ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS III
ABBILDUNGSVERZEICHNIS IV
SYMBOLVERZEICHNIS V
1 EINLEITUNG 1
2 DAS MODELL VON DIAMOND UND DYBVIG 2
2.1 Das Grundmodell 3
2.2 Der Depositenvertrag 5
2.3 Der Bank Run als Sunspot-Phänomen 7
2.4 Die Stabilisierungsmöglichkeiten eines Bank Runs 8
2.4.1 Aussetzung der Auszahlungen 8
2.4.2 Stochastisches 9
2.4.3 Einlagensicherung und lender of last resort 10
3 DER BANK RUN AUF NORTHERN ROCK 11
3.1 Das Geschäftsmodell von Northern Rock 11
3.2 Die Folgen der US-Subprime-Krise für Northern Rock 12
3.3 Die Bank of England als lender of last resort 15
3.4 Der Bank Run 15
3.5 Die staatliche Einlagensicherung in Großbritannien 16
4 ZUSAMMENFASSUNG UND RESÜMEE 17
ABBILDUNGEN 19
LITERATURVERZEICHNIS 24
II
Abb. Abbildung ABCP Asset-backed Commercial Paper ABS Asset-backed Securities CDS Credit Default Swap EG Europäische Gemeinschaft EU Europäische Union Fed Federal Reserve Board FSA Financial Services Authority FSCS Financial Services Compensation Scheme GB Großbritannien GBP Britisches Pfund LBBW Landesbank Baden-Württemberg Libor London Interbank Offered Rate Mio. Million(en) Mrd. Milliarde(n) RMBS Residential Mortgage-backed Securities UK United Kingdom US United States USA United States of America Vgl. Vergleiche ZB Zentralbank
III
Abb. 1 Spieltheoretischer Ansatz eines Bank Runs
Abb. 2 Wachstumsraten der Immobilienfinanzierer in GB
Abb. 3 UK „High Street Banks“ im Asset-Vergleich
Abb. 4 Leitzinssätze im Vergleich
Abb. 5 Northern Rocks steigende Bilanzwerte und
Verschuldungsstruktur..........................................................................
Abb. 6 Fünfjahres Credit Default Swap Prämien im Vergleich
Abb. 7 Relativer Aktienkursvergleich
Abb. 8 Liquidität auf dem Finanzmarkt
Abb. 9 3-Monats-Libor und Overnight Index Swaps im Vergleich.
Abb. 10 Risikoprämie auf den 3-Monats-Interbankenzins
IV
Anteil der Desinvestitionen am Realinvestitionsprojekt in t1
Parameter für Ungeduld
Gütermenge, die Typ i in t aus seiner in t = 0 getätigten t c i Investition erhält t * Optimale Gütermenge (Konsum), den Typ i in t aus seiner c i
in t = 0 getätigten Investition erhält Typenbezeichnung (i = 1,2): i
vereinbarte Rückzahlung an Sparer, der seine Deposite in t r t abzieht
Vereinbarte Rückzahlung = Tilgung + Zins R
Zeitpunkt (t = 0,1,2) t
( ) u Nutzenfunktion
Auszahlung pro Einheit der Deposite in t V t
Teil der Einlage, der in t 1 insgesamt entzogen wird f
Anteil der Einlagen der von Sparer j abgezogen wird f j f Sperrschwelle
V
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird versucht das Phänomen eines Bank Runs zuerst von der theoretischen Seite zu beleuchten und anschließend, im praktisch ausgerichteten Teil, werden die Erkenntnisse auf den prominentesten Bank Run der jüngeren Vergangenheit - den Bank Run auf den britischen Immobilienfinanzierer Northern Rock - übertragen.
Wie es der Theorie nach zu einem Bank Run kommt, wird in Kapitel 2, anhand des klassischen Modells von Diamond und Dybvig aus dem Jahre 1983, erklärt. In diesem Modell können Finanzintermediäre eine explizit ökonomische Funktion erfüllen. Sie transformieren die liquiden Giroeinlagen der Sparer (Depositäre, Anleger) in illiquide Aktiva die einen konstanteren Ertrag abwerfen. Wobei die Bank immer einen Teil der Einlagen in liquiden Mitteln hält um den Konsumbedarf der Anleger zu befriedigen. Eine solche Fristentransformation impliziert das Risiko eines Bank Runs. Wenn alle Depositäre nur dann Geld bei ihrer Bank abheben, wenn sie eine Konsumbedarf haben, dann kann die Bank ihre Investitionen in illiquide Assets auslaufen lassen und somit die optimale Rendite erzielen. Dies wäre der Fall eines effizienten Gleichgewichts. In diesem Modell existiert jedoch auch ein ineffizientes Gleichgewichten - der Bank Run. Die Gefahr in ein solches Gleichgewicht zu kommen besteht immer dann, wenn der Wert der Aktiva niedriger ist als die Vertragsverpflichtung der Bank gegenüber ihren Depositären. In diesem Fall kann es für alle Depositäre optimal sein zur Bank zu rennen und die gesamten Einlagen abzuheben auch wenn kein Konsumbedarf besteht. Dadurch wird die Bank zu einem „Fire Sale“ der langfristigen illiquiden Aktiva gezwungen, wodurch die Bank in Schieflage geraten kann. Trotz der Implementierung einer Einlagensicherung und einer vernünftigen Regulierung wurden Bank Runs nicht zu einem Lehrbuchphänomen, sondern sind auch im 21. Jahrhundert noch in hochentwickelten Bankensystemen anzutreffen, wie man in Großbritannien (GB), im September 2007, nach 141 Jahren erneut feststellen musste. 1 In Kapitel 3 wird beschrieben, wie es im Zuge der US-Immobilienkrise dazu kam, dass der britische Immobilienfinanzierer Northern Rock in extreme Schieflage geriet und schließlich Opfer eines Bank
