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Inhaltsverzeichnis
1. John Lockes Ideenlehre 4
1. 1 Gewinnung von Ideen 4
1. 2 Ideen-Arten 6
1. 3 Verhältnis von Ideen und Wirklichkeit 7
1. 3 Lockes Sprachphilosophie 8
2. George Berkeleys Ideenlehre 10
2. 0 Quelle und Einteilung der Ideen 10
2. 1 Berkeleys Sprachphilosophie 12
2. 2 Fazit zu Berkeleys Kritik an Locke 13
Literatur 16
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Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Gegenüberstellung der Philosophien von John Locke und George Berkeley im Bezug auf erkenntnistheoretische Fragen zur Gewinnung von (allgemeinen) Ideen und ihrem Status im Hinblick auf ihre Funktion in der Sprache. In Anbetracht der Komplexität dieser Thematik, werden die historischen Umstände zur den Entstehungszeiten der benutzten Werke beim Leser vorausgesetzt, d.h. es wird nicht näher erläutert, wie sich das Aufstreben der Naturwissenschaften im England des 17. Jahrhunderts genau geäußert hat, da uns hier nur ihre Auswirkungen auf die Erkenntnistheorien der beiden Philosophen interessiert. 1 Beide Theorien gelten als stellvertretend für die populärsten philosophischen Richtungen der Erkenntnisphilosophie dieser Zeit; ihre Gegenüberstellung soll dem Leser ein umfangreiches Bild über die damaligen erkenntnistheoretischen Forschungen zu diesem Thema bieten.
Zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Argumentationsmuster von Locke und Berkeley sind im Hinblick auf den Schwerpunkt dieser Arbeit nur wenige historische Hintergrundinformationen von Belang: Durch den Aufschwung der mechanischen Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts konnten „immer mehr Phänomene ohne Rekurs auf transzendente Gründe und Zwecke mit den Mitteln der Wissenschaft erklärt werden…“ (Kreimendahl 1994, S.93) Berkeley befürchtete, dass dies auf die „Eliminierung Gottes zugunsten einer rein mechanistisch-materialistischen und damit atheistischen Weltsicht hinauslaufe.“ (ebd.). Doch die Bedrohung der Religion durch die Wissenshaft war nur ein Aspekt, den Berkeley bekämpfen wollte; ihre negative Auswirkung auf die Philosophie galt es zudem einzudämmen. Erklärungsansätze zur Wahrnehmung, die „wir… mittels der Vernunft zu berichtigen suchen“ führen nach Berkeley nicht nur zu Atheismus, sondern auch in „hoffnungslosen Skeptizismus...“ (Berkeley 2005, §1). Berkeley macht es sich nun zur Auf- gabe, die „Prinzipien ausfindig (zu) machen, die all jene Zweifelhaftigkeit und Ungewissheit, jene Absurdität und Widersprüche bei den einzelnen Philosophenschule veranlasst haben, derart, dass die größten Weißen unsere Unwissenheit für unheilbar gehalten haben , indem sie sie auf die natürliche Schwäche und Beschränktheit unserer Geisteskräfte zurückführten.“( Berkeley 2005, §4). Eines dieser falschen Prinzipien ist für Berkeley „die Meinung, der Geist habe ein Vermögen, abstrakte Ideen oder Begriffe der Dinge zu bilden.“( Berkeley 2005, §6) [Hervorh. im Original], was auch zum „Mißbrauch der Sprache“(ebd.) führe. Die genaue Darlegung dieser Theorie wird ausführlich im Mittelteil dieser Arbeit behandelt werden. Betrachtet man nun die Hauptargumente von Berkeleys Philosophie, wird schnell deutlich, warum er als Widersacher Lockes gilt: Während Berkeley eine natur- 1 Kreimendahl, Lothar: Hauptwerke der Philosophie. Rationalismus und Empirismus. Reclam, 1994. Stuttgart.
S.89-92.
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wissenschaftliche Betrachtung der Erkenntnis ablehnt und somit eine stark theologisch motivierte Philosophie verfolgt, steht Lockes Theorie ganz im Zeichen ersterer, wenn er als Ursprung all unserer Ideen nicht den Geist bzw. den göttlichen Geist angibt, sondern die bewusstseinsunabhängige Materie. Zudem baut Lockes Sprachphilosophie, anders als bei Berkeley, auf der Existenz abstrakter Ideen auf, um allgemeine Ideen und Begriffe erklären zu können. Die genaue Erläuterung mit Literaturangaben findet sich im Mittelteil der Arbeit. Im Verlauf des Folgenden soll also vor allem die Gegensätzlichkeit der beiden Philosophien im Bezug auf die Erkenntnisgewinnung deutlich gemacht werden; die daraus resultierenden Ansichten bezüglich der Gewinnung und Funktion von Ideen und deren Stellenwert in der Sprache werden ebenso im Mittelteil dieser Arbeit behandelt. Als Grundlage zur Darstellung von Lockes Ideenlehre wird sein Essay Concerning Human Understanding nach Peter Nidditchs Übersetzung von 1979 verwendet, wobei sich die Stellenangaben der Reihe nach auf das Buch, das Kapitel und den Paragraphen beziehen. Für Berkeleys Philosophie, die Principles of Human Knowledge, da er in diesem Werk direkt auf Lockes Ideenlehre Bezug nimmt.
