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Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung. 3
2. „Im Westen nichts Neues“ als Spiegel des Kriegserlebnisses, der
einfachen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. 5
3. Zusammenfassung. 17
4. Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
Wenn im Geschichtsunterricht das Thema Erster Weltkrieg behandelt wird, muss es zunächst um die Kriegsursachen, die politischen Geschehnisse, um Verlauf und Ausgang der großen Schlachten, um die Auswirkungen auf die Gesellschaften der teilnehmenden Staaten und schließlich um unmittelbare und langfristige Folgen gehen. Das Thema Erster Weltkrieg, hält aber noch eine andere wichtige Ebene bereit, die jedoch am schwersten zu vermitteln ist. Die Ebene des Kriegserlebnisses der kämpfenden Soldaten und dessen unmittelbare und langfristige Wirkung auf Physis und Psyche. Historiker der neueren
Geschichtsforschung versuchen eine „Mentalitätsgeschichte“ des Krieges zu schreiben. Die Geschichte der Mentalitäten, der Gedanken, Empfindungen und der Erfahrung des Ersten Weltkrieges wurde erstmalig von ihnen in der wissenschaftlichen Forschung etabliert. In meinem Literaturverzeichnis finden sich einige der wichtigsten bisherigen Publikationen dieses historischen Forschungsfeldes. Da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die man befragen könnte, bleibt der heutigen Forschung nur, deren Hinterlassenschaften auszuwerten. In Form von Feldpostbriefen ist eine ganze Fülle davon erhalten. Natürlich sind diese nicht als Botschaft für die Nachwelt verfasst worden und nur ein Bruchteil von ihnen enthalten relevante Informationen, die der Geschichtsforschung dienen können daraus ein Bild des Kriegserlebnisses zu konstruieren. Sie enthalten eine Fülle subjektiver Schilderungen, die durch Faktoren wie Zensur und Rücksichtnahme der Verfasser auf sich sorgende Angehörige, nur begingt als Ausdruck des wahren Empfindens gelesen werden können. Daher ist es ein schwieriges Unterfangen aus ihnen ein allgemeines Bild des Kriegserlebnisses zu gewinnen. Erich Maria Remarque hat uns, wie einige andere Frontsoldaten auch 1 , eine schriftliche Hinterlassenschaft von besonderer Art geliefert. Er hat sein
1 Die wichtigsten Romane die das Thema Erster Weltkrieg verarbeiteten finden sich auf Seite 16
meiner Literaturangaben.
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Kriegserlebnis in Form eines Romans verarbeitet. Das Medium Roman, und außer ihm nur der Spielfilm, erlaubt es uns emotional und geistig in ein Geschehnis einzutauchen und es nachzuempfinden. So werden wir auch bei der Lektüre von Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ in ein fiktives Geschehnis an der Front des Ersten Weltkrieges zurückversetzt und erleben den Krieg aus Sicht seiner Protagonisten nach. Ich gehe nun in meiner Arbeit der Frage nach, ob die heutigen Leser sich anhand der Schilderungen Remarques ein zutreffendes Bild des Kriegserlebnisses machen können.
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2. „Im Westen nichts Neues“ als Spiegel des Kriegserlebnisses
der einfachen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg.
Am 31. Januar 1929 wurde in der Vossischen Zeitung ein Roman eines bis dato völlig unbekannten Schreibers namens Erich Maria Remarque veröffentlicht mit dem Titel „Im Westen nichts Neues“ 2 , der in der Folgezeit enorme Popularität erzielen sollte und heute zu den erfolgreichsten Kriegsromanen zählt. Die Handlung dieses Romans spielt während des Großen Krieges 1914-1918. Dieses, in beinahe alle Lebensbereiche eingreifende, gesellschaftliche Veränderungsprozesse extrem
beschleunigende, von einigen als naturhafte Katastrophe beschriebene Ereignis 3 , dass allein auf deutscher Seite 1808000 und insgesamt 7940000 Menschenleben forderte, wird aber nicht als Ganzes im Roman zu fassen gesucht. Vielmehr beschreibt das Buch den Großen Krieg aus Sicht des gemeinen Frontsoldaten, sozusagen aus der Froschperspektive der Schützengräben, nicht vom „runden Tisch“ des Generalstabes aus. Es wird nicht die Wirkung des Krieges auf die Gesellschaft als Ganzes dargestellt oder die Frage nach der politischen Verantwortung für den Krieg gestellt, sondern es geht um die individuelle Erfahrung und die Folgen, denen die Frontkämpfer durch den Krieg unterlagen. Remarque betonte, es sei kein Buch über den Krieg, sondern von der Wirkung des Kriegserlebnisses auf die von ihm geschilderten jungen Menschen und er habe keinerlei Vollständigkeit damit angestrebt.
