Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Geschichte der Dependenz-Theorien 4
2.1 Imperialismus-Theorie 6
2.2 Modernisierungs-Theorie 6
2.3 Desarrollistische Ansatz 7
3. Die Dependenz-Theorie 8
3.1 Grundgedanken der Dependenz- Theorie 11
3.2 Bürgerlich-nationalistische Richtung 12
3.3 Marxistische Richtung 13
3.4 Gemeinsamkeiten 14
4. Zentrum und Peripherie-Modell 15
5. Kritik 20
6. Fazit 27
7. Literaturverzeichnis 28
2
1. Einleitung
Es gibt unzählige Theorien und Theorieansätze in der wissenschaftlichen Literatur, die alle versuchen, das Phänomen der „Unterentwicklung“ zu erklären. Es gibt endogene und exogene, bürgerliche und marxistische Theorien, Versuche, das Phänomen als von dem betreffenden Land selbst verursacht, selbst verschuldet oder von außen bewirkt darzustellen; historische Gesetzmäßigkeiten werden daraus abgeleitet, soziale Strukturen als Erklärungsmoment herangezogen. Alle diese Erklärungsversuche haben gemeinsam, dass sie meistens am Beispiel eines Landes bzw. eines Kontinentes entwickelt worden sind; dann wurden sie häufig auf alle Entwicklungsländer übertragen. Dies hat zur Folge, dass einige Theorien zwar durchaus die „Unterentwicklung“ des einzelnen Landes erklären können, nicht aber alles. Bei wenigen Ländern trifft diese Theorie dann auch in der „Reinform“ zu. Die Dependenz-Theorie wurde in Lateinamerika und für Lateinamerika entwickelt. Dass er seinem Anspruch nach auch für die unterentwickelten Länder Afrikas und Asiens gilt, wird zwar manchmal erwähnt, aber nicht weiter verfolgt. Wenn in der Literatur von unterentwickelten Ländern die Rede ist, dann haben die Autoren Lateinamerikas vor Augen, und danach soll hier auch verfahren werden. In der folgenden Arbeit setze ich mich mit den Dependenz-Theorie auseinander, die ursprünglich primär auf die Gesellschaft Lateinamerikas zugeschnitten sind: Dependenz-Theorien stellen keinen einheitlichen, in sich geschlossenen Erklärungsansatz dar. In sehr vereinfachten Versionen wird die Unterentwicklung in der „Dritten Welt“ als unmittelbare und eindeutige Folge der Entwicklung in der „Ersten Welt“ beschrieben:
Entweder wird die Armut in der Dritten Welt allein auf die „Rückständigkeit“ der Entwicklungsländer oder ausschließlich auf deren „Abhängigkeit“ von den Industrienationen zurückgeführt, in den gegensätzlichen Auffassungen schwingt immer schon eine moralische Schuldzuweisung mit.
Typisch ist das Verhältnis der entwickelten zu den unterentwickelten Ländern, hauptsächlich wird dies als ökonomische Wechselbeziehung betrachtet und unter dem Gesichtspunkt seiner Bedeutung für die entwickelten Gesellschaften analysiert. Die Dependenz- Theorie eröffnet insofern eine neue Perspektive, als hier versucht wird, die Problematik aus der Sicht der unterentwickelten bzw. abhängigen
3
Gesellschaften und in ihrer Bedeutung für diese zu erfassen. Insbesondere diese neue, auf die Auswirkungen in den unterentwickelten Gesellschaften konzentrierte Sichtweise hat dazu geführt, dass die Dependenz-Theorie eine große politische Bedeutung für die betroffene Länder erlangt hat, indem sie die Entwicklung eines autonomen politischen Selbstbewusstseins der Intellektuellen in den Ländern des amerikanischen Subkontinents gefördert hat.
Für die Menschen der westlichen Industrienationen und die von ihnen gewählten Regierungen besteht ein Interesse daran, dass die Probleme der Menschen in der Dritten Welt bewältigt werden. Ein wirtschaftlicher Aufschwung dort würde letztlich für alle ein Vorteil sein. Wenn aber die wirtschaftliche und soziale Entwicklung weiter unzureichend bleibt, drohen Wanderungsbewegungen in erheblichem Umfang, ökologische Zerstörung im weltweiten Ausmaß, bewaffnete Konflikte, Zunahme der Drogenproduktion und des Drogenhandels.
Auch die wachsend absolute Armut nimmt heute in den südlichen Kontinenten ein Ausmaß an, das den Status quo der internationalen Gesellschaften und den innergesellschaftlichen Status quo der Länder der Dritten Welt sukzessive zu untergraben droht. Ein Drittel bis Ein Fünftel der zwei Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern hungern oder leiden an Unterernährung. Diese Tendenzen zeigen, dass in der heutigen Welt die wechselseitige Abhängigkeit immer mehr zunehmen, so dass es im Interesse aller liegt, die Anstrengungen zur Bewältigung der vielfältigen Probleme zu verstärken. Die Kenntnis der Ursachen dient der Entwicklung bestmöglicher Strategien zur Lösung der Armutsprobleme. Denn nur wenn die Faktoren beseitigt werden, die immer wieder Armut hervorbringt, kann den Betroffenen langfristig geholfen werden.
2. Geschichte der Dependenz-Theorien
Ende der 60er Jahre entstanden die Dependenz-Theorie (von span./port. „dependencia“= Abhängigkeit) in Lateinamerika, nicht „aus einem Guss“, sondern in Form von Einzelbeiträgen, die sich zum Teil ergänzen und zum Teil widersprüchlich nebeneinander stehen. Es gibt nicht „die“ oder „eine“ Dependenz-Theorie, sondern unterschiedliche dependenz- theoretische Ansätze, die unter dem Begriff der Dependenz- Theorie zusammengefasst werden. Inhaltlich geht es dabei um das
4
Problem von Entwicklung und Unterentwicklung der Drittweltländer privat- und marktwirtschaftlicher Ordnung.
Es ist kein Zufall, dass die Dependenz-Diskussion in der Mitte der 60er Jahre in Gang kam. Sie reflektiert eine Krise im Entwicklungsprozess der lateinamerikanischen Gesellschaften und davon abgeleitet eine Krise der traditionellen Sozialwissenschaft, deren Prognosen und Strategien sich als nicht tragfähig erwiesen haben.
Den entscheidenden Anstoß für die Rezeption in Deutschland gab die deutsche Übersetzung einer Aufsatzsammlung von A.G. Frank.
Die Theorie ist vor allem bedeutsam, weil in dessen Folge nicht nur beansprucht wird, das Verhältnis von entwickelten Gesellschaften zu unterentwickelten neu zu bestimmen, sondern auch mehr oder minder explizit zum Ausdruck kommt, eine brauchbarere, informativere theoretische Alternative und mit deren Hilfe ein den seit den 50er Jahren vorherrschenden Theorien der Modernisierung, des sozialen Wandels und des wirtschaftlichen Wachstums überlegenes Konzept entgegenzuhalten.
Ausgangspunkt war die Erfahrung, dass es nach 1950 entgegen den Erwartungen vieler nicht gelungen ist, an das wirtschaftliche Niveau der USA und Westeuropas aufzuschließen. Jedoch fiel Lateinamerika immer weiter zurück um zu Beginn der 60er Jahre nochmals ein beschleunigtes Aufholen in Aussicht stellte. Die damals praktizierte Entwicklungspolitik und ihr Scheitern schienen dependenz-theoretische Thesen zunächst zu bestätigen.
Heute räumen Kritiker dependenz-theoretischer Denkmuster ein, dass diese einen wertvollen Beitrag dazu geleistet haben, die vollkommen unhistorisch argumentierenden und externen Faktoren vollständig außer acht lassende Theorie nachholender Entwicklung zu überwinden.
In den wesentlichen Grundgedanken ist die Dependenz-Theorie keine Neuschöpfung, es sind zwei Adressaten die sie begründen: Zum einen die verschiedenen Varianten der „klassischen“ Imperialismustheorie vom Anfang des 20. Jahrhunderts und zum anderen der Modernisierungstheorien.
