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Bei der Lektüre der Forschungsliteratur zu Adalbert Stifters Werken wird auffällig, wie unterschiedlich die Qualität seiner Arbeit seit je her beurteilt wird. Aus dem Folgenden soll ersichtlich werden, welches Programm Stifter nach eigenen Aussagen mit seinem Schaffen verfolgt, wie er dies literarisch umsetzt und durch welche interpretatorischen Zugänge die Leser bei der Beurteilung seiner Werke polarisiert werden. Stifters schlichte Sprache, seine detaillierten Landschaftsbeschreibungen und die scheinbare Handlungsarmut seiner Werke weckte bei den zeitgenössischen wie auch bei den gegenwärtigen Literaturwissenschaftlern entweder Neugier, diese Schlichtheit nach höheren Prinzipien zu hinterfragen, oder führte dazu, seine Werke als „maniriert“, „handlungsarm“ und „langweilig“ abzutun. 1 Aus der Vorrede zu den Bunten Steinen wird ersichtlich, dass Stifter sich seiner Resonanz bewusst war, beginnt er doch mit dem Satz:“Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.“ 2 Adressat ist sein Kontrahent, der Dramatiker Friedrich Hebbel, der Stifters detaillierte Deskription von Landschaften als bloße Darstellung des „Kleinen“, Undramatischen und somit Minderwertigen ansah. Für ihn zählt Stifter zu den alten Naturdichtern, denen er 1849 folgendes Epigramm widmet:
Die naturwissenschaftliche Diskussion seit Mitte des 19. Jahrhunderts über das “Kleine“ und das „Große“, bzw. des Zusammenspiels von Mikro-und Makrokosmos findet sich hier wieder. Die Unterscheidung zwischen der Erhaltungs-und Auslösungskausalität und die neue
1 Scheffel, Michael: Stifter-Studien im Wandel der Zeit. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Akt und Kritik. Richard Boorberg Verlag: 2003, München. Heft 160, S. 93. [Zeitschrift für Literatur.]
2 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S. 7.
3 Hebbel, Friedrich: Das Komma im Frack. In: F. H. : Werke. Hrsgg.: Fricke, Gerhard/Keller, Werner/Pörnbacher, Karl. 1965, Müchen. Bd.3, S. 684-687. In: Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S. 365. [Hervorh. v. Verf.]
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Erkenntnis, dass das Erhaltungsgesetz nicht mehr die einzige Erklärung für Kausalität ist, schlägt sich literarisch im Motiv der „kleine Ursachen - große Wirkung“ nieder. 4 Stifter hatte diese Thematik auch im Laufe seines Studiums kennen gelernt, als er bei Andreas von Baumgartner Physik studierte (ebd.). Das „Kleine“, das Diminutivum ist charakteristisch für Stifters Stil 5 , doch während Hebbel von diesem Umstand eine Unfähigkeit Stifters, das „Große“ darzustellen ableitet, begründet jener seine Wahl mit seinem Wissen bezüglich der physikalischen Kausalitätsverkettung:
„Das Wehen der Luft das Rieseln des Wassers das Wachsen der Getreide […] halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, […] das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen an einzelnen Stellen vor und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen, und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht, und nur in ihm allein Großartigkeit zu erzeugen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist.“ 5
Nach Stifter haben also die „kleinen“ Dinge die Funktion, auf etwas Höheres zu verweisen, auf „das Allgemeine, […] die Schöpfung“ 6 . Diese selbst sei aber von Gott geschaffen, wodurch wir „immer nur das Einzelne darstellen können nie das Allgemeine“(ebd.). Hier wird deutlich, dass eine literarische Annäherung an das Allgemeine für Stifter nur durch die Wiedergabe der alltäglichen, immerwährenden Erscheinungen geschehen kann; dramatische, einzigartige Geschehnisse haben für ihn keinen exemplarischen Charakter bezüglich des „Welterhaltenden“(s.o.). Dieses Prinzip zeigt sich bei Stifter als Hauptkonzept seines Schaffens; im Einfachen, Kleinen und Unscheinbaren zeigt sich für Stifter das Göttliche, Erzählungswürdige - „augenfällige“(s.o.). Erscheinungen zu beschreiben würde davon zeugen, dass man „unkundig“ und „unaufmerksam“(s.o.) sei, also nicht fähig, das „Ganze und Allgemeine“ wie ein „Forscher“(s.o.) zu erfassen. Da auch die Menschen Teil der Schöpfung sind, gilt dieses Prinzip auch für sie:
4 Wedekind, Martina: Wiederholen Beharren Auslöschen. Zur Prosa Adalbert Stifters. Hrsgg.: Bohn, Volker/See, Klaus von/Wyss, Ulrich/Zernack, Julia.Universitätsverlag Winter: 2005, Heidelberg. Bd.40, S.120.