„Der Krieg ist als Tatsache vorausgesetzt. Die wenigen Reflexionen die im Buch stehen,
beschäftigen sich nur mit diesem rein menschlichen Erleben des Krieges. Sie vermeiden jede
politische, soziale, religiöse oder sonstige Stellungnahme. Dazu halte ich mich ebenso wenig
4 berufen, wie dazu, eine Geschichte des Krieges zu schreiben.“
2 Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Köln. 3.Auflage, 1987
3 Vgl. Wolfgang J. Mommsen: Der Erste Weltkrieg und die Krise Europas. In: Gerhard
Hirschfeld „Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...“. F.a.M. 1996, S.33
4 Axel Eggebrecht: Gespräch mit Remarque. In: Die literarische Welt. Berlin, 5.Jg., Nr.24,
14. Juni 1929 ;Zitiert nach Hans-Harald Müller: Der Krieg und die Schriftsteller. Stuttgart
1986(im folgenden als „Müller“ angeben), S.40/41
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„Es (das Buch) beschränkt sich ja bewusst auf einen ganz kleinen Abschnitt des Krieges[...](es ist)
Unvollständig weil es nur von den Erlebnissen junger Schülersoldaten und ihrer Freunde handelt;
dabei haben Menschen aller Berufe und jeden Alters natürlich gleich Schweres oder Schwereres
5 erlebt.[...]“
Trotzdem wird die Kriegsmaschinerie, die wie eine unkontrollierbare Naturgewalt erbarmungslos über die Soldaten hereinbrach, schonungslos, in ihrer ganzen Unmenschlichkeit von Remarque beschrieben. Er schildert auch, das plötzliche herausgelöst sein, der vormals bürgerlichen Protagonisten, aus der normativen Gesellschaftsstruktur und das eintauchen in eine Welt in der die für richtig erachteten Wert- und Moralvorstellungen aufgehoben scheinen. Der Protagonist Paul Bäumer, ein Schüler aus bürgerlichen Verhältnissen, wird gegen Ende des Krieges gemeinsam mit seinen Klassenkameraden zur Front eingezogen. Schon bald nach ihrem militärischen Drill, sieht diese Gruppe sich, dem unerbittlich harten Kampf um ihr Dasein im Schützengraben ausgeliefert. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie keine konkreten Vorstellungen über die Zukunft haben und voll ungewisser Ideen stecken 6 . Dies ist die Generation von der Erich Maria Remarque in seinem Buch berichten will, seine eigene Generation. Am Anfang des Buches formuliert er seine Intention wie folgt:
„Dieses Buch soll weder Anklage noch Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über
eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde auch wenn sie seinen Granaten
entkam.“ (S.8)
Seine Generation der überlebenden Frontkämpfer erklärt Remarque also als zerstört, diese Zerstörung kann, denke ich, nur auf emotionaler, geistiger Ebene verortet sein. In vielen Aussagen Paul Bäumers wird deutlich wie der Krieg psychisch zerstört, er beschreibt, dass der Krieg den irreparablen Verlust seines ambitionierten, ideensprühenden
5 Siehe Fußnote 2
6 Vgl. Müller, S. 49
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Geisteszustand der Vorkriegszeit und seiner emotionalen Feinfühligkeit bedingt hat und wie der Krieg ihnen die Zukunftsperspektiven geraubt hat.