5
2.1 Imperialismus-Theorie
Die Imperialismus-Theorie geht im Wesentlichen auf Rosa Luxemburg, Fritz Sternberg und namentlich auch Lenin zurück. Für die heutige Situation ist diese nicht mehr adäquat. Die „moderne“ Imperialismus- Theorie hat Rechnung getragen und wird an jüngerem historischen Material entfaltet. Sie ist das Pendant zur Dependenz-Theorie, denn sie befasst sich mit der Reproduktion des kapitalistischen Systems in den Metropolen, die Dependenz- Theorie befasst sich mit dem Effekt dieser Dynamik in der Dritten Welt. Über das Ziel gab es keine Zweifel:
Es galt, in möglichst kurzer Zeit ein Industriestaat westlicher Prägung zu werden. Die Ansätze einer Industrialisierung, die in den größten Ländern Lateinamerikas seit den 30er Jahren stattgefunden hatten, galten als Beleg für die Gangbarkeit dieses Weges.
2.2 Modernisierungs-Theorie
Bei der Modernisierungs- Theorie handelt es sich um verschiedene Ansätze, denen die Annahme zugrunde liegt, dass die Länder der Dritten Welt durch intensive Beziehungen mit den westlichen Industrienationen nicht etwa ausgebeutet und in ihrer Entwicklung behindert, sondern im Gegenteil entwickelt werden. Das traditionelle Modernisierungskonzept geht von der Vorstellung aus, dass die sozioökonomische Struktur der Drittweltländer „dualistisch“ sei- dass also der eine Sektor mit dem anderen nichts oder nur wenig zu tun habe- und dass unterschiedliche sektorale Entwicklungen ohne wesentlichen Einfluss aufeinander ablaufen. Die Drittweltländer befinden sich demnach in einer Übergangsphase von Unterentwicklung zu Entwicklung, sie holen gewissermaßen die Entwicklung der heutigen Industrienationen nach.
Nachhaltig wurde die Modernisierungs-Theorien durch die Theorie der zirkulärenkumulative Verursachung und der „desarrollistischen“ Theorie beeinflusst: Die Theorie der zirkulären- kumulativen Verursachung wendet sich gegen derartige dualistische und lineare Auffassung, indem sie hervorhebt, dass in den Drittweltländern entwicklungshemmende Prozesse ganz besonderer Art ablaufen: Einerseits gibt es den bekannten „Teufelskreis“ der Armut, andererseits entstehen marginalisierende Effekte, also gibt es im Gegensatz zur Dualismus- Theorie einen Zusammenhang zwischen Entwicklung und Unterentwicklung. Als
6
Entwicklungsstrategie werden besondere industrielle Investitionen gefordert, durch Investitionen in strategischen Bereichen soll die Entstehung vor- und nachgelagerter Industrien provoziert werden.
2.3 Desarrollistische Ansatz
Der „desarrollistische“ (span. „desarrollo“ = Entwicklung) Ansatz entfaltet eine ähnliche Argumentation, die zunächst für die Situation Lateinamerikas spezifiziert wurde. Dabei geht es um eine optimale Kombination von internen und externen Entwicklungsfaktoren mit dem Ziel einer langfristig innengeleiteten, wirtschaftlich dynamischen, sozial fortschrittlichen und parlamentarisch- demokratischen Gesellschaft. Für den Erfolg dieses Ansatzes wurden eine Reihe von internen Reformmaßnahmen als unerlässlich erachtet: Eine Agrarreform sollte einen ländlichen Mittelstand schaffen und damit den Binnenmarkt erweitern. Der Staat musste durch Rationalisierung seine unproduktiven Aussagen kürzen und seine technische Effizienz steigern, um seine Funktionen als Orientierungsfaktor und subsidiärer Investor übernehmen können. Schließlich galt es, durch internationale Integration die Beschränkung der Binnenmärkte zu überwinden und eine rationale Arbeitsteilung zwischen den Ländern zu ermöglichen.
Diese Theorie wurde auch außerhalb Lateinamerikas weiterentwickelt und passte sich bruchlos in die „Allianz für den Fortschritt“ ein und wurde zur Grundlage der nationalen und internationalen Entwicklungspolitik seit den 50er Jahren. Dieses Modell ist in seiner parlamentarisch- demokratischen wie in seiner militärisch-autoritären Variante aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Der Dependenz- Ansatz entstand so aus einer doppelten Kritik: einmal an den herrschenden bürgerlichen Theorien, deren Prognosen sich als unrichtig erwiesen hatten. Zum anderen wendet er sich auch gegen die erstarrten marxistischen Interpretationen der lateinamerikanischen Realität. Auch europäische Modelle und Begriffe wurden auf Lateinamerika übertragen, ohne sie entsprechend den dortigen Situationen zu modifizieren.
7
3. Die Dependenz-Theorie
Die Dependenz-Theorie gibt eine umfassende Sicht der Entwicklungsproblematik und versucht politische, ökonomische und soziale Aspekte in historischer Perspektive zu integrieren. Durch die Betonung der kumulativen Verkettung endogener und exogener entwicklungshemmender Faktoren wird die einseitige Sicht der Modernisierungstheorie, die Weltmarktbedingungen vernachlässigt hat, wie diejenigen der Imperialismustheorie, die nur den Weltmarkt, aber nicht die internen Strukturen näher analysiert, überwunden. Dies gilt zumindest für differenziertere Formen der Dependenz-Theorie, die keine Globaltheorie für alle „Dritte Welt“- Länder in den drei Kontinenten Asien, Lateinamerika und Afrika proklamieren, sondern für kontextbezogene Analysen spezifischer Abhängigkeitsstrukturen plädieren. Diese dependenz-theoretischen Ansätze weisen eine Weite des Problemhorizonts auf, die der umfassenden-integralen Entwicklungsproblematik eher gerecht wird, als die lange in der Entwicklungsökonomie vorherrschenden neoklassischen oder keynesianischen Konzeptionen. Damit greift die Dependenz-Theorie
Problemstellungen auf, die Ausgangspunkt der Entstehung der klassischen politischen Ökonomie sind (vgl. Furger 1996: 15).
Für die Vertreter der Dependenz-Theorie ist nicht allein das Gefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern Ursache für die Überlegungen, das bestehende Weltwirtschaftssystem zu ändern und damit den Entwicklungsländern ökonomischen Wachstum und sozialen Fortschritt zu sichern. Ein weitere zentraler Punkt in der Dependenz- Theorie ist die aus dem wirtschaftlichen Rückstand herrührend politische Abhängigkeit, die es Regierungen und Unternehmungen in den Ländern der Dritten Welt unmöglich machen soll, Ressourcen für den Wachstumsprozess in dem erforderlichen Umfang zu mobilisieren und im eigenen Land einzusetzen. Stattdessen würden durch eine einseitige Abhängigkeit Produktionsfaktoren aus den Entwicklungsländern mit der Folge abgezogen, dass Grundvoraussetzungen für wirtschaftlichen Fortschritt gar nicht erst geschaffen werden können. Daraus ergibt sich langfristig eine weitere Verschlechterung der Lage in den Entwicklungsländern, während die vom bestehenden Welthandelssystem begünstigten Industrieländer ihren Vorsprung ausbauen und ihren Wohlstand ständig vermehren können.
8
Diese Vorstellung, die der Dependenz-Theorie zunächst unterlegt wurde, ist im Laufe der Zeit differenziert und in verschiedenen Richtungen interpretiert worden. Nach dem heutigen Kenntnisstand besagt die Dependenz- Theorie: Entwicklungsländer sind gegenüber den Industrieländern durch einen „Ungleichen Tausch“ benachteiligt. Rohstoffe werden gegen Industriegüter nicht nach der Menge der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, die in den verschiedenen Gütern enthalten ist, ausgetauscht, und spiegeln nicht die Arbeitswerte wider. Entwicklungsländer müssen aufgrund ihrer schwachen Marktstellung ihre Waren unterhalb des gesellschaftlichen Arbeitswertes verkaufen und werden dadurch gegenüber den Industrieländern benachteiligt, die Preise oberhalb der gesellschaftlichen Arbeitswerte erzielen.
Die Länder der Dritten Welt erfahren durch die internationale Handelspolitik, die die Industrieländer maßgeblich nach ihren eigenen Interessen festlegen, Nachteile. Während Rohstoffe weitgehend unbehindert in die Industrieländer verkauft werden können, besteht ein rigeroser Protektionismus gegenüber allen Einfuhren aus Entwicklungsländern, die die Wettbewerbsfähigkeit der Produzenten in den Industrieländern gefährden können. Gegen diesen einseitige Öffnung der Märkte in den Industrieländern können sich Regierungen und Unternehmen in Entwicklungsländern kaum zur Wehr setzen. Eine Politik, die die Zölle für Importe aus Industrieländern erhöht, schadet der eigenen Bevölkerung, die auf den Import von Investitionsgütern und oft auch von Nahrungsmitteln angewiesen ist. Die Verhandlungsmacht der Entwicklungsländer ist auch deshalb gering, weil der Anteil ihrer Ausfuhren in die Industrieländer an den gesamten Exporten hoch ist, während die vergleichbare Quote für die Industrieländer, bezogen auf die Lieferungen in die Entwicklungsländer, gering ist.
