Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung. 3
2. „Die Dreigroschenoper“ 4
2.1 Die Entstehung der „Dreigroschenoper“ 4
2.2 Das epische Theater 5
2.3 Inhalt und Handlung der Dreigroschenoper 6
3. Die Moritat 7
3.1 Definition der Moritat 7
3.2 Die Entstehung der „Moritat von Mackie Messer“ 7
3.3 „Die Moritat von Mackie Messer“ 9
3.4 Die Einleitung der Moritat in der Dreigroschenoper 10
3.5 Inhalt und äußerer Aufbau 11
3.6 Innerer Aufbau, Wortwahl und Vergleiche. 13
3.7 Das Haifischsymbol. 17
3.8 Analyse und Interpretation der aufgeworfenen Fragen 21
4. Eine mögliche Deutung der Moritat 26
5. Die „gesungene“ Moritat 31
5.1 Die Entstehung der Songs 31
5.2 Schlager oder Chanson? - Das Genre 32
5.3 Das Original von Bertolt Brecht und Kurt Weill. 33
5.4 Die Moritat als Hit. 34
5.5 Die Hintergründe der Vertonung 37
6. Fazit. 39
Literaturverzeichnis 41
Prim ärliteratur 41
Sekund ärliteratur. 41
Quellen im Internet. 43
Musikalben auf CD. 44
2
1. Einleitung
„Es ist ein Triumph der offenen Form. Was Brecht als Bearbeiter, was Weill als Komponist in diesem leichten Nebenwerk geleistet haben, daß ist zugleich die Überwindung der Revue zu einer neuen Gattung und die Verschmelzung von Elementen des Varietes [...] zu einem
lebendigen theatralischen Ausdruck.“ 1
Herbert Jherning, BBC: 01.September 1928 2
So begeistert äußerte sich der britische Journalist nach dem triumphalen Erfolg von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ und deren Songs 3 . Diese Arbeit wird sich aber nicht mit dem Gesamtwerk beschäftigen, sondern mit dessen bekanntesten Song: der „Moritat von Mackie Messer“ 4 , dem ersten Song der „Dreigroschenoper“. Ich möchte dieses Einzelstück aus der Gesamtheit der Oper herausheben und zeigen, dass es durchaus ein einzelnes Werk für sich und als solches ebenso aussagekräftig ist. Der genaueren Analyse, Deutung und Interpretation widmet sich diese Hausarbeit genauso, wie ihrem unverwechselbaren Inhalt und dem berühmten Haifischmotiv. Des Weiteren möchte ich auf die Tatsache eingehen, dass die Moritat ebenfalls in musikalischer Form existiert, wodurch ich hoffe, ihre Eigenständigkeit als Text nochmals unterstreichen zu können.
Um die Herkunft der Moritat zu erläutern, werde ich zunächst mit einer kurzen Darstellung der „Dreigroschenoper“ 5 und deren Eigenschaften beginnen, um mich danach ausschließlich der Moritat zu widmen. Der genauen Erläuterung ihres Inhaltes, Aufbaus und Charakters folgt die Analyse, die Abhandlung über das Haifischsymbol und die Darstellung der Moritat als Song. Abschließen möchte ich mit dem Versuch den Hintergrund der Vertonung der Moritat dazustellen und einem Fazit.
1 Vgl.: Hecht, Werner: Brecht Chronik. 1898-1956. Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 1997. S. 251.
2 Vgl.: Ebd.
3 Vgl.: Hecht, Werner/ Knopf, Jan u. andere (Hrsg.). Bertolt Brecht Gedichte 1. Große kommentierte
Berliner und Frankfurter Ausgabe. 30 in 32 Bänden und 1 Registerband. Bearbeitet von Jan und
Gabriele Knopf. Berlin und Frankfurt/ Main: Aufbau Verlag und Suhrkamp, 1988. Band 11. S. 133ff.
4 Ebd.
5 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die Dreigroschenoper auch als „DGO“ abgekürzt.
3
2. „Die Dreigroschenoper“
Um die Herkunft der Moritat, ihren Zweck und Inhalt, sowie dessen Vorgeschichte besser verständlich zu machen, möchte ich zunächst das Gesamtwerk, dessen Teil sie ist, vorstellen: „Die Dreigroschenoper“. Ich hoffe so, die Eigenheiten der Moritat im weiteren Verlauf noch besser erläutern zu können.