5 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.8.
6 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.9.
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„So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und unaufhörlich wirken, und das
Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen mit Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefallenen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesetz, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende.“ 7
Diese Parallelisierung des Naturgesetzes mit dem Sittengesetz zieht sich durch Stifters gesamtes Schaffen; ihr Zusammenspiel repräsentiert die Gesamtheit der Formen gottgewollter Ordnung, welche Stifter unter dem Begriff, das „sanfte Gesetz“ zusammenfasst. 8 Das Funktionieren dieser Ordnung sieht Stifter durch ein Gesetz bedingt, das überall dort erscheint, „wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe…“. 9 Gemeint ist aber nicht nur die zwischenmenschliche Liebe, sondern auch die „Arbeitsamkeit“(ebd.), die schließlich auch zur „Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben“(ebd.) beiträgt. Die Liebe als Träger des göttlichen Willens findet ihren stärksten Wirkungskreis in der Familie, die gleichzeitig Ort der Vermittlung von Sitte - im Sinne Stifters - darstellt. Durch die Struktur der Familie wird der Einzelne „menschlich verallgemeinert“(ebd.), er findet hier seinen Platz in der Reihe seiner Vor-und Nachfahren. Stifters Bevorzugung des Allgemeinen vor dem Einzelnen bezieht sich also auch auf Subjekte, die, ebenso wie Naturereignisse oder historische Geschehen, nur im Kontext des Allgemeinen, Gesetzmäßigen ihren Wert erhalten. Da für Stifter das “sanfte Gesetz“ am besten durch das „Kleine“ repräsentiert wird, besteht für ihn sittliches und somit darstellungswürdiges Verhalten in „Gerechtigkeit Einfachheit Bezwingung seiner selbst Verstandesgemäßheit Wirksamkeit in seinem Kreise Bewunderung des Schönen verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben“. 10 Mit „Bezwingung seiner selbst“ ist hier auch Kontrolle der erotischen Leidenschaften gemeint, die ebenso wie die Naturereignisse nur eine Scheingröße besitzen würden; nur die familiäre oder eheliche Liebe ist sittlich vertretbar und somit gottgewollt. Ein weiteres wichtiges Kriterium für sittliches Verhalten ist die christliche Tugend der „Beharrlichkeit“, die auch als Teil des „heiteren gelassenen Sterbens“(ebd.) zu verstehen ist; nach Wedekind wird bei Stifter „Beharrlichkeit“ zu einem „ethischen Wert in
7 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.12. [Hervorh. v. Verf.]
8 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.10
9 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.11
10 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.10.
