Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis................................................................................................................... 2
I. Einleitung 1
II. Entwicklung bis 1871 2
III. Arbeiterbewegung im Kaiserreich. 5
III.1. Anfänge 6
III.2. Sozialistengesetz 7
III.3. Wilhelminismus. 10
IV. Schlussbetrachtung. 12
Quellen - und Literaturverzeichnis. 14
Quellen 14
Sekund ärliteratur 14
I. Einleitung
In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs von 1871 bis 1918 kristallisierte sich, ebenso wie im gesamteuropäischen Raum, eine politisch starke und gleichsam aktive Arbeiterbewegung heraus. 1 Im Laufe der Zeit etablierte sich die Arbeiterbewegung im Kaiserreich zu einer festen Größe, obwohl mehrere Störungsversuche von herrschaftlicher Seite gegen sie unternommen wurden. 2 Speziell die Kieler Arbeiterschaft entwickelte sich zu einer politisch und gesellschaftlich sehr einflussreichen Bewegung.
In der vorliegenden Arbeit wird geklärt, welchen Einfluss die Kieler Arbeiterbewegung auf den Entwicklungsprozess der gesamtdeutschen Arbeiterbewegung im Kaiserreich hatte bzw. ob die jeweiligen Entwicklungen parallel oder unterschiedlich zueinander verliefen. Daneben wird festgestellt, ob die Kieler Arbeiterbewegung im Deutschen Reich eine führende Position in punkto Organisation, Aufbau und Entwicklung inne hatte und damit aufgrund der Stellung Kiels als Reichskriegshafen Vorzüge in der Behandlung durch den jeweiligen Regenten genoss.
Zu diesem Zweck werden anhand einer chronologischen Betrachtung der Ereignisse von 1871 bis 1914 die für die deutsche Arbeiterbewegung markantesten Punkte beleuchtet, die bedeutend für ihre Entwicklung waren. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Kieler Arbeiterbewegung, jedoch ist es immer notwendig, den Vergleich zur gesamtdeutschen Arbeiterbewegung zu ziehen, um eventuelle Gemeinsamkeiten oder Abweichungen festzustellen, die als Beleg für eine mögliche Sonderstellung Kiels innerhalb der Kaiserzeit dienen können. Besonders in den Gründerjahren ist der deutschen Arbeiterbewegung im Vergleich zur Kieler eine weit wichtigere Stellung einzuräumen, da erst ab 1865 von einer wachsenden Bewegung in Kiel zu sprechen ist. 3
1 Ob es die eine Arbeiterbewegung gab, ist in der Forschung umstritten, zu finden z.B. bei Roth, Karl-Heinz:
Die „andere“ Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur
Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland, München 1974 (Schriften
zum Klassenkampf 39), passim. Zu diesem Werk sei gesagt, dass seine deutliche pro-sozialistische Haltung
zwar die Blickweise auf viele Ereignisse der Kaiserzeit färbt, die ausgewählten Thesen aber zu den
Meinungen anderer zurate gezogener Autoren komplementär verlaufen, z.B. zu Grebing, Helga: Geschichte
der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick, München 1966.
2 Das bekannteste Beispiel dieser Zeit ist Bismarcks Sozialistengesetz vom 19. Oktober 1878.
Interessanterweise änderte Bismarck nach dem Scheitern seiner Bemühungen um eine Eindämmung der
Sozialdemokraten bald seinen Kurs und versuchte durch die Sozialgesetzgebung von 1883/84 und 1889/91
zum Entfremdungsprozess der Arbeiterschaft von den Sozialdemokraten beizutragen, siehe Lotter, Wolf: Was
ist eigentlich…die Arbeiterbewegung?, in: brand eins 5, 2003, 52-54.
3 Dies geht mit der Verlegung des Marinestützpunktes von Danzig nach Kiel einher.
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Während die Quellenlage zur gesamtdeutschen Arbeiterbewegung im Kaiserreich recht umfangreich ist, ist die zur Kieler Arbeiterbewegung vergleichsweise spärlich. 4 Als Quellen wurden ein kurzer Ausschnitt aus Familienaufzeichnungen eines namenlosen Kieler Arbeiters, ein Antrag einiger Arbeiter der Germania-Werft an ihr Direktorium und das Vorwort eines Gewerkschaftsberichts in Betracht gezogen, die in Wilfried Kalks „Geschichte der IG Metall der Stadt Kiel“ zu finden sind. 5 Die Sekundärliteratur zu dem behandelten Thema ist allerdings umso umfangreicher, sowohl in Hinblick auf die deutsche als auch auf die Kieler Arbeiterbewegung. 6
Die Kapitel der vorliegenden Arbeit sind chronologisch geordnet. Nach einer Einführung in die Entwicklung der Arbeiterbewegung vor 1871 erfolgt eine genaue Bearbeitung der Ereignisse von 1871 bis 1914. Diese umfasst die Regierungsjahre Wilhelms I. und Wilhelms II. und die Bismarcksche Sozialpolitik. 7 Durch das Entlangführen an den zeitlichen Ereignissen der Kaiserzeit und die jeweilige Betrachtung auffälliger Besonderheiten, die für oder gegen die oben erwähnten Fragestellungen sprechen, ist somit ein roter Faden gewährleistet.
