Gliederung
1. Problemstellung. 3
2. Max Webers Beweggründe für die Entstehung seiner Abhandlung Roscher
und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie. 4
3. Max Webers Auseinandersetzung mit der älteren historischen Schule. 6
3.1. Roschers historische Methode. 6
3.2. Knies und das Irrationalitätsproblem 10
4. Webers Auseinandersetzung mit der älteren historischen Schule
in der wissenschaftlichen Literatur. 13
5. Schlussbetrachtung 16
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1. Problemstellung
Gemäß einer 1997 durchgeführten Umfrage der International Sociological Association zählen zwei Werke Max Webers zu den fünf einflussreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts 1 . Auch die Tatsache, dass er vielfach als ein Faszinosum 2 angesehen wird, das sich weder bzgl. seiner Berufsbezeichnung, einer Disziplin oder einer Denkschule eindeutig einordnen lässt, entzündet das Interesse, sich mit seinen Beiträgen zu verschiedenen Sparten zu befassen. Wer sich von diesem Interesse leiten lässt, wird schnell auf die Disziplin stoßen, der Max Weber einen Großteil seines aktiven Berufslebens als Dozent widmete: die Nationalökonomie. Die ältere historische Schule ist ein empfehlenswerter Ausgangspunkt innerhalb dieser Disziplin für den, der auf Webers Spuren wandelt, um seinem Beitrag für diese Disziplin näher zu kommen. Schließlich war diese Denkschule auch für Weber selbst der Ausgangspunkt. Aus ihr ging er hervor, und mit ihr setzte er sich in späteren Jahren zunehmend kritisch auseinander 3 . Den Erkenntnissen dieser inneren Auseinandersetzung verlieh er schriftlich Ausdruck in seiner Abhandlung Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie, die im Focus dieser Arbeit steht. Die Abhandlung besteht aus einem Aufsatz über Wilhelm Roscher, mit dem Titel Roschers historische Methode, und einem Aufsatz in zwei Teilen über Karl Knies, der mit Knies und das Irrationalitätsproblem betitelt ist.
In dem Aufsatz über Karl Knies bemängelte Max Weber an diesem: „Wer den ganzen Inhalt dieses eminent gedankenreichen Werkes überhaupt in voller Tiefe wiedergeben wollte, dem bliebe nichts anderes übrig, als zunächst die gewissermaßen aus verschiedenen Gedankenknäueln stammenden Fäden, welche neben- und durcheinander herlaufen, vonein-ander zu sondern und sodann jeden Gedankenkreis für sich zu systematisieren“ 4 . Hennis griff diese Bemerkung Jahre später auf, indem er sagte, dass sie genauso gut auch auf Max Weber selbst passe 5 . Diese Seminararbeit möchte im Folgenden versuchen, die Gedankenknäuele Webers in den beiden Aufsätzen zu entwirren. Damit soll verdeutlicht werden, in welchen Punkten Max Weber Wilhelm Roschers und Karl Knies historische Methode kritisiert, und wie diese Kritik eingeschätzt werden kann. Daneben soll auch untersucht werden, wo die Aufsätze in dessen methodologischem Wirken einzuordnen sind und welchen Stellenwert sie dort haben.
1 vgl. Hanke E. 2007, S. 42.
2 vgl. Ay, K.-L. 2006, Titel.
3 vgl. Choi 2000, S. 56. und S. 44.
4 Weber 1988, S. 43.
5 vgl. Hennis, W. 1987, S. 144.
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Als Vorgehensweise zur Erreichung verfolgter Ziele wurde die Folgende gewählt: Um die Bedeutung des Inhalts der Aufsätze später besser einschätzen und gewichten zu können, erscheint es als sinnvoll, die Schriften mit ihrer Entstehungsgeschichte zu berücksichtigen. Dies erfolgt in Kapitel 2. Kapitel 3 arbeitet die Kernpunkte Webers Kritik in den Aufsätzen über Roscher und Knies heraus. Nachdem diese Kernpunkte in ihrem Inhalt zusammenfassend wiedergegeben wurden, befasst sich Kapitel 4 mit der Bewertung dieses Inhalts in einigen Werken der wissenschaftlichen Fachliteratur. Dies soll weitere Anhaltspunkte für Einordnung und Gewichtung der Aufsätze geben. Kapitel 5, die Schlussbetrachtung, wird die gewonnen Erkenntnisse schließlich verarbeiten und enthält darüber hinaus eine persönliche Beurteilung der Daseinsberechtigung dieser Aufsätze.
Diese Arbeit setzt ein fundiertes Grundverständnis des Historismus und der älteren historischen Schule mit ihren Hauptvertretern, Wilhelm Roscher und Karl Knies, als Propädeutik voraus.
2. Max Webers Beweggründe für die Entstehung seiner Abhandlung Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie Vor der Frage wie Weber die methodologische Vorgehensweise Wilhelm Roschers und Karl Knies beurteilt, steht die Frage, wie er überhaupt dazu kommt, sich zu einer Zeit mit diesen Altmeistern der älteren historischen Schule zu befassen, in der die jüngere historische Schule vorherrscht. Diese Ausgangsfrage lässt sich sogar in drei Teilfragen untergliedern: Warum Weber theoretisch-methodologischen Problemen nachgeht, wieso ihn diese zu einer Beschäftigung mit der älteren historischen Schule führen, und weshalb er sich in seiner schriftlichen Ausarbeitung über die logischen Probleme der Nationalökonomie auf die Methodologie von Wilhelm Roscher und Karl Knies beschränkt und Bruno Hildebrand, den dritten großen Vertreter der älteren historischen Schule, außen vor lässt.
