Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson 4
2.1. Benedict Andersons Nationalismustheorie 4
2.2. Die Religion in Benedict Andersons Nationalismustheorie 6
3. Nationalismus und Religion im Deutschland des 19. Jahrhunderts 9
3.1. Die Entstehung des Nationalismus in Deutschland’ 9
3.2. Der deutsche Nationalismus bis zur Gründung des Deutschen
Kaiserreichs 11
3.3. Nationalismus und Religion im Kaiserreich von 1871 12
3.4. Zusammenfassung 16
4. Schlussbetrachtung 17
5. Literaturverzeichnis 19
6. Abstract / Zusammenfassung 20
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1. Einleitung
Warum sollte man sich mit dem Zusammenhang von Religion und Nationalismus beschäftigen? Es ist doch offensichtlich, dass der Nationalismus die Religion historisch abgelöst hat, sozusagen eine „Ersatzreligion“ geworden ist. Eine einfache Abfolge zweier unterschiedlicher Ideologien, von denen die eine die andere schlicht ersetzt. Dieses Denken vereinfacht den komplexen Zusammenhang, die Wechselwirkungen von Religion und Nationalismus zu sehr. Denn es ist ein Faktum, dass die Religion mit dem Erscheinen des Nationalismus nicht einfach unterging. Schließlich besteht sie bis heute. Die zu stellenden Fragen sollten also eher lauten: Ist Nationalismus ohne die bereits von der Religion geschaffenen Strukturen und Symbole überhaupt denkbar? Gibt es über die offensichtliche Ähnlichkeit hinaus noch tiefer gehende Beeinflussungen des Nationalismus durch die Religion oder der Religion durch den Nationalismus? Hat die religiöse Aufwertung des Nationalismus, seine Verbindung mit der Religion vielleicht sogar zu dessen Radikalisierung beigetragen?
Die vorliegende Arbeit setzt sich zunächst mit der Rolle der Religion in der Nationalismustheorie Benedict Andersons auseinander. Dazu soll im Folgenden in groben Zügen sein Nationalismuskonzept dargestellt werden, wie er es (leider ausschließlich) in seinem viel beachteten Hauptwerk „Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts“ dargelegt hat. Aus diesem soll daran anschließend die Stellung der Religion, insbesondere die des Christentums, herausgearbeitet werden.
In einem zweiten Teil werden die Ergebnisse dieser Untersuchung empirisch auf das Fallbeispiel Deutschland angewendet. Der betrachtete Zeitraum umfasst dabei mit wenigen Ausblicken die Zeit von der Jahrhundertwende um 1800, also dem durch die Abwehrkämpfe gegen das napoleonische Frankreich ausgelösten massenhaften Erscheinen nationalistischer Gesinnungen, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als dem Anfang vom Ende des ersten „nationalistischen“ Deutschen Kaiserreiches. Es soll sich auf die das ‚Deutschland’ jener Zeit hauptsächlich prägenden Konfessionen Protestantismus und Katholizismus beschränkt werden. Die ‚deutschen’ Juden werden auf Grund ihrer geringen Zahl, die nur circa ein Prozent der deutschen Bevölkerung des Kaiserreiches ausmachte, vernachlässigt.
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2. Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson
2.1. Benedict Andersons Nationalismustheorie
Grundlegend für Benedict Andersons Nationalismustheorie ist die Einordnung des Nationalismus als ein „kulturelles Kunstprodukt“, das sich „Ende des 18. Jahrhunderts spontan aus einer komplexen ‚Kreuzung’ verschiedener historischer Kräfte destillierte“ (Anderson 1988: 14). Er stellt den Nationalismus mit Begriffen wie ‚Verwandtschaft’ oder ‚Religion’ gleich, statt ihn in als eine „Weltanschauung“ wie den ‚Liberalismus’ oder den ‚Faschismus’ einzuordnen (Anderson 1988: 15). Man solle ihn nicht in einer Reihe mit bewusst verfochtenen Ideologien, sondern mit den kulturellen Systemen der religiösen Gemeinschaft und des dynastischen Reiches betrachten, „die ihm vorausgegangen sind und aus denen - und gegen die - er entstanden ist“ (Anderson 1988: 20). Fraglich dabei ist, ob nicht auch Religion eine Form der Weltanschauung, beziehungsweise Ideologie ist. Zudem gibt Anderson in seinem gesamten Werk keine konkrete Definition von seinem Nationalismusverständnis. Im Gegensatz zu diesem Versäumnis steht Andersons Nationsdefinition als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän“ (Anderson 1988: 15). Sie ist mittlerweile ein Klassiker und gemeinhin akzeptiert. 1 An späterer Stelle soll sie als Bezugspunkt für eine Abgrenzung der Religion von der Nation dienen (s. Seite 7). Ausgehend von ihr soll Nationalismus als das Streben einer Gruppe von Menschen nach einer eigenen Nation im obigen Sinne bezeichnet werden. Für die Entstehung des Nationalismus und den gleichzeitigen Niedergang der religiösen Gemeinschaft und des dynastischen Reiches sind, auf Europa bezogen, nach Anderson drei Punkte zentral:
1. Die Veränderung in der Zeitwahrnehmung in Verbindung mit der
2. Die Ausbildung einer Landessprache, bzw. die damit verbundene Erosion der ‚Heiligen Sprache’ Latein (Anderson 1988: 46-53). 3. In diesen Zusammenhängen der Kapitalismus, der laut Anderson die Drucker
Die Veränderung der Zeitwahrnehmung bezieht sich auf die Ablösung der zirkulären Zeitvorstellung des Mittelalters, also der nicht vorhandenen Trennung von
1 Zur vollständigen Erläuterung dieser Definition und ihrer Inhalte siehe Anderson 1988: 15-17
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Vergangenheit und Gegenwart, durch eine lineare und kontinuierliche Zeitvorstellung, deren Entwicklung in enger Verbindung mit der Entstehung und Ausbildung der säkularen Wissenschaften steht. Diese lineare und kontinuierliche Zeitvorstellung erzeugt, in Verbindung mit den sie verbreitenden Druckerzeugnissen Roman und Zeitung, eine neue Vorstellung von Gleichzeitigkeit, durch die erst Gemeinschaften des „horizontal-säkularen und historischen Typs“ möglich werden. (Anderson 1988: 30-32; 44)
Die Bezeichnung ‚Heilige Sprache’ soll die enge Verbundenheit des mittelalterlichen Christentums als einer „klassischen Großgemeinschaft“ mit dem Lateinischen und seine Angewiesenheit auf sie zum Ausdruck bringen. Denn ohne diese, an eine überirdische Ordnung geknüpfte, ‚Heilige Sprache’, verbunden mit ihrer Schriftform, sei die religiöse Gemeinschaft des Christentums in ihrer riesigen räumlichen Ausdehnung nicht denkbar gewesen (Anderson 1988: 21). Allerdings unterscheide sich gerade in diesem Punkt die „klassische Großgemeinschaft“ von der modernen vorgestellten Nation. Denn die ‚Heilige Sprache’ sei grundsätzlich erlernbar, auf diesem Wege also die Aufnahme in die klassische Großgemeinschaft möglich gewesen. Dieser in der „Wahrheitssprache“ liegende „Impuls zur Konversion“, zur Ausweitung der Gemeinschaft, sei dem Nationalismus größtenteils fremd (Anderson 1988: 23).
