Inhaltsverzeichnis
I Einleitung: Inhalt der Arbeit und Problemstellung. 3
I.1 Inhalt der Arbeit. 3
I.2 „Dr. House“ als Objekt ethischer Überlegungen? 3
I.3 Inhalt der Folge und Art des Dilemmas. 3
II Die ethische Bewertung des Falls. 5
II.1 Der Fall aus Sicht des Utilitarismus. 5
II.2 und aus der Sicht Kants 7
II.2.1 Bewertung des Falls im Sinne der Kant’schen Ethik 7
II.2.2 Die Pflichtenkollision als Problem der Kant'schen Ethik im
vorliegenden Fall 9
II.3 Fazit 9
II.4 Aktuelle medizinethische Positionen. 10
II.4.1 Das „Informierte Einverständnis“ 10
II.4.2 Arzt-Patient-Beziehung und Patientenautonomie. 12
III Rezeptionsästhetische Überlegungen 14
IV Literatur 17
V Erklärung 18
I Einleitung: Inhalt der Arbeit und Problemstellung
I.1 Inhalt der Arbeit
Diese Arbeit setzt sich mit der Handlungsweise des Ärzteteams um Dr. House aus der gleichnamigen US-amerikanischen Fernsehserie in der Folge „Nichts hilft“ (1. Staffel, Folge 4) unter medizinethischen Gesichtspunkten auseinander. Zunächst soll sie aus der Sichtweise des Utilitarismus und der deontologischen Ethik Kants betrachtet werden, anschließend vor dem Hintergrund aktueller medizinethischer Positionen. Des Weiteren soll versucht werden, die große Beliebtheit dieser Fernsehserie zu erklären.
I.2 „Dr. House“ als Objekt ethischer Überlegungen?
Die populäre US-amerikanische Fernsehserie „Dr. House“ handelt vom gleichnamigen Arzt, der als Leiter der diagnostischen Abteilung des Princeton Plainsboro Teaching Hospitals immer wieder mit Fällen konfrontiert wird, die nicht nur sein medizinisches Können herausfordern, sondern auch ethische Entscheidungen - oft über Leben und Tod eines Patienten - von ihm verlangen.
Die Entscheidungen der Ärzte stellen eine Form der angewandten Ethik dar und laden den Zuschauer dazu ein, kritisch über sie zu reflektieren.
I.3 Inhalt der Folge und Art des Dilemmas
Innerhalb weniger Stunden erkranken auf der Entbindungsstation des Krankenhauses sechs Neugeborene an einer unbekannten Krankheit. Aufgrund des steigenden Fiebers und des niedrigen Blutdrucks ist es wahrscheinlich, dass die Kinder unbehandelt innerhalb der nächsten 24 Stunden sterben werden, sodass sich das Ärzteteam um Dr. Gregory House für eine Behandlung mit zwei Antibiotika entscheidet. Kurz darauf verschlechtert sich die Funktion der Nieren bei den beiden Babys, deren Symptome die stärkste Ausprägung zeigen, drastisch. Dr. House stellt fest, dass beide Antibiotika hierfür verantwortlich sein könnten. Die einzige Möglichkeit, das Leben der infizierten Kinder zu retten, bestünde nun darin, bei beiden Patienten jeweils eines der verabreichten Antibiotika abzusetzen, wobei das Team in Kauf nehmen müsste, dass eines der Kinder stirbt.
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Tatsächlich entscheidet sich Dr. House für diese Behandlung, wobei er bestimmt, bei welchem Baby welches Medikament abgesetzt wird, indem er eine Münze wirft.
Zwei Ärzte aus dem Team um Dr. House werden währenddessen damit beauftragt, jeweils einem Elternpaar mitzuteilen, dass ein Antibiotikum abgesetzt werde, da es wahrscheinlich für das Nierenversagen der Kinder verantwortlich sei. Schließlich stirbt eines der beiden Babys, die anderen fünf Kinder jedoch können geheilt werden.
Das Dilemma, dem Dr. House hier gegenübersteht, besteht demnach darin, dass er entweder ein Kind töten (oder „bewusst sterben lassen“, was in dieser Arbeit synonym verwendet wird) muss, um die anderen zu retten, oder alle sechs Kinder auf jeden Fall sterben werden.
