive Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen, in Vor Sonnenaufgang der Kohle, die viele Bauern mit kohlehaltigen B¨ oden reich machte, ¨ ubertraf die industrielle Produktion bald die landwirtschaftliche. Zum einen vervielfachte sich dadurch das wirtschaftliche Wachstum und der allgemeine Wohlstand erh¨ ohte sich, doch zum anderen gab es bereits von 1873-1890 eine erste wirtschaftliche Depression, die die Armut der unteren St¨ ande enorm versch¨ arfte. Unser Drama schildert das Milieu der schlesischen Kohlebauern, die durch Verk¨ aufe an die Kohleindustrie zu enormem Reichtum gelangt sind und in ihrem M¨ ußiggang der Dekadenz mit ihren verschiedensten Facetten verfallen. Aus dieser neureichen sozialen Oberschicht wird ein typischer Fall, die Familie Krause, ausgew¨ ahlt. 19
Wesentlich und damit in Verbindung stehend ist daneben die soziale Struktur, der immer noch ein hierarchisch-st¨ andisches Gesellschaftsmodell zugrundeliegt. Der Geltungsvorrang des Adels als F¨ uhrer der gesellschaftlichen Pyramide f¨ uhrte zu einer verst¨ arkten feudalen Orientierung der wilhelminischen Bourgeoisie, die sich auch etwa im ostentativ zur Schau gestellten Prunk ¨ außerte. Dagegen fristen die unteren Schichten ein Leben in ¨ armlichen Verh¨ altnissen. Besonders sozial- und kulturpessimistische Str¨ omungen klagen ¨ uber
die zunehmende Entmenschlichung und Vermassung der Arbeiter. Die Vereinheitlichung des Elends der unteren Schichten f¨ uhrte bald zur Ausbildung eines proletarischen Klassenbewußtseins, das in der N¨ ahe zum Sozialismus bald zu einem wichtigen politischen Faktor zu werden begann. Die Gesellschaftskritik an der spießb¨ urgerlichen und neureichen Schicht beschreibt Roy C. Cowen:
[Die] Maßst¨ abe der philistr¨ osen Welt [. . . ] deuten auf einen konservativen R¨ uckzug vom ¨ offentlichen Leben in das Familienleben, wo man ein beruhigendes Sch¨ onheitsideal sucht. W¨ ahrend der Empork¨ ommling der neuen Geldklasse sich in seiner gesellschaftlichen Geltungssucht als dekadent erweist, stellt das ¨ altere B¨ urgertum durch seine Hingabe an einen Verlegenheits-Idealismus und durch seine Apathie den sozialen Verh¨ altnissen gegen¨ uber eine andere, aber artverwandte Dekadenz dar. 20
Die Abrechnung mit den neureichen Opportunisten und Repr¨ asentanten der Gr¨ underzeit ist in Vor Sonnenaufgang so auch vorrangig. Hauptmann, der nach eigenen Angaben großz¨ ugig autobiographische Elemente aufnahm, v. a. die Schilderung des Milieus, das er von Kindesalter an kannte, und die Darstellung der ” gef¨ ahrlichen und h¨ aßlichen Begleiter-
scheinungen“ des Einbruchs des Kohlezeitalters in die d¨ orfliche Gegend, 21 erlebte selbst im schlesischen Salzbrunn die Versch¨ arfung der sozialen Gegens¨ atze und die zunehmende Dekadenz der Bauern als Folge der Industrialisierung und recherchierte dazu sogar die gesellschaftlich-historische Entwicklung seines schlesischen Heimatorts. 22
19 Helene Krause beschreibt die Problematik: ” Das hat die Kohle gemacht, die unter unseren Feldern
gemutet worden ist, die hat die armen Bauern im Handumdrehen steinreich gemacht. [. . . ] Die Bauern spielen, jagen, trinken . . .“ (S. 19 m. und u.).
20 Vgl. [4] Roy C. Cowen: Der Naturalismus. Kommentar zu einer Epoche, 3., bibl. erw. Auflage. M¨ unchen: Winkler 1981, S. 18.
21 Vgl. [3] Cowen: Hauptmann-Kommentar, S. 39.
22 Das autobiographische Element ist in Vor Sonnenaufgang neben bestimmten Z¨ ugen Loths auch in der
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 9
Einen weiteren, historisch-politischen Hintergrund f¨ ur das St¨ uck bilden die Sozialistengesetze Bismarcks, die im Drama den Figuren Alfred Loth und Dr. Schimmelpfennig, den fr¨ uheren Mitgliedern des Geheimbunds und Kolonialvereins “Vancouver-Island”, ¨ ahnlich wie Hauptmann in der ” Gesellschaft Pacific“ ( ” Breslauer Geheimbund“ [1880-82]), fast zum Verh¨ angnis wurden. Hermann Barnstorff f¨ uhrt dazu aus:
Das Sozialistengesetz stand zur Zeit der Niederschrift des Dramas und seiner Auff¨ uhrung noch in voller Kraft, was den Dichter wohl veranlaßte, seine Breslauer Erlebnisse [. . . ] zu [. . . ] [verarbeiten]. In Breslau stand [. . . ] Gerhart Hauptmann der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung“ nahe, die eine ” Gesellschaft Pacific“ gr¨ unde-
”
te, um eine Siedlung nach [Etienne] Cabets Muster [Voyage en Icarie {1842}] in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vorzunehmen. F¨ ur diesen Plan wurde Geld gesammelt, und [das Mitglied] Alfred Ploetz reiste nach Amerika, um die ersten Schritte zur Auswanderung vorzubereiten. Aus der amerikanischen Utopie wurde nichts, und Ploetz kehrte entt¨ auscht zur¨ uck. Einige Jahre sp¨ ater griff die Regierung, durch einen Spitzel angefeuert, ein und stellte eine Reihe der Mitglieder des Vereins Pacific unter Anklage, daß sie als Werkzeuge der sozialdemokratischen Partei einen Umsturzversuch unternommen h¨ atten. Bei dem Breslauer Geheimbundprozeß 1887 geh¨ orte Hauptmann zwar nicht zu den 38 Angeklagten; aber er wurde als Zeuge vernommen, und mußte erleben, daß eine Anzahl seiner Freunde zu l¨ angeren Gef¨ angnisstrafen verurteilt wurde. 23
Bereits hier wird deutlich, welche M¨ oglichkeiten der Gesellschaftskritik sich Hauptmann aus all diesen Elementen in Vor Sonnenaufgang boten. Damit das ” soziale Drama“ aber
nicht zur g¨ anzlich undramatischen Milieustudie verkommt, nutzt Hauptmann in Anlehnung an Ibsen die Figur des Fremden als erregendes Moment f¨ ur die ganze Handlung, denn bereits Szondi stellt f¨ ur die Familie Krause fest:
Solche Menschen verm¨ ogen keine dramatische Handlung zu begr¨ unden. Die Laster, deren Gefangene sie sind, entziehen sie dem zwischenmenschlichen Bezug, vereinzeln und erniedrigen sie zu zum sprachlos-heulenden, unt¨ atig dahinlebenden Tier. 24
Da der Mensch in Vor Sonnenaufgang also gerade nicht mehr als autonomes, moralisches Individuum erscheint, sondern als vielfach biologisch und sozial determiniertes Produkt, 25
sind die Charaktere keineswegs ” nach vorne“ frei, sondern ”
onsradius ist dementsprechend stark eingeschr¨ ankt. Das ”
mus, die Vererbungsdetermination unter dem Einfluß des Umweltfaktors, problematisiert somit idealistische Dramenkonzeptionen und muß sich einen Kunstgriff zu Hilfe nehmen.
Ausl¨ osendes Moment der Handlung ist folglich ein Fremder und Jugendfreund Hoffmanns,
uber seinen Werdegang nach seiner Trennung Figur des Dr. Schimmelpfennig vorhanden: dessen Bericht ¨
von Loth etwa entspricht fast genau dem Hauptmanns zwischen seiner Breslauer Zeit und dem ” Z¨ uricher Kreis“ (5. Akt [S. 79 o.]).
23 In [1] Barnstorff, S. 20.
24 In [14] Szondi, S. 65.
25 Vgl. [13] Sprengel, S. 39.
26 Vgl. [8] Mahal, S. 95.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 10
Dr. Alfred Loth, der als Sozialforscher der Forschungsobjekte dieser Gegend (Arbeiter) auftritt. Indem Loth also sozusagen als ” episches Ich“ die Zust¨ ande entdeckt, wird erm¨ oglicht,
daß diese dramatisch vergegenw¨ artigt werden k¨ onnen. Zus¨ atzlich erm¨ oglicht es der Infor-mationsvorsprung des Zuschauers gegen¨ uber Loth 27 aber gleichzeitig, sich aus seiner Perspektive auf die Zust¨ ande zu l¨ osen und sein Handeln selbst mit Distanz zu verfolgen. Eine wichtige Voraussetzung f¨ ur das Funktionieren der Gesellschaftskritik ist auch das Mittel der Sympathiesteuerung, die in Vor Sonnenaufgang unter den Hauptpersonen zwischen Loth und Helene Krause einerseits und dem Rest der Familie andererseits, und dann noch einmal in die gr¨ oßtenteils positiv erscheinende Unterschicht und der negativ erscheinenden Familie, getrennt ist.
2.2 Die Staats- und Gesellschaftsform
Gleich im ersten Gespr¨ ach (1. Akt) zwischen dem Sozialisten Loth und seinem fr¨ uheren Studienfreund Hoffmann, der sich inzwischen zum kapitalistischen Nutznießer der wirtschaftlichen Entwicklungen entwickelt hat, das den expositorischen Hintergrund auff¨ achert, zeigt sich unterschwellig ihr gespanntes Verh¨ altnis als Vertreter entgegengesetzter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Programme. Ein wesentlicher Punkt der Unterhaltung sind die unterschiedlichen Auffassungen ¨ uber das Staats- und Gesellschaftswesen.
Die politische Zeitkritik entspringt dabei also dem Verh¨ altnis des Staats zu seinen B¨ urgern und umfaßt die politsche F¨ uhrung, die Organisationsform der Gesellschaft und ihre verbindlichen Gesetze. 28 Die konservative und v. a. nationalistische Pr¨ agung der Gr¨ underzeit des ” zweiten Reichs“ ging einher mit der neuen Machtposition Deutschlands und ernormem wirtschaftlichem Wachstum, die jedoch zunehmend zu individueller und nationaler Selbstgef¨ alligkeit auf vielen Gebieten f¨ uhrten. 29
Die Kritik zielt hier besonders auf die konservative Herrschaft, ihren Machtmißbrauch und die Vernachl¨ assigung ihrer sozialpolitischen Aufgaben. Bismarck, der versuchte, Deutsch-land v. a. machtpolitisch und milit¨ arisch zu sichern, 30 sicherte sich innenpolitisch durch die konservativ-autorit¨ ar ausgerichtete B¨ urokratie und das Milit¨ ar. Den Naturalisten wurde bald bewußt, daß die Einheit Deutschlands auf Kosten der politischen Freiheit erkauft wurde.