1 Vgl. Freixas/Parigi (2008), S. 6 - 7.
1
Runs wurde. Im 4. Kapitel wird geprüft, ob der Wirkungsmechanismus des Modells von Diamond und Dybvig auch in der heutigen Zeit und im Speziellen für den Fall Northern Rock noch seine Gültigkeit hat. 2
Die US-amerikanischen Ökonomen Douglas W. Diamond (University of Chicago) und Philip H. Dybvig (Yale University) haben im Jahr 1983 das klassische Modell zum Thema Bank Runs vorgestellt, bei dem Banken die ökonomische Funktion erfüllen, illiquide Anlageformen in liquide Verbindlichkeiten zu trans-formieren, die einen konstanteren Ertrag abwerfen. Banken vergeben auf der einen Seite langfristige Kredite und bieten auf der anderen Seite den Einlegern Depositenverträge an, bei denen sie zu jeder Zeit ihr Erspartes abheben können. Somit sind die Passiva einer Bank liquider als ihre Aktiva. Aufgrund dieser Fristeninkongruenz sind Banken einem gewissen Risiko ausgesetzt. Wenn die Depositäre einer Bank aus irgendeinem Grund befürchten, dass ihre Einlagen gefährdet sind, dann gehen sie zur Bank und heben ihre Ersparnisse ab. Wenn zu viele Sparer diese Befürchtung teilen, dann kommt es zu einem Bank Run. Um solche Runs zu verhindern wurden private und staatliche Einlagensicherungen implementiert und die Banken in ihrer Handlungsfreiheit durch gewisse staatliche Regulierungen beschränkt. Diamond und Dybvig haben in ihrem Modell beschrieben, warum Banken Depositenkontrakte abschließen die liquider sind als ihre Aktiva und warum sie deshalb anfällig für Bank Runs sind. Das folgende Modell wurde oftmals zum Verständnis von Bank Runs und anderen Finanzkrisen und zur Ausgestaltung von Lösungsansätzen verwendet.
Betrachtet wird eine Ökonomie mit ex ante identischen Haushalten, die alle in Periode 0 (t = 0) eine Einheit eines homogenen Gutes besitzen. Dieses homogene Gut wird zu drei Zeitpunkten (t = 0, 1, 2) betrachtet. Es wird davon ausgegangen, dass Investitionen in t = 0 in einen risikolosen Produktionsprozess erst in t = 2 Rückflüsse von R > 1 abwerfen. Wenn die Produktion in t = 1 unterbrochen wird, kann nur der Input aus t = 0 zurück gewonnen werden. Eine langfri-
2 Vgl.Freixas/Parigi (2008), S. 6 - 7.
2
stige Investition erzielt also einen höheren Ertrag, als mehrere nacheinander folgende kurzfristige Investitionen. 3
Die in t = 0 noch identischen Investoren erfahren dann in t = 1, als private In-formation, von welchem Typ Investor sie sind:
- Typ 1 erzielt ausschließlich durch Konsum in t = 1 Nutzen,
- Typ 2 hingegen erzielt nur einen Nutzen wenn er in t = 2 konsumiert. Da beide Typen von Investoren risikoavers sind, können deren konkave Nutzenfunktionen wie folgt dargestellt werden: 4
u Typ1 = u(c 1 1 ) , (1)
u Typ 2 = u(c 2 + c 2 1 2 ) . (2)
t die Gütermenge bezeichnet, die Typ i in t aus seiner in t = 0 getätig-Wobei c i
ten Investition erhält, um sie dann zu seinem typenabhängigen Konsumzeit- > 0 ist,dann hat der Typ 2 Investor einen Teil 1 punkt zu konsumieren. Wenn c 2
seines Investitionsprojektes bereits in t = 1 liquidiert, um es dann zu lagern und in t = 2 gemeinsam mit den Rückflüssen aus t = 2 zu konsumieren. Der Parame-
ter in Gleichung (2) beschreibt die Ungeduld des Investors vom Typ 2 und ] ]. 5
liegt im Intervall 1/R,1
[ ] an der Gesamtheit der Der Anteil der Investoren vom Typ 1 beträgt 0,1
Investoren und ist bereits in t = 0 jedem Investor bekannt. Somit ist auch die
Wahrscheinlichkeit mit der ein Investor zur Gruppe der Investoren vom Typ 1 gehört. Da die Investoren zum Zeitpunkt t = 0 noch nicht wissen zu welcher
3 Vgl. Diamond/Dybvig (1983), S. 405.
4 Vgl. Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 209 - 210. 5 Vgl. Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 210.
3
Gruppe der Investoren sie zum Zeitpunkt t = 1 gehören und beide Typen risikoavers sind, betrachten sie das Risiko, sich in t = 0 für die falsche Investition zu entscheiden (Typ 1 für eine Liquidation seines Investitionsprojektes in t = 2 oder Typ 2 für eine Liquidation in t = 1), als nachteilig und würden lieber ein für beide Möglichkeiten gleiches Konsumniveau erreichen. Um die in t = 0 paretoeffiziente Konsumallokation zu erreichen, muss der Erwartungsnutzen der In-vestoren in t = 0 maximiert werden:
{ } . ( ) + 1 ( ) ( ) u c 2 u c 1 1 2 max (3) 1 ,c 2 2 c 1
Die Höhe des Erwartungsnutzens ist restriktiv, da der Konsum aus den Rückflüssen der Produktion finanziert werden muss. Maximiert wird unter folgender Nebenbedingung:
[ ] R
1 c 1 1 = 2 (4) c 2 .
1
Die Gruppe der Typ 1 Investoren bekommt von jeder in t = 0 investierten Ein-
[ ] Einheiten
1 Einheiten zum Zeitpunkt t = 1 zurück, d.h. es bleiben 1 c 1 heit c 1 1
bis t = 2 in der Produktion, die der Gruppe der Typ 2 Investoren (die einen An-
() an der Gesamtheit der Investoren ausmacht) einen Rückfluss teil von 1 [ ] R, für jede in t = 0 investierte Einheit, zum Zeitpunkt t = 2 garan-
von 1 c 1 1
tiert. Je höher der Investor vom Typ 1 seinen Konsum wählt, desto kleiner ist das Residuum für den Typ 2 Investor.
Die Optimalitätsbedingung erhält man mit Hilfe des Lagrange-Ansatzes:
( ) + 1 ( )u c 2 L = u c 1 1
4
( )
( )
1 2 u c 1 u c 2 (6)=(7) R
( ) = R ( ) .