1. John Lockes Ideenlehre
1. 1 Gewinnung von Ideen
Um Berkeleys Kritik an Lockes Ideenlehre nachvollziehen zu können, soll hier zunächst Lockes Philosophie im Wesentlichen dargestellt werden.
Nach Udo Thiel ist für Locke die Erfahrung letztendliche Quelle aller unserer Ideen. Diese ist gegliedert in „innere Erfahrung“ („Reflexion“), wodurch uns allgemeine Ideen von Tätig- keiten des Geistes vermittelt werden, und „äußere Erfahrung“(„Sensation“), also Ideen, die wir über die Wahrnehmung der Außenwelt gewinnen. Auf die hierdurch vermittelten Ideen kann der menschliche Geist Operationen wie Vergleichen, Abstrahieren usw. anwenden und so komplexe Ideen bilden, die über die eigentliche Erfahrung selbst hinausgehen. (Thiel 1997, S. 68-88, S.281) Ideen können aber nur über Perzeption der „Kräfte“ bzw. „Qualitäten“ der Gegenstände der äußeren Welt im menschlichen Geist entstehen. Locke unterscheidet hier zwischen „aktiver“ und „passiver“ Kraft, d. h. es muss eine aktive Kraft im Gegenstand geben, die eine Idee in uns erzeugt, die wir wiederum passiv empfangen. (Nidditch 1979, II.xxi.2) (Thiel 1997, S.203). Diese „Kräfte“ der Materie, nennt Locke auch „Qualitäten“, wobei er zwischen „sekundären“ und „primären“ Qualitäten unterscheidet. Den Zusammenhang zwischen Ideen und Qualitäten, sowie ihre Gliederung beschreibt er in folgendem Passus:
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„Whatsoever the Mind perceives in it self, or is the immediate object of Perception, Thought, or Understanding, that I call Idea; and the Power to produce any Idea in our mind, I call Quality of the Subject wherein that power is. Thus a Snow-ball having the
power to produce in us the Ideas of White, Cold and Round, the Powers to produce
those Ideas in us, as they are in the Snow-ball, I call Qualities; and as they are Sensations or Perceptions, in our Understandings, I call them Ideas; which Ideas, if I speak of sometimes, as in the things themselves, I would be understood to mean those Qualities in the Objects which produce them in us” (Nidditch 1979, II.viii.8) [Hervorh. im Original].
Nach dieser Definition gibt es also zwei Arten von Qualitäten, die Ideen in uns entstehen lassen: auf der einen Seite, die Kräfte, die dem Gegenstand bewusstseinsunabhängig inhärent sind und auf der anderen, die, welche wir dem Gegenstand aufgrund unserer Wahrnehmung zuschreiben. 2 -Doch was genau unterscheidet nach Locke die primären, von den sekundären Qualitäten? Die primären Qualitäten erklärt Locke am Beispiel eines Weizenkorns:
"Take a grain of Wheat, divide it into two parts, each part has still Solidity, Extension, Figure, and Mobility; divide it again, and it retains still the same qualities; and so divide it on, till the parts become insensible, they must retain still each of them all those qualities.”(Nidditch 1979, II.viii.9) [Hervorh. Im Original] Das Hauptunterscheidungsmerkmal ist demnach, dass diese Klasse von Eigenschaften im Körper auch dann Bestand haben, wenn wir sie nicht wahrnehmen, was wiederum seine These von der bewusstseinsunabhängigen Materie unterstreicht. Den Unterschied zwischen den primären und den sekundären Qualitäten von Gegenständen und den aus ihnen resultierenden Ideen beschreibt Locke folgendermaßen:
„…the Ideas of primary Qualities of Bodies, are Resemblences of them, and their Patterns do really exist in the Bodies themselves; but the Ideas, produced in us by these Secondary Qualities, have no resemblances of them at all.”(Nidditch 1979, II.viii.15) [Hervorh. im Original] Wir können also über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, ihre „reale Essenz“, keine gesicherten Aussagen treffen, da nicht wahrnehmbare Teilchen, oder Korpuskel (s.o.), die Träger der primären Qualitäten sind, die in uns als wahrnehmendem Subjekt, durch verschiedene Konfigurationen Ideen von Farbe, Kälte und Gestalt entstehen lassen. Dieser 2 Kienzle, Bertram: Primäre und Sekundäre Qualitäten. In: Thiel, Udo (Hrsg.): John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6).
