Inhaltsverzeichnis
1 Allgemeines 1
1.1 Phasen der Studentenbewegung 1
2 Dokumente zum 2. Juni 2
2.1 Die Befreiung der Sprache und ihre Ausdrucksformen 4
2.2 Exemplarische Reden und Stellungnahmen der Studentenseite 5
2.2.1 Rede von Dr. Rolf Tiedemann vor Berliner Studenten 5
2.2.2 Rede von Wolfgang Kotzold (Sozialdemokratischer
Hochschulbund - SHB) am 6. Juni 9
2.2.3 Flugblatt des Allgemeinen Studentenausschusses - AStA
- der FU vom 5. Juni 10
2.3 Exemplarische Reden und Stellungnahmen der oziellen Seite 11
2.3.1 Stellungnahme und Erkl arung von Heinrich Albertz 12
2.3.2 Erkl arung des Gesch aftsf uhrenden Landesvorstandes
der CDU Berlin am 3. Juni 13
3 Schlußbetrachtungen 15
4 Abschließende Begriffssammlung 16
5 Bibliographie 19
i
1 Allgemeines
1968 ist zu einer Chire geworden, die eine ganze Generation und Bewegung beschreibt. Oft mystiziert und gerne diamiert { im besten Falle analysiert { als eine Zeit des Umbruchs in einer noch sehr jungen und unge ubten Demokratie. So ist die Jahreszahl 1968 zum Symbol einer Z asur innerhalb der Bundesrepublik Deutschland geworden, gesellschaftspolitisch wie sprachlich. Eng mit der Jahreszahl verkn upft ist die Bewegung, die heute meist Studentenbewegung, Studentenrevolte oder Studentenrebellion genannt wird. Diese Arbeit besch aftigt sich mit den ,,Dokumenten zu den Ereignissen des Schah-Besuchs". Zentrales Thema ist, herauszultern, was die wichtigsten Themen, Begrie und Ausdr ucke sind und wie sie sich innerhalb der Texte je nach Redner manifestieren. Welches sind die Schlagw orter der Studentenbewegung und ihrer Zeit und wie werden sie kontextualisiert? Gibt es Neologismen oder Neudenitionen von vorhandenen Begrien? Was an der Sprache ist ,,typisch 68er"? Hierzu ist es zun achst wichtig, zu umreien, in welcher Zeit die Dokumente ver oentlicht wurden.
1.1 Phasen der Studentenbewegung
Das Jahr 1968 wird oft als Hochzeit und gleichzeitiger Niedergang der Studentenbewegung bezeichnet. Dabei beginnt die eigentliche groe aktive Phase, die ganz Westdeutschland ergreift, am 2.Juni 1967 mit der Erschieung des Studenten Benno Ohnesorgs. Eine grobe Ubereinstimmung im
Aufzeigen von Phasen innerhalb der Bewegung ndet sich bei Habermas / Rolke / M uller / Langgut 1 :
Die Vorphase der Studentenbewegung: Sommer 1965 - Juni 1967 Die Studentenbewegung beschr ankt sich zun achst auf die Freie Universit at Berlin. Die wichtigsten Themen und Reibungspunkte liegen innerhalb der Hochschule: der Protest richtet sich vor allem gegen alte, uberholte und
autorit are Strukturen und auch gegen die nicht thematisierte Rolle der Hochschulen w ahrend des Nationalsozialismus. Hinzu kommen innenpolitische Themen, wie die Groe Koalition, insbesondere in Bezug auf die
1 Vgl.: Jansa, Axel: P adagogik, Politik, Asthetik. Frankfurt am Main 1999. S. 68.
1
Notstandsgesetze und internationale Kon ikte in Vietnam, S udafrika und Persien (Kritik am diktatorischen Schahregime). 2
Die antiautorit¨ are Phase: Juni 1967 - 1968
Mit der Erschieung Benno Ohnesorgs auf einer Demonstration gegen den Schahbesuch greift der Protest auf ganz Westdeutschland uber, vor allem
bezogen ,,auf die Intensit at des Engagements Studierender, der Pr asenz des Themas Studentenproteste in den Medien und die Besch aftigung weiter Teile der westdeutschen Bev olkerung mit den studentischen Protesten und deren Inhalten." 3 Eine Phase zahlreicher und vielf altiger Protestaktionen und -formen beginnt, welche alle Themen und Kon ikte, die schon vorher da waren komprimiert und versch arft.