Wirtschaftliche Abhängigkeit dokumentiert sich auch in dem Transfer von Einkommen multinationaler Unternehmen und ausländischer Investoren aus Entwicklungsländern. Verschiedene Verfechter der Dependenz-Theorie machen geltend, dass die Länder der Dritten Welt einerseits auf den Import von Kapital und Technologie aus Industrieländern angewiesen sind, um ihr wirtschaftliches Potential auszubauen und umzustrukturieren. Diesen Umstand machen sich ausländische Investoren zunutze, indem sie besondere Vorzugsbedingungen für den Transfervermutlich oft überhöhter-Erträge verlangen. Derartige Wünsche ließen sich umso leichter durchsetzen, als andernfalls Investitionen und technologische Neuerungen
9
unterbleiben. Aus der Abhängigkeit entstehen auf diese Weise zusätzlich, langfristige Benachteiligungen für die Länder der Dritten Welt.
Der Prozess der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Entwicklungsländer findet seinen Niederschlag auch in einer ungleichen Verteilung des Wohlstands in den Ländern der Dritten Welt. Aus der städtischen Bevölkerung gehen elitäre Minderheiten hervor, die als „Brückenköpfe“ für die Vorstellung der Industrieländer tätig sind und deren Argumente vertreten und übernehmen. Dadurch werden große Teile des städtischen Proletariats und die ländliche Bevölkerung von der Teilhabe am wirtschaftlichen Fortschritt abgedrängt; diese Gruppe können nicht bessere Arbeitsplätze und höhere Einkommen erhalten, da die Märkte für die Erzeugnisse aus den Industrieländern ohne Rücksicht auf die Steigerung des inländischen Produktionspotentials geöffnet werden.
Die Dependenz- Theorie entstand nicht zufällig in Lateinamerika, denn sie war eine Antwort auf die desarrollistische Theorie, die ebenfalls aus Lateinamerika stammt, und gerade hier war der Fehlschlag der Konzeption auch besonders deutlich. Die Einwände des Dependenz- Theorie beschränken sich nicht allein auf die Evidenz der stattgefundenen Entwicklung, sondern sie deckt auch die theoretischen Mängel auf, die zur augenscheinlichen Fehleinschätzung der Realität geführt haben. Die Dependenz-Theorie ist keine begriffliche und logisch geschlossene Theorie im strengen sozialwissenschaftlichen Sinne, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Ansätze, die sich teils ergänzen, teils miteinander konkurrieren, teils erst durch Spezifierungen und Umformulierungen miteinander vermittelt werden können. Gemeinsam ist ihnen die Annahme, dass Abhängigkeit ein wichtiger Faktor zur Erklärung von Unterentwicklung ist und dass Entwicklung und Unterentwicklung synchrone, miteinander verschränkte Prozesse darstellen. Die Thesen der Dependenz-Theorie haben mehr den Charakter von „Tendenzaussagen“, wie z.B.:“ Abhängigkeit führt zu Unterentwicklung“, eine Beziehung, die sich in der Tat in vielen historischen Situationen nachweisen lässt, aber eben nicht immer.
10
3.1 Grundgedanken der Dependenz- Theorie
Trotzdem lassen sich in der Dependenz-Literatur einige Grundgedanken feststellen, in denen alle Autoren übereinstimmen:
1. Die Situation der unterentwickelten Länder kann nur erklärt werden, wenn dabei die entscheidende Rolle externer Faktoren berücksichtigt wird. Die Sozialstrukturen dieser Länder sind nicht das Ergebnis eines autonomen historischen Prozesses, sondern wesentlich geprägt durch die Dominanz ausländischer Hegemonialmächte, so dass endogene Faktoren mit exogenen in einem unauflöslichen Erklärungszusammenhang stehen. 2. Unterentwicklung ist kein der Entwicklung zeitlich vorausgehendes Stadium, sondern beide sind historisch gleichzeitig, funktional aufeinander bezogene Seiten desselben historischen Prozesses der Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems. Abzulehnen sind daher alle Theorien, die in den heute unterentwickelten Ländern Frühformen der modernen westlichen Industriegesellschaften wieder zuerkennen glauben und daher
Entwicklungsmodelle propagieren, die diese Industriegesellschaften zum Ziel und deren historische Entwicklungsetappen als nachzueifernden Weg setzen. 3. Unterentwicklung ist zwar extern begründet, ihre Auswirkungen sind aber interner Art: Die aufgezwungenen Insuffizienzen und Deformation sind Wesensbestandteil aller internen Sozialstrukturen geworden. 4. Eine Überwindung der Unterentwicklung setzt also voraus, dass die verursachende externe Beherrschung aufgehoben wird.
Jenseits der oben dargelegten Grundaussagen der Dependenz- Theorie teilen sich die Wege: Es gibt unter seinen Autoren keinen Konsens über die theoretische Einordnung, die genaue Definition und die konkreten Erscheinungsformen von „Abhängigkeit“.
Im Rahmen der Dependenz-Theorie lassen sich zwei Richtungen unterscheiden: Zum einen die bürgerliche-„nationalistische“ und zum anderen eine marxistische Richtung:
11
3.2 Bürgerlich-nationalistische Richtung
Die bürgerlich-nationalistische Richtung hat einige Ähnlichkeiten mit dem desarrollistischen Ansatz, hingegen ähnelt die marxistische Richtung der Imperialismus-Theorie.
Die versteht unter Abhängigkeit die Summe aller derjenigen externen Faktoren, die den Entscheidungsspielraum des eigenen Nationalstaates einschränken und seine Entwicklungsmöglichkeiten behindern. Ziel und Maßstab bleiben dabei die westlichen Industriestaaten. Der Begriff fungiert hier als Sammelbegriff für eine Vielzahl konkreter Abhängigkeiten, die grundsätzlich als gleichwertig betrachtet werden und untereinander in einem circulus- virtiosus- Verhältnis stehen, so gibt es wirtschaftliche, politische, militärische und kulturelle Abhängigkeiten. Der Begriff ist also nicht theoretischer, sondern phänomenologischer Art. Er bezeichnet konkrete, messbare Variablen, die wie konkrete Staaten oder Staatengruppen miteinander verbinden. Diese Variablen werden als externe betrachtet; ihre internen Auswirkungen werden entweder überhaupt nicht unter den Begriff gefasst oder als interne Folgewirkungen der externen Faktoren betrachtet. Abhängigkeit ist ein äußeres, akzessorisches Element der betroffenen Gesellschaft. Unterentwicklung wird gesehen als das Ergebnis des kumulativen Wirkens von internen und externen Hindernissen. Eine Hierarchisierung der verschiedenen Arten externer Beeinflussung- sei sie wirtschaftlicher, politischer, kultureller, militärischer, technologischer Art- findet nicht statt, vielmehr werden alle diese Faktoren in einer Wechselwirkung „zirkularer Verursachung“ gesehen. Eine Einordnung dieser Beziehungen in einen größeren theoretischen Rahmen erscheint den Autoren dieser Richtung nicht zwingend erforderlich und wird auch nicht angestrebt. Dennoch finden sich in ihren Arbeiten Anleihen bei verschiedenen bürgerlichen Theorien, so insbesondere bei der strukturell- funktionalen Theorien, bei verschiedenen Theorien der internationalen Beziehungen oder bei den kritisierten Theorien der Modernisierung oder des wirtschaftlichen Wachstums; sogar aus dem Marxismus werden einzelne Begriffe und Theoreme übernommen (vgl. Evers 1973: 415). Für die „nationalistische“ Richtung stellt sich die Frage nicht als theoretisches, sondern als empirisches Problem: Da sie den Nationalstaat als nicht weiter hinterfragten Bezugsrahmen nimmt, ist das Begriffspaar „inter- extern“ identisch mit „inländisch- ausländisch“, und die Grenzen von Staatsgebiet und Staatsgewalt geben erschöpfende Auskunft über die Abgrenzung von beiden.
