Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1-2
2. Begriffsklärung 2-3
3. Zeitgenössisches Verständnis von „edel(keit)“ in verschiedenen
Tugendkonzeptionen S. 2-4
3.1 Die edelen herzen 4-6
3.2 „Höfische Liebe“ 6-7
3.3 Figuren des Tristan 7-10
4. Folgerung zur „edel-Konzeption“ bei Gottfried 10-11
II
1. Einleitung
Um eine umfassende Darstellung der Bedeutung des Begriffs „edel“ im Tristan zu gewährleisten, ist es zuallererst notwendig die Besonderheiten mittelalterlicher Literatur aufzuzeigen: Der höfische Dichter arbeitete im Auftrag eines wohlhabenden Herren, wodurch die Literaturproduktion wesentlich durch Abhängigkeits-und Auftragsverhältnisse beinflusst worden ist, was man daran erkennt, dass die Thematik der Werke auch meist sehr eingeschränkt war, da sie meist nur die (Familien)Geschichte des Auftraggebers behandeln sollte. Ein weiterer Aspekt, der die Literaturproduktion entschieden beeinflusst hat, war das (Lese-)Publikum des Auftragswerkes: Es setzte sich ausschließlich aus der adligen Hofgesellschaft zusammen, deren Normen und Wünsche der Dichter ebenfalls berücksichtigen musste, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. 1 Auch in Gottfrieds Tristan lässt sich eine Andeutung über einen Gönner finden, da „die Anfangsbuchstaben jedes fünften Verses des „Tristan“-Prologs …den Namen DIETERICH [ergeben]“. Inwieweit dieser jedoch Einfluss auf Gottfrieds Schreiben genommen hat, ist - wie üblich bei mittelalterlicher Literatur - nur zu erahnen. 2
Für die folgende Untersuchung ergibt sich hieraus, dass die Autorintention noch schwieriger zu belegen ist, als vergleichsweise bei moderner Literatur, weshalb hier verschiedene Interpretationsmöglichkeiten aufgezeigt werden sollen. Eine weitere Besonderheit mittelalterlicher Literatur stellt die Unüberprüfbarkeit der damaligen Verhältnisse dar; die klerikalen Autoren mussten von der Kirche aus die Untugenden bei Hofe kritisieren, die höfischen Dichter hingegen hatten den Auftrag eine „Märchenwelt“ für das adlige Publikum zu erschaffen, in dem „der höfische Ritter und die höfischen Damen …gesellschaftliche Leitbilder wurden“. 3 Diese Stilisierung gilt ebenso für das gesamte höfische Gesellschaftsleben, da hier „viele reale Einzelheiten…in einen verklärten Zusammenhang gebracht waren, den man aber als schmeichelhaft empfand und zu dem man sich gerne bekannte, weil er als Rechtfertigung und Verherrlichung der eigenen gesellschaftlichen Ansprüche und Bestrebungen empfunden wurde.“(ebd.).
Die Quellen über das Mittelalter sind somit, was ihre Aussagekraft über die damalige Wirklichkeit betrifft, immer im Kontext ihrer Auftraggeber, bzw. ihres Publikums zu sehen,
1 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 9. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 1999. S. 596.
2 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 726.
3 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 381.
1
was auf die Untersuchung der Bedeutung des Wortes „edel“ bezogen bedeutet, dass es also einerseits notwendig ist, die typisch mittelalterliche Idealisierungstendenz mit der Gottfriedschen Hofbeschreibung zu vergleichen, und andererseits, Gottfrieds Tugendkonzeption mit der klerikalen Literatur zu vergleichen, um durch Abweichungen, bzw. Übereinstimmungen zu einer stimmigen Interpretation zu gelangen. Zu diesem Ziel wird in der vorliegenden Arbeit zuerst die allgemeine Bedeutung des Wortes geklärt, um im Anschluss daran die Bedeutungsunterschiede von „edel“ in klerikaler und höfischer Literatur aufzuzeigen, um seine besondere Funktion in Gottfrieds Tugendkonzeption der edelen herzen anhand der Figuren des Tristan aufzuzeigen. 4
2. Begriffsklärung
Laut Grimms etymologischem Wörterbuch bedeutet „edel“(ahd. edili, mhd. Edele): „ist edelgeboren, von adel […] es stimmt auch zu adelich, adlich, nur dasz dieses auf den stand eingeschränkt bleibt, nicht die hernach verhandelte allgemeinere bedeutung annimmt; der adliche ist zwar edel, nicht aber der adle immer ein adlicher. ein edeler“. 5 Das Attribut „edel“ wurde demnach häufig für adlig Geborene verwendet, es stand aber auch für eine standesunabhängige, charakterliche Gesinnung, was die zweite Definition aus Grimms Wörterbuch noch stärker verdeutlich: „noch richtiger aber trennen wir von bloszen vorzügen des standes die des innern menschen und stellen dem vornehmen sogar das edle in diesem sinn entgegen, ein vornehmer mann ist darum kein edler; dem vornehmen ist eine äuszere form eingeprägt, die ein edler mensch nicht kennt.“(ebd.).