2 Dokumente zum 2. Juni
Der Tod Benno Ohnesorgs l oste eine Welle der Emp orung an allen Universit aten aus. Fast uberall wurden sofort Trauerkundgebungen veranstaltet und Solidarit atsbekundungen verfat: ,,F ur den Morgen danach hatte der Allgemeine Studentenausschu der Freien Universit at eine Protestversammlung einberufen. Sie galt dem Beschlu des Akademischen Senats, der dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) die F orderungsw urdigkeit abgesprochen hatte. Angesichts der Ereignisse vom Vorabend war nun anderes wichtig geworden: die Sammlung von Augenzeugenberichten, eine Diskussion der Lage, Fromulierung von Protesten gegen die Stadtregierung und Polizei." 4 Die Materialsammlung ,,der 2. Juni 1967. Studenten zwischen Notstand und Demokratie. Dokumente zu den Ereignissen des Schah-Besuchs" umfat gesammelte Dokumente aus der Woche unmittelbar nach dem Tod Benno Ohnesorgs. Herausgeber sind Knut Nevermann und der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS). Ziel der Sammlung war es, eine Gegen oentlichkeit zu schaen und die Ereignisse des 2. Juni zu rekonstruieren und dokumentieren, vor allem sollte aber auch der Umgang der Oentlichkeit mit den Studenten demonstriert werden und gegen ein Klima der Repressionen und Diamierungen zu protestieren. ,,Die
2 Vgl. Jansa, Axel: P adagogik, Politik, Asthetik. Frankfurt am Main 1999. S. 68. 3 Ebd. S. 69. 4 der 2. juni 1967. K oln 1967. S. 6.
2
hier abgedruckten Reden, Stellungnahmen und Erkl arungen sind Dokumente des Protests gegen die inhaltliche Aush ohlung der Grundrechte in der Bundesrepublik und in Westberlin. Die Reden und Erkl arungen zeigen, da ein Eintreten f ur das Grundgesetz von 1949 wieder beginnt notwendig zu werden." 5 Weiter heit es im Vorwort zum Selbstverst andnis der Studenten: ,,Die vorliegende Brosch ure ist ein Dokument f ur den Proze einer wachsenden Bewutseinsbildung und Entwicklung des politischen Problembewutseins in der Studentenschaft, aber auch bei Assistenten, Dozenten und Professoren." 6 Allein in diesem Auszug zeigen sich zentrale Begrie und Anliegen der Studentenschaft: Grundrechte, Grundgesetz, Protest, Proze, Bewutseinsbildung, Entwicklung des politischen Problembewutseins.
Die Materialsammlung ist wie folgt unterteilt:
Vorwort 7 von Hans Joachim Haubold, Vorsitzender des Verbands deutscher Studentenschaften. Das Vorwort liefert eine kurze Stellungnahme und Einsch atzung der Ereignisse: ,,Der Tod unseres Kommilitonen Benno Ohnesorg ist ein politischer Tatbestand. Benno Oh-nesorg ist das zuf allige Opfer eines planm aigen Versuchs zur Unterdr uckung einer auerparlamentarischen Opposition." 8 Sehr interessant ist hier die bewute Gegen uberstellung zuf alliges Opfer und planm aiger Versuch.
Einf¨ uhrung von Knut Nevermann, Vorsitzender des Ausschusses f ur politische Bildung des VDS. Die Einf uhrung liefert sowohl eine inhaltliche, ideologische wie auch eine metasprachliche Zusammenfassung der Ereignisse und Dokumente.
Die Dokumente:
1. Berichte: Augenzeugenberichte und Zeugenaussagen zu den Schahbesuchen in Berlin, Hamburg, M unchen und Bonn
5 der 2. juni 1967. K oln 1967. S. 5. 6 Ebd. S. 5.