Für die Ablösung der ‚Heiligen Sprache’ macht Anderson vier Faktoren verantwortlich. Zum einen, dass die Wiederentdeckung und -verwendung des antiken Lateins die Schrift selbst zu einem Mysterium machte (Anderson 1988: 46). Zum anderen die Reformation, die in ihrem „Kampf um die Köpfe der Menschen“, dem „religiösen Propagandakrieg“ (Anderson 1988: 46), auf die jeweilige Landessprache zurückgriff, während die Gegenreformation sich immer noch des Lateinischen bediente. Drittens die Ausbildung von Verwaltungssprachen an den einzelnen Höfen aus pragmatischen Gründen, die zum „Niedergang der vorgestellten Gemeinschaft des Christentums“ beitrug (Anderson 1988: 49). Und viertens die Entwicklung der vergleichenden Sprachwissenschaft im späten 18. Jahrhundert, die der ‚Heiligen Sprache’ ihre Einzigartigkeit raubte (Anderson 1988: 75). Außerdem habe die „allgemeine Zunahme der Alphabetisierung, des Handels, der Industrie, der Kommunikation und der staatlichen Organisation, die das 19. Jahrhundert charakterisierte, der Vereinheitlichung der Landessprachen in den einzelnen Dynastien neue und mächtige Impulse“ verliehen (Anderson 1988: 82).
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Die vornationalen Höfe und ihre Herrscherdynastien waren auf Grund ihrer legitimierenden Funktion auf die Religion angewiesen. Nach dem Niedergang der religiösen Gemeinschaft mussten die Dynastien daher nach einer neuen Legitimationsgrundlage suchen. In diesem Zusammenhang entstand der „offizielle Nationalismus“, die von ‚oben’ „gewollte Fusion von Nation und dynastischem Reich“ (Anderson 1988: 91). Auf diese Weise gaben sich die Dynastien zwar eine neue Legitimitätsgrundlage, gleichzeitig gestand der jeweilige Herrscher damit aber ein, nur einer unter vielen Gleichen zu sein (Anderson 1988: 90). Die Politik des offiziellen Nationalismus war geprägt durch die Volksschulpflicht, staatlich organisierte Propaganda, eine Umschreibung der offiziellen Geschichte, Militarismus und endlose Bestätigungen der Identität von Dynastie und Nation. Musterbeispiel sowohl für den offiziellen Nationalismus als auch den Untergang der Dynastien ist das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II., der von sich selbst sagte, er sei der Erste unter den Deutschen. Konsequenterweise erfolgte seine Absetzung nach dem Ersten Weltkrieg ‚im Namen der deutschen Nation’. (Anderson 1988: 90, 106) Neben den anfangs dargestellten, von Anderson als ‚europäischem Volksnationalismus’ und ‚offiziellem Nationalismus’ bezeichneten Nationalismen, führt Anderson auch einen ‚kolonialen Nationalismus’, der sich in den ehemaligen Kolonialreichen durchsetzte, und die ‚Idee der Bürgerrepublik’, die ihren Ursprung in Amerika hatte, ein (Anderson 1988: 135). Da diese aber für meine Thematik keine Bewandtnis haben, werde ich sie in dieser Arbeit vernachlässigen.