Bezüglich der ersten Teilfrage bietet Choi eine Erklärung an: er sieht die unüberbrückbare Kluft zwischen der historischen und der theoretischen Schule als Auslöser einer Beschäftigung Webers mit methodologischen Fragen an 6 . Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besteht für Weber diese Kluft, die durch den älteren Methodenstreit 7 in den 80er Jahren des 19.
6 vgl. Choi, H.-K. 2000, S. 53.
7 In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts entflammte der so genannte ältere Methodenstreit zwischen Carl Menger, dem Begründer der österreichischen Schule, und Gustav Schmoller, dem Begründer der jüngeren
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Jahrhunderts entstanden war, noch immer. Er ist der Auffassung, dass, wer „den Kampf um Methode, Grundbegriffe und Voraussetzungen, den steten Wechsel der Gesichtspunkte und die stete Neubestimmung der Begriffe, die verwendet werden, beobachtet […] sieht, wie theoretische und historische Betrachtungsform noch immer durch eine scheinbar unüberbrückbare Kluft getrennt sind 8 “.
Für die zweite Teilfrage bietet Choi ebenfalls eine Erklärung an: Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der älteren historischen Schule ist für Max Weber die Frage, wie mit einigen logisch-methodischen Problemen, die von der vorhergehenden Generation in der Geschichtswissenschaft und der Nationalökonomie diskutiert worden waren, in den Anfängen der historischen Nationalökonomie umgegangen worden war. Dies interessiert Weber zu einer Zeit, in der bereits die jüngere historische Schule vorherrscht deshalb, weil er in der jüngeren historischen Schule und in den ganzen Kulturwissenschaften diese Probleme als nicht überwunden zu erkennen meint 9 .
Tenbruck bietet zur Beantwortung der ersten beiden Teilfragen eine ganz andere Erklärung an, die nicht Webers Interessen als Grundlage hat. Er weist darauf hin, dass die Artikel über Roscher und Knies Auftragsarbeiten waren, die Weber dazu zwangen, sich mit der Frage der Methode zu befassen 10 . Gemäß Tenbruck erwecken die Arbeiten zu diesem Thema „den Eindruck, dass es für Weber des Zwanges bedarf, um sich mit Methodologie zu beschäftigen. Dass er dieser Tätigkeit nur allzu gern Lebewohl gesagt hätte, wird man um so eher vermuten dürfen, als er, ausweislich der Unabgeschlossenheit der Arbeiten, ihr tatsächlich ebenso abrupt den Rücken gekehrt, wie er sich ihr früher zugewendet hat, was zu der […] Kürze der methodologischen Periode passen würde 11 “. Mit der Unabgeschlos-
historischenSchule. Menger vertrat die Ansicht, dass die historische Schule die Theorie der Volkswirtschaft mit ihrer Geschichte verwechsle. Dadurch würden sich deren Anhänger einer Aufgabe widmen, die eigentlich den Historikern vorbehalten sei. Ihm zufolge sei die Theorie der Volkswirtschaft durch Aufstellung von exakten ökonomischen Gesetzen am Besten zu erklären. Menger betitelte seine Methode als die exakte und die der historischen Schule als die empirisch-realistische. Schmoller hielt Mengers deduktive Vorgehensweise, also die Vorgehensweise, bei der vom Allgemeinen auf das Besondere zu schließen sei, für anmaßend. Wie für einen Anhänger der historischen Schule üblich, bestand er auf der Methode, vom individuellen Phänomen auf die allgemeine Theorie zu schließen (vgl. Rieter, H. 2002, S. 146-147 & Choi H.-K. 2000, S. 46-53 & Stavenhagen, G. 1957, S. 189-190), also auf induktives Vorgehen. Die Debatte um die Methode warf im Weiteren natürlich auch die Frage auf, wohin die Disziplin Ökonomie gehöre: zu den Natur- oder den Geisteswissenschaften (Rieter, H. 2002, S. 146-147).
8 Weber, M. 1988, S. 160-161.
9 vgl. Choi, H.-K. 2000, S 56.
10 vgl. Tenbruck, F. H. 1999, S. 9.
11 Tenbruck, F. H. 1999, S. 9-10.
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senheit meint Tenbruck, dass - mit Ausnahme des Objektivitätsaufsatzes - alle anderen methodologischen Arbeiten von dem Versprechen auf Fortsetzung zehren 12 .
Die dritte Teilfrage beantwortet Max Weber zu Beginn seiner Abhandlung selbst. Bruno Hildebrand verwerte in Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft, der Schrift in der er sein Verständnis des Relativismus schriftlich fixierte, in Webers Augen methodologisch lediglich Gedanken, welche schon vor ihm entwickelt und erwähnt worden waren, weshalb er ihm zur Erörterung in seiner methodologischer Arbeit als nicht geeignet erschien 13 .
3. Max Webers Auseinandersetzung mit der älteren historischen Schule
3.1 Roschers historische Methode
Weber beschließt das Ende des Aufsatzes Roschers historische Methode mit der Feststellung, dass dessen Methode ein - rein logisch betrachtet - durchaus „widerspruchsvolles Gebilde“ darstelle 14 . Genau jene Widersprüche legt er zuvor im Verlauf seines Aufsatzes über Roscher offen, wobei er auf die Erzeugung eines Gesamtbildes oder eine Würdigung des Altmeisters der älteren historischen Schule bewusst verzichtet, sondern sich auf die Darlegung spezieller logischer Probleme in dessen Methodologie konzentriert 15 .