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einer naturwissenschaftlichen Weltsicht.“ 11 , die sich nicht nur durch sittliches Verhalten äußert, sondern auch durch Symbolisches, wie dem stoischen Weitergehen der beiden Kinder im Bergkristall. Menschen, die diese sittlichen Kriterien in sich vereinigen, bezeichnet Stifter als „dichterisch“ 12 , worunter er auch das „Kindliche, Unbewusste, Einfache, ja oft Einfältige“ (ebd.) versteht. Vor allem Kinder besitzen diese Eigenschaften, weshalb sie in Stifters Erzählungen häufig nicht nur handelnde Figuren sind, sie besitzen oftmals auch eine Schlüsselrolle im Geschehen; im Bergkristall beispielsweise werden zwei ehemals verfeindete Dörfer durch die gemeinsame Suche nach zwei kleinen Kindern wieder vereint. Das “Dichterische“ beinhaltet aber nicht nur diese charakterlichen Eigenschaften, es ist gleichzeitig Kriterium für Schönheit im Sinne Stifters; so erzählt er im Hochwald von einem „schönen Greis“ mit „glänzendem dichterischen Augenpaare“(ebd.). Das „Dichterische“, wie auch das „sanfte Gesetz“ sind Termini Stifters, die sich in all seinen Werken finden lassen. In diesem Zusammenhang sind sie nur insofern von Bedeutung, als sie Stifters Weltbild in seiner Gesamtheit veranschaulichen. Die Parallelisierung des Naturgesetzes mit dem Sittengesetz steht demnach in derselben Tradition wie die Parallelisierung des Sittlichen mit dem Schönen; bei Beidem gilt es, das „Kleine“ bzw. „Unscheinbare“ oder „Einfache“ als „kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft“ 13 , des Göttlichen, zu bewerten. Ein weiteres wichtiges Prinzip Stifters stellt das Erhaltungsprinzip dar; das Aufgehobensein des Einzelnen zwischen seinen Vor-und Nachfahren, und somit auch die Sittlichkeit beinhalten den Aspekt der Dauer, wodurch sie die gottgewollte Ordnung repräsentieren und deshalb eine zentrale Rolle in Stifters Erzählungen einnehmen. 14 Die göttliche Ordnung wird auch durch die Bedrohlichkeit der Natur demonstriert; wenn sich die Kinder in der Erzählung Bergkristall in einer Eislandschaft verlaufen, wirkt diese bedrohlich und „erhaben“, weil sie die zerstörerische Kraft Gottes und der Natur repräsentiert. 15 Nach Böhler verwendet Stifter
11 Wedekind, Martina: Wiederholen Beharren Auslöschen. Zur Prosa Adalbert Stifters. Hrsgg.: Bohn, Volker/See, Klaus von/Wyss, Ulrich/Zernack, Julia.Universitätsverlag Winter: 2005, Heidelberg. Bd.40, S.128.
12 Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz). S.5.
13 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.12.
14 Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz). S.79.
15 Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz). S.22.
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gerade deshalb solche Bilder, weil der „Abgrund“ in den Dingen gleichzeitig der tragende Urgrund bzw. Seinsgrund der Dinge sei (ebd.).
Zusammenfassend kann man eine der beiden Hauptrichtungen bezüglich der Auslegung von Stifters Werken mit den Worten Michael Böhlers wiedergeben, der sagt, dass:
“das ganze Schaffen Stifters ein Ringen um die Sicherung der zerbrechlichen Schönheitswelt ist, wobei aber der Begriff des Schönen weit über den rein ästhetischen Bereich hinaus gefasst werden muss als gültige Vermittlung des Allgemeinen mit dem Einzelnen; diese Vermittlung geschehe nun überall: in der Natur als Verbindung von Licht und Materie zu den Farben, in der Kunst als Verbindung von Geist und Stoff zum Kunstwerk, immer ist sie ein Zeichen der Vermittlung von Göttlichem und Weltlichem, von Gott und Mensch.“ 16
Wie bereits in der Einleitung angesprochen, gibt es jedoch auch andere Zugänge zu Stifters Werken, die demnach auch zu einer anderen Beurteilung seines Schaffens führen. Folgt man Stifters eigenen Aussagen bezüglich seines Schaffens, lassen sich, wie gezeigt, seine literarischen und persönlichen Prinzipien in all seinen Werken komplex umgesetzt finden. Betrachtet man nun zuerst die Biographie des Autors anstatt seiner Prinzipien, erhält man einen völlig anderen Zugang zu Stifters Werken; man fragt nicht mehr: „Wie hat Stifter seine Prinzipien literarisch umgesetzt?“, sondern: „Warum sind diese Prinzipien entstanden?“ Und: „Befolgte Stifter seine eigenen Prinzipien im Leben?“. Um diese autorbiographische Herangehensweise ausführlich aufzuzeigen, wurde hauptsächlich Leopold Federmairs Stifter-Rezension Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie verwendet.