2.2. Die Religion in Benedict Andersons Nationalismustheorie
Das bisher Erläuterte zeigt in Ansätzen die Rolle, die Anderson der Religion in seinem Nationalismuskonzept zumisst. Die ‚religiöse Gemeinschaft’ bildet zusammen mit dem ‚dynastischen Reich’ eine Art Vorläufer des Nationalismus, wobei darauf hinzuweisen ist, dass Anderson sich des fließenden Übergangs und auch der späteren Koexistenz beider bewusst ist. „Genausowenig möchte ich nahe legen, der Nationalismus hätte die Religion historisch ‚abgelöst’“ (Anderson 1988: 20). Für den Untergang der religiösen Gemeinschaft macht Anderson die Forschungsreisen in die außereuropäische Welt und die damit verbundene Erweiterung des kulturellen und geographischen Horizonts und der Vorstellung der möglichen menschlichen Lebensformen insgesamt, sowie die angesprochene allmähliche Degradierung und Ablösung der ‚Heiligen Sprache’ durch die jeweilige Landessprache
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verantwortlich (Anderson 1988: 24-26). „Die ‚Entdeckung’ großartiger Kulturen, von denen man bis dahin nur wenig gehört hatte, […] ließ im Laufe des 16. Jahrhunderts einen Pluralismus ins Bewusstsein der Europäer treten, hinter den man nicht mehr zurückfallen konnte. […] So wurde es möglich, Europa als nur eine unter vielen Kulturen zu denken, wobei es nicht die auserwählte oder beste sein musste.“ (Anderson 1988: 73, 74)
Die Ablösung des Lateinischen als gottgegebener Wahrheitssprache führte zum Legitimitätsverlust des im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zahlenmäßig kleinen schreib- und lesekundigen Klerus als vermittelnder Intelligenz zwischen Himmel und Erde. Hierzu hat die Reformation meiner Meinung nach einen doppelten Beitrag geleistet, indem sie zum einen die Landessprache förderte, zum anderen aber auch das Verhältnis des Laien zu seinem Gott auf eine persönliche Ebene stellte, mit anderen Worten das ‚allgemeine Priestertum’ einführte.
Ein wesentliches Verdienst, dass Anderson der Religion zugesteht, „besteht in der Beschäftigung mit dem Menschen im Kosmos, dem Menschen als Lebewesen und der Kontingenz des Lebens.“ Religiöses Denken antworte „auf verschiedene Weise auch auf dunkle Ahnungen von Unsterblichkeit -im allgemeinen, indem es das
Unausweichliche in eine Überzeitlichkeit transformiert.“ (Anderson 1988: 19) Das Verschwinden der religiösen Denkweisen im 18. Jahrhundert allerdings habe eine andere Beantwortung des menschlichen Leidens notwendig gemacht. Der entstandene leere Raum sei durch den Nationalismus gefüllt worden, der die Nation zum höchsten Gut erhoben habe. Diese habe Leiden und Tod einen neuen Sinn gegeben. Gerade durch die in die Nation projizierte Unsterblichkeit könne sie die Frage nach dem menschlichen Leid ebenso sinnvoll wie die Religion beantworten. „Es ist das ‚Wunder’ des Nationalismus, den Zufall in Schicksal zu verwandeln.“ (Anderson 1988: 20) Dazu sei kritisch angemerkt, dass meiner Meinung nach die religiösen Denkweisen nicht einfach verschwanden, sondern in weiten Teilen auf die Nation umgedeutet wurden. Das werde ich auch am noch folgenden Beispiel ‚Deutschland’ nachzuweisen versuchen. Ich stimme an dieser Stelle also mit der von Anderson postulierten Unabhängigkeit des Nationalismus von den religiösen Denkweisen nicht überein. Nun möchte ich die auf Seite 4 angekündigte Abgrenzung von Religion und Nation an Hand von Andersons Nationsdefinition vornehmen, um deren Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten hervorzuheben. Es sei darauf hingewiesen, dass ich den Vergleich, mit Blick auf das empirische Beispiel Deutschland, auf die christliche
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Religion beschränke. Die Bestandteile der Nationsdefinition sind: ‚vorgestellt’, ‚begrenzt’, ‚souverän’ und ‚Gemeinschaft’. In wie weit lassen sich diese Merkmale auch auf die christliche Religion anwenden?
Vorgestellt ist die Nation, weil sich die wenigsten ihrer Mitglieder persönlich kennen. Dies gilt unbestritten ebenso für die christliche Religion in ihrem weitaus größerem Umfang. Dagegen unterscheidet sich die Nation durch ihr Charakteristikum ‚begrenzt’ von der christlichen Religion, die im Gegenteil als Universalreligion darauf angelegt ist, durch Mission neue Mitglieder zu gewinnen. „Selbst die glühendsten Nationalisten träumen nicht von dem Tag, da alle Mitglieder der menschlichen Rasse ihrer Nation angehören werden - anders als es in vergangenen Zeiten den Christen möglich war, von einem ganz und gar ‚christlichen’ Planeten zu träumen.“ (Anderson 1988: 16) Auch die Souveränität der Nation steht im Wiederspruch zu der in der Religion beanspruchten Legitimation von Gottes Gnaden. Dagegen ist das Christentum ebenso wie die Nation als ein „kameradschaftlicher Verbund von Gleichen“ im Sinne Andersons als Gemeinschaft zu betrachten.
Aus diesem Vergleich von Religion und Nation geht hervor, dass beide zwar nicht deckungsgleich sind, aber in den Punkten ‚vorgestellt’ und ‚Gemeinschaft’ ähnliche Elemente aufweisen, wohingegen in den Punkten ‚begrenzt’ und ‚souverän’ schon die wesentlichen Konfliktpotentiale für den Fall Deutschland begründet liegen. Nationalismus scheint demnach auf bereits existierende Vorstellungen in den Köpfen zurückgreifen zu können.
Es bleibt also festzuhalten, dass die religiöse Gemeinschaft und mit ihr die Religion bei Anderson ihre Führungsrolle an die Nation und den Nationalismus abtreten musste. Nach diesem Übergang, der laut Anderson in Westeuropa im 18. Jahrhundert vor sich ging, findet sich die Religion in seinen Ausführungen nicht mehr wieder.