1 2 (8) u c 1 u c 2
Aufgrund der Annahme eines abnehmenden Grenznutzens und R > 1 folgt
2 * > c 1 1 * ist und somit die pareto-effiziente Konsumallo-
aus Gleichung (8), dass c 2
kation zu einem höheren Erwartungsnutzen der Investoren im Vergleich zur isolierten Lösung führt, da sich nach Maximierung die optimalen Konsumni- 1* > 1 und c 2 2 * < R ergeben. 6 Die pareto-effiziente Konsumallokation
veaus c 1
kann jedoch nur in t = 0 erreicht werden, da zu diesem Zeitpunkt noch nie-mand weiß zu welchem Typ Investor er gehört und sich somit alle gegen das Risiko ein Investor vom Typ 1 zu sein absichern wollen. Zum Zeitpunkt t = 1 müssten bei einer pareto-effizienten Konsumallokation die Investoren vom Typ 2 freiwillig auf einen Teil ihres Konsums verzichten und diesen an die Inve-storen vom Typ 1 übertragen, was sehr unrealistisch ist und gegen eine paretoeffiziente Konsumallokation in t = 1 spricht. 7
Der oben beschriebene optimale Versicherungsvertrag in t = 0, mit dem man sich gegen das Risiko in t = 1 ein Investor vom Typ 1 zu sein absichern kann, ist nicht auf dem Wertpapiermarkt erhältlich, da der Investorentyp in t = 1 nicht öffentlich verifizierbar ist und demnach die Wertpapiere nicht dem richtigen Investorentyp zugeordnet werden können. 8 Durch die Einführung eines Finanzintermediärs kann dieses Problem behoben werden.
Der Finanzintermediär, von dem wir im Folgenden ausgehen, hat unrealistischerweise keine Gewinnerzielungsabsichten und versucht eine effiziente Risikoteilung zwischen den Investorentypen durchzuführen. Durch die Einführung eines Finanzintermediärs, im Rahmen dieses Modells, müssen die Investoren nicht mehr direkt in eine Technologie investieren, sondern können ihr Geld in
6 Vgl. Diamond/Dybvig (1983), S. 406 - 407 und Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 210 - 212.
7 Vgl. Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 211 - 212.
8 Vgl. Diamond/Dybvig (1983), S. 407.
Eine Optimierung über den Wertpapiermarkt führt zu keiner Verbesserung, siehe: Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 212 - 214.
5
Form eines Depositenvertrags bei einem Finanzintermediär anlegen. Der Finanzintermediär investiert sämtliche Einlagen der Sparer in die Produktionstechnologie. Für jede Einheit die ein Sparer in t = 0 dem Finanzintermediär anvertraut, kann er t = 1 mit einer Rückzahlung in Höhe von r 1 > 1 rechnen, solan-
ge der Finanzintermediär solvent ist. In t = 2 wird das Investitionsresiduum liquidiert und an die Sparer ausgezahlt, welche ihre Einlage noch nicht in t = 1 abgezogen haben. Im Folgenden wird unter:
die Auszahlung pro Einheit der Deposite in t und unter - f j derAnteil der Einlagen der vom Sparer j abgehoben wird, sowie unter- f derAnteil der Einlagen der in t = 1 insgesamt abgezogen wird, verstanden.
Der Finanzintermediär kann in t = 1 so lange den versprochenen Rückzahlungsbetrag von r 1 > 1 auszahlen, bis die gesamten Einlagen der Sparer aus t = 0 aufge-
braucht sind:
Der Teil der Investitionen der nicht in t = 1 abgezogen wurde und der Ertrag aus der Produktion, kann in t = 2 auf die Sparer verteilt werden, die ihre Einlage noch nicht in t = 1 abgezogen haben:
( )= max
V 2 f ,r 1
Die Sparer die ihr Geld langfristig anlegen, d.h. erst in t = 2 abheben, sind dem Risiko ausgesetzt, dass sie einen geringeren Anteil ausbezahlt bekommen, wenn der Anteil f hoch ist und/oder die Höhe der Rückzahlung r 1 der Sparer die ihr Geld in t = 1 abheben dementsprechend hoch ist. 9
[ ] der Typ 1 Investoren in t = 0 bekannt ist, Wenn weiterhin der Anteil 0,1
kann der Finanzintermediär eine effiziente Risikoteilung zwischen den beiden Investorentypen durchführen. Die auf Seite 5 hergeleitete Optimalitätsbedin-
9 Vgl.Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 214 - 215.
6
gung (8) ist dann erfüllt, wenn der Finanzintermediär in t = 1 den Rückzah- 1* ist, also die Auszahlung dem optimalen Konlungsbetrag so wählt dass r 1 = c 1
sum entspricht. Wenn dieser Depositenvertrag vom Finanzintermediär gewählt wird, dann werden alle Investoren vom Typ 1 in t = 1 ihre Einlagen abheben und daraus ergibt sich für den Rückzahlungsbetrag in t = 2 eine Auszahlung in Höhe von r 2 = c 2 2 . Wenn sich alle Investoren gemäß ihres Typen verhalten, dann entspricht auch f = und somit existiert ein Versicherungsvertrag, der bei In-
formationsasymmetrie zw. Sparer und Finanzintermediär dazu führt, dass man sich gegen das Risiko schon frühzeitig seine Konsumbedürfnisse erfüllen zu müssen, versichern kann. Dieses Nash-Gleichgewicht, bei dem Depositenverträge für die Sparer optimal sind, wird auch als „good equilibrium“ bezeichnet. 10 Es existiert jedoch ein zweites, nicht wünschenswertes Nash-Gleichgewicht (Bank Run), das im folgenden Kapitel genauer untersucht wird. 11
Ein Bank Run wird im traditionellen Sinne als Sunspot-Phänomen (Sonnenflecken-Phänomen) beschrieben, wobei alle Sparer, wenn Sonnenflecken auftreten, von Panik getrieben zur Bank laufen und ihre Depositen abheben. Ein Bank Run stellt auch ein Nash-Gleichgewicht („bad equilibrium“) dar, da es für jeden Sparer (Typ 1 und Typ 2) die beste Alternative ist, auch zur Bank zu rennen, wenn alle anderen rennen. 12 Der Abzug der Einlagen kann eine Reaktion auf eine negative Ertragsentwicklung der Bank sein, auf einer negative Prognose der Regierung beruhen, oder wie in der Vergangenheit bereits beobachtet, ohne besonderen Anlass, allein durch sich verändernde Erwartungen der Anleger, die auf keinem konkreten Anlass beruhen, ausgelöst werden. Auch ein unbegründeter Vertrauensverlust kann Auslöser eines Bank Runs sein. Wenn keine Sonnenflecken beobachtet werde können, geht man im Allgemeinen davon aus, dass allseitiger Optimismus herrscht und somit das effiziente Gleichgewicht erreicht wird. 13 Diamond und Dybvig modellieren den Bank Run als Sun-
10 Vgl.Diamond/Dybvig (1983), S. 408 - 409 und Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 215 - 216.
11 Abbildung 1 stellt die multiple Gleichgewichtssituation aus spieltheoretischer Sicht dar.
12 Vgl. Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 216.
13 Vgl. Gontermann (2003), S.185 - 186; Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 216 und Diamond/Dybvig (1983), S. 410.
