Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 3
2. Familiäre Hintergründe
2.1 Das Haus Wittelsbach 4
2.2 Kindheit, Erziehung, Ausbildung 5
3. Politischer Werdegang
3.1 Bayern bis zur Thronbesteigung 1864 6-7
3.2 Die ersten Regierungsjahre 8-10
4. Die Rolle Ludwigs II. in Bismarcks Realpolitik
4.1 Ludwig II. und Bismarck 10-11
4.2 Unvermeidliche Annäherung an den „Nord -Deutschen Bund
11-13
4.3 Deutsch-Französischer Krieg 13-14
4.4 Kaiserbrief und Reichsgründung 15
5. Fazit 16
Literatur - und Quellenverzeichnis 17
Einleitung
Oftmals wird gesagt „Der König musste sterben, damit der Mythos des Märchenkönigs geboren werden konnte”. 1
König Ludwig II. von Bayern ist bereits über 120 Jahre tot, doch trotzdem noch populär. Bekannt geworden ist er im Wesentlichen durch sein exzentrisches Verhalten, seinen bis heute ungeklärten Tod und seine weltweit bekannten Schlösser. War er somit nur Bauherr und Förderer des Komponisten Richard Wagner?
Die Gestalt dieses Königs wird meist abgesondert von den Zeitumständen betrachtet. Er lebte an einem wichtigen Wendepunkt der deutschen Geschichte - der deutschen Einigung 1871.
War er nur Träumer oder auch Staatsmann?
Hinterließ er seine Spuren ebenso wie andere große Denker in der Geschichte? Die Beleuchtung seiner politischen und geschichtlichen Person steht im Zentrum dieser Arbeit.
Zur Beantwortung dieser Fragen wird, beginnend mit der Herkunft und Kindheit des Königs, sein politischer Werdegang von der Thronbesteigung 1864 und den Verhältnissen, die ihn erwarteten, bis hin zu seiner Rolle während der deutschen Einigung verfolgt. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf seiner Funktion im politischem Programm Bismarcks und seiner Beziehung zu diesem liegen. Waren sie einander abgeneigt oder gab es wohlmöglich so etwas wie „Bewunderung”?
1 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S.29
Familiäre Hintergründe
2.1 Das Haus Wittelsbach
Ludwig II. von Bayern entspringt einem der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands, der Herrscherfamilie der Wittelsbacher. Ihre politische Tradition lässt sich laut der Genealogie des Freiherrn Otto von Dungern ab 1000 nach Christus verfolgen. Zu dieser Zeit standen die Hohenzollern erst am Anfang ihrer Karriere. Der lange erwartete Thronfolger erblickte am 25. August 1845 eine halbe Stunde nach Mitternacht in Schloss Nymphenburg das Licht der Welt. Seine Mutter, Marie Friederike Franziska Auguste Hedwig, Königliche Prinzessin von Preußen aus dem Geschlecht der Hohenzollern, hatte zwei Jahre zuvor eine Fehlgeburt erlitten, und so freuten sich das Volk und die Verwandten, als mit 101 Kanonschüssen in München bekanntgegeben wurde, dass ein Prinz geboren sei, der die Dynastie fortsetzen sollte. Mehrere Gerüchte winden sich um die genaue Geburtszeit. Demnach ist der Thronfolger bereits einige Tage zuvor zur Welt gekommen, jedoch sei genau dieser Zeitpunkt zur Bekanntgabe gewählt worden, weil der Großvater, König Ludwig I., zur gleichen Stunde geboren wurde. 2
Entgegen dem Wunsch der Eltern, die ihm den traditionellen Namen „Otto” geben wollten, wurde der Junge nach seinem Großvater und Taufpaten benannt, dem französischen König Ludwig XVI, der in späteren Jahren zu seinem großen Vorbild auf Grund seines Reichtums und seiner Macht wurde. Zudem galt sein Namenspatron, der heilige König Ludwig IX. von Frankreich, als „Ideal eines christlichen Monarchen”, „als Heiliger des Bundes von Thron und Altar” 3 .