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3. Nationalismus und Religion im Deutschland des 19. Jahrhunderts
Im Folgenden soll das Verhältnis von Religion und Nationalismus in Deutschland geklärt werden. Ab wann entsteht überhaupt eine nationalistische Bewegung und wie ist sie geprägt? Passt der Zeitpunkt zu Andersons Ausgangspunkt, Ende des 18. Jahrhunderts? Wird die Religion an den Rand, sozusagen ins ‚Private’, abgedrängt? Tritt die Nation als ‚Ersatzreligion’ an die Stelle der Religion?
3.1. Die Entstehung des Nationalismus in ‚Deutschland’
In Deutschland, genauer den deutschen Teilstaaten, bildete sich übereinstimmend mit Andersons Aussagen um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert ein Nationalbewusstsein aus. Dies ist unumstritten, auch wenn einige Autoren eine „halb verschüttete mittelalterliche Nation“ (Hastings 1997: 109) zur Prämisse machen, oder einen „heiligen Nationalismus“ bereits im 16. Jahrhundert ausmachen wollen (Cruise O’Brien 1999: 24). Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang auch der Ansatz von Koppel S. Pinson, der in seinem 1934 erschienenen Buch ‚Pietism as a factor in the rise of german nationalism’ die These aufgestellt hat, die im 17. Jahrhundert einsetzende Pietismusbewegung habe die Basis für den deutschen Nationalismus gelegt, indem sie der Bevölkerung verlorengegangene Emotionalität und Enthusiasmus zurückgegeben habe (Pinson 1934: 25). Nach Pinson habe der Pietismus zusammen mit der Aufklärung die ideologische Basis des modernen deutschen Nationalismus bereitet. “The early German nationalist was what I have termed an ‘enlightened Pietist’, an
individual deeply imbued with emotional enthusiasm and that sense of dependence
so strongly emphasized in Pietist religious literature from Spener to
Schleiermacher, but one who no longer could find the support which he craved
solely in his Christian religion but was forced to seek a secular outlet for his
enthusiasm and his feeling of social kinship. This outlet was provided by the
national group.” (Pinson 1934: 26)
Nach Theodor Schieder dagegen waren für die Ausbildung des deutschen Nationalbewusstseins vier Faktoren wesentlich. Erstens die Entstehung eines neuen Bürgertums aufgrund wirtschaftlicher Umwälzungen und dessen
Bewusstseinsentwicklung für eine gemeinsame deutsche Kultur mit gemeinsamen Bildungswerten, gemeinsamer Philosophie, Kunst und Sprache im ausgehenden 18. Jahrhundert. „Die deutsche Nationalidee war zuerst die einer deutschen Kulturnation.“ (Schieder 1991: 146) Zweitens die Politisierung des deutschen Bildungsbürgertums durch die französische Revolution und die Napoleonische Fremdherrschaft. Drittens die Unbeliebtheit der Staaten des Rheinbundes, resultierend aus ihrer Verkörperung der
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französischen Fremdherrschaft, was nicht nur den Nationalisten den Partikularismus als negativ erscheinen lies. Viertens die Ansicht, dass die Einheit die notwendige Voraussetzung für die Selbstbestimmung der ‚Nation’ bilde. (Schieder 1991: 146, 147) Als Vertreter des deutschen Bildungsbürgertums können unter anderem Ernst Moritz Arndt (1769-1860), Johann Gottfried Herder (1744-1803) oder auch Friedrich Schleiermacher (1768-1834) gelten, um nur einige zu nennen. Sie „gehörten genauso zur neueren Geschichte des deutschen Protestantismus wie zu der des deutschen Nationalismus.“ (Altgeld 1992: 66) Somit klingt hier erstmals an, dass der deutsche Nationalismus in enger Verbindung zum Protestantismus stand. Altgeld begründet diese „wechselseitige Durchdringung“ durch die ursprüngliche ideologische Prägung des deutschen Nationalgedankens. „Dieser lässt sich zunächst als eine Ausprägung protestantischer ‚Weltfrömmigkeit’ begreifen.“ (Altgeld 1992: 66) Nach Altgeld erschien die „christreligiöse Grundhaltung“, die bei den oben Genannten zweifellos vorhanden war, „unmittelbar als politisch-weltanschauliche Position in Bezug auf Freiheit und Ordnung, zum Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Individuum“ und wurde demnach „als wesentlich politisches Problem diskutiert!“ (Altgeld 1992: 65) Die „Nationalgeschichte wurde als Offenbarung gelesen, die nun in der Zeit des Kampfes gegen die französische Expansion als Verheißung einer ‚Wiedergeburt’ Deutschlands als auserwähltes Volk verstanden werden konnte.“ (Haupt, Langewiesche 2001: 24) Mit anderen Worten: Religion und Politik gingen eine Symbiose ein (Kantzenbach 1993: 9). Das passt zu Andersons Aussage, der Nationalismus sei aus den beiden kulturellen Systemen der ‚religiösen Gemeinschaft’ und ‚dynastischem Reich’ entstanden (Anderson 1988: 20), obgleich sie diese Symbiose nur unzureichend erfasst. Problematisch blieb allerdings die Frage, wer oder was als ‚deutsch’ zu gelten hatte. Als Kriterien kamen die deutsche Sprache oder die gemeinsame ethnische Abstammung, also der ‚Volksgedanke’, in Frage. Die Religion als Abgrenzungskriterium zu den Nachbarn schied wegen der bestehenden jahrhundertealten konfessionellen Spaltung in einen protestantischen Norden und einen katholischen Süden von vornherein aus. Sie wurde den anderen Kriterien untergeordnet. Zunächst wurde alles als ‚deutsch’ betrachtet, wo die deutsche Sprache gesprochen wurde (Sprachnationalismus). Doch dass auf diesem Wege kein allumfassender Nationalstaat zu bilden war, machte schon die weitläufige Verteilung deutschsprachiger Siedler in Osteuropa oder auch die Existenz der Schweiz mit ihren zum Teil deutschsprachigen Angehörigen deutlich. „While being German was so much a matter
