Inhalt
Einf ührung. 3
1. Was kreierte die Opferbereitschaft der Kamikazepiloten? 6
1.1. Erziehung und Propaganda 8
1.2. Profil der Kamikazepiloten. 9
1.3. Das militärische Zwangssystem. 15
2. Der schöne Tod des Kriegers - Religion, Mythen und Tradition als kultureller
Hintergrund der Kamikazeoperation. 17
2.1. Religiöse Heilversprechen - Der Yasukunismus. 18
2.2. Tragische Opferhelden als Vorbilder 21
2.3. Ästhetisierungsstrategien - bushidō und Kirschblüten. 24
Schluss : Kriegshelden oder Kriegsopfer? 26
Literaturverzeichnis. 28
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Einführung:
Die Bezeichnung Kamikaze ist mittlerweile in der westliche Welt zu einem geflügelten Wort geworden. Die Konnotationen die wir heute mit Kamikaze verbinden sind vor allem von der amerikanisch-alliierten Erinnerung an den Pazifikkrieg geprägt. Das Wort wurde in der Nachkriegszeit zum Synonym, für die mörderischen Selbstmordangriffe junger japanischer Piloten auf die US-Kriegsflotte im letzten Jahr des Pazifikkriegs. Darüber hinaus wird der Begriff mittlerweile jenseits des historischen Kontextes, für rücksichtsloses, sich Selbst und Andere gefährdendes Verhalten benutzt. Im englischsprachigen Raum ist in der Presse 1 2005). Dies spiegelt den öfters von „kamikaze taxi driver“ die Rede (vgl. Bill Gordon
negativen Stereotyp wieder, welcher den Kamikazepiloten, die von der amerikanischen Seite als fanatisiert und Lebens verachtend wahrgenommen wurden, bis heute anhaftet und die 2 prägt. Ein Japaner konfrontiert mit dem Begriff Kamikaze, westlichen Erinnerungskulturen
wird jedoch keineswegs sofort die Selbstmordangriffe japanischer Piloten vor Augen haben und auch werden wahrscheinlich bei ihm nicht die gleichen negativen Konnotationen hervorgerufen. Innerhalb der kulturellen Erinnerung Japans, hat Kamikaze einen besonderen Stellenwert. Es handelt sich dabei um die Konstruktion eines nationalen Mythos, der 3 wurde. Man kann den Ausdruck sinngemäß mit Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses
„Göttlicher Wind“ übersetzen und nach alter Überlieferung steht er für mystische Taifune die 4 Der Überlieferung zu Folge haben Taifune Japans Küsten vor feindlicher Invasion schützen.
1274 und 1281 vor der Küste Japans der mächtigen mongolischen Invasionsflotte Kublai Khans, solch einen verheerenden Schaden beigebracht, dass ihr Angriff abgewehrt werden konnte(vgl. Morris 1999). So blieb das Japanische Inselreich bis zur Niederlage im Pazifikkrieg gegen die USA, von fremden Invasoren verschont. Mit der Etablierung eines einheitlichen nationalen Schulsystems in der Meiji-Zeit(1868-1912) fanden die beiden japanischen Gründungsmythologien aus dem 8. Jahrhundert Kojiki und Nihon shoki Eingang in den Geschichts- und Moralunterricht(vgl. Shimada 1998). Damit konnte der im Nihon shoki enthaltende Kamikazemythos Eingang in das Gedächtnis einer breiten japanischen Masse finden. Auch in das Gedächtnis des geistigen Vaters der Kamikazeattacken,
1 Bill Gordon hat als Masterprojektarbeit an der Wesleyan Universität die umfassende dokumentarische Internetseite Kamikaze Images aufgebaut.
2 Zum Begriff Erinnerungskulturen, der die Pluralität der kulturellen Erinnerung betont vgl. Erll 2005 3 Zur Theorie des kulturellen Gedächtnisses, vgl. A. Assmann 2006 u. J. Assmann 1988, Aleida Assmann(2006:40-42) betont die identitätsstiftende Bedeutung mythischer Erzählungen, als Medien des nationalen Gedächtnisses und
Jan Assmann(1992: 76) zufolge ist Mythos eine Geschichte die man sich erzählt, um sich über sich selbst und die
Welt zu orientieren, eine Wahrheit höherer Ordnung, die nicht einfach nur stimmt, sondern darüber hinaus auch
normative Ansprüche stellt und formative Kraft besitzt.
4 Zur Archäologie des Wortes, siehe Morris 1999: 530, wie er erläutert, ist der locus classicus des Ausdrucks eine
Passage im Nihon shoki,, der ersten offiziellen Chronik Japans(720 n. Chr.), Kamikaze ist darin ein makura kotoba, d.H. Beiwort zum Ise-Schrein, welcher wichtigster Ort für das Bitten um Schutz vor den Mongolen wurde
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Vizeadmiral der Marine Takijirō Ōnishi. So erklärt sich auch die Verbindung des Wortes Kamikaze mit den Selbstmordattacken japanischer Piloten im Pazifikkrieg. Die militärisch Verantwortlichen, besonders Ōnishi haben in bewusster Anlehnung an den Kamikazemythos den Namen Shimpū Tokkubetsu Kōgekitai („Spezialangriffsgruppe Göttlicher Wind“) für das 201. Luftgeschwader, das am 25. Oktober 1944 seine erste Selbstmordattacke flog, ausgewählt(vgl. Inoguchi/ Nakajima 1972). Shimpū hat identische Schriftzeichen und 5 Lesung bedeutet auch dasselbe wie Kamikaze, nur das es sich um die sino-japanische handelt. Wie das Wort schließlich Eingang in den westlichen Sprachgebrauch fand, ist nicht 6 Der ersten und auch erfolgreichsten Attacke 7 völlig geklärt. , folgten bis zum Kriegsende
viele weitere Selbstmordattacken und die Praxis ging von den Marine- auch auf die Heeresflieger über(vgl. Ohnuki 2002). Eine weitere berühmt gewordene, aber erfolglose 8 Kamikazegeheimwaffe war die Ōka -Bombe, eine bemannte unter einem Trägerflugzeug
montierte Rakete. Außerdem wurden unter anderem, mit Sprengstoff beladenen 9 Motorbooten und später mit bemannten Torpedos(kaiten ) Selbstmordattacken ausgeführt.
Innerhalb des Militärs wurden alle Angriffsgruppen dieser Art „Spezialangriffsgruppen“ (tokkubetsu kōgekitai, abgekürzt tokkōtai) genannt. Der Einfachheit halber werde ich in dieser Arbeit aber nicht den im Japanischen üblichen Begriff tokkōtai, sondern Kamikaze verwenden. In vorliegender Arbeit werden zunächst die soziokulturellen Hintergründe des Kamikazephänomens untersucht. Der Einfluss von Erziehung und Propaganda auf die jugendlichen Piloten wird im ersten Kapitel thematisiert. Danach soll geklärt werden wer die Piloten denn eigentlich waren und welche Umstände in ihrem militärischen Alltag dazu führten, dass sie ihre Todesmission freiwillig ausführten. Im zweiten Kapitel soll aufgezeigt werden, wie religiöse Heilsversprechen, der Kamikazemythos und die Kirschblütensymbolik, dazu dienten der Selbstmordtaktik Legitimation zu verschaffen, indem der Opfertod als schöner und Heil bringender Tod vermittelt wurde. Weiterhin soll kritisch hinterfragt werden, welche Rolle der wiederbelebte japanische Kriegerkodex (bushidō), als japanisches Männlichkeitsideal spielte. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob die Kamikazepiloten in einer Tradition „tragischer Opferhelden“(vgl. Morris 1999) stehen. Und ob 10 dieser Zeit diese Tradition nicht wie der bushidō auch, eine neu erfundene Tradition darstellt. Eine erfundene Tradition die Bestandteil der nationalistischen Propaganda war. Im Schlusskapitel wird zusammenfassend reflektiert, warum die jugendlichen Piloten quasi freiwillig in den sicheren Tod flogen. Und schließlich soll auf Basis der vorangegangenen Analyse, versucht werden eine Antwort auf die Frage zu geben: „Waren die Kamikazepiloten
5 Ōnishi verwendete diese Lesung vermutlich wegen des erhabeneren Klanges (vgl. Morris 1999) 6 Zur Verbreitung des Wortes Kamikaze in der amerikanischen Armee merkt Ivan Morris an, das einige Autoren wie
Nagatsuka(J'etais un kamikazé 1972: S. 215) die Vermutung anstellen, es sei erstmals durch Soldaten verbreitet wurden, die japanische Einwanderer der zweiten Generation waren
7 Eine Erfolgsstatistik der Kamikazeeinsätze findet sich bei Ohnuki (2002: 161) und Inoguchi/Nakajima(1958: 356-360)
8 Sino-japanisches Wort für Kirschblüte
9 kaiten bedeutet „Rückkehr zum Himmel“, ein weiterer Euphemismus für den Tod der Piloten, Geistiger Vater ist Marineleutnant Kuroki Hiroshi und erstmaliger Einsatz war im November 1944(vgl. Ohnuki 2002)
10 Zur Theorie der „Invented Tradition“ vergleiche Hobsbawm/Ranger 1983
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Kriegshelden oder Kriegsopfer?“ Diese Arbeit stützt sich auf in englischer und deutscher Sprache erschienene Literatur, daher standen nur begrenzte Erkenntnismittel zur Verfügung. Allgemein kann festgestellt werden, dass in westlichen Sprachen bis heute sehr wenig akademische Literatur zu den Kamikazepiloten erschienen ist. Pionierarbeit hat hier die amerikanische Ethnologin Emiko Ohnuki-Thierney geleistet. Sie behandelt die
Kamikazepiloten im Rahmen einer breitangelegten Studie, über die Militarisierung von Ästhezismen, wie der Kirschblüte, und über die Funktionalisierung solcher Ästhezismen innerhalb des japanischen Nationalismus. Schließlich zeigt sie die Rückwirkung dieser Ästhezismen auf die Kamikazepiloten. Sie beschreibt die Kamikazepiloten in ihrem soziokulturellen Hintergrund und entkräftet das Vorurteil, die Piloten seien militante Fanatiker gewesen, indem sie hinterlassene Dokumente und Briefe von fünf studentischen Piloten analysisiert (vgl. Ohnuki 2002). Einen detaillierten Einblick in Planung und Durchführung der Kamikazeoperation gibt das Werk von Inoguchi Rikihei und Nakajima Tadashi, „The Divine Wind“. Es war das erste englischsprachige Werk zu Kamikaze, 1953 wurde es vom US Naval Institut Annapolis publiziert. Die beiden Autoren zählten zu den wenigen Offizieren die als rechte Hand Vizeadmiral Ōnishis dienten und somit direkt in die Operationen involviert waren(vgl. Ohnuki 2002). Ivan Morris, der in seinem erstmals 1977 erschienenen Werk „The nobility of failure“, den Versuch unternimmt die Kamikaze-Piloten in die japanische Tradition 11 tragischer Opferhelden, wie etwa Saigo Takamori , einzuordnen, stützt sich ganz wesentlich
auf Inoguchi und Nakajimas Werk. Außerdem fällt auf, dass sich Morris Darstellung der Kamikazemission hauptsächlich auf in englischer Sprache erschienene Sekundärliteratur stützt. Im Jahr 2001 veröffentlichte der ARD-Fernostkorrespondent Klaus Scherer das Buch „Kamikaze. Todesbefehl für Japans Jugend. Überlebende berichten.“, nachdem er vorher für gleichnamige Fernsehdokumentation ausgezeichnet worden war. Das Werk basiert auf Zeitzeugeninterviews mit überlebenden Kamikazepiloten, Ausbildern, Angehörigen von Kamikazepiloten und sonstigen Beteiligten. Außerdem wurden auch Überlebende der amerikanischen Seite interviewt. Die Zeitzeugen gewähren tiefe Einblicke in den Alltag der Kamikazepiloten und in ihre Psyche. Die von Klaus Scherer interviewten Piloten waren Flugrekruten an den Akademien des Heeres oder der Marine. Emiko Ohnuki-Tierney befasst sich dagegen mit den schriftlichen Hinterlassenschaften, wie Briefen und Tagebücher von fünf studentischen Piloten. Sowohl Scherer als auch Ohnuki entlarven die Freiwilligkeit des Einsatzes als verkapptes Zwangssystem und zeichnen ein differenziertes Bild der Piloten, als von Zweifeln und widersprüchlichen Gefühlen geplagte Jugendliche in einer auswegslosen Lage. Dagegen beschreiben Inoguchi und Nakajima die Piloten mit eindeutig heroisierendem Unterton, ohne aber kritische Töne ganz auszublenden. Als Ausbilder konnten sie nur erahnen was wirklich in den Piloten vorging und sie beschränken sich vornehmlich darauf Anekdoten zu erzählen in denen die Piloten sich als wahre Patrioten ausgewiesen haben. Während sie in ihrem Werk versuchen ein heldenhaftes Andenken an die Piloten zu waren, sind Ohnuki und Scherer vielmehr um Aufklärung bemüht.
