Was Hübner zu leisten verspricht, und worin das Hauptaugenmerk meiner Arbeit liegt, ist eine klare Definition des Begriffes der Lobblumen. Aus diesem Grunde werde ich mich im Folgenden sowohl mit dem Begriff des Lobes als auch mit dem Begriff der Blumen in Anlehnung an Hübners Untersuchung beschäftigen. Zunächst verfolge ich jedoch mit Curtius die Traditionslinie literarischer Bildung ausgehend vom Hellenismus bis in das 12. und 13. Jahrhundert hinein. Im letzten Teil meiner Arbeit werde ich auf die grammatische Struktur der Lobblumen eingehen und infolgedessen deren Bedeutung für die höfische Epik untersuchen. Dabei wird die Wechselbeziehung zwischen grammatischer Entwicklung und poetischer Sprache deutlich und welche Relevanz das für die Entwicklung eines poetischen Verständnisses insgesamt haben kann.
4
2 Die Tradition
Wer sich generell mit der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken beschäftigt, landet zunächst in der wissenschaftlichen Disziplin der Semantik. Geht es bei der Untersuchung von sprachlichen Ausdrücken auch um deren Formen, dann folgt zumindest für den Betrachter, der sich mit der europäischen Kultur beschäftigt, notwendigerweise die Beachtung der antiken griechischen Rhetorik. Einleitend dazu eine Textpassage von Ernst Robert Curtius:
Literatur gehört zur <
Das Fundament dieses tradierten europäischen Bildungswesens, also die Literatur, hat, wie erwähnt, seinen Ursprung im griechischen Altertum. Der „erste“ Philosoph Platon dagegen sah als einziges Bildungsmittel des wohlhabenden und damit freien Mannes die Philosophie an. Ein ihm wichtiger Punkt war seine Auseinandersetzung mit der sophistischen Rhetorik; anschaulich beschrieben in Otto Baumhauers Buch Die sophistische Rhetorik.7
Doch dies eingehender zu verfolgen würde zu weit vom hier behandelten Gegenstand führen. Festzuhalten bleibt, dass Platon die Sophisten in vielen seiner Dialoge durch seine literarische Figur des Sokrates verbal bekämpfen lässt. Die Auseinandersetzung lässt sich auf den Grundkonflikt bringen, dass der Philosoph der eigentliche Wahrheitssucher ist; Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit. Der Sophist dagegen ist ein sprachartistisch gewandter Verkäufer eigener Reden.
6 Curtius, Ernst Robert. Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Tübingen; Basel: Francke Verlag 1993. 11. Auflage, S. 46.
7 Baumhauer, Otto A. Die sophistische Rhetorik. Eine Theorie sprachlicher Kommunikation. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1986.
5
Er stellt seine Redekünste all denen zur Verfügung, die ihn dafür bezahlen. Mit seiner Rede ist der Sophist nun im Gegenteil zum Philosophen nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern versucht die ihm Zuhörenden durch geschicktes Sprechen zu überreden. Dafür nötig ist natürlich ein Wissen darum, welche Wirkung die gewählten Wörter beim Publikum entfalten. Dies ist also die Kenntnis, die der Sophist hat oder ihm zugeschrieben wird, und um dessentwillen er für die folgende Untersuchung von Bedeutung ist.
Platons Zeitgenosse, der Redner Isokrates, verstand das gekonnte Reden als Allgemeinbildung und als Vorbereitung (Propädeutikum) zur Philosophie zugleich. 8 Das Beherrschen der Sprache wurde so zum Fundament jeglicher Bildung und Wissenschaft; ja es wurde zu d e r Bildung schlechthin. Curtius dazu:
In der Spätantike wurde die Voraussetzung hinfällig, die noch Seneca teilen konnte, daß die freien Künste die Propädeutik der Philosophie darstellten. Diese hörte auf, eine wissenschaftliche Disziplin zu sein. Das bedeutet, daß am Ausgang des Altertums die freien Künste als einziger Wissensbestand übrig blieben. Sie waren inzwischen auf die Siebenzahl und auf die Reihenfolge festgelegt worden, die sie im ganzen Mittelalter behalten werden: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie. […] Die vier letzten (mathematischen)
artes
werden von Boethius als
quadruvium (Vierweg)
zusammengefasst, die drei ersten seit dem 9. Jahrhundert als
trivium (Dreiweg).
Der Begriff
ars
muß von <
Die artes (eigentlich artes liberalis; „liberal“ drückt aus, dass sie eines freien, also finanziell unabhängigen Mannes für würdig galten) wurden, wie Curtius schreibt, im Mittelalter bis zum 12. Jahrhundert zur „Fundamentalordnung des Geistes“. 10 Dies ist für die Untersuchung, die Hübner vornimmt und der ich folge, von enormer Bedeutung. Die kulturellen und sprachlichen Entwicklungen Europas sind ohne das eben beschriebene tradierte Bildungsverständnis nicht sinnvoll nachzuvollziehen. Wichtig zu beachten bleibt, dass die Grammatik die erste und zugleich wichtigste der sieben artes ist 11 ; gefolgt von der Rhetorik.
8 Curtius, Ernst Robert. Vgl. Anm. 6, S. 47; Isokrates: Athen 436, †ebd. 338, griech. Rhetor und Schriftsteller. [...] Das Programm der sophist. Wanderprediger vollendend, gründete er um 390 eine Rhetorenschule, die die meistbesuchte und bedeutendste in Athen wurde. [...] I. galten ausgefeilte, vollendete sprachl. Formkunst, Schönheit des Stils, Wohllaut, rhythm. Durchgestaltung der Rede mehr als gedankl. Tiefe.[Hrvhbg.v.m.,M.D.] Zit. aus: Der Literatur-Brockhaus: in acht Bänden/ hrsg. von
Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und der Brockhaus-Redaktion. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG 1995. Bd. 4, S. 254.
9
Ebd.
10 Ebd. S. 52.
11 Ebd.
6
2.1 Rhetorik
Die Rhetorik als Kunstlehre (ars) hat fünf Teile: inventio (εΰρεσις, Findungslehre), dispositio (τάξις, Anordnung), elocutio (λέξις, Ausdruck), memoria (μνήμη, Gedächtnis), actio (νπόχριοις, Vortrag). Den Gegenstand der Rhetorik (materia artis) bilden die drei Arten der Beredsamkeit: Gerichtsrede (genus iudiciale, γένος διχανιχόν), beratende Rede (genus deliberativum, γένος συμβουλευτιχόν), Lob- und Prunkrede (genus demonstrativum, γένος έπιδειχτιχόν oder 12 πανηγυριχόν).
Curtius merkt dann an, dass der Prunkrede, die uns im Kontext des Lobblumens zu interessieren hat, seit dem Hellenismus eine viel größere Bedeutung zu kam als den beiden vorhergehenden Redearten (Gerichtsrede und beratende Rede). 13 Gegenstand der Prunkrede ist hauptsächlich das Lob auf Götter und Menschen:
Sie wurde politisch bedeutsam in der Kaiserzeit. Lateinische und griechische Lobreden auf die Herrscher waren eine Hauptaufgabe der Sophisten. Das Herrscherlob (βασιλιχός
λόγος)
wurde damals als eigene Gattung eingeführt. Andere Gattungen waren: die Grabrede, die Hochzeitsrede, die Geburtstagsrede, die Trostrede, die Begrüßungsrede, die Beglückwünschungsrede usw. Erst in der Spätzeit wird die Prunk- oder Lobrhetorik genau systematisiert und schulmäßig gelehrt. Zu den <
Die eben erläuterten fünf Teile der Rhetorik untersucht Curtius im Folgenden. Dabei richtet er die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den Teil, der sich mit der Auffindung des Stoffes beschäftigt; der inventio. Diese wird wiederum in fünf Teile gegliedert:
1. Einleitung (exordium oder prooemium);
2. <
Diese Einteilung findet sich in angeglichener Form in allen drei Redearten. In der Einleitung soll der Hörer „wohlwollend, aufmerksam und gelehrig gemacht werden“. Der Schluss sollte den Leser in die vom Redner gewünschte Stimmung versetzen.