7 Die fett gedruckten W orter entsprechen der Einteilung des Inhaltsverzeichnisses der Materialsammlung. 8 Ebd. S. 5.
3
2. Reden: verschiedene Redner von Studenten bis Professoren bei verschiedenen Trauerkundgebungen
3. Stellungnahmen: verschiedene Textsorten wie Presseerkl arungen, Briefe, Resolutionen, Flugbl atter sowie eine schriftlich xierte Fernsehdiskussion
4. Anhang: Stellungnahmen, Erkl arungen und Redeausz uge von ozieller Seite: B urgermeister Heinrich Albertz, Gewerkschaft der Polizei, Politiker der CDU und SPD
am Ende nden sich noch Literaturhinweise und eine Legende, der in den Dokumenten vorkommenden Abk¨ urzungen
2.1 Die Befreiung der Sprache und ihre Ausdrucksformen
Ein wichtiges Merkmal der Studentenbewegung war die Gesellschafts- und Sprachkritik. Ausgehend von der Sprachherrschaftsthese wurden vermeintlich allgemeing ultige Begrie in Frage gestellt, teilweise neu besetzt und semantisch umgedeutet. Man versuchte, sich und die Sprache selbst zu befreien. Es entstanden Neudenitionen schon vorhandener Begrie. ,,Neben der Beein ussung des allgemeinen Wortschatzes durch diese Terminologie, die aus gesellschaftstheoretischen Zusammenh angen kommt, besteht der Einu der Kritischen Theorie in der grunds atzlichen Kritik der herrschenden Sprache als Herrschaftssprache." 9 Was an der Sprache ist ,,typisch achtundsechzig"? Es ,,sind haupts achlich drei verschiedene Variet aten, die schon von den Zeitgenossen als ,,typisch Achtundsechziger" angesehen wurden: der Politjargon, die Spontisprache und die dirty speech." 10 In den Materialien zum 2. Juni ndet sich von diesen dreien nur der Politjargon. Weder dirty speech, noch Spontisprache sind hier zu nden, was vor allem auf die verwendeten Textformen wie Reden und Stellungnahmen zur uckzuf uhren ist. Weitere sprachliche Merkmale sind wortbildnerische Aspekte, Neudenitionen, Pr asuppositionen, Appellfunktionen, Intertextualit at und eine
9
Wengeler, Martin: ,,1968" als sprachgeschichtliche Z asur. Berlin/New York 1995. S.
384.
10 Mattheiser, J. Klaus: Protestsprache und Politjargon. G ottingen 2001. S. 87.
4
stark ideologisierte Sprache. Typische Ausdrucks- und Protestformen der Studentenbewegung waren die Rede, Flugbl atter (Flugis), sit-ins, teachins, go-ins...(Lehnw orter aus dem Englischen, Ubernahme der Begrie und
Formen der Stundentenbewegung und Anti-Vietnamkrieg-Bewegung der USA), AgitProp, Demonstrationen und Happenings.
2.2 Exemplarische Reden und Stellungnahmen der Studentenseite
Wie bereits oben erw ahnt war eine beliebte Ausdrucksform der 68er die Rede, aufgrund ihres persuasorischen und appellativen Charakters. Diese zeigt sich jedoch als ambivalente Textform bei der Untersuchung der Sprache der Studentenbewegung, denn, obwohl m undlich ge auert, ist sie schriftlich vorformuliert. Es handelt sich somit um konzeptionelle M undlichkeit. Dies l at wenig R uckschl usse zu, wie sich die Studenten frei untereienander unterhalten haben, zeigt jedoch zentrale Wortfelder, Forderungen und Schlagw orter, die innerhalb der Bewegung kursierten und zum Vokabular geh orten.
2.2.1 Rede von Dr. Rolf Tiedemann vor Berliner Studenten
Die Rede von Dr. Rolf Tiedemann ist eine Zusammenfassung mehrerer Reden. Sie folgt den typischen Merkmalen einer klassischen Rede, mit immer wiederkehrenden Fragen, Thesen, Erl auterungen und Gegen uberstellungen, also einem argumentativen Aufbau. Sprecher und Adressat sind am Anfang der Rede durch die Ereignisse noch identisch, d.h. er spricht von wir und uns. Erst in seiner Analyse der sprachlichen Rezeption der Ereignisse in der Presse und von ozieller Seite, spricht er von ,,[...] ihre[r] Behandlung in der Presse und in den Verlautbarungen der der politischen Instanzen Berlins[...]." Mit ihre meint er die Studenten. Er bezieht sich auf j ungste Auerungen in Zeitungen und ozielle Stellungnahmen:
,,Wir kennen sie aus der Ideologie des autorit aren Charakters. Es sind das immer wieder analysierte Stereotype des faschistoiden Denkens. Die Soziologen und Publizistikwissenschaftler
5
unter Ihnen kennen gen ugend Inhaltsanalysen von rechtsradikalen Zeitungen und Propagandatexten; Sie nden da eine ganze Reihe von Kategoriensystemen, die Sie ohne groe Modikationen auf all diese Auerungen vor allem der letzten zwei Tage anwenden k onnen. Was sich da mittlerweile uns zu n ahern scheint, tut das oft nur, indem es, wenn nicht inhaltlich, so doch formal Kategorien faschistischen Denkens erf ullt." 11