2.2 Kindheit, Erziehung, Ausbildung
Gemäß der damaligen Vorstellung, dass Kinder durch eine besonders harte und spartanische Erziehung zu tüchtigen Menschen werden, erzogen die Eltern ihre beiden
2 Herre, Franz. Ludwig II. Bayerns Märchenkönig - Wahrheit und Legende. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH &
Co. KG, 1991, S.10
3 Herre, Franz. a.a.O. S.12
Söhne, Ludwig und Otto. Oder besser gesagt, sie ließen sie erziehen. Denn der König und die Königin hatten nicht viel Zeit für ihre Söhne. Und so konfrontierten das Personal und mehrere Erzieher die Jungen mit „frühem Aufstehen, wenig Essen, viel Unterricht und strengen Bestrafungen” 4 , die der König immer persönlich übernahm. Eine besonders harte Bestrafung sorgte dafür, dass Ludwig die Königliche Villa in Berchtesgaden nie wieder betrat, als er später König geworden war. Für Kronprinz Ludwig war seine Kindheit „eine Kette demütigender Peinigungen” 5 , wie er später dem amerikanischen Schriftsteller Lew Vanderpool erzählte. Dies lag aber nicht nur an den Züchtigungen, sondern auch an der übrigen Erziehung, die seinem freien, künstlerischen Wesen widersprach. Statt mit Bleisoldaten, wie sein Bruder, spielte er lieber mit Bauklötzen und gestaltete immer neue Gebäude. Genauso wenig war er an seinen zukünftigen Aufgaben als König interessiert. König Maximilian II. konnte seinen Sohn Ludwig nur mit viel Überredung zu Spaziergängen in den Englischen Gärten bewegen. Hier hätte er in Gesprächen etwas über die Regierungsgeschäfte des Königs erfahren. Doch eine engere Beziehung zwischen den beiden wurde nie geknüpft. „Was soll ich mit dem jungen Herrn sprechen? Es interessiert ihn nicht, was ich anrege.” 6
Obwohl Ludwigs Ausbildung nicht dem Niveau entsprach, auf das der Schulreformer Maximilian II. das öffentliche Bildungswesen gehoben hatte 7 , hörte der Kronprinz nach der eigentlichen Schulbildung Vorlesungen an der Münchener Universität. Dort erhielt er einen Platz, abgesondert von den anderen Studenten. Da er mit etwa achtzehn Jahren bereits König wurde, blieb seine „Bildung jedoch bruchstückhaft”. 8
4 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S.56
5 Ammon, Thomas. a.a.O.
6 Herre, Franz. Ludwig II. Bayerns Märchenkönig - Wahrheit und Legende. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH &
Co. KG, 1991, S.73
7 Herre, Franz. a.a.O. S.81
8 Herre, Franz. a.a.O.
3. Politischer Werdegang
3.1 Bayern bis zur Thronbesteigung 1864
Zu Beginn des 19. Jahrhundert hatte auch Bayern mit dem Problem der Integration zu kämpfen, das durch die Revision der territorialen Verhältnisse des ehemaligen Heiligen Römischen Reichs entstanden war. Die verschiedenen Elemente des neuen Staates unterschieden sich in ihrer „historisch-politischen Tradition wie in ihrer Sozial- und Wirtschaftsstruktur”. 9 Die bürgerlich-nationalen Kräfte wurden durch die Gewährung politischer Freiheiten an den Staat gebunden, doch blieb weiterhin der Wunsch „nach der Überwindung der partikularstaatlichen Zersplitterung und Einigung des deutschen Staates”. 10
Das Volk begrüßte Ludwig I., den Großvater Ludwigs II., als liberalen Politiker. Bald zeigte sich seine Regierung jedoch eher autokratisch und restaurativ. Wirtschaftlich führte er Bayern in der Zeit von Restauration und Aufbruch im 19. Jahrhundert in die Moderne. Der bisher agrarwirtschaftlich geprägte Staat entwickelt sich langsam zu einem Industriestaat. Das Volk mochte ihn, da sie erkannten, „dass er sich für die Weiterentwicklung der Gesellschaft einsetzte”. 11
Sein Sohn Maximilian II. war ein völlig gegensätzlicher Herrscher. Wo sein Vater extrovertiert, war er introvertiert. „Er war eher trocken und wissenschaftlich. Sein Lebenszweck war das Lernen”. 12 Er machte aus Bayern einen Kultur- und Bildungsstandort erster Klasse und aus München eine Universitätsstadt, indem er herausragende Wissenschaftler und Denker - die sogenannten „Nordlichter” 13 - in den Staat holte. Er setzte auf Allgemeinbildung und versuchte den religiösen Frieden zu sichern.