12 Ebd. S.77f.; Curtius fügt dieser Ausführung folgende Anmerkung hinzu: „Der Terminus έπιδειξις (ostentatio) geht auf den Prunkcharakter, der Terminus πανηγυριχός auf den äußeren Anlaß (festliche Versammlung - πανηγυρις - z.B. bei den olympischen oder anderen Spielen) zurück.“
13 Ebd. S.78.
14 Ebd.; Priscianus: lat. Grammatiker des 5/6 Jh. Aus Caesarea in Nordafrika. - Hauptwerk ist die unter Verarbeitung älterer Grammatiken entstandene >Institutio grammatica< (18 Bücher), die größte bekannte Darstellung der lat. Grammatik (Standartwerk im MA), wichtig v. a. wegen der zahlreichen Zitate aus nicht überlieferten literar. Werken. [...] Zit. aus: Der Literatur-Brockhaus: in acht Bänden. Vgl. Anm. 8. Bd. 6, S. 322. 15 Ebd. S. 79.
7
Für unsere Untersuchung am wichtigsten ist der dritte Teil: der Beweis. Das Wesentliche am Beweis ist, genau hier zeigt sich die enorme Disharmonie zu Platons Philosophieverständnis, dass er jeder Rede die Überzeugungskraft einer Wahrheit geben sollte. Jede Rede, und Curtius führt in Klammern ausdrücklich auch die Lobrede an, „hat einen Satz oder eine Sache“ für den zu überzeugenden Hörer „annehmbar zu machen“:
Wesentlich ist:
Es geht also gerade nicht wie in den Platonischen Dialogen darum, dass sich die Gesprächsteilnehmer einander befragend, was ja hauptsächlich von Platons literarischen Figur des Sokrates geleistet wird, „der“ Wahrheit annähren; es geht vielmehr darum, dass der Redner selbstständig den Kreis seiner Zuhörer überzeugt. Auch wenn dies mit Argumenten geschieht, die lediglich den Schein von Wahrheit haben, ist das für den Sophisten völlig legitim; sein Ansatz ist es vermittels seines Sprachvermögens zu überzeugen. 17
Die Frage, welche sich diesbezüglich aufdrängt, lautet: wie soll ein geübter Redner die Sprache benutzen, um dies zu bewerkstelligen; gibt es feste Regeln oder Orientierungspunkte, die für den Redner erfolgversprechender sind als andere? Den ersten Schritt haben wir bereits vollzogen; die Rhetorik vermittelt die Struktur, wie eine Rede aufgebaut sein muss. (siehe oben)Des weiteren verweist Curtius auf Folgendes:
16 Ebd.
17 Anzumerken bleibt hier, dass dem Verständnis der Sophisten von „Wahrheit“ von vornherein etwas anderes zu Grunde liegt als bei Platon. Dieser geht von einer Ideen„welt“ aus, welche die eigentlichen Substanzen der Welt bedeuten. Das heißt, das die Menschen in einer Scheinwelt leben und das tatsächlich Richtige - eben die Wahrheit beziehungsweise die „Idee des Guten“ nach welcher die Seelen der Philosophen laut Platon streben - in der realen Welt (der Welt des Scheines) letztlich gar nicht erkannt werden kann; deshalb sieht ein Philosoph in diesem Verständnis dem Tod mit Freuden entgegen. Erst im Reich der Seelen, losgelöst vom Körper, kann die Seele die Ideen tatsächlich erkennen. Ob dieser Erkenntnisakt dann über sprachliche Aspekte vollzogen wird, bleibt offen. Die Sophisten dagegen gehen von verschiedenen Standpunkten aus; so viele Menschen es gibt - so viele verschiedene Standpunkte beziehungsweise Wahrheiten sind dann auch real möglich. Das Feld, auf welchem dann um die Vormachtstellung eines oder einiger Standpunkte gerungen wird, ist eben das Feld der Sprache. Dieser Ansicht folgt natürlich eine gewisse Beliebigkeit im Verständnis von Wahrheit(en); aber gerade dies kann man auch als Stärke begreifen, sich die Welt zu erklären. Der Wettstreit der Positionen ist in sofern ein fairer Kampf, der von den Sprachartisten, den Rednern beziehungsweise Sophisten mit den gleichen Voraussetzungen für alle bestritten wird. Der Erfolg im Überzeugen der Zuhörer liegt letztlich allein im Vermögen des Sprechenden begründet. Beherrscht er die Sprache besser als sein verbal agierender Gegner, gewinnt er und der von ihm vertretene Standpunkt wird zur von allen/den meisten akzeptierten „Wahrheit“.
8
Nun gibt es eine ganze Reihe solcher Argumente, die für die verschiedensten Fälle anwendbar sind (gemeint sind also verschiedene Fälle von Gesprächssituationen, in denen die Zuhörer überzeugt werden sollen, Anm.v.m.,M.D.]. Es sind gedankliche Themen, zu beliebiger Entwicklung und Abwandlung geeignet. Griechisch heißen sie
χοινοί τόποι
; lateinisch loci communes, im älteren Deutsch <
Es ist also die Topik, die einem „praktischen Zweck dient“; und der praktische Zweck ist das Überreden, ist „einen Satz oder eine Sache annehmbar“ zu machen für das Auditorium beziehungsweise ein „sich an den Verstand und das Gemüt des Hörers“-Wenden.
2.2 Das Lob
Aber wir sahen, dass die beiden wichtigsten Arten der Rede, Staats- und Gerichtsrede, mit dem Untergang der griechischen Stadtstaaten und der römischen Republik aus der politischen Wirklichkeit verschwanden und in die Rhetorenschule flüchteten; daß die Lobrede zu einer Lobtechnik wurde, die sich auf jeden Gegenstand anwenden ließ; daß auch die Poesie rhetorisiert wurde. Das bedeutet nichts anderes, als daß die Rhetorik ihren ursprünglichen Sinn und Daseinszweck verlor. Dafür drang sie in alle Literaturgattungen ein. Ihr kunstvoll ausgebautes System wurde Generalnenner, Formenlehre und Formenschatz der Literatur überhaupt. Das ist die folgenreichste Entwicklung innerhalb der Geschichte der antiken Rhetorik. Damit gewinnen auch die topoi eine neue Funktion. Sie werden Klischees, die literarisch allgemein verwendbar sind, sie breiten sich über alle Gebiete des literarisch erfassten und geformten Lebens aus. Wir sehen in der Spätantike aus dem veränderten 19 Lebensgefühl neue topoi entstehen.
