Inhalt
1.Einleitung. 1
2. Eine neue Warmphase seit 1950? 2
2.1. Was bedeutet globale Erwärmung? 2
2.2. Wie macht sich die Erwärmung in Deutschland bemerkbar? 3
3.Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel. 5
3.1. Exkurs: Der Hitzesommer 2003. 5
3.2. Reaktionen. 7
3.3. Die Ursprünge der deutschen Umweltpolitik. 8
3.4. Klima macht Politik I: Von der Konferenz zur Enquete-Kommision. 9
3.5. Klima macht Politik II: Von Kioto zum Emmisionsrechtehandel. 10
3.6. Zusammenfassung. 12
3.7. Exkurs: Sturm Lothar 1999. 12
3.8. Reaktionen. 14
3.9. Versicherungen: Ein neues Klima braucht neue Strategien. 14
4. Zusammenfassung und Ausblick. 17
5. Quellen und Literatur. 19
5.1. Literatur. 19
5.2. Quellen. 19
5.3. Internetressourcen 20
1.Einleitung
Der vierte Sachstandsbericht des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen der Vereinten Nationen (im Folgenden „IPCC“ genannt) vom 2. Febuar 2007 sorgte international für Aufsehen. Der Bericht skizziert in, auf internationaler politischer Ebene selten so drastisch formulierten Worten, den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zu den erwarteten Folgen des weltweiten „Klimawandels“. Dennoch markiert er nur das vorläufige Ende einer Entwicklung, die der Mensch seit Mitte des letzten Jahrhunderts zu spüren bekommt: Erst seit frühestens den 50er-Jahren, eher den 1970er Jahrem zeigen die anthropogenen Einflüsse auf das Klima ihre Auswirkungen so deutlich, dass der Mensch sie als selbstgemachte Anzeichen von Klimaveränderungen wahrnimmt. Aber bereits seit der Zeit der Industrialisierung war und ist der anthropogene CO 2 -Ausstoß in die Atmosphäre drastisch erhöht.
Erst in der Nachkriegszeit entstanden neue wissenschaftliche Methoden und neue Theorien, um überhaupt den Mensch als möglichen Verursacher einer Klimaveränderung wahrzunehmen. Und nur mit der Entwicklung des „Umweltgedankens“ auf gesellschaftlicher und von Umweltpolitik auf politischer Ebene war es möglich, dass das Klima wie kaum ein anderes Wissenschaftsthema die Öffentlichkeit beschäftigt. Erst seither erkennt und bekämpft man diese Entwlickung oder man stellt sich zumindest darauf ein.
Diese Ausarbeitung nimmt die aktuellen Ereignisse und Publikationen zum Anlaß, um die Auseinandersetzung politischer und wirtschaftlicher Institutionen im deutschsprachigen Raum mit dem Phänomen der globalen Klimaerwärmung näher zu betrachten. Grundannahme ist hierbei, dass diese bereits eingetreten ist, und Staat, Wirtschaft und Politik neben der Vorsorge einer weiteren Verschärfung zunehmend den Umgang mit dem Phänomen erlernen müssen. Zum besseren Verständnis wird zunächst die Klimaentwicklung von 1950 bis heute skizziert und die wesentlichen Faktoren des Wandels herausgearbeitet. Klimaprognosen der nächsten 100 Jahre schließen diesen Teil ab. Erst im Kapitel drei, dem Hauptteil, soll dann anhand zweier Exkurse beispielhaft in den institutionellen Umgang mit dem Klimawandel eingeführt werden. Ein Rückblick auf den sogenannten Hitzesommer 2003 und die darauf folgende Schadensbewältigung wird den Einstieg zur Geschichte des staatlichen Klimaschutzes legen. Dabei soll sowohl auf vergangene Entwicklungen als auch auf die Herausforderungen in der Zukunft eingegangen werden - nicht ohne einen Blick auf die internationalen Zusammenhänge der Klimapolitik zu werfen. Der schwere Orkan Lothar aus dem Jahr 1999 wird dann in den Umgang von Versicherungen als Beispiel wirtschaftlicher Institutionen mit Klimaereignissen einführen. Mit Einblicken in ihre neuen Strategien zur Deckung von Schäden durch klimatische
1 1.Einleitung
Naturkatastrophen schließt der Hauptteil dieser Arbeit.
Die Schlußbetrachtungen gehen neben einer Zusammenfassung auf die Verbindung aktueller Entwicklungen mit dem Forschungsbeitrag der Environmental History ein. Die verwendete Literatur enthält neben Studien des IPCC, des Umweltbundesamtes und Monographien von Umwelthistorikern und Klimatologen auch zahlreiche Publikationen der Münchner Rückversicherung. Diese geben zwar einerseits detailliert Auskunft über Trends und erwartete Schäden, es ist aber davon auszugehen, dass diese Schriften nicht frei sind von subjektiven Einschätzungen im Sinne des Unternehmens. Deshalb ist bei der Analyse dieser Aussagen besondere Vorsicht angebracht. Im Text wird gegebenenfalls darauf hingewiesen.
2. Eine neue Warmphase seit 1950?
2.1. Was bedeutet globale Erwärmung?
Klimaveränderungen sind erdgeschichtlich nichts Neues sondern waren zu allen Erdzeitaltern die Regel. Doch die Klimaepoche seit der Nachkriegszeit ist zumindest im Vergleich zu den letzten 1300 Jahren als außergewöhnlich warm anzusehen. So heißt es in der Zusammenfassung des bereits erwähnten IPCC-Berichts für politische Entscheidungsträger: „Paleoclimate information supports the interpretation that the warmth of the last half century is unusual in at least the previous 1300 years“ 1
Für diese Arbeit spielt dabei der anthropogene Einfluss auf das Klima die wesentliche Rolle, wenn immer von Klimawandel oder Klimaveränderungen die Rede ist. In diesem Kapitel werden die einzelnen Faktoren dieser Erwärmung kurz eingeführt. Doch das Ergebnis steht jetzt schon fest: Der Mensch ist die treibende Kraft der Klimaerwärmung, weit bedeutsamer als die ebenfalls vorhandenen natürlichen Faktoren. Der IPCC vermerkt dazu mit Vermerk auf die sehr hohe Zuverlässigkeit ihrer Erkenntnisse:
„The understanding of anthropogenic warming and cooling influences on climate has improved since the Third Assessment Report (TAR), leading to very high confidence that the globally averaged net effect of human activities since 1750 has been one of warming,[...].“ 2
Im Folgenden wird nun erläutert, in welchem Umfang diese Erwärmung stattfindet und welche weitere Entwicklung zu erwarten ist. Ohne diese grundlegenden Entwicklungen zu kennen, ist das
1 Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change 2007: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers. Genf/Paris 2007. S. 10.