6 Umstand hat zur Folge, dass wir bei der Beschreibung eines Gegenstandes auf die von uns perzipierten Eigenschaften zurückgreifen, die nur im wahrnehmenden Subjekt existieren, nicht aber im Gegenstand selbst. 3
1. 2 Ideen-Arten
Locke differenziert aber nicht nur die Qualitäten von Objekten, sondern auch die verschiedenen Ideen-Arten, die aus ihnen resultieren. Nach Rainer Specht sind bei Locke „Ideen, die wir durch die innere oder äußere Sinnlichkeit empfangen grundsätzlich einfach. Auch sind sie ursprünglich nicht abstrakt, sondern partikulär. Nicht ihre Wahrnehmung, sondern erst ihr Wiedererkennen, Benennen und Klassifizieren setzt Abstraktion voraus.“ 4 Locke sagt selbst: „die einfachen Ideen, die wir besitzen, sind so, wie sie uns die Erfahrung lehrt…“ (Nidditch 1979, II.iv.4), sie sind „one uniform appearance or conception in the mind….“(Nidditch 1979, II.ii.1), also in sich homogene Teilideen sind, wie Z.B. eine Farbe. Es handelt sich bei ihnen also um einheitliche, elementare Ideen, die sich nicht weiter analysieren lassen. 5 Wie bereits angedeutet gibt es nach Locke noch eine weitere Art von Ideen, die komplexen Ideen. Ihren Zusammenhang beschreibt er in folgendem Zitat:
„The mind being,…furnished with a great number of the simple ideas go constantly together; which presumed to belong to one thing, and words being suited to common apprehensions and made use of for quick dispatch, are called, so united in one subject, by one name; which by inadvertency we are apt afterward to talk of and consider as one simple idea, which indeed is a complication of many ideas together; because…not imagining how these simple ideas can subsist by themselves, we accustom ourselves, to suppose some substratum, wherein they do subsist, and from which they do result, which therefore we call substance.”(Nidditch 1979, II.xxiii.1) [Hervorh. V. Verfasser]
Die komplexen Ideen setzen sich demnach aus einfachen Ideen zusammen, die immer im Verbund auftreten. Nach Locke ergeben sich hieraus drei allgemeine Substanzarten: Gott, geistige Substanzen und Körper. Um immer wiederkehrende Bündel von Eigenschaften als zu einem bestimmten Ding zugehörig auffassen zu können müssen wir es auf einen Träger, eine 3 Colman, John: Lockes Theorie der Empirischen Erkenntnis. In: Thiel, Udo (Hrsg.): John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 203
4 Specht, Rainer: Über angeborene Ideen bei Locke. In: Thiel, Udo (Hrsg.): John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 61
5 Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay über den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker
Auslegen, Bd.6). S. 283.
7 allgemeine Idee des Substrats beziehen (Nidditch 1979 II.xxiii.2). Die geistigen Operationen die hierfür nötig sind ergeben sich aus den Gegenständen auf die sie sich beziehen:
• Substanzideen sind komplexe Ideen, „die man als Darstellungen bestimmter, selbstständig bestehender Einzeldinge ansieht“(Nidditch 1979, II.xii.6).
• Relationsideen beziehen sich auf Verhältnisse von Ideen zueinander (Nidditch 1979, II.xii.1) Sie werden durch die geistige Operation des Vergleichens gebildet, sind folglich geistige Schöpfungen.
• Modi sind geistige Kombinationen von Ideen, wobei ihre Resultate keine realen Gegenstände, sondern ausschließlich bewusst geistige Konstrukte darstellen, Bsp.: „Dreieck“ (Nidditch 1979, II.xii.4).
• Abstrakte Ideen sind allgemeine Ideen, die vor allem bei der Kommunikation gebraucht werden. Sie werden durch die mentale Operation des Abstrahierens gebildet, z.B. durch „leave out“ (Nidditch 1979, III.iii.7-9) von bestimmten Begleitumständen oder Sachverhalten in deren Verbindung sie auftreten.
