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1 Einleitung 3
2 Theoretische Utensilien und methodische Überlegungen 4
2.1 Einblick in theoretische Konstrukte zur kulturellen Identität 4
2.2 Methodisches Vorgehen 7
3 Sprache als Identifikationsmerkmal im Grödnertal 9
3.1 Das Kuriosum Muttersprache 9
3.2 Die Zugehörigkeitserklärung in der autonomen Provinz Bozen 11
3.3 Herkunft und persönliche Umgebung 13
4 Das Zusammenleben in Südtirol 14
4.1 Selbstwahrnehmung der italienischsprachigen Südtiroler im Grödnertal 14
4.2 Ausgewählte Fremdwahrnehmungen 16
4.3 Der Einsatz von kultureller Identität in verschiedenen Kontexten 17
5 Konfliktpotenzial zwischen den Sprachgruppen aus „italienischer Sicht“ 18
5.1 Konfliktwahrnehmung in der italienischsprachigen Bevölkerung 18
5.2 Konflikterzeugung in Politik und Medien 20
6 Die „Magie der Vielfalt“ 22
6.1 Kulturbewahrung in Institutionen 22
6.2 Wahrnehmungen zu kulturellen Besonderheiten Südtirols 23
7 Grödnerische Mischkultur? Ein Fazit 24
8 Literaturverzeichnis
8.1 Sekundärliteratur 27
8.2 Internetquellen 28
8.3 Verzeichnis der Interviewpartner 29
9 Hintergrundinformation zur geschichtlichen Entwicklung 30
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1 Einleitung
„Andrea, was fühlst du dich? Ladiner, Italiener oder Deutsch?“ 1 Wie kann es sein, dass diese Frage von einer italienischen Mutter an ihren eigenen Sohn gestellt wird?
Das Grödnertal im Herzen der autonomen Provinz Südtirol innerhalb der Republik Italien diente uns als Untersuchungsgebiet auf der Suche nach einer kulturellen Identität der italienischsprachigen Südtiroler. Die Bevölkerung des Grödnertals ist größtenteils der ladinischen Sprachgruppe zugehörig, die in der Provinz Südtirol vier Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. In diesem Tal sind deutschsprachige und italienischsprachige Südtiroler in der Minderheit.
Ausgehend von der Frage, wie sich die italienischsprachige Volksgruppe in St. Ulrich, dem Hauptort des Grödnertals, darstellt und tatsächlich im alltäglichen Umgang verhält, haben wir im Rahmen des Studienprojektes „Lebenswelten und Lebensräume im Grödnertal“ 2 versucht Konfliktpunkte und Besonderheiten im Zusammenleben ausfindig zu machen. Kommt es im Alltag aus Sicht der italienischsprachigen Südtiroler zu einer weitgehenden Integration oder eher zu einer Abgrenzung der Sprachgruppen? Wie gestalten sich die persönlichen Beziehungen in der Bevölkerung im Ort? Inwieweit sind Herkunft und Migrationshintergrund der italienischen Sprachgruppe als Ursache für Konflikte im interethnischen Zusammenleben heranzuziehen und sind diese in der Realität tatsächlich auffindbar?
Es wird versucht, im Rahmen der vorliegenden Arbeit die Besonderheiten und Merkmale Südtirols im Allgemeinen und des Grödnertals im Speziellen aus Sicht der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe aufzudecken und zu skizzieren. Innerhalb der Arbeit soll aufgezeigt werden, anhand welcher Kommunikationsprozesse der italienischsprachigen Bevölkerung der benannte Raumausschnitt des Grödnertals konstruiert wird, und dabei orientiert sich diese am Raumverständnis nach Klüter 3 . Dies wird im ersten Teil der Untersuchung im Zusammenhang mit ausgewählten Konstrukten zur kulturellen Identität beschrieben.
Ob die Sprache als ein Identifikationsmerkmal gelten kann, wird im zweiten Teil hinterfragt. Als Aspekte davon werden gesondert die Fragen nach der Muttersprache, der
1 Frage einer Mutter an ihren Sohn im Interview mit Luigina Andreoli (57), Betreiberin des Hotel Lersc,
St. Ullrich, 16.09.05.
2 Studienprojekt III der Universitäten Potsdam und Osnabrück im Sommersemester 2005.
3 Vgl.: Klüter, H.: Räumliche Orientierung als sozialgeographischer Grundbegriff. In: Geographische Zeitschrift
75/ H. 2(1987), S. 86-98.
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Zugehörigkeitserklärung und der Herkunft und dem persönlichen Beziehungsgeflecht der italienischsprachigen Südtiroler gestellt.
Im dritten Teil wird das Zusammenleben der Sprachgruppen in Südtirol und insbesondere im Grödnertal vor allem hinsichtlich der Selbstwahrnehmung der ‚Italiener’ in Ansätzen analysiert.
Im Folgenden soll das Potenzial, die Erzeugung und auch die Wahrnehmung von Konflikten aus der Perspektive dieser thematisiert werden.
Schließlich wird die in der Region Südtirol von verschiedenen Seiten geführte Diskussion um die Kultur und kulturelle Merkmale Südtirols dargestellt und analysiert. Das Fazit stellt einen Versuch unsererseits dar, die gesammelten Informationen und Analysen sinnhaltig in einen Kontext einzuordnen. Es soll zusammenfassend klären, ob man von einer kulturellen Identität der italienischsprachigen Südtiroler im Grödnertal sprechen kann und was die Besonderheit dieser kennzeichnet, insofern sich die Frage nach einer solchen Identität bejahen lässt.
2 Theoretische Utensilien und methodische Überlegungen
2.1 Einblick in theoretische Konstrukte zur kulturellen Identität
Zur Definition und Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands erscheint im Sinne der doch eher diffusen und vielfältigen Verwendung von Begriffen wie Identität und Kultur, sei es in einem wissenschaftlichen oder alltäglichen Kontext, ein Blick in die relevanten Theorien notwendig.
Das Verständnis von Identität, welches in unserer Untersuchung von Bedeutung ist, bezieht sich auf die ethnische Identität, wobei es sich um die Beschreibung sozialer Außen- oder Innenperspektiven handelt 4 . Ethnische Identität als Gruppenidentität kommt dadurch zustande, dass die Angehörigen einer Gruppe Merkmale und deren Bedeutung durch einen Prozess inkorporieren, durch welche sie ethnisch identifizierbar werden 5 . Die Bestimmung der Gruppe durch Merkmale im Sinne kategorischer Festlegungen kann nicht eindeutig vonstatten gehen. Jedoch ist offensichtlich, dass die Identifikation der eigenen Gruppe mit der Abgrenzung zu anderen einhergeht. Gruppenidentität meint also das, was erforderlich ist, um einen Angehörigen einer Gruppe gegenüber anderen Personen und Gruppen zu charakterisieren und so entweder Gemeinschaft durch Gemeinsamkeiten zu erzeugen oder
4 Zitat nach Weichhart, in: Aschauer, W.: Identität als Begriff und Realität. In: Heller,W. (Hrsg.): Identität-
Regionalbewußtsein - Ethnizität. Praxis Kultur- und Sozioalgeographie 13. Potsdam 1996, S. 2.
5 Vgl.: Aschauer: Identität, ebd., Potsdam 1996, S. 6.
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Abgrenzung durch Verschiedenheit 6 . Je größer der kulturelle Unterschied zwischen den Bevölkerungsgruppen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Unterschied im alltäglichen Leben wahrgenommen wird und das Zugehörigkeitsgefühl zu der jeweiligen
Bevölkerungsgruppe stark ist 7 . Sich mit einer Gruppe zu identifizieren bedeutet, sich „als ihr zugehörig zu fühlen und zu erklären“ 8 . Das Gefühl der Zugehörigkeit basiert auf komplexen individuell-psychischen und psychosozialen Mechanismen 9 und muss nicht zwangsweise mit der offiziell erklärten Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe in Südtirol gekoppelt sein, da in diesem Fall auch noch rechtlich-politische Aspekte berücksichtigt werden müssen. Hinzu kommt, betont Gubert, dass die kollektive Identität immer im jeweiligen Kontext betrachtet werden muss 10 , so dass in unserem Verständnis die Identität eines Italieners im Kontext der Familie etwas anderes ausmachen sollte als im Kontext der Arbeitswelt, ebenso wie sich die kollektive Identität in ländlichen Kontexten anders darstellt als in urbanen. Bei der Klassifikation von verschiedenen Gruppen kultureller Identität treten unweigerlich Probleme auf. So entspricht die Kategorie „Sprache“ als Merkmalsbezeichnung eigentlich einer Klasse von Merkmalen mit Klassenmittelpunkten und Klassengrenzen. Sie sei, wie Aschauer darstellt, „diskretisiert“ 11 , wobei Menschen die als „italienischsprachig“ einzuordnen sind, die auf Grund ihrer Alltagssituation aber hauptsächlich Deutsch sprechen, werden den geläufigen Kategorien zugeordnet, ohne dass diese Kategorien die Realität hinreichend reflektieren.
Um die Bedeutung der Zuordnung zu einer Sprachgruppe, hier der italienischsprachigen Südtiroler, herauszustellen, ist es bezeichnend, dass der Begriff Sprachgruppe synonym in einer Reihe mit dem Phänomen Ethnie, Ethnizität, Volksgruppe und Minderheit betrachtet werden kann 12 .
In Bezug auf die vorliegende Situation in Südtirol, wo die Unterteilung nach der Zugehörigkeit zu Sprachgruppen insbesondere im politischen Kontext Anwendung findet, schließen wir uns in Teilen der Verwendung des Begriffes „Sprachgruppe“ an. Da dieser Begriff jedoch eine gewisse Überbetonung des Attributs „Sprache“ als kulturelles Merkmal vortäuscht und so andere soziokulturelle identitätsstiftende Faktoren wie geteilte Werte- und
6 Gubert, R.: Ethnisch-nationale Identitäten und Identifikation: ein keineswegs zwangsläufiger
Zusammenhang. In: Böckler, S. (Hrsg.): Soziologisches Jahrbuch für Soziologie, 12, 1996, Bd. I-II,
Mailand/Berlin 1998, S. 219.
7 Gubert: Ethnisch-nationale Identitäten, Mailand/Berlin 1998, S.228.
8 Gubert: Ethnisch-nationale Identitäten, Mailand/Berlin 1998, S. 220.
9 Gubert: Ethnisch-nationale Identitäten, Mailand/Berlin 1998, S.228.
10 Gubert: Ethnisch-nationale Identitäten, Mailand/Berlin 1998, S. 219.
11 Gubert: Ethnisch-nationale Identitäten, Mailand/Berlin 1998, S. 7.
12 Vgl.: Meßner, J.: Ethnizität, dominanter Bestimmungsgrund von Einstellungen und Verhaltensweisen? Der
Fall Südtirol. In: Böckler, S. (Hrsg.): Soziologisches Jahrbuch für Soziologie, 12, 1996, Bd. I-II,
Mailand/Berlin 1998, S. 477.
