Inhalt
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1 Einleitung
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2 Relevantes zur Biografie Hildegards von Bingen
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3 Der Luccheser Liber divinorum operum-Codex
3.1 Forschungsstand 7
3.2 Gegenstand des Zyklus 8
3.3 Aspekte des Zyklus am Beispiel der Vision 1 9
3.3.1 Visionstext 9
3.3.2 Bildbeschreibung 10
3.3.3 Unterschiede zwischen Visionstext und Visionsbild 13
3.3.4 Anteile christlicher Symbolik in Visions- und Auditionstext 13
3.4 Stilisierung Hildegards im Autorenbild 14
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4 Zusammenfassung und Konklusion
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1 Einleitung
Hildegard von Bingen war in ihrer Zeit eine herausragende und begabte Frau. In ihrem langen Leben beschäftigte sie sich mit Religion, Medizin, Ethik, Kosmologie und Musik, unternahm Seelsorgereisen, hielt öffentliche Predigten, schrieb zahlreiche geistliche Lieder, gründete zwei Frauenklöster und engagierte sich immer wieder mit großer Beharrlichkeit kirchenpolitisch. Im 12. Jahrhundert spielte sie eine wichtige Rolle nicht zuletzt aufgrund ihrer - durch den Heiligen Stuhl bestätigten - Fähigkeit, göttliche Prophezeiungen zu empfangen. In drei Werken schrieb Hildegard nieder, was ihr in Visionen und Auditionen offenbart wurde. „Ihr Einfluss ging weit über Bingen und den Rupertsberg hinaus“, berichtet die Historikerin Barbara Beuys, „Äbte und Bischöfe warteten sehnsüchtig auf Abschriften ihrer Bücher. [...] Auf Verlangen vieler Bittsteller [wurden] Kopien ihrer Briefe verschickt. Weltliche und kirchliche Würdenträger, adlige Frauen und einfache Bürger reisten zum Rupertsberg, um sich vom »wahren Orakel Gottes«, so die ehrfürchtige Anrede ihrer Zeitgenossen, persönlich Rat und Trost zu holen.“ 1
Seit über neun Jahrhunderten hält sich Hildegard in der Erinnerung der Menschheit, noch heute ist ein starkes Interesse an ihrer Persönlichkeit vorhanden, das sich unter anderem in zahlreichen - teilweise mythisierenden - Publikationen niederschlägt. Dass sie schon zu ihren Lebzeiten großen Ruhm genoss, ist keinesfalls selbstverständlich. Zwischen Mystik und Häresie lag oftmals nur ein schmaler Grat, insbesondere war ihr weibliches Geschlecht eine Art „natürliches Handicap“. Mehr als der männliche Großteil der Geistlichen war sie dadurch nachdrücklich auf eine Legitimierung als Mystikerin angewiesen. Grundlegend stellt der Mediävist Peter Dinzelbacher fest, dass „Frauen nur dann eine Chance [hatten], ihre [...] Frömmigkeit als Heiligkeit anerkannt zu bekommen, wenn sie die
männliche/kirchliche/theologische Leitung willig anerkannten.“ 2 Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, nach welchen Mechanismen die Legitimierung Hildegards als Mystikerin funktionierte. Dazu soll zunächst auf relevante Episoden ihrer Biografie eingegangen werden, bevor sich die Arbeit im dritten Kapitel mit Hildegards letztem Visionswerk, dem etwa fünf Jahre vor ihrem Tod fertig gestelltem Liber divinorum operum (LDO) auseinandersetzt. Konkret handelt es sich dabei um den Luccheser Codex. Dieser ist heute die einzige Überlieferung des LDO, die den Visionstext anhand von Miniaturen illustriert. Darin
1 Beuys, Barbara: Denn ich bin krank vor Liebe. Das Leben der Hildegard von Bingen, München 2001, S. 26.
2 Dinzelbacher, Peter: Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit, München 1995, S. 259.
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ist u. a. Hildegard als Schreiberin abgebildet. Auf diese „Autorbilder“ wird am Ende des dritten Kapitels eingegangen, bevor alle Beobachtungen zusammengefasst und ausgewertet werden.
2 Relevantes zur Biografie Hildegards von Bingen
Es gibt nur wenige Quellen über das Leben Hildegards von Bingen, die zu ihren Lebzeiten oder kurz nach ihrem Tod verfasst wurden. 3 Barbara Beuys merkt an, Absicht der Biografen sei es nicht gewesen, zu informieren oder eine realitätsgetreue Darstellung zu geben, sondern voreingenommen „dieses Leben von seinem in Gott vollendetem Abschluss her zu erzählen“. 4 Was über Hildegard überliefert ist, ist lückenhaft und teilweise vage oder widersprüchlich. Der Historiografie bleibt nichts anderes übrig als die Rekonstruktion der Biografie Hildegards anhand dieser Quellen und ihrer eigenen Schriften.
1089 wurde Hildegard in Bermersheim in der Nähe von Alzey und des heutigen Bad Kreuznach geboren. Die edelfreien Eltern Hildebert und Mechthild übergaben ihr Kind „einer adligen Frau ... zur Erziehung“, wie Hildegard in der von den Mönchen Gottfried und Theodorich verfassten Vita berichtet. 5 Der Brauch der „Oblation, die Abgabe eines lebenden „Zehnten“, wie sie so vielen Kindern des mittelalterlichen Adels ungefragt widerfuhr“ (Dinzelbacher) 6 , war weit verbreitet. Bei Hildegards Erzieherin handelte es sich um die Magistra Jutta des benediktinischen
Mönchskloster Disibodenberg, in dessen Klause Hildegard wahrscheinlich 1106 eintrat. 7 In der Vita heißt es, Hildegard habe im Alter von drei Jahren das erste Mal Erfahrung mit ihrer besonderen Gabe gemacht, Visionen zu empfangen und „sobald sie die ersten Sprechversuche machen konnte, zeigte sie denen, die in ihrer Umgebung waren, sowohl mit Worten als auch mit Gesten die Bilder verborgener Visionen, die sie über das allgemeine Sehvermögen hinaus in gänzlich ungewohntem Schauen erblickte.“ 8 In ihrem erstem Visionswerk Scivias wiederum berichtet Hildegard, die Visionen seit ihrem fünften Lebensjahr empfangen zu haben: „Die Kraft und das Mysterium verborgender, wunderbarer Gesichte erfuhr ich geheimnisvoll in meinem Innern seit meinem Kindesalter, d.h. seit meinem
3 Zu nennen sind die dreibändige Vita S. Hildegardis der Mönche Gottfried und Theodorich und die fragmentarische Vita Guibert von Gembloux.
