Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Stadt Lübeck bis ins späte Mittelalter 3
2.1 Die geschichtliche Entwicklung und Aufbau der Stadt 3
2.2 Lübeck und der Fernhandel im Rahmen der Hanse 8
3. Der Handel und die Stadtstruktur von Lübeck 11
3.1 Die Stadtstruktur der mittelalterlichen Stadt 11
3.2 Die Stadtstruktur von Lübeck im späten Mittelalter 12
3.3 Die Auswirkungen des Handels auf die Stadtstruktur von Lübeck 14
4. Der Handel und die Gestaltung der Gebäude in Lübeck 17
4.1 Die gotische Backsteinarchitektur im nord- und ostdeutschen Raum 17
4.2 Die Gestaltung der Gebäude in Lübeck 18
4.2.1 Der Backsteinbau 18
4.2.2 Öffentliche Gebäude 19
4.2.3 Wohngebäude 21
4.3 Die Auswirkungen des Handels auf die Gestaltung der Gebäude
in Lübeck 23
5. Fazit 28
Abbildungsverzeichnis 30
Quellenverzeichnis 31
1
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
1. Einleitung
Im Rahmen der Vorlesung „Stadtbaugeschichte I“ werden in dieser Hausarbeit die Auswirkungen des Handels im späten Mittelalter auf das Stadtbild von Lübeck untersucht.
„Die bedeutsamste und das Stadtbild noch heute bestimmende Bauphase umfasst die Zeit des Aufstiegs Lübecks zur wirtschaftlichen und politischen Führungsmacht der Hanse von der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis etwa zum Ende des 14. Jahrhunderts.“ 1 Da Lübeck zu dieser Zeit eine herausragende Rolle im Handel einnahm, wird die These aufgestellt, dass das Stadtbild von Lübeck im späten Mittelalter vom Handel geprägt wurde. Diese These soll als Orientierung durch die Hausarbeit leiten.
Der Untersuchungsgegenstand der Hausarbeit ist das „Stadtbild“, mit dem im Wesentlichen der Aufbau und Struktur der Stadt sowie die Gestaltung und Funktionen der Gebäude gemeint sind.
Um zu verstehen, wie Lübeck im Mittelalter aufgebaut war, wird in dem ersten Teil der Hausarbeit zunächst die Geschichte der Stadt Lübeck ab dem 8. Jahrhundert bis zum 13. Jahrhundert vorgestellt. Danach wird der Aufschwung Lübecks durch den Fernhandel und dessen Rolle in der Hanse erläutert.
Im zweiten Teil wird genauer auf die Stadtstruktur Lübecks eingegangen. Dazu wird zunächst der Aufbau von mittelalterlichen Städten betrachtet und daraufhin die Stadtstruktur von Lübeck erörtert, wie diese sich unter dem Einfluss des Handels entwickelte.
Daraufhin folgt der dritte Teil, in dem der Einfluss des Handels auf die Gestaltung der Gebäude in Lübeck untersucht wird. Es wird dabei zunächst der Baustil im späten Mittelalter im nord- und ostdeutschen Raum und dann die Entwicklung der Gebäude in Lübeck, bezüglich Gestalt, Baustil und Funktion erörtert sowie die Auswirkungen des Handels auf diese.
In dem abschließenden Fazit wird auf die anfangs aufgestellte These Bezug genommen und in diesem Zusammenhang ein Blick auf das heutige Stadtbild von Lübeck geworfen.
1 Kallen 2002, S.33
2
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
2. Die Stadt Lübeck von ihrer Gründung bis ins späte Mittelalter
2.1 Die geschichtliche Entwicklung und Aufbau der Stadt
Das ostholsteinische Gebiet wurde im 7. und 8. Jahrhundert von den zu den wendischen Stämmen gehörigen Westslawen besiedelt. Es wurde im Jahr 819 auf einer Halbinsel an der Einmündung des Flusses Schwartau in die Trave eine slawische Burg, Alt-Lübeck (auch „Liubice“ genannt), errichtet, um die herum Siedlungen entstanden. 2 Vor Angriffen war die Stadt durch einen circa sechs Meter hohen Burgwall und einen Graben geschützt. 3 Die Kaufleutesiedlung und der damit verbundene Warenumschlag lagen nicht wie die anderen Siedlungen in dem Burgbereich, sondern befanden sich in abgerückter Lage. Sie nahmen eine rechtliche Sonderstellung ein, dadurch dass ihnen mehr Rechte zugeteilt wurden. 4 Die handelsgeschichtliche Bedeutung von Lübeck wuchs seit dem 11. Jahrhundert. Enge Handelsverbindungen hatten die Lübecker Kaufleute vor allem mit Kaufleuten der Insel Gotland, die zu der Zeit den Ostseehandel beherrschten. Durch innerslawische Auseinandersetzungen wurde Alt-Lübeck 1138 zerstört.
Im Jahr 1141 gründete der Graf Adolf von Schauenburg auf dem 15 Meter hohen Hügel Bucu das erste Lübeck, nachdem ihm dieses Gebiet nach Unruhen zugeteilt wurde. Der Name wurde von dem zerstörten Liubice übernommen, um an den Ostseehandel anzuknüpfen, der von der dazugehörigen Kaufmannssiedlung betrieben wurde. Durch die ständigen Auseinandersetzungen war das Land entvölkert, so dass Adolf von Schauenburg Menschen in den Nachbarregionen aufforderte nach Liubice zu kommen. Diese brachen in Scharen auf. 5 Das junge Lübeck entwickelte sich rasch zu einem Handelszentrum an der Ostsee. Auf der Halbinsel führte eine alte Fernhandelsstraße über den Bergrücken, die ursprünglich Bardowick, eine Nachbarstadt von Lübeck, und Alt-Lübeck miteinander verband. 6 Neben der Burg des Grafen von Schauenburg, die er innerhalb des Festungsringes aufbaute, gab es in der Stadt den Markt und eine Siedlung, die voneinander getrennt
2 Hammel-Kiesow 1999, S.1
3 Laue 2005, S.26
4 Kropshofer 2004, S.21
5 Höppner 1993, S.11
6 Laue 2005, S.184
3
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
lagen. Die Siedlung von 1143 war eher als eine Marktsiedlung relativ autonomer Kaufleute unter dem Schutz eines Stadtherrn als Vorstufe einer Stadt zu sehen. 7 Durch den Aufschwung in Lübeck musste der Herzog Heinrich der Löwe in seiner Stadt Bardowick Einnahmebußen hinnehmen. Denn zahlreiche Kaufleute aus Bardowick verlegten ihren Warenumschlag nach Lübeck. Heinrich der Löwe missfiel dies und ließ daher den Markt zu Lübeck schließen. Als Lübeck 1157 durch einen Brand zerstört wurde, wollten seine Einwohner die Stadt nicht wieder dort aufbauen. Die Einwohner ließen sich auf dem Hoheitsgebiet von Heinrich dem Löwen nieder, um dort wieder einen Markt halten zu können. So entstand an der Wakenitz die „Löwenstadt“, die jedoch aufgrund ihrer ungünstigen Lage, durch die geringe Fahrtiefe im Wasser, nicht florieren konnte.
Heinrich dem Löwen gelang es 1158 Adolf von Schauenburg zur Übergabe des Gebietes, der niedergebrannten Stadt Lübeck, zu bewegen und somit zogen die Kaufleute dorthin zurück. 8 Die alte Siedlung wurde wieder errichtet. Der Stadtaufbau veränderte sich jedoch unter der neuen Herrschaft. Die Burg im Norden wurde zwar beibehalten, aber Markt und Siedlung waren nicht mehr voneinander getrennt, sondern befanden sich zusammen im Kern der Stadt. Hinzu kamen außerdem der Bischofssitz, da der Bischofssitz von Oldenburg nach Lübeck verlegt wurde, und die 1173 errichtete romanische Domkirche im Süden. 9 Die Kirche St. Petri wurde im Westen der Stadt errichtet und das Johanneskloster im Osten. Der in Lübeck so bedeutende Fernhandel fand im Hafen mit dem Ufermarkt der Kaufleute im Westen an der Trave statt. 10 Das Straßennetz von Lübeck bekam seine Ausrichtung durch den Verlauf des Bergrückens des Bucu und durch den über ihn langführenden Handelsweg sowie durch den Verlauf der Flüsse. 11
Der Aufbau der Stadt wird in Abbildung 1 auf Seite 5 und Abbildung 3 auf Seite 11 veranschaulicht.
