1. Einleitung
Viele scheinen der Ansicht zu sein, dass ein Transkulturationsprozess 1 wie er bei der Übertragung der arabischen Dichtkunst in die persische Sprache zweifellos vorliegt, 2 ohne tief greifende Veränderungen vor sich gehen kann, oder wenigstens, dass die entsprechenden Veränderungen im vorhergehenden kulturellen Kontext der neu entstehenden Literatur zu suchen sein müssen. 3 Weitgehend unbeachtet blieb dabei, dass sich die Elemente und Strukturen einer literarischen Tradition nicht aus einem gegebenen kulturellen Kontext lösen 4 und in einen anderen einfügen lassen, ohne dass allein schon dies ihre jeweilige Funktionalität und Eigenheit veränderte bzw. ihre Weiterentwicklung zu Formen, in denen sie ohne das bisher gegebene kulturelle Umfeld fortexistieren und Sinn machen können, erzwänge, wobei dann zur Erklärung des neu Entstandenen oft nur noch das in der Ursprungsliteratur bereits als Möglichkeit oder Tendenz Angelegte hinzuzunehmen sein mag. Dass so einige der von
1 Der Begriff der Transkulturation umfasst zwei Aspekte, zum einen das Eindringen und die Übernahme einer hegemonialen Kultur, die nicht unverändert übernommen wird, schon da sie notwendig selektiv übernommen wird und die übernommenen Elemente neu kombiniert werden, zum anderen die Trans- und Rekontextualisierung, die geschieht, insofern die importierte Kultur auf eine bereits vorhandene trifft, aber auch schon allein auf Grund stets gegebener Umstände wie der anders gearteten geographischen Faktoren im neuen Umfeld (Ángel Rama, Transculturación narrativa en América Latina, Mexiko 1982, S. 32 ff.; Wolfgang Matzat, Transkulturation im lateinamerikanischen Modernismus. Rubén Daríos ‚Prosas profanas y otros poemas’, in: Romanistisches Jahrbuch 48 (1997), S. 348 f). Hier soll es v. a. um den ersten Aspekt gehen. Der Begriff wurde aber - abgesehen davon, dass er der gegebenen Situation Irans nach der arabischen Eroberung natürlich ausgezeichnet entspricht - schon deswegen gewählt, um zu betonen, dass dieser Aspekt nicht absolut zu setzen ist, soll er hier auch isoliert betrachtet werden. Die vorauszusetzende Grundsatzsituation der Übernahme einer aus religiösen, politischen und militärischen Gründen dominanten Kultur ist sicher im Verhältnis der vormongolisch-iranischen zur arabischen gegeben (Umar Muhammad Daudpota, The Influence of Arabic Poetry on the Development of Persian Poetry, Bombay 1934, S. vii, 1, 12, 33 f.; Bertold Spuler, Iran in frühislamischer Zeit, Wiesbaden 1952, S. 3 f.).
2 Daudpota aaO. S. vii; Alessandro Bausani, Antonio Pagliaro (Hsgg.), Storia della letteratura persiana, Mailand 1960, S. 308 ff.; Gregor Schoeler, Älteste neupersische Strophendichtung. Rdaks musammaa, sein arabisches Vorbild und seine persischen Nachfolger, in: Asiatische Studien LI, 1 (1997), S. 622 ff.
3 Die wichtigsten Einwände gegen eine allzu direkte Herleitung der nach der arabischen Eroberung neu entstehenden Dichtung persischer Sprache von ssnidischer oder volkstümlich iranischer Tradition führt Alessandro Bausani, Note sui prestiti arabi nella più antica poesia neopersiana, in: Studia classica et orientalia Antonino Pagliaro oblata, Rom 1969, Bd. I, S. 175 f., auf. Vgl. a. Gilbert Lazard, The Rise of the New Persian Language, in: Richard N. Frye, The Period from the Arab Invasion to the Saljuqs (Cambridge History of Iran, Bd. 4), Cambridge 1975, S. 607 ff.
4 Für die enge Verbindung der frühen arabischen Dichtung mit dem kulturellen Umfeld und der natürlichen Umwelt ihrer Verfasser und deren Folgen für die gesamte folgende islamische Dichtung vgl. Daudpota aaO. S. 17 ff, 20.
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Beginn an auftretenden Divergenzen arabischer und persischer Dichtkunst erklärbar sind, soll im Folgenden an einigen Beispielen gezeigt werden, wobei Vergleich und Metapher im Vordergrund stehen sollen, beides Elemente literarischen Schaffens, deren ursprüngliche Kontextgebundenheit wie dessen Verlust besonders augenfällig sind, man denke nur an eine der Hauptsphären, die solche in eigentlich allen Literaturen zu liefern hat: die Natur. 5 Dieser Bereich eignet sich mithin weit besser zur Darstellung der genannten Problematik als etwa der der Prosodie, bei der zentrale Elemente des Kontextes, in den sie einzuordnen wären, wie etwa die Frage nach der Art des mündlichen oder gegebenenfalls auch musikalischen Vortrags oft kaum mehr bzw. jedenfalls schlechter als alle anderen Fragen, die man an das überlieferte Textmaterial stellen könnte, zu beantworten sind. 6 Der Bereich der Themen hingegen ist in dieser Hinsicht problematisch, da er immer mit einem Fuß außerhalb des poetischen oder poetologischen Diskurses steht, insofern ein bestimmtes gegebenes Thema ja nicht zwanghaft an die nur ihnen angehörenden Formen gebunden ist. So finden wir bestimmte Themen aus den Bereichen von Religion, Geschichte, Liebe etc. in beiden Sprachen ja sowohl in metrisch gebundener Sprache wie Prosa, sowohl in literarischen wie in nichtliterarischen Texten behandelt, und die Verfolgung einzelner Traditionszusammenhänge wird dadurch auch in einem Maße verkompliziert, dass hieraus kaum ein klares Bild des Verhältnisses früher persischer zur vorhergehenden und zeitgenössischen arabischen Dichtung zu gewinnen zu erhoffen wäre. 7
5 Benedikt Reinert, Die persische Qaade, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 243.
6 Vgl. Bo Utas, Arabic and Iranian Elements in New Persian Prosody, in: Lars Johanson, Bo Utas (Hsgg.), Arabic Prosody in Muslim Poetry, Stockholm 1994, S. 137 f; Johannes T. P. de Bruijn, The individuality of the Persian metre khafîf, in: Lars Johanson, Bo Utas (Hsgg.), Arabic Prosody in Muslim Poetry, Stockholm 1994, S. 38. Dies umfasst auch Elemente, die gegebenenfalls der Prosodie selbst zuzurechnen wären, wie die Betonungen in der frühen persischen Lyrik islamischer Zeit, vgl. Utas aaO. S. 136.
7 Zu konkreten Beispielen der Übernahme einzelner Themen und Motive vgl. Daudpota aaO. S. 74 ff. Während sich insbesondere einzelne Motive ohne großen Nutzen an allgemeiner Erkenntnis wohl verfolgen lassen (vgl. u. S. 4 f.), sieht es mit dem Bereich der angesprochenen Themen im Gesamten wohl anders aus. Man denke nur an den fismus, eine religiöse Bewegung, die im arabischen wie iranischen Bereich stattgefunden und erst sekundär in der Dichtung ihren Niederschlag gefunden hat, in der sie ihre Ausdrucksmittel nicht nur aber auch aus der Liebeslyrik entlehnte (James Darmester, Les Origines de la Poésie Persane. Les préccurseurs d’Omar Khayyam, Aix-en-Provence 1995, S. 74 ff.). Während auf der Ausdrucksebene, also beginnend mit der vorislamischen arabischen Liebeslyrik, wohl noch sinnvoll zu arbeiten wäre, müsste auf inhaltlicher bzw. thematischer Ebene wohl mit dem Qur’n begonnen und eine komplexe geistige Entwicklung nachgezeichnet werden (vgl. Tilman Nagel, Geschichte der islamischen Theologie. Von Mohammed bis zur Gegenwart, München 1994, S. 133 ff.), die mit Dichtung und Gegenstand der vorliegenden Arbeit unmittelbar eigentlich gar nichts zu tun hat. Was aber eine Beschäftigung auf Inhaltsebene hier völlig sinnlos machte, ist, dass nicht nur die
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Im Rahmen dieser Fragestellung kann und sollte auch auf den offenkundigen Mangel an Widerspiegelung der Unterschiede in der Dichtkunst in der zeitgenössischen persischen wie arabischen Theorie eingegangen werden. 8 Denn in dieser Weise als Trankulturationserscheinungen betrachtet, wäre eine Poetik, die Reflex der tatsächlichen Dichtung wäre, a priori gar nicht zu erwarten, sondern es erschiene sogar nahe liegend, dass je übernommene, dem bisherigen Kontext entrissene Traditionen einerseits praktischer, andererseits theoretischer Beschäftigung mit der Dichtkunst sich eigenständig je nach den in ihnen schon in der Ursprungkultur angelegten Möglichkeiten fortentwickelten, um ohne den bisherigen kulturellen Kontext fortexistieren und bestehen zu können, gegenüber dem eine Angleichung der persischen Theorie an die persische Praxis schon als ein weitergehender Schritt in dem Assimilationsprozess zu betrachten wäre. Genau genommen dürfte man auf Basis dessen trotz des zeitlichen Vorrangs der Praxis vor der Theoriebildung in beiden Sprachen 9 ganz und gar nicht erwarten, dass die Theorie die Praxis persischer Dichtung widerspiegelt, denn, da Poetiken Anleitungen zur
Dichtung Ergebnis einer Übertragung ist, sondern auch ihr Kontext bzw. dessen wichtigster Teil, die spezifische fische Religiosität Irans, ein Produkt einer mit der der Dichtung beinahe zeitgleichen Übertragung religiöser Vorstellungen ist (Jan Rypka, History of Iranian Literature, Dordrecht 1968, S. 227), wobei man die schon vorhandene persische Dichtung als einen Teil des Kontextes bezeichnen könnte, in den sie übertragen wurden. Ähnlich sieht es auch bei anderen thematischen Bereichen aus, so bei der Panegyrik oder der Liebesdichtung: Auch hier existiert außerhalb der Dichtung z. B. ein Herrschaftsverständnis (Vgl. Claude Cahen, Der Islam I. Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches (Fischer Weltgeschichte, Bd. 14), bearbeitet von Gerhard Endreß, Frankfurt a. M. 1987, S. 295 u. ö.) oder eine Sexualmoral (Erdmute Heller, Hassouna Mosbahi, Hinter den Schleiern des Islam. Erotik und Sexualität in der arabischen Kultur, München 2 1994, S. 37 ff. bzw. passim), bei der die etwa gleichzeitige Übertragung des Islam in den iranischen Raum zu berücksichtigen und eventuelle Wechselbeziehungen in die Untersuchung einzubeziehen wären. Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass, während sich bei den eher formalen Aspekten der Dichtung Aspekte des
Transkulturationsprozesses isoliert beobachten lassen, die gegebenenfalls dann sogar auf andere seiner Teile oder auf ihn in seiner Gesamtheit übertragbar, inhaltliche und thematische Aspekte von ihm als ganzem nicht abstrahierbar scheinen und für sie ein anderer Ansatz zu wählen ist, z. B. eben einer je nach Inhalt und nicht nach der äußeren Form der entsprechenden Quellen, die letztlich ja vor allem die Dichtung als solche kennzeichnet.