7
spot-Phänomen. Ein Bank Run wird demnach ausschließlich durch die Unsicherheit über das Verhalten der anderen Anleger ausgelöst. Solange die Bank eine Rückzahlung von r 1 = 1 festlegt, besteht keine Bank Run-Gefahr, aber auch
keine Möglichkeit sich gegenüber der isolierten Lösung 14 zu verbessern. Wenn die Bank eine Rückzahlung von r 1 > 1 festlegt, dann besteht die Gefahr eines
Bank Runs und es ist für jeden Anleger pareto-optimal, zur Bank zu laufen und seine Depositen abzuheben, da der Rückzahlungsbetrag in t = 1 größer ist als der Liquidationswert der Investition in die Produktionstechnologie eine Periode später, also in t = 2.
Da Banken und Bankensysteme schon seit ihren Anfängen immer wieder von Runs und Paniken 15 heimgesucht wurden, hat man in der Vergangenheit Techniken und Mechanismen entwickelt um solche Krisen zu vermeiden. In den folgenden drei Unterkapiteln werden verschiedene Möglichkeiten dargestellt, mit denen man sich gegen die Gefahr eines Bank Runs „theoretisch“ absichern kann.
Die erste Möglichkeit, mit der man sich gegen die Gefahr eines Bank Runs absichern kann, ist die Aussetzung der Auszahlung (Suspension of Convertibility), unter der Annahme, dass sich alle Sparer rational verhalten. Die Bank muss eine
vertraglich gesicherte Sperrschwelle f
Auszahlungen mehr getätigt werden und diese auch bekannt geben. Diese Sperrschwelle muss von der Bank so festgelegt werden, dass auf der einen Seite alle Sparer vom Typ 1 in t = 1 ihre Einlage abheben können und auf der anderen Seite müssen die Sparer vom Typ 2 in t = 2 pro Sparer mindestens genauso viel ausbezahlt bekommen, wie die Sparer vom Typ 1 pro Sparer in t = 1. ^
Daraus ergibt sich folgendes Werteintervall der Sperrschwelle f :
14 Die isolierte Lösung beschreibt die Lösung ohne Finanzintermediär, siehe S. 2.
15 Von einer Bankenpanik spricht man, wenn sich ein Bank Run auf mehrere Geschäftsbanken überträgt. Diese Übertragung wird in der Fachliteratur als „Contagion Event“ bezeichnet. Allen und Gale (2000) haben zu diesem Thema ein Modell basierend auf dem Modell von Diamond und Dybvig entwofen.
8
Wenn die Bank diese Sperrschwelle glaubhaft bekannt gibt, wird kein Sparer vom Typ 2, der sich rational verhält, in t = 1 seine Einlagen abheben, da er in t = 2 immer mehr konsumieren kann. Die Erwartungen über das Verhalten der anderen Sparer spielt in diesem Fall keine Rolle. Die Regelung wird nie zur Anwendung kommen, da die glaubhafte Ankündigung ausreicht um die Sparer vom Typ 2 von einer frühzeitigen Abhebung ihrer Depositen abzuhalten. 16 Die Ankündigung einer Suspension of Convertibility verhindert das negative Bank Run Nash-Gleichgewicht unter der getroffenen Annahme der Rationalität der Sparer.
In Kapitel 2.4.1 wurde mit Hilfe der Suspension of Convertibility und unter der An-
nahme eines in t = 0 deterministischen ein Depositenvertrag modelliert, der
zwingend zu einem positiven Nash-Gleichgewicht und damit auch zu einer
optimalen Risikoteilung führt. Wenn jedoch stochastisch ist, dann kann die
Untergrenze von f
schwellenwert zu niedrig angesetzt wird, signalisiert die Bank ein Einlagenrisiko, was die Anleger dazu veranlasst, ihr Geld bei einer andern Bank anzulegen. Wenn dieser Wert zu hoch gewählt wird, kann die Bank mit den restlichen Einlagen nur eine sehr geringe Rendite erzielen. Solange in t = 0 die Möglichkeit besteht, dass in t = 1 alle Sparer vom Typ 1 sind, muss die Bank die Sperr-
schwelle =1 wählen, um einen Bank Run auszuschließen. Bei einem Deposi-
tenvertrag mit einer Sperrschwelle von f
zahlung keine optimale, sondern höchstens eine bessere Lösung als im deterministischen Fall. 18 Im folgenden Kapitel wird eine weitere Lösung bei stochastischen untersucht.
16 Vgl. Diamond/Dybvig (1983), S. 410 - 411 und Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 216 - 217. ^
17 Die Untergrenze von f wird auf Seite 9 in Formel (11) dargestellt.
18 Vgl. Diamond/Dybvig (1983), S. 411 - 413 und Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 218.
9
Eine weitere Möglichkeit, wie Bank Runs theoretisch verhindert werden können, stellen Einlagensicherungssyteme dar, indem sie die Liquidität der Banken garantieren. Ein solches Einlagensicherungssystem sorgt dafür, dass die Lösung mit Finanzintermediär mindestens genauso gut ist wie die reine Marktlösung. Eine Einlagensicherung kann sowohl vom Staat, als auch von privaten Organisationen organisiert werden. Während der Staat die Einlagensicherung über die Steuerhoheit garantiert, wobei die öffentliche Hand die Steuern auch im Nachhinein anpassen kann, muss eine private Organisation über entspre-
[] aufkommen zu könchend hohe Sicherheiten verfügen, um für jedes 0,1
nen.
Für die staatliche Lösung bedeutet dies, je größer die Anzahl der Sparer ist, die ihre Einlage schon in t = 1 abziehen wollen, desto höher wird der Steuersatz und damit der abzuführende Steuerbetrag. Für geduldige Konsumenten existiert kein Anreiz mehr ihre Einlagen frühzeitig (also in t = 1) abzuheben, da sie 2 * > c 1 1 * erhalten. Der Theorie nach kommt
in t = 2 eine sichere Auszahlung von c 2
es also bei einer Einlagensicherung nie zu einem Bank Run, was zu der logischen Schlussfolgerung führt, dass die Einlagensicherung nie einspringen muss.