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II Die ethische Bewertung des Falls
II.1 Der Fall aus Sicht des Utilitarismus...
Der Utilitarismus ist eine von Jeremy Bentham begründete Ethik, welche den sittlichen Wert einer Handlung anhand ihrer Folgen für die Gemeinschaft bemisst und daher konsequentialistisch oder teleologisch genannt wird. Zur Bewertung der Sittlichkeit einer Handlung werden die Interessen aller Betroffenen abgewogen, wobei das Ziel darin besteht, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl zu erreichen. Zentraler Begriff des Utilitarismus ist demnach das Glück der Allgemeinheit. Um zu bestimmen, ob eine Handlung ebendiesem zuträglich ist und somit eine solche ist, die getan werden sollte, entwickelte Bentham das sogenannte Prinzip der Nützlichkeit, „das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder missbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern“ 1 . Nützlich ist etwas laut Bentham, wenn „es dazu neigt, Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück hervorzubringen [...] oder [...] die Gruppe [...] vor Unheil, Leid, Bösem oder Unglück zu bewahren“ 2 . Von großer Bedeutung für den Utilitarismus ist das „Interesse der Gemeinschaft“, welches laut Bentham der „Summe der Interessen der verschiedenen Glieder, aus denen sie sich zusammensetzt“ entspricht, wobei eine Sache „zugunsten des Interesses eines Individuums [ist], wenn sie dazu neigt, zur Gesamtsumme seiner Freuden beizutragen [...] oder [...] die Gesamtsumme seiner Leiden zu vermindern“ 3 . Zusammengefasst heißt das, dass eine Handlung dann im Interesse der Gemeinschaft ist, wenn durch sie eine möglichst große Anzahl der ihr zugehörigen Individuen eine Vermehrung des Glücks oder, was für den Utilitaristen gleichbedeutend ist, eine Verminderung des Leides erfährt.
Hier wird eines der Hauptprobleme der utilitaristischen Folgenethik deutlich: Eine Entscheidung, die auf Grundlage des Utilitarismus getroffen wird, kann keine Rücksicht auf die Belange des Individuums nehmen, da dieses dem Rest
1 Bentham (1789), 55-58
2 Ebd. Βentham (1789), 55-58 3
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der Gemeinschaft zahlenmäßig unterlegen ist und somit sein Interesse bei der Entscheidungsfindung nicht ins Gewicht fällt. Eine utilitaristisch geprägte Entscheidung wird generell so ausfallen, dass die Folgen gemäß dem Prinzip des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl für möglichst viele Betroffene positiv sind, wobei sich der Utilitarist auch über gängige moralische Regeln wie z.B. das Tötungsverbot und andere Handlungen, die „unmittelbar die Würde der Person negier[en]“ 4 , hinwegsetzt, um dies zu erreichen.
Über eben dieses Tötungsverbot setzt sich auch Dr. House hinweg, als er sich dafür entscheidet, bei beiden Kindern je ein Antibiotikum abzusetzen, da er weiß, dass dadurch eines der beiden Kinder auf jeden Fall sterben wird. House handelt in diesem Fall im Sinne der utilitaristischen Ethik, da er sich der Tatsache bewusst ist, dass er, wenn er eines der Kinder „opfert“, fünf Leben retten kann.
Im Interesse der Kinder ist es natürlich, zu überleben, was bedeutet, dass das Glück der Gemeinschaft dadurch gestärkt wird, dass eines der Kinder getötet wird - die Interessenabwägung ergibt eine Fünf-zu-Eins-Situation. Um Freud und Leid, die durch die Handlungsweise des Arztes entstünden, zu quantifizieren, entwickelte Bentham das sogenannte hedonistische Kalkül, welches die Bilanz zieht aus „de[m] Wert jeder erkennbaren Freude, die von der Handlung in erster Linie hervorgebracht zu sein scheint; [...] de[m] Wert jeden Leids, das von ihr in erster Linie hervorgebracht zu sein scheint; [...] de[m] Wert jeder Freude, die von ihr in zweiter Linie hervorgebracht zu sein scheint [...] [und] de[m] Wert jeden Leids, das von ihr in zweiter Linie anscheinend hervorgebracht wird“ 5 für jede von der Handlung betroffene Person. „Befindet sich das Übergewicht auf der Seite der Freude, so ergibt sich daraus für die betroffene [...] Gemeinschaft [...] eine allgemein gute Tendenz der Handlung; befindet es sich auf der Seite des Leids, ergibt sich daraus für die Gemeinschaft eine allgemein schlechte Tendenz.“ 6
