Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
1.1. PROBLEMSTELLUNG UND ZIELSETZUNG 1
1.2. METHODIK UND AUFBAU DER ARBEIT 3
2. WAS IST JUGEND? 4
2.1. DIE ENTSTEHUNG DER JUGEND 4
2.1.1. Die Entwicklung der Bezeichnung „Jugend“ 6
2.1.2. Differenzierung der Lebensphasen 7
2.2. JUGEND AUS DEN BLICKWINKELN VERSCHIEDENER FACHRICHTUNGEN 9
2.2.1. Die Jugend der Psychologie 9
2.2.2. Die Jugend der Soziologie 11
2.2.3. Die Jugend des Rechts 12
2.3. LEBENSZYKLEN IM WANDEL 13
2.3.1. Leben für die Arbeit 13
2.3.2. Veränderungen der Moderne 15
2.3.3. Das 20. Jahrhundert 16
3. JUGEND ZWISCHEN FREIZEIT, KONSUM UND MEDIEN 18
3.1. BEDEUTUNG DER FREIZEIT FÜR DIE JUGEND 18
3.1.1. Freizeitkategorien 20
3.1.2. Studien zur jugendlichen Freizeitgestaltung 23
3.2. DIE AUSWIRKUNGEN DER KONSUMGESELLSCHAFT AUF DIE JUGEND 28
3.3. DER EINFLUSS VON MEDIEN UND WERBUNG AUF JUGENDLICHE 33
- IV -
4. JUGENDKULTUR 46
4.1. ENTWICKLUNG DER JUGENDKULTUR 48
4.2. PEER-GROUPS 51
4.3. SZENELANDSCHAFTEN 55
5. KULTUR IN DER JUGENDKULTUR 59
5.1. GESCHICHTE DES THEATERS 60
5.2. THEATER IN DER FINANZMISERE 65
5.3. JUGENDPROGRAMME 71
6. CONCLUSIO 82
7. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG DER EINSTELLUNG VON JUGENDLICHEN ZUM THEATER 85
7.1. HYPOTHESENKATALOG 85
7.2. DATENERHEBUNG 90
7.3. ERGEBNISSE DER QUANTITATIVEN BEFRAGUNGEN 99
7.3.1.1. Deskripitive Analyse des kulturellen Freizeitverhaltens 100
7.3.1.2. Interpretative Analyse des kulturellen Freizeitverhalten 101
7.3.1.3. Deskripitive Analyse der Häufigkeit von Theaterbesuchen 102
7.3.1.4. Interpretative Analyse der Häufigkeit von Theaterbesuchen 104
7.3.1.5. Deskripitive Analyse der Begleitpersonen Jugendlicher ins Theater 104
7.3.1.6. Interpretative Analyse der Begleitpersonen Jugendlicher ins Theater 105
7.3.1.7. Deskriptive Analyse der Assoziationen zu einem Abend im Theater 105
7.3.1.8. Interpretative Analyse der Assoziationen zu einem Abend im Theater 107
7.3.1.9. Deskriptive Analyse der Freude am Theater der verschiedenen Altersgruppen und Geschlechter 107
7.3.1.10. Interpretative Analyse der Freude am Theater der verschiedenen Altersgruppen und Geschlechter 109
7.3.1.11. Deskriptive Analyse des Gefallens verschiedener Formen von Theater 110
7.3.1.12. Interpretative Analyse des Gefallens verschiedener Formen von Theater 113
7.3.3.1. Deskriptive Analyse der Identifizierung Jugendlicher mit dem Theater 116
7.3.3.2. Interpretative Analyse der Identifizierung Jugendlicher mit dem Theater 118
7.3.3.3. Deskriptive Analyse des Images vom Theater bei den Jugendlichen 119
7.3.3.4. Interpretative Analyse des Images vom Theater bei den Jugendlichen 122
7.3.3.5. Deskriptive Analyse der Freiwilligkeit von Theaterbesuchen 123
7.3.3.6. Interpretative Analyse der Freiwilligkeit von Theaterbesuchen 124
7.3.3.7. Deskriptive Analyse zum Status des Theaters der Jugend 124
7.3.3.8. Interpretative Analyse zum Status des Theaters der Jugend 127
7.4. RESULTATE DER QUALITATIVEN BEFRAGUNGEN 128
7.4.1. Image des Theaters bei Jugendlichen aus Sicht der Experten 129
7.4.1.1. Analyse der Imageproblematik 129
7.4.1.2. Hypothesenprüfung zur Imageproblematik 130
7.4.2. Aktionen zur Imageverbesserung 131
7.4.2.1. Analyse des Handlungsbedarfs hinsichtlich der jungen Zielgruppe 131
7.4.2.2. Hypothesenprüfung zum Handlungsbedarf hinsichtlich der
7.4.3.1. Analyse der Stimmigkeit von Jugendprogrammen und Wünschen der Jugendlichen 133
7.4.3.2. Hypothesenprüfung zur Stimmigkeit von Jugendprogrammen
7.4.4.1. Analyse des Erfolgs von Jugendprogrammen 136
7.4.4.2. Hypothesenprüfung zum Erfolg von Jugendprogrammen 137
7.5. INTERPRETATION DER GESAMTERGEBNISSE 139
8. ZUSAMMENFASSUNG 147
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 150
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 151
TABELLENVERZEICHNIS 153
LITERATURVERZEICHNIS 154
ANHANG 171
1. Einleitung
Diese Diplomarbeit befasst sich mit der Einstellung der Jugendlichen zum Theater und dessen Stellenwert in der Jugendkultur. In den folgenden Kapiteln werden die Problemstellung und die Zielsetzung der Arbeit genauer beschrieben. Zusätzlich erfolgt ein Überblick über die Methodik, anhand derer die empirische Untersuchung durchgeführt wurde, sowie eine Darstellung des Aufbaus der weiteren Arbeit.
1.1. Problemstellung und Zielsetzung
„So ein cooler Typ, und die ist eine Opernsängerin? Das gibt’s doch gar nicht“ 1 So das bezeichnende Kommentar eines Jugendlichen zur estländischen Opernsängerin Annely Peebo. Nicht weniger aussagekräftig ist die Meinung des Burgtheaterschauspielers Gert Voss. „Ins Theater geht nur noch eine Minderheit. Solange wir leben und Spaß daran haben, geht das Theater nicht unter. Über die nächste Generation mache ich mir schon Sorgen.“ 2
Das Theater in seinen verschiedensten Ausprägungen ist eine Kunstform, welche die Menschheit schon seit vielen Jahrhunderten begleitet und auch erfreut. Viele Generationen sind bereits von unzähligen Aufführungen in den Bann gezogen worden. Doch wer jetzt mit dem Thema Theater konfrontiert wird, bekommt es oft genug mit , wie den oben zitierten, zu tun. Diese beiden Kommentare zeigen deutlich, welche Kluft sich zwischen den Jugendlichen und dem Theater aufgetan hat. Die junge Generation hat dieses Genre als hoffnungslos „uncool“ abgestempelt und weiß nichts mit ihm anzufangen. Umgekehrt haben aber auch Schauspielbetriebe im Umgang mit diesem Publikum, von dessen Gunst sie doch
1 Weber, 2003, S. 24.
2 Hirschmann-Altzinger, 2003b, S. 14.
spätestens in einigen Jahren abhängig sein werden, oft große Schwierigkeiten und keine Ahnung, was es eigentlich will.
Wie ist es zu dieser verzwickten Situation gekommen? Wurzelt sie nur darin, dass sich zwischen den unzähligen Freizeitangeboten, welche dieser Generation zur Verfügung stehen, kein Platz mehr für diese Form der Kultur findet? Das ist nur eine der Fragen, der in dieser Arbeit nachgegangen wird. Weiters geht es auch um den Kreislauf aus Konsum, Medien und Freizeitverhalten, in dem sich die Jugendlichen befinden und der großen Einfluss auf ihr Verhalten und ihre Einstellungen, auch jene zum Theater, ausübt. Weiters dürfen die vielen unterschiedlichen Jugendkulturen, welche die Identität eines jungen Menschen mit ausmachen, nicht unerwähnt bleiben. Denn auch oder vielleicht sogar gerade in diesem Bereich sind Faktoren zu finden, die das Verhältnis zum Theater prägen.
Neben den bereits erwähnten theoretischen Betrachtungen wird bei den Betroffenen selbst hinterfragt, wie die Jugend nun wirklich zum Thema Theater steht und vor allem, woher diese Einstellung kommt. Vergleichend dazu erfolgt eine Betrachtung der Standpunkte aus dem Blickwinkel der Schauspielbetriebe. Diese mehrdimensionale Untersuchung zeigt, wie die Theater auf das Verhalten der Jugendlichen reagieren und ob diese Gegenreaktion bei den Jugendlichen ankommt bzw. was sie dort auslöst. Denn auch wenn ein Theater erkennt, dass spezielle Maßnahmen gefordert sind, um ein jugendliches Publikum zu überzeugen, heißt das noch lange nicht, dass diese erfolgreich sind. Schlussendlich wird sich aus der Analyse dieser Zusammenhänge ein Trend abzeichnen, wie das Verhältnis Jugend-Theater in Zukunft aussieht.
Aus allen erwähnten Themen ergibt sich die zentrale Frage der Diplomarbeit, die folgendermaßen lautet:
Welche Einstellung haben Jugendliche zum Theater und welchen Stellenwert hat es überhaupt noch in der multimedialen Freizeit- und
1.2. Methodik und Aufbau der Arbeit
Um zu erfassen, welche Einstellungen die Jugendlichen zum Theater haben, was sie damit in Verbindung bringen, welchen Stellenwert es in ihrer Welt einnimmt und was ihnen daran gefällt oder sie stört, wurden Wiener und Wienerinnen im Alter von 13 bis 18 Jahren zu diesen Themen befragt. Es handelte sich dabei um 142 Schüler und Lehrlinge, die im November 2003 mittels eines standardisierten Fragebogens interviewt wurden.
Die Diplomarbeit ist folgendermaßen gegliedert. Der Theorieteil beginnt mit einer Definition des Begriffs Jugend und der Entwicklung und des Lebenszyklus dieser Altersgruppe im Laufe der Zeit. Anschließend erfolgt ein Blick auf die Jugend der Jahrtausendwende und ihr Leben zwischen Freizeit, Konsum und Medien. Auch die Position, die das Theater in diesem Universum einnimmt oder eben nicht einnimmt, wird beschrieben. Weiters darf eine kurze Erläuterung des Themas Jugendkultur nicht fehlen, diese ist immerhin ein wesentlicher Bestandteil des Wesens vieler Jugendlichen. Denn in diesem Rahmen finden die jungen Leute des dritten Jahrtausends jene Identifikationsfiguren, die frühere Generationen aus dem Theater gewonnen haben. Das fünfte und abschließende Kapitel des Theorieteils ist dem Theater selbst gewidmet, seiner historischen Entwicklung, den aktuellen finanziellen Problemen und vor allem seinen Versuchen, sich in der Jugendkultur zu etablieren und für junges Publikum attraktiv zu werden.
Im siebten Kapitel folgt schließlich die empirische Untersuchung. Diese wird zunächst in der Art ihrer Ausführung beschrieben, danach folgen die Ergebnisse der Fragebögen und Experteninterviews. Abschließend werden diese Daten interpretiert und in Zusammenhang gebracht. Eine kurze Zusammenfassung gibt schließlich noch einen letzten Überblick über die gesamte Arbeit.
2. Was ist Jugend?
Jugend ist „die Lebenszeit bis zum Abschluß der körperlichen Entwicklung“ 3 . So einfach war es noch vor 40 Jahren, diese Lebensphase, die für viele, die ihr entwachsen sind, ein unlösbares Rätsel darstellt, zu beschreiben. Doch in Zeiten, wo die Jugend zum Mythos hochstilisiert wird und „forever young“ als das Lebensmotto eines Großteils der westlichen Gesellschaft erscheint, ist die körperliche Entwicklung als Symbol des Jugendalters längst in den Hintergrund getreten.
Viele Faktoren machen die Jugend heute aus. Doch welche sind es? Exakt kann das nicht einmal die Jugendforschung bestimmen und noch weniger die Jugendlichen selbst. Die Jugendphase hat sich zu einem kreativen Experimentierfeld entwickelt. Hier werden auf die verschiedensten Arten eigene Fähigkeiten getestet und erprobt - und das in einem Tempo und erfüllt mit einem Drang nach Neuem, mit dem die Forschung längst nicht mithalten kann. 4
Dennoch soll in dieser Arbeit versucht werden, einen Blick in die Seelen der Jugendlichen und hinter die Kulissen ihrer Kultur zu werfen, vor allem im Hinblick darauf, ob die klassische Kultur in Form des Theaters dort noch einen Platz hat. Zu Beginn erfolgt eine Abgrenzung, aus welchen Blinkwinkeln die Gesellschaftsgruppe „Jugend“ gesehen werden kann und wie sich diese Sichtweisen historisch entwickelt haben.
2.1. Die Entstehung der Jugend
„Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben...!“ Diesen Satz hören Jugendliche wohl seit Jahrzehnten von älteren Generationen. Mag er auch oft übertrieben
3 o.A., 1961, S. 594.
4 Vgl. Schröder/Leonhardt, 1998, S. 206.
erscheinen, birgt er doch eine gewisse Wahrheit, denn die Geschichte der Lebensphase Jugend ist zwar nicht besonders lang, aber umso bewegter.
Noch im vorindustriellen Europa war die Adoleszenzphase gänzlich unbekannt. Mit Bezeichnungen wie „Boy“ oder „Garçon“ war nicht ein Mann bestimmten Alters, sondern ein Besitzloser und meist auch noch Unverheirateter gemeint. 5 Das Leben wurde zu jener Zeit „als etwas Symmetrisches, von der Geburt bis zum Tod als Zyklus, innerhalb dessen die Blüte des Lebens mit den ersten Ehejahren erreicht war“ 6 , betrachtet. Eine entsprechend kurze Lebenserwartung und vorwiegend ländliche Lebensformen, wo alle Generationen unter einem Dach wohnten und die gleiche Arbeit verrichteten, förderten zusätzlich eine Abgrenzung ausschließlich zwischen Kindern und Erwachsenen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen lag allerdings auch hauptsächlich in Kraft und Größe. 7 Es wurde „das Kind als Miniaturausgabe des Erwachsenen“ 8 angesehen.
Auch im städtischen Raum gab es nur eine unscharfe Abgrenzung zwischen Kind und Erwachsenem, die vor allem durch die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen, und durch die Heirat bestimmt wurden. So war die alteuropäische Vorstellung von „Mündigkeit“ das Entlassen werden aus der
5 Vgl. Gillis, 1980, S. 17.
6 Gillis, 1980, S. 20. 7 Vgl. Gillis, 1980, S. 17ff. 8 Mitterauer, 1986, S. 52. 9 Vgl. Mitterauer, 1986, S. 40f.
gelegt. 10 Wie genau diese Anfänge des Lebensabschnitt Jugend aussahen und wie der Weg weiter verlief, wird in den folgenden Kapiteln erläutert.
2.1.1. Die Entwicklung der Bezeichnung „Jugend“
Zunächst setzte sich jene Gruppe, die erstmals annähernd mit dem heutigen Jugendkonzept übereinstimmte, nur aus einem sehr kleinen Teil des männlichen Nachwuchses zusammen, nämlich jenem, der es sich leisten konnte, keiner Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen und der ein scheinbar ideales Leben führte. Diejenigen, die dazu zählten, wurden als „Jünglinge“ bezeichnet, der Rest waren eben Soldaten, Gesellen und ähnliches. Der Begriff „Jugendlicher“ selbst kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, damals allerdings in der Gefangenenfürsorge. 11
Der „Jugendliche“ war damit ursprünglich eine abwertende Bezeichnung, die nichts mit der Lebensphase Jugend gemein hatte. „Er war der Verwahrloste, Gottlose, Kriminelle, der Korrektionsbedürftige.“ 12 Da nun weder die Bilder von „Jünglingen“, noch die von „Jugendlichen“ die Allgemeinheit beschrieben, gab es eine Kluft zwischen den beiden konträren Vorstellungen und der Realität. 13 Die meisten Angehörigen der betreffenden Altersgruppe waren schließlich weder Verbrecher noch Privilegierte, fühlten sich aber dennoch sowohl Kindern als auch Erwachsenen nicht zugehörig und bildeten immer mehr ihre eigene, jugendliche Identität aus. 14
Übrig blieb letztendlich doch der „Jugendliche“, jedoch in einer modifizierten Form als Sammelbegriff für junge Menschen von etwa 14 bis 18 Jahren. Das Jünglingskonzept war zwar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Begriff, doch
10 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 20ff. 11 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 32ff. 12 Ferchhoff, 2000, S. 35. 13 Vgl. Roth, 1983, S. 133. 14 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 35.
eher als klassisches humanistisches Bildungsideal. In den 1920er Jahren ist das Wort Jugendlicher schließlich, trotz aller noch bestehender klassen-, schicht-, milieu-, geschlechts- und lebensstilspezifischer Unterschiede ein wertfreier, alltagspraktisch gebrauchsfertiger Ausdruck geworden und geblieben. 15
2.1.2. Differenzierung der Lebensphasen
Obwohl es lange gedauert hat, den jungen Staatsbürgern, die nicht mehr Kind, doch auch noch nicht Erwachsener waren, einen klassenübergreifenden Ausdruck zuzuordnen, steckte von Anfang an mehr als ein Entwicklungsschub in biologischer Hinsicht dahinter. Die Idee hinter dem Konzept „Jugend“ war die Legitimierung einer eigenen Lernphase, die Einrichtung eines Lebensabschnittes zur Erziehung und Kontrolle der Heranwachsenden. Daraus resultierte Jugend als verlängerte Ausbildungsphase und später auch als soziale Gruppe. 16
Das Alter und die biologische Reife waren nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Abgrenzungspunkte dieser Periode, die dementsprechend auch jahrzehntelang mit etwa 20 Jahren ihr Ende fand. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts begannen sich parallel mit der steigenden Lebenserwartung die Lebensphasen weiter zu differenzieren und zu verschieben. 17 Wie sich das entwickelt hat und voraussichtlich auch in Zukunft weiterentwickeln wird, zeigt die folgende Grafik.
15 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 35.
16 Vgl. Griese, 2000, S. 238. 17 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 20ff.
0 15 30 45 55
Abbildung 1: Lebensphasen während der Lebensspannen im historischen Vergleich (In Anlehnung an: Hurrelmann, 2004, S. 17.)
Wie die Abbildung zeigt, differenzieren sich die Lebensabschnitte immer weiter aus und der Stellenwert der Phase „Jugend“ gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Jugendliche haben zwar keine vollen Bürgerpflichten, doch sie können in vielen Bereichen vollwertig partizipieren, vor allem am Konsumwaren-und Freizeitmarkt, am Mediensektor und in sozialen Beziehungen. Das Erwachsenenalter verliert immer mehr den Status des lebensperspektivischen Zentrums. 18 Wie die Wissenschaft den Jugendlichen kategorisiert, wenn sich Zehnjährige wie Dreißigjährige gleichermaßen als solcher beschreiben, wird im folgenden Kapitel erläutert.
18 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 17ff.
2.2. Jugend aus den Blickwinkeln verschiedener
Fachrichtungen
Wie im Kapitel 2.1.1 erläutert, galt früher in der Öffentlichkeit die Meinung, dass „Jugend eine Krankheit, die Pubertät gefährlich und viele Jugendliche Psychopathen seien“ 19 . Die Wissenschaft betrachtet die Causa Jugend ein wenig anders, doch ebenfalls sehr unterschiedlich. Einige Autoren sehen den Hauptzweck dieser Lebensphase im Lernen und Vorbereiten auf die Zukunft, andere hingegen stellen das gesamte Konzept in Frage. 20 Vorausgesetzt, dass das Konstrukt „Jugend“ existiert, lässt es sich aus psychologischen, soziologischen oder rechtlichen Blickwinkeln analysieren. Der biologische Aspekt wird hier außer Acht gelassen, da er für diese Arbeit kaum relevant ist.
2.2.1. Die Jugend der Psychologie
Die Psychologie betrachtet als wichtigstes Merkmal der Jugend das Eintreten der Geschlechtsreife, d.h. die Pubertät. Diese markiert eine wichtige Veränderung in der Persönlichkeitsentwicklung, da Umweltanforderungen auf einmal ganz anders verarbeitet werden. Weiters beginnen Jugendliche in dieser Lebensphase, sich von ihren Eltern zu lösen und autonom zu organisieren. Beziehungen zu den Mitgliedern der eigenen Generation werden stattdessen aufgebaut. 21 Der Begriff Generation ist dabei als „Gesamtheit der Individuen, die in einem großen Sozialverband z.B. einem Land durch gemeinsame Werte, Einstellungen, usw. miteinander verbunden sind und sich von einer älteren und/oder jüngeren Generation deutlich unterscheiden“ 22 zu verstehen. Im Gegensatz dazu beschreibt der ebenfalls oft in diesem Zusammenhang verwendete Ausdruck „Kohorte“ Individuen, die in einem bestimmten Zeitintervall geboren oder durch soziale Faktoren miteinander verbunden sind. 23
19 Bühler, 1990, S. 409. 20 Vgl. Schäfers, 1998, S. 18. 21 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 26f. 22 Schäfers, 1998, S. 24. 23 Vgl. Schäfers, 1998, S. 24.
- 9 -
Die psychologische Betrachtung der Jugend legt dieser Lebensphase vier zentrale Entwicklungsaufgaben zugrunde: 24
• Intellektuelle und soziale Kompetenz
• Eigene Geschlechtsrolle, soziales Bindungsverhalten
• Handlungsmuster für die Nutzung von Konsumwaren, Freizeitmarkt und Medien, eigener Lebensstil
• Werte und Normensystem, Vorbereitung auf Übernahme von Rollen in der Gesellschaft, der Politik und der Kultur
Besonders die beiden letzteren Punkte spielen eine große Rolle in der Beziehung der Jugendlichen zum Theater. Der letztere deshalb, weil es unter anderem um die Prägung von Normen und Werten im Kulturbereich und damit auch um die Einstellung zu einem Theater geht. Der vorletzte Punkt birgt hingegen ein Thema, welches mit für das mangelnde Interesse der Jugendlichen am Theater verantwortlich ist. Dies kann folgenderweise erklärt werden. Prinzipiell kann nicht behauptet werden, dass Kinder und Jugendliche Theater wirklich brauchen. Es ist mehr als eine Art Luxusgut zu sehen, das nicht lebensnotwendig ist, mit dem das Leben aber doch ein wenig besser wird. 25 Als solches bietet Theater den Jugendlichen vor allem die Möglichkeit, aus der Konsumwelt herauszutreten und sich selbst kennen zu lernen. Es hilft ihnen, eigenes schöpferisches Potential zu gründen und eine eigene Kultur zu leben. 26
Dies ist aber nun genau entgegengesetzt zu jener psychologischen Sichtweise, die es als Aufgabe des Lebensalter Jugend sieht, Konsum und Medien nach vorgegebenen Mustern zu nutzen. Naturgemäß halten sich auch die angesprochenen Industrien an diese Sichtweise und das Theater kann mit jenem
24 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 27f. 25 Vgl. Hoffmann, 1996, S. 11. 26 Vgl. Schneider, 1996, S. 27.
gewaltigen Apparat unmöglich konkurrieren. „An die Stelle der Kultur ist der Lifestyle getreten. Die Künste, soweit sie nicht kommerzialisierbar sind, haben da ihr Recht schon lange verloren.“ 27 Das bedeutet, dass Theater eigentlich chancenlos ist, solange es versucht, einen Konkurrenzkampf auszufechten. Es muss außerordentlich und singulär sein, um das Interesse der Jugendlichen wieder wachzurufen. 28
Das Erreichen dieses Ziels ist nicht nur für die Schauspielbetriebe, sondern auch für Kinder und Jugendliche wichtig. Die jungen Leute leben ohnehin in einer eigenen Welt, für die im Alltag der Erwachsenen oft viel zu wenig Platz bleibt. Theater würde diesen Raum bieten. 29 Es bleibt somit nichts anderes, als ein flexibles und interessantes Theater zu schaffen, welches die komplette Vereinnahmung der Jugendlichen durch Medien und Konsum verhindert und ihnen damit mehr Eigenständigkeit verleiht. 30 Auf diese Themen wird allerdings an späteren Stellen noch genauer eingegangen, zunächst werden die weiteren Blickwinkel, unter denen der Begriff „Jugend“ wissenschaftlich gesehen wird, erläutert.
2.2.2. Die Jugend der Soziologie
„Die Jugend der Soziologie ist das Bild, das sich die Gesellschaft von ihrer Gegenwart und Zukunft macht.“ 31 Ende 2003 weist dieses Bild einige Ecken und Kanten auf, doch es dürfte wohl einfach auch der österreichischen Mentalität entsprechen, pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Schließlich wurde der Drang der Jugend, nach Spaß, Freiheit und Erneuerung zu allen Zeiten von den Erwachsenen schlimmer angesehen als in deren eigener Jugend. 32
27 Richard, 1996, S. 89. 28 Vgl. Richard, 1996, S. 86ff. 29 Vgl. Richard, 1996, S. 107. 30 Vgl. Krüger, 1996, S. 80. 31 Abels, 2000, S. 76. 32 Vgl. Abels, 2000, S. 75.
„Sie muss zugleich konservativ im Bewahren von Brauchbarem, unbefangen im Vergessen von Überholtem und unerbittlich im Verlangen von Notwendigem sein.“ 33 So treffend beschreibt Abels den Spagat, den die Jugend vollzieht, um ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Im Prinzip ist die Jugendphase aus der soziologischen Perspektive ein entscheidender Lebensabschnitt, in dem die in der Kindheit gelernten Fähigkeiten und Fertigkeiten weiterentwickelt werden, um wichtige Kompetenzen für die Übernahme der späteren Erwachsenenrolle zu erwerben. 34 Im Großen und Ganzen deckt sich diese Sichtweise mit jener der Psychologie. Immerhin hat sich die Jugendsoziologie in den 1950er Jahren aus deren kritischer Betrachtung entwickelt, doch geht es in der Psychologie mehr um Jugend an sich, während die Soziologie sich mit Jugend in ihrer konkreten Wirklichkeit befasst. 35
2.2.3. Die Jugend des Rechts
Rechtlich gesehen ist der Status des Jugendlichen nicht einheitlich, sondern in den verschiedenen Rechtstypen nach Schutzbedürfnis und Fähigkeiten unterschiedlich geregelt. Im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch wird einmal diese besondere Schutzbedürftigkeit festgehalten, zum anderen wird sie grundsätzlich nach Alter abgegrenzt. So gelten alle, die das vierzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, als unmündig, jene, die noch vor der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres stehen, als minderjährig. 36
Dies deckt sich im Wesentlichen mit dem heutigen Bild der eigentlichen Jugend in der Gesellschaft, auch wenn die Grenzen - vor allem nach oben - längst nicht so klar abgesteckt sind. In der aktuellen Literatur sind überhaupt keine allgemeinen Abgrenzungskriterien mehr zu finden, doch ein älteres Schema definiert die
33 Abels, 2000, S. 75.
34 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 31. 35 Vgl. Abels, 2000, S. 79.
36 Vgl. ABGB, Stand vom 1.9.2003, § 21 Absatz 1 und 2.
Jugend im engeren Sinne als Personen zwischen 13 und 18 Jahren. 37 Diese Definition soll auch in dieser Arbeit als Grundlage verwendet werden, wenn von der Jugend nach heutigem Sprachgebrauch die Rede ist und nichts anderes erläutert wird.
2.3. Lebenszyklen im Wandel
Im dritten Jahrtausend steht die Jugend einer immensen Vielfalt von Möglichkeiten zur Lebensgestaltung gegenüber. Alles muss sich bewegen und ständige Veränderungen sind an der Tagesordnung, denn „es passt nicht in die Zeit des immerwährenden Jungseins und der fortwährenden Novitäten, dass etwas deshalb gefällt, weil es sich im Wesen gleich bleibt“ 38 . Wer mit den jungen Leuten Schritt halten will, muss sich schon anstrengen. Rossini konnte noch im 19. Jahrhundert eine Oper in zehn Tagen verfassen, weil er ganz genau wusste, was sein Publikum von ihm erwartete. Das heutige Theater ist großteils damit gefordert, seine Existenz zu erhalten und überfordert damit, auch noch die jeweils aktuellen Wünsche des Zuschauers zu treffen. 39
Auf diese gegenwärtigen Phänomene wird an späterer Stelle noch genauer eingegangen, doch zunächst wird dargestellt, ob der Lebensrhythmus in früheren Zeiten wirklich so viel ausgeglichener war, als es die obigen Zeilen vielleicht erscheinen lassen.
2.3.1. Leben für die Arbeit
Im vorindustriellen Europa, als - wie im Kapitel 2.1 erläutert - das Phänomen Jugend gerade erst im Entstehen begriffen war, bot das Leben durchaus auch eine Vielzahl an Möglichkeiten - allerdings eben nur für jene Söhne, die es sich
37 Vgl. Hurrelmann, 1997, S. 50. 38 Schöbel, 1996, S. 56. 39 Vgl. Herfurtner, 1996, S. 62f.
leisten konnten, zu studieren und ihr Dasein auszukosten. Bauern, Handwerker und Frauen - diese Gruppen, die sicher einen Großteil der Bevölkerung darstellten, hatten kaum Chancen, die vorgezeichneten Bahnen zu verlassen. Für Bauernsöhne hieß es arbeiten, sobald sie dazu in der Lage waren. Der älteste Sohn konnte immerhin den Besitz übernehmen, sobald die Eltern starben oder sich zurückzogen, was es ihm dann möglich machte, eine Familie zu gründen. Dieser Zyklus war praktisch unumgänglich und ließ keine Wahlmöglichkeit zu einem anderen Beruf offen. Nur die jüngeren Söhne, für die am Hof kein Platz mehr war, mussten ihr Glück im Handwerk suchen und dazu meist fern von ihrer Heimat bei einem Lehrherren leben. Auch ihnen war die Gründung einer Familieteils aus finanziellen Gründen, teils sogar gesetzlich verankert - erst möglich, wenn sie die Lehre abgeschlossen hatten. Anders war die Situation bei Frauen, die oft noch als halbe Kinder verheiratet wurden und mit der Versorgung von im Durchschnitt vier bis fünf Kindern kaum mehr die Gelegenheit hatten, über den Horizont ihres Haushalts hinaus zu kommen. 40
Für die meisten jungen Menschen bestand das Leben damals im Wesentlichen aus Arbeit, für Vergnügungen, Bildung oder gar Kultur war wenig Zeit und noch weniger Geld vorhanden. Hinzu kam noch ein strenges moralisches Weltbild, das die Jungen, die noch nicht einmal als eigene Gruppe anerkannt waren, in ein strenges Korsett zwängte. 41 Es war ein „Strickmuster der Triebunterdrückung und Disziplinierung: Ordnung und Sauberkeit, sexuelle Enthaltsamkeit, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und gegen alle Vorgesetzten, Frömmigkeit, Ehrerbietigkeit, Anstand, Sitte und das erste und letzte Gebot war immer der Arbeitsfleiß“ 42 .
40 Vgl. Gillis, 1980, S. 29ff.
41 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 32ff. 42 Roth, 1983, S. 140.
2.3.2. Veränderungen der Moderne
Die Industrialisierung veränderte den Lebenszyklus der Jugendlichen enorm. Ein Grund dafür war schon allein, dass die Bevölkerung Europas und somit auch die Anzahl der Jugendlichen sich extrem erhöht hatte. Weiters entstanden mit den vielen Fabriken auch Arbeitsplätze, die für alle neue Möglichkeiten boten. Die Eltern mussten ihre Kinder nun nicht mehr von ihrem Zuhause wegschicken, damit diese einen Beruf lernen konnten und überlebensfähig waren. Bisher hatten „Jugend“ und „Wanderschaft“ für die meisten untrennbar zusammengehört. Nun konnten die Jugendlichen länger bei ihren Familien bleiben, gleichzeitig genossen sie auch noch finanzielle Freiheiten, da sie nicht mehr für Kost und Logis bei einem Lehrherren dienen mussten, sondern Geld in einer Fabrik verdienten. 43
Diese Voraussetzungen boten einen Nährboden für die Wünsche und Vorstellungen der Jugend, deren sie sich erstmals richtig bewusst wurde. „Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.“ 44 Diese Aussage von Goethes Faust beschreibt den Zeitgeist wohl recht treffend. Bald entstanden auch die ersten Ansätze einer Jugendkultur, auf die aber im Kapitel vier noch genauer eingegangen wird. Eine Folge der erweiterten finanziellen Freiheit war das Herabfallen des Heiratsalters, was für Frauen allerdings auch schon die einzige größere Veränderung war. 45 Der große „Heiratsboom“ führte zu einer weiteren Bevölkerungsexplosion. Die Jugend, die bisher immer unbenannt im Schatten gelebt hatte, wurde plötzlich mit „Erneuerung“ gleichgesetzt. Angesichts dieser Veränderungen fühlten sich die Bildungsbürger in ihren humanistischen Idealen bedroht und hielten umso sturer daran fest. Das offizielle Bild der Jugend war noch immer das der Gymnasiasten mit humanistischer Ausbildung, die Kluft zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft noch lange nicht überwunden. 46
43 Vgl. Gillis, 1980, S 49ff.
44 Goethe, 1986, S. 44. 45 Vgl. Gillis, 1980, S. 49ff. 46 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 32ff.
Dabei war die Arbeiterschicht auch wenig daran interessiert, dass ihre Kinder eine Schule besuchten, denn in der Zeit sollten diese lieber Geld verdienen. Die Mischung aus Ausbildung und Freizeit, welche die heutige Jugend charakterisiert, war immer noch für die Oberschicht und nur langsam auch für einen Teil der Mittelschicht zugänglich. In diesen Familien wurde für die Söhne eine Ausbildung geplant, finanziert und auch betreut. Die Töchter blieben einfach bis zur Heirat zu Hause.
47
„Das allgemeine Resultat war eine Phase der Abhängigkeit, die länger dauerte als diejenige, welche die vorhergehende Generation noch erlebt hatte. Dabei kam eine neue Phase im Lebenszyklus heraus, die dem entspricht, was wir heute als
2.3.3. Das 20. Jahrhundert
„Als das neue Jahrhundert begann, waren die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Jugend höher als je zuvor; und doch hatte es wohl seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert keine Zeit mehr gegeben, in der man über das Mißverhalten der Jugend lauter geklagt hätte.“ 49 Der Mythos Jugend hatte sich nun etabliert und breitete sich einerseits in Europa, andererseits über alle Gesellschaftsklassen hinweg aus. Immer mehr Jugendliche verschwanden vom Arbeitskräftemarkt und genossen doch eine gewisse Schulbildung. Natürlich wurde diese Entwicklung von vielen Seiten alles andere als positiv gesehen. Die Jungen aus niedrigeren sozialen Schichten wurden mehr oder weniger als eigene Rasse betrachtet und auch behandelt. Mancher „Bildungsbürger“ erachtete es sogar als gefährlich, diese Bevölkerungsgruppe mit Bildung und Freizeit zu verwöhnen. 50
Diese Jugend, die plötzlich gebildet war und über freie Zeit sowie Geld zum Ausgeben verfügte, war vielen Bürgern geradezu unheimlich, weil sie ihre Zeit mit Vorliebe beim Tanz oder Flanieren durch die Stadt verbrachte und es nicht mehr
47 Vgl. Gillis, 1980, S. 90ff. 48 Gillis, 1980, S. 114. 49 Gillis, 1980, S. 141. 50 Vgl. Gillis, 1980, S. 145.
so eilig hatte, eine große Familie zu gründen. Es herrschte sogar die Vorstellung, hungern zu müssen, wenn auch die bäuerliche Jugend, anstatt am Feld zu arbeiten, in die Schule ging. 51 Die Jugendlichen ließen sich von solchen Vorurteilen jedoch nicht irritieren. Ganz im Gegenteil dazu begannen sie immer mehr, sich zu organisieren und ihren eigenen Lebensstil zu entdecken. So begann, verlangsamt durch die politische Situation, Mitte des 20. Jahrhunderts das Zeitalter der Jugendkulturen, von dem an späterer Stelle die Rede sein wird. Das Leben der meisten Jugendlichen teilt sich nun, in unterschiedlicher Gewichtung, in vier zentrale Bereiche. Diese sind: 52
• Bildung und Qualifikation
• Familie und Partnerschaft
• Freundschaft, Freizeit und Konsum
• Kulturelle und politische Partizipation
Für diese Arbeit sind vor allem die letzten beiden Gebiete interessant. Als nächstes folgt daher ein Teilgebiet, dem mit dem 21. Jahrhundert sicher eine nie dagewesene Bedeutsamkeit zukommt - der Zeit außerhalb von Schule oder anderen Verpflichtungen - der Freizeit.
51 Vgl. Gillis, 1980, S. 141ff.
52 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 81.
3. Jugend zwischen Freizeit, Konsum und Medien
Freizeit hat heutzutage eine sehr hohe Bedeutung - und das längst nicht nur für die Jugend. Auch Erwachsene genießen diesen „von der überwiegend fremdbestimmten Berufs- und Lernarbeit entlasteten Zeitraum eines Menschen, der nach freiem Ermessen ausgefüllt werden kann“ 53 . Unzählige Möglichkeiten stehen zur Auswahl, was mit dieser Zeit angefangen werden könnte. Von Entspannung bis zum Extremsport oder auch einem Theaterbesuch, jeder bringt mit „Freizeit“ etwas anderes in Verbindung.
Trotzdem bleibt die Freizeit ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits ist sie die Negation der Arbeitswelt, andererseits aber auch ihr Spiegel. Das bedeutet, dass zwar der bewusste Ausgleich zur Fremdbestimmung am Arbeitsplatz gesucht wird, die meisten sich aber hinsichtlich Zeitdisziplin und Einteilung nicht von ihren gewohnten Zwängen lösen können. 54 Ähnliches gilt auch für die Jugendlichen, die ihre Freizeit nützen, um dem strukturierten (Schul-)alltag zu entfliehen. Alle Wünsche und Interessen, die in den täglichen Ablauf nicht eingebunden sind, müssen außerhalb bedient oder bis ins Erwachsenenleben vertagt werden. 55 Gerade deshalb hat die Freizeit im Leben der Jugendlichen wohl eine besonders hohe Bedeutung, wie im Folgenden beschrieben wird.