1. 3 Verhältnis von Ideen und Wirklichkeit
Locke klassifiziert Ideen also auch nach ihrem Realitätsbezug; während „Modi“ und „Relationsideen“ geistige Konstrukte sind, beziehen sich „Substanzideen“ auf Objekte außerhalb unseres Geistes. Dieser Umstand führt, nach Locke, dazu, dass ihre „Archetypen“, also ihre „Urbilder“ oder „Originale“( Nidditch 1979, II.xxx.1; II.xxx.i.1) unterschiedliche Realitätsbezüge repräsentieren; geistige Konstrukte sind demnach ihre eigenen Archetypen (Nidditch 1979, II.xxx.4; II.xxxi.14) wohingegen unabhängig vom Verstand existierende Ideen ihre Archetypen nicht adäquat vorstellen können (Nidditch 1979, II.xxxi.6, 13). 6 Während Archetypen also Urbilder der geistigen und realen Gegenstände in unserem Geiste darstellen, sind die Substanzen mit ihrem Substrat als Träger ihrer Eigenschaften (s.o.), die „selbstständig bestehenden Einzeldinge“( Nidditch 1979, II.xii.6) an sich. 7 Lockes Differenzierung der Ideen von Gegenständen und ihrem tatsächlichen Sein greift aber noch tiefer: Die wirkliche „Wesenheit“ der Dinge, ihre „essence“( Nidditch 1979, III.iii.15) definiert Locke als „das eigentliche Sein eines Dinges, wodurch es ist, was es ist.“(ebd.) Die Komplexe von Eigenschaften, die wir von einem Gegenstand wahrnehmen, leiten sich von
6 Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay über den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker
Auslegen, Bd.6). S. 280.
7 Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay über den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker
Auslegen, Bd.6). S. 286.
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der „wirkliche(n), inneren Beschaffenheit aller Dinge…“( Nidditch 1979, III.vi.2), der „Realen Essenz“ ab. Wir sind jedoch nur fähig, die für uns wahrnehmbaren Eigenschaften der Dinge in abstrakten Arten von Ideen zu vereinigen, was Locke als „Nominale Essenz“ der Dinge bezeichnet.
Wir können demnach, im Bezug auf Substanzarten, nur Hypothesen darüber aufstellen, ob die Nominale Essenz der Realen Essenz entspricht. 8 Betrachtet man nun die obige Unterscheidung Lockes bezüglich der Arten von Ideen, folgt daraus für die „Modi“, dass bei ihnen die Essenzen zusammenfallen, da sie reine Produkte des Geistes sind (ebd.). Das Verhältnis von „Substrat“ zu „Realer Essenz“ bei Locke ist umstritten. Nach meinem Verständnis ist das Substrat der Träger der wahrnehmbaren Eigenschaften von verschiedenen Substanzarten, wohingegen die Reale Essenz auch alle nicht wahrnehmbaren Eigenschaften des Gegenstandes beinhaltet.
1. 3 Lockes Sprachphilosophie
Die bisher aufgeführten Argumente Lockes über die Gewinnung von Erkenntnis, dienen vor allem dem Zweck, die These, es gäbe angeborene Ideen zu widerlegen. Wie bereits gesagt, ist Locke bestrebt, die menschliche Erkenntnis auf wissenschaftliche Weise zu erklären, weshalb er die erkenntnistheoretische Frage:“Is the law of Nature Inscribed on the Minds of Men?“ mit: „No“ beantwortet. Lockes Ideenlehre ist hier aber noch nicht am Ziel angelangt, denn: „Die Erkenntnis, deren Gegenstand die Wahrheit ist, hat es stets mit Sätzen zu tun. Obwohl ihr letztes Ziel zwar in den Dingen selbst liegt, so sind doch die Wörter dabei so sehr als Vermittler notwendig, daß sie von unserer allgemeinen Erkenntnis kaum trennbar zu sein scheinen“ (Nidditch 1979, III.ix.21).
Können Ideen aber überhaupt adäquat durch Wörter vermittelt werden? Woher können wir wissen, ob wir alle die gleichen Vorstellungen mit einem Begriff verbinden? Und gibt es überhaupt so etwas wie die feste Bedeutung eines Wortes?
Nach Lockes Zitat sind Wörter generell Vermittler von Ideen, bestimmte Wortklassen aber, wie die Partikel stehen zwar nicht selbst für eine bestimmte Idee, dienen jedoch dazu, die mentale Beziehung die zwischen Ideen besteht, zu verdeutlichen. 9 Einfache Ideen von pri- mären und sekundären Qualitäten sind nach Locke bei allen Menschen prinzipiell gleich
8 Ayers, Michael: Die Ideen von Kraft und Substanz. In: Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 120.
9 Brandt, Reinhard/Klemme, Heiner F.: Zur Sprachphilosophie. In: Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay über
den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 170.