Schon in dieser kurzen Passage nden sich Begrie zentraler Diskurse jener Zeit: die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Sprache und die Forderung nach Aufarbeitung der Vergangenheit. So nden sich aus diesem Bereich immer wieder Begrie wie faschistoid, faschistisch, rechtsradikal, Faschisierungstendenzen. Ein weiteres groes Anliegen der Studentenbewegung ist die Enthierarchierung der Gesellschaft. Zentraler Begri ist hier: antiautorit ar. Demgegen uber steht, wie oben bezeichnet, die Ideologie des autorit aren Charakters. Dies gibt einen Hinweis auf die ideologischen Qellen der Studentenbewegung. Hier bezieht sich Tiedemann auf die ,,Studie zum autorit aren Charakter", die von Horkheimer und Adorno im Exil ausgearbeitet wurde. 12 Durch die Verwendung dieser Begrie gibt er einen Hinweis auf die Fachrichtungen, aus denen die Studentenbewegung ihr Vokabular und ihre Ideen speist: die Soziologie, hier vor allem die Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie. Die Kritische Theorie wiederum basiert auf den Theorien von Karl Marx und Sigmund Freud, d.h. die Fachsprache bzw. gewisse Begrie werden aus der Psychologie ubernommen. Die Ideen der Bewegung beziehen sich ,,auf den Freudo-Marxismus, der sich vor allem auf die Schriften von Wilhelm Reich und Herbert Marcuse st utzte". 13 In der folgenden Tabelle sollen die wichtigsten Wortfelder mit ihren jeweils zentralen Begrien aufgezeigt werden:
11 der 2. Juni 1967. K oln 1967. S. 40.
12 Die Studie zum autorit aren Charakter stellte eine wichtige Arbeit zur Erkl arung der Entstehung von totalit aren Regimen dar { bezogen vor allem auf das nationalsozialistische Regime.
13 http://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/RuCa2 98/kiesel.htm (15.01.2006).
6
a
Im Gegensatz zum Motto der Kommune 1: Das Private ist politisch!
b Das ( O) steht f ur Begrie der Oentlichkeit bzw. der Presse.
Interessant sind auch die unterschiedlichen Bezeichnungen f ur die Ereignisse am 2. Juni, vor allem f ur den Tod von Benno Ohnesorg:
Bezeichnungen f¨ ur die Ereignisse am 2. Juni
7
Diese Gegen uberstellung zeigt die tiefe Kluft zwischen der Studentenbewegung und der Oentlichkeit. Die Oentlichkeit reagiert vorwiegend mit Euphemismen und vermeidet das Wort Tod.
Prof. Dr. Tiedemann ubernimmt in seiner Rede viele f ur die Studentenbewegung typische wortbildnerische Aspekte. Hier werden vor allem wissenschaftssprachliche und umgangssprachliche Begrie gemischt. Die Zusammensetzung zweier Adjektive ist dabei auch ein Ph anomen der Sprach okonomie.
Einerseits werden Begrie kategoriesiert, andererseits werten sie und sind als Pr asuppositionen zu betrachten. So steht z. B. das real-demokratische Konzept dem formal-demokratischen System Bundesrepublik gegen uber. Doch oft wurden sowohl von der Bewegung als auch von den Institutionen die gleichen W orter benutzt { jedoch unter verschiedenen Vorzeichen: Demokratisierung ist eines der W orter, die f ur Verwirrung unter Politikern und Oziellen gesorgt haben, denn: Lebten nicht schon alle in der Staats-form der Demokratie? Erst durch die Dierenzierung durch die zusammengesetzten Begrie real-demokratisch vs. formal-demokratisch wird die Bewertung der Studentenbewegung deutlich: die BRD ist f ur die Bewegung nur oziell eine Demokratie, die aber nicht real umgesetzt wird und somit einer Demokratisierung bedarf. So erfahren W orter aufgrund der Gesellschafts- und Sprachkritik der Studentenbewegung eine Neudenition und werden semantisch aufgeladen. Dies geschieht auch mit dem Wort autorit ar. Das System wird nicht nur als formal-demokratisch, sondern auch als autorit ar bezeichnet oder zumindest als ein System mit autorit aren Strukturen, d.h. ,,[...] 1. (abwertend) a) totalit ar, diktatorisch b) unbedingten Gehorsam fordernd; Ggs. antiautorit ar. 2. (veraltend) a) auf Autorit at beruhend b) mit Autorit at herrschend[...]" 14 Die Bewegung verwendet das Wort im abwertenden, negativen Sinn. Das Wort autorit ar wird vor allem auf die staatlichen Institutionen und die Erziehung bezogen. Da die Enthierarchisierung eines der Ideale der Bewegung ist, fordert sie z. B. in der P adagogik eine antiautorit are Erziehung oder eine selbstregu-
14 DUDEN.Das groe Fremdw orterbuch. Mannheim/Leipzig/Wien/Z urich 2000. S. 166.
8
lative ( auerst basisdemokratische) Erziehung wie sie etwa in Summerhill damals wie heute praktiziert wird.