2 Ebd. S. 5.
2 2. Eine neue Warmphase seit 1950?
Handeln politischer und wirtschaftlicher Institutionen schließlich nur schwer nachvollziehbar.
2.2. Wie macht sich die Erwärmung in Deutschland bemerkbar?
Betrachtet man die Temperaturentwicklung seit dem Jahr 1500 (Abbildung 1) fällt die moderne Klimaerwärmung nicht sofort ins Auge 3 . Deutlich wird aber, dass der Planet sich derzeit in einer Warmphase befindet, mit einem deutlichen Temperaturtrend nach oben. Es gibt Signalzeichen, dass sich die Erwärmung im letzten Jahrhundert ungewöhnlich zu den vorhergehenden Jahren verhält. So hat sich das Klima im Untersuchungsgebiet Deutschland im 20. Jahrhundert um rund 0,8 Grad Celsius 4 im Jahresschnitt erwärmt. Besonders signifikant ist dies in den 90er Jahren zu spüren gewesen. Diese gelten als das wärmste Jahrzehnt seit rund 500 Jahren 5 und warteten mit einer ganzen Reihe an Temperaturrekorden auf. Das Jahr 1998 galt global als wärmstes Jahr bis es vom Jahr 2005 abgelöst wurde - mit fast vollständiger Sicherheit gilt dies wiederum für die letzten 500 Jahre, mit großer Wahrscheinlichkeit auch für die letzten 1000 Jahre. Der Hitzesommer des Jahres 2003 (siehe Kapitel 3.1) kann daneben als Extremereignis eingeordnet werden. Statistisch treten derartige Sommer nun im Mittel alle 455 statt bisher alle 10000 Jahre auf 6 , weiterhin ein seltenes Ereignis. Die Möglichkeit extremer Überschwemmungsereignisse hat sich von den 60er-Jahren zum letzten Jahrzehnt verdoppelt bis verdreifacht 7 . Über die Zunahme schwerer Stürme und Orkane, wie im Beispiel des Sturm Lothar (Kapitel 3.7), gibt es noch keine hunderprozentigen Belege. Die Münchner Rückversicherung drückt sich einer Studie dazu noch sehr vorsichtig aus
3 Viele Publikationen verwenden zur Illustration einer Klimaerwärmung den Referenzzeitraum 1961-1990. In diesen Darstellungen (z.B. bei Schönwiese 2002) wirkt der Temperaturanstieg wesentlich drastischer. Die hier verwendete Grafik ist aus wissenschaftlicher Sicht aber objektiver da sie auf einen längeren Referenzzeitraum Bezug nimmt. Ohnehin sind die Auswirkungen der Erwärmung von ihrer Darstellung unbeeinflusst. Der Mensch muss den Umgang mit dem Wandel erlernen, ganz gleich ob dieser nun „gewöhnlich“ oder „außergewöhnlich“ zu sein scheint.
4 Umweltbundesamt (2005): S. 3.
5 Vgl. Münchner Rück (2005): S.77.
6 Vgl. Umweltbundesamt (2005): S.5.
7 Vgl. ebd. S.1.
3 2. Eine neue Warmphase seit 1950?
und formuliert:
„Eine Zunahme der Sturmfrequenz gilt nicht als erwiesen, wird aber „für möglich gehalten“.“ 8 Dazu kommen aber nachweisbare andere Fakten. Belegt ist ein Anstieg des troposphärischen, und die Abnahme des stratosphärischen Ozons seit 1970. Die Anzahl heißer Tage über 25°C nimmt seit 1950 zu, die kalter Tage unter 0°C nimmt deutlich ab 9 . Gletscher der Alpen haben seit Mitte des
19. Jahrhunderts bis 1975 rund 50 Prozent an Volumen verloren 10 , die arktischen Eismassen haben seit Mitte des Jahrhunderts ebenfalls um 10-15 Prozent abgebaut. Erstaunlich ist auch die rezente Niederschlagsentwicklung in Deutschland. Untere Grenzen werden laut einer Studie des Umweltbundesamts mittlerweile weit weniger unterschritten als obere. Das bedeutet das extreme Trockenheit seltener geworden ist 11 . Erhöhte Niederschlagsmengen fallen jetzt vor allem in den Wintermonaten und treten neben mit erhöhter
Variabilität, Starkregenepisoden auf. Diese Symptome, viele davon Folgen eines allgemeinen
wesentlichen eine große Ursache. Es ist, laut wissenschaftlichem Konsens, das Treibhausgas CO 2 . Seine Konzentration liegt derzeit bei rund 380 ppm (parts per million) und ist damit rund 100 ppm über dem für Warmzeiten typischen Wert von rund 280 ppm 12 . Im wissenschaftlichen Konsens gilt das CO 2 als das wichtigste Treibhausgas und der Mensch seit der Zeit der Industrialisierung als sein wichtigster Erzeuger. So heißt es in einem Beitrag von Stefan
Rahmsdorf für die Münchner Rückversicherung über allgemein gesicherte Kernaussagen der Klimaforschung:
„Der überwiegende Teil dieser Erwärmung ist auf die gestiegene Konzentration von CO2 und anderen anthropogenen Gasen zurückzuführen; ein kleinerer Teil auf natürliche Ursachen, u.a. Schwankungen der Sonnenaktivität.“ 13 Noch sind die Zusammenhänge zwischen klimatischen Extremereignissen und der
8 Münchner Rück (2001): S. 66.
9 Vgl. Landesforstverwaltung 2004 XXX
10 Vgl. Hauser, Walter (Hrsg): Klima. Das Experiment mit dem Planeten Erde. München 2003. S.210.
11 Vgl. Umweltbundesamt (2005): S.4.
12 Vgl. Münchner Rück (2005): S.77.
13 Vgl. Münchner Rück (2005): S.77.
4 2. Eine neue Warmphase seit 1950?
Temperaturerhöhung durch den vermehrten Treibhauseffekt nicht restlos geklärt. Dennoch gelten die Zukunftsprognosen der Klimaentwicklung makroskopisch als wissenschaftlich gesichert. Zu den erwarteten regionalen Klimaveränderungen in Deutschland hat das Umweltbundesamt im Januar 2007 eine regionalisierte Studie herausgegeben 14 . Die Analyse basiert auf dem regionalen Klimamodell WETTREG und errechnet für die Jahre 2071 bis 2100 auf der Basis von verschiedenen CO 2 -Emmisionsszenarien eine weitere Temperaturerhöhung um 1,8 bis 2,3 Grad Celsius gegenüber dem bekannten Referenzzeitraum 1961-1990. Der mittlere Sommerniederschlag wird sich demnach um rund 20 Prozent verringern. Dafür werden in den Winterhalbjahren 20 bis 30 Prozent mehr Niederschläge erwartet. Über die künftige Zunahme von Extremereignissen macht das Modell keine Aussage. Die Münchner Rückversicherung, als Rückversicherer von Schäden in diesem Falle besonders betroffen, rechnet aber auf jeden Fall mit einem allgemeinen Anstieg der versicherten Schäden.