4 Spaemann (1999), 67-72
5 Bentham (1789), 79-82
6 Ebd.
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Wendet man das hedonistische Kalkül Benthams nun auf den vorliegenden Fall an, so ergibt sich ein Übergewicht auf der Seite der Freude, denn durch das Überleben der fünf Kinder wird diese unmittelbar (bei Bentham: „in erster Linie“ 7 ) hervorgebracht. Außerdem wird mittelbar (bei Bentham: „in zweiter Linie“ 8 ) auch Freude bei den Eltern der Kinder hervorgebracht, für die das Überleben ihres Babys eine positive Folge der Handlungsweise des Arztes darstellt.
Dem sehr hohen Wert an erkennbarer Freude in 15 Fällen steht ein ebenso großer Wert an Leid in drei Fällen gegenüber - zunächst erfährt das Baby, das stirbt, durch seinen Tod ein Maximum an unmittelbarem Leid, außerdem erfahren seine Eltern mittelbar sehr viel Leid.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Dr. House' Entscheidung utilitaristisch gesehen richtig war, da durch sie das in der Situation größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl hervorgebracht wurde.
II.2 ... und aus der Sicht Kants
II.2.1 Bewertung des Falls im Sinne der Kant’schen Ethik
Eine Gegenposition zur Folgenethik des Bentham'schen Utilitarismus stellt die deontologische Ethik Immanuel Kants dar. Sie wird auch als Pflichtethik bezeichnet, da die Pflicht als Achtung vor einem objektiven moralischen Gesetz ihre Grundlage bildet. Um zu bestimmen, was ein objektives moralisches Gesetz ist, leitet Kant aus seinen Überlegungen die erste Formel des kategorischen Imperativs her, welcher befiehlt, nur nach „derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ 9 zu handeln. Dieser Imperativ dient demnach lediglich zur Prüfung von Maximen (vom Menschen aufgestellten Handlungsregeln) auf ihren moralischen Gehalt, nicht jedoch zur Prüfung der Handlung selbst.
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Kant (1961), 67 f.
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Kant geht davon aus, dass jede menschliche Handlung einen bestimmten Zweck oder ein Ziel verfolgt, und entwickelt seinen kategorischen Imperativ weiter, indem er einen weiteren Aspekt moralischen Handelns, nämlich die Menschenwürde, in seine Formulierung einbezieht. Daraus ergibt sich die Menschheitszweckformel: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchtest.“ 10
Diese Formel soll gewährleisten, dass die handelnde Person keine Verletzungen der dem Menschen eigenen Würde in Kauf nimmt, wie es beim Utilitarismus eventuell erforderlich sein könnte, um das Ziel zu erreichen, da das menschliche Dasein einen absoluten „Wert, der nicht gegen andere Werte aufgerechnet werden kann“ 11 , hat. Dieser absolute Wert des Menschen entspricht seiner unveräußerlichen Würde, deren „Missachtung - wie [...] das Beiwort unveräußerlich besagt - [...] sich in keinem Fall rechtfertigen“ 12 lässt. In die Kategorie der Handlungen, die die Würde des Menschen verletzen oder negieren, fällt auch die Tötung eines Menschen. Eine solche Handlung ist also laut Kant moralisch falsch.
Ausgehend von der Menschheitszweckformel betrachtet, scheint die moralische Bewertung der Handlungsweise Dr. House' eindeutig. Es ist offensichtlich, dass sich Dr. House im Sinne von Kants Ethik moralisch falsch verhält: Ziel oder Zweck seines Handelns besteht darin, die Kinder zu heilen, wobei er allerdings gegen die Menschenwürde eines der Kinder verstößt, indem er es tötet und somit als Mittel missbraucht.
Nun ist fraglich, ob es eine Handlungsalternative gibt, die moralisch richtig im Sinne Kants ist. Betrachtet man die vorhandenen Möglichkeiten, so kommt man schnell zu dem Schluss, dass dies nicht so ist: Die einzige denkbare Alternative besteht - wie oben beschrieben - im Unterlassen jeglichen Handelns. Hierbei würden alle sechs Kinder sterben, was im Gegensatz zur berufsbedingten Pflicht des Arztes steht, Menschen zu helfen und ihre Leben zu retten.