Bismarcks Rezept zur staatspolitischen ” L¨ osung“ der ” sozialen Frage“ war eine Doppelstrategie: er f¨ uhrte einerseits die Sozialgesetzgebung ein, und andererseits traten die Sozia-
27 Vgl.die Momente, die nur auf der externen Kommunikationsebene zwischen Charakteren und Zuschauern bedeutsam sind und die Loth nicht mitbekommt, z. B. Wilhelm Kahls Identifikation des ” betrunkenen
Bauern“ als dem Bauern Krause im 1. Akt [S. 30 u.] oder das Gespr¨ ach zwischen Hoffmann und Dr. Schimmelpfennig zu Beginn des 3. Akts [S. 47].
28 Vgl. [1] Barnstorff, S. 8.
29 Vgl. [4] Cowen: Naturalismus, S. 11.
30 Vgl. Hermann Barnstorff: ” Der Staat hatte die Aufgabe, s¨ amtliche politischen, milit¨ arischen, sowie
die geistigen und wirtschaftlichen Ziele zu bestimmen, w¨ ahrend das Volk nur regiert werden sollte, oder allenfalls durch gew¨ ahlte Vertreter seine Zustimmung geben durfte.“ In [1] Barnstorff, S. 67.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 11
listengesetze in Kraft, die die Sozialdemokratie zum Staatsfreind Nr. 1 machten, ein Verbot aller sozialdemokratischer Verb¨ ande beinhalteten und die Verfolgung, Einsch¨ uchterung und Entrechtung mutmaßlicher Oppositioneller erm¨ oglichte.
2.2.1 Die Monarchie (Der Obrigkeitsstaat)
Deutlich wird die Kritik, wie schon erw¨ ahnt, etwa in Loths Bericht ¨ uber den Prozeß gegen ihn und seine Verurteilung zu zwei Jahren Gef¨ angnis wegen Gr¨ undung des Vereins “Vancouver-Island” (1. Akt [S. 12]) zum Zweck der politischen Agitation. Vor dem Hin-tergrund von Bismarcks Sozialisten-Gesetzen und Hauptmanns Flucht nach Z¨ urich (1888) vor dem Prozeß gegen die Mitglieder ihrer ” Gesellschaft Pacific“ ( ” Breslauer Geheimbund“)
wird die enge real-zeitgeschichtliche Beziehung des Texts besonders klar. Die Anspielung auf Loths zweij¨ ahrige Gef¨ angnishaft hat ebenfalls ein Vorbild in der Verurteilung eines Mitglieds der Gruppe um Ploetz und Hauptmann. 31
Loth berichtet von der Verurteilung und der Relegation von der Universit¨ at (S. 11) und kritisiert dies zugleich als ¨ Ubergriff durch den Staat, zumal nach Loth die ” Anklage [. . . ]
kein wahres Wort [enth¨ alt] [. . . ]“ (S. 12 u.). Das Gef¨ uhl der Rechtlosigkeit ist dabei ein wesentliches Grund¨ ubel im Staatswesen. Er greift damit zugleich auch die Gerichtsbarkeit an, die Idealisten aus der Gesellschaft entfernt und ins Gef¨ angnis steckt: ” Alfred Loth
wird als Opfer einer unwahren Anklage geschildert, der infolge einer falschen Auslegung brummen“ mußte [. . . ] [S. 12].“ 32 des Rechts zwei Jahre ”
Hoffmann dagegen setzt Loth und seinen sozialistischen Reformbestrebungen ein Pl¨ adoyer f¨ ur die b¨ urgerliche Laisser-faire-Gesellschaft entgegen, die von der Selbstregulierung gesellschaftlicher Prozesse ausgeht, im Obrigkeitsstaat aber die letzte Instanz f¨ ur die L¨ osung der gesellschaftlichen Probleme sieht:
hoffmann. [. . . ] — Ich bin ¨ uberhaupt in keiner Beziehung Unmensch. Nur muß man nicht mit dem Kopfe durch die Wand rennen wollen. — Man muß nicht die ¨ Ubel,
an denen die gegenw¨ artige Generation, leider Gottes, krankt, durch noch gr¨ oßere verdr¨ angen wollen; man muß — alles ruhig seinen nat¨ urlichen Gang gehen lassen. Was kommen soll, kommt! Praktisch, praktisch muß man verfahren! [. . . ] Ihr alle — du mit eingerechnet! — ihr verfahrt h¨ ochst unpraktisch. [. . . ]
hoffmann. [. . . ] Ich bin der letzte, der es an Mitleid mit dem armen Volke fehlen l¨ aßt, aber wenn etwas geschieht, dann mag es von oben herab geschehen! Es muß sogar von oben herab geschehen, das Volk weiß nun mal nicht, was ihm not tut — das Von-unten-Herauf, siehst du, das eben nenne ich das Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Rennen. [1. Akt {S. 12 m. und 13 o.}]
31 In [3] Cowen: Hauptmann-Kommentar, S. 37.
32 In [1] Barnstorff, S. 81.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 12
Hoffmanns Verachtung f¨ ur die Massen und seine Staatsgl¨ aubigkeit gehen bereits hier mit der Heuchelei einher, die Mißst¨ ande selbst beklagenswert zu finden. Dagegen wiederum dr¨ uckt Loth Hauptmanns eigene antimonarchische Einstellung aus, wenn er sich im Gespr¨ ach ¨ uber ihren ehemaligen Kameraden ” Fips“ beil¨ aufig gegen die Errichtung eines
Standbildes f¨ ur einen Duodezf¨ ursten wendet (S. 10). 33 Hoffmanns Heuchelei gegen¨ uber Loth erreicht nach einem mißgl¨ uckten Bestechungsversuch ( ¨ Ubernahme von Loths Unkosten) ihren H¨ ohepunkt im 3. Akt, als er glaubt, er k¨ onne Loth vom Schreiben seiner Untersuchung abhalten, und sogar soweit geht, sich scheinbar auf Loths Seite zu schlagen:
hoffmann.
[. . . ] Ich habe dich immer hochgesch¨ atzt: dich und dein ehrliches, konsequentes Streben. Ich bin der letzte, der gewisse — leider, leider mehr als berechtigte Anspr¨ uche der ausgebeuteten, unterdr¨ uckten Massen nicht gelten l¨ aßt. — Ja, l¨ achle nur, ich gehe sogar so weit, zu bekennen, daß es im Reichstag nur eine Partei gibt, die Ideale hat: und das ist dieselbe, der du angeh¨ orst! . . . Nur — wie gesagt — langsam! langsam! — nichts ¨ uberst¨ urzen. Es kommt alles, kommt
alles, wie es kommen soll. Nur Geduld! Geduld! . . .
Die in der Zielrichtung bestehende Solidarit¨ at zwischen den naturalistischen Literaturrevolution¨ aren und der durch die Sozialistengesetze in den Untergrund verwiesenen Sozialdemokratie dr¨ uckt sich in der kritischen Darstellung eines Vertreters des anderen Lagers hier besonders deutlich aus. Doch wird nicht nur der Obrigkeitsstaat kritisiert, sondern ihm bereits eine Alternative entgegengestellt, der sozialistische ” Musterstaat“.
2.2.2 Der ” Musterstaat“ (Das sozialistische Modell)
Schon zu Beginn des 1. Akts (S. 11) spielt Alfred Loth, f¨ ur den Hauptmanns Jugendfreund Alfred Ploetz, der Amerika im Auftrag der ” Gesellschaft Pacific“ ( ” Ikarier“) bereiste, Pate
gestanden haben soll, auf seine Amerika-Fahrt an, die dem Zweck der Gr¨ undung eines Musterstaats diente. Eine solche utopische Mustersiedlung landwirtschaftlichen Gepr¨ ages erschien Hauptmann und den ” Ikariern“ in der Tat als ideales gesellschaftliches Gebilde. Selbst wenn sich Loth nach seinem ” Abk¨ uhlungsprozeß“ von der Naivit¨ at ihres damaligen
Vorhabens distanziert, so beharrt er doch auf der Richtigkeit der Stoßrichtung, von der sich Hoffmann inzwischen gel¨ ost hat:
hoffmann. Wie man doch einmal so sein konnte! Merkw¨ urdig! So was hat man sich nun allen Ernstes in den Kopf gesetzt. Bare Kindereien sind es gewesen, kann mir nicht helfen, du! — nach Amerika auswandern, ’n Dutzend Gelbschn¨ abel wie wir! — wir und Musterstaat gr¨ unden! K¨ ostliche Vorstellung! [1. Akt {S. 11 m.}]
Das Abstreiten der ernsthaften Beteiligung an den Unternehmungen und ihre Charakterisierung als Anmaßung ihrer Generation 34 zeigt sich auch im Desinteresse Hoffmanns am
33 Vgl. [1] Barnstorff, S. 67.
34 Vgl. 1. Akt (S. 10 m.): ” Und daß du nun wirklich hinausgingst — nach Amerika — allen Ernstes mit
leeren H¨ anden. . . Denk doch mal an, was das heißt, Grund und Boden f¨ ur einen Musterstaat mit leeren
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 13
Tod ihres Kameraden ” Fips“, wenn er das peinliche Gespr¨ ach dar¨ uber einseitig beendet (1. Akt [S. 10]).
Daß im Gespr¨ ach zwischen Loth und Hoffmann ¨ uber ihre Jugend zumeist Hoffmanns abwehrende Beitr¨ age zentral sind, ist dabei ein funktionaler Kunstgriff, der der Charakterisierung Hoffmanns und Sympathiesteuerung zugunsten von Loth dient. Da das Feld der politischen Kritik eng mit der Kritik am Wirtschaftssystem und den sozialen Verh¨ altnissen zusammenh¨ angt, wird auch im folgenden noch von den kapitalistischen und sozialutopischen Vorstellungen die Rede sein.
2.3 Das Wirtschaftssystem
Die wirtschaftliche Zeitkritik beleuchtet die Organisationsform des wirtschaftlichen Systems und seine Folgen f¨ ur das Leben und die Beziehungen des Individuums zu den verschiedenen Gesellschaftsgruppen. 35 In ¨ okonomischer Beziehung schildert Vor Sonnenaufgang ein Bild vom unmittelbaren ¨ Ubergang der Agrarwirtschaft zur Industrie mit den
verheerenden sozialen Folgen. Das Problem des Kapitalismus ist dabei eng verbunden mit der Arbeiterfrage.
Am Kapitalismus ¨ ubt Hauptmann v. a. soziale und moralische Kritik. Erstere appelliert an das Mitleidsgef¨ uhl der Menschen und vertritt den Verelendungsgedanken (materiell und seelisch). Letztere ¨ ubt Kritik an der ungerechten Besitzverteilung, die die Menschen einer Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete trennt (ethische Schuld). 36
2.3.1 Auswirkungen des Kapitalismus
Nat¨ urlich nehmen Loth und Hoffmann ” in bezug auf die wirtschaftliche Lage Witzdorfs
entgegengesetzte Interessenpositionen“ 37 ein, ersterer strebt Ver¨ anderungen an, die letzterer verhindern will. Hoffmann versucht bereits im 1. Akt, nachdem er das ihn entlarvende Gespr¨ ach, wie zuvor das ¨ uber ihre gemeinsame Studentenzeit, abgebrochen hat, Loth durch
eine feudale Bewirtung einzuwickeln, denn Aufkl¨ arung und ¨ offentliche Kritik w¨ aren gef¨ ahrlich f¨ ur ihn. Eine wichtige Folge des Kapitalismus ist die st¨ andige Zurschaustellung des Reichtums, etwa in der Begr¨ ußungsszene Loths durch Hoffmann gleich zu Beginn, die auch im Nebentext als dominantes Merkmal auftritt (S. 7f.). Die Heuchelei und vorget¨ auschte Freundlichkeit Hoffmanns, die ebenfalls gleich im 1. Akt (S. 8f. und 12f.) ¨ uberdeutlich
wird, sucht dabei lediglich Hoffmanns Unsicherheit beim Umgang mit dem sozialistischen Journalisten Loth zu kaschieren und ihn f¨ ur sich zu gewinnen.