3. Zeitgenössisches Verständnis von „edel(keit)“ in verschiedenen
Tugendkonzeptionen.
Nach dieser Definition ist eine „edele“ Gesinnung nicht vom Stand der Person abhängig, sie ist also von der Tugend, dem „innern“(ebd.) des Einzelnen abhängig. Dies ist ein weiteres Indiz für die Standesunabhängigkeit vom „edel“-Sein und ihrer Abhängigkeit von der
4 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.558.
5 Grimm, Jacob und Wilhelm: Das Deutsche Wörterbuch. Online-Version der Universität Trier. http://germazope.uni-trier.de/Projects/DWB (28.11.06). [Hervorh. v. Verf.].
2
Tugendhaftigkeit des Einzelnen. Wie diese jedoch genau konzipiert sein soll bleibt im Dunkeln, da dies, gerade im Mittelalter, sehr darauf ankommt, ob man einen weltlichen, oder christlich-religösen Standpunkt vertritt. Das als „edel“ geltende Verhalten bei Hofe, kann dem Begriff des „höfischen“ gleichgesetzt werden, das sich aus weltlichen und religiösen Tugenden zusammensetzt; was als „höfisch“ galt, ist von verschiedenen Autoren überliefert worden, eine einheitliche Konzeption gibt es aber nicht, da es „eine Systematik der höfischen Morallehre nie gegeben hat“ 6 , was sich wieder durch die Diskrepanz zwischen der idealisierten Welt der Literatur und der damaligen Wirklichkeit erklären lässt (vgl. 1.). Die „höfischen“ Tugenden, waren eine „Verbindung von (religiösen) Tugendforderungen mit Vorschriften des gesellschaftlichen Verhaltens“, 7 wodurch sich eine „scheinbar ganz unproblematische Verbindung dieser weltlichen Werte mit den Tugendbegriffen des traditionellen Herrscherideals und der religiösen Kreuzzugsethik“ ergab. 8 Schon in der römischen Moralphilosopie lässt sich dieses Denken finden, „Cicero hatte Schönheit, Vornehmheit, Stärke, Macht, Ansehen usw. unter den Begriff des Nützlichen…gestellt und hatte sie in Glücksgüter…und körperliche Güter…geteilt.“ 9 Die christlichen Tugendforderungen beinhalteten vor allem religiöse Gebote, die dem Tugendbegriff des „Höfischen“ entgegenstanden; Schönheit und Reichtum waren hier eher als verwerflich einzustufen und Vornehmheit weniger als Tugend, sondern eher als repräsentative Gesten, durch die „höfische Gesinnung und adliges Selbstbewusstsein zum Ausdruck kamen“ 10 , wie „der aufrechten Gang, der stolze Blick und die feine Haltung der Hände“(ebd.).
Während also die höfische Literatur eine idealisierte Einheit von christlicher und adliger Tugendkonzeption beschrieb, findet man in der klerikalen Literatur eine andere Beschreibung von der Realität am Hofe: „Aufrichtigkeit, Sittsamkeit und Wahrheit, Demut, Schamhaftigkeit und Arglosigkeit, Sittenreinheit und Mäßigung sind vom Hof vertrieben worden“ 11 stattdessen sei es so, dass „ niemand…an Gott, an das Seelenheil und an den Tod [denkt].“(ebd.). Der höfische Dichter hingegen war wegen seiner Abhängigkeit vom (meist adligen) Gönner,
6 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.416.