Als König hatte Maximilian II. einen schweren Start. In Bayern kam es seit März 1848 zu immer mehr demokratisch und liberal motivierten Unruhen; der Druck auf die
9 Weis, Eberhard. Die Begründung des modernen bayerischen Staates unter König Max I. (1799 - 1825). Handbuch der
bayerischen Geschichte. Hrsg. von Max Spindler. Band IV, 1. München, 1974
10 Scheider, Theodor. Partikularismus und Nationalbewusstsein im Denken des deutschen Vormärz. Staat und Gesellschaft
im deutsche Vormärz. 1815 - 1848. Hrsg. von Werner Conze. Stuttgart: Klett, 1962
11 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S.44
12 Ammon, Thomas. a.a.O. S. 52
13 Ammon, Thomas. a.a.O. S. 50
Regierung Ludwigs I. wurde immer größer. Zusätzlich gab es Kritik an seinem selbstherrlichen Führungsstil und - aus dem konservativ-katholischen Lager - an seiner Affäre mit der Tänzerin Lola Montez. Daher dankte er, bevor gar noch Blut vergossen wurde, zu Gunsten seines Sohnes ab. Deutschland steckte mitten in der Revolution. Nachdem die Verhandlungen in der Paulskirche scheiterten, kam es in Bayern wie auch in vielen anderen Deutschen Staaten im Rahmen der Reichsverfassungskampagne zu Aufständen. Es folgte eine grundlegende Verfassungsreform.
Ein Beispiel dafür ist die Abschaffung des ständische Prinzips in der zweiten Kammer, die ab nun indirekt und an das Zensuswahlrecht gebunden gewählt wurde. Hier dominierte ein gemäßigter Liberalismus, der das bürgerliche Gegengewicht zur konservativen ersten Kammer darstellte, in der vor allem Adelige und Vertreter der Kirche saßen. Den größten Streitpunkt beider Lager bildete vor allem die Frage der nationalen Einigung.
Doch die Kultur- und Friedenspolitik, die Maximilian II. verfolgte, wurde immer mehr durch die zunehmende Rivalität Preußens und Österreich gestört. Preußen versuchte die Hegemonialmacht im Bund zu erreichen. Dabei bildete die Schleswig-Holstein-Frage nur einen Vorwand, um diese Rivalität auszufechten. Und das betraf natürlich alle Glieder des Deutschen Bundes, somit auch Bayern als größten Staat Mittel- und Norddeutschlands zwischen Preußen und Österreich. Maximilans letzte Bestrebungen galten der Wahrung der Selbstständigkeit Bayerns im Rahmen des Deutschen Bundes, trotz der erkennbaren nationalen Einigungsbestrebungen.
3.2 Die ersten Regierungsjahre
Am 10. März 1864 verstarb der schwer erkrankte König Maximilian II. von Bayern. „Der König ist tot, es lebe der König!” 14 Als er am Totenbett seines Vaters das erste Mal mit „Majestät” angesprochen wurde, erbleichte der junge Ludwig. Laut der in den „Erbmonarchien üblichen Maxime, die besagte, wenn der bisherige Inhaber der Krone aus dem Zeitlichen geschieden sei, so bliebe doch das Königtum infolge der sofortigen Thronbesteigung seines Nachfolgers unvergänglich” 15 , war nun Ludwig der erste Mann in Bayern. Es stellte sich die Frage, ob er mit seinen kaum neunzehn Jahren überhaupt in der Lage sei, die unüberschaubare Fülle an Aufgaben zu bewältigen und das Land in eine glückliche Zukunft zu führen.
„Das Staatschiff Bayerns ist jetzt den reinen, unschuldigen Händen eines sehr jugendlichen Steuermannes anvertraut. Aber die älteren Glieder unseres Königshauses und die erfahrenen, lange erprobten Räte und Diener seines königlichen Vaters stehen ihm helfend, ratend, dienend zur Seite. Die ganze Nation trägt ihm ihre Liebe und ihr Vertrauen entgegen...” 16 In der Predigt zur Beerdigung Maximilians II. am 14. März 1846 hatte der Stiftsprobst Ignaz von Döllinger erkannt, welche Verantwortung auf den jungen König zu komme.
„Groß ist und schwer die mir gewordene Aufgabe. Ich baue auf Gott, dass er mir Licht und Kraft schicke, sie zu erfüllen”. 17 Am 11. März 1864 legte Ludwig II. seinen Eid auf die bayerische Verfassung ab.