H¨ anden erwerben zu wollen: das ist ja beinahe ver. . . jedenfalls ist es einzig naiv“ und (S. 13 o.) ” Na —
Mitglied war ich doch wohl eigentlich nicht so recht.“
35 Vgl. [1] Barnstorff, S. 8.
36 Vgl. [1] Barnstorff, S. 91.
37 In [5] Guthke, S. 61.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 14
Hoffmann als Vertreter des kapitalistischen Systems wird als Betr¨ uger und Ausbeuter ubelster Sorte geschildert. Nicht nur hat er vor der Geldheirat zuerst einen Nebenbuhler ¨
f¨ ur seine Frau Martha in den Selbstmord getrieben und dann dessen unvollendetes Projekt mit Gewinn zu Ende gef¨ uhrt, sondern sein Verm¨ ogen ist zudem gr¨ oßtenteils ergaunert. Indem er, mit dem Alkohol als Waffe, die alkoholabh¨ angigen Bauern mit betr¨ ugerischen Methoden zum Unterzeichnen von Vertr¨ agen gebracht hat, die ¨ außerst g¨ unstig f¨ ur ihn sind, hat er einen betr¨ achtlichen Wohlstand als Industriekapit¨ an erwirtschaftet (1. Akt [S. 15]). Dabei nimmt er seinerseits gerade die Verfallenheit der Familie hin, um die trunkenen Bauern der Umgebung auszubeuten.
Begreift man die Darstellung der Familie Krause als determiniert nach ihrer neuen Stellung, so ist ihr typisiertes Handeln gerade durch die Menschenverachtung und den Geiz charakterisiert, wie bereits in der Exposition des 1. Akts durch den Auftritt der Frau Krause dargestellt wird (S. 7). Die Gesellschaftskritik an der Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems reicht bereits im Tischgespr¨ ach des 1. Akts von der unreflektierten Genuß-, Prunk- und Verschwendungssucht der Bauern bis zum Alkoholismus und seinen negativen Folgen f¨ ur das Verh¨ altnis der Gesellschaftsschichten und innerhalb der Familie selbst, die im Abschnitt 2.5 (S. 19) im Zentrum stehen.
Da in Vor Sonnenaufgang die sozialen Unterschichten nicht selbst gezeigt werden, nimmt der Bericht ¨ uber sie einigen Platz ein. Loths Gespr¨ ach mit Helene gegen Ende des zweiten Akts ¨ uber die Leiden der Arbeiter, ihre schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken und die Ausbeutung durch brutale und menschenverachtende Kapitalisten (S. 42f.) wird am Tod eines Seifenfabrikarbeiters dargestellt. Die enorm schlechten Arbeitsbedingungen, gekoppelt mit Ausbeutung, f¨ uhren zwangsl¨ aufig zu Unf¨ allen und Toten, wie nach Loth auch Helene berichtet. Helene, bereits stark unter dem Einfluß von Loths Ideen, verdeutlicht die katastrophale Lage, die auf dem Land herrscht und der auch sie ausgesetzt ist:
helene. [. . . ] [Kahls] Vater, m¨ ussen Sie wissen, war genauso ein Jagdnarr wie er. Er schoß hinter den Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen [. . . ] Er war auch j¨ ahzornig [. . . ] wenn er getrunken hatte [. . . ]. [. . . ]
helene, immer unsicherer und erregter. Ich hab’ auch schon manchmal so bei mir gedacht. . . sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid getan —: der alte Beibst und. . . Wenn die Bauern so roh und dumm sind wie der — wie der Streckmann, der — l¨ aßt seine Knechte hungern und f¨ uttert die Hunde mit Konditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich aus der Pension zur¨ uck bin. . . [. . . ] [2. Akt {S. 44 m.}]
Die Dekadenz des Bauern Streckmann hat sich auf seinen Sohn Wilhelm Kahl vererbt, dessen Jagdleidenschaft auf Tauben und Lerchen, die an einem Pfahl festgebunden sind (1. Akt [S. 24], 2. Akt [S. 38]), von Loth und Helene einstimmig als sinnlose Gewalt verurteilt wird.
Viel intensiver als im Dialog zwischen den Charakteren werden die Folgen der wirtschaftli- chen Situation der Ober- und Unterschichten in den Zustandsschilderungen von B¨ uhnen-
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 15
bild, Kost¨ umen und im stummen Spiel der Charaktere deutlich, auf die wir in Abschnitt 2.4 (S. 17) zur¨ uckkommen werden.
2.3.2 L¨ osungsversuche des Sozialismus
Der Sozialist Loth sieht seine Aufgabe in der Schilderung der Verh¨ altnisse der Arbeiter, der dann Sozialreformen folgen sollen, er stellt sein Leben in den Dienst der Aufdeckung gesellschaftlicher Mißst¨ ande. Als Helene ¨ uber den ” wilden Haß“, den die Bergarbeiter gegen
die Bauern hegen, berichtet, kommt Loth auf seine Berufung zu sprechen:
loth. Man k¨ onnte vielleicht Mittel finden, den Grund, warum diese Leute immer so freudlos und geh¨ assig sein m¨ ussen, wegzur¨ aumen; — man k¨ onnte sie vielleicht gl¨ ucklicher machen.
helene, ein wenig verwirrt. Ich muß Ihnen ehrlich sagen, daß . . . aber gerade jetzt verstehe ich Sie doch vielleicht ein ganz klein wenig. — Es ist nur . . . nur so ganz neu, so ganz — neu! [1. Akt {S. 21 o.}]
Helenes Erstaunen verweist dabei auf die Vernachl¨ assigung sozialer Probleme der Arbeiter im t¨ aglichen Umgang mit ihnen und widerspricht somit Hoffmanns Darstellungen der Lage. Als Helene sich erkundigt, woher Loth seine Ideen habe, nennt Loth das sozialistische Programm und den ” sozialen Kampf“ als die logische Konsequenz der Probleme, die er wahrnimmt. In seiner großen Rede ¨ uber die Verkehrtheiten in der Gesellschaft, tritt die Gesellschaftskritik im Werk geballt hervor:
loth. [. . . ] Man kommt dazu durch die Verkehrtheit unserer Verh¨ altnisse, scheint mir; — nur muß man f¨ ur das Verkehrte einen Sinn haben: das ist es! Hat man den, und leidet man so bewußt unter den verkehrten Verh¨ altnissen, dann wird man mit Notwendigkeit zu dem, was ich bin.
helene. Wenn ich Sie nur besser. . . welche Verh¨ altnisse nennen Sie zum Beispiel verkehrt?
loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im ¨ Uberflusse leben darf. Es ist verkehrt, den Mord
im Frieden zu bestrafen und den im Kriege zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten tun, mit einem Menschenabschlachtungsinstrument, wie es der Degen oder der S¨ abel ist, an der Seite stolz herumzulaufen. Den Henker, der das mit dem Beile t¨ ate, w¨ urde man zweifelsohne steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei ganze V¨ olker zu vollendeten Menschenschl¨ achtern heranzubilden. Dies sind einige unter Millionen, m¨ ussen Sie bedenken. Es kostet M¨ uhe, sich durch alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man muß fr¨ uh anfangen. [2. Akt {S. 41 m.}]
Zwei Probleme sind dabei zentral, ein soziales, i. e. die Ausbeutung, und ein politisches, i. e. der ostentativ nationalistische Kult um das Milit¨ ar:
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 16
1. Nach dem sozialistischen ” Egalit¨ atsprinzip“ ist es also verkehrt, daß die durch Zufall und ohne eigenes Zutun reich gewordenen Bauern nichts mehr tun m¨ ussen, w¨ ahrend andere f¨ ur sie schufften m¨ ussen. Dar¨ uberhinaus wird das Geld auch noch eigenn¨ utzig ausgegeben, f¨ ur die Arbeiter wird nicht gesorgt, die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich sogar, anstatt sich mit zunehmendem Reichtum zu verbessern. 38
2. Die Kritik gegen das Milit¨ ar (implizit auch gegen die Kirche) begr¨ undet sich aus der allgemeinen Militarisierung des kaiserzeitlichen Deutschland. Diese ist gekoppelt mit der Kritik an der Verherrlichung des ” heroischen Individuums“, etwa die Verehrung
der Soldaten des siegreichen deutsch-franz¨ osischen Kriegs 1870/71 durch die j¨ ungere Generation. Andererseits wird dadurch implizit die damit einhergehende Verachtung der Massen kritisiert. Sowohl die Stilisierung des Helden als auch die Verachtung f¨ ur die Massen waren gerade wesentliche Elemente der Literatur der Gr¨ underzeit. 39
Hauptmanns Kontakt zum studentischen Kreis der ” Ikarier“, in denen er utopisch-sozial-reformerische Ideen diskutierte, ging noch einmal in den Text ein, wenn Loth den sozialistischen Musterstaat dem Arbeiter Beibst erkl¨ art:
loth. Die Ikarier? — es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus allen Nationen, die sich zusammengetan haben; sie besitzen in Amerika ein h¨ ubsches St¨ uck Land, das sie gemeinsam bewirtschaften; alle Arbeit und allen Verdienst teilen sie gleichm¨ aßig. Keiner ist arm, es gibt keine Armen unter ihnen. [2. Akt {S. 35 u.}]
Hoffmann sieht sich als fr¨ uherer Sozialist, der zum entschiedenen Vertreter des Kapitalismus wurde, sich den sozialen Problemen verschließt und selbst nicht vor Betrug und Verbrechen zur¨ uckschreckt, wenn es um seinen Vorteil geht, immer mehr durch Loth und seinen Einfluß auf Helene in die Enge getrieben. Er kann sich nur durch einen Gegenangriff auf Loth verteidigen, der sein wirkliches Gesicht zutage f¨ ordert, indem er ihn einen sittenlosen Schw¨ armer, Volksverf¨ uhrer und Staatsfeind nennt und den Ausbeutervorwurf sogar gegen ihn umdreht:
hoffmann. [. . . ] Solch eine Schm¨ ahschrift willst du schreiben, und zwar ¨ uber unseren
Kohlendistrikt. Solltest du denn wirklich nicht begreifen, wen diese Schm¨ ahschrift am allersch¨ arfsten sch¨ adigen m¨ ußte? Doch nur mich! — Ich sage: man sollte euch das Handwerk noch gr¨ undlicher legen, als es bisher geschehen ist, Volksverf¨ uhrer, die ihr seid! Was tut ihr? Ihr macht den Bergmann unzufrieden, anspruchsvoll, reizt ihn auf, erbittert ihn, macht ihn aufs¨ assig, ungehorsam, ungl¨ ucklich, spiegelt ihm goldene Berge vor und grapscht ihm unter der Hand seine paar Hungerpfennige aus der Tasche. loth. Erachtest du dich nun als demaskiert?
hoffmann, roh. Ach was! Du l¨ acherlicher, gespreizter Tugendmeister! Was mir das wohl ausmacht, vor dir demaskiert zu sein! — Arbeite lieber! Laß deine albernen
38 Vgl. [1] Barnstorff, S. 91f.
39 Vgl. [4] Cowen: Naturalismus, S. 11.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 17
Faseleien! — Tu was! Komm zu was! [. . . ]
[3. Akt {S. 62 o.}]
Hoffmann wertet Loths Gesellschaftskritik als pers¨ onlichen Angriff auf ihn und kehrt diesen auf Loth um, indem er Loths Mittellosigkeit und, zuvor schon gegen¨ uber Helene, seine Gef¨ angnishaft zur Sprache bringt. Dabei gibt er aber auch die g¨ angigen Praktiken im Umgang der Reichen mit der sozialen Unterschicht preis: Verlangen von Gehorsam, Un-terordnung und Bescheidenheit sowie die schlechte Bezahlung f¨ ur die harte Arbeit, nach Loth also die Grund¨ ubel der kapitalistischen Ausbeutung.
