Inhaltsverzeichnis:
A. Einleitung: 3
B. Hauptteil 4
1. Die fünf namentlichen Berufungen Heinrich von Veldekes auf Vergil 4
2. Inhaltszusammenfassungen 8
2.1 Zusammenfassung der Handlung des ersten Buches der Aeneis 8
2.2 Inhaltszusammenfassung des Eneasromans, Vers 1 - 909 12
3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Gegenüberstellung beider
Anfangspassagen 16
3.1 „Proömium“ und „in medias res - Anfang“ 16
3.2 Die Rache der Juno bei Vergil und bei Veldeke: 19
3.3 Die „olympische Szene“ bei Vergil 20
3.4 Das Karthago Vergils und Veldekes 22
3.5 Die zwei Varianten des Liebeszaubers: 23
C. Schluss 25
D. Literaturliste 26
1. Primärliteratur: 26
2. Sekundärliteratur: 26
2
A. Einleitung:
Der Eneasroman Heinrich von Veldekes gilt als treue Widergabe des im Jahre 1160 entstandenen, anglonormannischen „Roman d’Eneas“, der direkt auf Vergils „Aeneis“ zurückgeht. (Doppelheit der Quellen „welsch und latîn“ 1 ) Auch andere Quellen, Ovid und zwei unbekannte Autoren aus dem 5. und 6. Jahrhundert haben auf Veldekes mittelalterliche Fassung eingewirkt. Zwar folgt Heinrich v. Veldeke dem welschen Vorbild mit großer Treue, an einigen Stellen jedoch korrigierte er nach eigenem Ermessen, so dass die im Epilog formulierte konsequente Quellenbezugnahme Heinrich v. Veldekes („âne missewende“ 2 ) als zweifelhaft gelten darf. Daraus folgt, dass der sorglos und unprogrammatisch erzählende Roman d’Eneas in gewichtigen Zusammenhängen nicht zu genügen schien. Diese Arbeit setzt sich das Ziel die Bezug-/ Abstandnahme Heinrich v. Veldekes gegenüber Vergils Aeneis zu untersuchen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten, innere Verbundenheit und Distanz zwischen den beiden über tausend Jahre auseinander liegenden Werken zu untersuchen, wobei sich stets Verbindungen zum Roman d’Eneas ergeben. Die weitgehende inhaltliche Übereinstimmung der Werke begünstigt die Suche nach Unterschieden, die sich aufgrund dessen, dass Heinrich v. Veldeke das Werk Vergils bestens bekannt war, nicht zufällig, aus eventueller Nachlässigkeit ergaben, sondern die mit Bewusstheit und Absicht vorgenommen worden sind. „Es galt in deutscher Laiendichtung des zwölften Jahrhunderts offenbar noch immer als Wagnis, sich einer außerchristlichen Quelle anzuvertrauen, und es bestand daher das Bedürfnis zu einer nachträglichen Apologie.“ 3 Annähernd alle Veränderungen zu registrieren, die der mittelalterliche Dichter an der antiken Vorlage vornahm, ist aus Zeitgründen ein Ding der Unmöglichkeit. So soll ein ungefährer Eindruck
1 Von Veldeke, Heinrich, Eneasroman, Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt,
mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke, Stuttgart, 2004, V.13526
2 op. cit., V.13527
3 Dittrich, Marie- Luise, Die « Eneide » Heinrichs von Veldeke, I. Teil, Quellenkritischer Vergleich mit dem
Roman d’Eneas und Vergils Aeneis, Wiesbaden, 1966, S. 8
3
vermittelt werden, durch eine Beschränkung auf die auffälligsten Veränderungen.
B. Hauptteil: Vergleichende Gegenüberstellung der Anfangspassagen der „Aeneis“ Vergils und der „Eneide“ Heinrich von Veldekes
1. Die fünf namentlichen Berufungen Heinrich von Veldekes auf
Vergil
Im Eneasroman finden sich fünf Stellen, an den sich Veldeke direkt auf Vergil als Quelle bezieht. Für den anschließenden Vergleich ist es nötig diese Passagen zu skizzieren, um herauszufinden, an welchen Stellen, aus welchen Gründen sich Veldeke auf das antike Vorbild bezieht.