II. Entwicklung bis 1871
Als die Frankfurter Nationalversammlung 1848 über eine deutsche Verfassung beriet, waren Berufs- und Wirtschaftsfreiheit und das Recht auf Arbeit wichtige Themen ihrer Beratungen. 8 Die Revolution von 1848 hatte zu einer reichsweiten Befreiung der Bauern
4 Stråth, Bo: Die Arbeiterbewegung in Kiel und Bremen. Bedingungen für das Entstehen verschiedener
politischer Traditionen, in: Paetau, Rainer (u.a.): Arbeiter und Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein im
19. und 20. Jahrhundert, Neumünster 1987 (Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-
Holsteins 13), 299.
5 Kalk, Wilfried: 120 Jahre Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle
bis 1989, Kiel 1989, 21, 35 und 44.
6 Als hilfreich wegen ihrer Vollständigkeit haben sich vor allem folgende Monographien zur deutschen
Arbeiterbewegung erwiesen: Geary, Dick: Arbeiterprotest und Arbeiterbewegung in Europa 1848-1939,
München 1983, Grebing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick, München 1966
und Klönne, Arno: Die deutsche Arbeiterbewegung. Geschichte - Ziele - Wirkungen, Düsseldorf (u.a.) 1980.
Für die Darstellung der Kieler Arbeiterbewegung waren vor allem folgende Werke sehr dienlich: Brecour,
Wilhelm/Rausch, Bernhard/ Jensen, Jürgen (Hrsg.): Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung, Kiel 1983
(Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 15), Paetau, Rainer: Konfrontation oder
Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der
Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925, Neumünster 1988 (Studien zur Wirtschafts- und
Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins 14) und Stråth, Bo: Die Arbeiterbewegung in Kiel und Bremen.
Bedingungen für das Entstehen verschiedener politischer Traditionen, in: Paetau, Rainer (u.a.): Arbeiter und
Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein im 19. und 20. Jahrhundert, Neumünster 1987 (Studien zur
Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins 13), 279-304.
7 Aufgrund ihrer Kürze und vergleichsweise geringen Bedeutung für die Entwicklung der Arbeiterbewegung
wird die Herrschaft Friedrichs III. nicht berücksichtigt.
8 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 15.
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geführt, 9 die Ablösung traditioneller Produktionsformen zugunsten der modernen Errungenschaften der Industrialisierung hatte zur Einführung des industriellen Lohnarbeiters und einer Vielzahl von existenzbedrohten Gesellen geführt, die keine Möglichkeit hatten, ihre Meisterprüfung abzulegen. 10 Diese waren nur als Teil einer Arbeiterschicht zu verstehen, die aufgrund ihrer Masse im traditionellen Gewerbe nicht mehr einzusetzen war.
Durch das erlangte Vereins- und Versammlungsrechts 11 bildeten sich zwischen 1848 und 1850 deutschlandweit über 300 Arbeitervereine, die eine gemeinsame programmatische Grundüberzeugung vertraten. 12 Durch ein in Berlin begründetes Zentralkomitee entstand bereits 1848 ein Dachverband der allgemeinen Arbeitervereine, die deutsche Arbeiterverbrüderung, der als erste innerdeutsche Massenorganisation der Arbeiter zu betrachten ist - eine Bezeichnung als Partei wäre allerdings zu hoch gegriffen. 13 Daneben entstanden etliche gewerkschaftliche Zentralverbände branchengebundener Vereine, die sich konkreten berufsständischen Problemen widmeten. 14 Durch wieder erstarkte monarchistische Strömungen nach 1850 und die teilweise kommunistische Unterwanderung 15 der deutschen Arbeiterverbrüderung wurden die Arbeitervereine deutschlandweit stark geschwächt und größtenteils zerschlagen. Sie organisierten sich erst 1861/62 wieder, als das politische Klima deutlich liberaler war als in den Jahren davor. Nun waren vielmehr der Selbsthilfegedanke und der Wunsch nach staatsbürgerlicher Bildung Leitmotive der deutschen Arbeiterbewegung. 16 Mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) von 1863 durch Ferdinand Lassalle begann sich der Ton gegenüber den Regierenden zu verschärfen. So forderte Lassalle das allgemeine Wahlrecht und die Errichtung von Produktiv-
9 DieErgebnisse der Revolution für die Bauern fußten auf den Errungenschaften der Stein-Hardenbergschen
Reformen. Nach diesen waren die Bauern bereits rechtlich frei, die Revolution von 1848 verbesserte ihren
Stand nur noch, siehe Lotter: Arbeiterbewegung, 52.
10 Offermann, Toni: Die frühe Arbeiterbewegung und die Revolution von 1848, in: GWH 4, 1998, 240.
11 Dieses Recht war in den Pionierjahren der Arbeiterbewegung (d.h. im Vormärz) so beschnitten, dass nur
wenige „Arbeitervereine“ (größtenteils mitgliederschwache Geheimbünde) existierten, in denen bereits früh
klare Ziele formuliert wurden: Bekämpfung sozialer Probleme, Absicherung gegen Krankheit, Invalidität und
Tod, siehe Offermann: Frühe Arbeiterbewegung, 241f.
12 Dazu gehörten u.a. die Organisierung der Arbeiter („Arbeiterfrage“) und das allgemeine Wahlrecht, siehe:
Offermann: Frühe Arbeiterbewegung, 242f.
13 Da die deutsche Arbeiterverbrüderung weder eine Weisungskompetenz der gewählten Leistungsorgane
noch die Kandidatur oder Beteiligung bei Parlamentswahlen vorsah, kann sie nicht als Partei im modernen
Sinn verstanden werden, der Begriff der „Gesinnungspartei“ trifft hier besser zu, siehe: Offermann: Frühe
Arbeiterbewegung, 243.