Dies ist in nur sehr groben Zügen und recht oberflächlich die Entwicklung, welche zur literarischen Geburt der Lobtechnik führte. Was in den griechischen Stadtstaaten begann und von der römischen Kultur übernommen wurde, blieb auch im Mittelalter Gegenstand der Tradition, nun war es die Poesie, die rhetorisiert wurde; die ursprünglichen Anwendungsgebiete gingen verloren:
Die Gerichtsrede hat nach dem Untergang der griechischen und römischen Freiheit ihre Bedeutung fast verloren. Aber man besaß nun einmal eine hochentwickelte Lehre von der Prozeßtechnik und war nicht gewillt, sie fallen zu lassen. [...] Eben deswegen wurde sie an fingierten Rechtsfällen geübt und schematisch weitergegeben [...].
18 Curtius, Ernst Robert. Siehe Anm. 6, S. 79.
19 Ebd.
9
Die beratende Beredsamkeit ist ursprünglich politische Rede in Volksversammlung oder Senat [also der griechischen Polis oder dem römischen Senat, Anm.v.m.,M.D.]. Auch sie wird in der Kaiserzeit Schulübung und heißt nun suasoria oder deliberativa.Der Schüler versetzt sich in die Lage irgendeiner bekannten Persönlichkeit der Vergangenheit und überlegt, wie zu 20 handeln sei.
Von den drei Arten der Beredsamkeit blieb folglich die Prunkrede in ihrer Anwendung als einzige erhalten. Sie ist das Fundament und wird zum Ausgangspunkt, beschäftigt man sich mit dem Lobblümen. Die Literatur, mit der ich mich im Kontext des Lobblümens beschäftige, ist die Literatur des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Sie geht hervor aus einem historischen Gebilde, das Curtius mit „lateinisches Mittelalter“ bezeichnet. Was er darunter versteht ist Folgendes:
Durch Karl den Großen wurde das historische Gebilde erst vollends konstituiert, das ich als <
[...] Noch Jahrhunderte hindurch [...] das Latein als Sprache des Unterrichts, der Wissenschaft, der Verwaltung, der Justiz, der Diplomatie lebendig geblieben [ist]. In Frankreich wurde es als Gerichtssprache erst 1539 durch Franz I. abgeschafft. Aber auch als literarische Sprache hat das Latein das Ende des Mittelalters lange überlebt. Dante, Petrarca, Boccaccio haben sowohl lateinisch wie italienisch geschrieben und gedichtet. Der 22 Humanismus hat der Hochschätzung des Lateins einen neuen, mächtigen Antrieb gegeben. Die Situation im zwölften und dreizehnten Jahrhundert, also einer Zeit die zur eben beschriebenen gehört, sah nun folgendermaßen aus:
Das Aufblühen der volkssprachlichen Literaturen seit dem 12. und 13. Jahrhundert bedeutet keineswegs ein Versiegen oder Zurücktreten der lateinischen Literatur. Das 12. und das 13. Jahrhundert sind sogar ein Höhepunkt lateinischer Dichtung und Wissenschaft.[...] Der einfache Mann wie der Gebildete weiß, dass es zwei Sprachen gibt: die des Volkes und die der Gelehrten (clerici, litterati). Die Gelehrtensprache, das Latein, heißt auch grammatica und gilt Dante - wie schon dem Römer Varro - als eine von weisen Männern erfundene, 23 unveränderliche Kunstsprache.
Die von Curtius eben zitierten Passagen umreißen die kulturelle Situation, in welcher die nun folgende Literatur zu verorten ist.
Bevor ich auf diese eingehe und dann spezifisch auf die Lobblumen zu sprechen komme, muss ich einige für die weitere Untersuchung wesentliche Begriffe erläutern.
20 Curtius, Ernst Robert. Siehe Anm. 6, S. 78.
21 Ebd. S. 37. 22 Ebd. S. 36. 23 Ebd. S. 35f.
10
Der dritte Teil der Rhetorik, die Lehre vom Ausdruck (λέξις, elocutio) steht dem modernen Verständnis am nächsten. Er enthält eingehende stilistische Vorschriften für jede Art schriftlicher Darstellung. Behandelt wird die Auswahl und Zusammenfügung der Wörter, ferner die Theorie der drei Stilarten, endlich die Redefiguren.
Diesem letzten Teil werden oft auch spezielle Lehrbücher gewidmet. Der beherrschende Gesichtspunkt bei all dem ist die Vorstellung, dass die Rede <
Im Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft findet sich zu den Begriffen Elocutio und Ornatus folgender Eintrag:
Elocutio:
Der sprachlich-stilistische Ausdruck: das dritte Lehrgebiet im System der Rhetorik seit der Antike. Expl: die - möglichst vollkommene - Anpassung geeigneter Wörter und Sätze an die gedankliche Erfindung (↑Inventio) der Rede (und dann jedes literarischen Textes): die der Wahl, Festlegung und Ordnung (↑Dispositio) des Inhalts nachfolgende und entsprechende Formgebung, das Wie der Rede, das sich nach den Grundsätzen der grammatischen Korrektheit und stilistischen Reinheit (puritas), der Klarheit (persspicuitas, ↑Stilprinzip) und Eleganz (elegantia), des rhetorischen Schmuckes (↑Ornatus), der speziellen Angemessenheit (↑Aptum) für das Thema und der Meidung stilistischer Fehler (vitia) zu richten hat. In diesem weiteren Sinne steht ‚elocutio’ dem Begriff des ↑Stils in der modernen Textwissenschaft nicht fern. Wird der ‚materielle’ Gegenbegriff jedoch auf die Gedankenführung im kleinsten Detail ausgedehnt, so kann elocutio die bloß äußerliche, lautsprachliche, klangliche Textoberfläche meinen, so in der Bezeichnung der figurae elocutionis ‚Wortfiguren’ zum Unterschied von den figurae sententiae ‚Gedankenfiguren’ (↑Rhetorische Figur). Streng logisch wird diese Abgrenzung in der klassischen Rhetorik aber nicht vollzogen. [...]
SachG: [...] Erst bei den Römern tritt die Elocutio ganz in den Vordergrund und drängt nach dem Ende der freien politischen Rede die anderen Lehrgebiete der ↑Rhetorik immer mehr an den Rand. Zudem ist die Elocutio jener Teil der rhetorischen Technik, welche auf fast jede Art sprachlicher Werke, selbstverständlich auch dichterische, Anwendung finden kann. So bildet sie denn auch den Hauptinhalt der mittelalterlichen ↑Ars dictandi und ↑Poetik, wobei mitunter gemäß dem Erfordernis einer korrekten Latinität grammatisches Lehrgut reichlich einfließt. In jedem Fall dominiert aber die Lehre vom ↑Ornatus, die sich auch ganz verselbstständigen und gleichsam als die ‚ganze’ Rhetorik 25 ausgeben kann - und dies noch bis in neueste Zeit.[...].
Ornatus:
Der stilistische Schmuck des sprachlichen Ausdrucks; dessen wichtigstes in der Rhetorik gelehrtes Wirkungsmittel.
Expl: Die über die sprachlich Korrektheit, stilistische Reinheit, Klarheit und Eleganz hinausgehende, doch ebenfalls noch zum Lehrgebiet der ↑Elocutio zählende, ja in dessen Zentrum stehende Ausschmückung einer Rede bzw. jedes sprachlichen Textes zur Erhöhung der Aufmerksamkeit und/oder des ästhetischen Genusses des Hörers oder Lesers durch die Wahl bestimmter Wortklänge, Wortinhalte, Wortverbindungen und Gedanken(reihen).