Die Funktion einer Zentralbank (ZB) als lender of last resort 19 kommt einer Einlagensicherung sehr nahe, da solvente Geschäftsbanken, die vorübergehend einen Liquiditätsengpass 20 haben, von der zuständigen ZB einen kurzfristigen Kredit erhalten, für den sie jedoch einen Strafzins bezahlen müssen, um alle Depositen vertragsmäßig zu bedienen. Auch in diesem Fall werden alle geduldigen Sparer erst in t = 2 ihre Einlage abheben und somit kommt es nicht zu einem Bank Run. 21 Auch wenn Einlagensicherungen ein wirksames Mittel zur Vermeidung von Bank Runs sind, entsteht durch sie das schwerwiegende Problem des moral hazard 22 , welches bei guten privaten Einlagensicherungssystemen durch risikoorientierte Beitragssätze weitgehend gelöst wird.
19 Die ursprüngliche Funktion des lender of last resort wurde erstmals von Thornton (1802) und Bagehot (1873) beschrieben.
20 Diamond und Rajan (2005) haben in ihrer Studie untersucht wie sich eine Liquiditätskrise einer einzelnen Bank auf die Liquidität der Märkte auswirken kann und auf welche Weise „contagion“ verhindert werden kann.
21 Vgl. Diamond/Dybvig (1983), S. 402 und George (1995), S. 186 - 187.
22 Vgl. Anderlini (1989), S. 297 - 311.
10
Die Northern Rock Building Society entstand am 1. Juli 1965 aus einer Fusion zwischen der Northern Counties Permanent Building Society (gegründet im Jahr 1850) und der Rock Building Society (gegründet im Jahr 1865). Am 1. Oktober 1997 23 wurde aus der Building Society eine Public Limited Company, welche bis zum 19. Februar 2008 an der London Stock Exchange gelistet wurde. (24)(25) Der britische Hypothekenfinanzierer Northern Rock konnte in den vergangenen Jahren beeindruckende Wachstumszahlen 26 vorweisen und gilt heute mit 76 Filialen und ca. 1,4 Millionen (Mio.) Kunden als fünftgrößte 27 Hypothekenbank in GB. 28 Das Hypothekenvolumen erreichte am 30. Juni 2007 einen Re-kordstand von 164,0 Milliarden (Mrd.) Euro 29 und wurde somit im Vergleich zum Vorjahr um 28,3% gesteigert. 30 Obwohl Northern Rock im Vergleich zu den großen Banken in GB bezüglich der Aktivposten immer noch sehr klein ist, kann die Bank im Bereich des Privatkundengeschäfts, auf dem Hypothekenmarkt und bei den ungesicherten Privatkrediten mit den großen Banken konkurrieren.
Von 1997 bis Mitte des Jahres 1999 finanzierte sich Northern Rock ausschließlich durch die Kreditvergabe an Privatkunden. Seit Mitte des Jahres 1999 wurde das Geschäftsmodell durch Verbriefungen und gesicherter Anleihen (covered bonds) aller Art erweitert. 31 Dadurch konnte Northern Rock in den folgenden 8 Jahren seinen Marktanteil auf dem UK-Hypothekenmarkt verdreifachen. 32 Während die Aktivseite der Bilanz hauptsächlich aus Forderungen von Immobilienkrediten besteht, setzt sich die Passivseite der Bilanz, die zur Finanzierung der
23 Zwischen dem 1. Juli 1965 und dem 1. Oktober 1997 fusionierte die Northern Rock Building Society mit weiteren 53 Wohnbaugesellschaften. Vgl. Kellaway/Shanks (2008), S. 6. 24 Vgl. Northern Rock plc. (2008).
25 Vgl. HM Treasury (2008) und HM Treasury (2008a) zum Thema Verstaatlichung von Northern Rock.
26 Vgl. Abbildung 2.
27 Vgl. Abbildung 3.
28 Vgl. Handelsblatt (2007a).
29 Die von Northern Rock angegeben 113 Mrd. Britisches Pfund (GBP) wurden mit einem Wechselkurs von 1,4518 EUR/GBP in Euro umgerechnet.
30 Vgl. Northern Rock plc. (2008a).
31 Vgl. Abbildung 4.
32 Anfang 1999 konnte Northern Rock nur einen Anteil von 3,6% brutto und 6% nette am UK-Hypothekenmarkt aufweisen, während der Anteil zu Beginn des Jahres 2007 bereits auf 9,7% brutto und 18,9% netto angestiegen war.
11
Kredite notwendig ist, zum einen aus Spareinlagen von Privatanlegern und zum anderen und im Fall von Northern Rock zum größten Teil, aus Refinanzierungswertpapieren zusammen. Ein solches Geschäftsmodell, welches von Fri-stentransformationen lebt, ist natürlich nicht mit der „Goldenen Bankenregel“ vereinbar. Allgemein lautet die sogenannte Goldene Bankregel:
„Der Credit, welchen eine Bank geben kann, ohne Gefahr zu laufen, ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen zu können, muß nicht nur im Betrage, sondern auch in der Qualität dem Credite entsprechen, welchen sie genießt.“ 33
Aktiv- und Passivgeschäfte müssten dieser Regeln nach sowohl beim Betrag als auch bei der Laufzeit exakt übereinstimmen wodurch ein Refinanzierungsrisiko ausgeschlossen wäre. Fristentransformation ist zwar aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, wie bereits im Modell von Diamond und Dybvig (Kapitel 2) gezeigt wurde, aber auch mit Liquiditätsrisiken verbunden, die bei Anwendung der Goldenen Bankenregel nicht auftreten würden. 34 Das Geschäftsmodell von Northern Rock war somit einem Refinanzierungsrisiko ausgesetzt und dadurch für Finanzmarktkrisen, wie wir sie seit dem Sommer 2007 erleben, anfällig.
Da das Federal Reserve Board (Fed) zwischen dem 30. Juni 2004 und dem 29. Juni 2006 kontinuierlich die Federal Funds Rate von 1,0 auf 5,25 Prozent (35 )(36 ) angehoben hat und in den USA die meisten Zinsraten für Immobilienkredite variabel an die Federal Funds Rate geknüpft sind, konnten viele Hauseigentümer ihre extrem gestiegenen Zinszahlungen nicht mehr zurückzahlen, so dass die Immobilienfinanzierer hohe Ausfälle zu verzeichnen hatten. Andererseits begann sich das Überangebot an Immobilien negativ auf die Immobilienpreise auszuwirken, was dazu führte, dass die Aktiva der Immobilienfinanzierer überbewertet waren. Die stark gestiegene Federal Funds Rate und die nachlassende Nachfrage nach Immobilien führte dazu, dass auch die Nachfrage und somit der Preis der von Immobilienfinanzierern wie Northern Rock emittierten Refinanzierungswertpapiere stark an Wert verloren, was sich negativ auf die Passivseite
33 Hübner (1854), S. 28.
34 Vgl. Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 412 - 413. 35 Vgl. Federal Reserve Board (2008). 36 Vgl. Abbildung 5.