7 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.425.
8 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.419.
9 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.420.
10 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.21.
11 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S.588.
3
genötigt, kritische Tendenzen geschickter einfließen zu lassen. Im Folgenden soll anhand von Gottfrieds Konzeption der edlen herzen verdeutlicht werden, warum er das Attribut „edel“ auf bestimmte höfische, bzw. christliche Verhaltensweisen bei den Figuren des Tristan anwendet und ob die daraus entstehende Tugendkonzeption mit einer der beiden vorgestellten zeitgenössischen Konzepte vereinbar ist.
3.1 Die edelen herzen
Die Liebesgeschichte des Tristan-Romans widmet Gottfried dem anonymen Publikum der edelen herzen 12 , wobei der Begriff „herz“ laut Grimms Wörterbuch mehrdeutig ist: „so steht herz nicht nur als sitz des gefühls, sondern für gefühl, empfindung selbst“ 13 . Laut Friedrich Vogt hat der Begriff „edel“ einen Bedeutungswandel erfahren: Ürsprunglich wurde er für eine „adlige Geburt“ verwendet, in Kombination mit herze bedeute es aber „fein abgestufte ästhetische Empfindsamkeit“. 14 Die edelen herzen besitzen demnach also eine besondere Gesinnung, die sich laut Gottfried wie folgt auszeichnet:
und edelen herzen z'einer hage,
den herzen, den ich herze trage, der werlde, in die mîn herze siht. 50
ine meine ir aller werlde niht als die, von der ich hoere sagen, diu keine swaere enmüge getragen und niwan in vröuden welle sweben. die lâze ouch got mit vröuden leben! 55
Der werlde und diseme lebene enkumt mîn rede niht ebene. ir leben und mînez zweient sich. ein ander werlt die meine ich, diu samet in eime herzen treit 60
12 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 10. Auflage. Stuttgart: Reclam Verlag 2003. Bd. 1, 46.
13 Grimm, Jacob und Wilhelm: Das Deutsche Wörterbuch. Online-Version der Universität Trier. http://germazope.uni-trier.de/Projects/DWB (28.11.06).
14 Speckenbach, Klaus: Studien zum Begriff „edelez herze“ im Tristan G. von Straßburg. Hg. V. Friedrich Ohly, Kurt Ruh, und Werner Schröder. Medium Aevum. Philologische Studien, Bd. 6, München: Eidos-Verlag 1965. S.7
4
ir süeze sûr, ir liebez leit, ir herzeliep, ir senede nôt, ir liebez leben, ir leiden tôt, ir lieben tôt, ir leidez leben.
dem lebene sî mîn leben ergeben 15
Sie sind demnach für Gottfried die Verkörperung eines tugendhaften Lebens, das durch sich seine besondere „Beziehungen zu Freude und Leid, zu verschiedenen sittlichen, ästhetischen und religiösen Werten“ 16 . Die Liebe ist hier der zentrale Aspekt; nur durch sie kann der „nicht gewöhnliche Mensch“(s.o.) wirkliches Glück erfahren, da er nur durch sie die konträren Zustände des Seins völlig kennenlernt: süeze sûr/liebez leit, herzeliep/senede nôt, liebez leben/leiden tôt, lieben tôt/leidez leben (ebd). Die reiner sene und der inneclîche minnen muot können daher auch nur die edelen senedaeren, bzw. die edelen herzen wenn sie senegluot, leit und übel erfahren haben. 17 Als Beispiel für solche edelen herzen führt Gottfried das Liebespaar Tristan und Isolde ein: 110
daz herze stêt doch ie dar zuo. der inneclîche minnen muot, sô der in sîner senegluot ie mêre und mêre brinnet, sô er ie sêrer minnet. 115
diz leit ist liebes alse vol, daz übel daz tuot sô herzewol, daz es kein edele herze enbirt, sît ez hie von geherzet wirt. ich weiz es wârez alse den tôt 120
und erkenne ez bî der selben nôt: der edele senedaere der minnet senediu maere. von diu swer seneder maere ger, der envar niht verrer danne her. 125 ich wil in wol bemaeren von edelen senedaeren, die wol tâten schîn: ein senedaere unde ein senedaerîn, ein man ein wîp, ein wîp ein man, 130
Tristan Isolt, Isolt Tristan (ebd.).