3.Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel
Dieses Kapitel bildet den Hauptteil dieser Arbeit und setzt sich im Wesentlichen mit den Reaktionen der Gesellschaft auf aktuelle und erwartete Klimaänderungen auseinander. Nachdem im zweiten Kapitel die Eckdaten der rezenten Klimaentwicklung eingeführt wurden, können jetzt aus ausgewählten Beispielen Handlungsweisen und Planungen abgeleitet werden. Die Kapitel werden zunächst rein deskriptiv Maßnahmen auf Klimaänderungen beschreiben und später gesondert auf den Erfolg dieser eingehen.
3.1. Exkurs: Der Hitzesommer 2003
3,4 Grad Celsius lag die mittlere Temperatur im Sommer 2003 über dem Durchschnittswert der Jahre 1961-1990 15 . Ein Extremsommer, der so in den letzten 500-1000 Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorgekommen war. Neben den nackten Zahlen war aber auch die räumliche Dimension dieses Sommers bemerkenswert, denn die Hitzewelle blieb nicht auf wenige Länder beschränkt, sondern war nahezu in ganz Europa spürbar. Wie zu erwarten waren die Temperaturabweichungen in den Mittelmeerländern am Größten, doch selbst in Skandinavien lagen die Temperaturen bis zu zwei Grad über dem langjährigen Mittel (Abbildung 3). Hinzu kommt, das die Hitzewelle nicht nur den meteorologischen Sommer prägte, sondern im Jahr 2003
14 Vgl. Umweltbundesamt (2007): S.3.
15 Vgl. Hinweis bei Fußnote 4.
5 3.Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel
auch die Monate Mai und September übermäßig warm waren
16
. Das Extremereignis machte sich in fast allen Bereichen des mitteleuropäischen Alltags bemerkbar. Die Binnenschiffahrt auf großen Flüssen wie dem Rhein musste Pegelstände werden. Betroffen waren dadurch sowohl der Warentransport als auch die Tourismusanbieter. In der Industrie und der Energieversorgung kam es wegen
der niedrigen Wasserpegel und der hohen Wassertemperaturen zu Problemen mit der Kühlung von Produktionsanlagen und Kraftwerken. So musste beispielsweise das Kernkraftwerk Fessenheim zusätzlich von außen mit Wasserwerfern gekühlt werden, um den weiteren Betrieb zu sichern 17 . Andere Kraftwerke wurden vorsorglich abgeschaltet. Die Sicherheit der Anlagen war davon nicht beeinträchtigt.
Daneben zeigte sich der Agrarsektor am stärksten betroffen. Die Schäden für Ernteausfälle in Deutschland werden mit rund einer Milliarde Euro beziffert - die Hektarerträge lagen im europäischen Schnitt zwölf Prozent unter dem Mittel. In Deutschland lagen die Ausfälle von acht Prozent bis zu 40 Prozent in Schleswig-Holstein. In der Folge galten litten 13000 landwirtschaftliche Betriebe unter Existenzgefährdung.
Die Bevölkerungssterblichkeit hat sich durch den Hitzesommer nicht signifikant geändert, dennoch kam es durch die Hitzewelle zu Todesopfern. Europaweit zählt man 20000 bis 35000 irreguläre Todesfälle, auf Deutschland entfielen davon rund 3500. Betroffen waren vor allem ältere Personen und Personen mit Herz- und Kreislaufschwächen. Da die Jahresbilanzen durch diese Fälle kaum geändert wurden, ist der Gesamteinfluss des Sommers auf die Sterblichkeit wie bereits angedeutet nicht überzubewerten. Allerdings werden neben diesen drastischen Auswirkungen auch indirekte Folgen der Hitze auf den Menschen vermutet. Studien zum erhöhtem Vorkommen von Verkehrsunfällen bei großer Hitze und verminderter Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz legen dies Nahe, wurden aber bisher nicht am Sommer 2003 überprüft. Ob sich Beispiele wie das Folgende ohne weiteres übertragen lassen, ist noch nicht geprüft worden:
16 Vgl. Münchner Rück (2004): Jahresrückblick. S.23.
17 Ebd.
„Selbst in Ländern mit häufiger Hitzebelastung wie Saudi-Arabien (Riad) korreliert die Häufigkeit der Verkehrsunfälle positiv mit der Lufttemperatur.“ 18
3.2. Reaktionen
Die Reaktionen auf den Hitzesommer sind genauso wie seine direkten Auswirkungen vielfältig. So sieht die einzig die Versicherungswirtschaft derzeit noch keinen größeren Handlungsbedarf, da durch Hitze kaum physische Schäden auftreten und Ernteausfälle zum größten Teil nicht versichert waren. Es ist zu vermuten, dass aus den selben Gründen auch die Finanzmärkte von den hohen Temperaturen unbeeindruckt blieben 19 . Niedergeschlagen hat sich der Sommer aber im Gesundheitswesen. So sollen in Zukunft frühzeitig Warnungen vor Hitzewellen veröffentlicht werden, Krankenhäuser und Gesundheitsdienste überwachen dann gefährdete Personengruppen intensiver. Auch die Bauwirtschaft setzt seit dem Ereignis auf neue thermische Bemessungswerte bei Gebäuden. Industrie und Energiewirtschaft denken seit 2003 über die Einführung neuer, hitzetoleranterer Kühlsysteme nach. Eine Einführung würde aber erhöhten CO 2 -Ausstoß zur Folge haben, den Wirkungsgrad der Anlagen mindern und so auch die Strompreise erhöhen. Auf staatlicher Ebene stehen nach 2003 Ansätze über die Einführung neuer, dem Klima angepasster, Pflanzenarten zur Debatte. Die Privatisierung der Wasserversorgung in Deutschland ist vor diesem Hintergrund kritisch zu betrachten - eine Studie aus der Schweiz rät dazu, vermehrt in die überregionale Vernetzung der Wasserversorgung zu investieren 20 um Gebiete mit Versorgungsengpässen auch während Hitzewellen weiter beliefern zu können. Gebiete mit Gefahr durch Hitze ausgelöster Bergstürze und Gletscher sollen in den Alpenländern stärker überwacht werden.
Die kurze Analyse des Hitzesommers 2003 hat nun gezeigt, dass die Auswirkungen klimatischer Extremereignisse in vielen Bereichen spürbar werden. Gleichzeitig gibt es bei Hitzewellen nur wenig effektive Maßnahmen um den Folgen vorzubeugen. Gerade in diesem Gebiet ist vorbeugender Klimaschutz wesentlich effektiver als ad-hoc-Maßnahmen. Das folgende Kapitel wird sich daher mit der Idee des staatlichen Klima- und Umweltschutzes intensiver auseinandersetzen.