12
Die exogenen Faktoren bleiben äußere Grenzen, innerhalb deren sich die nationale Entwicklungspolitik bewegt.
3.3 Marxistische Richtung
Für die mehrheitliche marxistische Richtung fügt sich die Dependenz-Theorie ein in die Imperialismus-Theorie als derjenige Teil, der die Auswirkungen des Imperialismus auf die von ihm beherrschten Peripherieländer beschreibt. Für die Autoren dieser Richtung gibt es keine Theorie der Abhängigkeit unabhängig von der Imperialismustheorie. Dennoch betrachten sie ihren Ansatz nicht als bloße Spezifizierung vorhandener Formulierungen, sondern als ein in doppelter Hinsicht neues Element: An die Stelle der Blickrichtung „von oben“ aus der Sicht der Metropolen tritt die Blickrichtung „von unten“ aus der Sicht der beherrschten Länder; ihre internen Gesellschaftsstrukturen, die in der traditionellen Imperialismus- Theorie stets vernachlässigt wurden, stehen nun im Mittelpunkt der Untersuchung. Das bedeutet, die Imperialismus- Theorie nicht nur zu erweitern, sondern auch zu ihrer Neuformulierung beizutragen. Für die marxistische Richtung sind nicht Nationalstaaten die primären Träger von Dominanz und Abhängigkeit, sondern Klassen; Inhalt von Abhängigkeit ist daher eine irgendwie geartete Beeinflussung, sondern die Anneignung von Mehrwert. Abhängigkeit wird als systembedingtes konstitutives Merkmal erfasst, oder auch als besondere Ausprägung des Kapitalismus in den unterentwickelten Ländern. Das ausbeuterische Grundverhältnis zwischen arbeitender und besitzender Klasse ist jedoch allgemeines Kennzeichen des kapitalistischen Systems und kann daher für sich genommen nicht die besondere Ausprägung des Kapitalismus in den Peripherieländern erklären. Für das Problem der Unterentwicklung werden abgeleitete Erscheinungen wie die Art der Verteilung von Überschüssen unter den verschiedenen Gruppen der lokalen und ausländischen Bourgeoisie sowie die nationalstaatliche Vermittlung von Herrschaftsverhältnissen relevant; diese Fragen stehen daher im Mittelpunkt einer marxistischen Theorie der Unterentwicklung, aber nicht als Addition von Einzelphänomenen, sondern als besondere Ausprägungen von allgemeinen Phänomenen. Die Beherrschung im außerökonomischen Bereich, die für die bürgerliche Richtung gleichrangig neben der wirtschaftlichen steht, wird von der marxistischen als Herrschaftssicherung im Überbau eingeordnet, was nicht ausschließt, dass vom Forschungsinteresse eine
13
übergewichtige Untersuchung von politischen gegenüber wirtschaftlicher Fragen geboten sein kann.
Für die marxistische Richtung ist eine klare Trennung von extern und intern nicht möglich. Da Unterentwicklung auf die Wirkungsweise des globalen kapitalistischen Systems zurückgeführt wird, sind alle verursachenden Faktoren „interne“ Faktoren dieses Systems. Der Kapitalismus ist jedoch keine homogene Einheit, sondern geprägt von Widersprüchen; er ist auch keine reine Abstraktion, sondern wird in der Wirklichkeit getragen von sozialen Gruppen, zu deren wichtigsten
Organisationsformen der Nationalstaat gehört.
Unbefriedigend bleibt die Klärung des Verhältnisses von externen zu internen Faktoren.
Einig sind sich die Autoren in der Beschreibung der Art der Interaktion zwischen externen und internen Faktoren: Es handelt sich um eine ungleiche Wechselbeziehung, bei der der eine Teil der vorherrschende und begünstigte, der andere der beherrschte und benachteiligte ist. Beide Seiten determinieren sich gegenseitig, aber die Bestimmung des schwachen Pols durch den starken ist ungleich zwingender und erdrückender als die Wirkungen in umgekehrter Richtung.
3.4 Gemeinsamkeiten
Der hier erscheinende Gegensatz zwischen der marxistischen und der „nationalistischen“ Richtung tritt allerdings in der Literatur nur in verschwommener Form zutage.
Zwischen diesen beiden Richtungen gibt es jedoch auch zahlreiche Überlappungen, aufgrund dessen alle diese Ansätze unter dem Etikett der Dependenz-Theorie zusammengefasst werden.
Der neue Ansatz geht davon aus, dass die Menge aller Gesellschaften der Welt ein globales internationales Schichtsystem darstellt, dessen entscheidendes Merkmal ein gravierendes Ungleichgewicht in Bezug auf die Lebensbedingungen der Mitglieder der einzelnen Gesellschaften ist:
Einer relativ kleinen Zahl von entwickelten Gesellschaften steht eine relativ große Zahl unterentwickelter Gesellschaften gegenüber. Die Kluft zwischen beiden werde sogar tendenziell größer.
Im Unterschied zu den Theorien der fünfziger und sechziger Jahre stellt die Dependenztheorie auf die enge Verklammerung des globalen gesellschaftlichen
14
Schichtsystems ab und versucht die Ursache für die Herausbildung dependenter Gesellschaften auf der einen und dominanter Gesellschaften auf der anderen Seite unter Hinweis auf deren strukturelles Verhältnis zu erfassen. Damit ist gemeint, dass die Untersuchung der Bedingungen von Unterentwicklung nur dann Erfolgs versprechend sein könne, wenn externe Faktoren und ihre angenommene Wirkung auf den Entwicklungsprozess der in der Regel nicht oder nur wenig industrialisierten Gesellschaften als die für den Entwicklungsprozess entscheidenden angesehen werden.
4. Zentrum und Peripherie-Modell
Die lateinamerikanischen Ansätze bauen in unterschiedlichen Varianten auf dem Zentrum- Peripherie Modell auf:
Diese bezieht sich nicht nur auf das Verhältnis von „Dritter Welt“ (Peripherie) und „Erste Welt“ (Zentrum), sondern thematisiert auch dessen interne Verlängerung in die Entwicklungsländer hinein, etwa im Hinblick auf das Verhältnis von Land (Peripherie) und wachsenden Großstädten (Zentren).
Weitgehend wurde diese Sicht von Dieter Senghaas bekannt gemacht, der dazu festhielt:
„Die Unterentwicklung der Dritten Welt kennzeichnet nicht […] ein Durchgangsstadium auf dem Weg zu autozentrierter Entwicklung, den lang andauernden Übergangsperioden von traditionalfeudalen zu bürgerlichkapitalistischen Gesellschaften in der Geschichte der Industrialisierung oder Modernisierung europäischer Gesellschaften vergleichbar.
Unterentwicklung ist vielmehr ein sich historisch entfaltendes integrales Moment des von kapitalistischen Metropolen dominierten internationalen Wirtschaftssystems und damit der internationalen Gesellschaft. Die Entwicklung dieser Metropolen, der Zentren, und die Geschichte der Unterentwicklung der Dritten Welt sind miteinander über das internationale System vermittelt, komplementäre Vorgänge.“ (Senghaas 1974: 18)
Das Zentrum-Peripherie-Modell nimmt für sich in Anspruch, sowohl Entwicklungsunterschiede innerhalb von Industriestaaten als auch zwischen
15
Industriestaaten und Entwicklungsländern erklären zu können. So wird angeführt, dass es innerhalb der Industriestaaten ein Machtgefälle gibt, so z. B. einerseits zwischen den reichen Ballungszentren mit ungeheurer Konzentration an Industriekapital, Bevölkerung und Macht und andererseits den Peripherien, d.h. den Randgebieten innerhalb der Industriestaaten, die beispielsweise geographisch in Form der Alpenregionen und der ländlichen Entwicklungsräume festgemacht werden, sowie sozial an Randgruppen, Alten, Fremdarbeitern. Analog ist die Struktur in den Entwicklungsländern:
So gibt es Wachstumszentren mit moderner Industrie, westlichem Lebensstandard und Kultur und teilweise auch Exportoasen in der Landwirtschaft. Dagegen sind die Peripherien, d.h. das Hinterland der Entwicklungsländer im geographischen Sinne die vernachlässigte Landwirtschaft und im sozialen Sinne die Slums, die Arbeitslosen und die Landflüchtigen.