SachG: Die möglichen Qualitäten des Ornatus sind laut Quintilian (8,3-9,4; 12,10) Kraft, Vornehmheit, Schärfe, Normgerechtheit, Farbigkeit und Glanz, die Mittel des Ornatus die folgenden im Bereich der Einzelwörter: Auswahl des passenden Synonyms nach klanglichen und inhaltlichen Gesichtspunkten, insbesondere eines archaischen, neugebildeten, oder bildhaften Ausdrucks (vetustas, fictio, tropus); im Bereich der Wortverbindungen: die Wort- und Sinnfiguren (figurae elocutionis et sententiae) sowie die syntaktische Gestaltung, soweit sie über die grammatische Korrektheit hinausgeht (compositio), d.h. einschließlich der Kausallehre (↑Cursus).
24 Ebd. S. 80.; Quintilian Marcus Fabius Quintilianus), Calagurris Iulia (heute Calahorra) um 35, †Rom um 100, röm. Lehrer der Beredsamkeit. - [...] Sein Hauptwerk, die >Institutio oratioria< (=Rhetorische Unterweisung, 12 Bücher), ist die ausführlichste erhaltene Darstellung der antiken Theorie der Redekunst [...]
Ausgabe: M. Fabii Quintiliani institutionis oratoriae libri XII. Lat. U. dt. Hg. u. übers. v. H. Rahn. Darmst. 1972-75. 2Bde. Zit. aus: Der Literatur-Brockhaus: in acht Bänden. Vgl. Anm. 8. Bd. 6, S. 352f. 25 Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Klaus Weimar gemeinsam mit Harald Fricke, Klaus Grubmüller und Jan-Dirk Müller. Berlin; New York: de Gruyter 1997. 3. neubearb. Auflage. Bd. 1, S. 433f.
11
In solcher Vollständigkeit erscheint dieses Lehrgebiet freilich nur in wenigen Handbüchern der Rhetorik. Bei der sonst weithin üblichen Konzentration auf die Tropen und Figuren fallen die anderen Phänomene entweder in andere Lehrbereiche oder ganz weg.
Eine eigene, spezifisch mittelalterliche Ausprägung erfährt der Ornatus in den Poetiken Galfreds von Vinsauf, Eberhards von Bremen und Johannes’ von Garlandia.
Er tritt hier an die Stelle der ↑Genera dicendi, die ihrerseits zu rein inhaltlichen Qualitätsbegriffen umfunktioniert worden sind. Unabhängig vom Dignitätsgrad des gewählten Stoffes verleiht dann der schwere Schmuck (ornata difficultas, gravitas, modus gravis, semita difficilis, ornatus difficilis) der Darstellung durch reichen Gebrauch (ornatus facilitas, levitas, sermo levi, via plana, ornatus facilis) durch Meidung bildhafter Ausdrücke und Einsatz der Figuren einen zwar kunstvollen, aber scheinbar mühelosen und fasslichen Redefluß.
Auch der GEBLÜMTE STIL [sic!,M.D.] [...] im deutschen Spätmittelalter steht dem Ornatus difficilis nahe. Eine gewisse Affinität bestimmter Formen des Ornatus zu den drei Stilarten (Genera dicendi) hatte es freilich schon in der Antike gegeben. Im Gegensatz zu dem mittelalterlichen Schematismus bestand der Unterschied aber v. a. in einer kaum meßbaren gradmäßigen Steigerung der 26 Schmuckfülle.[...]
Im folgenden Kapitel zeige ich, dass Hübner das Semem von blüemen in zwei unterschiedliche Gebrauchsformen gliedert: den eigentlichen und den uneigentlichen Gebrauch. Der uneigentliche Gebrauch „enthält“ die wichtige technische Komponente der Begrifflichkeit; bei dieser wird deutlich, dass blümen trotz eigenständiger technischer Bedeutung durchaus nicht losgelöst gedacht werden kann von der tradierten Schulrhetorik. Mit rhetorischen Blumen wurde geschmückt (orniert). Hübner weist dem blümen nun aber in der höfischen Praxis, also hauptsächlich der Literatur des dreizehnten Jahrhunderts, eine darüber hinausgehende, eigenständige rhetorische Bedeutung zu.
2.3 „blüemen“
Das mittelhochdeutsche Wort blüemen bedeutet: „mit blumen [sic!,M.D.] od. überh. schmücken, verherrlichen“. 27
Hübner versteht diese Bedeutung als den eigentlichen Gebrauch des Wortes. 28
26 Ebd. Bd. 2, S. 771f.
27 Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Hrsg. v. Lexer, Matthias. Stuttgart: S. Hirzelverlag 1992.
3. Auflage. S. 23.
28 Ich führe hier die Übersicht von Hübner an:
1. eigentlich: „mit Blumen schmücken“
2. uneigentlich:
2.1. nicht auf Sprachliches bezogen: „schmücken, auszeichnen, überbieten, krönen“ 2.2. auf Sprachliches bezogen:
2.2.1. geblüemt untechnisch (ohne rhetorische Kategorien im Kontext): „auserlesen“ (oft für rhetorische Interpretation offen)
2.2.2. technisch (mit weiteren rhetorischen Kategorien im Kontext): 2.2.2.1. im Sinn d. Schulrhetorik: „mit flores rhetorici ornieren“
2.2.2.2. rhetorischer Terminus für höfische Praxis:„hyperbolische Metaphorik in laudativer Funktion einsetzen“
12
[...] der Weg zum rhetorischen Terminus [ist] kurz: Wenn mit den Blumen die flores rhetorici gemeint 29 sind, gerät blümen (wie das Lehnwort florieren) zum Pendant für ornare. Geschmückt (orniert) wird natürlich die Rede beziehungsweise der literarische Text (siehe auch die Erläuterungen zu Ornatus S. 9). Wird das Wort blüemen allerdings nicht bloß als Pendant zum Terminus ornare gebraucht, steht es auch im Zusammenhang mit dem ornierten Lobpreis. 30
Das entscheidende Kriterium für Hübners Untersuchung ist der „syntaktisch fixierte Bezug von blümen auf Sprachliches, also auf Kategorien wie sprüche, rede oder wort.“ 31
Wenn etwas Sprachliches (wort, spruch, rede, lop in der Bedeutung Preisrede) geblümt ist, wird ein rhetorisches Verständnis der Verbmetapher möglich. 32
Blüemen wird also zur Metapher; Anwendung findet sie sowohl auf Sprachliches als auch auf Nichtsprachliches. Zur Metapher wird blüemen, weil es an die Stelle konkreter Termini gesetzt wird. Ziel dieser Vorgehensweise ist eine artifiziellere Ausdrucksweise; dies muss vom Dichter erfolgreich umgesetzt werden. Festzuhalten bleibt, dass es in Hübners Untersuchung hauptsächlich um die technische Verwendung der Begrifflichkeit geht. Die Technik meint dabei die literarische Geschicklichkeit der Dichter im Umgang mit den Blumen. Diese sind wie gesehen nicht sprichwörtlich zu verstehen. Zur Extension des Begriffes blume, blüemen, geblüemt zählen in diesem Kontext keine realen Blumen. 33 Diese Termini sind auf dieser Stufe bereits abstrakte Begriffe deren Gegenstände wiederum Begrifflichkeiten beziehungsweise Vorstellungen und Ideale sind. Es handelt sich dabei also im besten Sinne um Metaphern 34 , die von den Dichtern
zit. Nach: Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 88.