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of sharing in a linguistic and cultural community, how could people who were German speakers opt out of being German?“ (Hastings 1997: 108) Der ‚Volksgedanke’ fand schon 1813, während der Befreiungskriege gegen Frankreich Aufnahme in den Predigten (Kantzenbach 1993: 107). „Volk und Völker [wurden] als ewige, der Menschheit und den Menschen von Gott gesetzte höchste weltliche Ordnungsprinzipien [angesehen], jedes Volk von ihm mit einem unverwechselbar eigenen Volksgeist begabt, welcher sich in Sprache und Religion, dabei in den Anfängen der Volksgeschichte in reinster und vornehmster Weise zu erkennen gibt.“ (Altgeld 1992: 109) Dieses ‚Volks’-Kriterium des ‚Deutschseins’ musste zwangsläufig zum Ausschluss von Minderheiten wie den Juden führen, während der Sprachnationalismus sie problemlos mit einschloss. Die Entwicklung von der Betonung der Sprache hin zur Betonung des Volksgedankens als Hauptkriterium des ‚Deutschen’ fand ihren unrühmlichen Höhepunkt im nationalsozialistischen Deutschland. Letztendlich definierte sich der deutsche Nationalismus als Mischung aus ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeit, wobei die Gewichtung sich mit der Zeit verschob (Hastings 1997: 109). Beide Kriterien lassen sich auch in Andersons Theorie über die Ursprünge des Nationalbewusstseins finden, bzw. integrieren. Der Sprachnationalismus ist bei ihm in der Entwicklung der Landessprache und ihrer Anerkennung als Legitimationsgrundlage angelegt, während der ‚Volksgedanke’ sich problemlos in die dafür notwendige Veränderung der Zeitwahrnehmung hin zur kontinuierlichen Zeitvorstellung integrieren lässt, wobei er selbst allerdings von Anderson nicht ausgeführt wird (Anderson 1988: 44-53, 88).
3.2. Der deutsche Nationalismus bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs Nach dem Ende der Befreiungskriege und dem Wiener Kongress von 1815 fanden sich die Nationalisten in ihren Erwartungen enttäuscht. Die Restauration hatte sich durch-und den Deutschen Bund wieder eingesetzt. Es war nicht zur Gründung eines deutschen Nationalstaates gekommen.
Diese Gelegenheit sollte sich in der Revolution von 1848 noch einmal bieten. Doch auch sie scheiterte an den gegenläufigen Interessen von Nationalisten und Herrscherhäusern, die sich mit Hilfe ihrer militärischen Macht durchsetzen konnten. Dazu beigetragen hatte neben den Streitigkeiten um die Führungsmacht innerhalb des neu zu gründenden Reiches auch das Problem der Grenzziehung. Es konnte weder an sozial noch staatlich-politisch noch geographisch festgelegte Grenzen angeknüpft
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werden. „Die Vorstellung, dass alle Deutschen im kommenden Nationalstaat zusammengefasst werden sollten und dieser reichen sollte, „soweit die deutsche Zunge klingt“, wich allmählich dem Willen, eine Staatsnation zu schaffen.“ (Schieder 1991: 148) Diese Staatsnation sollte föderalistisch aufgebaut sein, in der endgültigen Lösung mit Preußen statt Österreich als Führungsmacht. Das Vorhaben scheiterte allerdings an der Weigerung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., die ihm angetragene Kaiserwürde anzunehmen. „Entweder wurde jetzt die nationalstaatliche Entwicklung auf den Stand von 1815 zurückgeworfen oder sie wurde von den restaurierten alten Mächten aufgegriffen und in ihrem Sinne vollendet.“ (Schieder 1991: 149) Bekanntermaßen geschah letzteres. Bismarck schaltete zunächst den österreichischen Konkurrenten aus (1866) und nutzte die nationale Hochstimmung nach, beziehungsweise während des Krieges gegen Frankreich 1870/71 zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Damit hatte sich der ‚offizielle Nationalismus’ in Deutschland durchgesetzt. Die Religion hatte dabei, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle inne. Eher ging es um handfeste politische Interessen, die von Bismarck dem Machtpolitiker wie von keinem Zweiten verkörpert wurden. Ihm und der Reichsgründung standen die protestantisch-konservativen Prinzipienpolitiker im Umfeld des preußischen Herrscherhauses der Hohenzoller skeptisch gegenüber, die vor Bismarcks Berufung zum Kanzler großen Einfluss auf den König ausübten. Für sie war es unvorstellbar, die anderen Herrscherhäuser der deutschen Teilstaaten, die wie der preußische König durch Gottes Gnaden eingesetzt und legitimiert seien, zu entmachten. Religion verzögerte in diesem Sinne also bis zum Übergang zur Realpolitik eine Nationalstaatsgründung eher, als dass sie sie förderte.
3.3. Nationalismus und Religion im Kaiserreich von 1871
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 entstand in Übereinstimmung mit Andersons Nationsdefinition der erste deutsche Nationalstaat in der Geschichte. Wohl kaum ein anderes Feld prägte ihn so sehr wie die konfessionelle Trennung seiner Bevölkerung in Protestanten und Katholiken 2 , die auch in die nichtreligiösen Lebensbereiche ausstrahlte. Die „Religiöse Spaltung war die ausschlaggebende Realität des Lebens, des Denkens, des Selbstbildes und der Politik in Deutschland.“ (Rohe 1992: 114) Evangelische und katholische Schulkinder standen sich
2 Der Übersichtlichkeit halber werde ich auf die einzelnen Untergruppen im Protestantismus und
Katholizismus nicht näher eingehen.