18 Ebd. S. 25.
19 Münchner Rück (2004): Perspektiven. S. 37.
20 Pro Clim (2003): S.
3.3. Die Ursprünge der deutschen Umweltpolitik
Um effektive Maßnahmen zur Vorbeugung von Klima- und Umweltveränderungen zu entwickeln müssen diese erst einmal wahrgenommen und bewertet werden. Daher verwundert es kaum, dass sich die moderne Umweltpolitik erst im Zuge zunehmender anthropogener Umweltbelastungen herausbildete. So war die Rauch- und Staubbelastung zur Zeit der Industrialisierung ein erster Vorbote der menschengemachten Umweltveränderungen. Auch in den 1950er Jahren beschäftigte man sich wissenschaftlich intensiv mit diesem Thema, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung waren solche Ansätze trotzdem weiterhin und für lange Zeit kaum relevant. Joachim Radkau fasst die gesellschaftliche Bedeutung von Umweltproblemen nach dem Weltkrieg in wenigen Worten zusammen:
„Der Mensch hatte durchaus seine Gewohnheiten, um mit den uralten Umweltproblemen umzugehen.; aber es ist aus historischer Sicht nicht verwunderlich, dass die menschlichen Normen und Institutionen auf einen Großteil der gegenwärtigen [Anm: in den 70er Jahren] ökologischen Risiken nicht eingestellt sind 21 “
Dennoch: Der Natur- Heimat-, und Tierschutz hat seine Ursprünge bereits im ausgehenden 19 Jahrhundert und wurde sogar zur der Nazizeit nicht aufgegeben. Die sogenannte „ökologische Wende“ ist aber fest in den 1960er und 1970er-Jahren zu verorten. Damals wurden umwelt- und klimapolitische Erkenntnisse von den großen internationalen Organisationen wie NATO, der OECD und von UN-Organisationen an die Regierungen weitergegeben. Bereits 1969 sprachen diese von einer drohenden Zunahme der weltweiten Durchschnittstemperaturen durch einen zusätzlichen anthropogenen Treibhauseffekt 22 . Hinzu kam, dass Themen wie die Ozonproblematik, Smog und später der saure Regen vor allem mit Unterstützung der Medien eine breite Öffentlichkeit erhielten. Nur so hatten die umweltpolitische Erwägungen als Vorgänger der Klimapolitik eine Chance sich auf staatlicher Ebene durchzusetzen. Das Schlagwort Umweltpolitik fand so 1969 unter Hans-Dietrich Genscher erstmals Eingang in ein Regierungsprogramm. Die Partei „Die Grünen“; gründete sich 1980 in Karlsruhe, ihre Ursprünge hatte sie in der Mitte der 70er-Jahre.
Die Gründung des Umweltbundesamts, die erste UN-Umweltkonferenz in Stockholm und die erste Weltklimakonferenz in Genf, beide 1972, sind erste Anzeichen dieser breiteren Wahrnehmung des Themas Umwelt im Allgemeinen und Klima im Besonderen. Gleichauf war der Klimawandel erst in den 80er Jahren wirkliches Gesprächsthema, denn die wissenschaftliche Forschung der 1970er
21 Radkau (2002): S.285.
22 Vgl. Brüggemeier (2005): S. 129.
lieferte zunächst nur unsichere Ergebnisse. Diese „Bewusstseinsänderung“ darf nicht überbewertet werden, lieferte aber die Basis für die weltweite Umweltpolitik heute.
3.4. Klima macht Politik I: Von der Konferenz zur Enquete-Kommision
Erst die zunehmende wissenschaftliche Sicherheit über die Hintergründe und Ursachen des Klimawandels, sowie die zunehmende Gewissheit, dass die Klimaveränderungen offenbar mehr als eine temporäre Veränderung waren, brachte die Klimadiskussion auch in Deutschland auf die politischen Tagesordnungen. Umweltthemen nahmen, wie bereits angedeutet, in den 70er Jahren einen wichtigen Platz in den Regierungsprogrammen ein. Dennoch ist es falsch, diese Zeit als plötzlich auftretendes „Zeitalter der Umweltprobleme 23 “ mit einem drastisch zunehmenden Umweltverständnis misszuverstehen. Schließlich wurden in der Gesellschaft weiterhin „düstere Zukunftsprognosen nicht zur Kenntnis 24 “ genommen. Doch trotz der langen Latenz von den ersten ungehörten Hinweisen bis zu diesem Punkt erkannte man offenbar schon früh die internationale Dimension des Themas Klimaschutz. Was 1972 in Genf international diskutiert wurde und 1988 als IPCC in die UN einzog, bekam in Deutschland 1987 ein nationales Gegenstück. Eine Enquetekommision der Bundesregierung wurde mit der „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ 25 betraut.
Die Komission formulierte bereits 1995, was mit Modifikationen und ansonsten bemerkenswerter Ähnlichkeit auch im neuesten IPCC-Bericht steht:
„Setzen sich sowohl diese CO2-Emissionen fort als auch die Emissionen der anderen klimarelevanten Spurengase fort, so wird im Mittel die Temperatur bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts um 3+/-1,5°C steigen. Dies wird in der internationalen Wissenschaft nicht mehr in Frage gestellt.“ 26
Es verwundert daher kaum, dass sich unter den ersten Veröffentlichungen der Komission die Forderung findet, den CO 2 -Ausstoß in Deutschland von 1990 bis 2005 um 30 Prozent zu mindern. 27 , bis 2050 gar um 80 Prozent. Umgesetzt wurde dies - wenn auch nicht in vollem Ausmaß - mit dem CO 2 -Minderungsprogramm der Bundesregierung aus dem Jahr 1991, das später auf EU-Ebene fortgesetzt wurde und an die Vorgaben der Klimarahmenkonvention von Kioto (1997) angepasst wurde. Eine ganze Reihe an Maßnahmen sollte die gewünschte CO 2 -Einsparung von zunächst nur noch von 25 Prozent im Bezug auf 1987 ermöglichen. Später erhöhte man in weiteren
23 Ebd. S. 143.
24 Vgl. Brüggemeier et. al. (2005): S. 143.
25 Vgl. Enquete-Komission (1995)
26 Ebd.: S.V. 27 Vgl. ebd. S.245.
Kabinettsbeschlüssen das Reduktionsziel wieder auf 30 Prozent.
Das CO 2 -Minderungsprogramm ist außerordentlich umfangreich, daher sollen hier nur beispielhaft Maßnahmen aus dem Programm dargestellt werden. Eine vollständige Liste findet sich im im Bericht der Kommission aus dem Jahr 1995.