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(Nidditch 1979, II.xxxii.9). Bezüglich der Möglichkeit, dass „dasselbe Objekt im Geist verschiedener Menschen gleichzeitig verschiedene Ideen erzeugen würde…“( Nidditch 1979, II.xxxii.15) räumt Locke ein, dass wir uns in diesem Falle mit den Wortzeichen der einfachen Ideen sekundärer Qualitäten ostensiv über Ideen dieser Art verständigen können. Es ist für ihn jedoch irrelevant, ob dem so ist, da wir dieselben Worte für Dinge verwenden, die Kommunikation also auf jeden Fall gelingt. 10 Was die primären Eigenschaften von einfachen Ideen angeht, weist Locke darauf hin, dass wir sie nur über die sekundären Qualitäten beschreiben können: „Flame is denominated Hot and Light; Snow White and Cold…“( Nidditch 1979, II.viii.16), weshalb wir sie erst recht nicht auf ihre einheitliche Wirkung auf den Perzipienten überprüfen können. 11 Bezüglich der komplexen Ideen betont Locke, dass bei den Substanz-Ideen der Archetyp des Begriffs als eine reale Essenz gedacht wird, sie ist jedoch nur eine „dunkle Idee“( Nidditch 1979, II.xxiii.15;32) der wirklichen Substanz der Dinge. Wir sind demnach nur fähig eine abstrakte Idee der Essenz zu bilden, ihre „Nominale Essenz“ (siehe 1. 2).Während wir jedoch von den Substanzen Erkenntnis dadurch erlangen, dass wir ihre Qualitäten in der Natur ständig als verbunden beobachten und somit zu komplexen Substanzideen gelangen (vgl. Nidditch 1979, III.vi.28), da jedoch die gemischten Modi und Relationsideen ihre eigenen Archetypen sind, sind sie nicht dem Erkenntniswandel unterworfen (ebd.) Da sie geistige Konstrukte sind (siehe 1. 3), fällt bei ihnen die Überprüfung ihrer bezeichneten Ideen noch schwieriger; nach Locke zeigt sich deshalb gerade bei ihnen die Relevanz der Sprache, denn: der Name ist es, der sie [die Ideen], als wäre er ein Knoten, fest zusammenbindet.“( Nidditch 1979, III.v.10), was wiederum zu Irrtümern und Unsicherheiten in der Kommunikation führt (ebd.) Bezüglich der singulären und allgemeinen Ideen ist Locke der Ansicht, dass nur erstere Existenz haben. Auf seine Sprachphilosophie übertragen bedeutet dies, dass er kein Nominalist, sondern ein subjektivistischer Realist ist, d.h. er ist davon überzeugt, dass nicht nur Wörter allgemein sein können, sondern dass es allgemeine Ideen gibt, die zwar subjektive Vorstellungen sind und keine objektiven Entitäten, diese aber mittels eines
10 Brandt, Reinhard/Klemme, Heiner F.: Zur Sprachphilosophie. In: Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay über
den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 172-175.
11 Colman, John: Lockes Theorie der Empirischen Erkenntnis. In: Thiel, Udo (Hrsg.): John Locke. Essay über
den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 203
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Abstraktionsverfahrens eine allgemeine Bedeutung gewinnen können (siehe 1. 2). 12 Allge- meine Ideen bezeichnen daher mehr als ein bestimmtes Individuum; sie sind nach Locke Kunstschöpfungen des menschlichen Verstandes zur Klassifikation von Objekten, können aber, da sie individuell geschaffen werden, nicht allgemein werden. Das bereits erwähnte Abstraktionsverfahren, dass nach Locke hierfür benötigt wird, kann einmal daraus bestehen, dass man von individuellen Eigenheiten einer singulären Idee einfach absieht (Nidditch 1979, II.xi.9), oder durch eine geistige Operation, bei der man sie „von allen örtlichen und zeitlichen Umständen trennt und alle anderen Ideen von ihnen loslöst, die sie möglicherweise auf diese oder jene Einzelexistenz beschränken könnten.“ (Nidditch 1979, III.iii.6).
2. George Berkeleys Ideenlehre
2. 0 Quelle und Einteilung der Ideen
Welche übergeordneten Ziele Berkeleys theologisch motivierte Philosophie verfolgt, wurde bereits in der Einleitung dieser Arbeit dargestellt. Im Folgenden werden nun die einzelnen Kritikpunkte aufgezeigt, die Berkeley gegen Lockes Philosophie vorbringt, wodurch deutlich werden soll, warum er, um seine Ziele zu verwirklichen gerade Locke so vehement angreifen muss. Für Berkeley bestehen die Gründe für den von ihm bekämpften Atheismus und Skeptizismus, aber auch für „a great number of dark and ambiguos terms…have been introduced into metaphysics and morality…“(Pappas 2000, S.27) in der Annahme, „all sensible objects, have an existence, natural or real, distinct from their being perceived by the understanding.“(ebd.). Für Berkeley gibt es demnach keine bewusstseinsunabhängige Materie wie bei Locke; seine Philosophie steht in der Tradition Descartes, wenn er als (nicht weiter begründeten) Ausgangspunkt seiner Philosophie das „esse est percipi“-Prinzip angibt, dem- nach für alle „unthinking things“gilt, dass „Their esse est percipi, nor is it possible they should have any existence, out of mind or thinking things which perceive them.“(Pappas, S.113). Mit Lockes Unterscheidung der Qualitäten von Materie ist dieser Ansatz offensichtlich nicht zu vereinen; alle philosophischen Konsequenzen die sich hieraus für Locke ergeben, nämlich die Unterscheidung von realer und nominaler Essenz anhand der Archetypen, Substrat und Substanz, aber auch seine Korpuskel-Theorie sind Aspekte, die nach Berkeley zu den „innumerable errors and difficulties in almost all parts of knowledge…“(Pappas 2000, S.29) geführt haben. Wie wir gesehen haben, resultiert für Locke
12 Brandt, Reinhard/Klemme, Heiner F.: Zur Sprachphilosophie. In: Thiel, Udo: (Hrsg.): John Locke. Essay
über den menschlichen Verstand. Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S.176.