15 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 47-64. [Hervorh. v. Verf.].
16 Speckenbach, Klaus: Studien zum Begriff „edelez herze“ im Tristan G. von Straßburg. S.17.
17 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 110-130. [Hervorh. v. Verf.].
5
Erst durch die besondere Situation in der sich die beiden Hauptfiguren des Romans befinden, kann dem Leser die besondere Bedeutungsfunktion des Wortes „edel“ in diesem Kontext verdeutlicht werden, was ausführlich im nächsten Kapitel dieser Arbeit besprochen wird.
3.2 „Höfische Liebe“
Wie bereits im dritten Kapitel angesprochen, bestanden die höfischen Tugenden - zumindest in der Literatur - aus einer Kombination von höfischen und christlichen Verhaltensregeln. Die christlichen, in klerikaler Literatur geforderten Tugenden setzten sich aus: „Aufrichtigkeit, Sittsamkeit und Wahrheit, Demut, Schamhaftigkeit und Arglosigkeit, Sittenreinheit und Mäßigung“ zusammen. Aus all diesen Tugenden resultiert natürlich auch die Forderung nach Treue innerhalb einer vor Gott geschlossenen Ehe, da sie als „remedium concupiscentia“ , also als „Heilmittel gegen Begehrlichkeit“ verstanden wurde, wobei „die Zeugung von Kindern…ein hohes Gut blieb“(ebd.).
Im Gegensatz zur feudalen Praxis des Ehebruchs (des Mannes), finden wir in der christlichen Tugendlehre, die klare Forderung nach Monogamie beider Ehepartner. 18 Auch hier finden wir wieder die bereits beschriebene Diskrepanz zwischen religiöser Tugendethik, feudaler Ehepraxis und literarischer Idealisierung.
Für den Laienadel war die Ehe „primär eine politische Institution, ein Instrument der dynastischen Politik“ 19 . Meist arrangierten die Eltern des Paares die Eheschließungen, eine freie Gattenwahl war nicht möglich. Das Hauptziel dieser Verbindungen war „die Fortsetzung des eigenen Hauses, also die Erzeugung legitimer Erben, vor allem legitimer Söhne."(ebd). Daher auch die geschlechtsabhängige Verurteilung außerehelicher Verhältnisse von verheirateten Frauen, während Ehemänner sich nebenbei ganz legitim mehrere Konkubinen halten konnten, wodurch „an manchen Höfen eine große Zahl von Bastarden aufwuchs.“ 20 Die Gemeinsamkeiten zwischen der christlichen Ehelehre und dem feudalen Ehemodell bestehen in der Fortpflanzung als ihrem Hauptzweck und ihrer Einigkeit darüber, dass die Liebe nicht das Fundament der Ehe bilde.
Der Adlige hatte also nach außen hin die christlichen Lehren zu befolgen, die er aufgrund des ihn umgebenden feudalen Systems aber nur teilweise umsetzen konnte. Eine Folge daraus war
18 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 541.
19 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 534.
20 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 538.
6
wiederum die Flucht in eine bessere Welt, in der „die Liebe…als Kennwort für eine neue, bessere Gesellschaft,…die es nicht gab un die es in Wirklichkeit nicht geben konnte, die nur im poetischen Entwurf der Dichter existierte.“ 21
Diese Liebe wurde als höfische Liebe bezeichnet, für die eigene Gesetze galten (ebd.). Die scholastischen Tugenden galten auch hier, sie wurden jedoch nicht auf die Gatten, sondern auf die Geliebten angewendet, so dass die Einhaltung der „Treue“ hier auf den Geliebten bezogen war und somit „manchmal Untreue gegenüber dem Ehepartner…bedeutete.“ (ebd.). In der mittelalterlichen Literatur finden sich viele Beispiele dafür, dass in der adligen Gesellschaft, die These von der „Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe“ 22 vorherrschend war, aus der die Konzeption der höfischen Liebe entwuchs. Inwiefern diese Quellen jedoch einen Wirklichkeitsanspruch besitzen, lässt sich daraus aber nicht schließen. Für die Interpretation der Verwendung des Wortes „edel“ in Gottfrieds Tristan, muss demnach einerseits entschieden werden, ob sie eher zur christlichen, oder zur feudalen Tugendkonzeption des „edel“-Seins passt und wenn, ob sie dadurch bekräftigt, oder kritisiert werden soll.