Der Vorwurf der Bigotterie, den Federmair bereits in seiner Überschrift verlauten lässt, sieht derselbe schon durch Stifters Herkunftsgebiet, Salzkammergut, begründet; er selbst sei dort aufgewachsen und wenn er heute an seine Kindheit zurückdenke, wolle ihm dieses Gebiet, „Westösterreich, dieser erzkatholische Raum, in dessen Mitte das von Stifter gepriesene Salzkammergut liegt, als Reich der Bigotterie erscheinen.“ 17 Stifter sei demnach ein Produkt seiner äußeren Einflüsse, dessen Werke
16 Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz). S.22.
17 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg- Wien. S. 25.
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„ohne Absicht (zeigen), wie die Bigotterie als heimischer Humus über Jahrhunderte hinweg die Charaktere geprägt hat. Darin liegt der Nutzen biedermeierlicher Literatur. Der Nutzen und auch das Spannende, weil in bigotten Charakteren immer eine unaufgelöste Spannung wirkt, so daß sie Gefahr laufen, von der Ebene ihrer hehren
Ideale auf den harten Boden der Wirklichkeit herabzustürzen. […] Die Spannung ist als
innere, psychische Spannung gegeben, sobald die Erzählung ein Geschehn ins Auge faßt. Sie wird schwächer, wenn Stifter seine Figuren mythisiert, indem er sie als Agenten einer historischen oder religiösen Vorsehung auftreten läßt. An Stifter selbst
wie an vielen seiner Figuren können wir sehen, wie die wesentliche Widersprüchlichkeit des bigotten Charakters zur Selbstaufhebung drängt“. 18
Vereinfacht gesagt, ist Stifter nach dieser Sicht ein Repräsentant des Biedermeiers, dessen Figuren voller Ideale und dadurch eben auch voller Widersprüche stecken, die eine Spannung erzeugt, die Stifter dann durch Mythisierung der Figuren aufzuheben versucht. Wie bereits auf Seite drei erwähnt, formulierte Stifter selbst solche christlichen Ideale, die Federmair ihm vorwirft; nur glaubt Federmair in Stifter einen bigotten Charakter vorzufinden, der sich durch (ungewollt) Autobiographisches in seinen Werken, wie auch durch die Diskrepanz der von ihm geforderten Werte und der tatsächlichen Umsetzung in seinem eigenen Leben, selbst als bigott entlarvt. Unter diesem Aspekt kann auch das auf Seite fünf dargelegte Ambivalente der Natur, das Stifter als Demonstration der Herrlichkeit Gottes verstand, nicht nur als eine christliche Sichtweise, sondern, symbolisch, als die emotionale „Spannung“ (s.o.) in Stifter selbst verstanden werden, deren Ausbruch er selbst als ebenso bedrohlich empfunden hätte, würde man sie nur mit seinen Vorstellungen von Sittlichkeit (vgl. S.3) vergleichen. Das am stärksten auffallende Charakteristikum Stifters, seine detaillierten Landschaftsbeschreibungen, die meist das Bild einer utopischen Idylle vermitteln, sind nach diesem Ansatz ebenso als Zeichen für Bigotterie zu deuten, da sie eine „Harmoniesehnsucht“ 19 widerspiegeln, die „übertrieben und sogar krankhaft“ wirke. Hauptsächlich gründet sich Federmairs Verdacht der Bigotterie auf der Diskrepanz der von Stifter geforderten Prinzipien (vgl.oben) im Vergleich mit den Tatsachen in dessen Biographie. Stifters christliche
18 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 26. [Hervorh. v. Verf.]
19 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg- Wien. S. 19. [Hervorh. v. Verf.]