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die Erkenntnis aus Erfahrung, welche wiederum über die Wahrnehmung gewonnen wird. Mentale Leistungen, wie Abstrahieren, Vergleichen und Weglassen, schaffen zudem verschiedene Klassen von Ideen, die unterschiedliche Realitätsbezüge aufweisen (vgl 1. 2). Der These von den angeborenen Ideen kann Locke demnach nicht zustimmen, genauso wenig ist nach seiner Philosophie ein göttlicher Geist von Nöten, der die Ideen im Perzipienten enstehen lässt; auf erster Stufe sind es allein die Kräfte bzw. die Qualitäten, die diese in uns auslösen. Diese materialistische Argumentation kann Berkeley nicht zulassen, da eine bewusstseinsunabhängige Materie die Allmacht Gottes in Frage stellen und das „esse est percipi“-Prinzip außer Kraft setzen würde. Nach seiner (immaterialistischen) Theorie gilt: „all those bodies… have not any subsistence by without a mind, that their being is to be perceived or known; that consequently so long as they are not actually perceived by me, or do not exist in my mind or that of any other created spirit, they must either have no existence at all, or else subsist in the mind of some eternal spirit.”(Pappas 2000, S. 108) Mit anderen Worten: Die Dingwelt existiert nur in unserer Wahrnehmung, die durch den gött- lichen Geist gesteuert wird. Ein Gegenstand löst sich nur deshalb nicht in Luft auf, wenn wir in gerade nicht perzipieren, weil der göttliche Geist allgegenwärtig ist und somit allzeit dafür sorgt, dass der universelle Ideenstrom nicht versiegt. Auch das geistige Vermögen, die verschiedenen Operationen durchzuführen, die nach Locke zur Bildung von abstrakten Ideen nötig sind, versucht Berkeley mit Hilfe seiner „heterogeneity-thesis (of numerical distinctness of visual and tangible ideas)“ 13 zu untergraben:
“I am apt to think that when men speak of extension as being an idea common to two senses, it is with a secret supposition that we can single out extension from all other tangible and visible qualities, and from thereof an abstract idea, which idea they will have common to sight and touch.“(Pappas 2000, S. 30) Der menschliche Geist ist demnach nicht in der Lage, die von Locke postulierten Ab- straktionsverfahren durchzuführen, um zu abstrakten Ideen zu gelangen; für Berkeley können Ideen nur separiert gedacht werden, die auch eigenständig auftreten:
„Since therefore it is impossible even for the mind to disunite the ideas of extension and motion from all other sensible qualities, does it not follow, that where the one exist, there necesserily the other exist likewise?”(Pappas 2000, S. 41) Nach dieser Einschränkung ergänzt er jedoch:
“An dieser Stelle muss ich darauf hinweisen, dass ich nicht schlechthin die Existenz von allgemeinen Ideen leugne, sondern nur die von abstrakten allgemeinen Ideen. Denn in den
13 Pappas, George S.: Berkeley` s Thought. Cornell University Press 2000 .Ithaca / London, S.34.
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obigen Passagen, wo allgemeine Ideen erwähnt werden, ist stets vorausgesetzt, dass sie…durch Abstraktion gebildet werden.“( Berkeley 2005, §12) 14 [Hervorh. v. Verfasser]. Um die vermeintliche Absurdität von Lockes Theorie zu veranschaulichen, zitiert er nun einen Abschnitt aus dem Essay, wo Locke sich der Gewinnung von allgemeinen Ideen durch die geistige Operation des Abstrahierens widmet:
„For example, does it not require some pains and skill to form the general Idea of a Triangle (which is yet none of the most abstract, comprehensive, and difficult) for must be neither Oblique, nor Rectangle, neither Equilateral, Equicrural, nor Scalenon; but all and none of these at once.” (Locke 1975, IV, VII 9, 596) [Hervorh. v. Verfasser]. Für Berkeley stellt sich dieses Unterfangen als ein „einvergebliches Vorhaben dar…“(§12), müssen wir es doch nur mit unserem bisherigen Wissen über Berkeleys heterogeneity-thesis und dem „esse est percipi“ Prinzip vergleichen, ist dies leicht nachzuvollziehen (s.o.). Ein weiterer Aspekt, den Berkeley hier gegen Lockes Ideenlehre verwendet, ist somit auch die Feststellung, dass der menschliche Geist nach Berkeleys Überzeugung schlicht nicht fähig sei, die hiernach geforderten Leistungen zu erbringen. Zur Begründung der Bewusstseins- abhängigkeit der Ideen und somit auch der Materie, greift Berkeley noch ein weiteres Argument auf, um zu zeigen, dass nicht nur geistige Konstrukte keine Existenz außerhalb des Geistes besitzen, sondern auch Ideen, die wir unmittelbar über die Sinne erhalten: „Es scheint aber nicht weniger einleuchtend, dass die verschiedenen Sinnesempfindungen oder die den Sinnen eingeprägten Ideen…nicht anders existieren können, als in einem Geist, der sie wahrnimmt. Das kann jeder, denke ich, intuitiv erkennen.“( Berkeley 2005, §3). Intuition ist also hiernach ein weiteres Argument, aber welche Gegenstände können nach dieser Definition überhaupt eine Existenz haben? Nach Berkeley nur „soul or spirit“(Berkeley 1948-57, 2:105, Pappas S.106), da diese „an active being, whose existence consists not in being perceived, but in perceiving ideas and thinking.”(ebd.)