Heinrich der Löwe baute die Stadt zu einem landesherrschaftlichen Zentrum aus, das er mit dem Stadtrecht ausstattete, dessen weiter entwickelte Form im Laufe des 13. Jahrhunderts von mehr als 100 Städten im Ostseeraum als „Lübisches Recht“
7 Kropshofer 2004, S.22
8 Höppner 1993, S.12
9 Höppner 1993, S.14
10 Kropshofer 2004, S.22
11 Laue 2005, S.27
4
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
übernommen wurde. 12 Der Herzog förderte außerdem den Fernhandel in der Stadt dadurch, dass er den Lübecker Kaufleuten bessere Handelsrechte gab, und zudem Handelsbeziehungen mit anderen Kaufleuten, insbesondere aus Gotland, festigte. Lübeck nahm bald eine Vormachtstellung im Ostseehandel ein und wurde zur Schnittstelle zwischen Nord- und Ostsee. 13
Im Jahr 1180 überwarf sich Heinrich der Löwe mit seinem Vetter, dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der die Herrschaft von Lübeck übernahm. 14 Barbarossa vergrößerte Lübecks Stadtgebiet, so dass der mit dem bisher selbständigen Domkapitel belegte Teil der Halbinsel eingemeindet wurde. Das gesamte Gebiet auf dem Stadthügel wurde bebaut. Da das Stadt- und Hafengebiet zuklein war, wurde Ende des 12. Jahrhunderts damit begonnen, die Gebiete, die bei Hochwasser von der Trave überschwemmt wurden, für die Bebauung vorzubereiten indem, z.B. Damm- und Wallanlagen errichtet wurden. Im Zuge dessen erließ der Kaiser 1188 das „Barbarossaprivileg“, das der Stadt erlaubte, die bebaubare Stadtfläche bis hin zu den überfluteten Flächen auszudehnen. Diese Stadterweiterungsmaßnahmen zogen sich bis zum Ende des 13. Jahrhunderts hin und vergrößerten das Stadtgebiet um ein Drittel (siehe Abbildung 1). 15
12 Hammel-Kiesow 1999, S.2
13 Laue 2005, S.27-28
14 Höppner 1993, S.14-16
15 Laue 2005, S.28
5
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Nach dem Tod des Kaisers 1189, übernahm der aus dem Exil in England zurückgekehrte Herzog Heinrich der Löwe wieder die Herrschaft von Lübeck. Nach dem Tod Heinrichs, brachte der dänische König Waldemar II. die meisten Gebiete an der Ostsee, z.B. Livland und Estland, sowie die Stadt Lübeck unter seine Herrschaft. Lübeck wurde von 1201 bis 1225 dänisch. 16 Der Sohn von Waldemar II., Knud IV., befreite in dieser Zeit die Ostsee vom Seeräuberwesen, infolgedessen die Lübecker ihre Handelsverbindungen ausbauen konnten. 17 Unter Herrschaft der Dänen wurde 1216 die Holstenbrücke errichtet, die den Hafen zweiteilte und somit einen Binnen-und einen Seehafen schuf. Der Seehafen erwies sich jedoch bald als zu klein und wurde nach Norden hin erweitert. Der Binnenhafen wurde „Salzhafen“ genannt, da hier zahlreiche Schiffe anlegten, die Salz aus Lüneburg brachten. 18
Den Lübeckern gelang es 1226 in einem geschickten Schachzug die Lübecker Burg zu besetzen und dort die Lübecker Flagge zu hissen. Um zu verhindern, dass
16 Höppner 1993, S.16
17 Hammel-Kiesow 1999, S.3
18 Laue 2005, S.28-29
6
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Lübeck wieder unter die Herrschaft eines neuen Grafen kommen würde, bestätigte Barbarossa auf einem Reichstag die Barbarossa-Privilegien und die Stadt wurde zur Reichsstadt ernannt. 19 In der Zeit bis zur Verleihung der Reichsfreiheit hatte sich die Stadt immer weiter entwickelt und hatte schließlich den Stadtaufbau, den sie das ganze Mittelalter über behalten sollte.
Das 13. Jahrhundert wird oft als handelswirtschaftlicher und baugeschichtlicher Höhepunkt in der Entwicklung Lübecks bezeichnet.
Der Aufschwung Lübecks durch den Handel zeigt dessen hohe Bedeutung in der Stadt und daher wird in dem folgenden Kapitel Bezug genommen auf die Rolle der Stadt im Fernhandelssystem. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Verknüpfung des Handels im 12. bis ins späte 14. Jahrhundert mit der Hanse und die Vormachtstellung Lübecks innerhalb der Hanse.
19 Höppner 1993, S.16-17
7
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
2.2 Lübeck und der Fernhandel im Rahmen der Hanse
Lübeck hatte fast ein Monopol im Ost-West-Handel. Die Stadt wurde zum Umschlagplatz für alle Rohprodukte (siehe unten) aus dem Osten und Norden und für alle Fertigwaren, z.B. Tuche und Weine, aus dem Westen. 20 Ende des 13. Jahrhunderts reichte der aktive Handelsbereich der Lübecker Kaufleute von Nordfrankreich bis Nowgorod in Schweden, Polozk und Smolensk in Russland, von Bergen in Norwegen und Stockholm bis nach Straßburg und bis zum Schwarzen Meer im Osten. Hansisch-lübeckischer Handel war in erster Linie Handel mit Massenprodukten wie Hering und Salz, Stockfisch, Getreide und Mehl, Holz und Waldbauprodukten wie Pech, Teer und Pottasche, außerdem Handel mit Flachs, Hanf und Waid, da letztere von den Zentren der Tuchproduktion in Flandern in enormen Mengen verbraucht wurden. 21
Parallel mit der Geschichte Lübecks verlief die Entwicklung der Hanse. Schon im 10. Jahrhundert nahm das Bedürfnis nach höheren Lebensgütern wie Textilien, Schmuck und Waffen zu und der Fernhandel wuchs in seiner Bedeutung. 22 Das hansische Handelssystem verdankte seinen Aufschwung dem europaweiten Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum vom 11. bis zum 13. Jahrhundert, denn die Menschen mussten mit immer mehr Wirtschaftsgütern versorgt werden. 23
Da es wegen der Völkerwanderung, der unsicheren Grenzen und wegen des Verfalls der Straßen keine allgemeine Verkehrssicherheit gab, taten sich die Fernhandelskaufleute zusammen, um sich gegen Seeräuberei und Wegeräuberei zu schützen. Für jene Fernhändler, die sich zu Genossenschaften zusammenschlossen, wurde im 13. Jahrhundert die Bezeichnung „Hanse“ üblich. Die Fernhandelskaufleute gründeten „Hansekontore“ an zahlreichen Küstenstädten in Europa, die wichtigsten waren in London, in Novgorod und in Bergen in Norwegen sowie in Brüggen in Flandern. 24
Die Machtentfaltung Lübecks durch den Fernhandel äußerte sich auch in der Verwaltungsstruktur der Stadt. Durch die Verbesserungen im Handelsverkehrswesen
20 Höppner 1993, S.18
21 Hammel-Kiesow 1999, S.4
22 Höppner 1993, S.20
23 Hammel-Kiesow 2002, S.14
24 Höppner 1993, S.20-21
8
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
wie die Befriedung der Handelswege widmeten sich die höhergestellten Kaufleute zunehmend den politischen Belangen der Stadt. Es wurden größtenteils Fernhandelskaufleute in den Rat gewählt, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts die alte Elite der Großgrundeigentümer aus dem Rat verdrängten. Als Ratsmitglieder hatten die Kaufleute die Möglichkeit eigene Interessen bezüglich der Ressourcen der Stadt zu verfolgen.