14 Offermann: Frühe Arbeiterbewegung, 244f.
15 Der zuvor nur im Ausland agierende Teil des „Bundes der Kommunisten“ engagierte sich oft in führenden
Positionen der Arbeiterverbrüderung und sorgte nachhaltig für den Dualismus von sozialer Revolution und
sozialer Reform, der ab den 1860er Jahren in der Arbeiterbewegung eine zentrale Rolle spielen sollte, siehe:
Offermann: Frühe Arbeiterbewegung, 244.
16 Offermann: Frühe Arbeiterbewegung, 245.
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genossenschaften mit staatlichen Vorzugskrediten, um so den Staat zur Gewährung von Krediten zu zwingen. 17 Die Sozialdemokraten, die dem Lassalleschen Beispiel nicht gefolgt waren, gründeten 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. 18 Auch Kiel blieb nicht unbetroffen von den Entwicklungen nach der Revolution. Während die schleswig-holsteinische Erhebung von 1848 im gesamtdeutschen Vergleich eher stark einzuschätzen ist, blieb sie in Kiel zurückhaltend. Da Schleswig-Holstein und insbesondere Kiel von der Industrialisierung bisher kaum erfasst worden waren und nach wie vor den Status einer Agrargesellschaft fristeten, war es schwerlich möglich von einer Erhebung der Arbeiter zu sprechen. 19 Erste Schritte zu einer Organisation der Kieler Arbeiter machten eingewanderte Handwerkergesellen, die diese Gedanken in anderen Städten und Gebieten aufgegriffen hatten. Die Organisation schritt zumindest so weit voran, dass bei der Gründung der Arbeiterverbrüderung auch Kieler Vertreter anwesend waren, die jedoch zahlenmäßig nicht belegt sind. Allerdings wird vermutet, dass die schleswig-holsteinischen Mitgliedschaften bereits vor dem Verbot der Arbeiterverbrüderung wieder zurückgegangen waren. Als nachvollziehbarer Grund wird in der neueren Forschung das Desinteresse der heimischen Arbeiter an der Bewegung genannt. 20
Nachdem sich in der folgenden Zeit das öffentliche Leben der Kieler Arbeiter in bürgerlichliberalen Bildungsvereinen abgespielt hatte, begann 1863 bzw. 1869 der politische Umbruch, der durch Lassalles und Bebels bzw. Liebknechts Gründungen seinen Anfang nahm. 21 Aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die in Schleswig-Holstein nie richtig Fuß fassen konnte, und dem ADAV wurde 1869 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, die in Kiel viel Erfolg haben sollte. 22 Im selben Jahr schlossen sich 19 Metallarbeiter erstmals in einer Gewerkschaft zusammen. Sie setzten sich Lohnerhöhungen, Verbesserung der Arbeitszeiten und -bedingungen als Ziele, die sie gegebenenfalls durch Streiks durchsetzen wollten. 23
Wie in ganz Deutschland setzte recht bald die politische Drangsalierung der Arbeiter auch in Kiel ein, die von Versammlungsverboten über Verhaftungen bis zum Einsatz von
17 Offermann: Frühe Arbeiterbewegung, 245 und Kalk: Metallarbeiterbewegung, 17.
18 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 17.
19 Der einzige industrielle Großbetrieb Kiels war das Howaldtswerk, siehe Brecour, Wilhelm/ Rausch,
Bernhard/Jensen, Jürgen (Hrsg.): Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung, Kiel 1983
(Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 15), 9.
20 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 9f. und Kalk: Metallarbeiterbewegung, 15-17.
21 Hier muss differenziert werden, da der ADAV im Gegensatz zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei erst
über eine in Hamburg gebildete Oppositionsgemeinde nach Kiel kam - ganze zwei Jahre nach seiner
Gründung, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 11-13. Bereits 1866 ging die Opposition jedoch wieder
in ihre Muttergemeinde über.
22 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 19-21.
23 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 17.
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Polizeigewalt reichte. Grund dafür war die pro-österreichische Haltung der Kieler Sozialdemokraten nach dem Deutschen Krieg von 1866, in dessen Folge Schleswig-Holstein preußische Provinz wurde. 24
Es wird bereits bei der Betrachtung der Ursprünge der Arbeiterbewegung deutlich, dass die Kieler Arbeiter als Teil des ländlichen und industriell zurückgebliebenen Schleswig-Holsteins anfangs kaum Möglichkeiten zur sinnvollen Organisation hatten. Im Zuge der Verlegung des Reichsflottenstandorts von Danzig nach Kiel 1865 wird jedoch im Weiteren deutlich gemacht werden, dass sich die Stellung der Kieler Arbeiterschaft gewaltig ändern sollte. 25
III. Arbeiterbewegung im Kaiserreich
Dass die Arbeiterbewegung im Kaiserreich ihren Status festigte und zukunftsweisend ausbaute, ist allgemeiner Tenor der älteren und der modernen Forschung. 26 Gerade in Kiel bildete sich eine starke sozialdemokratische Strömung der Arbeiterbewegung aus, was ihre Ursache im raschen Bevölkerungswachstum und in der Stadtausdehnung hatte. Dieses Wachstum hatte zu einem enormen Anstieg der in der Industrie beschäftigten Bevölkerung geführt. 27
Es steht jedoch außer Frage, dass dieser Status erst schwer erkämpft werden musste, da die Regierung auf mehrere Weisen versuchte, die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Dass die Arbeiterbewegung im Kaiserreich dennoch zur weltweit ersten politischen Massenorganisation wurde, 28 ist unter diesem Gesichtspunkt erstaunlich. In den folgenden Unterpunkten wird auf die chronologische Entwicklung der deutschen und der Kieler Arbeiterbewegung im Kaiserreich bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs eingegangen. 29
24 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 13-15 und Kalk: Metallarbeiterbewegung, 17.