8 Benedikt Reinert, Probleme der vormongolischen arabisch-persischen Poesiegemeinschaft und ihr Reflex in der Poetik, in: Gustave Edmund von Grunebaum (Hsg.), Arabic Poetry. Theory and Developement, Wiesbaden 1973, S. 101; William Smyth, Early Persian Works on Poetics and their Relationship to Similar Studies in Arabic, in: Studia Iranica 18 (1989), S. 47.
9 Die arabische Dichtung ist bekanntlich bereits von Zeiten vor Muammad an überliefert, die arabische Poetik setzt erst mit dem 9. Jh. ein, die persische Dichtung beginnt Ende 8. / Anfang 9. Jh., die ältesten theoretischen Werke in dieser Sprache entstehen hingegen erst in der Zeit um 1100, vgl. Reinert aaO. 1973, S. 71; Smyth aaO. S. 27 f.
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Praxis sein sollten 10 und sie auf arabischen beruhen, 11 hätten sie, soweit sie den gedachten Zweck erfüllt hätten, eigentlich zu einer Angleichung persischer Dichtung an die Standards arabischer Theorie führen, d. h. keinesfalls die bestehenden Unterschiede aufzeigen, sondern sie minimieren müssen. 12 Auch darauf wird im Folgenden einzugehen sein.
2. Einfache Beispiele von Veränderungen durch Kontextverlust
Das vielleicht simpelste Beispiel ist der Bedeutungszuwachs, den das visuelle Element nicht nur in der persischen Theorie im Vergleich zu den arabischen Vorlagen zeigt. 13 Denn sie beziehen sich auf einen weitgehend kontextunabhängigen Bereich der sprachlichen Mittel, da ihr Bezug etwas ist, was prinzipiell jedem Menschen gegeben ist, nämlich zu sehen, der anders als zum Beispiel der Bereich lautlicher Qualitäten bestimmter Formulierungen bei der Übertragung von einem kulturellen und sprachlichen Bereich in einen anderen zunächst keinerlei Verluste erleiden sollte. Wobei klar ist, dass es sich nicht um eine generelle Neuerung handeln kann, beinahe jede sprachliche Äußerung bezieht sich in der ein oder anderen Weise auf die sichtbare Wirklichkeit, sondern nur um eine Schwerpunktverlagerung auf das ohne Verlust Übertragbare (wie auch Erweiterbare, das hier ausgeklammert bleiben muss, auch kann, da die Übertragung der Erweiterung vorangehen wird). 14 Etwas, was als bei einem Transkulturationsprozess in der Praxis ebenfalls als schwer übertragbar gelten muss, ist die kompakte Multiäquivalenz von Vergleichen. 15 Denn, dass zwei verglichene Dinge zahlreiche, unausgesprochen erfassbare Vergleichsaspekte haben, die über Orts- und Zeitgrenzen hinweg
10 Smyth aaO. S. 27. Von Rdyn als Zweck seines Werkes angegeben, vgl. Smyth aaO. S. 34.
11 Smyth aaO. S. 28, 34.
12 Die Tatsache, dass sich in der Zeit der Entstehung der ersten persischsprachigen Poetiken im Osten der Trend zur Beeinflussung der persischen Dichtung durch die arabische umkehrt, betont in Anbetracht der Tatsache, dass gerade die frühesten persischen Poetiken am direktesten auf arabische Vorlagen zurückzuführen sind, die Unabhängigkeit der Übertragung beider in das iranische Kulturgebiet und die persische Sprache. Vgl. Reinert aaO. S. 78; Smyth aaO. S. 27, 34 f.
13 Rypka aaO. S. 80; Smyth aaO. S. 46.
14 Ebenfalls unmittelbar klar dürfte sein, warum in diesem Fall kein Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht, nicht, weil von einer gegenseitigen Beeinflussung ausgegangen werden muss, sondern da in diesem Falle je die gleiche Problematik besteht, dass das eine leicht, das andere kaum übertragbar.
15 Vgl. Reinert aaO. S. 85.
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genauso unmittelbar erfassbar bleiben, ist zwar möglich, wie das Beispiel des Vergleichs von Tränen mit Perlen zeigt, das uns Heutigen noch unmittelbar in der Vielfalt denkbarer Parallelen klar wird, 16 aber kaum die Regel. Ein Gutteil derselben dürfte auch auf dem spezifischen kulturellen Wissen einer Zeit und eines Gebiets beruhen, so sind die Vergleichsaspekte, die Reitkamelin und Wildesel als Gemeinsamkeiten aufweisen, um ein anderes Beispiel kompakter Multiäquivalenz altarabischer Dichtung anzuführen, 17 uns sicher nicht mehr unmittelbar anschaulich klar, sondern können von uns höchstens auf Basis des vergleichsweise bescheidenen Wissens, das wir über Kamele und Wildesel besitzen vermutet werden, wobei wir schon deswegen sehr irren könnten, da bekanntlich nicht alle Eigenschaften, die in der mündlichen oder schriftlichen Tradition eines Kulturraums einem Tier zugeschrieben werden, sich aus dessen natürlichen Eigenschaften ergeben. So wundert es nicht, dass die Vergleiche kompakter Multiäquivalenz durch solche detaillierender Multiäquivalenz, in denen die Vergleichsaspekte ausdrücklich genannt sind oder zumindest auf sie angespielt wird, auf dem Weg der altarabischen über die abbsidisch-arabischen zur frühen persischsprachigen Dichtung zunehmend verdrängt wurden. 18 Denn es ist offenkundig, dass letztere weit weniger auf einen bestimmten kulturellen Kontext angewiesen und im übrigen stets durch weitere ergänz- und erweiterbar sind, während die Zahl ersterer notgedrungen beschränkt bleiben muss.
3. Rhetorisierung
Die Übertragung einer Dichtkultur in ein anderes kulturelles Umfeld wird sicher mit einer gewissen Rhetorisierung 19 einhergehen. Wenn etwa Onnr die Beredsamkeit eines Muuar anführt, 20 fehlt zumindest ein Bezug, den die ursprünglichen Rezipienten altarabischer Dichtung dazu gehabt hätten, insofern Muar einen Platz in der fiktiven Stammesgenealogie, also in der sozialen Wirklichkeit der
16 Reinert aaO. S. 85.
17 Reinert aaO. S. 86.
18 Reinert aaO. S. 85.
19 Unter Rhetorisierung sei hier jede Verlagerung des Schwergewichts von der inhaltlichen Ebene auf die Ausdrucksebene beim Verfassen und der Wertung von Texten verstanden.
20 Im viertletzten Doppelvers einer qade zum Lobe Sultan Maamds von azna (Dvn-e ostd Onnr-ye Ball, hsg. v. Moammed-e Dabr-e Seyq, Teheran 1963, S. 280).
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arabischen Halbinsel innehatte, in die sich auch die Zuhörer einreihten, 21 und es fällt in die Kategorie gelehrten Wissens, dessen Vermittlung selbst nicht Zweck des Gedichtes ist, also in die Kategorie rhetorischer Ausschmückung. 22 Noch extremere Beispiele stellen die direkten Nachbildungen altarabischer qaadas dar, einschließlich des klassischen „verlassenen Lagerplatzes“, der Namen der originalen Angebeteten (teilweise mehrerer in einem Gedicht statt der ursprünglich je nur einen), des Kamelführers usw., wobei als gewiss gelten kann, dass beispielsweise Manehr - wahrscheinlich im Gegensatz zu Imr’ al-Qais - nie eine Dame namens Unaiza gekannt haben dürfte. 23 Rein rhetorisch ist das, da das einzig Originelle an dem Neuentstandenen ist, dass es nunmehr in persischer Sprache gesagt wird, neu also nur die sprachlichen Mittel sind, während die Inhaltsebene getreu übernommen wurde. Und gerade darin ist es in toto andersartig und zugleich durch und durch rhetorisch, da durch Kontextverlust - weder Autor noch Publikum waren das natürliche und soziale Umfeld der altarabischen Dichtung wirklich vertraut - die Inhaltsebene des Textes völlig sinnentleert ist und die qaade nur noch die Funktion erfüllt, auf die Gelehrsamkeit des Autors und gegebenenfalls seines Publikums zu verweisen und auf ersteren Geschicklichkeit im Umgang mit den sprachlichen Mitteln. 24 An den angeführten Beispielen wird klar, dass vieles durch bloße direkte Übertragung und dem damit verbundenen Verlust des ursprünglichen Kontextes zu reinem Wortschmuck wird und dass solche Fälle - zum Teil in sehr eindeutiger Weise - auch aufgetreten sind. Es stellt sich nun die Frage, ob eine solche leicht erklärliche Rhetorisierung der Poesie auf ihrem Weg von der arabischen Halbinsel in den Nordosten des iranischen Kulturgebiets sich über die angeführten Einzelbeispiele hinaus auch in grundsätzlichen Entwicklungen feststellen lässt.