In politischen Angelegenheiten völlig unerfahren, arbeitete Ludwig mit den bewährten Kräften weiter, die auch schon seinem Vater dienten. Gemäß den Regeln lehnte er die Bitten des Kabinetts der bayerischen Minister um Demission ab und behielt das bestehende Kabinett und den Beraterstab bei.
Die Beamten und Minister gewannen seit 1848 immer weiter an Macht. Der König trat zunehmend in den Hintergrund und wurde nur noch für repräsentative Zwecke oder zum
14 Hüttl, Ludwig. Ludwig II. König von Bayern. München: C. Bertelsmann Verlag GmbH, 1986, S.11
15 Hüttl, Ludwig. a.a.O.
16 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S. 65
17 Herre, Franz. Ludwig II. Bayerns Märchenkönig - Wahrheit und Legende. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH &
Co. KG, 1991, S. 95
Unterschreiben von Vorlagen benötigt. Daher stellte zu Beginn der Regentschaft Ludwigs II. seine Unerfahrenheit für sie keine große Gefahr dar. Das Volk und Hofpersonal war dagegen von dem wunderschönen König fasziniert und hoffte, dass nun frischer Wind in das eingestaubte System komme und die Minister in ihre Schranken gewiesen werden würden. Doch in den ersten Regierungsmonaten behielt Ludwig II. vorerst den Kurs seines Vaters bei. An Amtseifer fehlte es ihm nicht. Er stand früh auf und war bemüht, sich so gut es ging in sein Amt einzuarbeiten. Doch die Balance zwischen den Pflichten des Staatsmannes und den Schwärmereien des Romantikers konnte er nicht lange halten. „Minister und Beamte versperrten ihrem König den Weg zu einer Amtsführung nach seiner Amtsauffassung”. 18 Ludwig lernte die Grenzen seiner Macht kennen, die am Hoheitsbereich der bayerischen Bürokratie endete. Wenn schon, dann wollte er ein „unbeschränkter König sein, dessen Wille das Gesetz wäre”. 19 Er wünschte so zu regieren, wie der russische Zar: allein, autokratisch und absolut. Der König wurde sich allmählich seiner Rolle als “Marionette” bewusstals Folge der verfassungsmäßigen Schranken, die ihm seit der Verfassungsreform 1848 die konstitutionelle Mo-narchie auferlegte.
Um weiteren Beschränkungen entgegen zu wirken, versuchte er die „Fortentwicklung des Konstitutionalismus in Richtung des Parlamentarismus zu verhindern”. 20 Sein politisches
Programm bestand in der Fernhaltung des Parlamentarismus, der Festigung der königlichen Gewalt und der Beibehaltung der derzeitigen Kammerstruktur mit ihren „ihm schon viel zu weit gehenden Befugnissen”. 21 Doch die königlichen Beamten und Minister wiesen ihn immer wieder in seine Schranken. Ein Beispiel dafür ist die Vertreibung Wagners aus München. Wagner überschätzte die Möglichkeiten seines Gönners und Königs. Die Minister und Beamten wollten „ihren” König für sich haben. Sie drohten ihm mit Rücktritt und so blieb dem unglücklichen Herrscher keine andere Möglichkeit, um die Kluft zwischen sich und dem Kabinett zu überbrücken. Da er von seinem funktionierenden Staatsapparat
18 Herre, Franz. Ludwig II. Bayerns Märchenkönig - Wahrheit und Legende. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH &
Co. KG, 1991, S. 108
19 Herre, Franz. a.a.O. S. 107
20 Herre, Franz. a.a.O. S. 109
21 Herre, Franz. a.a.O.
abhängig war, sah sich Ludwig gezwungen, seinen Freund zu bitten, Bayern zu verlassen.
4. Die Rolle Ludwigs II. in Bismarcks Realpolitik
4.1 Ludwig II. und Bismarck
Die erste und einzige Begegnung dieser gegensätzlichen Persönlichkeiten fand im Sommer 1863 in Schloss Nymphenburg statt. „Auf der einen Seite der hochgewachsene, schöne und romantische Jüngling Ludwig, auf der anderen Seite der körperlich und politisch wuchtige Bismarck, der jeder Schwärmerei und Idealisiererei abhold zu sein schien”. 22 Damals war Ludwig noch Kronprinz und Bismarck preußischer Ministerpräsident.