In einem weiteren Schritt wird dieses Bild von Zentrum und Peripherie dann auf das Verhältnis zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern übertragen. So bilden sich zwischen den Zentren der Industriestaaten und den Zentren der Entwicklungsländer immer engere Beziehungen heraus, wobei letztere abhängige Subzentren der ersteren sind. Sie sind seit der Kolonialzeit durch das Eindringen von westlichem Kapital, westlicher Kultur usw. entstanden. Heute verbinden die Zentren vor allem Kommunikationssysteme, die multinationalen Konzerne, der Handel, die Kultur und die Werbung.
Das Zentrum-Peripherie-Modell sagt weiterhin aus, dass die Strukturen aus den Metropolen der Industrieländer in die Peripherie, d.h. in die Entwicklungsländer übertragen werden und deren Abhängigkeit bzw. Dependenz verfestigen und Entwicklung verhindern. Diese Übertragung von Strukturen aus dem Zentrum in die Peripherie führt zu struktureller Heterogenität in den Entwicklungsländern, d.h. es treffen traditionelle und moderne, sprich kapitalistische Strukturen aufeinander, wodurch gewachsene Strukturen zerstört werden und daraus gesellschaftliche Deformation entstehen.
Die Beziehung zwischen einem zentralen und einem peripheren Land sieht stark vereinfacht nun folgendermaßen aus:
Im zentralen und einem peripheren Land ist der entwickelte Sektor (Zentrum des zentralen Landes) vorherrschend, im peripheren Land ist es der unterentwickelte Sektor (Peripherie des peripheren Landes).
16
Durch die weltwirtschaftliche Integration des peripheren Landes wird in ihm zusätzlich ein zwar kleiner, aber sehr dynamischer Sektor entwickelt (Zentrum des peripheren Landes bzw. „assoziierter Sektor“), der eng mit dem Zentrum des zentralen Landes verflochten ist und durch dieses konditioniert wird. Das dynamische Zentrum des peripheren Landes hat einerseits einen starken konditionierten Effekt auf die periphere Gesamtgesellschaft; es bestimmt weitgehend, über die Verwendung der natürlichen, menschlichen und finanziellen Ressourcen und damit über die Art und den Rhythmus der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Der übergreifende gesellschaftliche Prozess erfolgt also nicht im Sinne einer optimalen Verwendung der Ressourcen nach entwicklungspolitischen Prioritäten, sondern nach
17
einer Gewinnmaximierung im Weltmaßstab, die von den internationalen Zentren betrieben wird.
Die Unfähigkeit des peripheren Modells, trotz vielfach guter Ressourcenausstattung den Hunger zu überwinden, ist nur das eklatanteste Indiz für diesen Sachverhalt: Dabei ist die demographische Expansion zwar nicht die Ursachen, aber doch eine verschärfende Bedingung, obwohl die demographische Expansion selber ein Produkt der allgemeinen sozio- ökonomischen Entwicklung ist und obwohl sie auch nicht nur negative Effekte hat, wenn man beispielsweise an die Expansion des Binnenmarktes denkt.
Als wichtigste, teils miteinander zusammenhängende Aspekte bzw. Konsequenzen der strukturellen Abhängigkeit werden hervorgehoben: Verstärkung der internationalen Arbeitsteilung auf unterschiedlichen technologische Abhängigkeit; Desintegration der peripheren Gesellschaft durch unorganisch eingepasste Enklaven; Aufrechterhaltung oder sogar Verstärkung der regionalen, sektoralen und sozialen Asymmetrien zwischen Zentrum und Peripherie auf internationaler wie auch auf nationaler Ebene und Produktion und Reproduktion von struktureller Heterogenität und Marginalität.
Es werden drei Mechanismen unterschieden, über welche sich externe Abhängigkeit in Unterentwicklung umsetzt.
Erstens: Direkte Ausplünderung der natürlichen, menschlichen und finanziellen Ressourcen, ohne dass ein regionaler Entwicklungspol entsteht. Dieser Mechanismus war vor allem dominanter in der ersten Phase der Kolonialzeit, im Raubkapitalismus und im „Glasperlen-Imperialismus“.
Zweitens: Aufbau von dynamischen abhängigen Enklaven, die stark kapitalisiert und bevölkert werden, und die, nachdem der externe Entwicklungsimpuls nachlässt, zusammenbrechen und damit eine relative Überbevölkerung produzieren, welche in der Regel nicht einmal ausreichend ernährt werden kann. Drittens: Entstehung von Unterentwicklung, während und weil eine dynamische abhängige Enklave funktioniert, die aufgrund ihrer zentripetalen Effekte Unterentwicklung in anderen Regionen und Sektoren produziert. Wenn daher die allgemeinste These der Dependenz-Theorie lautet:“ Abhängigkeit führt zu Unterentwicklung“, so kann sie sich auf diese verschiedenen Mechanismen beziehen, und zwar einzeln oder miteinander kombiniert und stets verflochten mit den jeweils spezifischen regionalen und historischen Faktoren.
19
5. Kritik
Die lateinamerikanische Dependenz- Theorie ist zum dem Zeitpunkt entstanden, als die beginnende Industrialisierung und die verstärkte Tätigkeit der multinationalen Konzerne die erhoffte Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur oder eine Verminderung der Abhängigkeit vom internationalen Weltmarkt nicht erreichten und als zugleich die enge Grenzen der importsubstituierenden Industrialisierung erkannt wurden. Aus diesem Zustand der allgemeinen Frustration erwuchsen Bestrebungen, der Frage nach der Ursache der Unzulänglichkeiten bei der beginnenden Industrialisierung und bei der stagnierenden Entwicklung überhaupt systematisch und radikal nachzugehen. Konstitutiv für jene Dependenz-Theorie ist die Erkenntnis, dass die Abhängigkeit vom Weltmarkt und von den ausländischen Investitionen für das Scheitern der importsubstituierenden Industrialisierung verantwortlich ist und dass darüber hinaus die aktuelle Phase nur die letzte Periode eines Jahrhunderte langen Geschichtsprozesses darstellt, der von Anbeginn eine angemessene Entwicklung Lateinamerikas unmöglich gemacht hatte. Von grundlegender Bedeutung für die Entfaltung der Dependenz-Theorie ist die Kontroverse mit den Modernisierungstheorien gewesen, vor allem mit deren Dualismusbegriff. Einig sind alle Dependenz-Theoretiker in der Ablehnung eines dualistischen Charakters der lateinamerikanischen Gesellschaften (vgl. Mansilla 1974: 215).
Der grundlegende Mangel der bisherigen Formulierungen der Dependenz-Theorie ist ihre theoretische und begriffliche Unschärfe. Die Dependenz-Debatte ist entstanden aus der Kritik an herrschenden bürgerlichen Theorien einerseits und dem Dogmatismus des „offiziellen“ lateinamerikanischen Marxismus andererseits. Um davon Abstand zu gewinnen, war ein gewisses Maß an theoretischer Offenheit und unbefangener Beobachtung der eigenen Realität notwendig. Dies hat sich jedoch zu einem theoretischen Freischaffen verselbstständigen, das inzwischen seine Möglichkeit zu spontaner Kreativität verbraucht hat. So stellt sich die Dependenz- Literatur streckenweise als Deskription und Spekulation auf höchster Abstraktionsebene dar, deren Bezug zu gesicherten theoretischen Erkenntnissen unklar bleibt und die daher keinerlei intersubjektive Verbindlichkeit besitzt. Besonders die „nationalistische“ Richtung ist von theoretischer Beliebigkeit gekennzeichnet, was jedoch dort keinen Verstoß gegen die eigenen Ansprüche darstellt.