2.2.2 Rede von Wolfgang Kotzold (Sozialdemokratischer Hoch-schulbund - SHB) am 6. Juni
Auch in der Rede von Wolfgang Kotzold vom Sozialdemokratischen Hoch-schulbund nden sich wieder Begrie und Einsch atzungen zum Selbstverst andnis der Studenten. Die Einleitung beginnt mit einer Bewertung und einer Analyse der Ereignisse des 2. Juni:
,,Der Sozialdemokratische Hochschulbund der Universit at Heidelberg sieht den Mord an dem Berliner Studenten nicht als Tat uberlasteter oder in Notwehr geratener Polizeibeamten an. Viel
mehr ist darin ein vorl auger H ohepunkt jener Entwicklung zu sehen, die nicht nur f ur Berlin, sondern f ur die ganze Bundesrepublik symptomatisch ist." 15
Sprecher ist hier der Sozialdemokratische Hochschulbund. Adressaten sind die Studenten, insbesondere aber auch die SPD. Gefordert wird der R ucktritt von B urgermeister Albertz, des Polizeipr asidenten Duensing und des Innensenators B usch. An die Studenten wird appelliert, sich ,,in anderen politischen Studentenorganisationen" f ur ,,den demokratischen Sozialismus" 16 einzusetzen. Auf der metasprachlichen Ebene ist hier sehr deutlich ein Vokabular aus der Nazi-Zeit zu erkennen: die von Teilen der Oentlichkeit verwendeten W orter ,,parasit are Untermenschen" und ,,zersetzende Elemente" sind eindeutig Nazi-Jargon. Es ist daher nicht verwunderlich, da daraus R uckschl usse auf die Gesinnung der Bev olkerung gezogen wurden, die dann von Studentenseite als faschistoid und faschistisch bezeichnet wurde. Klare Dichotomien stellen in dieser Rede erneut die Bezeichnungen des Todes von Benno Ohnesorg dar. W ahrend die Studentenseite von Mord spricht, das heit dem Staat und der Exekutive eine klare Absicht unterstellt, spricht die ozielle Seite von einer ,,Tat uberlasteter oder
in Notwehr geratener Polizeibeamten". Beide Bezeichnungen kommen aus
15 der 2. Juni 1967. K oln 1967. S. 75. 16 Ebd. S. 67.
9
dem Bereich der Rechtssprechung { auf der einen Seite steht das Kapitalverbrechen, auf der anderen Seite die ,,Tat" als allgemeiner Begri und die ,,Notwehr", die sogar den Tod legitimiert. Diese Umkehr des T ater-Opfer-Verh altnisses ndet sich in oziellen Stellungnahmen von Presse und Politikern jener Zeit des ofteren (siehe auch Kap. 2. 3. 2.).
2.2.3 Flugblatt des Allgemeinen Studentenausschusses - AStAder FU vom 5. Juni
In diesem Flugblatt richtet sich der AStA direkt an die Oentlichkeit {
an die ,,Anderen". Adressat sind die Berliner Arbeiter: ,,An die Berliner Arbeiter! Man will Sie verschaukeln!" 17 Sprachlich typisch f ur die Textform Flugblatt sind kurze und knappe Informationen, Aufrufe und Appelle. In dem Satz ,,Man will Sie verschaukeln!" 18 steckt eine Warnung an die Arbeiter, die im Laufe des Flugblattes erl autert und mit anderen Worten wiederholt wird - nicht nur durch klare Warnungen, sondern auch durch rhetorische Fragen wie: ,,Was bl uht Ihnen, wenn [...]?" 19 Das Flugblatt wechselt zwischen Information und Agitation. ,,Der erschossene Benno Oh-