Als Anreiz zum sparsamen Umgang mit elektrischer Energie wurden durch das Programm Anpassungen der Tarifordnung für private und gewerbliche Stromabnehmer vorgenommen. Förderprogramme für Windenergie und Photovoltaik sollten den Umstieg auf kohlenstoffarme Energieträger erleichtern, dazu gehörte auch die verpflichtende Abnahme von „Ökostrom“ durch die Energiekonzerne oder das 100000-Dächer-Programm, mit dem die Bundesregierung den Ausbau der solaren Energiegewinnung forcierte. Wärmeschutzverordnungen für Gebäude und Abgasrichtwerte für Kraftfahrzeuge werden bis heute immer weiter verschärft. Daneben gab es, das klimapolitisch weniger relevante, EU-weite FCKW-Halon-Verbot von 1995. Selbst die umstrittene Kernkraft wurde von der Enquete-Komission als Klimaretter diskutiert. Zwar seien Einsparungen eine geeignetere Maßnahme zur CO 2 -Reduktion. Doch allein „bei der Nutzung von Auslastungsreserven sind bereits heute 15-20 Mio. Tonnen CO 2 -Emissionen aus fossilen Kraftwerken zu vermeiden 28 “, heißt es im Bericht.
Das Minderungsprogramm der Bundesregierung war ambitioniert, dennoch nicht in allen Punkten erfolgreich 29 . Zwar erreichte die Bundesrepublik bemerkenswerte Einsparungen, diese hängen aber auch damit zusammen, dass in den neuen Bundesländern sich allein aus der bereits mit rein wirtschaftlichen Gründen erfolgten Umrüstung auf modernere Technologien eine gute Bilanz erzielen ließ. Maßgeblich einschränkender Faktor erfolgreicher Einsparbemühungen blieben aber ,neben anderen, die weiterhin zu niedrigen Energiekosten und der unsanktionierte Ausstoß von Treibhausgasen in Industrie und von Privathaushalten. Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung umzusetzen, brauchte es ein anderes Instrument.
3.5. Klima macht Politik II: Von Kioto zum Emmisionsrechtehandel
Die UN-Klimarahmenkovention, die im japanischen Kioto Jahr 1997 durch ein Zusatzprotokoll erweitert wurde ist, obwohl nicht unumstritten, bisher der international am meisten beachtete politische Schritt zum Schutz vor weiteren Klimaveränderungen. Die 168 Staaten, die dem
29 Diese Gegenüberstellung versucht, eine ausgewogenes Bild der staatlichen Bemühungen im Klimaschutz zu erzeugen. Zur Rezeptionsgeschichte von Umweltproblemen und dem damit einhergehenden Pessimismus sagte Frank Uekötter (Vgl. Brüggemeier et. al. (2005): S. 106): „Erst in jüngerer Zeit mehren sich die Veröffentlichungen, die Zweifel an diesem Selbstverständnis äußern, [...] auch wenn es merkwürdig berührt, wie leichtfüßig manche Autoren auf den gängigen Pessimismus mit einem frisch-fröhlichen Optimismus reagieren.“ 10 3.Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel
Protokoll beigetreten sind, haben sich darin zur Einsparung von Treibhausgasen verpflichtet. Angemerkt sei, dass mit den Vereinigten Staaten der wohl wichtigste Erzeuger von Treibhausgasen in der Liste der Nationen, die das Protokoll ratifiziert haben, fehlt, und nicht alle Unterzeichner auch tatsächlich effiziente Klimaschutzmaßnahmen ergriffen haben. Hinzu kommt, dass mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Chinas und dem damit einhergehenden weiteren Anstieg der dortigen Klimagasproduktion die Erreichbarkeit der Kiotoziele selbst bei vorbildlicher Umsetzung durch eine Vielzahl der Staaten sehr fraglich scheint.
Deutschland muss, nach den Protokollvorgaben, seine CO 2 -Emissionen bis 2020 um 21 Prozent gegenüber 1990 senken. Unter die Verpflichtung fallen auch weitere Treibhausgase wie Methan, die auf CO 2 -Äquivalent umgerechnet, mit einbezogen werden. Die Kioto-Verpflichtungen lassen sich in diesem Sinne als Fortführung des CO 2 -Minderungsprogramms sehen. Das Minderungsprogramm war nicht ohne Erfolg. Dennoch verfehlte es eine Reihe der gesetzten Ziele. So wird zwar erwartet, dass Deutschland die im Kiotoprotokoll festgelegten Emissionsminderungen bis 2012 knapp erreicht 30 , diese liegen aber bemerkenswerterweise unter den früheren Forderungen der Enquete-Kommission. Um den Kiotoverpflichtungen gerecht zu werden, sollte der Ausstoß bis 2020 um ganze 40 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden. Eine aktuelle Studie der deutschen physikalischen Gesellschaft bezweifelt die Erreichbarkeit dieses Ziels. Danach seien bei gutem Verlauf des Programms maximal 30 Prozent 31 an Einsparungen möglich.
Es war abermals ein weiterer Schritt notwendig, der nun auch die Großerzeuger von Kohlendioxid direkt in die Verantwortung nahm. Das Kiotoprotokoll setzt dafür auf den sogenannten Emissionsrechtehandel, der am 1. Januar 2005 EU-weit eingeführt wurde und derzeit das stärkste politische Klimaschutz-Instrument ist. In Deutschland sind durch die Vergabe von Emmisionrechten rund 60 Prozent der Emmisionen von klimarelevanten Gasen erfasst, darunter fallen im Wesentlichen die Erzeuger in Großindustrie und die Energieversorger. Verkehr und Haushalte sind nicht in das System eingebunden, tragen wohl aber zu den nationalen Emissionszielen bei. Kritiker des Emissionerechtehandels verweisen darauf, dass ungenügende Einsparungen in der Industrie später von den Privathaushalten und dem Individualverkehr in Form von strengeren Richtwerten ausgeglichen werden müssten.
Ab 2005 dürfen Unternehmen nur noch soviel Kohlendioxid freisetzen, wie ihnen durch die EU-Emissionsrichtlinien zugestanden wird. Grundlage der Berechnung sind nationale Quoten, die in den sogenannten nationalen Allokationsplänen (NAP) festgelegt sind. Darüber hinaus produzierte
30 Vgl. http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/2006/pd06-019.htm (22.3.2006)
31 Vgl. Deutsche Physikalische Gesellschaft (2005): S. III.
Mengen werden mit Strafzahlungen in Höhe von rund 40 Euro pro Tonne CO 2 belegt oder können mit zusätzlich zu erwerbenden Zertifikaten abgedeckt werden. Diese Zertifikate stammen in der Regel von Unternehmen, die durch Modernisierungs- und Einsparmaßnahmen weniger Klimagase ausstoßen, als bei der Zuteilung gebilligt wurden. Der Handel mit diesen Zertifikaten erfolgt in Deutschland auf dem freien Markt über die EU-Energiebörse EEX in Leipzig. Der Emissionshandel ist derzeit nicht unumstritten. Zwar geben auch Kritiker zu, dass dies ein effektives Instrument sei, um Einsparungen zu erzielen. Doch der massive Preisverfall an den Energiebörsen lässt vermuten, dass die zugewiesenen Emissionsrechte bislang zu hoch angesetzt wurden. Derzeit liegt der Preis bei rund 90 cent pro Tonne CO 2 , was allerdings auch damit zu begründen ist, dass der aktuelle Emissions- und Handelszeitraum 2008 ausläuft und die meisten Erzeuger bereits mit Zertifikaten versorgt sind. Im April 2006 lag der Preis noch bei rund 30 Euro, 2004 bei rund 15 Euro. Der Markt ist offenbar starken Schwankungen ausgesetzt 32 .