2. 1 Berkeleys Sprachphilosophie
Da Berkeley sich Lockes Theorie der abstrakten Ideen nicht anschließen kann, finden wir bei ihm auch eine andere Erklärung dafür, wie Wörter allgemein werden: Während bei Locke Wörter dadurch allgemein werden, dass sie als Zeichen für abstrakte Ideen gebraucht werden (vgl 1. 3), werden sie es bei Berkeley dadurch, das sie zur Bezeichnung mehrerer Einzelideen dienen:“In truth there is no such thing as one precise and definite signification annexed to any general name, they all signifying indifferently a great number of particular
14 Kreimendahl, Lothar (Hrsg.): George Berkeley. Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen
Erkenntnis. Übers. und hrsg. von Kreimendahl, Lothar / Gawlick, Günter.
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ideas.“(Berkeley 1948-57, 2:36), (Pappas, S. 71). Dieser sprachphilosophische Nominalismus steht im Gegensatz zu Lockes subjektivistischem Realismus:
“universality, so far as I can comprehend not consisting in the absolute, positive nature
or conception of any thing, but in the relation it bears to the particulars signified or represented by it: by virtue whereof it is that things, names, or notions, being in their own nature particular, are rendered universal. Thus when I demonstrate any pro- position concerning triangles, it is to be supposed that I have in view the universal idea of a triangle; which ought not to be understood as if I could frame an idea of a triangle which was neither equilateral nor scalenon nor equicrural. But only that the particular triangle I consider, whether if this or that sort it matters not, doth equally stand for and represent all rectilinear triangles whatsoever, and is in that sense universal.”(Berkeley 2005, §15) (Pappas, S. 70) [Hervorh. im Original].
Aus dieser Definition heraus ergibt sich aber nach Lothar Kreimendahl eine logische Inkonsistenz, da „durch die Repräsentationsfunktion der Einzelvorstellung bereits eine abstrahierende, weil vergleichende, identifizierende und unterscheidende Hinsicht auf die Gegenstände erforderlich ist, die unter den Begriff eines Dreiecks fallen. Die Allgemeinvorstellung des Dreiecks ist also immer schon vorausgesetzt“. 15
2. 2 Fazit zu Berkeleys Kritik an Locke
Unterzieht man nun beide Theorien einer objektiven Prüfung, lässt sich allgemein festhalten, dass Locke bei der Untersuchung der menschlichen Erkenntnis naturwissenschaftlich vorgeht, während Berkeley eine theologische Argumentation verfolgt. Bei Schwierigkeiten, Erklärungen für den sich ständig verändernden Ideenfluss zu finden, bedient sich Berkeley des göttlichen Geistes, der durch seine Allgegenwärtigkeit die Seinskontinuität der Dingwelt steuert, was zudem erklärt, warum die Annahme einer bewusstseinsunabhängiges Materie für Berkeley keinen Sinn ergibt. Locke hingegen argumentiert materialistisch, wenn er als Quelle all unserer Ideen, weder angeborene Vorstellungen, noch den göttlichen Geist angibt, sondern die Wahrnehmung von Eigenschaften der Körper außerhalb unseres Geistes. Mit seiner nominalistischen Sprachphilosophie will Berkeley die Unmöglichkeit allgemeiner abstrakter Ideen verdeutlichen, da diese seiner Ansicht nach für die „innumerable errors and difficulties in almost all parts of knowledge…“(Pappas 2000, S.29) verantwortlich sind, die er mit seiner Theorie zu revidieren erhofft. Allgemeine Begriffe würden nicht für allgemeine Ideen stehen, die über das geistige Verfahren der Abstraktion gewonnen werden, weil dies dem „esse est
15 Kreimendahl, Lothar: Berkeley. Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. In: Hauptwerke der Philosophie.
Rationalismus und Empirismus. Reclam 1994. Stuttgart. S. 98.