„ Albert spricht es aus: „Der Krieg hat uns für alles verdorben.“ Er hat recht. Wir sind keine Jugend
mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor
unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir
mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz. Wir sind
abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir
glauben an den Krieg.“ (S.67)
„Heute würden wir in der Landschaft unserer Jugend umhergehen wie Reisende.[...]Wir sind
verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und oberflächlich- ich glaube wir sind
verloren.“ (S.90/91)
„Ich will wieder diese stille Hingerissenheit, das Gefühl dieses heftigen Dranges verspüren, wie
früher, wenn ich vor meine Bücher trat.[...]es soll mir das verlorene Bereitsein meiner Jugend
zurückbringen.[...]“ (S. 123)
Aussagen Remarques, der Grund dieses Buch zu schreiben, sei es gewesen, ein persönliches Problem zu bewältigen 7 , offenbaren wie Remarque die Probleme seine angestrebte Schriftstellerkarriere zu verwirklichen 8 , in die Person Paul Bäumers projiziert hat, dessen Träume von einer Schriftstellerkarriere er im Buch, am Krieg zerschellen lässt. „Ich war damals, im Frühjahr vorigen Jahres mit ganz anderen Arbeiten beschäftigt. Ich war
angestellt als Bildredakteur einer Zeitschrift. Abends mühte ich mich mit mancherlei Dingen. Zum
Beispiel machte ich verschiedene Anläufe ein Stück zu schreiben, kam aber damit nie sehr weit.
Ich litt unter ziemlich heftigen Anfällen von Verzweiflung. Bei dem Versuch, sie zu überwinden,
suchte ich allmählich ganz bewusst und systematisch nach der Ursache meiner Depressionen.
Durch diese absichtliche Analyse kam ich auf mein Kriegserlebnis zurück. Ich konnte ganz
ähnliches bei vielen Bekannten und Freunden beobachten. Wir alle waren- und sind oft noch-
unruhig, ziellos, bald exaltiert, bald gleichgültig, im tiefsten Grunde aber unfroh. Der Schatten des
Krieges hing auch und gerade über uns, wenn wir gar nicht an ihn dachten. Am selben Tage, an
9 dem ich diesen Gedanken hatte, begann ich zu schreiben[...]“
Remarque sah also seine persönliche Krise, ursächlich in Nachwirkungen der Kriegserfahrung und glaubte dieses Problem mit seiner gesamten
7 Vgl. Müller, S. 40
8 Vgl. Müller, S. 46-48
9 Siehe Fußnote 2
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Generation zu teilen. Er ging davon aus in seinem Buch Wirkung und Erlebnis des Krieges repräsentativ für seine Generation, d.h. für alle zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns meist unbedarften, ledigen jungen Männer der wehrdienstpflichtigen Jahrgänge 1896-1900, gestaltet zu haben.
„An Hunderttausenden ist natürlich das Erlebnis Krieg abgelaufen wie eine Dusche. Andere sind
wenigstens ohne Bruch durchgekommen. Manche haben sich ja auch so sehr daran gewöhnt, dass
die nachher ohne den Krieg nicht mehr auskamen. Aber wichtig sind ja alle die anderen, die
Zahllosen zerrissenen, Getroffenen, Erlebnisfähigen, die dem Erlebnis ausgelieferten. Die haben
jetzt erst angefangen, sich wiederzufinden.[...]Mit dem persönlichen Erlebnis des Krieges aber war
besonders der junge Mensch unserer Generation noch längst nicht fertig. Er wirkte in ihm fort, es
blieb ein undeutlicher Abdruck, ein Zustand der Unruhe, der Skepsis, der Härte oder
10 schwankenden Ziellosigkeit.“
Darüber hinaus kann man, wie Hans-Harald Müller in seiner Habilitationsschrift „Der Krieg und die Schriftsteller“ begründend darlegt, davon ausgehen, dass sich, da Remarque die „zerstörte Generation“ altersmäßig nicht eingegrenzt hat, nicht nur die jungen, sondern alle diejenigen ehemaligen Frontkämpfer davon angesprochen fühlten, die den Krieg für die Ursache ihrer aktuellen emotionalen und geistigen Probleme hielten. Remarque habe den Kriegsveteranen, die oft mit ihrer gesellschaftlichen, finanziellen oder beruflichen Situation in der krisengeschüttelten Weimarer Republik unzufrieden waren, einen simplifizierenden Erklärungsansatz für das Nichtereichen von Zielen geliefert, der ihnen die persönliche Verantwortung von den Schultern nahm indem er auf den Krieg als Generalursache verwies. Remarque hätte, so Müller, seinen Zeitgenossen ein Muster von