12
der Bilanzen auswirkte. Im Vergleich zu den Subprime-Krediten der US-Konkurrenten hatte Northern Rock einen Kreditbestand der ein erheblich niedrigeres Risiko hatte. Dies wurde im Sommer 2006 von den beiden Ratingagenturen
Moody´s
und
Standard & Poor´s
bestätigt, indem Sie Northern Rocks Fremdkapital-Rating anhoben. Northern Rock war im Prinzip gut kapitalisiert und hatte einen Kreditbestand von hoher Qualität.
37
Beim Vergleich der
Credit Default Swap
(CDS)
Spreads
von Northern Rock und dem US-Konkurrenten
Countrywide Financial Corporation
38
wird deutlich, dass Northern Rock erstaunlich lange von der US-Subprime-Krise verschont blieb.
39
Dutzende von US-Baufinanzierern mussten bereits Gläubigerschutz beantragen, während es Northern Rock in der ersten Jahreshälfte 2007 noch gelang, sein wichtigstes Verbriefungsvehikel
Granite
um 10,7 Mrd. GBP auf 49 Mrd. GBP aufzustocken. Im gleichen Zeitraum war Northern Rock für 17% aller in GB und von Firmen mit Sitz in GB emittierten
Residential Mortgage-backed Securities
(RMBS) verantwortlich. Während der
Credit-Spread
bis Juli 2007 stabil blieb, wirkten sich die Sorgen um ein verlangsamtes Wachstum schon zu Beginn des Jahres 2007 auf den Aktienkurs von Northern Rock aus. Als am 27. Juni bekannt wurde, dass der Gewinn je Aktie laut einer Prognose nur um 15%, anstatt der im April prognostizierten 20% (+/-5%), steigen wird, brach der Aktienkurs vollständig ein.
40
Anfang August wurde dann bekannt, dass die beiden deutschen Banken IKB
41
und Sachsen LB
42
wegen der US-Subprime-Krise und der daraus resultierenden Illiquidität der
Asset-backed Commercial Papers
(ABCP) sowie der
Asset-backed Securities
(ABS) in eine existenzbedrohliche Lage gerieten, da sie ihre angekauften Forderungen nicht mehr über den Geldmarkt refinanzieren konnten, verstärkte dies die Unsicherheit auf den globalen Märkten. Die Risikobereitschaft privater und institutioneller Anleger nahm schlagartig ab, mit der Folge deutlich ansteigender Risikoprämien für Ausleihungen. Dadurch weiteten sich die Liquidi-
37 Vgl.Bank of England (2007), S. 10.
38 Countrywide Financial Corporation ist die größte Hypothekenbank in den Vereinigten Staaten, wurde jedoch im Zuge der US-Immobilienkrise an das US-amerikanische Unternehmen Bank of America verkauft. Bei einigen Filialen von Countrywide konnte man auch kleinere Bank Runs beobachten. Vgl. Reuters (2008).
39 Vgl. Abbildung 6.
40 Vgl. Abbildung 7.
41 Die IKB Deutsche Industriebank geriet im Zusammenhang mit der US-Subprime-Krise in einen existenzbedrohliche Lage, weil sie u.a. der sich über ABCP refinanzierenden Emissionsgesellschaft Rhineland Funding Capital Corporation eine Kreditline von 8,1 Mrd. Euro zur Verfügung gestellt hatte.
42 Der Landesbank Sachen (Sachsen LB) musste aufgrund mangelnder Liquidität eine Kreditlinie in Höhe von 17,3 Mrd. Euro von den Sparkassen-Organisationen zur Verfügung gestellt werden. Am 26. August 2007 übernahm die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) die Sachsen LB mit Wirkung zum 1. Januar 2008.
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tätsprobleme der Immobilienfinanzierer aus, die mittlerweile auch Hypothekenfinanzierer außerhalb des Subprime-Marktes betreffen. Auch bei Northern Rock konnte jetzt ein steigender CDS-Spread 43 kombiniert mit weiter stark fallendem Aktienkurs 44 beobachtet werden.
Während Northern Rock verschiedenen Finanzierungsmöglichkeiten und Verkaufsoptionen prüfte, wurde eine Refinanzierung über den Interbankengeldmarkt immer teurer. Aufgrund zunehmender Unsicherheit über die Risiken in den Kreditportefeuilles der Banken und der sich immer weiter ausbreitenden Immobilienkrise 45 wurden die Mittel 46 so knapp, dass der Zins für kurzfristige Kredite 47 extrem anstieg. Zusätzlich musste Northern Rock einen, aufgrund des mit ihrer Hauptgeschäftstätigkeit verbundenen Risikos, höheren Zinssatz in Form einer Risikoprämie 48 auf den 3-Monats-Libor bezahlen, was die Refinanzierung über den Interbankenmarkt immer schwieriger machte. Seit Mitte September 2007 gab es für Northern Rock keine Möglichkeit mehr sich am Interbankengeldmarkt einen langfristigen Refinanzierungskredit zu beschaffen und selbst bei den Kreditverlängerungen wurden die Restlaufzeiten immer kürzer. 49 Dadurch konnte Northern Rock fällige Refinanzierungsmittel nicht mehr bedienen und kam in eine „Liquiditätsfalle“. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine dritte Partei zur Finanzierung eingesprungen war, wie es im Falle der Countrywide Financial Corporation die Bank of America tat, sah der Vorstand von Northern Rock einen Ausweg aus der „Liquiditätsfalle“ nur noch mit Hilfe der Bank of England und der staatliche Einlagensicherung, für die in GB das Financial Services Compensation Scheme (FSCS) 50 zuständig ist. 51
43 Vgl. Abbildung 6.
44 Vgl. Abbildung 7.
45 Gerhard Illing (2007) hat in seiner Studie die Wirkung von Geldpolitik auf den Immobilienmarkt untersucht und die Auswirkungen von Liquiditätsspritzen erläutert.
46 Vgl. Abbildung 8.
47 Vgl. Abbildung 9.
48 Vgl. Abbildung 10.
49 Vgl. Bank of England (2007), S. 10.
50 Alle Unternehmen die der Financial Service Authority (FSA) unterliegen, müssen Beiträge zur Finanzierung der FSCS bezahlen.
51 Vgl. Bank of England (2007), S. 10.
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Am 14. August setzten sich Vertreter der Bank of England, FSA und HM Treasury 52 zusammen und arbeiteten an einem Notfallplan für den schwer angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Northern Rock.