3.6. Zusammenfassung
Die letzten Abschnitte haben kurz in die politischen Auswirkungen und Reaktionen auf den Klimawandel eingeführt. Festzuhalten ist dabei, dass sich der Staat und die Politik im wesentlichen auf Rahmenvorgaben für Wirtschaft und Gesellschaft beschränkt, innerhalb derer Klimaschutzziele umgesetzt werden sollen. Dabei war zunächst zu sehen, dass es ambitionierte Programme gab, deren Umsetzung sich aber, sei es nun CO 2 -Minderung oder Emissionshandel, schwierig gestaltet. Ob dies am Widerstand der Wirtschaft oder im fehlenden politischen Willen fehlt, lässt sich hier nicht beantworten. Die Herausforderung ist dabei, folgt man der Argumentation der Umweltverbände, nicht mehr die technische oder politische Lösung der Probleme, sondern ihre Umsetzung 33 . Für diese Arbeit ist weiterhin von Interesse, dass sich die Reaktion des Staates derzeit noch mehr auf eine Vorbeugung des Klimawandels beschränkt, als auf Maßnahmen die ein Leben mit dem Wandel ermöglichen sollen. Für die Zukunft werden, da der Wandel also solcher nicht mehr zu stoppen ist, solche Fragen auch auf die politischen Tagesordnungen kommen. Derzeit beschränken sich solcherlei „Reaktionen“ aber noch auf Wirtschaft und Gesellschaft. In den Folgenden Abschnitten wird darin eingeführt.
3.7. Exkurs: Sturm Lothar 1999
Das Orkantief „Lothar“ war im Jahr 1999 nur einer von drei schweren Winterstürmen, die im
32 Quelle: http://www.eex.de/index.php?session=bdaa243d99cbd43bd6c3be11e29dd671&page=113 (25.2.2006
33 Vgl. Münchner Rück (2005): S.189.
12 3.Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel
Stundenkilometer an gemessener Geschwindigkeit an Wetterstationen in normaler Lage die Spitzenreiter. In Saarbrücken und Augsburg wurden jeweils 130 Stundenkilometer gemessen, am Flughafen in München noch 122 34 . Noch drastischer waren die Spitzenböen in den exponierten Lagen am Schwarzwald. Eine Böe von 212 Stundenkilometern beschädigte auf dem Feldberg das Messgerät, so dass über zwei Stunden keine weiteren Messwerte zur Verfügung standen. Es wir davon ausgegangen, dass dieser Spitzenwert nochmals überboten wurde. Die Zerstörungen durch den Orkans beziffert die Münchner Rückversicherung mit 650 Millionen Euro an versicherten Schäden in Deutschland. Der volkswirtschaftliche Schaden liegt weitaus höher. Von den europaweit 11,5 Milliarden Euro Gesamtschäden war in allen Ländern nur ein kleiner Teil durch Versicherungen gedeckt. Dies sind insbesondere Gebäudeschäden, darunter abgedeckte Dächer oder beschädigte Fassaden. Auch die öffentliche Infrastruktur wurde in Mitleidenschaft gezogen. Beschädigte Freileitungen und blockierte Schienenwege sorgten für Stromausfälle und Zugverspätungen. Das Gros der Schäden konzentrierte sich entsprechend der hohen Windgeschwindigkeiten im südwestdeutschen Raum und hier insbesondere auf die Forstwirtschaft. In exponierten Lagen wurden ganze Forste komplett entwurzelt, in Baden-Württemberg fielen dabei 25 Millionen Kubikmeter Schadholz an, das allein 250 Prozent des regulären Jahreseinschlags sind. Im Vergleich dazu kam Bayern glimpflich davon: Nur 4,3 Millionen Kubikmeter oder 40 Prozent des Jahreseinschlags wurden hier verzeichnet 35 . In Folge des Sturmes kam es durch die faulenden Schadholzmengen auch zum vermehrten Auftreten von Schädlingen, die die Wiederaufforstung gefährdeten.
34 Vgl. Münchner Rück (2001): Winterstürme. S. 8.
35 Ebd. S. 16.
3.8. Reaktionen
Nach dem Sturm mussten die Wirtschaft und die Landesforstämter mit enormen Holzüberschüssen auf dem Markt fertig werden. Dazu wurden neue Nasslagerplätze eingerichtet, um die großen Sturmholzmengen langsamer auf den Markt bringen zu können. Diese Nasslagerplätze werden sei 1999 weiterhin bereit gehalten, um bei ähnlichen Sturmereignissen besser reagieren zu können. Parallel dazu wurden verstärkt Anzeigenkampagnen in der regionalen und überregionalen Presse gestartet, um den Absatz von Holz und Holzprodukten zu verbessern. Für die betroffenen Forstbezirke gab es staatliche Förderprogramme, um die Wiederaufforstung zu gewährleisten. Dazu gehörte auch die Freigabe höherer Jagdquoten, um den neuen, jungen Baumbestand zu schützen. Um stark exponierte Waldlagen zu schützen, will man auch zukünftig auf Schutz- und Bannwälder mit sturmrobusten Arten setzen. An der Schwarzwaldhochstraße wurde eine andere Strategie gewählt. Hier wurde ein großes vom Sturm stark beschädigtes Forstgebiet nach dem Ereignis unverändert liegen gelassen. Heute dient das Gebiet als „Sturmlehrpfad“, um Besucher über die Folgen und Gefahren schwerer Stürme aufzuklären. Wissenschaftlich interessant ist zudem die Möglichkeit, die natürliche Regeneration des Waldes verfolgen zu können. Für die Versicherungen war die Sturmserie, wie bereits erwähnt, ein eher normales Schadensereignis. Laut Angaben der Münchner Rück war daher vielmehr die Zahl der Einzelschäden als ihre Kosten (durchschnittlich 2500 Euro) problematisch 36 . Bemerkenswert ist auch die Konzentration der Schäden auf ein Gebiert. So bezeichnet die Münchner Rückversicherung die Gesamtschäden zwar als erträglich, für „einzelne Versicherer mit regionalen Schwerpunkten“ seien solche Ereignisse dennoch existenzbedrohend.