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Verhaltenssysteme vernachlässigt, ist eine ausschließliche Verwendung dieses Begriffes innerhalb der vorliegenden Untersuchung nicht ausreichend. „Kulturelle Identität“ hinsichtlich einer Sprachgruppe meint also neben Sprache alle Merkmale von „Kultur“, die diese spezifische Identität ausmachen. Die empirische Bestimmung der einzelnen Merkmale gestaltet sich schwierig und das „Postulat der einen Kultur“ einer Gruppierung wird z.B. bei Aschauer als wenig geeignet und absurd dargestellt, um die Lebenswirklichkeit der Menschen abzubilden 13 . Kultur ist vielmehr ein wandelbares, vielschichtiges Phänomen, wobei sich verschiedene Kulturen gegenseitig durchdringen und beeinflussen können. Die Messung und Definition von kulturellen Kategorien, exemplarisch in Form der Feststellung der Sprachgruppenzugehörigkeit in Südtirol, zeigt, dass diese Praktiken trotz ihrer methodischen Unzulänglichkeiten und Definitionsproblemen weite Anwendung auf verschiedenen Ebenen gesellschaftlich wirksam werden 14 . Hierzu zählt nicht nur die nationale Identität, die den Gemeinschaftssinn von Gruppen über den politischen Kontext hinaus fördert, sondern auch die mögliche Fixierung sozialer Strukturen, wodurch die Zugehörigkeit auch eine wertende Komponente beinhalten kann. Diese wird in verschiedenen Bereichen als Teil sozialen oder politischen Handelns benutzt 15 , ob bewusst oder nur als solches interpretiert, sei dahingestellt. Wenn die Zugehörigkeit zu einer Gruppe vermeintliche soziale Rollen bedingt, ist sie für das Alltagsleben der Menschen von spezifischer Bedeutung. Dies beschreibt Aschauer folgendermaßen: „Wenn jemand diskriminiert oder aber gefördert wird, weil er zu dieser oder jener Gruppe gezählt wird, dann zählt er sich in Kürze ebenfalls dazu.“ 16 Es stellt sich die Frage, ob das intensive Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen insbesondere auf dem Land, bei dem das „Netzwerk der Interdependenzen“ 17 auf Grund der sozioökonomischen Bedingungen enger geknüpft ist als in den Städten Südtirols, nicht eine Art Überschneidung der Kultur, sozusagen eine partielle Mischkultur zu Tage fördert. Diese wäre dann gleichermaßen eine spezifisch südtirolische Identität, wobei die Wortbedeutung an sich einen weitaus intensiveren Homogenisierungsprozess vortäuscht als dieser real im Hinblick auf „Mischfamilien“ gegeben sein mag. Diese sogenannte „Mischkultur“ ist in sich vielfältiger als die ihr zugrunde liegenden Formen und ist aus vielen sich wandelnden Facetten zusammengesetzt, deren repräsentative empirische Untersuchung äußerst umfangreich und komplex wäre. Gubert stellt hinsichtlich der Ladiner in den Dolomitentälern fest, dass trotz der intensiveren Identifikation mit der Volksgruppe in den letzten Jahren auch
13 Vgl.: Aschauer: Identität, ebd., Potsdam 1996, S. 8 f.
14 Vgl.: Aschauer: Identität, ebd., Potsdam 1996, S. 9.
15 Vgl.: Aschauer: Identität, ebd., Potsdam 1996, S. 9 ff.
16 Zitat: Aschauer: Identität, ebd., Potsdam 1996, S. 12.
17 Vgl. Gubert: Ethnisch-nationale Identitäten, Mailand/Berlin 1998, S. 221, 230.
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der „Prozess der Angleichung von Identitäten […] fortgeschritten ist“. Diese Tendenz zur Homogenisierung der Identitäten gilt somit ebenfalls für die italienische Kultur.
2.2 Methodisches Vorgehen
Die Definition von kultureller Identität ist stets subjektiv, da die Identifizierung charakteristischer Züge oder Merkmale von der methodischen Herangehensweise und der Auslegung des empirischen Materials abhängt.
Um einen Eindruck zu bekommen, was es mit der vermuteten kulturellen Identität der italienischsprachigen Südtiroler auf sich hat, haben wir uns auf die Suche nach Interviewpartnern gemacht. Das Ziel, das sich nach den ersten eher unstrukturierten Interviews herauskristallisierte, war, die Selbstwahrnehmung der italienischsprachigen Südtiroler in St. Ulrich nachzuvollziehen. Um diese besser interpretieren und in das Gesamtbild Südtirols einordnen zu können, führten wir auch Experteninterviews durch, so dass sich für uns verschiedene Sichtweisen auf die ausgewählten Kategorien boten. So lässt eine Angelegenheit im politischen Kontext betrachtet eine andere Betonung und Interessenlage erkennen, als der persönliche Blickwinkel einer Person im familiären Kontext. Unser Ziel ist keine repräsentative Darstellung der Identität der italienischsprachigen Bevölkerung im Grödnertal. Vielmehr wollen wir das Meinungsspektrum der befragten Personen in ihren Handlungskontexten darstellen und untersuchen, ob sich in dieser Selbstwahrnehmung allgemeine Tendenzen der „Südtiroler Italiener“ abzeichnen. Ausgangspunkt für die Auswahl der Interviewpartner war die verdeckte Beobachtung in öffentlichen Lebenssituationen, wobei versucht wurde unter subjektiven Gesichtspunkten herauszufinden, ob die beobachteten Personen in unsere offene Kategorie des italienischsprachigen Südtirolers passten. Von einem der Situation angepassten, kurzen persönlichen Gespräch erhofften wir uns weitere Hinweise auf die Zugehörigkeit der jeweiligen Person. Da diese Methode nicht den gewünschten Erfolg erzielte, fragten wir mehrere Leute danach, ob sie uns italienischsprachige Südtiroler „empfehlen“ könnten. Da die Bürger mit der Bevölkerungsstruktur des Dorfes besser vertraut waren, ließ sich eine für unsere Zwecke angemessene Wahrnehmung der Mitmenschen durch alltäglichen Umgang und Kommunikation vermuten. Uns ist durchaus bewusst, dass die Auswahl der Gesprächspartner dadurch äußerst abhängig von der persönlichen Wahrnehmung unserer „Informanten“ war. Hierbei ist interessant, woran die Identifizierung als Italiener festgemacht wurde, nämlich an der ursprünglichen Herkunft der Person aus dem Italien südlich der Provinz Südtirol.
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Überdies muss der Eindruck von außen nicht mit der Selbstwahrnehmung der untersuchten Personen als „Italiener“ übereinstimmen. Dies ist ein Hinweis auf die im Alltag diffus verwendeten Kategorien, die mit der offiziellen Zugehörigkeitserklärung nicht korrelieren. Dies wird insbesondere im Rahmen des üblichen sozialen Phänomens der „Mischfamilien“ ersichtlich.
Der kulturellen Identität der italienischsprachigen Südtiroler in St. Ulrich versuchten wir uns durch eine Art Leitfadeninterview zu nähern. Dieser lose Leitfaden beinhaltete neben Standardfragen nach der Herkunft, Familie und den verwendeten Sprachen auch sich von Interview zu Interview etwas wandelnde Fragen über die Wahrnehmung des Zusammenlebens und der Bedeutung von Sprache und Gruppenzugehörigkeit in Südtirol. Den Leitfaden passten wir jeweils den Erkenntnissen aus vorangegangenen Expertengesprächen und Interviews mit „St. Ulrichern“ an, um auffällige Aussagen und von uns interpretierte Zusammenhänge zu überprüfen. Die Interviews variierten in Länge und Intensität, da es sich einerseits um fest vereinbarte Gesprächstermine handelte, bei denen sich die Teilnehmer vorher schon gedanklich auf die Thematik einstellen konnten, andererseits aber um spontane Konversation, die neben dem alltäglichen Ablauf in einem Geschäft geführt wurde. Wenn es uns gestattet war, zeichneten wir die Gespräche auf, um eine angemessene inhaltsanalytische Auswertung der Interviews zu ermöglichen. Bei der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse gilt es nicht nur den Inhalt der Gespräche selbst zu analysieren, sondern auch zu versuchen, die Bedeutung des gesamten Kommunikationsprozesses zu verstehen 18 .
Das erstes Ziel nach dem wort- bzw. sinngemäßen 19 Transkribieren unserer Interviews war das Material so zu reduzieren, dass ein überschaubarer Corpus geschaffen wird. Zur besseren Orientierung und Strukturierung wurden den Gesprächspassagen vorher festgelegte Ordnungskriterien bzw. Codes zugeteilt 20 . Diese Abstraktion war notwendig, um eine systematische Auswertung zu erlangen, welche möglichst viele relevante Aspekte des Materials berücksichtigt und nicht nur diejenigen, die sofort evident sind. Die vorliegende Arbeit haben wir im Folgenden nach den Codes gegliedert, die bedeutungsgemäß zusammengefasst wurde. Gewisse Unterthemen überschneiden sich teilweise und lassen sich nur aus dem Zusammenhang heraus interpretieren.
18 Vgl.: Mayring, P.: Qualitative Inhaltsanalyse und Techniken. Weinheim ²1990.
19 Sinngemäßes Transkribieren wurde insbesondere bei den auf Italienisch geführten Interviews und bei stark
vom Thema abweichenden Interviewpassagen angewandt.
20 Vgl. Mayring: Inhaltsanalyse. Weinheim ²1990, S. 25.
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3 Sprache als Identifikationsmerkmal im Grödnertal?