Eines der erfolgreichsten Dramen von Bertolt Brecht lautet mit vollem Titel:
„Die Dreigroschenoper: Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern nach dem Englischen des John Gay (eingelegte Balladen von Francois Villon und Rudyard Kipling, Übersetzung: Elisabeth
Hauptmann, Bearbeitung: Bertolt Brecht)“ 6
2.1 Die Entstehung der „Dreigroschenoper“
Die DGO hatte ihre Uraufführung am 31. August 1928 in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm unter der Regie von Erich Engel. 7 Der Erfolg der Aufführung blieb bis zum Schluss unsicher. Das Publikum reagierte sehr zurückhaltend auf die Inszenierung, man plante bereits einen möglichen Abbruch. Dann, völlig unerwartet, kippte die Stimmung zugunsten der DGO. Nach dem „Kanonensong“ brachen die Zuschauer in Beifallstürme aus, die ein Da Capo erzwangen. 8 Das Publikum zollte dem Stück und seinem Schreiber den Respekt und Beifall, der das Werk später zum Welterfolg werden ließ. In der Spielzeit 1928/29 waren im Theater am Schiffbauerdamm alle Vorstellungen ausverkauft. Bis 1930 wurde das Stück in Paris, Mailand und Moskau aufgeführt und konnte so am Ende des Jahres 1933 über 10.000 Aufführungen vorweisen. 9
Die DGO kam zustande, als Brecht 1928 beschloss, das Stück des englischen Dramatikers John Gay „The Beggar´s Opera“ aus dem Jahr 1728 neu zu bearbeiten. Mit diesem Sittengemälde aus sympathischen Verbrechern und korrupten Polizisten konnte Brecht die politischen Aspekte seiner Sozialkritik am Deutschland der
6 Vgl.: Hecht, Werner (Hrsg.): Brechts Dreigroschenoper. Materialien. Frankfurt/ Main: Suhrkamp,
1965. S. 298.
7 Vgl.: Knopf, Jan. Brecht Handbuch. Theater. Stuttgart: Metzler, 1980. S. 63f.
8 Vgl.: Ebd.
9 Vgl.: Ebd. S. 65f.
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zwanziger Jahre des letzen Jahrhunderts äußern. Gleichzeitig schuf er eine neue Form des Theaters, welche später als episches Theater bekannt werden sollte. 10
2.2 Das epische Theater
Welcher Gattung gehört dieses Werk an? Diese Frage muss man sich schon beim Titel stellen. Handelt es sich um eine Oper, eine Operette oder ein Musical? Die DGO ist wohl das einzige Theaterstück, das sowohl in Schauspiel- als auch in Opernführern verzeichnet ist. 11 Zwar ist das Stück als Oper klassifiziert, obwohl es sehr textgewichtig ist, denn nicht einmal eine Operette weist soviel Text auf. Da aber auch die Musik eine entscheidende Rolle im Stück spielt, darf sie bei der Klassifizierung nicht vernachlässigt werden. Die Aufführung der DGO findet stets in Theaterhäusern statt, daher geht ihre Klassifizierung in die Richtung dieser Gattung. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Musik das Werk in einzelne Elemente oder Episoden teilt. Daher hat Brecht sein Werk als sogenanntes „episches Theater“ klassifiziert.
Diese, vor allem durch Brecht selbst entwickelte Form des modernen Dramas zeichnet sich unter anderem durch die mehrmalige Unterbrechung der eigentlichen Handlung aus (in der DGO geschieht dies durch die Songs). 12 Der so entstandene episodische Charakter stellt die Unterbrechung als solche in den Vordergrund und will dem Zuschauer damit die Möglichkeit geben, bestimmte Zustände des menschlichen Verhaltens zu entdecken. Er sollte dadurch die, durch das Stück geformte, Moral besser verstehen und umsetzen. 13 Brecht wollte damit eine Gattung des Lehrstückes schaffen, um den Zuschauern auch die Zustände der Gesellschaft zu vermitteln. Das Drama wird zu einer politischen Weltanschauung und damit zur Kritik an der Gesellschaft, die bei Brecht sehr marxistisch geprägt war. Dazu sollten auch die episodenhaften Unterbrechungen durch Songs, Texte, etc. beitragen. 14
10 Vgl.: Ebd. S. 66f.
11 Vgl.: Csampai, Attila und Holland, Dietmar (Hrsg.): Bertolt Brecht/ Kurt Weill: Die
Dreigroschenoper. Igor Strawinski: The Rake´s Progress. Texte, Materialien, Kommentare. Reinbek
bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 1987. S. 9.