25 Im norddeutschen Raum war allerdings im 19. Jahrhundert nicht Kiel als führende Hochburg der
Arbeiterbewegung auszumachen, sondern Hamburg. Kiel profitierte vielmehr von Hamburgs Einfluss, siehe
Paetau, Rainer: Konfrontation oder Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im
ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925, Neumünster 1988
(Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins 14), 412.
26 Mittag, Jürgen: Zwischen Professionalisierung und Bürokratisierung. Der Typus des Arbeiterfunktionärs im
Wilhelminischen Deutschland, in: Schönhoven, Klaus (Hrsg.): Generationen in der Arbeiterbewegung,
München 2005 (Schriftenreihe der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte 12), 25, Grebing,
Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick, München 1966, 109f. und Kuczynski,
Jürgen: Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1800 bis in die Gegenwart, Berlin 1946,
232.
27 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 286.
28 Mittag: Professionalisierung, 28.
29 Die Ereignisse während des Krieges werden aufgrund ihrer Fülle nicht behandelt - allein der Aufstand der
Kieler Matrosen von 1918 wäre ob seiner Komplexität eine eigene Arbeit wert, siehe Brecour: Kieler
Arbeiterbewegung, 90-92.
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III.1. Anfänge
Nach dem erfolgreichen Verlauf des deutsch-französischen Kriegs von 1871 und der Reichsgründung blieb die Unterdrückung der Arbeiterbewegung nach wie vor bestehen. Da es durch die rasche Entwicklung des Industrialismus und die schlechter werdenden Lebensbedingungen der Arbeiter häufig zu Streiks kam, sah die Regierung die innere Sicherheit teilweise gefährdet. 30 Auch in Kiel wurde mehrfach gestreikt. 31 Die Stadt hatte durch ihre Stellung als Reichskriegshafen und das kaiserliche Privileg zur Intensivierung des Schiffbaus einen nicht unbedeutenden Zuwachs an aktiven Militärangehörigen und neuen Werftarbeitern bekommen. 32 Folglich war die Zahl der Kieler Arbeiter sehr hoch. Auch das Reich expandierte in seiner Bevölkerungszahl vor allem in den Ballungsgebieten, 33 wie im Ruhrgebiet, in Berlin und anderen Industriestädten. 34 Die zunehmende Selbständigkeit der Kieler Arbeiter äußerte sich neben den Streiks in den enormen Stimmengewinnen der Lassalleaner bei der Reichstagswahl 1874, als sie 51 Prozent der Stimmen erhielten, und in der Gründung einer Parteizeitung. 35 Den zunehmenden Einfluss der Kieler Arbeiter dokumentierte ein namenloser Arbeiter in seinen Familienaufzeichnungen. 36 Hierin schildert er die Gründung der ersten Werftgenossenschaft durch 200 Schlosser der Metallarbeiter-Gewerkgenossenschaft. Als Gründungsursachen nennt er den „Kampf um eine bessere Lebensexistenz“ und die Schaffung einer „Abwehrorganisation gegen die … erdreistenden Unternehmer“. 37 Jedoch waren auch die Kieler Arbeiter nicht gegen die polizeilichen Drangsalierungen und die von Bismarck inszenierten Beschlüsse des Reichstags gefeit, die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands zu verbieten. Auf Beschluss des Gothaer Sozialisten- und Arbeiterkongresses von 1877 erfolgte die Gründung einer Masse von örtlichen
30 Geary: Arbeiterprotest, 2f.
31 Alle Streiks in Kiel 1871 endeten mit einem Erfolg für die Streikenden. Dies lässt sich eventuell auf die
Wichtigkeit der Kieler Werftarbeiter zurückführen, deren Arbeitsniederlegung zu einer Verzögerung im
Schiffbau geführt haben könnte, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 16f. und Stråth: Arbeiterbewegung
in Kiel, 286f.
32 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 286f.
33 Saul, Klaus: Arbeiterfamilien im Kaiserreich. Materialien zur Sozialgeschichte in Deutschland 1871-1914,
Königstein/Ts. 1982, 16.
34 In den Ballungsräumen war die Lage der Arbeiter zumeist dramatischer als in Kiel, da zu den schlechten
Arbeitsbedingungen auch noch die schlechte Wohnungslage hinzukam, siehe Hansen, Nils: „Über zwei
Zimmer und Küche sind wir…nie hinausgekommen“. Arbeiterwohnquartiere und sozialer Wohnungsbau um
1900 am Beispiel der Stadt Kiel, Neumünster 1999 (Geschichte und Kultur 8), 3f.
35 Am 1.Oktober 1877 wurde die „Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung“ ins Leben gerufen; dieser Zeitung
war allerdings kein langfristiger Erfolg beschienen, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 22-24.
36 Aufzeichnungen eines Kieler Arbeiters, in: Kalk, Wilfried: 120 Jahre Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die
Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989, 21.