Im Zusammenhang mit dem Volk gibt es Punkte bei Roschers Thesen, an denen sich Weber stößt. Einer dieser Punkte ist Roschers Vorstellung davon, dass er das Volk als „einheitliches reales Wesen metaphysischen Charakters“ behandle und nicht „als Resultante unzähliger Kultureinwirkungen“ ansehe 16 . Die Volkswirtschaft sei nicht das Ergebnis der unzähligen einzelwirtschaftlichen Bestrebungen im Volk, sondern unmittelbares Ergebnis des wirtschaftenden Wesens Volk, des Volksgeists 17 . Näher würde der Begriff des „bedeutungsvollen Gesamtwesens 18 “ Volk nicht erklärt, aus dem alle „einzelnen Kulturäußerungen 19 “ emanierten 20 . Ein weiterer Kritikpunkt an Roschers Verständnis vom Volk ist, dessen Annahme, dass die Völker trotz ihrer Verschiedenheit als Gattungswesen mit einem
12 Tenbruck, F. 1999, S. 9-10.
13 Weber, M. ???, Roschers historische Methode, S. 2.
14 vgl. Weber, M. 1988, S. 41.
15 vgl. Weber, M. 1988, S. 3.
16 vgl. Weber, M. 1988, S. 10.
17 vgl. Choi, H.-K. 2000, S. 63.
18 Weber, M. 1988, S. 11.
19 Weber, M. 1988, S. 10.
20 vgl. Weber, M. 1988, S. 10
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biologischen Lebenszyklus zu behandeln seien, und die Parallelen in diesem Lebenszyklus, die durch Vergleich deutlich würden, durch stetige Beobachtung zum logischen Rang von Naturgesetzen erhoben werden könnten 21 . Gemäß Webers Ansicht, könnten diese Regelmäßigkeiten jedoch niemals endgültiges Erkenntnisziel irgendeiner Wissenschaft sein. Die wissenschaftliche Arbeit hätte von dort aus erst zu beginnen 22 , und dass Roscher bei Betrachtung des historischen Nacheinander auf eine solche Weise auf Naturgesetze schließe, ist für Weber nur ein Beleg für die Inkonsequenz von Roschers Methodik 23 .
Ein weiterer Beleg für dessen inkonsequente Methodik ist für Weber in Roschers Analyse des Nebeneinander der wirtschaftlichen Vorgänge und ihres statischen Zusammenhangs untereinander zu finden 24 . Da - wie soeben erwähnt - Roschers Idee vom wirtschaftlich handelnden Organismus eine Volkswirtschaft als bloßes Aggregat von Einzelwirtschaften ausschließe, geht Weber der Frage nach, wie Roscher denn dann das Verhältnis zwischen den Einzelwirtschaften und der Volkswirtschaft erkläre. Gemäß Roscher könne darauf nur eine Antwort gefunden werden, wenn zunächst bestimmte Annahmen über die psychologischen Wurzeln des Handelns des Einzelnen getroffen würden 25 . Diese Annahmen bestünden für ihn darin, dass der Mensch zum einen durch den Trieb des Eigennutzes und zum anderen durch den Trieb nach der Liebe Gottes bestimmt sei. Dieser Trieb beinhalte die Ideen der Billigkeit, des Rechtes, des Wohlwollens, der Vollkommenheit sowie der inneren Freiheit und fehle keinem völlig. Der göttliche Trieb sei der Widerpart des Eigennutzes und müsse diesen im Zaum halten. „Je enger die sozialen Kreise, auf welche sich der Gemeinsinn bezieht, desto näher steht er dem Eigennutz, je weiter sie sind, desto mehr nähert er sich dem Trachten nach dem Gottesreichen. Die verschiedenen sozialen Triebe des Menschen sind also als Äußerungsformen eines religiösen Grundtriebes in dessen Vermischung mit dem Eigeninteresse aufgefasst“ 26 . Was Weber in diesem Zusammenhang von Roscher erwartet, ist eine empirisch hergeleitete Erklärung für die Entstehung von volkswirtschaftlichen Vorgängen und Institutionen aus der Wirksamkeit jener beiden Triebe, deren Mischungsverhältnis im einzelnen Fall festzustellen wäre 27 . Da für Roscher jedoch die Unmöglichkeit eine kausale Erklärung der Totalitäten aus den Einzelerscheinungen vorzunehmen, ein Dogma ist, unternahm er gar nicht erst den Versuch, diese Erklärung zu
21 vgl. Weber, M. 1988, S. 11-12.
22 vgl. Weber, M. 1988, S. 13.
23 vgl. Weber, M. 1988, S. 28.
24 vgl. Weber, M. 1988, S. 29.
25 vgl. Weber, M. 1988, S. 29.
26 Weber, M. 1988, S. 31.
27 vgl. Weber, M. 1988, S. 31.
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erbringen 28 . Und da in den spezifischen Gebieten des damaligen Wirtschaftslebens keine Gebrochenheit des wirtschaftlichen Eigennutzes durch andere Triebe erkennbar war, übernahm er den gesamten auf Eigennutz aufgebauten Begriffs- und Gesetzesapparat der klassischen Nationalökonomie vorbehaltlos 29 .