„Die Hansestadt Lübeck hatte die bedeutendste Phase ihrer Geschichte im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, als die Stadt als „hovet der hense“, als Haupt der Hanse, eine wirtschaftliche und diplomatische Schlüsselrolle im nördlichen Europa einnahm.“ 25
Der Grund für den Erfolg der Lübecker Kaufleute lag vor allem in ihrem großen Einzugsgebiet. Dieses war erheblich größer als das der konkurrierenden Ostseevölker. 26 Des Weiteren hatte Lübeck den Vorteil der verkehrsgeographischen Lage, als Schnittstelle von Nord- und Ostsee, und der außenpolitischen Bewegungsfreiheit. Die Ratsherren erwarben zum einen für die Lübecker Kaufleute und zum anderen für die Kaufleute anderer niederdeutschen Städte, Handelsprivilegien entlang der Ost-West-Route von Novgorod bis Brügge. Diese Politik des Privilegienerwerbs wurde flankiert durch die Städtebündnisse. Im 13. Jahrhundert bildete sich daraus die Interessenvereinigung niederdeutscher Städte, die sich Mitte des 14. Jahrhunderts unter dem Namen der „dudeschen hense“ (Deutsche Hanse) enger zusammenschloss. 27 Dieser Begriff fiel anlässlich des ersten Hansetages (oder auch „Tagfahrt“ genannt) 1356 in Lübeck. Somit war aus der Vereinigung deutscher Fernhändler im Ausland eine Städtegemeinschaft geworden. 28
Die Vorrangstellung der Stadt Lübeck im Hansesystem gründete sich auch auf die Funktion des Stadtrates als „Konsensbildner“ zwischen den Mitgliedsstädten. Es gab circa 70 große und hansisch aktive Städte sowie 130 weitere, deren Kaufleute das Recht der Deutschen Hanse im Ausland wahrnahmen. 29 Bezüglich der Interessen-und Willensbildung gab es zahlreiche Probleme, da die Anzahl der Städte in der
25 Hammel-Kiesow 2002, S. 14
26 Hammel-Kiesow 2002, S.17
27 Hammel-Kiesow 1999, S.4
28 Höppner 1993, S.23
29 Hammel-Kiesow 1999, S.7-8
9
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Hanse sehr groß und eine gemeinsame Konsensbildung aufgrund unterschiedlicher Interessen somit schwer möglich war.
Im 13. und 14. Jahrhundert hatte sich Lübecks Vorrang durchgesetzt und wurde 1418 offiziell anerkannt. Aufgrund der Vormachtstellung und der guten geographischen Lage von Lübeck wurden daher die meisten Hansetage in der Stadt abgehalten. 30
Nach Erörterung des geschichtlichen Hintergrundes der Stadt bis ins späte Mittelalter wird deutlich, dass Lübeck schon seit frühester Zeit vom Handel geprägt war. In dieser Zeit wuchs die freie Hansestadt Lübeck mit einer Einwohnerzahl von circa 20.000 Stadtbewohnern neben Köln zur zweitgrößten Stadt des Deutschen Reiches nördlich der Alpen. Durch diese Veränderungen wandelten sich die Verwaltungs- und Organisationsformen sowie auch der Aufbau und die Gestaltung der Stadt Lübeck. In dem folgenden Teil der Hausarbeit werden der Handel und der Aufbau der Stadt in der spätmittelalterlichen Zeit im Zusammenhang betrachtet.
30 Höppner 1993, S.23
10
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
3. Der Handel und die Stadtstruktur von Lübeck
3.1 Die Stadtstruktur der mittelalterlichen Stadt
Es gab kein einheitliches für das Mittelalter typisches Stadtbild. Die Städte passten sich individuell den geographischen und historischen Gegebenheiten an. Die mittelalterliche Stadt hatte ein ähnlich unregelmäßig verlaufendes Straßennetz wie die islamischen Städte, das jedoch ein einheitliches System bildete, in dem man sich zurechtfinden konnte. Die Straßen hatten nicht alle dieselben Ausmaße, sondern es gab eine deutliche Hierarchie von Hauptstraßen und kleineren Nebenstraßen. Nur die kleineren Nebenstraßen dienten ausschließlich dem Verkehr, wobei die anderen Straßen mehrere Zwecke erfüllten. Diese dienten zwar ebenfalls dem Verkehr, luden aber auch zum Verweilen ein. Sie wurden von Händlern und Geschäftsleuten genutzt und boten Raum für Versammlungen. 31 Für die Gestalt bzw. Form und räumliche Lage der Häuser gab es keine klar strukturierte Ordnung, im Gegensatz zu beispielsweise der „römisch-hellenistischen“ Stadt. Innerhalb der Stadtmauern entwickelten sich die Städte unter starken strukturellen Schwankungen, meist dem Zufall überlassen, in Abhängigkeit von der finanziellen Lage. 32 Die mittelalterlichen Städte waren meist sehr dicht besiedelt, wobei die Häuser möglichst in die Höhe gebaut wurden, um so die Errichtung einer neuen Stadtmauer hinauszuzögern. Die Vorderfront der fast immer mehrstöckigen Gebäude lag jeweils zur Seite des öffentlichen Bereichs und die Fassaden dieser Häuser prägten das Aussehen der Straßen und Plätze. 33
Die größeren Städte hatten mehrere Zentren; ein religiöses mit der Kathedrale und dem Bischofssitz, ein politisches mit dem Rathaus und eines oder mehrere Zentren für den Handel. 34 Die Mitte der mittelalterlichen Stadt blieb immer schon dem Markt vorbehalten, um den herum Kaufleute und Handwerker die Stadt bauten und mit der Welt über Handelswege verbanden. 35 Der Markt war das wirtschaftliche Zentrum der Stadt und hatte eine besonders hohe Bedeutung in den mittelalterlichen Handelsstädten. Das Rathaus, welches meist an den Markt gebaut wurde, diente in
31 Benevolo 2000, S.352
32 Kallen 2002, S. 46
33 Benevolo 2000, S.352
34 Benevolo 2000, S. 353-354
35 Hotzan 1994, S. 31
11
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
seinen unteren Räumen als Verkaufshalle, vor allem für die Tuchhändler. 36 Im Zentrum der Stadt, neben dem Markt, wurden meist die größten und höchsten Bauwerke errichtet, die die Stadtsilhouette prägten, wie z.B. der Turm des Rathauses, Glockenturm der Kirche oder Kirchturm. 37 Die Kirchen im Mittelalter in Europa waren in den Hansestädten die eindrucksvollsten Bauten und verliehen ihnen eine besondere Atmosphäre. 38
Nach Ermittlung der Stadtstrukturen und Kennzeichen mittelalterlicher Städte wird nun der Aufbau der Stadt Lübeck im Mittelalter aufgezeigt.
3.2 Die Stadtstruktur von Lübeck im späten Mittelalter
12
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Hügeln bildeten sich längs des alten Handelsweges drei Schwerpunke: die Grafenburg im Norden, Bischofsburg und Dom im Süden sowie der Fernhandelsplatz in der Mitte. Im Westen der Stadt befanden sich der Fern- und Binnenhafen. Zwischen dem Fluss Trave und dem Marktplatz lag die erste Kaufmannssiedlung Lübecks (siehe Abbildung 4). 41
Diese kaufmännische Kernsiedlung folgt dem „Parallelstraßen-System“, Straßenblöcke von circa 60 Metern Tiefe zwischen fünf Längsstraßen
Parallelstraßen-System wurde aus Straßen gleicher Ordnung gebildet, wie es im späten Mittelalter in den Fernhandelsstädten üblich war. 42 „Das
vorausschauenden, rationalen Kalkül. Lange, leicht geschwungene Straßen, sogenannte steile ‚Rippenstraßen’ bestimmen das Stadtbild.“ 43 Die parallelen Straßen ermöglichten den Händlern und Kaufleuten den schnellen Transport der Waren zwischen Landeplatz, z.B. Hafen oder Markt, und Hofstellen. Das Rückgrat der Gesamtstadt bildete
ein doppelter Straßenzug im Verlauf des alten Nord-Süd-Weges. 44 Dieser war ein breit ausgebauter
Handelsweg, der bei der ersten Stadtgründung 1143 als Verbindung zwischen Lübeck und Bardowick diente. Über den Handelsweg kamen und gingen die Händler, die den Handel über Land abwickelten. Neben dem Nord-Süd-Weg gab es auch eine Querachse des Ost-West-Weges. Dieser verband den Hafen mit dem Markt und der übrigen Stadt.
