Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
S 3
II. Hauptteil
S 4 - 4 1
1. Erst das Dramenfragment, dann Prometheus, dann Ganymed?
S.4-7
2. Die Jugendhymne Prometheus 1 : „Die Autonomieerklärung des
sch öpferischen Menschen“ 2
S 8 - 2 7
2.1 Entstehung und Veröffentlichung: „Zündkraut einer Explosion“ 3
S.8-10
2.2 Die Funktion der formalen Eigenheiten
S 1 1 - 1 3
2.3 Das Verhältnis zur Mythologie
S 1 3 - 1 6
2.4 Versuch eines eigenen Zugangs zum Text
S 1 6 - 2 7
3. Die Jugendhymne Ganymed 4 : Das sich im „Ursprünglichen“ aufgebende
und dorthin zurückkehrende Individuum
S 2 8 - 3 6
3.1 Umstände von Entstehung und Publikation
S 2 8
3.2 Formale Auffälligkeiten
S 2 9 / 3 0
3.3 Das Verhältnis zur Mythologie
S 3 0
3.4 Interpretationsversuch
S 3 1 - 3 6
4. Gegenüberstellung der beiden goetheschen Hymnen Prometheus und
Ganymed
S.37-41
4.1 Zum komplementär gedeuteten Verhältnis von Verselbstung und
Entselbstigung
S 3 7 - 3 9
4.2 Zwei unterschiedliche Verwirklichungen des Geniebegriffs?
S.40/41
III. Schlussbemerkung
S 4 2 / 4 3
IV. Literaturverzeichnis
S 4 4 / 4 5
1 Entnommen aus: Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005, S.43/44
2 Schmidt, Jochen, Die Geschichte des Genie- Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik
1750-1945, Bd.1,Von der Aufklärung bis zum Idealismus, Darmstadt, 1985, S.261
3 Wild, Inge, Prometheus, In: Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005,
S.45 Goethes Werke, herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, Bd.28, München,
1987, S.313
4 Entnommen aus: Conrady, Karl Otto, Johann Wolfgang von Goethe, Ganymed, In: Wiese, Benno von (Hg.), Die
deutsche Lyrik I, Form und Geschichte, Interpretationen vom Mittelalter bis zur Frühromantik, Düsseldorf,
1956, S.227
2
I. Einleitung
Diese Arbeit wird sich mit den beiden Jugendhymnen Goethes - Prometheus und Ganymed - näher auseinandersetzen, wobei auch hin und wieder Bezüge zum Dramen-Fragment Prometheus hergestellt werden müssen. Goethe schuf seine Meisterwerke des Sturm und Drang im Alter von gerade einmal 25 Jahren, als er als Anwalt in Frankfurt tätig war.
Zunächst sollen dabei die Hymnen einer einzelnen, getrennten Untersuchung im Hinblick auf die Entstehung, die Edition, Formales, das mythologische Verhältnis unterzogen werden. Danach wird der Versuch einer eigenen Interpretation unternommen (s. Punkte 1. bis 3.). Die so gewonnenen Ergebnisse werden abschließend in Punkt vier gegenübergestellt und verglichen, um etwaige Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede herausarbeiten zu können. Hierbei wird vor allem auf das komplementär gedeutete Verhältnis von Verselbstung und Entselbstigung einzugehen sein, und es gilt herauszufinden, ob Prometheus und Ganymed zwei verschiedene Varianten des Geniebegriffs realisieren oder in ihrem Ansatz diesbezüglich übereinstimmen.