2.4 Die Gesellschaftsordnung
Die soziale Zeitkritik besch¨ aftigt sich mit den Wechselbeziehungen zwischen den Menschen, bestimmter Gruppen und dem Staat, die das Zusammenleben derselben bedingen. 40 Die soziale Struktur der Klassengesellschaft, mit dem Adel als F¨ uhrer der Gesellschaftspyramide, an sich mußte dem jungen Sozialisten Hauptmann ein Dorn im Auge sein, die Ordnung widerspricht einerseits der sozialistischen klassenlosen Gesellschaft und stellt andererseits eine erstarrte Struktur dar, die es aufzubrechen galt, um den unteren Schichten wirksam zu helfen. 41
2.4.1 Die Schichten
Mit den Kohlefunden in den l¨ andlichen Gebieten Schlesiens entstand eine neue Geldklasse neben dem etablierten B¨ urgertum. Die gesellschaftlichen Schichten wurden folglich nach oben immer durchl¨ assiger, auch zwischen dem Geldb¨ urgertum und dem Adel. Die feudale Orientierung der Geldklasse war so auch ein entscheidendes Merkmal dieses Standes der sozialen Oberschicht. Die Familie Krause stellt ein prototypisches Beispiel f¨ ur diese Klasse dar. Nicht nur die die unteren St¨ ande verh¨ ohnende Verschwendungssucht tr¨ agt zur Herausbildung eines Klassengegensatzes bei, sondern v. a. das aktive Streben der Oberklasse weg von Ihrersgleichen fr¨ uherer Zeiten. Das Gastmahl f¨ ur Loth im 1. Akt steht neben dem Prunk also f¨ ur das Bild, das die ehemals unteren Schichten von der Lebensart des Adels haben. Offensichtlich wird die beanspruchte N¨ ahe zum Adel etwa dadurch, daß Frau Spiller im Tischgespr¨ ach mehrmals eine adlige Personen anzitiert, deren Maximen und Pseudo-Kultur sich die Familie zueigen gemacht hat, wie etwa die Jagdleidenschaft und den ausschweifenden Alkoholkonsum (S. 24f. und 26f.).
40 Vgl. [1] Barnstorff, S. 8.
41 Vgl. Werner Ziegenfuss: ” [Hauptmann] [. . . ] zeichnet mit großer Treue, wie an jedem Menschen als
schicksalsbildende Faktoren Wirkungen der allgemeinen gesellschaftlichen Realit¨ at jederzeit in Erscheinung treten: als Beruf, Stand, Stellung auf der einen und als dr¨ angende und bedr¨ angende individuelle wirtschaftliche Situation auf der anderen Seite.“ In [15] Werner Ziegenfuss: Gerhart Hauptmann. Dich- tung und Gesellschaftsidee der b¨ urgerlichen Humanit¨ at. Berlin: de Gruyter 1948, S. 97.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 18
Die reichen Bauerngutsbesitzer verhelfen also gerade nicht ihrem eigenen Stand zu einer besseren gesellschaftlichen Stellung, sondern fliehen im Gegenteil durch ihre Ann¨ aherung an den Adel vor der Identifikation mit ihm:
Habgier, R¨ ucksichtslosigkeit und das fast l¨ acherliche Nach¨ affen des Adels kennzeichnen die Empork¨ ommlinge der neuen Gesellschaft. Alte Freunde werden als nicht mehr standesgem¨ aß abgeworfen, und neue gleichsituierte werden umworben. Dieses Bild spielt immer wieder in der naturalistischen Literatur eine Hauptrolle. 42
Die Familie Krause definiert sich ¨ uber die Zugeh¨ origkeit zur sozialen Oberschicht und der
N¨ ahe zum reichen Adel. Durch die Verbindung der Verhaltensweisen der Krauses mit denen des Adels ist aber klar, daß auch der Adel Zielscheibe der Kritik ist. Da der Adel wiederum um 1890 in Deutschland die herrschende politische Klasse darstellt, ist darin auch eine Kritik an der politischen F¨ uhrung selbst impliziert, die nicht die Voraussetzungen f¨ ur ein konfliktloses Zusammenleben aller Menschen in einer Gesellschaft schafft und somit ihren gesellschaftspolitischen Auftrag vernachl¨ assigt.
Dagegen zeigt sich unter den Zugeh¨ origen der unteren Schichten die Solidarit¨ at in der Armut. Gerade in den Milieuszenen, die das Gesamtbild der Wirklichkeit durch die ” Alltags-Mimesis“ auf dem Gutshof vervollst¨ andigen, wird neben der Funktion der Illustration des Milieus, das Handeln bedingt durch die sozialen Verh¨ altnisse vorgef¨ uhrt. 43 Die Degeneration und Armut der Landbev¨ olkerung wird am Dorftrottel Hopslabaer gezeigt, die Solidarit¨ at, wenn im 4. Akt die M¨ agde und Beibst die ” magere, abgeh¨ armte und ausgehungerte“ milchstehlende Kutschenfrau decken (S. 67).
Im Zentrum der Kritik steht auch die Verlogenheit der Bauern, die sich schon beim Ehebruch von Frau Krause mit Wilhelm Kahl (2. Akt [S. 34]) gezeigt hatte, als Kahl Beibst mit Schweigegeld mundtot machte. 44 Sie wird am Ende des zweiten Akts noch gesteigert: Frau Krause kehrt die gutb¨ urgerliche Scheinmoral ihrer Klasse hervor, die sie selbst sogar durch einen Ehebruch unterminiert hatte, wenn sie die Bauernmagd Marie, die sie mit einem Knecht im Bett erwischt hat, vom Hof jagen will (2. Akt [S. 45]). Helene, die sich unter Loths Einfluß innerlich bereits von ihrer Stiefmutter und ihrem Galan Kahl distanziert und diese angefeindet hat, setzt sich f¨ ur Marie ein und zwingt Frau Krause ihre Anordnung zu widerrufen, indem sie droht, deswegen Frau Krauses Ehebruch mit Kahl aufzudecken (4. Akt [S. 64f.]).
Der Rest an Stolz, den sich die unteren Klassen gegen¨ uber ihren Ausbeutern bewahrt haben, zeigt sich schließlich im Selbstbewußtsein Maries. Sie lehnt die R¨ uckkehr nach ihrer Entlassung, trotz eines Bestechungsversuchs (Gehaltserh¨ ohung), zum Entsetzen von Frau Spiller einfach ab.
42 In [4] Cowen: Naturalismus, S. 17.
43 Vgl. [9] Mittler, S. 230.
44 Vgl. sp¨ ater im 4. Akt auch die Ausspionierung Loths, der der Familie suspekt geworden ist, durch Kahl und Frau Spiller.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 19
2.4.2 Gesellschaft und Familie
Wir verstehen die Familie allgemein als konstitutive Einheit des Gesellschaftssystems, die Klassenzugeh¨ origkeit im besonderen als repr¨ asentativen Ausdruck des Familienlebens in einer Schicht. In Vor Sonnenaufgang steht also die Familie Krause nicht nur als exemplarischer Fall f¨ ur die Familienverh¨ altnisse der neureichen Schicht, sondern auch f¨ ur die Zust¨ ande in der Gesellschaft allgemein, denn nat¨ urlich ¨ außern sich die Urspr¨ unge und Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen v. a. in den Schicksalen der Menschen.
Maulwurfsarbeit“ (1. Akt [S. 16 u.]) 45 f¨ ordert im Verlauf der Handlung immer Loths ”
mehr die sozialen Probleme in der Idylle des Scheins der gutb¨ urgerlichen Familie und damit der Gesellschaft zutage. So ist Hauptmann etwa ein entschiedener Kritiker der Heirat aus Berechnung, die sich nach seiner ¨ Uberzeugung an beiden Ehepartnern durch ihren
Zerfall r¨ ache. Er realisiert seine Vorstellung in Hoffmanns Geldheirat mit der reichen Bauerntochter Martha, die f¨ ur beide im Chaos endet: sie verlieren zwei Kinder als Opfer der zunehmenden Degeneration in Folge der Alkoholkrankheit der ganzen Familie. 46 Dabei wird der Faktor Geld bei der Heirat aber nicht g¨ anzlich abgelehnt, Loth beschreibt etwa, daß die sichere ¨ okonomische Grundlage der Familie f¨ ur ihn die Voraussetzung f¨ ur die unbesorgte Besch¨ aftigung mit seinen Utopien ist.
Die konservative Grundposition der Familie Krause wird an der gesellschaftlich zugewiesenen Stellung der Frau deutlich, wenn Hoffmann sich Helene gegen¨ uber weigert, sich ” als
Mann“ um die Angelegenheiten des Hauses und der Betreuung seiner schwangeren Frau zu k¨ ummern (1. Akt [S. 17]). Bezeichnend daf¨ ur ist auch, daß Hoffmann im 3. Akt ausgerechnet bei Loths Forderung nach Gleichberechtigung der Frau auch in Bezug auf die Liebe und Sexualit¨ at außer Fassung ger¨ at (S. 57). Zus¨ atzlich thematisiert Helene auch die Gebundenheit der Frau gegen¨ uber den Freiheiten des Mannes: ” Ja, du hast es eben gut,
du kannst gehen, wohin du willst. [. . . ] Ich sollte bloß ’n Mann sein!“ (S. 17 u.).
2.5 Die Familie
Die Darstellung des degenerativen Niedergangs der Familie Krause ist das zentrale Thema der Gesellschaftskritik im Drama. An der Zerr¨ uttung der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, der Familie also, werden die gesellschaftlichen Mißst¨ ande und ihre Symptome zuerst deutlich. Der Verfall der Familie steht folglich f¨ ur den der Gesellschaft an sich. In den Dramen Gerhart Hauptmanns ist die wichtigste Ursache f¨ ur den Zerfall der Familie der
45 Vgl. den Begriff und das Bild der ” Ratten“ in Hauptmanns gleichnamigem St¨ uck (1911), das der Bismarck-Anh¨ anger Hassenreuter f¨ ur die Umst¨ urzler im Staat verwendet.