3.1 Das Kuriosum Muttersprache
„Als Muttersprache bezeichnet man die in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache. Diese prägt sich in ihrer Lautgestalt und grammatischen Struktur so tief in das Bewusstsein ein, dass im Allgemeinen etwa ab der Pubertät keine andere Sprache mehr diesen Platz einnehmen kann.“ 21
Dieses allgemeine Zitat definiert einen Begriff sehr genau, der im Allgemeinen als leicht zu bestimmen gilt. „Welche Sprache ist deine Muttersprache?“ Diese Frage können die meisten Menschen ohne Zögern beantworten. Ausnahmen können in dieser Kategorisierung Personen bilden, die mit zwei, oder in seltenen Fällen mit mehreren Sprachen von frühester Kindheit an konfrontiert sind. Hierzu heißt es: „Eine Person, die über einigermaßen brauchbare Fremdsprachenkenntnisse verfügt, ist als "bilingual" beziehungsweise "multilingual" zu bezeichnen. […] Bilingual im strengeren Sinne heißt, dass die zweite Sprache mit gleich hoher Kompetenz wie die Muttersprache gesprochen werden.“ 22 Im Rahmen der im Grödnertal durchgeführten Untersuchung zur italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe erschien es zunächst sinnvoll, als Auswahlkriterium der Interviewpartner die Muttersprache Italienisch vorauszusetzen. Schließlich war anzunehmen, dass nur derjenige zur italienischen Sprachgruppe gehört, der Italienisch als seine eigene Muttersprache bezeichnet und diese demnach im Rahmen der üblichen Muttersprachlerkompetenz spricht. Des Weiteren konnte davon ausgegangen werden, dass in der multi-ethnischen Region Südtirol eine hohe Anzahl von bilingual sozialisierten Menschen zu finden sein werden.
Die Problematik der Zweisprachigkeit in der autonomen Provinz Südtirol ist bereits Gegenstand ausführlicher Untersuchungen 23 gewesen und kann im gegebenen Rahmen nur kurz zusammengefasst werden. Festzuhalten ist, dass durch die geschichtlichen Vorgänge vor allem während der Zeit des Faschismus 24 und der daraus resultierenden Sprachpolitik die bis heute andauernden Probleme mit der Zweisprachigkeit gesehen werden müssen. Die italienischsprachige Bevölkerung hat im Vergleich zu der Situation noch vor zehn Jahren 25 weitere Fortschritte in der Kompetenz des Deutschen gemacht. Viele Jugendliche haben
21 Definition entn. aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Muttersprache, Stand: 17.11.05.
22 Definition entn. aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Muttersprache, Stand: 17.11.05.
23 Vgl.: Zappe, Manuela: Das ethnische Zusammenleben in Südtirol. Sprachsoziologische, sprachpolitische und
soziokulturelle Einstellungen der deutschen, italienischen und ladinischen Sprachgruppe vor und nach den
gegenwärtigen Umbrüchen in Europa. Frankfurt/ Main 1996, S. 195-222.
24 Vgl. hierzu Anhang: Geschichtliche Entwicklung.
25 Vgl.: Zappe: Ethnisches Zusammenleben, Frankfurt/ Main 1996, S. 204ff.
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großes Interesse daran, die deutsche Sprache auf einem guten Niveau zu sprechen 26 . Sie sehen vor allem die Vorteile, die eine Bilingualität in Zeiten der Europäischen Union mit sich bringt. Auch in der mittleren Generation ist diese Sichtweise auf Seiten und damit das Interesse an der deutschen Sprache deutlich stärker verbreitet als noch im vergangenen Jahrzehnt. Mangelnde Deutschkenntnisse werden hier als persönliches Defizit gesehen, dass es in der heutigen Zeit dringend auszugleichen gelte 27 . Das Schulsystem in Gröden beruht aufgrund von Sonderregelungen zur Erhaltung der ladinischen Sprache auf dem Prinzip der Dreisprachigkeit. „Dort dient diese Sprache [das Ladinische] auch als Unterrichtssprache in den Schulen jeder Art und jeden Grades. In diesen Schulen wird der Unterricht auf der Grundlage gleicher Stundenzahl und gleichen Enderfolges in Italienisch und in Deutsch erteilt.“ 28 Das bedeutet für die in Gröden aufwachsenden Kinder, gleich welcher Sprachgruppe sie ursprünglich angehören, dass sie vom Kindergarten an zu gleichen Teilen in den drei Sprachen unterrichtet werden. Die Kinder haben so die besten Voraussetzungen für eine hohe Sprachkompetenz innerhalb aller drei Sprachen 29 . Die unklaren Aussagen von Interviewpartnern im Grödnertal in Bezug auf ihre Muttersprache lassen sich somit wohl auch durch diese speziell ‚grödnerische’ Sprachpolitik erklären 30 .
Es gibt jedoch innerhalb des Tals auch durchaus kritische Stimmen zu dieser Art der Sprachvermittlung. Problematisch sei nach diesen Aussagen das niedrige sprachliche Niveau, das die Kinder im Laufe ihrer Schulausbildung erreichen. Durch die starke Mischung der Sprachen im Tal und auch die mangelnde Kompetenz der Lehrkräfte in Bezug auf die Sprachen, und besonders im Fall der italienischen Sprache, könnten die Kinder am Ende keine Sprache richtig 31 .
Diese zum Teil widersprüchlichen Aussagen und Wahrnehmungen lassen sich zum Großteil mit der individuellen Situation der Interviewpartner und der Sprecher innerhalb des Tales erklären und müssen somit als Einzelaussagen nebeneinander bestehen bleiben. Zusammenfassend lässt sich jedoch festhalten, dass sich innerhalb des Grödnertales eine weitgehende Dreisprachigkeit durchgesetzt hat, die von den Bewohnern als unproblematisch
26 Interview mit Dr. Antonio Lampis, Abteilungsdirektor der Abteilung für italienische Kultur, Bozen,
15.09.2005.
27 Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen 20.09.05.
Interview mit Giuseppe Avolio, Mitarbeiter der EURAC, Institut für Föderalismus- und
Regionalismusforschung, Bozen, 21.09.05.
28 Südtiroler Landesregierung (Hrsg.): Das neue Autonomiestatut. Bozen 11 2003, S. 75.
29 Interview mit Zubba Gennaro (54), Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
30 Interview mit Carmen Schenk (49), Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19.09.05.
Interview mit Valerio Piazza (19), Schüler der Kunstoberschule in St. Ullrich, 22.09.2005.
Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
31 Interview Massimiliano Carboni, Oberkellner im Hotel Adler, St. Ulrich, 22.09.05.
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und sehr positiv dargestellt wird. In der alltäglichen Kommunikation überwiegt heutzutage das Deutsche, dicht gefolgt vom Ladinischen. Die ältere Generation 32 der italienischsprachigen Bewohner des Grödnertals spricht auch nach zum Teil dreißig Jahren im Tal noch nicht oder nur sehr schlecht deutsch und noch weniger ladinisch 33 . Die Begründung hierfür wird vielfach in der nicht gegebenen Notwendigkeit gesucht. Alle anderen Sprachgruppen im Grödnertal sprechen gut italienisch. In den Interviews wurde aber auch deutlich, dass durchaus eine Mischung der Sprachgruppen sowohl in der Familie als auch im Freundeskreis gegeben ist.
Viele Bewohner des Grödnertales sind durchaus in der Lage, sich auf einer gewissen Ebene in allen drei Sprachen auszudrücken. Dies kann als eine sehr gute Voraussetzung und als Grundlage für ein harmonisches Zusammenleben der drei Sprachgruppen gewertet werden.
3.2 Die Zugehörigkeitserklärung in der autonomen Provinz Bozen
Das friedliche Zusammenleben in der autonomen Provinz Bozen ist ein durch strikte rechtliche Vorschriften gestütztes und geschütztes System. Grundlegendes Prinzip dieses Systems ist die unbedingte Gleichberechtigung aller Sprachgruppen. Dieses wird vor allem in der Besetzung aller öffentlichen Ämter auf der Ebene der Provinz und jeder einzelnen Gemeinde durch eine strenge Proporzregelung gewährleistet. Jede Sprachgruppe erhält in den öffentlichen Ämtern genauso viele Stellen, wie ihr nach den Mehrheitsverhältnissen der Sprachgruppen zustehen 34 . Um diese Mehrheitsverhältnisse festzustellen, wurde erstmals im Zuge der Volkszählung 1981 von allen Bürgern gefordert, sich namentlich einer der drei Sprachgruppen zugehörig zu erklären. Diese Art der klaren, quasi zwanghaften Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe stieß jedoch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder auf heftige Kritik vor allem von politischer Seite. Hauptkritikpunkt hierbei war, dass in einer Region, in der die Sprachgruppen so eng neben- bzw. miteinander leben, es nicht jedem Einzelnen leicht fällt, sich eindeutig einer Sprachgruppe zuzuordnen. Die Frage der sprachlichen und somit zu einem stückweit auch kulturellen Zugehörigkeit ist eine sehr persönliche, schwierige Angelegenheit 35 . Seit der letzten Volkszählung im Jahr 2001 wird ein kompliziertes Verfahren bei der Zugehörigkeits- bzw. Angehörigkeitserklärung praktiziert, dass namentlich
32 Eine genaue Definition der Generationen erfolgt im Kapitel 3.3 der vorliegenden Arbeit.
33 Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit dem Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, 14.09.05.
Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
34 Vgl.: Südtiroler Landesregierung (Hrsg.): Das neue Autonomiestatut. Bozen 11 2003, IV. Abschnitt, Art. 61,
S. 94.
Vgl.: Südtiroler Landesregierung (Hrsg.): Südtirols Autonomie, Beschreibung der autonomen Gesetzgebungs-
und Verwaltungszuständigkeiten des Landes Südtirols, Bozen 7 2002, S. 99ff.
35 Vgl.: Südtiroler Landesregierung (Hrsg.): Südtirols Autonomie, Bozen 7 2002, S. 197ff.
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in Bezug auf die persönliche Sprachgruppenzugehörigkeit durchgeführt wird, anonym hingegen um die Sprachgruppenstärke auf Provinzebene festzustellen. Jeder Bürger ab vierzehn Jahren hat die Möglichkeit und die Pflicht, sich einer der drei Sprachgruppen zugehörig zu erklären oder aber sich einer anderen Sprachgruppe aus persönlichen Gründen angehörig zu erklären, die nicht seinen familiären Ursprüngen entspricht. Seit jüngster Zeit kann die Zugehörigkeitserklärung jederzeit geändert werden und ist nicht mehr an die Durchführung einer Volkszählung gebunden 36 .