29 Ebd. S. 87.
30 Ebd. S.37; Hübner erläutert dies anhand des Tum von Heinrich von Mügeln. Er verweist dabei darauf, dass der Begriff blüemen nie auf eine andere Art des Redens angewendet wird als auf den Lobpreis.
31 Ebd.
32 Ebd. S. 87.
33 Die Extension eines Wortes ist die Menge der Dinge, auf die das Wort zutrifft; die Intension eines Wortes ist die Menge der Eigenschaften, die die Dinge festlegen, auf die das Wort zutrifft. Zit. nach: Salmon, Wesley. Logik. Aus dem Engl. v. Joachim Buhl. Philipp Reclam jun. GmbH & Co.: Stuttgart 2001. S. 250.
34 Zur Verwendung von Metaphern in genau diesem Kontext, also dass die Metapher zum Ausdruck einer Wirklichkeit jenseits der alltäglichen Realität wird, findet sich im Literatur-Brockhaus folgende Anmerkung: [...] Dadurch, daß Wörter in einem Kontext verwendet werden, der vom gewohnten abweicht, gewinnt die Sprache Ausdrucksmöglichkeiten für Erfahrungen, Erlebnisse, Erkenntnisse, die in herkömml. Sprache nicht oder nur unzureichend formuliert werden können. In: Der Literatur-Brockhaus: Vgl. Anm. 8. Bd. 5, S. 344f.
13
wiederum nur auf bestimmte und genau abgrenzbare allerdings literarische Gegenstände angewendet worden sind. Geblüemt bezieht sich im zu untersuchenden Kontext also nicht auf reale oder fiktive Gegenstände, sondern auf sprachliche Konstrukte. Folgerichtig spricht Hübner im Zusammenhang mit dem Begriff blüemen auch von einer Verbmetapher. 35
Die Verbmetapher wird zum rhetorischen Terminus: Ein Lob ist geblümt, wenn es mit den entsprechenden, also den „korrekten“, Ausdrucksformen ausgestattet wird. Die „entsprechenden Ausdrucksformen“ kennzeichnet Hübner als „hyperbolische Metaphorik“; diese hyperbolische Metaphorik wiederum hat eine spezielle Funktion: mit ihr soll gelobt werden. 36
35 Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 87.
36 Siehe die Gebrauchskontexte von blüemen vgl. Anm. 28.
14
3. Lobblumen
Was sind nun die Lobblumen? Hübner merkt, seine Untersuchung einleitend, dazu an, dass er sich am historischen Sprachgebrauch orientiert, wenn er von geblümtem Lobpreis beziehungsweise vom Lobblümen spricht. Als Lobblumen, oder deren Gegensatz: als Scheltblumen, bezeichnet er die zum Lobpreis gehörigen Ausdrucks-formen.
Den Stilbegriff, also den geblümten Stil, möchte er, da er sich ja am historischen Sprachgebrauch orientiert, gar nicht erst diskutieren. 37 Auf die Verwendung der Verbmetapher geblümt möchte er weitesgehend verzichten. Anwenden möchte er diesen Begriff nur noch auf laudative und vituperative, also lobende und scheltende, Passagen mit metaphorischen Ausdrucksformen (Metaphern, Metonymien, Vergleichen,...). Mit diesem Vorgehen erhält der Begriff des Lobblümens zwar eine kleinere Extension; nach Hübners Verständnis jedoch zugleich „eine zumindest prototypisch bestimmbare“ und „vor allem historisch begründbare Intension“. 38
Das Lobblümen ist in diesem Sinn, wenn man den Stilbegriff doch noch einmal bemühen will, kein Autor-, kein Epochen-, kein Gattungs-, sondern am ehesten ein Funktionalstil, der in laudativen Texten oder Textpassagen allerdings innerhalb einer bestimmten Zeitspanne von bestimmten Autoren besonders gern eingesetzt wurde. 39
Hübner genügt es aber nicht, einfach auf die geblümten Passagen in der Literatur beziehungsweise auf die Autoren zu verweisen, die davon Gebrauch machen; sein Anliegen geht vielmehr dahin, die „poetologischen Implikationen des Lobblümens“ deutlich zu machen. Diese poetologischen Implikationen lenken nach Hübner „das kommunikative Interesse zunehmend explizit und reflektiert auf die Sprachartistik selbst“. 40
In diesem Prozeß wird die ursprüngliche symbolische Funktion der Preismetaphorik etwa im Marien-, aber auch im Fürstenlob, von einer ästhetischen Funktion
37 Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 5.
38 Ebd.
39 Ebd. S. 5f.
40 Ebd. S. 6.
15
überlagert, die vor allem im Fürstenpreis zu einem ausgesprochen selbstbezüglichen poetologischen Konzept führt, das den Text in erster Linie als Artefakt darstellt. 41
Die Konsequenz ist folgende: der Begriff des Lobens und die rhetorische Tradition der Prunkrede richten die literarische Aufmerksamkeit zunächst auf die zu lobenden Persönlichkeiten und Gegenstände. Eine hohe Persönlichkeit, wie etwa der Straßburger Bischof Konrad von Lichtenberg (vgl. Einleitung), muss dann mit „angemessenen“ Begriffen gelobt werden. Hier kann es, man bedenke die Arbeit der Sophisten, zum Wettstreit der Dichter kommen; also welcher Autor welche Persönlichkeit mit welcher verbalen Technik am besten zu loben versteht. Die Entwicklung, auf die Hübner nun aufmerksam machen will, ist die eben beschriebene: obwohl die Texte der Dichter in festen pragmatischen Funktionszusammenhängen stehen, eben der des Lobens, verlieren die Bezüge zu den gelobten Gegenständen an Bedeutung und tritt zugleich die Künstlichkeit des literarischen Textes, also dessen artistische Form, in den Vordergrund der Rezeption. Dies führt zwangsläufig zu poetischer Autonomie trotz pragmatischen Funktionszusammenhanges. Auf diese poetische Entwicklung werde ich im Folgenden noch genauer zu sprechen kommen. Zunächst werde ich jedoch auf die verschiedenen Formulierungsmuster der Lobblumen eingehen.
3.1 Formulierungsmuster des Lobblümens
Gert Hübner spricht von drei grundlegenden Formulierungsmustern für das Lobblümen:
Neben Genitivmetapher und metaphorischer Kennzeichnung ist der explizite Vergleich das dritte grundlegende Formulierungsmuster des Lobblümens. 42
Hübner selbst gesteht sofort ein, dass der Terminus der „Genitivmetapher“ die Verhältnisse dieses Formulierungsmusters nur unzureichend abbildet. 43 Der Text, den er zur Klärung dieser Begrifflichkeit heranzieht, stammt von Hartmann von Aue: es handelt sich um die Verserzählung Der arme Heinrich (um 1195). 44
41 Ebd.
42 Ebd. S. 94.
43 Ebd. S. 92.
44 Ebd. S. 91.
16
Hartmann stellt seinen Helden Heinrich geblümt vor:
Heinrich war also eine Blume, ein Spiegel, ein Diamant und eine Krone. Diese Wörter stehen aus grammatischer Perspektive im Nominativ; stilistisch gesehen, handelt es sich dabei natürlich um Metaphern. Deshalb spricht Hübner auch von „metaphorischen Nominativen“. 46
Blume, Spiegel, Diamant und Krone versteht Hübner zugleich als Konkreta, denen eine „primär hyperbolische Funktion“ zu kommt. Was damit gemeint ist, wird deutlich, betrachtet man die übrigen Satzglieder.