4 Beuys, S. 27.
5 Zitiert nach Beuys, S. 28.
6 Dinzelbacher, Peter: Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Paderborn 1994, S. 144.
7 Suzuki, Keiko: Bildgewordene Visionen oder Visionserzählungen. Vergleichende Studie über die Visionsdarstellungen in der Rupertsberger „Scivias“-Handschrift und im Luccheser „Liber divinorum operum“-Codex der Hildegard von Bingen, Bern 1998, S. 17.
8 Beuys, S. 29.
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fünften Lebensjahr, so wie auch heute noch. Doch tat ich es keinem Menschen kund, außer einigen wenigen.“ 9
Nur der Magistra Jutta und ihrem Lehrer, dem Mönch Volmar vertraute sie sich anfangs an.
Als Jutta 1136 starb, wurde Hildegard zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Aus der Klause war inzwischen ein Konvent geworden. Fünf Jahre später vernahm sie eine „himmlische Stimme“ 10 , die Hildegard damit beauftragte, das ihr Offenbarte aufzuschreiben. Zunächst zögerte sie, begann jedoch noch im selben Jahr das Werk Scivias mit der Hilfe Volmars und der Nonne Richardis von Stade. Während der zehnjährigen Arbeit zweifelte Hildegard immer wieder über ihre Gabe und bat den Abt Bernhard von Clairvaux 1147 in einem Brief um Rat. Dieser setzte sich stark für sie ein, warnte Hildegard aber vor zu viel Stolz. Nachträglich, so Dinzelbacher, ist die Briefkonversation manipuliert worden: „Jedenfalls hat Hildegard (oder ihre Mitschwestern nach ihrem Tode) es für nötig gehalten, noch einige freundliche Sätze in den Brief des Abtes hineinzufälschen.“ 11 Auf Bitten des Abtes Kuno vom Disibodenberg vermittelte schließlich Erzbischof Heinrich von Mainz zwischen Hildegard und Papst Eugen III, welcher ihre Gabe 1147/48 auf der Synode von Trier prüfen ließ. Unter Beifall bestätigte man Hildegard schließlich die Fähigkeit, in Visionen göttliche Botschaften zu empfangen.
1150 gründete Hildegard ein unabhängiges Frauenkloster auf dem Rupertsberg bei Bingen und setzte sich dabei gegen den großen Protest des Abtes und einiger Mönche des Disibodenbergs durch. Unterstützung erhielt sie hierbei erneut durch Heinrich von Mainz. Nach Abschluss der Scivias arbeitete die Äbtissin an natur- und heilkundlichen Lehrschriften, schrieb und vertonte 77 Lieder. Zwischen 1158 und 1163 entstand das zweite Visionswerk Liber vitae meritorum (LVO), anschließend der Liber divinorum operum zwischen 1163 und 1173/74. Ein zweites Kloster gründete Hildegard 1165 in Eibingen. Ihr großes kirchenpolitisches Engagement zeigte sich mitunter in zahlreichen Briefwechseln mit bedeutenden Persönlichkeiten, darunter König Konrad III und Kaiser Friedrich Barbarossa. Überdies unternahm sie vier große Reisen zwischen 1158 und 1171 und in diesem Rahmen predigte sie vor dem „einfachen Volk“ wie vor kirchlichen Amtsträgern. Infolge der Bestattung eines exkommunizierten Edelmannes auf dem Rupertsberger Kirchhof erließ man gegen Hildegard 1178 ein Interdikt, das jegliche
9 Zitiert nach Dinzelbacher: Christliche Mystik, S. 144.
10 Zitiert nach ebd., S. 145.
11 Ebd., S. 147.
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gottesdienstliche Handlung untersagte. Ihres hohen Alters ungeachtet erkämpfte sie im März 1179 die Aufhebung des Interdikts. Wenige Monate später, am 17. September, starb sie dort in ihrem Kloster.
Der Luccheser Liber divinorum operum-Codex 3
Hildegards drittes Visionswerk ist heute in vier frühen Handschriften überliefert. Nur eine dieser Überlieferungen, der Luccheser Codex, ist illuminiert. Seit 1877 befindet er sich in der Biblioteca Statale in Lucca. 12 Der Codex besteht aus 20 Quaternio-Lagen und sieben Blättern plus Vorderblatt. Die Größe der Pergamentblätter beträgt 39 x 25,5 cm. Enthalten sind zehn ganzseitige, mehrfarbige Miniaturen auf Goldgrund (fol.1v, fol.9r, fol.28v, fol.38r, fol.88v, fol.118r, fol.121v, fol.132r, fol.135r, fol.143r). Das Explicit befindet sich auf fol.164v; die letzten drei Blätter sind leer. Alle anderen Blätter sind zweispaltig mit 38 Zeilen beschrieben. Jeder Visionstext beginnt mit einer bunten Initialie, oft kommen Figureninitialien vor. Der Text beinhaltet einige Lese- und Druckfehler, sowie Varianten gegenüber den anderen frühen überlieferten Handschriften. 13 Auf fol.1r unten ist der Eintrag „Bibliothecae Sanctae Mariae Curtis Orlandingorium“ 14 zu finden. Hier befand sich der Codex bis zur Auflösung des dazugehörigen Klosters.