Auf dem Gebiet der Themen und ihrer Behandlung ist sie als allgemeine Erscheinung schon bei der Übertragung altarabischer Dichtung in das - iranisierte 25 - Umfeld des Abbsidenhofes erkannt und beschrieben worden. 26 Deutlich tritt sie auch bei dem Vergleich altarabischer Liebesdichtung mit der frühen persischen hervor, also bei dem Vergleich beider Dichtkulturen in einem zentralen Themen-
21 HaraldKindermann, Stichwort „Raba and Muar“, in: Clifford E. Bosworth, Emeri van Donzel, Wolfhart Heinrichs, Gérard Lecomte (Hsgg.), The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Bd. VIII, Leiden 1995, S. 352 ff.
22 Vgl. a. Daudpota aaO. S. 32 f.
23 Daudpota aaO. S. 41 ff.; Bausani, Pagliaro aaO. S. 329. Vgl. a. Schoeler aaO. S. 604 ff.
24 Es gibt weitere Beispiele persischer qa’ed, die an andere und jüngere arabische Vorbilder angelehnt, vgl. Daudpota aaO. S. 57 ff. Die meisten anderen Gattungen persischer Dichtung sind hingegen nicht arabischer Herkunft oder stammen eben-falls von der Qadenform ab (azal), sind hier also nicht einzubeziehen (vgl. Daudpota aaO. S. 64).
25 Spuler aaO. S. 289.
26 Daudpota aaO. S. 22.
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bereich. 27 Ein äußerst klarer Beleg für eine allgemeine Rhetorisierung, dem aber etwas die sichere Nachweisbarkeit in Bezug auf die Relation des Geäußerten zur Wirklichkeit fehlt, wäre der Umstand, dass altarabische Dichter - im Gegensatz zu den persischen - nie jemanden gepriesen hätten, es sei denn, er hätte wirklich etwas Preisenswertes getan. 28 Immerhin zeigt aber, dass man späterhin offenbar diesen Umstand an ihnen bemerkenswert fand, ein gesteigertes Bewusstsein der Inhaltsleere der panegyrischen Dichtung, ohne den erkennbaren Willen, sie realitätsnäher gestalten zu wollen, also einen bewusst hohen Grad an Rhetorizität ohne konkreten inhaltlichen Bezug, der ja gerade dann gegeben wäre, wenn man noch bereit gewesen wäre, das Gesagte für wirklich zu halten, und immerhin ist allgemein eine Steigerung der zum Herrscherlob verwendeten sprachlichen Mittel mit Sicherheit feststellbar. 29
Häufig begegnen uns bei persischen Autoren Übernahmen einzelner Motive, vorwiegend aus dem bildlichen Repertoire, deren meiste allerdings frühestens der abbsidenzeitlichen arabischen Dichtung entnommen. 30 Letzterer Umstand erklärt zugleich, warum zumindest die von Daudpota zusammengestellten Beispiele recht wenig Wandlung zeigen, auch keine nennenswerte Veränderung zwischen bildlicher und inhaltlicher Ebene, da schon für das arabische Ausgangsmaterial ein höfischer und iranisierter Rahmen galt, dennoch ist auch hier natürlich oft eine gesteigerte Rhetorisierung durch Verlust der ursprünglichen Bezüge und dem Charakter als eines bloß Übernommenen feststellbar. 31 Besonderes Interesse verdienen in der Frage der Rhetorisierung die eingesetzten Ausdrucksmittel. Auf Ebene des Primärcodes ist zunächst an Entlehnung arabischer Wörter zu denken, die tatsächlich stellenweise in nicht unerheblichem Umfang an Stelle einheimischer in der frühen persischen Dichtung auftauchen und zwar vorwiegend aus stilistischen Gründen, nicht, weil sie schon Teil des allgemeinen persischen Lexikons geworden wären. 32 Dass dieser Form der Rhetorisierung ein Verlust des ursprünglichen Kontextes zu Grunde liegt, ist kaum weiter erläuterungsbedürftig.
27 Daudpota aaO. S. 19 f.
28 Daudpota aaO. S. 80 ff.
29 Daudpota aaO. S. 82 f.
30 Daudpota aaO. S. 74 ff., 161.
31 Daudpota aaO. S. 107 u. ö.
32 Bausani aaO. S. 175 f. Die Verwendung arabischer Lehnwörter ist innerhalb der frühpersischen Dichtung freilich nicht einheitlich (Bausani aaO. S. 175 ff.), unterliegt sogar in einzelnen Werken einzelner Dichter erheblichen Schwankungen (Bausani aaO. S, 184 f.), kann hier also nicht weiter berücksichtigt werden, da sich kein einheitliches, für die ganze frühpersische Dichtung gültiges Bild ergibt.
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Eine der auffälligsten Erscheinungen auf dem Gebiet des Sekundärcodes ist der stark gesteigerte Gebrauch der Hyperbel seitens der persischen Dichter. Denn ein Überbietungsvergleich ist sicher in der Regel wirklichkeitsfremder und damit kontextunabhängiger als ein direkter Vergleich, wobei auch dieses Element natürlich schon der arabischen Dichtung bekannt war. 33
Ein konkreter Beleg für die Rhetorisierung findet sich des Weiteren in dem bereits genannten (s. o. S. 4) Wechsel von Vergleichen kompakter zu solcher detaillierender Multiäquivalenz, nicht in dieser Tatsache selbst, die als Folge des Verlusts des ursprünglichen Kontextes betrachtet werden kann, sondern der damit verbundenen Erscheinung, dass in den letztgenannten die Aspektgemeinsamkeiten sekundärer Art sind, d. h. also, dass nunmehr der Vergleichsaspekt nicht mehr bei dem Verglichenen und dem, mit dem es verglichen wird, identisch ist, sondern dass beide als Gemeinsamkeit nur noch vergleichbare Aspekte aufweisen. 34 Es liegt auf der Hand, dass Vergleiche letzterer Art wesentlich weniger zur Veranschaulichung beitragen können, ihre Funktion also weniger auf Inhaltsebene des Textes, sondern im Wesentlichen auf dessen Ausdrucksebene liegt, sie also vor allem als bloßer rhetorischer Schmuck dienen.
In die gleiche Richtung geht die Entwicklung von multiäquivalenten Vergleichen hin zur Dominanz uniäquivalenter, also solcher, die nur einen Vergleichsaspekt aufweisen, in der persischen Dichtung. 35 Allerdings weniger an sich, sondern vielmehr in ihrer Folge der stark gesteigerten Zahl möglicher Bilder, 36 der also kaum mehr beschränkten Freiheit, jederzeit zum Bild statt zur direkten Benennung greifen zu können, in der sicher einer der Hauptbeweggründe dieser Entwicklung zu suchen ist. Letztere Entwicklung spiegelt sich auch in der theoretischen Beschäftigung mit der Poesie, insofern die Multiäquivalenz bei persischen Theoretikern schließlich ganz in Vergessenheit gerät. So wird sie beispielsweise schulbildend von Vaav nicht beschrieben, während der uniäquivalente Vergleich, der schon im Qur’n vorkommt, weiterhin Erwähnung findet. 37 Womit in diesem Fall auch klar ist, dass es sich hier um keine Neuentwicklung handelt oder wenigstens handeln muss, sondern um nur eine Veränderung innerhalb des quantitativen Anteils bestimmter Stilfiguren innerhalb einer literarischen Tradition handeln kann. Diese Entwicklung ist zumindest zum Teil in dem Verlust des
33 Johannes T. P. de Bruijn, Stichwort „Shir: 2. In Persian“, in: Clifford E. Bosworth, Emeri van Donzel, Wolfhart Heinrichs, Gérard Lecomte (Hsgg.), The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Bd. IX, Leiden 1997, S. 465.
34 Reinert aaO. S. 85.
35 Reinert aaO. S. 85.
36 Reinert aaO. S. 85.
37 Reinert aaO. S. 87.
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ursprünglichen Kontextes erklärbar, insofern sie Teil der Rhetorisierung ist und insofern uniäquivalente Vergleiche, da nur eine Einzelvorstellung, kein ganzer Vorstellungskomplex zu übertragen wäre, in ihrer Einfachheit leicht übertragbar sind und leicht und frei neu bildbar. Allerdings berühren wir mit dem letzten Punkt sicher auch einen Aspekt von Transkulturation, der hier nicht im Vordergrund stehen soll, nämlich den des zwangsweisen Einflusses der Gegebenheiten des empfangenden Teils und sei es nur der natur-räumlichen, 38 dem sich hier die persische Dichtung öffnet, immerhin aber ohne dass wir dafür ansonsten notwendig mehr voraussetzen müssen als die Verpflanzung der arabischen Dichtkunst. 39
Als ein Reflex der Rhetorisierung in der Theorie kann ein charakteristischer Unterschied 40 zwischen der Behandlung des Vergleichvorgangs in Šams-e Qeys’ persischer und as-Sakkks arabischer Poetik erkannt werden. Während bei letzterem die funktionale Analyse im Vordergrund steht, unterteilt ersterer vor allem nach formalen Kriterien, 41 ersteres untersucht die Ausdrucksebene in Hinblick auf die Inhaltsebene des Textes, zweiteres konstatiert nur mehr das auf der Ausdrucksebene Gegebene. Ersteres lässt sich natürlich als Ausdruck der Nähe bzw. Zugehörigkeit der arabischen Literaturtheorie zu den religiösen Wissenschaften und der entsprechenden Wichtigkeit der Inhaltsebene eben insbesondere des Qur’ns erklären, 42 nicht unbedingt aber sein Wegfall in der persischen Theorie, denn auch persische Gedichte haben wie alle Texte eine Inhaltsebene 43 - so dürftig sie auch immer geworden sein mag - und somit erschiene eine Beschäftigung mit dem Verhältnis der Ausdrucksebene zur Inhaltsebene keinesfalls sinnlos, aber eben vielleicht weniger wichtig, was aber hieße, sie entfiel wohl auch auf Grund des Grades an Rhetorisierung, die die persische Dichtung im Vergleich zur arabischen Auffassung vom Einsatz sprachlicher Mittel erreicht hatte.