37 Aufzeichnungen eines Arbeiters, 21.
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Arbeiterorganisationen, im Kieler Fall die des „Kieler Volksvereins“, 38 der sich jedoch gegen die Ereignisse der nächsten Jahre kaum zur Wehr setzen konnte. 39 Bereits vor dem Erlass des Sozialistengesetzes wurden Kieler Werftarbeiter, die der Partei angehörten, ihrer Arbeitstelle verwiesen, sofern sie sich weigerten, einen Revers zu unterzeichnen, demnach sie keinem sozialdemokratischen Verein angehörten. Einige Werftarbeiter verloren bereits in dieser Zeit ihre Anstellung, da oftmals die Unterschrift allein nicht genügte, sondern auf Verdacht polizeiliche Ermittlungen angestellt wurden, die des Öfteren Beweise für ein sozialdemokratisches Engagement der Arbeiter lieferten. 40 In anderen Teilen des Reiches wurde parallel zu den Kieler Ereignissen vorgegangen. Die vermehrte Kontrolle und Unterdrückung der Arbeiterschaft benötigte zur Vollendung nur noch die staatliche Legitimation. 41
III.2. Sozialistengesetz
Da Bismarcks Pläne das Heer zu vergrößern und eine Schutzzollpolitik durchzuführen aufgrund der vielen sozialdemokratischen Mandate im Reichstag nicht durchsetzbar war, begann er in der bürgerliche Presse eine schwerwiegende politische Hetzkampagne gegen die Sozialdemokratie. Dabei halfen ihm zwei von Einzelpersonen vollübte, persönlich motivierte Attentate auf Kaiser Wilhelm I., die er den Sozialdemokraten anlastete. Der Gesetzesvorschlag für das Sozialistengesetz 42 wurde am 19. Oktober 1878 verabschiedet. 43 In Kiel traf der Beschluss des Reichtags allerdings auf eine früh und dauerhaft stark organisierte Arbeiterschaft und eine ebenso starke sozialdemokratische Partei, die beide gestärkt aus den Jahren des Sozialistengesetzes hervorgingen. 44 Es folgte zwar die Zerschlagung der Ansätze gewerkschaftlicher Organisation, jedoch war diese noch nicht komplett entfaltet, so dass dies für die Arbeiterbewegung keinen großen Verlust darstellte. 45
38 Vornehmliches Ziel des „Kieler Volksvereins“ war die politische und volkswirtschaftliche Aufklärung der
Arbeiterschaft, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 23.
39 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 23f.
40 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 22f.
41 Ritter, Gerhard A.: Der Aufstieg der deutschen Arbeiterbewegung. Sozialdemokratie und Gewerkschaften
im Parteiensystem und Sozialmilieu des Kaiserreichs, München 1990 (Schriften des Historischen Kollegs 18),
43.
42 Inhaltlich unterband das Sozialistengesetz u.a. die Versammlungs- und Organisationsfreiheit sozialistischer
und sozialdemokratischer Gruppierungen (wozu auch die Gewerkschaften zählten) und kam somit einem
Parteienverbot gleich, siehe Lotter: Arbeiterbewegung?, 52.
43 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 25-28 und Kalk: Metallarbeiterbewegung, 23.
44 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 291 und 300 und Roth: Die „andere“ Arbeiterbewegung, 31.
45 Klönne, Arno: Die deutsche Arbeiterbewegung. Geschichte - Ziele - Wirkungen, Düsseldorf (u.a.) 1980,
89.
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Wie es zu dieser von der Regierung nicht gewollten Entwicklung kam, ist fraglich, denn zuerst verlief alles nach Plan. Mit der Einführung des neuen Ausnahmegesetzes wurden sowohl alle sozialdemokratischen Vereine als auch alle Gewerkschaften bzw. deren Organe verboten. Dazu gehörten auch der „Kieler Volksverein“ und die „Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung“. Daneben durfte Sozialdemokraten zum Zwecke der inneren Sicherheit der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Ortschaften untersagt werden. Zuwiderhandlungen wurden mit Geld- und Haftstrafen belegt. Die Kontrolle der Arbeiterschaft an den Kieler Werften hielt weiterhin an und wurde nun teilweise durch Hausdurchsuchungen noch verschärft. 46
Nach einem halben Jahr der Unterdrückung kam es in Schleswig-Holstein zu Ostern 1879 erstmals zu einer geheimen Zusammenkunft von Sozialdemokraten, 47 die wohl von Hamburger Sozialdemokraten initiiert worden war. 48 Die sozialdemokratische Partei festigte deutschlandweit ihren Stand, so dass bereits im August 1880 wieder ein Parteikongress abgehalten werden konnte. 49
In die Zeit des Wiedererstarkens der Arbeiterbewegung fällt die Gründung der evangelischen Arbeiterbewegung, die sich ausdrücklich als Gegenbewegung zur sozialistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verstand. 50 Hier wird deutlich, dass der Konflikt zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum 51 längst kein rein politischer, sondern auch ein konfessioneller geworden war. Die Behandlung der Arbeiterfrage war inzwischen auch in kirchliche Kreise eingetreten. 52 Kiel war davon allerdings kaum betroffen. 53
Die folgenden Jahre waren sowohl in Kiel als auch im Rest des Reiches von einer erstarkenden Sozialdemokratie geprägt, die bei den Reichstagswahlen gute Ergebnisse erzielte. Durch die Abstimmung nach Wahlkreisen und die zum Teil unproportionale Einteilung derselben spiegelte sich der Stimmenanteil der Sozialdemokraten nicht in der
46 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 29-34 und Kalk: Metallarbeiterbewegung, 23 und 25.
47 Brecour entnimmt diese Information einem Polizeibericht, auf den er nicht weiter eingeht, siehe Brecour:
Kieler Arbeiterbewegung, 33f.
48 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 34.