Jugent, vreude, triuwe und zuht führt Hübner als höfische Wertbegriffe an. Sie stehen alle im Genitiv und fungieren zugleich als Attribute der ihnen zugehörigen Nominative; Hübner spricht folgerichtig von „nichtmetaphorischen Genitivattributen“. 47 Er verdeutlicht zugleich, dass die Genitivattribute in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Nominativen stehen, und das ist natürlich korrekt; die eigentliche Bedeutung kommt aber doch den Genitivattributen zu. Jetzt erklärt sich auch die hyperbolische Funktion der Nominative: sie sollen ein Höchstmaß, Hübner übersetzt es mit „Innbegriff“ 48 , zum Ausdruck bringen, welches dann auf die höfischen Wertbegriffe angewendet verdeutlicht, in welch hohem Maße der Protagonist mit diesen Werten „ausgestattet“ ist. Steht also der metaphorische Nominativ bluome für den „Maximalwert“ den es bezüglich der jugent zu erreichen gilt, bringt dieses Genitivattribut beziehungsweise das Genitivabstraktum die Qualität zum Ausdruck, von welcher eigentlich gesprochen wird.
Die „Genitivmetapher“ ist nun also ein grundlegendes Formulierungsmuster für das Lobblümen, eine weitere ist die metaphorische Kennzeichnung.
45 Hartmann von Aue. Der arme Heinrich. Hg. v. Hermann Paul. 16. Aufl. bes. v. Kurt Gärtner. Tübingen: Niemeyer Verlag 1996 (ATB 3). S 3f.(vv 60-67); Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 91.
46 Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S.91. Hübner erläutert die einzelnen Metaphern und ihre spezifischen Bedeutungstraditionen in der Anm. 5.
47 Ebd.
48 Ebd.
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Den wesentlichen Unterschied zwischen Genitivmetapher und der metaphorischen Kennzeichnung beschreibt Hübner folgendermaßen:
Im Unterschied zur Genitivmetapher, bei der das Genitivabstraktum prinzipiell angibt, um welche Qualität es eigentlich geht, überläßt es die metaphorische Kennzeichnung dem konventionellen Code und damit dem Rezipienten, die eigentliche Bedeutung anzusetzen. 49
Die metaphorische Kennzeichnung bezieht sich in diesem Beispiel auf das Schild; sie beruht auf der
Prädikation: „Heinrich ist ein Schild“. Der uns hier begegnende Genitiv siner mage ist demnach rein
objektiv gebraucht; Wessen Schild ist er? oder: Für wen ist Heinrich ein Schild? Eben für seine
Verwandten. Die einfache Prädikation „Heinrich ist ein Schild“ wird also durch das Attribut, hier also
der objektiv gebrauchte Genitiv „für seine Verwandten“ erweitert. Zu einer hyperbolischen Funktion der
metaphorischen Elemente kommt es indes nicht; dass Heinrich seinen Verwandten ein Schild ist,
bleibt die vom Rezipienten zu erfassende und zu verstehende Aussage. Festzuhalten bleibt, dass
die metaphorischen Kennzeichnungen Substantiv-metaphern sind, die nicht das Ausmaß einer
50 im genitivischen Abstraktum genannten Qualität zum Ausdruck bringen.
Hübner merkt im Folgenden an, dass, wenn man die beiden Formulierungsmuster, also Genitivmetapher und metaphorische Kennzeichnung, betreffs der inhaltsseitigen Topik miteinander vergleicht, man d i e zwei thematischen Traditionen des höfischen Fürstenpreises unterscheiden kann. Die metaphorischen Kennzeichnungen beziehen sich auf die althergebrachten Herrscherpflichten; die Abstrakta der Genitivmetaphern dagegen sind höfische Wertbegriffe. 51 Für den „expliziten Vergleich“, das dritte Formulierungsmuster, führt Hübner als Beispiel eine Textpassage von Eschenbachs Parzival an:
49 Ebd. S. 92. 50 Ebd.
51 Ebd.
52 Wolfram von Eschenbach. Parzival. Ausg. v. Karl Lachmann. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1981. Bd. 1, S. 320. (vv 188,6-13); Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 95.
18
Hierbei werden literarische Inhalte (Gegenstände, Figuren und deren Kompetenzen) explizit verglichen. Auf literarisch hohem Niveau wird dies wiederum in den „verdichteten Vergleichen“, den Metaphern, geleistet. 53 (vgl. Lobpreis S.1)
3.2 Von der rhetorischen Tradition zur grammatischen
Gert Hübner verweist darauf, dass Matthäus von Vendôme in der Ars versificatoria, „der ältesten unter den lateinischen Poetiken des 12. und 13. Jahrhunderts“, als Grammatiklehrer schreibt. 54
Es gehört zu dessen Aufgaben [des Grammatiklehrers im Verständnis von Vendôme, Anm. v. mir, M.D.], die Fähigkeit zur Produktion lateinischer Gedichte zu vermitteln; Lehrinhalte der antiken Poetik und Rhetorik - vor allem aus Horaz’ „Ars poetica“, Ciceros „De inventione“ und der Herennius-Rhetorik - werden einem primär grammatisch geprägten Diskurs einverleibt. 55
In Kindlers Literaturlexikon findet sich zur Ars versificatoria folgender Eintrag:
(mlat.; Dichtkunst) Eine der frühesten lateinischen Poetiken des Mittelalters von MATTHÄUS VON VENDÔME [sic!,M.D.], verfasst um 1175. - Die Schrift, nach deren Regeln theoretisch und praktisch Dichtung an Schulen gelehrt wurde, nannte der Autor selbst Summula nuncia metri (Ein Sümmchen, Versart und -maß anzeigend) [sic!,M.D.].
[...] Dank seiner Vermittlung gelangte antikes Lehrgut (z.B. aus der Ars poetica des HORAZ) in die Renaissance. In vier Abschnitten, deren Thesen Matthäus auch an eigenen Versen exemplifiziert, werden hauptsächlich besprochen: die Beschreibung von Personen und Orten (descriptio) sowie der rechte Gebrauch von Attributen, die Form der Wörter (auch seltener und gesuchter), die Arten des Ausdrucks (schemata tropi, colores rhetorici), die dichterische 56 Ausführung (explicatio materiae).
Wichtig für den Kontext meiner Untersuchung ist vor allem der Verweis auf die descriptio. Also: „...die Beschreibung von Personen und Orten sowie der rechte Gebrauch von Attributen“.
53 „Vergleich: rhetor. Figur zur Steigerung der Anschaulichkeit einer Aussage. Zumeist mit Hilfe von Vergleichswörtern (so - wie) wird zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen, die in einem Punkt, dem sog. Tertium comparationis, eine Übereinstimmung aufweisen müssen, eine verdeutlichte Beziehung hergestellt. Damit kann eine Erweiterung der Bedeutung einer Aussage erreicht werden.“ Zit. aus: Der Literatur-Brockhaus: in acht Bänden. Vgl. Anm. 8. Bd. 8, S. 219f.