3.3 Figuren des Tristan
Für die Untersuchung der Figuren wird die Kenntnis der Handlung des Romans vorausgesetzt, da hier nur die Personen des Romans erwähnt werden, die für die Veranschaulichung des Begriffs „edel“ notwendig sind.
Wie bereits erwähnt, scheinen alle Figuren des Tristan nach christlicher oder höfischer Sittenlehre „edel“, bzw. „tugendhaft“ zu sein. Für eine vollständige Interpretation sollen hier jedoch die Figuren daraufhin untersucht werden, ob sie in ihrer Ganzheit als tugendhaft zu werten sind und was aufgrund dessen über Gottfrieds Verständnis des „edel“-Seins ausgesagt werden kann.
Die ersten eingeführten Personen des Tristan sind Riwalin und Blanschflur, die Eltern Tristans. Ihre Beschreibung beinhaltet vor allem - wie später bei Tristan und Isolde -Attribute der Schönheit bezüglich ihrer äußeren Erscheinung. Blanscheflur wird als
21 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 528.
22 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 530.
7
„maget, daz dâ noch anderswâ / schoener wîp nie wart gesehen“ 23 beschrieben. Auch die weitere Beschreibungen lassen sie als Repräsentantin des höfischen Tugenbegriffs erscheinen, doch verliert sie im Verlauf der Handlung ihre Jungfäulichkeit an Riwalin, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht ihr Ehemann ist. Hinzu kommt, dass beide später ohne das Einverständnis von Blanscheflurs Verwandten heiraten, was in der feudalen Gesellschaft als Verstoß gegen die Norm gilt.
Riwalin wird ebenfalls mit Attributen der Schönheit und „Höfischheit“ überhäuft; Gottfried lässt ihn von anderen adligen Figuren beschreiben:
der ist ein saeliger man:
wie saeleclîche stêt im an allez daz, daz er begât! wie gâr sîn lîp ze wunsche stât! wie gânt im sô gelîche in ein
diu sîniu keiserlîchen bein!
wie rehte sîn schilt z'aller zît an sîner stat gelîmet lît! wie zimet der schaft in sîner hant! wie wol stât allez sîn gewant!
wie stât sîn houbet und sîn hâr!
wie süeze ist aller sîn gebâr!
wie saeleclîche stât sîn lîp! 24
Neben Attributen der Schönheit finden sich hier auch wieder die geschlechtsspezifisch „höfischen“ Tugenden des Ritterlichen, wie des Prunks (vgl. 3.). Seine Tugendhaftigkeit im höfischen Sinne erfährt jedoch eine Einschränkung: Riwalin wird als „kint“ beschrieben, bei dem „übermuote in sînem herzen bluote“ 25 , was zu einem höfisch untugendhaften Verhalten führt:
„vertragen, daz doch vil manic man / in michelem gewalte kann / dar an gedâhte er selten.“ 26 Als besonders „edel“ erscheint Marke, der Bruder Blanschflurs, der seine Funktion als König so gut ausüben würde, dass „kein künec sô werder was als er“. 27 Im Verlauf der Handlung zeichnen sich aber weitere, weniger tugendhafte Charaktereigenschaften Markes ab; er stellt dem Liebespaar Tristan und Isolde Fallen, um sie der Untreue zu überführen und unternimmt
23 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 634-635.
24 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 705-717.
25 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 300.
26 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 269-271.
27 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 453.
