Vorwort
Ich beschäftige mich in meiner Hausarbeit hauptsächlich mit Texten von Jan Philipp Reemtsma. Darin geht es, wie dem Titel der Arbeit zu entnehmen ist, um Texte der Überlebenden des Holocaust.
Dessen Verständnis der, wie er es nennt, Überlebensmemoiren haben mir Problembereiche aufgezeigt, die mir zuvor nicht bewusst waren. Deshalb haben sie auch meinen Umgang mit der Originallektüre stark geprägt. Die theoretische Abhandlung vollziehe ich vor dem Hintergrund der von mir gelesenen Originallektüre. Ich bin mir dabei sehr wohl bewusst, dass es sich dabei nur um einen kleinen Ausschnitt der bestehenden Texte handeln kann. Tief beeindruckt hat mich aber vor allem die Lektüre der Texte von Imre Kertesz. Deshalb werde ich zum Ende der Arbeit verstärkt auf diesen zu sprechen kommen. Um den Kreis da aufzuknüpfen, wo er am Ende geschlossen wird, beginne ich die Arbeit mit einem, wie mir scheint, wesentlichen Zitat aus dem Galeerentagebuch von Kertesz.
Nicht Gott ist tot, die Seinsbedingungen haben sich geändert. Nicht die Werte sind zusammengebrochen, ihre Brauchbarkeit ist fraglich geworden. Nicht die Wahrheit hat sich geändert, sie wird bloß anders gehandhabt. Entfremdung gab es wahrscheinlich auch schon im Mittelalter, und das Absurde wird im Altertum ebenso offensichtlich gewesen sein wie heute. Das individuelle Sein ist nur ein Traum. Und desgleichen sind es alle Werte - solange die Werte nicht eines Tages wichtiger werden als das Sein: Dann und nur dann könnte in der menschlichen Geschichte etwas qualitativ Neues geschehen; dies wäre der Wendepunkt der Geschichte, von dem an der Mensch substantiell anders leben würde, nicht mehr auf der Stufe seiner immanenten Triebe, sondern nach seinen Werten, die er als primäre Seinsbedingung ansehen würde. Dazu reicht aber das Beispiel von Einzelnen absolut nicht aus, dazu müsste der Mensch offenbar eine biologische Veränderung durchmachen; und es ist fraglich, ob ein derart durchgeistigtes Wesen noch zur bloßen Selbsterhaltung fähig wäre in einer Natur, die bloße Selbsterhaltung schamlos als ihr einzig erkennbares moralisches Gesetz verkündet. 1
1 Kertesz, Imre. Galeerentagebuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1999. 2. Aufl.
S. 51.
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Das Leid
In dem Text Die Memoiren Überlebender 2 untersucht Reemtsma die Wirkung von Literatur. Genauer: die Wirkung einer ganz speziellen Art von Literatur und er bezeichnet sie als eine weltweit neue Art von Literatur des vergangenen Zwanzigsten Jahrhunderts. Einleitend weist er daraufhin, dass Literatur immer auch ein Ausdruck von Leid gewesen ist. Der Unterschied zu der tradierten Literatur vor dem Zwanzigsten Jahrhundert bestand aber, abgesehen von der Ausnahme, welche die Regel bestimmt (etwa Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus), darin, dass erfahrenes Leid seine „literarische Salonfähigkeit“ nur über einen Umweg gefunden hat und nicht von der Person geschildert wurde, die dieses Leid erfahren hat. „Literarisch salonfähig“ wurde es durch die Aufarbeitung von Schriftstellern. 3 Dabei ist es unerheblich, ob es beispielsweise einen Odysseus, wie ihn uns etwa Homer oder aber auch Dante usw. geschildert haben, tatsächlich gegeben hat oder nicht. Es ist, nach Reemtsma, sogar besser, dass es diese Personen, deren Leid dem Rezipienten geschildert wird, im wirklichen Leben gar nicht gegeben hat bzw. nicht gibt. Denn der ästhetische Mehrwert der Beschäftigung mit solchen Texten würde verloren gehen, wenn dem Rezipienten das Distanzgefühl zum Leidenden verloren geht. 4
Wieso? Ganz einfach. Wer sich mit dem tragischen Schicksal eines Menschen auseinandersetzt, und durch diese Beschäftigung mit der Schilderung dieses Erlebten berührt wird, muss Konsequenzen ziehen. Diese müssen sich nun nicht darin äußern, dass der entsprechende Rezipient dieser Person beispringt und etwa Hilfe anbietet. Er muss mit sich und dem Text alleingelassen, entscheiden, wie er zu dem geschilderten Sachverhalten steht. Es würde also eine wo nicht moralische so doch zumindest emotionale Nötigung entstehen, der er sich dann zu stellen hat. Sich dieser Nötigung zu stellen, wird nicht jeder bereit sein. Von fremden Leid zu hören ist das eine, es nachzuvollziehen etwas anderes.
Insofern bieten fiktive Geschichten die Möglichkeit, eine personale Distanz aufzubauen, die es rechtfertigt, dass Buch nach erfolgter Lektüre aus der Hand zu legen, und sich dem realen Geschehen im wirklichen Leben zu widmen, bis zu dem Zeitpunkt, an welchem man sich wieder mit und durch die Lektüre von den Anstrengungen im wirklichen Leben erholen will.
2 Reemtsma, Jan Philipp. Die Memoiren Überlebender. In: Mord am Strand. Allianzen von Zivilisation und
Barbarei. Berlin 2000. S. 227-253.