49 Dieser Kongress wurde auf neutralem Boden in der Schweiz abgehalten und setzte sich das Ziel, von einem
Putsch abzusehen und weiterhin auf friedlichem Wege die sozialdemokratische Idee zu verbreiten, siehe
Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 34.
50 Hiepel, Claudia/Ruff, Mark (Hrsg.): Christliche Arbeiterbewegung in Europa 1850-1950, Stuttgart 2003
(Konfession und Gesellschaft 30), 10.
51 In diesem Konflikt sieht Stråth die Hauptursache dafür, dass die Arbeiterbewegung sich bereits früh zu
behaupten lernte und deshalb gestärkt aus dem Konflikt mit dem Staat hervorging, siehe Stråth:
Arbeiterbewegung in Kiel, 292f.
52 Friedrich, Norbert /Jähnichen, Traugott (Hrsg.): Sozialer Protestantismus im Kaiserreich.
Problemkonstellationen - Lösungsperspektiven - Handlungsprofile, Münster 2005 (Bochumer Forum zur
Geschichte des sozialen Protestantismus 6), 12.
53 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 50.
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Zahl ihrer Mandate wider. Die Sozialdemokratie war gezwungen im Untergrund zu agieren. 54
Als Folge kam es landesweit immer wieder zu Streiks, die aber fast alle mit Polizeigewalt niedergeschlagen wurden. 55 In Kiel kam es zeitgleich zu zwei großen Streikbewegungen. Neben den Arbeitern der Howaldt-Werft streikten die Maurer fast sieben Wochen am Stück gegen ungerechte Lohnabrechnungen und für eine längere Mittagspause. Ihre Bemühungen waren allerdings nicht von Erfolg geprägt, so dass viele Arbeiter zu Geldstrafen verurteilt wurden und auf Druck der Kieler Polizei auf die Unternehmen sogar teilweise entlassen wurden. 56 Zuweilen wurden Verstöße gegen die Werksordnung (wozu auch Streik gehörte) nicht nur mit der Kündigung, sondern auch mit dem Verlust der Wohnung bestraft. 57 Dass es zuweilen auch anders zuging, belegt ein Schreiben einiger Mitarbeiter der Germania-Werft an ihre Direktion vom Juni 1889. Hierin weisen die Arbeiter auf ihren verteuerten Lebensunterhalt hin, weswegen sie um eine „Erhöhung des Lohnes von 3 Pfg. pro Stunde“ bitten sowie um einen „Prozentsatz für die Stunden .. nach Feierabend“. 58 Anhand der Quelle wird deutlich, dass die Frage nach Lohnerhöhung nur denen positiv beantwortet wurde, die nicht „ihrer rechtlichen Auffassung entsprechend einfach gefordert hatten“. 59 Außer mündlichen Tadel durch die Direktion hatten die Lohnfordernden aber keine Strafe zu erwarten, wenn ihre Forderung abgelehnt wurde. 60
Aus der Quelle wird ersichtlich, dass in Kiel nicht nur der „blanke Arbeitskampf“ 61 tobte, sondern auch ein verhältnismäßig friedliches Miteinander in den Unternehmen herrschen konnte, sofern Arbeiterschaft und Leitung ohne Einbeziehung von Regierungsorganen (wie der Polizei) miteinander verhandelten.
Die Zugeständnisse Bismarcks an die Arbeiterschaft durch die Sozialgesetzgebung hatten zu einer Annäherung geführt, die aber nicht lange von Bestand war. 62 Zu tief waren die sozialdemokratische und die sozialistische Idee in der Arbeiterbewegung verhaftet. 63
54 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 35-46.
55 Durch den Streikerlass von 1886 war es stetig schwieriger geworden, überhaupt in den Streik zu treten
geschweige denn ihn lange durchzuhalten, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 47f. Der Erlass wurde
mit dem Fall des Sozialistengesetzes deutlich eingeschränkt.
56 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 25.
57 Diese Kontrollfunktion wurde zum Grundprinzip des gesamten Werkswohnungsbaus im Kaiserreich, siehe
Hansen: Arbeiterwohnquartiere, 11.
58 Antrag einiger Arbeiter der Germania-Werft an die Direktion, Juni 1889, in: Kalk, Wilfried: 120 Jahre
Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989, 35.
59 Antrag einiger Arbeiter, 35.
60 Antrag einiger Arbeiter, 35.
61 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 299.
62 Bismarck wollte durch die Sozialgesetzgebung eine Trennung von Sozialdemokratie und Arbeiterschaft
erreichen, siehe Geary: Arbeiterprotest, 7.
63 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 294.