Die erste namentliche Berufung findet sich sehr früh, im 41.Vers: „Virgilius der mâre, der saget uns, daz her wâre, von der gote geslehte geboren mit rehte, und Vênûs diu gotinne, diu frowe is uber die minne, wâre sîn mûder und Cupidô sîn brûder.“ 4 Um des Eneas göttliche Abstammung zu bekräftigen, bezieht sich Veldeke auf Vergil. Hätte er auf die welsche Vorlage Bezug genommen, wäre die Abstammung des Eneas von Venus nur beiläufig hervorgehoben worden: „Venus la deesse d’amor, ki sa mere ert“ 5 . Die Verwandtschaft mit Cupido wird erst viel später, wie es im Übrigen auch bei Vergil der Fall ist, im Vers 8630 erwähnt. Warum also berief sich Heinrich von Veldeke auf Vergil und nicht auf den Roman d’Eneas? Es gilt als wahrscheinlich, dass Veldeke Vergils als hervorragender Autorität zur Legitimation bedurfte, um die „Wahrheit“, des von ihm berichteten hervorzuheben. Eneas stammt von den Göttern ab, weil Vergil es so berichtet. „Und es ist Vergil, der Veldeke, und durch dessen Mund das
4 H.v.V., Eneasroman, Stuttgart, 2004, V.41- 48
5 Salverda de Grave, Jaques, Eneas, Texte critique, Halle, 1891, V.32/33
4
mittelalterliche Publikum, in die Dichtungswahrheit einer ungewöhnlichen, ja fast unerhörten Gegebenheit hineinzwingt.“ 6
Die zweite namentliche Berufung auf Vergil findet sich wiederum an einer wichtigen Stelle, als der epische Erzähler die Hintergründe des trojanischen Krieges nennt. (Nach knapper Bezugnahme auf das „Paris- Urteil“ im Vers 160/161 schreibt Veldeke: „ dâ quam al der nît ab, daz Troie wart zebrochen. Dâ mit wart gerochen, daz saget uns Virgilîûs, des gehalf frou Vênûs, daz Pâris Elenam nam: dâ grôz ubel vone quam. Dô intgalt Ênêas, daz ime frouwe Jûnô was ungenâdich unde gram.“ 7 Im Roman d’Eneas ist das Handeln der Venus dagegen nicht negativ konnotiert, Paris wurde von Venus mit der „dame Heloine“ belohnt, als Dank für den ihr zuerkannten Schönheitspreis. Dass Venus den Paris zum Raub der Helena anstiftete wird nicht erwähnt, nur dass Pallas und Juno sich ärgerten und einzig aufgrund von Paris` Urteil das gesamte Troja hassten. (V. 173- 183) „Pallas et Juno s’en marrirent et cels de Troië en haïrent : por seul l’acheison de Paris haïrent puis tot le païs. “ 8 Daraus kann man schließen, dass der Verfasser des Roman d’Eneas hier anderen Quellen als der Aeneis gefolgt ist, wogegen Veldeke dichter bei Vergil steht. Veldeke gelang es dadurch, das Blickfeld zu erweitern, dass er die beiden vergilschen Motive - Parisurteil und Raub der Helena - in Beziehung setzt. Indem er Venus einmal als nicht verantwortlich (Parisurteil) und das andere Mal als schuldbeladen (Raub der Helena) darstellt.
Die dritte Berufung findet zu Begin der Didoepisode statt, anlässlich der Beschreibung der Burg Karthagos. Veldeke fügt hinzu, dass er den Schilderungen Vergils nur in verkürzter Form folgen wolle: „ez wâre ze sagenne alze lank umbe die borch mâre, wie si gebûwet wâre. Des Virgilîûs der helt in sînem bûchen dar von zelt, des scholen wir vil lâzen unde nâch der mâzen
6 Dittrich, Marie- Luise, Die « Eneide » Heinrichs von Veldeke, I. Teil, Quellenkritischer Vergleich mit dem
Roman d’Eneas und Vergils Aeneis, Wiesbaden, 1966, S. 12
7 H.v.V., Eneasroman, V.162-171
8 Salverda de Grave, Jaques, Eneas, V.179-182
5
die rede harde korten.“ 9 Unklar ist hier, warum Heinrich v. Veldeke überhaupt auf Vergil Bezug nimmt, denn der Roman d’Eneas bot ihm eine besonders ausführliche Darstellung. 10 Er vermittelt einerseits nach der Aeneis die Vorstellung einer mächtigen, aufblühenden und reichen Stadt, mit Palästen, dem Kapitol und einem großen Markt. Andererseits das Bild einer Burg. Der Verfasser des Roman d’Eneas suchte bei anderen Quellen als der Aeneis Inspiration, so dass eine Art orientalisches, funkelndes Wunderschloss entstand. 11
Veldeke übergeht all diese Übertreibungen. Er versieht Karthago mit einer festen, wehrhaften Ritterburg. „Veldekes Schilderung gewinnt gegenüber der welschen Vorlage durch ihre Schlichtheit an Eindrucksmächtigkeit, da die Steigerung ins Überdimensionale die Wirkung eher abschwächt.“ 12 Beiden mittelalterlichen Werken fehlen dagegen die vielen kulturellen Einrichtungen und sagenhaften Gegebenheiten der Aeneis: Die Häfen, das Theater, die Bilder vom Krieg und Untergang Trojas im Junotempel. Ein Grund hierfür könnte die Fremdartigkeit der Merkmale der antiken Burgstadt gegenüber den mittelalterlichen Burgbauten sein. Die Bezugnahme Veldekes auf beide Quellen hängt mit der Vorstellung zusammen, eine mittelalterliche Burgfeste zu beschreiben: „dafür fand er den sachlichen Ausgangspunkt bei Vergils Aeneis, den Rahmen und dessen Füllung im Roman d’Eneas.“ 13 Die vierte Berufung auf Vergil, die Schilderung der Sibylle, stellt einen Sonderfall da, weil Veldeke den Wortlaut des Roman d’Eneas annähernd genau übernimmt und die Schilderung nicht der Situation der Aeneis entspricht. Veldeke liefert eine furchterregende, minuziöse Beschreibung der Sibylle, die den Schwerpunkt auf das Gespenstischunwirkliche legt, welches den Helden mit tiefer Angst erfüllt: „sie ne mohte niht wesen egeslîcher dan si was…ir arme