3.1. Bedeutung der Freizeit für die Jugend
Die Wurzeln des Ausdrucks „Freizeit“ liegen in der griechischen Sprache, das Begriffsverständnis war damals allerdings ein wenig anders. Zwar wurde unterschieden zwischen „Muße“, sprich Freizeit, und „Nicht-Muße“, doch war eine Mußephase nicht notwendigerweise eine arbeitsfreie. Das Wort dafür - „Otiom“war mehr mit Selbstverwirklichung gleichgesetzt und die konnte, zumindest von jenen, die nicht körperlich arbeiten mussten, auch durchaus während der Arbeit
53 Hurrelmann, 2004, S. 135. 54 Vgl. Thien, 2002, S. 13. 55 Vgl. Hexel/König, 1986, S. 23.
erlangt werden. 56 In der heutigen Industriegesellschaft herrscht eine strikte Trennung von Produktions- und Reproduktionsbereich. Daher kann Freizeit zwar durchaus der Selbstverwirklichung, Kreativität oder Phantasie dienen, aber auf keinen Fall der streng davon getrennte Arbeitsbereich. 57 Gerade für Jugendliche hat der Freizeitbereich auch noch eine weit größere Bedeutung. Er ist für sie ein „Moratoriums-, Konsum-, Sozialisations-sowie Distriktions-und Identifikationsraum geworden, der auf vielfältige Weise mit
gesamtgesellschaftlichen Strukturen verbunden ist“ 58 .
Für die Heranwachsenden ist es vor allem der Bereich der Freizeit, in dem sie ihre Individualität entwickeln und sich ihrer selbst bewusst werden. Alle Wünsche und Hoffnungen, die im Schul- oder Arbeitsleben unerfüllt bleiben, werden hierhin projiziert. 59 Die Möglichkeiten, wie diese Dinge nun auch ausgelebt werden können, sind äußerst vielfältig und so kommt auch die Freizeit nicht ohne Zwang aus, nämlich jenem, eine Wahl zu treffen. 60
Oberstes Prinzip der Freizeit sind demzufolge Spaß und Genuss, die schon geradezu zur Verpflichtung geworden sind. 61 Dies wird auch von der Lifestyle Studie 2002 des Fessel Institutes bestätigt. Diese Untersuchung wurde von April bis Mai 2002 als schriftliche Befragung unter 4200 Österreichern ab 15 Jahren durchgeführt. Auch nach ihren Erkenntnissen sind 70 % der Befragten darauf ausgerichtet, ihr Leben zu genießen. 62 Doch jede Entscheidung, wie dieses Ziel am besten zu erreichen ist, stellt gleichzeitig eine zerstörte Möglichkeit dar. 63 Das bedeutet, dass die Jugendlichen entscheiden müssen, welches Angebot das
56 Vgl. Thien, 2002, S. 11f.
57 Vgl. Hexel/König, 1986, S. 86. 58 Ecarius/Fromme, 2000, S. 140. 59 Vgl. Tebbich, 2002, S. 48. 60 Vgl. Tebbich, 2002, S. 45. 61 Vgl. Kreitzman, 1999, S. 57. 62 Vgl. Fessel Gfk Sozialforschung, 2002, S. 4. 63 Vgl. Tebbich, 2002, S. 45.
beste ist. Die Orientierungshilfen dafür legen sie allerdings nicht selbst fest. Geld ist in den meisten Fällen das Steuerungs- und Partizipationsmittel, das über den Zugang zu den diversen Angeboten der Freizeit- und Konsumindustrie entscheidet. 64 Freizeit ist somit auch zur Konsumzeit geworden. 65 Hand in Hand mit den Medien, welche die Wünsche oft erst kreieren 66 , gewinnt die Freizeit wie auch die Jugend eine ganz neue Bedeutung. Denn diese Maschinerie aus Freizeit-, Kultur- und Medienindustrie trägt viel dazu bei, dass das Jugendalter den Charakter einer Übergangsphase verliert und fördert auch die Entstehung von Jugendkulturen. 67 Die einzelnen Zusammenhänge werden in den folgenden Kapiteln noch genauer erläutert.
3.1.1. Freizeitkategorien
Noch vor 50 Jahren wäre eine derartige Vielfalt von Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Arbeitszeit nahezu undenkbar gewesen. Treffpunkt waren oft nur die Straßen, die meisten Jugendlichen waren für Konsum und Medien wenig erreichbar. 68 Heutzutage verbringen viele allein mit Medien verschiedenster Art einen Großteil ihrer Zeit. Um jedoch in die riesige Palette von Unterhaltungsmöglichkeiten etwas Übersichtlichkeit zu bringen, gibt es eine Einteilung in sechs Dimensionen: 69
• Geselligkeitsorientierte Freizeit
In diese Kategorie fallen alle Aktivitäten, die außer Haus und im Rahmen der Peergroup, d.h. mit Freunden oder einer Clique, stattfinden.
64 Vgl. Hexel/König, 1986, S. 88.
65 Vgl. Kollmann, 1990, S. 145. 66 Vgl. Hexel/König, 1986, S. 89. 67 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 139. 68 Vgl. Kreitzman, 1999, S. 57ff. 69 Vgl. Nolteernsting, 1998, S. 132ff.
• Modisch-sozialorientierte Freizeit
Hierher gehören alle sozialen und politischen Interessen, wie auch jene, die mit Kleidung, Make-up und anderen Modeartikeln zu tun haben. Diese Kombinationen fallen tatsächlich oft zusammen, allerdings hauptsächlich bei Frauen.
• Musik
Musik hat einen enormen Stellenwert, sei es nur als Hintergrundmusik oder als Ausdrucksform des eigenen Befindens. Viele (jugend-)kulturelle Stile verwenden sie als Abgrenzungsmittel von anderen.
• Häuslich-individuelle Freizeit
Damit ist jene Zeit gemeint, die Zuhause verbracht wird, allerdings nicht mit Freunden, sondern eher beim Fernsehen oder ähnlichem.
• Technisch-sportivorientierte Freizeit
Der große Bereich des Sports vom Fußballverein bis zum Fitnessstudio gehört hier dazu gemeinsam mit technischen Interessen wie Computer oder Autos. Als klassischer Gegenpart zum modisch-sozialorientierten Gebiet sind hier vermehrt männliche Jugendliche zuhause.
• Bildungsorientierte Freizeit
Diese Art der Freizeit stößt bei den Jugendlichen nur auf sehr geringes Interesse. Nur wenige und dann hauptsächlich jene, die bereits im Berufsleben stehen, interessieren sich freiwillig für eine Erweiterung ihrer Bildung.
Diese Zuordnung deckt nun zwar fast alle Freizeitmöglichkeiten ab, doch für die Kultur scheint keine Kategorie dabei zu sein. Erst bei genauerer Analyse der Bedeutung des Theaters für die Jugendlichen wird klar, dass dieser Bereich in die letzte Sparte fallen muss. Denn speziell für die junge Generation ist Theater extrem mit einer pädagogischen Zweckbestimmung verbunden. Diese Ansicht resultiert einerseits aus der Tatsache, dass Theater in einer seiner Formen schon seit jeher als Lehrmittel verwendet wurde, und andererseits durch die Sichtweise der Gesellschaft, dass der Hauptinhalt des Lebens eines jungen Menschen das
Lernen sein sollte. 70 Obwohl diese Ansicht nicht neu ist, nahmen die jungen Leute eine Theateraufführung in den vergangenen Epochen ganz anders wahr. Im 18. Jahrhundert wurden sie sogar noch vor einem Besuch gewarnt, da das Theater neben dem zweckmäßig ausgerichteten Alltag Parallelwelten etablierte und die Angst herrschte, dass diese sich negativ auf das Verhalten auswirken könnten. 71 Um 1900 war es sogar jener zentrale Ort, an dem sich die rebellierende bürgerliche Jugend über sich selbst verständigte. 72 Knapp hundert Jahre später ist das Theater zu einem pädagogischen Eingriff in das Leben der Jugendlichen geworden. Den heutigen jungen Leuten, die, einem gängigen Vorurteil nach, nur vor dem PC sitzen und auch mit diesem Gerät nichts Sinnvolles anzufangen wissen, soll auf diese Art etwas Gehaltvolleres entgegengesetzt werden. 73
Doch die Jugendlichen haben eigene mediale und persönliche Vorbilder, an denen sie sich und den Prozess ihrer Selbstfindung orientieren. 74 Gerade dieses Finden der eigenen Persönlichkeit und des Sinns im Leben fällt ihnen allerdings heutzutage oft sehr schwer. Sie sind aufgewachsen in einer Welt aus Markennamen und Konsum und finden sie sich selbst und auch andere darin nicht mehr. 75 Die nötigen Orientierungshilfen werden von den Medien serviert und bereitwillig übernommen, wodurch sich die Frage nach dem Stellenwert des Theaters aufdrängt. 76 Schließlich braucht auch ein solcher Kulturbetrieb eine gesellschaftliche Legitimation, um existieren zu können. Diese wird nun in einer pädagogischen Funktion gesucht, aber jener Weg erweist sich gerade bei der Jugend als wenig praktikabel. 77 Dabei könnte das Theater durchaus wertvolle Dienste bei der Identitätsfindung und der Konstruktion eines Weltbildes leisten, wie es das auch schon immer getan hat. Nicht umsonst existiert schließlich die
70 Vgl. Taube, 1999, S. 201f. 71 Vgl. Hentschel, 2002, S. 143. 72 Vgl. Merkel, 2002, S. 82f. 73 Vgl. Jahnke, 2002, S. 195. 74 Vgl. Merkel, 2002, S. 79. 75 Vgl. Lindemann/Wandke, 1998, S. 146. 76 Vgl. Merkel, 2002, S. 79. 77 Vgl. Taube, 1999, S. 212.
Redewendung von den „Brettern, die die Welt bedeuten“. 78 Was es jedoch mit dieser Bedeutung in Bezug auf die Jugendlichen auf sich hat, wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit geklärt. Zunächst folgen einige Studien, die den Stellenwert der Freizeit im Allgemeinen und des Theaters darin aufzeigen.
3.1.2. Studien zur jugendlichen Freizeitgestaltung
Auf der Suche nach aktuellen Studien zum Thema Jugend zeigt sich, dass sich viele mit deren Freizeitverhalten beschäftigen. Die Jugend-Wertestudie bestätigt außerdem, dass die Freizeit nach Freunden und Familie immerhin den drittwichtigsten Lebensbereich für viele Jugendliche darstellt. Diese Studie basiert auf einer quantitativ-standardisierten Untersuchung, die zwischen Mai und Juli 2000 vom Fessel GfK Meinungsforschungsinstitut unter 1000 Österreichern zwischen 14 und 24 Jahren durchgeführt wurde. Erstmals wurde diese Studie bereits 1990 durchgeführt, allerdings mit 16 - 24jährigen Jugendlichen. Eine Übersicht über die wichtigsten Lebensbereich der Jugendlichen sowie deren Entwicklung im Zeitverlauf ist nun aus der folgenden Abbildung zu entnehmen. 79
Abbildung 2: Wichtige Lebensbereiche für Jugendliche (Quelle: Österreichisches Institut für Jugendforschung/Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien, 2000, S. 3.)
78 Vgl. Hentschel, 2002, S. 139.
79 Vgl. Österreichisches Institut für Jugendforschung/Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien, 2000, S. 3.
Die Freizeit ist für die Jugendlichen ein wichtiger Teil ihres Lebens, der sogar in den letzten Jahren noch an Bedeutung zugenommen hat. Der Grund dafür liegt darin, dass Freizeit nicht mehr einfach nur die verbleibende Zeit neben Schule oder Arbeit ist, sondern ein Indikator für Lebensqualität. Natürlich nimmt auch die Arbeit noch einen wichtigen Platz im Leben ein. 80
Verdeutlicht werden diese Aspekte durch die Forschungstätigkeiten des Institutes für Freizeit und Tourismusforschung. Regelmäßig werden bestimmte Untersuchungen zu diesen Themen durchgeführt und als Telegramm auf der Homepage veröffentlicht. Für die folgende Grafik sind im Dezember 2002 österreichweit 1000 Personen ab 15 Jahren im Rahmen des SPECTRA-Bus faceto-face befragt worden. Es ist daraus ersichtlich, dass beide Bereiche für jüngere Personen höhere Wichtigkeit als für ältere Generationen haben. So ist Freizeit für 94 % der 15 - 34jährigen (sehr) wichtig, während selbiges nur bei 85 % der über 55jährigen und 89 % der 35 - 54jährigen der Fall ist. 81
Abbildung 3: Wichtigkeit von Freizeit und Arbeit für Jugendliche und für ältere Personen (Quelle: Zellmann, 2002,
www.freizeitforschung.at/Forschungsarchiv/02_2003/body_02_2003.html, Stand vom 01.11.2003.)
80 Vgl. Zellmann, 2002, www.freizeitforschung.at/Forschungsarchiv/02_2003/body_02_2003.html, Stand vom 01.11.2003. 81 Vgl. Zellmann, 2002, www.freizeitforschung.at/Forschungsarchiv/02_2003/body_02_2003.html, Stand vom 01.11.2003.
Um nun einen Überblick über die bevorzugten Freizeitaktivitäten zu gewähren, werden in der Folge weitere Studien vorgestellt.
• Lifestyle-Studie 2002: 82
Diese Studie ist zwar nicht speziell auf Jugendliche angelegt, doch sie zeigt einen allgemeinen Trend hinsichtlich Freizeitbeschäftigungen von Personen ab 15 Jahren. Dadurch kann auch gut verglichen werden, inwiefern sich Unterschiede zwischen der Bevölkerung im Allgemeinen und der Jugend im Speziellen auftun. Die Lifestyle Studie 2002 wurde als schriftliche Befragung von 4200 Österreichern ab 15 Jahren im Zeitraum vom 17.4 bis 29.5. 2002 durchgeführt. Nach ihren Ergebnissen verbringen die Österreicher die meiste Zeit vor dem Fernseher oder mit ihrer Familie. Mediennutzung nimmt generell einen großen Teil der Freizeit ein, nur das Internet kann mit den anderen Medien noch nicht mithalten. Auch mit Musik hören beschäftigen sich viele, wobei englische Popmusik am beliebtesten ist. Der letzte Hauptbereich, der für immerhin 79 % der Befragten einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Freizeit ausmacht, ist der Sport.
Diese Daten zeigen das Verhalten der Gesamtbevölkerung. Die Gruppe der Jugendlichen allein weist allerdings eine etwas andere Verteilung der Freizeitaktivitäten auf, wie im Vergleich die folgende Studie demonstriert.
• Bericht zu Lage der Jugend in Österreich
Das Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen hat einen Bericht zur Lage der Jugend in Österreich veröffentlicht, in dem in Zusammenarbeit mit dem ÖIJ (Österreichisches Institut für Jugendforschung) auch das Freizeitverhalten analysiert wird. Dazu werden verschiedenste Studien herangezogen und erläutert. 83
82 Vgl. Fessel-Gfk-Sozialforschung, 2002, S. 3f.
83 Vgl. Österreichisches Institut für Jugendforschung, 1999, S 1f.
Die folgende Grafik etwa stammt aus der oberösterreichischen Jugendstudie 1996, bei der 1265 oberösterreichische Jugendliche im Alter von 13 bis 21 Jahren befragt wurden. 84
Abbildung 4: Freizeittätigkeiten (Quelle: Dornmayer/Nemeth, 1996, o.S., zitiert nach: Österreichisches Institut für Jugendforschung, 1999, S. 8.)
Diese Studie zeigt wieder, dass vor allem die Musik eine übergeordnete Rolle im Leben der Jugendlichen spielt. Auch Fernsehen und Video nehmen eine wichtige Position ein. Obwohl diese ersten beiden Aktivitäten vermuten lassen, dass die Jugendlichen zu Passivität und Inaktivität neigen, zeigt schon der weitere Verlauf der Grafik, dass auch Fortgehen und Sport für fast die Hälfte der Befragten wichtige Freizeitaktivitäten sind. Mit dem Kulturgenuss in der Freizeit sieht es auch in dieser Studie eher schlecht aus. Zwar geben noch über ein Drittel der Jugendlichen an, öfter zu lesen, aber der Besuch eines Theaters oder ähnliches hat auch hier nicht einmal Eingang in die Statistik gefunden. 85
Eine Studie des Fessel GfK Institutes aus dem Jahre 1997, die ebenfalls im Situationsbericht aufscheint, beschäftigt sich dafür ausdrücklich auch mit den kulturellen Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen. Die Ergebnisse zeigen
84 Vgl. Österreichisches Institut für Familienforschung, 1997,
www.oif.ac.at/presse/bzw/artikel.asp?Rubrik=3&BZWArtikel=192, Stand vom 27.02.2004. 85 Dornmayer/Nemeth, 1996, o.S., zitiert nach: Österreichisches Institut für Jugendforschung, 1999, S. 8.
allerdings deutlich, warum dieser Bereich in den anderen Studien gar nicht erst erwähnt wird. Unter den 2000 Österreichern im Alter von 14 - 24 Jahren, die für die Studie befragt wurden, geben nur ein Prozent an, (sehr) häufig ins Theater zu gehen. In die Rubrik „öfters“ fallen gerade einmal 4 % der Jugendlichen und 26 % geben zu, nur selten ein Theater zu besuchen. Die restlichen 69 % tun dies überhaupt nie. Auch bei den Kategorien Kurse/Vorträge und
Museen/Ausstellungen, die ebenfalls im Rahmen der kulturellen Aktivitäten erfragt wurden, sieht die Situation nicht wesentlich besser aus. In beiden Fällen gibt ca. die Hälfte der Befragten an, ihre Freizeit nie mit diesen Dingen zu verbringen. 86
Eine ähnliche Studie, die 1999 durchgeführt wurde, zeigt, dass dieser Trend auch noch lange nicht in Veränderung begriffen ist. 87
• Jugendstudie 1999: 88
Diese Studie wurde im Auftrag der mobilkom austria AG von der Fessel-Gfk-Sozialforschung durchgeführt. Die Befragung von 1000 österreichischen Jugendlichen im Alter von 14 - 24 Jahren im Jahr 1999 zeigt, dass die Kultur immer mehr als „out“ abgestempelt wird. Nur 8 % der Jugendlichen gehen manchmal in Ausstellungen oder Museen, beim Theater sind es gerade noch 5 % und auch diese besuchen es nur von Zeit zu Zeit. Für einen gelegentlichen Besuch der Oper interessieren sich gar nur 2 % aller Befragten.
Im Allgemeinen bestätigt die Studie die Aussage, dass bei den Jugendlichen vor allem Freunde und Spaß im Mittelpunkt des Lebens stehen. Sie möchten einfach nur das tun, was ihnen gerade Spaß macht. Dazu zählt unter anderem Musik hören, was 95 % der Befragten zumindest öfter tun. Gleich danach folgt in der Rangliste das Fernsehen, das 77 % der Befragten zu seinen Fans zählen kann, das Kino kommt immerhin auf 52 %. Auch Fortgehen gehört zu den beliebtesten
86 Vgl. Fessel-Gfk-Sozialforschung, 1997, o.S., zitiert nach Österreichisches Institut für Jugendforschung, 1999, S. 10. 87 Vgl. Fessel-Gfk-Sozilalforschung, 1999, www.pc-prof.net/gewalt/Jugendstudie99.htm, Stand vom 27.02.04. 88 Vgl. Fessel-Gfk-Sozilalforschung, 1999, www.pc-prof.net/gewalt/Jugendstudie99.htm, Stand vom 27.02.04.
Freizeitaktivitäten, denn 53 % gehen gerne auf Parties, 51 % in Diskos und 41 % in Szenelokale. Noch viel lieber nützen die Jugendlichen die Zeit zum Einkaufen, denn fast zwei Drittel der Befragten zählen diese Tätigkeit zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Der Sport muss im Vergleich dazu zurückstecken, denn obwohl fast die Hälfe der jungen Leute angibt, häufig Sport zu betreiben, sind es doch 74 %, die lieber öfter ihre Zeit dem Relaxen widmen.
Wie aus der gerade erläuterten Studie zu entnehmen ist, gehört auch das Einkaufen zu den Tätigkeiten, denen die Jugendlichen gerne ihre freie Zeit widmen. Doch die Bedeutung des Konsums ist allgemein nicht zu unterschätzen. Bei dem Versuch, Spaß zu haben, lässt es sich kaum vermeiden, damit in Berührung zu kommen, wie im folgenden Kapitel noch näher erläutert wird.
3.2. Die Auswirkungen der Konsumgesellschaft auf die Jugend
Beim Betrachten der Statistiken, womit die Jugendlichen ihre freie Zeit verbringen, schließen manche Forscher darauf, dass es nicht gerade hohe Idealziele sind, die von dieser Generation verfolgt werden. Doch nicht, weil die Betreffenden nicht dazu in der Lage wären, sondern weil sie das für wichtig halten, was von der Industriegesellschaft gefordert und geboten wird. 89
Die Jugendlichen sind in dieser Gesellschaft aufgewachsen und haben gelernt, mit ihren Möglichkeiten zu leben und ihren Anforderungen zu entsprechen. 90 Das Motto heutzutage lautet „consumo ergo sum“, ich konsumiere also bin ich. 91 Noch zu den Zeiten, als die Eltern der heutigen Jugendlichen in diesem Alter waren, wäre ähnliches nicht vorstellbar gewesen. Konsum von Kindern oder Jugendlichen galt sogar als reine Verschwendung. In den letzten 50 Jahren hat sich diese
89 Vgl. Abels, 2000, S. 83.
90 Vgl. Gehmacher, 1981, S. 104. 91 Vgl. Hexel/König, 1990, S. 92.
Einstellung komplett geändert, ein hoher Lebensstandard ist für die heutige Jugend großteils selbstverständlich. 92
Die Konsum- und Freizeitinteressen stellen im dritten Jahrtausend zentrale Lebensbereiche der Jugendlichen dar, um die herum erst andere Gebiete angeordnet werden. Die Finanzierung der Freizeitgestaltung und Konsumtätigkeit ist oft auch ein bestimmendes Element der Beziehung zwischen Kindern und Eltern. 93 Insgesamt ist es jedoch so, dass den Jugendlichen immer mehr Geld zur Verfügung steht. Dies zeigt auch die Bravo-Studie aus dem Jahr 2002, die von Juni bis August 2002 in Deutschland unter 525 Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren durchgeführt wurde. Als Untersuchungsinstrument wurden vom Institut iconkids & youth dabei Face-to-Face-Interviews verwendet, aus denen unter anderem folgende Daten resultieren: 94
• Den 12 - 18jährigen stehen durchschnittlich 56 Euro im Monat zur Verfügung.
• 97 % von ihnen erhalten zusätzlich an Geburtstagen oder zu Weihnachten Geld, insgesamt 263 Euro im Jahr.
• 10 % der Jugendlichen haben Schulden in der Höhe von 163 Euro im Schnitt.
Aus diesen Zahlen ist ersichtlich, dass die Jugend eine enorm kaufkräftige Bevölkerungsgruppe ist, die ihr Geld auch ausgeben will, um die begrenzte Phase des Jugendalters zu genießen. 95 Dadurch wird sie immer mehr zum Wirtschaftsfaktor, weil die meisten nicht nur ihr Geld fast komplett für Freizeit und Konsum ausgeben können, sondern auch noch die Kaufentscheidung der Eltern mit beeinflussen. 96
92 Vgl. Kollmann, 1990, S. 139.
93 Vgl. Rathmayr, 1990, S. 112f. 94 Vgl. Bauer Media KG, 2002, S. 17. 95 Vgl. Kollmann, 1990, S. 155. 96 Vgl. Hurrelmann, 1997, S. 140f.
Konsum hat für die Jugendlichen allerdings nicht nur die Bedeutung von „Einkaufen gehen“. Zwar wird von vielen „Shopping“ als eine Art Entschädigung für negative Erlebnisse genutzt, doch im Wesentlichen ist Konsumzeit auch gleich Freizeit. Schließlich ist es kaum mehr möglich, ein Sozialleben zu führen, ohne in Lokale, Discos oder Kinos zu gehen, das Auto oder ein öffentliches Verkehrsmittel zu benützen, kurz gesagt, ohne Geld auszugeben, d.h. zu konsumieren. 97 Einkaufen bietet Unterhaltung und Information, vor allem aber auch Identität und soziale Nähe. Die Orte des Konsums sind gleichzeitig jene Plätze, wo etwas los ist, wo das urbane, öffentliche und soziale Leben stattfindet. 98
Entstanden ist diese Verlagerung des Soziallebens vom eigenen Zuhause oder der Straße weg in den 1950er Jahren, als die Jugendlichen auch erstmals wirklich Lokale besuchen und so am Leben der Erwachsenen teilhaben durften. 99 Seit damals hat sich vieles verändert, heute muss Freizeit praktisch außerhalb der Familie stattfinden. Freunde oder Clique sind fast eine Art kleine, private Gegenöffentlichkeit und die Zeit, die mit ihnen verbracht wird, ein Fluchtraum aus dem Alltag. Diese Treffen sind nun besser auf dem neutralen Boden eines Lokals durchzuführen, wo kein familiäres Umfeld stört und keine Bevormundung durch Erwachsene zu befürchten ist. 100
Neben den Ausgaben für dieses Sozialleben bleibt den meisten Jugendlichen aber immer noch genug Geld für wirkliche Konsumprodukte. Ganz oben auf der Liste stehen dabei Kleidung und Schuhe, für die mit Abstand am meisten Geld ausgegeben wird. Auch für die diversen Freizeitaktivitäten sind verschiedene Konsumartikel nötig, z.B. Sportartikel, Zeitschriften oder Bücher. 101
97 Vgl. Kollmann, 1990, S. 145ff.
98 Vgl. Tebbich, 2001, S. 9. 99 Vgl. Kollmann, 1990, S. 145ff. 100 Vgl. Kollmann, 1990, S. 150ff. 101 Vgl. Bauer Media KG, 2002, S. 18.
Eine Übersicht, wie viel Geld für welche Güter verwendet wird, zeigt folgende Abbildung, die ebenfalls aus der bereits erwähnten Bravo Jugendstudie stammt:
Abbildung 5: Höhe der Geldausgaben der Jugendlichen (Quelle: Bauer Media KG, 2002, S. 18.)
Wie aus der Grafik deutlich zu ersehen ist, erwerben die Jugendlichen hauptsächlich Dinge, die nach außen hin sichtbar sind, denn damit kaufen sie sich gleichzeitig ein Stück Identität. Früher waren es politische Überzeugungen und Ideale, die den Menschen Sinn spendeten und über die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen entschieden. Heute sind es Markenorientierung und Werbebilder und die Einstellungen dazu, welche die neue Gemeinsamkeit ausmachen. 102 Der Besitz gewisser Güter ist somit längst zum Ausdruck gesellschaftlicher Normalität geworden. 103 Ursprung davon sind meist die Jugendlichen. Es sind deren Zeitschriften, Musik und Moden, die immer wieder lebensstilprägend werden. Durch die Vielfalt von Rollen, welche die Jugendlichen in ihrer Welt ausfüllen, werden auch für alle anderen neue Normvorstellungen und Werte geschaffen. Früher gültige Vorstellungen werden ersetzt, ebenso wie Leitbilder, Erziehungsvorstellungen und Deutungsmuster, die bisher Alltagswissen und Traditionen lieferten. 104
102 Vgl. Lewis/Bridger, 2001, S. 28. 103 Vgl. Rathmayr, 1990, S. 114. 104 Vgl. Luger, 1991, S. 229.
Durch diesen Prozess gibt es natürlich auch immer wieder Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, die plötzlich unwichtig werden oder gar verschwinden. 105 Auch die Kultur und damit das Theater sind von diesem Schicksal betroffen. Das Leben wird nun als Unterhaltungs- und Erlebnisprozess gesehen, Kultur als Bildungsgut passt nicht in dieses Schema. Stattdessen wird zur Kultur erhoben, was kommerzialisierbar und auch konsumierbar ist. 106 Das Theater, das früher einmal Hilfe bei der Identitätsfindung geleistet hat, wird nicht mehr gebraucht. 107 Die Kinder von heute wachsen mit dem Markt auf, geprägt durch seine Produkte, Dienstleistungen und Absatzstrategien. Dieser Markt sucht seinen Anschluss an die junge Zielgruppe durch Werbung, Kinofilme, Fernsehserien, Computerspiele und vieles mehr, in immer neuen Inszenierungen. Durch diese Taktik werden ganz gezielt andere Werte propagiert als von den Erwachsenen oder durch die Schule. 108
Das ist einer der Gründe, weshalb die wenigsten Jugendlichen je ins Theater kommen würden, wenn nicht im Rahmen ihrer Schulklassen. Jene, die freiwillig hingehen, zählen zu einer Minderheit. Theater ist eben eine Kulturveranstaltung und damit kein Spaß, wie zB das Kino. Diese Einstellung wird durch die Medien vermittelt, deren versierteste Nutzer die Jugendlichen sind. 109
Aus den obigen Ausführungen ist zu entnehmen, dass das Verhältnis der Jugendlichen zum Theater sehr stark durch den beschriebenen Kreislauf aus Konsum und Medien geprägt ist. „In einer Kultur, die nur als wirklich auffasst, was mit Händen und Sinnen zu greifen ist, können menschliche Innenräume stets nur als vergegenständlichte (und damit produzierbare und verkäufliche Waren) erfahrbar werden.“ 110 Das passiert eben durch Werbung und Medien, die schon
105 Vgl. Rathmayr, 1990, S. 114. 106 Vgl. Richard, 1996, S. 89. 107 Vgl. Hentschel, 2002, S. 139. 108 Vgl. Hengst, 1999, S. 63ff. 109 Vgl. Merkel, 2002, S. 119. 110 Merkel, 2002, S. 102
so zum Hintergrund des Lebens geworden sind, dass vielen ihre Wirkung gar nicht bewusst ist. 111 Nähere Erläuterungen zu dieser Thematik sind im nächsten Kapitel zu finden.
3.3. Der Einfluss von Medien und Werbung auf Jugendliche
Die Medien haben mit dem Ende des 20. Jahrhunderts einen ungeahnt hohen Stellenwert in der Gesellschaft entwickelt. Sie beeinflussen Leben und Lebensstil massiv und sind sogar zu einer Art „Sozialisationsinstanz“ aufgestiegen, in dem sie in vielen Familien zu einem „Miterzieher“ werden. 112 Kinder und Jugendliche sind heutzutage bereits in einer frühen Lebensphase Teil der medialen Kultur. Sie erlangen beispielsweise Wissen, das vor wenigen Jahrzehnten überhaupt nur gebildeten Schichten zugänglich war, problemlos über elektronische Medien. Auch die sozialen Situationen werden dadurch verändert, sodass eine gänzliche Neuorientierung erforderlich ist. 113
„Mit jedem zusätzlichen Medienangebot steigt das Risiko, dass wir nicht mehr allein im materiellen, sondern immer mehr auch im geistigen Sinne zur Konsumgesellschaft verkümmern“ 114 Der Zugang zum Medienmarkt und der damit verbundenen kommerziellen Kultur ist für die Jugendlichen eine Möglichkeit der Befreiung aus den traditionellen Abhängigkeiten und Beengtheiten, ein Weg der Kontrolle durch die Erwachsenen zu entgehen. Gleichzeitig bedingt diese Befreiung aber auch die Suche nach neuen Orientierungshilfen, die dann in den Mustern der reinen Konsumkultur gefunden werden. 115
111 Vgl. Kreitzman, 1999, S. 59.
112 Vgl. Luger, 1990, S. 255ff. 113 Vgl. Hengst, 2002, S. 67. 114 Schuchardt, 1985, S. 12. 115 Vgl. Hengst, 1999, S. 80.
In Österreich wurden die Fernseher erst Mitte der 50er Jahre eingeführt, doch bereits 30 Jahre danach hatten dieses und andere Medien gerade bei der Jugend eine so hohe Wichtigkeit erreicht, dass erstmals von der „Multi-Media-Jugend“ die Rede war. 116 Heute ist der Einfluss der Medien überwältigend, ihre Nutzung ein selbstverständlicher Teil des Alltags und ihre Inhalte die Identifikationsfiguren der Jugend. 117 Manche Autoren stellten schon in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die neuen Medien hierzulande erst langsam Bekanntheit erlangten und damit der generelle Medieneinfluss gestärkt wurde, die Forderung nach einer kulturellen Abfederung. 118 Wie es damit nach der Jahrtausendwende, vor allem im Hinblick auf das Theater bestellt ist, wird im Kapitel 3.3.2 noch genauer erläutert. Zunächst werden jedoch die Funktionen der Medien im Allgemeinen und besonders im Zusammenhang mit der Jugend noch genauer analysiert.
3.3.1. Jugend und ihre Mediennutzung
Medien im Allgemeinen sind Kulturprodukte, die den aktuellen Zeitgeist widerspiegeln. 119 Als solche nehmen sie in Form von Fernsehen, Radio, Zeitungen, Internet usw. einige grundlegende Funktionen wahr, die nun erläutert werden, bevor auf die Mediennutzungsgewohnheiten der Jugendlichen näher eingegangen wird: 120
• Allgemeine Informationsfunktion
Darunter fallen vor allem Nachrichten oder aktuelle Meldungen, um auf dem Laufenden zu sein. In dieser Funktion vermitteln Medien Orientierung und regen zu sozialem Lernen an.
116 Vgl. Luger, 1990, S. 255ff.
117 Vgl. Merkel, 2002, S. 89. 118 Vgl. Schuchardt, 1985, S. 12. 119 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 21. 120 Vgl. Luger, 1990, S. 270.
• Erregung und Spielersatz
Um interessant zu sein, müssen Medien auch ein gewisses Maß an Abenteuer vermitteln können. Die Nutzer erwarten eine Emotionspalette von Spannung und Überraschung bis hin zur Aggression.
• Erleichterung und Flucht
Medien können durchaus auch eine kleine Traumwelt aufbauen, wo der Nutzer fern von der Wirklichkeit Sorgen und Frust vergessen kann.
• Konversation
Ein sicherlich zentraler Punkt der Mediennutzung ist es, die Kommunikation zu fördern, da mit anderen über Form und Inhalt des Gelesenen, Gehörten oder Gesehenen diskutieren werden kann.
Diese Funktionen werden natürlich für alle Nutzer erfüllt, doch wie bereits im Kapitel 3.3 angesprochen wird, stehen sie gerade mit der jungen Generation in einer besonderen Beziehung. Abgesehen von den Auswirkungen auf die Jugendlichen selbst, sind sie auch für das Bild dieser Personen in der Öffentlichkeit verantwortlich. Der ökonomisch und politisch gelenkte massenmediale Kommunikationsapparat greift die Fantasien der Jugend auf und sorgt für ihre massenwirksame Verbreitung, andererseits aber auch für eine Verharmlosung auf ein für die bestehende Gesellschaft erträgliches Maß. Das Bild, das von den jungen Leuten entsteht, ist daher ein stark filtriertes. 121 Generation X, Generation Golf und ähnliche Bilder, welche die mediale Öffentlichkeit vermittelt, bezeichnen keine realen Jugendgenerationen mehr, sondern Lifestyleformen. 122
Die betroffene Bevölkerungsgruppe selbst steht vor einem vielfältigen, aber auch sehr widersprüchlichen Angebot an Identifikationsobjekten. Der Medienmarkt stattet die Jugendszenen mit einer Unzahl von Bildern und Waren aus, deren
121 Vgl. Merkel, 2002, S. 84. 122 Vgl. Richard, 2002b, S. 49.
Auswahl nicht leicht fällt und vom Anerkennen anderer Personen abhängig gemacht wird. 123 Denn durch Ästhetik und ökonomische Rahmenbedingungen, die mit ihrer Nutzung verbunden sind, werden jene Aspekte, die sich der Einzelne aus dem breiten Angebot herausgreift, leicht zu Symbolen verschiedener kultureller Milieus, was sie wiederum zu einem Mittel der Distinktion macht. 124
Von besonderer Wichtigkeit sind dabei die neue Medien. Denn wie schon die bisher verbreiteten Leitbilder beträchtlichen Beitrag zur jugendlichen Selbstkonstruktion leisteten, übt der Computer mit seiner Vielfalt an medialen Gebrauchsmöglichkeiten erst recht einen wachsenden Einfluss aus. 125 Doch die Multi-Media-Generation weiß auch genau, wie sie die verschiedenen Medien für ihre Zwecke einsetzen kann, wobei sie auch ein völlig anderes Mediennutzungsprofil als ältere Generationen aufweist. Sie unterscheiden sich durch folgende Kriterien: 126
• Weit unbefangenere und intensivere Mediennutzung
• Das Fehlen von Berührungsängsten mit neuen Technologien
• Sichtweise der Medien als Freizeitangebot
• Medienkonsum auf Basis hoher kognitiver und kultureller Mobilität
Die Jugendlichen gehen viel zwangloser mit Medien und ihren Inhalten um. Für sie haben die Medien vor allem Warencharakter, ein Konsumgut mehr, das genutzt werden kann, um sich zu informieren, aber auch zu differenzieren und die eigenen Trends in der Öffentlichkeit zu verbreiten. 127 Wie das Verhältnis zwischen jungen und älteren Nutzern speziell im Bereich Internet genau aussieht, zeigt
123 Vgl. Merkel, 2002, S. 89f. 124 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 21. 125 Vgl. Merkel, 2002, S. 101. 126 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 12. 127 Vgl. Großegger/Heinzlmaier, 2002, S. 19f.
folgende Übersicht des Fessel Institutes, die aus mehreren Studien zusammengestellt wurde:
Abbildung 6: Entwicklung der Internetnutzung nach Alter in Österreich (Quelle: Bretschneider, 2003, S. 12.)