20
Bei der marxistischen Richtung muss der Verzicht auf theoretische Strenge dagegen als Verarmung gewertet werden. Kein Autor gibt eine stringente Ableitung der Dependenz-Theorie aus der marxistischen Gesellschaftstheorie. Zwar erwähnen mehrere Autoren, dass die Theorie Bestandteil der Imperialismus- Theorie sei, aber keiner führte seine Aussagen konsequent darauf zurück. Die theoretischen und terminologischen Schwächen treten nirgends deutlicher zutage als gerade bei dem zentralen Begriff „Abhängigkeit“. Eine theoretisch schlüssige Definition gibt es bisher nicht. Soweit überhaupt Versuche der Begriffsbestimmung unternommen werden, ist das Ergebnis eine Addition von deskriptiven Teilaspekten, wobei auch Theoriefremdes, Tautologisches oder schlicht Unverständliches stehen bleiben. Entsprechend vielfältig sind die verschiedenen Bedeutungsgehalte, denen man in der Diskussion begegnet. Überprüft man die verschiedenen Ausprägungen der Dependenz- Theorie unter methodologischen Voraussetzungen, so lässt sich folgendes festhalten: In arbeitsteiliger Wirtschaft ist jeder von anderen „abhängig“, denn das, was man selbst produziert, von anderen begehrt sein muss und weil man selbst auf die Leistungen anderer angewiesen ist. Im internationalen Kontext haben solche gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten nicht nur eine wohlfahrtssteigernde, sondern eine friedensfördernde Wirkung. Abhängigkeit im Sinne der Dependenz-Theorie meint aber nicht
Aufeinanderangewiesenheit auf Märkten, sondern ein einseitiges, durch erhebliche Machtungleichheiten gekennzeichnete Verhältnisse. Im langfristigen wirtschaftlichen Beziehungen wechselseitiger Abhängigkeiten kann einmal die eine Seite und mal die andere Seite einen relativen Vorteil haben der zum Missbrauch und zum Ausnutzen der Gegenseite einlädt. Die Schwierigkeit der Erfassung von „Abhängigkeit“ besteht darin, Kriterien zu finden zwischen einseitiger und gegenseitiger Abhängigkeit sowohl für Märkte als auch auf der höheren ebene für Staaten unterschieden werden kann. Abhängigkeit zwischen verschiedenen Ländern aufgrund wirtschaftlicher oder politischer Macht zu definieren und daraus unmittelbar auf „Unterentwicklung“ zu schließen, ist ebenfalls problematisch. So besteht zwischen den USA und Kanada und zwischen den USA und Mexiko ein Machtgefälle, das aber nicht die Unterschiede im Entwicklungsstand zwischen Mexiko und Kanada erklären kann. Die Nachbarländer der Bundesrepublik Deutschland wie Dänemark, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Schweden, Österreich sind in gewisser Weise von der
21
deutschen Wirtschaft „abhängig“, trotzdem ist dort das Entwicklungsniveau gleich hoch, zum Teil noch höher.
Jeder Versuch „Abhängigkeit“ zu charakterisieren, stößt rasch auf Bedenken. Die Dependenz-Theorie vernachlässigt für die Dritte Welt wichtige Problembereiche, wie die seit langem anhaltend hohe Bevölkerungsentwicklung. Auch die Bedeutung religiös-kultureller Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung wird nicht hinreichend Rechnung getragen.
Das differenziertere Modell des Dependenz-Verhältnisses von Fernando Henrique Cardoso bemängelt an Lenins Imperialismus-Konzeption, dass jene nicht mehr in der Lage sei, die jetzige Form von Kapitalakkumulation und internationaler Expansion hinreichend zu explizieren. Lenins Annahme von der Kontrolle des Finanzkapitals über das Industriekapital lässt sich Cardoso zufolge heute nicht mehr aufrechterhalten. Die abhängigen Gesellschaften exportieren Kapital in die Industrie-Nationen, und zwar durch die geringer werdenden Netto-Investitionen im Vergleich zu den zunehmenden Umsätzen der multinationalen Konzerne und durch die überhöhten Werte des Gewinntransfers.
Als zentral für eine neue Einschätzung von Abhängigkeitsverhältnissen betrachtet Cardoso die Verschiebung in der Investitionspolitik des ausländischen Kapitals: weg von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten- hin zum industriellen Sektor. Die heutige Lage abhängiger Länder kann nach Cardoso nicht mehr durch das einfache Modell des Handelsaustausches und durch die Annahme eines durchgängigen ausländischen Eigentums an den Produktionsmitteln jener Länder erklärt werden, da heutzutage die multinationalen Konzerne gemischte Eigentumsformen mit Beteiligung des lokalen Kapitals und des jeweiligen Staates billigen. Die internationale Arbeitsteilung eröffnet die Möglichkeit einer beschränkten Industrialisierung der peripheren Volkswirtschaft, so dass der aktuelle Wirtschaftsprozess in Lateinamerika nicht als bloßer Wachstumsprozess ohne Strukturveränderungen bezeichnet werden kann. Diesen Prozess nennt Cardoso die abhängig- assoziierte Entwicklung, die auch neue Formen der Abhängigkeit und interne Fragmentierung hervorruft: die fortgeschritteneren Teile der Volkswirtschaft werden direkt in das internationale System integriert, während die rückständigeren Bereiche zu „inneren Kolonien“ verkommen. Diese strukturelle Dualität hat nach Cardoso nicht den Dualismuscharakter, den die Modernisierungs- Theorien annehmen, denn sie ist der kapitalistischen Entfaltung keineswegs dysfunktional.
22
Zur Bestimmung von Unterentwicklung geht Cardoso von der Unterentwicklung und der Nicht- Entwicklung aus; letztere zeichnen diejenigen Gesellschaften aus, die überhaupt keine Beziehungen marktähnlicher Natur zu den Industrienationen unterhalten. Innerhalb der Unterentwicklung nimmt er weitere Differenzierungen vor, die den historischen Perioden und den Grundtypen der Wirtschaftsstruktur entsprechen. Somit zeichnet sich sein Ansatz gegenüber vielen Dependenz-Theorien dadurch aus, dass Cardoso grobe Schematisierungen vermeidet und das Dependenzverhältnis nicht als eine invariante Größe konzipiert. Die klassische und neoklassische Theorie hat von Anfang der Dependenz- Theorien entgegengehalten, dass ihre Analyse nicht zuträfe. Ohne zwingenden Grund würde die logischkonsistente Argumentationskette aufgegeben, die der traditionellen Weltwirtschaftsordnung zugrunde liegt. Danach ermöglicht die Verflechtung der Wirtschaftsräume in Industrie- und Entwicklungsländern eine internationale Arbeitsteilung und eine Spezialisierung der Produktion. Auf diese Weise bilden sich die Industrieländer als Standorte für die Produktion von Gütern aus, für die sie besonders qualifiziert sind; Entwicklungsländer sollten sich im Gegensatz auf jene Bereiche konzentrieren, in denen sie wettbewerbsfähig sind. Folgt man diesem Modell, erfährt der von der Dependenz Theorie kritisierte Tausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eine Aufwertung: ohne die weltwirtschaftliche Integration können die Spezialisierungsvorteile nicht eintreten. Weil Güter und Dienstleistungen verkauft werden, entstehen Einkommen und Arbeitsplätze. Gleichzeitig müssen Beschäftigungsmöglichkeiten aufgegeben werden, die nicht wettbewerbsfähig sind und durch den Handel obsolet werden. Während die Dependenz-Theorie nur die negativen Effekte der Integration hervorhebt, zeigt, die klassische und neoklassische Theorie die Vorteile auf, die sich aus der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung ergeben, und gibt die Notwendigkeit einer Anpassung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern an. Vorraussetzung für das Inkrafttreten dieses Mechanismus ist nach der Lehre der klassischen und neoklassischen Wirtschaftstheorie die Funktionsfähigkeit der Märkte. Sie erfüllen die ihnen zu gedachte Aufgaben, wenn die Preise die relative Knappheit der Güter wiedergeben. Angebot und Nachfrage lenken über den Markt die Produktion zu jenen Erzeugnissen, für die eine ausgeprägte Präferenz besteht, und signalisieren durch Verluste bei den Anbietern Produktgruppen, bei denen die
23
Nachfrager nicht die angebotene Menge zu den verlangten Preisen abnehmen (vgl. Alt 1988:75)
Übernimmt man das Zentrum-Peripherie-Modell , bei dem die Zentren ein Monopol auf Technologie und Produktionsmittelindustrie haben und die Peripherien die Rolle von Rohstofflieferanten übernehmen muss, so haben Zentren die übertragende Bedeutung auf die Beibehaltung der Entscheidungsbefugnisse über neue Warenproduktion, neue Expansion und internationale Märkte. Zu den Konsequenzen der Dependenzverhältnisse werden gezählt: Aufrechterhaltung oder Verstärkung der Ausrichtung peripherer Gesellschaften auf Rohstoffexport, Fremdbestimmung der internen Dynamik, ausländisch Kontrolle über Finanzierungs-, Wirtschafts- und Außenpolitik und Erweiterung der Kluft zwischen den Einkommen in den Zentren und denen in den Peripherien. Im Inneren der Peripherie verlangsamt sich das Wachstum und verstärkt sowohl die regionalen Disproportionalitäten als auch die politische Labilität und die ohnehin permanente Arbeitslosigkeit.