46 Vgl. [1] Barnstorff, S. 104. Das ganze Ausmaß der Absurdit¨ at der Situation der, dem Alkoholismus verfallenen Frau Hoffmanns, Martha, wird deutlich, wenn Dr. Schimmelpfennig f¨ ur das Wohlergehen des zweiten Kindes n¨ uchtern konstatiert: ” Von seiner Mutter trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen Entwicklung“ (3. Akt [S. 47 m.]).
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 20
vererbbare“ Alkoholismus, der ein klassenunabh¨ angiges Ph¨ anomen ist, mit all seinen Fol-”
gesch¨ aden. Dieser steht in Verbindung mit dem zweiten großen Thema, der Determination aus den Erbanlagen und dem Milieu. Beides ist in Vor Sonnenaufgang zentral. 47
2.5.1 Alkoholismus und Vererbung
Die Absicht der Naturalisten, die Verwissenschaftlichung der ” Wirklichkeitssicht“ durch
das B¨ undnis mit den Naturwissenschaften zu erreichen, wird in Vor Sonnenaufgang in der zentralen Frage der Vererbbarkeit des Alkoholismus deutlich. Hauptmanns Interesse an Medizin und Sozialwissenschaften und sein Studium des ” vererbbaren“ Alkoholismus
bei Auguste Forel in dessen Z¨ uricher Anstalt 48 stellt den unmittelbaren Hintergrund dar. Hauptmann ger¨ at im ” Z¨ uricher Kreis“ (1888) mit den Thesen der Kausaldetermination in Kontakt, die er in seinem Fr¨ uhwerk zum Aufbau der Charaktere nutzt, von den Figuren selbst vertreten l¨ aßt und die ihm als weltanschauliche Grundlage f¨ ur sein ” soziales Drama“ dienen.
Der Hauptkonflikt des Dramas besteht zwischen den Folgen des Alkoholismus, dessen Vererbbarkeit als ” Erbkrankheit“ irrt¨ umlich angenommen wurde, und den Fragen der Eugenik. Die Trunksucht z¨ ahlt nach Hauptmann zu den gr¨ oßten Gefahren f¨ ur die Gesellschaft. Dieses Problem wurde in Deutschland auch in der Entstehungszeit des Dramas auf vielfache Weise und auf einer breiten gesellschaftlichen Basis diskutiert, seine Bedeutung f¨ ur das Gemeinwesen l¨ oste sogar ernsthafte ¨ Uberlegungen ¨ uber die Ausgliederung von Potatorenfamilien aus der Gesellschaft aus.
F¨ ur die unteren Schichten dient der Alkohol nach Hauptmann dabei v. a. als Narkotikum. Wilhelm Kahl, ein grausamer, liederlicher und in Folge zunehmender Dekadenz sprachbehinderter Mensch, der f¨ ur Hauptmann der typische Sohn eines alkoholkranken Vaters ist, beschreibt im Tischgespr¨ ach des 1. Akts die Situation unter den Arbeitern recht pr¨ agnant: Die saufen wie d’ Schweine“ (S. 28). Doch wird die Ursache daf¨ ur als Angriff auf den Ka-
”
pitalismus formuliert: die kapitalistische Klasse trinkt, weil sie zu viel Zeit und Geld hat, die proletarische Klasse, weil sie zu wenig Geld und zu viele Sorgen hat. 49 Bei den Bauern dient der Alkohol als Mittel, das psychologische Hemmungen beseitigt: Reizbarkeit, Prahlsucht, Gewaltt¨ atigkeit, sexuelle Enthemmung etc. sind die Folgen, wie wir sie auch im Drama finden. 50 Der Alkohol wirkt also sowohl physiologisch als auch psychologisch destruktiv.
47 Vgl. Rudolf Mittler: ” Es ist dies eine ungesellschaftliche biologistische Auffassung des Milieus, das wesentlich durch die Problematik von Alkoholismus und Vererbung definiert wird.“ In [9] Mittler, S. 213.
48 Im ” Z¨ uricher Kreis“ war es Hauptmanns Freund Alfred Ploetz, dessen unbedingter Idealismus dazu f¨ uhrte, daß er zum Antialkoholiker wurde. Diese Entscheidung wiederum hat Hauptmann stark beeindruckt und k¨ onnte in die Figur des Loth direkt eingegangen sein. Vgl. auch [3] Cowen: Hauptmann-Kommentar, S. 36.
49 Vgl. [1] Barnstorff, S. 125.
50 Vgl. [1] Barnstorff, S. 119f. und 122.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 21
Alfred Loth tritt als ein Vertreter der Abstinenzbewegung des 19. Jht. auf. Seine Abstinenz sorgt unter den Mitgliedern des Haushalts Krause bei Tisch (1. Akt) folglich auch f¨ ur blankes Entsetzen. Seine zentrale Rede im Drama ¨ uber den Alkoholismus, seine Folgen
und die daraus zu ziehenden Konsequenzen f¨ ur das eigene Verhalten machen fr¨ uhzeitig das Konfliktpotential zwischen ihm und der Familie deutlich und verweist bereits auf das Ende der Beziehung zwischen Loth und Helene:
helene. F¨ ur so etwas m¨ ussen Sie einen sehr gewichtigen Grund haben — denke ich mir wenigstens.
loth. Der existiert allerdings. Sie, Fr¨ aulein! — und du, Hoffmann! wißt wahrscheinlich nicht, welche furchtbare Rolle der Alkohol in unserem modernen Leben spielt. . . [. . . ] Mir ist noch gerade in Erinnerung, was ein gewisser Everett ¨ uber die Bedeutung des Alkohols f¨ ur die Vereinigten Staaten gesagt hat. [. . . ] Er meint also: der Alkohol hat direkt eine Summe von drei Milliarden und indirekt von sechshundert Millionen Dollar verschlungen. Er hat dreihunderttausend Menschen get¨ otet, hunderttausend Kinder in die Armenh¨ auser geschickt, weitere Tausende in die Gef¨ angnisse und Arbeitsh¨ auser getrieben, er hat mindestens zweitausend Selbst-morde verursacht. [. . . ] Die Wirkung des Alkohols, das ist das Schlimmste, ¨ außert sich sozusagen bis ins dritte und vierte Glied. — H¨ atte ich nun das ehrenw¨ ortliche Versprechen abgelegt, nicht zu heiraten, dann k¨ onnte ich schon eher trinken, so aber. . . meine Vorfahren sind alle gesunde, kernige und, wie ich weiß, ¨ außerst m¨ aßige Menschen gewesen. [. . . ] Und dies, siehst du, ist der Punkt: ich bin absolut fest entschlossen, die Erbschaft, die ich gemacht habe, ganz ungeschm¨ alert auf meine Nachkommen zu bringen. [1. Akt {S. 27f.}]
Neben den verheerenden Folgen f¨ ur K¨ orper und Geist der Menschen sieht Loth als Volkswirt auch einfach ¨ okonomische Argumente gegen den Alkohol, der dem Staat schadet und den Menschen in die Armut treibt.
Im folgenden soll es nun um die detailliertere Rolle der Zentralfigur Loth und seiner unmittelbaren Bezugspersonen gehen. Bisher haben wir uns v. a. auf gesellschaftskritische Aspekte im Handlungsstrang der Beziehungen zwischen Loth und dem Haushalt Krause konzentriert. Jetzt soll der zweite wichtige Handlungsstrang, die Liebeshandlung zwischen Loth und Helene mit ihrem n¨ aheren Kontext (Hoffmann und Dr. Schimmelpfennig) im Mittelpunkt stehen.
In bezug auf das Verh¨ altnis der beiden Handlungsstr¨ ange l¨ aßt sich feststellen, daß sie genau gegenl¨ aufig arbeiten: w¨ ahrend Hoffmann und die anderen Figuren im Haushalt Krause (Frau Krause, Frau Spiller, Kahl) versuchen, Loth loszuwerden, sucht Helene gerade Loths Abreise zu verhindern. Helene und der Rest der Familie entfernen sich folglich zunehmend von einander. Auch nehmen die vier Hauptfiguren bez¨ uglich des Gesellschaftssystems sehr unterschiedliche Positionen ein: Loth bek¨ ampft das System und seine Folgen, Helene ist dem System zunehmend entfremdet, Hoffmann repr¨ asentiert es, und Dr. Schimmelpfennig macht es sich zunutze, indem er seinen eugenetischen Idealismus (L¨ osung der Frauenfra- ge) mit einem unverhohlenen Materialismus (Ausbeutung der Bauern zu diesem Zweck)
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 22
verbindet.
2.5.2 Die Zentralfigur Alfred Loth
Der mittellose, idealistische Sozialrevolution¨ ar und Eugeniker Loth tritt als Fremder in die verkommene Welt der Bauern und erscheint zun¨ achst, im Kontrast dazu, als klares Identifikationsangebot mit Prinizpien und Zielen. Ihm geht es nach eigenen Angaben nicht um das pers¨ onliche Gl¨ uck oder den Vorteil, sondern er setzt sich uneigenn¨ utzig f¨ ur die sozial Schw¨ achsten ein. Seine explizite Eigencharakterisierung im 2. Akt gegen¨ uber Helene soll sein soziales Engagement aufzeigen:
loth. [. . . ] Mein Kampf ist ein Kampf um das Gl¨ uck aller; sollte ich gl¨ ucklich sein, so m¨ ußten es erst alle andern Menschen um mich herum sein; ich m¨ ußte um mich herum weder Krankheit noch Armut, weder Knechtschaft noch Gemeinheit sehen. Ich k¨ onnte mich sozusagen nur als letzter an die Tafel setzen. [2. Akt {S. 40f.}]
¨ Ahnlich wie Loth hebt sich auch Helene Krause positiv von ihrer Umwelt ab, sie zeigt als einzige aus der Familie menschliche Z¨ uge. F¨ ur Helene aber, die sich ebenfalls als Fremde in ihrer Umgebung f¨ uhlt, steht weniger der Sozialrevolution¨ ar im Vordergrund, sondern der ” sehr, sehr gute[] Mensch“ (S. 41) Loth. Helenes Charakter ist gepr¨ agt durch die Erziehung im Internat von Herrnhut (1. Akt [S. 20]). Ihre Sicht der Verh¨ altnisse auf dem Land wird dadurch wesentlich bestimmt, und f¨ ur sie als pietistischem und gef¨ uhlsbetontem (naivem) Menschen 51 repr¨ asentiert das Milieu von Witzdorf, das dem von Herrnhut gerade entgegengesetzt ist, alles, was Helene ablehnt (Schockerlebnis). Helene ist sich also bereits vor Loths Einfluß auf sie bewußt, daß ihre derzeitige Situation einer Ver¨ anderung bedarf.