38 Matzat aaO. S. 349
39 Bausani, Pagliaro aaO. S. 329.
40 Smyth aaO. S. 51.
41 Smyth aaO. S. 44, 51.
42 Smyth aaO. S. 44, 51.
43 Vgl. a. Tilman Nagel, Wege zu den ästhetischen Grundlagen der mittelalterlichen persischen Dichtung, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 22 (1977), S. 221 ff.
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Lieblingskind der persischen Dichtung ist die Metapher, die in der frühen arabischen Dichtung noch selten war, 44 und ihre allgemeine Durchsetzung - und zwar die der dualen substantiven Metapher - ist ein weiterer und - schon wegen ihrer allgemeinen Beliebtheit in der persischen Dichtung - bedeutender Erfolg der Rhetorisierung. Denn sie ist Ergebnis der Traditionsbildung, insofern erst die wiederholte Realisierung bestimmter Vergleiche den Ausfall des Vergleichsaktes zum Ergebnis hatte, und dadurch ist sie rhetorisch, da ihr Bezugssystem nicht die außersprachliche Wirklichkeit ist, sondern die literarische Tradition, bzw. schlichtweg dadurch, dass die Nennung des auf Inhaltsebene Gemeinten ganz entfällt und nur noch das, was primär der Ausdrucksebene zuzurechnen ist, bestehen bleibt. Ihren kontextungebundenen Charakter erhält sie insofern, als ihre Entwicklung im Wesentlichen innerhalb der arabischen Dichtkunst stattfand, von ihrem ersten Auftauchen in spätumaiyadischer Zeit bis zum Bedeutungsgewinn in abbsidischer Zeit, dann aber ihren Siegeszug hin zur Grundlage aller Bildsprache in der persischen Dichtung unabhängig erreichte. 45
Auch die Vereinheitlichung der Bildebene in Begriffsharmonie, die allerdings schon in der Vorstufe der abbsidisch-arabischen Dichtung zur poetischen Norm wurde, 46 muss als Teil der Rhetorisierung aufgefasst werden. Denn, was geschieht, ist nichts anderes als die Abkehr von der Suche nach je passenden Bildern, also Bildern, die nach ihrer Funktionalität im Hinblick auf die Inhaltsebene der Texte ausgewählt, zu Gunsten des Vorrangs der Einheitlichkeit auf Bild- also Ausdrucksebene. Ein deutliches weiteres Beispiel der eingetretenen Rhetorisierung ist das Paradox, zu dessen Erzeugung in der persischen Dichtung einzig die inkohärente Bildharmonie, also die Ersetzung einzelner Begriffe eines thematisch geschlossenen Zusammenhangs von Fall zu Fall aus einem Bildbereich, benutzt wird, die in einem Gebiet außerhalb unmittelbaren iranischen Kultureinflusses, im amdnidischen Syrien, ohne Dominanz dieser Zweckbestimmung ihre Blüte erlebte. 47 Denn das Paradox, das erst durch Ausdruck der Wirklichkeit auf einer bildlichen Ebene entsteht, ist zunächst etwas, was nur auf sprachlicher Ebene Bestand hat und dem an sich in der außersprachlichen Wirklichkeit nichts entspricht, also etwas zutiefst Rhetorisches. Und der Einsatz anderer sprachlicher Mittel, die Verwendung von Bildern, zu seiner Erzeugung besagt, dass auch diese nicht primär in Hinsicht auf die
44 Helmut Ritter, Über die Bildsprache Niims, Berlin, Leipzig 1927, S. 13 ff.; Smyth aaO. S. 30, Anm. 10. Dass es sie nicht gegeben habe, kann schon deswegen nicht behauptet werden, weil die Metapher Bestandteil auch des alltäglichen Sprachgebrauchs ist, vgl. Thomas Lewandowski (Hsg.), Linguistisches Wörterbuch, Bd. 2, Wiesbaden 6 1994, S. 709.
45 Vgl. Reinert aaO. S. 91 ff., 94.
46 Reinert aaO. S. 97.
47 Reinert aaO. S. 98 f.
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Inhaltsebene gewählt wurden, sondern im Gegenteil nur als Zwischenglieder zu der nochmals mittelbareren Ebene derer Darstellung im Paradox. Es ist im Übrigen symptomatisch für eine Entwicklung, die sich allerdings im Wesentlichen schon innerhalb der frühen persischen Dichtung islamischer Zeit abspielte, aber ebenfalls der Rhetorisierung zuzurechnen und insofern als logische Fortentwicklung ihrer Entstehung aus der arabischen zu werten ist, nämlich der zunehmenden Ausrichtung der Dichtung auf die Suche nach concettistisch-pointiertem Aspekten auf bildlicher Ebene. 48
Der concetto, der geistreiche Einfall auf Ebene stilistischer Mittel bzw. in Form ihrer Kombination, die zumeist einen Widerspruch ergibt, der im Sachlichen der Inhaltsebene nicht begründet liegt, also ein höchst rhetorisches literarisches Element, erscheint aber überhaupt als Fortentwicklung der Poesie in iranischem Geist, wirksam aber bereits vor der Wiederentstehung einer persischsprachigen Literatur in der arabischen Welt, das heißt im Umfeld der Abbsiden, dort, wo die arabische Kultur erstmals unter massiven Einfluss der iranischen geriet, auch wenn concetti schon zuvor in der altarabischen Dichtung hin und wieder aufgetaucht waren. Auch hier haben wir keine gänzliche Neuentwicklung vor uns, sondern etwas, was es von Beginn der arabischen Dichtung an, soweit sie für uns überblickbar ist, gab, also die Entwicklung zur Dominanz einer ursprünglich verstreut vorkommenden Erscheinung. 49 Bedeutsam ist auch die Voraussetzung der Entstehung eines concettismo, die in der Häufung der eingesetzten Stilmittel und der besonderen Beachtung, die man der Ausdrucks- anstatt der Inhaltsebene der Texte - die meist nur noch die Grundlage darstellt, die man zur Erzeugung der geistreichen Pointe benötigt - zumisst, besteht, 50 womit sie jedenfalls bis zu einem gewissen Grade Produkt der vorangehenden Dichtung ist, die die entsprechenden Stilmittel ja schon bereitgestellt haben muss. 51 Der Verlust des ursprünglichen Kontextes wird vor allem in den unterschiedlichen Entwicklungen bei der Ausprägung eines concettismo im abbsidischen und orsnisch-transoxanischen Umfeld deutlich.
48 Benedikt Reinert, Die persische Qaade, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 243.
49 Benedikt Reinert, Der Concettostil in den islamischen Literaturen, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 366 f., S. 380 f.
50 Vgl. Hugo Friedrich, Epochen der italienischen Lyrik, Frankfurt a. M. 1964, S. 550 f., 558, 636 ff.
51 In dieser Hinsicht, die wohl die wichtigere, wäre das concetto also ein Produkt der (Neu-) Kombination der selektierten Elemente der importierten Kultur, die Rama (aaO. S. 32 ff.) als einen zentralen Aspekt eines Transkulturationsprozesses beschrieben hat und der hier möglicherweise sogar mehr oder weniger unabhängig voneinander zweimal stattgefunden hat, einmal im nur iranisierten Raum des abbsidischen Umfelds, zum anderen im durch und durch iranisch geprägten Raum Transoxaniens und ¡orsns.
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Ersterer hat eine ausgesprochen manieristische Tendenz, während der Ostiran, das Ursprungsgebiet der neuentstehenden Dichtung persischer Sprache, den phantasmagoren concetto pflegte. 52 Das heißt aber, die Verlagerung des Schwerpunkts von inhaltlichen Belangen auf die stilistische Ausgestaltung fand in beiden Gebieten statt, im iranischen Osten sah man sich aber auf dieser Ebene wohl auf Grund des Fehlens eines kulturellen Kontextes, der sonst den Zusammenhalt hätte bieten können, gezwungen, zusammenhängender und wirklichkeitsbezogener zu argumentieren. So mag einerseits der östliche concettismo in seinem Ursprung und seiner Entwicklung zur Dominanz auf stilistischem Gebiet vielleicht nur durch die allgemeine Tendenz zur Rhetorisierung mit der Übertragung arabischer Poesie in den iranischen Kulturraum und in die persische Sprache zusammenhängen und seine eigentlichen Wurzeln anderswo haben, 53 obwohl es Beispiele für ihn ebenso gut, wenn auch nur vereinzelt, schon in der altarabischen Poesie gibt (s. o. S. 8), so scheint jedenfalls andererseits die spezifische Ausformungwobei betont werden muss, dass das Material, aus dem die concetti gewonnen werden, ja dem allgemeinen Stilmittelvorrat entnommen ist - nicht zuletzt dem Kontextverlust zuzuschreiben zu sein, dem eben dieses Material ausgesetzt war.