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ablehnend gegenüber, Geschäfte der jeweils anderen Konfession wurden boykottiert und Ehepartner wurden statt im Nachbardorf ein Dorf weiter gesucht (Blaschke, Kuhlemann 1996: 8). „Gerade das Kaiserreich ist ein Zeuge der Renaissance religiöser Orientierungen und Konflikte“ (Blaschke, Kuhlemann 1996: 8). Wichtig ist, dass die Protestanten, insbesondere die protestantische Mittelklasse, sich als die Träger der Nation verstanden, während dies bei den Katholiken nicht so ausgeprägt war. Schließlich führte das protestantische Preußen die
Nationalstaatsbildung herbei und bestimmte dessen Prägung. Die evangelische Kirche ging nach 1871 sogar soweit, die „Identifikation von deutscher Nation und protestantischem Christentum zum Glaubensbekenntnis“ zu erheben (Walkenhorst 1996: 517). Wie bereits nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon wurde der Sieg von 1870/71 als Zeichen für Gottes besondere Zuwendung zum deutschen Volk und als Sieg über das katholische Frankreich glorifiziert. Die Protestanten sahen in der Reichsgründung gar die „Vollendung der Reformation“, wie es der spätere Hofprediger Adolf Stoecker ausdrückte. Es fand also eine „Verknüpfung verschiedener Deutungsebenen [statt, indem] der Sieg über Frankreich als ein nationales und religiöses Ereignis interpretiert wurde.“ (Walkenhorst 1996: 518) Die so entstandene „nationalprotestantische Geschichtstheologie“ (Walkenhorst 1996: 519) bildete die Grundlage des ‚offiziellen Nationalismus’ im Sinne Andersons im Reich (Walser Smith 1995: 11).
Die konfessionelle Spaltung wirkte sich auch auf die Parteienlandschaft im Reich aus. Bis auf die SPD und das politische Sprachrohr der deutschen Katholiken, das Zentrum, waren alle Parteien protestantischer Prägung. „All of this meant that German political life was palpably divided along confessional lines.” (Walser Smith 1995: 35) Der ‚Kulturkampf’ zwischen 1871 und 1878 bildete den Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen dem protestantischem Staat und seinen katholischen Bürgern. Im Kern ging es dem Reichskanzler Bismarck dabei um die Unterordnung der katholischen Kirche unter den Staat, die Bekämpfung des auch von der Zentrumspartei vertretenen Ultramontanismus 3 . Es war dies also ein politischer Machtkampf in dessen Verlauf der Einfluss der katholischen Kirche in Deutschland zwar zurückgedrängt, die erzielte Unterordnung aber nicht erreicht wurde (Walser Smith 1995: 40). Der Kulturkampf ist ein Musterbeispiel für ‚offiziellen Nationalismus’, das nationalistische Streben, die ‚Nation’ als obersten Wert zu etablieren und dazu jegliche Konkurrenz
3 Ultramontanismus bezeichnet die konkurrenzlose Anerkennung der Oberhoheit der katholischen Kirche,
also des Vatikans. Auch in weltlicher Hinsicht.
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auszuschalten. Die Loyalität der Katholiken gegenüber ihrem Oberhaupt, dem Papst, war, beziehungsweise ist auch heute noch für Nationalisten völlig inakzeptabel, weil sie der von Anderson postulierten Souveränität und der Begrenztheit der Nation widerspricht.
„Indem [von der katholischen Kirche] ein orthodoxes Christentum und die
Bedeutung der Kirche als Mittlerin zwischen Gott und Welt behauptet
wurde, fehlten die Voraussetzungen sowohl für die religiöse Überhöhung
der Nation selbst wie für deren Vorstellung als gleichsam kirchliche, von
Gott als höchste irdische Form menschlicher Gemeinschaft gegebene
Ordnung.“ (Altgeld 1992: 162)
Man mag sich fragen, warum die evangelische Kirche nicht ebenfalls vom Staat bekämpft wurde. Dies hat seine Ursache unter anderem ganz einfach darin, dass sie sich wie oben erwähnt, ganz in den Dienst des Nationalstaates stellte und ihn so zusätzlich mit einer ‚gottgewollten’ Legitimität ausstattete. Dadurch legitimierte sie sich gleichzeitig im Angesicht der von der Aufklärung geförderten Säkularisierung und der Industrialisierung mit ihren Folgeerscheinungen selbst neu. „Das Grundmotiv der Symbiose von nationalen und christlichen Vorstellungen war die Deutung der Nation als Offenbarung Gottes in der Geschichte.“ (Walkenhorst 1996: 517) Das ging soweit, dass die evangelische Kirche, wie übrigens auch die katholische Kirche, bei Kriegsausbruch 1914 einen ‚heiligen gerechten Krieg’ predigte (Walkenhorst 1996: 520). Zudem verlagerte sich die protestantische Religiosität zunehmend in den Bereich des Privaten, weg von der Institution Kirche (Walser Smith 1995: 87). Aber auch zwischen Protestantismus und staatlicher Obrigkeit gab es zuweilen Konfliktpotential. So propagierte der 1886/87 gegründete ‚Evangelische Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen’, der 1913 über 510 000 Mitglieder hatte, vehementen Antikatholizismus und die unzertrennliche Einheit von ‚wahrem Deutschtum’ und protestantischem Christentum und vertiefte so die Spaltung der deutschen Bevölkerung, obwohl dies, lange nach Beendigung des Kulturkampfes, nicht im Interesse des Nationalstaates sein konnte (Walkenhorst 1996: 519). Auch die von, von einem ‚Großdeutschland’ unter Einbeziehung der ‚deutschen’ Österreicher träumenden, protestantischen Nationalisten losgetretene Kampagne ‚Los von Rom’ (1897), deren Ziel die Bekehrung des katholischen Südens zur ‚Fortschrittskonfession’ Protestantismus war, lief den Interessen der dynastischen Obrigkeit und ihrem offiziellen Nationalismus zuwider, auch wenn sie die Einheit von Religion und Nation zum Ziel hatte. Denn sie forderte die Einbeziehung aller ‚Deutschen’ und damit „the