Die Dependenz-Theorien sind in dem Bemühen junger Nationen entstanden, zu einem autonomen Selbstverständnis zu kommen. Nicht zufällig stand auch die Frage nach einem neuen kulturellen und nationalen Selbstverständnis am Anfang der Dependenzdiskussion, denn man hatte festgestellt, dass die lateinamerikanische Realität eine „defektive Instanz“ darstellt, das heißt eine abgeleitete Wirklichkeit ohne eigene Authentizität (vgl. Mansilla 1974: 216)
Bemerkenswert an dieser Vorstellung ist nicht nur die Verbissenheit, mit der die lateinamerikanische „Authentizität“ intendiert wird, sondern auch die pauschale und schlecht belegte Anklage, die die Frage nach der zunehmenden Interdependenz aller Gesellschaften und nach der Internationalität politischer, technologischer und allgemein wissenschaftlicher Erkenntnisse offen lässt. Ideologiekritisch lässt sich ebenfalls nachweisen, dass die impliziten Voraussetzungen der Dependenz-Theorien mit dem Bestreben korrelieren, eine Rechtfertigungslehre für ehrgeizige Industrialisierungspläne zu liefern.
Frank: „Um die Beschränkung der bisher praktizierten Wirtschaftspolitik zu überwinden, müssten diese lateinamerikanischen Länder dem sowjetischen Industrialisierungsmodell folgen, in dem der Staat und nicht das Bedürfnis der Konsumenten bestimmt, welche wesentlichen Güter zuerst produziert werden.“ (Frank 1978: 108)
24
In einem der bekanntesten Werke der Dependenztheorie von Cardoso und Faletto stellten sie die These auf, dass einige Länder Lateinamerikas nach 1945 offensichtlich in der Lage waren, den Zyklus des importsubstituierenden Industrialisierung anzuschließen und den Aufbau einer Produktionsmittelindustrie in Angriff zu nehmen, und dass dies vor allem nicht zustande kam, weil soziale, politische und externe Faktoren diesem Bestreben im Wege standen. Zu den oben erwähnten theoretischen schwächen, kommen Mängel der wissenschaftlichen Praxis. Während über abstrakte und häufig rein semantische Fragen erbittert diskutiert wird, mangelt es an der der empirischen Arbeit, auf die sich die theoretische Diskussion stützen könnte. Dadurch geriet die Diskussion in eine gewisse Stagnation, nachdem um 1970 eine Phase eintrat, bei der bereits veröffentlichte Schriften wiederholt aufgearbeitet wurden.
Wie die Dependenz- Debatte als ganze, so ist auch der zentrale Begriff in Gefahr, zu verflachen und domestiziert zu werden. Während er im Ausland als neuester akademischer Exotismus adaptiert und entschärft wird, gleitet er in Lateinamerika zu einem emotional gefärbten Schlagwort ab, das zunehmend zum obligaten Bestandteil politischer Folklore besonders der bürgerlichen „nationalistischen“ Gruppe gehört und dort noch eine etwas festere Verhandlungsposition gegenüber dem Ausland, nicht mehr eine Kritik des kapitalistischen Systems bezeichnet. Die von einigen Theoretikern an A.G. Frank und seiner Richtung vorgebrachte Kritik trägt nicht zuletzt zu einer Differenzierung und Präzisierung der Dependenz-Theorie bei. Der theoretische Hauptmangel der Frankschen Konzeption besteht zweifellos darin, vorkapitalistische Produktionsverhältnisse zu leugnen und die Herrschaft kapitalistischer Produktionsweisen inflationär auf alle Räume und Zeiten Lateinamerikas ausgedehnt zu haben. Auch die differenzierteren Modelle von Cardoso vermögen nicht, der Komplexität der internationalen Beziehungen und der Differenziertheit des heutigen internationalen Schichtungssystems gerecht zu werden. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass die meist revolutionären Überwindungsstrategien der Dependenztheoretiker in keinem Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Dependenz-Theorie stehen. Die legitime Kritik an der Einseitigkeit traditioneller Entwicklungstheorien hat bei den Dependenztheoretikern zu einer unleugbaren Vernachlässigung außerökonomischer Gebiete geführt. Diese ökonomistische Verkürzung bedeutet für die Sphäre der politischen Strategie die Annahme, dass eine angemessene Überwindung der Unterentwicklung
25
hauptsächlich von einer unspezifisch gehaltenen Abschaffung der
Dependenzverhältnisse erwartet wird.
Die Dependenz-Theorien stellen kein begrifflich und logisch geschlossenes Gerüst dar, sondern sind ein Sammelbegriff für verschiedene Ansätze zur Erklärung der Unterentwicklung
Im Wesentlichen lassen sich folgende Kritikpunkt festhalten: 1. Die Dependenz-Theorie stellen keine empirisch quantifizierbaren Hypothesen auf. Sie sind deshalb keine Theorien im strengen sozial- ökonomischen Sinne, sondern begreifen sich als Paradigma auf hoher Abstraktionsebene. 2. Die aus den Theorien abgeleitete Strategien der „autozentrierten Entwicklung“ bleibt relativ vage in Bezug auf die zu ergreifenden außenwirtschaftlichen Maßnahmen und die Rolle, die einzelne gesellschaftliche Gruppe bei der Durchsetzung der Strategie zu spielen hätten. 3. Es wird keine Abwägung der Kosten und des Nutzens dieser Strategie vorgenommen, denn insbesondere für kleine Länder dürfte der Aufbau kohärenter Produktionsstrukturen mit so hohen Kosten verbunden sein, dass auf die Gesellschaften unzumutbare Belastungen zukommen. 4. Die Durchsetzbarkeit der Strategien muss in Frage gestellt werden, denn derzeit sind keine gesellschaftlichen Trägergruppen in der Dritten Welt zu Verwirklichung einer solchen Strategie erkennbar. Alle Entwicklungsländer setzen politisch auf Integration. Auch die geforderte neue
Weltwirtschaftsordnung atmet den Geist der Integrationstheoretiker. 5. Die Kritik an der Integration der Entwicklungsländer in den Weltmarkt (Kern der Dependenz-Theorien) beruht auf einem falschen Verständnis von Integration, denn diese zielt gerade darauf ab, die Entwicklungsländer aus ihrer Abhängigkeit von einseitigen Produktionsstrukturen zu befreien. Ziel ist der Übergang von der komplementären zur substitutiven Arbeitsteilung. 6. Es ist völlig unrealistisch, die Armut der Entwicklungsländer nur auf externe Verursachungsfaktoren zurückzuführen und die endogenen Ursachen zu vernachlässigen (demographische, soziale, psychologische, ökologische und ökonomische interne Ursachen).
26
Die genannten Einwände sollen nicht verdecken, dass die Dependenz-Theorien und die Strategie der autozentrierten Entwicklung die historische Dimension von Entwicklungsprozessen ins Blickfeld gerückt haben.
6. Fazit
Die Dependenz-Theorie ist unter verschiedenen Aspekten ergänzt und spezifiziert worden, wobei nicht alle Argumente einer kritischen Überprüfung standhalten, und besonders jene nicht, die aus einer deutlich ideologischen Richtung kommen. Die Darstellung dieser Diskussion würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Die Dependenz-Theorie gibt eine umfassende Sicht der Entwicklungsproblematik und versucht politische, ökonomische und soziale Aspekte in historischer Perspektive zu integrieren. Durch die Betonung der kumulativen Verkettung endogener und exogener entwicklungshemmender Faktoren wird die einseitige Sicht der Modernisierungstheorie, die Weltmarktbedingungen vernachlässigt hat, wie diejenigen der Imperialismustheorie, die nur den Weltmarkt, aber nicht die internen Strukturen näher analysiert, überwunden. Dies gilt zumindest für differenziertere Formen der Dependenz- Theorie, die keine Globaltheorie für alle „Dritte Welt“-Länder in den drei Kontinenten Asien, Lateinamerika und Afrika proklamieren, sondern für kontextbezogene Analysen spezifischer Abhängigkeitsstrukturen plädieren. Die Bedeutung der Dependenz-Theorie für eine Theorie der Unterentwicklung wird davon abhängen, inwieweit es gelingt, über das jetzt erreichte Stadium der generellen Bestimmung hinaus die erkannten Beziehungen theoretisch zu präzisieren und durch empirische Arbeit zu konkretisieren.