8
nichts gegen die Intrigen am eigenen Hofe, denen sein Neffe aufgrund seiner heroischen Verdienste ausgesetzt ist. 28 Rual li Foitenant hatte Riwalin als Marschall gediehnt, nach dem Tod des Elternpaares zieht er Tristan gemeinsam mit seiner Frau Floraete wie seinen eigenen Sohn auf und lässt ihm eine höfische Erziehung zukommen. Dieses Verhalten Ruals passt zur höfischen und christlichen Tugend der „Treue“ 29 , sie wird ebenfalls als „diu meiste triuwe“ gewertet, die „aller triuwe ein crône“ sei. 30 Auch untereinander gilt die Treue für dieses Ehepaar, weil „die beide ein triuwe unde ein lîp / got unde der werldewâren / des sî guot bilde bâren“. 31 Rual und seine Frau werden zwar ebenso wie andere Figuren des Romans als „edel“ 32 bezeichnet, in ihrem Fall scheint aber keine weitere Differenzierung nötig; für sie gilt das Prädikat aus höfischer Sicht ebenso wie aus christlicher. Zwischen dem Liebespaar Riwalin und Blanschflur lassen sich Parallelen zu Tristan und Isolde finden. Zwar sind erstere zum Zeitpunkt ihres Todes - ohne das Einverständnis ihrer Verwandten (s.o.) - verheiratet, die Zeugung Tristans findet jedoch zu einem früheren Zeitpunkt statt. Tristan und Isolde werden zwar anderer Vergehen aus Liebe schuldig, aber auch bei ihnen sind diese durch den damaligen gesellschaftlichen Rahmen herbeigeführt. Sie können ihre Liebe nur durch das gleichzeitige Vergehen des Ehebruchs an König Marke ausleben. Dass sie dennoch nach Gottfried nicht zu verurteilen sind, lässt sich seiner Beschreibung der Figuren und seiner Konzeption der edelen herzen entnehmen, da beide Liebespaare die „echte“ Liebe verkörpern; entgegen aller Widerstände sind sich die beiden Paare im höfischen Sinne „treu“ (s.o.), ihre Liebe kann daher nur mit Leid einhergehen (vgl.3.1.).
Auch äußerlich lassen sich Parallelen finden; Tristan und Isolde gelten ebenso nach allen Kriterien als „höfisch“ und „edel“. Über Tristans Erscheinung wird gesagt, dass „was er an dem lîbe / daz jungelinc von wîbe / nie saeleclîcher wart geborn. 33 Außerdem ist er nicht nur nach allen Regeln der ritterlichen Lehre erzogen, sondern hat eine für die damalige Zeit herausragende schulische und musische Bildung erhalten (ebd.). Was in diesem Zusammenhang noch auffällig ist, ist die Beschreibung von Isoldes Mutter, der Königin; auch ihr wird eine Bildung und Weisheit zugeschrieben, die zudem ungewöhnlich positiv für das
28 Vgl.: Straßburg, Gottfried von: Tristan. 13673-14234.
29 Vgl.: 3., 3.2.
30 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 1794-1798.
31 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 1802-1803.
32 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 2178.
33 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 2122-2125.
9
damalige Frauen-Bild ist, sie wird als „diu sinnerîche künigîn“ 34 bezeichnet. Prinzessin Isolde besitzt auch eine gute Bildung, es finden sich aber auch gerade im Bezug auf ihre Äußeres ganze Passagen, die sich der Beschreibung ihrer Schönheit widmen: „diu süeze Îsôt, diu reine“. 35
Da Tristan und Isolde als Verkörperung der edele herzen- Konzeption zu verstehen sind, werden ihre Gegenspieler, Marjodo und Melot, als nicht edel, bzw. als „zwêne eiterslangen“ 36 bezeichnet; sie können als Vertreter der feudalen Gesellschaft verstanden werden, die dem Konzept der „höfischen“ Liebe entgegen steht (vgl.3.2).
Als Verfechterin der edelen herzen und somit auch der „höfischen“ Liebe ist Brangäne zu sehen; sie steht den Liebenden immer mit Rat und Tat zur Seite, auch wenn sie selbst dabei leiden muss, weshalb sie auch als „getriuwe unde staete“ 37 beschrieben wird. Es hat sich also bisher gezeigt, dass alle Hauptfiguren des Tristan je nach Perspektive des Lesers, als „edel“ verstanden werden können.