Im Grödnertal zeichnet sich nun ein Umgang mit der Zugehörigkeitserklärung ab, der wohl kaum ihrer Idee entsprechen dürfte. Nach den Proporzbestimmungen für die mehrheitlich ladinische Region müssen die Stellen in öffentlichen Ämtern zu nahezu 100 % von Ladinern besetzt werden. Diese ökonomische Realität führt dazu, dass sich auch solche Bewohner des Tals als ladinisch erklären, die es nach ihren familiären Wurzeln zu urteilen klar nicht sind 37 . Dies trifft vor allem auf die italienischsprachige Bevölkerungsgruppe zu, die sonst in diesem Gebiet aufgrund der Mehrheitsverhältnisse keinerlei berufliche Zukunft hätte. Hier wird die ökonomische Zukunft klar über eine eventuell kulturell oder traditionell gefühlte Sprachgruppenzugehörigkeit gestellt. Auch hier zeigt sich jedoch ein deutlicher Unterschied zwischen den Generationen. Die ältere Generation der italienische Sprachgruppe bekennt sich noch deutlich zu ihren italienischen Wurzeln, zum einen, weil sie noch im ‚Mutterland’ Italien geboren sind, zum anderen, weil sie bereits eine sichere ökonomische Basis haben und berufliche Überlegungen so keine Rolle mehr spielen müssen. Die jüngere Generation, die bereits im Grödnertal geboren und aufgewachsen ist und wie erwähnt als dreisprachig bezeichnet werden kann und die Realität des Zusammenlebens der drei Sprachgruppen von Kindesbeinen an gewöhnt ist, wählt hingegen häufig die pragmatische Art der Zugehörigkeitserklärung 38 . Eine ähnliche Tendenz kann, angepasst an die Mehrheitsverhältnisse, auch in anderen Regionen und Gemeinden der Provinz beobachtet werden 39 .
Fraglich bleibt, ob eine Zugehörigkeitserklärung, die rechtlich zwingend notwendig ist, als kulturelle oder gar identitätserhaltende Kategorie gewertet werden kann, wenn sie auf diese
36 Interview mit G. Avolio, EURAC, Bozen, 21.09.05.
37 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inahber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit Carla Hell (49), Inhaberin des Hotels Hell, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen, 20.09.05.
Interview mit G. Avolio, EURAC, Bozen, 21.09.05.
38 Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit Livio Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
39 Interview mit G. Avolio, EURAC, Bozen, 21.09.05..
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Art und Weise in der Praxis gebraucht wird, ja geradezu von der eigentlich Idee her ad Absurdum geführt wird. Der pragmatische Umgang mit dieser kann jedoch erneut als Zeichen für ein tatsächlich unproblematisches Zusammenleben der Sprachgruppen im Grödnertal gewertet werden, in dem eben nicht um jeden Preis an der jeweiligen familiären, sprachlichen Identität festgehalten wird.
3.3 Herkunft und persönliche Umgebung
Die ältere Generation der italienischsprachigen Südtiroler, auf die bereits des Öfteren eingegangen worden ist, ist die eigentliche Migrantengeneration in der heutigen italienischsprachigen Bevölkerung des Grödnertals. Diese Italiener sind in den verschiedensten Regionen Italiens geboren und aufgewachsen und kamen im Alter von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren nach Südtirol und ins Grödnertal 40 . Selten sind in dieser Generation tatsächlich italienischsprachige Südtiroler zu finden, in dem Sinne, dass sie bereits in Südtirol geboren und aufgewachsen sind 41 . Diese Wenigen stammen dann aus Familien, die vor allem während der Zeit des Faschismus nach Südtirol gekommen sind. Bei den Angehörigen der erwähnten Migrantengeneration spielen bei der Umsiedelung nach Südtirol und speziell ins Grödnertal vor allen Dingen familiäre Gründe eine Rolle. Viele bauten sich hier in Ehen und Mischehen eine eigene Existenz auf, andere wurden durch das Militär, die Polizei oder die Post aus dem ‚Mutterland’ Italien nach Südtirol versetzt und sind geblieben 42 . Als Gründe für das dauerhafte Verbleiben im Grödnertal werden vor allem ökonomische Gesichtspunkte genannt, die im Gegensatz zu einer gewissen nostalgischen Heimatsehnsucht in Bezug auf die Heimatregion in Italien steht 43 . In dieser Generation ist die Identifikation mit Italien als Heimat- und Vaterland noch deutlich stärker zu spüren als bereits in der nächstfolgenden Generation, die sich bereits deutlicher mit Südtirol als Heimatregion in Verbindung bringt 44 . Dies ist vor allem bei den Kindern aus Mischehen zu beobachten, kann
40 Interview L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit dem Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, 14.09.05
41 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
42 Interview L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit dem Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, 14.09.05.
Interview mit G. Avolio, EURAC, Bozen, 21.09.05.
43 Interview L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
44 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit G. Avolio, EURAC, Bozen, 21. September 2005.
Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen, 20.09.05.
Interview mit V. Piazza, Schüler, St. Ullrich, 22.09.2005.
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jedoch als natürlicher Identifikationsprozess durch das Aufwachsen in der Region und im Zusammenspiel mit allen anderen Faktoren des Zusammenlebens in Südtirol gesehen werden. Die persönliche Umgebung der italienischsprachigen Bewohner ist verständlicherweise stark durch die anderen Sprachgruppen geprägt. Das bedeutet, dass die Vermischung der Sprachgruppen, wenn sie nicht schon durch die familiäre Situation gegeben ist, im Freundeskreis so gut wie überall stattfindet 45 . Es kommt, ausgenommen durch persönliche Besonderheiten Einzelner, zu keiner bewussten und klaren Abgrenzung der persönlichen Umgebung 46 . Dies wäre auch in Anbetracht der geringen Zahl der im Grödnertal ansässigen ‚Italiener’ nur schwer möglich.
In den folgenden Generationen nimmt der Grad der Vermischung von Freundeskreisen und Familien natürlicherweise immer weiter zu. Die ethnische Zugehörigkeit spielt in der Wahl des Freundeskreises keinerlei Rolle mehr 47 .
4 Das Zusammenleben in Südtirol
4.1 Selbstwahrnehmung der italienischsprachigen Südtiroler im Grödnertal
Wie also nehmen sich italienischsprachige Südtiroler im Grödnertal wahr? Wo stehen sie innerhalb dieses Gefüges aus geschichtlichen Grundlagen, Minderheitenpolitik und Mehrheitenrealität, Vielsprachigkeit, Zukunft und Traditionsbewusstsein? Dass diese Fragen nicht pauschal für ‚die Italiener’ in Gröden beantwortet werden können, bleibt sowohl dem Umfang dieser Studie als auch der selbstverständlichen Heterogenität von Selbstwahrnehmungen geschuldet.
Dennoch sind Tendenzen erkennbar, die sich aus den Äußerungen der Interviewpartner sowie aus zufälligen Gesprächen und Wahrnehmungen konstatieren lassen. Die italienischsprachige Bevölkerungsgruppe ist rein statistisch gesehen mit 5,5 % in St. Ulrich deutlich in der Minderheit 48 . Die staats- bzw. verwaltungsrechtliche Bezugsgröße
45 Interview L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit V. Piazza, Schüler, St. Ullrich, 22.09.2005.
Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
46 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
47 Interview mit V. Piazza, Schüler, St. Ullrich, 22.09.2005.
Interview mit N. Demetz, Lehrerin, St. Ulrich, 26.09.2005.
Interview M. Carboni, Oberkellner, St. Ulrich, 22.09.05.
Zu erwähnen ist, dass sich die Situation in Bozen, in der die Mehrheitsverhältnisse abweichend verteilt
sind, jedoch anders darstellt - hier kommt es noch deutlich seltener zu einer Vermischung der Sprachgruppen
auf privater Ebene, auch wenn eine Entwicklung in diese Richtung in Ansätzen zu beobachten ist.
48 Südtiroler Landesregierung (Hrsg.): Südtirol Handbuch. Bozen 2005, S. 217.
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dieser Gruppe scheint noch immer deutlich die Republik Italien zu sein, sie fühlen sich vor allem in der ersten und zweiten Migrantengeneration deutlich als Italiener 49 . Dennoch ist ihnen die weitgehende Autonomie Südtirols mit ihren wirtschaftlichen Vorteilen stark bewusst und dies führt zu einer Identifikation auch mit den rechtlichen Bestimmungen dieser besonderen Region. Als emotionalen Bezugspunkt von heimatlichen Gefühlen wählen viele das italienische ‚Mutterland’, sehnen sich nach dem maritimen Klima und verbringen ihre Urlaube dort. Gegensätzlich dazu stehen jedoch Äußerungen, die einen deutlichen Unterschied zwischen Italienern außerhalb Südtirols und sich selbst unterstreichen 50 , die Italien als „dort“ und Südtirol als „anders“ betiteln. Sie nehmen sich selbst im Gegensatz zu den klischeemässig warmherzigen, offenen Italienern außerhalb Südtirols als kälter und verschlossener war, aber auch als ordentlicher und disziplinierter 51 . Dies wird meist mit einem Lächeln als „typisch deutsch“ in Südtirol herausgestellt. Aber auch von den ‚Bozenern’ unterscheidet sich der „Grödneritaliener“ bewusst - wenn überhaupt Konflikte erwähnt werden, so haben „die da unten“ 52 diese Probleme. Der „Grödneritaliener“ distanziert sich deutlich von den Polemiken, die in den urbanen Regionen der Provinz und in den Medien vollzogen werden 53 . Gegenüber den Ladinern grenzen sich die älteren italienischsprachigen Bewohner des Grödnertals jedoch in den meisten Kontexten ab. Sie sprechen von ihnen respektvoll und freundlich, zeigen aber durch ihre Haltung auch, dass diese irgendwie ein eigenes Volk sind, das die Kultur und die Traditionen des Tales maßgeblich bestimmt 54 . Ihnen ist bewusst, dass sie innerhalb des Tales die Minderheit sind, sehen jedoch durch diesen Umstand keinerlei Probleme oder Konflikte 55 , sondern sind zufrieden mit der sich entwickelnden Situation im Zusammenleben, und finden es sei „perfekt“ 56 . Vielleicht wird jedoch am Beispiel am besten deutlich, wie „italienisch“ die italienischsprachigen Bewohner Südtirols sich verhalten. Bei Fragen nach familiären Traditionen, vor allem in Bezug auf das Essen - Pasta oder Knödel -, zeigte sich deutlich, dass auch nach Jahren des
49 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit dem Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, 14.09.05.
50 Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen, 20.09.05.
Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
51 Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen, 20.09.05.
Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
52 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
53 Interview mit C. Schenk, Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19.09.05.
Interview mit L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
54 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
55 Interview mit L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
56 Zitat: Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
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Zusammenlebens im Grödnertal, weiterhin am liebsten italienisch gekocht wird 57 . Die Wahrnehmung scheint also weiterhin durchaus von italienischen Merkmalen und Traditionen geprägt zu sein, dies wirkt sich jedoch keineswegs als problematisch im Zusammenleben aus, sondern führt zu einer Bereicherung der lokalen Kultur und des Lebensgefühls im Tal.