12 Vgl.: Benjamin, Walter: Was ist episches Theater? In: Interpretationen zu Bertolt Brecht.
Herausgeben von Theo Buck. 2. Auflage Stuttgart: Ernst Klett, 1983. (=Literaturwissenschaft
Gesellschaftswissenschaft Interpretationen. Band 41). S. 9f.
13 Vgl.: Ebd. S. 18ff.
14 Vgl.: Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.). Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen. 2,
überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 131f.
5
2.3 Inhalt und Handlung der Dreigroschenoper
Die DGO zeigt den Existenzkampf, das Unglück und die glückliche Rettung des Straßenräubers Macheath, genannt Mackie Messer. Dieser organisiert seine Taten wie ein Geschäftsmann. Sein Antagonist (Gegenspieler) ist der Bettlerkönig Peachum, der ihn an den Galgen bringen will. Er herrscht über Londons Bettler und koordiniert deren Einsätze. Da Macheath Gefallen an Peachums Tochter Polly findet und mit ihr den Bund fürs Leben schließt, muss ihr Vater um seine Existenz bangen. Es entbrennt ein Kampf zwischen den beiden Geschäftsleuten. Macheath soll verhaftet werden, doch Polly warnt ihn. Aber statt zu fliehen, zieht es ihn ins Bordell, wo er doch geschnappt wird. Dank seines Freundes, dem Polizeichef Brown, wird er nur nachlässig bewacht und kann fliehen. Peachum aber droht Brown, er würde mit seinen Bettlern die Krönungszeremonie der neuen Königin stören, wenn dieser Macheath nicht verhaftet. Dies geschieht und Mackie Messer soll nun gehängt werden. Alle Fluchtversuche scheitern und erst mit dem Kopf in der Schlinge wird er durch den „reitenden Boten“ der Königin gerettet. Sie befiehlt ihn frei zu lassen, gleichzeitig wird er in den Adelsstand erhoben und erhält ein Schloss und eine Lebensrente. Dieses Ende kommt völlig unerwartet und bricht mit den üblichen Regeln. Dies ist typisch für Brecht, wodurch seine Stücke nicht genau in die, die jeweilige Gattung auszeichnenden, Regeln einzuordnen sind. So wird auch die eigentliche, genaue Zuordnung der DGO zu einer Gattung schwierig. Diese Eigenart Brechts soll auch bei der Analyse der Moritat genauer betrachtet und weiter verfolgt werden. 15 Dies könnte ein hilfreicher Aspekt bei der Deutung der Moritat sein.
15 Vgl.: Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers neues Literatur Lexikon. In 23 Bänden. Einschließlich
Supplementsbände 21, 22 und 23. Hamburg: Kindler, 1996. CD-Rom. München: Net World Vision
GmbH, 2000.
6
3. Die Moritat
3.1 Definition der Moritat
Die Moritat ist eine Sonderform des sogenannten Bänkelsangs. Dieser bekam seinen Namen durch die Bank, welche der Vortragende meist als Podium benutzte. 16 Bei einer Moritat handelt es sich um ein Lied mit mehreren Strophen, meist in Begleitung einer Drehorgel, dessen Inhalt vom Moritatensänger durch das Deuten mittels Zeigestab auf Bildtafeln verdeutlich wird. Der Schluss soll durch eine ausdrückliche Moral belehrend wirken. Die Blütezeit des Bänkelsangs war das 19. Jahrhundert, meist auf Jahrmärkten, Volksfesten oder ähnlichem. Als Inhalt kamen bestimmte Personengruppen, gesellschaftliche Situationen, Liebestragödien, Katastrophen oder Verbrechen zur Sprache. Allerdings wurden diese Inhalte vor allem in Deutschland durch die Politik zensiert wurden. 17 Durch die begleitende Drehorgel wurde auch die leiernde Melodie Kennzeichen einer Moritat, die so zusätzlich einen gesungenen Vortrag möglich machte. Der aussterbende Bänkelsang wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch moderne Balladendichtung als Moritat wieder aufgegriffen und entwickelte sich durch die Melodie 18 auch zu musikalischen Schlagern. 19
3.2 Die Entstehung der „Moritat von Mackie Messer“
Die Ouvertüre der DGO entstand mehr durch einen Zufall und wurde von Bertolt Brecht erst kurz vor der Premiere der Oper, im August 1928 verfasst. Hintergrund für diese wichtigste Ergänzung der Oper war, einem Bericht von Ernst Josef Aufricht 20 zufolge ein Einfall des Komponist Kurt Weill. Dieser sah den Darsteller von Macheath, Harald Paulsen 21 , in einem Maßanzug und blauer Schleife als Kostüm und beschloss mit Brecht diese Figur durch ein Lied einzuführen, welches von deren