Im Gegensatz zum Nord-Süd-Weg prägte sich der Ost-West-Weg erst im Zuge der Stadterweiterungsmaßnahmen aus und verband damit Trave und Wakenitz. Beide Wege dienten in ihrer Funktion dem Fernhandel.
41 Müller, Vogel 1981, S.333
42 Müller, Vogel 1981, S.337
43 Kallen 2002, S.46
44 Müller, Vogel 1981, S.337
13
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Um den Transport der Waren auf den Straßen zu erleichtern, wurden in Lübeck die Straßen circa um 1310 bepflastert, früher als in anderen umliegenden Städten. 45
Die Burgsiedlung und Bischofsstadt wurden entsprechend ihrer bedeutenden Funktionen radialkonzentrisch angeordnet. Die Klöster mit ihren Kirchen wurden in dieser Zeit von den Lübecker Kaufleuten gegründet, um dort ihre unverheirateten Töchter unterzubringen. Zwischen Burgen, Dom, Markt und Kirchen entstanden Stadtteile für Handwerker, Seefahrer und Fischer. Die strenge Struktur dieser Stadtteile passte sich einerseits den geographischen Gegebenheiten und andererseits den Bedürfnissen der Bewohner an. 46
Die Stadtstruktur von Lübeck im späten Mittelalter weist zahlreiche Kennzeichen einer mittelalterlichen Kaufmannsstadt auf. Nach Betrachtung des Aufbaus der Stadt wird im nächsten Abschnitt der Einfluss des Handels auf diesen betrachtet.
3.3 Die Auswirkungen des Handels auf die Stadtstruktur in Lübeck
Der Stadtaufbau von Lübeck zeichnet sich durch seine starke bauliche Geschlossenheit und seine regelmäßigen Strukturierungen aus, was auf die Gründungsgeschichte zurückzuführen ist und auf die zweckmäßige, am Handel orientierte Planung.
Zunächst ist von Bedeutung, dass schon vor der Zeit Lübecks in der Hanse und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufstieg die Handelsfunktion der Stadt wichtig war. Dies liegt vorrangig an der guten geographischen Lage, da Lübeck, kennzeichnend für eine Kaufmannsstadt, am Wasser liegt und durch die Flüsse Wakenitz und Trave als mit den Meeren Ostsee und Nordsee verbunden ist. So wird bei der Betrachtung der Vorgeschichte von Lübeck deutlich, dass die Stadt schon von den Slawen als eine Handelsstadt angelegt wurde mit Kaufmannssiedlung, Hafenanlage, Handelswege etc. Diese Funktion ist auch von den Stadtherrschern wie Adolf von Schauenberg, Heinrich der Löwe und Kaiser Barbarossa durch den Ausbau der Stadt zum Fernhandelsstandort weiterhin gefördert worden. Auch mittels politischer Steuerung, z.B. durch die Verleihung von mehr Privilegien für die
45 Pagel 1983, S.192
46 Müller, Vogel 1981, S.337
14
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Handelskaufleute und der Befriedung der Handelswege, unterstützten die Stadtherren den Handel in der Stadt und somit ihre wirtschaftliche und bauliche Entwicklung.
Es wird somit deutlich, dass Lübeck zwar schon vor ihrer Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert, Einflüsse des Handels auf den Stadtaufbau aufweisen kann, dass diese sich jedoch in der Zeit der Hanse, in der Lübeck eine Vorrangstellung einnahm, verstärkt haben. Der Erfolg Lübecks als Handelsstadt machte den großen Reichtum der Kaufleute möglich sowie deren Machtentfaltung innerhalb der Stadtverwaltung, was sich auch auf die bauliche Entwicklung der Stadtstruktur ausgewirkt hat.
Im Bezug auf die mittelalterlichen Städte wird festgestellt, dass es keine einheitlichen Stadttypen für das Mittelalter gibt, sondern vielmehr typische Charakteristika. Diese sind auch auf die Stadt Lübeck übertragbar. Entsprechend der typischen mittelalterlichen Stadt sind in Lübeck mehrere wichtige Zentren erkennbar wie das Handelszentrum durch den Markt, das religiöse Zentrum durch Bischofsburg und Dom sowie dem politischen Zentrum durch das Rathaus. Wie in den meisten mittelalterlichen Handelsstädten ist der Markt in Lübeck zentraler Schauplatz des wirtschaftlichen und bürgerlichen Lebens, da hier der so bedeutende Warenumschlag stattfindet. Der Marktplatz ist gut zu erreichen durch die Anbindung an das Straßennetz. Außerdem hat er eine direkte Verbindung zum Hafen, damit Waren ohne Probleme an und von Bord der Schiffe gebracht werden können. Auch typisch für die Handelsstadt im Mittelalter ist der Bau des Rathauses neben dem Markt, so dass dieses ergänzend zum Markt auch noch als Ort für den Warenumschlag genutzt werden kann. Des Weiteren wurden in Lübeck wie in anderen Städten im Mittelalter, die hohen und bedeutenden Gebäude in der Stadtmitte gegründet und sind prägend für die Silhouette. Anhand der Straßenstruktur lassen sich gut die Einflüsse des Handels ablesen, da diese dem typischen Grundmuster einer Kaufmannsstadt entspricht. Der erwähnte „Parallelstraßen“-Typus ist oft in den Straßensystemen von Fernhandelsstädten zu finden, da die Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit der Straßen zu einer effizienteren Warenabwicklung führt. Dies lässt sich anhand der geometrischen und oftmals rechtwinkligen Straßenanordnung erkennen. Das System kam vor allem auch Kaufleuten von außerhalb Lübecks zu Gute, da diese sich in der fremden Stadt schnell zurechtfinden konnten. Des Weiteren zeigt der als doppelter Straßenzug
15
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
ausgebaute Nord-Süd-Weg seine Bedeutung im Fernhandel durch die Straßenbreite, die größer ausgeprägt ist, als die abzweigenden Straßen. Auch die Ost-West-Achse ist breiter als die übrigen Straßen und lässt auf die Verbindung der Häfen und Markt als wichtiger Handelsweg schließen. Bedeutend ist außerdem, dass die Straßen in Lübeck früher als in anderen Städten bepflastert wurden. Begründet werden kann dies durch die großen materiellen und finanziellen Ressourcen der Stadt, die durch Lübecks florierende Wirtschaft vorhanden waren. Der Straßenbelag dient dabei dem witterungsunabhängigen und somit zügigen Warentransport, anhand dessen die Prägung des Handels in der Stadt wiederum deutlich wird. Man kann sagen, dass die Stadt nach einem Plan errichtet wurde, der vorausschauend den Bedürfnissen der Kaufmannsstadt angepasst war.
Neben den stadtstrukturellen Gegebenheiten ist auch die Gestaltung der Gebäude von Bedeutung für das Stadtbild in Lübeck. Dabei sind Baustil und Form sowie Lage und Funktion der Gebäude wesentlich und werden im folgenden Kapitel durch die Erörterung der Gestaltung der Gebäude im späten Mittelalter erklärt. Darauf folgend wird der Bezug zu dem Einfluss des Handels auf die Gebäude hergestellt.