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primacy of national over state, ethnic over dynastic interests.“ (Walser Smith 1995: 219)
Die von Nationalisten ersehnte Einheit von Nation und Religion war nicht durch ‚Bekehrung’ der Katholiken zu erreichen. Trotzdem blieb sie ein wesentliches Ziel. „Die nationale Einheit ist nicht fertig, so lange unserer Gottesverehrung noch nicht auf gemeinsamem Boden ruht.“ (Max Lenz, zitiert nach Altgeld 1992: 67) Um die konfessionelle Spaltung zu überwinden griff man deswegen schon früh auf die Konstruktion einer nationaldeutschen Religion zurück. „Angeregt durch die in Jacob Grimms ‚Deutscher Mythologie’ gipfelnde romantische Volksgeistlehre suchte man […] hinter den historischen Erscheinungsformen der Volkskultur einen archaischen ‚Volksglauben’ zu erkennen.“ (Schieder 1986: 7) So sollte beispielsweise eine ‚völkische Germanisierung’ des Christentums vorgenommen werden. Weitere solche Versuche fanden ihren Ausdruck in der nationalsozialistischen Forderung nach einem deutschen ‚positiven Christentum’, der Suche nach dem deutschen Gott und einer arteigenen antichristlichen Religion (Altgeld 1992: 22). Der auf die „Mobilisierung der Massen“ zielende offizielle Nationalismus im Kaiserreich konstruierte „nationale Mythen, Symbole und Rituale“ und „adaptierte zu diesem Zweck auch ältere religiöse Traditionen und Kommunikationsformen“ (Walkenhorst 1996: 508). Er übernahm religiöse Begriffe wie ‚Einheit’, ‚Ewigkeit’, ‚Ursprung’, ‚Wesen’, ‚Geist’ oder ‚Gemeinschaft’ in die politische Sprache und sakralisierte so die Nation. Erst die „Verwendung traditionell religiöser Topoi und Sprachmuster in Geschichtsdarstellungen, Zeitungen, Zeitschriften, Gedichten, Romanen und Predigten schuf die semantischen Voraussetzungen für die Verbreitung religiös überhöhter Vorstellungen der Nation und des Nationalen.“ (Walkenhorst 1996: 509) Auf diese Weise einmal sakralisiert, wurde die Nation zudem zu einer ‚ewigen’, ‚überzeitlichen’ Gemeinschaft, wie sie schon Anderson dargelegt hat (Anderson 1988: 20). Die „religiöse Qualität der Nation war in hohem Maße das Ergebnis ihrer symbolischen Vermittlung, deren Plausibilität durch die Adaption traditioneller religiöser Ausdrucksformen erhöht werden konnte.“ (Walkenhorst 1996: 516) Allgemein kann für das Deutsche Kaiserreich festgehalten werden, dass weder Protestanten noch Katholiken den Nationalstaat als solchen in Frage stellten. Beide sind im Krieg für ihn gefallen. Sie rivalisierten aber ausgehend von ihren religiösen Prägungen um die Gestaltung der Nation, wobei die Protestanten wesentlich mehr Einfluss ausüben konnten. Allerdings um den Preis, ihre religiösen Überzeugungen dem
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Nationalismus mehr und mehr unterzuordnen, ja, den Nationalismus teilweise in ihre religiösen Überzeugungen zu integrieren. Integrierend wirkte der konfessionelle Unterschied nur in Abgrenzung zu den Juden in Deutschland (die aber eher wegen ihrer andersartigen ‚Rasse’ als wegen ihrer Religion ausgegrenzt wurden (Hastings 1997: 112)), zu den Minderheiten wie den katholischen Polen in Ostpreußen oder eben verstärkend innerhalb der jeweiligen Konfession.
3.4. Zusammenfassung
Andersons Nationalismustheorie und seine (leider relativ spärlichen) Aussagen über die Rolle der Religion darin, trifft für das ausgewählte Fallbeispiel Deutschland zu. Entstanden am Anfang des 19. Jahrhunderts, entwickelte der Nationalismus sich, getragen von den äußerst aufnahmebereiten Protestanten, zu der entscheidenden politischen Kraft, auch indem er die eigentlichen protestantischen Glaubensinhalte immer mehr zurückdrängte. Höhepunkt ist die Integration des Nationalismus in die religiösen Überzeugungen, beziehungsweise der Versuch, eine neue ‚germanische’ Religion zu konstruieren. Interessant ist allerdings, dass der Nationalismus, nachdem er 1848 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, sich scheinbar erst nach der Reichsgründung von 1871 voll entfaltete, sozusagen nachgelagert. Den dominierenden offiziellen Nationalismus bekamen in Deutschland zuerst die Katholiken im Kulturkampf, später die Sozialsten und Minderheiten zu spüren. Die Religion diente ihm als Basis für die Sakralisierung der Nation und den Erhalt des Status quo.