Roschers ambivalente Haltung gegenüber dem Hegel´schen System ist für Weber ein weiterer Punkt des Anstoßes 30 . Einerseits lehne Roscher Hegels begriffslogische Lösung des Verhältnisses von Teil und Ganzem ab, andererseits erliege er aber der metaphysischen Vorstellung des Hegel´schen Begriffsemanatismus 31 . Dies zeige sich daran, dass für Roscher die generellen Begriffe durch Abstraktion von der Wirklichkeit aufsteigend gebildet würden, und umgekehrt auch die Wirklichkeit aus diesen generellen Begriffen absteigend wieder deduzierbar sein müsse 32 . Die Methode der Parallelismenbildung sei ihm zwar die spezifische Form des Fortschritts kausal-geschichtlicher Erkenntnis, „sie führt aber nie zum Ende, und deshalb kann nie wirklich die ganze Wirklichkeit aus den so gewonnen Begriffen deduziert werden - wie es nach Roschers Meinung der Fall wäre, wenn wir bis zu den letzten und höchsten Gesetzen alles Geschehens aufgestiegen wären: es fehlt dem geschichtlichen Geschehen […] die Notwendigkeit, es bleibt notwendig ein unerklärlicher Hintergrund, und zwar ist es eben dieser, der allein den Zusammenhang des Ganzen herstellt, offenbar: weil aus ihm die Wirklichkeit emaniert“ 33 . Aber eben diesen Hintergrund denkend zu erfassen und zu formulieren, und damit das zu tun was Hegel wollte, sei uns nach Roschers Auffassung nicht gegeben 34 . Dabei sei es gleichgültig, ob man diesen Hin-tergrund Lebenskraft, Gattungstypus oder Gedanken Gottes nenne 35 . Mit dieser Erkenntnis bilde Roscher zu Hegel keinen Gegensatz, sondern eine Rückbildung, da bei Roscher die Hegelsche Metaphysik und die Herrschaft der Spekulation über die Geschichte ver-schwunden und ersetzt sei durch eine ziemlich primitive Form schlichter religiöser Gläubigkeit 36 , die die letzten und höchsten Gesetze als Gedanken Gottes ansähe 37 . Neben Roschers religiösem Glauben vermutete Weber auch, dass die Gewissenhaftigkeit des histori-
28 vgl.Choi, H.-K. 2000, S. 67.
29 vgl. Weber, M. 1988, S. 32.
30 vgl. Nau 1997, S. 229.
31 vgl. Nau 1997, S. 229.
32 die Korrektheit deren richtiger Bildung vorausgesetzt, vgl. Weber, M. 1988, S. 18
33 Weber, M. 1988, S. 19.
34 vgl. Weber, M. 1988, S. 19.
35 vgl. Weber, M. 1988, S. 19.
36 vgl. Weber, M. 1988, S. 41.
37 vgl. Choi, H.-K. 2000, S. 64.
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schen Forschers Roscher vor dem Glauben an die Deduzierbarkeit der Wirklichkeit aus Begriffen abhalte 38 .
An seiner religiösen Gläubigkeit stört sich Weber noch an einem anderen Punkt in Roschers Methodologie: seinem Stufenmodell der Volksentwicklung. Die Völker seien für Roscher organische Gattungswesen, die wie der einzelne Mensch in ihrem Leben Aufstieg, Altern und Untergang erführen. Die Lebensentwicklung der Völker verlaufe dementsprechend stets gleich. Dieser Lebensgang komme in typischen Kulturstufen zum Ausdruck 39 . Roscher unterscheide als typische Wirtschaftsstufen drei, „je nachdem in der Güterproduktion von den drei typischen Faktoren derselben die Natur, die Arbeit oder das Kapital vorherrscht und glaubt, dass bei jedem vollständig entwickelten Volke drei dementsprechende Perioden sich nachweisen lassen müssen“ 40 . Der Tod gehöre für Roscher zu dieser Entwicklung dazu, jedoch sei die Frage nach dem Grunde des Alterns und Sterbens der Völker nicht zu beantworten. Der Tod folge „einfach aus dem Wesen des Endlichen, sein empirisch ausnahmsloser Eintritt ist eine Tatsache, welche wohl einer metaphysischen Deutung, aber keiner exakt kausalen Erklärung zugänglich ist […] ein Welträtsel“ 41 . Obwohl Roscher in der Formulierung der direkten Berufung auf Gottes Ordnung auswich, sei die, in dieser Betrachtungsweise steckende, „stark religiös gefärbte Argumentation“ ersichtlich 42 . Auch in der weiter oben bereits näher geschilderten Analyse des Nebeneinander war der religiöse Glaube in Form eines „göttlichen Triebes“ zu Erklärungszwecken herangezogen worden.
3.2 Knies und das Irrationalitätsproblem
Was bei Webers Auseinandersetzung mit Knies in seinen Aufsätzen Karl Knies und das Irrationalitätsproblem an sachlicher Kritik zum Vorschein kommt, wird vielfach in der wissenschaftlichen Fachliteratur vor dem persönlichen Hintergrund betrachtet, der Weber mit Knies verband. Auch die vorliegende Arbeit wird hier keine Ausnahme machen, da ein Einfluss persönlicher Faktoren auf das darin zutage tretende wissenschaftliche Urteil nicht ausgeschlossen werden kann 43 . Aus diesem Grund wird mit der Verarbeitung des zweiteiligen methodologischen Aufsatzes Webers über Knies anders umgegangen als mit
38 vgl. Weber, M. 1988, S. 28.
39 vgl. Weber, M. 1988, S. 23.
40 Weber, M. 1988, S. 25.
41 Weber, M. 1988, S. 26.
42 vgl. Weber, M. 1988, S. 26, Fußnote.
43 vgl. u.a. Löwe, J. 1998, S. 150.
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dem über Roscher, indem zunächst auf diese persönlichen Faktoren eingegangen und im Anschluss der besagte Aufsatz auf der Sachebene beleuchtet wird.