16
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
4. Der Handel und die Gestaltung der Gebäude in Lübeck
4.1 Die gotische Backsteinarchitektur im nord- und ostdeutschen Raum
Die gotische Backsteinarchitektur verband in dem Gebiet entlang der Ostsee vom Nordwesten des deutschen Reiches bis zum Baltikum, dem wendischen Quartier der Hanse, die Wohnhäuser der Bürger, ihre Kirchen und die Stadtbefestigungen mit ihren Toren in einer gemeinsamen Formsprache miteinander. 47 Die Bauten im Nord- und Ostdeutschen Städten gehörten fast alle der Gotik an, die sich seit der Mitte des 13. Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert entfaltete, also gleichzeitig mit der Hanse. Zahlreiche dieser Städte wurden erst innerhalb dieser Zeit gegründet, so dass die Gotik großen Einfluss auf die Städtearchitektur entfaltete. 48 Der Baustil der Gotik verbreitete sich in dieser Zeit ausgehend vom Norden Frankreichs im gesamten Europa. Sie stellte jenen international verbreiteten Baustil dar, durch den die neuen Konstruktionsmethoden sowie die Gestaltungsvarianten und Ausstattungsarten der Fassaden in ganz Europa vereinheitlicht wurden. 49 Die Gotik bildete den Gegenpol zur klassischen Antike. Sie zerlegte die Baumasse in scheinbar aufstrebende Kräftebahnen. Ein entscheidendes Mittel dabei war die Konstruktion von Rippengewölben. 50
Als eine Sonderform der Gotik entwickelte sich vor allem in den werksteinarmen Gebieten an der Nord- und Ostseeküste die Backsteingotik, denn in diesen Regionen waren die oft zum Hausbau verwendeten Sand- und Kalksteine (sogenannte „Haussteine“) Mangelware. 51
„Als typisch für die Städte im Ostseeraum der Hanse kann die wuchtigere, schlichtere und strenge Backsteinarchitektur betrachtet werden.“ 52 Die Städte der Hanse im nord- und ostdeutschen Raum wiesen im Mittelalter auf eindrucksvolle bauliche Zeugnisse der hansischen Zeit auf. Diese äußerten sich in Markt und Straßen, in Rathäusern und Toren, in Kirchen und Häusern und vermittelten das Bild der gotischen Stadt.
47 Kallen 2002, S.32-33
48 Pagel 1983, S.188
49 Benevolo 1983, S.355
50 Müller, Vogel 1981, S.319
51 Kallen 2002, S.37
52 Dollinger 1989, S.350
17
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Die Backsteingotik fand in dem Bereich des wendischen Quartiers vor allem in der Stadt Lübeck große Ausprägungen und daher kann Lübeck, in Bezug auf den Städtebau, als ein Höhepunkt der gotischen Backsteinarchitektur bezeichnet werden. Dieser Baustil trug einen wesentlichen Teil zu der Gestaltung der Gebäude in Lübeck bei. Aus diesem Grund wird in dem folgenden Kapitel die Gestaltung der Gebäude in Lübeck erörtert. Es werden dazu die wesentlichsten Bauten genannt, die im Zusammenhang mit Lübecks Aufschwung im Handel stehen.
4.2 Die Gestaltung der Gebäude in Lübeck
4.2.1 Der Backsteinbau
Ein sichtbarer Ausdruck des Reichtums der Hansestadt sind die großen Backsteinbauten, die im Mittelalter entstanden und noch heute das Stadtbild prägen. In der Zeitspanne des Aufstiegs von Lübeck entstanden im Zuge gotischer Bautätigkeit, die fünf Hauptkirchen (St. Marien, St. Petri, St. Aegidien, St. Jakobi, St. Nikolai), das Heiligen-Geist-Hospital, die drei Klosteranlagen (Katharinenkloster, Burgkloster, Johanniskloster), das Rathaus, Bürgerhäuser sowie alle weiteren sakralen Hauptbauten in Lübeck. 53 Dabei ist bedeutend, dass diese vorwiegend mit Backstein errichtet wurden. Seit dem verheerenden Brand 1276 in Lübeck, wurde der Steinbau verpflichtend für die Gebäude bzw. für deren Brandmauern. Im 13. und frühen 14. Jahrhundert wurden daher zahlreiche der genannten Großbauten umgebaut und rund 1000 Bürgerhäuser aus Stein neu errichtet. 54 Der Bau dieser bedeutenden Gebäude im Lübeck vollzog sich innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne von hundert Jahren. Dabei musste die Herstellung und Verarbeitung von Backstein in dieser Region erst noch erlernt werden. Das Bauen mit Backsteinen war in diesem Fall eine Notlösung gewesen, da es im Umkreis von 200 Kilometern kein ergiebiges Haussteinvorkommen gab. 55
53 Kallen 2002, S.33
54 Heise, Vogeler 2002, S. 109
55 Höppner 1993, S.19
18
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
4.2.2 Öffentliche Gebäude
Die wichtigsten öffentlichen Gebäude, wie die Kirchen, die Klöster, das Rathaus und Hospitäler bestanden zwar schon vor Lübecks Aufschwung im 13. Jahrhundert, wurden aber teilweise in dieser Zeitspanne der gotischen Backsteinarchitektur entsprechend umgebaut.
In der Hansestadt war das Rathaus der repräsentativste Profanbau. Das zweihundert Jahre lang beständig erweiterte Rathaus in Lübeck wurde zum Vorbild in der Region, das von vielen Städten nachgeahmt wurde. 56
Im Jahr 1226 begann der Bau des neuen Rathauses in Lübeck, zunächst mit dem Bau von zwei gleichartigen Gebäuden, bei denen die Giebel einerseits zum Markt und andererseits zur Marienkirche gewandt waren. In mehreren Bauphasen entstand eine dreiteilige Gebäudegruppe, bestehend
aus Rathausflügel, Gewandhausflügel
Fassadengestaltung an den Giebelseiten wurden Bogenblenden und Pfeilertürme zu monumentalen Blendfassaden zusammengefasst. Diese Gestaltungselemente wurden oftmals bei dem Bau für die Bürgerhäuser übernommen. So erschien das Rathaus in Lübeck als eine Steigerung des Bürgerhauses zur Staatsarchitektur. In
dem Rathaus befanden sich Diele, Ratssaal, Hanse-Saal, Tuchhallen, Festsaal und Kriegsstube. Neben dem Sitz der Verwaltung hatte
Handelsfunktion. In dem Gewandhaus dienten beide Geschosse als Tuchhallen.
Außerdem gab es in einer Halle im
Erdgeschoss Läden der Goldschmiede. 57
56 Dollinger 1989, S.351
57 Müller, Vogel 1981, S.347
19
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Im Zusammenhang mit der Hanse entstand in dem Rathaus der Hanse-Saal als ein Raumtyp des Profanbaus zwischen 1340-50. Der Hanse-Saal diente den Konferenzen der Hansestädte. Dieser nahm dabei das gesamte Obergeschoss des Rathausflügels ein. 58
Die
Kirchen
in Lübeck, St. Marien, St. Aegidien,
St. Jakobi, St. Petri und St. Nikolai, wurden alle im 12. Jahrhundert grundgelegt. Nach Umplanungen fanden sie ihre endgültige gotische Gestalt in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Alle Kirchen wurden im 14. Jahrhundert fertig gestellt. 59 Die Kirchen wurden meist aus den Spenden von
reichen Bürgern oder Gilden bezahlt. Die vielen
Kirchen in Lübeck dienten nicht nur als religiöse
Orte, sondern auch als Seezeichen für die zur See fahrenden Stadtbewohner, da die Kirchen durch ihre Höhe meist schon aus weiter Entfernung zu erkennen waren. 60 Der Einfluss der gotischen Stilepoche lässt sich im Wesentlichen anhand der großen vielfarbigen Glasfenster erkennen sowie anhand der dünnen Wandflächen, die von Spitzbogenkonstruktionen gehalten werden.