Ein weiteres Element der Rhetorisierung spiegelt sich ebenfalls in der persischen Theorie, nämlich das vermehrte Interesse der Perser an intertextuellen Bezügen, die allerdings auch nicht von ihnen erstmals entdeckt wurden. 54 Dies entspricht einer Entwicklung auch in der Praxis. 55 Es handelt sich sicher um eine Form von Rhetorisierung, denn in intertextuellen Bezügen ersetzt der Bezug auf zunächst die literarische Tradition den unmittelbaren Bezug auf die außersprachliche Wirklichkeit. 56 Doch ist die Frage, ob hier auch ein Verlust des ursprünglichen Kontextes vorliegt oder nicht gerade das Gegenteil der Fall ist, nämlich dessen Übernahme. Er liegt vor. Denn Bezug ist ja gerade die Tradition, aus der die persische Dichtung, insofern sie Erbe der arabischen - und gerade in dieser Hinsicht interessiert sie uns hier - hervorging, und mit der sie in diesem Betracht eine literarische koine bildet, auf die also Bezug genommen wird, anstatt des unmittelbaren Bezuges auf die Wirklichkeit außerhalb der gemeinsamen literarischen Tradition bzw. anstatt des unmittelbaren Bezuges, den der Text, auf den
52 Reinert aaO. S. 372 ff., 380 ff.
53 Reinert aaO. S. 381 f.
54 Smyth aaO. S. 46; Franklin D. Lewis, The Rise and Fall of a Persian Refrain. The Radf “tash u b”, in: Suzanne Pinckney Stetkevych (Hsg.), Reorientations. Arabic and Persian Poetry, Bloomington, Indianapolis 1994, S. 199 f.
55 Daudpota aaO. S. 74 ff.; Nagel aaO. S. 215 ff.; Lewis aaO. S. 211 ff.; Schoeler aaO. S. 607.
56 Lewis aaO. S. 212.
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Bezug genommen wird, zur außerliterarischen Wirklichkeit hatte, welcher Kontext also nicht als solcher übernommen wird, auf den man sich stattdessen nur noch mittelbar beruft. Ein direkter Hinweis auf die Rhetorisierung liegt in der in arabischen Poetiken vorgetragenen Kritik an der persischerseits durchaus gebräuchlichen Übertragung von Redensarten vorwiegend aus dem Bereich des Menschen und seiner Tätigkeit auf sachfremde Themenbereiche vor. Denn der Kritikpunkt ist, dass so schon der Bildbereich selbst nur noch bildlich spricht. 57 Kritisiert wird also die Vervielfachung der Distanz zur konkreten Wirklichkeit, also die Rhetorisierung bei Verlust des ursprünglichen außersprachlichen Kontextes. 58
Ob aber die persische Dichtung generell als rhetorischer betrachtet werden kann als die arabische Dichtung, insbesondere als der Teil von ihr, der am abbsidischen Hof gepflegt wurde, ist vielleicht nicht gar so eindeutig beantwortbar, 59 auch wenn die Tendenz wohl dahin geht (vgl. o. S. 5). Das ist hier aber auch irrelevant. Es ging hier nur um die Frage, ob die Rhetorisierung als eine erwartbare Folge des Verlustes des ursprünglichen Kontextes in der Tat einige Veränderungen von der arabischen zur persischen Dichtung erklären kann, und diese Frage ist nach den hier angeführten Beispielen sicher zu bejahen.
4. Systematisierung
Es steht zu erwarten, dass eine Dichtpraxis, die aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen wird, eine nicht unbeträchtliche Systematisierung v. a. im rhetorischen und prosodischen Teil dieser Kunst erfährt. Das steht einerseits zu erwarten, da die Verwendung von Metren, Stilfiguren etc. in etwas anderem als ihrer ‚natürlichen’ Umgebung bei Übertragung in ein anderes Umfeld und eine andere Sprache viel bewusster und damit auch systematischer geschehen wird, andererseits weil sich ihr Verwobensein in
57 Benedikt Reinert, Probleme der vormongolischen arabisch-persischen Poesiegemeinschaft und ihr Reflex in der Poetik, in: Gustave Edmund von Grunebaum (Hsg.), Arabic Poetry. Theory and Development, Wiesbaden 1973, S. 95 f.
58 Es sei betont, dass dies natürlich keinen Reflex persischer Dichtpraxis in persischer Theorie darstellt, bei der generellen Unbekanntheit persischer Dichtung bei den meisten arabischen Dichtungstheoretikern, soweit sie nicht selber Perser waren, wohl nicht einmal um einen Reflex persischer Praxis in der arabischen Theorie. Es handelt sich um eine Veränderung persischer Praxis gegenüber der arabischen, die sich durch einen Vergleich persischer Praxis mit der arabischen Theorie feststellen lässt.
59 Vgl. Nagel aaO. S. 221 ff.
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den allgemeinen kulturellen Kontext verliert, sie ohne diesen aber zu bloßen literarischen Stilmitteln werden, die einem systematischen Umgang mit ihnen in literarischem Kontext viel eher zur Verfügung stehen.
Dass solches bei der Übertragung der arabischen Dichtung in den iranischen Kulturraum und in die persische Sprache eintrat, ist im Falle der Metrik in Form der Durchquantisierung und der Symmetrisierung asymetrischer Halbverstypen bekannt. 60 Charakteristisch ist die Freiheit arabischer Dichtung, erlaubte Variationen eines metrischen Grundmusters in einem Gedicht beliebig anzuwenden, während in der persischen Lyrik die im ersten Halbvers benutzte Variation des Metrums innerhalb desselben mit geringfügigen Abweichungsmöglichkeiten beibehalten werden muss. 61
60 Glyn M. Meredith-Owens, Stichwort „„Ar: II.“, in: Hamilton A. R. Gibb, Évariste Lévi-Provençal, Joseph Schacht (Hsgg.), The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Bd. I, Leiden, London 1960, S. 677; Reinert aaO. S. 72; Bruijn aaO. S. 465.
61 Laurence P. Elwell-Sutton, Stichwort „„Ar“, in: Encyclopaedia Iranica, hsg. v. Ehsan Yarshater, Bd. 2.2, London 1987, S. 675; Wheeler M. Thackston, Prosodische Systeme, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 243; Utas aaO. S. 133. Auf die komplexe Diskussion um die Entstehung der Metrik der persischen Dichtung islamischer Zeit kann hier nicht eingegangen werden. Ihre teilweise Unlösbarkeit mangels hinreichender Quellen (Bruijn aaO. S. 465) ist ein Grund mehr, sie bei der Betrachtung, wie - und nicht inwiefern - Elemente arabischer Dichtkunst ins Persische übertragen wurden, weitgehend außen vor zu lassen. Als ziemlich gewiss kann jedenfalls gelten, dass das quantifizierende System einen Bruch mit dem vorislamischen iranischen System darstellt und als Übernahme seitens der Araber betrachtet werden muss ((Schoeler aaO. S. 623; Bruijn aaO. S. 465; François De Blois, Poetry of the Pre-Mongol Periode (Persian Literature. A Bio-Bibliographical Survey, Bd. V), Newcastle 1997, S. 42). Es ist äußerst unwahrscheinlicht, dass die arabische Theorie und vor allem Praxis auf die Metrik der frühen islamisch-persischen Dichtung keinen Einfluss gehabt haben soll, zumal da die meisten Dichter in beiden Sprachen gearbeitet haben dürften (Daudpota aaO. S. 36; Bausani, Pagliaro aaO. S. 295; Lazard aaO. S. 615; Utas aaO. S. 137). Dass in ihr jedoch arabische quantifizierende Metrik und Hebungssystem vorislamisch-iranischer Lyrik zusammengekommen sein soll (Utas aaO. S. 140 f.), dagegen sprechen zwei Dinge: Zum einen, dass eben durch die strengere Wahrung der Quantitäten das arabische System offenbar gerade in Hinsicht auf die Beachtung der Silbenquantitäten eher noch übertroffen werden sollte und dass andererseits mit Bildung je einer langen und einer kurzen Silbe aus überlangen Silben mittels Schwa (nm-faahe) das arabische System der persischen Sprache und nur ihr adäquater gemacht wurde (Meredith-Owens aaO. S. 677), es also letztlich nur erweitert wurde, um es in der anderen Sprache ihr angemessen umso genauer beachten zu können. Außerdem scheint es methodisch stets eigentlich mehr als nur problematisch, der zeitgenössischen Selbsteinschätzung - und die frühen islamisch-persischen Dichter meinten gewiss, in ihrer persischen Dichtung den Regeln der arabischen Metrik zu folgen (Utas aaO. S. 137) - zu widersprechen. Hinzu kommen Beispiele minutiöser und ausdrücklicher Nachahmung der Metren bestimmter arabischer Gedichte durch persische Autoren, s. Daudpota aaO. S. 71 ff., Schoeler aaO. S. 604 ff. Daneben entstanden auch völlig neue Metren in der persischen Dichtung. Doch liegen sie außerhalb des Gebietes, das hier interessiert, denn hier geht es um die frühe persische Dichtung
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Ein besonders bezeichnender Fall liegt im Falle der elliptischen Personifikation und der ihr verwandten Übertragung von Redensarten besonders des menschlichen Bereichs auf andere Themengebiete vor. Die elliptische Personifikation kommt in der arabischen Dichtung hin und wieder vor und wurde in der persischen Dichtung ein zentrales Stilmittel. 62 Erneut handelt es sich also um ein Stilmittel, das nicht neu erfunden werden musste, sondern nur seinen Stellenwert verändert hat. Sein großer Vorteil ist seine systematische Einsetzbarkeit, die also persischerseits, wie aus eben Gesagtem hervorgeht, auch genutzt wurde. Diese besitzt es wegen der großen Vielfalt möglicher Bilder, die zugleich losgelöst von jedem Kontext, der konkret oder historisch wäre, sich bietet, da der Bereich des Menschen und seiner Tätigkeiten, aus dem die Bilder gewonnen werden, 63 jedem potentiellen Rezipienten als der seine bekannt und vertraut ist. Hier sehen wir also erneut ein Stilmittel sich von einem auch vorkommenden zu einem dominanten wandeln, das zum einen systematisch einsetzbar, zum anderen auf ihren ursprünglichen Kontext nicht angewiesen ist.
islamischer Tradition, insofern sie von der arabischen stammt. Die sinnigste Erklärung der neuen Metren hat Lazard (aaO. S. 612 f.) gegeben, der sie als Übertragungen traditionell iranischer akzentuierender Versformen in das quantifizierende arabische System deutete. So betrachtet ist die Übernahme des quantifizierenden Systems für sich genommen der erste Schritt zur Entstehung der neupersischen Dichtung, die Entstehung neuer quantifizierender Metren aus vorislamisch iranischem Erbe hingegen erst der zweite, dem also in der grundsätzlichen Betrachtung doch etwas weniger Bedeutung beigemessen werden darf.