16 Vgl.: Metzler Literaturlexikon. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 38f.
17 Vgl.: Kohlschmidt, Werner und Mohr, Wolfgang. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte.
Erster Band A-K. 2. Auflage. Berlin: De Gryter, 1958. S. 124.
18 Vgl.: Metzler Literaturlexikon. Stuttgart, 1990. S. 39.
19 Vgl.: Punkt 5. Die gesungene Moritat.
20 Ernst Joseph Aufricht war Produzent der Dreigroschenoper und Besitzer des Theaters am
Schiffbauerdamm in Berlin.
21 Vgl.: Hecht, Werner/ Knopf, Jan (Hrsg.). Berthold Brecht Stücke 2. Große kommentierte Berliner
und Frankfurter Ausgabe. Band 2. S. 428.
7
Schandtaten berichtete. Dadurch musste der Künstler in seinem Kostüm umso unheimlicher wirken. 22
Andere Quellen behaupten, Paulsen selbst habe auf einen Song bestanden, der seine Figur dem Publikum vorstellt, um so seiner schauspielerischen Größe gerecht zu werden. Dieser sollte dann gleichzeitig als Ouvertüre fungieren. 23 Ganz egal aber aus welchem Grund Brecht diese Moritat schrieb, er tat dies über Nacht um den 24. August 1928, also kurz vor der Premiere, und schuf so den erfolgreichsten Song der „Dreigroschenoper“. 24
Diesem vorangestellt ist eine kurze Einführung in die Szenerie des Stückes. Ort, Situation und Personen werden hier dem Publikum präsentiert, und zwar ganz im Sinne des epischen Theaters: Diese Vorstellung bildet einen Teil für sich und knüpft durch die Verwendung einer Tafel und dem Vortrag durch einen Schauspieler an die erzählende Weise einer Moritat an. Der Erläuterung dieser Einweisung sei nun aber der Primärtext, die „Moritat von Mackie Messer“, vorangestellt.
22 Ebd.
23 Vgl.: Hecht, Werner/ Knopf, Jan (Hrsg.). Berthold Brecht Gedichte 1. Große kommentierte Berliner
und Frankfurter Ausgabe. Band 16. S. 341.
24 Vgl. Ebd.
8
3.3 „Die Moritat von Mackie Messer“ 25
Und der Haifisch der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.
5 Ach, es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergießt!
Mackie Messer trägt ´nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest.
An der Themse grünem Wasser
10 Fallen plötzlich Leute um!
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch es heißt: Macheath geht um.
An ´nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
15 Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.
Und Schmul Meier bleibt verschwunden
Und so mancher reiche Mann
Und sein Geld hat Mackie Messer
20 Dem man nichts beweisen kann.
Jenny Towler ward gefunden
Mit ´nem Messer in der Brust
Und am Kai geht Mackie Messer
Der von allem nichts gewusst.
25 Wo ist Alfons Glite, der Fuhrherr?
Kommt das je ans Sonnenlicht?
Wer es immer wissen könnte
Mackie Messer weiß es nicht.
Und das große Feuer in Soho
30 Sieben Kinder und ein Greis
In der Menge Mackie Messer, den
Man nichts fragt und der nichts weiß.
Und die minderjährige Witwe
Deren Namen jeder weiß
35 Wachet auf und ward geschändet -
Mackie, welches war dein Preis?
25 Vgl.: Hecht, Werner/ Knopf, Jan u. andere (Hrsg.). Bertolt Brecht Gedichte 1. Große kommentierte
Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 11. S. 133ff.
9
Arbeit zitieren:
Florian Huber, 2005, Bertolt Brecht "Und der Haifisch der hat Zähne...", München, GRIN Verlag GmbH
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