Bereits im 1. Akt sch¨ amt sie sich f¨ ur das geistlose Milieu der Bauern und scheut sich, mit dem ” gebildeten Fremden“ Loth am selben Tisch zu essen: ” Was brauche ich auch unter
gebildete Menschen zu kommen. Ich will nur ruhig weiter verbauern“ (S. 16 m.). Helenes Hoffnungslosigkeit ¨ uber ihre Situation in diesem unertr¨ aglichen Milieu bricht im 3. Akt, nachdem Loth sie f¨ ur die ¨ Ubel dieser Welt sensibilisiert hat (2. Akt), im Gespr¨ ach mit Hoffmann, und hier bereits gekoppelt mit dem wichtigen Todesmotiv, 52 aus:
helene, aufs neue heftig ausbrechend. Alles ist mir egal! Schlimmer kann’s nicht kommen: — einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Tier — vor dem die . . . die eigene Tochter nicht sicher ist. — Eine ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln m¨ ochte. . . Dieses ganze Dasein ¨ uberhaupt — Nein! —
ich sehe nicht ein, wer mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe
51 Vgl. das Nachsprechen der Liebesbekundungen in einer Laube (Topos [S. 72]).
52 Das Todesmotiv ist w¨ ahrend des gesamten St¨ ucks f¨ ur Helene relevant. Deutlich wird es beispielsweise im 2. Akt, wenn Helene auf ihr Lieblingsbuch verweist, Goethes Werther, das Loth als ” Buch f¨ ur
Schw¨ achlinge“ (S. 39 u.) bezeichnet. In der Tat ist Helene am Ende auch zu schwach, sich Loth anzuvertrauen, da dieser ” [f]¨ ur den innerlich leidenden Menschen“ (vgl. [4] Cowen: Naturalismus, S. 161) kein Verst¨ andnis hat.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 23
fort! ich renne fort — und wenn ihr mich nicht loslaßt, dann. . . Strick, Messer, Revolver!. . . mir egal! — ich will nicht auch zum Branntwein greifen wie meine Schwester.
hoffmann, erschrocken, packt sie am Arm. Lene!. . . Ich sag’ dir, still!. . . davon still! helene. Mir egal! . . . mir ganz egal! — man ist . . . man muß sich sch¨ amen bis in die Seele nein. — Man m¨ ochte was wissen, was sein, was sein k¨ onnen — und was ist man nu? [3. Akt {S. 48 m.}]
Helene, die den anderen Mitgliedern der Familie intellektuell ¨ uberlegen ist, sieht also v. a.
ihre Bed¨ urfnisse nach Bildung als nicht befriedigt an, wenn sie ihr Leben im Internat mit der jetztigen Situation vergleicht. Sie ist innerlich wie ¨ außerlich eine Fremde in dieser Umgebung. 53
Die geistigen Defizite, die f¨ ur sie im Vordergrund stehen, werden gerade durch Loth ausgeglichen, sie lernt durch ihn neue Ideen kennen (Alkoholdiskussion [1. Akt], Verkehrtheiten, Literaturempfehlungen [2. Akt] etc.) und verliebt sich schließlich in den potentiellen Retter aus ihrem erniedrigenden Leben (Ende des 3. Akts). Helene urteilt also gepr¨ agt durch ihre pietistische Erziehung, anders als Loth, nicht prim¨ ar auf der Basis von Gesellschaftskritik, etwa an den sozialen Verh¨ altnissen, sondern nach moralischen Kategorien, nach denen Loth zu einem Vorbild f¨ ur sie wird:
Die Problematik dessen, wie der einzelne in bestimmten Verh¨ altnissen steht oder etwas gegen sie tut, wird nicht politisch oder sozial erfaßt, sondern — am Beispiel Loth und Helene — als m o r a l i s c h e s U r t e i l ¨
o d e r s c h l e c h t e n C h a r a k t e r ausgesprochen. 54
Helenes Emp¨ orung ¨ uber das Milieu verst¨ arkt sich, durch Loths Anwesenheit als Beispiel, im Verlauf des St¨ ucks immer mehr und gipfelt im offenen Bruch mit ihrer Familie, als Hoffmann, der Helene tr¨ osten will, indem er sich durch sein eigenes Schicksal in der Ehe mit einer Alkoholikerin und einem durch den Alkoholismus get¨ oteten Kind, mit Helene solidarisiert, die Situation jedoch nur ausn¨ utzt, um ihr mit handgreiflicher Unterst¨ utzung eine ehebrecherische Beziehung vorzuschlagen.
Doch Helene, die bereits nach einer Regieanweisung im 3. Akt ” mit naiver Andacht an
Loths Lippen h¨ angt“ (S. 55 o.), weist ihn zur¨ uck. Aufschlußreich f¨ ur den weiteren Verlauf sind Hoffmanns Attacken auf Loth, die Helene ebenfalls zur¨ uckweist. Hoffmann warnt Helene dabei sehr deutlich vor dem blinden Idealismus Loths:
hoffmann, wie vorher. [. . . ] Ich habe es an mir erfahren: er benebelt einem den Kopf, und dann schw¨ armt man von V¨ olkerverbr¨ uderung, von Freiheit und Gleichheit, setzt sich ¨ uber Sitte und Moral hinweg . . . Wir w¨ aren damals um dieser
53 Vgl. S. 49 m.: ” H¨ atte mein — gutes — M—Muttelchen das geahnt, — als sie. . . als sie bestimmte —,
daß ich in Herrnhut — erzogen. . . erzogen werden sollte. H¨ atte sie — mich lieber. . . mich lieber zu Hause gelassen, dann h¨ atte ich. . . h¨ atte ich wenigstens nichts anderes kennengelernt, w¨ are in dem Sumpf hier auf. . . aufgewachsen. — Aber so. . .“
54 In [9] Mittler, S. 222.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 24
Hirngespinste willen — weiß der Himmel — ¨ uber die Leichen unserer Eltern hinweggeschritten, um zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich dir, w¨ urde erforderlichenfalls noch heute dasselbe tun. [3. Akt {S. 51 u.}]
Hoffmanns Anklage gegen den Doktrin¨ ar Loth weist also direkt voraus (foreshadowing) auf Loths sp¨ ateres Verhalten, wenn dieser tats¨ achlich f¨ ur seine Prinzipien ¨ uber Helenes Leiche
hinweggeht.
55
Hermann Barnstorff ordnet in diesem Zusammenhang die Figur Alfred Loth sogar der um 1890 verst¨ arkt auftauchenden Gruppe von ” Weltverbesserern“ zu, die die soziale Lage entsch¨ arfen, durch ” fixe Ideen“ die Menschheit zu reformieren suchten und eine R¨ uckkehr zum Nat¨ urlichen predigten.
56
Schließlich scheitert die Beziehung mit dem Resultat von Helenes Freitod auch an Loths Bestimmtheit durch das Sozialreformertum und die Eugenik. Gerade Helenes ” Unwissenheit“ ¨ uber die Vererbbarkeit des Alkoholismus und Loths Hinweis auf die Trinkerfamilien ist der Grund f¨ ur ihr Schweigen ¨ uber die Verh¨ altnisse in ihrer eigenen Familie. Wenn Loth also in Anwesenheit von Hoffmann und Helene ¨ uber die Anforderungen an seine Zuk¨ unftige angibt, ” Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum Beispiel ist conditio sine qua non“ (3. Akt [S. 56 u.]), so ist es f¨ ur Helene unm¨ oglich, sich Loth zu offenbaren. Selbst in der Liebesszene in der Laube im 4. Akt (S. 68-74) schafft es Helene nicht ¨ uber ihr dunkles
Geheimnis zu sprechen. Erneut stellt Loth n¨ amlich seine Prinzipien ¨ uber pers¨ onliche Beziehungen ( ” Nur wer mich zum Verr¨ ater meiner selbst machen wollte, ¨ uber den m¨ ußte ich
hinweggehen“ [S. 74]) und bezeichnet die gesunden Erbanlagen der Eltern als ausschlaggebend f¨ ur die M¨ oglichkeit der Beziehung. Helene weiß bereits hier, daß sie auf verlorenem Posten steht, wenn sie Loth nicht ¨ uberreden kann, sie schnell zu heiraten; diese Einsicht bestimmt wesentlich ihr ” rasendes“ Verhalten im 5. Akt. Die Liebesbeziehung, die die soziale Thematik zunehmend in den Hintergrund zu schieben scheint, wird dann um so st¨ arker
durch Loths Flucht
57
kontrastiert, indem sie f¨ ur Loths gesellschaftliche Verpflichtungen geopfert wird.
58
Rudolf Mittler gibt zu bedenken, daß Helene sich einseitig von Loth abh¨ angig macht, dadurch daß sie ihr Fortgehen an Loths Begleitung bindet. Da dies ihre freie Entscheidung sei, so Mittler, relativiere sich Loths Schuld am Freitod von Helene erheblich. 59 Diese Sicht kann m. E. jedoch nicht ¨ uberzeugen, denn fraglich ist, ob diese Stiftung eines Handlungsbezugs zwischen Helene und Loth wirklich ihrer ” Freiheit“ entspringt. Gerade Loth hatte
55 Hauptmann wurde stark von den Dramen Georg B¨ uchners, v. a. Dantons Tod (1835), beeinflußt, der ¨ ahnlich wie Hauptmann wegen der Zerschlagung seines Geheimbunds nach Z¨ urich geflohen war und dessen Grab Hauptmann w¨ ahrend seines Aufenthalts besuchte. Immer wieder ist so auch auf die Parallelen zwischen dem modernen politischen Demagogen Loth und dem ” Tugendmeister“ Robespierre hingewiesen worden.
56 Vgl. [1] Barnstorff, S. 20.
57 Peter Szondi sieht in diesem Ende v. a. die Erf¨ ullung einer formalen Funktion des Charakters Loth, denn ” die Form eines Dramas, das durch den Besuch eines Fremden erm¨ oglicht wird [verlangt], daß dieser zum Schluß von der B¨ uhne wieder abtrete.“ In [14] Szondi, S. 68.
58 Vgl. [13] Sprengel, S. 71.
59 Vgl. [9] Mittler, S. 224f.
2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG 25
ihr doch die schrecklichen Folgen des Alkoholismus vor Augen gef¨ uhrt, und Helene weiß, daß sie diesen ” Krankheitserreger“ in sich tr¨ agt. Bedenkt man außerdem Helenes Pr¨ agung durch den Erl¨ osungsgedanken (Pietismus, Herrnhut), so steht f¨ ur sie fest, daß sie ohne die Errettung (Erl¨ osung) und die Unterst¨ utzung durch Loth verloren und ihrer Determination durch das Milieu ausgeliefert ist.