Vergangenheitsbewältigung an die Hand gegeben, das dem offensichtlichen Bedürfnis Rechnung trug 10 Jahre nach dem Krieg einen Sinn aus dem Kriegserlebnis zu schöpfen, dies sei ein wichtiger Faktor für den Verkaufserfolg des Buches gewesen. 11 Wer den Roman heute liest, hat natürlich eine ganz andere Erwartungshaltung als die Menschen am 10 Siehe Fußnote 2
11 Vgl. Müller S.62-65
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Ende der Weimarer Republik, so wollte ich darin etwas über das Fronterlebnis im allgemeinen und speziell darüber welche Wirkung es unmittelbar und langfristig auf die Soldaten hatte, erfahren. Die Schilderung Remarques, liefert wie er selber betonte, nur einen kleinen Ausschnitt des Krieges an der Westfront aus der Perspektive einer Gruppe „Schülersoldaten“ und ihrer Freunde, das schließt jedoch noch nicht aus, dass dieser Ausschnitt, in Bezug auf das Kriegserlebnis, Allgemeingültiges liefern kann. Deswegen möchte ich nun anhand inhaltlicher Elemente des Romans, sowie der Rezeption des Romans von Zeitgenossen, versuchen darzulegen inwieweit der Roman repräsentativ für das Kriegserlebnis aller Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg ist. Im Gegensatz zur Kriegsliteratur der frühen Weimarer Zeit, die mit absolutem Wahrheitsanspruch, zumeist abgefasst in Form von Offiziersmemoiren und Kriegstagebüchern 12 , vom Krieg berichtete, ist Remarques Roman fiktiv und liefert eine Interpretation des Kriegserlebnisses aus der Perspektive des Jahres 1929. 13 Ein weiterer Unterschied ist, das bei Remarque keine politische Aussage zum Krieg zu finden ist, während die Memoiren und Tagebücher oft von apologetischen Charakter sind und rechtfertigende Aussagen enthalten. Gerade aber, das der Roman das Erlebnis einer fiktiven Gruppe Soldaten, irgendwo an der Westfront beschreibt und keine politische Tendenz enthält, machte es möglich, dass eine breite Masse der ehemaligen Frontkämpfer, sich mit dem Beschriebenen identifizieren konnten. Was ein Grund für den großen Verkaufserfolg des Buches war. In dem im Juni 1929 geführten Interview, antwortete Remarque so auch auf die Frage Axel Eggebrechts:
„Was ist nun, nach ihrer Meinung, der eigentliche Grund des außerordentlichen Erfolges, den das
Buch in allen Ländern hat?“
12 Vgl. Müller S. 34/35
13 Vgl. Müller S. 39
10
„Eben die Tatsache, dass es nicht politisch, dass es unprogrammatisch ist. Dass es vom Kriege
nur, dass einfache, das gemeinsame menschliche Grunderlebnis gibt.“ 14 In seiner Rezension zum Buch schrieb Eggebrecht:
„Die politische Auffassung, oder Auswertung des Buches ist die Sache jedes einzelnen. Es selbst
15 ist neutral wie ein Spiegel. Jeder wird seine eigene politische Ansicht daraus entwickeln können.“
Und Hans-Harald Müller stellte, die Subsumierbarkeit des
Aussagegehaltes von Remarques „Kriegserinnerungsschrift“ unter „nahezu jegliche [...]weltanschauliche Interpretation fest .“ 16 Remarque beschreibt also Dinge des Frontalltags , die viele der Soldaten aus dem eigenen Fronterlebnis nachempfinden konnten, dabei waren das Fehlen genauer Zeit, Ort und Regimentsangaben anscheinend von geringer Bedeutung. Karl Michael Bordihn listet die beschriebenen typischen „Facetten des soldatischen Daseins der Frontkämpfer“ wie folgt auf, Artillerieüberfall(S.64), Trommelfeuer(S.208-227), Abwehr eines Sturmangriff mit Gegenstößen(S.114-121), Patrouillen-(S208-227) und Postendienst(S.121-127), Kriegsgefangenschaft(S.189-198), Ratten-(S.104-105) und Läuseplage(S.79), Essensempfang(S.7-12),
Defäkation(S. 13-16), Sexualtrieb(S.143-155), persönliche Verwundung(S. 237-265), Militärhospital(S.248-265), Heimaturlaub(S.156-187) 17 . Er meint auch, dass durch den weitest gehenden Verzicht auf konkrete Zeitangaben und deren Ersetzung durch Jahreszeitliche Hinweise, ein höchstmögliches Maß an Authentizität erzielt wird, da die den Witterungseinflüssen und Kriegsgeschehnissen unterworfenen
Frontkämpfer gerade eben nicht in den Kategorien des Friedensrhythmus’ von 24 Stunden gedacht hätten. 18 Aus einer Vielzahl von realen