Der Frage nach Zeitpunkt und Ort der Entstehung des Luchheser LDO und auch der Frage, wie der Codex nach Lucca kam, konnte die Forschung bisher nur mit Vermutungen begegnen. Die frühere Forschung spricht von einer Entstehung zu Anfang bis erster Hälfte des 13. Jahrhundert, während in neuerer Literatur die Zeit zwischen 1220 und 1230 genannt ist. Fest steht, dass es sich nicht um die älteste Handschrift des LDO handelt. 15 Aufgrund unterschiedlicher Stile in den Miniaturen nimmt man an, dass diese von mehreren Meistern angefertigt wurden. 16
12 Suzuki, S. 29.
13 Vgl. Derolez, Albert: Die Bedeutung der neuen Edition von Hildegards »Liber divinorum operum«. In: Margot Schmidt [Hg.]: Tiefe des Gotteswissens. Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen. Internationales Symposium in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus Wiesbaden-Naurod vom 9. bis 12. September 1994, Stuttgart 1995, S. 21.
14 Zitiert Suzuki, S. 29.
15 Derolez, S. 21.
16 Ebd., S. 278.
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3.1 Forschungsstand
Jüngst wurden keine Forschungen speziell zum Luccheser LDO angestellt. 1998 erschien in Bern die Dissertation der Kunsthistorikerin Keiko Suzuki unter dem Titel „Bildgewordene Visionen oder Visionserzählungen. Vergleichende Studie über die Visionsdarstellungen in der Rupertsberger «Scivias»-Handschrift und im Luccheser «Liber divinorum operum»-Codex der Hildegard von Bingen.“ Dies ist die einzige aktuelle Arbeit, die sich explizit mit dem Luccheser LDO befasst. Suzuki beschäftigt sich insbesondere mit den Miniaturen beider Werke und zieht einen Vergleich hinsichtlich aller untersuchten Aspekte. Dabei beobachtet sie, Absicht hinter den Luccheser Illustrationen sei ein optimaler Ausdruck des Visionstexts, was die eher schematische und statische Bildkomposition begründe. Wesentlicher Gegenstand der Arbeit ist auch die Frage nach Zeit und Ort der Entstehung des Luccheser LDO. Anhand der verschiedenen Miniaturenstile, die von Suzuki analysiert werden, vermutet diese die Entstehung der Handschrift etwa in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts am Mittelrhein. Suzuki liefert überzeugende Argumente gegen die Hypothese, dass es für den Bildzyklus eine Vorlage aus den Lebzeiten Hildegards gab und dass diese künstlerische Urheberin der Miniaturen ist. 17 Mehrere Forschungsergebnisse liegen unabgängig von der Luccheser Handschrift zum Zyklus LDO an sich vor:
1995 präsentierte Elisabeth Gössmann in einer Sammlung den Aufsatz „Einige Bemerkungen zum Menschenbild bei Hildegard von Bingen“. Hierin ordnet sie die Mystikerin aufgrund der Lehre im LDO von der Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos im Menschen in die naturphilosophische Tradition des Abendlandes ein. 18 Zudem sei im Werk Hildegards zyklisches Geschichtsverständnis erkennbar. Sie „rechnet [...] damit, daß sowohl negative wie positive heilsgeschichtliche Zustände wiederkehren können. [...] Heilsgeschichte ist [...] für sie kein geradliniger Fortschritt, sondern eine Folge von Abfall und Reform, die innerhalb der Geschichte immer von neuem notwendig wird.“ 19
1956 erschien die Arbeit „Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen“ von Adelgundis Führkötter und Marianna Schrader, die den Codex aus der Genter Universitätsbibliothek als erste Abschrift Hildegards LDO-Konzepts oder
17 Vgl. ebd., S. 286f.
18 Vgl. Gössmann, Elisabeth: Einige Bemerkungen zum Menschenbild bei Hildegard von Bingen. In: Dies.: Hildegard von Bingen. Versuche einer Annäherung, München 1995, S.38.
19 Ebd..
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ihres Diktats benennt. 20 Ferner habe am Luccheser Codex ein Kopist gearbeitet, der sich nachweislich zu Beginn des 13. Jahrhunderts, womöglich am Rupertsberg, auch mit dem Kopieren einer Briefsammlung Hildegards beschäftigt habe. 21 1930 veröffentlichte Hans Liebeschütz eine Arbeit über das allegorische Weltbild Hildegards und zeigt hier u.a. auf, inwiefern das Bild des Kosmos im LDO gegenüber der Schrift Scivias weiterentwickelt wurde. Liebeschütz ist der Ansicht, das Kosmosbild sei ein Indikator dafür, dass sich der astrologische Gedanke im 12. Jahrhundert dabei gewesen sei, sich in der Bildungswelt stärker zu verbreiten. 22
3.2 Gegenstand des Zyklus
Der Zyklus handelt von Gottes Schöpfung, den Wechselbeziehungen zwischen Welt und Mensch und von Gottes Wirken in der Natur. Zentraler Punkt ist die Menschwerdung des Wort Gottes. Das Werk ist in drei Teile gegliedert: Teil 1 thematisiert in den Visionen 1 bis 4 die göttliche Caritas, die Natur der Welt und des Menschen, sowie die Beziehungen zwischen Makro- und Mikrokosmos (Vision 1: Vom Ursprung des Lebens, Vision 2: Vom Bau der Welt, Vision 3: Von der Natur des Menschen, Vision 4: Von der Gliederung des Leibes). Der zweite Teil beinhaltet Vision 5, in der es um das Reich des Jenseits geht (Vision 5: Die Stätten der Läuterung). Der dritte Teil, der die Visionen 6 bis 10 umfasst, widmet sich der Geschichte des Heils durch Christus. Er behandelt die Stellung des Schöpfers als alleiniger Herrscher, den Sohn Gottes und die Vollendung der Welt durch diesen (Vision 6: Vom Sinn der Geschichte, Vision 7: Vorbereitung auf Christus, Vision 8: Vom Wirken der Liebe, Vision 9: Vollendung des Kosmos, Vision 10: Das Ende der Zeiten).