Sowohl die Bank of England, als auch das FSA kamen nach ausführlichen Untersuchungen zu dem Schluss, dass nur durch staatliche Hilfe in Form eines Überbrückungskredits die Gefahr einer Übergreifung der Krise von Northern Rock auf das gesamte britische Bankensystem unterbunden werden kann. Auf-grund der Aussage der FSA, dass Northern Rock bis zu diesem Zeitpunkt das Minimum der regulatorischen Kapitalanforderungen nicht unterschritten hatte und somit in diesem Sinne weiterhin solvent ist, autorisierte der Finanzminister, Alistair Darling, die Bank of England Northern Rock mit Liquidität zu unterstützen. 53 Am 14. September 2007 macht die Bank of England gebrauch von ihrer Rolle als lender of last resort 54 und stellte Northern Rock einen Überbrückungskredit in Höhe von 3 Mrd. GBP 55 zur Verfügung und deutete an auch andere britische Banken im Falle einer kurzfristigen Liquiditätskrise im Zuge der US-Subprime-Krise zu unterstützen.
Auch wenn diese Nachricht einen positiven Aspekt hatte, da Northern Rock eine kurzfristige Refinanzierungsquelle gefunden hatte, wurden die Kunden in ihrer Vermutung über die finanzielle Lage der Bank bestätigt, was zu einem Vertrauensverlust bzgl. Northern Rock und der persönlichen Einlage dort führte. Der Kurs der Aktie brach daraufhin um mehr als 30% ein. Die Folge war ein panikartiger Online-Bank Run, der einen Serverabsturz zur Folge hatte, gefolgt von einem traditionellen Bank Run auf alle 76 britischen Niederlassung des Instituts, vor denen sich lange Schlangen bildeten. Am Montag, den 17. September, mussten die Filialen ihre Öffnungszeiten verlängern, um dem Kunden-
52 Diesedrei Institutionen (Bank of England, FSA und HM Treasury) werden in der englischsprachige Literatur als tripartite authorities bezeichnet.
53 Vgl. HM Treasury (2007).
54 Cao und Illing (2007) haben in ihrer Studie, aufbauen auf dem Modell von Diamond und Rajan (2005), die Folgen einer ZB in ihrer Funktion als lender of last resort untersucht.
55 Vgl. Economist (2007).
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ansturm gerecht zu werden. Die Bank musste vom 14. bis zum 17. September fast 2 Mrd. GBP an die Anleger auszahlen, was ca. 8% der gesamten Einlagen ausmachte. 56
Um den Bank Run zu beenden gab Alistair Darling am Montagabend, den 17. September 2007, bekannt, dass die britische Regierung die Sicherheit aller bestehenden Einlagen bei Northern Rock für die Zeit bis der Finanzmarkt wieder stabiler ist garantiert. 57 Diese Erklärung sorgte für ein normalisiertes Abhebungsverhalten in den folgenden Tagen, jedoch konnten die Abhebungen nicht komplett gestoppt werden. Am 20. 58 und 21. 59 September wurden ergänzende Erklärungen abgegeben, die besagten, dass die Regierung auch für solche Einlagen eine Garantie abgibt, die zwischen dem 13. und 19. September 2007 abgezogen wurden und in der Zukunft wieder eingezahlt werden. Am 9. 60 und 11. 61 Oktober wurde die Einlagensicherung von der britischen Regierung abermals erweitert, so dass nun auch alle Neukundeneinlagen versichert waren, die erst nach dem 19. September 2007 auf ein Konto bei Northern Rock eingezahlt wurden.
In der Europäischen Union (EU) existiert eine gesetzliche Einlagensicherung, wobei die einzelnen Staaten die EG-Richtlinien 62 unterschiedlich umgesetzt 63 haben. 64 In GB waren bis zum 1. Oktober 2007 nur Spareinlagen bis zu 2.000 GBP sicher und wurden zu 100% erstattet. Während die nächsten 33.000 GBP nur zu 90% entschädigt wurden. Im Falle eines Bank Runs gefolgt von einer Bankenpleite hatte der Sparer in GB einen Anspruch auf maximal 31.700 GBP. Am 1. Oktober 2007 wurde die Einlagensicherung in GB dahingehend geändert, dass nun alle Spareinlagen bis zu 35.000 GBP zu 100% gesichert sind. (65 )(66 ) Zu
56 Vgl. Handelsblatt (2007).
57 Vgl. HM Treasury (2007a).
58 Vgl. HM Treasury (2007b).
59 Vgl. HM Treasury (2007c).
60 Vgl. HM Treasury (2007d).
61 Vgl. HM Treasury (2007e).
62 Richtlinie 94/19/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Mai 1994 über Einlagensicherungssysteme, in: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L 135/5 vom 31.05.1994.
63 Das Gesetz zur Umsetzung der EG-Einlagensicherungsrichtlinien und der EG-Anlegerentschädigungsrichtlinie, in: Bundesgesetzblatt Teil 1, ausgegeben zu Bonn am 22. Juli1998 Nr. 45, S. 1842 - 1849.
64 Zur ökonomischen Theorie verschiedenen Einlagensicherungssysteme, Vgl. Merbecks (2002), S. 10 - 20. 65 Vgl. Bank of England (2007), S. 66 und FSCS (2007).
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einer solchen Entschädigung durch die FSCS kam es im Fall Northern Rock nicht, da die FSA Northern Rock weiterhin für solvent erklärte und ein Anspruch auf Entschädigung nur bei Zahlungsunfähigkeit der Bank greift. 67
Nachdem in Kapitel 2 die Hintergründe eines Bank Runs und die Rechtfertigung von Banken anhand des theoretischen Modells von Diamond und Dybvig erläutert wurden und anschließend in Kapitel 3 der prominente Bank Run auf den Immobilienfinanzierer Northern Rock dargestellt wurde, soll nun in Kapitel 4 diskutiert werden, wie es zu einem solchen Bank Run kommen konnte, obwohl eine staatliche Einlagensicherung (Kapitel 2.4.3) existent war und die Bank of England in ihrer Funktion als lender of last resort (Kapitel 2.4.3) die Bank mit Liquidität versorgt hatte.