11 Saigō Takamori: „Der letzte Samurai“, Anführer der letzten Rebellion aufständischer Samurai 1867 gegen die Meiji Regierung, genannt Seinan(Südwest) Krieg oder Satsuma Rebellion(vgl. Ohnuki 2002: 81 und Ravina 2004:
197-210)
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1. Was kreierte die Opferbereitschaft der Kamikazepiloten?
Was jedem der sich mit dem Thema Kamikazepiloten befasst zunächst am erstaunlichsten vorkommen muss, ist wohl die Freiwilligkeit mit der so viele junge Männer sich auf ihre Todesmissionen begaben. Alle die das Thema Kamikaze später literarisch, biografisch oder wissenschaftlich verarbeitet haben, sind sich einig darin, dass man die Piloten nicht durch direkte körperliche Gewalt oder Drohungen gezwungen hat zu fliegen, oder ihre Kapseln von außen zugeschraubt hat. Offiziell haben sich alle Piloten freiwillig für den Einsatz gemeldet. Es erscheint auch sehr logisch, dass eine erzwungene Kamikazeattacke wenig Erfolg versprechend gewesen wäre. Und doch ist bei genauerer Betrachtung diese Freiwilligkeit äußerst fragwürdig. Verschiedene soziale und kulturelle Faktoren haben bewirkt, dass es den Piloten unmöglich erschien sich nicht freiwillig zu melden. Überlebende Piloten sagen sogar in aller Deutlichkeit, dass es ein verkappter Befehl war sich zum Kamikazeeinsatz zu melden (vgl. Scherer: 2001). Betrachten wir nun die bestimmenden Faktoren für die Opferbereitschaft der Kamikazepiloten.
1.1. Erziehung und Propaganda
In Japan setzte sich seit den 1930’er Jahren immer stärker ein kultureller Chauvinismus durch, der zum großen Teil als Gegenreaktion auf die Modernisierung seit der Meiji-Zeit verstanden werden kann. Die Schulerziehung vermischte sich immer mehr mit der Militärerziehung und das Militär gewann immer größeren Einfluss auf die zivile Politik. Die 12 1931 in deren Verlauf die Mandschurei annektiert und zum Mandschurei-Affäre
japanischen Marionettenstaat wurde, zeigt deutlich wie wenig Kontrolle die zivile Regierung noch über das Militär hatte(vgl. Zöllner 2006). Die späteren Kamikazepiloten erhielten in dieser Zeit der Entstehung des so genannten japanischen Faschismus ihre grundlegende Erziehung. Grundlage der Erziehung bildete bis 1945 das „Kaiserliche Erziehungsedikt“ (kyō iku chokugo) von 1890. Dieses Edikt war der ultimative Ausdruck des konfuzianisch geprägten Patriotismus, der bereits in den 1880’er Jahren als Gegenbewegung zu den liberalen westlichen Ideen aufkam (vgl. John Benson und Takao Matsumura 2001). Es wurden darin harmonische Beziehungen zu Familie und Staat, moralische und intellektuelle Perfektion, sowie Aufopferung für das Vaterland und den göttlichen Kaiser als höchste Werte manifestiert. Das Edikt hing zunächst in allen staatlichen Schulen neben den Portraits von Kaiser und Kaiserin. Später wurde es in feuerfesten Schreinen verwahrt und jeden Morgen vor dem Unterricht zeremoniell rezitiert. Toshio Iritani und Benson/Matsumura beschreiben ausführlich den Kult der um das Edikt betrieben wurde, beispielsweise hatte man sich zu verbeugen jedes Mal wenn man am Schrein der das Edikt enthielt vorbeiging(1991: 163,64,65/ 2001: 134). In den 30’er Jahren begannen die Grundschulen die Kinder gleich welcher Herkunft im Geschichts- und Moralunterricht mit nationalistischem Gedankengut zu
12 September 1931 täuschte die Guangdong-Armee einen Bombenanschlag auf die Südmandschurische Eisenbahn
vor und besetzte im Folgenden Mukden, später besetzte sie den größten Teil der Mandschurei und richtete einen
chinesischen Marionettenstaat ein(Zöllner 2006:355-57)
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indoktrinieren und sie auf den nationalen Vater, den Kaiser, einzuschwören. Iritani spricht von der Gleichschaltung der Erziehung und nennt folgende 4 Prinzipien: 1. Verehrung des Kaisers und seiner 3000 jährigen Erblinie, sowie Dankbarkeit für die Zugehörigkeit zum japanischen Volk. 2. Verehrung der Kriegstoten die im Verlauf der Japanischen Geschichte für Kaiser und Vaterland gefallen sind.
3. Streben nach Selbstlosigkeit, spiritueller Schönheit und Moral im Einklang mit dem kaiserlichen Weg, Abkehr vom Materialismus. 4. Fanatischer Patriotismus und der absolute Wille die japanischen Kriegsziele zu verwirklichen, Verherrlichung der vergangenen Kriege. (1991: 160) In dieser Zeit waren die Textbücher voll von glorreichen Kriegserzählungen und erklärtes Ziel war es eine wehrfähige Nation zu schaffen, die es mit jeder anderen Nation aufnehmen konnte. Beispielhafte Textbuchphrasen sind „Advance Soldiers, Advance!“ und „Our Good Country, our strong Country, Japan!“(Iritani 1991:163). Die nationalistische Gleichschaltung wurde manifestiert, durch staatliche Pamphlete und Gesetzesnovellen. Kurz vor Ausbruch des Chinesisch-Japanischen Krieges(1937-1945) veröffentlichte das japanische Erziehungsministerium die „Fundamentalen Prinzipien der nationalen Politik.“(kokutai no hongi). Darin wurde dem kaiserzentrierten Nationalismus wie folgt Ausdruck verliehen: „Der Geist der hundert Millionen Untertanen soll eins werden im Dienst für den Kaiser.“(Iritani 1991:163).
Außerdem wurde durch das „Nationale Schulgesetz“ (April 1941) eine Verringerung der Fächer auf Sozialkunde, Wissenschaft und Mathematik, Leibesertüchtigung und Kunst durchgesetzt und zum Ziel erklärt den Nationalen Geist zu stärken, die wissenschaftliche Intelligenz zu fördern, den Körper zu härten und die Moral zu verfeinern(vgl. Iritani 1991). Benson/Matsumura sowie Iritani beschreiben eingehend, wie militärische Ausbildung ab den 1930’er Jahren einen immer größer werdenden Anteil an der Schulerziehung einnahm. Acht bis zehn Prozent des Lesematerials für die unteren Grade und für die oberen Grade ungefähr die Hälfte, waren militaristisch. Die Lehrbücher enthielten keinerlei Informationen über andere Länder, was den Horizont der Schüler auf Japan beschränkte (vgl. Iritani 1991). Besonders in Kyushu wurde die Militärerziehung in den Schulen auf die Spitze getrieben. Als besonderes Beispiel nennen Benson/Matsumura die „cold water rubbing exercise“, bei der die Schüler sich jeden Morgen bis auf die Unterhose auszogen und sich mit in kaltem Wasser getränkten Handtüchern abrieben(2001: 136). Der absolute Gehorsam und die Opferbereitschaft wurden durch körperliche Züchtungen und allerlei Härten, die das Lehrpersonal den Schüler abverlangte, indoktriniert. Iritani zitiert den Schulrektor einer Modellschule für öffentliche Erziehung mit den bezeichnenden Worten:
„[ ... ] The nobility of the spirit of the soldier is to lead a life in which he may have to throw away his life as the hands and feet of the Emperor. [ ... ]
Entering this school is the same as joning the Army.[ ... ]“(1991: 178). Bereits 1917 hatte das Masaki Terauchi Kabinett proklamiert, dass militärisches Training sehr effektiv sei um Schülern gute Manieren und Gehorsam zu lehren. Ab 1925 wurden dann auf betreiben des Armeeministers Kazushige Ugaki und des Erziehungsministers
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Ryohei Okada immer mehr Armee Offiziere zur Ausbildung in Mittel- und Oberschulen eingesetzt. Damit nicht genug, 1931 machte der Minister der Armee Sadao Araki es verpflichtend für Studenten, militärische Vorlesungen an Universitäten zu besuchen. Ab 1939 wurden studentische Reservecorps an Gewehren trainiert und im August 1941 veröffentlichte das Erziehungsministerium eine Liste der essentiellen Punkte um patriotische Korps an allen Oberschulen zu bilden. Die Schuldirektoren waren angewiesen, die Schüler bei militärischen Operationen helfen zu lassen und sie in den Sommerferien als Gehilfen in die Munitionsfabriken zu schicke. Schließlich kam im Juni 1943 das Mobilisierungsgesetz für männliche Studenten. Durch dieses Gesetz wurde das reguläre Universitätsstudium auf ein Jahr gekürzt, das heißt ab dem 20. Lebensjahr wurden nun auch die Universitätsstudenten zum Militärdienst eingezogen, während ihnen vorher einen Aufschub bis zum 27. Lebensjahr zustand (vgl. Iritani 1991). Das war für die Durchführung der Kamikazeoperation von enormer Bedeutung, da in der Endphase des Krieges sehr viele studentische Soldaten mit fliegerischer Kurzausbildung für Kamikazeattacken eingesetzt wurden. Insgesamt waren rund ein Drittel der gefallenen Piloten, Studenten(vgl. Onuki 2002). Aber nicht nur die
Schulerziehung wurde nationalistisch und militaristisch geprägt, auch die Alltagskultur wurde seit Ende der 1930’er immer stärker propagandistisch durchdrungen. Der Musik kam dabei besondere Bedeutung zu, Iritani und auch Ohnuki gehen speziell darauf ein. Die Militärführer ordneten an, populäre Kriegslieder, Märsche und die Nationalhymne täglich über Rundfunk auszustrahlen. Indem man die Menschen singen ließ, stärkte man ihr
Zusammengehörigkeitsgefühl und stärkte ihre Kampfmoral(vgl. Iritani 1991). Die Inhalte der Lieder, die japanischen und europäischen Kompositionsstil vermischten, verklärten den Tod für Kaiser und Vaterland und das Kriegsheldentum. Da man diese Lieder stets bei Gruppenzeremonien sang, lösten sie eine hohe emotionale Affinität bei den Menschen aus. Iritani und Ohnuki nennen beispielhaft „Yumi yukaba“ (Off to the Sea), wichtigste Hymne hinter „Kimi ga yo“ der Nationalhymne, in der es heißt „The Emperor’s reign is perpetuity“ und weiter „When I go to the sea, I sea corpses that are barely covered. When I go to the mountains, I see corpses covered in grass. They died just for the Emperor.“(Iritani 1991:168). Genau dieses Lied sangen Kameraden den Piloten der ersten Kamikazeeinheit 13 am 21. Oktober 1944 zum Abschied (Inoguchi/ Nakajima 1972: 103). Zwei Shikishima
Kriegslieder, feiern die Heldentat der U-Bootpiloten die den Pearl Harbor Angriff 1941 mit einer Selbstmordattacke einleiteten. Diese Lieder wurden in den Grundschulen gesungen und darin wurde bereits die Bezeichnung „Spezialangriffsgruppe“(tokubetsu kōgekitai), wie sie für die späteren Kamikazepiloten benutzt wurde, verwendet (Ohnuki 2002: 141). Den Kamikazepiloten war also bereits seit der Grundschule die Selbstmordattacke als Heldentat vertraut. Iritani beschreibt noch ein weiteres wichtiges Instrumentarium zur Nationalisierung der Massen, das Ritual bei dem die Nationalflagge(rote Sonne auf weißem Grund) gehisst, dabei „Kimi ga yo“ gesungen wurde und anschließend alle im Chor „banzai(lang lebe) der
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Die ersten vier Kamikazeeinheiten hießen Shikishima, Yamato, Asahi und Yamazakura ausgewählt nach einem
Gedicht von Norinaga Motoori, nationalistischer Gelehrter der Tokugawa-Zeit: Shikishima no Yamato-gokoro wo hito towaba
Asahi ni niou Yamazakura-bana - „Der japanische Geist gleicht den Blüten der Bergkirschen die in der Morgensonne
strahlen“(Inoguchi/Nakajima 1972: 60)
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Kaiser!“, „banzai das große Japanische Kaiserreich!“ brüllten. Dieses Ritual musste sich tief in das emotionale Gedächtnis der Menschen einbrennen, ganz so wie der „Heil Hitler!“ - Ruf im Nazideutschland. Halten wir also fest, dass Erziehung und Propaganda die Jugend in der Vorkriegszeit schon mental darauf vorbereitet haben, ihr Leben im Krieg zu opfern. Im Zeitzeugeninterview mit Klaus Scherer bringt es der überlebende Kamikazepilot Hamazono auf den Punkt:
„Damals dachte man wahrscheinlich, dass ein Sohn für das Vaterland stirbt, das ist die höchste Ehre. Die Familie und auch die Söhne selbst. Die Erziehung hat uns dazu gebracht. In den Schulen gab es nur Geschichten über Kriege, Kaiser und Ähnliches. Es gab nichts anderes. Wir wurden in diese Form gegossen.“(2001: 77)
1.2. Profil der Kamikazepiloten
Wenden wir uns nun den Piloten, ihren Lebensläufen und ihrem Alltag auf den Militärbasen zu. Wer waren diese jungen Männer die sich bereiterklärten an einer Kamikazeoperation teilzunehmen? Allen Piloten gemeinsam war ihre Jugend, sie waren 16 bis ende 20 Jahre alt, zumeist unverheiratet und kinderlos. Als Sinnbild für die Jugendlichkeit und Unschuld der Piloten könnte der damals 17 jährige Yukio Araki stehen, dessen Abschiedsbild ihn zusammen mit Kameraden abbildet, wie er einen Hundewelpen auf dem Arm hält und dabei selbst irgendwie an einen Welpen erinnert(vgl. Scherer 2001). Arakis Bruder Seiichi beschreibt ihn als pflichtbewussten Jungen, der von der Notwendigkeit seines Einsatzes überzeugt war. Das er aber auch sehr unter seiner Situation litt und Angst hatte geht aus seinem Tagebuch hervor, das die Familie erst später erhielt. In der Familie sprach man typischerweise nicht offen davon, welcher Einsatz dem Sohn bevorstand. Er habe den „kaiserlichen Befehl“ erhalten, sagte Araki verblümt seiner Familie. Er unterdrückte seine Gefühle, und so tat es auch seine Familie (vgl. Scherer: 2001). Es galt als höchste Ehre wenn der Sohn als Kamikazepilot fiel. Die Nachbarn kamen um zu gratulieren und die Piloten wurden in der Öffentlichkeit als Helden gefeiert (vgl. Ohnuki 2002). Erst nach der Niederlage konnte Arakis Mutter offen Kritik üben und sie klagte über den sinnlosen Tod ihres Sohnes (vgl. Scherer 2001). Erziehung, Propaganda und Überwachung, zum Beispiel mit Hilfe der tonari gumi - Nachbarschaftsverbände, unterdrückten die freie Meinungsäußerung. Die Menschen verbargen sich hinter Formalität und Etikette. Die
Piloten waren entweder Kadetten mit verkürzter Flugausbildung oder Universitätsstudenten die zum Kriegsdienst eingezogen wurden und eine fliegerische Kurzausbildung von ca. 6 Wochen erhielten. Die ersten Missionen wurden ausgeführt von Kadetten ohne Kampferfahrung, wie etwa Shigeyoshi Hamazono oder Kenichiro Onuki, die während der Operation Shō - „Sieg“, der Endschlacht um die Phillippinen eingesetzt wurden(vgl. Inoguchi/Nakajima 1972). Mit großem Glück überlebten die beiden, da sie mit Motorschaden notlanden mussten. Sie sind exemplarisch für die frühen Kamikazepiloten. Sie waren bereits Marineflieger bei Beginn der Kamikazeoperation. Beide haben sich freiwillig zum Militär gemeldet um Flieger zu werden und sind dann nach verkürzter Ausbildung für den Kamikazeeinsatz herangezogen worden. Hamazono berichtet wie begeistert er als Grundschüler von den Fliegern war(vgl. Scherer: 2001):
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„[...] Mir als Grundschüler kamen diese Flieger wie Götter vor. Dann wurde der Krieg schlimmer und wir Kinder hörten in der Schule Fluglärm. Ich machte jedes Mal die Tür des Klassenzimmers auf und lief hinaus und schaute den Flugzeugen nach. Und das habe ich dann immer wieder gemacht. Der Lehrer hatte aufgegeben und schimpfte mich irgendwann nicht mehr. [...] Mein Gott, war ein Flugzeug herrlich! Mit einem Flugzeug kann ich bestimmt etwas Großartiges leisten, dachte ich. So bin ich dann tatsächlich ein Flieger geworden.“(Scherer 2001: 74/75)
Sich beim Militär freiwillig zu melden, wie es Hamazono, Onuki und Araki taten, war damals der Normalfall. Oft war bereits ein Bruder beim Militär, wie in Hamazonos Fall, oder die Klassenkameraden hatten sich schon gemeldet und man selbst wollte nicht nachstehen (vgl. Scherer 2001). Arakis Bruder kommentiert die Motivation ins Militär einzutreten so: „Damals haben sich die jungen Leute nicht die Frage gestellt, ob sie für oder gegen den Krieg waren, sondern hatten, wohl auch durch die Erziehung, die Einstellung, dass ihr Land bedroht sei. Und da war es, japanisch ausgedrückt, der unbedingte Wunsch der jungen Männer, im Militär zu dienen.“(Scherer 2001: 155)
Die im vorherigen Abschnitt beschriebene militaristische Erziehung war also äußerst wirkungsvoll dabei Nachwuchs für das Militär zu rekrutieren. Die Piloten die von der Schule direkt ins Militär eintraten wollten natürlich ihr Land verteidigen und den von der Propaganda verteufelten Feind zurückschlagen. Doch so weit zu gehen, sich dabei als menschliche Bombe aufzuopfern, hätte sich wohl beim Eintritt ins Militär keiner der Jungen träumen lassen. Onuki schildert das ungläubige Entsetzen, als sie erfuhren bei welcher Art Mission sie eingesetzt werden sollten:
„Als wir das hörten, waren wir alle wie gelähmt. Wir dachte uns: Mein Gott, müssen wir wirklich so etwas tun? Normalerweise bedeutete doch ein Kampf, dass man mit seinem Flieger versucht, jemanden abzuschießen. Aber sich darin auf den Feind stürzen, das war unmöglich.“(Scherer 2001: 41)
Erstaunlicherweise meldeten sich keine der Berufsoldaten, die bereits über Kampferfahrung verfügten, freiwillig für die Operation (Ohnuki 2002: 167). Beispielhaft ist der Fall von Yukio Seki, der sich erst nach ausdrücklicher Aufforderung durch Admiral Ōnishi bereiterklärte die Shikishima-Einheit anzuführen. Seki, der ein äußerst erfahrener Pilot war, erklärte dem Berichterstatter der kaiserlichen Marine Onoda Masashi:
„There is no more hope for Japan, if it has to kill such a skillful pilot like myself. I can hit an aircraft carrier with a 1,102 lb. bomb and return alive, without having to make suicidal plunge. [...] If it is an order, I will go. But I am not going to die for the emperor or for Imperial Japan. I am going form my beloved wife. If Japan loses, she might be raped by Americans. I am dying for someone I love most, to protect her.“ (Ohnuki 2002: 166)
Seki lässt hier erkennen, dass es ihm widerstrebt einen Selbstmordeinsatz anzuführen und er sich nicht für Kaiser und Vaterland aufopfern möchte. Er glaubt aber im Falle einer Niederlage könnte seine geliebte Frau von Amerikanern vergewaltigt werden. Sie zu schützen ist seine Motivation für den Einsatz. Propaganda und Erziehung hatten ihn also nicht zu einem militant nationalistischen Fanatiker gemacht, aber das negative Bild von vergewaltigenden Amerikanern hatte er tief verinnerlicht. Insofern hatte die nationalistische Propaganda doch ihre Wirkung bei ihm getan. So berichtet auch der überlebende Pilot Hamazono vom damaligen negativen Bild über Amerikaner und Briten:
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„“Teufel, Ungeheuer, Amerikaner, Briten“, so sagte man. Man hat von ihnen äußerst übel geredet. Nach dem Krieg habe ich Amerikaner gesehen und auch Russen. Mein Gott, hatten wir Glück, dass die Amerikaner kamen, nicht die Russen. [...]“ (Scherer 2001: 84)
Auch Inoguchi berichtet von der Auswahl Oberstleutnant Sekis als Staffelführer, er berichtet, wie Seki nach Erläuterung der Mission, sich sofort ohne Zögern dazu bereit erklärt hat(Inoguchi/Nakajima 1972: 45). Das Seki sich bereit erklärte und die erste Kamikazeattacke anführte steht zweifelsfrei fest, doch in seinem Bemühen Seki heldenhaft darzustellen, übergeht Inoguchi einfach dessen kritischen Äußerungen. Auch Hamazono berichtet von einem Staffelführer, der Vizeadmiral Ohnishi bei einer Ansprache vor allen Piloten die kritische Frage stellte, ob er nicht zurückkommen dürfe, wenn er es schaffe ohne Selbstmordattacke ein feindliches Schiff zu versenken und daraufhin eine Abfuhr erhielt (vgl. Scherer 2001). Da Hamazono zur gleichen Zeit wie Seki auf den Philippinen stationiert war, könnte es sich bei diesem aufmüpfigen Staffelführer auch um Seki gehandelt haben. Obwohl sich natürlich die jungen Rekruten, im Gegensatz zu dem erfahrenen Staffelführer Seki, nicht trauten offen Kritik an ihrer Mission zu äußern, gibt es genug Belege dafür das auch sie nicht begeistert von ihrer Mission waren. Das auf Fotos so oft dargestellte Lächeln der Piloten vor dem Abflug, entlarvt Pilot Hamazono als schönen Schein:
„Vor den Augen der Anderen, als Mann und als Pilot, der Japans Luftraum verteidigen soll, da durfte man weder Tränen noch ein weinerliches Gesicht zeigen. Das war ein vorgetäuschtes Lachen. Im Inneren weinte man natürlich. So waren die Piloten. Geht man rein in die Gruppe, die am nächsten Tag abfliegt, sieht man, wie sie Lärm machen und laut lachen. Wenn alle mit dem Trinken fertig waren, um 11 oder 12 Uhr nachts, redeten sie mit leiser Stimme von den Familien. Das war das wahre Gefühl, denke ich.“(Scherer 2001: 78)
Es ist denke ich wichtig zu verstehen, dass die Piloten wie jeder Mensch Angst vor dem Tod und Zweifel an der Mission hatten, aber diese Gefühle nicht offen zeigen konnten. Nach dem Scheitern der Operation Shō besetzten die Aillierten die Phillipinen. Nun wurde von der Japanischen Marine und dem Heer, zum Schutz der Hauptinseln vermehrt die Kamikazetaktik eingesetzt. In der Schlacht um Okinawa kam dann zum ersten Mal auch die bemannte Ōka-Rakete zum Einsatz. Diese musste allerdings von einem Trägerflugzeug in die Luft gebracht werden, so dass die Amerikaner dazu übergingen die Startbasen zu bombardieren und die schwerfälligen Trägerflugzeuge abzuschießen noch bevor sie die Ōka-Rakete ausklinken konnten (vgl. Gerhard Krebs 2001). Der Kampffluglehrer Fujio Hayashi wurde an der Entwicklung der Ōka-Rakete beteiligt und hatte später die Aufgabe Piloten für den Einsatz auszuwählen. Er berichtet wie enttäuscht er von der geringen Erfolgsquote dieser angeblichen Wunderwaffe war:
„In einem Wort, es war dumm. Selbst damals habe ich diese Waffe nicht gut gefunden. Als ich mich beworben hatte, hatte ich eine andere Waffe vor Augen. Eine, die mit einem großen Katapult abgeschossen würde, mit kleinen Flügeln und einem großen Sprengkopf. [...] Ich hatte also gedacht, dass ich nun so eine gute neue Waffe auf den Weg bringen würde. Erst als ich tatsächlich in diese Truppe versetzt wurde, habe ich herausgefunden, dass die Waffe eine unter dem Trägerflugzeug angebrachte Menschenbombe war. Die Bombe würde von den feindlichen Kampffliegern abgeschossen werden, dachte ich, bevor sie vom Trägerflugzeug überhaupt losgeschickt wird. Man
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hat mich betrogen, so habe ich gedacht. So eine gute Waffe wie jene, die ich mir vorgestellt hatte, konnte die japanische Marine gar nicht bauen, dachte ich.“ (Scherer 2001: 138/39) Dennoch wählte er weiter Piloten für die Einsätze aus, mit der fatalistischen Einstellung, dass ja früher oder später sowieso alle im Krieg ums Leben kommen würden:
„Ich war fest überzeugt, dass alle früher oder später sterben würden. Deshalb hielt ich es auch für nicht so wichtig, ob das gleich passierte oder später. Und ich glaube, die meisten jungen Piloten, die ernannt worden sind, wollten möglichst früh gehen. Die Zeitungen berichteten am Anfang noch mit größeren Überschriften über den Tod der Piloten. Je später es wurde, desto kleiner wurden die Überschriften. Darüber hatten auch die Piloten untereinander manchmal gescherzt.“ (Scherer 2001: 142) Wenn man also schon sterben musste, dann lieber als Held über den groß in den Zeitungen berichtet wurde. Diese Einstellung war anscheinend verbreitet unter den Piloten und wie wir im vorherigen Abschnitt festgestellt haben, wurzelte sie zu einem großen Teil in der militaristischen Erziehung. Das der Krieg bald vorbei sein würde und der eigene Tod gar nicht so unausweichlich war, blieb den jungen Piloten verborgen (vgl. Scherer 2001). Hätten sie es gewusst, so hätten sich sicherlich nicht freiwillig in die Opferheldenrolle gefügt. Als immer mehr Kamikazeeinheiten aufgestellt wurden um die Angriffe zu steigern, reichte die Zahl der Flugrekruten nicht mehr aus und Universitätsstudenten, mit nicht Kriegswichtigen Studiengängen, also angehende Geisteswissenschaftler wurden für die Kamikazeoperation rekrutiert. Durch die Verabschiedung des Rekrutierungsgesetzes für Universitätsstudenten im Juni 1943, wurde dieses Verfahren ermöglicht. Die Studenten waren vielmehr noch als die regulären Rekruten dazu verdammt, Kanonenfutter zu werden, denn es mangelte ihnen erheblich an Erfahrung und Technik. Hamazono der selbst nur ein Jahr lang ausgebildet worden war beschreibt die Lage dieser Studenten:
„Studenten wurden damals schon nach 10 Monaten Studium vorzeitig von der Uni entlassen. Tag für Tag kamen solche Männer auf den Posten eines Marine-Leutnants. Sie sahen dann zwar aus wie Marine-Leutnants, aber auf jeden wirkten sie unsicher. Am nächsten Tag wurden sie im Kampf eingesetzt, und keiner kam zurück. Wenn ich mit ihnen trainierte, sah ich dass sie nicht schießen konnten. Was soll das heißen, fragte ich mich. Das war meines Erachtens eine einzige Vergeudung von Menschen und Maschinen“(Scherer 2001: 75)
Die studentischen Piloten unterschieden sich im Wesentlichen von den Flugrekruten dadurch, dass sie eine höhere Bildung genossen hatten und sehr belesen waren. Ihre hohe Bildung ist wohl auch der Grund dafür das, sie in größerem Umfang Briefe und Tagebücher hinterlassen haben. Die schriftlichen Hinterlassenschaften einiger der studentischen Kamikazepiloten wurden von ihren Familien editiert und als Buch veröffentlicht. Aus diesen Schriften erfährt man wie kosmopolitisch gebildet einige Piloten waren(vgl. Ohnuki 2002). Nicht nur das einige die Aufnahmeprüfungen zu den besten japanischen Universitäten, wie der Tōkyō Universität, mit Bravour bestanden haben, sie lasen auch Werke berühmter westlicher und japanischer Philosophen und Literaten ihrer Zeit. Oft stammten sie aus der gehobenen Mittelschicht und kannten keine finanziellen Sorgen. Zum Beispiel Sasaki Hachiro, der im Dezember 1943 von der Tōkyō Universität zur Marine eingezogen wurde, sich schließlich zur Kamikazeoperation meldete und am 14. April 1945 im Alter von 22 fiel (vgl. Ohnuki 2002). Sasaki konnte Deutsch im Original lesen und las die wichtigsten Philosophen, Ökonomen, Soziologen, Politologen, Literaten und Naturwissenschaftler, wie
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Feuerbach, Fichte, Hegel, Kant, Marx, Nietzsche, Weber, Rousseau, Lenin, Einstein, Planck, Goethe, Hesse, Shakespeare, Wilde, Carlyle Tolstoi, Dostojevski und Andere. Außerdem las er die entsprechenden Werke Japanischer Autoren. Er war mit einem Wort ausgedrückt ein wahrer Intellektueller. Was brachte ihn dann aber dazu sich freiwillig für einen Kamikazeeinsatz zu melden? Denn ihm stand die Möglichkeit offen auch eine Schreibtischarbeit auf einer der Militärbasen zu bekommen (vgl. Ohnuki 2002). In seinem Inneren hat sich ein ständiger Kampf abgespielt, zwischen dem Drang etwas für sein Land und die Gemeinschaft zu erbringen und der individuellen Opposition gegen das ultranationalistische System welches ihn und seine Kameraden zur Opferbank führen wollte: „Zwei Seelen wohnen auch in Mein Herz!! After all I’m just a human being. Sometimes my chest pounds with excitement when I think of the day I will fly into the sky. I trained my mind and body as hard as I could and am anxious fort he day I can use them to their full capacity in fighting. I think my life and death belong to the mission. Yet, at other times, I envy those science majors who remain at home. Or I think of those fellows who did not pass the draft examination as „having managed“ cleverly.“ I envy those who became bookkeepers or those who work at the headquarters. I am drawn by my second soul to the earth. [...] When I talk to my comrades who are also going on the mission, when I visit my family and relatives who encourage me and thank me, then I become filled with spirit to protect them by becoming a shield for them. [...] On the other hand when I hear that those in bookkeeping or at the headquarters are talked about as if they are the ones with good academic records, or see those without talent becoming engineers and doctors, working at safe places and beeing pampered, then I realize that we are the ones who are placed at the most dangerous spot. I feel like a fool to be proud of my fitness as a pilot. Those who skillfully escaped by not qualifying in the examination and took shelter in bookkeeping, engineering, and medical tasks must be the real clever ones. One of my souls looks to heaven, while the other is attracted to the earth. (Ohnuki 2002: 207/8) Sasaki benutzt hier eine Metapher aus Goethes Faust um auszudrücken, wie hin und her gerissen er sich fühlt. Einerseits will er seine Pflicht gegenüber dem geliebten Vaterland erfüllen und seine Eltern schützen, aber andererseits sieht er auch die Ungerechtigkeit, das talentierte, gebildete Männer wie er sich aufopfern, während andere geschont werden, oder sich um die gefährlichen Posten an der Front drücken können. Er war ein Idealist der für ein besseres Japan mit humanistischen Gesellschaftsprinzipien, ohne egoistisch motivierten Kapitalismus, kämpfen wollte und auch bereit war sein Leben dafür zu opfern. England und die USA waren für ihn die Repräsentanten dieses egoistischen Kapitalismus. Ihm bereitete die westliche Moderne Unbehagen und er träumte von einer vormodernen Welt in der das Individuum loyal zur Gemeinschaft steht und die Menschen wieder im Einklang mit der Natur leben. Westliche philosophische Ideale und Utopien, wie Humanismus Marxismus, Romantik, verband er mit japanischen Philosophien, wie bushidō und „Schönheit der Natur“ (vgl. Ohnuki 2002). An Sasakis Fall kann man erkennen, wie die ultranationalistische Erziehung und der Militarismus auch kritische Geister teilweise vereinnahmen konnten. Sein Idealismus, gemischt mit dem patriotischen Pflichtgefühl für sein Land und seine Eltern führten am Ende dazu, dass er sich als Kamikazepilot meldete. Unter anderen Umständen wäre er wahrscheinlich ein brillanter Literat oder Akademiker geworden. Fassen wir also zusammen, dass sowohl die Kamikazepiloten mit akademischen Hintergrund als auch die ohne, ihrer Mission äußerst kritisch gegenüberstanden. Sie waren keine
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ultranationalistischen Fanatiker und hatten Ängste und Zweifel gegenüber ihrer Mission. Trotzdem wollten sie ihr Land nicht im Stich lassen und glaubten ihre Familie gegen die Amerikanischen und Englischen Feinde schützen zu müssen. Auch die Gruppendynamik ist ein wichtiger Grund warum die Kamikazepiloten freiwillig flogen. Keiner von ihnen wollte hinter seinen Kameraden zurückstehen. Militarismus und ultranationalistische Erziehung hatte ihnen den Blick auf einen möglichen Ausweg verstellt. Sie glaubten eine japanische Niederlage wäre der Untergang Aller und letztendlich müssten dann sowieso alle sterben (vgl. Scherer 2001).
1.3. Das militärische Zwangssystem
Wie konnte es dazu kommen das sich so viele junge Männer „freiwillig“ für diesen mörderischen Einsatz meldeten und was ging wirklich in ihnen vor? Sie waren einem militärischen Zwangssystem ausgesetzt, welches eine Synthese mit Erziehung, Propaganda und Religion einging und so die gesamte Gesellschaft durchdrang. Durch kontinuierliche körperliche Züchtigung, Misshandlung und Gängelung der jungen Rekruten durch vorgesetzte Berufsoldaten, wurde ihr Wille gebrochen. Sie verloren alle Kraft sich dem System zu widersetzen. Die körperliche Züchtigung waren die meisten jungen Männer zwar schon aus der Schule gewohnt, aber sobald sie ins Militär eintraten, ging man noch viel brutaler mit ihnen um. Wie man mit den Flugschülern im Militär umging weiß Kamikazepilot Hamazono zu berichten:
„[...] Wir Flugschüler wurden ja sehr niedrig eingestuft. „Offizier, Unteroffizier, Mütze, Besen, Schaufel und dann Flugschüler.“ hat man gesagt. Die Flugschüler wurden kaum wie Menschen betrachtet. Dummköpfe hat man sie gerufen, mehrmals am Tage geschlagen, und wir hatten immer drei, vier schwarze Streifenflecken am Po. Im Mund hing stets Schleimhaut. Geschlagen und geschwollen. Wir waren wie Kühe oder Pferde. Es gab solche Vorgesetzte die gern Schüler quälten. [...]“(Scherer 2001: 79/80)
Die Kamikazepiloten hatten es bei ihrem Eintritt ins Militär oft mit ignoranten und ungebildeten Vorgesetzten zu tun, die vor allem den Piloten mit akademischem Hintergrund den höheren Sozialstatus neideten (vgl. Iritani 1991). Manche der Vorgesetzten entwickelten ein Talent dafür junge Rekruten zu quälen. Sie waren regelrechte Menschenschinder und Sadisten. Irokawa Daiichi berichtet von der Misshandlung durch Vorgesetzte:
„After I passed the gate to the Tsuchiura Airbase, „training“ took place day after day. I was struck on the face so hard and frequently that my face was no longer recognizable. On January 2, 1945, Kaneko (ensign) hit my face twenty times and the inside of my mouth was cut in many places. I had been looking forward to eating zōni [a spezial dish with rice cakes for the New Year]. Instead I was swallowing blood from the inside of my mouth.“(Ohnuki 2002: 168)
Ähnliches erlebte wohl auch der studentische Pilot Sasaki Hachirō als er seinen Dienst auf der Yatabe Airbase antrat. Die Berufsoldaten nannte man dort „dämonische Gefängniswärter“ und sein Ausbilder hatte den Spitznamen „Ishioka der Dämon.“ (vgl. Ohnuki: 2002). Für die willkürliche Misshandlung der Rekruten lassen sich noch unzählige Beispiele anführen. Eine eingehende Beschreibung findet sich bei Iritani. Einen Soldaten der während seiner Armeelaufbahn 264 Mal geschlagen wurde zitiert Iritani mit den Worten:
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„The Army existed as an organization to fight with an enemy, and in war we have only two outcomes: the act of killing the enemy or being killed by the enemy. In a normal state of mind, one cannot kill people. So the army was a place for brainwashing us to quash dissent. Having been subjected to cruel and irrational punishments we were trained to act without thinking in response to orders.“ (Iritani 1991: 191)
Der bedingungslose Gehorsam wurde erzwungen mit Prügel und Misshandlung. So sah der militärische Alltag der Kamikazepiloten aus. Da verwundert es nicht, dass als Piloten wie Sasaki gebeten wurden sich für den Kamikazeeinsatz zu melden, ein Ablehnen quasi unmöglich war. Kenichiro Onuki, einer der überlebenden Kamikazepiloten, erklärt wie es sich mit der freiwilligen Meldung zum Kamikazeeinsatz verhielt:
„Ich sagte, dass ich nicht mitmachen will. Da fragten mich die anderen, ob ich es tatsächlich schaffen würde, zum Kompanieführer zu gehen und zu sagen: „Ich mache da nicht mit.“ Und da begriff ich, dass das nicht ging. Wer einmal in eine Institution wie die Armee eingetreten ist, kann sich nicht mehr entziehen. Die anderen sagten mir: „Hast du dir eigentlich mal vorgestellt, was passieren würde, wenn du dich nicht freiwillig meldest?“ Da dachte ich mir, das stimmt auch wiederum. Und deswegen haben wir uns alle freiwillig gemeldet. So kam es, dass ich Kamikaze-Soldat wurde.“(Scherer 2001: 41) Also steckte tatsächlich ein beträchtlicher Zwang hinter der „freiwilligen“ Meldung zum Kamikazeeinsatz. Auf die Frage ob er hätte ablehnen können antwortet der ehemalige Kamikazepilot Kensuke Kunuki:
„Das war ein Befehl. Und ein Befehl beim Militär kann man nicht ablehnen. Nachdem ich zur Kamikaze-Einheit gegangen war, wurden aus meinem Jahrgang mehrere solcher Einheiten gebildet. Da soll es einen gegeben haben, der laut geheult hat: „Ich will noch leben!“ Danach ist er allerdings doch ehrenhaft gefallen, wie es hieß. Das ist aber der einzige Fall von Widerstand, von dem ich weiß.“ (Scherer 2001: 61)
Und Hamazono antwortet gleichlautend auf die Frage ob der Einsatz freiwillig war: „Das ist eine absolute Lüge. Das sage ich ganz klar. Die klugen Leute, die im Hauptquartier waren, ich nehme an das der Kaiser auch dabei war, haben entschieden, dass das nicht nach Zwang aussehen sollte. Das musste nach freiem Willen aussehen. [...] Es gab kein Anmeldeformular. Wir sind jetzt eine Kamikaze-Einheit, hieß es. Wem das nicht passt, der soll die Hand hoch heben. Wer hätte das machen können? In der damaligen Stimmung, als ein Pilot, der den Himmel verteidigt, konnte man nie so etwas wagen. Auf keinen Fall.“ (Scherer 2001: 76)
Sogar die rechte Hand Vizeadmirals Ōnishis, Inoguchi gibt an einer Stelle im Buch „The Divine Wind“ zu, dass als die Kamikazeeinsätze gesteigert wurden, Zwang bei der Rekrutierung eingesetzt wurde:
„[...] Um mit dieser kritischen Situation fertig werden zu können, blieb nichts anderes übrig als die Kamikaze-Angriffe fortzusetzen und zu steigern. Unter diesen Umständen war das System der freiwilligen Meldungen vollkommen unzureichend. So entstand wie von selbst ein gewisser Druck, der >>Freiwillige<< zur Meldung ermutigte, und es ist verständlich, dass dieser Wechsel der Umstände einen Wandel in der Haltung der betroffenen Männer mit sich brachte.“ (Inoguchi/Nakajima: 1972: 274) Inoguchi spricht hier verblümt von einem „gewissen Druck“, was das wirklich bedeutete haben wir an den vorherigen Aussagen gesehen. Selbst das „System der freiwilligen Meldungen“ wie es Inoguchi nennt, war eine Farce, denn wer konnte den Arm unten lassen wenn sich alle Kameraden meldeten. Die Aufopferung für das Vaterland, war also nicht der „heroischen Seele“ der Piloten geschuldet. Jemand der einen Aufstand gegen das sinnlose
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Aufopfern der Piloten angezettelt hätte, wäre wohl aus heutiger Sicht ein Held. Zu seiner Zeit wäre er aber als Verräter geächtet und mundtot gemacht worden. Auch seiner Familie wäre es schlecht ergangen. Das militärische Zwangssystem war äußerst effektiv dabei die Soldaten für einen Kamikazeeinsatz gefügig zu machen. Dabei ist noch ein weiterer Aspekt von großer Bedeutung. Das Militär vermittelte den Rekruten vom ersten Tag an, dass Gefangennahme eine Schande sei und japanische Soldaten bis zum Tod kämpfen. Die Rekruten schätzten die Chance den Krieg zu überleben als äußerst gering ein und konnten sich nicht vorstellen, dass der Krieg auf einmal vorbei sein könnte (vgl. Scherer 2001). Wer ins Militär eintrat rechnete schon fest damit, dem Tod bald ins Auge blicken zu müssen. Der Pilot Onuki äußert sich dazu mit den bezeichnenden Worten:
„Ein Soldat stirbt ohne zu zaudern. Das war die Moral des japanischen Militärs. Wenn man in die Hände des Feindes fiel, sollte man sich umbringen. Das wurde uns anerzogen. Deswegen konnten wir nicht anders, als uns freiwillig zu melden. Ich möchte sehr, dass sie das verstehen.“ (Scherer 2001: 51) Die militärische Erziehung und Praxis lief also darauf hinaus, dass es für einen einmal eingezogenen Soldaten unter normalen Umständen sehr geringe Aussicht darauf gab, lebend wieder raus zu kommen. Überleben galt gar als Frevel. So musste der Pilot Onuki nach seiner Notlandung heftige Kritik und schlechte Behandlung über sich ergehen lassen. Nachdem er 45 Tage beinahe ohne Verpflegung auf einer Insel ausharren musste, wurde er schließlich mit Anderen zu einem Lager für Versprengte ausgeflogen. Der Vizekommandant dort sagte als erstes zu ihnen: „Warum seid ihr zurückgekommen?“, und dann: „Ihr seid ein Schandfleck für unsere Soldaten.“ Daraufhin wurden sie in dem Lager eingesperrt und durften keinen Kontakt nach Außen haben(Scherer 2001: 47). Die Existenz von Überlebenden Kamikazepiloten sollte geheim gehalten werden, um die Moral nicht zu untergraben. Ohnuki interviewte den Historiker und Zeitzeugen Irokawa Daikichi, der als studentischer Soldat eingezogen wurde, zu der Frage:
„[...]the first lesson student soldiers like himself were taught was how to kill themselves, rather than to be captured alive.[...] They were supposed to use this technique if they were trapped in a cave or in a trench surrounded by the enemy. If they did not kill themselves but tried to escape, others would shoot them from behind anyway, since their superiors and even some comrades believed in the state dictum not to be captured by the enemy. In other words, once you are drafted, you had reached the point of no return.“(2002: 167/168)
Demnach gingen die Eingezogenen sowieso davon aus, im Einsatz zu fallen und es muss ihnen daher auch nicht besonders schwer gefallen sein, sich zum Selbstmordeinsatz zu melden. Ohnuki gibt die Haltung vieler Piloten angesichts ihrer aussichtslosen Lage so wieder:
„If you were most likely to die anyway, you might as well die as a hero.“(2002: 170) Erziehung, Propaganda und die militärischen Realitäten ließen keinen Zweifel bei den Piloten, dass sie auf die eine oder andere Weise ihr Leben lassen würden, da könnte man annehmen, dass die Aussicht auf einen Heldentod tröstlich auf sie gewirkt hat. Aber wenige der Piloten hätten vor die wirklich freie Wahl gestellt, wohl den Heldentod gewählt. Vor ihrem Abflug wurden die Piloten gebeten ihr Testament und Briefe an die Familie zu schreiben,
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dies geschah auch unter Zwang und vor allem unter Zensur. Shinta Masamichi beschreibt wie das ganze Ablief:
„I knew the tokkōtai pilots would die like dogs. When i was selected to be one of 36 tokkōtai out of 200 trained to be tokkōtai, I sank into depths of dispair. I was told to write my will so that they can display it at the Exhibition Hall for Education (kyōiku sankōkan). Of course we could not say what we really thought and felt. So we had to lie. It was taboo to express our true thoughts (hon’ne). (Ohnuki 2002: 190)
Masamichi verwendet den japanischen Ausdruck hon’ne für wahre Gedanken, das ist ein sehr kultureller Begriff. In Japan ist es üblich in der Öffentlichkeit immer sein Gesicht zu wahren indem man ritualisierte Höflichkeit und Zurückhaltung praktiziert und die Wahren Gefühle hon’ne hinter einer Maske - tate’mae verbirgt. Der Pilot Kunuki beschreibt folgendermaßen wie das schreiben der Testamente der Piloten ablief und was er schrieb: „Wir wurden nicht dazu gezwungen, aber ich wurde ein paar Mal darum gebeten, etwas zu schreiben. Kein Testament, sondern mehr eine Widmung, auf besonderem Papier. Einige meiner Kameraden haben Testamente geschrieben. Als unsere Einheit gebildet wurde, sagte man uns, dass sie sogar unsere Stimmen aufnehmen würden. Wenn wir noch etwas sagen wollten, sollten wir es aufnehmen lassen. [...] Ich schrieb verschiedene Sachen. [...] Die anderen haben Kurzgedichte geschrieben. Ich habe auch welche geschrieben: „Zum Wohlergehen unseres Kaisers werde ich gerne ein Schutzschild für ihn sein und mein Leben dafür aufbieten.“ Das habe ich zum Beispiel geschrieben.“(Scherer 2001: 63)
Das Militär plante das heroische Andenken an die Kamikazepiloten mit Hilfe ihrer Briefe und Testamente zu pflegen. Es sollte ein Heldenkult um die Piloten entstehen. Den Piloten wurde gesagt, dass ihre letzten Briefe und die Testamente später ausgestellt würden. Dies setzte die Piloten natürlich unter Erwartungsdruck und sie reproduzierten in ihren Gedichten und Briefen meist die militaristische und nationalistische Ideologie, so wie es Kunuki tat, indem er schrieb ein Schutzschild für den Kaiser sein zu wollen. Daher können wie Ohnuki richtig bemerkt, diese schriftlichen Hinterlassenschaften nichts über die wahren Gedanken der Piloten aussagen. Das hindert das Museum des Yasukuni-Schreins Yūshūkan aber nicht daran, auch heute noch diese Briefe und Testamente der Piloten, als Ausdruck deren wahren Empfindungen, auszustellen und den Heldenkult um die Piloten weiter zu betreiben. Das unmenschliche militärische Zwangssystem wird dort in keinster Weise kritisiert.
2. Der schöne Tod des Kriegers - Religion, Mythen und Tradition als
kultureller Hintergrund der Kamikazeoperation
Die jugendlichen Selbstmordpiloten sollten 1944, wie die Taifune im 13. Jahrhundert, das Wunder von der Rettung des Kaiserreichs vollbringen und das Eindringen der immer näher rückenden amerikanischen Übermacht auf japanischen Boden abwenden. So verkündeten die Piloten Ōnishis in einer Kalligrafie: „Die Reinheit der Jugend wird den göttlichen Wind heraufführen.“(Morris 1999: 343). Da selbst die optimistischsten Geister unter den Militärführern, besonders nach Ausbleiben entscheidender Erfolge, schwerlich an die Vollbringung einer Kriegswende durch die Kamikazetaktik glauben konnten (vgl. Ohnuki 2002), ist denke ich vor allem auch ihre symbolische Bedeutung zu beachten. Die
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Kamikazetaktik wurde von der Militärpropaganda zur Demonstration der Überlegenheit des 14 gegenüber dem zahlen- und waffenmäßig japanischen Geistes - yamato damashi
überlegenen amerikanischen Feind benutzt. Und die Kamikaze-Piloten wurden zum Sinnbild 15 16 der absoluten Opferbereitschaft für Kaiser(Tennō) und Vaterland(kokutai ). Der bushidō ,
„Weg des Kriegers“, in vormoderner Zeit ausschließlich der privilegierten Kriegerkaste vorbehalten, wurde mit der wachsenden Militarisierung des Landes seit den 1930'er Jahren, auch in die Köpfe der einfachen Soldaten, ohne Offiziersrang eingepflanzt(vgl. Iritani 1991). Vor allem die darin enthaltene Todesverachtung und der Kampf bis in den Tod, falls kein Kampf möglich der Selbstmord, wurden nun als japanische Werte propagiert. Das ganze Furcht erregende Ausmaß der Wirkung dieser Propaganda, wurde am deutlichsten im Verlauf der Entscheidungsschlacht auf Okinawa, als es zu noch zahlreicheren banzai- 17 undvom Militär provozierten Massenselbstmorden unter der Zivilbevölkerung 18 Angriffen
kam(vgl. Morris 1977). Weiterhin spielte die Errichtung des Yasukuni-Schreins als 19 Kriegsgefallenenschrein, innerhalb der neu erfundenen Tradition des Staatsshintōs , eine
Rolle dabei das Opferheldentum zu fördern. Yagyū Kunichika nennt die „Logik“ im Staatsshintō vom Heil für die in einem Krieg für den Tennō Gefallenen treffend, „Yasukunismus“ (2003, 246). Yasukuni bedeutet „friedliches Land“, ein Paradies in das, nach der Staatsshintō-Lehre, die japanischen Kriegsgefallenen als unsterbliche Götter (kami) einkehren.