4.2 Ausgewählte Fremdwahrnehmungen
Resultierend aus Abgrenzungsschwierigkeiten und dem Sich-Andeuten einer partiellen Mischung eines Teils der Bevölkerung im Grödnertal, haben wir auch Sichtweisen notiert, die mehr den Fremdwahrnehmungen der italienischen Sprachgruppe zuzuordnen sind und hier als Exkurs einen Querschnitt durch mehrere Themenbereiche darstellt. Eine Person nimmt sich nicht nur selbst wahr, sondern wird fortwährend auch von der sozialen Umwelt wahrgenommen und identifiziert. Ausschlaggebende Merkmale können hierbei beispielsweise der Name, die regionale Herkunft oder ein bestimmtes Verhalten sein. Wie bereits erwähnt, differierte die Zuschreibung des Merkmals „echter Italiener“ durch Mitmenschen des Ortes manchmal von deren Selbstwahrnehmung.
Wenn beispielsweise ein italienischer Ehepartner nach Südtirol gezogen ist, um mit seinem im Grödnertal aufgewachsenen Partner eine Familie zu gründen, wurde in Einzelfällen die ganze Familie als Italienisch bezeichnet, zumal wenn im familiären Umgang viel italienisch gesprochen wird.
Bei der Mitwirkung in Ämtern und kulturellen Einrichtungen wird die Italienische von den anderen Sprachgruppen nicht als ausgeschlossen empfunden. Das Miteinanderleben über die Sprachgruppen hinweg wird als im Vordergrund stehend betont. 58 Die Interessen der Italiener würden ebenso wie die der anderen Sprachgruppen durch kommunale Politik wahrgenommen 59 .
Italiener scheinen weniger flexibel zu sein, was das Erlernen von anderen Sprachen betrifft. Dieses wird speziell als Problem der „Bozener Italiener“ eingeschätzt, da dort eine Trennung der Sprachgruppen „im Kopf“ als auch im Alltagsleben noch stark ausgeprägt ist. Aus der Sicht einer Ladinerin 60 sei die Kultur in den Städten Südtirols „geschlossener“ als beispielsweise die in St. Ulrich. Diese starke Abgrenzung von den „Italienern“ in den größeren Städten wird des Öfteren hervorgehoben. Dies zeigt sich beispielsweise in der
57 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Interview mit L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit Z. Gennaro, Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Interview mit C. Schenk, Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19.09.05.
58 Vgl.: Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
59 Vgl.: Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
60 Vgl.: Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
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Aussage, dass „die Anderen in Bozen“, gemeint sind die Italiener, kein Ladinisch sprechen, während die Italiener im Tal offener und in gewissem Maße angepasster leben, z.B. aus dem Grund, dass es in St. Ulrich nur eine dreisprachige Schule gibt. 61 Allgemein wird von der unterrepräsentierten italienischsprachigen Bevölkerung durch Fremdwahrnehmung angenommen, dass „wenn die schlecht leben würden, […] wären ja alle schon weggegangen“, woran die Aussage gekoppelt ist, „dass hier in Südtirol ja alle zusammen gut leben können.“ 62
Interessant ist die Aussage des Bürgermeisters von St. Ulrich, der die Frage nach Italienern in St. Ulrich öffentlich verneint und behauptet, es gebe hier ja gar keine Italiener in der Gemeinde. Hieraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die Italiener dort nicht nur eine kleine Minderheit darstellen, sondern öffentlich weniger in Erscheinung treten bzw. wenig in die öffentlichen Belange einbezogen werden. Hierin wäre eine Diskrepanz zwischen dieser speziellen Fremdwahrnehmung und der Selbstwahrnehmung der italienischen Sprachgruppe auszumachen, da die befragten italienischsprachigen Personen ihrerseits primär keine nachteilige Situation beschreiben. 63
4.3 Der Einsatz von kultureller Identität in verschiedenen Kontexten
Soziale Identität stellt in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise „ein hypothetisches Konstrukt, das lediglich über partielle Identitäten zugänglich ist, die sich z.B. auf verschiedene Lebensbereiche beziehen“ 64 , dar. Die kulturelle Identität eines italienischsprachigen Südtirolers steht also in Abhängigkeit zum jeweiligen Kontext, der die eigene Zurechnung zur Gruppe der „Italiener“ sowohl fördern als auch völlig abweisen kann. So erklären sich einige Jugendliche im Grödnertal als Ladiner, was einerseits als eine Schwächung der italienisch-nationalen Identität gewertet werden kann. Auf der anderen Seite kann dies strategisch mit einer Nutzenkalkulation, die auf eine Vorteil bringende Situation zielt, zusammenhängen. In unserem Fall hängt dies überwiegend mit der schon erwähnten Proporzregelung zusammen. Bei der Erklärung als ladinisch ist jedoch indirekt ein gewisses Interesse für die ladinische Kultur notwendig, was sich zumindest hinsichtlich der Forderung der Dreisprachigkeit auf die Kenntnis der ladinischen Sprache bezieht. 65
61 Vgl.: Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
62 Vgl.: Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
63 Vgl. Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
64 Vgl. Lilli zitiert nach Schuhbauer, W.: Wirtschaftsbezogene regionale Identität. Mannheimer Geographische
Arbeiten 42. Mannheim 1996, S. 14.
65 Hierbei wird vorausgesetzt, dass ein gewisses kulturelles Interesse vorhanden sein muss, wenn man eine
Minderheitensprache erlernt, da diese nur unmittelbar im Kontakt mit Mitgliedern der Minderheit angewandt
und gefestigt werden kann.
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Im Kontext der eigenen Familie hingegen kann es zu einer Betonung der italienischen Traditionen und Sprache kommen. Vornehmlich bei Reisen nach Süditalien, die den Zweck verfolgen, Urlaub zu machen oder Familienmitglieder zu besuchen, werden viele italienischsprachige Südtiroler sich ihrer Herkunftsregion bewusst zuordnen. Damit wird eine Zugehörigkeit zu Italien demonstriert, was insbesondere mit dem Zusammenhalt unter Familienmitgliedern zu erklären ist. Verwandtschaftliche Bindungen sind für die Italiener wichtiger als beispielsweise für die deutschsprachigen Südtiroler 66 . Im täglichen Umgang mit den anderen Sprachgruppen passen sich besonders die jüngeren Italiener der mehrsprachigen Ausgangslage im Grödnertal an, verstehen und sprechen mehrere Sprachen und sehen die kulturelle Vielfalt als persönliche Bereicherung an. Vor allem Jugendliche im sozialen, ökonomischen und kulturellen Zusammenhang neigen eher dazu, sich im Laufe der Zeit aus traditionellen ethnischen Verhältnissen zu lösen 67 . Dies bedeutet eine geringere italienisch-nationale Identität in vielen Lebensbereichen, was durch den gemeinsamen Schulbesuch immens gefördert wird.
In der älteren Generation der italienischsprachigen Bevölkerung haben wir hingegen auch Leute angetroffen, die grundsätzlich und weitgehend kontextunabhängig nur Italienisch sprechen und sich über Jahrzehnte hinweg dagegen verwehrt haben, die deutsche oder ladinische Sprache zu erlernen. Bei diesen ist der Bezug zu Italien größer geblieben als die Identifikation mit der vorherrschenden Situation in Südtirol. Argumente sind hierbei, dass Südtirol zum Nationalstaat Italien gehört und man auch ohne die deutsche und ladinische Sprache in ausreichender Weise im Alltag zurechtkäme 68 . Diese starre Position kann über die Zeit nur deshalb gehalten werden, ohne einem Gefühl der Isolierung ausgesetzt zu sein, da der überwiegende Teil der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung auch italienisch spricht. Anzunehmen ist jedoch, dass solch eine Einstellung bei der jüngeren Generation nicht auftritt und auch keine Akzeptanz finden würde.
5 Konfliktpotenzial zwischen den Sprachgruppen aus „italienischer“ Sicht
5.1 Konfliktwahrnehmung in der italienischsprachigen Bevölkerung
Das Konfliktpotential stellte sich entgegen allen Erwartungen als wenig ausgeprägt dar. Verschiedene Äußerungen der Interviewten, lassen darauf schließen, dass Reibungspunkte und Differenzen auf Grund des hohen Lebensstandards im Grödnertal, der fehlenden
66 Vgl.: Meßner, J.: Ethnizität. Mailand/Berlin 1998, S. 485f.
67 Vgl.: Meßner, J.: Ethnizität. Mailand/Berlin 1998, S. 480.
68 Vgl.: Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
Vgl.: Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
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Konkurrenz in der Arbeitswelt und der gemeinsamen Lebensweise in den Hintergrund rücken, denn soziale Krisen aus ethnischer Sicht gehen häufig auf Zukunftsangst zurück 69 und diese ist anscheinend bei niemandem vorhanden. Nur bei einer direkten Konfrontation mit Ungerechtigkeiten zwischen den Sprachgruppen konnten verschiedene Konflikte in das Bewusstsein gebracht werden.
Außerdem ist es „eine soziale Tatsache, die nicht erst in der Gegenwart bekannt geworden ist, dass Gruppen von Menschen, die kulturelle Gemeinsamkeiten besitzen, geschichtliche und aktuelle Erfahrungen miteinander teilen […] auf dieser Basis ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewusstsein ausbilden.“ 70 Da die Vergangenheit der italienischen Sprachgruppe in Südtirol auf eine sehr kurze Zeit 71 zurückblickt und die Geschichte der Italiener in Südtirol schon immer mit der der Deutschen einherging, ist es nahe liegend, dass für Südtirol ein Identitätsbewusstsein aufgebaut wurde, zu dem ebenso die Deutschen und die Ladiner gehören. Zudem erhielten die Italiener in dem Großteil dieser Zeit eine starke Privilegierung, welches ein Konkurrenzgefühl abermals unterbunden hat. Die Seite der „Deutschen“ betrachtet das, wenn man den Zeitungen und Medien glauben schenken möchte, durchaus aus einer völlig anderen Perspektive. Die historische Entwicklung nach 1919 führte bei diesen eher zu gemischten Gefühlen in Bezug auf die anderen Sprachgruppen in ‚ihrem’ Land. Differenzen zwischen den Sprachgruppen erscheinen für die italienische Volksgruppe im Alltag so sekundär, dass sie laut Aussage der meisten Betrachter keine Rolle spielen und so ein einheitliches Bild geschaffen wird, in dem es keine Probleme gibt. Nur die Interpretation einiger Zwischenbemerkungen und die Analyse der persönlichen Beziehungen lassen kleine zwischenmenschliche Konflikte erkennen. Die persönlichen Kontakte werden demnach oft von der Sprachkompetenz beeinflusst, so dass Familienangehörige mit mangelnden Deutsch-und Ladinischkenntnissen vor allem Kontakte zu vornehmlich italienischsprechenden Menschen pflegen. Es gibt in diesen Fällen zwar keine störenden Probleme zwischen den Sprachgruppen, aber die Kommunikation wird dadurch auf das Nötigste beschränkt. Es existieren keine Schwierigkeiten, da es keine Kontakte gibt 72 , und es findet so eine Absonderung von der Dorfgemeinschaft statt. Diese Abgeschiedenheit und teilweise Ausgrenzung wird von den Betroffenen nicht auf Konflikte, sondern auf persönliche Charaktereigenschaften zurückgeführt 73 .