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Philosophie fordert, seiner katholischen Herkunft entsprechend, eine „Bezwingung seiner selbst“, die, wie bereits auf Seite drei ausgeführt, vor allem die erotische Leidenschaft betrifft. Moralität und Sitte sind bei Stifter also eng an eine Disziplin gebunden, an die er sich im eigenen Leben nicht hielt; nach Federmair bestand am Anfang von Stifters Ehe mit Amalie eine Affäre mit Fanny Greipl, die schließlich durch letztere unterbunden wurde. 20 Dieser Widerspruch soll nach Federmair ein Aspekt sein, der zu der inneren „Spannung“(s.o.) Stifters geführt hat, die dieser dann wiederum durch die Stilisierung der Ehe und des Familienlebens zu kompensieren versuchte. 21 Überhaupt soll es laut Federmair eine Eigenart Stifters sein, Defizite in seinem Privatleben literarisch auszugleichen, was er vor allem an Stifters Einstellung zu Kindern und deren Status in seinen Werken festmacht: Wie bereits auf Seite vier erwähnt, repräsentieren Kinder für Stifter alle guten charakterlichen Eigenschaften, die er selbst als das „Dichterische“ 22 bezeichnet; hieraus resultiert auch ihre Schlüsselrolle im Geschehen mancher Werke, wo sie meist mehr oder weniger als Vermittler auftreten (vgl. S.4). Ihre besondere Bedeutung für Stifter wird erst durch die Bedeutung deutlich, die er der Institution Familie zuschreibt; sie ist der Träger des göttlichen Willens und somit gleichzeitig Ort der Vermittlung von Sitte, durch die der Einzelne menschlich verallgemeinert wird, d. h., er besitzt einen festen Platz zwischen seinen Vor-und Nachfahren (vgl. S.3). Das Aufgehobensein in der Familie bzw. die eigene Reproduktion sind demnach wesentliche Aspekte des menschlichen Daseins für Stifter. Eine gewisse Tragik erhält dieser Umstand dadurch, dass es Stifter im Laufe seines Lebens nicht vergönnt war, dieses für ihn so wichtige Ziel selbst zu erreichen; die Eheleute Stifter hatten zwar zwei Adoptivtöchter, aber keine eigenen Kinder. 23
Folgt man nun Federmairs Argumentation, die besagt, dass Stifters Werke als therapeutisches Schreiben eines durch die Bigotterie des Biedermeiers zerworfenen Charakters voller Spannungen zu verstehen sind, lassen sich auch durchaus weitere literarische Belege mit Stifters Biographie in Beziehung bringen: Das Verhältnis zwischen Stifter und seinen Adoptivtöchtern scheint nicht sehr emotional gewesen zu sein; nach Federmair soll Stifter
20 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 24.
21 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 48.
22 Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz). S.5.
23 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg- Wien. S. 36-37.