2.1. Religiöse Heilsversprechen - Der Yasukunismus
Der Opfertod der Kamikazepiloten hatte also auch, eine nicht zu vernachlässigende religiöse Komponente. Im Folgenden soll der Einfluss des Staatsshintō auf die Psyche der Piloten beleuchtet werden. Der Staatsshintō ist eine „erfundene Tradition“ der Meijizeit, eine potente Mixtur aus Religion, Ethik, und Nationalismus, verschieden von der lokalen Volkskultur der Schreine(vgl. Benson/Matsumura 2001). Er wurde vom Staat 1870-84 mit dem Ziel entwickelt Shintō von Buddhismus zu trennen und sollte zur „nationalen Sammlung“ beitragen. Er schlug mit seinen Lehren und Ritualen die Brücke zwischen Religion, Kaiser und dem Staat. Die zentrale Stellung im Staatsshintō nahm der Kaiser, japanisch Tennō, ein. In den folgenden Dekaden fand seine Transformation, zur als „lebender Gott“ verehrten Herrscherfigur statt (vgl. Benson/Matsumura 2001). Während er zunächts nur per Verfassung zum Nachkommen der ununterbrochenen göttlich-kaiserlichen Linie erklärt wurde. Am Beispiel der Inthronisierungszeremonie Kaiser Hirohitos 1928 wird deutlich in welchem Ausmaß die Verbindung von Shintō, Kaiser und Staat zugenommen hatten.
14 Der nationale Typus des Moralcharakters. Auch yamato-gokoro genannt. Übersetbar mit die „Seele des alten
Japan“, Yamato meint eine alte japanische Provinz die Sitz der frühen Kaiser war. (vgl. Lafcadio Hearn 1904)
15 Kokutai: „Nationale Essenz“ des japanischen Staates, vergleichbar mit „Volksgemeischaft“, diese Staatsideologie
betont die familiäre Einheit von japanischem Volk und Kaiser seit Anbeginn der Zeiten und wurde promulgiert über
das Kaiserliche Erziehungsedikt von 1890, rezitiert in allen staatlichen Schulen bis 1945
16 Ethik des Kriegeradels zwischen 1192 und 1867. Grundwerte des Samurai waren Treue gegenüber dem
Lehensherrn, Waffentüchtigkeit, Selbstzucht und Todesverachtung, Erfinder des modernen bushidō ist Inazo
Nitōbe, Autor des 1899 in Tokyō englischsprachig veröffentlichen Buches „Bushidō, The Soul of Japan.“
17 In aussichtslose Lage geratene Soldaten liefen unter lautem Banzai-Gebrüll in vielen Schlachten des Pazifikkriegs
ins Sperrfeuer der Alliierten, darunter zählen auch andere Formen spontaner Selbstmordattacken, Banzai bedeutet
sinngemäß übersetzt „Heil dem Kaiser!“
18 Hunderte Dorfbewohner sprangen von Klippen um nicht dem Feind in die Hände zu fallen
19 Shintō bedeutet wörtlich „Weg der Götter“ und ist Japans Urreligion, eine Mischung aus Natur- und Seelenkult,
Ahnenverehrung und Schöpfungsmythen, Zentrum der Verehrung sind zahlreiche Gottheiten( jap. kami)
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Benson/Matsumura beschreiben die mehrwöchigen zahlreichen Shintōrituale die mit der Inthronisierung einher gingen und ergänzen eine Beschreibung der Feiern zum 2601. Geburtstag des japanischen Kaiserreiches 1941, bei der religiöse Zeremonien abgehalten wurden und 120000 Kinder, Fabrikarbeiter und Repräsentanten nationaler Organisationen grüßend am tennō vorbeimarschierten und dieser ihren Gruß erwiderte (2001: 149). Zur Zeit der Kamikazepiloten war der Staatsshintō also fest in der nationalen Kultur verankert und gehörte zur Identität der Bevölkerung. Der nationalistischen Indoktrinierung und Gleichschaltung konnten sich Ende der dreißiger Jahre auch Andersdenkende nicht mehr entziehen. So wurden beispielsweise Christen gezwungen an den Ritualen des Staatsshintō teilzunehmen, wie etwa dem Besuch des Yasukuni-Schreins (vgl. Zöllner 2006). Dem Yasukuni-Schrein kam seit den ersten Kriegen der Meiji-Zeit, die wichtige Rolle zu, dem Kriegstod eine religiöse Bedeutung zu verleihen. Durch bestimmte religiöse Rituale verwandeln die Shintōpriester die Seelen der Gefallenen in Götter, die im yasukuni fortan residieren. Die so postmortum zu Götter erklärten gefallenen Soldaten wurden/werden von den Hinterbliebenen, Kameraden und sogar dem göttlichen Tennō selbst angebetet und verehrt (vgl. Kunichika 2003). Dies stellt die spezielle japanische Art der Glorifizierung von Kriegshelden dar. Ursprünglich hatte der Yasukuni-Schrein aber eine etwas andere Funktion. Zunächst noch unter dem Namen Shōkon-Schrein, war seine Aufgabe die Seelen 20 während der Meiji-Restauration der Krieger rituell zu besänftigen, die in den Kämpfen
gefallen waren (vgl. Zöllner 2006). Laut dem (shintōistischen) Volksglauben müssen die Seelen von unglücklich Gestorbenen rituell besänftigt werden, weil sie sonst zu rächenden Totenseelen(onryō) werden und Unglück über die Lebenden bringen(vgl. Antoni 1987). Der Religionswissenschaftler Klaus Antoni beschreibt den Zusammenhang dieses onryō-Glaubens der in der Heian-Zeit aufkam mit dem Kriegstotenkult folgendermaßen: „Im Zustand des tiefen Grolles über ihren gewaltsamen, oft grausamen Tod Gefallene könnten dem seit alters her überlieferten onryō-Glauben zufolge tatsächlich zu „rächenden Totengeistern“ werden, welche für die Gemeinschaft der Lebenden eine echte Gefahr bedeuten. Sie zu beruhigen und zu besänftigen stiftet man folglich heilige Orte, an denen sie als kami religiös erhöht, Verehrung empfangen. Nur auf diese Weise lässt sich die von den Totengeistern ausgehende Gefahr abwenden.“ 1879 folgte schließlich die Umbenennung in Yasukuni-Schrein, yasukuni - friedliches Land gibt den Hinweis, dass der Gedanke der Seelenbesänftigung noch immer eine wichtige Rolle spielte. Seine Funktion als Heldengedenkstätte rückte mit der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft in den Vordergrund. Das Militär ließ 1881 neben dem Schrein das Museum Yūshūkan zum Gedenken an den Seinan-Krieg errichten und in der folgenden Zeit war es der treibende Motor hinter der Gestaltung des ehrenden Gedenkens an die Gefallenen (vgl. Zöllner 2006). Die Armee wurde so zum Sprungbrett des Patriotismus(ebd. 233). Von Beginn an hatte das neue Militär die Kontrolle über den Schrein und machte ihn schließlich mehr und mehr dienstbar um die kaiserliche Armee zu glorifizieren und die Opferbereitschaft der Soldaten zu erhöhen (vgl. Ohnuki: 2002). Admiral Ōnishis Ansprache, vor dem Einsatz
20 Im Boshin-Krieg traten 1868 die Truppen des Tokugawa-Shogunats gegen die Anhänger des Kaisers aus
Satsuma und Chōshū an(Zöllner 2006: 181); 1877 fand der Seinan(Südwest)-Krieg statt, ehemalige Kämpfer für
den Kaiser wie Saigō Takamori kämpften für den Erhalt der Samurai-Privilegien und Tradition, unterlagen aber der
neuen Wehrpflichtigen Armee des Meijistaates (ebd. 229)
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der ersten Kamikazestaffel auf den Philippinen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Rolle des Staatsshintō bei der Förderung des Opferheldentums:
„Japan ist in großer Gefahr. Die Rettung unseres Landes steht jetzt nicht mehr in der Macht der Staatsminister, des Generalstabes und untergebener Kommandeure wie ich es bin. Sie kann nur von beherzten jungen Leuten wie Sie kommen. Daher bitte ich sie im Namen Ihrer hundert Millionen Landsleute um dieses Opfer und bete für Ihren Erfolg. Sie sind jetzt schon Götter ohne menschliche Wünsche, aber eines müssen wissen: dass ihr Opfertod nicht vergeblich ist. Bedauerlicherweise werden wir Ihnen ihre Erfolge nicht mitteilen können. Aber ich werde ihre Leistungen bis zum Schluß beobachten und über ihre Taten im Kaiserhaus berichten. In dieser Hinsicht können sie alle beruhigt sein. Ich bitte sie alle, Ihr möglichstes zu tun.“(Inoguchi/Nakajima 1972: 56/57) Den Kamikazepiloten wurde der Gottstatus also bereits vor der Einkehr in den Yasukuni-Schrein zugesprochen. Das musste ihre geistige Bereitschaft für den Einsatz natürlich steigern. Nakajima gibt an anderer Stelle ein bezeichnendes Gespräch mit Kamikazepiloten in einem Fliegerhorst ende 1944 wieder:
„Pilot: „Gibt es im Yasukuni-Schrein Rangunterschiede?“ Nakajima: „Im Yasukuni-Schrein gibt es keine Rangunterschiede. Das Vorrecht wird einzig durch den Zeitpunkt der Ankunft bestimmt.“ Pilot: „Dann werde ich also vor Ihnen den Vorrang haben, Herr Kapitän, weil sie noch so viele Piloten losschicken müssen, ehe sie selbst starten können.“ Anderer Pilot: „Sagen Sie, was sollen wir mit dem Kapitän machen wenn, wenn er sich im Yasukuni meldet?“ Alle: „Setzen sie ihn als Feldwebel im Kasino ein!““(Inoguchi/Nakajima 1958: 153).
Der Glaube, dass sie sich nach ihrem Tod alle im yasukuni wieder sehen, scheint also tief in das Bewusstsein der Piloten eingedrungen zu sein. In ihren Abschiedsbriefen schrieben die Piloten den Angehörigen und Geliebten oft, dass sie am Yasukuni-Schrein auf sie warten. Daher versammeln sich die Hinterbliebenen bis heute am Schrein um den Piloten ihre Ehre zu erweisen, nicht aber weil sie immer noch von der staatsshintōistischen Ideologie überzeugt sind (Ohnuki 2002: 182). Es muss auch angezweifelt werden, ob die Piloten damals wirklich von ihren eigenen Worten überzeugt waren, wenn sie davon sprachen sich im yasukuni wieder zusehen. Die von Klaus Scherer interviewten überlebenden Piloten jedenfalls, erwähnen mit keinem Wort eine solche Überzeugung. Man kann jedoch vermuten, dass viele von ihnen im Angesicht des Todes, doch hofften, dass es ein yasukuni für sie gibt. Die wichtigste Funktion des Schreins ist aber wohl weniger die Opferbereitschaft der Soldaten zu erhöhen, sondern vielmehr deren Totenseelen zu besänftigen und der Nachwelt von ihrer Glorie zu berichten. Hier ergänzen sich Yasukuni-Schrein und das Museum Yūshukan perfekt, der Schrein sorgt für die religiöse Sinnstiftung und das Museum pflegt das heroische Andenken. Indem der Schrein zum einzigen legitimen Ort, das Andenken der Gefallenen zu pflegen erklärt wurde und noch wird, ist seine Daseinsberechtigung auf Dauer gesichert. Viele hinterbliebene Mütter und Schwestern haben am Schrein Geld und Brautpuppen für ihre gefallenen Söhne oder Brüder geopfert. Damit versuchten sie, die Seelen ihrer gefallenen Söhne oder Brüder zu besänftigen, die ja nie eine Braut haben durften. Auch eine Tradition, die nicht der Staatsshintō begründet hat, sondern als lokales Brauchtum schon lange nicht nur in japanischen Dörfern sondern auch in anderen Gegenden Ostasiens gepflegt wird (vgl. Ohnuki 2002). Es sind so viele Puppen im Schrein eingegangen, dass im Yūshukan 1997 eine „Brautpuppen-Austellung zu Ehren
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der heldenhaften Seelen“ abgehalten wurde. Die Mutter Nami Satō die 1987 zusammen mit einem hohen Geldbetrag eine Brautpuppe mit prachtvoll farbigem Kimono für ihren Sohn Takekazu opferte schreibt:
„Takekazu, you were indeed great. You bravely told me to meet you at Yasukuni Shrine when you left home for the front at the age of twentythree....It is unbearable to think of you gone without taking a wife. Here is the most beautiful bride in Japan which we dedicate to you. Her name is Sakurako(Cherry Blossom Child). I am already 84 years old. If I continue to live, I will visit you again. Pleace sleep in peace. Thanking you, your Mother“(Ohnuki 2002: 180)
Am Beispiel der Kamikazepiloten zeigt sich, dass die Besänftigung der Seelen der unglücklich Gestorbenen, zurückgehend auf den onryō-Glauben, die Zentrale Funktion des Yasukuni-Schreins für die Hinterbliebenen zu sein scheint. Die posthume Verehrung als Helden scheint dagegen nicht unbedingt in ihrem Interesse zu liegen. Der ehemalige Kamikazeausbilder Nishikawa entgegnet auf die Frage ob er sich schuldig fühle, die Piloten zum Einsatz aufgemuntert zu haben:
„[...] Ein Jahr nach Kriegsende, 1946, wollte ich nur noch zu den Gräbern der Jungs pilgern, um mich zu entschuldigen und ihre Seele zu beruhigen. [...] Wir von unserer Truppe, die Überlebenden, treffen uns einmal im Jahr heute noch, um die Seelen der gefallenen Piloten zu beruhigen. Wir haben sogar einen eigenen Seelenturm errichtet, auf dem damaligen Schulgelände. Das Gelände wurde aber umgebaut, daher veranstalten wir unsere Gedenktreffen nun im Yasukuni-Schrein. [...]“(Scherer 2001: 151/52)
Sowohl Mutter Satō als auch Ausbilder Nishikawa und seine Gruppe versammeln sich am Schrein um für die Seelenruhe der tragisch gefallenen Kamikazepiloten zu sorgen. Durch symbolische Akte wie das hinterlegen einer Brautpuppe, das Errichten eines Seelenturms oder Geldopfer, hoffen Angehörige und Hinterbliebene die Seelen der Gefallenen zu besänftigen. Halten wir also fest, die religiösen Heilsversprechen des Yasukunismus spielten eher eine passive Rolle dabei, Soldaten zum Kamikazeeinsatz zu motivieren. Letztendlich hat aber die religiöse Sinngebung des Opfertodes, es den Piloten erleichtert sich in ihr Schicksal zu ergeben, denn sie konnten ihren Angehörigen wenigstens tröstliche Worte vom Wiedersehen am Yasukuni-Schrein schreiben, ob sie auch daran glaubten oder nicht(vgl. Ohnuki 2002). Für die Angehörigen und auch die anderen Hinterbliebenen scheint die posthume glorifizierende Heldendarstellung der Piloten weniger von Bedeutung zu sein, als die Möglichkeit Kontakt mit ihren Seelen aufzunehmen und sie mit Opfergaben zu besänftigen.