69 Vgl.: Böckler, S. (Hrsg.): Soziologisches Jahrbuch 12, 1996, Bd. I-II, Mailand/ Berlin 1998, S. 86.
70 Zitat: Meßner, J.: Ethnizität. Mailand/Berlin 1998, S. 473-493.
71 Siehe Anhang: Geschichtliche Entwicklung.
72 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
73 Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
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Die italienischsprachigen Bewohner vermitteln aber prinzipiell ein durchweg harmonisches Grödnertal, in dem die kulturelle Besonderheit der Dreisprachigkeit jegliche Probleme in den Hintergrund drängt. Es wird sowohl von italienischen Hotelbesitzern und Angestellten, als auch von Geschäftsleuten, also Besitzern von Leder-, Schuh und Modegeschäften, das heißt Menschen, deren Beruf vom Tourismus abhängt, versucht, ein sehr positives Image des Zusammenlebens zu verkaufen.
Ein konfliktträchtiges Thema ist dagegen in der Politik und dem Tourismus zu finden. Das Grödnertal wird in der Öffentlichkeit als „Ladinien“ vermarktet. Dies birgt die Gefahr, dass die italienischsprachige Bevölkerungsgruppe übergangen und übersehen wird. Auf dieses Problem weisen verschiedene kulturelle Einrichtungen in Bozen hin, die ein Aussterben der italienischen Sprachgruppe in den Tälern befürchten 74 . Das Aufgreifen dieses Themas während der Interviews führte bei den „Italienern“ zu kurzen Stellungnahmen, dass dem nicht so sei und natürlich auch Italiener im Grödnertal leben, wurde aber im Weiteren als Problematisierung durch Bozen und die Medien dargestellt. Auch hier wird Bozen wieder als Negativbeispiel aufgeführt.
Das Problem „Minderheit“ wird in der italienischsprachigen Bevölkerung überhaupt nicht wahrgenommen. Auf Slogans wie „Fremde im eigenen Land“ gehen sie nicht ein. 75 Die Minderheitenproblematik wird vielmehr mit Blick auf neuerliche Migranten aus Osteuropa, die sich innerhalb ihrer Sprachgruppen abgrenzen, negativ hervorgehoben. 76
5.2 Konflikterzeugung in Politik und Medien
„Die Anwendung des ethnischen Proporzes im öffentlichen Dienst entspringt dem elementaren Recht eines Volkes, sich durch eigene Beamte vertreten zu lassen. [...] Es soll eine Spiegelbildlichkeit zwischen der ethnischen Zusammensetzung der in Südtirol Ansässigen und den dort öffentlich Bediensteten hergestellt werden.“ 77 Hierin beginnt nach Ansicht einiger Vertreter der italienischen Kultur schon das Problem. Der Konflikt, der sich mit dieser Proporzregelung verbinde, gehe auf den Anteil der ladinischen Bevölkerung in den Tälern zurück, die sich, wie schon erwähnt, im Grödnertal auf nahezu hundert Prozent beläuft, und so für die Besetzung einer öffentlichen Stelle die ladinische Zugehörigkeit vorausgesetzt ist. Dies beeinflusse wie im vorangegangenen Text erläutert die Entscheidungsfindung der ethnischen Zugehörigkeit. Es spielt für das Kulturbewusstsein keinerlei Rolle mehr und darin
74 Interview mit Dr. A. Lampis, Abteilungsdirektor für italienische Kultur, Bozen, 15.09.2005.
75 Siehe Kapitel 4.1 und 4.2 der vorliegenden Arbeit.
76 Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
77 Südtiroler Landesregierung (Hrsg.): Südtirols Autonomie, Bozen Oktober 7 2002, S. 95.
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sehen sowohl Parteien wie die Alleanza Nazionale als auch italienische kulturelle Einrichtungen die Gefahr des Verlustes der italienischsprachigen Bevölkerung in den Tälern 78 .
Eine anderer Konflikt, die zum „Aussterben“ und Abwandern der italienischen Bevölkerung führe, ist nach Meinung der Alleanza Nazionale die mangelnde Beteiligung in der Politik. Die italienischsprachige Volksgruppe werde in diesem System des Verhältniswahlrechts vollständig übergangen und Interessenvertreter hätten keinerlei Chance 79 . Um diesem Trend zu entgegnen, werden vor allem in Bozen, was wiederum die Sonderstellung Bozens hervorhebt, getrennte kulturellen Bildungseinrichtungen, getrennt sprachige Theater und ähnliches unterstützt. In der Realität ist aber eigentlich aktuell eine gegenteilige Entwicklung bei der Wahl zum Bozener Bürgermeister Luigi Spangnolli, einem Bürgermeister, der der italienischen Sprachgruppe zugehörig ist, zu verzeichnen 80 .
Eine besonders gravierende Konflikterzeugung findet im Medium Tagespresse statt. Es gibt auf regionaler Ebene sowohl italienisch- (Alto Adige, Corriere della sera), deutsch(Dolomiten, Südtirol heute) als auch ladinischsprachige (Usc di Ladins) Tageszeitungen. Die Problematik der Medien ist, dass sie vor allem auf Tageszeitungsebene mit Slogans arbeiten und Probleme zu sehr vereinfachen, um vor allem den Absatz zu erhöhen. „Die Probleme liegen vielleicht mehr in der Presse und in der Politik“ 81 , als in der Bevölkerung selbst. Es werden Konflikte projiziert, die nicht allgemein anwendbar sind. Die Presse orientiert sich meist an Bozen. Die Bevölkerung der Täler grenzt sich aber immer klar von dem „Problemkind“ Bozen ab, nicht zuletzt auf Grund der Besonderheit der Dreisprachigkeit und der wesentlich besseren wirtschaftlichen Lage, die oftmals sowieso ein geringeres politisches Interesse nach sich zieht. Für die Bevölkerung des Grödnertals sind die Probleme, die in den Medien erläutert werden, überspitzt und unrealistisch. Das Zusammengehörigkeitsgefühl scheint so weit fortgeschritten zu sein, dass eine Sprachgruppendifferenzierung, wie es ausnahmslos in allen Zeitungen gemacht wird, nicht mehr funktioniert. Es werden zwar immer noch bestimmte Sprachgruppenklischees bedient und erzeugt, aber diese würden nur auf Einzelne der Dorfgemeinschaft, aber vor allem auf die Bozener zutreffen. 82 So werden z.B. in der deutschen Presse immer sehr konflikthaltige Leserbriefe veröffentlicht, um so die
78 Interview mit Dr. A. Lampis, Abteilungsleiter für italienische Kultur, Bozen, 15.09.2005.
79 Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen, 20.09.05.
80 ARD-Hörfunkstudio Rom, Jörg Seisselberg, 11.11.2005 zur Wahl des Bozener Bürgermeisters Luigi
Spagnolli;http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4943226_TYP6_THE_NAV_REF1_BAB,0
0.html.
81 Zitat: Dr. Antonio Lampis, Abteilungsdirektor für italienische Kultur, zum Thema Medien, Bozen,
15.09.2005.
82 Interview mit C. Schenk, Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19. 09.05.
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vermeintliche Haltung der Bevölkerung widerzuspiegeln, oder es werden Spannungen zwischen Italien und Südtirol besonders ausführlich diskutiert.
6 Die „Magie der Vielfalt“
6.1 Kulturbewahrung in Institutionen
Auf der Ebene der Autonomen Provinz Bozen wird nach dem Gleichberechtigungsprinzip Kulturarbeit und Kulturpflege in getrennten Institutionen betrieben. So gibt es in Südtirol ebenso eine Abteilung für deutsche Kultur wie eine Abteilung für italienische Kultur, die miteinander in der Arbeit erstaunlich wenig zu tun haben 83 . Die Abteilung für italienische Kultur der Provinz Bozen kümmert sich folglich um die kulturellen Bedürfnisse der italienischsprachigen Bevölkerung. Sie unterstützt das Teatro stabile, das - innerhalb ganz Italiens bekannt für seine hohe Theaterqualität 84 - und organisiert Ausstellungen italienischer Künstler, unterhält sogar ein Jugendzentrum, das eigens auf italienischsprachige Jugendliche ausgerichtet ist. Des Weiteren veröffentlicht die Abteilung für italienische Kultur zahlreiche Werke von Südtiroler Literaten und Künstlern 85 . Diese Institution versucht, laut Aussage des Abteilungsleiters, ein Bewusstsein für italienisch-südtirolerische Kultur zu schaffen, dass bisher sowohl durch die Konflikte zwischen den Sprachgruppen als auch durch die Heterogenität der italienischsprachigen Südtiroler, die nahezu aus allen Regionen Italiens nach Südtirol gekommen sind und starke Unterschiede in ihren Traditionen und Einstellungen, sowie in ihren Dialekten aufweisen, noch nicht deutlich ausgeprägt ist. Auf diesem Wege solle das Selbstbewusstsein der italienischsprachigen Südtiroler gestärkt werden, um so in der Folge das Zusammenleben auch mit den anderen Sprachgruppen zu normalisieren und zu vereinfachen 86 .
Im Grödnertal ist diese Art der Kulturarbeit unwirksam. Sie beschränkt sich auf die urbanen Gebiete, in denen die deutliche Mehrheit der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe lebt. Im Grödnertal wird die ladinische Kultur massiv unterstützt und vor allem innerhalb der letzten zehn Jahre durch starke Investitionen ins Bewusstsein der Bevölkerung
83 Interview Dr. A. Lampis, Abteilungsleiter für italienische Kultur, Bozen, 15.09.2005.
84 Zur weiteren Information: www.theater-bozen.it.
85 Vgl.: Provincia Autonoma di Bolzano - Alto Adige, Cultura italiana (Hrsg.): Scripta manent - cultura, arte e
formazione in provincia di Bolzano 2004, Bozen 2004.
Vgl.: Provincia Autonoma di Bolzano - Alto Adige, Cultura italiana (Hrsg.):Alto Adige - cultura e territorio,
catalogo delle pubblicazioni, Bozen o.J.
Vgl.: Passerella, B./ Troncon, R.(Hrsg.): Italian copyright. Il fascino discreto dei sudtirolesi italiani, Bozen
2004.