3 Ebd. S. 229.
4 Ebd. S. 230.
4
Lesen dient in diesem Sinne also eher dem Ablenken von den Sachverhalten und Zwängen, die in der Welt sind. Natürlich kann es umgekehrt der Fall sein, dass das Lesen über Sachverhalte, Zustände und Begebenheiten der Welt, aufklärt. Und der Reiz liegt gerade darin, dass man sich als Lesender über Seinszustände informiert und sie zugleich vor dem eigenen Erfahrungshorizont vergleichen kann, ohne sie selber gemacht haben zu müssen. Es ist ja gerade die Neugierde, die den Menschen dazu bringt, Geschichten zu hören, und im Geschichten erzählen wird unter anderem eben auch diese Neugierde zu befriedigen versucht. Gleichwohl bleibt es dabei. Fiktive Schilderungen über Einzelschicksale, egal ob sie realen Vorbildern nachempfunden wurden oder nicht, können dem Rezipienten etwas über den Zustand der Welt sagen und zeigen. Es bleibt aber eben auch dem Rezipienten überlassen, die geschilderten Berichte für das eigene Verständnis zu deuten. Er kann das Geschilderte vor seinem individuellen Erfahrungshorizont vergleichen und es für wichtig oder aber auch für unwichtig erachten. Deshalb kann er von fremden Leid lesen, und sich zugleich vorstellen, selbst betroffen zu sein. Es obliegt damit seiner Vorstellungskraft und natürlich auch der Güte des Textes, inwieweit er sich vom Geschilderten ergriffen fühlt oder nicht.
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Die Deutungsautorität
Diesem Verständnis der Wirkungsweise von Literatur setzt Reemtsma ein neues Verständnis gegenüber. Er spricht in diesem Kontext auch von einem „ästhetischen Mehrwert“. 5 Wie im vorigen Kapitel geschildert, kann sich der Leser durch einen literarischen Text ergriffen fühlen oder nicht. Dies liegt natürlich zunächst am Inhalt des Buches. So beschäftigt sich beispielsweise die Novelle Billy Budd von Herman Melville mit dem Einzelschicksal, und eben auch Leid, des jungen Matrosen Billy Budd. 6
Im Affekt erschlägt dieser den Waffenmeister des Kriegsschiffes, welcher ihn in der Kajüte des Kapitäns und vor demselbigen lügenhafterweise belastet, und wird deshalb hingerichtet. Dies ist eine tragische Geschichte und sie kündet, wenn auch fiktiv, von Leid und von Unrecht, welches sich so tatsächlich in der realen Welt ereignen kann. Was hat es nun mit dem oben angesprochenen Begriff des ästhetischen Mehrwerts auf sich? Nun, als Leser habe ich die Erwartungshaltung, dass mich diese Novelle auf sprachlich hohem Niveau unterhält, mir zugleich aber auch erklärt, was es mit der Welt „auf sich hat“. Diesen Anspruch hat der Leser aber, wenn er Interesse an Literatur entwickelt, generell. So verstanden bedeutet ästhetischer Mehrwert also eine Erwartungshaltung beim Leser, die vom Text entweder bedient wird oder nicht.
Die Kapitelüberschrift lautet nun Deutungsautorität. Was hat es damit auf sich? Reemtsma spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer neuen Literaturgattung. 7 Diese weltweit gültige neue Literaturgattung nennt er eben die „Memoiren Überlebender“.
Ich möchte sie, mangels eines besseren Ausdrucks, >>Überlebensmemoiren<< nennen: es sind autobiographische Aufzeichnungen, und in ihrem Zentrum steht die Tatsache, dass ihre Verfasserinnen oder Verfasser Opfer von extremer Gewalt geworden sind. Sie sind auch dort, wo dies nicht thematisiert wird, dennoch insgesamt Ausdruck einer Leidens-, Schmerz- und Überwältigungserfahrung, und - das ist nun das Besondere - sie werden darum gelesen, mehr noch: es wird ihnen aus diesem Grunde [sic,M.D.] eine Deutungsautorität zugesprochen.8
5 Ebd. S.230.
6 Melville, Herman. Billy Budd. Zürich: Diogenes Verlag AG 1981.
7 Reemtsma, Jan Philipp. a.a.O. S. 229.
8 Ebd.
6
Opfer von extremer Gewalt geworden sind alle diese Betroffenen aus einem Grund. Und das sind die deutschen Arbeits- und Vernichtungslager in der Zeit des faschistischen Deutschlands.
Deutungsautorität soll nun aber sowohl dem Text als auch den Verfasserinnen und Verfassern eingeräumt werden. Dazu Reemtsma:
Wir sind der Überzeugung, dass sie etwas Verbindliches und Wichtiges zu sagen haben, und wir meinen, dass sie, weil sie über diesen entsetzlichen Ort - er heiße Judenhaus, Buchenwald oder Auschwitz - etwas zu sagen haben, uns etwas über die Welt mitteilen können, was für uns von Wichtigkeit ist, und zwar über die ganze Welt [sic, M.D.]. 9
In ihren Texten, Memoiren wie Reemtsma sie nennt, sprechen die Opfer. Und sie sprechen nicht nur „über die ganze Welt“, sie sprechen auch in all den Sprachen, die in den Lagern gesprochen wurden. 10