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beide nie wie seine eigenen Kinder, sondern wie Hausangestellte behandelt haben. 24 Im Vergleich mit den von Stifter proklamierten Tugenden und Prinzipien, die er auch literarisch umsetzt, wirkt dies widersprüchlich. Während Stifter die Adoption von Kindern in seinen Werken Turmalin und Katzensilber als Alternative proklamiert, ist Stifters Versuch im eigenen Leben so sehr gescheitert, dass sich seine Tochter Juliane aufgrund des schlechten Verhältnisses 1859 das Leben nimmt (ebd.). Laut Federmair verarbeitet Stifter in seinen Werken nicht nur unerfüllte Hoffnungen wie seinen Kinderwunsch, sondern auch Geschehnisse, die seinen Tugenden gänzlich widersprechen, in die er aber aus verschiedenen Gründen involviert war - wie sein eigenes Unvermögen, seine Adoptivkinder wie leibliche Kinde zu behandeln, seine Affäre mit Fanny Greipl und die Geburt eines unehelichen Kindes. 25
Die Erzählung Turmalin (1852) weist laut Federmair ebenfalls biographische Parallelen auf: Genau zu der Enstehungszeit des Werkes mietet sich Stifter mit seiner Ehefrau und deren Schwester eine Wohnung in Wien, wo sie auch einige Zeit gemeinsam wohnen. Es gibt nach Federmair Grund zu der Annahme, dass entweder Amaliens Schwester ein uneheliches Kind bekam, was man vertuschen wollte, weil es zudem wahrscheinlich kurze Zeit später an einem Wasserkopf starb. Oder aber Amalien selbst war der Grund, die womöglich das Kind abtreiben ließ, weil Stifter und sie zu diesem Zeitpunkt noch kein Kind wollten oder nicht haben durften, da sie noch nicht verheiratet waren 26 . Laut Federmair gibt es eine anonyme Todesanzeige, die genau in diesem Zeitraum veröffentlicht wurde, worin die Öffentlichkeit dazu aufgefordert wird, sich im Falle einer Verwandtschaft mit diesem (weiblichen) Kind wegen der Begräbniskosten zu melden. Stifter selbst soll zu dieser Zeit wenig Einkommen bezogen haben, was für Federmair auch erklären würde, weshalb er die Begräbniskosten des Kindes nicht übernehmen konnte. Zur selben Zeit war auch Stifters Adoptivtochter Juliane zum wiederholten Male von zu Hause weggelaufen.
Auffällige Parallelen lassen sich nach Federmair durch die Themengebiete: Geburt, Wasserkopf, Verschwinden einer Person und Begräbnis nachweisen. Im Turmalin gibt es ebenfalls ein Paar, das ein Mädchen mit einem Wasserkopf bekommt, eine Frau verschwindet
- wobei es sich hier um die Mutter des Kindes handelt - und auch ein Begräbnis findet statt,
24 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 37, 41.
25 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 38
26 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg- Wien. S. 39.
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bei dem allerdings der Vater des Kindes beerdigt wird, für den jedoch die Kosten übernommen werden können. 27 Federmairs These, dass Stifter in seinen Werken Spannungen verarbeitet hat, die dadurch entstanden, dass er gegen seine selbst auferlegten Tugenden verstieß und bestimmte Wünsche unerfüllt blieben, treten hier durch die Themen Abtreibung, Geburt und Schuld zutage; laut Federmair sei Amalie durch die damalige Abtreibung eventuell unfruchtbar geworden, die Kinderlosigkeit des Paares also selbstverschuldet gewesen, was bei einer religiösen Person wie Stifter zu lebenslangen Selbstvorwürfen geführt habe, die er literarisch durch Stilisierung der Familie zu kompensieren versucht hätte (ebd.). Gerade die beiden Ehepaare in Turmalin würden diese tiefe Spaltung Stifters verkörpern, da sie als Gegensatzpaar auftreten: Das eine Paar steht für die ungezügelten Leidenschaften, die Stifter so vehement bekämpft, weil ihre Ehe durch eine Affäre der Frau zerbricht, die dann zur Katastrophe für alle Beteiligten führt. Das andere Paar steht für die stifterschen Ziele und Tugenden, die er in seinem Leben nicht zu seiner Zufriedenheit umsetzen konnte; erstens haben sie (gesunde) Kinder, d.h. sie haben ihren Platz in der gottgewollten Ordnung 28 eingenommen. Auch sonst verhalten sie sich sehr „dichterisch“ 29 , weil sie das fremde Mädchen - zumindest vorübergehend - annehmen, was Stifter, trotz all seiner Tugenden (laut Federmair) weder mit seinem leiblichen noch mit den adoptierten Kindern gelang. 30 Selbst wenn alle Vermutungen bezüglich einer Abtreibung falsch wären, so scheint es doch, als ob Federmair zumindest mit der Behauptung, Stifter habe emotionale Spannungen, die durch seine überhöhten Anforderungen an sich selbst enstanden wären, literarisch verarbeitet. Diese Vermutung erhärtet sich nämlich schon, wenn man die reinen Fakten von Stifters Leben betrachtet; Stifters Tugenden, die das gottgewollte „sanfte Gesetz“ repräsentieren, hielt er selbst in der Formel: „Gerechtigkeit Einfachheit Bezwingung seiner selbst Verstandesgemäßheit Wirksamkeit in seinem Kreise Bewunderung des Schönen verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben“. 31 fest. Schon Stifters äußeres Erscheinungsbild scheint dem Grundsatz der „Bezwingung seiner selbst“ zu widersprechen, laut Kurt Palm geht aus
27 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 38-41.
