1. EINLEITUNG 3
2. DIE RATIONAL-CHOICE THEORIE 4
2.1. GRUNDANNAHMEN DER RATIONAL-CHOICE THEORIE 4
2.2. DIE SPIELTHEORIE 6
2.2.1. Das Gefangenendilemma 7
3. KONFLIKTE UND KOOPERATIONEN IN DER RATIONAL CHOICE THEORIE 9
3.1. DIE LOGIK KOLLEKTIVEN HANDELNS 10
3.2. KONFLIKTE AUF DER MAKRO-UND MIKROEBENE 12
3.3. ANREIZE ZUR KOOPERATION 14
4. ABSCHLUSSBEMERKUNG 16
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1. Einleitung
Dem Rational-Choice Ansatz liegt das Prinzip des methodologischen Individualismus zu Grunde, nach welchem die Analyse und Erklärung kollektiver Phänomene, auf das Handeln von Akteuren in bestimmten sozialen Situationen zurückgeführt werden kann. Die einzelnen Akteure handeln dabei so, dass sie ihre Ziele unter Berücksichtigung der Handlungsbeschränkungen in höchstem Maße verwirklichen können - sie folgen also dem Grundsatz der Nutzenmaximierung. 1 (Kunz 2004: 32) Die Grundannahmen dieser Nutzentheorie liefern demnach nicht nur Erklärungen für individuelles Handeln, sondern lassen sich auch auf kollektive beziehungsweise auf korporative Akteure anwenden. Zu den einflussreichsten Anwendungen gehört dabei die Analyse kollektivem Handeln nach Mancur Olsen (ebd.: 59), der das Problem gesellschaftlicher Kooperation aufgreift und den Konflikt zwischen individueller Rationalität und kollektiver Handlung aufzeigt. Wir wissen, dass die Menschen keine Engel sind und dass sie in erster Linie dazu neigen, für sich selbst und ihre eigenen Interessen zu sorgen. Demgegenüber ist uns aber auch bekannt, dass Kooperationen vorkommen und sie auch die Grundlage unserer Zivilisation bilden. (Axelrod 1991: 3) Die Frage die sich daraus ergibt ist: „Unter welchen Umständen sind Akteure bereit, miteinander zu kooperieren?“(Kunz 2004: 87).
In dieser Arbeit soll es nunmehr darum gehen, sich mit dem Problem gesellschaftlicher Kooperation auseinanderzusetzen und in diesem Zusammenhang den bestehenden Konflikt spezifischer herauszuarbeiten. Zunächst soll dabei die Rational-Choice Theorie und deren Grundannahmen - mit Blick auf die Spieltheorie und besonders dem sogenannten Gefangenen-Dilemma - kurz erläutert werden. Daran anschließend werden spezifische Betrachtungen zur Analyse des kollektiven Handelns auf der Basis von Mancur Olsen dargestellt, so dass letztlich eine Herausarbeitung des Konfliktes möglich ist und Anreize zur Konfliktvermeidung aufgezeigt werden können.
1 Das Prinzip der Nutzenmaximierung wird auch als „Rationalität des Handelns“ bezeichnet (Kunz 2004: 32)
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2. Die Rational-Choice Theorie
2.1. Grundannahmen der Rational-Choice Theorie
Aus der allgemeinen Definition der Soziologie sowie der Darstellung der soziologischen Erklärungen ist die zentrale Bedeutung des individuellen Verhaltens, für die Erklärung sozialer Tatbestände und somit der Nutzen einer allgemeinen Handlungstheorie bekannt. Es gibt diesbezüglich eine ganze Reihe verschiedener Theorien: „von behavioristischen Lern-und Verhaltenstheorien, über den rollen-und normorientierten Homo sociologicus und der Austauschtheorie bis hin zu phänomenologischen Alltagstheorien“ (Hill 2002: 29). Allen gleich sollte dabei der Anspruch auf Anwendbarkeit für alle Akteure und Handlungssituationen sein, wobei sich auch die Rational-Choice Theorie bemüht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Der Rational-Choice Ansatz wird dabei meist mit einer Handlungstheorie assoziiert, die individuelles Verhalten als Resultat eines Maximierungskalküls darstellt und obwohl dies den handlungstheoretische Kern von Rational-Choice ausmacht, sind noch weitere Kernannahmen für die Erklärung sozialer Phänomene ebenso bedeutsam. Zu diesen Kernannahmen gehört das Prinzip des methodologischen Individualismus, d.h. dass für sozialwissenschaftliche Erklärungen auf die handelnden Individuen zurückgegriffen werden muss, wonach der Rational-Choice-Ansatz notwendigerweise mindestens zwei Ebenen beinhaltet: Die Makroebene mit kollektiven Phänomenen oder kollektiven Verhalten und die Mikroebene mit Individuen und deren Handlungen. (Abraham 2001: 2) Abbildung 1 stellt diese Ebenen dar:
Es wird ersichtlich, dass in einem ersten Schritt sogenannte Brückenannahmen formuliert werden müssen, die einen Zusammenhang zwischen individuellen Handlungssituationen und der Ausgangssituation auf der Makroebene herstellen - es geht also um „die Einbettung der
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Interaktionsbeziehungen in eine rechtliche Ordnung, institutionelle Regelungen oder den sozialen Kontext“ (Abraham 2001: 2). Im zweiten Schritt werden dann auf der Mikroebene Annahmen über die Art und Weise notwendig, wie die Akteure in dieser Situation handeln und welche individuellen Folgen damit verbunden sind. Letztlich muss dann in einem dritten Schritt geklärt werden, wie aus den individuellen Handlungen und Handlungsfolgen ein kollektives Phänomen entstehen kann. 2
Neben dem Prinzip des methodologischen Individualismus bestehen allerdings noch weitere theoretische Annahmen über die Mikroebene für die Rational-Choice-Theorie. Es wird davon ausgegangen, dass Menschen motiviert bzw. zielgerichtet handeln, d.h. sie versuchen „auf der Grundlage der jeweiligen Möglichkeiten und unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände ihre persönlichen Ziele zu erreichen“(Abraham 2001: 3). Ihr handeln ist somit durch Präferenzen, Wünsche oder Motiven verursacht. Eine weitere Annahme geht davon aus, dass sogenannte Handlungsrestriktionen, welche den Individuen auferlegt sind, Bedingungen für ihr Handeln darstellen („constraints“) und dass desweiteren die Handlungen dem Prinzip der Nutzenmaximierung folgen. (Kunz 2004: 36) Jeder Akteur verfolgt letztlich also mit seinen Handlungen bestimmte Ziele. Die Handlungsbeschränkungen und Handlungsmöglichkeiten setzen in diesem Zusammenhang bestimmte Anreize für bestimmte Handlungen. Die positiv bewerteten Anreize sind mit positiven Nutzen und die negativ bewerteten Anreize mit negativem Nutzen - also Kosten des Handelns - verbunden. Die Gesamtheit dieser Anreizstruktur, wie sie letztlich der Akteur wahrnimmt, definiert die Logik der Situation, in der sich der Akteur befindet. Er ist in diesem Zusammenhang bemüht, das Beste aus seiner Situation zu machen. 3 (ebd.: 37) Dabei hat der einzelne Akteur in einer bestimmten Handlungssituation immer mehrere Handlungsmöglichkeiten in denen verschiedene Bedürfnisse befriedigt werden können. Die neoklassische Wirtschaftstheorie hat in diesem Sinne aufgezeigt, dass der Akteur dabei nicht in der Lage ist alle Bedürfnisse gleichzeitig zu befriedigen bzw. alle Handlungen gleichzeitig auszuführen. „Das Besondere an den Rational Choice Modellen nun ist, daß man ganz bestimmte Annahmen über die Wahl macht“ 4 (Braun 1999: 33) Die Rationalität wird demnach in den Modellen rationaler Wahlhandlungen zu einem Vorgehen der genau kalkulierten und auf sich bezogenen Bedürfnisbefriedigung des Akteurs. Dem Individuum wird dabei unterstellt, dass es jederzeit in der Lage ist die Handlungsalternativen gegeneinander abzuwiegen. In diesem
2 Alle drei Schritte oder auch „Logiken“ ermöglichen eine Verknüpfung von Makro-und Mikroebene, wobei
ihnen spezifische Bezeichnungen gegeben sind: Logik der Situation, Logik der Selektion und Logik der
Aggregation (Kunz 2002: 466).
3 Der Akteur folgt somit den Anreizen der Situation (Kunz 2004: 37)
4 Man spricht hierbei von der „Logik der Selektion“, welche nach genau festgelegten Regeln verläuft (Braun
1999: 33)
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Zusammenhang ist es nicht möglich eine Entscheidung für eine Handlung ohne Kosten zu treffen, da jede Entscheidung für eine Handlungsalternative immer verbunden ist mit einer Entscheidung gegen eine andere Handlungsalternative. Allerdings bezieht sich die Entscheidung immer auf die Ziele des Handelnden und den Restriktionen, die aus seiner Sicht von Bedeutung sind und so besteht die Rationalität doch immer in der Fähigkeit der Akteure sich zwischen besser und schlechter widerspruchsfrei zu entscheiden. 5 (Kunz 2004: 37f) In diesem Zusammenhang ist letztlich auch zu berücksichtigen, dass die Handlungen der einzelnen Akteure nicht immer zu beabsichtigten, sondern auch zu unbeabsichtigten Folgen führen können. Die Modellierung dieser unbeabsichtigten Folgen ist dabei ein zentraler Bestandteil der Spieltheorie als eine Handlungstheorie.