Zwei Jahrzehnte vor Abfassung seines kritischen Aufsatzes über Knies besucht Weber dessen Vorlesungen. In einem Brief an seine Mutter im Jahre 1882 beschwert er sich über die langweiligen Vorlesungen bei Professor Knies. Fast ein Jahr später, erwähnt er seinen Pro-fessor in einem Brief an seinen Vater erneut. Darin zeigt sich ein Wandel in der Wahrnehmung von Knies, da Weber nun die Ursache für die Langweile im Vorlesungsstoff sieht und nicht länger in der Person des Professors selbst. Wenig später erkennt Weber sogar, dass die Ursache für seine Langweile wohl in der Vergangenheit bei ihm selbst gelegen habe, da er sich mit der Thematik zu wenig auskannte. Jetzt bemängelt Weber an seinem Professor lediglich, dass er zu schnell spreche und das Mitschreiben von Notizen daher schwierig sei. Dadurch, dass in seiner Stimme so viel Weltschmerz liege, würde der Eindruck seiner ausgesprochen geistvollen Ausführungen abgeschwächt. Hieraus lässt sich erkennen, dass der Respekt, vor Knies Leistung gewachsen ist. Hennis meint, diesen Respekt sogar noch in Webers Aufsatz über Knies erkennen zu können, denn obwohl er dessen Stil darin als manchmal aus den Fugen gehend schildere, wirke seine Bemerkung jedoch versöhnlich, weil er sie sogleich durch die Fülle an Gedanken zu entschuldigen scheint, die Knies im Kopf herumgingen
44
. Umso überraschender empfindet Hennis die Tatsache, dass Weber sich in dem besagten Aufsatz über Knies von den 103 scheinbar diesem gewidmeten Seiten in Wahrheit nur auf 17 mit diesem befasst und vermutet, dass dahinter eine Verärgerung gestanden haben mag. Auch die Art und Weise, in der Weber mit Knies darin umgesprungen sei zeige „unnoble Eigenschaften“ Webers
45
. Den Grund für die, nie in die Tat umgesetzte, Ankündigung Webers, einen weiteren Artikel über Knies Methodologie zu verfassen, vermutet Hennis letztlich darin, dass „Weber die Unerquicklichkeit seiner Art der Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Lehrer - wirklich eine Art von Vatermord - selbst erkannt und die Sache auf sich beruhen lassen
46
“ hat. Eine mögliche Erklärung für diese von Hennis vermutete Verärgerung findet sich bei Löwe. Er glaubt, dass das Spannungsverhältnis zwischen Weber und Knies entstanden sein könnte, als Weber dessen Heidelberger Lehrstuhl übernahm, da er zu dieser Zeit noch keines seiner Wer-
44 vgl.Hennis, W. 1987, S. 143.
45 vgl. Hennis, W. 1987, S. 144.
46 Hennis, W. 1987, S. 161.
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ke veröffentlicht hatte, die seine spätere Bedeutung begründeten, während Knies damals einer der angesehensten Nationalökonomen des Deutschen Reichs war 47 .
Genau wie schon in seinem Aufsatz über Roscher macht Weber auch im Knies Aufsatz bereits zu Beginn deutlich, dass sein Anliegen keinesfalls darin liege mit Knies und das Irrationalitätsproblem ein adäquates Bild von Knies wissenschaftlicher Bedeutung wiederzugeben, sondern dessen Thesen zu Problemen der Wissenschaft in Beziehung zu setzen, die noch heute ungelöst seien, um zu zeigen, wie er sich damals damit abfand 48 . Zu diesen Problemen zählt für Weber der übertriebene Freiheitsbegriff, der als logische Folge die irrationale Methode nach sich ziehe 49 .
Gemäß Löwe liegt der Knies´schen Argumentation nach Webers Auffassung eine Verbindung von emanatistischen Annahmen und biologischen Metaphern zugrunde 50 : Das emanatistische Element: darunter versteht Weber, dass „die Eigentümlichkeit des einzelnen Menschen wie die eines ganzen Volkes sich aus einem einheitlichen Springquell erschließt 51 “. Alle Erscheinungskreise der menschlichen Tätigkeiten seien auf eine Totalität zurückzuführen und stünden miteinander in Wechselwirkung, so dass weder die Motive der wirtschaftlichen Tätigkeiten noch die ökonomischen Tatsachen und Erscheinungen verständlich seien, wenn sie nur isoliert ins Auge gefasst würden 52 . Das biologische Element: Der einzelne Mensch würde von Knies als Organismus und damit als Einheit betrachtet. Auch das Wesen der Persönlichkeit sei für Knies zunächst eine solche Einheit. Aus dieser Einheitlichkeit folgere Knies eine Unzerlegbarkeit des einzelnen Menschen, die Weber bestreitet 53 .
Weber meint in Knies Schriften den folgenden Gegensatz zu erkennen: „freies und daher irrational-individuelles Handeln der Personen einerseits, - gesetzliche Determiniertheit der naturgegebenen Bedingungen des Handelns andererseits 54 “. Die ökonomischen Erscheinungen seien also zum einen beeinflusst durch die Freiheit des menschlichen Willens in Form personalen Handelns und zum anderen durch Naturgesetze. Dieser Gegensatz sei
47 vgl. Löwe, J. 1998, S. 151.
48 vgl. Weber, M. 1988, S. 43-44, Fußnote.
49 vgl. Choi, H.-K. 2000, S. 73.
50 vgl. Löwe, J. 1998, S. 157-158.
51 vgl. Weber, M. 1988, S. 141.
52 vgl. Weber, M. 1988, S. 141.
53 vgl. Löwe, J. 1998, S. 158.