14 Axel Eggebrecht: Gespräch mit Remarque. In: Die Weltbühne. Berlin 25. Jg., Nr.24, 14.
Juni 1929;Zitiert nach Karl Michael Bordihn: Krieg in der Literatur. Düsseldorf 1996 (Im
folgenden als Bordihn angeben)
15 Axel Eggebrecht: Paul Bäumer, der deutsche unbekannte Soldat. In: Die Weltbühne.
Berlin, 25.Jg., Heft 6, 5. Februar 1929;Zitiert nach Bordihn, S. 211
16 Vgl. Müller, S.66
17 Vgl. Bordihn, S. 184
18 Vgl. Bordihn S. 195
11
Erlebnissen kreierte Remarque einen exemplarischen „Kriegslebenslauf“ 19 , der den ehemaligen Frontkämpfern beim Lesen das Gefühl gab: „So war es.“. 20 Ein sehr signifikantes Erlebnis der Front, das Remarque eingehend beschreibt, ist die Erfahrung der Kameradschaft zwischen den Frontsoldaten. In seinen Beschreibungen wird deutlich, wie sie soziale Unterschiede nivellierte und als einziges Kriterium für die Stellung in der Gemeinschaft, die Fronterfahrung gelten ließ. Sein Protagonist Bäumer beschreibt es so:
„was früher war gilt nicht[...]. Die Unterschiede, die Bildung und Erziehung schufen, sind fast
verwischt und kaum noch zu erkennen.[...]Wir sind Soldaten und erst später auf eine sonderbare
und verschämte Weise noch Einzelmenschen“(S. 266)
Als wichtiges Charakteristikum der Kameradschaft wird im Roman die gegenseitige Fürsorge und die Geborgenheit in einer mörderischen Umgebung, dargestellt. Sie vermag damit, den Soldaten die sozialen Bindungen der Vorkriegszeit zu ersetzen. 21 Exemplarisch ist Bäumers Panikattacke während eines Patrouillenganges, die er erst durch das Vernehmen der Stimmen seiner Kameraden überwinden kann:
„Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen leisen
Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen
Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als Mütterlichkeit und
Angst, sie sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner
Kameraden.[...] Ich bin nicht mehr ein zitterndes Stück Dasein allein im Dunkel- ich gehöre zu
ihnen und sie gehören zu mir, wir haben alle die gleiche Angst und das gleiche Leben, wir sind
verbunden auf eine einfache und schwere Art.[...]“(S.211)
An vielen Stellen des Buches beschreibt Remarque wo die Kameradschaft zum tragen komm, so zum Beispiel bei der Instruktion des jungen Ersatzes(S.56, 106, 136), beim Teilen von Nahrungsmitteln(S.41,100,121),
19 Vgl. Angelika Howind: Ein Antikriegsroman als Bestseller. In: Tillmann
Westphalen(Hrsg.): Erich Maria Remarque 1898-1970. Bramsche 1988, S.58.(Im
folgenden als Howind angegeben.)