War der Hitzesommer 2003 vor allem ein gesellschaftlich und politisch relevantes Ereignis, haben Stürme wie Lothar viel direktere finanzielle Folgen. Die Finanzmärkte bleiben im Sommer 2003 nahezu unbeeindruckt, doch der Sturm zog auch die Wirtschaft finanziell in Mitleidenschaft. Nahezu alle großen Versicherungen beschäftigen sich daher mit dem Sturmereignis und stimmen ihre Strategien auf die erwartete Entwicklung solcher Ereignisse ab. Das folgende Kapitel wird nun die Geschichte der Elementarschadenversicherungen, ihre Marktveränderungen infolge des Klimawandels und ihre Zukunftsperpektiven näher beleuchten.
3.9. Versicherungen: Ein neues Klima braucht neue Strategien
Versicherungen gab es bereits bei den Babyloniern und im alten Rom. Die heute als Elementarschadenversicherung bekannten Versicherungen gegen Naturkatastrophen wie Sturm- 36Ebd. S.13.
Die erste Elementarschadenversicherung versicherte in der Landwirtschaft gegen Ertragsausfall durch Hagelschäden. Sie wird in Deutschland auf das Jahr 1791 datiert
37
und wurde in Frankreich vermutlich um 1750 erstmals angeboten. Versicherungen für Gebäudeschäden durch Naturkatastrophen entstanden dagegen aus den Feuerversicherungen, die sich im 16. Jahrhundert in Schleswig-Holstein als sogenannte Brandgilden herausbildeten. Komplexe Elementarschäden werden erst seit den 1970er-Jahren versichert, dazu gehören Sturm, Hochwasser, Überschwemmung, Lawinen, Schneedruck, Steinschlag oder Erdrutsch. In die reguläre Gebäudeversicherung sind solche Schadensdeckungen in der Regel nicht integriert. Überschwemmungen müssen heute beispielsweise mit gesonderten und teueren Policen abgedeckt werden, den Versicherern ist eine allgemeine Schadensdeckung offenbar zu riskant. In der Schweiz gibt es aus dem selben Grund wegen des hohen Erdbebenrisikos in der Region Basel auch keine Deckung von Erdbebenschäden. Als besondere Schwierigkeit
bei Elementarschäden geben Versicherer die gerade in diesen Fällen auftretenden zahlreichen durch ein einziges Ereignis an. Während Gebäudebrände statistisch
regelmäßig und kalkulierbar auftreten, ist der hohe Gesamtschaden bei Naturkatastrophen nur ein Teil des Problems. Sie treten zudem und in der Regel nur kurzfristig absehbar ein, verursachen zahlreiche Schadensfälle in kurzer Zeit und sind oft regional begrenzt. Die Abwicklung der Schäden kann die Unternehmen so kurzfristig überlasten und Unternehmen mit regionalem
37 Vgl. http://www.vereinigte-hagel.net/historischerberblick.html (1.3.2007)
Schwerpunkt wirtschaftlich gefährden.
Um für solche Schäden taugliche Kalkulationen zu erstellen haben Versicherungen bisher in der Regel auf retrospektive Analysen zurückgegriffen, um aus vergangenen Ereignissen auf zukünftige Schäden zu schließen. Mit diesem Mittel ließen sich relativ leicht die nötigen Prämienzahlungen und Versicherungssummen berechnen. Doch die rückblickenden Analysen versagen, sobald sich das Klima unvorhersehbar ändert. Aus diesem Grund haben Versicherungen nun begonnen, durch Trendanalysen zukünftige Entwicklungen abzuschätzen 38 . Ein Beispiel zeigt Abbildung 6. Hier ist die Anzahl stürmischer Tage in Nürnberg und Düsseldorf zwischen 1969 und 1999 dargestellt. Die Trendlinie könnte auf einen Anstieg stürmischer Tage hindeuten - allerdings mit großer Unsicherheit. Die Müncher Rückversicherung sagt dazu:
„Diese Statistiken sind noch kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass sich das Windklima [...] veränderte. Sie sind nur eine eingeschränkt sichere Basis, um künftig zu erwartende Häufigkeiten und Intensitäten von Winterstürmen zu extrapolieren. Aber: Sie dürfen als Hinweis auf eine mögliche steigende Sturmgefährdung in Eruopa nicht ignoriert werden und müssen [...] ernst genommen [...] werden.“ 39 Wegen der unsicheren Vorhersagen über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Extremereignissen ist nachvollziehbar, dass Versicherungen aktuell große Budgets aufwenden, um bessere Prognosen erstellen zu können. Stürme sind dabei, in Europa als auch weltweit, für diese Unternehmen die bedeutendsten Ereignisse wegen der hohen versicherten Schäden 40 . Es ist unbestritten, das die steigenden Versicherungsschäden der vergangenen Jahrzehnte nicht direkt mit steigenden Schäden als vielmehr mit dem Anstieg der versicherten Schäden zusammenhängen. Dieser Punkt wird von den Versicherern in der Regel nicht behandelt, vermutlich um die eigene Lage drastischer darstellen zu können. Geprüft werden sollte daher, ob zunehmende Elementarschäden auch tatsächlich „an die Grenzen der finanziellen Kapazitäten“ 41 der Unternehmen stoßen. Nachvollziehbar ist aber, dass diese neue Strategien benötigen, um mit Großschäden umgehen zu können. Dabei werden neben Instrumenten wie Haftungsobergrenzen, Selbstbeteiligungen und weiterer, für den Laien schwer nachvollziehbarer Maßnahmen auch gänzliche neue Wege beschritten. So versuchen Versicherer mittlerweile, ihre Kunden zur eigenverantwortlichen Risikominimierung zu bewegen und bieten im Gegenzug bessere Prämien 42 . Dabei greifen Versicherer und Rückversicherer zunehmend auf geowissenschaftliche Daten und