60 Paech 2005, 14.01.2006
61 Dollinger 1989, S.353
62 Kallen 2002, S.39
20
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
möglich durch den Reichtum der bürgerlich-kaufmännischen Schicht, die im Kaufmannsviertel unterhalb von St. Marien ihre Wohnsitze hatte. 63 Mit der Marienkirche entwickelte sich ein neuer Bautypus, der „erste ausgeformte Architekturausdruck der Backsteingotik“, der zum Vorbild für zahlreiche Stadtkirchen entlang der Ostsee wurde. 64
Auch das Heiligen-Geist-Hospital war ein wichtiges öffentliches Gebäude. Dieses wurde 1280 von Kaufleuten gestiftet und diente als Zuflucht für Arme und Kranke. 65
4.2.3 Wohngebäude
Das Bürgerhaus in Lübeck diente einerseits zum Wohnen und
andererseits als Speicher der Handelswaren und wurde daher auch Wohn- und Speicherhaus genannt. Der Typus dieses Gebäudes war wie auch in anderen Hansestädten der Region das sogenannte
gekennzeichnet durch eine große Halle bzw. Diele. Die Bauform des Hallenhauses leitete sich ab von dem niedersächsischen Bauernhaus mit großer Einfahrt in der Mittelachse und einer weiträumigen Halle unter einem steilen Dach. Dieser Grundriss wandelte sich im Laufe der Zeit aufgrund des Rückganges landwirtschaftlicher Betätigung und wurde mehr den städtischen Gegebenheiten angepasst. 66 Charakteristisch für die in Lübeck
entstandenen Häuser in der Zeit des Mittelalters war die geschlossene, lückenlose Anordnung der Häuser, die ihre Schmalseite der Straße zuwandten. Die Gebäude wurden meist drei- manchmal auch viergeschossig und mit einem hohen Satteldach erbaut. Kennzeichnend war auch die Betonung der Senkrechten durch die Spitzbogenblenden, welche die Fassade oberhalb des Erdgeschosses gliederten. Die Fassaden der Gebäude waren gestaltet durch eine Reihung von Doppelluken, die als Lüftungsöffnungen der Speicherböden dienten. 67
63 Höppner 1993, S.46
64 Kallen 2002, S.41
65 Eggers 2005, S.26
66 Pagel 1983, S.188-189
67 Finke u.a. 1989, S.20
21
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Die Spitzbogenblenden wurden nach oben von einer Stufe bzw. einem Staffel abgedeckt. Als eine Sonderform in der Backsteingotik entstand der für die Kaufmannshäuser der Hansestädte charakteristische Staffelgiebel bei den Bürgerhäusern.
68
Dieser kraftvolle Giebel entwickelte sich durch den wachsenden Wohlstand der Hausbesitzer. Teilweise wurden die Giebel auch mit Ziermotiven bereichert, die von den Fassaden der Rathäuser übernommen wurden.
69
Das hohe, der Warenproduktion und dem
Warenhandel vorbehaltene Erdgeschoss bildete einen multifunktionalen Großraum in Form einer bis zu sieben Meter hohen Diele. 70 Die Diele diente als Lagerraum und Werkstatt. Hauptwohnraum
Kochstelle, die später durch Ummauerung in
eine separate Küche umgewandelt wurde.
Für längere Zeit diente diese jedoch als einzige Wärme- und Lichtquelle im Haus. Beiderseits der
68 Kallen 2002, S.38-39
69 Pagel 1983, S.191
70 Kallen 2002, S.49
71 Pagel 1983, S.189
72 Kallen 2002, S.49
22
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Hof, zu dem man direkt von der Diele aus Zutritt hatte, befanden sich Brunnen und daneben eine tief in den Boden gesenkte Grube für Abwässer. 73
Neben dem Bürgerhaus gab es zudem noch den Typus des
Kleinhauses, der von Bedeutung für die Stadtgestaltung war, da er den überwiegenden Baubestand in der Stadt ausmachte. Die meist traufständig zur Straße errichteten Kleinhäuser wurden entweder als Einzelbauten oder als Reihenhäuser errichtet. Die als Reihenhäuser errichteten „Buden“ stellten eine spezifische Form der Kleinhäuser dar. Diese wurden auf den Innenhöfen zahlreicher Grundstücke angelegt und nach ihrem
Zugang von der Straße her „Gang“ genannt. 74 Die Buden boten meist nur einen größeren Raum, die Diele, und dazu eine anstoßende Kammer. Darin wohnten Handwerker, Arbeiter und Schiffsknechte. Solche Buden waren auch oft Anbauten an der Hofseite der großen Bürgerhäuser. Die Buden wurden nicht wie die Bürgerhäuser aus Stein, sondern überwiegend als strohgedeckte Fachwerk-, Lehm- und Holzbauten ausgeführt. 75 Da diese Buden meist im Inneren der Baublöcke lagen, waren sie von der Straße her nicht ersichtlich.
Nach Betrachtung von Baustil, Lage und Funktion einiger Gebäude bzw. Gebäudetypen in Lübeck wird nun in dem nächsten Abschnitt untersucht, wie sich der Handel auf die Gestaltung der Gebäude ausgewirkt hat.
4.3 Die Auswirkungen des Handels auf die Gestaltung der Gebäude
Die gotische Backsteinarchitektur ist prägend für die Gestaltung der Gebäude in Lübeck und zahlreichen anderen Städten im nord- und ostdeutschen Raum. Denn in der Zeit der Hanse sind viele Städte gegründet oder wie Lübeck umgebaut worden, so dass der gotische Baustil zu jener Zeit die Städte von vornherein geprägt hat.
73 Pagel 1983, S.189
74 Hammel-Kiesow 1999, S.5-6
75 Pagel 1983, S.191
23
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Der Fernhandel im Rahmen der Hanse hat ermöglicht, dass die Bewohner bzw. Kaufleute der Stadt Lübeck zu einem großen Reichtum kamen, durch den die zahlreichen Bauvorhaben verwirklicht werden konnten. Hinzu kommt, dass bei Betrachtung der Verwaltung der Stadt im späten Mittelalter deutlich wird, dass diese vorwiegend in den Händen der Fernhandelskaufleute lag. So wurde der Rat der Stadt von den Kaufleuten gebildet, was die enorme Machtentfaltung dieser verdeutlicht. Daraus ergibt sich, dass zahlreiche Bauvorhaben in der Stadt im Sinne
der Kaufleute umgesetzt werden konnten. Es ist anzunehmen, dass vor allem durch die größtenteils freie Verfügung der Machthabenden Ressourcen die Realisierung wichtiger Vorhaben möglich war.
Hierbei ist insbesondere der Bau der
großen und bedeutenden öffentlichen
Gebäude in Lübeck, z.B. die Marienkirche und das Rathaus, zu erwähnen. Auch die vier weiteren Kirchen, die Klöster und das Heiligen-Geist-Hospital sind ein eindrucksvoller Beleg für den Reichtum, der sich aufgrund der Handelskonjunktur damals in Lübeck gebildet hat. Dabei ist auch anzumerken, dass es erstaunlich ist, dass diese Bauten in einer so kurzen Zeitspanne erbaut wurden, was wiederum auf die finanzielle Förderung der machthabenden Kaufleute zurückzuführen ist. Beleg dafür sind auch sind die zahlreichen, der Backsteinherstellung dienenden, Ziegeleibetriebe in der Umgebung Lübecks.
Der Einfluss der Hanse wird besonders am Rathaus deutlich. Denn hier wurde nur zum Zweck der Tagungen der Deutschen Hanse der Hanse-Saal gebaut. In dem Rathaus wird der Einfluss des Handels auch anhand anderer Räume deutlich, beispielsweise durch das Gewandhaus, in dem die Tuchhallen untergebracht waren und der Goldschmiede im Erdgeschoss. Die gewerblich genutzten Räume im Erdgeschoss dienten auch als Verbindung zum Marktplatz, bezüglich dem Verkauf von Waren. Mit dem Aufstieg der Hanse wurde das Rathaus immer weiter ausgebaut und gewann noch mehr an Bedeutung. Das Rathaus, als Ort und Symbol bürgerlicher Selbstdarstellung, zeigt anhand seiner prachtvollen Gestaltung, dass Lübeck sich während des Rathausbaus in seiner Blütezeit befand.