Die Unterhaltung von Loth und Dr. Schimmelpfennig im 5. Akt, die durch etliche Konfigurationswechsel immer wieder unterbrochen wird, offenbart schließlich die wirklichen Verh¨ altnisse in der Familie:
loth. Ich m¨ ochte die hiesigen Verh¨ altnisse studieren.
doktor schimmelpfennig, mit ged¨ ampfter Stimme. Idee! Noch leiser. Da kannst du bei mir auch Material bekommen. loth. Freilich, du mußt ja sehr unterrichtet sein ¨ uber die Zust¨ ande hier. Wie sieht es denn so in den Familien aus?
doktor schimmelpfennig. Elend! . . . durchg¨ angig . . . Suff! V¨ ollerei, Inzucht und infolge davon — Degeneration auf der ganzen Linie. [5. Akt {S. 82 m.}] 60
Kurz vor dem Ende thematisiert Dr. Schimmelpfennig schließlich Loths Ideal einer Frau f¨ ur seine Kinder: ” Wolltest doch immer so ’n Ur- und Kernweib von wegen des gesunden Blutes“ (5. Akt [S. 80]). Denn Loth will ja gerade mit einer gesunden Frau den Idealmenschen zeugen. Das aber bedeutet anders gesagt, daß eine Rettung der Ausgebeuteten, f¨ ur die er als Sozialist mit dem Ziel der Verbesserung der Umweltfaktoren eintritt, wegen ihrer Determiniertheit ohnehin nicht m¨ oglich ist. Die Arbeiterschaft kann im Sinne Loths also genausowenig wie Helene gerettet werden. In dieses Bild paßt schließlich auch Loths Abbruch der Arbeit ¨ uber die gesellschaftlichen Verh¨ altnisse. Loths deterministischer Glaube an die Vererblichkeit des Alkoholismus erweist sich als ” mentales Gef¨ angnis“. Entgegen
seiner erkl¨ arten Liebe (Eheversprechen, Gl¨ ucksgef¨ uhl) und der proklamierten emanzipatorischen Gesinnung in der Frauenfrage entscheidet er sich im Konflikt f¨ ur seine abstrakten Prinzipien und ¨ uberl¨ aßt Helene ihrem Schicksal:
Loths sozialreformerischer Habitus wie auch seine moralischen Maxime in Hauptmanns Vor Sonnenaufgang beruhen auf einem mit wissenschaftlichem Anspruch betriebenen Studium der Wirklichkeit. Loth ist nach Weltbild und Lebensf¨ uhrung der doktrin¨ are Ideologe eines radikalen Biologismus, der menschliche Bindungen und Verpflichtungen sich kalt und berechnend entzieht, als seine abstrakten Ideale von der Wirklichkeit gepr¨ uft werden. 61
Hauptmann deckt also Schw¨ achen in Loths Theorien des Sozialreformertums auf, wenn menschlich Problematische des Fanatikers“ 62 darstellt, denn Loths schw¨ armeder das ”
risch-verbissener Idealismus erweist sich mehr und mehr als realit¨ atsfremd und Selbstl¨ uge. Loth ist aber keine tragische Figur (daher auch kein B¨ osewicht), sondern verteidigt
60 Vgl. f¨ ur den konkreten Fall der Krauses auch S. 88.
61 In [11] Schmidt, S. 174f.
62 In [5] Guthke, S. 63.
3 REZEPTION UND WIRKUNG 26
seine Einstellung und Lehre selbst gegen Dr. Schimmelpfennig, der die Endg¨ ultigkeit dieser Erkenntnisse (und damit die Wissenschaftsgl¨ aubigkeit) auch um Helenes Willen anzweifelt (S. 89).
Helene ist zum Scheitern determiniert, lediglich die Entscheidung zwischen ihrem verpfuschten Leben und dem Freitod ist ihr ¨ uberlassen. Nach Loths Weggehen fehlt jeder
Ausweg f¨ ur sie. Außerdem begreift Helene Loths Schritt wiederum als moralische Handlung, 63 die sie als unwert f¨ ur ihn hinstellt. Es bleibt foglich nur eine logische Konsequenz und M¨ oglichkeit der Erl¨ osung ¨ ubrig, der Freitod:
Ich m¨ ochte . . . m¨ ochte den Herrn Doktor Loth. . . Eduard antwortet: Herr Dok-tor Loth sind in des Herrn Doktor Schimmelpfennigs Wagen fortgefahren! Damit verschwindet er im Zimmer Hoffmanns. Wahr! st¨ oßt Helene hervor und hat einen Augenblick M¨ uhe, aufrecht zu stehen. Im n¨ achsten durchf¨ ahrt sie eine verzweifelte Energie. Sie rennt nach dem Vordergrunde und ergreift den Hirschf¨ anger samt Geh¨ ange, der an dem Hirschgeweih ¨ uber dem Sofa befestigt ist. Sie verbirgt ihn und h¨ alt sich still im dunklen Vordergrund, bis Eduard, aus Hoffmanns Zimmer kommend, zur Mittelt¨ ur hinaus ist. Die Stimme des Bauern, immer deutlicher: Dohie h¨ a, biin iich nee a hibscher Moan? Auf diese Laute, wie auf ein Signal hin, springt Helene auf und verschwindet ihrerseits in Hoffmanns Zimmer. [5. Akt {S. 92 m.}]
Die Ger¨ ausche des lallenden Bauern, der von alledem nichts mitbekommen hat, bleiben schließlich allein auf der B¨ uhne zur¨ uck. Die ” verzweifelte Energie“ Helenes ist ihre ” Freiheit“, 64 zwischen dem Freitod und den erniedrigenden Verh¨ altnissen zu w¨ ahlen. Doch wie wir gesehnen haben, ist diese Entscheidung bereits mit Loths Weggehen getroffen worden.
Die Sterbeszene Helenes ist dabei gleichzeitig als ¨ Ubergang zur formalen Gestaltung, sowie
der Rezeption und Wirkung, ein gutes Beispiel f¨ ur die naturalistische Dramaturgie, wenn die Gestik den Dialog oder Monolog ersetzt und der Raum selbst zum ” Mitspieler und
Tr¨ ager der dramatischen Wirkung“ 65 wird.
3 Rezeption und Wirkung
Vor Sonnenaufgang l¨ oste einen Theaterskandal und (wichtiger) eine folgenreiche B¨ uhnenrevolution aus. Es steht als erstes soziales Drama Hauptmanns f¨ ur das gesellschaftskritische Potential des Dramas des Naturalismus. Die enorme Reaktion beim Publikum ist auf die
63 Vgl. [9] Mittler, S. 228.
64 Die traumatische Erfahrung aus Akt 2 (S. 33), in dem der verwahrloste Bauer Krause Helene im Suff wie eine Prostituierte behandelt, ihr Geld anbietet und schließlich sexuell bel¨ astigt (versuchter Inzest), wird in der letzten Szene von Akt 5 (S. 92) zum ausl¨ osenden Moment f¨ ur den Entschluß zum Freitod.
65 In [13] Sprengel, S. 73.
3 REZEPTION UND WIRKUNG 27
Spaltung in zwei ¨ ahnlich starke Lager, einmal der lobenden Bef¨ urworter
66
und zum anderen Kulturritter“ zur¨ uckzuf¨ uhren.
67
der emp¨ orten b¨ urgerlichen ”
Das konservative, institutionalisierte Medium Theater v. a. kommerziellen Gepr¨ ages stand n¨ amlich in Kontrast zur revolution¨ aren dramatischen Literatur. 68 Die strenge preußische Theaterzensur f¨ uhrte folglich zur Gr¨ undung von Theatervereinen, etwa dem ” Verein Freie
B¨ uhne“ im Lessingtheater Berlin (1889) unter der Leitung von Otto Brahm, in denen sich literarische Freunde und Feinde trafen. Mit dem Skandal der geschlossenen Urauff¨ uhrung (2. Auff¨ uhrung des Vereins) von Vor Sonnenaufgang am 20. Oktober 1889 wurde der bis dahin v¨ ollig unbekannte Hauptmann mit einem Schlag je nach Lager ber¨ uhmt bzw.
ber¨ uchtigt.
69
Denn bereits mit der Er¨ offnungsvorstellung der ”
spenster (1881), war der Verein in den Mittelpunkt des k¨ unstlerischen Interesses getreten. 70 Und in der Tat waren es Henrik Ibsens Dramen, die durch ihren Kampf gegen das Selbstverst¨ andnis des B¨ urgertums, reihenweise Tabus auf der B¨ uhne zur Sprache brachten, die Br¨ uchigkeit der b¨ urgerlichen Weltordnung bloßstellten und das gesellschaftskritische Potential des Dramas vorf¨ uhrten. Das Spektakel der Urauff¨ uhrung von Vor Sonnenaufgang mit Krawallen und mehreren Unterbrechungen mit hitzigen Diskussionen im Publikum, sowie die Verrisse durch die konservative Kritik, aber auch einiger Naturalisten legen f¨ ur diesen Einfluß Zeugnis ab. Eberhard Hilscher beschreibt die Sicht der angegriffenen Geldschichten:
Warum der L¨ arm? Weil es hier ein junger K¨ unstler gewagt hatte, die Verlogenheit und moralische Verkommenheit von Vertretern der b¨ urgerlichen Gesellschaft naturalistisch abzubilden. Im Sinne des Untertitels stehen hier soziale Mißst¨ ande und eine sehr gegenw¨ artige kapitalistische Wirklichkeit am Pranger: Ausbeutung, Spekualtion, Trunksucht, doppelte Moral und Verantwortungslosigkeit gegen¨ uber dem keimenden Leben. Zudem f¨ uhrte die Zentralgestalt des St¨ uckes h¨ ochst verd¨ achtige, sichtlich sozialdemokratisch infizierte Reden. Das gen¨ ugte. Noch war das Sozialistengesetz in Kraft! 71
Gegen Hauptmanns Zeitkritik erhoben sich auch klerikale und nationalistische Kreise, die dem Dichter einerseits eine materialistische Weltanschauung und andererseits eine ” undeutsche Gesinnung“ vorwarfen. 72 Denn nat¨ urlich sind die Personen in einem ” sozialen
66 Theodor Fontane war einer der prominentesten F¨ ursprecher des St¨ ucks. Vgl. dazu seine Rezension der Urauff¨ uhrung ” Gerhart Hauptmann, ,Vor Sonnenaufgang‘“ in [12] Hans Joachim Schrimpf (Hrsg.): Gerhart Hauptmann. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1976, S. 10-18. ¨ 67 Vgl. [3] Cowen: Hauptmann-Kommentar, S. 42 und weiter: ” Uberhaupt waren die Schlachtlinien schon
vor der Urauff¨ uhrung gezogen, nicht zuletzt, weil der Druck der Buchausgabe ihr bereits vorausgegangen war.“
68 Vgl. [13] Sprengel, S. 48.
69 Vgl. f¨ ur die konfusen Umst¨ ande der Urauff¨ uhrung auch [7] Eberhard Hilscher: Gerhart Hauptmann. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Athen¨ aum 1988, S. 95f.
70 Vgl. [10] Paul Schlenther: Gerhart Hauptmann. Leben und Werke. Neue Ausgabe umgearb. und erw. von Arthur Eloesser. Berlin: S. Fischer 1922, S. 61.
71 In [7] Hilscher, S. 96-98.
72 Vgl. [1] Barnstorff, S. 149.
3 REZEPTION UND WIRKUNG 28
Drama“, hierauf hat auch Szondi schon hingewiesen, nur Beispiele und Repr¨ asentanten, die der Verdeutlichung der gesellschaftlichen Verh¨ altnisse dienen und in der empirischen tausendfach“ vorhanden sind. 73 Im Drama selbst wird ja von den schlesischen Realit¨ at ”
Kohlebauern“ als Repr¨ asentanten der Korruption durch den Kapitalismus allgemein ge-
”
sprochen, es gibt, wie Dr. Schimmelpfennig konstatiert, kaum Ausnahmen (S. 82 m.).