38 Vgl. Münchner Rück (2005): S. 221.
39 Münchner Rück (2005): S. 135.
40 Vgl. Münchner Rück (2005): S. 133.
41 Vgl. Münchner Rück (2005): S. 221.
42 Vgl. ebd.
Untersuchungsmethoden zurück und beteiligen sich an Maßnahmen zur Risikominderung 43 . Ungewohnt sind auch neue strategische Kooperationen zwischen Versicherern und Umweltschutzorganisationen. Die sonst eher unvereinbaren Ziele beider Sparten finden auf dem Gebiet des Klimaschutzes zusammen. Versicherer könnten ökonomisch von verantwortlicher Klimapolitik profitieren, Umweltschutzorganisationen ihr Anliegen besser und breiter in der Öffentlichkeit vertreten. Die erhofften Synergieeffekte werden so beschrieben: „Da fügt es sich gut, dass Umweltaktivisten wissen, wie man ein Thema transportiert und die Rückversicherungen glaubhafte Informationen aus erster Hand bieten können. Die voraussichtlichen Schä1den, die Naturkatastrophen, aufgrund der globalen Erwärmung verursachen können, sind wichtige ökonomische Argumente der Klimakampagnen der Umweltverbände. Und sie (Anm.: gemeint sind die Rückversicherer) haben den Vorteil der absoluten Seriösität.“ 44
4. Zusammenfassung und Ausblick
Diese Arbeit hat zwei mögliche Umgangsweisen von Institutionen und damit der Gesellschaft mit dem kommenden Klimawandel beleuchtet. Ziel war es, anhand von Beispielen Reaktionsmuster herauszuarbeiten, diese einzuordnen und in einen Zusammenhang zu stellen. Nachdem die Ergebnisse politischer und wirtschaftlicher Handlungen im letzten Kapitel dargestellt wurden, können diese nun gegenübergestellt werden.
Gezeigt wurde, das sich der politische Umgang mit dem Klimawandel mehr auf vorbeugende Maßnahmen denn auf ein „Leben mit dem Klimawandel“ beschränkt. Dies kann einerseits positiv gesehen werden, da sich der Staat offensichtlich bemüht, die Auswirkungen des Wandels zu mindern. Auf der anderen Seite waren und sind staatliche Maßnahmen oft erfolglos so und vergibt er die Chance, frühzeitig notwendige Umstellungen anzukurbeln um den Übergang in ein neues Klimazeitalter - das unbestritten kommen wird - zu erleichtern. Dazu könnten beispielsweise Anpassungen der Agrarwirtschaft, die Förderung technischer Maßnahmen beim Katastrophenschutz und Analysen der räumlichen Auswirkungen des Wandels gehören. Die Versicherungswirtschaft sieht sich offenbar viel direkter vom Klimawandel bedroht beziehungsweise erkennt in diesem bereits heute ein neues Geschäftspotential. Dahingehend entwickeln sich hier neue Analysemethoden, um den Markt besser einzuschätzen, als auch neue Kooperationen. Für die Versicherungen ein doppelter Vorteil. Denn einerseits bedienen sie das
43 Vgl. ebd. S.222.
44 Vgl. ebd. S.189.
17 4. Zusammenfassung und Ausblick
Bedürfnis der Gesellschaft an Schutz vor Naturgefahren, auf der anderen Seite versuchen sie durch die Unterstützung von Vorsorgemaßnahmen das tatsächliche Gefahrenpotential zu senken. Diese Ausarbeitung konnte nur einen Einblick in institutionellen Umgang mit dem Klimawandel geben und darf keinesfalls als umfassende Analyse derzeitiger Entwicklungen verstanden werden. Bei der Frage nach der Zweckmäßigkeit ihres Handelns bietet sie aber gute Anknüpfungspunkte. Zweifelsfrei ist die Environmental History auch bei der Beurteilung solcher Themen hilfreich. Denn sie kann in der historischen Dimension die Änderung von Umwelt- und Klimabedingungen dem menschlichen Handeln gegenüberstellen und daraus Handlungsoptionen für die Zukunft bereitstellen.
5. Quellen und Literatur
5.1. Literatur
Brüggemeier, Franz-Josef et al.: Natur und Umweltschutz nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen. Frankfurt / New York 2005.
Hauser, Walter (Hrsg): Klima. Das Experiment mit dem Planeten Erde. München 2003. Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum Baden-Württemberg (Hrsg): Orkan „Lothar“. Bewältigung der Strumschäden in den Wäldern Baden-Württembergs. Dokumentation, Analyse, Konsequenzen. Freiburg/Stuttgart 2004.
Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Hrsg): Wetterkatastrophen und Klimawandel. Sind wir noch zu retten. München 2005.
Pfister, Christian (Hrsg): Katastrophen und ihre Bewältigung. Perspektiven und Positionen. Bern/ Stuttgart/Wien 2004.
ProClim - Forum für Climate and Global Change (Hrsg.): Hitzesommer 2003. Synthesebericht. Bern 2005.
Radkau, Joachim: Naturschutz und Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 2003. Radkau, Joachim: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. München 2002. Schönwiese, Christian-Dietrich: Beobachtete Klimatrends im Industriezeitalter. Ein Überblick Global/Europa/Deutschland. Frankfurt a.M. 2002.
Umweltbundesamt: Nachhaltiges Deutschland. Wege zu einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung. Berlin 1997.
5.2. Quellen
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg): Klimaschutz in Deutschland. Nationalbericht der Bundesregierung für die Bundesrepublik Deutschland im Vorgriff auf Artikel 12 des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen. Bonn 1993.
Deutsche Physikalische Gesellschaft (Hrsg.): Klimaschutz und Energieversorgung in Deutschland 1990 - 2020. Eine Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Bad Honnef 2005.
Enquete-Kommision Schutz der Erdatmosphäre (Hrsg.): Mehr Zukunft für die Erde. Nachhaltige Energiepolitik für dauerhaften Klimaschutz. Schlußbericht der Enquete-Kommision „Schutz der Erdatmosphäre“ des 12. deutschen Bundestags. Bonn 1995. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change 2007: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers. Genf/Paris 2007.
Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Hrsg): Winterstürme in Europa. München 2001. Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Hrsg): Topics. Jahresrückblick Naturkatastrophen
19 5. Quellen und Literatur
1999. München 2000.
Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Hrsg): Topics. Jahresrückblick Naturkatastrophen 2003. München 2004.
Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Hrsg): Perspektiven. Ideen von heute für dir Welt von Morgen. München 2004.
Umweltbundesamt: Klimafolgen und Anpassung an den Klimawandel in Deutschland. Kenntnisstand und Handlungsnotwendigkeiten. Hintergrundpapier. Dessau 2005.
5.3. Internetressourcen www.eex.de
Emmisionszertifikate unter
http://www.eex.de/index.php?session=bdaa243d99cbd43bd6c3be11e29dd671&page=113 www.munichre.com
Die Webseite bietet umfangreiches Material zu Klimaveränderungen. Viele der verwendeten Publikationen des Unternehmens sind hier online einsehbar oder zu bestellen. www.umweltbundesamt.de
u.a. http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/2006/pd06-019.htm (22.3.2006), www.vereinigte-hagel.net
http://www.vereinigte-hagel.net/historischerberblick.html (1.3.2007)
20 5. Quellen und Literatur
Arbeit zitieren:
Hagen Schönherr, 2006, Vorbeugen oder Reagieren? Zeitgeschichtliche Entwicklungen des institutionellen Umgang mit dem Phänomen Klimawandel, München, GRIN Verlag GmbH
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