24
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Auch am Beispiel der Marienkirche ist dieser Einfluss erkennbar. Wie schon Philippe Dollinger schrieb, ist es die Kirche der Kaufleute, die nur durch deren Macht in ihrer Ausgestaltung verwirklicht werden konnte. Die Ausstattung von Kirchenräumen oder anderen Räumen von wichtigen Bauten ist auch zum Teil vom (hansischen) Schnitzereien,
Gestaltungselementen. Denn der (Hanse-) Kaufmann trat dabei als Auftraggeber oder Stifter in Erscheinung. Des Weiteren ist die
Vielzahl der Kirchen in Lübeck auch den zu See fahrenden Händlern zu Gute gekommen, da diese sich an ihnen als Seezeichen orientierten. Die Verbindung des Handels und dem Bau sowie der Gestaltung der Kirchen wird an den genannten Aspekten deutlich. „In der Architektur der Gründungsstädte konnte sich von Anfang an der Bürger- und Kaufmannsgeist manifestieren, der sie entstehen ließ und auch die Hanse hervorgebracht hat.“ 76
Es ist deutlich zu erkennen, dass die Lübecker Kaufleute die
Gebäude geprägt haben. Dies wird vor allem durch die Nutzungen der Räume und deren baulichen Ausgestaltung deutlich. In dem typischen Haus des Handelskaufmannes werden miteinander vereint.
Von hoher Bedeutung für das Stadtbild sind die Fassaden der Häuser, die in Lübeck wie in den meisten typischen mittelalterlichen Städten, zum öffentlichen Bereich zeigen und das Aussehen der Straßen und Plätze prägen. Die mittelalterlichen
Wirtschaftsfunktion wider, z.B. durch die Doppelluken, die der Lüftung der Speicherböden dienten. Der Staffelgiebel, der typisch für Lübeck ist, betont nochmals die Speicherfunktion der Häuser, da dieser den Rhythmus der Lüftungsöffnungen akzentuiert. Bei den Hausfassaden der Bürgerhäuser zeigt sich außerdem anhand des Staffelgiebels und anderer
76 Pagel 1983, S.188
25
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Schmuckelemente, z.B. die Spitzbogenblenden, dass diese nur durch den Reichtum der Hausbesitzer, die Kauleute, verwirklicht werden konnten. Nicht nur anhand der Fassaden, sondern auch an den inneren Räumen kann man ablesen, inwiefern diese auf die Bedürfnisse der Kaufleute zugeschnitten sind. Beispielsweise durch die Schreibstuben, in denen der Kaufmann seinen Geschäften nachkam und durch die bedeutende Lübecker Diele, die neben dem Wohnen auch dem Handel diente. Anhand der Gestaltung der Bürgerhäuser in Lübeck wird die Entwicklung des Kaufmannslebens und des Wohnens in der Stadt ablesbar. Aus dem einfachen Umschlagplatz für Waren, also dem Raum für den Beruf, hat sich das typische Lübecker Haus aus Vorderhaus und Seitenflügel entwickelt, das Geschäft und Wohnen miteinander vereint.
Im Hinblick auf andere Handelsstädte in der nord- und ostdeutschen Region wird festgestellt, dass dieser Haustyp mit seiner Giebelgestaltung in vielen Städten wie Wismar, Rostock, Stralsund, in der gotischen Bauphase zum Vorbild genommen wurde.
Erwähnt werden soll hierbei auch der Kleinhaus-Typ, oftmals als Bude errichtet. Der direkte Einfluss des Handels wird an diesem Bautyp zwar nicht so deutlich wie bei den Kaufmannshäusern, da diese nur dem Wohnen dienten und nicht als Geschäfts-und Lagerort. Dennoch dienten die Buden vor allem den „einfachen“ Handwerkern und Händlern sowie Angestellten als Wohngebäude. Diese Bevölkerungsgruppen waren in der vom Handel geprägten Stadt Lübeck stark vertreten und sind neben den Kaufleuten kennzeichnend für die Bevölkerungszusammensetzung einer Handelsstadt. Der Haustypus des Kleinhauses wird in der Literatur über Lübeck jedoch oftmals nur nebenbei erwähnt, was verwunderlich ist, da dieser den zahlenmäßig größten Anteil des Wohngebäudebestandes im späten Mittelalter ausmachte. Wahrscheinlich ist dies darauf zurückzuführen, dass dieser Haustyp bei der Betrachtung des Stadtbildes eher unscheinbar im Hintergrund steht und den Kaufmannshäusern mit ihrer speziellen Gestaltung mehr Bedeutung zukommt.
Es wird deutlich, dass der Handel einen wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung der Gebäude in der Stadt Lübeck hatte, da sich dieser anhand des Baustils, Lage und Funktion der Gebäude erkennen lässt.
26
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
In dem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse der Untersuchungen über die Einflüsse des Handels auf das Stadtbild zusammengefasst und der Bezug zur heutigen städtebaulichen Situation von Lübeck hergestellt.
27
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
5. Fazit
Die baugeschichtliche Entwicklung Lübecks im späten Mittelalter war in diesem Maße nur möglich durch die Einflüsse des Handels, insbesondere zu Zeiten der Hanse. Dieser bedingte den Reichtum und die Macht der Kaufleute der Stadt, was die Verwirklichung zahlreicher Bauvorhaben möglich machte. Anhand der Untersuchungen von Stadtstruktur und der Gestaltung der Gebäude wird die Funktion des Handels in diesen deutlich.
In der Hausarbeit konnte die These, dass der Handel vor allem in der Zeit der Hanse im späten Mittelalter die Stadt Lübeck in ihrer Ausgestaltung beeinflusst hat, bestätigt werden. Dabei ist deutlich geworden, dass Lübeck schon zuvor wesentliche Merkmale einer Handelsstadt besaß, die sich im späten Mittelalter noch stärker ausprägten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der sich im Verlauf der Hausarbeit herauskristallisiert hat, ist dass Lübeck eine Art Vorreiterrolle für andere Städte in dem nord- und ostdeutschen Raum eingenommen hat. Bei den Recherchen zur Erörterung des Stadtbildes von Lübeck hat sich herausgestellt, dass immer wieder der Bezug zu anderen Städten in der Region genommen wird. Dabei wird insbesondere auf andere Handelsstädte, z.B. Stralsund, Rostock oder Bremen verwiesen, da diese den für Handelsstädte prägenden übersichtlichen Aufbau, Baustile und -typologien sowie einzelne Gebäude wie das Rathaus aus Lübeck als Vorbild übernommen haben. Dies ist vor allem auch darauf zurückzuführen, dass Lübeck schon vor der Gründung dieser Städte bestand und sich früher bzw. schneller, bedingt durch die bedeutende Stellung in der Wirtschaft und in der Hanse, entwickeln konnte. Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass der Handel einen großen Einfluss auf das Stadtbild von Lübeck hatte, welches wiederum andere Städte in der Region geprägt hat.
Die Untersuchung der Thematik, inwiefern sich Lübeck auf andere Städte ausgewirkt hat, wäre über den Rahmen dieser Hausarbeit hinausgegangen, bietet jedoch ein neues interessantes Forschungsfeld für eine andere wissenschaftliche Arbeit.
Bei Betrachtung Lübecks von heute fällt auf, dass die Stadtstruktur des späten Mittelalters noch zu erkennen ist, wobei sich die Stadt im Verlauf der Jahrhunderte
28
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
und bei stetigem Bevölkerungswachstum durch die Bildung von Vororten, über die Grenzen der Halbinsel hinweg vergrößert hat. Mit der Zeit hat sich das Stadtbild Lübecks an einigen Stellen verändert. Dies ist zurückzuführen zum einen auf die Auswirkungen von Kriegen und Stadtbränden, die ihre Spuren in der Stadt in Form von Zerstörungen hinterließen, zum anderen durch die sich wandelnden Baustile und Lebensweise der Bewohner. Daher sind vor allem die Fassaden der Gebäude, die im Stile der gotischen Backsteinarchitektur errichtet wurden, im Zuge von Sanierungen verändert worden und weisen nun verstärkt Merkmale der Renaissance, des Barocks oder des Klassizismus auf. Auch die alten Raumaufteilungen in den Gebäuden sind heute nur noch selten zu erkennen, da sie den wandelnden Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst worden sind. Dennoch sind vereinzelt prägende Merkmale aus der Zeit des späten Mittelalters zu erkennen wie manche erhalten gebliebene Fassade mit dem typischen Staffelgiebel und steilen Dachstuhl sowie die Gebäudesubstanz, die durch die Brandmauern erkennbar ist. Anhand der bestehenden Brandmauern ist somit noch die Anlage der Gebäude im späten Mittelalter nachvollziehbar.