Der Text zu den Visionen 1 bis 4 endet jeweils mit den Worten „Jeder Mensch, der Gott fürchtet und liebt, öffne daher voll Hingabe diesen Worten sein Herz und wisse, daß sie zum Heil des Leibes und der Seele nicht aus Menschenmund verkündet sind, sondern durch Mich, der Ich bin.“ 23
Der Text zu Vision 5 endet mit den Worten
„Dies soll der gläubige Mensch in Treue verstehen, und er soll darin nicht Jenen mißachten, der wahrhaft ist!“ 24
20 Vgl. Führkötter, Adelgundis und Schrader, Marianna: Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Quellenkritische Untersuchungen, Köln 1956, S. 48.
21 Ebd., S. 80.
22 Vgl. Liebeschütz, Hans: Das allegorische Weltbild der heiligen Hildegard von Bingen, Darmstadt 1964, S. 86.
23 Zitiert nach Schipperges, Heinrich: Welt und Mensch. Das Buch „De operatione dei“. Aus dem Genter Kodex übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges, Salzburg 1965, S. 34. Vgl. ebd., S. 60, 78, 184.
24 Zitiert nach ebd., S. 242.
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Der Text zu Vision 6 bis 10 endet mit den Worten
„Diese Worte sollen die Gläubigen in der Demut ihres Herzens aufnehmen, weil sie zum Nutzen der Gläubigen kundgetan wurden von Dem, der da ist der Erste und der Letzte.“ 25
Dem Zyklus sind ein Vorspruch vor- und ein Epilog nachgestellt. 26 Im Vorspruch berichtet Hildegard, wie die „Stimme vom Himmel“ 27 1163 erneut zu ihr gesprochen und sie trotz Krankheit und Alter erneut mit der Aufgabe betraut habe, Vision und Audition niederzuschreiben:
„Armes Wesen, du Tochter vielfacher Mühsal, die du von so zahlreichen und schweren körperlichen Leiden gleichsam durchgekocht bist: [...] Übermittle du [...], was du mit inneren Augen siehst und mit den inneren Ohren deiner Seele vernimmst. [...] Schreibe dies auf, nicht wie dein Herz es möchte, sondern wie mein Zeugnis es will, der Ich ohne Anfang und Ende des Lebens bin. Diese Schau ist nicht von dir erfunden, noch von einem anderen Menschen je ersonnen [...].“ 28
Mit der Hilfe eines Mannes und eines Mädchens habe sie sich daraufhin an die Arbeit gemacht. Im Epilog spricht die Stimme vom Himmel ein letztes Mal. Schwerpunkt sind die schwerkranke Hildegard als Kontaktstelle zwischen Gott und den Menschen und die Unantastbarkeit des im LDO durch sie wiedergegebenen Wort Gottes: „Deshalb möge kein Mensch so verwegen sein, den Worten dieser Schrift etwas hinzuzufügen [...] oder [...] etwas wegzunehmen [...], damit er nicht aus dem Buch des Lebens und aus allem Glück [...] ausgetilgt werde. [...] Es [kann] ihm nicht in dieser und auch nicht in der künftigen Welt vergeben werden.“ 29
3.3 Aspekte des Zyklus am Beispiel der Vision 1
Zur näheren Veranschaulichung des Codexes möchte ich einen intensiveren Blick auf Vision 1 werfen. Es mag sich dabei nicht um die repräsentativste Vision handeln, da diese gegenüber den anderen einige Besonderheiten aufweist. Die Vision eignet sich aber aufgrund ihrer verhältnismäßigen Kürze gut für eine Hausarbeit. Die Gründe für die Wahl sind also rein praktischer Natur.
3.3.1 Visionstext
Die Schauen Hildegards sind Doppeloffenbarungen: Sie setzen sich zusammen aus visuellen und auditiven Inhalten. Dementsprechend besteht jede Vision des LDO aus zwei Teilen, die zusammengehören und sich gegenseitig vervollständigen. Zunächst beschreibt Hildegard den visuellen Teil ihrer Erfahrung (Visionstext). Signalisiert
25 Zitiert nach ebd., S. 249. Vgl. ebd., S. 263, 267, 280, 318.
26 Der Epilog ist allerdings als Teil der zehnten Vision zu verstehen. Die Worte, die auch die Auditionstexte 6 bis 9 beenden, stehen hier am Ende des Epilogs.
27 Zitiert nach Schipperges, S. 21.
28 Zitiert nach ebd..
29 Zitiert nach ebd., S. 318.
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wird dies im Beispiel der Vision 1 durch die Worte „und ich schaute“ 30 . In diesem Teil der ersten Vision heißt es:
„Und ich schaute im Geheimnisse Gottes inmitten der südlichen Lüfte ein wunderschönes Bild. Es hatte die Gestalt eines Menschen. Sein Antlitz war von solcher Schönheit und Klarheit, daß ich leichter in die Sonne hätte blicken können als in dieses Gesicht. Ein weiter Reif aus Gold umgab ringsum sein Haupt. In diesem Reif erschien oberhalb des Hauptes ein zweites Gesicht, wie das eines älteren Mannes. Dessen Kinn und Bart rührten an den Scheitel des ersten Kopfes. Vom Hals der Gestalt ging beiderseits ein Flügel aus. Die Flügel erhoben sich über den erwähnten Reif und vereinigten sich oben. Am obersten Teil der Krümmung des rechten Flügels erschien der Kopf eines Adlers. Dessen Augen waren wie Feuer, und es erstrahlte in ihnen wie in einem Spiegel der Engel Glanz. Auf dem obersten Teil der Krümmung des linken Flügels war ein Menschenhaupt, das leuchtete wie der Sterne Funkeln. Beide Gesichter waren nach dem Osten gewandt. Von den Schultern dieser Gestalt ging ein Flügel bis zu den Knien. Sie war gewandet in ein Kleid, das der Sonne gleich erglänzte. In ihren Händen trug sie ein Lamm, das leuchtete wie ein lichtklarer Tag. Mit ihren Füßen zertrat die Gestalt ein Ungetüm von entsetzlichem Aussehen, giftig und schwarz, und eine Schlange. Diese hatte sich in das rechte Ohr des Ungetüms verbissen. Ihr Leib schlang sich quer um den Kopf des Ungetüms; ihr Schwanz reichte auf der linken Seite bis an die Füße.“ 31
Im an den Visionstext anschließenden zweiten Teil gibt Hildegard jeweils den auditiven Teil ihrer Erfahrung wieder (Auditionstext). Der zweite Teil wird in Vision 1 mit den Worten „Die Gestalt sprach also“ 32 eingeleitet. Eine ähnliche Einleitung bildet in allen Texten eine klare Zäsur zwischen Visions- und Auditionstext, bzw. zwischen den Beobachtungen Hildegards und den von ihr wiedergegebenen Hinweisen und Erläuterungen der übernatürlichen Stimme.