2.2. Die Spieltheorie
Der Ausgangspunkt der Spieltheorie sind Entscheidungssituationen, die durch eine wechselseitige Verschränkung der Handlungsoptionen gekennzeichnet sind, d.h. es geht hierbei um Entscheidungen bzw. Handlungswahlen, wo der Akteur die Entscheidungen anderer Akteure in seine miteinbeziehen muss und jeder Entscheider auch davon ausgeht, dass sich alle anderen dieser Interdependenz bewusst sind.(Kunz 2004: 53) Die Spieltheorie (die „Wissenschaft vom strategischen Denken“) betrachtet dabei Situationen mit zwei oder mehr Spielern, wo jeder einzelne die Wahrscheinlichkeiten und die strategischen Überlegungen seiner Gegenspieler einbeziehen muss. Auf der allgemeinen Annahme rationalen Selbst-Interesses und der Nutzentheorie trifft jeder selbst Entscheidungen, die seine Ziele am besten realisieren. Die Folgen der jeweiligen Entscheidungen lassen sich dabei am besten durch ein sogenanntes Nicht-Nullsummenspiel aufzeigen. 6 Ein Nicht-Nullsummenspiel zeichnet sich dadurch aus, dass Ergebnisse auftreten können, bei denen die Spieler zusammen besser wegkommen, nämlich wenn sie kooperieren. Die interessantesten Spiele sind dabei die, wo sowohl Interessenübereinstimmung als auch Interessenkonflikte auftreten können - sie sind auch gerade für die Sozialwissenschaften von besonderem Interesse, da sie Verhandlungen zulassen. Eines der bekanntesten Nicht-Nullsummenspiele, welches „zu
5 Dies macht eine Rationalitätsprämisse aus, die als Konsistenzbedingung bezeichnet wird. Desweiteren
beinhaltet die Rationalität auch die sogenannte Transitivitätsbedingung, d.h. „wenn Sachverhalt A gegenüber
Sachverhalt B vorgezogen wird und Sachverhalt B gegenüber Sachverhalt C, dann muss Sachverhalt A
gegenüber Sachverhalt C vorgezogen werden“ (Kunz 2004: 38)
6 Ein Nullsummenspiel wäre hier weniger geeignet, da es sich um ein Spiel handelt, wo der Gewinn des einen
Spielers gleich dem Verlust des anderen entspricht, d.h. die Summe der Auszahlungen ist Null und dieses Spiel
lässt keine Kooperation zu. (Gutsche 2003: 11)
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überraschenden Ergebnissen führt […] und eine Menge vertrauter strategischer Situationen modelliert“ (Gutsche 2003: 12) ist das sogenannte Gefangenendilemma.
2.2.1. Das Gefangenendilemma
Das Gefangenendilemma ist das klassische Problem der Spieltheorie zur Abbildung einer interpersonellen Konfliktsituation. Dabei handelt es sich „um ein sogenanntes Spiel mit gemischten Motiven („mixed motive game“)“ (Kunz 2002: 464) mit zwei Spielern, von denen jeder zwei Entscheidungsmöglichkeiten hat: zu kooperieren oder zu defektieren. Das Dilemma besteht darin, dass sich zwar beide Spieler durch Kooperation besser stellen würden, es letztlich aber immer vorziehen nicht miteinander zu kooperieren. Beide Akteure kennen in diesem Spiel ihre Handlungsalternativen und die damit verbundenen Konsequenzen, d.h. sie treffen ihre Entscheidung unter völliger Information. Allerdings sind diese Informationen „nicht perfekt, da jeder Akteur unabhängig von und unter Unkenntnis der Entscheidung des Anderen seine Auswahl zwischen beiden Alternativen treffen muss“ (ebd.: 55). Die Abbildung 2 stellt eine mögliche Matrix (Auszahlungsmatrix) dieses Spiels dar:
Es handelt sich hierbei um zwei Spieler - Zeilen-und Spaltenspieler - weshalb in jedem Feld zwei Ergebnisse in der Matrix stehen. Der erste Wert bezieht sich dabei auf den Zeilenspieler A, der zweite Wert auf den Spaltenspieler B. Beide Spieler müssen nun unabhängig voneinander festlegen, welche Entscheidungsalternative sie wählen, wobei beide Entscheidungen zusammen zu einem von vier möglichen Ergebnissen der Matrix führen. 7 Der Zeilenspieler A kann sich bspw. als erster entweder für Kooperation oder Defektion entscheiden. Gleichzeitig wählt der Spaltenspieler B auch aus diesen Möglichkeiten aus. Geht
7 Somit ist der Spielausgang von der Kombination der gewählten Alternativen abhängig.
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man davon aus, dass Spieler A vermutet, dass Spieler B sich kooperativ verhält, wäre die beste Strategie für A sich unkooperativ zu verhalten (Defektion), da somit für ihn das bessere Ergebnis bzw. eine höhere Auszahlung von 5 gegenüber der Konsequenz 3 erreicht wird. Die Handlungsoption Defektion lohnt sich für Spieler A aber auch, wenn er davon ausgeht, dass Spieler B ebenfalls unkooperativ handelt, da immer noch eine Auszahlungshöhe von 1 gegenüber 0 zu erreichen wäre. Das gleiche Prinzip gilt natürlich auch für Spieler B, mit der „Folge, dass sich beide Interaktionspartner bei D/D wieder finden“ (Kunz 2004: 57). 8 Für beide Spieler gibt es demnach keinen Anreiz, diesen Zustand zu verlassen und eine kooperative Wahl zu treffen, obwohl die Auszahlung für beide, gegeben sie würden miteinander kooperieren höher ist als bei beiderseitiger Defektion. Somit stellt sich letztlich das paradoxe Ergebnis ein, dass wenn beide Akteure für sich selbst die beste Option wählen, sie zu einem schlechteren Ergebnis bzw. zu einer schlechteren Auszahlung kommen, als wenn jeder eine suboptimale Wahl treffen würde. Dieser Zustand wird dabei als „pareto-inferior“ bezeichnet. (ebd.: 57) Das pareto-inferior Ergebnis gilt allerdings nur zwingend beim einmaligen Spiel, da bei wiederholter Interaktion immer noch die Möglichkeit besteht, auf das Verhalten des Partners zu reagieren - und so kann durchaus „bei einer unbestimmten Anzahl von Interaktionen Kooperation entstehen“ (Axelrod 1987: 9). Diese Lösung des vorliegenden Dilemmas lässt sich allerdings nur dann realisieren, wenn die Handlungen der anderen Seite identifizierbar sind. Doch bei einer „zunehmenden Zahl von Akteuren ist diese Bedingung immer schwieriger zu erreichen, weshalb das einfache Gefangenendilemma in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen häufig als Ausgangspunkt für die Darstellung sozialer Interaktionsprobleme dient“ (Kunz 2004: 57). So beschreibt das Gefangendilemma nicht zu letzt in abstrakter und formalisierter Form eines der zentralen Probleme sozialen Zusammenlebens: Den Konflikt zwischen individueller und kollektiver Rationalität.