9 Ebd. S. 230.
10 Ebd. S.229.
7
Die Memoiren Überlebender
Reemtsma spricht im Zusammenhang mit den Texten, die vor allem nach 1945 entstanden sind und die Lagererfahrungen der Inhaftierten zum Gegenstand haben von Memoiren Überlebender. Der Begriff der Überlebenden ist aussagekräftig genug. Zu überleben war der unmenschliche Zustand in den Lagern. Nur sind diejenigen, die mit dem Leben davongekommen sind, in der Mehrzahl in eine neue Situation gelangt, die der Welt außerhalb des Lagers notwendiger-weise fremd war. Ich möchte nur darauf verweisen, dass man in diesem Zusammenhang auch sehen muss, dass die Situation in den Lagern vielfach nur zu überstehen war, indem eben auch die Opfer zu Tätern wurden. Jorge Semprun beschreibt in seinem Buch Was für ein schöner Sonntag! die Situation, in der er sich als Mitglied des kommunistischen Widerstands im Lager befand. 11
Er reflektiert darüber, dass er Menschen bewusst in den Tod schicken musste, um Mitglieder der eigenen Organisation zu retten. Wer in Buchenwald beispielsweise den Arbeitsdienst im Steinbruch zugewiesen bekam, hatte eine ungleich geringere Überlebenschance als jemand, der Arbeiten mit nötiger Fachkompetenz zu verrichten hatte. Zu konstatieren bleibt, dass es Überlebende gegeben hat. Und unter diesen Überlebenden waren auch Intellektuelle und Schriftsteller. Die Erfahrungen, die alle Inhaftierten machen mussten, begleiteten diese ihr Leben lang und begleiten sie noch heute. Es waren hauptsächlich Künstler und Schriftsteller, die diesen Erfahrungen Ausdruck verleihen mussten. Aber auch Menschen, die vor diesen Erfahrungen weniger oder noch nichts mit eigener kreativer Arbeit zu tun hatten, begannen über ihre Erfahrungen, die sie in der Welt der Lager erlitten haben und aber auch nach ihrer Befreiung bei ihrer Rückkehr machen mussten, zu schreiben. Reemtsma:
Das liegt an der Intention des Verbrechens selbst: einen bestimmten Teil der europäischen Bevölkerung auszurotten, unabhängig von seiner schicht- und klassenspezifischen Zusammensetzung. Ähnliches gilt für die politischen Häftlinge des KZ- und die des Gulag-Systems: auch hier fand sich eine große Zahl von Menschen zusammen, zu deren Leben es gehört hatte und weiter gehören würde, die Welt zu interpretieren. Und sie kehrten in Milieus zurück, in denen das Interpretieren sowohl hoch im Kurs steht, als auch der Abstand zum Lager groß ist. 12
Die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen und folglich den Erlebnissen jedes Einzelnen, brachten viele Überlebende dazu, die erlittenen Qualen, in welcher Form auch immer,
11 Semprun, Jorge. Was für ein schöner Sonntag !.Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1999.
12 Reemtsma, Jan Philipp. a.a.O. S.232.
8
festzuhalten. Wenn Reemtsma also von den Memoiren Überlebender spricht, beschäftigt er sich mit den schriftlichen Dokumenten, die von KZ-Häftlingen selbst geschrieben worden sind. Hierin liegt nun also ein wesentlicher Unterschied zu den eingangs erwähnten Texten, welche ihre „literarische Salonfähigkeit“ dadurch erhielten, dass sich Schriftsteller des Stoffes annahmen und diesen literarisch „aufarbeiteten“.
Der wesentliche Unterschied ist also der, dass diejenigen, die diese schrecklichen Erfahrungen machen mussten zugleich diejenigen sind, die darüber berichten. Sie erlangen dadurch den Status eines Zeugen. Sie waren Beteiligte und sind, weil sie überlebt haben, die einzigen Informanten über den Zustand, der im Lager bestand. Deshalb räumt Reemtsma, und dies ist eine Forderung von ihm an alle Lesenden dieser Texte, den Schreibenden und deren Texten eine Deutungsautorität ein. 13 (vgl. S.3)
Dieser Forderung folgt eine zweite, die sich ebenfalls explizit an den Leser bzw. dessen Erwartungshaltung wendet. Weil diese Texte eben nicht nur von Literaten geschrieben wurden und werden, sondern auch von Menschen, die erst durch diese Erlebnisse dazu kamen, ihre Gedanken niederzuschreiben, muss der Leser seinen Anspruch an einen ästhetischen Mehrwert zurückschrauben. Das Interesse gilt vor allem dem Inhalt der Texte, und nicht irgendeinem ästhetischen Qualitätsanspruch, der sowohl den Inhalt als auch die literarische Form berücksichtigen würde.
Wie ist das zu verstehen? Unter literaturwissenschaftlichen Blickpunkt sollten Texte, die als Literatur gelten, drei wesentliche Bedingungen erfüllen. Das sind: 1. „künstlerische Sprachverwendung“, d.h. literarische Texte sollen an einem „besonderem Wortklang, unkonventioneller Wortwahl, freiem Satzbau oder anderen Elementen festzumachenden Stil“ erkennbar sein;
2. „literarische Fiktionalität“, d.h. es wird unterstellt, dass der „Inhalt literarischer Texte (nur) erfunden oder erdichtet ist.“; 14
3. „Fixierung“, d.h. „Fixierung einer Sequenz sprachlicher Zeichen, ... elektronisch auf einer Festplatte, drucktechnisch in einem Buch oder auch rein mnemotechnisch durch ... Auswendiglernen im Gehirn eines ... Erzählers“ oder auf mündlichem Wege mit relativer Dauer und relativer Öffentlichkeit. 15
„Die drei genannten Erkennungsmerkmale können alleine oder in kombinierter Form zur Grundlage einer Definition des Literaturbegriffs gemacht werden“, schreibt Jost Schneider. 16
13 ebd. S.230.
14 Schneider, Jost. Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. Bielefeld: Aisthesis-Verlag 2000. 3.Aufl.,
S. 11.
15 Ebd. S. 13.
16 Ebd. S. 19.
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Eine bestimmte und endgültige Definition muss allerdings nicht festgelegt werden, sondern kann auch pragmatisch gefunden werden.
Der literaturwissenschaftliche Blick kann auch nur andeutungsweise das umreißen, was der Leser für sich selbst als ästhetischem Mehrwert empfindet. Er ist als Versuch zu verstehen, objektive Qualitätsmerkmale zu entwickeln, um literarische Texte entsprechend beurteilen zu können. Trotzdem wird jeder Leser seinen individuellen Empfindungen gemäß Literatur auswählen, die er/sie für beschäftigungswert erachtet. Und hier nun greift Reemtsmas Forderung. Mit Blick auf eben diese persönliche Erwartungshaltung jedes einzelnen sagt er, wer die Texte der Überlebenden lesen will, muss von dieser Haltung „abrücken“. 17 Gerade weil diese zumeist keine großen Literaten sind.