3.3.2 Bildbeschreibung
Die Miniatur auf fol.1v stellt zwei Szenen dar, die aufgrund dessen, was auf den ersten Blick Darstellungsgegenstand ist, im Folgenden als Szene der Gestalt und Schreibszene bezeichnet werden. Beide sind gerahmt und auf Goldgrund gemalt, die Szene der Gestalt nimmt dabei eine wesentlich größere Fläche ein als die Schreibszene und befindet sich oberhalb der Schreibszene. Es handelt sich dabei um ein Hochformat mit Leistenrahmen. Die äußeren Leisten nehmen jeweils etwa 1/5 der Rahmenbreite ein und sind golden. Dazwischen befindet sich eine blaue Leiste mit weißem schrägem Halbpalmettenblattfries mit Zwischenstücken. Am Rahmen entlang ist von außen wie innen eine dünne, schwarze Randung gezogen. Im unteren Teil des Rahmens auf einer Länge von etwa 4/5 des Teils ist in der blauen Leiste ein kleines, offen stehendes Korbbogentor eingemalt, dessen Türchen blau sind. Das offene Tor
30 Zitiert nach ebd., S. 25.
31 Zitiert nach ebd..
32 Zitiert nach ebd..
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gibt den Blick frei auf den Goldgrund. Der Rahmen umschließt die Szene der Gestalt vollkommen. Den Großteil der Fläche auf dem Grund und zentrale Position in dieser Szene nimmt eine Gestalt mit männlichem Körper, jungen Gesichtszügen und roter Haut ein. Die Gestalt ist dem Betrachter zugewandt und trägt kinnlanges, goldbraunes Haar, eine Art solide Kopfbedeckung in goldener Farbe, ein rotes Gewand mit verziertem Goldsaum, das ihr bis zu den Knöcheln fällt und darüber ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Pallium. Aus dem Kragen des Gewands ragt ein zweiter, weißer Kragen eines Oberteils hervor, das die Gestalt offensichtlich unter dem Gewand trägt. Von ihrem Hals und ihren Schultern geht jeweils ein Paar großer Flügel aus; jeder Flügel besteht aus vier Federschichten, die sich in der Farbe voneinander unterscheiden, jedoch alle schwarz auslaufen. Das Deckgefieder ist golden, darunter liegt eine Schicht weißer, dann hellblauer, dann blauer Federn. Die Flügel des Schulterpaares sind angewinkelt und laufen links und rechts der Gestalt parallel zu ihrem Körper. Die Flügelgelenke ragen über die Kopfhöhe der Gestalt hinaus und die längsten Handschwingen enden knapp unterhalb ihrer Knie. Die Flügel des Halspaares sind ebenfalls angewinkelt, ihre Spitzen weisen aber im Gegensatz zu denen des Schulterpaares nach oben und zueinander.
Alle Gegenstände in dieser Szene haben direkten Kontakt zu der Gestalt, und es ist nicht einfach, einzuschätzen, welche Gegenstände noch Teile des Körpers der Gestalt sind. Auf dem Kopf der Gestalt sitzt ein zweiter Kopf mit heller Haut und den Zügen eines älteren Mannes. Dieser Kopf trägt kinnlange, wellige, graue Haare mit Mittelscheitel, sowie einen grauen Vollbart. An den Flügelgelenken des Halsflügelpaares befinden sich zwei weitere Köpfe im Halbprofil, mit den Blicken nach rechts gewandt. Der Kopf am Gelenk des rechten Flügels ist im Gegensatz zum Kopf am Gelenk des linken Flügels nicht menschlich. Es handelt sich um einen goldenen Adlerkopf mit rotem Augapfel. Der Kopf am linken Flügel hat wie die Gestalt rote Haut, junge Züge und goldbraunes, aber welliges Haar. In den angewinkelten Armen hält die Gestalt vor ihrer Brust ein kleines, hellblaues Lamm mit goldenem Kreuznimbus. Mit dem rechten Vorderhuf hält es eine weiße Ferula. Von der linken Hand der Gestalt geht eine breite Linie aus, die leicht schräg von ihrem Körper weg führt und etwa auf Höhe der Unterschenkelmitte endet. Die Linie ist weißgelblich und halbtransparent. Die Gestalt steht auf einem dunkelgrünen Wesen mit roten Augäpfeln, das unter einer dunkelgrünen Schlange mit dem Rücken am Boden liegt. Anstelle von Armen und Händen hat das Wesen flossenähnliche Extremitäten. Seine rechte Ferse ist der einzige Szenenbestandteil, der einen Teil des Rahmens bedeckt, namentlich die innere goldene Leiste. Die Schwanzspitze der
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Schlange ist einmal um das linke Bein des Wesens geschlungen und ihr Maul steckt in dessen rechtem Ohr.