2.2. Tragische Opferhelden als Vorbilder
Was haben die legendären Helden Kusonoki Masashige, Saigō Takamori, die „47 loyalen Gefolgsmänner“(Chūshingura) und die Kamikazepiloten gemeinsam? Sie bilden eine Reihe tragischer Opferhelden die in einer auswegslosen Kampflage in Loyalität für den Kaiser, rituellen Selbstmord begingen, bzw. in einen Kamikazeeinsatz ihr Leben ließen. Die von Ivan Morris beschriebene Tradition in Japan, tragische Opferhelden zu kultivieren ist aber mit Vorsicht zu betrachten. Zunächst ist es fraglich ob die Kamikazepiloten in diese Reihe passen, denn sie wurden anders als die legendären Helden, in ihre Rolle gedrängt. Innerhalb des militärischen Zwangssystems, hatten sie keine echte Chance sich anders zu
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entscheiden. Meine Theorie ist es, dass die Tradition tragischer Opferhelden eine erfundene Tradition ist, die gezielt vom ultranationalistischen System benutzt wurde um den Opfertod zu glorifizieren. Dabei handelt es sich um einen Mechanismus, bei dem historische Diskontinuität, als von Natur aus gegebene Kontinuität dargestellt wird (vgl. Hobsbawm/ Ranger: 1983). Das bedeutet die Geschichten der legendären Helden, wurden so umfunktioniert, dass sie den Kamikazepiloten als Vorbild dienen konnten. Das kann man daran erkennen, dass die kaiserzentrierte nationalistische Sichtweise dieser Heldenfiguren nur eine Mögliche Sichtweise darstellt, die sich einhergehend mit der wachsenden Militarisierung der Gesellschaft in den 1930’er Jahren durchgesetzt hat. Über die nationale Schulerziehung konnten diese nationalisierten Geschichten dann ins Gedächtnis aller Grundschüler gelangen. An der Geschichte Kusunoki Masashiges lässt sich zeigen, wie diese nationalistische Sinngebung funktionierte. Kusunoki Masashige war Anhänger und Heerführer des Kaisers Godaigō, der 1331 versuchte die Staatsgewalt von dem Militärführer - Shogun des Kamakura-Shogunats (1135-1333), wieder in die Hände der Kaiserlichen Familie zu legen, also in seine eigenen Hände. Dieses Vorhaben war zu dieser Zeit äußerst reaktionär, war die aktive Herrschaft der Kaiser doch bereits seit 500 Jahren zu Ende und hatten die regionalen Militärfürsten unwiderruflich die Herrschaft in ihren Gebieten übernommen. Godaigō residierte am Südhof und rivalisierte mit einem anderen Zweig der Kaiserfamilie die am Nordhof residierte, beides in Kyōto. Wer der legitime Kaiser war stand zur der Zeit nicht fest. Wichtig ist zu berücksichtigen das Japan als Nation natürlich noch nicht bestand und letztendlich alle Akteure darum kämpften die Macht in Zentraljapan zu übernehmen, etwa das Gebiet zwischen Tōkyō und Kyōto. Einer der Militärführer des Kamakura-Shogunats, Ashikaga Takauji, stellte sich auf die Seite des Kaisers Godaigō, dadurch gelang es ihnen das Kamakura-Shogunat zu überwerfen. Allerdings zeigte dann Ashikaga Takauji seine wahren Absichten. Er erklärte sich zum neuen Shogun und beanspruchte die alleinige Herrschaft für sich selbst. Daraufhin empfahl Heerführer Kusunoki Kaiser Godaigō sich zurückzuziehen und neu zu formieren. Godaigō schlug dies aber aus und daraufhin führte Kusunoki schließlich mit den verbleibenden loyalen Kriegern Gōdaigos, eine aussichtslose Schlacht gegen eine Übermacht der Ashikaga-Truppen, an deren Ende er rituellen Selbstmord beging. Vom Nordhof wurde Kusunoki und Gōdaigo als Verräter verschrien. Letztendlich ist es schwer zu sagen wessen Machtansprüche die Legitimen waren, doch das Kusunoki aus Loyalität zu Gōdaigo den eigenen Tod nicht scheute und sich aufopferte bildetet später den Stoff für seine Heldenlegende. Einige Jahrhunderte später in der Tokugawa-Zeit rehabilitierten neo-konfuzianistische Gelehrte Kusunoki und er bekam wegen seiner Loyalität, seines Mutes und seiner Kaisertreue den Ehrentitel dainankō. Dies war der Beginn der Heldenverehrung Kusunokis. Nach der Meiji-Restauration musste das neue Kaisersystem zunächst Legitimität gewinnen und Kusunoki konnte als ideale Heldenfigur dienen, die den Menschen die Loyalität zum Kaiser nahe brachte. Kusunoki avancierte später zur ultimativen Metapher für die Loyalität zum Kaiser und den Opfertod für eine gerechte Sache und wurde auch als Vorbild für die Kamikazepiloten gebraucht.
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Inoguchi beispielsweise bediente sich der Geschichte Kusunokis, im Gespräch mit einem Kamikazepiloten der darauf drängte möglichst bald eingesetzt zu werden:
„Erinnern sie sich noch, wie der treueste aller großen japanischen Krieger, Masashige Kusunoki, am Vorabend seiner letzten Schlacht seinen Sohn der auch Krieger war, zu sich rief und ihm befahl, zu seiner Mutter zurückzukehren? Früher oder später kommt für uns alle der Zeitpunkt des Todes, und Sonderangriffe dieser oder jener Art wird es immer geben, bis auf der ganzen Welt Frieden herrschen wird. Sie als junge Leute sollten daran denken, dass Sie bei den ersten von vielen sind, und sich nicht beklagen, dass sie eine paar Tage später an der Reihe sind als Andere.“ (Inoguchi/Nakajima 1972: 152)
Die nationalistische Erziehung und ihre Promulgatoren suggerierten den Piloten, dass sie durch ihren Opfertod zu legendären Helden werden würden, so wie die Vorbilder aus der Geschichte. An der Geschichte der „47 treuen Gefolgsmänner“ - chūshingura und der Geschichte Saigō Takamoris lässt sich der Vorgang der nationalistischen Umdeutung genauso ablesen. Bei Ohnuki findet sich ausführlich beschrieben, wie die Geschichten dieser Volkshelden, die zunächst als Metapher für Rebellion gegen das System und die Obrigkeit standen, zur Metapher der Loyalität und Aufopferung für der Kaiser umgedeutet wurden. Durch diese Transformation, konnten der ultranationalistische Staat und das Militär die legendären Heldengeschichten zur patriotischen Schulung einsetzen. Bei vielen der jungen Piloten lösten die Geschichten eine emotionale Affinität aus, sie wurden als vorbildhaft empfunden. Nakao Taketoku, ein Pilot von der Tōkyō Universität, nennt Kusunoki, als einen seiner Helden, und er nennt Saigō als die Person die er am meisten verehrt(Ohnuki 2002: 220). Saigō verehrt er wegen seines Patriotismus und seiner Integrität, nicht aber wegen seines Selbstmordes. Er bewundert jedoch, dass Saigō den Tod wählte um seine Pflicht für die Gemeinschaft zu erfüllen (vgl. ebd.). Auch Sasaki Hachirō zeigt sich in seinen Schriften tief beeindruckt von der Theateraufführung der „47 treuen Gefolgsmänner.“ Diese 47 Samurai standen in einem gesellschaftlichen Konflikt, treu zu ihrem Herren und büßten dafür damit, dass sie alle rituellen Selbstmord begehen mussten(vgl. Ohnuki 2002). Obwohl der hochgebildete Sasaki (vgl. vorheriges Kapitel) wenig anfällig für stupiden Nationalismus war, konnte er sich der suggestiven Kraft dieses Stückes offenbar nicht entziehen. Die Piloten Sasaki und Nakao waren beide sehr gebildet, sie suchten nach einem höheren Sinn in der Aufopferung, die von ihnen erwartet wurde. Durch die Heldengeschichten wurde ihnen die Aufopferung für die Gemeinschaft, als positiver Akt vermittelt. Sasaki sah im Weg der Samurai - bushidō einen Gegenentwurf zur westlichen Moderne, repräsentiert durch die Feinde USA und England. Der Tod im Stile eines Samurai, wie Kusunoki oder Saigō, erschien ihm als Auflehnung gegen den westlichen Kapitalismus(vgl. Ohnuki 2002). Stellen wir also noch mal fest, die japanische Tradition tragischer Opferhelden ist eine erfundene Tradition. Sie wurde vom ultranationalistischen Staat und Militär instrumentalisiert. Man verlangte von der Jugend, sich neben den glorreichen Vorfahren einzureihen, und sich für die Gemeinschaft - also für Vaterland und Kaiser aufzuopfern. Eine echte historische Kontinuität zwischen den Kamikazepiloten und den legendären Helden besteht nicht.