Der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002, Imre Kertesz, sagt in diesem Zusammenhang, dass es „eine natürliche Sehnsucht“ der Welt und der Überlebenden sei, sich „von der Last des Holocaust (zu) befreien“. Kertesz weiter:
Allerdings haben mich die Jahrzehnte gelehrt, dass der einzig gangbare Weg der Befreiung durch das Erinnern führt. Doch gibt es verschiedene Weisen des Erinnerns. Der Künstler hofft darauf, dass er über die genaue Beschreibung, die ihn noch einmal die tödlichen Pfade entlangführt, schließlich zur edelsten Form der Befreiung gelangt, zur Katharsis, an der vielleicht auch noch seinen Leser teilhaben lassen kann. Doch wie viele solcher Werke sind in den letzten Jahrzehnten entstanden? An beiden Händen könnte ich die Schriftsteller abzählen, die aus der Erfahrung des Holocaust wirklich große Literatur von Weltgeltung hervorgebracht haben. Ein PaulCelan,
ein Tadeusz Borowski, ein Primo Levi, ein Jean Amery, eine Ruth Klüger, ein Claude Lanzmann oder ein Miklos Radnoti begegnet uns überaus selten. 18
„Der einzig gangbare Weg der Befreiung“ von der „Last des Holocaust“ führt durch das Erinnern, sagt Kertesz. Darauf kann es aber kein Anrecht nur für die Überlebenden geben, die zugleich in der Lage sind, Literatur von Weltrang zu schaffen.
Jede und Jeder, wie Kertesz sagt „authentische Zeuge“, 19 die den Holocaust überlebt haben, sind berechtigt zu schreiben; sie eröffnen uns als Lesern, die wir ja auch mit dem Erbe des Holocaust zu ringen haben, einen weiteren Blickpunkt, eine weitere Zeugenaussage.
17 Reemtsma, Jan Philipp. a.a.O. S. 231-232.
18 Kertesz, Imre. Wem gehört Auschwitz? In: Imre Kertesz. Eine Gedankenlänge Stille, während das
Erschießungskommando neu lädt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 2002. 2. Aufl.
S.147.
19 Ebd. S.148.
10
Dies sind zum Beispiel Bücher wie Stimmen aus Buchenwald, 20 eine Sammlung unterschiedlichster Textgattungen von ehemaligen Häftlingen, die über ihr Schicksal im Konzentrationslager Buchenwald reden. Oder auch ein Erlebnisbericht wie die Verweigerte Rückkehr 21 von Hans Frankenthal, der von seiner Deportation, seinem Aufenthalt im Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz und seiner Rückkehr in eine Welt spricht, die lieber vergessen und verdrängen will. Dies sind historische Quellen von unschätzbaren Wert. Sie mögen also in ihrer literarischen Qualität nicht zur Weltliteratur gezählt werden, über den Zustand der Welt haben sie uns aber sehr wohl etwas zu sagen.
20 Kirsten, Holm / Kirsten Wulf (Hg.): Stimmen aus Buchenwald. Ein Lesebuch. Göttingen: Wallsteinverlag
2002.
21 Frankenthal, Hans. Verweigerte Rückkehr. In: Pehle, Walter H. (Hg.): Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine
Buchreihe. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1999.
11
Eine neue Textgattung?
Der deutsche Schriftsteller Ernst Wiechert schrieb im Nachwort seines Buchenwaldberichts Der Totenwald, dass er sich verpflichtet gefühlt habe, diese „...Seite seines Schicksals und so vieler Schicksale aufzeichnen zu müssen:
den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Schande, den Kommenden zur Mahnung.“ 22
Darin liegt die Begründung seines Schreibens. Ernst Wiechert wurde am 04.07.1938 von München aus in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht und blieb dort, mit der Häftlingsnummer 7188, bis zum 30.08.1938 inhaftiert. Von diesen Erlebnissen zu tiefst erschüttert, schrieb er 1939 auf Hof Gagert seinen, wie er ihn selbst nannte, Bericht über die Zustände im Lager. Er schrieb dieses Buch also noch während des Krieges, und obwohl ihm dies verboten worden war. Deshalb musste er das fertige Manuskript in seinem Garten vergraben und konnte es erst nach dem Krieg und dem damit verbundenen Ende der Nazidiktatur gefahrlos in den Druck geben. 23
Reemtsma schreibt dazu, dass dies nun eine neue Erfahrung auf der Seite der Schriftsteller war. Der Autor „... setzt voraus, dass sein Bericht in der Zukunft einen Nutzen haben werde, zumindest könne, und er gewinnt daraus Lebens- oder Schreibensenergie. Diese Voraussetzung aber ist neu, ...“ 24
Die bereits genannten und veränderten Voraussetzungen sowohl auf der Seite der Rezipienten als auch die eben zitierte Voraussetzungsänderung bei den Verfassern der Texte, veranlasst Reemtsma von einer neuen Gattung in der Literatur zu sprechen. Er nennt diese, wie er selbst sagt, in Ermangelung eines besseren Ausdruckes >Überlebensmemoiren<. 25
Ist dieses Postulat gerechtfertigt?
Üblicherweise spricht man in der Literaturwissenschaft seit dem 18. Jahrhundert (Gottsched) von den drei Hauptgattungen bzw. Naturformen (Goethe) Lyrik, Epik und Dramatik. Der Verwendungsweise dieser Grundbegriffe steht die Erkenntnis gegenüber, dass es Gattungen in Reinform in der Praxis allerdings nicht gibt.