54 Weber, M. 1988, S. 45 und 64.
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keineswegs nur typisch für Knies, sondern ziehe sich durch eine Reihe historischmethodologischer Schriften 55 . Den Begriff irrational verwendet Weber als Synonym für unerklärlich, unberechenbar oder auch unverständlich 56 . Weber stimmt bezüglich der Irrationalität nicht mit Knies überein. Seiner Auffassung gemäß, zeige das menschliche Verhalten nicht im Mindesten eine solche Unberechenbarkeit. 57 Im Gegenteil: Weber ist der Überzeugung, dass mit zunehmender Freiheit die Rationalität steige 58 . Vorwurfsvoll bemängelt Weber außerdem, dass Knies diese Irrationalität versucht habe umzubiegen, indem er die Freiheit nicht als Ursachlosigkeit, sondern als Ausfluss des Handelns aus der individuellen Substanz der Persönlichkeit gedacht habe und diese Persönlichkeit als eine widerspruchslose Einheit darstelle 59 . Diese Verknüpfung lasse für Weber nur die Schlussfolgerung zu, dass „das freie Handeln der Persönlichkeit widerspruchslos bzw. rational ist 60 “
Bei dem Vergleich der Roscher und Knies Aufsätze fällt zunächst auf, wie unterschiedlich diese im Aufbau sind. Im Aufsatz über Roscher und seine historische Methode befasst sich Weber in der Tat mit dessen Methode, indem er die Aspekte hervorhebt und erörtert, in denen er nicht mit Roscher übereinstimmt. Beim Knies Aufsatz hingegen, muss der Leser nach wenigen Sätzen bereits feststellen, dass es hierbei nicht allein um eine Behandlung der Knies´schen Methode geht, sondern sich Weber darin auch mit Wundt, Münsterberg, Simmel, Gottl, Lipps und Croce auseinandersetzt 61 . Wer nach einer Erklärung sucht wird zwangsläufig rasch auf diese Äußerung Webers stoßen: „…in den Ausführungen dieses ersten Abschnitts muss zunächst der Anschein entstehen, als sei Knies nur der Vorwand für das hier Gesagte 62 “. In der wissenschaftlichen Literatur wird dies öfter so interpretiert, als sei Knies denn auch tatsächlich ein solcher Vorwand 63 , Choi weist jedoch darauf hin, dass seines Erachtens es wirklich nur so scheine, als sei Knies ein Vorwand, tatsächlich aber die Abschweifung von Weber absichtlich so gewählt worden sei, um die Problematik in ihrer Aktualität und Verbreitung zu verdeutlichen 64 .
55 vgl. Weber, M. 1988, S. 45.
56 vgl. Weber, M 1988, S. 46, Fußnote sowie S. 64.
57 Weber, M 1988, S. 65.
58 Weber, M 1988, S. 69.
59 vgl. Weber, M. 1988, S. 138.
60 Löwe, J. 1998, S. 162.
61 Weber, M. 1988, Inhaltsübersicht.
62 Weber, M. 1988, S. 44, Fußnote.
63 s. u.a. Hennis, W. 1987, S. 145.
64 Choi, H.-K. 2000, S. 80, Fußnote.
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4. Webers Auseinandersetzung mit der älteren historischen Schule in der wissenschaftlichen Literatur
Nach dem soeben dargelegten Inhalt der Weber´schen Kritik, scheint es nun wichtig die Einschätzung dieses Inhalts zu betrachten, die von der wissenschaftlichen Fachliteratur vorgenommen wurde. Diese zusätzlichen Impulse lassen erst einen Gesamteindruck der Aufsätze entstehen, da die Auseinandersetzung Webers mit der älteren historischen Schule recht unterschiedlich eingeschätzt und behandelt wird. Teils werden Webers kritische Argumente widerlegt, teils werden die Aufsätze in einen größeren Zusammenhang eingeordnet, der deren Bedeutung im Weber´schen methodologischen Gesamtwerk erst klar macht, teilweise werden sie auch einfach ignoriert und es wird versucht Webers Stellung zur historischen Schule selbst herauszuarbeiten.
Hennis äußert sich über Webers Kritik an Knies in folgender Weise: Bei ihm entstehe der Eindruck, „dass Weber sich eine Riesenmühe macht, Knies´sche Gedanken so zu übernehmen, daß an seinen Umformulierungen kein Anklang an die Urform erkennbar bleibt 65 “ und das häufig „das genaue Gegenteil dessen, was Weber ihm unterschieben will 66 “ von Knies gemeint ist. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Hennis davon abrät, die beiden Aufsätze auf der Suche nach den determinierenden Elementen Webers Formation und bei der Klärung seiner Stellung zu der älteren historischen Schule zu konsultieren 67 . Seiner eigenen Maxime folgend geht er auch selbst in seinem Werk Max Webers Fragestellung nur wenig auf den Inhalt dieser Aufsätze ein, um Max Webers Stellung zur historischen Schule deutlich zu machen, sondern versucht die Position Webers durch die Verknüpfung verschiedener Originalwerke der Hauptakteure selbst herauszuarbeiten. Während Weber in seinen Aufsätzen über Knies und Roscher die Punkte vorstellt, in denen er nicht mit den Altmeistern der älteren historischen Schule konform geht, macht Hennis deutlich in wie vielen Punkten Weber dauerhaft und untrennbar mit der historischen Schule im Allgemeinen und Knies im Besonderen verbunden war. Dabei sieht Hennis diese Art Verbindung als eine Art Mitnahme des Ideengutes der älteren historischen Schule durch Weber an 68 . Alle Teilsoziologien Webers fänden sich bei Knies vorgedacht 69 . Auch das Verständnis der Volkswirtschaftslehre als eine Wissenschaft, in deren Mittel- 65 Hennis,W. 1987, S. 160.
66 Hennis, W. 1987, S. 160.
67 vgl. Hennis, W. 1987, S. 143.
68 vgl. Hennis, W. 1987, S. 162.
69 vgl. Hennis, W. 1987, S. 147.