10 Kant (1961), 77-79
11 Höffe (2002), 65
12 Höffe (2002), 67
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Es ist also nicht möglich, in dieser Situation im Sinne Kants moralisch richtig zu handeln, da in beiden Fällen eine Pflicht missachtet wird, obwohl aus einer anderen Pflicht heraus gehandelt wird.
In der gegebenen Situation prallen somit die Pflicht zu helfen und die Pflicht, die Menschenwürde nicht zu verletzten, aufeinander. Eine solche Situation bezeichnet man als Pflichtenkollision.
II.2.2 Die Pflichtenkollision als Problem der Kant'schen Ethik
im vorliegenden Fall
Viele Philosophen kritisierten Kants Ethik dahingehend, dass er das Problem dieser Pflichtenkollision nicht ausreichend in Betracht zog und auf eine merkwürdig erscheinende Art löste: Für ihn hat die negative Pflicht, also eine Pflicht, etwas nicht zu tun, immer Vorrang gegenüber der positiven Pflicht, etwas zu tun. Kommt es nun zu einer scheinbaren „Kollision zwischen einer negativen und einer positiven Pflicht[,] ist [diese] für Kant schon zugunsten der negativen entschieden“. 13
In genau dieser Situation befindet sich auch Dr. House, da hier die negative Pflicht, nicht zu töten bzw. die Menschenwürde nicht zu verletzten, mit der positiven Pflicht, einem Menschen zu helfen, kollidiert. Laut Kant überwiegt hier die negative Pflicht. Dr. House allerdings setzt sich über ebendiese hinweg, indem er eines der Kinder tötet. Seine Handlungsweise ist demnach moralisch falsch. Jedoch handelte Dr. House auch dann nicht moralisch richtig, wenn er die Handlung unterließe.
II.3 Fazit
Nachdem beide Positionen erläutert und auf das Beispiel angewendet wurden sowie das Problem der Pflichtenkollision erörtert wurde, kann man sagen, dass Dr. House im Sinne der utilitaristischen Folgenethik moralisch richtig handelt, wenn er eines der Kinder tötet, um die anderen zu retten, und moralisch falsch, wenn er gar keine Handlung ausführt und die Kinder sterben lässt. Vor dem Hintergrund der deontologischen Pflichtethik aus betrachtet, handelt Dr. House
13 Tugendhat (1995), 148-149
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jedoch in beiden Fällen moralisch falsch. Diese Betrachtungen lassen seine Handlungsweise in einem besseren Licht dastehen, als zuerst angenommen, denn sie zeigen, dass sie, obwohl sie nicht unserem moralischen Empfinden entspricht, wenigstens im Sinne einer der beiden Positionen moralisch richtig ist.
Dr. House hat also, wenn man teleologische und deontologische Ethiken als die beiden möglichen Ansätze für eine Medizinethik unserer Zeit betrachtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten das Richtige getan.
II.4 Aktuelle medizinethische Positionen
Nachdem die Situation von zwei grundlegend verschiedenen ethischen Positionen aus betrachtet wurde, soll sie nun unter Berücksichtigung aktueller medizinethischer Fachliteratur betrachtet werden.
Aufgrund der pluralistischen Welt- und Wertvorstellungen der modernen Gesellschaft ist es schwierig, eine allgemein gültige Entscheidung zu treffen, die im Sinne aller wichtigen Strömungen der Medizinethik ist. Heute finden sich ebenso utilitaristische wie deontologische Ansätze zur Bewertung moralisch und ethisch problematischer Situationen in der Medizin.