8 Die Abbildung 2 zeigt, dass die Strategie D/D, also Defektion/Defektion die dominate Strategie ist, denn was
immer ein Akteur wählt, es ist für den anderen besser nicht zu kooperieren. Man spricht dabei von einem
spieltheoretischen Gleichgewicht bzw. dem „Nash-Gleichgewicht“, was bedeutet, dass kein rationaler Spieler,
gegeben der Strategie des anderen Akteurs, durch Wechsel der eigenen Strategie ein besseres Ergebnis erhalten
kann und daher keine andere Alternative wählen wird. (Kunz 2004: 55f)
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3. Konflikte und Kooperationen in der Rational Choice Theorie
Zu den Aufgaben der sozialwissenschaftlichen Konflikttheorien gehört die Entstehung, den Wandel sowie die Lösung sozialer Konflikte zu erklären. Der Rational Choice Ansatz hat diesbezüglich den Anspruch in der Konfliktforschung alle denkbaren Konflikterscheinungen zu begründen - beispielsweise Konflikte und Kooperationen von Interessengruppen oder das Auftreten kollektiver politischer Gewalt. Derartige Konflikte können zum einen effektiv, zum anderen als Folge uneffektiv sein, wobei letzteres vor allem dann, wenn die Verwirklichung kollektiver Ziele, wo jeder einzelne besser gestellt sein würde, behindert wird. (Kunz 2002: 463) Diese Konfliktanalysen gehen dabei auf zwei Grundannahmen der Rational Choice Theorie ein: Das zum einem alle sozialen Konflikte auf individuelle Handlungen zurückzuführen sind; und zum anderen diese individuellen Handlungen auf Entscheidungen basieren, die rational getroffen werden und dabei ein sehr einfacher Rationalitätsbegriff vorausgesetzt wird. (ebd.: 463)
Die Theorie kollektiven Handelns ist diesbezüglich ein Bereich der angewandten rationalen Entscheidungstheorie, wobei durch individuelles Handeln kollektive Konfliktphänomene erklärt werden können - im weitesten Sinn geht es um das Zusammenwirken von Individuum und Gesellschaft. So zeigten schon die spieltheoretischen Überlegungen zum Gefangenendilemma, dass soziale Kooperationen unter gewissen Bedingungen keineswegs selbstverständlich sind, da ein teilnehmender Akteur in Erwartung eines Kooperationsgewinnes eine Vorleistung erbringen müsste, in diesem Moment aber nicht weiß, ob der andere Akteur diese Vorleistung ausnutzt oder sich ebenfalls kooperativ verhält. (Kunz 2004: 88f) Erweitert man diese Situation auf mehr als zwei Akteure und nimmt gesellschaftlich Verhältnisse in den Blick, entstehen soziale Dilemmata. Diese Strukturen eines sozialen Dilemmata sind dabei von ergänzenden wie von entgegengesetzten Interessen der Akteure gekennzeichnet: Ergänzend „im Hinblick auf das gemeinsame Interesse an einer Kooperation, […] entgegengesetzt im Hinblick auf die Verteilung der Kosten der Kooperation“ (ebd.: 89). Besonders bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang Mancur Olsen mit seiner Studie „The Logic of Collective Action“, dessen Untersuchungskern diese Art von Interessenskonflikten ausmacht.
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3.1. Die Logik kollektiven Handelns
Der Ausgangspunkt bei der Theorie von Mancur Olsen ist der Ansatz des Kollektivgutes. „Ein Gemein-, Kollektiv- oder öffentliches Gut wird hier als jedes Gut definiert, das den anderen Personen in einer Gruppe praktisch nicht vorenthalten werden kann, wenn irgendeine Person X i in einer Gruppe X 1 , … X i , … X n es konsumiert“ (Olsen 1992: 13). 9 Die Öffentlichkeit auf die sich das Kollektivgut bezieht, muss nach Olsen allerdings nicht die Gesellschaft oder große Teile der Gesellschaft umfassen. Vielmehr definiert sich die Öffentlichkeit immer als „Öffentlichkeit einer bestimmten Gruppe“ (Wilkesmann1994: 44), wobei die Gruppe mehr als 100.000 oder nur zwei Mitglieder haben kann - relevant ist die Gültigkeit des Nicht-Ausschlussprinzips.