54 Ebd. S. 401.
55 Ebd.
56 Kindlers neues Literaturlexikon. Hrsg. V. Walter Jens. München: Kindler Verlag GmbH 1998. Bd. 11, S. 340.
19
Denn nicht die Anhäufung von Wörtern, das Abzählen von Füßen, die Kenntnis der Zeitmaße macht den Vers, sondern die elegante Verknüpfung von Wörtern, die Darstellung spezifischer Eigenschaften und die Berücksichtigung der jeweils gegenstandsadäquaten Attribute. 57
Hübner merkt an, dass Vendôme in diesem Zusammenhang Lob- und Scheltgedichte auf verschiedene Gegenstände behandelt. 58
Im Unterschied zu Aristoteles und Quintilian benutzt Vendôme den Oberbegriff der descriptio: 59
[...] und die Theorie der descriptio [sic!,M.D.] ist nichts anderes als eine Theorie der gegenstands-adäquaten Attribute. Diese nennt Matthäus vorzugsweise epithetum [sic!,M.D.], daneben auch attributum, proprietas, argumentum oder locus. [sic!,M.D.] 60
Diese Gegenstandsadäquatheit einer descriptio bezieht sich auf die korrekte Verwendung der Attribute bezüglich der Begrifflichkeiten, auf welche diese Attribute angewendet werden. Es geht folglich weniger um die Relation eines Textes auf einen en zu spezifischen Gegenstand, also im Kontext meiner Untersuchung: weniger um d ern eher lobenden Gegenstand beziehungsweise die zu lobende Person, sond arum, dass der lobende Text „klassentypische Attribute“ benutzt: 61 d
Beim Lob auf den Papst werden nicht die Qualitäten eines spezifischen Papstes itäten; beim Lob auf Caesar nicht Caesar Qualitäten, beschrieben, sondern Papstqual ondern Kaiserqualitäten [...]. 62 s
57 Matthäus von Vendôme. Ars versificatoria: Mathei Vindocinensis Opera. Eddidit France MUNARI. Vol. III. Ars Versificatoria. Rom 1988. Zit. nach: Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 401.
58 Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 402.
59 „Die kunstgerechte descriptio lenkt die Aufmerksamkeit der Kenner, indem [sic!,M.D.] sie die richtige Topik benutzt, vielmehr in erster Linie darauf, daß [sic!,M.D.] sie die richtige Topik benutzt - und damit weg vom spezifischen Gegenstand auf die Attribute selbst [...]. Zit. nach: Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 403.;
„Epideiktik [griech. = aufzeigend, zur Schau stellend] (Epideixis), eine der drei Arten der antiken Rede (neben der Gerichts- und Staatsrede); rhetorisch reich geschmückte Fest- und Preisrede, auch um zu tadeln. [vituperativ, Anm.v.m.,M.D.] Älteste Muster bei Gorgias (5.Jh.v.Chr.).Lat.: >oratio demonstrativa<, >oratio laudativa<. In: Der Literatur-Brockhaus: Vgl. Anm. 7. Bd. 3, S.85. „Matthäus redet, wie Aristoteles, über epideiktische Texte. Seine Theorie erfüllt ihre Funktion nur, sofern sie auf descriptiones angewandt wird, und descriptiones sind entweder laudativ oder vituperativ.“ In: Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 406.
60 Ebd. S. 402.
61 Ebd.
62 Ebd.
20
Und:
[...] Was also vom Papst oder von Caesar oder im Anschluss daran von den anderen Personen gesagt wurde, ist - damit nicht der spezifische Name das Übergewicht gewinnt - als Attribut für andere Personen desselben Standes, Alters, Ansehens, Amtes oder Geschlechts zu verstehen, so daß der spezifische Name stellvertretend für die allgemeine Bezeichnung auf die dem Gegenstand attribuierte Eigenschaft bezogen wird, nicht auf den Gegenstand, dem 63 die Eigenschaft attribuiert wird. Was ist die literarische Konsequenz?
Mit der descriptio als poetischer Technik zur Beschreibung von Sachverhalten „zeigt“ der Autor seine Kompetenz im Umgang und der Zuschreibung beziehungsweise der Verwendung von Attributen. Der artifizielle Textcorpus gewinnt an Bedeutung und tritt in den Vordergrund der poetischen Aufmerksamkeit; also der Rezeption. Dem gelobten Gegenstand wird dadurch zwangsläufig Aufmerksamkeit entzogen. Dies ist aber eine Folge, deren Ursache im Können des Autors begründet liegt. Dieses Können muss höheren Anforderungen genüge tun; muss aber zugleich vom Rezipienten erkannt und verstanden werden, um nicht ins Leere zu laufen. In diesem Sinne befinden sich also sowohl der Autor als auch der Rezipient auf einer artifiziell anspruchsvolleren Ebene. Wenn dies der Fall ist, muss man zugleich davon ausgehen, und Hübner tut dies folgerichtig, dass es zwischen den Dichtern jener ublikum zu einer Konvention in diesem Sinne Epoche und dem rezipierenden P men“ ist. Hübner hierzu: „gekom
Der Kenner achtet bei Produktion wie Rezeption mehr auf das Wie als auf das Was. [...] Allein das Ensemble der Inhalts- und Ausdrucksformen bestimmt die Qualität des Textes, weshalb Produzenten wie Rezipienten ihr Augenmerk auf die Formen und nicht auf die Substanz zu 64 richten haben.
Wie zu Beginn des Kapitels angemerkt, behandelt Vendôme diese technische Anleitung zum „bauen“ von (wohlgemerkt) poetischen Texten als Grammatiklehrer. 65 Auf diese Weise kommt der Grammatiklehrer zu einer poetischen Grammatik. Da die Grammatik nun einmal das einer Sprache zugrunde liegende Regelsystem ist, lick auf die Regeln weist Hübner folgerichtig darauf hin, dass der Grammatiker den B niert hat. Analoges gilt für den Poetiker, der Gedichte macht. trai
Wer Gedichte macht, muss die Regeln beherrschen; die Regeln stellen ein e keineswegs vom
behandelten Gegenstand ableitbare, sondern eine autonome Technik dar. eshalb urteilt Hübner: D
63 Matthäus von Vendôme. Vgl. Anm. 57; Zit. nach: Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 402. 64 Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 406. 65 Ebd.
21
Die poetische Kompetenz achtet, wie die grammatische, auf die Re geln und ihre Realisierung, 66 nicht auf den Gegenstand: auf die Form, nicht auf die Substanz. Ich fasse zusammen: versteht man die Lobblumen (laudativ) oder die Scheltblumen (vituperativ) als literarische Techniken des Lobpreises, und achtet man zugleich auf h das speziellere Verständnis der descriptio-Lehre der höfischen Dichter (im Vergleic ich, zu den hellenistischen und lateinischen Vorstellungen davon), dann wird deutl dass es nicht mehr so sehr auf die sprachlich geschickt zu lobenden oder zu hr scheltenden Gegenstände ankommt; Hauptaugenmerk des Interesses wird vielme ieferungsweg von die Selbstbezüglichkeit der Sprache. Deshalb führt „kein Überl ristoteles oder Quintilian zu Matthäus“ und es zeigt sich: A
67 [...] daß die rhetorische Tradition neben der grammatischen verblasst. Die Sprache wird artifizieller, weil sie, mehr oder weniger unabhängig vom ird literarischen Inhalt, gezielt auf die Form der Darstellung zu achten hat. Deshalb w der Lobpreis nach Hübners Verständnis zum Funktionalstil, der mit der korrekten Verwendungsweise von klassentypischen Attribuierungen auf die eigene, also tät sprachliche, Qualität verweist und damit letztlich doch auch wieder auf die Quali ückstrahlt. Mit der Technik des des zu lobenden literarischen Gegenstandes zur ümens hat es nun folgende Bewandtnis: Lobbl
Wo rhetorische Technik und poetische Funktion zusammen das Interesse auf die Sprachartistik konz entrieren, ergeben sich die günstigsten Umstände für den Einsatz der 68 Lobblumen.