3
II. Hauptteil
1. Erst das Dramenfragment 5 , dann Prometheus, dann Ganymed?
Weil in der Forschung keinerlei Einigkeit über die Frage nach der Entstehungsreihenfolge von Prometheus- Fragment und den beiden Hymnen 6 Prometheus und Ganymed besteht, soll zunächst der Versuch unternommen werden, diese zu klären. Dabei steht eindeutig fest, dass die beiden schwierigen Dichtungen, Dramenfragment und die Hymne Prometheus, aufs engste zusammengehören und deshalb auch häufig zusammen erläutert werden. „Auf eine merkwürdig halbe Forschungsmeinung stößt [aber], wer auch noch die Hymne Ganymed in den Kreis der jugendlichen Prometheusdichtungen 7 stellen will.“ 8 Rolf Christan Zimmermann fährt fort, dass sich zwar generell zwischen dem Drama und Ganymed keine
Zusammenhänge erkennen ließen, jedoch scheinen Ganymed und die Prometheus -Hymne zusammenzuhängen. Schon die Textgeschichte lasse diesen Zusammenhang erkennbar werden: Erstens sind beide Texte unmittelbar aufeinander entstanden 9 , wie sich in 2.1 uns 3.1 noch herauskristallisieren wird und zweitens hat Goethe selbst, durch die stete Zusammenstellung beider Gedichte seit der Veröffentlichung 1789, den Eindruck einer Zusammengehörigkeit provoziert. Doch es wäre verfrüht, beide Dichtungen schon jetzt, vor der Untersuchung, lediglich aufgrund der
5 Das Fragment besteht aus zwei Akten, im ersten führt Prometheus einen Monolog. Eigentlich sollte dieser
Monolog den dritten Akt eröffnen. 1830 erscheint er dann in der Ausgabe letzter Hand tatsächlich als
Eröffnungsmonolog des 3. Aktes und damit als Schluss des Ganzen. Problematisch ist dabei, dass die Hymne
inhaltlich überhaupt nicht an diese Stelle des Dramas passt, was die Verständnisschwierigkeiten zudem
verstärkt.
6 Hymen: Feierliche, begeisterte Gesänge, in denen meist Gottheiten verehrt werden. Bei Goethe gilt die Hymne
jedoch nicht mehr dem Göttlichen oder der Gott Natur, sondern dem schöpferischen Menschen, so dass dieser
einen göttlichen oder gottgleichen Rang erhält. Vom großen Pathos beseelte an keine strophischen und
metrischen, Normen gebundene Lyrik. Der Hymne entsprach im 18. Jahrhundert die Ode. Die Reihe der Sturm
und Drang Hymnen Goethes setzte im Frühjahr 1772, mit Wandrers Sturmlied ein. Goethes Hymnen stehen im
Zusammenhang mit der Tradition des erhabenen Stils und beinhalten meist ein traditionelles Segment der
Antiken- Aneignung. Goethe setzte sich dafür intensiv nicht mit Horaz, dafür jedoch mit Pindar und der Poetik
der pindarischen Ode auseinander, welcher seit der Renaissance als unübertroffenes Muster der hohen,
enthusiastischen Ode galt.
7 Über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg entstanden Goethes Prometheusdichtungen: Prometheusdrama, -Hymne und
das Festspiel Pandora. Das Interesse für den Stoff riss Zeit seines Lebens nie gänzlich ab.
8 Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des
deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.119
9 Zwischen den beiden Texten liegen kaum mehr als sechs Monate.
4
Editionsgeschichte als komplementäres Paar 10 zu deklarieren. Dennoch gilt es diesem Standpunkt im Laufe der Untersuchung nachzugehen.
In der Forschung gehen die meisten Interpreten darüber konform, dass jeweils zwei der drei Dichtungen einander zugeordnet werden können: Prometheus- Fragment und Prometheus- Hymne aus Gründen einer, durch Adaption entstandenen, thematischen Parallelität sowie Prometheus- Hymne und Ganymed aus Gründen einer ebenso deutlichen thematischen Polarität. Daraufhin schlussfolgert Zimmermann 11 , dass vermutlich alle drei Dichtungen aus derselben Intention heraus entstanden seien. Problematisch ist dabei jedoch der bereits erwähnte Aspekt, dass in der Forschung die Meinungen bezüglich der zeitlichen Reihenfolge der drei Werke stark variieren. Wenn Zimmermanns Vermutung, dass alle drei Werke aus derselben Intention heraus entstanden seien, jedoch zuträfe, dann müsste das erstentstandene Werk auch die Weichen für die dichterische Planung und Verwirklichung der anderen beiden Werke gestellt haben, so dass bereits eine Gemeinsamkeit, nämlich der Rückgriff auf die selbe Quelle herausgearbeitet wäre.