22 Wiechert, Ernst. Der Totenwald. München: Ullstein Taschenbuchverlag 2001. 2.Aufl. S. 142.
23 Plesske, Hans-Martin. Ernst Wiechert. Noch tönt mein Lied. Halle(Saale): Union Verlag Berlin 1967. S. 13f.
24 Reemtsma, Jan Philipp. a.a.O. S. 231.
25 Ebd. S.229.
12
So gibt es lyrische Formen, die ins Epische oder Dramatische hinüberweisen (etwa die Ballade), es gibt unter anderem das epische Drama und den lyrischen Roman. 26
Die moderne Literaturwissenschaft seit dem Zwanzigsten Jahrhundert erweitert diese drei Hauptgattungen um eine vierte. Denn die drei ursprünglichen Kerngattungen decken den Gesamtbereich der Literatur immer nur relativ unvollkommen ab. Der Gattungsbegriff an sich unterliegt einer ständigen historischen Wandlung. Die Geschichtlichkeit der Gattungen macht:
... es deshalb erforderlich, neben den drei Hauptgattungen (Lyrik, Epik, Drama) noch (mindestens) eine vierte Kategorie zu etablieren. [...] Es handelt sich also bis zu einem gewissen Grad um eine Verlegenheitslösung, die den heterogenen Rest dessen abdeckt, was die drei traditionellen Hauptkategorien nicht beinhalten.
Vom Reisebericht über die Biographie bis hin zum Essay ließe sich hierbei eine breite Palette der unterschiedlichsten Gattungen auflisten, für die in den drei großen Schubläden der Lyrik, der Epik und des Dramas ursprünglich kein Platz vorgesehen war. 27
Diese vierte Gattung, von Schneider als Gebrauchsliteratur bezeichnet, subsumiert außerdem folgende Einzelgattungen: den Aphorismus, die Autobiographie, den Brief, die Predigt, das Sach- und das Tagebuch. 28
Ein wesentliches Merkmal dieser Gebrauchsliteratur, im Unterschied zu den anderen Hauptgattungen, ist ihr „nicht-fiktionaler“ Charakter.
Texte dieser Gattung [bleiben] in der Regel in lebensweltlich-pragmatische Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge verwickelt. [...] Die sogenannte Wirklichkeit erscheint heute vielen Literaturwissenschaftlern als ein Konstrukt, in dem sich vornehmlich die Einstellungen, Vorurteile, Wahrnehmungsgewohnheiten und Erkenntnisgrenzen des konstruierenden Subjekts widerspiegeln. 29
Dies halte ich auch für ein wesentliches Merkmal der Überlebensmemoiren. Die Berichte der einzelnen Verfasserinnen und Verfasser präsentieren zugleich ihren jeweiligen individuellen Blickpunkt auf das schreckliche Geschehen. Der Leser sollte sich bewusst sein, dass er einen Auszug aus der persönlichen Geschichte desjenigen erhält, der/die es erleben mussten. Dieser Blickpunkt kann, ja er muss mit Notwendigkeit, subjektiv sein. Erst das Sammeln aller dieser Berichte kann einen kleinen Ausschnitt aus der Realität der Lager liefern. Dieser Ausschnitt
26 Der Literatur-Brockhaus: in acht Bänden. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich BI-Taschenbuchverlag 1995.
Bd.3, S.282.
27 Schneider, Jost. a.a.O. S. 132 f.
28 Ebd. S. 131
29 Ebd. S. 196.
13
kann aus mindestens zweierlei Gründen keinen Anspruch auf das Ganze erheben. Zum einen liegen uns eben nur die Berichte der Zeugen vor, die sich in irgendeiner Art und Weise geäußert haben. Wie groß mag die Menge derer sein, die ihr Schweigen nie überwinden konnten? Zum anderen verweist Reemtsma in seinem Text darauf, dass auch das Erzählen der Überlebenden an Grenzen kommt.
Es sind Grenzen, die überall dort fühlbar sind, wo es um starke Emotionen geht. Das Schönste und das Schrecklichste müssen immer ungeschildert bleiben. Es bleibt der Sprache fremd - der Sprachferne der mit ihnen verbundenen Emotionen wegen. 30
Dieser Aspekt allein verdeutlicht die Unmöglichkeit, in den Darstellungen der Opfer die ganze Welt der Lager widergespiegelt zu finden. Wie grauenvoll deren Schilderungen auch immer erscheinen, es kann an das Erlebte doch nicht heranreichen.
30 Reemtsma, Jan Philipp. a.a.O. S. 237.
14
Haupt- oder Nebengattung?
Ich halte es im Übrigen für einen Schwachpunkt der Ausführungen Reemtsmas, dass er nicht eindeutig erklärt, ob er im Zusammenhang der Überlebensmemoiren nun von einer neuen Hauptgattung spricht, oder aber dieser vierten Hauptgattung, der so genannten Gebrauchsliteratur, seinen Gattungsbegriff unterordnen könnte.
Berücksichtigt man allerdings, dass er den Nutzen für die Verfasserinnen und Verfasser, und den Nutzen für den Leser als neue Voraussetzungen dieser Literatur interpretiert, legt es die Vermutung nahe, den Gattungsbegriff der Überlebensmemoiren als eine weitere Einzelgattung unter die Hauptgattung der Gebrauchsliteratur zu subsumieren. Einen weiteren Grund, die Sache so zu verstehen, sehe ich darin, dass es Reemtsma mit dieser Literatur ja vor allem auf den Inhalt ankommt, der dort geschildert wird und nicht so sehr auf eine gattungsspezifische Form.