Wie aus der Abbildung ersichtlich ist, nutzten im Jahr 2002 bereits 87 % der 14 bis 19jährigen das Internet, während das bei Personen über 50 Jahre nur bei 39 % und bei jenen über 60 gar nur bei 10 % der Fall war. Zwar ist die Steigerungsrate mit 69 % und 80 % innerhalb von vier Jahren in diesen beiden Altersgruppen enorm hoch, doch auch bei den Jugendlichen beträgt diese noch 25 %, obwohl ohnehin fast jeder Angehörige dieser Altersgruppe zu den Nutzern zählt. Das zeigt deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit dieses Medium von der Jugend bedient wird. 128
Wie die Internetnutzung nun im Vergleich zu den anderen Medien abschneidet, zeigt die folgende deutsche Studie. Dabei wurden 546 Schüler an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien im Raum Siegen sowie im ländlichen Stuttgarter Raum mündlich befragt. Es handelt sich um Jugendliche im Alter
128 Vgl. Bretschneider, 2003, S. 12.
von 11 bis 19 Jahren, die anhand einer Klumpenstichprobe an fünf Schulen ausgewählt wurden. Die Befragung fand im Wintersemester 2002/2003 statt. Die Ergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt ca. 787 Minuten wöchentlich, d.h. über 13 Stunden mit diversen Fernsehprogrammen verbracht werden. Der Fernseher steht demnach noch immer am höchsten in der Gunst der Jugendlichen. Erst mit großem Abstand folgen Radio und Computer, denen etwa sechs bis sieben Stunden Zeit gewidmet werden. 129
Abbildung 7: Mediennutzung Jugendlicher (Quelle: Grimm, 2003, S. 7.)
Die Beziehung der Jugendlichen zu den verschiedensten Medien ist genau analysiert worden, doch was hat das nun mit ihrem Verhältnis zum Theater zu tun? Genau dieser Frage wird im folgenden Kapitel auf den Grund gegangen.
3.3.2. Theater - Neue Medien
Ob die Charakterisierung der Jugend als „Medienjugend“ übertrieben ist, liegt wohl im Auge des Betrachters. Dass der Einfluss der Medien auf ihren Alltag zumindest sehr groß ist, dürfte jedoch unbestritten sein. Umso verwunderlicher ist daher die Erkenntnis, dass das Theater eigentlich auch ein öffentliches und gesellschaftliches Kommunikationsmedium ist. 130 Um 1900 war es sogar noch mehr, nämlich das eigentliche Massenmedium. Eine Theateraufführung war ein
129 Vgl. Grimm, 2003, S. 7.
130 Vgl. Merkel, 2002, S. 116.
gesellschaftliches Ereignis, bei dem Bildung, Unterhaltung oder auch eine Welt zum Träumen geboten wurden. Dabei stand der Inhalt jedoch nicht im Vordergrund. Im Rahmenprogramm wurden wirtschaftliche wie politische Geschäfte abgeschlossen und durch die bloße Anwesenheit demonstrierten viele ihren gesellschaftlichen Rang. 131
Mit dem Aufkommen der audiovisuellen Medien hat sich das Verhältnis des Zuschauers zur theatralischen Vorführung komplett gewandelt. 132 Was früher ein Erlebnis war, verblasst heute neben Serien, Videoclips, Werbespots usw., die das einmalige Drama zum Teil der Alltagsrealität werden lassen. Schon Kinder sind Experten darin, wie das Leben spielt. Dadurch stellt sich die Frage, ob das Theater überhaupt noch gebraucht wird. Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Auf der Bühne wird keine zweite Realität kreiert, sondern gezeigt, dass die Handlungen der Menschen auch einen Hintergrund haben. 133 Das Spiel im Theater stellt dar, „was der Rationalität des Abbildens, der Logik der Aufklärung und der Perfektion des Entertainments sich entzieht“ 134 .
Das Theater hat die Wahl, vor der großen Medienkonkurrenz zu resignieren oder auch von ihr zu profitieren. Denn erst die künstliche Intelligenz macht den Wert des lebendigen Geistes bewusst. Das Schauspiel ist eine Art lebendige Virtualität mit einer materiellen Präsenz, die medial nicht zu ersetzen ist. 135 Der Fernseher läuft auch ohne Publikum, eine Aufführung nicht, das ist der große Unterschied. 136 Im Theater bleibt die Bühne immer als Bühne präsent, die Illusion ist stets offensichtlich, während der Film seine Zuseher aufnimmt und die künstliche Welt zur zweiten Realität werden lässt. 137 Das kann Nachteil, aber auch Chance für das
131 Vgl. Hirschmann-Altzinger, 2003a, S. 93.
132 Vgl. Merkel, 2002, S. 116f. 133 Vgl. Richard, 1999a, S. 57f. 134 Richard, 1999a, S. 58. 135 Vgl. Hentschel, 1999, S. 91. 136 Vgl. Richard, 1996, S. 87. 137 Vgl. Sonnenschein, 2001, S. 127.
Theater sein, wenn es akzeptiert, dass sein Reiz gerade im gegenwärtigen Geschehen, in der Kommunikation zwischen Spieler und Zuschauer liegt. 138
Wie es sich tatsächlich auswirkt, kommt darauf an, wie das Theater mit dem Verlust seiner Vitalität umgeht. Denn es ist nicht mehr der Ort, wo Ideen geschmiedet werden, die sich auf eine ganze Kultur auswirken. Diese Aufgabe hat der Film übernommen, schon allein deshalb, weil er durch Kino und Fernsehen mit viel mehr Leuten kommunizieren kann, als das Theater heutzutage. 139 Versucht das Theater nun durch ausgefeilte Technik, Bühnenbilder und Musik selbst zum multimedialen Ereignis zu werden, wird es versagen. Es kann die vollständige illusionäre Identifizierung des Films nicht nachahmen und bietet dem Zuschauer höchstens eine gute Show, von der er nichts mitnimmt. Die andere Möglichkeit ist, sich als konkrete Alternative zum theatralisch-massenmedialen Gesamtkunstwerk zu positionieren. Im Einzelnen heißt das, gekonnte Darstellung der Schauspieler statt technischer Effekte und Faszination durch die Geschichte statt inhaltsloser Beeindruckung. 140
Gerade bei den Jugendlichen trifft das besonders zu. Kinofilme sprechen ihr Lebensgefühl mehr an, als jedes - wenn auch eigens für sie produziertes -Theaterstück. Als versierte Mediennutzer nehmen sie es auch sehr übel, wenn versucht wird, ihnen ein billiges multimediales Spektakel unterzujubeln, denn für mehr fehlen meistens ohnehin die Mittel. Besser kommt da schon ein spontanes, improvisierendes Spiel, eine offene Kommunikation mit dem Publikum an. Ähnlich wie in einem interaktiven PC-Spiel, soll auch hier nicht jeder Schritt festgelegt sein. Gerade das Jugendtheater hätte auf diese Art eine Chance zu jener Lebendigkeit zu gelangen, welche die Jugendlichen ebendort so sehr vermissen. 141
138 Vgl. Jahnke, 2002, S. 204.
139 Vgl. Sonnenschein, 2001, S. 125. 140 Vgl. Merkel, 2002, S. 116ff. 141 Vgl. Merkel, 2002, S. 119ff.
Im schönen Schein der allgegenwärtigen Werbungs-, Waren- und Mediawelten und ihren unzähligen Bildern entsteht in den Leuten durchaus die Sehnsucht nach mehr Realität. Im Fernsehen wird versucht, das mit Realityshows abzudecken. 142 Das Theater aber bietet unwiederholbares Erlebnis gegen beliebiges Umschalten, Live-Erfahrung gegen technische Vermittlung, Einmaligkeit gegen
Massenreproduktion und Betreiben eines Zeitaufwandes gegen sinnlosen Zeitvertreib. 143 Die Schauspielbetriebe haben demnach nicht nur auch im Zeitalter der elektronischen Medien ihre Existenzberechtigung, sondern auch Überlebenschancen. Um die Bühne als Ort der Produktion gesellschaftlichen Sinns zu behaupten, müssen sie sich allerdings neu definieren, denn weder Kopieren noch Ignorieren der Konkurrenz ist zielführend. 144
Obwohl die Zukunftsprognosen für das Theater - auch im Bereich Jugend - gar nicht so negativ sind, ist es trotzdem ein eigenes Kapitel, überhaupt an diese Zielgruppe heranzukommen. Dieses wird im Folgenden behandelt.
3.3.3. Kulturmarketing
Die Jugendlichen sind eine hoch komplexe, aber auch sehr kaufkräftige Zielgruppe, mit der sich die Kommunikation allerdings nicht immer einfach gestaltet, denn als anspruchslos können sie gerade nicht bezeichnet werden. Durch ihre hohe Medienkompetenz sind sie extrem vielen Werbebotschaften ausgesetzt und trotzdem ganz und gar nicht bereit, sich leicht manipulieren zu lassen. Die richtige Mischung aus Spaß und Sinn muss es sein, damit die Nachricht überhaupt bei ihnen ankommt. Doch diese zu finden, ist für die Marketingprofis kein Leichtes. 145 Damit passt die junge Zielgruppe perfekt in das Bild des „Neuen Konsumenten“, der sich vor allem durch das Streben nach
142 Vgl. Hentschel, 2002, S. 144.
143 Vgl. Giera, 1998, S. 85. 144 Vgl. Jahnke, 2002, S. 196ff. 145 Vgl. Großegger, 1999, S. 52f.
Authentizität auszeichnet und des Weiteren durch Individualismus, Unabhängigkeit, starker Involvierung und hohem Informationslevel auszeichnet. 146
Die folgende Grafik zeigt das Psychogramm des neuen Konsumenten im Überblick:
Abbildung 8: Psychogramm des neuen Konsumenten (In Anlehnung an: Lewis/Bridger, 2001, S. 20.)
Aus diesen Charakteristika lassen sich Kriterien für eine effiziente Kommunikation mit der Jugend ableiten. Dazu müssen vor allem drei grundlegende Eckpunkte beachtet werden: 147
• Hochwertige Informationen
• Emotionale Verdichtung
• Beziehungsstrategie
146 Vgl. Lewis/Brigder, 2001, S. 20f. 147 Vgl. Großegger, 1999, S. 70.
Im Detail drücken diese Kriterien aus, dass der gesamte Kommunikationsprozess mit den Jugendlichen gut geplant und fein abgestimmt sein muss. Gerade durch den vorherrschenden „information overflow“ haben konkrete, hochwertige Informationen einen besonders hohen Marktwert. 148 Genau wie für die Produkte und Dienstleistungen selbst, gilt auch hier Authentizität als Schlagwort. Authentisch ist aber nur das, was durch Qualität und Zuverlässigkeit einen langfristigen Wert darstellen kann. 149
Alles das muss vom Theater beachtet werden, wenn mit der jungen Zielgruppe kommuniziert werden soll. Dazu kommt nun auch noch, dass der Kulturbetrieb selbst eine besondere Einrichtung ist, wo das Marketing nicht nach den üblichen Kriterien funktioniert. 150 Es ist die Adaption der allgemeinen Marketingregeln auf die speziellen Handlungsfelder der Bereiche Kunst und Kultur nötig. 151 Denn die kulturelle Dienstleistung ist immateriell und ungreifbar, sie kann nicht ausprobiert werden. Der Käufer geht damit ein hohes Risiko ein, zumal zu der Zeit, wo ein Theaterstück für ihn beworben wird, dieses oft noch weit weg von der Fertigstellung und daher noch weniger darstellbar ist. Auch sind Vorstellungen nicht lagerfähig und vergänglich. Was nicht bis zum Termin der Aufführung verkauft ist, wird auch nicht mehr verkauft. Eines der wichtigsten Kriterien ist allerdings der Besucher. Dieser ist nicht nur passiver Konsument, sondern kann durch sein Eingreifen (zB Begeisterung oder Buh-Rufe) die Produktion beflügeln oder zerstören. 152 Diese aktive Beteiligung ist durchaus wünschenswert, wenn sie positiver Natur ist. Das heißt nicht, dass der Zuschauer kritiklos konsumieren soll, sondern nur, dass er nicht negativ beeinflusst wird. 153
148 Vgl. Großegger, 1999, S. 61.
149 Vgl. Lewis/Bridger, 2001, S. 44. 150 Vgl. Ayen, 2002, S. 9. 151 Vgl. Heinrichs/Klein, 2001, S. 196. 152 Vgl. Klein, 2001, S. 26ff. 153 Vgl. Ayen, 2002, S. 12.
Um dies zu verwirklichen, ist es wichtig, seine Bedürfnisse und Erwartungen zu kennen. Die meisten Dienstleistungsbetriebe haben die Möglichkeit, zunächst den Bedarf der Konsumenten zu erheben und dann das Produkt zu erstellen. Beim Kulturbetrieb liegt jedoch oft eine fertige Aufführung vor, für die dann erst das passende Publikum gefunden werden muss. Diesen zukünftigen Bedarf abzuschätzen, birgt ein wesentlich höheres Risiko. 154
Der Zuseher verspricht sich in mehrfacher Hinsicht Nutzen von einem Theaterabend. Zum einen möchte er natürlich ein qualitativ hochwertiges Stück sehen, aber auch der soziale Kontext spielt eine wichtige Rolle. Häufig werden Theaterbesuche in Begleitung gemacht. Sollten nur wenige Zuschauer an der Aufführung teilnehmen, erzeugt das auch ein gewisses Unbehagen. Hinzu kommt noch die Erwartung eines gewissen Services, das teilweise schon vor der Aufführung, beispielsweise bei der Kartenbestellung beginnt. All diese Punkte kann ein Schauspielbetrieb mit diversen Strategien abdecken, doch am schwierigsten ist es, mit dem letzten Kriterium, dem symbolischen Nutzen, umzugehen. Das Image zu bearbeiten ist keine einfache Sache und doch notwendig, denn keiner hat Lust, seine Zeit mit etwas zu verbringen, das als verstaubt gilt. 155
Bezogen auf die jungen Leute, die dem Theater nicht zuletzt durch dieses Imageproblem immer mehr abhanden kommen, wird die ganze Sache nun noch einmal schwieriger. 156 Wie schon erwähnt, ist es ohnehin nicht möglich „die Jugend“ hinsichtlich ihrer Eigenschaften in einen Topf zu werfen. In einer Gesellschaft, wo die Verbraucher generell eigene Wege gehen oder bestenfalls in Kleingruppen zusammengefasst werden können 157 , ist die Generation, welche den Individualismus am meisten würdigt, kaum noch allgemein anzusprechen. 158
154 Vgl. Ayen, 2002, S. 9f. 155 Vgl. Klein, 2001, S. 22ff. 156 Vgl. Richard, 1999b, S. 11. 157 Vgl. Lewis/Bridger, 2001, S. 30. 158 Vgl. Großegger, 1999, S. 67.
Hier kommt nun ein weiterer Aspekt einer effizienten Kommunikation, die Beziehungsstrategie, ins Spiel. Es geht darum, ein trendiges Erlebnisprofil aufzubauen, die ohnehin schon hohen Erwartungen des einzelnen Jugendlichen zu übertreffen und ihn zu begeistern. Um das zu schaffen, muss genau der richtige „Szene-Mind“, d.h. das Flair der passenden Jugendkultur getroffen werden. 159 Denn die Bedingungen dieser Jugendkulturen wirken sich auch auf das Theater aus, wenn es ein junges Publikum anziehen will. Es muss mit den gängigen Vorstellungen dieser Generation und ihrer Kultur mithalten und die Denk- und Wahrnehmungsweise ihrer Mitglieder aufgreifen. 160 Bevor erläutert wird, wie Theaterbetriebe mit dieser Herausforderung umgehen, soll das nächste Kapitel einen kleinen Einblick gewähren, wie diese bunte Welt der Jugendkulturen eigentlich aussieht.
159 Vgl. Großegger, 1999, S. 70f.
160 Vgl. Richard, 1996, S. 91.
4. Jugendkultur
Der Begriff „Jugendkultur“ ist in dieser Arbeit bereits mehrfach verwendet worden, doch was steckt eigentlich dahinter? Das Problem der genauen Definition beginnt bereits bei dem Wort Kultur. Dieses stammt ursprünglich aus der lateinischen Sprache und bedeutete zunächst Ackerbau und Pflege, aber auch Veredelung oder Vervollkommnung des Geistes, der Seele oder der Sitten. 161
Das schillernde Phänomen der Jugendkulturen scheint nun zunächst gar nicht zu dieser Erklärung und den Assoziationen, die der Begriff Kultur im Allgemeinen bei den meisten Menschen wachruft, zu passen. Schließlich dreht es sich um etwas, das sich laufend und in hohem Tempo verändert und immer vielfältiger wird. 162 Der Ursprung des Kulturbegriffs jedoch stammt aus einer Zeit, als Veränderungen noch nicht so rasch vor sich gingen und die Menschen wussten, was als nächstes kommen würde. 163 Trotzdem hat sich auch das Spektrum dieses Begriffs im Laufe der Zeit erweitert. Es erfolgte eine Trennung in einen materiellen Bereich der Kultur, der Werkzeuge und Bauten beinhaltete, und einen geistigen Teil, der alles andere von Literatur über Politik bis zu Sitten und Wertvorstellungen inkludierte. Diese Definition hat sich bis heute über den gesamten Bereich des zwischenmenschlichen Verhaltens, der soziales und kultiviertes Leben ermöglicht, ausgeweitet. 164
Wird das Kulturverständnis in dieser Form nun auf die Welt der Jugendlichen umgelegt, zeigt sich, dass „hier spezifische Inhalte und Formen der materiellen, vor allem aber der geistigen Kultur abgebildet werden: als Ausdruck von Eigenständigkeit, eines eigenen Lebensgefühls und eigener Werthaltungen“ 165 .
161 Vgl. Schäfers, 1998, S. 161.
162 Vgl. Schröder/Leonhardt, 1998, S. 11. 163 Vgl. Hall, 1989, S. 41. 164 Vgl. Schäfers, 1998, S. 161. 165 Schäfers, 1998, S. 161.
Kurz und bündig kann die Jugendkultur als die Alltagskultur der Jugendlichen beschrieben werden. 166 Diese wiederum ist nicht von vornherein eine Teilkultur der Gesellschaft, sondern wird zu einer solchen, wenn „die Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Weltanschauung, der Aktivitäten, der Kleidung, der symbolischen Handlungen, der Sprache und anderer Elemente eines Lebensstils zu einem Zugehörigkeitsgefühl führen“ 167 . Die Komponenten, die diese Kultur prägen, sind vor allem die bereits behandelten Bereiche Freizeit, Konsum, Medien sowie die Beziehung zu Gleichaltrigen. 168 Ansonsten zählen für die Jugendlichen in diesem Rahmen besonders Individualität, Selbstperformance und Stil. Daher kommt auch das Motto „Be a difference“, das über die verschiedensten Unterteilungen der Jugendkultur hinweg zutrifft. 169 Gemäß diesem Grundsatz sind die Jugendlichen zum Barometer der Gesellschaft geworden. In und mit ihrer Kultur bringen sie den jeweiligen Zeitgeist auf den Punkt. 170
Jugend und Jugendkultur sind dadurch zu etablierten Erscheinungen der Gesellschaft geworden, zu der sowohl die Kommerzialisierung als auch die schnelllebigen Moden, Stile und Trends untrennbar dazugehören. 171 Zusammenfassend lässt sich daher feststellen: „Jugendkulturen sind beides, ein Spiegelbild der sozialen und kulturellen Lebensbedingungen einer Gesellschaft und der Ausdruck der psychischen Verfassung von Individuen in einer altersspezifischen Übergangsphase.“ 172
Nicht immer hatten Jugendkulturen allerdings den bedeutenden Status in der Gesellschaft, den sie heute einnehmen. Erst am Beginn des 20. Jahrhunderts, als zumindest die bürgerlichen Jugendlichen, die es sich leisten konnten, erstmals ein
166 Vgl. Großegger/Heinzlmaier, 2002, S. 6. 167 Schröder/Leonhardt, 1998, S. 17. 168 Vgl. Aichinger, 1990, S. 233. 169 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1999, S. 10. 170 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 26. 171 Vgl. Schäfers, 1998, S. 204. 172 Schröder/Leonhardt, 1998, S. 33f.
eigenes Freizeitverhalten auszubilden begannen, entwickelten sich langsam einige Gruppierungen, die heute als Grundsteinlegung zu den ersten Jugendkulturen gesehen werden. 173 Die darauf folgenden Entwicklungen werden im folgenden Kapitel überblicksmäßig erläutert.
4.1. Entwicklung der Jugendkultur
Wo die Geschichte der Jugendkultur eigentlich beginnt, ist schwer festzustellen. Zwar gab es schon bei den Revolutionen des 19. Jahrhunderts Bündnisse von jungen Arbeitern und Studenten, die gemeinsam kämpften, doch diese werden nicht als erste Formen einer Jugendkultur angesehen. 174 Trotzdem liegen die Wurzeln der Jugendbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts als die Universitäten einen enormen Zustrom an Jugendlichen aufwiesen, die sich durch ihr Studium einen gewissen Status sichern wollten. Die Situation am Arbeitsmarkt blieb zwar schlecht, doch gerade deswegen begannen sich einige Jugendliche, in - teilweise politisch motivierten - Organisationen zusammenzufinden. Oft wurden diese Bündnisse auch noch geheim gehalten, was für viele einen zusätzlichen Anreiz zum Beitreten bot. 175
In dieser Epoche wurde, wie bereits im zweiten Kapitel erläutert, zudem das jugendliche Leben endlich als gesellschaftliche Normalität anerkannt, womit auch eine Ausweitung der autonomen Befugnisse der Jugendlichen einher ging. Mit ebenfalls zunehmend eingesetzter pädagogischer und sozialer Kontrolle bot sich nun der Hintergrund für die Ausprägung eines eigenen jugendlichen Freizeitverhaltens. 176 Alle diese Entwicklungen gipfelten schließlich 1901 in der offiziellen Gründung eines Jugendvereines - der Wandervögel. 177
173 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 140f.
174 Vgl. Rosenmayr, 1962, S. 14ff. 175 Vgl. Gillis, 1980, S. 95ff. 176 Vgl. Dudek, 1993, S. 305ff. 177 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 140f.
Dies war der ausschlaggebende Punkt, der im deutschsprachigen Raum als Wurzel der jugendkulturellen Bewegung gesehen wird. Gleichzeitig entstanden europaweit viele andere solcher Institutionen, wie z.B. die englischen „Scouts“. 178 Alle diese Vereine waren einerseits der Ausdruck dessen, was die Pädagogen als normale und optimale Freizeitbeschäftigung für die Jugendlichen empfanden 179 , als auch gleichzeitig für diese ein Forum, um bei Wanderungen und Lagerfeuer mit Freunden gegen die Konventionen zu rebellieren. 180
Für die Jugendlichen war diese Form der Freizeitgestaltung zum ersten Mal eine Möglichkeit, ohne gesellschaftliche Zwänge agieren zu können und ohne Rücksicht auf soziale Unterschiede miteinander umzugehen. 181 Deshalb dauerte es wohl auch bis in die 1920er Jahre, bis neue, eigene Formen von Jugendbewegungen entstanden. Hier ging der Trend natürlich zunächst weg von der - von der Gesellschaft akzeptierten - Form des Zusammenseins der Wandervögel. Cliquen vornehmlich arbeitsloser Jugendlicher bildeten sich, in denen viel Alkohol getrunken, sowie geraucht wurde und körperliche Stärke ein wichtiges Statussymbol ausmachte. 182 Bald mischten sich auch politische und nationale Elemente in die Jugendbewegungen, was in den 1930er Jahren seine Vollendung in den verschiedenen Gruppierungen der Hitlerjugend fand. 183
Nach 1945 regierte die Not und das Überleben stand im Vordergrund, so dass die Jugendlichen rasch zu pragmatischeren Leitbildern wechselten. Es war eine „Jugend ohne Jugend“ 184 , die sich irgendwie durchschlagen und erwachsene Rollen übernehmen musste. 185 So kam es, dass in den 1950er Jahren zunächst
178 Vgl. Gillis, 1980, S. 141f.
179 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 142. 180 Vgl. Rosenmayr, 1962, S. 14ff. 181 Vgl. Gillis, 1980, S. 150. 182 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 142. 183 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 53f. 184 Ferchhoff, 2000, S. 55. 185 Vgl. Ferchhoff, 2000, S. 55.
eine hohe Orientierung nach Werten, Ordnung und Anstand erfolgte. 186 Aber es dauerte nicht lange, bis es unter dieser konservativen Oberfläche, an der die Eltern als das größte Idol herrschten, wieder zu brodeln begann. 187 Viele Dinge aus Amerika, wie Jeans, Nagellack oder Motorräder, überschwemmten in dieser Zeit Europa und manche, wie zB der Rock ’n Roll wurden zum Code für den Aufstand. 188 Erstmals wurden auch stilistische Elemente aus der Film-, Mode- und Musikindustrie übernommen. 189
Doch bald entstand bei den Jugendlichen die Forderung, nach den gleichen Rechten und Pflichten wie bei den Erwachsenen und politische und soziale Organisationen erlebten einen neuen Zustrom. 190 Die großen Veränderungen hatten sich jedoch auch im darauf folgenden Jahrzehnt noch nicht durchgesetzt. Die meisten Subkulturen waren in Österreich auch nur in gemäßigter Form vorzufinden, da sie erst durch Medienvermittlung hierher gelangten und daher um vieles entschärfter waren als anderswo. 191 In dieser Zeit gewann der Großteil der Jugendlichen eine immer positivere Einstellung gegenüber der
Leistungsgesellschaft, dem Konsum und dem Kapitalismus. Gleichzeitig dehnte sich die Jugendphase in die Postadoleszenz hinein aus. 192 Dadurch erweiterte sich das Spektrum der äußeren Einflüsse und die bisher klar überschaubaren einzelnen Kulturen entfalteten sich zu einem Pluralismus an Szenen und Stilen mit kaum überschaubaren Grenzen. Viele neue Stile kamen hinzu, während sich andere veränderten oder verschwanden. Gemeinsam war ihnen, dass sie eine Art kulturelle Artikulationsmöglichkeit für die Jugendlichen darstellten, die nach außen hin Abgrenzung und nach innen Zugehörigkeit schuf. 193
186 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 143. 187 Vgl. Großegger, 2002, S. 32. 188 Vgl. Großegger, 2002, S. 14ff. 189 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 144. 190 Vgl. Gillis, 1980, S. 187ff. 191 Vgl. Luger, 1990, S. 280ff. 192 Vgl. Großegger, 2002, S. 58ff. 193 Vgl. Ecarius/Fromme, 2000, S. 147f.
Trotz der Vielfalt gehört nicht jeder Jugendliche zu einer bestimmten kulturellen Gruppierung. Die Möglichkeit, sich durch Selbsttypisierung von den Erwachsenen abzugrenzen, nutzen allerdings fast alle. Jede Form der Jugendkultur hat ihre ganz eigenen Zeichen, die sich durch Sprache, Kleidung, Accessoires oder Musik ausdrücken und die jeder, der sie kennt, benutzen kann, um sich eine Identität zu geben. 194 Dieser geschichtliche Überblick zeigt nun deutlich, dass die Jugendlichen eine eigene Definition von Kultur haben und auch leben. Die Ursache für ihre Entstehung wird im nächsten Kapitel genauer unter die Lupe genommen.
4.2. Peer-groups
„Bezugsgruppen sind dadurch charakterisiert, dass an ihnen Handeln und Vorstellen, Motive und Einstellungen, Urteile und Vorurteile in ganz besonderer Weise orientiert sind.“ 195 Solche Bezugsgruppen sind für jeden und gerade für noch in ihrer Entwicklung befindliche Personen wichtig und werden ursprünglich durch die Herkunftsfamilie dargestellt, durch die unter anderem folgende Faktoren ausgeprägt werden: 196
• Sprachmilieu
• Konfliktverhalten
• Kulturelles Aspirationsniveau
• Einstellung zu Kultur und Politik
Diese Dinge werden bereits in der Kindheit vermittelt, wo der Wunsch, so zu sein wie Mutter oder Vater, automatisch vorhanden ist. 197 In der Pubertät löst sich der
194 Vgl. Luger, 1990, S. 282f. 195 Schäfers, 1998, S. 115. 196 Vgl. Schäfers, 1998, S. 115ff. 197 Vgl. Griese, 2000, S. 215.
Jugendliche üblicherweise von der Familie und wendet sich Gleichaltrigen zu. Der Einfluss der Eltern wird zurückgedrängt und generell werden alle Autoritäten sehr kritisch hinterfragt. 198 Studien zeigen allerdings, dass die Eltern nicht komplett jede Vorbildwirkung verlieren, sondern nur auf den Bereich der Bildungs- und Berufsorientierung reduziert werden, während die Orientierung im Freizeit- und Unterhaltungsbereich nach den Gleichaltrigen erfolgt. 199 Wie das vor sich geht, wird in der Folge eingehender betrachtet.
4.2.1. Gruppen, Cliquen und Szenen
Um dieses Thema zu behandeln, ist zunächst eine Differenzierung der Begriffe wichtig. Denn auch eine Gruppe muss Kriterien erfüllen, um diese Bezeichnung zu Recht tragen zu können. Ihre wesentlichen Charakteristika lauten wie folgt: 200
• Intensive soziale Interaktion
• Gemeinsame Normen und Ziele
• Zusammengehörigkeitsgefühl
• Funktionales, flexibles Rollensystem
• Mindestens drei Personen
Die Peergroup, welche sich einfach als Gruppe Gleichaltriger definiert, passt sehr gut in dieses Konzept hinein. Meistens bezeichnen sich diese Gruppen nach außen hin aber als Cliquen, was für einen besonders starken Zusammenhalt und eine deutliche Abgrenzung spricht. 201 Deren Stil ist wiederum von der oder den Szenen, d.h. den „sozialen Netzwerken, in denen sich Jugendliche mit gleichen
198 Vgl. Schaefberger, 1999, S. 185.
199 Vgl. Hurrelmann, 2004, S. 126ff. 200 Vgl. Heinrich, 2002, S. 300. 201 Vgl. Schröder/Leonhardt, 1998, S. 18.
kulturellen Interessen und ähnlichen Weltanschauungen zusammenfinden“ 202 , geprägt. Viele finden in den Welten ihrer Szene eine soziale Heimat und dementsprechend hoch ist der Stellenwert der Szenen und Cliquen, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird.
4.2.2. Die Bedeutung von Peergroups
Die erwähnte emotionale Heimat ist für die Jugendlichen bei weitem wichtiger als Mode, Musik oder andere Trendartikel, wie die folgende Abbildung aus der Bravo Faktor Jugend 6 Studie zeigt. 203
Abbildung 9: Der Stellenwert von Freunden und Clique in den jugendlichen Lebenswelten (Quelle: Bauer Media KG, 2002, S. 11.)
Die obige Abbildung 9 zeigt sämtliche Bestandteile, die in den jugendlichen Lebenswelten eine Rolle spielen und je weiter innen diese gereiht sind, desto stärker ist die psychologische Nähe. Dabei sind Freunde, Familie und das eigene Zimmer - drei Faktoren, welche die emotionale Heimat gestalten - unter den
202 Großegger/Heinzlmaier, 2002, S. 6.
203 Vgl. Bauer Media KG, 2002, S. 11.
absolut wichtigsten Themen zu finden. 204 Trotzdem fällt in dieser Grafik auf, wie sehr Medien und Konsum die Lebenswelt der jungen Menschen dominieren. „Die Geschichte der Jugendkulturen ist auch eine Geschichte der Versuche, Jugendliche medial zu vereinnahmen.“ 205 Gerade in den sich ständig wandelnden Jugendkulturen stellen Medien für die Jugendlichen auch eine Art Freund und Begleiter dar. Denn erst durch das, was er durch Zeitschriften oder Fernsehen erfährt, weiß der Jugendliche, was er eigentlich braucht, um dabei sein zu können. Die Medien sind somit die Eintrittskarten zur Jugendkultur und damit auch zu Gleichaltrigen und Cliquen. 206
Über das Leben der Jugendlichen in einer stark von Konsum, Freizeit und Medien dominierten Welt und auch über den Stellenwert des Theaters darin, ist bereits im Kapitel 3 vieles erläutert worden. Auch in der Welt der Jugendkulturen sind die Medien zentral, da sie durch eine Art doppelter Gatekeeperfunktion entscheiden, was bis zur breiten Öffentlichkeit und auch zur Konsumindustrie vordringt und welches Echo von dort wieder zu den Jugendlichen zurückgeleitet wird. 207 Damit sind sie verantwortlich, über welche Themen die Leute überhaupt nachdenken oder sich sogar intensiver damit beschäftigen. 208 Weil diese Medienrealität so mächtig ist, ist sie auch für die Materie Theater wichtig. Es muss für den Eingang dieses Bereichs in die Medienwelt der Jugendlichen gekämpft werden, denn alles, was nicht auf diese Art zu dieser Bevölkerungsgruppe vermittelt wird, hört für sie auf zu existieren. 209 Diese Themen werden nicht von den Erwachsenen übernommen, sondern von den Peergroups, die sie wiederum von den Medien abschauen. 210 Aus diesem Grund sind die Bereiche Medien und Jugendkultur mit ihren Peergroups und Szenen auch für das Verhältnis zum Theater so wichtig und
204 Vgl. Bauer Media KG, 2002, S. 11.
205 Luger, 1990, S. 278.
206 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 42ff. 207 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 45ff. 208 Vgl. Kroeber-Riel/Weinberg, 2003, S. 595. 209 Vgl. Lindemann/Wandke, 1998, S. 141. 210 Vgl. Hengst, 1999, S. 77.
es wird in der Folge noch etwas näher auf das genaue Verhalten sowie den Aufbau dieser angesprochenen Szenelandschaft eingegangen.
4.3. Szenelandschaften
„Szenen sind soziale Netzwerke. Sie entstehen überall dort, wo Menschen freiwillig gemeinsame Interessen, Werthaltungen und Freizeitaktivitäten entwickeln oder ganz einfach die gleichen Konsumartikel schön finden. Szenen sind an die Stelle der traditionellen Strukturen der Gesellschaft getreten, die durch soziale und lokale Herkunft, Bildungshierarchien etc. bestimmt waren. Sie sind die letzten Ordnungselemente einer Gesellschaft, die sich strukturell mehr und mehr verflüßigt.“ 211 Um die Jugend auf diese szeneorientierte Weise zu betrachten, müssen allerdings noch einige weitere Punkte beachtet werden: 212
• Die meisten Jugendlichen gehören zu mehr als einer Szene und werden daher als „Szenesurfer“ bezeichnet. Die Abgrenzungen zwischen diesen einzelnen Szenen sind oft unscharf, doch existieren die meisten ohne größere Rivalität nebeneinander.
• Die Szenen bieten Orientierung und Ideologien für alle, die diese in der Gesellschaft nicht mehr finden können. Sie helfen, die Welt einzuordnen und ihr einen Sinn zu geben, das „Anderssein ohne ideologische Opposition“ wird möglich gemacht.
• Szenewelten bestehen hauptsächlich aus Konsumobjekten und Äußerlichkeiten.
• Die meisten Szenen sind global, haben Mitglieder aus einer breiten Bevölkerungsschicht und wirken sich auch auf deren Alltag aus.
211 Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 7.
212 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1998, S. 158f.
Diese Szenen sind die Einzelteile der gesamten Jugendkulturen, die auf die eine oder andere Weise dem Jugendlichen dabei helfen, sich abzugrenzen, und die auf große Beliebtheit stoßen. Der Grad der Partizipation ist dabei sehr unterschiedlich und wird im nächsten Kapitel behandelt.
4.3.1. Der Szenenaufbau
Fast bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war es so, dass jeder Jugendliche seine Szene hatte, neben der es keine andere gab. Heute kann es durchaus von der momentanen Stimmung abhängen, welchem der vielen sozialen Netzwerke sich der Einzelne gerade zugehörig fühlt. 213 Das Tempo des Wechsels hängt von der „Szenensphäre“ ab, wobei sich, jede Szene in drei solche Sphären, die Kern-, die Freizeit- und die Randszene teilt. 214
Zur Kernszene gehören nur jene Jugendlichen, die sich wirklich voll und ganz mit dieser Szene identifizieren, deren Leben hauptsächlich aus dieser Szene besteht und die auch meist keiner anderen angehören. 215 Oft sind diese Personen Vorbilder für alle anderen Mitglieder, da sie auch die Richtung bestimmen und für kulturelle Innovationen sorgen. 216 Zur Freizeitszene zählen hingegen jene, die zwar auch voll dazugehören, doch der Szene nicht so einen wichtigen Platz in ihrem Leben einräumen und sich außerdem noch mit anderen Szenen identifizieren. Für sie ist die Zugehörigkeit nicht Lebensinhalt sondern nur Spaß. 217
Am wenigsten intensiv sind die Mitglieder der Freizeit- oder auch Mainstreamszene am Geschehen dort beteiligt. Diejenigen, die zu dieser Sphäre gehören, stehen nur am Rande mit der Szene in Berührung und messen ihr keine besondere Bedeutung bei. Sie bringen auch keine neuen Aspekte ein, sondern
213 Vgl. Großegger/Heinzlmaier/Zentner, 1999, S. 10. 214 Vgl. Heinzlmaier, 1999b, S. 29. 215 Vgl. Heinzlmaier, 1999b, S. 29. 216 Vgl. Großegger/Heinzlmaier, 2002, S. 21. 217 Vgl. Heinzlmaier, 1999b, S. 29f.
sind bestenfalls Imitatoren, die auch über kein spezielles Wissen verfügen. 218 Zumindest ein Minimum an diesem Wissen ist für jene nötig, die authentisch wirken wollen und den Lebensstil ihrer Szenen daher entsprechend umsetzen müssen. Wirken sie nicht glaubwürdig, werden sie in der Szene gar nicht erst akzeptiert, um das zu verhindern, muss der Szenecode beherrscht werden. 219
4.3.2. Codes und Stile der Szenen
„Ein Stil ist Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: Er ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung.“ 220 In der Sprache der Jugendszenen wird dieses System zwar als Code bezeichnet, doch ist damit gleichfalls die „Summe aller sprachlichen, musikalischen, bildlichen und mimetischen Zeichen, die im weitesten Sinne das Design einer Szene bestimmen“ 221 , gemeint. Ob es nun Stil oder Code genannt wird, klar ist, dass genau das die Szenen ausmacht. Die einzelnen Bestandteile dieses Szenecodes werden auch „die drei großen M der Jugendszenen“ genannt. Gemeint sind damit Marken, Musik und Meinung. Das bedeutet, dass sich eine Szene und ihre Mitglieder durch den gemeinsamen Musikgeschmack, bestimmte Kleidungsmarken und auch eine eigene Weltanschauung, die in einem besonderen Sprachcode kommuniziert wird, definieren und von anderen abgrenzen. 222
Nicht für alle Szenen ist das Erscheinungsbild von hoher Bedeutung, sehr wohl überall im Mittelpunkt sind die gemeinsame Lebenseinstellung, der innere Zusammenhalt und die genaue Abgrenzung der Dazugehörigkeit. 223 Üblicherweise stehen diese Szenen trotzdem meist in „untrennbarer Beziehung zu
218 Vgl. Großegger/Heinzlmaier, 2002, S. 21. 219 Vgl. Heinzlmaier, 1999a, S. 44. 220 Soeffner, 1992, S. 78. 221 Großegger/Heinzlmaier, 2002, S. 15. 222 Vgl. Heinzlmaier, 1999a, S. 44ff. 223 Vgl. Hexel/König, 1986, S. 107f.
den Verwertungsinteressen der Kulturindustrie“ 224 . Ihre verbindenden Kulturgüter sind Popstars, Zeitschriften, Mode usw. - eben alles, was die Medien anpreisen und die Konsumindustrie begeistert aufgreift. 225
Der Umkehrschluss aus diesen Erkenntnissen lautet - alles, was nicht angepriesen wird, stößt auch auf kein Interesse bei der Jugend. „Auf den hedonistischen Genuss der Gegenwart im Erlebnis ausgerichtet, bleibt die Vergangenheit ausgeblendet - damit auch die Einbindung in eine durch Geschichte geprägte Kultur“ 226 .