Die Schreibszene ist ein Querformat. Ihre Breite entspricht etwa 3/5 der Breite, ihre Länge etwa 2/9 der Länge der anderen Szene. Sie schließt an der rechten unteren Kante an die Szene der Gestalt an, deren Rahmen die Schreibszene von oben begrenzt. Die wesentlich kleinere Schreibszene selbst hat nur links, unten und rechts einen eigenen Leistenrahmen. Dessen äußere Leiste ist grün und die innere Leiste blau. Dazwischen liegt eine goldene Leiste mit Fächerblattranke. Außen und innen ist auch dieser Rahmen von einer dünnen, schwarzen Randung umzogen. Die Szene selbst ist horizontal geteilt. Die linke Hälfte nimmt etwa 1/3 der Fläche ein, die rechte Hälfte die übrigen 2/3. Die Aufteilung erfolgt durch einen hellblauen Pfeiler, der ein rotes Dach stützt. Das Dach ist auf zwei goldene Korbbögen gesetzt, die wiederum architektonischer Rahmen für jeden Szenenteil sind. Die Szene stellt drei Personen dar, deren Köper dem Pfeiler zugerichtet sind. In der ersten Hälfte sitzt eine männliche Person schreibend auf einem verzierten Holzstuhl mit Pergament und einem Federkiel in der rechten Hand an einem Schreibpult. Der Mann trägt eine weiße Tonsur, einen weißen Vollbart und einen braunen Habit. In der zweiten Hälfte befinden sich zwei Frauen. Die erste Frau sitzt unterhalb des angesprochenen Korbbogentors wie der Mann auf einem hölzernen Zierstuhl an einem Schreibpult. Sie ist gekleidet in ein blaues Untergewand unter einem rötlichen Umhang und trägt auf dem Kopf eine weiße Haube, bedeckt mit einem dunklen Schleier. Statt Pergament beschreibt die Frau mit der rechten Hand ein Wachstafeldiptychon. Sie blickt nach oben zum Korbbogentor und ist mit diesem durch vier rote Wellenlinien verbunden. Die Wellenlinien und das Tor sind die einzige Verbindung zwischen den Szenen. Hinter der ersten Frau steht eine zweite Frau in blauen Gewändern und mit einem blauen Schleier. Diese Frau hat das linke Auge geschlossen, die Arme vor dem Bauch angewinkelt und lässt die linke Hand vor der rechten herunterhängen. Dreidimensionalität ist in der ganzen Miniatur nur ansatzweise durch Schatten und Lichter, Faltenwurf oder welliges Haar angedeutet.
Der auffällige Flächenunterschied zwischen beiden szenischen Darstellungen stellt eine Hierarchiebeziehung her, die Rahmung bildet eine zusätzliche strikte Trennung der Hierarchiestufen. Schließt man vom Visionstext auf die Miniatur, illustriert die obere Szene den Visionsinhalt und die untere Szene zeigt Hildegard und zwei weitere Personen bei der Dokumentation der Vision.
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3.3.3 Unterschiede zwischen Visionstext und Visionsbild
Im Falle der Vision 1 sind folgende Unterschiede zwischen Visionstext und Visionsbild zu nennen:
a) Im Gegensatz zur farbenreichen Miniatur ist Hildegards Visionsbeschreibung fast farblos. Die Rede ist von einem schwarzen Ungetüm und einem Reif aus Gold. Alle Farben sind in der Miniatur frei gewählt und sogar das Ungetüm ist dunkelgrün dargestellt. Auch die rote Haut der Gestalt und des Kopfes am Gelenk des linken Schulterflügels werden im Text nicht erwähnt.
b) Hildegard berichtet nur von drei Flügeln: zwei am Hals und einem an der Schulter. c) Laut der Beschreibung habe sich in den Augen des Adlers der Engel Glanz gespiegelt. Die Augäpfel des Adlers in der Miniatur sind rot, die Pupille der Augen ist schwarz. Der Glanz wurde nicht übernommen.
d) Auch das Gewand der Gestalt glänzt in der Miniatur nicht wie von Hildegard berichtet der Sonne gleich.
e) Die breite halbtransparente, weißgelbliche Linie, die in der Miniatur an der linken Hand der Gestalt beginnt und auf Höhe der Unterschenkelmitte endet, hat keine Textentsprechung.
f) In der Schreibszene sind drei Personen anwesend, aus dem Text zur ersten Vision ist jedoch nur ein Beobachter zu entnehmen. Von zwei weiteren Beteiligten am Zyklus ist im Vorspruch die Rede:
„Ich armes und gebrechliches Wesen begann also mit zitternder Hand zu schreiben, ungeachtet ich von zahlreichen Krankheiten erschüttert war. Ich vertraute dabei auf das Zeugnis jenes Mannes [...], den ich, wie schon in meinen früheren Visionen erwähnt, insgeheim gesucht und auch gefunden hatte, und auf jenes Mädchen [...], das ich bereits in den früheren Visionen genannt habe.“ 33
3.3.4 Anteile christlicher Symbolik in Visions- und Auditionstext
Der Visionszyklus leistet sowohl die Definition eigener Symbolsprache als auch einen Rückgriff auf christliche Symbolik. Als Beispiel christlicher Symbolik ist in Vision 1 das Bild Jesu Christi als Lamm Gottes zu nennen. 34 Dieses Symbol schließt von vornherein jeden Interpretationsspielraum aus; dass das Lamm auch im LDO für den Sohn Gottes steht, bedarf im Auditionstext keiner Erläuterung. Dort findet lediglich die Entschlüsselung des Leuchtens des Lamms statt: „In ihren Händen trägt die Gestalt ein Lamm: hell leuchtend wie der Tag. Hat doch die Liebe in den Werken des Gottessohnes die alles überstrahlende Milde des wahren Glaubens geoffenbart [...].“ 35
33 Zitiert nach ebd., S. 21.
34 Analog bedient sich die Miniatur hier christlicher Ikonografie: Das Lamm wird mit dem erwähnten Kreuznimbus und Ferula dargestellt.
35 Zitiert nach Schipperges, S. 31.
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3.4 Stilisierung Hildegards im Autorbild
In jeder den Visionstext illustrierenden Miniatur im Luccheser LDO ist abseits der Visionsszene eine verhältnismäßig kleine Hildegarddarstellung (Schreiberbild) vorhanden. Ursula Peters unterscheidet in ihrem Aufsatz über die Textentstehungsgeschichten in Autorbildern volkssprachlicher Handschriften des 12. bis 15. Jahrhunderts drei Phasen der Textproduktion in Vorgeschichte, Akt der Textverfertigung, sowie Publikums- und Funktionsbezug des Textes. 36 Autorbilder des von ihr untersuchten Zeitraumes thematisierten meist die erste oder zweite Phase. Die Darstellung eines Publikums- oder Funktionsbezugs des Textes oder eine Darstellung mehrerer Phasen träten seltener auf. Die Autorbilder Hildegards im Luccheser LDO lassen sich der zweiten Kategorie zuordnen. Sie alle zeigen Hildegard, die ihre Visionen betrachtet und das Offenbarte auf Wachstafeln dokumentiert. Eine Besonderheit ist das Autorbild zu Vision 1, in dem sie in Anwesenheit zweier weiterer Personen, der von ihr in der Vorrede erwähnten Helfer, abgebildet ist. Der Mann bringt ihre Wachstafelaufzeichnungen in Reinschrift und die Frau steht beobachtend daneben. Versteht man diese beiden bereits als Rezipienten des durch Hildegard vermittelten Textes, träfe auch die dritte Kategorie auf dieses Autorbild zu.