62 Reinert aaO. S. 95 f.
63 Reinert aaO. S. 95.
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Eindeutig und zudem ein bedeutender Erfolg der Systematisierung war auch die Durchsetzung der dualen substantiven Metapher als Grundlage der Bildsprache der persischen Dichtung. 64 Zunächst gegenüber der wirren Vielfalt der altarabischen Metaphorik, 65 dann auch in Hinsicht auf ihre innere Form. 66 Denn der Ersatz genau eines Begriffes durch genau ein Bild ist in ihrem konkreten Vorkommen die unkomplizierteste Form der Bildsprache, die leicht und ohne schwerfällig zu werden allgemein, d. h. systematisch, eingesetzt werden kann und auch eingesetzt wurde. 67 Hierher gehört des Ferneren die schließliche Dominanz des uniäquivalenten Vergleichs (vgl. o. S. 6), denn mit ihm hat sich der Vergleichstyp durchgesetzt, der jederzeit und uneingeschränkt zur Verfügung stand, dessen systematischem Einsatz also nichts im Wege stand.
Die Begriffsharmonie der verwendeten Bilder hingegen erlangte bereits in der abbsidischen Dichtung den Rang einer poetischen Norm, den sie in der persischsprachigen Poesie behielt. Auch hier handelt es sich um einen Erfolg der Systematisierung, die ursprüngliche altarabische Vielfalt an teilweise noch in sich verschachtelten Bildebenen verschiedener Bereiche wurde - im iranisierten wie persischsprachigen Raum - durch eine einheitliche abgelöst. 68
Besonders deutlich wird sie, die Systematisierung, des Weiteren - allerdings wieder als eine Entwicklung, die bereits in der abbsidisch-arabischen Dichtung weit fortgeschritten war - in der kohärenten Bildharmonie, also darin, dass der gegebene Zusammenhang auf thematischer Ebene als geschlossener Zusammenhang auf bildlicher Ebene dargestellt wird. Und zwar insofern sie sich gegen die koordinierende Begriffsharmonie durchsetzte, in der disparate Bilder eines Bereichs für disparate Elemente eines Themas eintreten. Hier wird in textlichen Gesamtkonzeptionen deutlich, dass eine Einheit, die am unmittelbarsten auf der Ebene der sprachlichen Darstellung, der Bildebene, gesucht wurde - denn auf Textebene sind zunächst einmal nur die Bilder und ihr Zusammenhang vorhanden, während der thematische Zusammenhang vom Rezipienten erst zu rekonstruieren wäre - die unsystematische Vielfalt an Themen und Bildern in der frühen arabischen Dichtung ablöste. 69 Diese Art von Bildharmonie gehört im Übrigen zu den Vorbedingungen der schon erwähnten (vgl. o. S. 8) zunehmenden Ausrichtung der dichterischen Gestaltung auf die Gewinnung von concettistisch-
64 ReinertaaO. S. 94.
65 Reinert aaO. S. 93.
66 Reinert aaO. S. 91.
67 Ritter aaO. S. 13 ff.; Bruijn aaO. S. 465; Schoeler aaO. S. 607 f.
68 Reinert aaO. S. 97.
69 Vgl. Reinert aaO. S. 98 ff.
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pointierten Aspekten auf der Bildebene. 70 Auch beim Einsatz der concetti ist im Übrigen nicht charakteristisch, dass es sie zuvor nicht gegeben hätte, sondern dass sie in wohl paralleler Entwicklung sowohl in der abbsidisch-arabischen wie der frühen islamisch-persischen Dichtung systematisch eingesetzt zu werden begannen. 71
Eine Tendenz der Theorie, die wenig mit der Praxis zu tun hat, insofern aus dem bisher Gesagtem bereits hervorgeht, dass die Vielfalt der eingesetzten Stilfiguren zwischen altarabischer und persischislamischer Dichtung eher eingeschränkt wird, die aber zeigt, dass beide somit unabhängig voneinander dem gleichen Gesetz zunehmender Systematisierung ausgesetzt waren, ist die Tatsache, dass die Kategorisierung der verschiedenen rhetorischen Figuren persischerseits ohne Abweichung vom arabischen Ausgangssystem immer weiter verfeinert und formalisiert wurde. 72 Ohne dies zum absoluten Gesetz des Verhältnisses persischer zu arabischer Dichtkunst erheben zu wollen, was aus den gleichen Gründen wie bei der Rhetorisierung in diesem Zusammenhang auch gar nicht nötig ist (vgl. o. S. 10), ist also die Systematisierung ebenso eine sowohl bei Verlust des ursprünglichen Kontextes erwartbare wie auch in vielen Einzelfällen eingetretene Entwicklung.
5. Poetik
Die theoretische Beschäftigung mit der Dichtung in arabischer und persischer Sprache interessiert in dem hier gegebenen Zusammenhang in mehreren untereinander zusammenhängenden Fragekomplexen: Inwiefern gibt es eine direktere Verbindung zwischen der Theorie beider Sprachen als zwischen der Theorie und Praxis persischsprachiger Dichtkunst, gibt es dennoch Besonderheiten der persischen Theorie, die mit der Praxis zusammenhängen könnten, inwiefern spiegelt sich darin aber dennoch die primäre Abhängigkeit von der arabischen Theorie, so es diese gegeben hat, und lassen sich bei der Transkulturation der Theorie ähnliche Gesetzmäßigkeiten feststellen, wie sie für die Dichtung selbst
70 Benedikt Reinert, Die persische Qaade, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 243.
71 Benedikt Reinert, Der Concettostil in den islamischen Literaturen, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 380 ff.
72 Smyth aaO. S. 46 f, 51 f.
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gelten, also lässt sich einiges zunächst oder zumindest auch als bloßes Ergebnis des Verlustes des ursprünglichen Kontextes erklären.
Ein Faktum, das bei der Beantwortung der ersten Frage einige Bedeutung hat, ist, dass die poetische Theorie schon innerhalb des arabischen Sprachraums eine teilweise von der poetischen Praxis zu unterscheidende Tradition aufwies. Das geht bereits daraus hervor, dass beispielsweise an einen Vergleich in theoretischen Schriften Forderungen gestellt wurden, die in der Praxis gar nicht zu erfüllen waren, wie etwa die, etwas zu verdeutlichen, multiäquivalent zu sein, d. h. mehrere Vergleichsaspekte aufzuweisen und zugleich auch noch reversibel zu sein. 73 Eine weitere Divergenz in theoretischer und praktischer Beschäftigung mit der Poesie ergibt sich aus dem Begriff der bala, der Ausdruckskraft, die insbesondere dem Qur'n zugeschrieben wurde. 74 Eine Poetik, die notgedrungen die Ausdrucksebene eines nicht lyrischen, religiösen Werks als zeitlos maßgebend akzeptieren muss, kann spätere Veränderungen und neu hinzukommende Ausdrucksmittel zwar sicher noch reflektieren, ihnen aber keinen Rang mehr zuerkennen, der sie über die des religiös sanktionierten Stilmittelvorrats erhöbe, bzw. Elemente des letzteren neu hinzukommenden Oberbegriffen systematisch unterordnen. So übernahmen die Perser einerseits ein theoretisches System, das teilweise bereits praxisfremd war, andererseits mit dem Islam auch die Last eines Vorbilds gerade in der Theorie, von dem sie sich zeitlich wie sprachlich noch weiter entfernt hatten, als die ihnen vorangehenden Theoretiker der arabischen Dichtkunst. Diese Last besteht auch dann, wenn die explizite Beschäftigung mit dem Qur’n kein Teil der spezifisch persischen dichterischen Theorie bzw. Bereiche, die besonders eng mit der stilistischen Qur’nanalyse verbunden waren, in der persischen Theorie mehr oder weniger ausgespart blieben, 75 letzteres ist sogar ein ausgesprochenes Exempel dafür, das nur insofern nicht als solches erscheinen könnte, insofern seine Auswirkungen rein negativer Art sind. So die theoretische Beschäftigung mit Literatur nicht an sich schon als Wissenschaft zu gelten hat, so rückt sie also spätestens durch Einbeziehung des Qur’ns zumindest in die Nähe der religiösen Wissenschaften und gehört damit zu einem Bereich, als dessen genuine Sprache das Arabische zu gelten hat. 76 Ebenso muss unter Einbeziehung des Qur’ns das Höchstmass an Vollkommenheit auch in
73 Benedikt Reinert, Probleme der vormongolischen arabisch-persischen Poesiegemeinschaft und ihr Reflex in der Poetik, in: Gustave Edmund von Grunebaum (Hsg.), Arabic Poetry. Theory and Developement, Wiesbaden 1973, S. 83.
74 Reinert aaO. S. 83.
75 Smyth aaO. S. 38, 51.
76 Wolfhart Heinrichs, Einführung, in: Wolfhart Heinrichs (Hsg.), Orientalisches Mittelalter (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 5), Wiesbaden 1990, S. 22 ff.