Das Theater müsste demnach versuchen mehr in den Medien der Jugendlichen präsent zu sein, um überhaupt einmal von ihnen wahrgenommen zu werden. Denn so funktioniert sie eben, die Welt der Jugendlichen und für die Theaterbetriebe ist das keine leichte Situation. Ob sie es trotzdem schaffen, ein wenig Hochkultur in der Jugendkultur zu platzieren, welche Maßnahmen dazu ergriffen werden und wie viel Erfolg sie bringen, soll das nachfolgende Kapitel theoretisch klären, bevor diese Thesen im Empirieteil noch näher ausgelegt und durch Umfragen und Interviews belegt werden.
224 Aichinger, 1990, S. 234.
225 Vgl. Aichinger, 1990, S. 234. 226 Jahnke, 1999, S. 178.
5. Kultur in der Jugendkultur
Die meisten Veränderungen der Gesellschaft und Kultur laufen unvermeidlich über die Jugend. 227 Übertragen auf die Beziehung der Jugendlichen gegenüber dem Theater, lässt diese Aussage die Zukunft für die Schauspielhäuser düster erscheinen, denn das Theater hat seine einst überwältigende Kraft für sie verloren. 228 Kulturelles Kapital wird nicht mehr in der Schule oder gar in der Oper erworben, sondern am Computer, in der Halfpipe oder im CD-Geschäft. 229
Gibt es sie dann überhaupt noch in der Jugendkultur, die Kultur im Sinne von Theater, Museen oder Literatur? Diese Frage stellte sich DI Ernst Gehmacher, Geschäftsführer des Institutes für empirische Sozialforschung (IFES) bereits Anfang der 80er Jahre. Die Betrachtung verschiedener Studien brachte ihn zu dem Ergebnis, dass das Klischee vom Kaugummi kauenden, sechs Stunden am Tag vor dem Fernseher lümmelnden Jugendlichen nicht zutrifft. Doch das Verhältnis zur Hochkultur, zu der eben auch das Theater gehört, hatte sich im Vergleich zum davorliegenden Jahrzehnt bereits wesentlich verschlechtert. 230 „Theater und Musiktheater, welche in der österreichischen Tradition einen einzigartigen Vorrang hatten, sind als Bestandteil des kulturellen Verhaltens der Österreicher in hinhaltendem Rückzug - deshalb, weil die Jugend sie im Stich läßt“. 231
Den Grund für dieses Verhalten sieht er nicht in den hohen Eintrittspreisen oder dem zu pompösen Rahmen des Theaters und schon gar nicht in der Qualität der Stücke. Viel eher legt er es den immer weiter ausgeprägten Jugendkulturen zur Last, dass ihren Mitgliedern im Rahmen dieses Kulturmusters keinen Platz mehr für ein anderes lässt. Die Zukunft des Theaters sieht dadurch sehr düster aus. So spricht DI Gehmacher davon, dass es in nur zehn Jahren keine Operetten und
227 Vgl. Gehmacher, 1981, S. 95. 228 Vgl. Merkel, 2002, S. 116. 229 Vgl. Tebbich, 2002, S. 49. 230 Vgl. Gehmacher, 1981, S. 106f. 231 Gehmacher, 1981, S. 107.
Musicals, in die junge Leute gehen, mehr geben würde und weitere zehn Jahre später auch Oper und Theater für die Jugend ihre Pforten schließen könnten. 232
Diese Prognosen sind nun über 20 Jahre her, die Besucherstatistiken im Kapitel 5.2.3 und die empirischen Untersuchungen des siebten Kapitels werden zeigen, ob sie sich bewahrheitet haben. Zunächst soll jedoch noch näher auf die „Kultur“, die eine Vielzahl an Aspekten aufweist, eingegangen werden. „One of the functions of culture is to provide a highly selective screen between man and the outside world. In its many forms culture therefore designates what we pay attention to and what we ignore.“ 233 Im nächsten Abschnitt wird das Theater und seine Entstehungsgeschichte näher beleuchtet, bevor dessen aktuelle Situation und der Bezug zu den Jugendlichen untersucht wird.
5.1. Geschichte des Theaters
Es ist nicht einfach festzustellen, wo die Geschichte des Theaters eigentlich beginnt. Auch die Rituale der Götterverehrung mit ihren Tänzen und feierlichen Rezitationen, die bereits schriftlose frühe Kulturen durchführten, können durchaus als Wurzel des heutigen Theaters gesehen werden. 234 Denn „Theater“ bezeichnet schlicht und einfach die darstellende Kunst und leitet sich vom griechischen Begriff „theatras“ für Zuschauerraum ab. 235 Diese Definition lässt einiges an Spielraum offen.
Dennoch wird als Wiege der abendländischen Schauspielkunst, d.h. des Theaters in der heutigen Form, am ehesten die Antike gesehen. Die Griechen schufen Festspiele zu Ehren bestimmter Götter, wobei zunächst noch deren Geschichten, später aber durchaus auch politische Botschaften den Zusehern nahegebracht wurden. Gleichzeitig entstand auch der Brauch „Schaugeld“ für die Aufführungen zu kassieren. Perfektioniert wurde das Theater für die breite Bevölkerung von den
232 Vgl. Gehmacher, 1981, S. 106ff. 233 Hall, 1976, S. 85. 234 Vgl. Döbler, 1973, S. 57. 235 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 13.
Römern, welche die Kultur der Griechen übernahmen. Unter ihrer Herrschaft wurde das Theater ein Forum für die herrschaftliche Machtrepräsentation und als solches eine staatlich notwendige Einrichtung. 236
Viele ließen auch ihre Sklaven in Privattheatern für sich spielen, wodurch die Pantomime entstand, die ihre Inhalte einfach von der Straße abschaute und oft ins Lächerliche zog. Theater wie diese waren in Russland noch bis zum Jahre 1861 gang und gebe. Andere wiederum forderten mehr Realität, was schließlich im alten Rom die Gladiatorenkämpfe hervorbrachte. 237
Diese verschiedenen Auswüchse des Theaters erregten schließlich auch die Aufmerksamkeit der Kirche, die sich jedoch gar nicht begeistert zeigte und ein Jahrhundert vor Christus die Absage ans Theater sogar ins Taufbekenntnis aufnehmen ließ und Theaterbesuchern mit Exkommunikation drohte. Obwohl viele Theater geschlossen wurden, fand das Theater auf Jahrmärkten und ähnlichen Veranstaltungen immer noch großen Andrang. Im Mittelalter, als die Kirche als Mittelpunkt des Lebens gesehen wurde, versuchte sie noch intensiver, jedes theatrale Spiel zu unterdrücken. Doch das fahrende Volk entging der kirchlichen Kontrolle mit Leichtigkeit, wodurch die Kirche schließlich dazu überging, das Theater lieber für sich zu nutzen. In einer Welt mit sehr hohem Analphabetentum war es als Verbreitungsmedium von Botschaften auch nicht zu unterschätzen. 238 So entstanden in ganz Europa Ansätze zu religiösem Theater, zunächst in Latein, bald jedoch auch in der jeweiligen Landessprache. Im Zuge dieser Entwicklungen wurde auch Wien im 14. Jahrhundert zur Theaterstadt, in der prunkvolle Passions-, Weihnachts- und andere kirchliche Spiele abgehalten wurden. 239
Im Laufe der Zeit wurden die geistlichen Spiele nicht nur in der Landessprache, sondern auch immer mehr durch Laien aufgeführt und das Theater an sich entwickelte sich zur künstlerischen Ausdrucksform von Bürgern, Handwerkern,
236 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 13ff. 237 Vgl. Döbler, 1973, S. 91ff. 238 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 25ff. 239 Vgl. Keil-Budischowsky, 1983, S. 11ff.
Gelehrten und nicht zuletzt auch vielen Jugendlichen. 240 So wurde das Theater wieder gesellschaftsfähig und im 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der Renaissance, zum „must have“ jedes Fürstenhofes. Dort wurden allerdings nicht mehr die geistlichen Spiele aufgeführt, sondern die Stücke der Antike, die wieder entdeckt wurden und die ein Bild von dieser alten Welt liefern sollten. 241
Erstmals wurde Theater nun auch als reine Kunstform erlebt, ohne politische oder andere ideologische Botschaften zu überbringen. Unterhaltung und Bildung waren statt dessen die Assoziationen, die das Theater hervorrief, wobei letzteres vor allem durch das neu entstandene Schultheater propagiert wurde. 242 Ein solches war immerhin auf fast jeder Universität zu finden. 243
Eine Blütezeit erlebte das Theater im Barockzeitalter. Zu dieser Zeit galt die Philosophie: „Das Leben ist Theater, die Welt eine Bühne; Gott aber ist der Urheber und Spielleiter dieses Welttheaters.“ 244 Es wurden große Summen ins Theater investiert, um die Schaulust des Publikums zu stillen und dem Bedürfnis nach Präsentation der Herrscherhäuser gerecht zu werden. Gerade in Wien nutzten Kirche wie Staat das Theater hauptsächlich zur Machtrepräsentationnicht umsonst hatte der Kaiser von seiner Loge zwar die schlechteste Sicht auf die Bühne, wurde aber dafür selbst von allen anderen gesehen. 245
In anderen Ländern hatte die Kulturform Theater längst ganz andere Ausprägungen erreicht. So entwickelte sich beispielsweise im asiatischen Raum aus dem Schattenspiel die Pekingoper, die ebenfalls vom Staat beeinflusst wurde, um die politische Situation zu verschleiern. 246 Aus ganz anderen Gründen entstand die in der restlichen Welt bekannte Oper um die Wende zum
240 Vgl. Frenzel, 1984, S. 40ff.
241 Vgl. Dobler, 1973, S. 193ff. 242 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 50ff. 243 Vgl. Dobler, 1973, S. 195. 244 Keil-Budischowsky, 1983, S. 39. 245 Vgl. Keil-Budischowsky, 1983, S. 39ff. 246 Vgl. Döbler, 1973, S. 207ff.
17. Jahrhundert in Italien. Bei dem Versuch die ursprünglichen antiken Tragödien zu rekonstruieren, wurde die Verbindung von Worten und Musik erprobt, was schließlich zu einer eigenen Gattung und zur Gründung des ersten Opernhauses 1637 in Venedig führte. 247
Mit dem neuen Weltbild der Aufklärung war es vorerst vorbei mit dem extremen Prunk des Theaters. Im Zuge der vielen Revolutionen wurde es zum Diskussionsforum für jedermann. Jetzt standen Realität und Alltagsleben auf dem Programm, jene die über keinen Einfluss verfügten, konnten hier sagen und zeigen, was ihnen im wirklichen Leben nicht möglich war. 248 Doch im zunehmend durch Krisen und Kriege irritierten Europa war der Wunsch nach Realität beim Publikum bald nicht mehr ungeteilt vorhanden. So mancher sehnte sich mehr nach einer Traumwelt als nach der brüchigen politischen Situation und so wurde das Reale neben dem Fantastischen gespielt. 249 Theater war auch wieder stark in Mode und zum ersten Mal existierte ein „Starwesen“, das mit dem heutigen vergleichbar ist. 250 Auch der Verdienst passte bereits zum Starkult, ein durchschnittlicher Hauptdarsteller verdiente damals eine Jahresgage von etwa 1000 bis 1400 Taler, ein sehr berühmter Schauspieler, wie etwa August Wilhelm Iffland gar 3000 Taler. Im Vergleich dazu musste ein Friseur mit 208 Talern und ein Konsulent in Justizsachen mit 300 Talern jährlich auskommen. 251 In Wien war es speziell die Oper, die umschwärmt wurde, während das Burgtheater als realistisches Monumentaltheater galt. Nebenher entstanden in dieser Zeit außerdem noch viele kleine Vorstadttheater und das Volkstheater, das vor allem durch Nestroy getragen wurde und nach seinem Tod der Wiener Operette wich. 252 Obwohl die schlechte soziale Lage - durch Umgehung der Zensur - wieder in zunehmendem Maße im Theater zu finden war 253 , konnte der künstlerische Stil
247 Vgl. Frenzel, 1984, S. 54f.
248 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 94ff. 249 Vgl. Keil-Budischowsky, 1983, S. 209. 250 Vgl. Frenzel, 1984, S. 273. 251 Vgl. Frenzel, 1984, S. 334ff. 252 Vgl. Keil-Budischowsky, 1983, S. 209ff. 253 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 118ff.
nun nicht mehr eindeutig einer bestimmten Richtung zugeordnet werden. Historisches und Aktuelles wurde ebenso vermischt wie Realität und Fantasie, heimische und ausländische Stücke. Das Theater wurde zum Symbol einer gesamteuropäischen Kulturgemeinschaft, in der die Originalität zählte. 254 Wien, als Metropole eines großen Kaiserreiches, zog daher auch Kulturströme aus allen Richtungen an. Eine der neuen Entwicklungen am Beginn des 20. Jahrhunderts war zum Beispiel die Kleinkunst, die bis dato völlig unbekannt war. 255 Als die Monarchie zusammenbrach und neue politische Wirren entstanden, erwiesen sich diese und andere kulturelle Schöpfungen auch als Halt. „Kunst und Kultur sind nach dem Auseinanderbrechen der Donaumonarchie jene Stützen, von denen man erhofft, dass sie das kleingewordene Haus Österreich vor dem Einsturz bewahren könnten.“ 256
Auch das Theater selbst musste sich plötzlich einem Kampf um seine Existenz stellen. Ende des 19. Jahrhunderts trat sein großer Gegner, das Kino, erstmals als großartige Neuheit auf und schon bald blieben die Besucher der billigen Plätze dem Theater fern, um sich dieser Novität zu widmen. Zu jener Zeit entstanden eine Vielzahl von Denkschriften und Appellen, die Kino als
geschmacksverwüstend, phantasie- und seelenlos oder gar als Bedrohung für die Kultur sahen. Doch nichts davon zeigte große Wirkung, da einerseits die Wirtschaft eine Chance im Kino sah und es förderte und andererseits auch die Schauspieler gerne bereit waren, neue Möglichkeiten auf ihrem engen Arbeitsmarkt wahrzunehmen. 257
Im darauf folgenden Zeitalter der Massenmedien ist das Theater von Fernsehen, Computer und der Vielzahl technischer Möglichkeiten zu einer Randfigur degradiert worden. Nun, da endlich jenseits aller Zensur die Möglichkeit zur Entwicklung einer autonomen Kunstform voll ausgeschöpft werden könnte, steht
254 Vgl. Frenzel, 1984, S. 376ff.
255 Vgl. Keil-Budischowsky, 1983, S. 209ff. 256 Greisenegger, 2003, S. 212. 257 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 128ff.
das Theater im Vergleich zu seiner Blütezeit viel zu wenig im Blickpunkt der Öffentlichkeit, der sich ohnehin hauptsächlich auf Besuchs- oder Finanzkrisen richtet. 258 Wie die Suche des Theaters nach einem Platz in der modernen Freizeitgesellschaft sich gestaltet und vor allem, welche großen Stolpersteine sich von der wirtschaftlichen Seite ergeben, wird im kommenden Kapitel erläutert.
5.2. Theater in der Finanzmisere
Das Theater steckt spätestens seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur in einer kulturellen sondern auch in einer finanziellen Krise. 259 Ohne staatliche Zuschüsse ist ohnehin keines der Schauspielhäuser überlebensfähig und auch mit diesen ist der Betrieb kaum noch finanzierbar. 260 Die kulturpolitischen Entscheidungen werden immer mehr so getroffen, dass die Theater wirtschaftlich nicht mehr tragbar sind. 261 Beispielsweise sind in Wien die Subventionen für die Bundestheater schon seit 1995 nicht mehr erhöht worden. 262
Die Ursachen der Finanzmisere liegen aber auch bei den Theatern selbst. Als künstlerischer Dienstleistungsbetrieb fällt es ihnen schwer, die Produktivität zu steigern, was mitunter an den fehlenden Marketingaktivitäten liegt, die in den knappen Budgets keinen Platz mehr finden. Die Kosten unterliegen indessen natürlich dem allgemeinen Anstiegsniveau. Das zweite Problem sind die Zuschauerzahlen, die bei vielen Betrieben stagnieren. 263 Diese Erkenntnisse sind zwar auf deutsche Zahlen bezogen, doch es gibt wohl auch kaum ein österreichisches Theater, dem seine finanzielle Lage nicht des Öfteren Kopfzerbrechen bereitet. Neben dem Fernseher, der Unterhaltung und teilweise sogar Kultur fast gratis ins Haus liefert, und dem Kino, wo der Zuschauer für weniger als zehn Euro mit modernsten Bild- und Toneffekten verwöhnt wird, ist
258 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 132ff. 259 Vgl. Jahnke, 1999, S. 178. 260 Vgl. Heinrichs, 1999, S. 135. 261 Vgl. Richard, 2002a, S. 7. 262 Vgl. Korentschnig, 2004, S. 30. 263 Vgl. Heinrichs, 1999, S. 136.
das Theater als ziemlich kostspieliges Vergnügen anzusehen. Immerhin geht es hier auch um ein Produkt, das jeden Tag komplett neu „hergestellt“ werden muss und nicht vom Band kommt. Die Gegenwärtigkeit des Geschehens auf der Bühne ist jedoch auch das, was das Theater unvergleichlich macht. Um die innere und auch äußere Einzigartigkeit - denn auch vom touristischen Standpunkt aus gehören einige Theater zu den Highlights mancher Städte - zu gewährleisten, werden dringend Förderungen benötigt. 264
Woher diese kommen, obliegt oft dem Organisationstalent und der Kreativität der Führungspersönlichkeiten. Die folgenden Kapiteln geben einen Einblick in die Finanzstruktur einer großen Theatergesellschaft am Beispiel der Bundestheater Holding sowie die allgemeine Situation in Österreich.
5.2.1. Die Bundestheater Holding
Zum Konzern der Bundestheater gehören das Burgtheater, die Wiener Staatsoper und die Volksoper. Des Weiteren existiert eine Theaterservice GmbH, in der Elemente, wie Kartenvertrieb, EDV, Kostüm- und Dekorationswerkstätten sowie Gebäudeverwaltung, zusammengefasst sind. Diese vier Gesellschaften sind 100%ige Töchter der Bundestheater-Holding, welche sich um die strategische Führung, vertragliche Regelungen, Controlling und nicht zuletzt auch um die finanzielle Absicherung kümmert. 265
Dabei gilt es zunächst 133,6 Millionen Euro an staatlichen Subventionen zu verwalten. Dieses Geld wird von der Republik Österreich zur Verfügung gestellt und ist zur Erfüllung des kulturpolitischen Auftrages sogar gesetzlich verankert. Trotz eines Gesamtbudgets von 167,1 Millionen Euro jährlich heißt es allerdings auch für die Bundestheater Gesellschaften sparsam wirtschaften. Immerhin werden jährlich allein 5,8 Millionen Euro für Investitionen ausgegeben, die Hälfte
264 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 156ff.
265 Vgl. Bundestheater-Holding, 2001, S. 7ff.
davon nur für die Instandhaltung der historischen Theatergebäude. 266 Neben der Erhaltung gewisser Elemente der Vergangenheit wird allerdings auch versucht, mit den modernen Entwicklungen Schritt zu halten. Dem wurde 2002 mit der Gründung des Internetportals bundestheater.at., wo beispielsweise Karten online gekauft werden können, Rechnung getragen. 267
Ein Blick in die Gewinn- und Verlustrechnung des Bundestheaterkonzerns für das Geschäftjahr 2001/2002 zeigt, dass vor allem die Personalkosten einen besonders großen Posten ausmachen. 143,6 Millionen Euro kosten die etwa 3000 Mitarbeiter - und das obwohl die Bundestheater bereits einen harten Spar- und Rationalisierungskurs eingeschlagen haben. Dieser Linie ist es immerhin zu verdanken, dass trotz allen Schwierigkeiten ein positives Jahresergebnis von 1,66 Millionen Euro erwirtschaftet wurde. 268 Für die Saison 2002/2003 sieht es schlechter aus. Der Bilanzgewinn beträgt nur mehr 1,066 Millionen Euro, das Burgtheater gibt gar an, nur dank eines Gewinnvortrages gerade noch einmal positiv bilanzieren zu können. Der Spielraum hinsichtlich der Rationalisierungen ist allerdings auch schon bei Null angelangt, denn seit 1999 wurden innerhalb der Bundestheater bereits 200 Mitarbeiter abgebaut. 269
Um das Konzernbudget zu entlasten, wurden bereits von kollektivvertraglichen Änderungen bis zu einem gänzlich erneuerten Finanzmanagement eine Vielzahl an Möglichkeiten ausgeschöpft. Allerdings ist die staatliche Förderung bereits seit 1995 nicht mehr erhöht worden und weitere Einsparungen sind ohne qualitative Einbußen kaum mehr möglich. Diese Situation zeigt, wie sehr die Theater von der Unterstützung der öffentlichen Hand abhängig sind. 270 Die Eigendeckung, der Betrag, den ein Theater selbst zum Gesamtbudget beisteuern kann, liegt zum Beispiel bei der Volksoper zwischen 18 % und 22 %. Im Vergleich zu deutschen
266 Vgl. Bundestheater-Holding, 2001, S. 4ff. 267 Vgl. Bundestheater-Holding, 2003, S. 7. 268 Vgl. Bundestheater-Holding, 2003, S. 17ff. 269 Vgl. Korentschnig, 2004, S. 30. 270 Vgl. Bundestheater-Holding, 2003, S. 18f.
Theatern ist das immer noch weit über dem Schnitt. 271 Trotzdem wird zunehmend versucht, auch private Geldgeber zu mobilisieren, was manchmal nur über kreative Umwege, wie die Vermietung der zu renovierenden Fassaden als Werbefläche, funktioniert. 272
5.2.2. Kultursponsoring
Ein großes Theater ohne staatliche Förderungen zu führen, ist nicht vorstellbar, doch über die privaten Partner und Sponsoren lassen sich einige Dinge verwirklichen, für die das öffentliche Budget nicht reichen würde. So wäre beispielsweise der neue Internetauftritt der Bundestheater ohne Hilfe einer Firma nicht möglich gewesen, wie auch die neue Kassenhalle nur in der Immobilie eines Partners zu günstigen Konditionen Unterschlupf finden konnte. 273
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, die Preise der Karten zu erhöhen, doch Staatsopernchef Ioan Holender sieht dies in einem Interview mit der Zeitung „Kurier“ als nicht zielführend an. Er überlegt hingegen eher die Spielzeit in den Sommer, wo die Oper bisher geschlossen war, auszudehnen. Zwar fürchtet er damit, den Festspielen in die Quere zu kommen, doch eine Verlagerung der spielfreien Zeit in den besucherschwachen September hält er für sehr effektiv. 274
Trotzdem liegt der Fokus zunächst auf der Ausweitung der Partnerschaften. Zwar ist es nicht immer einfach, die Firmen diesbezüglich auf den Geschmack zu bringen, doch einige haben schon erfolgreich erkannt, dass Sponsoring nicht nur in Verbindung mit Sport für beide Seiten dienlich sein kann. Immerhin ist Kultur eine Sprache, die weltweit verstanden wird und der Imagetransfer auf das Unternehmen ist nicht zu unterschätzen. 275 Natürlich muss den Sponsoren für ihre Unterstützung auch etwas geboten werden, und zwar mehr als nur die Präsenz
271 Vgl. Korentschnig, 2004, S. 30. 272 Vgl. Bundestheater-Holding, 2003, S. 18f. 273 Vgl. Hirschmann, 2003a, S. 78f. 274 Vgl. Korentschnig, 2003d, S. 25. 275 Vgl. Hirschmann, 2003a, S. 78f.
ihres Logos. Mit maßgeschneiderten Vereinbarungen, Galadiners, Previews oder speziellen Führungen für Kunden und Mitarbeiter des betreffenden Unternehmens lässt sich allerdings einiges erreichen. 276
Denn Sponsoring ist im Unterschied zum Mäzenatentum eben ein Geschäft, von dem beide Seiten profitieren sollen. Das Theater erhält die finanzielle Unterstützung, der Partner kann sein Unternehmen oder seine Produkte bekannter machen oder auch sein Image durch den Zusammenhang mit den künstlerischen Aktivitäten steigern. Wichtig ist dabei natürlich, dass es möglichst viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Kulturbetrieb, dem Sponsor und auch der gewünschten Zielgruppe gibt. 277 Prestigeträchtige Veranstaltungen, wie die Salzburger Festspiele, aber auch viele andere der sommerlichen Festspiele, haben daher bereits treue Sponsoren an der Hand, ohne die so einiges nicht möglich wäre. Auch viele der Aktivitäten, die Theater für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen, wären ohne diese Partnerschaften nicht durchführbar. 278 Das Problem der Finanzierung bleibt daher gerade in diesem Bereich ein ständiger Begleiter. Bevor nun näher darauf eingegangen wird, was für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen alles getan wird bzw. getan werden könnte, gibt das nächste Kapitel einen Einblick in die eigentlichen Besuchszahlen der Bundestheater.
5.2.3. Besucherstatistiken
Burgtheaterchef Klaus Bachler bestätigt zwar die finanziellen Schwierigkeiten auch in seinem Haus, doch sieht er die Ursache einzig in den zu geringen Subventionen. Da seine Vorstellungen überlaufen sind, sieht er keinen Beweggrund in strategischer Hinsicht Änderungen vorzunehmen. 279 Die Zahlen für die Saison 2001/2002 zeigen, dass diese Aussage durchaus nicht realitätsfern ist. Das Burgtheater selbst kann für diesen Zeitraum 267.775 Besucher in
276 Vgl. Klien, 2003, S. 46ff. 277 Vgl. Ayen, 2002, S: 58f. 278 Vgl. Hirschmann/Knapp, 2003. S. 71. 279 Vgl. Hirschmann, 2003b, S. 23.
277 Vorstellungen aufweisen, was einer Auslastung von 86,28 % bei den Sitzplätzen und 30,75 % bei den Stehplätzen entspricht. Gemeinsam mit Akademietheater, Kasino, Vestibül und Arsenal, die ebenfalls zum Burgtheater gehören, steigt die Besucherzahl auf 411.398 in 709 Vorstellungen, die Auslastungszahlen bleiben annähernd gleich. 280
Wird das Blickfeld auf jene Karten geworfen, die etwa im Rahmen des Theaters der Jugend oder als Schüler- und Studentenkarten an Jugendliche abgegeben worden sind, sehen die Zahlen schon anders aus. 50.954 Karten fallen in diese Kategorien, was 13,19 % aller verkauften Sitzplatzkarten ausmacht. Es ist aber zu bedenken, dass die Ermäßigungen teilweise bis zum Alter von 26 Jahren gewährt werden und daher nicht uneingeschränkt von Jugendlichen gesprochen werden kann. 281
Die Wiener Staatsoper konnte in der selben Saison sogar 596.807 Besucher in 307 Vorstellungen anziehen. Die auszeichnete Auslastung beträgt damit 93,71 % bei den Sitzplätzen und 62,28 % bei den Stehplätzen. Zusätzlich zum normalen Betrieb existiert ein Opernzelt für Kinder, das im nachstehenden Kapitel näher erläutert wird. Diese Einrichtung begeisterte ebenfalls 6441 Kinder und Erwachsene in 49 Vorstellungen. Auch außerhalb der Staatsoper für Kinder wurden 5045 Kinderkarten verkauft, sowie 4000 Tickets im Rahmen des Theater der Jugend und 3424 mit Schüler- oder anderen Ermäßigungen. Auch hier gilt, dass nicht genau definierbar ist, wie viele unter den Käufern dieser Karten wirklich in die Kategorie der Jugendlichen fallen. 282
Das letzte Mitglied der Bundestheater, das Volkstheater, spielte insgesamt 292 Aufführungen vor 303.107 Zuschauern und erzielte damit eine Sitzplatzauslastung von 78,54 % und eine Stehplatzauslastung von 53,74 %. Von diesen Besuchern haben 7.760 ihre Karten über das Theater der Jugend bezogen, was natürlich
280 Vgl. Burgtheater, 2003, S. 84f.
281 Vgl. Burgtheater, 2003, S. 82f. 282 Vgl. Wiener Staatsoper, 2003, S. 57ff.
wieder erwachsene Begleitpersonen mit einschließt. Weiters wurden über 24.000 ermäßigte Karten an Kinder, Studenten und Schülergruppen abgegeben. 283
Diesen Zahlen zufolge, können die Betriebe der Bundestheater über ihre Auslastungszahlen noch nicht klagen. Trotzdem ruhen sich die einzelnen Schauspielhäuser nicht auf diesen Lorbeeren aus, sondern engagieren sich in unterschiedlichem Maße dafür, das Theater einer jungen Zielgruppe nahe zu bringen. Dies zeigt wieder, wie wichtig die Jugendlichen für das Theater sind, oder es spätestens in einigen Jahren sein werden. Wie versucht wird, sie bis dahin schon zu Theaterliebhabern zu entwickeln, wird im nächsten Kapitel beschrieben.
5.3. Jugendprogramme
Bis in die 1970er Jahre gab es in der Theaterwelt, was Kinder und Jugendliche betraf, einzig und allein das Theater der Jugend. Nur sehr selten - meistens um die Weihnachtszeit - plante das eine oder andere Haus eine eigene Produktion für diese Zielgruppe. 284 Mittlerweile stellt sich die Situation anders dar, und es werden von vielen Betrieben Versuche unternommen, auch ein junges Publikum zu begeistern. Einige prominente Beispiele dafür werden in Kapitel 5.3.2 erläutert, zunächst jedoch soll ein kurzer Einblick auf den steinigen Weg dorthin gegeben werden.
5.3.1. Entwicklung der Kinder- und Jugendtheaterszene
In der jahrhundertelangen Geschichte des Theaters galt Kunst lange als eine Sache der Erwachsenen, bei der die Kinder bestenfalls geduldet wurden. Im 18. Jahrhundert gab es zwar Aufführungen, bei denen Kinder die Schauspieler waren, doch die Stücke waren trotzdem an die älteren Generationen gerichtet. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in einer schwachen Adventsaison die Idee, auch
283 Vgl. Volksoper, 2003, S. 58f.
284 Vgl. Wagner, 2003, S. 7.
jüngere Menschen ins Theater zu locken und damit tauchten die ersten Weihnachtsaufführungen für Kinder auf. 285
Zu dieser Zeit begannen sich auch erst die Begriffe Kinder und Jugendliche, wie sie heute verstanden werden, durchzusetzen. 286 So entstand langsam eine Art pädagogisch motiviertes Theater, in das die Kinder geschickt wurden, um Tugenden zu lernen. Es waren die Russen, die schließlich als erstes erkannten, dass diese Kinder und Jugendlichen die erwachsenen Zuschauer von morgen sind. Die Folge dieser Feststellung war dann die Gründung des ersten Kindertheaters 1918 in Moskau. Von einem großen Teil der Öffentlichkeit ignoriert, dauerte es noch viele Jahre bis es sich verbreitete und schließlich zu einer eigenen Kunstform wurde. 287
In Österreich wurde 1932 das Theater der Jugend gegründet, auf welches im Kapitel 5.3.3 noch näher eingegangen wird. Weiter tat sich auf diesem Gebiet jedoch lange fast nichts, bis schließlich die erste freie Gruppe, die Theater in die Schulen bzw. die Schüler in die Veranstaltungshäuser brachte, 1973 aus der damaligen Tschechoslowakei kam. Inspiriert von dieser Formation tauchten auch noch andere auf, die sich auf verschiedene Richtungen, wie zB klassische Musik oder Puppenspiel, spezialisierten. In den 1980er Jahren brach ein regelrechter Boom los, was das Kinder- und Jugendtheater betraf. In ganz Österreich wurden die verschiedensten Theater, Gruppen und Festivals geschaffen, ausländische Produktionen gastierten an vielen Orten und zwischen den Angehörigen der Theaterszene begann sich eine Diskussionsplattform zu entwickeln. Dieser Trend fand jedoch Ende der 90er Jahre einen jähen Abbruch, als sich zu der erfolglosen Suche nach neuen Themen auch noch schwere finanzielle Nöte gesellten. Mittlerweile scheint dieses Tief allerdings großteils überwunden und viele neue Projekte sind am Entstehen. 288 Einige Beispiele dafür sind in der Folge zu finden.
285 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 150.
286 Vgl. Kapitel 1.3. 287 Vgl. Gronemeyer, 1995, S. 152ff. 288 Vgl. Wagner, 2003, S. 7.
5.3.2. Beispiele für das Jugendengagement der Wiener Kulturbetriebe
Der Generalsekretär der Wiener Konzerthaus-Gesellschaft, Herr Lieben-Seutter, baut, laut einem Interview mit der Zeitung „Kurier“ darauf, dass sich die Jugendlichen, nachdem sie genug Zeit in Diskos verbracht haben, im Alter von 30 oder 35 Jahren von ganz alleine Konzert-Abonnements kaufen würden. 289 Viele andere setzen jedoch lieber darauf, ihr junges Publikum aktiv für die jeweilige angebotene Kunst zu begeistern.
Thomas Angyan, Generalsekretär der Gesellschaft der Wiener Musikfreunde, sieht, ebenfalls in einem Interview mit dem „Kurier“, für den Wiener Musikverein sehr wohl Handlungsbedarf. Zwar gibt es noch keinen Grund, sich über die Auslastung zu beschweren, doch unter den vielen Zusehern sind eben nicht genug junge Leute. Obwohl die Atmosphäre von ihm eigentlich nicht als verstaubt betrachtet wird, soll der Besuch des Musikvereins doch „cooler“ gemacht werden. Um dieses Ziel zu verwirklichen, sind spezielle Veranstaltungen, die sich an das junge Publikum richten, geplant. Verschiedenste Arten Musik - und nicht unbedingt nur die klassische - sowie eine Kooperation mit der Musik-Universität, sollen helfen, eine Brücke zu den Jugendlichen zu bilden und ein Image, mit dem sich jüngere und ältere Menschen identifizieren können, zu kreieren. 290
Einen ganz anderen Weg schlägt das Theater in der Josefstadt ein. Hier sind es Kinder zwischen vier und zehn Jahren, die in den Genuss spezieller Aufmerksamkeit kommen. Allerdings werden hier nicht eigens generierte Aufführungen eingesetzt, sondern die Möglichkeit, die Welt „Theater“ kennen zu lernen. Bei ausgewählten Nachmittagsvorstellungen haben die Kinder die Möglichkeit, während die Erwachsenen die Vorführung genießen, hinter den Kulissen ihre Neugierde zu stillen. Dabei dürfen sie mit Betreuung durch einige Mitarbeiter Kostüme, Dekorationen und vieles andere ausprobieren und der
289 Vgl. Korentschnig, 2003b, S. 28.
290 Vgl. Korentschnig, 2003a, S. 26.
Kreativität freien Lauf lassen. Ein ähnliches Programm, verbunden mit einer Aufführung, wird auch für ganze Schulklassen angeboten. 291
Die Staatsoper, die oft mit der Kritik nicht mehr zeitgemäß zu sein, kämpfen muss, gibt sich um ihr junges Publikum nicht nur besondere Mühe, sondern blickt auch voller Stolz auf ihre diesbezüglichen Aktivitäten. 292 Die Kinder an der Hand zur Kultur zu führen, lautet das Credo des Kinderopernzeltes am Dach der Staatsoper. 293 Auf diese Einrichtung stolz zu sein, ist auch durchaus berechtigt, denn seit der Gründung 1999 wurden bereits tausende Kinder in den Bann verschiedener Stücke gezogen. 294 Wie schon aus der Besucherstatistik ersichtlich war, konnten immerhin allein in der Saison 2001/02 in 49 Aufführungen 6.441 Besucher verbucht werden. 295
Das Angebot des Kinderzeltes soll laufend ausgebaut werden, so ist in der Saison 2003/2004 nicht nur die Eigenproduktion „Pinocchio“ am Spielplan, sondern auch eine Gastproduktion des Volkstheaters. Das Ziel, ein junges Publikum vom Musiktheater zu begeistern, wird aber nicht nur mit dieser Methode verfolgt. Eine erst 2003 ins Leben gerufene Aktion ist die „Zauberflöte für Kinder“, bei der Neunbis Zehnjährige gratis teilnehmen können. Die Veranstaltung findet am Tag nach dem Operball in dessen Dekoration statt und konnte bei der Premiere insgesamt 7000 Kinder begeistern. 296
Speziell für Schulklassen, gibt es Führungen, die ganz auf die Jugendlichen zugeschnitten werden. Drei Stunden vor einer Vorführung und eine Stunde danach steht ihnen dabei der gesamte Bereich der Staatsoper von den Garderoben bis zum Schnürboden offen, um das Phänomen Oper in allen
291 Vgl. Rosenberger, 2002, S. 8.
292 Vgl. Korentschnig, 2003c, S. 2. 293 Vgl. Hirschmann/Knapp, 2003, S. 74.
294 Vgl. Wiener Staatsoper, 2002, www.wiener-staatsoper.at/Content.Node2/home/kinder/194.php#, Stand vom 09.01.04. 295 Vgl. Wiener Staatsoper, 2003, S. 58.