Zu dieser Zeit hielten sich König Wilhelm I. von Preußen und Bismarck auf der Durchreise in München auf. Königin Marie empfing mit Freuden ihren Bruder, den preußischen König. Bei den Mahlzeiten lernte Bismarck den jungen Thronfolger kennen. In seinen „Gedanken und Erinnerungen” beschrieb er die Begegnung mit dem Kronprinzen trotz dessen unhöflichen Benehmens als positives Erlebnis: „... Der Eindruck, den er mir machte, war ein sympathischer, obschon ich mir mit einiger Verdrießlichkeit sagen musste, dass mein Bestreben, ihn als Tischnachbar angenehm zu unterhalten, unfruchtbar blieb...” 23
Er bat sogar „um ein Bild von König Ludwig für sein Arbeitszimmer” 24 , das sonst von keinem anderen Fürsten des deutschen Reiches geziert wurde. Doch auch von Ludwigs Seite aus bestand Sympathie gegenüber dem preußischen Politiker. Obwohl er nach dem österreichisch-preußischen Krieg 1866 und dem
22 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S. 61
23 Hacker, Rupert (Hrsg.). Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten. Düsseldorf: Karl Rauch Verlag GmbH, 1966,
S.36
24 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S. 62
Machtverlust 1871 seine preußische Verwandtschaft verachtete und abgrundtief hasste, blieb er doch weiterhin mit Bismarck in Kontakt. Er fragte ihn um Rat und gemeinsam trugen sie mehrere politische Schlachten aus (Beispiel. Kulturkampf mit dem Vatikan). Zudem stand der preußische Ministerpräsident dem jungen König mit Rat und Tat zu Seite, als ihm in seinen letzen Regierungsjahren alles entglitt und er in den Schuldensumpf rutschte.
Bismarck selbst hatte bereits erkannt, dass das alte System hinfällig war und dem liberalen Bürgertum der Weg in die Regierung geebnet werden müsse. Er plädierte für 25 eine „Monarchie mit einem demokratischen Zusatz”. Er riet dem verzweifelten
Ludwig, „sich an das Parlament und gegen sein Kabinett zu wenden”. 26 Die gesamte Verschwörung zur Absetzung des bayerischen Königs deutete er: „... weil sie (die Minister - Anm. D. Verfassers) sich nicht mehr halten könnten, wollen sie den König schlachten.” 27
Trotz der gegensätzlichen Charaktere und des Wettbewerbs ihrer beider Länder entstand überraschenderweise zwischen dem preußischen Ministerpräsident Bismarck und dem bayerische König Ludwig II. eine Art Freundschaft.
4.2 Unvermeidliche Annäherung an den „Nord”-Deutschen Bund
Am 10. Mai 1866 ordnete die königliche Regierung die Mobilmachung der bayerischen Armee an - ein Krieg zwischen Preußen und Österreich stand bevor. Und nun stellte sich die Frage, auf welche Seite sich das Königreich stellen sollte. Deutschland war damals im Grunde nicht mehr als ein locker organisierter Staatenbund. Die „Trias”-Vision von Ludwigs Vater Maximilian, einen einheitlichen Mittelblock zu gründen, der sich Preußen und Österreich entgegen stemmen könnte, scheiterte am Widerstand der anderen Länder, die Bayern nicht die Führungsposition übergeben wollten.
Bayern befand sich zu dieser Zeit in einer überaus ungünstigen Situation. Im Osten und
25 Mickel, Wolfgang Wilhelm (Hrsg.). Geschichte, Politik und Gesellschaft. Lern- und Arbeitsbuch für Geschichte in der
Gymnasialen Oberstufe. Band 1. Von der Französischen Revolution bis zum Ende des 2. Weltkrieges. 2.Auflage. Frankfurt:
Cornelsen Verlag, 1988, S.138
26 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S.62
27 Ammon, Thomas. a.a.o.
Süden grenzte es an das katholische Österreich, das Bayern schon mehrfach militärisch besetzt hatte. Und seit Bayern während der napoleonischen Neuordnung einige Gebiete erhalten hatte, die einst den Hohenzollern gehörten, war auch das Verhältnis zu Preußen angespannt.