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literarischer und stilistischer Hinsicht ihm zukommen und damit auch in der Dichtung der in seiner Sprache, also der in arabischer Sprache. 77 Entsprechend findet sich ja auch in der Frühzeit stets wiederkehrend als eigentlich einziges Argument für eine Dichtung in persischer Sprache das Argument der Verständlichkeit für die, die nicht oder nicht ausreichend Arabisch sprechen 78 (das gleiche Argument wird auch für das Verfassen von Poetiken persischer Sprache angeführt 79 ). In diesem allgemeinen Rahmen kann nur die arabischsprachige Theorie und die Theorie arabischsprachiger Dichtung als die Norm schlechthin gelten, womit also die Abhängigkeit der Theorie persischer Sprache von der der arabischen schon von den allgemeinen historischen Bedingungen zwingend erforderlich scheint. Entsprechend betonen die frühen Poetiken persischer Dichtung auch einseitig die Gemeinsamkeiten arabischer wie persischer Dichtung. 80
Lange suchen muss man nicht, um konkrete Belege für die Abhängigkeit der persischen Poetik von der arabischen anstatt von der persischen Praxis zu finden, denn diese finden sich bereits in den Eigenangaben der entsprechenden Autoren. Denn, obgleich sie teilweise selbst gewiefte Praktiker waren, ist ihr genannter Bezug in ihren theoretischen Werken ein oder mehrere andere Werke zur Dichtkunst, die letztlich stets eine Ahnenreihe bilden, die auf ein arabisches Werk zu arabischer Poesie zurückzuführen ist. 81 Dass dies ein prägender Tatbestand ist, wird sofort an Hand zweier grundlegender Umstände deutlich: Zum einen ist die Terminologie die arabische, wobei sich die frühen persischen Poetiken nur darin unterscheiden, ob sie die arabischen Begriffe durch persische Äquivalente zu ersetzen versuchen
77 Reinert aaO. S. 79 f.
78 Daudpota aaO. S. 8; Bausani aaO. S. 185; Lazard aaO. S. 607.
79 Smyth aaO. S. 34.
80 Reinert aaO. S. 81. Smyth aaO. S. 51 f.
81 Smyth aaO. S. 28 f., 34, 51 f. Als die beiden wichtigsten wären Rdyn und Vav zu nennen (Smyth (aaO. S. 28 f.) nennt als die drei für die vormongolische Zeit relevanten Poetiken persischer Sprache diese und das des Šams-e Qeys, mit Reinert (aaO. S. 87) wird hier aber Vav und nicht erst Šams-e Qeys als eigentlicher Endpunkt der vormongolischen Tradition und Ausgangspunkt der folgenden Theorie betrachtet, nicht zuletzt weil er den größeren Einfluss auf die kommende Entwicklung hatte (Smyth aaO. S. 29 f.)), dabei beruht Rdyn unmittelbar auf einer arabischen Vorlage (Smyth aaO. S. 28, 51), Vaavs Werk aber auf dem Rdyns (Smyth aaO. S. 28).
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oder die originalen arabischen übernehmen, 82 zum anderen ist die gesamte Methodik, Herangehensweise und Grundanlage der Poetiken arabischer wie persischer Sprache dieselbe. 83 Das, was man erwarten können wird, wenn die persische Dichtungstheorie primär von der arabischen Theorie anstatt von der persischen Praxis inspiriert ist und dennoch natürlich auch noch einen gewissen Bezug zu letzterer aufweisen muss (wie in z. B. die übliche Anführung persischer Verse zur Illustration des Gesagten erzwingt), 84 ist vor allem ein negativer Aspekt, nämlich der, dass die Bearbeitung der arabischen Vorgabe darin besteht, dass gewisse Elemente, die in der persischen Praxis keine Rolle mehr spielen, schlichtweg wegfallen. Ergänzungen sind hingegen weniger zu erwarten, dennoch wird zu untersuchen sein, ob es sie gab und - wenn ja - welcher Art sie waren. Wenden wir uns zunächst dem negativen Aspekt zu. Ein sicheres Indiz, dass es einen solchen gegeben hat, ist, dass eine der bedeutendsten und einflussreichsten vormongolischen persischsprachigen Poetiken, die des Vaav, bemüht ist, für alles, was sie aufführt, Beispiele sowohl aus dem Qur’n als auch aus der persisch- wie arabischsprachigen Poesie und Prosa zu finden. 85 Es kann also gar nicht anders sein, als dass in seinem Werk ein Gutteil dessen ausgelassen wurde, was persische Dichtung von nicht nur der arabischen Dichtung, sondern auch von literarischen Werken anderer Art in dieser Sprache und selbst nur dem Qur’n unterschied, und dass ein Großteil der ausgeprägten Eigenheiten der persischen Dichtung islamischer Zeit, die es von ihrem Beginn an gegeben hatte, 86 in seiner Poetik fehlen. Gerade bei Vaav finden sich auch praktische Belege für diese Art Umgang mit der älteren Tradition, so fiel bei ihm der multiäquivalente Vergleich, der in früheren theoretischen Schriften durchaus seinen Platz hatte, schlicht weg, und er behandelt nur den für die persischen Dichtung
82 Smyth aaO. S. 28, 34 ff., 51 f. Genannter Unterschied ist ein Hauptunterschied zwischen den Werken Rdyns, der seine Aufgabe nicht zuletzt darin sieht, die arabische Begrifflichkeit ins Persische zu übersetzen und Vaav, der als Verfechter einer zweisprachigen Kultur die originale arabische Nomenklatur meist wiederherstellt (Smyth aaO. S. 35 f.).
83 Smyth aaO. S. 28, 47, 51 f.
84 Um es einmal grundsätzlich festgestellt zu haben: Es gibt natürlich sehr viele konkrete Bezüge zwischen persischer Theorie und Praxis, nämlich a priori schon einmal alle diejenigen, die es schon zwischen arabischer Theorie und Praxis gab und die je ins Persische übernommen wurden, die aber ja gerade nicht eigentlicher Gegenstand vorliegender Arbeit sind. Hinzu kommen all die Elemente, die in den meisten Literaturen egal welcher Sprache vorkommen, so ist die Metapher - und nicht nur sie - in allen Literaturen gegenwärtig, schon da sie, wie schon festgestellt (s. o. S. 7, Anm. 44), Teil auch des alltäglichen Sprachgebrauchs ist.
85 Smyth aaO. S. 35.
86 Reinert aaO. S. 72.
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ungleich bedeutenderen, in der arabischen Dichtung aber auch schon gängigen uniäquivalenten Vergleich, worin er für die gesamte zukünftige persische Tradition prägend wurde. 87 In dem klaren Rückfall der persischen Poetik hinter den schließlich von der arabischen Theorie erreichten Stand bei der Unterscheidung verschiedener Formen der Begriffsharmonie zeigt sich ebenfalls dieser negative Aspekt. Denn die von den Arabern erreichte Differenzierung erstreckt sich nur auf die für die persische Dichtung unwichtige Unterscheidung zwischen koordinierender und inkohärenter Begriffsharmonie. Sie ist unbedeutend, insofern die inkohärente in der persischen Praxis selten ist, und, wenn sie vorkommt, meist zur Erzeugung von Paradoxen dient, die wieder ein Thema für sich sind, wohingegen die koordinierende Begriffsharmonie zumindest nie eine dominante Form persischer Bildsprache wurde. So übten die persischen Theoretiker hier Verzicht und behandelten die Bildharmonie nie in differenzierter Weise, da eine Vorgabe zu einer Diversifizierung, die auch zur Beschreibung der eigenen Literatur hätte dienen können, fehlte. Dabei konnte die undifferenzierte Betrachtungsweise der früheren arabischen Theorie beibehalten werden, insofern ist hier nur charakteristisch, dass theoretische Fortschritte, die für die persische Dichtung uninteressante Bereiche betrafen, nicht mehr nachvollzogen wurden. 88
In dem hier gegebenen Zusammenhang weniger interessant, doch immerhin noch erwähnenswert ist der weitestgehende Wegfall von Themenbereichen, die den korrekten Sprachgebrauch betreffen oder von ihm ausgehen, die gerade im iranischen Osten in arabischen Poetiken oft einen Schwerpunkt bildeten. Es ist nicht ganz unlogisch, insofern Arabisch gerade hier ja für viele den Status einer Fremdsprache aufwies. 89 Andererseits wiederum wäre die Behauptung, die neue persische Schrift- und Literatursprache wäre die Muttersprache all derer, die in ihr dichteten, sicher auch mehr als nur vermessen. 90 Insofern ist auch dies ein Ausfall, der sich nicht daraus erklärt, dass der Gegenstand an sich ohne Interesse wäre, sondern nur daraus, dass die Gegebenheiten des Ursprungskontextes, also die der arabischen Sprache, nun einmal nicht auf die Gegebenheiten des neuen Kontextes, der persischen Sprache, zu übertragen waren. Er betrifft allerdings keinen Gegenstand, der primär der Poesie und den hier gegebenen Unterschieden zuzurechnen wäre.