296 Vgl. Wiener Staatsoper, 2002, www.wiener-staatsoper.at/Content.Node2/home/kinder/194.php#, Stand vom 09.01.04.
Einzelheiten selbst erleben zu können. 297 Einen ähnlichen Effekt strebt die „Opera Viva“ an, die es Kindern von sechs bis vierzehn Jahren ermöglicht, jene Oper, die ihre Eltern gerade sehen, spielerisch zu erleben. 298
Mehr über die Schulen wollen das Burgtheater und das Volkstheater das junge Publikum erreichen. Zusätzlich zu speziellen Preisen und Führungen für Schulen wurde der „Kontaktlehrer des Burgtheaters“ ins Leben gerufen. Neben Materialbesprechungen und fallweisen Probebesuchen für Schulklassen, zielt das Konzept vor allem darauf ab, durch spezielle, stark verbilligte „Lehrervorstellungen“ das Interesse auf diesem Weg zu den Schülern weiterzuleiten. 299 „Lehrerstammtisch“ heißt das Angebot in der Volksoper, der Hintergrund ist Austausch von Erfahrungen und Inhalten. Zusätzlich gibt es Führungen, Probenbesuche, Materialzusendungen und ermäßigte Karten. Etwas ganz besonderes wird aber mit den „Berufsschnuppertagen“ geboten, wo einzelne Schüler in der Volksoper ihre Traumberufe näher unter die Lupe nehmen dürfen. Vor gemeinsamen Projekten mit Schulen besteht generell keine Scheu, das Feedback der Kinder wird im Hinblick auf das langfristige künstlerische Ziel als wesentlich erachtet. 300
Es ist wichtig, diese „Basisarbeit zu leisten, denn Kinder sind das Publikum von heute und morgen“ 301 . Wie die Vielzahl der Programme für Kinder und Jugendliche zeigt, steht das Volkstheater mit dieser Meinung nicht allein. Offensichtlich erwartet diese Zielgruppe einiges an Engagement, um sich für die Kunst zu interessieren. Denn Theater ist für die Jugendlichen der multimedialen Gesellschaft überall zu sehen, besonders im Fernsehen, wo Politiker oder diverse Berühmtheiten mit ihren Auftritten manchmal Schauspieler vor Neid erblassen lassen. 302 Die Theatralität hat längst den Alltag erobert, nicht zuletzt bieten
297 Vgl. Korentschnig, 2003c, S. 7.
298 Vgl. Wiener Staatsoper, 2003, S. 44. 299 Vgl. Burgtheater, 2003, S. 70. 300 Vgl. Volksoper, 2003, S. 54f. 301 Volksoper, 2003, S. 54. 302 Vgl. Kuhlbrodt, 1999, S. 130.
unzählige Events dort ständigen Schauspielkonsum in einer Vielfalt von Stilen und Werken. 303 „Wo nur der Genuss des gegenwärtigen Augenblicks (Event) regiert, ist die Welt zum Stillstand gekommen.“ 304 Zwar gibt es genug ähnlich lautende kritische Stimmen der Eventkultur gegenüber, doch gerade bei den Jugendlichen sind diese Themenwelten, Lebensstile und Weltbilder, die dadurch geboten werden, viel gefragter als einfach funktionelle Produkte. Dinge sollen für sie nicht einfach passieren, sondern eben ein Ereignis, ein Event sein. 305
Mit diesem Wissen kann auch das Theater, das selbst in erster Linie Kunst sein will, an eine junge Zielgruppe herangehen. 306 Kultur und Event müssen sich nämlich nicht ausschließen, ganz im Gegenteil dazu bedeutet die gelungene Mischung aus beiden ein außergewöhnliches kulturelles Ereignis in einem inszenierten Umfeld. 307 Das funktioniert, indem neben der eigentlichen Darbietung noch ein anderes Ereignis eigener Qualität geboten wird. Zum Beispiel könnte ein Stargast eingeladen werden oder ein besonderes Rahmenprogramm geboten werden. 308 Auch Nutzungsmöglichkeiten der Räumlichkeiten außerhalb der Spiel-und Probezeiten, zB für Studentenfeste, wäre eine Überlegung wert. 309
Vor zwei bis drei Jahrzehnten noch war das Theater ein Event an sich. 310 Im dritten Jahrtausend dagegen kämpft es um seine Existenz und das nicht gegen gleichwertige Kulturbetriebe, sondern gegen die Zerstreuung. Elektronische Medien, Kino, Freizeitparks, eben alles, was das Bedürfnis der Kunden nach Zeitvertreib oder Spaß abdeckt, ist zum Konkurrenten des Theaters geworden. 311 Lange war Illusion gleichbedeutend mit Theater, aber auch das haben die Bildmedien mit ihrer unnachahmlichen Technologie übernommen. Doch die ideale
303 Vgl. Kemper, 2001, S. 191. 304 Jahnke, 1999, S. 194. 305 Vgl. Kemper, 2001, S. 192. 306 Vgl. Taube, 1999, S. 213. 307 Vgl. Heinrichs/Klein, 2001, S. 186. 308 Vgl. Ayen, 2002, S. 33. 309 Vgl. Ayen, 2002, S. 56. 310 Vgl. Klein, 2001, S. 343. 311 Vgl. Ayen, 2002, S. 22.
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Bühne ist ohnehin im Inneren des Zuschauers. 312 Theater ist ein zutiefst humanes Medium, das den Menschen selbst sowohl zum Thema als auch zum Mittel hat und das alles an einem Ort, der aus den Bezügen des Alltagslebens hervorgehoben ist. Das ist es, was das Theater ausmacht und was kein PC-Terminal bieten kann. 313
Einige Betriebe haben dies offensichtlich schon erkannt und versuchen, mit den beschriebenen Programmen ihren jungen Besuchern sowohl einen Einblick in diese reale, humane Welt des Theaters als auch ein gewisses Erlebnis zu bieten. Wie eine Institution, die sich schon seit vielen Jahren mit der Jugend und ihrer Einstellung zum Theater beschäftigt, mit diesen Entwicklungen umgeht, zeigt das folgende Kapitel.
5.3.3. Theater der Jugend
Das Theater der Jugend wurde am 23. Dezember 1932 unter dem Namen „Theater der Schulen“ gegründet. Während des Krieges erlebte es zahlreiche Umstrukturierungen und erst 1952 erfolgte die Gründung eines eigenen Schauspielensembles. Nur drei Jahre danach wurden die Jugendabonnements ins Leben gerufen und das Renaissancetheater gepachtet. Die folgenden Jahre standen im Zeichen starker Erweiterung, die sowohl das Ensemble als auch die Räumlichkeiten betraf. Die jüngsten Projekte sind die Internationalisierung durch den Austausch von 14 europäischen Theatern für Kinder und Jugendliche und das Online-Magazin, das die Kunst noch greifbarer machen soll. 314
Natürlich müssen Stücke für Kinder und Jugendliche nicht nur greifbar, sondern vor allem pädagogisch wertvoll und einfach aufgebaut sein. So lauten nur zwei der Vorurteile, mit denen das Theater der Jugend, wie alle anderen Kinder- und Jugendtheater kämpfen muss. Viele meinen, dass Kinder sich höchstens 20
312 Vgl. Hentschel, 2002, S. 141.
313 Vgl. Hentschel, 1999, S. 108.
314 Vgl. Theater der Jugend, 2002, www.tdj.at/Info/Geschichte.html, Stand vom 10.01.04.
Minuten konzentrieren können und das Theater sich dem anpassen sollte. Tut es das aber nicht und bringt stattdessen inhaltlich und formal anspruchsvolle Werke auf die Bühne, zeigt sich, dass auch das junge Publikum viel länger aufmerksam zusieht. Ähnlich sieht es mit dem Vorurteil, dass die Hauptfigur ein Kind und der Inhalt pädagogisch wertvoll sein muss, aus. Kinder sind durchaus fähig, sich auch mit Erwachsenen zu identifizieren, und mit einem Theater als schulischer Ergänzungsanstalt können sie schon gar nichts anfangen. Die harmlosen, „geeigneten“ Inhalte gibt es nicht, auch junge Zuschauer können mit der Alltagsrealität umgehen und müssen nicht nur Stücke mögen, bei denen Erwachsene sich langweilen. 315
Das Theater der Jugend hat gelernt, mit diesen Vorurteilen umzugehen und dem Erfolg nach zu urteilen, hat es auch einen guten Weg dazu gefunden. Thomas Birkmeir, der Direktor des Theaters der Jugend, misst den Erfolg seines Hauses an der Publikumsakzeptanz und den Kritiken. Erstere ist in der Saison 2002/2003 mit 88 % Auslastung im Renaissancetheater und 97 % im Theater im Zentrum sehr gut und auch über die Kritiken kann er sich nicht beklagen. Trotz einer guten Einnahmensituation fehlen auch hier die nicht erhöhten Bundessubventionen. Denn neben einem risikoreichen Programm mit vielen Ur- und Erstaufführungen, das in Folge noch näher beschrieben wird, werden auch noch andere Aktivitäten geboten, um wirklichen Nahebezug zur Kunst zu ermöglichen. 316
Dafür sorgt beispielsweise der Bereich der Theaterpädagogik, der ermöglichen soll, dass Theater kein passives Zuschauen, sondern ein aktives Mitdenken wird. Jeder Zuschauer, egal ob alt oder jung, kann einen Blick hinter die Kulissen werfen und das Erlebnis Theater nachvollziehen. Es kann mit Bewegung, Stimme, Klang, Raum und Materialien experimentiert werden. Das soll einerseits den Spaß am Theater erhöhen und Schwellenängste abbauen, andererseits auch Kreativität, Toleranz und Kommunikationsfähigkeit fördern. Allein in der Spielzeit
315 Vgl. Schildlowsky, 1996, S. 169ff.
316 Vgl. Lohs, 2003, S. 30.
2002/2003 sind die nachstehenden theaterpädagogischen Angebote auch von über 3000 Schülern wahrgenommen worden. Zu diesen Aktivitäten zählen: 317
• Spiel mit Theater (Vor- und Nachbereitung eines Stückes, um Personen, Handlungen und Inhalte besser zu verstehen und gegebenenfalls auch anwenden zu können)
• Spiel fürs Leben (Improvisationen, Rollenspiele oder Sensiblisierungsübungen, die im Klassenzimmer auf den grauen Schulalltag angewendet werden)
• Kinder im Theater (Möglichkeit, den Theatermachern beim Inszenieren über die Schulter zu schauen, Proben mitzuerleben, Kostümwerkstatt und Bühne kennen zu lernen, Fragen zu stellen und eigene Szenen auszuprobieren)
• Theateraspekte (Vorstellung verschiedener Theaterberufe mit Praxisbeispielen und der Möglichkeit, sich selbst darin zu versuchen)
• Probenbesuche (Die Entstehung eines Stückes kann mitverfolgt und durch konstruktive Kritik sogar beeinflusst werden.)
• Bühnenführungen (Ein Blick hinter die Kulissen und in die für die Zuseher normalerweise unsichtbaren Geheimnisse des Theaters wird möglich.)
• Szenische Umsetzung (Ein Workshop für Lehrer, der die spielerische Umsetzung mancher Bestandteile des schulischen Rahmens fördern soll)
• Unmögliches wird möglich (Unterstützung für Lehrer, die Schulaufführungen inszenieren und mit einfachen Mitteln große Effekte erzielen wollen)
• Support für Schulaufführungen (Generelle Hilfestellung bei Schulaufführungen, zB bei der Stückwahl, Texterstellung oder anderen Problemen)
Neben diesen Angeboten, sich den Stücken zu nähern, an Proben teilzunehmen, mit den Schauspielern zu sprechen, sowie die Welt hinter den Kulissen zu entdecken, die über Schulen organisiert werden, gibt es noch Freizeitangebote für besonders Interessierte. Theaterspielclubs ermöglichen es, Entdeckungen auch
317 Vgl. Theater der Jugend, 2003c, S. 2f.
gleich umzusetzen und bei den Kleinsten werden Eltern oder Großeltern miteinbezogen. Auch Gesprächsrunden für Theaterfreaks sind an der Tagesordnung. Deren Beiträge erscheinen dann in der Online-Publikation Beamer. 318 Dieses Gesamtkonzept, das durch Publikumsgespräche, in denen Jugendliche mitreden und -gestalten können, stetig verbessert wird, hat das Theater der Jugend zu einer fixen Größe der Wiener Theaterszene gemacht. Mit fast 45.000 Abonnenten und beinahe einer halben Million verkaufter Theaterkarten pro Saison ist es gleichzeitig der größte derartige Betrieb in der EU. Natürlich wird längst nicht das ganze Kontingent durch Eigenproduktionen abgedeckt, sondern auch Vorstellungen anderer Wiener Theater werden vermittelt. 319
Die altersgerechten Aufführungen werden auf die vier Abonnementkategorien A bis D für Schüler ab sechs Jahren aufgeteilt. Abo direkt A ist auf Kinder von sechs bis zehn Jahren ausgerichtet. Sechs Vorstellungen im Schuljahr werden für Preise von insgesamt 34 Euro in der billigsten und 95 Euro in der teuersten Kategorie angeboten. Etwaige erwachsene Begleiter zahlen zwischen 41 und 102 Euro für dieses Angebot. In der Saison 2003/04 umfasst das Abo direkt A fünf Stücke im Renaissancetheater, darunter „Die wundersame Reise des kleinen Kröterichs“, ein israelisches Märchen über das Erwachsenwerden oder „Das große Shakespeare-Abenteuer“, ein fantasievoller Blick in die Kindheit des großen Dichters. Hinzu kommt noch die Burgtheater-Produktion des Märchens „Hänsel und Gretel“. 320
Für Elf- bis Zwölfjährige ist das Abo direkt B gedacht, das ebenfalls sechs Stücke zu Preisen von 40 bis 98 Euro für Kinder und 51 bis 109 Euro für Erwachsene anbietet. Im Rahmen dieses Angebots findet sich das Musical „Elisabeth“ im Theater an der Wien, eine moderne Fassung der „Ilias“ im Theater im Zentrum und vier Stücke des Renaissancetheaters. Darunter finden sich „Die zauberhaften Jolies“, die Geschichte eines Rollentauschs von Kindern und Erwachsenen und
318 Vgl. Theater der Jugend, 2003d, S. 24ff. 319 Vgl. Theater der Jugend, 2003d, S. 30f. 320 Vgl. Theater der Jugend, 2003a, S. 3f.
„Die rote Zora und ihre Bande“, ein Abenteuer, das die Rechte der Kinder propagiert. Beide werden auch im Abo direkt A gezeigt. Das Abo direkt C übernimmt dafür neben „Ilias“ und „Elisabeth“ auch „John Merrick, der Elefantenmensch“, eine Erzählung über das Anderssein und die Liebe. Dieses Abonnement, für 13 - 14jährige umfasst insgesamt sieben Vorstellungen, zu denen neben den genannten, mit Shakespeares „Was ihr wollt“ im Burgtheater und Raimunds „Der Bauer als Millionär“ im Volkstheater viele Stücke gehören, die nicht extra für Jugendliche inszeniert wurden. Die Preise bewegen sich hier zwischen 45 und 122 Euro für Jugendliche und 56 bis 133 Euro für Erwachsene. 321
Das Abo direkt D widmet sich mit sieben Vorstellungen allen Jugendlichen ab 15 Jahren. Zwischen 54 und 115 Euro für die jungen Besucher und 73 bis 134 Euro für erwachsene Begleiter werden verlangt, für Stücke wie „Elisabeth“ oder „Don Quijote“ und die Geschichte einer österreichschen Legende „Der Herr Karl“ im Theater im Zentrum. Weitere Highlights sind „Der Unbestechliche“ von Hugo von Hoffmannsthal im Burgtheater und ein Konzert im Musikverein oder Konzerthaus. 322 Es gibt auch ein reines Konzertabonnement und das Jugendabonnement der Stadt Wien, das eine Mischung aus Aufführungen der klassischen Sprechbühnen, Musicals, Oper und Konzert bietet. Auch hier gibt es nach Kategorien unterschiedliche Preisklassen, die im Großen und Ganzen an die Verhältnisse von Kindern und Jugendlichen angepasst sind. 323 Ob die Jugendlichen so überzeugt vom Theater der Jugend sind, wie die Geschäftsleitung meint, wird der Empirie-Teil zeigen. Zunächst erfolgt eine Conclusio der bisherigen Erkenntnisse des Theorieteils im Hinblick auf die zentrale Fragestellung.
321 Vgl. Theater der Jugend, 2003a, S. 5ff.
322 Vgl. Theater der Jugend, 2003b, S. 1ff. 323 Vgl. Theater der Jugend, 2003d, S. 30f.
6. Conclusio
Der Begriff „Jugend“ kann mehrere Bedeutungen in sich bergen. Doch weder als Bezeichnung für eine bestimmte Altersgruppe, noch als Lebensphase und schon gar nicht als Lebensgefühl ist er lange im Sprachgebrauch. Nicht immer hatte die Jugend die Dominanz, die sie heute in der Gesellschaft ausübt, erst im 20. Jahrhundert hat sie sich zur heiß umworbenen Hauptzielgruppe entwickelt. Auch für das Theater sind die Jugendlichen wichtig - in der Zukunft aber auch in der Gegenwart.
Verschiedene Studien zeigen allerdings, dass das Interesse an der Kultur beim jungen Publikum immer mehr nachlässt. Die Jugend bewegt sich zwischen Freizeit, Konsum und Medien, wobei jeder der Bereiche von den jeweils anderen stark beeinflusst wird. Die Medien geben vor, was in der Freizeit getan werden muss, um im Trend zu liegen und welche Konsumgüter dazu notwendig sind. Gleichzeitig bestimmen die Jugendlichen durch ihr Handeln auch wieder, was in die Medien kommt, dadurch was gekauft wird und so weiter.
Leider keinen Platz in diesem Kreislauf hat das Theater. Es steht in direkter Konkurrenz zu den neuen Medien, die seine Funktion als Hilfe bei der Identitätsfindung, Unterhalter und auch Wissensvermittler übernommen haben. Es scheint, als würde das Theater von den Jugendlichen nicht mehr gebraucht werden. Das stimmt allerdings nicht, denn gerade aus den Fehlern der Multimediagesellschaft zieht es seine weitere Existenzberechtigung. Während diese sich immer nur um das Ereignis dreht, zeigt das Theater auch den Hintergrund der Handlungen. In einer Welt, die sich gerade für die Jugendlichen oft so sinnentleert und ohne Identifikationsfiguren darstellt, ist das sehr wichtig.
Für die zentrale Frage heißt dies, dass Theater für die Jugendlichen kaum mehr eine Bedeutung hat, da es nicht zu den typischen Freizeitbeschäftigungen zählt. Ein Theaterbesuch fällt für die jungen Leute nicht einmal unbedingt in die Kategorie Unterhaltung, sondern zählt zur bildungsorientierten Freizeit. Aber auch
Wissensvermittlung oder Identifikation, die viele Generationen in Theaterstücken gefunden haben, ist längst eine Domäne der (neuen) Medien geworden. Von diesen wird das Theater weitgehend ignoriert, der Lifestyle, den sie vermitteln, kommt ohne Theater aus und somit gilt das auch für die Jugendlichen, die bereitwillig die Vorgaben der medialen Vorbilder übernehmen.
Daraus resultiert eine sehr gleichgültige oder sogar negative Einstellung der jungen Leute gegenüber dem Theater. Wenn es keinen Platz in der Welt der Medien hat, ist damit auch der Stellenwelt in ihrer eigenen multimedialen Freizeit-und Jugendkultur minimal bis gar nicht vorhanden und, was dort nicht von Wichtigkeit ist, wird auch nicht konsumiert. Trotzdem versuchen die Schauspielbetriebe, sich wieder einen Platz in dieser jugendlichen Welt zu erkämpfen. Dazu ist es nötig, auf die vielen Szenen einzugehen, die das Dreigespann Konsum - Medien - Freizeit nutzen, um ihren Individualismus hervorzuheben.
Viele Theaterbetriebe haben diese Situation auch längst erkannt und rufen die verschiedensten Aktivitäten ins Leben, um wieder mehr junges Publikum in ihre Aufführungen zu locken und sich doch einen Platz in der Welt der Jugendlichen zu sichern. Obwohl die wirtschaftliche Situation bei vielen prekär ist und die Zuschauer- und Auslastungszahlen zum gegebenen Zeitpunkt gar nicht schlecht sind, wird viel Geld in ambitionierte Programme investiert.
Der Weg führt dabei vor allem über das aktive Dabeisein, die Kunst zum Angreifen. Kein Theater wird jemals über Mittel und Möglichkeiten verfügen, die Illusionen, welche die elektronischen Medien schaffen, nachzuahmen. Deshalb muss es sich konträr dazu positionieren und das einzigartige Erlebnis Theater, das in der zwischenmenschlichen Interaktion und der absoluten Gegenwärtigkeit liegt, wieder interessant machen.
Die Erkenntnisse der Theorie stellen dem Verhältnis der Jugendlichen zum Theater demnach kein besonders gutes Zeugnis aus, obwohl von Seiten der
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Theaterbetriebe bereits angestrengt versucht wird, Verbesserungen zu erzielen. Die Empirie wird prüfen, wieweit diese Resultate mit der Praxis übereinstimmen. Einerseits wird es darum gehen, ob die Sichtweise der Jugendlichen tatsächlich jene ist, die ihnen hier unterstellt wird. Dazu werden die Aussagen von 142 Jugendlichen über ihr Freizeitverhalten, ihre Einstellung zum Theater, seinen Programmen und vor allem seinem Image analysiert. Andererseits werden auch die Aktivitäten und die dahinter stehenden Ansichten der Theater hinterfragt. Es sind daher ergänzend zu den Auswertungen der Fragebögen zwei Experteninterviews mit Persönlichkeiten der Theaterlandschaft zu finden, die selbige Themenkomplexe aus der Sicht der Schauspielbetriebe kommentieren werden.
7. Empirische Untersuchung der Einstellung von
Jugendlichen zum Theater
In der Empirie soll nun das Theater und dessen Verhältnis zu den Jugendlichen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden. Einerseits geschieht dies aus Sicht von Wiener Jugendlichen, andererseits auch von zwei Vertretern der Schauspielbetriebe. Dabei wurden Frau Aly, die kaufmännische Direktorin des Theaters der Jugend, und Herr Dr. Springer, der Geschäftsführer der Bundestheater Holding GmbH, gewählt. Die Zielsetzung ist dabei, die Einstellung der Jugendlichen zum Theater und dessen Stellenwert in der multimedialen Jugend- und Freizeitkultur herauszuarbeiten. Weiters stellt sich die Frage, aus welchen Gründen so wenig Interesse für das Theater besteht und was sich nach Meinung der jungen Leute ändern müsste, um es attraktiver zu machen. Diese Erkenntnisse sollen mit den Aussagen der Repräsentanten der Theater verglichen werden und gemeinsam mit den von dieser Seite geplanten Aktionen kann ein Trend für die Zukunft herausgearbeitet werden.
Zunächst werden jedoch die aus der Theorie abgeleiteten Hypothesen vorgestellt, die im Anschluss an die Beschreibung der einzelnen Forschungsmethoden verifiziert oder falsifiziert werden.
7.1. Hypothesenkatalog
Um die Beziehung Jugendliche - Theater in der modernen Multimediagesellschaft zu analysieren, stehen eine Reihen von Hypothesen zur Verfügung. Sie alle dienen zur Beantwortung der zentralen Fragestellung nach der Einstellung der Jugendlichen zum Theater und dessen Platz in der multimedialen Jugend- und Freizeitkultur. Die einzelnen untersuchten Hypothesen lauten wie folgt:
Haupthypothese 1: Der Kulturbetrieb Theater hat wenig Stellenwert in der Welt der Jugendlichen.
Theater gehört für die Jugendlichen nicht zu einer geselligen Form der Unterhaltung, sondern wird als bildungsorientierte Freizeit betrachtet. Das hat durchaus historische Wurzeln, denn Theateraufführungen wurden in früheren Jahrhunderten oft als Lehrmittel verwendet. Doch heutzutage ist die pädagogische Zweckbestimmung des Theaters in diesem Sinne für die Jugendlichen nicht mehr relevant, da sie ganz andere persönliche und vor allem mediale Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren und von denen sie lernen. Theater ist somit schon deshalb uninteressant, weil es eine freiwillige Erweiterung der Bildung in der Freizeit darstellen würde. 324 Zusätzlich wirkt es neben den Konkurrenten Kino oder Internet langweilig und altmodisch, weil dort ähnliche Inhalte in einem multimedialen Schauspiel viel effektgeladener und mitreißender wiedergeben werden können. 325
Die Institution Theater kommt damit einer kulturellen Beschäftigung gleich, bei der pädagogisch Wertvolles vermittelt wird, was für die Jugendlich schon aus Prinzip nur in einem uninteressanten Rahmen passieren kann. 326 Ein Theaterbesuch fällt dementsprechend in den Bereich der Schule oder bestenfalls noch ins familiäre Umfeld, denn die Zeit mit den Gleichaltrigen wird lieber für Unterhaltung und Spaß genützt. 327
Aus diesen Erkenntnissen, die im Theorieteil genauer ausgeführt wurden, sind die oben stehende Haupthypothese und die dazugehörenden, nachstehenden Unterhypothesen entstanden.
Unterhypothesen:
• Jugendliche verbringen ihre Freizeit nicht gerne mit Lesen, Theaterbesuchen oder anderen kulturellen Beschäftigungen.
324 Vgl. Kapitel 3.1.1. 325 Vgl. Kapitel 3.3.2. 326 Vgl. Kapitel 3.1.1. 327 Vgl. Kapitel 4.2.
• Die meisten Jugendlichen besuchen nur selten ein Theater.
• Theaterbesuche werden hauptsächlich im Rahmen der Schule oder der Familie durchgeführt.
• Ein Abend im Theater wird als langweilig erlebt und ist daher unbeliebt.
• Die Freude an einem Theaterbesuch steigt mit dem Lebensalter.
• Zwischen Männern und Frauen ist kein Unterschied in der Begeisterung oder Abneigung gegenüber dem Theater bemerkbar.
• Mit den klassischen Formen des Theaters, z.B. Oper oder Ballett, können die Jugendlichen am wenigsten anfangen.
Haupthypothese 2: Jugendliche sehen Theater als Unterhaltung für Erwachsene und fühlen sich nicht als Zielgruppe.
Viele Jahrhunderte lang waren Theater, und Kunst an sich, etwas, das nur Erwachsenen zugänglich war. Erst in einer schwachen Saison kamen findige Direktoren auf die Idee, ihr Publikum durch jüngere Zuseher zu erweitern. 328 Zu diesen Zeiten erlebte das Theater seine Blüte, seit Ende des 19. Jahrhunderts wuchs mit dem Aufkommen des Kinos allerdings die Konkurrenz, derer es sich erwehren musste. 329 Das führte schließlich soweit, dass es mit dem ausgehenden
20. Jahrhundert praktisch keinen Schauspielbetrieb gab, der sich ohne staatliche Förderungen erhalten konnte. 330 Das jugendliche Publikum, das früher nur die finanziellen Lücken einer schlechten Saison füllte, fehlt nun ganz besonders. Die Besucherstatistiken sprechen in dieser Beziehung eine deutliche Sprache, denn obwohl die Auslastungen teilweise sehr gut sind, besteht das Publikum hauptsächlich aus Erwachsenen, was für die Zukunft der Theater nichts Gutes erahnen lässt. 331
328 Vgl. Kapitel 5.3.1. 329 Vgl. Kapitel 5.1. 330 Vgl. Kapitel 5.2. 331 Vgl. Kapitel 5.2.3.
Die jungen Leute fühlen sich von Kinofilmen einfach mehr angesprochen und in ihrem Lebensgefühl getroffen als von jedem Theaterstück, auch wenn es eigens für ihre Altersgruppe produziert wurde. 332 Das gilt auch für das Theater der Jugend, das unzählige Anstrengungen unternimmt, um den Jugendlichen ein Erlebnis zu bieten, das diese zu einem begeisterten Publikum macht. Die Auslastungszahlen geben ein positives Urteil über diese Maßnahmen ab, doch muss hinterfragt werden, aus welchen Alterskategorien sich das Publikum nun tatsächlich zusammensetzt. 333 Diese theoretischen Ansätze und Überlegungen haben zu der zweiten Haupthypothese und ihren Unterhypothesen geführt, die im Folgenden angeführt sind:
Unterhypothesen:
• Die jungen Theaterbesucher haben ein Problem sich mit den Stücken zu identifizieren, weil diese nichts mit ihrer Welt zu tun haben.
• Das Image des Theaters ist bei der jungen Zielgruppe schlecht.
• Theater ist für die Jugendlichen nur eine lästige Pflicht.
• Das Theater der Jugend ist bei den 13 - 18jährigen sehr bekannt, wird aber von dieser Zielgruppe kaum genützt.
Haupthypothese 3: Die Theater selbst wissen um ihren Status bei den Jugendlichen, sind aber nicht in der Lage, diesen zu verbessern.
Die Auslastungszahlen sind bei vielen Theatern noch kein Grund zur Klage. Trotzdem ist häufig ein hohes Engagement für ein jüngeres Publikum vorzufinden. Dieses Verhalten zeigt einerseits, dass diese Zielgruppe für die Schauspielbetriebe sehr wichtig ist, andererseits bestätigt es, dass sich die
332 Vgl. Kapitel 3.3.2.
333 Vgl. Kapitel 5.3.3.
Theater über ihren wenig vorteilhaften Status bei den Jugendlichen durchaus im Klaren sind. 334
Viele besondere Aktivitäten und Programme werden geboten, um jüngere Zuseher nicht nur ins Theater zu locken, sondern auch möglichst dauerhaft davon zu begeistern. Speziell für Kinder gibt es unzählige Möglichkeiten, die Welt hinter den Kulissen kennen zu lernen. Jugendliche hingegen sollen oft eher über ihre Lehrer und die schulische Schiene erreicht werden. Ob dieser Weg genug an Eventcharakter, den sie so sehr schätzen, bietet, ist Gegenstand der nachfolgenden Unterhypothesen. 335
Weiters stellt sich bei den vielen Finanzproblemen, mit denen sich die Theaterbetriebe herumschlagen müssen, die Frage, ob nicht viele Ideen am Geldmangel scheitern. Immerhin gibt es bereits für viele bestehende Aktivitäten eine breite Palette an Sponsoren und Partnern, welche diese erst möglich machen. 336 Alle diese angesprochenen Punkte, die der Theorieteil ergeben hat, finden sich in der bereits genannten Haupthypothese 3 und ihren Unterhypothesen wieder, die folgendermaßen lauten:
• Die Spielbetriebe sind sich bewusst, dass sie bei den Jugendlichen ein schlechtes Image haben.
• Die Jugendlichen werden als wichtige Zielgruppe anerkannt, weshalb großer Handlungsbedarf in diesem Bereich gesehen wird, doch scheitern viele Ideen am Geld.
• Die Theaterbetriebe haben eine andere Auffassung davon, was bei den Jugendlichen gut ankommt als diese selbst.
334 Vgl. Kapitel 5.2.3.
335 Vgl. Kapitel 5.3.2. 336 Vgl. Kapitel 5.2.2.
• Die Jugendinitiativen der Theater werden zwar von Kindern und deren erwachsenen Begleitpersonen genutzt, doch mit steigendem Alter sinkt das Interesse wieder.
7.2. Datenerhebung
In dieser Arbeit wurde als Methode zur empirischen Datengewinnung die Befragung gewählt. Diese gehört neben der Beobachtung zur primären Marktforschung, im Bereich derer auch zwischen qualitativen und quantitativen Techniken unterschieden wird. 337 Als qualitatives Instrument wurde eine Expertenbefragung angewendet. Diese ist vor allem für Themen geeignet, welche die Weiterentwicklung oder Veränderung gegebener Trends bzw. das Aufkommen neuer Trends betreffen. 338 Die Erhebung quantitativer Daten fand mit Hilfe einer standardisierten, mündlichen Verbraucherbefragung statt. 339 Dieses Vorgehen bietet eine Vielzahl an Vorteilen gegenüber der Möglichkeit einer schriftlichen oder telefonischen Befragung, die den gravierendsten Nachteil, die Beeinflussung durch den Interviewer wieder aufwiegen. Die wichtigsten Vorteile lauten wie folgt: 340
• Eine hohe Antwortquote ist zu erwarten.
• Der Ausschluss unüberlegter Antworten ist möglich.
• Der Umfang des Fragebogens wird weniger wahrgenommen.
• Missverständnisse können leichter vermieden werden.
Da es für diese Arbeit wichtig war, möglichst viele Wiener Jugendliche der entsprechenden Altersgruppe zu befragen, doch manche Fragen
337 Vgl. Hüttner/Schwarting, 2002, S. 23. 338 Vgl. Schub von Bossiazky, 1992, S. 124. 339 Der Fragebogen ist im Anhang zu finden. 340 Vgl. Hüttner/Schwarting, 2002, S. 76f.
erklärungsbedürftig schienen und der Fragebogen relativ lang war, erwies sich diese Form der Befragung als die optimale Methode, wie in Kapitel 7.2.2 noch genauer erläutert wird. Zuvor werden die qualitativen Methoden, mittels denen die Daten von den Vertretern des Theaters gewonnen wurden, genauer vorgestellt.
7.2.1. Qualitative Methoden der Marktforschung
Bei der qualitativen Sozialforschung geht es meistens darum, eine eher kleine Zahl von Personen zu untersuchen. Dies macht auch eine Stichprobenziehung nach den Kriterien der Strukturgleichheit und Repräsentanz der Grundgesamtheit unnötig, was neben dem häufigen Fehlen von metrischen Variablen zu Kritik an diesen Methoden führt. 341 Das scheinbare Fehlen von Objektivität macht aber gleichzeitig den Vorteil der qualitativen Techniken aus. Es wird nicht allein das Wahrgenommene festgestellt, sondern auch die zugrunde liegende Bedeutung. 342
Für diese Arbeit wurde, wie bereits erwähnt, das Instrument eines offenen, halbstrukturierten Experteninterviews gewählt, da dieses sehr geeignet erscheint, um Einstellungen, Verhaltensmotive und Blockaden der Verantwortlichen der Theater herauszufinden. 343 Offen bedeutet, dass der Befragte frei antworten kann, ohne sich nach bestimmten Antwortvorgaben richten zu müssen, halbstrukturiert bezieht sich hingegen auf den Grad der Vorgabe eines Fragenkataloges für den Interviewer. 344
Die angewendete Technik ist auch unter dem Begriff „Problemzentriertes Interview“ bekannt. Es geht dabei darum, den Befragten so frei wie möglich reden zu lassen, aber dennoch ein bestimmtes Problem zu analysieren. Der größte Vorteil dieser Methode ist die starke Vertrauensbindung zwischen Interviewer und
341 Vgl. Lamnek, 1995, S. 3f.
342 Vgl. Lamnek, 1995, S. 40. 343 Vgl. Schub von Bossiazky, 1992, S. 87. 344 Vgl. Mayring, 2002, S. 66.
Befragtem. Die Forschung selbst muss allerdings an konkreten gesellschaftlichen Problemen ansetzen, die vor dem Interview von der objektiven Seite her analysiert wurden. Die Vorgangsweise, nach der auch diese Arbeit durchgeführt wurde, beginnt bei der Problemanalyse und kommt erst nach der Leitfadenkonstruktion zum Interview. 345
Auch hier müssen einige Gütekriterien beachtet werden, welche für die qualitative Sozialforschung jedoch andere sind als jene im quantitativen Bereich. Diese Gütekriterien, die den Methoden angemessen sein müssen, lauten auf sechs allgemeine Regeln zusammengefasst, wie folgt: 346
• Verfahrensdokumentation: Das Vorgehen muss detailliert dargestellt werden.
• Argumentative Interpretationsabsicherung: Interpretationen müssen so dokumentiert werden, dass sie intersubjektiv nachvollziehbar sind.
• Regelgeleitetheit: Verfahrensregeln müssen beachtet werden.
• Nähe zum Gegenstand: Die natürliche Lebenswelt der Betroffenen muss einbezogen werden.
• Kommunikative Validierung: Die untersuchten Personen müssen mit den Deutungen konfrontiert werden.
• Triangulation: Es muss versucht werden, für eine Fragestellung mehrere Lösungen zu finden und diese zu vergleichen.
Um zu analysieren, wie die Experten von Seiten des Theaters, die Problematik der Einstellung der Jugendlichen zu diesem Kulturbereich sehen, wurden Leitfadengespräche mit Herrn Dr. Springer und Frau Aly geführt. Da die Gespräche nur ergänzend zu den Aussagen der Jugendlichen zu verstehen sind,
345 Vgl. Mayring, 2002, S. 66ff.
346 Vgl. Mayring, 2002, S. 141ff.
wurden nur diese zwei Personen als wichtige Vertreter der Theaterbranche befragt. Frau Aly ist die kaufmännische Direktorin des Theaters der Jugend. Sie ist damit für alle finanziellen und betriebwirtschaftlichen Angelegenheiten zuständig, die künstlerische Leitung erfolgt durch eine separate Abteilung. Frau Aly wurde als Gesprächspartnerin ausgewählt, weil es für die Thematik wichtig ist, den Standpunkt des einzigen österreichischen Theaters, das sich ganz der Produktion für Kinder und Jugendliche widmet, einzubauen. Die kaufmännische Leiterin ist die passende Gesprächspartnerin, da sie sowohl in die Finanz- und Auslastungssituation als auch in die Marketingaktivitäten Einblick hat.