18 Ebd.S. 90.
19 Ebd. S. 90.
10
nesorg war das erste Opfer!" 20 impliziert, da das n achste Opfer aus der Arbeiterschaft kommen k onnte. Diese Warnungen werden verbunden mit Appellen: ,,Geben Sie der Polzei eine deutliche Warnung,[...].",,Denken Sie immer daran, da der Schah bereits dreihundert Millionen Entwicklungshilfe erhalten hat, die auch Sie mit erwirtschaftet haben." 21
2.3 Exemplarische Reden und Stellungnahmen der offiziellen Seite
Als letztes sind die Stellungnahmen der b urgerlichen Parteien zu betrachten. Au allig ist die partei ubergreifende Einigkeit der Bewertung der Ereignisse und die gemeinsamen Bef urchtungen. Bereits in den bisher vorgestellten Ausz ugen wurden die pr agnantesten Auerungen der oziellen
Seite auf metasprachlicher Ebene oder in Zitaten ausgedr uckt:
Bezeichnungen f¨ ur den Tod Benno Ohnesorgs (Presse, ¨ Offentlichkeit:
Fall von Notwehr (S.19), bedauerlicher Zwischenfall (S.40), Migri im Rahmen notwendiger staatlicher Ordnungsmanahmen (S.40), bedauerlicher Ungl ucksfall (S. 46)
Bezeichnung f¨ ur die Studenten/Demonstranten:
Mob, Krawall-Radikale, FU-Chinesen, demonstrierende Minderheit, linksradikale Demonstranten, studentische Extremisten (S. 7), lebensgef ahrliche Minderheit, Terroristen, Rudel, radikale Elemente, Randalierer, Radikale (S.9), Gammler (S.19), St orer (S. 20), die dreckigen Studentinnen (S.21), Schlampen, Radaumacher, kleine radikale Clique (S. 22), Rowdies, wirrk opge Radaumacher, Kriminelle (S.32)
Bezeichnung f¨ ur die Protestaktionen/Demonstrationen: Straenterror, Krawall, Unruhe, Pr ugelei, Terror (S.7), unerfreuliche Umtriebe radikaler Elemente, Terror radikaler Minderheitsgruppen, Verhaltensweisen einer Minderheit Wirrk opger (S. 9)
20 der 2. Juni. K oln 1967. S. 90.
21 Ebd. S. 90.
11
2.3.1 Stellungnahme und Erkl¨ arung von Heinrich Albertz
Auch die Politiker reagieren schnell mit Erkl arungen. Der SPD - B urgermeister Heinrich Albertz reagiert schon in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni, und am 3. Juni wendet er sich uber den Sender Freies Berlin an die
Bev olkerung. ,,Die Geduld der Stadt ist am Ende." 22 beginnt er seine Stellungnahme. Dies pr asupponiert, da die Stadt vorher Geduld hatte und die Studenten sie ausgenutzt und uberspannt haben. Die Demonstrationen gegen den Schah beschreibt er wie folgt: ,,Einige Demonstranten, [...], haben sich das traurige Verdienst erworben, nicht nur einen Gast der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Hauptstadt beschimpft und beleidigt zu haben, sondern auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte { Polizeibeamte und Demonstranten." 23 Die Umkehrung des T ater-Opfer-Verh altnisses ndet sich in vielen Stellungnahmen von Politikern und der Presse. Aus den Reden des B urgermeisters ergeben sich folgende Dichotomien zwischen den Zuschreibungen f ur die ,,Taten" der Studenten und die Manahmen, die darauf folgen sollen:
22 der 2. Juni 1967. K oln 1967. S. 141.
23 Ebd. S. 141.
12
2.3.2 Erkl¨ arung des Gesch¨ aftsf¨ uhrenden Landesvorstandes der CDU Berlin am 3. Juni
Besonders au allig in dieser Erkl arung sowie den Reden von Albertz ist die Kriminalisierung der Studenten bzw. Demonstranten, vor allem durch H aufung von Begrien aus den Wortfeldern Judikative und Legislative. Des weiteren bedient sich auch diese Seite einer ideologisierten Sprache - dies trit zumindest auf den CDU-Politiker zu. Feindbilder sind hier: Kommunismus und Radikalit at.
Umkehrung des T¨ ater-Opfer-Verh¨ altnisses
Wie bereits angemerkt, ndet man das Ph anomen der Umkehrung des T ater-Opfer-Verh altnisses sowohl in den Stellungnahmen der b urgerlichen Parteien als auch in der Presse. Die Best urzung der Demonstranten uber
diese Stellungnahmen werden in der Einf uhrung der Materialsammlung thematisiert: ,,Man will es nicht glauben. Augenzeugen stehen fassungslos herum, einige weinen. Aber dpa best atigt die Meldung. Die Opfer sind schuldig." 24 Knut Nevermann bezieht sich vor allem auf die schon oben erw ahnten Auerungen von B urgermeister Albertz:
,,[...] auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte { Polizeibeamte und Demonstranten." 25 { Heinrich Albertz SPD
Aber auch andere Politker und Zeitungen unterst utzen diese Haltung:
24 der 2. Juni 1967. K oln 1967. S. 6. 25 Ebd. S. 141.