II.4.1 Das „Informierte Einverständnis“
Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, sich mit allen in aktuellen Fachbüchern vertretenen Positionen auseinanderzusetzen und diese auf den gegebenen Fall anzuwenden, weswegen ich mich hier zunächst auf eine Konvention konzentrieren werde: Das Informierte Einverständnis (informed consent), das sich als Begriff unabhängig von ethischen Theorien seit der Mitte des letzten Jahrhunderts etabliert hat: Eine Behandlung darf nur dann durchgeführt werden, wenn der Patient oder - wie in der gegebenen Situationein gesetzlicher Vertreter „ausreichend aufgeklärt worden ist, die Aufklärung verstanden hat, freiwillig entscheidet, dabei entscheidungskompetent ist und seine Zustimmung gibt.“ 14
14 Marckmann/Bormuth (2000), 79
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Dies bedeutet, dass einer Behandlung im Regelfall ein Aufklärungsgespräch vorausgeht, in dem „Therapiemöglichkeiten bzw. die Therapiealternativen mit ihren Vorteilen und Nachteilen, die Folgen und Nebenwirkungen einer Therapie, aber auch die Folgen ihrer Unterlassung zu erörtern [sind] [....].“ 15 Dabei gilt, dass „die Aufklärungspflicht [...] umso dringlicher bei einer Therapie mit experimentellem Charakter“ 16 wird.
Eine solche Therapie liegt auch in der betrachteten Folge der Serie vor, da das Ärzteteam durch ein Experiment - oder eine „Versuchsreihe“ - herausfinden möchte, woran die Kinder leiden.
Auch wenn die oben dargestellten Bedingungen für ein Informiertes Einverständnis anerkannt sind, kann es in einigen Situationen zu Unklarheiten kommen, da sie nicht konkret genug aufgestellt wurden. Fragen, die man sich hier stellen muss, sind zum Beispiel, „[w]ie umfassend [...] der Patient aufgeklärt werden“ 17 muss, „[w]ann [...] die Grenzen der berechtigten Einflussnahme durch argumentative Überzeugung überschritten“ 18 werden und „[a]n welche Bedingungen die Entscheidungskompetenz des Patienten [oder seines gesetzlichen Vertreters] gebunden“ 19 ist.
Zunächst ist zu sagen, dass die Aufklärung der Eltern als gesetzliche Vertreter ihrer Kinder nicht komplett und sogar falsch ist, da ihnen die einzige Therapiealternative, nämlich ein Unterlassen jeglicher Handlung, was dem Sterbenlassen der Kinder gleich kommt, verschwiegen wird, und sie zudem nicht über die Therapie des jeweils anderen Kindes informiert werden. Die Ärzte behaupten stattdessen, es sei ziemlich sicher, dass das Medikament, das beim jeweiligen Kind abgesetzt wird, für das Nierenversagen verantwortlich ist. Schon an dieser Stelle verstoßen sie also gegen die Konvention der wahrheitsgemäßen Aufklärung des Patienten.
Auch in Bezug auf die beiden anderen Fragen erscheinen die geführten Gespräche problematisch: Dr. House möchte unbedingt seinen Therapievorschlag durchsetzen, weswegen er seine Mitarbeiter den Eltern
15 Pöltner (2002), 101
16 Ebd.
17 Marckmann/Bormuth (2000), 79
18 Ebd.
19 Ebd.
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jegliche Alternativen verschweigen lässt, sodass man hier nicht einmal mehr von einer argumentativen Einflussnahme sprechen kann.
Hierbei macht sich das Ärzteteam die Situation der Eltern zu Nutze, was mit der dritten Frage in Zusammenhang steht. Natürlich hat ein junges Elternpaar den Wunsch, dass sein Baby geheilt wird, und ist in einer Situation, in der es um Leben und Tod geht, entsprechend hilflos und damit bereit, dem Arzt, in den es sein ganzes Vertrauen setzt, zuzustimmen. Die Entscheidungskompetenz der Eltern ist aufgrund der durch die Begebenheit entstandenen hohen psychischen Belastung also weitestgehend eingeschränkt.
Es liegt in diesem Fall kein Informiertes Einverständnis vor, da keine wahrheitsgemäße und vollständige Aufklärung stattfand und den Eltern, die nicht entscheidungskompetent waren, eine Entscheidung aufgezwungen wurde. Dr. House und sein Team verstoßen demnach gegen eine allgemein anerkannte und gültige medizinethische Konvention.