Weiterhin besteht in der Forschung, aufgrund biographischer und stilistischer Argumente, Einigkeit darüber, dass Ganymed zuletzt entstanden sein muss. Hinsichtlich der Entstehung von Prometheus- Fragment und -Hymne gehen die Meinungen jedoch auseinander: So behauptete Edith Braemer 1959 noch die Priorität des Fragments, um 1965 von Hanna Fischer- Lamberg eines vermeintlich Besseren belehrt zu werden, als diese die Überlegenheit der Hymne prognostizierte. Beide Seiten konnten ersichtliche Argumente für ihre jeweilige Seite anbringen und beide Seiten fanden Unterstützung von den klügsten Köpfen der älteren Goethe Forschung. Doch seit man Prometheus-Hymne und Ganymed in der Forschung als komplementäres Paar aufzufassen begann, schien sich die Entstehungsproblematik von selbst zu klären: „Wenn Ganymed nach der schon bisher einhelligen Forschermeinung dem Dramenfragment nachfolgte, so kann neuerdings auch sein ideeller Partner, die Prometheus- Hymne, schwerlich schon vor dem Fragment konzipiert worden sein.“ 12 Um eindeutig von der Überlegenheit des Fragments zu überzeugen, bringt Zimmermann drei weitere Überlegungen an: Zunächst
10 S. Puls von Verselbstung und Entselbstigung, was als Goethes Privatreligion während seiner Jugendjahre galt.
11 Vgl. Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des
deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.120
12 a.a.O., S.122
5
eine Aussage Goethes in einem Brief an den Finder des verschollenen Prometheus-Fragments von 1819. „Nur zwei Acte können es sein; der Monolog Prometheus 13 , der durch Jacobis Unvorsichtigkeit so vielen Lärm machte, gehörte eigentlich hierher, kann aber nicht in dem Manuscript stehen, welches sich bei Lenz gefunden.“ 14 Doch warum wusste Goethe nach fast fünfzig Jahren, dass die Hymne Lenz nicht vorlag? Entweder sollte sie Lenz nicht vorliegen, was jedoch ausgeschlossen werden kann, weil Goethe diesem ja bereits frühstmöglich das Fragment zukommen lies. Vielmehr kann man schlussfolgern, dass die Prometheus- Hymne Lenz noch gar nicht vorliegen konnte, weil sie schlichtweg noch nicht existierte. Als weiteres Indiz für die Überlegenheit des Fragments kann Goethes Haltung gegenüber den Prometheus- Dichtungen angebracht werden: So schienen ihm, als er für den Verleger Göschen eine erste Sammlung seiner Werke zusammenstellte, Ganymed und Prometheus der Veröffentlichung würdig, nicht jedoch das Fragment, welches er zu diesem Zeitpunkt bereits Frau von Stein geschenkt und somit aufgegeben und vergessen hatte. 15 Am ersichtlichsten erscheint jedoch der Aspekt, dass Goethe das eine Werk „als Steinbruch für [das] andre“ 16 herangezogen hat, indem er ganze Partien aus diesem fürs andere zur Verfügung stellte. Somit scheint die Lösung der Prioritätsfrage in den parallel laufenden Zeilen von Fragment und Hymne zu liegen. Karl Koetschau entdeckte vor dem ersten Weltkrieg eine frühe Fassung der Hymne Prometheus, wenn nicht sogar den ersten Entwurf. Er enthält den endgültigen Hymnentext noch als Korrektur über einem ursprünglichen Wortlaut. Kaum vorstellbar scheint hierbei nicht nur für Rolf Zimmermann der Aspekt, dass die Forschung bisher nicht erkannte, dass es sich dabei exakt um Zeilen des Prometheus- Fragments handelt. Somit ist klar: die früheste Fassung der Hymne hat sich am Fragment orientiert und muss demnach auch nach diesem entstanden sein. Doch wozu die mühevolle Arbeit die Prioritätsfrage zu klären? Wenn feststeht, dass Goethe zuerst das Drama in Angriff nahm, welches jedoch aufgrund einiger Konzeptionsprobleme 17 ein Fragment blieb und