In seinen Ausführungen spricht Olsen von Gruppen und Organisationen. Organisationen, da seiner Meinung nach „die meisten (wenn auch keineswegs alle) Handlungen von oder für Gruppen von Individuen durch Organisationen vorgenommen werden“ (Olsen 1992: 4), mit dem Zweck der Förderung der Interessen ihrer Mitglieder. Doch selbst wenn unorganisierte Gruppen diskutiert werden, so bedeutet das, dass sich eine Anzahl von Personen mit einem gemeinsamen Interesse zusammengeschlossen hat. Beiden gleich ist allerdings die Tatsache, dass die Mitglieder die einer Organisation oder Gruppe angehören zum einen gemeinsame Interessen - die Erstellung eines Kollektivgutes - und zum anderen auch rein individuelle Interessen - die sich von denen der anderen in der Organisation oder Gruppe unterscheidenverfolgen. So haben beispielsweise die Mitglieder einer Gewerkschaft „ein gemeinsames Interesse an höheren Löhnen, zur gleichen Zeit hat aber auch jeder Arbeiter ein eigenes Interesse an seinem persönlichen Einkommen, das nicht nur von dem Lohnsatz, sondern auch von seiner Arbeitszeit abhängt“ (Olsen 1992: 7f). Demnach stellt die Produktion von Kollektivgütern letztlich auch ein Problem sozialer Kooperation dar, weil jeder Akteur von der Verwirklichung der gemeinsamen Interessen auch profitieren kann, wenn er sich nicht engagiert und so muss eine gemeinsames Interesse einer Gruppe nicht bedeuten, dass sich jeder Einzelne dafür einsetzt. 10 Aus dieser Überlegung geht das von Olsen aufgedeckte Freerider-Problem (Trittbrettfahrer-Dilemma) hervor: „Each potential contributor tot he public good will choose to become a free-rider and hope that other members of the group will make the contrary decision“ (Gutsche 2003: 13) Das ist die Haltung des Trittbrettfahrers, die „für Olsen vor allem in großen Gruppen eine unausweichliche Folge des rationalen Handelns der
9 Diese Definition bezieht sich demnach auf den gemeinsamen Konsum, wohingegen private bzw.
Individualgüter als Güter mit exklusivem Konsumgebrauch definiert sind. (Wilkesmann 1994: 44)
10 Diese Tatsache ist nur durch eines der Wesensmerkmale der Kollektivgüter möglich: Dem Nicht-
Ausschlussprinzips (non-excludability). (Braun 1999: 106)
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einzelnen Mitglieder ist“ (Braun 1999: 106), wonach seiner Meinung nach letztlich ein Zusammenhang zwischen der Gruppengröße der jeweiligen Interessengruppe und dem Anreiz jedes Einzelnen zur Erreichung der Gruppenziele beizutragen, besteht. 11 Aus diesem Grund differenziert Manur Olsen zwischen verschiedenen Gruppengrößen: privilegierte oder kleine Gruppen, mittelgroße Gruppen, latente oder große Gruppen.
In den „privileged groups“ ist zunächst von Bedeutung, dass der Beitrag jedes Akteurs, der in dieser Gruppe involviert ist, sichtbar ist. Die Verweigerung beziehungsweise Nicht-Kooperation würde also direkt auffallen und dann zu Konflikten mit den übrigen Gruppenmitgliedern führen. Somit liegen hier sogenannte Anreize in Form von sozialem Druck, aber auch sozialer Anerkennung vor um kooperatives Verhalten zu fördern. (Kunz 2004: 91) Dieses Verhalten kann sich deshalb im Gegensatz zum einmalig gespielten Gefangenen-Dilemma entwickeln, da „die Interdependenzbeziehungen prinzipiell auf unbestimmte Dauer angelegt sind“ (ebd.: 91). In den kleinen Gruppen spielen jedoch nicht nur soziale Anreize eine Rolle, sondern die einzelnen Gruppenmitglieder werden möglicherweise feststellen, dass es sich für sie selbst lohnt, das Kollektivgut zu produzieren, selbst wenn sie die Kosten alleine tragen müssen. 12 Demgegenüber sind solche Kooperationsvorteile (soziale Anreize in Form von positiver und negativer Sanktion) in latenten Gruppen nicht gegeben, wodurch auch eigene Bemühungen zur Förderung der kollektiven Interessen kaum bis gar nicht wahrgenommen werden. 13 Wenn die Handlungen des Einzelnen also kaum realisiert werden, dann ist es rational sich nicht an der Verwirklichung gemeinsamer Ziele zu beteiligen und als Trittbrettfahrer zu handeln, da zum einem Kosten eingespart werden und zum anderen keiner vom Konsum ausgeschlossen werden kann. So haben große Gruppen letztlich zwar die Leistungsfähigkeit um öffentliche Güter zu produzieren, das ist aber nur dann möglich, wenn zusätzliche Instrumente wie Zwang oder Anreize verwendet werden. 14 (Braun 1999: 106) Somit ist letztlich das vorhandene Phänomen kollektiver Handlungen dem Gefangenen-Dilemma mit N Personen formal äquivalent, denn es zeigen sich auch hier paradoxe Konsequenzen in Hinsicht auf die Rationalität einer Gruppe. Inwieweit hierbei theoretisch ein Konflikt besteht wird nachfolgend erläutert.