14
percipi“-Prinzip und der „Heterogeneity-thesis“ entgegenlaufen und zudem die Allmacht Gottes in Frage stellen würde; nach Berkeley dienen allgemeine Begriffe ausschließlich zur Bezeichnung mehrerer Einzelideen, so dass nur Wörter allgemein sein können. Wie wir gesehen haben, greift Berkeley bei Inkonsistenzen in seiner Argumentation auf den göttlichen Geist, das „esse est percipi“-Argument, oder auf die Intuition zurück (s.o.), während Locke nach Erklärungen sucht, die diese vermeintlich selbstevidenten Bereiche verlassen und somit für seine Gegner angreifbarer wird, was Berkeley zu der folgenden Bemerkung bezüglich Lockes Ideenlehre veranlasst:
„it only shows you have the power of imagining or forming ideas in your mind; but it doth not show that you can conceive it possible, the objects of your thought may exist without the mind: to make out this, it is necessary that you conceive them existing un- conceived or unthought of, which is a manifest repugnancy.“(Berkeley 1948-57, 2:50). Gerade dieses Argument ist die Hauptstütze für Berkeleys Argumentation; da Locke diese Kritik durch seine naturwissenschaftliche Argumentation nicht entkräften kann, nutzt Berkeley diesen Umstand, um seine eigene Theorie zu unterstützen:
„Berkeley is saying that if one can conceive sensible objects existing without the mind, then he is willing to concede that the esse is percipi thesis is false. It is this action that he says one cannot perform…The important point is this: if there were abstract ideas of sensible objects, and also an abstract idea of existence then one could successfully carry out this conceiving.”(Pappas 2000, S. 67) [Hervorh. im Original].
Da aber niemand die Möglichkeit hat, eine bewußtseinsunabhängige Materie zu beweisen, weil dieser Beweis an die Wahrnehmung selbst gebunden ist, kann auch die Falschheit des „esse est percipi“-Prinzip nicht gänzlich aufgezeigt werden. Es bleibt jedoch fraglich, ob eine Argumentation, die als eine Hauptstütze den göttlichen Geist verwendet, dessen Existenz ebenso vom Glauben abhängt, wie die Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Materie, wirklich überzeugen kann. Allein schon die Tatsache, dass wir ständig der sinnlichen Wahrnehmung unserer Umgebung unterworfen sind, lässt Berkeleys Behauptung, es gäbe sie nur (individuell von Gott gesteuert) in unserem Geiste, unglaubwürdig erscheinen; und selbst wenn dies so wäre und wir uns wenigstens unserer eigenen Existenz „intuitiv“ sicher sein könnten, wer sagt uns dann, dass dies auch auf unsere Mitmenschen zutrifft? Wie sollten wir dies überprüfen können? Wären dann nicht zwischenmenschliche Rechte und Pflichten außer Kraft gesetzt, da es sich bei meinen Mitmenschen ja möglicherweise nur um wahrnehmungsabhängige Objekte handelt, die demnach keine Persönlichkeit besitzen?
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Diese Weiterführung von Berkeleys Argumentation wäre von ihm selbst wahrscheinlich nicht unterstützt worden, da sie im Gegensatz zu einer religiösen Weltanschauung steht, zu der unter anderem auch die zehn Gebote gehören, die somit völlig sinnlos wären. Berkeleys Argumentation jedenfalls, die nach seinen Angaben den Atheismus und Skeptizismus bekämpfen soll, scheint ihr Ziel nicht zu erreichen.
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Literatur
• Kreimendahl, Lothar (Hrsg.): George Berkeley. Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. In (ders.): Hauptwerke der Philosophie. Rationalismus und Empirismus. Stuttgart: Reclam, 1994.
• Berkeley, George: Eine Abhandlung über die menschliche Erkenntnis. Übers. u. hrsg. von Günter Gawlick u. Lothar Kreimendahl. Ditzingen: Reclam, 2005 [ 16 1710]
• Locke, John: An Essay Concerning Human Understanding. Ed. With an introduction by Nidditch, Peter H. Oxford: Clarendon Press, 1979 [ 1 1690].
• Pappas, George: Berkeley`s Thought. Oxford: Clarendon Press, 2000.
• Thiel, Udo (Hrsg.): John Locke. Essay über den menschlichen Verstand. Berlin: Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6).
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Helen Ackel, 2006, Über den Prozess der menschlichen Erkenntnis bei John Locke und George Berkeley, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Über den Prozess der menschlichen Erkenntnis bei John Locke und George Berkeley.
Vielen Dank! Das ist eine sehr nützliche Zusammenfassung der beiden gegensätzlichen Erkenntnistheorien.
Ingmar Thilo
on Thursday, October 09, 2008-