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Im Zuge des Wachstums der Sozialdemokratie gewann die Partei bei den Reichstagswahlen von 1890 die meisten Stimmen. Bismarcks folgender Antrag auf Verlängerung des Sozialistengesetzes wurde vom Reichstag abgelehnt. 64
III.3. Wilhelminismus
Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes standen die Sozialdemokraten wieder unter allgemeinem Recht. In der folgenden Zeit wurden in Kiel mehrere Versuche unternommen, die Sozialdemokratie wieder öffentlichkeitstauglich zu machen. Mit dem Sozialdemokratischen Verein von 1890 und der Neugründung der „Schleswig-Holsteiner Volks-Zeitung“ entstanden zwei starke Organisations- bzw. Publikationsorgane, die es dennoch anfangs nicht leicht hatten sich durchzusetzen. Schließlich stand von kaiserlicher Stelle, obwohl nicht gesetzlich abgesichert, immer noch der Befehl gegen die Sozialdemokratie vorzugehen. Den Kieler Werftarbeitern war beispielsweise die Mitgliedschaft in sozialdemokratischen Vereinen nach wie vor strikt untersagt. 65 Die Interessen der Arbeiter wurden durch ein 1891 begründetes Gewerkschaftskartell behandelt, das sich neben der Koordination des Lohnkampfs auch die kulturelle Weiterbildung der Arbeiter zum Ziel setzte. Dazu gehörten Arbeitslosenhilfe, Beratertätigkeiten und die Kontrolle von Sicherheitsbestimmungen. Die Gewerkschaften erlebten in dieser Zeit einen steten Mitgliedszuwachs, der ähnlich groß war wie die Zuwanderungsquote der Industriearbeiter vor 1871. Stråth erkennt in dieser Kartellbildung die Suche nach der Homogenisierung der Kieler Arbeiter, die als Ganzes organisiert werden sollten. 66
Hinsichtlich dieser Neuausrichtung der Arbeiterbewegung als Gesamtbewegung im Kieler Raum ist das Streben Wilhelms II. zu verstehen, die Sozialdemokraten so lange wie möglich von der Regierungsbeteiligung fernzuhalten. In Kiel wurden dazu mehrere Maßnahmen ergriffen. Durch den Wohnungsbau sollten die Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft 67 eingeführt werden, um ihr revolutionäres Potenzial zu vermindern. 68 Durch eine Erhöhung des Wahlzensus´ wurde die Hälfte der Arbeiterschaft ihres kommunalen Wahlrechts beraubt. 69 Daneben hielten die polizeilichen Drangsalierungen an, insbesondere
64 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 53f.
65 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 55-61.
66 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 294f.
67 Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf die Differenzen zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum
im Kaiserreich einzugehen. Eine detaillierte Auseinandersetzung findet sich in Saul: Arbeiterfamilien, passim.
68 Hansen: Arbeiterwohnquartiere, 3.
69 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 293.
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nach dem sozialdemokratischen Wahlerfolg von 1893. 70 Eine Zuspitzung der Lage entstand 1895 durch die Majestätsbeleidigungsprozesse. 71
Doch der Kaiser schien auf die Kieler Arbeiterschaft angewiesen zu sein. Durch die gewaltige wirtschaftliche Entwicklung des Reiches hatten sich imperialistische Gedanken in der Führungsschicht etabliert, die auch innerhalb der Arbeiterschaft teilweise auf fruchtbaren Boden fielen. 72 Dass im Zuge einer Förderung des Schiffsbaus Zugeständnisse an die Arbeiter gemacht werden mussten, ist nachvollziehbar. Lohnerhöhungen wurden durch die Gewerkschaften scheinbar problemlos durchgesetzt, die allgemeinen Arbeits- und Wohnverhältnisse verbesserten sich. 73 Es ist der Literatur jedoch nicht zu entnehmen, ob der gewerkschaftliche Aufschwung mit dem Zuspruch des Kaisers vonstatten ging. Jedenfalls war eine derartige Stärkung der Arbeiterschaft in der betrachteten Zeit deutschlandweit ein Novum, obwohl die Entwicklung andernorts auch voranging. 74 Die Arbeiterbewegung etablierte sich bis zu Kriegsbeginn im Reich zunehmend zu einer festen Größe, nur selten gestört durch polizeiliche Unterdrückungsaktionen. 75 Allerdings muss hier deutlich zwischen der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung differenziert werden. Während die Arbeiterbewegung die oben genannten Möglichkeiten zur freieren Entfaltung nutzte, wurde die Sozialdemokratie nach wie vor gezielt von den Regierungsgeschäften ferngehalten. 76 Die enge Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie nützte den Sozialdemokraten in diesem Punkt wenig, da es den Arbeitern vielmehr um die Verbesserung der eigenen Lage als um kommunales Mitbestimmungsrecht ging. Die Sozialdemokraten profitierten nur von den Wählerstimmen der Arbeiter, von denen es nicht exorbitant viele gab. 77
70 Hierzu zählte das gezielte Schließen von Versammlungslokalen und die mehrfache Verhaftung führender
Kieler Sozialdemokraten, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 66f.
71 Wilhelm II. hatte in einer Rede anlässlich der Sedanfeier die Sozialdemokraten als „Rotte von Menschen“
beschrieben, die „nicht wert sind, den Namen Deutsche zu tragen“. Die Empörung der Sozialdemokraten in
Politik und Presse war groß, was reichsweit zu Verhaftungen wegen Majestätsbeleidigung führte, siehe
Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 69.
72 Im bevorstehen Reichstagswahlkampf 1898 hatte sich besonders die Kieler „Nationalsoziale Partei“, die
größtenteils aus Arbeitern bestand, für den Flottenbau und eine imperialistische Weltpolitik ausgesprochen,
siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 71f.
73 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 33f.
74 Richter: Aufstieg, 49f.
75 Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 74f. und Roth: Die „andere“ Arbeiterbewegung, 24-26.
76 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 293.
77 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 294. Dieser These lässt sich allerdings widersprechen, da sich 1911 ein
Großteil der parteilich organisierten Arbeiter aus den vier Kieler Ortsvereinen zur sozialdemokratischen
Parteiorganisation Groß-Kiel zusammenschloss. Die Organisation erlebte ihren Höhepunkt jedoch erst in den
frühern 1920er Jahren, siehe Brecour: Kieler Arbeiterbewegung, 76f. Daneben sind in der Literatur auch
Stråth widersprechende Thesen zu finden. Grebing vermutet, dass die ganze deutsche Arbeiterschaft sich als
Sozialdemokraten sah, siehe Grebing: Geschichte der Arbeiterbewegung, 101.