Doch die Entscheidung wurde Bayern abgenommen. Otto von Bismarck wollte den Vielvölkerstaat Österreich nicht in einem vereinten Deutschland. Preußen trat aus dem deutschen Bund aus und marschierte mit seinen Truppen in Sachsen, Hannover und Kurhessen ein. Damit hatte Bismarck den Deutschen Bund praktisch aufgelöst und Bayern auf die Seite Österreichs getrieben.
Aber Ludwig II. wollte gar keinen Krieg. Ein Zivilist als Kriegsherr - undenkbar! Und so floh er in die Schweiz. Er spielte zum ersten Mal mit Rücktrittsgedanken 28 , da sein Bruder “militärischer” war. Es stellte sich jedoch noch ein weiteres Problem: Bayern bekam jetzt die Folgen der friedlichen Politik Ludwig I. und Maximilan II. zu spüren. Das bayerische Heer war schlecht gerüstet und auf kriegerische Auseinandersetzung überhaupt nicht vorbereitet.
Nachdem die österreichische Armee am 3. Juli vernichtend bei Königgrätz geschlagen wurde, war auch „die Lage in Bayern desolat”. 29 Die preußische Armee wurde in den fränkischen Regionen Bayerns keineswegs als Angreifer, sondern vielmehr als Befreier gesehen. Am 31. Juli 1866 war Bayern geschlagen.
Bayern hatte während der Friedensverhandlung eine äußerst schlechte Position. Österreich fand in Frankreich einen bedeutenden Fürsprecher, doch Bayern stand alleine. „So konnte man nicht verhindern, dass Bayern zum Spielball der Großmächte wurde”. 30
Letztendlich verdankte Ludwig Bismarck, dass Bayern nur 30 Millionen Gulden Reparationsleistungen zahlen und die Gebiete Gersfeld und Orb in Franken an Preußen abtreten musste. Zwar behielt Bayern seine Souveränität, doch wurde in einem geheimen Bündnisvertrag gesichert, dass im Kriegsfall der König von Bayern dem König von Preußen den Oberbefehl zu übertragen hatte. Ähnliche Verträge schlossen
28 Hüttl, Ludwig. Ludwig II König von Bayern. München: C. Bertelsmann Verlag GmbH, 1986, S.80
29 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein. Weinheim:
WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S.83
30 Ammon, Thomas. a.a.O. S.84
auch die anderen Deutschen Fürsten ab. Die norddeutschen Staaten schlossen sich zum Norddeutschen Bund unter dem dominierenden Preußen zusammen. „Die Bestrebungen zur Einheit der Nation wurden durch die Ereignisse von 1866 wesentlich verstärkt”. 31 Ludwigs wichtigstes Ziel war in der Folgezeit die Bewahrung der Selbstständigkeit Bayerns, denn „ein Schattenkönig ohne Macht” 32 wollte er nicht sein.
4.3 Deutsch-Französischer Krieg
Die Niederlage von 1866 war beinah vergessen und die Herrschaft des jungen König galt als gefestigt, da zog ein neues Gewitter am politischen Horizont auf. Bismarck strebte weiterhin eine Reichsgründung durch „Blut und Eisen” an. Der Faktor Österreich war beseitigt, doch gab es noch den Feind Frankreich. Zusätzlich sollten auch die süddeutschen Staaten offiziell dem „Nord”-Deutschen Reich beitreten. Ludwig II. war ganz und gar nicht von einem Krieg gegen Frankreich angetan. Er verehrte das Land und Ludwig XIV., seinen Taufpaten, wegen seines Reichtums und seiner Macht. Er war fasziniert von der französischen Kunst, der Sprache und Literatur. Zudem war der bayerische König mit dem derzeitigen französischen Kaiser Napoleon III. verwandt. Somit stände ein neuer Brüder- bzw. Verwandtenkampf wie schon 1866 bevor.
Napoleon III. war sich der preußischen Gefahr durchaus bewusst. Darum versuchte er mit Österreich und Bayern eine Allianz zu schmieden, „um eines schönen Tages doch noch einmal Preußen zu überfallen oder sich zumindest die verhassten Preußen vom Hals zu halten”. 33 Doch beide Lager waren dazu weder willens noch war es ihnen möglich, eine Allianz gegen Preußen zu schließen. Österreich litt noch zu sehr an den Folgen seiner Niederlage und Bayern war durch das geheime Bündnis an Preußen gebunden.