Alle Autorbilder zeigen Hildegard umgeben von einfachen architektonischen Konstruktionen. Immer befindet sie sich unterhalb eines Korbbogens mit Dach und muss zu den Visionen hinaufschauen. Nur die erste Miniatur veranschaulicht, was während des Aktes des Empfangs des Offenbarten vor sich geht: Es öffnet sich Hildegard ein Fenster, das den Blick aus der irdischen in die transzendente Welt frei gibt. Göttliches Feuer ist das Medium, das den Kontakt zu Hildegard herstellt. Auffallend ist, welche Eigenschaften Hildegards in den Autorbildern in Szene gesetzt sind. Analog zum Text erscheint sie wach und als aufmerksame Beobachterin. Ihre Anwesenheit am Rande des Geschehens, durch die Konstruktionen vom Visionsinhalt distanziert, hat auf die Visionsgegenstände keinen Einfluss.
4 Zusammenfassung und Konklusion
Es lassen sich vier Arten der Legitimierung Hildegards als Mystikerin feststellen: a) Biografische Legitimierung:
36 Peters, Ursula: Werkauftrag und Buchübergabe. Textentstehungsgeschichten in Autorbildern volkssprachlicher Handschriften des 12. bis 15. Jahrhunderts. In: Kampfhammer, Gerald und Löhr, Wolf-Dietrich und Nitsche, Barbara [Hg.]: Autorbilder. Zur Medialität literarischer Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, Münster 2007, S. 25-62.
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Überliefert ist, die Ausprägung Hildegards Gabe sei bereits in früher Kindheit geschehen. Als sie 1141 den göttlichen Auftrag erhält, den Menschen das Offenbarte schriftlich zu überbringen, und dadurch gezwungen ist, sich der Öffentlichkeit zuzuwenden, kann sie sich auf eine langjährige Visionärstätigkeit berufen. Dass Hildegard ungeachtet ihres immer wieder betonten schlechten Gesundheitszustandes immer länger lebte, konnte als Zeichen für ihre besondere Wichtigkeit gedeutet werden. Argumentiert werden konnte, dass Gott ihr Leben erhielt, da er sie als Vermittlerin zwischen sich und den Menschen brauchte. 37 b) Institutionelle Legitimierung:
Notwendige Voraussetzung für eine nachdrückliche Legitimierung Hildegards als Mystikerin war die Bestätigung der Kirche, die 1147/48 durch die Synode von Trier gewährleistet wurde. Wie gezeigt, war es ihr daraufhin möglich, ein eigenes, unabhängiges Frauenkloster zu gründen. Die offizielle Zustimmung ermöglichte es Hildegard, selbst zur Autorität zu werden. Dinzelbacher beobachtet: „Seit der Anerkennung ihrer Sehergabe durch die höchste kirchliche Autorität auf Erden war Hildegard erlaubt, was keiner Benediktinerin sonst erlaubt war: sie konnte ohne Kritik die „stabilitas loci“, die gelobte Ortsbeständigkeit innerhalb der Klausur ihres Klosters, übergehen und durch ganz Deutschland reisen, mehr noch, sie konnte den von der ausschließlich männlichen Hierarchie der Catholica stets genauestens kontrollierten Befehl des hl. Paulis: „In der Kirche schweige die Frau“ übergehen und öffentlich predigen. Und das in einer Zeit, wo die Predigt durch Frauen als sicheres Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Ketzersekte galt!“ 38
Dieser Rang konnte ihr auch nach Zuwiderhandlung gegen kirchlichen Beschluss durch die Bestattung eines Exkommunizierten nicht mehr aberkannt werden. c) Textimmanente Legitimierung:
Im LDO überträgt die Stimme vom Himmel Autorität auf Hildegard und erklärt den Zyklus zur Fortsetzung des Wort Gottes. Gott selbst habe Hildegard beauftragt, seine Offenbarungen durch sie an alle Menschen weiterzugeben. Insofern kann neben der christlichen auch eigene Symbolik in Hildegards Visionszyklen existieren. Die christlichen Symbole sind Mittel der Wiedererkennung und signalisieren, dass das Offenbarte auf Basis des christlichen Glaubens zu verstehen ist, bzw. dass es diesem nicht grundsätzlich widerspricht. Die Zyklen sind legitime Verkomplettierung des in der Bibel Schrift gewordenen Wort Gottes und dieser gleichwertig. Aus dem Visionstext spricht Hildegards Objektivität: Sie beschränkt sich auf die Beschreibung der Erscheinung und überlässt alle Interpretation der Stimme vom Himmel.