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Streiks blieben dennoch nicht aus. Nach der reichsweiten Entlassung von 12.000 Werftarbeitern gab es 1913 einen landesweiten Streik, den größten seiner Zeit. Auch Kiel beteiligte sich mit über 4000 Streikenden, von denen allerdings nicht alle Werftarbeiter waren, sondern auch viele gewerkschaftlich anderweitig Organisierte. 78 Die gewerkschaftsübergreifende Unterstützung der Arbeiter ist auffällig und zudem im Reichsvergleich eher als Sonderfall zu betrachten. 79
Der Bevollmächtige der Metallarbeitergenossenschaft, Gustav Garbe, fasst in seinem Vorwort zum Gewerkschaftsbericht von 1912 kurz die Gründe für den gewerkschaftlichen Arbeitskampf zusammen. Er nennt die „Arbeitsfreudigkeit“ des einzelnen Arbeiters als Ursache des Erfolgs und spricht von der Bekämpfung der „Profitinteressen“, die die Herrschenden aufgrund ihrer „willigen und billigen Ausbeuteobjekte“ an den Tag legen. 80 Hieran lässt sich der Wunsch nach Fortführung des Arbeitskampfes erkennen, aber auch eine große Zufriedenheit mit den bereits erzielten Ergebnissen. Dass die Kieler wie auch die deutsche Arbeiterbewegung 1912 bereits auf einem aufsteigenden Ast war, wird aus dieser Quelle klar ersichtlich und spricht für das damalige Selbstverständnis der Arbeiter, sich als Teil des Arbeitskampfes zu betrachten. 81
IV. Schlussbetrachtung
Die Arbeiterbewegung in Kiel zeigte viele Entwicklungszüge auf, die sich nicht alle in der gesamtdeutschen Entwicklung wieder finden. Nach einem eher schleppenden Beginn in der Zeit nach der deutschen Revolution von 1848 folgte im Kaiserreich ein frühes Fußfassen und ein schneller Zuwachs an Mitgliedern, die sich anfangs in einer harten Auseinandersetzung mit Bürgertum und Arbeitgebern befanden. Während der negativen Gesellschaftsintegration unter dem Sozialistengesetz bildete sich eine strukturierte Organisation heraus, die es verstand, politische und gewerkschaftliche Arbeit zu verflechten. 82
Die Förderung der Kieler Arbeiterschaft im Wilhelminismus und der Versuch sie ins bürgerliche Milieu zu integrieren führte nur zu ihrer Stärkung, die sie damit, wie zum größten Teil auch im Rest des Kaiserreichs, zu einer führenden Massenorganisation werden ließ.
78 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 51f.
79 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 300-304.
80 Garbe, Gustav: Gewerkschaftsbericht 1912 (Vorwort), in: Kalk, Wilfried: 120 Jahre
Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989, 44.
81 Kalk: Metallarbeiterbewegung, 45.
82 Stråth: Arbeiterbewegung in Kiel, 299.
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Am Kieler Beispiel wird deutlich, dass sich aus vielen schlechten Voraussetzungen, wie der fehlenden Industrialisierung vor 1871, der polizeilichen Unterdrückung und der Einschränkung durch die Arbeitgeber dennoch eine starke Arbeiterschaft herausbilden konnte, die im gesamtdeutschen Vergleich letztlich weniger hinterherhinkte, sondern vielmehr eine „stille Führungsrolle“ 83 inne hatte. 84
Da zu wenige Einzelbeispiele für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in anderen Städten vorlagen, ist es schwierig festzustellen, ob Kiel rangmäßig über ihnen stand. Es wird jedoch ersichtlich, dass die Stadt zumindest eine bedeutende Rolle hinsichtlich ihrer Gewerkschaftsbildung und -organisation einnahm. Das politische Engagement der Arbeiter äußerte sich in der Gründung von Parteien, Vereinen und einer Parteizeitung - eine Tendenz der Selbständigkeit, die auch in anderen deutschen Gebieten zu erkennen war, 85 somit ist Kiel diesbezüglich kein Einzelfall. Die allgemeine Entwicklung von der schwachen über die geheime zur starken Bewegung ist ein reichsweites Phänomen. 86 Eine führende Position der Kieler Arbeiterbewegung im Kaiserreich kann hier nicht attestiert werden, da schlichtweg die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Zumindest geht aus den Ergebnissen dieser Arbeit hervor, dass Kiel keine unscheinbare Rolle in der Emanzipation der Arbeiterbewegung spielte.
83 Paetau führt diesen Gedanken leider nicht weiter aus, siehe Paetau: Konfrontation oder Kooperation, 411.
84 Paetau: Konfrontation oder Kooperation, 103-105 und 408-412.
85 Roth: Die „andere“ Arbeiterbewegung, 31-33.
86 Klönne: Die deutsche Arbeiterbewegung, 90f.
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Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Antrag einiger Arbeiter der Germania-Werft an die Direktion, Juni 1889, in: Kalk, Wilfried: 120 Jahre Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989, 35.
Aufzeichnungen eines Kieler Arbeiters, in: Kalk, Wilfried: 120 Jahre Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989, 21.
Garbe, Gustav: Gewerkschaftsbericht 1912 (Vorwort), in: Kalk, Wilfried: 120 Jahre Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metall Verwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989, 44.
Sekundärliteratur
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Alexander Müsegades, 2008, Die Kieler Arbeiterbewegung 1871-1914, München, GRIN Verlag GmbH
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