11 Vgl. dazu ebenfalls Wilkesmann, der ebenfalls von einer sogenannten Abhängigkeit zwischen free-rider-
Verhalten und Gruppengröße spricht.
12 Vgl. Olsen 1992: 32
13 Nach Olsen beträgt der individuelle Beitrag zum öffentlichen Gut gleich (bei N Gruppenmitgliedern),
wodurch bei großen N der Eigenbeitrag unmerklich klein ist. (Wilkesmann: 45)
14 Olsen spricht in diesem Zusammenhang von selektiven Anreizen.
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3.2. Konflikte auf der Makro-und Mikroebene
Aus der Sicht der Rational Choice Theorie sind soziale Konflikte Makro-Phänomene oder auch kollektive Ereignisse, die auf der Grundlage individualistischer Überlegungen erklärt werden können. Diese schwierige Verknüpfung zwischen Makro-und Mikroebene, erfolgt in der aktuellen Forschung anhand von drei Schritten oder Logiken: Die Logik der Situation, die Logik der Selektion und die Logik der Aggregation. Erstere stellt hierbei den Bezug zwischen den sozialen Strukturen und der individuellen Mikro-Ebene her, wohingegen in der Logik der Selektion Akteure aufgrund der „von ihnen wahrgenommenen Handlungssituation bestimmte Handlungsalternativen“ (Kunz 2002: 466) auswählen. Bei dieser Auswahl geht man im Allgemeinen von kausalen Beziehungen zwischen den Handlungssituationen und Handlungswahlen aus, weshalb die Logik der Selektion auch den nomologischen Kern des gesamten Modells ausmacht. Als letztes folgt dann die Logik der Aggregation, bei der durch bestimmte Transformationsregeln die Auswirkungen individueller Entscheidungen auf kollektive Ereignisse - und dies sind letztlich die sozialen Konflikte - dargestellt werden. (ebd.: 466) Somit fungiert letztlich ein Zwei-Ebenen-Modell als Grundlage einer Rational Choice Analyse sozialer Konflikte, wobei der theoretischen Ausformulierung der Mikro-Ebene eine besondere Bedeutung zukommt. Mit der Logik der Selektion wird nämlich „die methodisch erforderliche allgemeine und kausale Beziehung zwischen den Eigenschaften der Akteure in einer spezifischen Situation und der Ausführung einer der wahrgenommenen Handlungsalternativen dargestellt“(Kunz 2002: 467). Die dafür bedeutsame Regel wird als Wert-Erwartungs-, Nutzen-oder SEU-Theorie 15 bezeichnet und wurde von Savage 1954 als spezielle Entscheidungstheorie begründet. Die zentralen Überlegungen zur Studie „Die Logik kollektiven Handelns“ von Mancur Olsen können dabei auf Grundlage dieses SEU-Modells und mit expliziten Bezug auf den struktur-individualistischen Ansatz betrachtet werden. Im Kern der Theorie von Olsen geht es um das Phänomen, dass Kollektivgüter mit zunehmender Gruppengröße nicht mehr automatisch erbracht werden, obwohl die Mitglieder dieser Gruppen ein gemeinsames Interesse an der Verwirklichung ihrer Ziele haben - was in diesem Fall auf das einsetzende free-rider-Verhalten zurück geht. Der Mikro-Ebene kommt dabei theoretisch eine besondere Bedeutung, in Hinblick auf der Ebene „Logik der Selektion“ zu. Hier spielen Entscheidungstheorien wie z.B. die SEU-Theorie eine Rolle. Nach diesem Modell wird der einzelne Akteur dann einen Beitrag zur Verwirklichung gemeinsamer Ziele leisten (H B ), wenn der Nettonutzen dafür höher ist als der Nettonutzen der Alternative, sich
15 Das „Subjective Expected Utility“ Modell (SEU-Modell) ist in den Sozialwissenschaften das bekannteste und
am weitesten verbreitete Entscheidungsmodell.