13
,,Benno Ohnesorg ist nicht M artyrer der FU-Chinesen, sondern ihr Op-fer."(Morgenpost, 4.6.) 26
,,Und ich bleibe dabei, diese Zwischenf alle gehen auf deren Konto. Sie haben die Auseinandersetzung verursacht, der ein Student zum Opfer gefallen ist." 27 { Heinrich Albertz SPD
,,Die Verantwortung f ur die Krawalle bei denen auch eine Reihe von Polizisten durch Messerstiche verletzt worden ist, tragen die Kreise, die jede Gelegenheit benutzen, um angeblich ihr verfassungsm aiges Recht zu Demonstrationen wahrzunehmen, [...]." 28 { CDU
,,Der tote Student ist das hoentlich letzte Opfer einer Entwicklung, die von einer extremistischen Minderheit ausgel ost worden ist, [...]" 29 { Heinrich Albertz SPD
,,[...] so sehr sollte dieser Tod aber auch eine Mahnung eigentlich an die sein, die die Ursachen zu einer solchen Auseinandersetzung gelegt haben." 30 { Herbert Theis SPD
Faschismusvergleiche - Faschismusvorwurf
Sp atestens seit den sechziger Jahren hatten gegenseitige Faschismusvorw urfe Konjunktur. Der Studentenbewegung wird Faschismus nicht im eigentlichen Sinne vorgeworfen, vielmehr werden ihr ahnliche Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele vorgeworfen. Vorwiegend wird das Schlagwort Linksfaschismus verwendet, von b urgerlicher Seite wie auch aus den eigenen Reihen. ,,Es geh ort nicht mit zur geistigen Auseinandersetzung, wenn man mit Hilfe von Wurfgeschossen seine politische Meinung anderen Menschen sozusagen aufdr angen will. Diese Form haben wir schon einmal erlebt. Alle unter uns, die die Zeit vor 1933 miterlebt haben, wissen wie so etwas anf angt und wo so etwas enden kann." 31
,,Genauso wie Hitler seine Theorien und Praktiken in ,,Mein Kampf" umschrieben hat, haben es diese Studenten seit langem geschrieben,[...]." 32
26 der 2. Juni 1967. K oln 1967. S. 7.
27 Ebd. S. 141. 28 Ebd. S. 142. 29 Ebd. S. 143. 30 Ebd. S. 145. 31 Ebd. S. 144. 32 Ebd. S. 145.
14
Das Feinbild der b urgerlichen Parteien ist hier wieder: Kommunismus (oft gleichgesetzt mit Stalinismus) und auch Anarchismus 33 (siehe Bezugnahme auf ,,Herrn Agnoli") 34
3 Schlußbetrachtungen
Abschlieend ist zu sagen, da die Merkmale dieser Materialien eine stark politisierte und ideologisierte Sprache zeigen. Aufgrund der Tendenz zum Fachjargon, also der Verwendung einer Sprache mit wissenschaftlichen Duktus, entsteht ein neues sprachliches Ph anomen, eine Ingroup-Sprache, die niemand versteht, der sich nicht mit Soziologie, Politik, Psychologie, Philosophie und Gesellschaftskritik auseinandergesetzt hat. Dies wird sicherlich bewut inszeniert, auch um sich abzugrenzen und eine Gegen oentlichkeit zu schaen, und um sich sprachlich selbst zu positionieren. Die politische Haltung ist links und der gemeinschaftliche Kanon bezieht sich auf Schriften von Marx, Engels, Horkheimer, Adorno, Marcuse, Rosa Luxemburg, um nur ein paar zu nennen. Au allig ist hier die Sensibilisierung f ur autorit are Strukturen, Benachteiligungen und Unterdr uckung Einzelner, Minderheiten und L ander (in Bezug auf die Ausbeuteung der Dritten Welt oder Entstehung von totalit aren Systemen, wie zu jener Zeit in Griechenland Zeit). Die hier dokumentierte Studentenschaft ist politisch informiert und interessiert und setzt dieses Interesse mit ihren Forderungen sprachlich um. Der Polit- und Psycho-Jargon h alt Einzug in die deutsche Standardsprache, wodurch Begrie wie Emanzipation oder Demokratie nicht mehr als Fremdw orter aus Politik und Philosophie verwendet werden, sondern sich zu Schlagw ortern einer angestrebten Ver anderung und Entwicklung innerhalb der Gesellschaft entwickelten.