9 H.v.V., Eneasroman, V.354 - 361
10 Salverda de Grave, Jaques, Eneas, V. 407- 548
11 Salverda de Grave, Jaques, Eneas, V. 422 f.
12 Dittrich, Marie- Luise, Die « Eneide » Heinrichs von Veldeke, I. Teil, Quellenkritischer Vergleich mit dem
Roman d’Eneas und Vergils Aeneis, Wiesbaden, 1966, S. 29
13 Dittrich, Marie- Luise, Die « Eneide » Heinrichs von Veldeke, I. Teil, Quellenkritischer Vergleich mit dem
Roman d’Eneas und Vergils Aeneis, Wiesbaden, 1966, S.30
6
unde ir hande wâren âdern unde vel.“ 14 Der Roman d’Eneas bietet dem Leser nur einige knappe Hinweise (schneeweißes Haar, bleiches Gesicht, schwarze, gerunzelte Haut) 15 die nicht ausreichen, um das „gruweliche“ 16 , das „horrendum“ 17 der Sibylle spürbar werden zu lassen. Die fünfte und letzte Berufung auf Vergil verwendet Veldeke, um die beiden Söhne des Tyrrhus zu kennzeichnen: „her (gemeint ist Tyrrhus) hete bî sînem wîbe zwêne sune hêrliche. Al ne wâren sie niht rîche, si wârn vil gûte knehte von edelem geslehte, stark unde schône, wîse und kône, ob uns Virgiljûs niht enlouch.“ 18 Die beiden Söhne des Tyrrhus spielen eine wichtige Rolle bei der Hirschjagd des Askanius, die den Krieg um Latium ins Rollen bringt. Deshalb schenkt Veldeke den Söhnen nähere Betrachtung, im Gegensatz zum Roman d’Eneas, der die Söhne keiner genauern Betrachtung unterzieht, jedoch zusätzlich vermerkt, dass Tyrrhus auch eine Tochter, Silvia, hatte: „…deus filz et une fille aveit;“ 19
Was diese erste Untersuchung zeigt ist, dass die wenigen Stellen, in denen sich Veldeke direkt auf Vergil beruft stets den Anfang von Situationen markieren, die für den Weg und das Geschick des Helden Eneas von außerordentlicher Bedeutung werden. Veldeke grenzt sich bewusst vom Roman d’Eneas ab, dessen Autor sich, was fürs Mittelalter durchaus ungewöhnlich, jedoch erklärlich ist, kein einiges Mal auf Vergil beruft. Denn für ihn ist Vergils Aeneis ja die Quelle schlechthin. Veldeke bedient sich der Aeneis, um seiner Dichtung ein stabiles Rückgrat zu verleihen, um an Stellen, die vielleicht selbst dem mittelalterlichen Veldeke fragwürdig erschienen, das Erzählte auf eine fundierte wahrheitsgemäße Basis zu stellen. Vielleicht mögen auch seine Gönner und sein Publikum eine wichtige Rolle dabei gespielt haben, die sowohl weltliche als auch geistliche Interessen vertraten. „Beiden wird der Dichter gerecht: dem
14 H.v.V., Eneasroman, V.2702- 2741
15 Vgl. Salverda de Grave, Jaques, Eneas, V. 2267- 2272
16 H.v.V., Eneasroman, V.2727
17 Vgl. Vergil, Aeneis, in usum scholarum, o.O., 1886, Buch VI, V.10
18 H.v.V., Eneasroman, V.4574- 4581
19 Salverda de Grave, Jaques, Eneas, V. 3530
7
Arbeit zitieren:
eva ortegel, 2005, Vergleichende Gegenüberstellung des Anfangs der Aeneis Vergils und der Eneide Heinrich von Veldekes, München, GRIN Verlag GmbH
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