Bueb selbst versteht sich - mit einem Bild von Thomas Mann sprechend - als Schiffer, der das Schiffchen, das sich durch die 68-er Bewegung und die antiautoritäre Erziehung zu sehr nach links gewandt hat, durch eine starke Neigung nach rechts wieder ins Gleichgewicht bringen möchte. Dem Leser drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass die Begriffe „rechts“ und „links“ hier durchaus politische Richtungen symbolisieren. Bueb selbst bezeichnet sich als „biederer bürgerlicher Gesinnung“, doch ein Hörfunkjournalist wies ihn darauf hin, dass man sein Buch, würde man wenige Passagen modifizieren oder streichen, ohne weiteres auch als bildungspolitisches Programm der NPD lesen könne. Und diesen Eindruck hatte auch ich bei der Lektüre des Buches - vor allem bei Sätzen wie „Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee“ oder auch „Die Nationalsozialisten waren Meister der Gemeinschaftserziehung, das darf man nicht verschweigen“ nach dem vorangehenden überdeutlichen Loblied auf die Gemeinschaftserziehung. Es ist ja nicht falsch, Kinder und Jugendliche in einer Gemeinschaft erziehen zu wollen, auch wenn Buebs Meinung über die „Restfamilien“ (denn tatsächliche Familien gibt es seiner Auffassung nach nur noch sehr wenige) umstritten ist. Aber Feststellungen wie die, dass es richtig sei, dass Individualismus nicht durch das System legitimiert wird (vgl. S. 88), hinterlassen doch einen schalen Beigeschmack auf der Zunge des Lesers. Generell macht der konservative Geist, der das Buch durchzieht, eine Gänsehaut. Kinder und Jugendliche werden geradezu als Gegner dargestellt, die Erziehung mehrfach als „Kampf“ beschrieben und einmal sogar mit der Dressur eines Hundes verglichen. Seltsam mutet es an, wenn Bueb sich auf den Weg der Aufklärung beruft, den er mit seiner Erziehung gehen will. Denkt man daran, dass die Aufklärer die Mündigkeit des Menschen forderten und die allein auf dem Glauben an Autoritäten beruhende Denkweisen kritisch zu hinterfragen, sich - nach Kant - „seines eigenen Verstandes zu bedienen“, so ist man sich nicht sicher, ob Bueb vom Gleichen spricht, wenn man sich die Regeln der Schule, der Bueb über dreißig Jahre lang vorstand, so ansieht.
Geradezu beängstigend erscheinen Buebs Ansichten, wenn man bedenkt, dass Schloss Salem ehemals von Kurt Hahn, dem Begründer der Erlebnispädagogik, gegründet wurde. Der Ansatz Hahns war es, die Schüler unter möglichst wenig Leitung eines Lehrers eigene Erfahrungen sammeln zu lassen, aus eventuell gemachten Fehlern zu lernen, unabhängig von übergeordneten Autoritäten ihren Weg zu gehen und eigenverantwortlich Projekte auf die Beine zu stellen. Was hätte Kurt Hahn, der so großen Wert auf die Bildung junger Menschen zu politisch verantwortlich denkenden und handelnde Bürgern legte, gesagt zu einer Aussage wie: „Inzwischen vertrete ich die Auffassung, dass Internate wie Salem mit einer
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Sonja Filip, 2007, Die Sehnsucht nach der harten Hand - Rezension zu Bernhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. List Verlag, Berlin 2006 , München, GRIN Verlag GmbH
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