13 Entspricht der Prometheus- Hymne.
14 Vgl. Gräf, Hans Gerhard, Goethe über seine Dichtungen, 2.Teil, Bd.4, Frankfurt/ Main, 1908, S.78, zitiert nach:
Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des
deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.122
15 Vgl. Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des
deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.122/123
16 a.a.O., S.123
17 Vgl. a.a.O., S.161-166
6
dann zum „Steinbruch“ für die beiden Hymnen umfunktioniert wurde, schließlich stehen sich ja beide, wie bereits angedeutet, thematisch polar gegenüber, dann müsste man nicht nur in der Prometheus- Hymne etwas aus dem Fragment wieder finden, sondern auch in Ganymed. Denn der polare Rhythmus des Fragments ist in seine komplementären Momente auseinander getreten, um in der Prometheus- Hymne als Verselbstungs- Puls, in Ganymed als Entselbstigungs- Puls festgehalten zu werden. Folgendes gilt es anschließend noch näher zu untersuchen. Im Folgenden möchte ich die chronologische Entstehungsreihenfolge beibehalten und demnach mit der Untersuchung der Prometheus- Hymne beginnen.
7
2. Die Jugendhymne Prometheus 18 : „Die Autonomieerklärung des schöpferischen
Menschen“ 19
2.1 Entstehung und Veröffentlichung: „Zündkraut einer Explosion“
Wie in 1. bereits festgestellt, arbeitete Goethe Prometheus zwischen Herbst 1773 und Anfang des Jahres 1775 aus dem gleichnamigen Dramenfragment heraus. Das Drama, in dem Prometheus seine Heimat verlässt, um aus Lehm den Menschen zu formen, den er erst mit Hilfe Minervas zum Leben erwecken kann, hat Goethe nie vollendet. Erst zehn Jahre später sollte es aufgrund „Fremdverschulden“ zum „Zündkraut einer Explosion“ werden, als es den Spinozismus- beziehungsweise Pantheismusstreit auslöste.
Der junge Goethe wusste genau um die Provokation, die, in den derzeitigen problematischen politischen Verhältnissen 20 , von seiner Hymne Prometheus ausging, weshalb er sie nicht veröffentlichen wollte, sondern nur im engsten Freundeskreis zirkulieren ließ 21 . In einem Brief an Zelter vom 11.05.1820 schrieb Goethe im Hinblick auf das dramatische Fragment: „Lasset ja das Manuskript nicht zu offenbar werden, damit es nicht im Drucke erscheine. Es käme unserer revolutionären Jugend als Evangelium recht willkommen…“ 22 Umso verärgerter schien Goethe dementsprechend über den Streich Friedrich Jacobis gewesen zu sein, als dieser im Jahre 1785 Prometheus in seiner Abhandlung Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelsohn der breiten Öffentlichkeit mitteilte. Hierbei sollte Prometheus, der als atheistisches Skandalon präsentiert wurde, Jacobi als Beleg für die wohl erregteste Debatte der deutschen Spätaufklärung dienen, nämlich für die Behauptung, dass
18 Entnommen aus: Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005, S.43/44
19 Schmidt, Jochen, Die Geschichte des Genie- Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik
1750-1945, Bd.1,Von der Aufklärung bis zum Idealismus, Darmstadt, 1985, S.261
20 Deutschland setzte sich aus einem Flickenteppich von Fürstentümern zusammen, die alle starke Differenzen in
ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung aufwiesen. Städte wie Hamburg, Köln
und Frankfurt bildeten liberale, aufklärerische Zentren, in denen das Bürgertum eine starke Stellung einnahm.