86 Interview Dr. A. Lampis, Abteilungsdirektor für italienische Kultur, Bozen, 15.09.05.
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zurückgeholt 87 . Dies ist, angesichts der geringen Zahl von Ladinern innerhalb der Republik Italien, mehr als verständlich und kann als große Leistung der kulturellen Arbeit vor Ort gesehen werden. Für die Italiener vor Ort bedeutet dies allerdings, dass sie ihre Traditionen und kulturellen Besonderheiten vor allem im familiär-privaten Rahmen bewahren müssen. Es gibt im Grödnertal keinen explizit als italienisch ausgewiesenen Verein, weder im kulturellen noch im sportlichen Bereich. Auf Nachfragen reagierten die Interviewpartner erstaunt 88 . Die Akzeptanz und Wichtigkeit der Bewahrung der ladinischen Kultur ist so groß, dass der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe das Fehlen eigener Kulturvereine als selbstverständlich erscheint. Wenn sie italienische Kultur konsumieren möchten, greifen sie auf die reichhaltigen Angebote in Bozen zurück und sehen diese Situation als vollkommen ausreichend an 89 .
6.2 Wahrnehmungen zu kulturellen Besonderheiten Südtirols
Die besondere Stellung Südtirols zwischen Österreich und Italien mit einer Italienzugehörigkeit, gegen die sich nach Angaben der Zeitungen zumindest die „Deutschen“ immer noch verwahren, ist es schwierig, typische Symbole für Südtirol heraus zu kristallisieren. Auf Grund der kurzen gemeinsamen Geschichte 90 fällt die Eigentypisierung den italienischen Südtirolern meist sehr schwer, so dass oftmals eine Fremdtypisierung stattfindet, die dazu dient, überhaupt zu wissen, was sie selbst sind 91 . Die fehlenden regionalen Wurzeln haben ein ganz eigenes Bild der „Italiener“ geschaffen. Es entstand ein Ländchen, in dem zu Gunsten der Kommunikation die vollkommen zusammengewürfelten, starken italienischen Dialekte weitgehend aufgegeben werden mussten. Vom temperamentvollen hitzigen Sizilianer bis hin zum ausgeglichenen, das gute Essen liebenden Toskaner, durchmischt von sesshaften Deutschen, die ihre Heimat nicht aufgeben wollten, um einmal in Klischees zu sprechen, entstand eine stark differenzierte Bevölkerung. So verschieden wie die Herkunft der Italiener ist, ist auch die Wahrnehmung zu den kulturellen Besonderheiten Südtirols.
Auf der einen Seite wird konstatiert, dass die zusammengewürfelten Menschen der verschiedenen Regionen Italiens, die sich kulturell, charakterlich und auch optisch unterscheiden, Bozen auf ein Weltstadtniveau wie London und New York heben würden und
87 Interview mit Ewald Moroder, Bürgermeister von St. Ulrich, St. Ulrich, 12.09.05.
88 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16. September 2005.
Interview mit C. Schenk, Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19. September 2005.
89 Interview mit L. Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16.09.05.
90 Siehe Anhang: Geschichtliche Entwicklung.
91 Böckler: Soziologisches Jahrbuch, Mailand/ Berlin 1998, S. 76.
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aus der 100.000-Einwohner-Stadt eine Millionen-Stadt machten 92 . Auf der anderen Seite wird von einem ganz eigentümlichen Volk gesprochen, bei dem die Italiener einige Merkmale der Deutschen wie Korrektheit, Kälte und Pünktlichkeit angenommen hätten und damit sich immer mehr vom Rest Italiens absondern würden.
Alle Beteiligten heben die Bereicherung durch die Vielfältigkeit Südtirols hervor, die durch die Mehrsprachigkeit, die Natur, aber auch den Tourismus aus aller Welt geschaffen wird. Eine andere Besonderheit ist der inselartige Wohlstand der Region. Nach Angaben der meisten Betrachter würden auch die Zugezogenen die Vorzüge des Wohlstands derart schätzen, dass sie nicht mehr zurück nach Hause wollten 93 .
Südtirol als Ganzes wird oft als eine „Mischung“ verstanden. Eine Mischung aus Italien und Österreich. Es sind sich alle im Klaren darüber, dass die autonome Provinz zu Italien gehört, aber sie dennoch immer etwas Besonderes ist, „Südtirol ist Italien, aber Südtirol“ 94 . Naturmerkmale wie Berge, Schnee und Almwiesen, die vor allem im Tourismus benutzt werden, sind direkte Assoziationen, die auch die italienische Sprachgruppe mit Südtirol hat. Das fehlende Meer, die fehlende Wärme und die fehlende Sonne werden aber ebenso herausgestellt. Diese naturräumlichen Merkmale dürfen in ihrer Wirkung auf den soziokulturellen Identifikationsprozess nicht unterschätzt werden. Die italienischsprachigen Südtiroler stehen deutlich zu dem „Mutterland“ Italien. Dennoch werden von ihnen typisch deutsche Speisen in Verbindung zu auch‚ihrem’ Südtirol gebracht. Auch wenn in der Familie weiterhin italienische Kost bevorzugt wird, vermarkten sich die Knödel im Tourismus besser. Die Frage auf Pasta oder Knödel beantwortet sich also auch bei den Italienern nur mit: „Panödel!“.
7 Grödnerische Mischkultur? Ein Fazit
Die vorliegende Studie war auf der Suche nach einer kulturellen Identität der italienischsprachigen Südtiroler. Nach einleitenden, allgemeinen Betrachtungen zur kulturellen Identität von Gruppen, wurden hierbei im Folgenden vor allem die Äußerungen von ausgewählten italienischsprachigen Bewohnern des Grödnertals ausgewertet und interpretiert. Es ergab sich ein Bild der ‚Grödneritaliener’, dass nun abschließend zusammengefasst werden soll.
92 Zitat: Dr. Antonio Lampis, Abteilungsdirektor für italienische Kultur zum Thema Symbole Südtirols, Bozen,
15.09.2005.
93 Interview mit C. Schenk, Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19.09.2005.
Vgl. das Kapitel 4.2 der vorliegenden Arbeit.
94 Interview mit L. Andreoli, Hotelbetreiberin, St. Ullrich, 16. September 2005.
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Verschiedene Institutionen sind an einer Bewahrung von starken, verschiedenen Kulturen in Südtirol und im Grödnertal interessiert 95 . Interessanterweise ist in der Realität des Grödnertals nach unserer Einschätzung ein völlig anderes Bild zu beobachten. Schon in der Sprache spiegelt sich wieder, dass ein Mischen der Kulturen - und zu diesen gehören die Sprachen im allgemeinen Verständnis, unumgänglich ist. Oft finden sich Paare, die zwei verschiedenen Volksgruppen angehören und deren Kinder offenbar der Inbegriff einer Mischkultur sind, die fernab des vergangenen Volksgruppenstreits stehen 96 . Die Förderung der Dreisprachigkeit im Grödnertal - deutsch, italienisch und ladinisch, in den Schulen -, aber auch das Alltagsleben macht es schwierig für Kinder aber auch Erwachsene, eine Sprache allein und auf hohem Niveau zu sprechen. Oft wird die Sprache im Alltag gemischt, beispielsweise werden Fragen auf ladinisch gestellt, die Antworten auf italienisch gegeben. 97 Für den Touristen wird dieses Phänomen am deutlichsten an den öffentlichen Schildern sichtbar, die alle dreisprachig sind. Die angeblich mangelnde Kompetenz 98 in allen drei Sprachen könnte sich problematisch für die Jugendlichen entwickeln, kann aber genauso als Entwicklungsvorsprung gegenüber monolingual aufgewachsenen Kindern gesehen werden.
Ein anderes Charakteristikum der Mischkultur ist, wie gezeigt worden ist, die Instrumentalisierung der Zugehörigkeitserklärung 99 .
Als Beispiel für eine stärker auf Abgrenzung gerichtete Sprachpolitik ist das getrennte Schulsystem in Bozen zu sehen. Einige der Befragten kritisieren dieses aber zutiefst und empfinden es als politische Oktroyierung. Sie nutzen in besonderen Fällen dieses System, wenn man es so nennen will, etwas ironisch für ihre Zwecke und gebrauchen es, um ihrer bevorzugten Begabung für die deutsche oder italienische Sprache nachzugehen, und so den „Weg des geringsten Widerstandes“ 100 einzuschlagen.
Dem hart erkämpften Kulturbewusstsein der Politik wird im Grödnertal der Boden entzogen, indem die Bewohner die gesetzlichen Regelungen zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen und dadurch teilweise ihrem eigentlichen Zweck entfremden. Was öffentliche Ämter krampfhaft versuchen auseinander zu halten, ist aus Sicht vieler Interviewerpartner eher unangenehm und
95 Siehe Kapitel 6.1 der vorliegenden Arbeit.
96 Vgl.: ARD-Hörfunkstudio Rom, Jörg Seisselberg, 11.11.2005 zur Wahl des Bozener Bürgermeisters Luigi
Spagnolli;http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4943226_TYP6_THE_NAV_REF1_BAB,0
0.html.
97 Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
98 Interview mit N. Demetz, Lehrerin, St. Ulrich, 26.09.05. Vgl. Kapitel 3.1 der vorliegenden Arbeit.
99 Siehe Kapitel 3.2 der vorliegenden Arbeit.
100 Interview mit C. Schenk, Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19.09.05.
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Konflikt erzeugend. Das politische Argument des „friedlichen Zusammenlebens durch Trennung“ sei reine undurchdachte Polemik 101 .
Die Vermischung der Kulturen wird auch deutlich in dem Versuch, Familien in ethnische Gruppen einzuteilen. Einige Familien, die von außen als italienisch wahrgenommen werden, würden sich selbst nicht so einordnen oder andere, die keinerlei Bezug zu Italien haben, erklären sich italienisch, weil ihnen die Sprache besser liegt. Die Frage ist allerdings, ob die Situation kippen würde, wenn sich eines Tages die wirtschaftliche Lage der Provinz ändert. Es ist abzusehen, dass die Vollbeschäftigung und der Wohlstand in Zeiten der Globalisierung nicht aufrechterhalten werden kann, wahrscheinlich auch nicht in Südtirol. Daraus ergibt sich die Frage, ob in einer solchen Situation die ethnische Trennung wieder eine Rolle spielen wird. Nach Ansicht der Befragten im Grödnertal besteht diese Gefahr nicht. Schon allein aus Definitionsgründen innerhalb der „Mischfamilien“ sei dies undenkbar.