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nicht zu beteiligen (H NB ). Daraus ergibt sich: SEU(H B ) > SEU(H NB ), wobei sich der SEU-Wert aus dem Produkt der Erwartung des Auftretens der wahrgenommenen Handlungskonsequenz und deren Bewertung ergibt. (Kunz 2004: 95) Von den Handlungsalternativen die der einzelne Akteur zur Auswahl hat, wird letztlich dann diejenige ausgewählt, für die die erwarteten Handlungskonsequenzen am positivsten bewertet werden, d.h. der Akteur wählt die Handlungsalternative mit dem höchsten SEU-Wert bzw. dem höchsten Nettonutzen. (ebd.: 468) In diesem Zusammenhang ist nach der Logik der Situation zu suchen, also nach den konkreten Handlungsalternativen und erwarteten Handlungskonsequenzen für den Akteur. Genau hierauf bezieht sich auch die zentrale Brückenannahme von Mancur Olsen: Welcher Effekt die Gruppengröße auf den Anreiz jedes Einzeln hat, sich an der Förderung der Gruppenziele zu beteiligen? So wurde schon erörtert, dass bei zunehmender Gruppengröße der Beitrag des Einzelnen kaum sichtbar bis nahe null ist. Wird darüber hinaus noch angenommen, dass der Anteil für die Interessenerreichung eines Akteurs mit Aufwand verbunden ist, welcher durch eine alternative Wahl vermieden werden kann - keinen Beitrag beizusteuern - kann man davon ausgehen, dass der einzelne Akteur keinen Beitrag leisten wird. Auf der Ebene der „Logik der Aggregation“ werden diese individuellen Entscheidungen und Handlungen mit den eigentlich interessierenden kollektiven Zielen verknüpft, wobei aus dem individuellen Verhalten,, externe Effekte für die Gruppe und der Realisierung derer kollektiver Interessen resultieren. Stimmt die individuelle Rationalität dabei nicht mit der kollektiven Rationalität überein führt das unweigerlich zu Konflikten, die sogar so weitreichende Folgen haben können, dass das Kollektivgut nicht produziert werden kann.
Demgegenüber sieht die „Logik der Situation“ in kleinen Gruppen anders aus. Da die Akteure sich untereinander kennen, ist die soziale Situation durch informelle Mechanismen der wechselseitigen Verhaltenskontrolle geprägt. Diese stellen Anreize für die Beteiligung an der Erstellung des öffentlichen Gutes dar, da sie „die individuellen Kosten nichtkooperativen Verhaltens oder den Nutzen kooperativen Verhaltens erhöhen“ (Kunz 2004: 101). Desweitern verändert sich in solchen Gruppen die Wirksamkeit des eigenen Beitrages - der deutlich mehr ins Gewicht geht als bei latenten Gruppen - wodurch es auch ohne Anwendung selektiver Anreize zur Realisierung gemeinsamer Interessen kommt.
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3.3. Anreize zur Kooperation
Das von Olsen angebrachte Problem des „free-rider“, welches in großen Gruppen besteht, ist in der formalen Struktur äquivalent zum Zwei-Personen-Fall im Gefangendilemma, wo trotz offensichtlicher Kooperationsvorteile die konflikt-und verlustreiche Strategie der Defektion -und somit ein auseinanderfallen von kollektiver und individueller Rationalität - gewählt wird. Aufgrund zahlreicher Diskussionen, die in der spieltheoretischen Konfliktforschung geführt wurden, hat sich herausgestellt, dass diese Konfliktsituationen unter ganz bestimmten Bedingungen aufgelöst werden können. So kann bezüglich des Gefangendilemmas, mit Einführung der Zeitdimension, eine Möglichkeit der Kooperation geschaffen werden. Hierbei erweist sich die vielfach rezipierte Simulationsstudie von Robert Axelrod - eine Studie der bedingten Kooperation, nämlich Tit-for-Tat 16 - als besonders erfolgreich. Diese Tit-for-Tat Strategie folgt dabei dem Prinzip der Reziprozität, wobei beim ersten Zug grundsätzlich kooperiert wird und dann wieder das gewählt wird, was der Gegenspieler im Zug davor gewählt hat. Demnach folgt Kooperation auf Kooperation und Defektion auf Defektion. Die Kooperation stellt sich letztlich aber nur ein, wenn kein absehbares Ende der sozialen Interaktion vorausgesagt wurde. Es kann demnach , nach Axelrod, nur dann ein Gleichgewicht erreicht werden, sofern „die Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit zukünftiger Interaktionen zwischen den Akteuren erhöht wird“ (Kunz 2002: 472). Diese auf Reziprozität gegründete Kooperationsstrategie von Robert Axelrod, gehört zu den anerkannten Lösungen von auftretenden Handlungskonflikten in Form eines einfachen Gefangenendilemmas, wobei diese Lösungen auch nur dann greifen, wenn die Handlungen der anderen Seite überhaupt identifizierbar sind, sodass bei Nicht-Kooperation reagiert werden kann. Bei steigender Zahl der Akteure ist diese notwendige Bedingung allerdings schwer zu realisieren, wodurch das von Olsen in großen Gruppen formulierte free-rider-Verhalten weiterhin greifbar ist. Auf dieses Problem reagiert Olsen aber selbst, indem er auf eine externe Lösung ausweicht: Es werden „bestimmte Strukturen in Form von selektiven Anreizen eingeführt, die den Handlungszusammenhang von Grund auf verändern“ (ebd.: 473). Diese selektiven Anreize wirken dabei nicht auf die ganze Gruppe, sondern vielmehr auf das einzelne Mitglied dieser Gruppe. Sie vergrößern in diesem Zusammenhang den Individualnutzen jedes Einzelnen bei Partizipation bzw. erhöhen die Kosten bei Nicht-Kooperation, wodurch sie letztlich für den Akteur die Wahlsituationen in dem Maße verändern, dass die Beteiligung an der Produktion