Zudem befand sich Deutschland im Spannungsfeld der beiden Großmächte Österreich und Preußen.
Politische Aufklärung, industrielle Revolution und ein erstarkendes Bürgertum waren nur rudimentär
vorhanden. Doch dafür war die feudale Herrschaft des Adels nach wie vor ungebrochen.
21 Die älteste, vollständig überlieferte Handschrift entdeckte man dabei im Nachlass von Johann Heinrich Merck.
Heute befindet sich dieses Exemplar in der Universitätsbibliothek Leipzig.
22 Ottenberg, Hans- Günter; Zehm, Edith (Hrsg.); Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1799
bis 1832, S.602, In: Richter, Karl (Hg.), Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke seines Schaffens,
Münchner Ausgabe, Bd. 20.1, Text 1799- 1827, München, Wien, 1991
8
Lessing „ein Spinozist“ 23 und das hieß für Jacobi ein Atheist „gewesen sei“ und sich dazu auch „ohne alle Zurückhaltung“ bekannt habe. 24 Auch Goethe selbst äußerte sich rückblickend im 15. Buch von Dichtung und Wahrheit über den Spinozismusstreit: „Zu dieser seltsamen Komposition [= Dramenfragment] gehört als Monolog jenes Gedicht, das in der deutschen Literatur bedeutend geworden, weil dadurch veranlasst, Lessing über wichtige Punkte des Denkens und Empfindens sich gegen Jacobi erklärte. Es diente zum Zündkraut einer Explosion, welche die geheimsten Verhältnisse würdiger Männer aufdeckte und zur Sprache brachte: Verhältnisse, die ihnen selbst unbewusst, in einer sonst höchst aufgeklärten Gesellschaft schlummerten.“ 25 Wie sich jedoch bei der folgenden Untersuchung des Gedichtes noch herausstellen wird, haben weder die Philosophie Spinozas noch der Spinozismusstreit, an dem sich die Geister immer wieder entzündeten, wirklich etwas mit dem Gedicht zu tun, da dieses keinen Hinweis auf ein spinozistisches Naturgefühl enthält. Das Gedicht sagt sich nämlich von den orthodoxen Begriffen der Gottheit „nicht im Namen eines spinozistischen Monismus […] los, sondern im Rückgriff auf die Religions- und Mythenkritik der französischen und englischen Aufklärung.“ 26 Dennoch scheint gerade diese Verbindung von Prometheus mit dem Spinozismusstreit der Hymne die besondere Akzentuierung verliehen zu haben, so dass diese zum pantheistischen Glaubensbekenntnis erhoben wurde. 27 Denn deutlich lässt Prometheus zumindest die Absage an die traditionelle Frömmigkeit und die Vorstellung eines transzendenten Gottes erkennen. 28 Doch Goethe schien nicht über die stattgefundene weltanschauliche Enthüllung verärgert zu sein, sondern vielmehr über die indiskrete Form der Publikation: Zwar veröffentlichte Jacobi Prometheus anonym und ohne Titel, er stellte diesem jedoch ebenfalls auf unpagnierten
23 Lessing bekannte sich selbst zum Pantheismus des Spinoza. Spinozismus stand damals jedoch unter dem
Verdacht des Atheismus.
24 Vgl. Jacobi, Friedrich Heinrich, Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelsohn, In:
Roth, Friedrich; Köppen Friedrich (Hrsg.), Friedrich Heinrich Jacobi, Werke, Bd.4.1, Leipzig, 1812-1825, S.39
f.