Dass diese Texte allerdings unter einen eigenständigen Gattungsbegriff zusammengefasst werden, halte ich für legitim. Denn:
Gattungen stellen als soziale Institutionen bestimmte konventionalisierte Kommunikationsformen dar, die gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sind und die historischem Wandel unterliegen. Aufgabe des Literaturwissenschaftlers ist es nicht, das angeblich überzeitliche innere Wesen einer Gattung aufzuspüren und den Grad seiner Realisierung in den einzelnen Entwicklungsphasen der Gattung wertend zu kommentieren. Stattdessen versucht die moderne Gattungsgeschichte, das Wechselspiel zwischen den Transformationen einer Gattung und den Transformationen der Rahmenbedingungen, unter denen literarische Kommunikation stattfindet, zu beschreiben. Dass z.B. eine Gattung wie das Schäferspiel im bürgerlichen Zeitalter ausstirbt, während der Roman im 19. Jahrhundert einen großartigen Aufstieg erlebt, ist gewiss kein Zufall. Beide Vorgänge illustrieren das Selbstverständnis von Autoren, Lesern und Kritikern in dieser Zeit, und eine moderne Gattungsgeschichte hat solche gesellschaftlich-kulturellen Wandlungsprozesse nachzuzeichnen, ohne einem Ideal von ‚Wesengemäßheit’ oder ‚Gattungsreinheit’ nachzuhängen. 31
Der Holocaust war der gesellschaftlich-kulturelle Wandlungsprozess des Zwanzigsten Jahrhunderts.
31 Schneider, Jost. a.a.O. S. 133 f.
15
Überleben als erzwungenes Einverständnis
Reemtsma leitet seine gleichnamige Abhandlung 32 mit einem Zitat aus dem Galeerentagebuch von Imre Kertesz ein. Dies lautet:
„Leben unter allen Umständen - das ist das Problem, vielleicht das Problem.“ [sic,M.D.]
Anders als die im vorigen Text von Reemtsma untersuchten Überlebensmemoiren tritt uns der Roman eines Schicksallosen von Imre Kertesz entgegen. 33 Inwiefern anders? Nun das, worin sich die Überlebensmemoiren gleichen, und worauf ich bereits zu sprechen kam, ist der gemeinsame Inhalt dieser Texte. Der Gegenstand, in welcher literarischen Form er auch immer verfasst sein mag, ist die Erfahrung des Holocaust. Und die bereits erwähnte Besonderheit dieser Gattung lag darin, dass die Verfasserinnen und Verfasser zugleich die Personen waren und sind, denen dieses Leid angetan worden ist. Und besonders in den Erlebnisberichten bzw. Autobiographien wird auf diesen Umstand bewusst verwiesen. Die Autoren sprechen von sich in der ersten Person Singular. Dem Leser begegnet also bei der Lektüre zumeist eine Ich-Erzählform. Dieses erzählende Ich ist also nicht fiktiv. Auch Imre Kertesz wurde im Frühjahr 1944 nach Auschwitz deportiert und ein Jahr später in Buchenwald befreit. Für den Roman eines Schicksallosen erhielt er im Jahr 2002 den Literaturnobelpreis. Worin unterscheidet sich der Roman eines Schicksallosen von anderen Berichten, die auch in Romanform abgefasst worden sind?
Reemtsma schreibt, dass der Roman kein autobiographischer Bericht ist. Und weiter:
Der Roman gehört nicht in jene Literaturgattung, deren Ziel es vor allem ist, Zeugnis abzulegen von einem Verbrechen. Wenn Kertesz’ Roman in einer sehr vermittelten Weise auch als Beitrag zu dieser dokumentarischen Literatur gelesen werden kann, so ist er primär doch etwas anderes. 34
Was aber ist er denn dann „primär“?
Zunächst sei konstatiert, dass auch in diesem Roman aus der Erzählperspektive eines Ich-Erzählers berichtet wird. Und obwohl dieses erzählende Ich denselben Weg gehen muss, wie ihn sein Verfasser gehen musste, versteht Reemtsma diesen Roman nicht als autobiographischen Bericht. 35 Und die Gründe, die er dafür anführt, halte ich für durchaus berechtigt.
32 Reemtsma, Jan Philipp. Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. Unzeitgemäßes über Krieg und Tod. München:
Verlag C.H.Beck oHG 2003.
33 Kertesz, Imre. Roman eines Schicksallosen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
2002. 6.Aufl.
34 Reemtsma, Jan Philipp. Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. a.a.O. S. 221.
16
Was also ist die Besonderheit dieses erzählenden Ich? Reemtsma zitiert eine Stelle aus dem Galeerentagebuch, in welchem Kertesz schreibt:
...Ein Roman also, in dem sich keinerlei statische Moral findet, nur die ursprünglichen Formen des Erfahrens, die Erfahrung im reinen und geheimnisvollen Sinne des Wortes. 36
Hier geht es zunächst natürlich um die Technik des Romanschreibens. Zugleich ist es aber die Beschreibung, wie das Ich im Roman die gemachten Erlebnisse schildert. Reemtsma untersucht nun die ersten Szenen im Roman und kommt sehr schnell zu folgendem Schluss. Das erzählende Ich tritt dem Leser als eine Einheit von Empfindungen gegenüber, die man allgemein aber nicht so benennen mag, weil „...hier nicht <
Das Ich nimmt seine Umwelt wahr, und schildert die in dieser Welt gemachten Erfahrungen quasi ohne daran in irgendeiner Art und Weise emotional beteiligt zu sein. Dies ist ein technisch gelungener Wurf insofern, dass dadurch ein Distanzgefühl zwischen dem Erzähler und dem Rezipienten entsteht. Und damit ist auch schon ein wesentlicher Unterschied zu den Überlebensmemoiren gegeben. Das erzählende Ich im Roman eines Schicksallosen ist eine, trotz vieler Parallelen zu seinem Verfasser, fiktive Figur. Es ist ein Stilmittel, an welchem Kertesz seine Gedankenwelt deutlich werden lässt.