4.0 Folgerung zur „edel-Konzeption“ bei Gottfried
Laut Joachim Bumke gilt Gottfrieds Tristan als „Höhepunkt poetischer Hofkritik in Deutschland“; der „moralisch verkommenen Hofwelt hat Gottfried […] ein Reich der Liebe gegenübergestellt, in dem es keine Intrigen und keine Falschheit gab“. 38 Als Sinnbild hierfür gilt demnach das „eiserne Tor, das[…] den Eingang zur Minnegrotte verschloß“ 39 , so dass „valsch unde gewalte vor bespart“ 40 waren.
Das Bestehen der Feuerprobe Isoldes kann in diesem Rahmen ebenfalls als Legitimierung der „höfischen Liebe“ in Form des Gottesurteils verstanden werden, was wiederum eine klare Absage an die christliche Tugendlehre darstellen würde.
Zusammengefasst scheint Gottfrieds Konzeption der edelen herzen bisher ergeben zu haben, dass alle Figuren, die ihr entsprechen, als „edel“, bzw. als tugendhaft im Sinne der „höfischen Liebe“ zu sehen sind. Untersucht man aber ausschließlich die Figuren, die dieser Systematik
34 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 7299.
35 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 8054.
36 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 15088.
37 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 12937.
38 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 593.
39 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. S. 529.
40 Straßburg, Gottfried von: Tristan. 17034.
10
entsprechen nach weiteren Aspekten, so fällt auf, dass diese ebenso charakterliche Schwächen aufweisen, wie die Vertreter der feudalen und der christlichen Gesinnung. So erscheint in Kapitel 24, „Rotte und Harfe“eine wenig „treue“ 41 Isolde; aus Angst vor der Entdeckung ihres Liebesverhältnisses mit Tristan, will sie Brangäne, ihre Mitwisserin ermorden lassen. Da sie keinerlei Grund zu der Annahme hat, dass Brangäne dies vorhätte, weil sich diese bisher immer als besonders „treu“ erwiesen hat, erscheint dieser prophylaktische Mord, - isoliert betrachtet - nicht nur als hinterhältig, sondern auch als undankbar, gefühlskalt und egoistisch. Es scheint aber so zu sein, dass für Gottfried die Vertreter der edelen herzen in ihrem Wert über Allem stehen, weshalb Isoldes Vergehen als besonders kämpferisch für die „höfische Liebe“ gelten kann. Betrachtet man die Rahmenbedingungen der damaligen Zeit, scheint Gottfried das gesamte Gesellschaftssystem insofern zu kritisieren, als dass es durch die bestehende Ehepolitik, in der die Liebe keinen Platz hatte, edele herzen zu solchen Taten treiben würde (vgl. 3.2.).
41 Vgl. 3.2.
11
Literaturverzeichnis
Quellentexte:
• Straßburg, Gottfried von: Tristan. 10. Auflage. Stuttgart: Reclam Verlag 2003. Bd. 1 und 2.
Nachschlagewerke:
• Grimm, Jacob und Wilhelm: Das Deutsche Wörterbuch. Online-Version der Universität Trier. http://germazope.uni-trier.de/Projects/DWB (28.11.06).
Sekundärliteratur:
• Speckenbach, Klaus: Studien zum Begriff „edelez herze“ im Tristan G. von Straßburg. Hg. V. Friedrich Ohly, Kurt Ruh, und Werner Schröder. Medium Aevum. Philologische Studien, Bd. 6, München: Eidos-Verlag 1965.
12
Arbeit zitieren:
Helen Ackel, 2006, „Was macht „edel“ im Tristan des Gottfrieds von Straßburg?“, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Michael Assenmacher folgt nun „Was macht „edel“ im Tristan des Gottfrieds von Straßburg?“
Helen Ackel's Text „Was macht „edel“ im Tristan des Gottfrieds von Straßburg?“ ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Helen Ackel hat den Text „Was macht „edel“ im Tristan des Gottfrieds von Straßburg?“ veröffentlicht
Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Strassburg
Zwei Liebende und ein Dritter
Anina Barandun
Gottfried Von Strassburg and the Medieval Tristan Legend: Papers from ...
Roy Wisbey, Adrian Stevens
0 Kommentare