20 Vgl. Bordihn S. 191
21 Vgl. Bordhin S.202
12
bei der Sterbebegleitung(S.32-38), beim Füreinandereinstehen im Fronteinsatz(S.64, 71, 112, 127) sowie im Kampf gegen ihre Macht missbrauchenden Vorgesetzten(S.10, 51, 92, 250). Ich glaube deshalb, dass im Kameradschaftsmotiv einer der Hauptidentifikationspunkte der ehemaligen Frontkämpfer mit dem Roman gelegen hat und ein „Allgemeingut der Fronterfahrung“ vorliegt. Ein Zeitgenosse schrieb in seinem Leserbrief an die Vossische Zeitung:
„So war es. So kamen wir von der Penne zum Kommiss, so litten und wüteten wir, durch den
22 seltsam schnell gewordenen Schrecken, taten wir was man von uns verlangte[...]“
Diese Aussage zeigt einerseits, das er glaubte die Kriegszeit genau so wie Remarques Protagonisten erlebt zu haben und andererseits daran, das er nicht in „ich“ -Form, sondern in „wir“ -Form schreibt, das sein Empfinden des Krieges, ein Gruppen- sprich Kameradschaftserlebnis war. Ein wichtiges Element mit dem Remarque zur Allgemeingültigkeit des Beschriebenen beiträgt, ist die Typisierung seiner Gestalten 23 . Zwar sind Remarques Charaktere angelehnt an wahre Personen, wie z.B. ehemalige Kameraden, oder seinen Ausbilder Unteroffizier Himmelreich, den er im Roman zum Schinder Himmelstoß machte, aber diese Subjektivität hebt er auf indem er auf eine Individualisierung weitestgehend verzichtet und stattdessen alle Charaktere zu Trägern bestimmter Stereotypen macht, die Gesellschaftliche Gruppen wiederspiegeln. Die „Gruppe
Bäumer“ repräsentiert in ihrer sozialen und beruflichen Zusammensetzung den Großteil der mittleren und unteren Gesellschaftsschichten der wilhelminischen Gesellschaft. In ihr sind Schüler, Werktätige, ein Landwirt und ein Landarbeiter. Auch die Nebencharaktere symbolisieren allen Frontsoldaten bekannte Personengruppen , zum Beispiel die Figur des Lazarettinspektors(S. 205) oder die des Stammtischstratege mit dem Bäumer bei seinem Heimaturlaub konfrontiert ist. In Feldpostbriefen sind 22 Leserzuschrift Heinz Grossmanns in der Vossischen Zeitung, Nr. 300, 16. Dezember
1928, Zitiert nach Bordihn, S.191
23 Vgl. Bordihn, S.191.
13
analoge Aussagen von realen Pendants der „Gruppe Bäumer“ zu den Aussagen in „Im Westen nichts Neues““ zu finden, was für den realen Aussagegehalt des Werkes spricht. Peter Knoch zitiert in seinem Aufsatz „Erleben und Nacherleben“ 24 aus Feldpostbriefen von Soldaten verschiedener Gesellschaftsgruppen. Analog zum Verlust der Zukunftsperspektive die Bäumer beschreibt, schreibt ein von ihm zitierter Philosophiestudent der 1914 als Freiwilliger einrückte am 27.03.1916:
„[...]Sollte ich heimkommen, von mir, meine lieben Geschwister, wird nicht mehr viel da sein. Das
hat noch keiner unsres Regiments mit durchgemacht. Ob ich je die Kraft zum arbeiten
wiedergewinne?[...]
Auch die von Knoch Zitierten Briefe über die Destruktionserfahrung der Soldaten, beschreiben ähnlich wie es im Buch dargestellt wird, wie grauenvoll die Verletzungen der Toten und Verwundeten waren und wie schlimm die Verwüstung der Landschaft. 25 Was Remarques Roman sogar in einem Aspekt authentischer für das Nachempfinden der Fronterfahrung als die Feldpostbriefe wirken lässt ist, dass er seine Protagonisten im derben Soldatenjargon miteinander reden lässt. So kann man die Verrohung der Soldaten durch die erlebten Schrecken und die Entwicklung von Sarkasmus als Schutz vor emotionalem Zusammenbruch angesichts des massenhaften Exodus ihresgleichen, nachvollziehen. 26 Zu klären bleibt nun noch die Frage, woraus Remarque das Wissen schöpfte, das es ihm ermöglichte dieses Bild des Kriegserlebnisses zu kreieren. Der Ullsteinkonzern der das Buch geschickt, seit seinem Erscheinen 1929 vermarktete 27 , verbreitete die Legende, das Remarque alles im Buch beschriebene selbst an der Front erlebt hätte und diese Eindrücke schließlich als persönliche Vergangenheitsbewältigung niedergeschrieben hätte, ohne die Absicht sie zu veröffentlichen. Wozu er
24 Vgl. Peter Knoch: Erleben und Nacherleben. In: Gerhard Hirschfeld „Keiner fühlt sich
hier mehr als Mensch...“. F.a.M. 1996, S.236-
25 Vgl.Peter Knoch: Erleben und Nacherleben. In: Gerhard Hirschfeld „Keiner fühlt sich
hier mehr als Mensch...“. F.a.M. 1996, S.242
26 Vgl. Bordihn, S.193
27 Vgl. Howind S.58-63
14