27
7. Literaturverzeichnis
Alt, Gerhard; Wrobèl- Leipold, Andreas (Hg.), 1988: Armut im Süden durch Wohlstand im Norden: Nachträge und Schlaglichter zur Dependenz- Theorie. München: Hanns Seidel Stiftung e.V.
Amin, Samir (Hg.), 1975: Die ungleiche Entwicklung: Essay über die Gesellschaftsformationen des peripheren Kapitalismus. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Bahnen, Heinrich; Jansen, Jürgen; Welsch, Friedrich (Hg.), 1976: Entwicklungspolitik: Unterentwicklung- Entwicklungsstrategien. Baden- Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.
Beier, Dietrich (Hg.), 1965: Die Theorie der peripheren Wirtschaft nach Raúl Prebisch und ihre Stellung in der allgemeinen Außenhandelstheorie. Berlin: Berliner Buchdruckerei Union GmbH.
Blaschke, Jochen (Hg.), 1983: Perspektiven des Weltsystems: Materialien zu Immanuel Wallerstein „ Das moderne Weltsystem“. Frankfurt/ New York: Campus Verlag.
Bratzel, Peter (Hg.), 1976: Theorien der Unterentwicklung: Eine Zusammenfassung verschiedener Ansätze zur Erklärung des gegenwärtigen Entwicklungsstandes unterentwickelter Regionen mit einer ausführlichen Literaturliste. Karlsruhe: Karlsruher Manuskript zur Mathematischen und Theoretischen Wirtschafts- und Sozialgeographie.
Cardoso, H. Fernando; Faletto, Enzo (Hg.), 1976: Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Datta, Asit (Hg.), 1982: Ursachen der Unterentwicklung: Erklärungsmodelle und Entwicklungspläne, Band 269, München: Verlag C.H. Beck.
28
Everse, Tilman; Wogau, Peter, 1973: Dependencia: lateinamerikanische Beiträge zur Theorie der Unterentwicklung. Das Argument 79: 404- 454. Frank, Gunder Andre, 1975: Die Entwicklung der Unterentwicklung S. 171- 182 in: Hafendorf, Helga (Hg.): Theorie der Internationalen Politik: Gegenstand und Methoden der Internationalen Beziehungen. Hamburg: Hoffmann und Campe. Frank, Gunder Andre (Hg.), 1980: Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Frank, Gunder Andre (Hg.), 1978: Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika. Frankfurt am Main: Europäischer Verlagsanstalt. Furger, Franz; Wiemeyer, Joachim (Hg.), 1996: Von der Dependenz zur Interdependenz: Anstöße und Grenzen der Dependenztheorie. Bonn: Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der deutschen Bischofskonferenz.
Grimm, Klaus (Hg.), 1979: Theorien der Unterentwicklung und Entwicklungsstrategien: Eine Einführung. Opladen: Westdeutscher Verlag. Godzik, Wolfgang; Laga, Gerd; Schütt, Kurt- Peter, 1976: Zur Kritik der Dependenztheorie: methodologische Anmerkungen zu einem neomarxistischen Ansatz in der Entwicklungsländerforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 28: 537- 556.
Hein, Wolfgang (Hg.), 1998: Unterentwicklung Krise der Peripherie. Augsburg: Leske + Buldrich.
Jungfer, Joachim (Hg.), 1982: Die Beziehung zwischen Zahlungsbilanz, Außenhandel und Wirtschaftswachstum, in: Volkswirtschaftliche Studien, Band 17, Gelsenkirchen: Mannhold
29
Mansilla, H.C.F. (Hg.), 1986: Die Trugbilder der Entwicklung in der Dritten Welt: Elemente einer kritischen Theorie der Modernisierung. Paderborn: Ferdinand Schöningh.
Mansilla, H.C.F., 1974: Kritik der Modernisierungs- und Dependenztheorie in: Soziale Welt, Heft 2, S.209- 223. Göttingen: Verlag Otto Schwartz & Co. Neumark, Fritz (Hg.), 1972: Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung. Frankfurt am Main: Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag. Samuelson, A. Paul (Hg.), 1955: Volkswirtschaftslehre: Ein Einführung. Köln: Bund-Verlag GmbH.
Samuelson, A. Paul; Nordhaus, D. William (Hg.), 1987: Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie. Band 1, Darmstadt: Bund- Verlag. Samuelson, A. Paul; Nordhaus, D. William (Hg.), 1987: Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie. Band 2, Darmstadt: Bund- Verlag. Schilling- Kaletsch, Ingrid, 1979: Zentrum- Peripherie- Modelle in der geographischen Entwicklungsländerforschung S. 39- 53 in: Hottes, Karl- Heinz (Hg.), Geographische Beiträge zur Entwicklungsländerforschung. Bonn: Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung.
Schmidt, Alfred (Hg.), 1976: Strategien gegen Unterentwicklung: Zwischen Weltmarkt und Eigenständigkeit. Frankfurt/ New York: Campus Verlag. Schweers, Rainer (Hg.), 1980: Kapitalistische Entwicklung und Unterentwicklung: Voraussetzungen und Schranken der Kapitalakkumulation in ökonomisch schwach entwickelten Ländern. Frankfurt am Main: Alfred Metzner Verlag GmbH. Senghaas, Dieter (Hg.), 1974: Peripherer Kapitalismus: Analysen über Abhängigkeit und Unterentwicklung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
30
Senghaas, Dieter (Hg.), 1977: Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik: Plädoyer für Dissoziation. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Strahm, H. Rudolf (Hg.), 1980: Überentwicklung- Unterentwicklung. Berlin: Burckhardthaus- Laetare Verlag GmbH.
Tibi, Bassam; Brandes, Volkhard (Hg.), 1975: Unterentwicklung. Frankfurt am Main, Köln: Europäische Verlagsanstalt.
Wallerstein, Immanuel (Hg.), 1984: The politics of the world- economy: The states, the movements, and the civilizations. Cambridge: Cambridge University Press.
31
Arbeit zitieren:
Stefanie Seibert, 2005, Die Dependenz-Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zwischen Kontinuität und Wandel
Eine werkgeschichtliche Betrac...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 25 Seiten
Kosten und Nutzen der EU-Osterweiterung: Eine Analyse ihrer Wirkungen
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Diplomarbeit, 119 Seiten
Dritte Welt, Entwicklungsländer, Schwellenländer - Ihre historische un...
Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie
Hausarbeit (Hauptseminar), 57 Seiten
Entwicklungsländer und Entwicklungstheorie
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hausarbeit, 33 Seiten
Argumente für und wider eine Osterweiterung der Europäischen Union
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Seminararbeit, 12 Seiten
Anomie und Individuum - Die Folgen der Anomie für den Einzelnen
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 12 Seiten
Die Anomietheorie von Èmile Durkheim und Robert Merton
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 21 Seiten
Die Dependenztheorie als Erklärung von Unterentwicklung und dependenzt...
Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Emile Durkheim und Robert K. Merton: Die Anomietheorie – zum Verständn...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 30 Seiten
Regionalpolitische Implikationen der Neuen Ökonomischen Geographie
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Diplomarbeit, 65 Seiten
Regionale Disparitäten als Integrationsproblem der EU
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Zu Emile Durkheims Dissertation "Über die Teilung der sozialen Ar...
Grundlagen und Gründe der Soli...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit, 18 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Die Rolle des Westens im Konflikt um Osttimor
Politik - Internationale Politik - Region: Ferner Osten
Seminararbeit, 15 Seiten
Robert Dahls Konzept von Demokratisierung
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Essay, 4 Seiten
Stefanie Seibert hat den Text Die Dependenz-Theorie veröffentlicht
Stefanie Seibert hat einen neuen Text hochgeladen
Soziologische Theorie kontrovers
Kölner Zeitschrift für Soziolo...
Gert Albert, Steffen Sigmund
Theoretische Positionen, aktue...
Jürgen Raab, Michaela Pfadenhauer, Peter Stegmaier, Jochen Dreher, Bernt Schnettler
Methodische Perspektiven auf Theorien des sozialen Raumes
Zu Henri Lefebvre, Pierre Bour...
Hans-Jürgen Macher
Vilmos Agel, Ludwig M. Eichinger, Hans-Werner Eroms, Peter Hellwig, Hans Jürgen Heringer, Henning Lobin
Geographie Themenhefte. Entwicklungsländer
Mensch und Raum. Oberstufe Gym...
Dieter Böhn, Wilfried Büttner, Johann-Bernhard Haversath
0 Kommentare