3.3 Konventionen
Rhetorische Technik und poetische Funktion konzentrieren das Interesse auf die mt dabei folgende Rolle Sprachartistik. Der poetischen Funktion der Lobblumen kom zu: sie fungieren als Indizes. Indizes wofür oder für wen?
Wie gezeigt, verlagert sich das literarische Interesse der höfischen Autoren von den zu lobenden Gegenständen auf die lobende Sprache, also die laudative Kunst, schen Vermögens der selbst. Dadurch wird diese zum Symbol des sprachtechni Autoren. Die Lobblumen zeigen genau dies an.
66 Ebd.
67 Ebd. 68 Ebd. S. 156.
22
Sie zeigen also das sprachartistische Vermögen der Autoren, indem sie durch ihre Formulierungsstruktur aus dem Textcorpus „hervortreten“; zugleich symbolisieren sie gerade durch dieses „Hervortreten“ den Anspruch der Autoren, dieses zu leisten. Der eigentlich recht pragmatische Anspruch eines Lobes, beispielsweise eines Herrscherlobes, geht damit zwar nicht verloren, wird aber sekundär. Dass es zu dieser Funktion der Lobblumen überhaupt kommen kann, verlangt quasi eine Übereinkunft zwischen den Textproduzenten, also den Dichtern, und den Rezipienten, also dem höfischen Publikum. Folgerichtig spricht Hübner in diesem Kontext von einer „historischen Konvention“ zwischen diesen:
Die Lobblumen haben ihre Funktion in einem spezifischen sozialen Umfeld, in einem 69 bestimmten Gattungszusammenhang und in einem bestimmten Zeitraum erfüllt.
Dadurch werden die Lobblumen zu „charakteristischen strukturellen Signalen, welche:
[...] die Funktion ästhetischer Hinweise haben, also das Interesse für die Gestalt des Textes selbst wecken und in diesem Sinn die poetische Funktion aktivieren. [...] Die Lobblumen hatten für das höfische Publikum schon seit der klassischen Zeit und im Lauf des 13. Jahrhunderts offenbar mit zunehmender Bedeutung den Charakter solcher Signale; sie waren bei weitem nicht die einzigen, aber zumal in der Spruchdichtung doch recht wichtige Signale. Sie hatten diese Funktion jedoch nicht kraft eines allzeit gültigen Naturgesetzes, 70 sondern kraft einer historischen Konvention.[Hrvhbg.v.m.,M.D.] Aus diesem Grunde darf man die geblümten Einlagen in ihrer literaturtheoretischen Bedeutung nicht vernachlässigen. Hübner:
Sie sind die Edelsteine, deretwegen die Menschen angelaufen kommen, um das Schöne 71 anzustaunen. Wer sie nur für Zierrat hält, verkennt ihre Funktion. Das Lobblümen, also der Stil, verweist auf die:
[...] historische Wertschätzung der sprachartistischen Kompetenz der Dichter; es deckt nicht „den“ Literaturbegriff der höfischen Dichtung ab und schon gar nicht „den“ Literaturbegriff des „Mittelalters“, es zeigt aber doch einen gerade für Spruchdichter und Epiker wichtigen Aspekt. Auf jeden Fall darf man es als Indiz für die Bedeutung in Anspruch nehmen, die dem Lob, 72 verstanden als sprachliche Handlung, als Anreiz zu Formulierungsanstrengungen zukam.
69 Ebd. S. 428f.
70 Ebd.; dazu noch einmal Wesley Salmon: „Allerdings sind Wörter nicht nur Gebilde aus physikalischen Dingen oder Ereignissen, denn Wörter haben eine Bedeutung. Wörter sind Symbole. Die Bedeutung eines Wortes ist keine natürliche Eigenschaft, die der Mensch entdecken kann; eine Bedeutung wird mit einem Wort von Menschen verbunden, die übereinstimmend der Meinung sind, daß es diese Bedeutung haben soll.“ In: Salmon, Wesley. Logik. Vgl. Anm. 33, S. 247. 71 Hübner, Gert. Vgl. Anm. 2, S. 430. 72 Ebd. S. 447.
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Resümee
Anleitungen zum Loben gab es, wie gezeigt, bereits im Hellenismus. Auch wenn die Tradition dieser Technik nicht so stringent und eindeutig verlaufen ist, werden doch Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen Verständnissen der descriptio-Lehre vom Hellenismus bis zur höfischen Epik deutlich.
Das Lobblümen als Stil zeigt, mit welchem Aufwand die Dichter jener Epoche literarische Texte, deren Ursache und Gegenstand zunächst rein pragmatische gewesen sind, zu produzieren in der Lage waren; welche aber tatsächlich vor allem dieses Vermögen darstellen sollten.
Analog dem Sophisten, der durch die Sprachkompetenz zu überreden versteht, entwickelt der höfische Dichter Lobblumen, welche die Herrlichkeit des gepriesenen Gegenstands sprachtechnisch auf höchstem Niveau spiegeln. Allerdings geht es hierbei nicht mehr darum, eine Mehrheit des Publikums zu überzeugen; das artifizielle Sprachverständnis wird elitär und ist nur noch dem „eingeweihten“, also dem literarisch gebildeten Publikum, zugänglich. Dieses Exklusivempfinden strahlt natürlich zurück auf den gelobten Gegenstand (Fürst, Frau, Bischof....); da aber zu dieser Erkenntnis eine hohe literarische Bildung nötig ist, bin ich der Meinung, dass der gelobte Gegenstand eine eher sekundäre Stellung einnimmt. Im eigentlichen Interesse steht das gelungene Lob selbst!
Darin kann der Dichter seine Kompetenz unter Beweis stellen; dem gelungenen Lob kommt seine Aufmerksamkeit zu. In diesem Kontext knüpfe ich meine Arbeit abschließend an deren Beginn an, also den Lobpreis von Konrad von Würzburg, und lasse zugleich Gert Hübner „das letzte Wort“:
Mit anderen Worten: Man muß den Glanz des Textes bemerken, um den Glanz des Gepriesenen verstehen zu können. So fährt im Dienst des Bischofs eben doch eine ornierte Lobrede einher, deren Lobblumen den bischöflichen Ruhm zum Strahlen bringen. Wie der 73 Textgegenstand mit tugend, so ist der Text glänzend geschmückt mit Vergleichen.
73 Ebd. S. 4.
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Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur:
Hartmann von Aue. Der arme Heinrich. Hg. v. Hermann Paul. 16. Aufl. bes. v. Kurt Gärtner. Tübingen: Niemeyer Verlag 1996 (ATB 3).
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Konrad von Würzburg. Leiche, Lieder und Sprüche. In: Kleinere Dichtungen. Hrsg. v. Edward Schröder. Berlin: Weidmansche Buchhandlung 1926. Bd. 3.
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Curtius, Ernst Robert. Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Tübingen; Basel: Francke Verlag 1993. 11. Auflage
Hübner, Gert: Lobblumen: Studien zur Genese und Funktion der „geblümten Rede“. Tübingen; Basel: Francke Verlag 2000.
Salmon, Wesley. Logik. Aus dem Engl. v. Joachim Buhl. Philipp Reclam jun. GmbH & Co.: Stuttgart 2001.
3. Nachschlagewerke:
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Marco Dietze, 2006, Formulierungsmuster in der Geblümten Rede, München, GRIN Verlag GmbH
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