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4. Schlussbetrachtung
Die in Kapitel zwei dargelegte Nationalismustheorie Benedict Andersons ist in sich schlüssig aufgebaut. Allerdings ist sie auch relativ allgemein gehalten. Aussagen wie, man solle „den Nationalismus nicht mit bewusst verfochtenen Ideologien, sondern mit den kulturellen Systemen der religiösen Gemeinschaft und des dynastischen Reiches betrachten, die ihm vorausgegangen sind und aus denen - und gegen die - er entstanden ist“, sind durch ihre ‚schwammige’ Formulierung nur schwer zu widerlegen. Eine präzisere Darstellung des angesprochenen Übergangs wäre, wenn auch in den folgenden Kapiteln versucht, wünschenswert. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass dies in einer Allgemeingültigkeit beanspruchenden Nationalismustheorie nicht einfach ist. Gerade die Komplexität der Wechselwirkungen der kulturellen Systeme, in deren Charakterisierung als vornational in Bezug auf die religiöse Gemeinschaft und das dynastische Reich ich Anderson ohne weiteres zustimme, macht dies schwierig. Aber gerade diese Wechselwirkungen scheinen mir bei Anderson zu kurz zu kommen. Nicht in Bezug auf die Entstehung des Nationalismus, sondern auf deren Existenz im ‚Zeitalter des Nationalismus’. Welchen Einflüssen ist dieser ausgesetzt, nachdem er die Führungsrolle übernommen hat? Agieren Nationalisten unabhängig von anderen Einflüssen? Wie ich hoffe an dem Fallbeispiel Deutschland nachgewiesen zu haben sicherlich nicht. Die Religion mag nur einen von mehreren prägenden Faktoren der Gesellschaft ausmachen. Aber gerade im Deutschen Kaiserreich beeinflusste sie den Alltag und damit auch das Denken der Nationalisten. Anderson ist natürlich nicht generell vorzuhalten, die Einflüsse im ‚Nationalismuszeitalter’ nicht berücksichtigt zu haben. Dazu hätte er jede Nation und die Ausprägung der jeweiligen Gesellschaft einzeln betrachten müssen. Aber dieser Aspekt erscheint bei ihm meines Erachtens in unzureichendem Maße. Ebenso findet die Industrialisierung mit ihren Folgeerscheinungen keine Beachtung in seinen Ausführungen. Welche Rolle kommt nun der Religion neben der Prägung des Alltags noch zu? Sie kann den Nationalismus legitimieren und die Nation sakralisieren. Allerdings muss sie dazu ihre Inhalte verändern und diesen Zielen unterordnen. Das Christentum ist deshalb meines Erachtens keine geeignete Grundlage für die Legitimation von Nationalismus. Denn sobald es sich von seinen zentralen Glaubensgrundsätzen der Nächstenliebe, Mission und vor allem seinem Gottesbild und der ihm zukommenden Verehrung abwendet, ist es kein Christentum mehr, sondern eine neue Religion. Genau dieser Prozess scheint mir im Deutschen Kaiserreich vor sich gegangen zu sein. Mal in mehr,
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mal in weniger offensichtlichen Vorgängen. Die Auseinandersetzung im Kulturkampf zwischen dem Nationalstaat und den Katholiken mag als Beleg für die Inkompatibilität von Nationalismus und Christentum dienen.
Welche Schlussfolgerungen kann man aus diesen Erkenntnissen ziehen? Die Kirche muss, wenn sie denn Kirche im eigentlichen Sinne bleiben möchte, aufpassen, dass sie nicht für andere Zwecke ‚missbraucht’ wird, beziehungsweise sich selbst veräußert. Der Versuch der Kirche, sich im Kaiserreich durch die Fusion mit dem Nationalismus neu zu legitimieren, hat letztendlich ihre Existenz als solche bedroht. Kirche sollte also Kirche bleiben und sich nicht von der eigenen Lehre distanzieren. Nationalisten werden dagegen generell versuchen, möglichst großen Einfluss auch auf religiöse Inhalte zu erhalten.
Die Aussagen Benedict Andersons in Bezug auf das Verhältnis von Religion und Nationalismus stimmen trotz der oben aufgeführten Kritikpunkte mit den Befunden zu dem deutschen Beispiel weitgehend überein. Das Ziel der Arbeit war es denn auch weniger, Anderson zu widerlegen, als seine Ausführungen in Bezug auf Deutschland im 19. Jahrhundert zu präzisieren.
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5. Literaturverzeichnis
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Dimension nationalistischer Ideologie im Kaiserreich; in: Blaschke, Olaf
(Hrsg.), Kuhlemann, Frank-Michael (Hrsg.): Religion im Kaiserreich. Milieus -Mentalitäten - Krisen. Religiöse Kulturen der Moderne. Band 2, Gütersloh Walser Smith, Helmut, 1995: German Nationalism and Religious Conflict, Culture,
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6. Abstract / Zusammenfassung
Religion in Benedict Anderson’s theory on nationalism. Empirical tested at nineteenhoundred Germany
The present study is based on Benedict Anderson’s work ‘Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism’ and deals with the connection of nationalism and religion, empirical testet at nineteenhoundred Germany. Anderson claims that the religious community declines, while nationalism rises. This is found to be true but too simple. In fact religion and nationalism interact. In confessional divided Germany, Protestantism seems to be the ‘host’ of nationalism while Catholics compete with them for influence on nationalism.
Die vorliegende Arbeit basiert auf Benedict Andersons Buch ‘Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts’ und beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen Nationalismus und Religion, empirisch überprüft an Deutschland im 19. Jahrhundert. Anderson behauptet, dass die religiöse Gemeinschaft an Einfluss verliert, während der Nationalismus an Einfluss gewinnt. Diese Behauptung wird als richtig, aber zu vereinfachend befunden. Tatsächlich beeinflussen Religion und Nationalismus sich gegenseitig. Im konfessionell gespaltenen Deutschland scheint der Protestantismus der Träger des Nationalismus zu sein, während die Katholiken mit ihm um Einfluss auf den Nationalismus konkurrieren.
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Arbeit zitieren:
Torben Hinz, 2008, Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson, München, GRIN Verlag GmbH
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