87 Vgl. o. S. 6, Reinert aaO. S. 86 f.
88 Vgl. Reinert aaO. S. 99 f., 101.
89 Smyth aaO. S. 38.
90 Vgl. Spuler aaO. S. 237 ff.
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Letztlich ist das Negativverhältnis der persischen Theorie zur arabischen dominant. 91 Wie bereits gesagt, betonen die persischen Theoretiker die Gemeinsamkeiten zwischen persischer und arabischer Dichtung und vernachlässigen die Unterschiede. 92 Zusammenfassend kann also behauptet werden, dass eine spezifisch persische Dichttheorie vor allem durch Auslassung von Erscheinungen der arabischen Dichtung, die in der persischen keine Rolle mehr spielten, aus der arabischen entstand. Wenn wir nun dennoch nach Ergänzungen und Erweiterungen der arabischen Theorie suchen, wobei besonders auch die Frage interessiert, inwiefern sich darin Eigentümlichkeiten der persischen Praxis spiegeln oder eben nicht, so stoßen wir zunächst auf Parallelentwicklungen persischer wie arabischer Dichtungstheorie wie die Erkenntnis der grundlegenden Bedeutung der Metapher auch in der Theorie sowie die Erkenntnis ihrer Natur als der eines Vergleichs. Und gerade diese Gewinnung einer guten Metapherdefinition scheint eine der wenigen Eigenleistungen der persischen Theorie gewesen zu sein. 93 Dass man in der arabischen unabhängig davon ebenfalls dahin gelangte, zeigt aber zugleich, dass der Grundstein dazu schon in der arabischen Theorie gelegt worden sein muss, und die Tatsache, dass die Erkenntnis, dass eine Metapher letztlich ein verkürzter Vergleich ist, vor allem ein Ergebnis systematischer Betrachtung ist, legt nahe, hierin einen Erfolg der Systematisierung der vorliegenden arabischen Erkenntnisse über Vergleich und Metapher zu sehen, also kein Reflex persischer Praxis. Eben diese Systematisierung ist überhaupt das weiteste Feld persischer Eigentätigkeit, nämlich in Form der schon erwähnten (vgl. o. S. 13) Verfeinerung und Formalisierung der Kategorisierungen der arabischen Vorlagen, wobei allerdings der allgemeine Eindruck ist, dass dies keinesfalls zur Erfassung persischer Besonderheiten geschah, sondern vor allem auf Grund der Eigendynamik des arabischen Ausgangssystems. 94 Was sich sonst noch an möglichen Eigenarten persischer Dichtung widerspiegeln könnte, zeigt sich vielleicht in dem vermehrten Interesse persischer Autoren an intertextuellen Bezügen, aber auch hier bringen sie nichts wesentlich Neues, es handelt sich nur um ein höheres Gewicht, das sie diesen im Vergleich zu ihren arabisch schreibenden Vorgängern zumessen. 95 Der Bedeutungszuwachs des visuellen Elementes in der persischen Theorie (vgl. o. S. 3) kann hier nicht berücksichtigt werden, denn es ist kaum feststellbar, ob hierbei bei je gleichen Voraussetzungen eine parallele Entwicklung von arabischer zu persischer Theorie und arabischer zu persischer Praxis vorliegt oder vielleicht doch
91 Reinert aaO. S. 81.
92 Reinert aaO. S. 81, 101; Smyth aaO. S. 51 f.
93 Reinert aaO. S. 91.
94 Smyth aaO. S. 44 f.
95 Smyth aaO. S. 46.
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ein Einfluss persischer Praxis auf persische Theorie. Zu den wenigen echten Ergänzungen gehört die Beschreibung des radfs, eine Eigentümlichkeit der persischen Dichtung, die sich arabischerseits kaum findet, 96 z. B. bei Vaav, der sie auch als solche einführt. 97 Die Ursache hierfür ist wohl in der Unübersehbarkeit von Änderungen bei der Reimtechnik im Gegensatz zu Neuerungen bei Stilfiguren und anderen unmittelbar weniger auffälligen Erscheinungen zu suchen.
In summa kann wohl behauptet werden, dass die persische dichterische Praxis, so weit sie sich von der arabischen unterscheidet, sich - mit wenigen Ausnahmen - nicht in Form von Ergänzungen in der Theorie wiederspiegelt, höchstens in Form eines besonderen Stellenwerts, den einzelne Themen für sich beanspruchen. 98 Soweit Veränderungen und Ergänzungen bzw. wenigstens einseitige Ausweitungen oder Ausdifferenzierungen eintraten, konnte festgestellt werden, dass - woher sie je auch rühren mochten - sie jedenfalls stets eine Form annahmen, die die Grundgegebenheiten der arabischen Vorlagen nicht sprengten, sondern höchstens ergänzten und erweiterten, auf jeden Fall alles andere darstellten als eine Neubegründung der Dichttheorie auf Basis der persischen Praxis. Unter den vorhandenen Veränderungen, die, schon da sie, wie gezeigt wurde, vorwiegend negativer Natur sind, im wesentlichen als Verlust des ursprünglichen Kontextes, vornehmlich des Bezugs auf die arabische Dichtung, gesehen werden müssen, stellte sich dabei nun vor allem die Systematisierung, die unter gleichen Umständen auch schon bei der Übertragung der Dichttradition der einen Sprache in die andere als ein wichtiger Aspekt dieses Übertragungsprozesses festgestellt wurde (vgl. o. S. 10 ff.), erneut als ein zentrales Element heraus (vgl. o. S. 16 f.).
Dem Begriff der Rhetorisierung können wir für die Literaturtheorie, für die als Sachliteratur eine solche ja eigentlich kein Kategorisierungsmittel sein kann (insofern es bei ihrer Auswertung nur auf die Inhaltsebene ankommen sollte), den Begriff der Theoretisierung zur Seite stellen. Beide -Rhetorisierung wie Theoretisierung - kennzeichnet auf je andere Art eine zunehmende Entfernung vom konkreten Wirklichkeitsbezug, auf die es uns hier ja ankommt. Eine Theoretisierung ließ sich aber in zweierlei Hinsicht feststellen: Zum einen, insofern die persische Theorie die Unterschiede zwischen persischer und arabischer Dichtung kaum widerspiegelt, in einem bestimmten, recht bedeutenden Bereich also nicht Reflex der Praxis ist (vgl. o. S. 15 f.), zum anderen, insofern sie kaum konkrete Früchte trug, denn eine Beeinflussung der persischen Praxis dahingehend, dass sie durch die persischen Poetiken der arabischen Theorie, die - wie gesagt - weitgehend ausschließlich darin vertreten wurde,
96 Reinert aaO. S. 72; Bruijn aaO. S. 465.
97 Rašdo-d-dn-e Vav, adyeqo-s-seer f daqyeqe-š-šeer, hsg. v. Abbs-e Eqbl, Teheran 1930, S. 79 f.
98 Smyth aaO. 47, S. 51 ff.
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angeglichen worden wäre, ist nicht feststellbar, eher dessen genaues Gegenteil (vgl. u. S. 19). Man könnte vielleicht noch gelten lassen, dass eine solche Wirkung intendiert gewesen sei, aber nicht erreicht worden wäre, aber - wie bereits erwähnt - ein gut Teil der frühen persischen Theoretiker waren zugleich auch Praktiker, ohne dass sie für eine spezifisch arabisierende Tendenz in ihrer persischsprachigen Lyrik bekannt geworden wären. Diese Absicht, so sie sie gehabt hätten, wäre also nicht einmal von ihnen selbst umgesetzt worden, das heißt, es ist kaum glaubhaft, dass sie sie gehabt haben sollen. 99
Beinahe mehr noch als die persische Dichtung erscheint die persische Dichttheorie also als Fortsetzung der arabischen, wobei wesentliche ihrer spezifischen Eigenschaften aus Verlust des ursprünglichen Kontextes, hier nicht zuletzt der arabischen Dichtung selbst, erklärt werden können. Einflüsse der persischen dichterischen Praxis sind hingegen kaum nachweisbar. Dabei fanden sich die gleichen oder parallele Entwicklungstendenzen je bei der Übertragung der Theorie wie der Praxis von dem einen Kultur- und Sprachraum in den anderen, die unter der Voraussetzung des Verlustes des ursprünglichen Kontextes je erwartbar waren.
99 Vgl. Rypka aaO. S. 200. Vgl. a. die bei Lewis (aaO. S. 199 f.) aufgeführten praktischen Ratschläge für angehende Dichter. Sie finden sich allesamt nicht in Poetiken, sondern in einer Anekdote aus einer Literaturgeschichte, in der Qbsnme und in Neems ahr maqle.
25
6. Schluss
Selbst wenn die neuentstandene persische Dichtung nur eine Übertragung der arabischen in die persische Sprache gewesen wäre, wäre ihre Schaffung eine beachtliche Leistung, da binnen kurzer Zeit eine Tradition geschaffen worden wäre, die trotz des Verlustes eines ganz anders gearteten Kontextes und trotz der Übertragung in eine ganz anders geartete Sprache, völlig selbstständig und ohne notwendigen Bezug auf ihre Herkunftskultur dagestanden wäre. Doch sollte hier gar kein monokausales Erklärungsmuster der Neuentstehung der persischen Dichtkunst gegeben werden, eher durch Feststellung dessen, was allein durch Verlust des ursprünglichen Kontexts arabischer Dichtung als Übertragung erklärbar ist, die Konzentration auf tatsächlich nachweisbare Zusammenhänge der neupersischen mit der ssnidenzeitlichen und traditionellen volkstümlichen Dichtung ermöglicht bzw. das Gebiet mehr oder weniger spekulativer Rückführung von Eigenheiten ersterer auf letztere, die nur aus dem, was ihr folgte, rekonstruiert sind, eingeschränkt und dem verbleibenden Rest damit umso höhere Wahrscheinlichkeit verliehen werden. 100 Eine starke, unter anderem auch literarische Tradition ist so oder so je Bedingung, da vor einem anderen Hintergrund diese Adaptionsleistung nicht denkbar und anders die Iraner, wenn nicht ganz der arabischen Sprache, so doch nur einer epigonenhaften Nachahmung arabischer Dichtung verfallen wären, wie schon daran gezeigt wurde, dass die frühen persischsprachigen Poetiken in ihrer direkten Abhängigkeit von arabischen und ihrer Zweckbestimmung, Mittel zum Verfassen persischer Gedichte zu sein, gerade dazu hätten führen müssen (vgl. o. S. 18), im Gegenteil aber gerade die Zeit der Entstehung der ersten ihrer Werke das endgültige Zerbrechen der dichterischen Ökumene der arabisch- und persischsprachigen Welt sah. 101
100 Zur Kritik an den übertriebenen Versuchen, die frühe persische Dichtung direkt an die ssnidische Tradition oder eine volkstümliche iranische Tradition anschließen zu wollen, vgl. Bausani aaO. S. 174 ff.; Lazard aaO. S. 607 ff.; Schoeler aaO. S. 622 ff.
101 Reinert aaO. S. 78; Smyth aaO. S. 27.
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