Im Bestreben des Naturalismus nach einer wirklichkeitsnahen, zeitkritischen und aktivierenden Literatur 74 setzte man auch in formaler Hinsicht auf eine naturalistische Darstellung (Stilnaturalismus). Denn nicht nur die neuen Inhalte, sondern auch der neue Stil entstand aus der historisch-gesellschaftlichen Notwendigkeit, er ist genauso wie die Thematik das notwendige Ergebnis der kritisierten gesellschaftlichen Entwicklung. Dieser neue Stil ¨ außert sich etwa in den langen B¨ uhnenanweisungen (B¨ uhnenbild), den Personenbeschreibungen (Steckbrief) und den Inszenierungsvorschriften, v. a. aber in der ” Alltags-Mimesis“, i. e.
dem gezielten Nachvollziehen des allt¨ aglichen Lebens und Verhaltens der Charaktere, die den Zuschauer zur Auseinandersetzung mit seinen Problemen und dem dokumentarischen Wert des Dramas f¨ uhren soll. 75
Mit der Darstellung des Milieus der Bauern und Landarbeiter ist aber auch die Einf¨ uhrung dessen Sprache notwendig. Um die Wirklichkeit auch im Dialog einzufangen, griff man zum Dialekt und Soziolekt, zu den kleinen Ungenauigkeiten der Alltagssprache und ihren Wiederholungen ( ” Sekundenstil“). Die Charakterisierung des Sprechenden allein aus seiner Sprachhandlung ist zentral, ebenso wie Ans¨ atze zur Gestaltung der Sprachlosigkeit durch die Sprache (vgl. Helenes Sterbeszene): die Sprache wird fragmentiert, es erscheinen Punkte, Gedankenstriche, Ausrufezeichen, Verst¨ oße gegen die normale Redeform, angestrebt wird auch hier die mimetische Reproduktion der Alltagssprache. Das stumme Gesten- und Mienenspiels erfuhr zudem eine enorme Aufwertung. Die k¨ uhne Gestaltung des St¨ ucks brachte sogar eine Reihe von Parodien hervor:
Der Anreiz zur Parodie resultiert aus der ¨ asthetischen Neuheit des Originals und findet sein wirkungsgeschichtliches Pendant im schulbildenden Effekt, den dieses Drama auf eine Reihe j¨ ungerer Naturalisten aus¨ ubte [. . . ]. 76
Die Naturalisten ernteten f¨ ur ihre Literatur herbe Kritik: das B¨ urgertum und der Adel kritisierten die ” Rinnsteinkunst“ (ber¨ uhmter Ausdruck von Kaiser Wilhelm), die Sozialdemokraten warfen ihnen dazu die pessimistische Nichtdarstellung von ¨ Anderungsm¨ oglichkeiten
der Situation vor. Dennoch gelang es den Dichtern der ersten ” Moderne“, die bewußt pole-
misch und provokativ auf Publikumswirkung bedacht waren ( ” und sehr schnell Gegenstand ¨ offentlichen Interesses und ¨ Argernisses wurden, innerhalb
k¨ urzester Zeit, die Aufmerksamkeit eines breiten b¨ urgerlichen Publikums auf soziale Fragen zu lenken und die gesellschaftlichen Verh¨ altnisse progressiv ver¨ andern zu helfen. Die
73 In [14] Szondi, S. 64f.
74 Vgl. [11] Schmidt, S. 171.
75 Vgl. [8] Mahal, S. 94.
76 In [13] Sprengel, S. 69.
77 In [9] Mittler, S. 54.
4 RES ¨ UMEE 29
literarische ¨ Offentlichkeit des Theaterpublikums, und das ist das zentrale Ziel der Naturalisten, sollte also in eine politische umgewandelt werden.
Nach und nach etablierten sich die revolution¨ aren naturalistischen St¨ ucke schließlich auf der B¨ uhne. Bereits um 1894 konnten dann St¨ ucke wie Vor Sonnenaufgang oder De Waber ¨ offentlich aufgef¨ uhrt werden und wurden somit in den b¨ urgerlichen Kulturbetrieb einverleibt. Um diese Zeit setzt man auch das Ende der revolution¨ aren Phase des Naturalismus an. 78 Bald danach und verst¨ arkt durch die Aufhebung der Sozialistengesetze entfernten sich die ehemaligen Naturalisten dann auch von den Zielen und Methoden der Str¨ omung und wandten sich individellen Projekten zu, wobei der Naturalismus nach Form und Wirkungsabsicht aber pr¨ agend f¨ ur viele Nachfoger blieb. 79
4 Res¨ umee
Die Arbeit hat versucht zu zeigen, in welcher Form und mit welchen Mitteln Gerhart Hauptmann Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang realisiert. Im Zusammenhang mit dem real-zeitgeschichtlichen Hintergrund, unter dem wir die Argumentation des Textes betrachtet haben, ergab sich ein breites Spektrum und enormes Potential an gesellschaftskritischen Aspekten, die der Autor f¨ ur das Drama und das Theater der Zeit in Deutschland aktualisierte. G¨ unther Mahal faßt die Elemente der literarischen Umw¨ alzungen der Proteststr¨ omung Naturalismus, die wir auch an unserem Drama feststellen konnten, zusammen:
[Die naturalistische Literatur vollzog einen grundlegenden Wandel] in der ¨ asthetischen Dimension ([. . . ] [Wahrheitspostulat, Aktualit¨ atsanspruch]), in der Funktionsbestimmung der Literatur (aufkl¨ arerische Betonung des prodesse), im Menschenbild (Determination), in der gezielten Psychographie und Pathographie (Charaktersezierung [Tiefenstrukturen], Vererbungsproblem, Alkoholismus), schließlich in der Sprengung literarischer Tabus (sowohl stofflich wie sprachlich) und nationaler Literaturgrenzen (Internationalisierung) und in der Aufgabe dichterischen Elfenbeinturmdaseins (Ver-Natur-Wissenschaftlichung, Experiment, Analyse). 80
Gerhart Hauptmanns ” soziales Drama“ steht also im Kontext der literatur- aber auch gesellschaftshistorischen Umbruchsituation der Moderne am Ende des 19. Jht. Bereits in Vor Sonnenaufgang finden wir daher die thematische und stilistische Revolution vor, die sich als wesentlicher Impuls f¨ ur Nachfolger auch anderer Literaturverst¨ andnisse und als Bestandteil des gesellschaftskritischen Dramas in der Folgezeit erwies.
78 Vgl. [13] Sprengel, S. 53.
79 Vgl. f¨ ur die Nachwirkungen des Naturalismus auch [8] Mahal, S. 182f.
80 In [8] Mahal, S. 22.
LITERATUR 30
Literatur
[1] Barnstorff, Hermann: Die soziale, politische und wirtschaftliche Zeitkritik im Werke Gerhart Hauptmanns. Band 34 der Reihe Jenaer Germanistische Forschungen. Jena: Frommann, 1938.
[2] Bartels, Adolf: Gerhart Hauptmann, 2., vermehrte Auflage. Berlin: Felber, 1906.
[3] Cowen, Roy C.: Hauptmann-Kommentar zum dramatischen Werk. M¨ unchen: Winkler, 1980.
[4] Cowen, Roy C.: Der Naturalismus. Kommentar zu einer Epoche, 3., bibl. erw. Auflage. M¨ unchen: Winkler, 1981.
[5] Guthke, Karl S.: Gerhart Hauptmann. Weltbild im Werk. G¨ ottingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1961.
[6] Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama (1889), 23. Auflage. Band 44979 der Reihe Ullstein Theater Texte. Frankfurt/M. und Berlin: Ullstein, 1992.
[7] Hilscher, Eberhard: Gerhart Hauptmann. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Athen¨ aum, 1988.
[8] Mahal, G¨ unther: Naturalismus. M¨ unchen: Fink, 1982.
[9] Mittler, Rudolf: Theorie und Praxis des sozialen Dramas bei Gerhart Hauptmann. Band 23 der Reihe Germanistische Texte und Studien. Hildesheim: Olms, 1985.
[10] Schlenther, Paul: Gerhart Hauptmann. Leben und Werke. Neue Ausgabe umgearb. und erw. von Arthur Eloesser. Berlin: S. Fischer, 1922.
[11] Schmidt, G¨ unter: Die literarische Rezeption des Darwinismus. Das Problem der Vererbung bei ´ Emile Zola und im Drama des deutschen Naturalismus. Berlin: Akademie-Verlag, 1974.
[12] Schrimpf, Hans Joachim (Hrsg): Gerhart Hauptmann. Band 207 der Reihe Wege der Forschung. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1976.
[13] Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche - Werk - Wirkung. M¨ unchen: C. H. Beck, 1984.
[14] Szondi, Peter: Theorie des modernen Dramas 1880-1950, 2. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1965.
[15] Ziegenfuss, Werner: Gerhart Hauptmann. Dichtung und Gesellschaftsidee der b¨ ur- gerlichen Humanit¨ at. Berlin: de Gruyter, 1948.
Quote paper:
Alexander Huber, 1993, Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1889), Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Zur Bewertung des Alfred Loth in Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang&q...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
"Vor Sonnenaufgang": Analyse eines Theaterskandals
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Vaterfiguren in den Stücken "Familie Selicke" und "Papa...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 23 Pages
Hartmann von Aues Iwein - "Aventiure" und Doppelwegstruktur
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
Die Beziehung zwischen den Figuren Helene und Loth in Gerhart Hauptman...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 22 Pages
Die Wehrpflicht in Deutschland - Ist die allgemeine Wehrpflicht noch...
Research Paper (Pre-University), 20 Pages
Tonis Identitätskonflikt in Heinrich von Kleists "Die Verlobung i...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 12 Pages
Die Reaktionen des Staates auf den Terror der Roten Armee Fraktion in...
Politics - Political Systems - History
Termpaper, 17 Pages
Hauptmann, Gerhard - Vor Sonnenaufgang
Presentation / Essay (Pre-University), 7 Pages
Leseförderung unter besonderer Berücksichtigung von "reading flue...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholary Paper (Seminar), 30 Pages
Eine sprachgeschichtliche Analyse des Einflusses Martin Luthers und se...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Die Entfremdung des Individuums in Franz Kafkas Romanen
German Studies - Modern German Literature
Master's Thesis, 296 Pages
Die legislative Auseinandersetzung des Staates mit dem Linksterrorismu...
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Die integrative Funktion des Selbst
in Hermann Hesses Demian und C...
German Studies - Comparative Literature
Termpaper, 21 Pages
Das Fremdsein in Kafkas Roman "Das Schloß"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Alexander Huber has published the text Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1889)
Alexander Huber has uploaded a new text
Hauptmann,Gerhart - Die Weber - Vor Sonnenaufgang - Der Biberpelz
Soziales Engagement und politi...
Gerhart Hauptmann, Reiner Poppe
EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle. Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufga...
Gymnasiale Oberstufe
Zwischen regionaler Vereinnahm...
Edward Bialek, Miroslawa Czarnecka
Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann. Textanalyse und Interpretation
Alle erforderlichen Infos für ...
Gerhart Hauptmann
0 comments