Das zweite Gespräch wurde mit Herrn Dr. Springer geführt. Er bekleidet die Funktion des Geschäftsführers der Bundestheater-Holding GmbH, welcher die Burgtheater GmbH, die Wiener Staatsoper GmbH, die Volksoper Wien GmbH und die Theaterservice GmbH angehören. 347 Dr. Springer obliegt dadurch unter anderem die strategische Führung dieser Tochtergesellschaften und deren finanzielle Absicherung. Diese Aufgaben und das Wissen um sämtliche derzeitige, sowie zukünftige Aktivitäten der zu den Bundestheatern gehörenden Schauspielhäuser, machen Dr. Springer zum idealen Gesprächspartner, was das Thema jugendliches Publikum betrifft.
Die Gespräche mit Dr. Springer und Frau Aly dauerten jeweils etwa eine Stunde und fanden am 27. Juni 2003 bzw. am 27. August 2003 in deren Räumlichkeiten statt. Sie wurden anhand eines Leitfadens geführt, der im Anhang zu finden ist. Die Vorteile eines solchen Leitfadens sind, dass wichtige Untersuchungsfragen auf jeden Fall behandelt werden und die Interviews leichter vergleichbar sind. Trotzdem bleibt ein annähernd natürlicher Gesprächsablauf erhalten. 348
Im Wesentlichen wurden die Schwerpunktthemen Image, Jugendprogramme und finanzielle Schwierigkeiten behandelt. Begonnen wurden die Interviews mit der
347 Vgl. Kapitel 5.2.1. 348 Vgl. Schub von Bossiazky, 1992, S. 90.
Frage nach der Wichtigkeit der Zielgruppe Jugend. Anschließend ging es um das Image, welches das Theater bei den Jugendlichen hat und etwaige Marktforschungsdaten, die dieses belegen. Ausgehend von diesem Thema wurden die generellen Ausgaben für Jugendmarketing bzw. andere Methoden, um diese Zielgruppe ins Theater zu locken, hinterfragt. Die Gesprächspartner wurden auch nach ihrer Einschätzung der Wünsche der Jugendlichen an das Theater befragt, sowie nach ihrer Methode um diesen entgegenzukommen. Auch mögliche finanzielle Probleme bei der Umsetzung der Jugendpolitik wurden angesprochen und der Erfolg bestehender Programme untersucht. Abschließend wurden die Interviewten nach zukünftigen Plänen und ihrer Meinung zu den Jugendprogrammen des jeweils anderen Gesprächspartners befragt.
Die Auswertung der beiden Gespräche erfolgt durch eine Quer- und Längsschnittanalyse der Mitschrift und anschließender Integration der beiden Analysen. Zunächst wird die Längsschnittanalyse durchgeführt, bei der jedes Interview von Anfang bis Ende gelesen wird, um die Denkweise des Befragten nachvollziehen zu können. Anschließend erfolgt die Querschnittanalyse, bei der einzelne Themen über die Gespräche hinweg verfolgt werden. Die wichtigsten Kategorien werden dann in das grundlegende Denkmodell der
Längsschnittanalyse eingebaut um ein gesamtheitliches Modell mit allen wichtigen Inhalten zu erhalten. 349 Die Ergebnisse daraus sind im Kapitel 7.4. zu finden, zunächst wird die Vorgangsweise bei der quantitativen Datenerhebung beschrieben.
7.2.2. Quantitative Methoden der Marktforschung
Die Daten der Jugendlichen wurden mittels einer mündlichen Befragung als Element der quantitativen Sozialforschung ermittelt. Deren Grundgedanke ist es, dass alles mit menschlichen Sinnen wahrnehmbar ist und nach bestimmten Regeln verläuft. Forscher können es daher beobachten und erklären. 350 Eine
349 Vgl. Salcher, 1995, S. 41f. 350 Vgl. Lamnek, 1995, S. 39.
face-to-face Umfrage, d.h. die klassische persönliche Befragung unter Verwendung eines standardisierten Fragebogens, wurde gewählt, um die Meinungen der Jugendlichen in Erfahrung zu bringen. 351 Die spezifischen Vorteile dieses Verfahrens wurden bereits im Kapitel 7.2 erläutert. Im quantitativen Bereich sind die Gütekriterien Reliabilität, d.h. die Zuverlässigkeit der Daten, Validität, die Gültigkeit der Daten, und Objektivität, die Unabhängigkeit der Daten vom Untersuchungsleiter, zu beachten. 352 Des Weiteren stehen vor allem die soziale Interaktion zwischen Interviewer und Interviewten sowie das Befragungsumfeld im Mittelpunkt. 353 Hinsichtlich der sozialen Interaktion kann nur versucht werden, diese ergebnisneutral zu gestalten, das Umfeld hingegen ist in mehreren Hinsichten relevant. Befragungsort, -zeit, die Anwesenheit Dritter, sowie die Länge des Interviews sind zu berücksichtigen. 354
Diese Befragung erfolgte im November 2003, als Zeitpunkt wurde jeweils der Nachmittag gewählt. Interviews fanden an drei Orten statt, auf der Mariahilfer Straße, im Ekazent Hietzing und in der Shopping City Süd. Die Länge der Befragung variierte zwischen zehn und zwanzig Minuten, Dritte waren manchmal anwesend, da diese jedoch meist selbst in die Zielgruppe passten und auch befragt wurden, ergaben sich keine Störungen. Der Fragebogen bestand aus 23 Fragen zu den Themenkomplexen Freizeit, Theaterbesuch, Einstellung zum Theater im Allgemeinen, Änderungsvorschläge und Theater der Jugend. Die Fragen wurden nach dem Kriterium der Allgemeinverständlichkeit erstellt, etwaige trotzdem vorhandene Verständnisprobleme konnten direkt bei der Befragung geklärt werden. Es wurden sowohl offene als auch geschlossene Fragen verwendet. Erstere bieten den Vorteil, dass ein breites Spektrum an möglichen Antworten, die nicht beeinflusst werden, zugelassen ist. Die geschlossenen Fragen sind dafür leichter auswertbar und vergleichbar. Vor allem im Bereich der Datenerhebung zum Image des Theaters wurden auch einige spontane
351 Vgl. Berekoven/Eckert/Ellenrieder, 2001, S. 104.
352 Vgl. Hüttner/Schwarting, 2002, S. 13. 353 Vgl. Berekoven/Eckert/Ellenrieder, 2001, S. 104. 354 Vgl. Berekoven/Eckert/Ellenrieder, 2001, S. 105.
Beantwortungen herausgefordert, da das Ergebnis nicht durch langes Nachdenken verfälscht werden sollte. 355
Zur Erhebung der Einstellung gegenüber dem Theater wurden auch projektive Verfahren verwendet, da diese dem Befragten auch unbewusste Inhalte bewusst werden lassen. Weiters bieten diese Methoden den Vorteil, dass sie die wirklichen Vorstellungen des Befragten abbilden, ohne dass es für diesen einsichtig ist. 356 Mit dieser Technik kann vermieden werden, falsche Antworten zu bekommen, weil den Jugendlichen z.B. ihre wirkliche Einstellung zum Theater unangenehm ist. Um Aspekte wie das Image besser messbar zu machen, kamen auch Skalierungsverfahren zum Einsatz. 357 Der genaue Aufbau der verschiedenen Fragen und die dazugehörigen Methoden werden im Weiteren beschrieben.
Der Fragebogen beginnt mit geschlossenen Fragen nach dem Freizeitverhalten der Jugendlichen und ihrem Medienverhalten in Bezug auf das Theater Anschließend folgen Fragestellungen zu ihren Erfahrungen mit dem Theater, wobei eruiert wurde, ob und wie oft die Befragten bereits dort waren, in welcher Begleitung und wie es ihnen gefallen hat. Eine offene Frage nach einer Begründung richtete sich an alle jene, die noch nie ein Theater besucht haben. Mittels einer möglichst spontan zu beantwortenden Frage, wurde auch erörtert, welche Gedanken den 13 - 18jährigen zu einem Theaterbesuch in den Sinn kommen.
Im zweiten Teil ging es um das Gefallen von ganz bestimmten Formen des Theaters, deren Bewertungen in einer offenen Frage auch begründet werden mussten. Ebenfalls mit einer offenen Frage wurden Wünsche zur Veränderung des Theaters erhoben. Mit Hilfe von Skalierungsverfahren wurde das Image und die Einstellung zum Theater bestimmt, was auch der Zweck der anschließenden
355 Vgl. Berekhoven/Eckert/Ellenrieder, 2001, S. 100ff. 356 Vgl. Salcher, 1995, S. 56ff. 357 Vgl. Salcher, 1995, S. 86ff.
einfachen projektiven Frage nach der Meinung von Freunden zum Theater war. Bevor der Fragenkomplex zum Theater der Jugend an die Reihe kam, wurde noch erhoben, was die Jugendlichen bewegen würde, ins Theater zu gehen. Vor den abschließenden Fragen zu den statistischen Daten wurden im letzten Teil durch großteils geschlossene Fragen Bekanntheitsgrad und Beliebtheit des Theaters der Jugend erhoben. Der verwendete Fragebogen ist im Anhang zu finden, im nächsten Kapitel wird erläutert, wie die Stichprobe der befragten 13 - 18jährigen gezogen wurde.
7.2.3. Stichprobenziehung
Die Populationswahl spielt sowohl im Bereich der quantitativen als auch der qualitativen Forschung eine große Rolle. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass bei ersterer Forschungsmethode eine große Zahl von Fällen überprüft wird, während es sich bei der zweiten eher um wenige typische Fälle handelt. 358
Für diese Arbeit wurde für die quantitative Untersuchung eine Stichprobe von 142 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren gewählt. Es wurde eine Quotenauswahl hinsichtlich Alter und Geschlecht getroffen, da diese Methode am zeit- und kostensparendsten war und auch die volle Anonymität gewährleisten konnte. 359 Dieses Verfahren basiert darauf, dass die für die Untersuchung ausschlaggebenden Merkmale und ihre anteilige Verteilung in der Grundgesamtheit bekannt sind. Daraus lässt sich dann eine repräsentative Stichprobe bilden, indem aus einer amtlichen Statistik die genaue Verteilung der Merkmale festgestellt und anschließend auf den geplanten Sampleumfang umgerechnet wird. 360
358 Vgl. Lamnek, 1995, S. 194f.
359 Vgl. Hüttner/Schwarting, 2002, S. 131ff. 360 Vgl. Berekoven/Eckert/Ellenrieder, 2001, S. 55.
Die durchschnittliche Bevölkerungszahl des Jahres 2001 beträgt, bezogen auf Wiener Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, 93.625 Personen. In zwei Altersgruppen und nach Geschlecht getrennt, ergibt sich in absoluten und Prozentzahlen folgende Aufteilung: 361
Tabelle 1: Quotenbildung für die quantitative Befragung
Auf 142 Fragebögen aufgerechnet, sind daher in beiden Altersgruppen 37 männliche und 34 weibliche Jugendliche zu befragen, wie in Tabelle 2 übersichtlich dargestellt wird.
Tabelle 2: Stichprobe der quantitativen Befragung
Nach der Erläuterung der methodischen Vorgangsweise folgt das Kapitel 7.3. in dem die Ergebnisse der quantitativen Erhebung beschrieben und die Hypothesen dazu überprüft werden.
361 Vgl. Statistik Austria, 2003, www.statistik.at/fachbereich_03/bevoelkerung_tab2.shtml, Stand vom 26.10.2003.
7.3. Ergebnisse der quantitativen Befragungen
Die Daten, die zur Verifizierung oder Falsifizierung der ersten beiden Haupthypothesen nötig waren, wurden mittels quantitativer Methoden ermittelt und mit Hilfe des Softwareprogramms SPSS verarbeitet. Durch
Häufigkeitstabellen, welche die Merkmalsausprägungen erfassen und übersichtlich anzeigen, Kreuztabellen, die Zusammenhänge zwischen mehreren Variablen veranschaulichen, sowie auch Mittelwerten, welche die Position mehrerer Merkmalswerte auf einer Merkmalsdimension durch einen einzigen Wert charakterisieren, wurden die ermittelten Daten dargestellt. 362
Es folgt die Analyse der Ergebnisse aus den Antworten der 142 befragten Wiener Jugendlichen, die allerdings nicht immer alle Fragen beantwortet haben, weshalb die Stichprobengröße variieren kann. Wo signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen oder Geschlechtern festgestellt wurden, werden diese getrennt dargestellt, da dies jedoch selten der Fall war, wird meist die gesamte Stichprobe auf einmal ausgewertet. Pro Hypothese werden zunächst die Erkenntnisse deskriptiv beschrieben und dann die Hypothese selbst interpretiert und überprüft. Die Darstellung der Resultate beginnt mit jenen Daten, welche die erste Hypothese samt ihren Unterhypothesen betreffen.
7.3.1. Der Stellenwert des Theaterbesuches in der Freizeit der Jugendlichen
Die theoretische Herleitung der ersten Hypothese und ihrer Unterhypothesen wurde bereits im Kapitel 7.1. beschrieben.
Hypothese 1: Der Kulturbetrieb Theater hat keinen Stellenwert in der Welt der Jugendlichen, weil sein Image negativ ist.
362 Vgl. Berekoven/Eckert/Ellenrieder, 2001, S. 192ff.
Im Folgenden werden die einzelnen Unterhypothesen deskriptiv dargestellt und überprüft, was dann zur Verifizierung oder Falsifizierung der Haupthypothese führen wird.
7.3.1.1. Deskripitive Analyse des kulturellen Freizeitverhaltens
Die beliebtesten Freizeittätigkeiten der Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren sind eindeutig nicht kulturelle Aktivitäten, wie Abbildung 10 zeigt. 81 % der Befragten geben an, ihre Freizeit gerne mit Freunden zu verbringen, was somit die bevorzugte Beschäftigung ist. Ebenfalls rund drei Viertel der Jugendlichen zählen Musik hören und Fernsehen zu den Dingen, mit denen sie sich gerne die Zeit vertreiben. Weniger als die Hälfte der 13 bis 18jährigen verbringen ihre freien Stunden gerne mit Computerspielen oder dem Internet. Büchern widmen sich immerhin noch ein Drittel der Jugendlichen, während kulturelle Events wie Ausstellungen, Konzerte oder das Theater nur von 28 % gerne besucht werden und dadurch den letzten Platz im Rahmen der beliebten Freizeitmöglichkeiten einnehmen. Zu den sonstigen Beschäftigungen zählen Zeichnen, Schlafen, Einkaufen gehen, sich mit Haustieren beschäftigen, Autos reparieren, Brettspiele spielen, Tanzen und Instrumente spielen.
n=142
Abbildung 10: Beliebte Freizeitbeschäftigungen der 13 - 18jährigen
Ergänzend zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten wurde auch nach der Medienwahl der Jugendlichen geforscht, in Bezug darauf, ob das Theater als Vermittler spannender Geschichten einen Stellenwert hat.
n=142
Abbildung 11: Medienwahl für eine spannende Geschichte
Wie die Grafik zeigt, würde sich fast die Hälfte der Jugendlichen dafür entscheiden, eine spannende Geschichte als Kinofilm zu erleben. Fast gleichauf liegen die Medien Buch und Fernsehen mit je etwas mehr als 21 % der Stimmen. Auf den ersten Blick sieht das nun so aus, als könnte das Buch durchaus noch mit den modernen Medien mithalten, doch wenn Fernsehen und Kino gemeinsam als Kategorie der digitalen Medien gesehen werden, ergibt sich doch eine überwältigende Mehrheit von 68 %, die sich für diese Möglichkeit entscheiden würde. Für das Darstellen der Geschichte durch Theater, Musical oder Oper sind insgesamt nur 9 % der Befragten zu begeistern.
7.3.1.2. Interpretative Analyse des kulturellen Freizeitverhalten
Die oben erläuterten Daten werden zur Beantwortung der ersten Unterhypothese herangezogen. Diese lautet: Jugendliche verbringen ihre Zeit nicht gerne mit Lesen, Theaterbesuchen oder anderen kulturellen Events.
Abbildung 10 zeigt deutlich, dass Theater oder andere kulturelle Veranstaltungen bei den Jugendlichen keinen besonders hohen Stellenwert einnehmen. Unter den vielfältigen Freizeitmöglichkeiten fallen kulturelle Events auf den letzten Platz, was den eindeutigen Schluss zulässt, das diese bei den meisten unbeliebt sind. Untermauert wird dies noch durch die Antworten auf die Frage, wie eine spannende Geschichte am liebsten erlebt wird. Auch hier schneidet die Form des Theaters am schlechtesten ab. Obwohl die Daten auch zeigen, dass die Jugend nicht ganz so sehr auf Computer und Internet fixiert ist, wie ihr oft unterstellt wird, ist ganz klar zu erkennen, dass Theaterbesuche zu den unbeliebtesten Freizeitaktivitäten gehören. Die Hypothese ist damit zu verifizieren.
7.3.1.3. Deskripitive Analyse der Häufigkeit von Theaterbesuchen
Theater ist den jungen Leuten jedoch trotz aller Abneigung nichts Fremdes, wie die nächste Tabelle zeigt.
Tabelle 3: Bereits erfolgte Theaterbesuche
82 % der männlichen und 90 % der weiblichen Jugendlichen, insgesamt fast 86 % der Befragten, geben an, schon einmal eine Theateraufführung besucht zu haben. Unter denjenigen, für die Theater noch ein unbekanntes Territorium ist, wurde auch nach dem Grund dafür geforscht, wie aus Tabelle 4 ersichtlich ist.
Tabelle 4: Gründe, nicht ins Theater zu gehen
Die Hälfte begründet die Tatsache, noch nie im Theater gewesen zu sein, damit, einfach kein Interesse dafür zu haben. Weitere vier Personen verspüren keine Lust auf diese Art der Unterhaltung, während drei der Befragten von vorneherein der Meinung sind, dass ein Theaterbesuch nur langweilig sein kann. Bei den übrigen drei Jugendlichen, die noch nie im Theater waren, ist das Motiv nicht fehlender persönlicher Anreiz, sondern entweder der Mangel an Gelegenheit oder Geld.
Bei jenen 86 %, die immerhin schon ein Schauspielhaus von innen gesehen haben, sind etwaige weitere Besuche allerdings auch nicht besonders häufig. Die nachstehend Grafik zeigt, wie oft die Befragten innerhalb des letzten Jahres die eine oder andere Aufführung gesehen haben.
n=122
Abbildung 12: Anzahl der Theaterbesuche innerhalb des letzten Jahres
Mehr als die Hälfte der Jugendlichen hat im letzten Jahr nur ein oder zwei Mal ein Theater besucht, während 28 % das in dieser Zeit überhaupt nicht getan haben. Nicht einmal 20 % der Befragten haben öfter als zwei Mal in einem Jahr eine Vorstellung erlebt, wobei darunter nur 6 % monatlich oder öfter eine Aufführung gesehen haben.
7.3.1.4. Interpretative Analyse der Häufigkeit von Theaterbesuchen
Die Unterhypothese 2 lautet: Die meisten Jugendlichen besuchen nur selten ein Theater. Die bereits erläuterten Ergebnisse zur Fragestellung nach der Häufigkeit von Theaterbesuchen bei Jugendlichen zeigen, dass zwar ein Großteil der Jugendlichen bereits im Theater war, die Motivation dort öfter hinzugehen, aber anscheinend nicht besonders groß ist. Die Angaben über die Besuchszahlen des letzten Jahres beweisen, dass der Großteil der Befragten höchstens ein oder zweimal im Jahr das Theater besucht hat. Es ist anzunehmen, dass dies nicht nur in diesem speziellen Jahr der Fall ist. Der Theaterbesuch ist demnach nicht nur eine wenig beliebte Freizeitbeschäftigung, sondern auch eine, die nicht sehr häufig durchgeführt wird. Die Hypothese ist hiermit zu bestätigen.
Die Begründungen von jenen, die überhaupt noch nie ein Theater besucht haben, sind bereits ein erstes Indiz auf dessen negatives Image. Auch unter denen, die öfter Aufführungen besuchen, ist nicht prinzipiell eine positive Einstellung anzunehmen, was im weiteren Verlauf analysiert wird.
7.3.1.5. Deskripitive Analyse der Begleitpersonen Jugendlicher ins Theater
Ob jene Jugendlichen, die doch öfters ins Theater gehen, das gerne tun, oder von privater oder schulischer Seite verpflichtet werden, wird an späterer Stelle analysiert. Tatsache ist jedoch, dass die Begleitpersonen hauptsächlich Eltern oder Lehrer sind, wie die folgende Tabelle beweist, wobei hier Mehrfachnennungen möglich waren.
Tabelle 5: Begleitpersonen bei Theaterbesuchen
Insgesamt nennen 60 % der Befragten ihre Eltern als häufigste Begleitung ins Theater, 40 % geben an, meist mit der Schule dorthin zu gehen. Zwischen den beiden Altersgruppen gibt es dabei kaum relevante Unterschiede. Nur ein Viertel der Jugendlichen, die manchmal ein Theater besuchen, tun dies gemeinsam mit ihren Freunden. Theater wird somit hauptsächlich zur Familiensache, denn fast ein Drittel der 13 - 18jährigen gibt auch an, oft mit Geschwistern, Großeltern oder anderen Verwandten eine Aufführung zu besuchen. Im Gegensatz dazu behaupten allerdings auch 2 % der Theaterbesucher, ganz alleine dort vorbeizuschauen.
7.3.1.6. Interpretative Analyse der Begleitpersonen Jugendlicher ins Theater
Die dritte Unterhypothese besagt: Theaterbesuche werden hauptsächlich im Rahmen der Schule oder der Familie durchgeführt. Die oben beschriebenen Daten demonstrieren, dass Freunde als Begleitpersonen zwar eine Rolle spielen, es ist allerdings nicht auszuschließen, dass dies ebenfalls im Rahmen der Schule passiert. In jedem Fall bezieht sich ein Großteil der Jugendlichen darauf, mit der Schule, den Eltern oder anderen Familienmitgliedern eine Theateraufführung zu besuchen. Wie bereits in der ersten Unterhypothese gezeigt wurde, lässt sich auch hieraus der Schluss ziehen, dass ein Theaterbesuch nicht zu den beliebten Optionen der Freizeitgestaltung gehört. In wie weit die mit Familie oder Schule erlebten Vorstellungen dann überhaupt freiwillig besucht werden, lässt sich aus diesen Angaben noch nicht ablesen, die angeführte Hypothese bestätigt sich jedoch.
Bevor das Problem der Freiwilligkeit näher beleuchtet wird, soll zunächst die grundlegende Einstellung der Jugendlichen zum Theater eruiert werden, zB im Folgenden durch die Frage nach den Assoziationen zu einer Aufführung.
7.3.1.7. Deskriptive Analyse der Assoziationen zu einem Abend im Theater
Bereits bei der Unterhypothese zwei offenbart sich, dass einige Jugendliche noch nie einer Aufführung beigewohnt haben, weil sie von vorneherein überzeugt sind,
sich zu langweilen. Wie jene, die aus Erfahrung sprechen können, zu diesem Thema stehen, zeigt sich in der folgenden Grafik.
n=122
Abbildung 13: Gedanken bei der Schilderung eines Theaterbesuches
Jene 122 Jugendlichen, die bereits mindestens einmal im Theater waren, antworteten auf die Frage nach spontanen Gedanken, die ihnen in den Sinn kommen, wenn sie einem Freund von einem Theaterbesuch erzählen würden mit einer Vielzahl von verschiedenen Aspekten. Auf die meisten Nennungen, über 40 %, kommen Kostüme, Bühnenbilder oder Effekte, von denen die Befragten dem Freund berichten. Mit 39 % kommt fast genauso vielen auch der Inhalt des Stückes in den Sinn. Einprägend ist offensichtlich auch die Atmosphäre eines Theaters, da 35 % über diese berichten. Nur 28 % verbinden die Erinnerung an einen Abend im Theater mit positiven Emotionen, etwa indem sie auf Lustiges, Interessantes oder Spannendes zurückblicken. Noch geringer ist allerdings die Anzahl jener theaterbesuchenden Jugendlichen, die anschließend von negativen Empfindungen sprechen. Nicht mehr als 19 % verbinden mit dem Theaterabend zunächst Langeweile oder Konservativität. In Erinnerung bleiben vielen auch die Schauspieler und die Musik, nur 11 % wurden von diesen aber so gefangen genommen, dass ihnen sofort die Nähe zum Geschehen einfällt. Weitere Kriterien sind die anderen Besucher, welche die Aufmerksamkeit von 14 % der Befragten
auf sich ziehen und auch die Dauer des Stückes und die Qualität der Plätze, die 11 % bzw. 8 % im Gedächtnis haften bleiben.
7.3.1.8. Interpretative Analyse der Assoziationen zu einem Abend im Theater
Die Unterhypothese vier behauptet: Ein Abend im Theater wird als langweilig erlebt und ist daher unbeliebt. Wie in der Grafik ersichtlich, sind die Erinnerungen jener Jugendlichen, die bereits mindestens einmal im Theater waren, sehr vielfältig, aber durchaus nicht negativ besetzt. Die meisten geben eher wertungsfreie Urteile ab und denken, wenn sie einem Freund von einem Theaterbesuch Bericht erstatten, am ehesten an Inhalt oder Gestaltung, ohne anzugeben, ob diese positiv erlebt wurden.
Bei dieser Frage wurde darauf geachtet, möglichst spontane Antworten zu erhalten, ohne dass die Jugendlichen lange darüber nachdenken konnten. Von den meisten kamen allerdings rein objektive Rückmeldungen, betreffend Schauspieler, Gestaltung oder Inhalte und selbst bei jenen, die ihre Eindrücke bewerten, dominieren die positiven Wertungen. Die Tatsache, dass weniger als 20 % Langeweile oder andere negative Gefühle spontan mit einem Theaterbesuch assoziieren, führt zu dem Schluss, dass die Hypothese verworfen werden muss. Neben der allgemeinen Einstellung zu einem Abend im Theater, wird nun allerdings genauer betrachtet, ob diese durch Alter oder Geschlecht beeinflusst wird.
7.3.1.9. Deskriptive Analyse der Freude am Theater der verschiedenen Altersgruppen und Geschlechter
Nach der allgemeinen Analyse zu den spontanen Einfällen der Jugendlichen im Hinblick auf Theaterbesuche soll gezeigt werden, in wie fern innerhalb dieser Gruppe Unterschiede bestehen. Hinsichtlich des Stellenwertes der kulturellen Events in der Freizeit im Allgemeinen zeigt sich bereits, dass mit 25 % der Nennungen aus der jüngeren Altersgruppe und 31 % aus der älteren Gruppe zwar ein Unterschied besteht, jedoch kein allzu großer. Wie dieses Bild nun im Hinblick auf einen Theaterbesuch im Speziellen aussieht, wird im Folgenden erläutert.
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Die Jugendlichen wurden befragt, wie gerne sie auf einer Skala von eins bis sieben ins Theater gehen, wobei der Wert eins „überhaupt nicht gerne“ und der Wert sieben „sehr gerne“ bedeutet. Im Bereich jener, die gern ins Theater gehen, sind vor allem die Jugendlichen der zweiten Altersgruppe zu finden. Eine Analyse der Mittelwerte, die in Abbildung 14 gezeigt wird, stellt dies dar. Zum besseren Vergleich zeigt die Illustration auch die durchschnittliche Bewertung nach Geschlechtern.
n=122
Abbildung 14: Durchschnittliche Bewertung eines Theaterbesuches nach Altersgruppen und Geschlecht
Die Analyse der Mittelwerte zeigt, dass die besten Bewertungen auf einer Skala von 1 bis 7 mit einem Mittel von 5,25 bei den weiblichen Personen zwischen 16 und 18 Jahren auftreten, während die männlichen Personen der selben Altersgruppe nur einen Durchschnitt von 4,10 aufweisen. Am wenigsten gern ins Theater gehen Burschen zwischen 13 und 15 Jahren, die nur einen Wert von 3,74 im Mittel erreichen, die Mädchen in diesem Alter liegen mit 4,00 immerhin gleich hinter den älteren Burschen.
7.3.1.10. Interpretative Analyse der Freude am Theater der verschiedenen Altersgruppen und Geschlechter
Die folgende interpretative Analyse, die aus den im vorigen Kapitel beschriebenen Daten gewonnen wird, dient zur Beantwortung zweier Unterhypothesen, die aus Gründen der Übersichtlichkeit gemeinsam geprüft werden. Sie lauten:
Die Freude an einem Theaterbesuch steigt mit dem Lebensalter.
Zwischen Männern und Frauen ist kein Unterschied in der Begeisterung oder Abneigung gegenüber dem Theater bemerkbar.
Aus den Daten, welche die Unterschiede zwischen den beiden Altersgruppen und Geschlechtern der Befragten angeben, lässt sich herauslesen, dass das Theater von den älteren Jugendlichen durchwegs besser bewertet wird als von den jüngeren. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass die älteren Jugendlichen auch lieber ins Theater gehen und die Freude an einem Theaterbesuch somit mit dem Lebensalter leicht ansteigt. Die entsprechende Hypothese ist demzufolge zu verifizieren.
Wird das Augenmerk auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gelenkt, lässt sich feststellen, dass die weiblichen Jugendlichen etwas bessere Bewertungen eines Theaterbesuches abgegeben haben. Die positivsten Beurteilungen stammen von weiblichen 16 - 18jährigen, nur knapp über dem Mittelwert liegen hingegen die Wertungen der männlichen Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren. Es zeichnet sich demnach ab, dass Theater nicht nur offensichtlich mit steigendem Alter positiver erlebt wird, sondern, dass dies auch vermehrt bei weiblichen Jugendlichen der Fall ist. Die Hypothese, dass Männer und Frauen im fraglichen Alter gleichermaßen vom Theater begeistert sind, ist dadurch nicht zu bestätigen.
Das nächste Kapitel betrachtet ebenfalls die unterschiedliche Wirkung des Theaters auf die Jugendlichen, allerdings geht es darin um die verschiedenen Formen des Theaters.
7.3.1.11. Deskriptive Analyse des Gefallens verschiedener Formen von Theater
Theater existiert in den verschiedensten Formen, die natürlich auch nicht alle das selbe Publikum ansprechen. Wo sich die Jugendlichen am ehesten zuhause fühlen, eruiert der Fragebogen, indem verschiedene Arten des Theaters von sehr gut bis sehr schlecht oder mit „noch nie besucht“ bewertet werden sollten. Die folgende Grafik zeigt, welche Vorstellungen überhaupt schon einmal von den befragten Jugendlichen besucht wurden.
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Abbildung 15: Besuchte Theaterformen von Jugendlichen
Wie aus der Grafik ersichtlich ist, haben bereits 86 % der Jugendlichen ein Musical gesehen und auch Sprechstücke oder Kabarett erzielen ähnlich hohe Werte. Nicht einmal die Hälfte der Befragten war jedoch bereits in einer Operette oder Ballettvorführung und auch eine Oper haben nur 50 % persönlich erlebt. Inwieweit diese Besuchszahlen damit zusammenhängen, welche Stücke den Jugendlichen gefallen, wird in der Folge erläutert.
Dazu haben die Jugendlichen die Formen des Theaters, die sie bereits selbst erlebt haben, auf einer fünfteiligen Skala bewertet. Dies wird in der folgenden Grafik dargestellt, die Bewertung 5 entspricht dabei der Beurteilung, dass das
jeweilige Stück sehr schlecht gefallen hat, die Bewertung 1 steht für eine Aufführung, die sehr gut gefallen hat.
Abbildung 16: Durchschnittliche Beurteilungen der erlebten Formen des Theaters
Am besten gefällt den 13 - 18jährigen eindeutig das Kabarett, das mit einer durchschnittlichen Bewertung von 1,82 den höchsten Wert erzielt. Dicht darauf folgt das Musical, welches immerhin auch einen Mittelwert von 1,95 aufweisen kann. Die klassischeren Formen wie Ballett oder Operette sind weit von diesen sehr positiven Urteilen entfernt. Beide tendieren eher in den negativen Bereich, da sie mit Wertungen von 3,25 für die Operette und 3,46 für das Ballett schon ein Stück hinter dem neutralen Wertungsbereich von 3 liegen. Auch Oper und Sprechstücke werden vom Großteil der Jugendlichen als mittelmäßig bis schlecht empfunden, hier liegen die durchschnittlichen Beurteilungen bei 3,13 bzw. 3,03.
Die beiden moderneren Formen des Theaters, Musical und Kabarett, kommen bei der Zielgruppe der 13 - 18 jährigen demnach wesentlich besser an, als die klassischen Genres. Was dies zu bedeuten hat, ist in der Interpretation des nächsten Kapitels zu finden. Zunächst wird aber ergründet, warum den Jugendlichen eine bestimmte Aufführung nun besonders oder eben gar nicht zugesagt hat. Zusätzlich zu ihren Bewertungen wurden sie deshalb nach einer Begründung für besonders gute oder schlechte Urteile gefragt. Einen Überblick über die Antworten bieten die nächsten beiden Tabellen.
Tabelle 6: Positive Aspekte an einer Vorführung
Als Grund, warum ihnen eine Aufführung besonders gut gefallen hat, geben 41 % an, dass sie lustig war und 40 % nennen die Musik als Ursache für ihre gute oder sehr gute Bewertung. Zwei Drittel der Jugendlichen bemerken, dass ihnen ein Stück dann gut gefällt, wenn es spannend und interessant aufgebaut ist, oder wenn sie einfach vom Inhalt der Handlung angesprochen werden. Auch die Stimmung im Theater ist für 30 % ein Grund, warum sie mit bestimmten Aufführungen mehr anfangen können als mit anderen. Talent oder Aussehen der Schauspieler entscheidet für 22 % über ihr späteres Urteil. Für 18 % sind Tanzeinlagen oder die Gestaltung, d.h. Kostüme, Bühnenbilder usw. ausschlaggebend für das Gefallen eines ganzen Genres, während sich nur 12 % besonders an der Realitätsbezogenheit bestimmter Stücke erfreuen können.
Damit erklären sich die ausschlaggebenden Gründe für die besonders positiven Bewertungen, die hauptsächlich für die Genres Musical und Kabarett abgegeben wurden. Womit die Jugendlichen bei Theaterstücken überhaupt nicht zufrieden sind, zeigt Tabelle 7.
Tabelle 7: Negative Aspekte an einer Vorführung
Auch für die negativen Wertungen haben die jugendlichen Theaterbesucher eine Vielzahl von Gründen anzubieten. Ein Drittel hat etwa bestimmte Aufführungen deshalb so schlecht bewertet, weil sie ihnen zu langweilig waren. Ebenfalls ein Viertel der Befragten beklagen sich über ein Stück, dass sie nicht in den Bann ziehen konnte und 16 % sprechen überhaupt von einer nicht nachvollziehbaren Handlung. Eine schlechte Gestaltung der Bühne, der Kostüme oder der Effekte sind für 14 % ein Grund, ein Stück in schlechter Erinnerung zu behalten, während 11 % an altmodischen Stücken überhaupt keinen Gefallen finden. Immerhin 8 % fällen ihr negatives Urteil deshalb, weil ihnen die Aufführung zu lang gedauert hat, und für 2 % entscheidet sogar die Qualität ihrer Plätze darüber.
7.3.1.12. Interpretative Analyse des Gefallens verschiedener Formen von Theater
Die letzte Unterhypothese zur ersten Haupthypothese lautet: Mit den klassischen Formen des Theaters, zB Oper oder Ballett, können die Jugendlichen am wenigsten anfangen.
Die bereits erläuterten Daten aus den Befragungen haben ergeben, dass vor allem die Genres Musical und Kabarett bei den Jugendlichen sehr gut ankommen. Diese Formen sind gleichzeitig auch jene, die von den meisten bereits besucht wurden. Hierzu zählen zwar auch die Sprechstücke, diese erreichen allerdings nur eine durchschnittliche Bewertung. Warum es gerade diese Arten von Theater sind, die dem jungen Publikum gefallen, ist anhand der Begründungen leicht zu eruieren. Die meisten nennen lustige Unterhaltung und Musik als besonders positive Aspekte an Theateraufführungen. Gerade diese beiden Bestandteile sind es aber, die das Kabarett bzw. das Musical ausmachen. Handlung, Schauspieler oder Bühnenbilder, die ohnehin bei jedem Stück variieren sind erst zweitrangig. Auch die Themenwahl gefällt dem jungen Publikum offensichtlich bei den moderneren Stücken des Musicals oder beim Kabarett besser. Immerhin wird die Liste der negativen Aspekte von Langeweile, die während der Aufführung aufkommt, und Stücken, welche die Jugendlichen nicht ansprechen, angeführt. Die Welten, von denen die klassischen Formen des Theaters erzählen, und die Weise, auf welche sie dies tun, passt nicht mit den Wünschen der jungen
Besucher zusammen. Sie wollen Spaß, Spannung, interessante Stücke und all das umrandet von Musik und einer guten Stimmung. Macht sich erst einmal Langeweile breit, oder ist die Handlung nicht interessant oder gar unnachvollziehbar, ist es mit der Begeisterung schnell vorbei, was bei Theater, Ballett, Oper oder Operette anscheinend öfter der Fall ist. Diesen Erläuterungen zufolge ist die Hypothese, dass Jugendliche mit den klassischen Formen des Theaters wie Ballett oder Oper am wenigsten anfangen können, zu verifizieren.
Nach der ausführlichen Analyse aller sieben, zur ersten Haupthypothese gehörenden Unterhypothesen erfolgt im abschließenden Kapitel deren Verifizierung oder Falsifizierung.
7.3.2. Hypothesenprüfung zum Stellenwert des Theaterbesuches in der Freizeit
Die Daten und Interpretationen anhand derer die zur Haupthypothese gehörenden Unterhypothesen überprüft wurden, sind in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich dargestellt. Aus ihnen ergibt sich nun die Prüfung der Haupthypothese, die folgendes unterstellt: Der Kulturbetrieb Theater hat keinen Stellenwert in der Welt der Jugendlichen.