erst durch Freunde gedrängt worden wäre. 28 Diese Geschichte wurde später als fingiert entlarvt und es kam die Wahrheit über seine Biografie zutage. 29 Aus ihr geht hervor 30 , dass Remarque am 22.06.1898 als Sohn des Buchbinders Peter Franz Remark in Osnabrück geboren wurde. Sein Elternhaus war kleinbürgerlich und streng katholisch und er versuchte früh sich dessen engem Horizont durch Aufbau von Gegenwelten mit Hilfe von Literatur, Kunst, Musik und einer Sammelleidenschaft zu entziehen. Er entwarf sich dadurch, Zukunftsbilder von sich als Künstler oder Literat. Unter Beibehaltung dieser Ambitionen, schlug er ab 1912 den Weg des Volksschullehrer ein. Im November 1916 im Alter von 18 Jahren wurde er, bevor die Ausbildung zum Volksschullehrer abschließen kann, zum Heer einberufen und im Juni 1917 an die Westfront entsendet, sechs Wochen später wurde er schwer verwundet und verbrachte die Zeit bis zum Ende des Krieges in einem Lazarett in Duisburg. Er blieb immer in engem Kontakt mit seinen Kameraden, von denen er sich genaue Berichte aus dem Feld holte. An seinen Schulfreund Georg Middendorf mit dem er zusammen im Schanztrupp war schrieb er 1918:
„Es kommt mir manchmal wie ein Verbrechen vor, dass ich hier so hübsch im Trockenen sitze- Wie
31 ist denn eigentlich bei euch? Erzähl doch mal davon, mich interessiert das, wie du weißt, sehr!“
Im Lazarett schrieb er auch seinen ersten Roman „Die Traumbude“, eine romantische Mischung aus Bohememilieu und Jugendbewegung, dessen Veröffentlichung im „Verlag der Schönheit“ aber nahezu unbeachtet blieb. Unmittelbar nach Kriegsende verfiel er zeitweise der Hochstapelei, gab sich als hochdekorierter Leutnant aus und benutzte den Briefkopf: „Erich Remark Schriftsteller“. Er schloss nach dem Krieg auch seine Lehrerausbildung ab, die er in seiner Heimatstadt am Lehrerkolleg in Osnabrück begonnen hatte. Nach kurzer Lehrtätigkeit ließ er sich
28 Vgl. Howind, S. 55.
29 Vgl. Müller, S.45 -49.
30 Vgl. Müller S.43-47 und Howind S. 55-56.
31 Erich Remark. Duisburg, Vincenz-Hospital, 10.01.1918. An Georg Middendorf. Zitiert
nach Howind, S.57
15
schließlich beurlauben, da der Schuldienst seiner Wunschexistenz nicht gerecht wurde. Nach einigen Gelegenheitsbeschäftigungen wurde er 1920 Werbetexter in Hannover bei dem Gummikonzern „Echo Continental“ und bekam schließlich 1924 eine feste Anstellung als Redakteur bei der Illustrierten „Sport im Bild“ in Berlin. Dort stieg er bis zum stellvertretenden Chefredakteur auf. Seine Schriftstellerkarriere kam aber nicht voran, obwohl er in „Sport im Bild“ 1927 seinen zweiten Roman Station am Horizont“ veröffentliche verschaffte ihm das keinen Durchbruch. Seit 1921 benutzte er den Namen Erich Maria Remarque, dessen Schreibweise er von seinem französischen Urgroßvater übernahm. Im Vorfeld zur Niederschrift von „Im Westen nichts Neues“ beschäftigte sich Remarque mit neuerer Kriegsliteratur: Georg von der Vrings: „Soldat Suhren, Ernst Jünger: „Das Wäldchen 125“ und „In Stahlgewittern“ und schrieb eine Sammelrezension zu den Büchern in „Sport im Bild“. Warum sich Remarque schließlich entschloss einen Kriegsroman zu schreiben ist nicht völlig geklärt. Hans-Harald Müller vertritt die These, dass Remarque mit dem Schreiben des Romans das Problem des Scheiterns seiner Schriftstellerischen Ambitionen durch die Projektion von dessen Ursachen in die Kriegszeit zu lösen versucht hat. 32 Müller führt begründend Remarques Interviewaussage an, der Roman behandle ein persönliches Problem und sieht auch den Fakt das viele der Handlungsfiguren auf Personen aus Remarques Leben zurückgehen als dieser These zuträglich an. 33 Remarque stützt also sein Wissen, zwar nicht in vollem Umfang aus seiner selbst erlebten Frontzeit, aber durch den engen Kontakt mit seinen Kameraden an der Front, hatte er deren Aussagen und Erlebnisberichte als Grundlage des Romans zur Verfügung, außerdem lässt sich vermuten, dass ihm die Frontromane, die er gelesen hatte den Anstoß gaben sich mit seiner eigenen Kriegserfahrung auseinander zusetzen und sie schließlich in Form des Romans „Im Westen nicht Neues“ niederzuschreiben. Da Remarque, das Beschriebene also nicht selbst
32 Vgl. Müller, S.44-49
33 Vgl. Müller S.47
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erlebte, sondern aus zweiter Hand erfuhr, ist sein Roman zwar nicht als authentische Schilderung eigener Erinnerung zu bewerten, aber wie ich versucht habe darzustellen, liefert er ein repräsentatives Bild des Fronterlebnisses der einfachen Frontsoldaten und schafft es uns heutigen Lesern relevantes Wissen über die Erfahrung des Ersten Weltkrieges zu vermitteln.