Damit die Funktionsweise des Zerstörungsprozesses deutlich wird, der in den Konzentrationslagern zur Anwendung kam, um die Individuen sowohl im Physischen wie im Psychischen zu vernichten, setzt es sich Kertesz zum Ziel, mit dem Roman die Struktur dieses Systems eben nicht „einfach“ darzustellen. Reemtsma zitiert eine Stelle aus dem Galeerentagebuch:
<
Der Text ist nicht Beschreibung, sondern selbst Ereignis, nicht Erklärung, sondern Gegenwart [...] Für den Roman wird demzufolge ein gewisser Mangel an <
35 Ebd.
36 Ebd. S. 230. und: Kertesz, Imre. Galeerentagebuch. a.a.O. S. 74.
37 Reemtsma, Jan Philipp. Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. a.a.O. S. 230.
38 Kertesz, Imre. Galeerentagebuch. a.a.O. S. 27.
39 Ebd. S.28.
17
Der Roman soll sich also das „anverwandeln“, was er darstellt, und damit über die bloße Darstellung hinausgehen. Es ist das erzählende Ich, das sich in dieser Struktur zurecht finden muss. Und die Linearität des Geschehens wird deutlich am physischen und psychischen Zustand der Figur. Der Zeitverlauf wird „zur verstümmelnden Zeit“ für das Ich. Der Verfall des Protagonisten ist unaufhaltsam. Seine Individualität wird im Laufe der Handlung zerstört. Dieser Verlust bewirkt dann seine Schicksallosigkeit. Sein eigenes Schicksal kann er in diesem Prozess nicht gestalten. Und damit kommt es zur Hauptaussage, oder der Pointe wie Reemtsma sich ausdrückt. Der Schicksallose, und damit sind letztlich alle KZ-Inhaftierten gemeint, hat an nur einem Punkt, sogar im Lager, die Möglichkeit frei zu wählen.
Entweder ordnet es sich diesem bestehendem System unter, und betreibt folglich seine eigene Zerstörung oder es lehnt sich dagegen auf, und wird sofort getötet. Jeder Bissen Brot bedeutet, wie es in so vielen Berichten zu lesen ist, einen Moment Aufschub vor dem Tod. Das ist das Dilemma.
Reemtsma bezieht sich mit diesem Wissen auf die Stelle im Roman eines Schicksallosen, an welcher der Protagonist, inzwischen heimgekehrt, beschreibt, wie die Selektionen nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau vor sich „gingen“.
In der Mitte jedoch, wo auch ich stand, muss man also mit einer Wartezeit von zehn bis zwanzig Minuten rechnen, bis man zu dem Punkt gelangt, wo sich entscheidet: gleich das Gas oder noch einmal davongekommen. In der Zwischenzeit aber bewegt sich die Reihe ständig fort, geht immer weiter voran, und ein jeder macht immer einen Schritt, einen kleineren oder einen größeren, je nach 40
Betriebsgeschwindigkeit.
Reemtsma schlussfolgert:
Jeder dieser Schritte führt nicht nur in die Zerstörung, sondern ist die Zerstörung, und da es mein Schritt ist, ist es meine Freiheit, die ich in den Dienst des Überlebenstriebes stelle. 41
Das versucht der Protagonist den Zuhausegebliebenen zu erklären. Es ist die Einsicht, dass es nichts gibt außer den gegebenen Umständen und in ihnen neue Begebenheiten.
40 Kertesz, Imre. Roman eines Schicksallosen. a.a.O. S281.
41 Reemtsma, Jan Philipp. Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. a.a.O. S. 247.
18
Auch ich habe ein gegebenes Schicksal durchlebt. Es war nicht mein Schicksal, aber ich habe es durchlebt - und ich begriff nicht, warum es ihnen nicht in den Kopf ging, dass ich nun eben etwas damit anfangen, es irgendwo anfügen musste, dass es jetzt nicht mehr genügen konnte, mir zu sagen, dass es ein Irrtum war, ein Unfall, so eine Art Ausrutscher, oder dass es eventuell gar nicht stattgefunden hat, womöglich. 42
Es hat stattgefunden. Und es geschah nicht einfach so. Jeder ging seine Schritte. Und jeder erhielt das Ganze mit seinen Schritten am Leben. Alles was jetzt ist, war zuvor auch möglich. Deshalb liegt in allem Möglichen eben die Potenzialität des Real-werden-könnens.
Nichts, das ist, war zuvor unmöglich.
Und jeder setzt mit jedem kleinen Schritt ein Element des Möglichen in die Realität. Da existiert also keine Passivität. ES geschah nicht, oder trug sich dummerweise zu. ES wurde getan. Und getan auf allen Seiten.
42 Kertesz, Imre. Roman eines Schicksallosen. a.a.O. S. 283.
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Resümee
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Eine wesentliche Besonderheit der Menschen, die in den Konzentrationslagern leben mussten und zu Opfern wurden, ist der Umstand, dass sie allen Menschen, die außerhalb dieser Todesstätten lebten, eine Erfahrung voraus haben. Es bleibt zu wünschen und zu hoffen, dass diese Erfahrung nie wieder gemacht wird. Denn sie ist unnütz und sie lehrt nichts, außer dass sie nicht zu sein hat. Aber dafür hätte es ihrer Realität eben nicht bedurft. 44
„aber...ich meine, dass Konzentrationslager an sich ist nicht natürlich!“
Dies ist ein moralisches, ein soziales, ein menschliches Verständnis und dieser Wert macht den Menschen erst eigentlich aus. Aber die Konzentrationslager haben existiert. Und mit ihrem Aufbau und Erhalt verschwand der Konjunktiv.
Die Ration Brot reichte zu nicht mehr, als bis zur nächsten Ration zu hoffen, zu kämpfen. Und das war die Natürlichkeit der Lager, von welcher der Schicksallose spricht. Es gab keine Moral; was es gab war der animalische Zug zu überleben. Wenn der Mensch für seine bloße, also biologische Existenz von Augenblick zu Augenblick kämpfen muss, bleibt kein Platz für irgendwelche moralischen Wertesysteme und Vorstellungen. Es kann keine Sozialität geben, denn die Mitmenschen werden, wo nicht zu Feinden so doch zu Konkurrenten. Mit dieser Erfahrung sind viele, wenn nicht alle, Überlebende heimgekehrt. Und auch die, die den Holocaust nicht überlebt haben, mussten diese Erfahrung zwangsläufig machen. Die anderen, die von dieser Erfahrung Unberührten, also damalige Zeitgenossen genauso wie wir Heutigen, können davon Kenntnis nehmen.