Aus den Befragungen hat sich ergeben, dass der Besuch eines Theaters zu den unbeliebtesten Freizeitaktivitäten gehört und auch nicht besonders häufig durchgeführt wird. Wenn die Jugendlichen doch einmal ins Theater gehen, tun sie dies meistens mit ihrer Familie oder der Schule. Die Peergroup, die sonst so eine wichtige Rolle im Leben der jungen Leute spielt, wird in diesem Fall kaum mit einbezogen. Daraus ist bereits zu erkennen, dass das Theater vor allem ein Problem mit seinem Image hat. Für viele ist das immerhin ein Grund, erst gar nicht ins Theater zu gehen und auch von jenen, die bereits dort waren, wird es kritisiert. Viele begeisterte Rückmeldungen zeigen aber auch, dass die unterstellte Konservativität und der Ruf als veraltete Unterhaltungsform eben einem Image entsprechen, das nicht unbedingt mit der Realität gleichzustellen ist.
Allein die Tatsache, dass die Ansichten jener, die noch nie im Theater waren, viel negativer sind, als die Assoziationen derjenigen, die aus Erfahrung sprechen, zeigen, dass es hauptsächlich das veraltete und konservative Bild des Theaters ist, das die Jugendlichen von einem Besuch abbringt. Bestätigt wird dies dadurch, dass die älteren Befragten, die nicht mehr so leicht beeinflussbar sind, das Theater weit positiver bewerten als die jüngeren. Generell erwarten sich die Jugendlichen einfach einen lustigen Abend, in lockerer Atmosphäre, mit einem spannenden Stück und musikalischer Untermalung. Die Genres Musical und Kabarett, die diesen Anforderungen am ehesten entsprechen, kommen bei der jungen Zielgruppe auch weit besser an als alle anderen Formen des Theaters.
Generell kann auch die Haupthypothese, dass Theater keinen Stellenwert in der Welt der Jugendlichen hat, weil sein Image negativ ist, als bestätigt angesehen werden. Es muss daher zunächst diese Barriere überwunden werden, damit die Jugendlichen Theater als mögliche Unterhaltungsform auch für ihre Altersgruppe erkennen. Genaueres dazu wird in der nächsten Hypothese untersucht.
7.3.3. Theater als Unterhaltungsform für Jugendliche
Die zweite Hypothese, deren theoretische Herleitung im Kapitel 7.1. beschrieben ist, beschäftigt sich mit der Akzeptanz des Theaters bei den Jugendlichen. Weiters wird in verschiedenen Unterhypothesen geprüft, ob Theaterbesuche als Form der Unterhaltung von den Jugendlichen gänzlich in den Bereich der Erwachsenen abgeschoben werden, oder ob gewisse Änderungen doch ein eigenständiges Interesse hervorrufen könnten. Die zu prüfenden Haupthypothese lautet:
Hypothese 2: Jugendliche sehen Theater als Unterhaltung für Erwachsene und fühlen sich nicht als Zielgruppe.
Im Folgenden werden wieder die einzelnen Unterhypothesen deskriptiv dargestellt und überprüft, was am Ende zur Verifizierung oder Falsifizierung der
Haupthypothese führen wird. Beginnend werden die Identifizierungsprobleme der Jugendlichen mit dem Theater dargestellt.
7.3.3.1. Deskriptive Analyse der Identifizierung Jugendlicher mit dem Theater
Was den Jugendlichen am Theater so alles nicht besonders gefällt und dass es doch auch Dinge gibt, die beim jungen Publikum ankommen, wurde bereits anhand der Erlebnisse der Befragten erläutert. Im Folgenden geht es darum, in wie weit sich die Jugendlichen mit dem Theater identifizieren können bzw. was dazu verändert werden müsste. Auf die Frage, was sie am Theater im Allgemeinen ändern würden, wenn sie könnten, ist den Befragten so einiges eingefallen, wie die folgende Abbildung zeigt.
n=122
Abbildung 17: Änderungsvorschläge für das Theater
Am wichtigsten ist für die Jugendlichen offensichtlich eine Modernisierung des Theaters, denn gleich ein Drittel der Befragten äußert diesen Wunsch. Andererseits sprechen sich aber auch 5 % dafür aus, nicht gnadenlos zur Moderne überzugehen, sondern einen Mittelweg zwischen dieser und der Klassik zu finden. 29 % zeigen sich mit den Themen, die bisher behandelt werden,
insgesamt sehr unzufrieden. 23 % erhoffen sich zumindest mehr Abwechslung bei den Stücken, während sich 20 % definitiv mehr Realismus und aktuelle Themen und 17 % mehr „Action“ erträumen. Ein Viertel würde das Theater generell für Jugendliche offener und zugänglicher gestalten, während sich 16 % schon mit einer lockereren Atmosphäre zufrieden geben. 14 % der jugendlichen Theaterbesucher legen ihr Hauptaugenmerk auf die Preisgestaltung, die ihnen derzeit nicht optimal erscheint. Bei je 7 % würde ihr wunschgemäßes Theater entweder mit jüngeren und bekannteren Schauspielern ausgestattet sein, oder durch aktive Beteiligung des Publikums funktionieren. 5 % der Befragten wollen ihre Gestaltungsfreiheit auch einer bequemeren Inneneinrichtung zugute kommen lassen und nur 15 % geben an, gar nichts verändern zu wollen.
Die jungen Besucher möchten sich mit dem, was ihnen auf der Bühne geboten wird, identifizieren können und ihre eigene Welt dort erleben. Dieses Bild ist bereits aus den Änderungsvorstellungen der Jugendlichen abzulesen. Verdeutlicht wird es noch durch die Antworten auf die Frage, was die Theaterbetriebe speziell im Hinblick auf den Zuwachs jugendlicher Besucher machen könnten und wohl auch sollten. Die folgende Grafik bietet einen Überblick über die Wünsche der Jugendlichen an ein Theater, das auch für sie interessant ist.
Abbildung 18: Anreize für einen Theaterbesuch
Am wichtigsten ist den Jugendlichen eindeutig eine Veränderung in der Themenwahl. Mit 46 % spricht sich fast die Hälfte der Befragten dafür aus, Probleme aus ihrer eigenen Welt zu bearbeiten. Nicht die Geschehnisse antiker oder futuristischer Welten sind für sie ansprechend, sondern das, was jeden Tag rund um sie passiert, was sie kennen und mit dem sie sich auch identifizieren können. In eine ähnliche Richtung geht wohl auch der Wunsch nach Modernisierung, den ein Drittel der Befragten äußert. Langweilig darf es natürlich ebenfalls nicht werden, 28 % weisen auf eine notwendige Steigerung von Spannung und actiongeladenen Effekten hin, während 17 % vor allem mit genügend Abwechslung gegen Eintönigkeit ankämpfen wollen. Je 16 % sind der Meinung, dass es schon reichen würde, die bestehende Atmosphäre lockerer zu machen oder einfach die Preise zu reduzieren, um vermehrt junges Publikum ins Theater zu locken.
Immerhin 15 % geben an, dass auch ein wenig mehr Werbeaufwand nicht schaden könnte. 10 % bzw. 12 % der Jugendlichen raten zum Einsatz von Schauspielern und viel mehr Musik, die sich auch in ihrer Altersgruppe einer gewissen Bekanntheit erfreuen. 8 % geben sich schon damit zufrieden, etwas besser und ausführlicher über die Aktivitäten der Theater informiert zu werden, während 9 % lieber gleich selbst aktiv mitgestalten wollen. Weiters sehen es 6 % als erfolgreich an, Kinohits im Theater umzusetzen. 7% würden sich eher dann zum Besuch einer Vorführung überreden lassen, wenn diese mit einem anderen Event, beispielsweise einer Discoveranstaltung, gekoppelt ist.
7.3.3.2. Interpretative Analyse der Identifizierung Jugendlicher mit dem Theater
Die erste Unterhypothese zur zweiten Haupthypothese lautet: Die jungen Theaterbesucher haben ein Problem sich mit den Stücken zu identifizieren, weil diese nichts mit ihrer Welt zu tun haben.
Wie die erläuterten Auswertungen deutlich signalisieren, beziehen sich die Änderungsvorstellungen und -wünsche der Jugendlichen hauptsächlich auf die Inhalte der Stücke oder die gesamte Atmosphäre des Theaters. Das bestätigt
einerseits, dass vom jungen Publikum allgemein einiges an Handlungsbedarf im Theater gesehen wird. Andererseits sagt die Meinung der Befragten auch aus, dass die Identifikation der Jugendlichen mit den Themen, die auf der Bühne behandelt werden, zur Zeit wenig vorhanden ist. Soweit die jungen Besucher selbst betroffen sind, möchten sie sich aber vor allem mit dem, was ihnen geboten wird, identifizieren können und ihre eigene Welt erleben. Die hohe Zahl jener, die dies ändern würden, wenn sie könnten, oder es sich vom Theater erwarten, wenn mehr Jugendliche dort hin gehen sollen, besagt eindeutig, dass in dieser Beziehung für die Schauspielbetriebe noch einiges zu tun ist.
Generell sprechen die Aussagen der Jugendlichen, was am Theater allgemein und speziell im Hinblick auf ihre Zielgruppe geändert werden sollte, Bände, zB darüber, wie wenig zur Zeit eine Identifikation mit dieser Kulturform stattfindet. Die Jugendlichen können das Theater nicht mit ihrer Welt verknüpfen und fühlen sich nicht angesprochen. Die Hypothese, dass die jungen Theaterbesucher ein Problem haben, sich mit den Stücken zu identifizieren, weil diese nichts mit ihrer Welt zu tun haben, kann somit bestätigt werden.
Das Thema Identifikation wird im nächsten Kapitel durch eine Imagebewertung noch vertiefend behandelt.
7.3.3.3. Deskriptive Analyse des Images vom Theater bei den Jugendlichen
Wie sich bereits herausgestellt hat, hätten die Jugendlichen durchaus eine Vorstellung, wie Theater für sie attraktiver aussehen könnte. Dass es mit dem derzeitigen Image aber überhaupt nicht zum Besten steht, haben bereits die bisherigen Daten widergespiegelt, trotzdem wurde es auch im Einzelnen anhand bestimmter Kriterien hinterfragt. Die Befragten wurden dabei gebeten, in einem Polaritätsprofil zwischen einem positiven Adjektiv zB modern, das mit der Zahl eins bezeichnet war und dem Gegenteil dieses Wortes, in diesem Fall konservativ, das die Zahl 7 erhielt, fein abzustufen. Die daraus errechneten Mittelwerte ergeben folgendes Bild.
n=122
Abbildung 19: Imagebewertung des Theaters anhand eines Polaritätenprofils
In der Abbildung 19 ist deutlich ersichtlich, dass sich die meisten Bewertungen im mittleren bis negativen Bereich bewegen. Leicht im positiven Bereich sind nur die Aspekte Aktivität und Abwechslung, obwohl die vorher behandelte Wunschliste zeigt, dass auch bei diesen Punkten noch nicht das Optimum erreicht ist. Am schlechtesten sind die Mittelwerte bezüglich Modernität, Jugendgerechtigkeit und den Preisen, hier bewegen sich die durchschnittlichen Werte zwischen 4,7 und 4,9. Theater wird von der jungen Zielgruppe demnach eher als erwachsenengerecht, konservativ und zu teuer betrachtet. Auch die Beurteilungen der Flexibilität und Attraktivität des Theaters bewegen sich mit Werten von 4,2 und 4,1 im leicht negativen Bereich. Hinsichtlich Interesse und Freiheit bewegt sich das Stimmungsbarometer im mittleren Bereich, mit leichten Tendenzen in Richtung uninteressant und zwanghaft. Ob nun eher Buntheit oder Farbe bzw. Spaß oder Ernst mit dem Theater assoziiert werden, war nicht klar herauszufinden, da sich diese Bewertungen genau im Mittelfeld aufhalten.
Als weitere Methode, um Näheres über das Image des Theaters bei den Jugendlichen herauszufinden, wurden diese über die vermutliche Meinung ihrer
Freunde befragt, was ebenfalls sehr aufschlussreiche Daten ergab, wie folgendes Diagramm darstellt.
n=128
Abbildung 20: Vermutete Einstellung von Freunden
Dieses geschätzte Fremdbild des Theaters sieht noch um einiges schwärzer aus, als die Aussagen der Befragten selbst. So geben immerhin 22 % der Jugendlichen an, dass ihre Freunde eine sehr negative Einstellung zum Theater hätten, weitere 13 % glauben, dass sie es einfach nur langweilig finden. Inklusive jener 17 %, die den mit ihnen befreundeten Personen wenig Interesse am Theater unterstellen und jenen 2 %, deren Kameraden Theaterbesucher gleich als Streber klassifizieren, ergeben sich bereits mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die ihrem Freundeskreis ein miserables Verhältnis zum Theater attestieren. Nicht viel besser steht es wohl auch mit der Einstellungen jener Freunde, die in 9 % der Fälle nur sehr selten ins Theater gehen oder laut 6 % der Befragten im Zweifelsfall das Kino vorziehen. Auch die Bekannten jener 2 %, die glauben, dass ihnen das Theater zu teuer ist, können wohl nicht zu den eingefleischten Fans gezählt werden. Schließlich bleiben noch 19 %, die der Meinung sind, dass in ihrer Peergroup das Theater zumindest als „okay“ angesehen wird und 4 %, die immerhin glauben, dass ihre Freunde bestimmte Aufführungen sogar mögen. Ein unumschränkt positives Verhältnis zum Theater meinen gerade einmal 6 % in ihrem Freundeskreis vorzufinden.
7.3.3.4. Interpretative Analyse des Images vom Theater bei den Jugendlichen
Das Image des Theaters ist bei der jungen Zielgruppe generell schlecht. Dies ist die Hypothese, deren Gültigkeit anhand der vorher erläuterten Daten überprüft wird.
Die Analyse der Daten zu den genauen Imagewerten des Theaters ergibt, dass es nur in wenigen Eigenschaften definitiv positiv wahrgenommen wird. Aktivität und Abwechslungsreichtum sind die einzigen Bewertungen die eine positive Tendenz aufweisen. Die anderen Kriterien bewegen sich entweder im Mittelfeld oder zeigen vor allem bei den Eigenschaften konservativ, erwachsenengerecht und teuer ins negative. Wie schlecht das Image aber wirklich ist, zeigt vor allem die projektive Frage nach den vermuteten Einstellungen der Freunde.
Hier wird der Schluss durch andere auf den Befragten selbst nahe gelegt und die Ergebnisse dieser Frage sind noch schlechter ausgefallen, als die Imagewertungen, welche die befragten Jugendlichen selbst abgegeben haben. Daraus ist zu entnehmen, dass das Theater in den Kreisen der Jugendlichen mit einer gewissen sozialen Unerwünschtheit zu kämpfen hat. Das bedeutet, dass die jungen Leute einzeln gar nicht so sehr gegen das Theater eingestellt sind, es aber für unmöglich halten, das gegenüber ihren Freunden zuzugeben. Um das zu demonstrieren, wird auch hier den Freunden großteils eine sehr negative Meinung in den Mund gelegt. Ähnliches hat sich schon bei den Begründungen jener Leute, die noch nie im Theater waren, gezeigt. Auch hier waren die Urteile schlechter als jene der Theaterbesucher.
Die Hypothese über das schlechte Image ist somit zu bestätigen. Dass die Empfindung des Theaters als nicht jugendgerechte Unterhaltungsform einer der Hauptgründe dafür ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. In der Frage, inwiefern Jugendliche dann überhaupt freiwillig und aus Eigeninitiative ins Theater gehen, oder ob sie dies nur durch Zwang von Erwachsenen tun, wird die Analyse der nächsten Hypothese mehr Klarheit schaffen.
7.3.3.5. Deskriptive Analyse der Freiwilligkeit von Theaterbesuchen
Wie bereits erläutert, fallen Theaterbesuche oft in den Bereich von familiären oder schulischen Aktivitäten. Die Jugendlichen werden demzufolge oft praktisch zwangsbeglückt. Um zu überprüfen, wie sehr Theater beim jungen Publikum zur Pflichtübung wird, wurden drei Meinungen vorgegeben, denen sich die Befragten anschließen konnten. Die Meinung A besagt, dass Theater langweilig und altmodisch ist und wirklich nur besucht wird, wenn es sich nicht vermeiden lässt, die Aussage B stellt einen Theaterbesuch als akzeptabel dar, jedoch würde es bei freier Wahlmöglichkeit durch das Kino ersetzt werden, und Option C betrifft jene, die gerne, freiwillig und aus Interesse ins Theater gehen. Die folgende Abbildung zeigt die Ergebnisse dieser Analyse.
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Abbildung 21: Bedeutung eines Theaterbesuchs hinsichtlich Freiwilligkeit
Mehr als die Hälfte der Befragten geht demnach zwar hin und wieder ins Theater, würde sich aber eigentlich für einen Kinofilm entscheiden, wenn sie die Wahl hätten. Immerhin über ein Drittel gibt zu, nur dann eine Vorstellung zu frequentieren, wenn sich wirklich gar kein anderer Ausweg bietet. Übrig bleiben schließlich nur 13 % begeisterte Theaterbesucher, die eine Aufführung definitiv einem Kinofilm vorziehen und auch aus eigenem Antrieb dort hingehen.
7.3.3.6. Interpretative Analyse der Freiwilligkeit von Theaterbesuchen
Die Unterhypothese, zu deren Prüfung obige Daten verwendet werden, lautet: Theater ist für die Jugendlichen nur eine lästige Pflicht.
Die deskriptive Analyse offenbart deutlich, dass Theater zwar in die Welt der Jugendlichen vordringt, doch bei vielen nur im Rahmen eines kulturellen Pflichtprogrammes, das durch Schule oder Eltern aufgezwungen wird. Für die Hälfte ist dies zumindest akzeptabel, auch wenn sie von sich aus lieber eine andere Freizeitbeschäftigung wählen würden und zum Besuch einer Aufführung eher gedrängt werden. Für viele stellt so ein Theaterbesuch aber schon von vorne herein ein langweiliges Muss dar. Die Hypothese kann bestätigt werden, da der Theaterbesuch für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen eine Verpflichtung darstellt.
Inwiefern es ein viel versprechender Ansatz sein kann, die Jugendlichen mehr oder weniger zum Theaterbesuch zu zwingen, ist natürlich sehr in Frage zu stellen. Hierbei ist auch die Institution des Theaters an der Jugend nicht außer Acht zu lassen, die sich immerhin ganz auf die schwierige Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen spezialisiert hat. Ob die Situation in diesem Bereich allerdings weit besser aussieht, ist fraglich und wird in der Folge analysiert.
7.3.3.7. Deskriptive Analyse zum Status des Theaters der Jugend
Mangelnder Bekanntheitsgrad ist nicht das Hauptproblem des Theaters der Jugend, denn unter den 142 befragten Personen beträgt dieser immerhin 77 %. Nur 23 % sind der Überzeugung noch nie vom Theater der Jugend gehört zu haben. Ebenso viele der Jugendlichen geben an, bereits Abonnent dieser Institution gewesen zu sein, nur 3 % sind es aber noch zum Zeitpunkt der Befragung. Die restlichen 51 % können zwar mit dem Begriff Theater der Jugend etwas anfangen, haben aber nie von seinen Leistungen profitiert. Die Abbildung 22 gibt einen Überblick über diese Daten.
n=142
Abbildung 22: Bekanntheit des Theaters der Jugend bei den 13 - 18jährigen
Hierbei ist es interessant zu erfahren, warum so viele der Befragen ihre Abonnements aufgegeben haben. Einen Überblick über die genannten Gründe der 29 ehemaligen Abonnenten gibt die Abbildung 23.
n=29 (nur ehemalige Abonnenten)
Abbildung 23: Gründe für das Aufgeben eines Theater der Jugend Abonnements
Besonders hoch ist die Anzahl jener, denen die angebotenen Stücke nicht gefallen und die deshalb dem Theater der Jugend den Rücken zugekehrt haben. Weitere 14 % geben außerdem an, sich einfach nicht dafür zu interessieren, während 10 % vor allem aus Zeitmangel ihr Abo aufgeben mussten. Für 7 %
waren die Preise ein Grund, ihr Abonnement nicht zu verlängern, weiteren 21 % wurde die Entscheidung abgenommen, weil die Möglichkeit an ihrer Schule nicht (mehr) angeboten wurde. Zu diesen Gründen kommen noch jene 10 %, die sich ihre Aufführungen lieber einzeln und selbst aussuchen und die 3 %, die ihr Abo nur gekündigt haben, weil sie keine Begleitung finden konnten.
Die Organisationsform der Abonnements so wie auch deren Preise kommen aber im Allgemeinen ganz gut bei den Jugendlichen an. Diejenigen unter den Befragten, die Abonnenten des Theaters der Jugend sind oder waren, wurden auch gebeten, deren Leistungen nach dem Schulnotensystem von sehr gut bis sehr schlecht zu beurteilen, die Mittelwerte dieser Ergebnisse sind in der folgenden Grafik ersichtlich.
n=35 (nur aktuelle und ehemalige Abonnenten)
Abbildung 24: Durchschnittliche Bewertung der Leistungen des Theaters der Jugend
Die Preise erhalten eine durchschnittliche Bewertung von 2,46, während das Aboservice mit 2,23 noch besser abschneidet. Die Aktualität der Stücke und die Anpassung an die Altersgruppen bewegen sich ebenfalls um einen Mittelwert von 2,5. Das Einzige, was bei den Jugendlichen weniger gut ankommt, ist das Online Magazin, das nur eine durchschnittliche Beurteilung von 3,0 erhält.
7.3.3.8. Interpretative Analyse zum Status des Theaters der Jugend
Die Hypothese zum Status des Theaters der Jugend bei der befragten Zielgruppe lautet: Das Theater der Jugend ist bei den 13 - 18jährigen sehr bekannt, wird aber von dieser Zielgruppe kaum genützt.
Wie die Auswertungen der Befragungen gezeigt haben, wissen die Jugendlichen durchaus darüber Bescheid, dass es spezielle Angebote für sie und eine Institution wie das Theater der Jugend gibt. Auch der Bekanntheitsgrad dieser Einrichtung ist gegeben, nur reicht das Wissen darüber alleine noch lange nicht, die Möglichkeiten auch zu nützen. Auch in diesem Bereich spiegeln sich die Probleme wieder, die bereits erläutert wurden. Viele Jugendliche haben ihr Abonnement aufgegeben, weil ihnen die Stücke nicht mehr gefallen haben oder das Interesse plötzlich weg war. Einerseits kann das daran liegen, dass die Themen eben nicht jugendgerecht sind, da das Theater der Jugend sich aber genau die Produktion solcher Inhalte zur Aufgabe gemacht hat, ist das unwahrscheinlich. Viel nahe liegender ist die soziale Unerwünschtheit und das negative Image des Theaters, die es für die Jugendlichen in einem gewissen Alter plötzlich so uninteressant werden lassen. Was diese Erkenntnisse für die zweite Haupthypothese zu bedeuten haben, wird im nächsten Kapitel erläutert.
7.3.4. Hypothesenprüfung zur Anerkennung des Theaters als Unterhaltungsform für Jugendliche
Die Ergebnisse aus der Überprüfung der vier Unterhypothesen, die auf den vorhergehenden Seiten ausführlich dargestellt wurden, ergeben nun die Prüfung der Haupthypothese, die folgendes unterstellt: Jugendliche sehen Theater als Unterhaltung für Erwachsene und fühlen sich nicht als Zielgruppe.
Die Daten der Befragungen haben vorgezeigt, dass Theater in den Köpfen der meisten jungen Leute offensichtlich fest als konservative Unterhaltungsform für Erwachsene verankert ist. Kaum einer sieht es als Option für die eigene Abendgestaltung und wenn, dann eher weil ein gewisser Zwang durch Elternhaus
oder Schule besteht. Eigenes Interesse an dieser Kulturform, die in den Augen der Jugendlichen konservativ, gar nicht jugendgerecht und zu teuer ist, besteht nur bei sehr wenigen. Diese Einstellung beruht einerseits darauf, dass es für viele der jungen Zuschauer schwierig ist, sich mit den Themen und Personen auf der Bühne, die meist wenig mit ihrer jugendlichen Lebenswelt zu tun haben, zu identifizieren. Andererseits hat sich aber auch herausgestellt, dass vor allem die soziale Erwünschtheit des Theaters in den Kreisen der Jugendlichen ein großes Problem ist. Viele haben ihren Freunden noch eine viel schlechtere Einstellung zum Theater unterstellt, als ihre eigene es ist. Dies deutet daraufhin, dass die Erwartungshaltung einfach ein negatives Verhältnis eines Jugendlichen zum Theater voraussetzt.
Gezeigt hat sich diese Tendenz auch beim Status des Theaters der Jugend. Der Bekanntheitsgrad dieser Institution ist hoch und die Bewertungen seiner Leistungen bewegen sich im Mittelbereich. Trotzdem ist die Zahl der Abonnenten im fraglichen Alter unter den Befragten sehr gering. Auch hier ist darauf zu schließen, dass Image und die Erwartungshaltung des sozialen Umfeldes zu den Hauptursachen gehören. Die Hypothese, dass Jugendliche Theater als Unterhaltung für Erwachsene abschreiben und sich selbst nicht als Zielgruppe sehen, ist damit zu bestätigen.
Es stellt sich nun angesichts dieser Schlussfolgerungen die Frage, welche Maßnahmen die Theaterbetriebe ergreifen wollen oder auch können, bzw. ob sie überhaupt der Meinung sind, dass solche nötig wären. Um das Thema nicht nur eindimensional aus der Sicht der Jugendlichen zu beleuchten, sind auch mit Vertretern der Theater Gespräche geführt worden. Deren Ergebnisse werden im folgenden Kapitel erläutert und sollen die eben angesprochenen Fragen klären.
7.4. Resultate der qualitativen Befragungen
Zur Gewinnung der notwendigen Daten, um die dritte Haupthypothese prüfen zu können und das Thema aus allen relevanten Blickwinkeln zu beleuchten, wurden
zwei Expertenbefragungen durchgeführt. Um Mehrdimensionalität zu sichern, wurden Dr. Springer, der Geschäftsführer der Bundestheater-Holding GmbH, sowie Frau Aly, die kaufmännische Direktorin des Theaters der Jugend, zu den Themen, die im folgenden Punkt erörtert werden, interviewt.
Haupthypothese 3: Die Theater selbst wissen um ihren Status bei den Jugendlichen, sind aber nicht in der Lage ihn zu verbessern.
Diese Hypothese gilt es, durch die Aussagen der Repräsentanten des Theater zu überprüfen. Es wurden vier Unterhypothesen entwickelt, die im Folgenden einzeln analysiert und überprüft werden und am Ende zur Beantwortung der Haupthypothese führen. Beginnend erfolgt die Analyse der Schwierigkeiten rund um das Image des Theaters aus der Sicht der Experten.
7.4.1. Image des Theaters bei Jugendlichen aus Sicht der Experten
Eines der zentralen Themen war auch bei den Experteninterviews die Imageproblematik. Die Meinungen der beiden Befragten zu diesem Thema werden im Nachstehenden analysiert, die Bedeutung für die Hypothese und ihre Überprüfung wird anschließend behandelt.
7.4.1.1. Analyse der Imageproblematik
Dass es mit dem Image des Theaters zumindest bei den 13 - 18jährigen nicht gerade zum Besten steht, ist bereits ausführlich erläutert worden. Doch sind sich die Theater eigentlich im Klaren über dieses Bild von ihnen? Nach den Aussagen von Dr. Springer zu schließen, sind sie es sehr wohl. Er stellt fest, dass das Image des Theaters besonders bei den Jugendlichen sehr verstaubt ist. Unter der Vielzahl von Freizeitmöglichkeiten, die heutzutage offen stehen, ist ihm klar, dass Theater nicht gerade eine der bevorzugten Optionen ist. Einerseits meint er, den Grund darin zu erkennen, dass Theater einfach eine der teuersten Varianten zur Freizeitgestaltung ist. Andererseits ist seiner Ansicht nach die heutige Jugend der
Spaßgesellschaft so sehr von deren Schnelllebigkeit geprägt, dass alles, was über 50 Minuten dauert, schon automatisch langweilig wird.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Frau Aly vom Theater der Jugend mit ihrer Aussage. Auch sie vertritt die Meinung, dass die Einstellung der Jugendlichen durchaus besser sein könnte, es aber nicht ist, da die vielen anderen Freizeitmöglichkeiten dem Theater den Rang abgelaufen haben. Sie sieht das Problem allerdings nicht auf die Jugend und das Theater beschränkt, sondern spricht von einem allgemein stark nachlassenden Kulturinteresse.
7.4.1.2. Hypothesenprüfung zur Imageproblematik
Die Unterhypothese zum Image des Theaters in den Kreisen der Jugendlichen aus der Sicht der betroffenen Betriebe lautet: Die Spielbetriebe sind sich bewusst, dass sie bei den Jugendlichen ein schlechtes Image haben.
Nach den beiden befragten Vertretern zu schließen, sind sich die Spielbetriebe sehr wohl ihres schlechten Standes bei der Jugend bewusst. Beide geben an, dass Theater unter den vielen Freizeitmöglichkeiten, die sich den Jugendlichen bieten, kaum eine Rolle spielt. Auch die negative Einstellung zum Theater und das verstaubte Image, das diese Form der Kultur bei den jungen Leuten einnimmt, sind den beiden Befragten nichts Neues. Die oben angeführte Hypothese kann somit verifiziert werden.
Obwohl beide Experten die Ursache für ihre Imageprobleme bei der Jugend hauptsächlich in den gesellschaftlichen Entwicklungen sehen, sind die aus diesem Schluss abgeleiteten Handlungen doch sehr unterschiedlich, wie anschließend beschrieben wird.
7.4.2. Aktionen zur Imageverbesserung
Aus den von beiden Befragten eingestandenen Imageproblemen ergibt sich automatisch die Frage, wie diesen begegnet wird. Die Betriebe, denen die Experten angehören, bieten bereits eine Vielzahl von Aktionen um Kinder und Jugendliche anzulocken, die bereits in Kapitel 5.3 beschrieben wurden. Doch gerade angesichts der finanziellen Schwierigkeiten im Kulturbereich scheint es nahe liegend, dass auch im Bereich der Jugendpolitik vieles aus Geldmangel nicht verwirklicht werden kann. Ob dem wirklich so ist, wird nachfolgend ausgearbeitet.
7.4.2.1. Analyse des Handlungsbedarfs hinsichtlich der jungen Zielgruppe
Die Jugend ist für die Schauspielbetriebe eine überaus wichtige Zielgruppe, das betonen beide Ansprechpartner immer wieder. Trotzdem differieren die Sichtweisen hier ein wenig. Das Theater der Jugend sieht seine Mission vor allem darin, Kinder vom Theater zu begeistern, um ein späteres Publikum für das Burgtheater und andere Häuser zu erziehen. Dr. Springer hingegen sieht es als nicht zielführend an, Kinder als Kunden von morgen zu betrachten. In die Häuser der Bundestheater sollen Personen jeden Alters kommen und das möglichst auch freiwillig und nicht nur als gelangweiltes Anhängsel der Eltern.
Der Gedanke, bereits in Kindern eine bleibende Liebe zum Theater zu entwickeln, ist zwar auf gewisse Art in beiden Betrieben vorhanden. Doch wie sieht es mit der Umsetzung und den dazu nötigen finanziellen Mitteln aus? Die Bundestheater bieten bereits eine Vielzahl an speziellen Programmen für Kinder und Jugendliche, Dr. Springer gibt allerdings zu, dass diese ohne Privatsponsoren kaum umsetzbar wären. Bis 1999 waren die Bundestheater noch im Eigentum des Bundes, der von der Philosophie ausging, dass jemand, der eine Oper sehen will, schon in die Staatsoper gehen wird. Werbung wurde demzufolge als nicht notwendig erachtet. Auch heute ist das Werbebudget nur ein Restposten und für eine eigene Jugendpolitik schon gar kein Geld mehr übrig.
Das Theater der Jugend schweigt sich über seine finanziellen Verhältnisse weitgehend aus und benennt nur den Werbeaufwand mit 1,5 % vom Gesamtaufwand. Wie bei den Bundestheatern wird auch beim als Verein organisierten Theater der Jugend kein Gewinn erwirtschaftet. Ohne staatliche Unterstützung wäre auch hier ein Betrieb nicht möglich. Trotzdem sieht Frau Aly die Probleme nicht unbedingt in der Höhe der finanziellen Zuschüsse. Viel eher ist es beispielsweise die Struktur der Bühnen, die unnötig viel Geld verschlingt. Denn während es beispielsweise in Amerika problemlos möglich ist, ein Stück, das beim Publikum nicht ankommt, nach zwei Tagen wieder abzusetzen, ist in Österreich eine gewisse Spieldauer vertraglich fixiert. Diese muss natürlich auch bezahlt werden und vernichtet durch geringes Publikumsinteresse sinnlos viel Budget.
7.4.2.2. Hypothesenprüfung zum Handlungsbedarf hinsichtlich der jungen Zielgruppe
Die aufgestellte Hypothese zur Jugendpolitik der Theater unterstellt finanzielle Probleme in diesem Bereich und lautet folgendermaßen: Die Jugendlichen werden als wichtige Zielgruppe anerkannt, weshalb großer Handlungsbedarf in diesem Bereich gesehen wird, doch scheitern viele Ideen am Geld.
Wie aus beiden Gesprächen deutlich zu entnehmen war, ist den Theatern durchaus bewusst, dass hinsichtlich der Jugendlichen, einer ihrer wichtigsten Zielgruppen, Handlungsbedarf besteht. In den Bundestheatern ist es tatsächlich so, dass es schwer fällt, alle diesbezüglichen Vorschläge umzusetzen, weil die finanziellen Mittel nicht einfach aufzutreiben sind. Das Theater der Jugend kämpft im Moment nicht mit dem Problem, Ideen aufgrund finanzieller Engpässe nicht realisieren zu können, doch auch hier klingt die schwierige wirtschaftliche Situation durch.
Aus diesen Angaben wird gefolgert, dass die Hypothese zu bestätigen ist. Ob die Dinge, die trotz knappen Budgets umgesetzt werden, dann auch wirklich den Nerv der Jugendlichen treffen, wird im Rahmen des nächsten Kapitels analysiert.
7.4.3. Zielgruppengerechte Jugendpolitik
Auch von den Experten ist festgestellt worden, dass die wichtige, junge Zielgruppe gar nicht begeistert vom Theater ist und trotz finanzieller Probleme bereits viele Kulturbetriebe eine Jugendpolitik mit speziellen Aktionen für ihr Wunschpublikum entwickelt haben. Ob diese aber überhaupt eine Wirkung zeigen, bzw. dem entsprechen, was sich die jungen Leute eigentlich von einem jugendgerechten Theater erwarten würden, ist Thema des folgenden Unterkapitels.
7.4.3.1. Analyse der Stimmigkeit von Jugendprogrammen und Wünschen der Jugendlichen
Wie auch im Theorieteil bereits ausgeführt wurde, versuchen die meisten Schauspielhäuser, doch bestimmte Programme zu etablieren, um mehr junges Publikum anzuziehen. Wie erfolgreich diese Aktionen sind, lässt sich zwar an den Zahlen der Beteiligung messen, doch ob nun wirklich neue Theaterliebhaber gewonnen werden oder nur die wenigen ohnehin schon theaterfreundlich eingestellten Jugendlichen erreicht werden, lässt sich schwer feststellen. Mittels Marktforschung ließe sich natürlich leicht auskundschaften, ob die Ansätze der Theater mit den Wünschen der Jugendlichen zusammenpassen, doch auch hierfür fehlt das Geld.
Auch die Bundestheater verlassen sich bis dato mit ihren Projekten eher auf Erfahrung und Intuition als auf Untersuchungsergebnisse. Sollte das Geld vorhanden sein, könnten Marktforschungsdaten natürlich hilfreich sein, doch zur Zeit ist dies nicht möglich. Allerdings ist Dr. Springer überzeugt, auch mit den bisherigen Konzepten gute Erfolge zu erzielen. Sein Zugang ist, dass die Jugendlichen der Spaß- und Erlebnisgesellschaft „Action“ und eine spannende Geschichte wollen. Kunst darf für die junge Zielgruppe nichts Abgehobenes, sondern muss etwas zum Angreifen sein. Wie die Analyse der Fragebögen gezeigt hat, treffen diese Punkte ziemlich genau das, was die Jugendlichen sich auch an Veränderungen wünschen.
Beim Theater der Jugend sind zwar Marktforschungsdaten vorhanden, doch wurden nicht die Jugendlichen befragt, sondern die Kulturreferenten an den Schulen, welche die Abonnements anbieten. Die genauen Ergebnisse wurden nicht zur Verfügung gestellt, aber Frau Aly liest daraus die Tendenz ab, dass die Kinder und Jugendlichen aufgrund der vielen Freizeitmöglichkeiten unter Zeitdruck geraten und kein Raum mehr für das Theater bleibt. Außerdem ist auch die neue Lehrergeneration nicht mehr sehr vom Theater begeistert und macht dadurch auch viel zu wenig Werbung für das Theater der Jugend. Im Vergleich mit den Änderungsvorschlägen der im Rahmen dieser Studie Befragten decken sich zwar auch diese Punkte, doch sind fehlende Werbung und Zeitmangel bei Weitem nicht die Hauptkritikpunkte der Jugendlichen.