25 Sprengel, Peter (Hg.),Goethe, Johann Wolfgang von, Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit, S.681, In:
Richter, Karl (Hg.), Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens,
Münchner Ausgabe, Bd.16, München, Wien, 1985
26 Mülder- Bach, Inka, Prometheus, S.110, In: Otto, Regine; Witte, Bernd (Hrsg.), Goethe Handbuch, Bd.1,
Gedichte, Stuttgart, Weimar, 1996, S.107-115
27 Vgl. Conrady, Karl Otto, Johann Wolfgang von Goethe, Prometheus, S.219, In: Wiese, Benno von (Hg.), Die
deutsche Lyrik I, Form und Geschichte, Interpretationen vom Mittelalter bis zur Frühromantik, Düsseldorf,
1956, S.214-226
28 Doch all dies ist nicht das Bestimmende der Hymne, vielmehr geht es zentral um die Autonomieerklärung des
Prometheus.
9
Arbeit zitieren:
Eva Ortegel, 2006, Verselbstung und Entselbstigung? Ein Vergleich von Goethes Genie-Hymnen "Prometheus" und "Ganymed", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
'Prometheus' und 'Ganymed' als Höhepunkte des Sturm un...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 24 Seiten
„Wie ein Schlag ins Gesicht…“ Überlegungen zur verletzenden Gewalt vo...
Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik
Seminararbeit, 20 Seiten
Quizkultur: Quiz- und Gameshows aus dem Blickwinkel der Cultural Studi...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Diplomarbeit, 121 Seiten
Listige Frauen in der mittelhochdeutschen Kleinepik - Exemplarische St...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Magisterarbeit, 100 Seiten
Unterrichtseinheit: Einführung Sturm und Drang - Prometheus (großer St...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 14 Seiten
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit, 26 Seiten
Theodor Storms "Immensee" - Liebe zwischen Dichtertum und bü...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Gedächtnisbildung von Individuen und Gruppen
Das kollektive Gedächtnis
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Vorstellung der Diskurs-Bastelei bei Claude Lévi-Strauss und wesen...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 12 Seiten
Die kognitive Metapherntheorie...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Analyse des Gedichts "Es ist alles Eitel" von Andreas Gryphi...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Douglas Kellner: Populäre Kultur und die Konstruktion postmoderner Ide...
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Das Vaterunser - Exegese zu Mt. 6, 9-13 mit Bezugnahme auf Lk. 11,2-4
Analyse und Vergleich
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Vergleich künstlerischer, religiöser und gesellschaftlicher Motive in ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Examensarbeit, 60 Seiten
Der Ehediskurs in Wittenwilers "Ring"
Die Bedeutung der verschiedene...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 24 Seiten
Die mythologische Gestalt des Heroen, Menschenbildners und Halbgottes ...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 13 Seiten
Ob einem man zu nehmen sey ein eelichs weyb - Kontroverse um Nutzen un...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
Eva Ortegel hat den Text Verselbstung und Entselbstigung? Ein Vergleich von Goethes Genie-Hymnen "Prometheus" und "Ganymed" veröffentlicht
Eva Ortegel hat einen neuen Text hochgeladen
EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle. Die Lyrik Johann Wolfgang von Goet...
Gymnasiale Oberstufe
Prometheus and Faust: The Promethean Revolt in Drama from Classical An...
Timothy R. Wutrich
Die Konzeption des Genies in Robert Schneiders Schlafes Bruder
Interpretation
Mark Werner, Björn Bedey
Sprachdenken im Übersetzen 1. Band: Jehuda Halevi. Fünfundneunzi g Hym...
Der sechzig Hymnen und Gedicht...
Franz Rosenzweig, Rafaël N. Rosenzweig
Neue Einblicke in Goethes Erzählwerk
Nouveaux regards sur l'oeuvre ...
Raymond Heitz, Christine Maillard
0 Kommentare