16 Tit-for-Tat ist eine Taktik nach dem Prinzip: „Wie du mir, so ich dir“ (Axelrod 1991: 12)
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des öffentlichen Gutes in dem individuellen Interesse des Akteurs liegt. 17 In den latenten Gruppen wirken neben diesem Zwang aber auch materielle und finanzielle Anreize, d.h. die Mitglieder dieser Gruppen beteiligen sich nicht ausschließlich aufgrund des Kollektivgutes, sondern auch aufgrund anderer Vorteile. Nur so kann versucht werden die vorliegenden Konflikte zwischen individuellen und kollektiven Interessen dauerhaft in den Griff zu bekommen. Die Verfügbarkeit und Anwendung dieser selektiven Anreize setzt dabei aber das Vorhandensein einer Organisation voraus, die diese verteilt und produziert. Schon Mancur Olsen bringt an, dass die sozialen Anreize eigentlich nur in privilegierten Gruppen wirksam sind „nämlich in solchen, die klein genug sind, daß Mitglieder in engen Kontakt zueinander stehen können“ (Olsen 1992: 60), denn er geht davon aus, dass solche Anreize letztlich in großen Gruppen keine Wirkung zeigen. Zum einen, da die einzelnen Beiträge kaum ins Gewicht fallen und zum anderen, weil in großen Gruppen nicht jeder jeden kennt, was bedeutet, dass es sich nicht um eine Freundschaftsgruppe handeln kann und demnach ein Akteur der nichts investiert davon kaum gesellschaftlich betroffen sein wird. „Es kann deshalb nicht angenommen werden, daß soziale Anreize den Einzelnen in der latenten Gruppe dazu bewegen werden, sich um ein Kollektivgut zu bemühen“ (ebd.: 61), dies ist nur im Fall „föderativer“ Gruppen möglich. 18 Die Organisation, die demnach also selektive Anreize produziert und einsetzt um alle Mitglieder einer latenten Gruppe für die Produktion des öffentlichen Gutes zu mobilisieren, entspricht einer Föderation aus kleineren Gruppen. Die Bereitschaft, in solchen Organisationen mitzuwirken, hängt allerdings genauso von selektiven Anreizen ab - in Form von Positionsgütern wie Führungspositionen - mit der Wirkung, dass jede Gruppe, im weitesten Sinne jede Gesellschaft, ungleicher wird, sobald sie versucht Kollektivgüter zu produzieren. Diese Überlegungen können wiederum als bedeutend für die Untersuchung sozialer Konflikte und der Ausübung von Herrschaft eingeschätzt werden. (Kunz 2002: 474)
17 Partizipation an der Bereitstellung des Kollektivgutes wird durch Zwang und Belohnung hervorgerufen, da
„die tägliche Beobachtung zeigt, daß die meisten Menschen die Kameradschaft ihrer Freunde und Kollegen und
auch gesellschaftliche Stellung, persönliches Prestige und Selbstachtung anstreben“ (Olsen 1992: 59)
18 Eine in mehrere kleiner Gruppen aufgeteilte Gruppe, die zusammen eine Föderation eingehen und somit eine
große Gruppe bilden, gleich einer Organisation, die sich aus Teilorganisationen zusammensetzt. (Olsen 1992:
61)
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4. Abschlussbemerkung
Die Rational Choice Theorie gehört in der Gegenwart zu einer der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen, wobei unter Einbeziehung mikrotheoretischer Annahmen Makrophänomene erklärt werden können. Diese Makrophänomene machen dabei den Kern der sozialen Konflikte aus - Konflikte die durch gegensätzliche individuelle und kollektive Interessen verursacht werden. Die Theorie von Olsen zur „Logik kollektiven Handelns“ stellt dabei eine bedeutende Anwendungstheorie, für die Entstehung von kollektiven Konfliktphänomenen auf der Grundlage individuellen Handelns, dar. Die Überlegungen Olsens, über die Wirkung der Gruppengröße sowie der selektiven Anreize, haben in diesem Zusammenhang gezeigt, wie auf der Grundlage der Rational Choice Theorie als handlungstheoretischer Kern Annahmen aufgestellt werden können, welche das Handeln der Individuen in Verbindung mit veränderten Handlungsbedingungen (Logik der Situation) bringen. Es zeigte sich, dass in großen Gruppen das Potenzial für auftretende soziale Konflikte höher ist, als in kleinen Gruppen, da diese letztlich über die Auswahl und Anwendung selektiver Anreize verfügen. Nur auf der Grundlage, dass latente Gruppen Organisationen darstellen - sie in kleine Teilgruppen differenziert sind - ist es ihnen möglich diesen Konflikte zu lösen. Abschließende ist diesbezüglich noch anzuführen, dass sich die bestehende Konflikte bei der Lösung, meist zu Konflikten von Macht und Herrschaft entwickeln, eine genaue Spezifikation dessen sollte in dieser Arbeit allerdings keine Rolle spielen.
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Quellenverzeichnis
Abraham, Martin (2001): Rational Choice Theorie und Organisationsanalyse. Unter: www.orgsoz.org/abraham.pdf (24.03.2008, 11:45 Uhr).
Axelrod, Robert(1991): Die Evolution der Kooperation. 2.Aufl. [Übers. und mit einem Nachw. von Werner Raub und Thomas Voss] München: Oldenbourg.
Braun, Dietmar (1999): Theorien rationalen Handelns in der Politikwissenschaft. Eine kritische Einführung. Opladen: Leske + Budrich.
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Anja Kornemann, 2008, Die Rational Choice Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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