28 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.11.
29 Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz). S.5.
30 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien. S. 41.
31 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.10.
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„Stifters Tagebüchern und Briefen […] hervor, dass der Poet eine Neigung zum Exzessiven gehabt hat, vor allem was seine maßlosen Ess- und Trinkgewohnheiten anbelangt.“ 32 Aus diesem Umstand schließt Palm, ebenso wie Federmair, eine gewisse Bigotterie, die sich dadurch zeigt, dass „Während seine literarischen Figuren asketisch leben, wenig essen und trinken, ist Stifter von einem Leben, geprägt durch Mäßigung und Verzicht, weit entfernt. Er verzehrt Unmengen an Fisch, Fleischspeisen und Süßigkeiten. Er trinkt auch nicht wenig. Allein sein Jahresbedarf an Wein beläuft sich auf 600 Liter und sein Bierverbrauch dürfte nicht gering gewesen sein. Es ist dem Schriftsteller nicht gelungen, das beschauliche, karge Leben, das seine literarischen Figuren führen, in die eigene Lebenspraxis umzusetzen.“(ebd.).
Für Federmairs Auslegung spricht auch die Tatsache, dass Stifter von einem „heiteren gelassenen Sterben“ 33 als einem Aspekt von sittlichem Verhalten spricht, das er wiederum im eigenen Leben nicht umsetzte; aus Briefen und Schriftstücken geht hervor, dass Stifter gegen Ende seines Lebens eine große Angst vor dem Tod entwickelte. 34 Die Tatsache, dass Stifter das „sanfte Gesetz“ proklamierte, welches ein Ur-Vertrauen in die gottgewollte Ordnung (s.o.) vorraussetzt, wird durch seine Todesangst unglaubwürdig; seine Philosophie scheint dadurch nur so lange von ihm vertretbar gewesen zu sein, wie er seine strengen Prinzipien nicht beweisen musste -sobald sich die Ernsthaftigkeit seiner Überzeugung aber einer Prüfung unterziehen sollte, zeigte sich durch sein Verhalten, dass er sich seines Glaubens (oder seiner Tugend) wohl doch nicht so sicher war, denn ein christlicher und tugendhafter Mensch hätte nach dem Tod bekanntlich nichts mehr zu fürchten - außer dem Himmel.
32 http://www.gymbraunau.at/2005-2006/Palm/KurtPalm.php.
33 Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen. S.10.
34 Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg- Wien. S. 44 - 45.
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Literaturangaben:
• Böhler, Michael Johannes: Das Wesen des Schönen bei Adalbert Stifter. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Herbert Lang Verlag & CIE AG, 1967. Bern (Schweiz).
• Federmair, Leopold: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Otto Müller Verlag, 2005. Salzburg-Wien.
• Scheffel, Michael: Stifter-Studien im Wandel der Zeit. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Akt und Kritik.
Richard Boorberg Verlag: 2003, München. Heft 160, S. 93. [Zeitschrift für Literatur.]
• Stifter, Adalbert: Bunte Steine.[1853]. Hrsg.: Bachmaier, Helmut Reclam: 2003, Ditzingen.
• Wedekind, Martina: Wiederholen Beharren Auslöschen. Zur Prosa Adalbert Stifters. Universitätsverlag Winter, 2005. Heidelberg. [Frankfurter Beiträge zur Germanistik, Bd. 40.].
• http://www.rasscass.com/templ/te_bio.php?PID=553&RID=1
Arbeit zitieren:
Helen Ackel, 2006, Stifters Werke, München, GRIN Verlag GmbH
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