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punkt der Mensch stehe, gehe auf Knies zurück 70 . Selbst die Bemühung um die Aufdeckung der ursächlichen Zusammenhänge zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und aller übrigen gesellschaftlichen Erscheinungen 71 habe Weber von der historischen Schule übernommen. Auch noch im Objektivitätsaufsatz erkennt er in Webers Aussage über die Werturteile in der Nationalökonomie noch eindeutig die Wurzeln der historischen Schule wieder 72 . Und so ist denn auch Hennis Schlussfolgerung nicht überraschend, dass Weber die Positionen der historischen Schule nur radikalisiere, „sei es als Konsequenz seines eigenen, immer das Extrem vor dem Mittelmaß vorziehenden Temperaments, sei es als Konsequenz der in seiner Generation noch viel radikaleren Desillusionierung gegenüber allen universalistischen und harmonistischen Restvorstellungen der Aufklärung 73 “. Roscher ist bei Hennis Ausführungen unbeachtet geblieben.
In seiner Abhandlung über dem Ansatz von Knies diskutiert Löwe auch Webers zweigeteilten Aufsatz über diesen. Nach seinem Empfinden ist die Kritik Webers nicht in sich schlüssig, da dessen Einwände nur teilweise explizit formuliert seien und seine, zumeist in unterschiedlichen thematischen Kontexten vorgebrachten Kritikpunkte, kaum in Bezug zueinander stünden 74 . Gegen den Vorwurf der Knies´schen Irrationalität wendet er ein, dass dieser das freie und daher irrational-individuelle Handeln von Weber unterstellt bekomme. Seine Argumentation stützt er auf 4 Thesen 75 :
- Knies habe die Begriffe Irrationalität und Unberechenbarkeit kaum verwendet, vor allem nicht zur generellen Charakterisierung menschlichen Handelns.
- Knies verdeutliche an zahlreichen Stellen, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen sei und rational handeln würde, indem er sich der Zweck-Mittel-Abwägung bediene.
- Menschliches Handeln sei gemäß Knies stets erklärbar und somit auch rational, wenn es durch Triebe oder die Sphären der Metaphysik beeinflusst sei.
- Zwar sei das Verhalten des Menschen, sofern nicht durch Naturgesetze bestimmt, unberechenbar, da es abhängig sei von äußeren Einflüssen, jedoch sei es deshalb nicht weniger rational, nur weil sich ggf. die einzusetzenden Mittel ändern würden. Sollte ein Individuum lediglich durch naturgesetzliche Determinanten bestimmt sein oder das
70 vgl. Hennis, W. 1987, S. 146.
71 vgl. Hennis, W. 1987, S. 162.
72 vgl. Hennis, W. 1987, S. 164.
73 Hennis, W. 1987, S. 161-162.
74 vgl. Löwe, J. 1998, S. 156.
75 vgl. Löwe, J. 1998, S. 165-166.
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personale Element in einem bestimmten zeitlichen oder geographischen Zusammenhang konstant sein, sei es sogar berechenbar.
Tenbruck hingegen beschreibt, dass Weber nach seiner Krankheit und vor Schreiben des Roscher-Aufsatzes, Gottls Lehrsätze der Volkswirtschaftslehre entdeckte. Er versprach sich von ihnen, dass sie eine rationale Deutung wirtschaftlicher Ereignisse möglich machen würden. Die Lösung für die Überbrückung der Kluft zwischen den beiden Schulen des Methodenstreits schien für ihn zunächst gefunden, da sich durch Gottl endlich die Geschichte aus sich selbst heraus zu offenbaren und auch gar nicht mehr im Widerspruch zu den Lehren der theoretischen Schule zu stehen schien 76 . So sehr Weber jedoch durch die neu entdeckte Richtung eine Überwindung des Methodenstreits erhoffte, so sehr musste diese auch zu seiner Verwirrung beigetragen haben „weil diese neue Richtung sowohl dem Empirismus seiner historischen Schulung sowie dem Methodenbewusstsein seines positivistischen Wissenschaftsbegriffs suspekt sein musste 77 “. Aus diesem Grund winde sich Weber im Roscher-Aufsatz geschickt und vorsichtig durch Schwierigkeiten hindurch, verzichte auf Stellungsnahmen, beschränke sich auf immanente Kritik. Er schlage keine Lösungen vor, da er sachlich noch nicht vorbereitet gewesen sei für die Umsetzung und Anwendung der neuen logischen Form, die sich durch Gottl ergab. Im Knies Aufsatz, so Tenbruck weiter, habe er dann mit rationaler Deutung vorgehen wollen, jedoch kam mit zunehmender Reflexion des Themas Skepsis daran auf, und der Aufsatz geriet ins Stocken, der Abgabetermin für das Auftragswerk konnte nicht eingehalten werden. Jedoch: in dem zweigeteilten Knies-Aufsatz sei die Auseinandersetzung mit den neuen logischen Formen klar zu erkennen, die Weber in dieser Phase für bedeutend hielt, untersuchte und letztlich doch verwarf 78 . Nun sei klar, wie sich die „Frühphase der methodologischen Arbeit Webers jetzt gliedert und die Teile in die Reihe fallen. Nicht der Durchbruch einer neuen Konzeption, sondern das Scheitern einer Hoffnung unterliegt dem Versuch über die Altmeister 79 “. Tenbruck meint Webers Hoffnung und sein Scheitern klar in den beiden Aufsätzen erkennen zu können. Vor diesem Hintergrund erscheint seine Schlussfolgerung, dass der Roscher-Knies-Beitrag keine wesentlichen Stücke der reifen Methodologie Webers enthalte, da dieser sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht besaß, auch durchaus nachvollziehbar. Webers Methodologie sei erst im Objektivitätsaufsatz Webers erkennbar, der sich
76 vgl. Tenbruck, F. H. 1999, S. 34-37.
77 Tenbruck, F. H. 1999, S. 38.
78 vgl. Tenbruck F. H. 1999, 38-39.
79 Tenbruck, F. H. 1999, S. 39.
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von diesen Aufsätzen durch eine Souveränität, die auf Schwung und Zielsicherheit beruhe, abhebe 80 .