II.4.2 Arzt-Patient-Beziehung und Patientenautonomie
Allerdings kann man diese Handlungsweise unter einem anderen Gesichtspunkt auch als richtig ansehen:
Eine wichtige Rolle im medizinethischen Kontext spielt die Arzt-Patienten-Beziehung, bei der vier idealtypische Varianten unterschieden werden 20 , nämlich die paternalistische, die informative, die interpretative und die deliberative. Während die beiden letzteren als „[z]wischen ärztlicher Fürsorgepflicht und Patientenautonomie vermittelnde Positionen“ 21 gesehen werden können, stellen die beiden erstgenannten Modelle die Extreme dar: Dem paternalistischen Modell folgend, entscheidet der Arzt, welche Maßnahmen die für den Patienten besten sind, während das informative Modell (auch als Vertragsmodell bezeichnet) die Entscheidungsautonomie des Patienten in den Mittelpunkt stellt. Momentan ist ein Wandel vom Paternalismus hin zur Patientenautonomie zu beobachten, der mit den sich auflösenden patriachalischen Gesellschaftsstrukturen zu tun hat:
20 vgl. Emanuel/Emanuel (2000), 85;
21 Marckmann/Bormuth (2000), 78
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Die ärztliche Fürsorge als Kernpunkt des paternalistischen Modells wird als Bevormundung empfunden 22 .
Im gegebenen Fall ist es eindeutig, dass das Team um Dr. House diesem Modell entsprechend handelt, da die Eltern nicht in den Entscheidungsprozess einbezogen werden. Allerdings handeln die Ärzte hier unter Berücksichtigung der Situation der Eltern, da man von einer autonomen Entscheidung nur dann sprechen kann, wenn „die Freiheit von psychischem Zwang sowie die Fähigkeit, sich manipulierender Beeinflussung widersetzen zu können“ 23 gewährleistet sind, was nicht zutrifft, da die Angst der Eltern ihre Entscheidungskompetenz verringert. Die Ärzte verletzten also nicht direkt die Patientenautonomie, da sie durch ihr fürsorgliches Handeln in diesem Fall eine Überforderung der gesetzlichen Vertreter der Patienten verhindern, die weder genug medizinisches Fachwissen noch die psychische Stabilität besitzen, um die in dieser Situation richtige Entscheidung zu treffen.
Man kann sagen, dass das Team insofern richtig handelt, als es die Problematik des informativen Modells zu umgehen versucht, indem es den Eltern die Entscheidung abnimmt - doch ob diese Entscheidungn die richtige ist, lässt sich aus den bereits dargelegten Gründen im Rahmen dieser Arbeit letztendlich nicht festellen.
22 vgl. Pöltner (2002), 92-93
23 Pöltner (2002), 96
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Obwohl Dr. House ein übellauniger Zyniker ist, der kaum Mitgefühl für seine Patienten aufbringt und zudem oft entgegen unserem moralischen Empfinden handelt, ist die Serie für den Sender RTL ein Quotenerfolg mit einem Marktanteil von über 30 % in der werberelevanten Zielgruppe 24 , was einen „absolute[n] Serienrekord“ 25 darstellt.
Dass eine „Serie [...], deren Hauptfigur mehr Antiheld als Sympathieträger ist“ 26 , einen solchen Erfolg haben könne, liegt daran, dass die „Tage des Kuschelfernsehens gezählt“ 27 seien, behauptet Medienjournalist Tilmann P. Gangloff.
„Dr. House“ sei keine Krankenhausserie im eigentlichen Sinne, wie sie seit Jahrzehnten im deutschen Fernsehen bekannt ist, sondern eine Innovation, die „im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Artigkeiten wie „Dr. Kleist“, die ausgesprochenes Frauenfernsehen verkörpern, dank des ungehobelten Protagonisten auch für Männer attraktiv“ 28 sei. Dazu kommt, dass auch der Aufbau der „Episoden viel stärker einem Krimi als der klassischen Arztgeschichte“ 29 ähnelt und auch Dr. House selbst „die Krankheitssymptome wie ein Detektiv“ 30 analysiert - die Serie vereint Merkmale beider Genres, sodass sowohl Liebhaber des einen als auch des anderen auf ihre Kosten kommen. Doch nicht nur die Konzeption der Serie als Gegenstück zu früheren Arztserien, in denen die Mediziner als stets freundliche Halbgötter in Weiß präsentiert wurden, ist Bestandteil ihres Erfolgsrezepts, auch der grantige Doktor selbst trägt zur Beliebtheit entscheidend bei:
24 vgl. http://www.dwdl.de/article/news_12897,00.html
25 http://www.readers-edition.de/2007/09/13/dr-house-ein-nietzsche-im-weisskittel/
26 http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Medien-Fernsehen;art290,2336056