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2.3. Ästhetisierungsstrategien - bushidō und Kirschblüten
Der nationale Überschwang der 1930’er Jahre brachte auf intellektueller Ebene die Selbstbehauptung japanischer Ideale und Traditionen gegenüber dem Westen mit sich. Behauptete japanische Kultur und Identität, wie bushidō, yamato damashi, Kirschblüten, und Gemeinschaftssinn sind letztendlich Ästhetisierungsstrategien, deren Ziel es war die Mär vom schönen Tod zu verbreiten. Todesverachtung und Aufopferungswille wurden den Piloten als Tugenden gelehrt. Und diese Tugenden wurden als natürliche Konstante in der japanischen Kultur dargestellt. Die Ideologie, die diese Tugenden transportierte, war der bushidō - der „Weg des Kriegers“, d.h. der Ehrenkodex der Samuraikaste. Die Tugenden der Samuraikaste, deren Untergang das moderne Militär selbst herbeigeführt hatte, wurden von Staat und Militär künstlich wiederbelebt, um den japanischen Soldaten vom westlichen Soldaten abzugrenzen. Inazō Nitobe hatte bereits 1899 mit seinem zuerst englischsprachig erschienenen Werk, „Bushido - The Soul of Japan“ die Neuerfindung eines genuin Japanischen Krieger-Ehrenkodexes in Abgrenzung zur westlichen Ritterlichkeit eingeleitet(vgl. Ohnuki 2002). Für Nitobe ist bushidō der Ausdruck der Japanischen Seeleyamato damashi und bildet seiner Meinung nach die moralische und geistige Stärke aller Japaner. Kanäle des neuen waren die an den Schulen unterrichteten neuen Kampfsportarten, wie japanisches Fechten - Kendō, oder der neue japanische Ringkampf Judō. Auch die Jungen die später ihr Leben bei Kamikazeattacken lassen sollten, lernten den bushidō schon früh als japanisches Männlichkeitsideal kennen. Der seppuku - d.h. der rituelle Selbstmord, war der höchste Ausdruck dafür, dass man sein Leben dem bushidō gewidmet hatte. An Prominenten Vorbildern für diesen rituellen Selbstmord, sowie andere Formen der Aufopferung aus der Geschichte, sowie der Gegenwart fehlte es den Kamikazepiloten nicht. Da war zum Beispiel der Fall des General Nōgi, ein Vorbild z. B. Hachiro Sasakis(vgl. Ohnuki 2002), der seine Söhne im Krieg gegen Russland nicht schonte und der nach dem Ableben des Meiji-Kaisers zusammen mit seiner Frau rituell Selbstmord beginn. Ein anderer Prominenter Fall ist der banzai-Angriff der japanischen Nordarmee auf der Insel Attu am 29. Mai 1943, bei dem nur eine Handvoll japanischer Soldaten überlebte. Die legendären Fälle rituellen Selbstmords sind bereits im vorherigen Abschnitt besprochen worden. Die Offiziere der 30’er Jahre trugen nun auch wieder stolz Samuraischwerter mit sich, ein Privileg das ihren Vorbildern vor 60 Jahren aberkannt wurde. Auch die Kamikazepiloten sollten die stolze Samuraigeschichte repräsentieren. Das Einziehen der Studenten zum Kriegsdienst nannte man shutsujin, ein Begriff, der vorher nur für Krieger vergangener Tage, die sich auf das Schlachtfeld begaben, verwendet wurde(Ohnuki 2002: 163). Die Familien bekamen von den gefallenen Piloten eine abgeschnittene Locke und einen Fingernagel in einem Holzkästchen, ganz so wie es Tradition der Samurai gewesen war. Zwischen den Samuraikriegern und den Soldaten der kaiserlichen Armee sollte eine historische Kontinuität suggeriert werden. Der bushidō bildete dabei eine kulturelle Legitimation, für die Regel im japanischen Militär sich nicht gefangen nehmen zu lassen und bis zum Tode zu Kämpfen. Selbstaufopferung stellt in dieser Ideologie ein ehrenvolles Ritual dar und ästhetisiert den Tod. Am Ende musste konsequenter Weise dieser Ideologie
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folgend, auch der Architekt der Kamikazemission Vizeadmiral Ōnishi rituell Selbstmord begehen(vgl. Inoguchi/Nakajima 1972). Und der verantwortliche Flottenkommandeur, Matome Ugaki nahm sich das Leben, in dem er sich selbst als Staffelführer eines Kamikazeangriffs einsetzte (vgl. ebd.). Dies geschah noch nach der Kapitulationserklärung. Dabei nahm er weitere unschuldige junge Männer mit in den Tod. Der Pilot Harukazu Oshima der Ugaki auf dem Kamikazeflug begleiten musste, erklärt warum trotz Kapitulation keine Opposition gegen Ugakis Vorhaben aufkam:
„Erstens hat Japan eine alte Tradition. Um für etwas Verantwortung zu übernehmen, war Selbstmord üblich. Das war der Ausweg der Ritterlichkeit. Zweitens waren wir einfach noch nicht in der Lage zu begreifen, dass alles vorbei war [...]“ (Scherer 2001: 167)
Der Ausweg der Ritterlichkeit - also der bushidō, den Ugaki wählte, stellten auch die jungen Piloten nicht in Frage. Dass sie eigentlich durch die Kapitulation befreit waren, von der Erwartung wie ein Samurai zu sterben, konnten sie nicht so schnell begreifen. Oshima hatte Glück, dass er eine Notlandung überlebte. Ihm wurde erst Jahre später klar, dass der Oberbefehlshaber seine Kameraden sinnlos geopfert hatte (Scherer 2001: 168). Es gab
noch weitere Strategien im militaristischen System, wie versucht wurde den Tod der Soldaten zu Ästhetisieren. Eine besondere Rolle nimmt dabei die Kirchblüte ein. Die japanischen Zierkirschbäume, wie sie zu dutzenden in allen öffentlichen Parks, am Kaiserpalast und am Yasukuni-Schrein, stehen, blühen nur eine kurze Zeit in voller Pracht und fallen dann herunter ohne vorher zu verwelken. Die Blüten werden dann vom Wind davon getragen. Die Kirschblüten wurden zur Metapher für den Tod der Piloten, weil die Piloten wie die Kirschblüten, in der vollen Pracht ihrer Jugend vom Himmel fielen und starben. Es lässt sich in hunderten Briefen der Piloten, diese Ästhetisierung des Todes wieder finden. Für Sasaki Hachiro war die Kirschblüte der Ausdruck eines speziellen japanischen, ästhetischen Naturempfindens. Am Ende wurde die Kirschblüte in seinen Schriften zur Metapher, für ihn und seinen bevorstehenden Tod (Ohnuki 2002: 210). Das Eingangszitat des Gelehrten Okakura Kakuzō, beschreibt die Ästhetik des freudigen Todes der Kirschblüten bereits 1906. Damals jedoch noch ohne militaristischen Hintergrund. Ohnuki widmet der Entlarvung der Ästhetisierungsstrategien des Militärs, einen großen Teil ihrer Studie. Sie zeigt wie mit zunehmender Militarisierung, die Kirschblütensymbolik immer mehr zur Ästhetisierung des Soldatentodes missbraucht wird. Die Kirschblüten am Yasukuni-Schrein etwa, wurden zur Reinkarnation der Seelen gefallener Soldaten erklärt (Ohnuki 2002: 162). Und die Ōka-Rakete heißt übersetzt, Kirschblüten-Rakete. Alle die sich zur Ōka-Mission melden wollten, sollten eine Kirschblüte auf eine Stimmkarte malen, die Anderen ein Kampffliegersymbol (Scherer 2001: 138). Vizeadmiral Ōnishi selbst, verwendete systematisch die Kirschblütensymbolik. Er ließ die Staffeln nach der Kirschblüte benennen, und die Flugzeuge und Bomben mit Kirschblütensymbolen bemalen. Er schrieb auch japanische Gedichte - Haikus mit der Kirschblütensymbolik. Eines seiner Haiku lautet: „Heute noch blühend, morgen zerstreut; Leben ist wie eine zarte Blume. Wie kann man hoffen, dass der Duft für immer bleibt?“ (Inoguchi/Nakajima 1972: 5)
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Schluss: Opferhelden oder Kriegsopfer?
Wir haben nun also gesehen welche soziokulturellen Kräfte auf die Piloten einwirkten und sie unwiderruflich in ihre Rolle drängten. Es steht fest, dass der Tod der annähernd 4000 jungen Männer, bei einer Mission, die vom Beginn an zum Scheitern verurteilt war, ein äußerst tragisches Geschichtsereignis darstellt. Einige der überlebenden Piloten bezeichnen den Tod ihrer Kameraden mit dem japanischen Begriff inushi - Hundetod. Das heißt sie halten ihren Tod für völlig sinnlos. Die Piloten wurden Opfer eines militärischen Zwangssystems, das seinen eisernen Griff so fest um sie geschlossen hatte, dass es kein Entrinnen gab. Schulerziehung und Militär arbeiteten Hand in Hand dabei eine Opferwillige Jugend zu schaffen. Innergesellschaftlich wurden alle kritischen Töne im Keim erstickt, durch psychologischen Druck und Drohung. Müttern die gegen die sinnlose Aufopferung ihrer Söhne protestierten, drohte man etwa mit Gefängnis und dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Die Piloten fürchteten harte Konsequenzen für ihre Familien sollte sie sich nicht freiwillig zur Kamikazemission melden. Außerdem wollte keiner von ihnen als Vaterlandsverräter dastehen. Trotz der nationalistischen und militaristischen Erziehung, waren sie aber keineswegs fanatisierte Nationalisten, die sich hasserfüllt auf den Feind stürzten. Nein, die Aussagen der Überlebenden und die schriftlichen Hinterlassenschaften der Gefallenen zeigen, dass sie sehr differenziert dachten und ihre Gefühlslage sehr komplex war. Viele von ihnen waren den Ausbildern intellektuell überlegen, sie waren ihnen dennoch ausgeliefert. Gewalttätige Übergriffe gehörten zum Alltag. Kritik konnte nicht geäußert werden, die wahren Gefühle mussten unterdrückt werden. Das der Krieg schon bald verloren sein wird und die Kamikazemission an der Niederlage nichts das Geringste ändern kann, wurde den Piloten verheimlicht, obwohl die Befehlshaber es wussten. Der ultranationalistische Staat versuchte damals einen Heldenmythos um die Piloten aufzubauen. Er bediente sich kulturellen Ästhezismen, wie der Kirschblüte, erfundenen Traditionen, wie dem bushidō und legendären Heldengeschichte um den Tod der Kamikazepiloten zu glorifizieren. Die Befehlshaber wollten den überlegenen japanischen Geist mit der Kamikazeoperation demonstrieren und opferten dabei sinnlos das Leben der jungen Piloten. In ihrer Jugend waren die Piloten natürlich leicht zu beeinflussen und das Militär hatte leichtes Spiel ihren Willen zu brechen. Man erzählte ihnen, dass sie bereits Götter seien und dass sie nach ihrem Tod als unsterbliche Götter im yasukuni residieren würden. Die Kamikazepiloten wurden benutzt um die ultranationalistische Ideologie zu reproduzieren. Der Opfertod für Kaiser und Vaterland fand in ihnen die höchste Vollendung. Innerhalb der ultranationalistischen Ideologie, sind sie noch strahlendere Helden, als ihre legendären Vorbilder. Kann man die Kamikazepiloten aber auch tatsächlich in die Gruppe der Opferhelden einordnen? In der Tat hätte es kein größeres Opfer geben können, als das Ausführen einer Kamikazeattacke, denn der eigene Tod stand dabei mit fast absoluter Sicherheit fest. Nun gibt es aber berechtigte Zweifel daran, ob man die Kamikazepiloten überhaupt als Helden bezeichnen kann. Typische Opferhelden, wie Arnold Winkelried, zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch den Einsatz ihres Lebens, die Verteidigung des Feindes schwächten und dadurch das Schlachtglück drehten. So verhielt es sich zum
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Beispiel auch mit den japanischen Soldaten, die sich während des russisch-japanischen Krieges in der Schlacht um Port Arthur, Handgranaten umbanden und als menschliche Bomben die Verteidigungslinie sprengten. Durch ihren Selbstmordeinsatz konnte die japanische Armee nach verlustreichem Stellungskrieg, schließlich die doch noch in die russischen Linien einbrechen und siegen. Wichtig ist zu beachten, dass dieses Selbstmordaktionen spontane Impulshandlungen darstellen. Die Akteure sahen keinen anderen Ausweg und opferten sich für das größere Wohl. Anders als bei diesen typischen Opferhelden, war die Aufopferung der Kamikazepiloten kein freiwilliger, spontaner Akt. Die Kamikazemission wurde von langer Hand vorbereitet und bis Kriegsende weitergeführt, obwohl sich kein Erfolg einstellte, der den Einsatz der Menschleben hätte rechtfertigen können. Es gab ein verkapptes System der Zwangsrekrutierung. Die militaristische Erziehung versetzte die Piloten in den Glauben, dass es ihre patriotische Pflicht sei sich aufzuopfern. Ohne Zweifel erfüllten sie diese Pflicht auch tapfer. Sie klammerten sich dabei an den Glauben, dem größeren Wohl zu dienen und ihre Familien mit ihrem Kamikazeeinsatz zu schützen. Eine Niederlage Japans hielten die meisten für den Untergang aller. Der Blick auf eine Zukunft nach der Niederlage wurde ihnen gezielt verstellt. Sie wurden letztendlich Opfer eines außer Kontrolle geratenen Militarismus, der ihr Leben rücksichtslos wegwarf. Ihr Tod war sinnlos und tragisch. Die Kamikazepiloten als Helden zu bezeichnen, würde bedeuten die nationalistische Ideologie zu reproduzieren, deren sie zum Opfer gefallen sind. Der Kamikazetod war sinnlos in dem Sinne, dass er, ohne militärische Notwendigkeit, dem Leben von jungen Männern eine Ende setzte, die ansonsten noch viel für ihr Land hätten leisten können und ein erfülltes Leben hätten haben können. Allerdings war ihr Leben und Tod keineswegs bedeutungslos, denn die Geschichte der Kamikazepiloten, stellt ein mächtiges Mahnmal gegen ausufernden Militarismus und Nationalismus dar. Der Nachwelt stellt sich die Herausforderung, eine angemessene Form der Erinnerung an die Kamikazepiloten zu finden. Eine Form die nicht den Nationalismus und Militarismus reproduziert.
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