Selbstverständlich ist dies nur ein Auszug von Wahrnehmungen der Werber´schen Aufsätze in der Literatur. Sie verdeutlichen bereits hinreichend, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann und regen jeden durch ihre kontrastreiche Art dazu an, sich selbst zu überlegen, welchen Stellenwert er der Abhandlung Webers einräumen möchte, und inwieweit er dessen Kritikpunkte für berechtigt erachtet.
5. Schlussbemerkung
Die vorangegangen Kapitel haben nicht nur eine kurze Inhaltsangabe der Kernpunkte von Webers Kritik an Roscher und Knies wiedergegeben, sie haben noch viel mehr dargestellt, indem sie Webers Abhandlung von allen Seiten beleuchteten. Durch eine Rundumbeleuchtung dieser Aufsätze wurde deutlich, dass die Einordnung und Wertung abhängig davon ist, welchen Meinungen der wissenschaftlichen Literatur man sich anschließen möge und wie man selbst die vorgebrachte Kritik - auch vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte der Aufsätze - beurteilt.
Ich selbst habe die Argumente sorgfältig gegeneinander abgewogen und mich entschieden, die Aufsätze nicht als einen Teil Webers eigener Methodologie aufzufassen, sondern als ein Zwischenerzeugnis auf dem Weg dorthin. Die vorgebrachten Kritikpunkte Webers selbst sowie die Interpretation Tenbrucks veranlassten mich zu dieser Sichtweise. Die Wahrnehmung als Zwischenerzeugnisse macht die Aufsätze für mich aber keinesfalls unwichtig oder überflüssig. Das Gegenteil ist der Fall. Komplexe Problemlösungen vollziehen sich nach meinem Empfinden nur selten ohne Zwischenschritte, ja, diese sind häufig sogar zwingend notwendig, manchmal auch in Form von Fehlschritten, die auf irrtümlichen Annahmen basieren, und in der Regel ist es anfänglich sogar schwierig das Problem auf den Punkt zu bringen, zu formulieren und zu strukturieren. Dies alles kommt erst in nachfolgenden Stufen. Ähnlich auch bei Weber: im Stadium der Roscher-Knies-Aufsätze oft verschlungene Formulierungen, die klare Artikulation und die eigene Methodologie zeigte sich erst im Objektivitätsaufsatz.
80 vgl. Tenbruck, F. H. 1999, S. 39.
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Damit dieser Prozess aber überhaupt erst in Gang gesetzt werden kann, ist es doch zunächst wichtig, ein Problem als solches zu erkennen und den Mut zu haben, dieses auszusprechen. Häufig erfordert dies auch das Anzweifeln gängiger Meinungen. Genau diese Fähigkeit ist eine besondere Leistung Webers: „Selbstverständlichkeiten anzuzweifeln, in ihnen jedenfalls ein Problem zu sehen, vor ihnen auf der Hut zu sein, war für Weber die eigentliche Aufgabe der Wissenschaft 81 “. Durch die Aufsätze über Roschers und Knies Methode wird Webers Kritik deutlich, eine Lösung bietet er jedoch noch nicht, da er sich noch nicht auf der Erkenntnis-Stufe befindet, die dies möglich macht. Und dies ist auch zunächst in Ordnung so, denn schließlich findet er in seiner weiteren methodologischen Schöpfensphase zu dieser Lösung - seiner eigenen Methodologie. Dieses Anzweifeln von Selbstverständlichkeiten ist meines Erachtens von elementarer Wichtigkeit für die Weiterentwicklung und den Fortbestand unserer Gesellschaft. Ohne diese Eigenschaft wäre der Mensch heute nicht auf dem Entwicklungsstand auf dem er sich befindet. Dies bezieht sich auf alle Lebensbereiche und Wissensgebiete. Ohne ein ständiges in Frage stellen von vermeintlichen Tatsachen, würde die Erde noch immer als Scheibe wahrgenommen.
81 Hennis, W. 1987, S. 124.
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Literaturverzeichnis
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Choi, H.-K. (2000): Max Weber und der Historismus. Max Webers Verhältnis zur historischen Schule der Nationalökonomie und zu den zeitgenössischen deutschen Historikern. Waltrop: Verlag Hartmut Spenner.
Hanke, E. (2007): Das Faszinosum Max Weber. Akademie Aktuell, Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ausgabe 01/2007, Nr. 20.
Hennis, W. (1987): Max Webers Fragestellung. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
Löwe, J. (1998): Kontextuale Theorie der Volkswirtschaft. Der Ansatz von Karl Knies als Grundlage zukünftiger Wirtschaftspolitik. Amsterdam: G+B Verlag Fakultas Imprint
Nau, H. H. (1997): „Eine Wissenschaft vom Menschen“: Max Weber und die Begründung der Sozialökonomik in der deutschsprachigen Ökonomie 1871 bis 1914. Berlin: Duncker und Humblot GmbH.
Rieter, H. (2002): Historische Schulen in Issing, S. (Hrsg): Geschichte der Nationalökonomie. Nördlingen: Verlag Franz Vahlen GmbH .
Stavenhagen, G. (1957): Grundriss der Sozialwissenschaft. Geschichte der Wirtschaftsthe-orie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.
Tenbruck, F. (1999): Die Genesis der Methodologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 11. In Harald H. (Hrsg.): Das Werk Max Webers: Gesammelte Aufsätze zu Max Weber. Tübingen: Mohr Siebeck.
Weber, M. (1988): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: Mohr, 1988.
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Alexandra Anna-Maria Gewiese, 2007, Max Webers Auseinandersetzung mit der Historischen Nationalökonomie 1, München, GRIN Verlag GmbH
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