27 Ebd.
28 Ebd.
29 Ebd.
30 Ebd.
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Dr. House, der aufgrund eines schlecht behandelten Muskelinfarkts humpelt und auf Schmerzmittel angewiesen ist, ruft zum einen Mitleid im Zuschauer hervor, zum anderen bewundert man House' Art, „beim Diagnostizieren von Krankheiten gleichzeitig ungemein brachial und feinsinnig vorzugehen“ 31 und seine mit „rabiate[r] Gründlichkeit“ 32 gestellten „geniale[n] Diagnosen“ 33 .
Zudem parodiert die Serie das Format „Arztserie“ in gewisser Weise, indem z.B. Dr. House selbst in mehreren Folgen gezeigt wird, wie er eine solche Serie im Fernsehen ansieht, wobei die Charaktere und Dialoge stark überzeichnet erscheinen. Dr. House amüsiert sich über diese Serien, kommentiert sie gleichzeitig aber auch kritisch. Auf diese Art und Weise grenzt sich „Dr. House“ von den typischen Vertretern des Genres ab.
Nicht zuletzt lebt die Serie von Gegensätzen: House' Kollegen und Mitarbeiter, die weitestgehend den Stereotypen einer Arztserie mit „fesche[r] Kleidung, tiefe[n] Ausschnitte[n], frisch gebügelte[n] Hemden, glatte[r] Haut und geschminkte[n] Gesichter[n]“ 34 entsprechen, werden ebenso wie der Zuschauer mit dem „Anti-Stereotyp“ und „Anti-Serienarzt“ House konfrontiert - eine Konstellation, der aufgrund der aufeinanderprallenden Ansichten viel spannungsförderndes Konfliktpotential innewohnt. Zudem macht House es sich zur Aufgabe, die auftretenden Stereotype - egal, ob in Form von Kollegen oder Patienten - „bis aufs Äußerste auf die Probe zu stellen“ 35 , womit sich die Serie von anderen ihres Genres dahingehend unterscheidet, dass sie das hinterfragt, was alle ihre Vorgänger als selbstverständlich angesehen haben.
Bestes Beispiel für die aufgebauten Gegensätze sind Dr. House selbst und sein einziger Freund Dr. James Wilson, Chef der Onkologie. Dieser „ist ganz so, wie man sich einen guten Arzt vorstellt - freundlich, aufmerksam, hilfsbereit, feinfühlig - und somit das krasse Gegenteil von Gregory House“ 36 , was im Serienverlauf zu interessanten Gesprächen und Entwicklungen führt.
31 http://www.readers-edition.de/2007/09/13/dr-house-ein-nietzsche-im-weisskittel/
32 Ebd.
33 http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/gesellschaft/medien/490429
34 http://www.readers-edition.de/2007/09/13/dr-house-ein-nietzsche-im-weisskittel/
35 Ebd.
36 Ebd.
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Doch dieses „ungleiche, aber doch unzertrennliche Paar“ 37 bietet mehr als dies: Die beiden wurden so konzipiert, dass sie an Sherlock Holmes und Dr. Watson erinnern, ein eingespieltes Team auf der Suche nach der Lösung eines komplizierten Falles - aber vor allem ein Team mit weltweitem Erfolg.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Beliebtheit der Serie vor allem durch ihre Andersartigkeit im Bereich der gewählten Charaktere und Handlungsmuster im Vergleich zu anderen Serien des Genres zu Stande kommt.
37 Ebd.
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V Erklärung
Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende schriftliche Hausarbeit (einschließlich eventuell beigefügter Zeichnungen, Kartenskizzen, Darstellungen u.ä.m.) selbstständig angefertigt und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Alle Stellen, die dem Wortlaut oder dem Sinn nach anderen Werken (einschl. elektronischer Quellen) entnommen sind, habe ich in jedem einzelnen Fall unter genauer Angabe der Quelle deutlich gekennzeichnet.
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Lena Ackermann, 2008, Ein medizinethisches Dilemma am Beispiel der Serie „Dr. House“ - „Eines der beiden verurteilen Sie nach dem , München, GRIN Verlag GmbH
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