33 Wobei damals wie heute das Wort Anarchie bedeutungsgleich f ur Chaos verwendet wird, was im eigentlichen Wortsinne falsch ist und nichts mit dem politischen Begri
Anarchismus zu tun hat.
34 ,,Johannes Agnoli, geboren 1925 in Valle di Cadore, war von 1967 bis 1990 Pro-fessor f ur Politikwissenschaft an der Freien Universit at Berlin. Als Lehrender und als Autor hatte er groen Ein uss auf die Theoriebildungsprozesse der sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. Er starb am 4. Mai 2003 in der N ahe von Lucca. Die ,,Transformation der Demokratie", Johannes Agnolis erstes Hauptwerk, das er 1967 zusammen mit Peter Br uckner im Voltaire Verlag vorlegte, war die ein ussreichste und nachhaltigste Staats- und Parlamentarismuskritik f ur die auerparlamentarische Opposi-tion."http://www.perlentaucher.de/autoren/16167.html (07.03.2006)" S. 147.
15
4 Abschließende Begriffssammlung
Diese Begrissammlung greift nur die h augsten und wichtigsten Begrie der Studentenschaft aus den Materialien heraus:
A
antiautorit ar Ausnahmezustand auerparlamentarische Opposition Autonomie autorit ar
B
Bewegung Bewutsein Bewutwerdungsproze
D
Demokratie Demokratisierung demokratisch demokratischer Sozialismus Demonstration Demonstrationsfreiheit Demonstrationsverbot Diskussion
E
Erschieung
F
Faschismus Faschisierung Faschisierungstendenzen faschistoid faschistisch formal-demokratisch Freiheit
G
Grundrechte Grundgesetz
16
H
Hetze
K
Kommune Kritik kritisch
M
Massaker Meinungs auerung Mihandlung Mord Minderheit[enjagd]
N
Notstand Notstandsgesetze
O
Obrigkeit Opposition
P
Pogrom Pogromstimmung politisch Problembewutsein Protest Proze
R
radikal radikal-demokratisch Rationalit at rational real-autonom real-demokratisch
S
Selbstbesinnung Selbstbestimmung Selbstverwaltung sozialdemokratisch
17
Sozialismus sozialistisch Springer-Presse/Springerpresse Studentenorganisation System
T
totalit ar totalit ares System
U
Unruhe Unterdr uckung
V
Verantwortung Verfolgung Verhetzung Verketzerung
W
Willensbildung
Z
Zwangsexmatrikulation
18
5 Bibliographie
Prim¨ arliteratur
Knut Nevermann/Verband Deutscher Studentenschaften (vds) (Hrg.): der 2. juni 1967. Studenten zwischen Notstand und Demokratie. Dokumente zu den Ereignissen anl alich des Schah-Besuchs. K oln 1967.
Sekund¨ arliteratur
DUDEN. Das groe Fremdw orterbuch. Mannheim/Leipzig/Wien/Z urich 2000.
Jansa, Axel: P adagogik, Politik, Asthetik. Paradigmenwechsel um '68. Frankfurt am Main 1999.
Nier, Thomas: Schlagw orter im politisch-kulturellen Kontext. Zum oentlichen Diskurs in der BRD 1966 - 1974. Wiesbaden 1993.
Ott, Ullrich / Luckscheiter, Roman (Hrg.): Belles Lettres / Grati. Soziale Phantasien und Ausdrucksformen der Achtundsechziger. G ottingen 2001.
Wengeler, Martin: ,,1968" als sprachgeschichtliche Z asur. In: St otzel, Ge-org / Wengeler, Martin: Kontroverse Begrie. Geschichte des oentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin / New York 1995. S. 382-404.
http://www.perlentaucher.de/autoren/16167.html (07.03.2006)
http://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/RuCa2 98/kiesel.htm (15.01.2006).
19
Arbeit zitieren:
Miriam Oberle, 2005, Die Ereignisse des 2. Juni 1967 in der sprachlichen Rezeption der Studentenbewegung am Beispiel der "Dokumente zu den Ereignissen des Schah-Besuchs", München, GRIN Verlag GmbH
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