37 Vgl. z.B. Schipperges, S. 317.
38 Dinzelbacher: Christliche Mystik, S. 147.
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Aus den Worten am Ende jedes Auditionstextes lässt sich folgender Umkehrschluss ziehen: Wer diese Worte nicht für wahr hält, ist kein gläubiger Mensch, liebt und fürchtet Gott nicht und ist nicht demütig. Etwas polemischer formuliert hieße das: Wer diesen Worten nicht glaubt, macht sich der Blasphemie oder Häresie schuldig. Entsprechend implizieren die Schlussworte jedes Auditionstextes auch, Hildegard selbst besitze jede der obigen positiven Eigenschaften (Demut, Gottesfurcht, starker Glaube und Liebe zu Gott). 39
Dinzelbachers grundlegende Definition des Visionsbegriffs beinhaltet explizit einen ekstatischen oder Schlafzustand des Visionärs: „Die Elemente die dafür konstituierend sind, daß wir von einer «Vision» sprechen, sind [...] die Eindrücke des Raumwechsels, des Waltens einer übermenschlichen Macht, der bildhaften Beschreibbarkeit, der Ekstase (oder des Traumes) sowie der Offenbarung.“ 40 Hingewiesen wird später auf Hildegards Sonderstellung als „einzige nichtekstatische Visionärin des Hochmittelalters“ 41 . Diese Besonderheit ist vorteilhaft: Sie ermöglicht Hildegard die Abgrenzung gegenüber anderen Visionären und sichert ihr eine günstige Außenwirkung dadurch, dass Zweifler keinen Anlass haben, die Zurückweisung Hildegards mystischer Erfahrungen mit dem Zustand zu begründen, in dem diese gemacht wurden. d) Bildimmanente Legitimierung:
Die Miniaturen tragen zweierlei zur Legitimierung Hildegards bei: Zuerst spricht die bloße Anwesenheit der Bilder für die Wichtigkeit des Textes. Dies stellen Marion Wagner und Barbara Nitsche fest:
„Illustrationen haben - nicht nur wegen des damit verbundenen materiellen Aufwandes - [...] eher auszeichnenden Charakter: Sie unterstreichen gerade die Dignität und den Anspruch des zugehörigen Textes auf literarisch hohen Rang.“ 42
Zweitens bestätigen die Miniaturen die Fähigkeiten und Besonderheit Hildegards: Die zusätzliche Verbildlichung des abstrakten Textes hinterlässt beim Leser-Betrachter einen intensiveren Eindruck der Textauthentizität durch die Suggestion, das Bild sei Sichtfeld eines Augenzeugen. Die abstrakte (Selbst-)Stilisierung Hildegards im Text wird durch die Unmittelbarkeit des Bildes noch glaubhafter. Die in c) angesprochene
39 Und somit kann sie noch einmal, insbesondere durch die zuvor erfolgte institutionelle Legitimierung, jedem Häresievorwurf die Grundlage nehmen.
40 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 29.
41 Ebd., S. 88.
42 Nitsche, Barbara und Wagner, Marion: Narrativierung des Autors. Autorfigurationen in illuminierten Handschriften und Drucken des Buches der Beispiele Antons von Pforr. In: Kampfhammer, Gerald und Löhr, Wolf-Dietrich und Nitsche, Barbara [Hg.]: Autorbilder. Zur Medialität literarischer Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, Münster 2007, S. 115.
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Darstellung Hildegards als wache Beobachterin wird durch Übertragung in das Bild verstärkt; im Autorbild erscheint sie als Dokumentaristin. Der Leser-Betrachter, der im Text von ihren in c) genannten positiven Eigenschaften erfährt, kann sie in den Miniaturen jeweils in demütiger Haltung dienend sehen. Hildegard ist in jeder Miniatur wesentlich kleiner dargestellt als die göttliche Botschaft. Zusätzlich ist sie von den Visionsgegenständen distanziert und hat keinen Einfluss auf diese. Irdisches und Göttliches sind also in jeder Miniatur strikt voneinander getrennt und Hildegard erscheint dadurch alles andere als anmaßend oder hochmütig. Im Autorbild zur ersten Vision sind zwei weitere Personen anwesend und bezeugen, wie Hildegard im Wachzustand ihre Visionen empfängt.
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Literatur
Beuys, Barbara: Denn ich bin krank vor Liebe. Das Leben der Hildegard von Bingen, München 2001.
Derolez, Albert: Die Bedeutung der neuen Edition von Hildegards »Liber divinorum operum«. In: Margot Schmidt [Hg.]: Tiefe des Gotteswissens - Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen. Internationales Symposium in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus Wiesbaden-Naurod vom 9. bis 12. September 1994, Stuttgart 1995, S. 19 - 28.
Dinzelbacher, Peter: Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Paderborn 1994. Dinzelbacher, Peter: Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit, München 1995.
Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter, Stuttgart 1981. Führkötter, Adelgundis und Schrader, Marianna: Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Quellenkritische Untersuchungen, Köln 1956. Gössmann, Elisabeth: Einige Bemerkungen zum Menschenbild bei Hildegard von Bingen. In: Dies.: Hildegard von Bingen. Versuche einer Annäherung, München 1995, S. 30 - 45.
Gössmann, Elisabeth: »Der Glaube der Heiligen ist wie ein Mutterschoß.« Zur theologischen Bedeutung der Mutterschaftssymbolik bei Hildegard von Bingen. In: Dies.: Hildegard von Bingen. Versuche einer Annäherung, München 1995, S. 203 -225.
Hamburger, Jeffrey: The Visual and the Visionary. Art and Female Spirituality in Late Medieval Germany, New York 1998.
Nitsche, Barbara und Wagner, Marion: Narrativierung des Autors. Autorfigurationen in illuminierten Handschriften und Drucken des Buches der Beispiele Antons von Pforr. In: Kampfhammer, Gerald und Löhr, Wolf-Dietrich und Nitsche, Barbara [Hg.]: Autorbilder. Zur Medialität literarischer Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, Münster 2007, S. 115 - 153. Peters, Ursula: Werkauftrag und Buchübergabe. Textentstehungsgeschichten in Autorbildern volkssprachiger Handschriften des 12. bis 15. Jahrhunderts. In: Kampfhammer, Gerald und Löhr, Wolf-Dietrich und Nitsche, Barbara [Hg.]: Autorbilder. Zur Medialität literarischer Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, Münster 2007, S. 25-62.
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Schipperges, Heinrich: Welt und Mensch. Das Buch „De operatione dei“. Aus dem Genter Kodex übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges, Salzburg 1965. Suzuki, Keiko: Bildgewordene Visionen oder Visionserzählungen. Vergleichende Studie über die Visionsdarstellungen in der Rupertsberger „Scivias“-Handschrift und im Luccheser „Liber divinorum operum“-Codex der Hildegard von Bingen, Bern 1998.
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Annika Blohm, 2008, Mechanismen der Legitimierung Hildegards von Bingen als Mystikerin, München, GRIN Verlag GmbH
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