Die in Kapitel 2.2 und 2.3 beschriebenen Vorraussetzungen für einen Bank Run waren bei Northern Rock gegeben, da alle Depositenverträge so gestaltet waren, dass die Sparer in t = 1 mit einer Rückzahlung in Höhe von r 1 > 1 rechnen
konnten 68 , solange die Bank solvent blieb. Um das in Kapitel 2.3 beschriebene negative Nash-Gleichgewicht (Bank Run) zu vermeiden, bei dem es für Sparer vom Typ 1 und 2 pareto-optimal ist in t = 1 alle Einlagen abzuheben, hat man in GB im Jahr 1982 69 eine staatliche Einlagensicherung (Kapitel 3.5) implementiert. Die staatliche Einlagensicherung konnte den Bank Run auf Northern Rock nicht verhindern, da die Einlagen der Sparer nicht unbegrenzt zu 100% gesichert waren, sondern zum Zeitpunkt des Runs nur bis zu einer Höhe von 2.000 GBP und somit war für die Konsumenten vom Typ 2 eine Auszahlung in t = 2 2 * > c 1 1 * nicht sicher und der Anreiz ihre Einlagen in t = 1 abzuziehen gege-
von c 2
ben. Hätte man in GB vor dem Bank Run eine höhere Einlagensicherung gehabt, im Optimalfall eine Einlagensicherung zu 100%, oder wenn der britische Finanzminister, Alistair Darling, die Garantieerklärung für sämtliche Einlagen
66 Investments und Hypothekenverträge sind bis zu 48.000 GBP gesichert, während in diese beiden Fälle weiterhin die ersten 30.000 GBP zu 100% und die nächsten 20.000 GBP nur zu 90% gesichert sind.
67 Vgl. Heilmann/Shinde (2007).
68 Northern Rock zahlte auf alle Einlagen einen positiven variablen Zins, der sowohl von der Laufzeit, als auch von der „UK Bank Base Rate“ abhängig ist. Seit dem 08.03.2008 wird ein Zins bei jährlicher Verzinsung von 6,25% (brutto) auf die Einlagen der „Tracker Online“ Konten bezahlt. Siehe auch Northern Rock Saving Accounts, im Internet abrufbar: http://www.northernrock.co.uk/savings/online-savings/, Stand: 12.03.2008.
69 Vgl. Buiter (2007), S. 13.
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bei Northern Rock früher abgegeben hätte, dann wäre es nicht zu einem Bank Run gekommen, wodurch die Theorie bestätigt worden wäre. Ein erstes positives Signal hat die britische Regierung gegeben, indem sie die staatliche Einlagensicherung auf 35.000 GBP (zu 100%) angehoben hat.
Beim zweiten Stabilisierungsversuch, als die Bank of England in ihrer Funktion als lender of last resort eingegriffen hat, kann nicht ohne weiteres behauptet werden, dass die Theorie funktionierte, aber die Praxis versagt hat. Obwohl die Bank of England am 14. September 2007 Northern Rock einen Überbrückungskredit in Höhe von 3 Mrd. GBP zur Verfügung gestellt hat und somit, wie im Modell von Diamond und Dybvig angenommen, signalisierte, dass alle Einlagen bedient werden können, kam es erstaunlicherweise noch am selben Tag zu dem in Kapitel 3 beschriebenen Bank Run. Entgegen der Schlussfolgerung des Modells von Diamond und Dybvig hat die Bereitstellung dieses Notfallkredits nicht zur Vertrauensstärkung der Sparer und Investoren in ihre Einlagen bzw. Anteile an der Bank geführt, sondern mündete in einem vollständigen Vertrauensverlust. Wenn einer Bank frühzeitig ein Notfallkredit gewährt wird, sollte dies der Theorie nach ein beruhigendes Zeichen sein. Mervyn King, dem Präsident der Bank of England, wird häufig vorgeworfen, dass er zu spät auf die Krise reagiert hat. 70 Vielleicht hätte der Bank Run verhindert werden können, wenn Mervyn King und die Bank of England schneller reagiert hätten, bzw. bei der Koordination der staatlichen Hilfe etwas diskreter vorgegangen wären. 71 Möglicherweise kann die Gefahr zukünftiger Bank Runs minimiert werden, wenn die ZB in ihrer Rolle als lender of last resort, schneller, geschickter und öffentlich glaubwürdiger handelt und liquide Mittel in dem Ausmaß zur Verfügung stellt, dass die Depositäre unter keinen Umständen um ihre Einlage be-sorgt sein müssen.
Die Politik wird aus dieser Krise ihre Schlüsse ziehen und bei weiteren Modifikationen an der britischen Einlagensicherung mit Sicherheit an das Versagen der britischen Einlagensicherung im Fall Northern Rock 72 zurückdenken.
70 Vgl. Economist (2007a) und Cao/Illing (2007), S. 26.
71 Vgl. Weale (2007), S. 6.
72 Nach monatelangen Debatten um die Zukunft der britischen Hypothekenbank wurde am 17. Februar 2008 die vorübergehende Verstaatlichung von Northern durch die britische Regierung von Premierminister Gordon Brown bekannt gegeben. Die Aktionäre des Instituts werden wahrscheinlich ihr komplettes in Northern Rock investiertes Vermögen verlieren, da ein durch die Regierung in Auftrag gegebenes Guthaben Northern Rock mit Null bewerten wird. Vgl. Heilmann (2008).
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Abbildung 1: Spieltheoretischer Ansatz eines Bank Run
Abbildung 2: Wachstumsraten der Immobilienfinanzierer in GB
Abbildung 3: UK „High Street Banks“ im Asset-Vergleich
Abbildung 4: Northern Rocks steigende Bilanzwerte und Verschuldungsstruktur
Abbildung 5: Leitzinssätze im Vergleich 73
Abbildung 6: Fünfjahres Credit Default Swap Prämien im Vergleich
73 Die durchgezogenen Linien sind die tatsächlichen Zinsraten. Die gestrichelten Linien sind Schätzungen.
21
Abbildung 7: Relativer Aktienkursvergleich 74
Abbildung 8: Liquidität auf dem Finanzmarkt 75
74 Der Preis von Countrywide wurde mit dem S&P 500 Index bereinigt und Northern Rock mit dem FTSE All-items Index.
75 Der Liquiditätsindex zeigt die Standardabweichung vom Durchschnitt auf. Er ist ein einfacher ungewichteter Durchschnitt von neun Liquiditätsmaßen, normalisiert durch die Perioden 1999 - 2004.
22
Abbildung 9: 3-Monats-Libor und Overnight Index Swaps im Vergleich
Abbildung 10: Risikoprämie auf den 3-Monats-Interbankenzins 76
76 3-Monats-Sterling-Libor Spread über die „overnight index average swap rate“. Die gestrichelten Linien zeigen die 3-Montas Forward Spreads.
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