Eine sprachgruppenfeindliche Stimmung untereinander ist nicht zu erkennen. Es erfolgt viel eher eine Abgrenzung zu den Migranten aus Osteuropa, die in Südtirol vor allem in Saisonzeiten die ungeliebten Arbeiten wie die Obsternte übernehmen. Im Wohlstand der Grödner-Bevölkerung werden diese noch weitgehend akzeptiert und hingenommen, aber immer mit einem gewissen Abstand betrachtet. 102
Die grödnerische Bevölkerung tritt durchgängig als Gemeinschaft auf. Das Bild des glücklichen Grödners in „Ladinien“ wird gleichermaßen von allen Volksgruppen vertreten. Es hat hier eine „Durchmischung“ stattgefunden, die nicht mehr rückgängig zu machen ist, aber auf die auch alle mit einem gewissen Stolz blicken. Der Zugewinn der verschiedenen Kulturen ermöglicht ein Image für jede einzelne Person, das man sich Maßschneidern kann. Dabei werden die jeweils positiven Aspekte herausgefiltert und in das alltägliche Leben eingebaut. Sei es die ladinische Holzschnitzerei, die italienische Küche oder der deutsche „Biss“ für das Geschäft, jeder arbeitet mit dem kulturellen Aspekt, der besonders gut in seinen „Way of Life“ hinein passt und empfindet es als außerordentlich luxuriös, eine so große Auswahl zu haben. Ganz wie in der „Theorie der sozialen Identität“ beschrieben, findet situationsbezogen eine Identifikation mit der in verschiedenen Kontexten passenden Gruppe statt 103 . Während öffentliche Institutionen und die Alleanza Nazionale Angst vor einer speziellen südtirolischen Entwicklung haben 104 , wird im Grödnertal die krampfhafte
101 Interview mit C. Hell, Hotelinhaberin, St. Ulrich, 23.09.05.
102 Interview mit V. Piazza, Schüler, St. Ullrich, 22.09.2005.
103 Gallenmüller-Roschmann, J. u.a.: Ethnisches und nationales Bewusstsein, Studien zur sozialen
Kategorisierung, Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2000, S.22.
104 Interview mit einem Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen, 20.09.05.
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Kulturtrennung Bozens meist belächelt oder mit Bedenken zur Kenntnis genommen. Das Konzept Grödnertal wird Außenstehenden als Vorzeigebeispiel präsentiert. So vielfältig sich im Rahmen der vorliegenden Untersuchungen die italienischsprachigen Südtiroler, die grödnerischen Italiener, die italienischen Deutschen oder Bozener-Italiener dargestellt haben - das Zusammenleben innerhalb der autonomen Provinz Südtirol kann aus Sicht der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe zum heutigen Zeitpunkt als friedlich und beispielhaft für andere Regionen in Europa bezeichnet werden.
8 Literaturverzeichnis
8.1 Sekundärliteratur
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Gallenmüller-Roschmann, J. u.a.: Ethnisches und nationales Bewusstsein, Studien zur sozialen Kategorisierung,. 2000.
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Klüter, H.: Räumliche Orientierung als sozialgeographischer Grundbegriff. In: Geographische Zeitschrift 75/ H. 2(1987), S. 86-98.
Mayring, P.: Qualitative Inhaltsanalyse und Techniken. Weinheim ²1990.
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Mühler, K., K.-D. Opp: Region und Nation. Zu den Ursachen und Wirkungen regionaler und überregionaler Identifikation. Wiesbaden 2004.
27
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Zappe, Manuela: Das ethnische Zusammenleben in Südtirol. Sprachsoziologische, sprachpolitische und soziokulturelle Einstellungen der deutschen, italienischen und ladinischen Sprachgruppe vor und nach den gegenwärtigen Umbrüchen in Europa. Frankfurt/ Main 1996.
8.2 Internetquellen www.tagesschau.de www.wikipedia.org www.provincia.bz.it www.theater-bozen.it
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8.3 Verzeichnis der Interviewpartner
Vertreter der Alleanza Nazionale, Bozen 20.09.05.
Luigina Andreoli (57), Betreiberin des Hotel Lersc, St. Ullrich, 16.09.05.
Giuseppe Avolio, Mitarbeiter der EURAC, Institut für Föderalismus- und Regionalismus-forschung, Bozen, 21.09.05.
Massimiliano Carboni, Oberkellner im Hotel Adler, St. Ulrich, 22.09.05.
Nicole Demetz, Lehrerin an der Kunstschule, St. Ulrich, 26.09.05.
Zubba Gennaro (54), Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, September 2005.
Carla Hell (49), Inhaberin des Hotels Hell, St. Ulrich, 23.09.05.
Inhaber eines Lederwarengeschäftes, St. Ulrich, 14.09.05.
Dr. Antonio Lampis, Abteilungsdirektor der Abteilung für italienische Kultur, Bozen, 15.09.2005.
Livio Memo, Inhaber eines Schuhgeschäftes, St. Ulrich, 23.09.05.
Valerio Piazza (19), Schüler der Kunstoberschule in St. Ullrich, 22.09.2005.
Carmen Schenk (49), Inhaberin eines Zeitungsladens, St. Ulrich, 19.09.05.
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9. Hintergrundinformationen zur geschichtlichen Entwicklung Um die Situation der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe in Südtirol im Zusammenleben mit den anderen Sprachgruppen vollständig zu erläutern, ist an dieser Stelle ein kurzer Überblick über die historische Entwicklung der Region innerhalb der letzten hundert Jahre notwendig 105 .
Das Gebiet der heutigen Autonomen Provinz Südtirol ist im Zuge der Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg als Wiedergutmachung Österreichs der Republik Italien zugesprochen worden. Im Friedensvertrag von Saint-Germain (1919) wurde diese Teilung der ursprünglichen Grafschaft Tirol in Nordtirol - zu Österreich gehörig - und Südtirol - zu Italien gehörig - vollzogen. Die ehemals österreichische, nun plötzlich staatsrechtlich italienische Bevölkerung, war eine Minderheit in Italien, wurde aber als solche in keiner Weise vom zunächst noch liberal geprägten italienischen Staat geschützt. Als es 1922 zur Übernahme der Macht durch die Faschisten unter Benito Mussolini kam, verschlechterte sich die Situation in Südtirol für die dort ansässige Bevölkerung jedoch erheblich. Die Faschisten betrieben eine Ansiedlungspolitik der ‚Italianisierung’, die zu einer vollkommenen Anbindung der Region an Italien in Sprache, Kultur und Tradition führen sollte. Zudem wurde die deutsche Sprache aus dem Unterricht verdrängt. Italienisch war alleinige Amts- und Unterrichtssprache. Durch die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen in der Industrie wurden vor allem italienische Arbeiter aus allen Gegenden Italiens in die urbanen Regionen Südtirols gelockt. Ein tiefer Graben zwischen der deutschsprachig-ansässigen Bevölkerung und den neuangesiedelten Italienern entstand. Wie bereits gezeigt wurde, haben die noch vorhandenen Probleme im Zusammenleben ihren Ursprung häufig in genau dieser politisch äußerst schwierigen Zeit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Südtirol auf der Pariser Friedenskonferenz im Jahr 1946 erneut Italien zugeteilt. Im sogenannten „Gruber-De-Gasperi-Abkommen“ zwischen dem österreichischen Außenminister und dem italienischen Ministerpräsidenten wurden jedoch erstmals der deutschen Sprachgruppe besondere Schutzmaßnahmen zugesichert. In Folge dieses grundlegenden Abkommens sollte die Gleichberechtigung und der rechtliche Schutz der deutschen Minderheit innerhalb der Republik Italien gesichert werden. Das erste Autonomiestatut für die Provinzen Bozen und Trient wurde 1948 von der italienischen
105 Vgl. historische Darstellungen in:
Zappe, M.: Ethnisches Zusammenleben, Frankfurt/ Main 1996, S.67-81.
Aschauer, Wolfgang: Regionalbewegungen - Aspekte eines westeuropäischen Phänomens und ihre
Diskussion am Beispiel Südtirol, Kassel 1987, S.24-93.
Peterlini, Oskar: Autonomie und Minderheitenschutz in Trentino-Südtirol. Überblick über Geschichte, Recht
und Politik. Trient 1996.
Südtiroler Landesregierung (Hrsg): Südtirol Handbuch. Bozen 2005.
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Nationalversammlung erlassen. Die Bestimmungen dieses ersten Statutes waren jedoch bei Weitem nicht ausreichend in Bezug auf eine angestrebte weitgehende Selbstbestimmung der Provinz und führten in der Folge zu massiven Protesten innerhalb der Region und von Seiten Österreichs, die in den sechziger Jahren in Sprengstoffanschlägen in Südtirol gipfelten. Eine wichtige Rolle spielte hier bereits die Südtiroler Volkspartei (SVP) unter ihrem damaligen Parteiobmann Silvio Magnago. Erst als im Jahr 1960 Südtirol auf Initiative Österreichs Thema einer UNO-Generalversammlung wurde, kamen die Verhandlungen auf politischer Ebene deutlich in Gang. Erst Ende der 1960er Jahre kehrte Ruhe in die aufgewühlte Region ein, 1969 stimmte die SVP einem Paket von Maßnahmen zur Stärkung der Autonomie Südtirols zu. 1972 trat schließlich das neue Autonomiestatut in Kraft, das heute, ergänzt durch zahlreiche Durchführungsbestimmungen der folgenden Jahrzehnte, das friedliche Zusammenleben in der nun tatsächlich weitgehend autonomen Provinz Bozen und Trient bis ins kleinste Detail rechtlich regelt 106 . Erst im Jahr 1993, nachdem schließlich alle Durchführungsbestimmungen des Paketes in Funktion getreten waren, kam es zur endgültigen „Streitbeilegungserklärung“ zwischen Österreich und Italien. Die starken Konflikte zwischen den Sprachgruppen innerhalb der letzten hundert Jahre können erst seit knapp zehn Jahren als beigelegt betrachtet werden. Da solch schwerwiegende gesellschaftliche und ethnische Konflikte im Bewusstsein der Menschen, Familien und sozialen Gruppen lange Zeit überdauern, ist die heutige friedliche Situation Südtirols mit ihren durchaus verschiedenen Stadien 107 des Zusammenlebens der Sprachgruppen als überraschend positiv zu bewerten.
106 Vgl. dazu auch: Interview mit G. Avolio, EURAC, Bozen, 21.09.05.
107 Gemeint ist die bereits deutlich gewordene Unterschiedlichkeit zwischen den in dieser Arbeit diskutierten
Regionen Bozen und Gröden.
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Arbeit zitieren:
Magistra Artium J. Seemann, J. Goldbeck, St. Kettner, 2005, Pasta oder Knödel? Untersuchung zur kulturellen Identität der italienischsprachigen Südtiroler im Grödnertal, München, GRIN Verlag GmbH
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