Dr. Springer zeigt sich von der Vorgangsweise des Theaters der Jugend nicht sehr begeistert. Er kritisiert vor allem den viel zu pädagogischen Ansatz und hält daher auch gemeinsame Jugendprojekte für nicht besonders sinnvoll. In seiner eigenen Erinnerung ist diese Institution selbst für ihn mit schlechter Technik, ausrangierten Schauspielern und Langeweile verknüpft. Deshalb will er gerade das Gegenteil bieten, beste Qualität auch für Kindervorstellungen, Spannung und vor allem das Gefühl mittendrin sein zu können. Die Stars müssen damit umgehen können, dass Kinder vielleicht nicht die ganze Zeit leise sind, wenn ihnen ein Teil nicht so gut gefällt. Weiters sind spannende Opern, wie Tosca mit ausgezeichneten Sängern auch für junge Leute viel spannender als eine Kinderversion von der Zauberflöte, die seiner Ansicht nach nicht einmal die meisten Erwachsenen richtig verstehen. Mit dem entsprechenden
Rahmenprogramm wird die nötige Mischung aus Spannung und Kunst zum Anfassen erzeugt und die Langeweile kommt gar nicht erst auf.
Beim Theater der Jugend werden die Aktionen der Bundestheater, die bereits im Kapitel 5.3.2 beschrieben wurden, durchaus gut geheißen. Frau Aly ist generell der Meinung, dass die meisten Theater eine ganz gute Jugendpolitik betreiben und ist auch für alle Formen der Zusammenarbeit offen. Obwohl auch jetzt bereits Kinderproduktionen beispielsweise vom Burgtheater angekauft und im Rahmen des Theaters der Jugend angeboten werden, kann sie den pädagogischen
Ansätzen doch weit mehr abgewinnen. So werden zwar auch ein paar Mal im Jahr Möglichkeiten für Schulklassen geboten, bei der Entstehung eines Stücks dabei zu sein oder Bühnenbilder und Kostüme aus der Nähe zu betrachten, aber alles unter theaterpädagogischer Leitung.
Neben der Pädagogik versucht das Theater der Jugend hauptsächlich über Preispolitik die Jugendlichen zu begeistern. Eine schlechte Wirtschaftslage und der Anstieg allein erziehender Eltern nimmt vielen Jugendlichen die Chance, überhaupt zum Theaterbesucher zu werden, die billigen Karten sollen hier Abhilfe schaffen. Frau Aly gibt allerdings auch zu, dass diese Maßnahmen nur bis zu einem gewissen Grad wirksam sind, denn wenn jemand wirklich am Theater interessiert ist, dann ist der Preis nicht unbedingt ausschlaggebend. Immerhin zahlen viele Jugendliche auch hohe Summen für die Eintrittskarten von diversen Popkonzerten. Hinsichtlich verstaubter Atmosphäre oder dem konservativen Image kann sie überhaupt kein Problem erkennen. Schließlich ist es längst möglich, mit Jeans sogar in die Staatsoper zu gehen, und moderne Stücke gibt es auch genug, die allerdings auch nicht angeschaut werden.
7.4.3.2. Hypothesenprüfung zur Stimmigkeit von Jugendprogrammen und Wünschen der Jugendlichen
Im Rahmen der quantitativen Analyse wurden die 13 - 18jährigen bereits befragt, wie sie sich das Theater ihrer Wahl vorstellen würden. Auch die Kulturbetriebe haben konkrete Ansichten darüber, wie ihre Angebote attraktiver für ein junges Publikum werden sollen. Nachstehende Hypothese unterstellt jedoch, dass die Sichtweisen zu diesem Thema nicht unbedingt deckungsgleich sind: Die Theaterbetriebe haben eine andere Auffassung davon, was bei den Jugendlichen gut ankommt, als diese selbst.
Wie sich aus den oben genannten Daten der Gespräche ergeben hat, ist die Problemwahrnehmung der beiden befragten Repräsentanten des Theaters sehr verschieden. Von Seiten der Bundestheater wird versucht, mit spannenden Aktionen und einer Form von Kunst, die direkt erlebbar und greifbar ist, gegen das
verstaubte Image und die negative Einstellung der Jugendlichen zum Theater anzukämpfen. Das Theater der Jugend setzt eher auf die pädagogische Aufarbeitung der Stücke und baut sehr stark auf die Unterstützung der Schule in diesem Bereich. Es sind dies zwar ganz andere Ansatzpunkte für das selbe Problem, doch im Grunde ist von beiden Seiten erkannt worden, welche Aspekte Jugendliche am Theater so gar nicht mögen. Die Setzung unterschiedlicher Schwerpunkte ändert nichts daran, dass die Hypothese daher nicht zu bestätigen ist.
Sowohl das Theater der Jugend als auch die Bundestheater haben erkannt, was bei den Jugendlichen nicht gut ankommt Es muss aber hinzugefügt werden, dass die Bundestheater bei Weitem besser auf die Wünsche eingehen, die dem Großteil der Jugendlichen am Herzen liegen. Jene Punkte, die das Theater der Jugend bearbeitet, kommen zwar auf den Wunschlisten der Befragten vor, aber nicht mit einem besonders hohen Stellenwert, während die Initiativen der Bundestheater ziemlich genau die Hauptkritikpunkte treffen. Ob der Blick in die Zukunft deshalb dort rosiger aussieht, wird im nächsten Punkt erläutert.
7.4.4. Erfolg der Jugendprogramme
Die Zusammenfassung der bisherigen Daten aus den Interviews ergibt, dass die Schauspielbetriebe ihren Status bei der Jugend richtig erkannt haben und trotz finanzieller Probleme und dürftigen, bis gar nicht vorhandenen
Marktforschungsdaten gut auf die Wünsche dieser Zielgruppe einzugehen versuchen. Der letzte Teil der qualitativen Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage, ob die Jugendprogramme tatsächlich für einen bleibenden Erfolg sorgen, oder ob sie nur von besonders jungen Besuchern und ihren Eltern genutzt werden.
7.4.4.1. Analyse des Erfolgs von Jugendprogrammen
So verschieden die Ansätze der beiden Schauspielbetriebe auch sind, verspricht sich doch jeder der Befragten einen gewissen Erfolg von seinen Programmen.
Dr. Springers Blick in die Zukunft ist relativ optimistisch. Bisher kann er bei den meisten Spezialveranstaltungen für Kinder und Jugendliche auf sehr gute Auslastungszahlen zurückblicken und erwartet sich dies auch weiterhin. Die Angebote sollen auch - soweit es die finanziellen Mittel zulassen - ausgebaut werden und der nötige Andrang dafür ist durchaus vorhanden.
Beim Theater der Jugend sind die Prognosen etwas nüchterner. Die kaufmännische Direktorin kann nicht auf gänzlich erfolgreiche Programme zurückblicken, denn die Abonnements laufen vor allem in den Altersgruppen bis zu zehn Jahren gut. Obwohl auch dann noch mindestens fünf Jahre lang der Besuch einer Schule, über die die Abos vertrieben werden, bevorsteht, erfolgt zu diesem Zeitpunkt ein großer Abbruch. Besonders der Anteil der Oberstufenschüler ist in den letzten Jahren bereits massiv zurückgegangen. Frau Aly meint, dass sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzen wird, da die Schüler sich ab einem gewissen Alter nicht mehr fix an ein Abonnement binden wollen. Die Jugendlichen sind in ihren Augen zu sehr von der Eventkultur vereinnahmt und fahren - wenn das Kulturinteresse überhaupt besteht - lieber spontan ein Wochenende in einen Festspielort oder besorgen sich schnell am Abend noch Karten für eine Theateraufführung, die sie interessiert.
7.4.4.2. Hypothesenprüfung zum Erfolg von Jugendprogrammen
Die letzte Hypothese zu den Angaben der Experten besagt: Die Jugendinitiativen der Theater werden zwar von Kindern und deren erwachsenen Begleitpersonen genutzt, doch mit steigendem Alter sinkt das Interesse wieder.
Den Angaben des Theaters der Jugend nach zu schließen, liegt die Situation genau so dar, dass ab dem Alter von etwa zehn Jahren, das mühsam geweckte Interesse am Theater wieder zum Erliegen kommt. Sobald die Jugendlichen sich dem Einfluss ihrer Eltern vermehrt entziehen, um sich an Gleichaltrigen zu orientieren, hat das Theater keinen Platz mehr in ihrer Welt. Der Grund dafür ist wohl in der bereits mehrfach erläuterten sozialen Unerwünschtheit der Kulturform Theater unter den Jugendlichen zu suchen. Bei den Bundestheatern sind die
verschiedenen Programme erst seit wenigen Jahren im Einsatz. Es kann daher nicht mit Sicherheit festgestellt werden, wie sie sich langfristig auswirken, die Prognosen und Erwartungen sind jedoch sehr zuversichtlich.
Zum derzeitigen Stand gibt es nur gesicherte Daten vom Theater der Jugend und die optimistischen Prognosen der Bundestheater können nicht mit absoluter Sicherheit angenommen werden. Daher ist die Hypothese, dass die Jugendinitiativen hauptsächlich von Kindern und erwachsenen Begleitern genutzt werden, zu bestätigen.
Abschließend erfolgt aus den bisher aufgearbeiteten Daten, die Prüfung der Haupthypothese zu den Expertengesprächen.
7.4.5. Hypothesenprüfung zum Status des Theaters bei den Jugendlichen und Verbesserungsmöglichkeiten
Die Resultate aus der Überprüfung der vier Hypothesen, die in den letzten Kapiteln ausführlich analysiert wurden, ergeben nun die Prüfung der Haupthypothese: Die Theater selbst wissen um ihren Status bei den Jugendlichen, sind aber nicht in der Lage ihn zu verbessern.
Aus den Gesprächen mit Frau Aly und Herrn Dr. Springer war deutlich zu entnehmen, dass das Wissen um den Status bei den Jugendlichen auf jeden Fall vorhanden ist. Auch sind viele Ideen existent, wie die Situation verändert werden kann, doch eine wirkliche Veränderung ist bis dato noch nicht eingetreten. Zum derzeitigen Stand führen die Ergebnisse der Befragung damit zu dem Resultat, dass die Hypothese, die den Theatern unterstellt, um ihren Status bei den Jugendlichen wissen, ihn aber nicht ändern zu können, bestätigt werden muss.
Natürlich ist dieser Imagewandel ein langfristiger Prozess, zu dem vor allem die Aktionen der Bundestheater noch nicht lange genug im Einsatz sind. In einigen
Jahren sind diese und ähnliche Aktionen anderer Theater vielleicht durchaus in der Lage, einen Bewusstseinswandel bei den Jugendlichen zu erzeugen, wenn der Weg konsequent weiterverfolgt wird.
7.5. Interpretation der Gesamtergebnisse
Anhand der ausgewerteten Fragen und Hypothesen sollen nun die Aussagen der Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Analysen gemeinsam interpretiert werden. Die zentralen Punkte sind dabei der Stellenwert und das Image des Theaters bei den Jugendlichen. Weiters geht es darum, ob die Initiativen der Theater mit den Wünschen der Jugendlichen übereinstimmen, welche Punkte noch behandelt werden sollten und in welche Richtung sich der zukünftige Trend hinsichtlich des Theaters entwickeln wird.
7.5.1. Stellenwert und Image des Theaters
Die Ergebnisse des Fragebogens zeigen, dass die Jugendlichen ihre Zeit am liebsten im Rahmen ihrer Peergroup verbringen. Auch Musik hören und Fernsehen stehen hoch im Kurs, aber diese Dinge werden wohl ebenfalls oft gemeinsam mit Freunden gemacht. Da Theater aber nun einmal nicht gerade das Image einer „coolen“ Freizeitmöglichkeit hat, gehen die Freundesgruppen nicht hin. Manche der Befragten geben immerhin an, dass ihrer Meinung nach nur Streber ins Theater gehen und diesen Ruf will wohl keiner in seiner Clique erhalten.
Der Großteil der Jugendlichen war trotzdem schon einmal oder sogar mehrmals im Theater, aber die meisten geben an, mit Eltern, Schule oder sonstigen Verwandten dorthin zu gehen. Die Welt, in der sich der Jugendliche im Rahmen der Peergroup bewegt, und jene, in der sich das Theater befindet, scheinen einfach nicht zueinander zu passen. Die Aufgabe der Theaterbetriebe muss es demnach sein, eine Brücke zu bauen, die es den Jugendlichen leicht macht, sich
zwischen diesen Welten zu bewegen. Der Weg dazu kann nur über einen kompletten Imagewandel führen.
Das schlechteste Image hat das Theater ohnehin bei jenen, die noch nie dort waren. Viele von diesen Personen sind von vorneherein überzeugt, dass es nur langweilig und uninteressant sein kann. Das klingt im ersten Moment überraschend, zeigt aber deutlich, dass diese Imagebarriere die Jugendlichen viel mehr von einem Theaterbesuch abhält als alle anderen rationalen Gründe. Sind sie erst einmal im Theater, gefällt den meisten sogar einiges, was ihnen dort geboten wird. Auf die Frage nach ihren Erinnerungen an einen Theaterabend kommen die wenigsten mit negativen Antworten. Viele erzählen einfach wertungsfrei von Inhalten oder Gestaltung und die positiven Kommentare überwiegen die negativen um einiges.
Auch die vielen Spezialeffekte des Kinos oder die preisgünstige Dauerberieselung des Fernsehers sind es nicht, die den Theatern ihr junges Publikum abspenstig machen. Eine spannende Geschichte möchten immerhin fast genauso viele durch ein Buch erleben, wie durch den Fernseher und ersteres bietet nun auch keine Effekte außer der eigenen Fantasie. Das Theater als Medium kann dabei nicht mithalten, obwohl jene Nähe am Geschehen, die das Kino so mühsam durch viel Technik zu vermitteln versucht, dort wesentlich besser gegeben ist. Aber wer will eben schon seinen Samstagabend im Theater verbringen?
Sehr häufig sind diese Theaterabende bei den Jugendlichen ohnehin nicht an der Tagesordnung, schließlich waren im letzten Jahr über 80 % der Befragten gar nicht oder höchstens ein- bis zweimal im Theater. Dieser Wert würde ein entsprechend vernichtendes Ergebnis bei der Frage nach der Beliebtheit von Theaterbesuchen erwarten lassen. Doch dem ist nicht so. Diese Frage betraf nur jene, die auch tatsächlich schon einmal eine Aufführung gesehen haben und die bewerteten ihre Begeisterung an Theaterbesuchen durchwegs positiv. Bei einer Höchstwertung von 7,0 erreicht der Mittelwert bei den Mädchen der zweiten
Altersgruppe sogar 5,25 und auch die schlechteste durchschnittliche Bewertung liegt noch deutlich über dem Mittelwert, d.h. im positiven Bereich.
Insgesamt sind in diesem Bereich die Wertungen der jüngeren Altersgruppe weit schlechter als die der älteren, was durchaus daran liegen kann, dass diese Personen noch leichter beeinflussbar sind und sich daher mehr durch das negative Image vereinnahmen lassen, als durch ihre eigenen Erfahrungen. Das Gesamtbild von Häufigkeit und Begeisterung über Theaterbesuche zeigt jedenfalls, dass die Jugendlichen nicht besonders oft einer Aufführung beiwohnen, wenn sie es tun, jedoch gar nicht abgeneigt sind. Dies ist einmal mehr ein deutlicher Hinweis auf die enorme Imagebarriere, die ein Abend im Theater für viele Jugendliche darstellt.
Interessant ist auch der Vergleich der eigenen Imageeinschätzung mit jener, welche die Befragten bei ihren Freunden vermuten. Erstere bewegt sich schon im Bereich von mittelmäßig bis schlecht, die zweite hingegen fällt fast durchwegs negativ aus. Die Meinung der anderen, die gerade in diesem Alter von enormer Wichtigkeit ist, wird als negativ eingeschätzt, was das Theater zu einem regelrechten Tabuthema in den Kreisen der Jugendlichen macht. Das mag übertrieben klingen, doch die Imageanalyse zeigt, dass Theater in den Augen der 13 - 18jährigen vor allem als sehr konservativ, eher unflexibel, uninteressant und gar nicht jugendgerecht eingeschätzt wird. Keiner möchte diese - in der Welt der Jugendlichen geradezu verpönten Adjektive - auf sich übertragen.
Die obigen Ausführungen zeigen mit aller Klarheit, dass Image und der Einfluss von anderen, wie Freunde oder auch Medien, extrem wichtige Faktoren für die jungen Leute sind, denen das Theater in seiner jetzigen Form kaum gerecht werden kann. Aber die Schauspielhäuser haben bereits bemerkt, dass ihnen ihr jugendliches Publikum immer mehr abhanden kommt und versuchen darauf zu reagieren - mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten.
7.5.2. Initiativen der Theaterbetriebe
Es ist bereits klar geworden, dass den Jugendlichen, sofern sie einmal ins Theater gehen, auch einige Aspekte dort gut gefallen. Darunter fallen vor allem Spaß, Spannung und auch die Musik, eben die Dinge, die den Trägern der Spaß- und Erlebnisgeneration von Kindheit an immer wieder durch die Medien eingetrichtert wurden. Hier müssen auch die Ansatzpunkte der Theater liegen, was beispielsweise die Bundestheater bereits erkannt haben und auch umsetzen.
Dr. Springer ist sich im Klaren darüber, dass er Theater als Erlebnis und keinesfalls als abgehobener Kunstgenuss bieten muss. Das Geschehen auf der Bühne muss in jeder Hinsicht greifbar werden, der junge Zuschauer lässt sich nicht gern zum passiven Zuschauen in einer steifen Atmosphäre verurteilen. Die Konzepte der Bundestheater sind in dieser Hinsicht schon sehr gut, denn sie bieten Spannung, unmittelbares Miterleben, aktive Beteiligung und bessere Zugänglichkeit der Stücke. Das Theater der Jugend hingegen verlässt sich eher auf seine Preispolitik und auf die Werbung durch die kooperierenden Schulen. Auch die Produktion der Stücke erfolgt speziell auf bestimmte Altersgruppen abgestimmt. Doch gerade in diesem Bereich sind die Ansprüche der Jugendlichen sehr hoch und die Unzufriedenheit mit den Aufführungen ist der Hauptgrund, warum viele ihr Abonnement bereits wieder aufgegeben haben. Nicht umsonst trägt die Generation der Jugendlichen das Attribut multioptional. Ihre Wunschliste ist lang und es sollen so viele attraktive Optionen wie möglich offen sein. Mehr Realität in den gezeigten Stücken wünschen sich die einen, Fantasie oder übernommene Kinofilme die anderen, strikte Modernisierung sowie Mittelwege zwischen Klassik und Moderne stehen ebenfalls im Raum. Eine bunte Mischung soll es sein, mit viel Abwechslung und doch soll das Bekannte darin überwiegen.
Wie das Idealtheater der Jugendlichen nun aussieht, ist wohl eben so schwer zu definieren wie „die Jugend“ selbst und doch müssen die Theater versuchen, die Welt dieser Generation zu verstehen und abzubilden, wenn sie sie als Publikum gewinnen wollen. Viele Kleinigkeiten müssen dafür übereinstimmen, denn vom Inhalt angefangen, der den Jugendlichen meist viel zu weit weg von ihrer Realität
angesiedelt ist, bis hin zu bequemeren Sitzplätzen, achten diese Zuschauer auf jedes Detail.
Ein großes Problem ist diesbezüglich sicher auch die finanzielle Situation der Theater, die es vielen guten Ideen unmöglich macht, umgesetzt zu werden. Zusätzlich sind die jungen Angehörigen einer konsumdominierten Welt es gewöhnt, als Hauptzielgruppe allseits umworben zu werden, wie der Theorieteil dieser Arbeit gezeigt hat. Den Schauspielhäusern fehlt auch hierzu das Budget. Spannende Stücke mit Themen aus der Welt der Jugendlichen, aktiver Beteiligungsmöglichkeit und das ganze in lockerer Atmosphäre zu billigen Preisen. So in etwa müsste es aussehen das Theater, welches junges Publikum anlocken kann. Dazu fehlt nun noch ein ordentliches Werbebudget, denn über die bestehenden Angebote wissen viele junge Leute kaum Bescheid, selbst wenn prinzipiell Interesse vorhanden wäre. Sie haben es einfach nicht nötig, sich solche Informationen selbst zu besorgen, sind sie es doch gewohnt, dass ihre Medien ihnen alles ins Haus liefern, was sonst für sie interessant ist.
Für die Schauspielhäuser ist es mehr als schwierig, allen diesen Forderungen nachzukommen, doch immerhin haben viele erkannt, dass das junge Publikum wichtig für sie ist und das nicht nur in ferner Zukunft, sondern auch schon zum jetzigen Zeitpunkt. Der Weg, um dem Trend, dass Theater keine Unterhaltungsform für die Jugendlichen ist, entgegenzuarbeiten, ist sicher kein leichter. Doch werden die vielfach sehr engagierten Programme weiter verfolgt und kommuniziert, ist bestimmt auch Erfolg in Sicht.
7.5.3. Zukünftige Trendentwicklung
Werden alle Wünsche und Anforderungen der Jugendlichen nun mit den Konzepten der Theater verglichen, lässt sich sagen, dass vor allem die der Bundestheater durchaus gute Erfolgsaussichten haben könnten. Hier werden viele Dinge bearbeitet, die sich das junge Publikum wünscht und die vor allem auch das verstaubte Image des Theaters Schritt für Schritt ein wenig aufpolieren. Wenn
diese Angebote nun auch noch besser bei der Jugend kommuniziert werden, ist ein vermehrt jugendliches Publikum durchaus im Bereich des Möglichen.
Die Initiativen des Theaters der Jugend zu beurteilen, ist schwierig, da die dort ins Augenmerk genommenen Punkte so wenig mit den Wünschen der befragten Jugendlichen übereinstimmen. Zwar wird hier nur für Kinder und Jugendliche produziert, doch die Imagebarriere bleibt unbearbeitet. Zudem läuft das Theater der Jugend sehr stark über Schulen und auch Eltern, welche die jungen Leuten über dieses Abonnement zu ihrem Anteil an Kulturgenuss zwangsmotivieren. Ob aus einem solchen Arrangement, das nicht aus eigener Entscheidung getroffen wurde, echte Begeisterung erwachsen kann, ist fragwürdig. Immerhin gibt auch das Theater der Jugend selbst zu, dass mit steigendem Lebensalter die Abonnementzahlen sinken.
Generell kann den Theatern nur empfohlen werden, eine kräftige Politur ihres Images vorzunehmen, wollen sie von den Jugendlichen akzeptiert werden. Denn durch billige Karten alleine, ist diese anspruchsvolle Generation noch lange nicht fürs Theater zu gewinnen. Eher im Gegenteil, wenn das gebotene Erlebnis stimmt, wird der Preis für die Jugendlichen zweitrangig. Gerade dieser Erlebnisnutzen ist es, der dem jungen Publikum geboten werden muss. Für sie ist durch den großen Medieneinfluss und ihr Aufwachsen in einer Erlebnisgesellschaft bereits der Alltag zum Theater geworden, so muss eben das Theater zu einem speziellen Ereignis werden, um interessant zu sein.
Um das zu erreichen, sind viele Änderungen nötig. Einerseits wird das Theater nicht darum herumkommen, einen Schritt in die Welt der Jugendlichen zu machen, und die Themen, die dort relevant sind aufzugreifen. Andererseits sind auch Neugestaltungen der ganzen Atmosphäre in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen. Mehr musikalische Unterstützung, auch bei Sprechstücken oder Red Bull und Popcorn in der Pause statt Sekt und Brötchen könnten schon einiges zu einem lockereren Erscheinungsbild beitragen. Warum sollte auch bei
der Musik nicht einmal Rock oder Hip Hop verwendet werden, statt den üblichen klassischen Tönen?
Theater muss für die Jugendlichen greifbar sein, und das wird es nur in dem es Elemente aus ihrem Umfeld aufnimmt. Musical und Kabarett, die diese Bedingungen teilweise gut erfüllen, zeigen wie erfolgreich solche Maßnahmen sein könnten. Immerhin sind sie in der Beliebtheitsskala der jungen Leute weit oben und werden auch ungleich öfter als andere Genres besucht. Natürlich ist ein großräumiges Umdenken nötig, um diese Handlungsempfehlungen zu realisieren. Zum gegebenen Zeitpunkt fällt die Vorstellung eines Rappers in den Hallen der Staatsoper noch eher schwer. Es wird ein langer Prozess mit vielen Einzelheiten, die beachtet werden müssen, sein, um eine theaterbegeisterte Jugend heranzuziehen, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass auch das ältere Publikum nicht verscheucht werden soll. Doch die Aussagen der Jugendlichen zeigen, dass es gar nicht so sehr das Theater selbst ist, das ihnen nicht zusagt, sondern eben das vielfach erwähnte Image.
Dieses zu verbessern, machen sich bereits viele Schauspielhäuser zum Ziel. Der eingeschlagene Weg, spannende Kunst zum Angreifen zu bieten, weist durchaus in die richtige Richtung, auch wenn vielleicht noch Ergänzungen nötig sind und der Erfolg auf sich warten lässt. Problematisch sind dabei vor allem auch die fehlenden finanziellen Mittel, die eine effektive Kommunikationspolitik fast unmöglich machen.
Flächendeckend Inserate in den Medien der Jugendlichen zu schalten oder gar Fernsehwerbung zu machen, ist für kein Theater leistbar. Trotzdem oder gerade deshalb sollte auch vermehrt versucht werden, mit einfachen Mitteln an die Jugendlichen heranzukommen. Ein Flyer für eine Theateraufführung ist nicht nur vergleichsweise billig zu produzieren, sondern wirkt auch gleich viel lockerer als eine steife Annonce. Besonders wichtig wären auf jeden Fall vermehrte PR-Auftritte, die möglichst von den Medien der Jugendlichen wahrgenommen werden.
Dies könnte Hand in Hand gehen mit Events der Theaterbetriebe, die für Jugendliche interessant sind.
Beispiele für solche Events wären Clubbings in den Räumlichkeiten der Theater, eventuell sogar gleich anschließend an eine Theateraufführung. Auch ausgelassene Premierenparties, wo sich einigen jungen Leuten die Möglichkeit bietet, Schauspieler kennen zu lernen, kommen bei ihnen sicher gut an. Die Eintrittskarten für solche Veranstaltungen könnten überdies vorher über das Radio, Zeitschriften oder das Internet verlost werden, was ein gewisses Interesse am Theater schüren würde. Zusätzlich ist es bei derartigen Events, die auch bereits in anderen historischen Gebäuden Wiens, wie dem Rathaus oder diversen Palais stattfinden, auch leichter möglich, Sponsoren aufzutreiben. Marken, die von Jugendlichen bevorzugt werden, haben dort die optimale Möglichkeit an ihre Hauptzielgruppe heranzukommen und verleihen gleichzeitig dem Theater einen Hauch von ihrem adäquaten Image.
Alle diese Optionen sind zur Zeit noch Zukunftsmusik, doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei den Jugendlichen gut ankommen, ist sehr hoch, da sie genau ihren Wünschen entsprechen. Die Umsetzung zumindest einiger dieser Aktivitäten würde dem Theater schnell ein frischeres, jugendlicheres Image verleihen und in Folge dessen würde es auch nicht mehr mit der sozialen Unerwünschtheit bei den jungen Leuten zu kämpfen haben. Hohe finanzielle Zusatzaufwendungen sind dabei, wie die genannten Beispiele zeigen, gar nicht unbedingt nötig.
Vorläufig liegt es an den Schauspielhäusern, ihre Mission zur Gewinnung jugendlichen Publikums weiter voranzutreiben. Dazu haben sie sicher noch einen längeren Weg vor sich, doch wenn es erst einmal soweit ist, dass Theater als „coole“ Freizeitvariante mit positivem Image in den Kreislauf aus Medien, Konsum und Freizeit einsteigt, werden sie auf viele begeisterte jugendliche Zuschauer nicht mehr lange warten müssen.
8. Zusammenfassung
Das Ziel dieser Arbeit ist es, nähere Informationen über die Einstellung von Jugendlichen zum Theater zu erhalten. Es wird untersucht, ob diese Kulturform in der durch Konsum und Medien dominierten Freizeitgestaltung noch einen Platz hat. Weiters soll dargestellt werden, was in den Augen des jungen Publikums an Veränderungen notwendig ist, um Theater für sie interessanter zu machen und wie die Schauspielbetriebe selbst zu diesem Thema stehen. Um diese Informationen zu erhalten, wurden 142 Wiener Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren anhand eines selbst erstellten Fragebogens befragt und Gespräche mit Dr. Springer, dem Geschäftsführer der Bundestheater-Holding GmbH, und Frau Aly, der kaufmännischen Direktorin des Theaters der Jugend, geführt.
Aus den theoretischen Grundlagen hat sich ergeben, dass die Jugend in ihrer heutigen Form in einem Kreislauf aus Medien, Konsum und Freizeit lebt, in dem diese Faktoren sich gegenseitig beeinflussen. Theater hat darin einen geringen Stellenwert und gehört für die Jugendlichen zur bildungsorientierten Freizeit. Ein Besuch einer Vorführung ist für sie meist mit einer pädagogischen Zweckbestimmung verbunden, was nicht sonderlich geschätzt wird.
Die Freizeit der jungen Leute wird hauptsächlich von ihren Freunden und Musik beeinflusst. Ihre Vorbilder entnehmen sie der jeweiligen Jugendkultur, in der sie sich bewegen, oder den Medien, aber nicht wie frühere Generationen dem Theater. Wenn schon etwas wie ein Schauspiel konsumiert wird, passiert dies in Form eines Kino- oder Fernsehfilms, der viel mehr Action und Effekte bietet als auf einer Bühne verwirklicht werden können. Diese Welt der neuen Medien ist es, in der die Jugendlichen täglich leben und deren Standard sie sich auch im Theater erwarten. Von diesen übernehmen sie auch ihre Freizeit- und Konsumvorlieben.
Dem Theater bleibt nur, seinen Platz in dieser multimedialen Welt der Jugendkulturen zu finden, um seine junge Zielgruppe zu erreichen. Dabei stoßen die meisten Schauspielbetriebe vor allem auch auf finanzielle Probleme, denn
obwohl die Auslastungszahlen großteils gut sind, ist kein Theater in der Lage sich selbst zu erhalten. Das junge Publikum fehlt jetzt schon und wird es in Zukunft noch mehr tun. Die meisten Theater geben sich bereits Mühe, wieder mehr junge Leute von ihren Produktionen zu begeistern. Dazu müssen sie allerdings in die Welt der Jugendkulturen und Szenen eintreten und auf die Jugendlichen zugehen.
Obwohl es bereits viele Jugendprogramme gibt, ist dieser Schritt in eine für sie fremde Welt auch für die Theater nicht einfach. Sie versuchen, der Jugend vermehrt Kunst zum Angreifen zu bieten, sowie mehr Spannung und eine lockere Atmosphäre in ihre Häuser zu bringen. Das Lebensgefühl der jungen Generation wirklich zu treffen, gelingt jedoch nicht immer. Das gilt selbst für das Theater der Jugend, das praktisch darauf spezialisiert ist, junges Publikum zu begeistern.
Die Ziele der empirischen Untersuchung waren, herauszufinden, wie die Jugendlichen wirklich zum Theater stehen. Weiters ging es darum, ob das konservative Image und die Vereinnahmung durch die neuen Medien wirklich, wie von der theoretischen Seite unterstellt, die Gründe für die vermutete negative Einstellung zum Theater sind. Es hat sich gezeigt, dass die theoretischen Ausführungen hier durchaus mit der Realität übereinstimmen. Denn die jungen Leute halten das Theater im Vergleich zu den Möglichkeiten, die ihnen durch die elektronischen Medien bekannt sind, wirklich für veraltet. Viel größer ist aber das Problem des Images innerhalb der Jugendkultur und der eigenen Peergroup.
Viele besuchen zwar ein Theater, aber nicht besonders oft und eher mit der Familie als mit Freunden, weil es einfach nicht „in“ ist, das zu tun. Die Theaterbetriebe haben dieses Problem großteils durchaus erkannt und versuchen in verschiedenem Ausmaß, dagegen anzukämpfen. Es gibt eine Vielzahl an Programmen, die Kindern und Jugendlichen das Theater wieder schmackhaft machen sollen. Finanzielle Schwierigkeiten stoppen allerdings manche schon vor der Umsetzung, oder erschweren zumindest die Kommunikation zur Zielgruppe enorm. Trotzdem wird versucht, die Aktivitäten in diesem Bereich noch zu vermehren, da den Leitern der Schauspielbetriebe klar ist, dass die Jugendlichen
heute und morgen ein wichtiges Publikum für sie sind und umgekehrt auch das Theater für diese Personen sehr bedeutsam ist.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Position des Theaters in der Freizeit- und Multimediagesellschaft, in der sich die Jugendlichen bewegen, nicht besonders gut ist. Die Hauptursache dafür ist das schlechte Image, das einer dringenden „Renovierung“ bedarf. Die Schauspielbetriebe wissen das und tun einiges dafür, weil ihnen klar ist, dass andernfalls ihre Zukunft sehr trüb aussieht. Denn die Annahme, dass junge Leute mit fortschreitendem Alter von allein zu Fans des Theaters werden, ist eher unrealistisch.
Jugendliche werden demnach auf die verschiedensten Arten, vor allem durch die Möglichkeit, Theater zum Anfassen kennen zu lernen, dazu motiviert, doch öfter hinzugehen. Manche, wie das Theater der Jugend, versuchen auch sehr stark über die pädagogische Schiene zu arbeiten und die jungen Leute mit der Unterstützung der Lehrer ins Theater zu lotsen. Was erst in wenigen Ansätzen verwirklicht ist, ist das Theater als Event, das den Jugendlichen einen ganz besonderen Erlebnisnutzen beschert. Denn genau dieses Erlebnis verlangt die betroffene Generation und unter der Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten in der Freizeit entscheiden sie sich nur für jene, wo sie es auch geboten bekommen.
Nur durch diese Aktivitäten kann der Trend wieder zum Theaterbesuch hin umgekehrt werden. Die Erfolgsaussichten sind gar nicht schlecht, denn das Theater hat einiges zu bieten, wenn einmal die Imagebarriere gefallen ist. Außerdem ist es auch und gerade für die Jugendlichen wichtig, die ohnehin oft Probleme haben, sich in ihrer multimedialen Welt der Jugendkulturen zu orientieren. Das Theater kann hier tun, was es bereits seit hunderten Jahren getan hat, eine hilfreiche Hand präsentieren, die ganz unspektakulär Wege aufzeigt und Identifikation anbietet.
Abkürzungsverzeichnis
IFES Institut für empirische Sozialforschung
ÖIJ Österreichisches Institut für Jugendforschung
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Lebensphasen während der Lebensspannen im historischen
Vergleich S.
Abbildung 2: Wichtige Lebensbereiche für Jugendliche
Abbildung 3: Wichtigkeit von Freizeit und Arbeit für Jugendliche und für
ältere Personen
Abbildung 4: Freizeittätigkeiten
Abbildung 5: Höhe der Geldausgaben der Jugendlichen
Abbildung 6: Entwicklung der Internetnutzung nach Alter in Österreich
Abbildung 7: Mediennutzung Jugendlicher
Abbildung 8: Psychogramm des neuen Konsumenten
Abbildung 9: Der Stellenwert von Freunden und Clique in den jugendlichen
Lebenswelten S.
Abbildung 10: Beliebte Freizeitbeschäftigungen der 13-18jährigen
Abbildung 11: Medienwahl für eine spannende Geschichte
Abbildung 12: Anzahl der Theaterbesuche innerhalb des letzten Jahres
Abbildung 13:Gedanken bei der Schilderung eines Theaterbesuches
Abbildung 14: Durchschnittliche Bewertung eines Theaterbesuches
nach Altersgruppen und Geschlecht
Abbildung 15: Besuchte Theaterformen von Jugendlichen
Abbildung 16: Durchschnittliche Beurteilungen der erlebten Formen des
Theaters S.
Abbildung 17: Änderungsvorschläge für das Theater
Abbildung 18: Anreize für einen Theaterbesuch
Abbildung 19: Imagebewertung des Theaters anhand eines
Polarit ätenprofils
- 151 -
Abbildung 20: Vermutete Einstellung von Freunden S. 121
Abbildung 21: Bedeutung eines Theaterbesuchs hinsichtlich Freiwilligkeit S. 123
Abbildung 22: Bekanntheit des Theaters der Jugend bei den 13 - 18jährigen S. 125
Abbildung 23: Gründe für das Aufgeben eines Theater der Jugend Abonnements S. 125
Abbildung 24: Durchschnittliche Bewertung der Leistungen des Theaters
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Quotenbildung für die quantitative Befragung S. 98
Tabelle 2: Stichprobe der quantitativen Befragung S. 98
Tabelle 3: Bereits erfolgte Theaterbesuche S. 102
Tabelle 4: Gründe, nicht ins Theater zu gehen S. 102
Tabelle 5: Begleitpersonen bei Theaterbesuchen S. 104
Tabelle 6: Positive Aspekte an einer Vorführung S. 112
Tabelle 7: Negative Aspekte an einer Vorführung S. 112
Literaturverzeichnis
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Aichinger, A. (1990): Avantgarde oder Schickimickis, in: Janig, H./Hexel, P. C./Luger, K./Rathmayr, B. (Hrsg.): Schöner Vogel Jugend, Analysen zur Lebenssituation Jugendlicher, 2. erweiterte und überarbeitete Auflage, Universitätsverlag Rudolf Trauner, Linz, S. 233 - 253.
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N Ist die Jugend eine wichtige Zielgruppe für das Theater im Allgemeinen?
N Warum ist sie wichtig?
N Wie sehen Sie das Image des Theaters bei den Jugendlichen?
N Wo liegen mögliche Probleme?
N Gibt es Marktforschungsdaten?
N Wie viel wird generell für Jugendmarketing oder Marktforschung ausgegeben?
N Wie werden die Jugendlichen überhaupt zu Theaterbesuchen motiviert?
N Wie schätzen Sie die Anforderungen und Wünsche der Jugendlichen an einen Theaterbesuch ein?
N Wie versuchen Sie, diesen Wünschen zu begegnen?
N Gibt es dabei finanzielle Probleme in der Umsetzung?
N Wie erfolgreich sind bestehende Programme?
N Was wird in Zukunft geplant?
N Wie schätzen Sie die Arbeit des Theaters der Jugend / die Programme der Bundestheater ein?
N Wäre ein gemeinsames Jugendprojekt denkbar?
Arbeit zitieren:
Andrea Kasper, 2004, Jugend und Theater, München, GRIN Verlag GmbH
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