43 Kertesz, Imre. Roman eines Schicksallosen. a.a.O. S. 244.
44 Reemtsma, Jan Philipp. Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. a.a.O. S. 245.
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Und wir sind in Anbetracht dieser enormen Last geradezu verpflichtet dies zu tun. Aber einer Sache müssen wir uns bewusst bleiben: soviel wir auch durch die Beschäftigung eben mit jenen Zeugnissen über den Holocaust erfahren, wir bleiben „Fremde, Ahnungslose und im gewissen Sinne Kinder“ was das Erleben dieser Erfahrungen betrifft!
Darin liegt die Bedeutung, den noch Lebenden Gehör zu schenken, die Berichte oder eben Memoiren der Opfer zu lesen, und dabei der Sache eingedenk zu bleiben, dass genau dies vielen Menschen durch ihre Ermordung und vielen Menschen trotz des physischen Überlebens nicht mehr möglich war.
Diese Memoiren sind also die vielen individuellen Blickpunkte derjenigen, die den Holocaust überlebt haben. Und sie ergänzen den historischen Aufarbeitungsprozess nicht nur. Nein, sie geben mit ihren Schilderungen von Einzelheiten den Blick auf den ganzen Schrecken frei. Was uns als Leser mit ihnen verbindet, ist zugleich ein Grund ihres Schreibens. Sie empfanden die Scham über das Handeln der Täter, wie wir als Rezipienten Scham über solches Verhalten empfinden. In dieser Scham begegnen wir uns. Und diese Scham erklärt zugleich, die Täter haben Unrecht, wir sind im Recht. 45
Und es gibt dieses System von Moral und Recht. Gerade aber aus ihren Schilderungen können wir erkennen, wie fragil diese Systeme sind, wenn der Mensch vor die alles entscheidende Frage gestellt wird: Leben oder Tod. Die Leistungen der Verfasserinnen und Verfasser der Überlebensmemoiren ist vor allem im Zeugnis ablegen zu sehen. Ihnen wird Aufmerksamkeit zu Teil (was sie zu sagen haben ist eben außergewöhnlich), und dem Rezipienten eröffnet sich der Blick wie die Welt, ja wie der Mensch, auch ist.
Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen der Literatur dieser Vielen und den einzelnen Werken verschiedener Schriftsteller. Was den Gegenstand der Literatur betrifft sind sie nicht zu unterscheiden. Sie handeln von Leid. Aber das Verständnis und die Blickweite auf das Geschehene können eben viele vom eigenen Schicksal nicht lösen. Ich betone ausdrücklich, dass dies auch keine Forderung oder ein Kriterium an die Verfasser der Überlebensmemoiren ist. Aber darin liegt nach meinem Verständnis eben der wesentliche Unterschied zwischen diesen Texten, und denen solcher Menschen, die deswegen als Schriftsteller angesehen werden.
45 Reemtsma, Jan Philipp. Die Memoiren Überlebender. a.a.O. S. 253.
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Und es ist die Leistung eines Imre Kertesz, sich von diesen Erlebnissen so zu trennen, das er ein fiktives Ich kreieren kann. Er steht auf einer Metaebene und kreiert die Welt des Schreckens noch einmal neu. Nacherleben mussten es die anderen natürlich auch. Und deren Schilderungen legen Zeugnis ab.
In seinem Roman tut Kertesz dies auch, geht aber zugleich über die bloße Darstellung hinaus. Indem er diesen Roman schreibt, bildet er die Welt nicht nur ab wie sie ist, sondern interpretiert sie zugleich. Er löst sich also vom eigenen Schicksal und kann so darüber Reflexionen anstellen. Und das was er sagt, seine Sicht der Welt, ist ein allgemeingütiges Urteil über diese.
Dieses Mehr an Information klärt den Leser noch tiefer auf. Und das ist wichtig, weil wir die Erben von Auschwitz sind.
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Literaturverzeichnis
Der Literatur-Brockhaus: in acht Bänden. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich BI-Taschenbuchverlag 1995.
Kertesz, Imre. Wem gehört Auschwitz? In: Imre Kertesz. Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 2002. 2. Aufl.
Plesske, Hans-Martin. Ernst Wiechert. Noch tönt mein Lied. Halle(Saale): Union Verlag Berlin 1967.
Reemtsma, Jan Philipp. Die Memoiren Überlebender. In: Mord am Strand. Allianzen von Zivilisation und Barbarei. Berlin 2000.
Reemtsma, Jan Philipp. Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. Unzeitgemäßes über Krieg und Tod. München: Verlag C.H.Beck oHG 2003.
Schneider, Jost. Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. Bielefeld: Aisthesis-Verlag 2000. 3.Aufl.
Frankenthal, Hans. Verweigerte Rückkehr. In: Pehle, Walter H. (Hg.): Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Buchreihe. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1999.
Kertesz, Imre. Galeerentagebuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1999. 2. Aufl.
Kertesz, Imre. Roman eines Schicksallosen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 2002. 6.Aufl.
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Kirsten, Holm / Kirsten Wulf (Hg.): Stimmen aus Buchenwald. Ein Lesebuch. Göttingen: Wallsteinverlag 2002.
Melville, Herman. Billy Budd. Zürich: Diogenes Verlag AG 1981.
Semprun, Jorge. Was für ein schöner Sonntag !.Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1999.
Wiechert, Ernst. Der Totenwald. München: Ullstein Taschenbuchverlag 2001. 2.Aufl.
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Marco Dietze, 2003, Überlebensmemoiren - Gedanken von Jan Philipp Reemtsma zu den Texten Überlebender des Holocaust, München, GRIN Verlag GmbH
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