31 Hüttl, Ludwig. Ludwig II König von Bayern. München: C. Bertelsmann Verlag GmbH, 1986, S.86
32 Hüttl, Ludwig. a.a.O. S.83
33 Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S. 118
Im Juli 1870 geriet die Situation dann außer Kontrolle. Einem Sigmaringer Hohenzoller war die spanische Krone angeboten worden. Durch den Verzicht des Thronkandidaten schien die Kriegsgefahr gebannt, aber das gefiel weder den Franzosen, die den Krieg wollten und nun einen Kriegsgrund verloren gehen sahen, noch gefiel es Bismarck. Er ging davon aus, „dass Süddeutschland nur durch einen Nationalkrieg gegen den „Erbfeind” der deutschen Nationalbewegung in den Norddeutschen Bund hineinmanövriert werden könne”. 34 Die „Emser Depesche” sorgte für die Eskalation. Nun pochten die Preußen auf den Vertrag, der ihnen Unterstützung zusicherte. Ludwig beschwor seine Minister, den Frieden zu halten. Wie so oft floh er in die Berge. Ohne die Unterschrift des Königs war der Mobilmachungsbefehl unwirksam. Das Volk und die Minister drängten auf eine Entscheidung. Als alles nichts half, sagte er: „mein Entschluss ist gefasst, bis dat qui cito dat (doppelt gibt, wer schnell gibt)”. 35 Auf französisch verfasste er ein Telegramm, das den Befehl zur Mobilmachung an der Seite Preußens beinhaltete. Und so stand der noch nicht einmal 25 Jahre alte König schon in seinem zweiten Krieg.
Mit Erfolg führte der preußische Kronprinz die bayerischen Truppen gegen Frankreich. Bei der Entscheidungsschlacht von Sedan geriet Kaiser Napoleon III. mit 83.000 französischen Soldaten in Gefangenschaft. Aber dieser Sieg war mit hohen Verlusten erkauft worden, unter denen Ludwig litt. Erneute Gedanken an Abdankung quälten ihn. Er weigerte sich vehement, sich im deutschen Hauptquartier zu zeigen oder die Huldigung seiner Münchener Bürger für den Sieg entgegen zu nehmen.
4.4 Kaiserbrief und Reichsgründung
Nachdem alle großen Feinde Preußens besiegt waren, wusste Bismarck, dass die Gründung eines Deutschen Reichs kurz bevorstand. Doch sein König Wilhelm wollte nicht Deutscher Kaiser werden, da er das Aufgehen seines eigenen Landes in dem geeinten Reich befürchtete. In diesem Punkt stimmten Ludwig und sein Onkel endlich einmal überein, jeder wollte die Eigenständigkeit seines Landes erhalten.
34 Herre, Franz. Ludwig II.. Bayerns Märchenkönig - Wahrheit und Legende. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH &
Co. KG, 1991, S. 246
35 Herre, Franz. a.a.O. S.249
Bismarck plante, dass Ludwig nach Versailles käme, das mittlerweile preußisches Hauptquartier geworden war, um dort als Herrscher im zweitgrößten Land des neuen Deutschen Reichs dem Preußenkönig die Kaiserkrone anzubieten. Dieser Plan scheiterte jedoch an Ludwigs Widerstand. Auch er hatte die Gunst der Stunde erkannt. Er setzte seine Hoffnung auf etwas Geld und eine Gebietsvergrößerung Bayerns, „um die politischen Kompetenzen, die man verliere, zu kompensieren”. 36 Bismarck war klar, dass er Ludwig brauchte, um das neue Deutsche Kaiserreich zu gründen und darum weihte er den Oberstallmeister Graf Holnstein, der bei Ludwig hohes Ansehen genoss, in seine Pläne ein. Zwar wollte Ludwig kein „Vasall der Hohenzollern” 37 werden, doch er musste sich dem Unvermeidlichen beugen. Und so verhandelte er mit Bismarck über die Sonderrechte Bayerns im deutschen Reich sowie Finanzspritzen für seine Bau- und Kunstpläne. Ludwig war klar, dass dies nun das Ende Bayerns als souveräner Staat war.
Durch Graf Holnstein ließ Bismarck ihm den Entwurf für den Kaiserbrief zukommen. Notgedrungen und mit wenigen Abänderungen schrieb Ludwig ihn ab. Er trug dem preußischen Kaiser die Kaiserkrone und die Präsidialrechte über alle deutsche Staaten an.