Schlussfolgernd ergibt sich, dass die Hansestadt Lübeck durch die Machtentfaltung im späten Mittelalter ihr Gesicht erhalten hat und sie zu einem urbanen Typus gemacht geworden ist sowie zu einer Beispielstadt für die Entwicklung der Stadtgründungen an der Ostsee im Bereich der Hanse. Es ist interessant zu sehen, in welcher Weise sich die Funktionen einer Stadt sowie die Bedürfnisse und Lebensweisen ihrer Bewohner in ihrem Stadtbild widerspiegeln. Lübecks baugeschichtliche und wirtschaftliche Blütezeit im späten Mittelalter ist teilweise im heutigen Stadtbild zu erkennen und gibt den Anreiz die baugeschichtliche Entwicklung der Stadt näher zu erforschen.
29
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Abbildungsverzeichnis
Deckblatt: Wikipedia 2005, 13.01.2006
Abbildung:
1: Stadterweiterungen in Lübeck. Hotzan 1994, S.32. 2: Zeichnung von Lübeck im späten Mittelalter. Wikipedia 2005, 13.01.2006. 3: Aufbau der Stadt Lübeck mit den wichtigen Bauten. Müller, Vogel 1981, S.332. 4: Die kaufmännische Kernsiedlung in Lübeck. Müller, Vogel 1981, S.336. 5: Zeichnung vom Rathaus in Lübeck. Wikipedia 2005, 13.01.2006. 6: Der Hanse-Saal im Rathaus. Müller, Vogel 1981, S.332. 7: Blick von St. Petri nach Norden mit Marienkirche. Wikipedia 2005, 13.01.2006. 8: Blick durch das Mittelschiff von St. Marien. Kallen 2002, S.43. 9: Bürgerhaus mit gotischer Fassade und Staffelgiebel. Kallen 2002, S.34. 10: Bürgerhaus mit typisch hohen Fenstern der Diele im Erdgeschoss. Heise, Vogeler 2002, S.101.
11: Die große Diele im Bürgerhaus. Heise, Vogeler 2002, S.102. 12: Querschnitt durch ein Wohn- und Speicherhaus. Kallen 2002, S.50. 13: Kleinhäuser („Lübecker Gänge“). Wikipedia 2005, 13.01.2006. 14: Marktplatz und Rathaus in Lübeck. Wikipedia 2005, 13.01.2006. 15: Die Türme der Marienkirche. Kallen 2002, S.43.
16: Bürgerhaus mit gotischer Fassade und einfachen Staffelgiebel. Kallen 2002, S.35.
30
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Quellenverzeichnis
Literatur
Benevolo, Leonardo (2000):
Die Geschichte der Stadt. (8. Auflage 2000). Frankfurt/New York (Campus Verlag GmbH)
Dollinger, Philippe (1989):
Die Hanse. Stuttgart (Alfred Kröner Verlag).
Eggers, Cornelia (2005):
Die Kaufleute der Hanse und das Bild der Städte im ostdeutschen Raum. Inwieweit hat der Kaufmann der Hanse das Bild der Städte im norddeutschen Küstgebiet beeinflusst?. Hamburg.
Finke, Manfred u.a. (1989):
Historische Häuser in Lübeck. Geschichte der Lübecker Fassaden. Lübeck (Charles Coleman Verlag).
Hammel-Kiesow, Rolf (1999):
Geschichtliche Übersicht. Lübeck (Lübeck Pressedienst).
Hammel-Kiesow, Rolf (2002):
Auf dem Weg zur Macht. Der Lübecker Kaufmann im 12. und 13. Jahrhundert. In: Die Hanse. Macht des Handels. Der Lübecker Fernhandelskaufmann. Bonn (Monumente Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz). S.12-29.
Heise, Brigitte; Vogeler, Hildegard (2002):
Die Macht des Handels. Ein Rundgang durch die Ausstellung. In: Die Hanse. Macht des Handels. Der Lübecker Fernhandelskaufmann. Bonn (Monumente Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz). S. 88-115.
31
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Hotzan, Jürgen (1994):
Dtv-Atlas Stadt. Von den ersten Gründungen bis zur modernen Stadtplanung. München (Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH).
Höppner, Annaluise (1993):
Lübeck eine Hansestadt macht Geschichte. Lübeck (Verlag der Buchhandlung Gustav Weiland).
Kallen, Peter W. (2002):
Die Kunst der Fuge. Die Baukunst der Gotik in Lübeck. In: Die Hanse. Macht des Handels. Der Lübecker Fernhandelskaufmann. Bonn (Monumente Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz). S. 30-57.
Kropshofer, Simon (2004):
Die Königin der Hanse. Die Bedeutung des Handels für die geschichtliche und städtebauliche Entwicklung der Hansestadt Lübeck von ihrer Gründung bis ins späte Mittelalter. Hamburg.
Laue, Dierk (2005):
Bergen, Lübeck und die Hanse. Zwei spätmittelalterlich Handelsstädte im Machtgefüge der Hanse. Hamburg.
Müller, Werner; Vogel, Gunther (1981):
Dtv-Atlas Baukunst Band 2. Baugeschichte von der Romanik bis zur Gegenwart. München (Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH).
Pagel, Karl (1983):
Die Hanse. Braunschweig (Georg Westermann Verlag).
32
Stadtbaugeschichte I im WS 2005/2006 Mareike Schuppe
Onlinequellen
http://www.bernhardkeller.de/Projekte/DiedeutscheHanse/Hanse-Inhalt/Hanse-Handelsgebiete/Hanse-Kaufleute/hanse-stadtearchitektur.html Paech, Thorsten. Zur Städtearchitektur zur Hansezeit. 2005. Zugriff: 14.01.2006.
http://de.wikipedia.org/wiki/lübeck
Wikipedia. Lübeck. 2005. Zugriff: 13.01.2006.
33
Arbeit zitieren:
Mareike Schuppe, 2006, Die Auswirkungen des Handels im späten Mittelalter auf das Stadtbild von Lübeck, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die römischen Publicani in Asia zur Zeit der Republik
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Geschichte der Hamburger Bank
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 12 Seiten
Formen der Hansischen Handelsgesellschaft
-keiner-
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 22 Seiten
Frankfurt - Messe- und Handelsstadt im Mittelalter
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 23 Seiten
Die alltägliche Lebensweise der Arbeiter im Kaiserreich
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Seminararbeit, 27 Seiten
Mareike Schuppe's Text Die Auswirkungen des Handels im späten Mittelalter auf das Stadtbild von Lübeck ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Mareike Schuppe hat den Text Die Auswirkungen des Handels im späten Mittelalter auf das Stadtbild von Lübeck veröffentlicht
Mareike Schuppe hat einen neuen Text hochgeladen
Netzwerke im europäischen Handel des Mittelalters
Herausgegeben vom Konstanzer A...
Gerhard Fouquet, Hans-Jörg Gilomen
Fernhandel in Antike und Mittelalter
Robert Bohn, Stephan Conermann, Ralph Kauz, Karen Radner, Folker Reichert, Marie-Claude Schöpfer Pfaffen, Michael Sommer
Schriften und Reden I. Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mit...
Max Weber, Gerhard Dilcher, Susanne Lepsius
Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpf...
Plenarvorträge der Jahrestagun...
Herwig Birg
Auswirkungen des technologischen Fortschritts und des Klimaschutzes au...
Analysen mit einem Allgemeinen...
Marcel Zürn
Die Auswirkungen der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs auf ...
Olaf Scholz, Ulrich Becker
0 Kommentare