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3. Zusammenfassung:
In dem Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque wird ein exemplarischer „Kriegslebenslauf“ 34 aus vielen, wie ich ausgeführt habe, authentischen Einzelerlebnissen geformt. Der Leser kann an den Erlebnissen der „Gruppe Bäumer“ den Alltag der Front realistisch nachvollziehen. Zwar ist das Buch kein Augenzeugenbericht, sondern ein fiktiver Roman, den der Autor wohl auch zur Verarbeitung persönlicher Probleme verfasst hat und nicht um einer breiten Leserschaft ein Bild des Kriegserlebnisses zu vermitteln. Aber das in „Im Westen nichts Neues“ gezeichnete Bild vom Kriegserlebnis kann, auch ohne authentisch im Sinne eines Augenzeugenberichtes zu sein, als repräsentativer Spiegel der Fronterfahrung betrachtet werden, durch die enthaltenen realen Elemente können ebenso relevante Informationen gewonnen werden, wie sie zum Beispiel die Feldpost liefert. Die Typisierung der Charaktere, die ungenaue Angabe von Ort und Zeit, das Auslassen prüfbarer Angaben zur militärischen Einheit und damit die Reduzierung auf die rein menschlichen Aspekte des Kriegserlebnisses sind die Vorraussetzung dafür, dass sich uns allgemeingültige Kenntnisse über das Leben der Frontsoldaten aus dem Buch erschließen. Holger M. Klein zählt in seiner Typologie des Kriegsromans, „Im Westen nichts Neues“ zum Repräsentationstyp, innerhalb dessen die Darstellung des Krieges die effektivste Verwirklichung erfahre, weil er am leichtesten ein Gleichgewicht zwischen interessierender Individualisierung und allgemeiner Relevanz ereiche. 35
34 siehe Fußnote 19
35 Vgl. Holger M. Klein: Zu Typologie des Kriegsromans. In: Klaus Vondung:
Kriegserlebnis. Der Erste Weltkrieg in der literarischen Gestaltung und symbolischen
Deutung der Nationen, Göttingen, 1980, S.212
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Literaturverzeichnis
Gedruckte Quellen:
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19
Literatur:
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Baumer, Franz: Erich Maria Remarque. 3. ergänzte Auflage, Berlin 1994 Bekes, Peter: Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“. Eine Interpretation. München 1998
Bernhard, Hans Joachim: Der Weltkrieg 1914-1918 im Werk Ernst Jüngers, Erich Maria Remarques und Arnold Zweigs. Ein Beitrag zum Problem des Realismus in der Literatur des 20.Jahrhunderts.(Diss.) Rostock 1958
Bloom, Harold: Erich Maria Remarque „All quiet on the western front“. Philadelphia 2001
Bordihn*, Karl Michael: Krieg und Literatur. Publizistisch-literarische Auseinandersetzung um Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ als Paradigma des Kampfes um die liberal-demokratische Staatsform von Weimar.(Diss.) Düsseldorf 1996
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Daniel Lachmann, 2004, Kriegserfahrung in der Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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