Während der Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Schloss Versailles am 18. Januar 1871 war König Ludwig II. von Bayern nicht anwesend.
5. Fazit
Ludwig II. von Bayern war zweifelsohne eine facettenreiche Persönlichkeit. Es gibt wenige Könige und Kaiser, die selbst in der heutigen Zeit noch solche Popularität besitzen. Doch machte er Geschichte?
In politischen Dingen stach er nicht hervor; es gab sicherlich Könige, die politisch mehr 36 Ammon, Thomas. Ludwig II. Für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein.
Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007, S. 122
37 Ammon, Thomas. a.a.O. S.123
erreicht haben. Dies lag jedoch nicht an Desinteresse oder staatsmännischem Unvermögen. Sich seiner eigenen Ohnmacht bewusst, in den Intrigen seiner Minister gefangen, verließ er die öffentliche Bühne. Er orientierte sich an den großen Königen des Mittelalters - in einer Zeit, die von Eisen, Blut und Revolution gekennzeichnet war. Dennoch ist nicht zu verkennen, dass ihm bei der deutschen Reichsgründung eine wichtige politische Bedeutung zukam. Als Herrscher des zweitgrößten Land des deutschen Bundes hatte er eine zumindest formale Vormachtstellung inne. Hätte er den Kaiserbrief nicht unterschrieben und Wilhelm I. die Kaiserkrone angetragen, hätten sich die anderen deutschen Fürsten wohlmöglich gegen eine Reichsgründung unter preußischer Führung entschieden. Da Ludwig II. aber voranging, taten sie es ihm naches kam zur Einigung und damit zum Deutschen Kaiserreich. Ludwig hatte erkannt, welche Folgen auf ihn und sein Land zugekommen wären, wenn er nicht unterzeichnet hätte. Die Reichsgründung wäre so oder so durchgeführt worden - zur Not mit Gewalt. Doch so konnte er einige Privilegien für sein geliebtes Bayernaushandeln; es versank nicht in der Bedeutungslosigkeit, sondern gewann sogar eine Vormachtstellung im Bundesrat und erzielte Einnahmen - nicht zuletzt durch Bier- und Branntweinsteuer. Vielleicht hat Ludwig II. von Bayern nicht unbedingt richtungsweisende politischen Spuren hinterlassen, unbestreitbar schuf er jedoch ein kulturell bedeutsames Erbe. Mit seinen künstlerischen Aktivitäten war er ein Vorreiter der Moderne. Er förderte Theater, Oper und Wissenschaft (beispielsweise wurde die Beleuchtung der Venusgrotte von Schoss Linderhof mit Strom aus dem ersten Elektrizitätswerk Bayerns betrieben). Modernste Techniken ließ er auch beim bau seiner prunkvollen Schlösser verwenden. Und jedenfalls diese kleinen MärchenReiche prägte er als uneingeschränkter Herrscher.
Literatur - und Quellenverzeichnis
Primär-Quellen
Herre, Franz. Ludwig II.. Bayerns Märchenkönig - Wahrheit und Legende. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, 1991 Sekundär Quellen
Ammon, Thomas. Ludwig II. für Dummies. Der Märchenkönig - Zwischen Wahn, Wagner und Neuschwanstein. Weinheim: WILE-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2007 Hacker, Rupert (Hrsg.). Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten. Düsseldorf: Karl Rauch Verlag GmbH, 1966
Hüttl, Ludwig. Ludwig II König von Bayern. München: C. Bertelsmann Verlag GmbH, 1986
Mickel, Wolfgang Wilhelm (Hrsg.). Geschichte, Politik und Gesellschaft. Lern- und Arbeitsbuch für Geschichte in der Gymnasialen Oberstufe. Band 1. Von der Französischen Revolution bis zum Ende des 2. Weltkrieges. 2.Auflage. Frankfurt: Cornelsen Verlag, 1988
Scheider, Theodor. Partikularismus und Nationalbewusstsein im Denken des deutschen Vormärz. Staat und Gesellschaft im deutsche Vormärz. 1815 - 1848. Hrsg. von Werner Conze. Stuttgart: Klett, 1962
Weis, Eberhard. Die Begründung des modernen bayerischen Staates unter König Max I. (1799 - 1825). Handbuch der bayerischen Geschichte. Hrsg. von Max Spindler. Band IV, 1. München, 1974
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