Inhaltsverzeichnis
0. Einführung in das Thema 4
1. Professionelle Trennungs- und Scheidungsberatung
im Kontext der Erziehungsberatung 5
2. Trennungs- und Scheidungsphasen 7
3. Altersspezifische Wahrnehmungen, Reaktionen
und Hilfestellungen bei Trennung und Scheidung 11
3.1. Entwicklungsebene „egozentric“ (Vorschulalter) 11
3.2. Entwicklungsebene „subjective“ (Grundschulalter) 12
3.3. Entwicklungsebene „self-reflective“ und „third person“
(Vorpubertät und Pubertät) 13
4. Scheidungsbezogene Aufgaben 15
5. Mögliche Folgen der Trennung und Scheidung
f ür die Kinder 16
5.1. Kurz- und mittelfristige Entwicklungsbelastungen 18
5.2. Langfristige Scheidungsfolgen 19
6. Ziele der Interventionsmöglichkeiten
in der Erziehungsberatung 19
7. Interventionsmöglichkeiten der Erziehungsberatung
in Bezug auf die Kinder 21
7.1. Altersspezifische Einzelarbeit mit Scheidungskindern
nach Kelly und Wallerstein 23
7.2. Gruppenarbeit mit jüngeren Scheidungskindern nach Plock 24
7.3. Gruppenarbeit mit älteren Scheidungskindern
nach Jaede, Wolf und Zeller-König 25
8. Begleitende Elternarbeit im Feld
Trennung und Scheidung 26
2
9. Fazit 28
10. Literaturverzeichnis 30
Anhang
3
0. Einführung in das Thema
Seit den 1960 er Jahren gibt es in Deutschland einen stetigen Anstieg der Scheidungszahlen. Heutzutage wird knapp jede dritte Ehe geschieden und in den meisten Fällen sind Kinder betroffen. Ehen werden schneller und häufiger gelöst, da die Rahmenbedingungen auf rechtlicher, ökonomischer und normativer Ebene den Scheidungsvollzug deutlich erleichtern. Zudem ist die Zahl der Trennungen von Paaren, die nicht verheiratet sind sehr hoch.
Eine Scheidung oder Trennung stellt für alle Betroffenen eine hohe Belastung dar: Sie bedeutet die Auflösung eines Familienverbandes in rechtlicher, sozialökonomischer und psychosozialer Hinsicht. Besonders Kinder leiden unter der Trennung und Scheidung der Eltern, da sie etwas verlieren, dass für ihre Entwicklung fundamental ist: die geordnete Struktur der Familie. Sie erleben die einer Trennung vorausgehenden Konflikte, die Scheidung selbst, sowie die meist schwierige Bewältigung der Nachscheidungsphase, die mit schweren Spannungen verbunden ist, was sich in vielen Fällen sehr stark auf die betroffenen Kinder auswirkt. 1 Infolge dessen ist es notwendig parallel zur familiären Hilfestellung, im Rahmen institutioneller Beratung, Interventionsmöglichkeiten anzubieten, die präventiv orientiert sind und Folgeschäden zu verhindern versuchen, um eine Gefährdung des Kindeswohls zu vermeiden.
Auf der Grundlage dieser Aspekte habe ich die folgenden Fragestellungen entwickelt, die ich in meiner Arbeit untersuchen möchte:
- Wie wirken sich die unterschiedlichen Trennungs- und Scheidungsphasen altersspezifisch auf Kinder und Jugendliche aus und welche Aufgaben haben die Betroffenen zu bewältigen?
- Welche Interventionsmöglichkeiten der Erziehungsberatung werden betroffenen Kindern und Jugendlichen angeboten, um problematischen Folgeschäden entgegenzuwirken und welche Rolle spielen die Eltern in dem Beratungsprozess?
1 Vergleiche hierzu: Menne, Klaus: Kinder im Scheidungskonflikt. Beratung von Kindern und Eltern bei
Trennung und Scheidung. Juventa Verlag, Weinheim und München 1993, S. 13
4
1. Professionelle Trennungs- und Scheidungsberatung im Kontext der
Erziehungsberatung
Aufgrund der steigenden Zahl der Scheidungen wird professionelle Beratung in diesem Bereich heutzutage von unterschiedlichen Institutionen angeboten [siehe Anhang S. 3 „Eheschließungen und Ehescheidungen in Deutschland“]. Trennungs- und Scheidungsberatung wird sowohl von Erziehungsberatungsstellen, als auch von Ehe- und Familienberatungsstellen, Jugendämtern, frei praktizierenden Psychotherapeuten und von spezialisierten Scheidungsberatungsstellen angeboten. In meiner Arbeit werde ich mich jedoch auf die Scheidungs-und Trennungsberatung im Kontext der Erziehungsberatung beschränken, da ich den Fokus im Scheidungsprozess auf die betroffenen Kinder und das Kindeswohl legen möchte. Definitionsmerkmale des Kindeswohls sind nach Coester (1993) die Kontinuität und Stabilität des Erziehungsverhältnisses, sowie eine gute Bindungsqualität des Kindes an beide Elternteile. Hier spielt besonders die Gestaltung der Beziehungen nach einer elterlichen Trennung eine bedeutende Rolle. Der psychologischen Definition zur Folge, ist das Kindeswohl gewährleistet, wenn das Kind in Beziehungen und einem Lebensraum aufwachsen kann, die eine positive körperliche, emotionale und kognitive Entwicklung ermöglichen. 2
Im Gegensatz zu der Erziehungsberatung zeichnet sich spezialisierte Trennungs-und Scheidungsberatung durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von psychologisch/psychosozial und juristisch tätigen Berufsgruppen aus, die z.B. Mediationen anbieten und auf Aspekte wie Umgangs- und Sorgerechtsregelungen spezialisiert sind. 3 Erziehungsberatungsstellen arbeiten kostenlos und schweigepflichtig, sowie weitestgehend ohne juristische Hilfe, können diese jedoch im Scheidungsverfahren vermitteln. Sie sind rechtlich und durch entsprechende psychologische Fachkräfte zu einer professionellen Trennungs- und Scheidungsberatung verpflichtet, bei der das Kindeswohl im Mittelpunkt steht.
Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) sollen Erziehungsberatungsstellen Kinder, Jugendliche und andere Erziehungsberechtigte
2 Vergleiche hierzu: http://de.wikipedia.org/wiki/Kindeswohl
eingesehen am 09.05.2008
3 Vergleiche hierzu: Faris, Kerime: Trennungs- und Scheidungsberatung. Das interdisziplinäre Gespräch in
der Trennungs- und Scheidungsberatung. Waxmann Verlag, Münster und New York 1995, S. 1/2
5
- bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme und der zugrundeliegenden Faktoren,
- bei der Lösung von Erziehungsfragen und Erziehungsschwierigkeiten von Eltern,
- sowie bei Trennung und Scheidung unterstützen (§ 28 KJHG) 4 Das KJHG formuliert weiterhin als Aufgabe der Erziehungsberatung „[…] im
Falle einer Trennung oder Scheidung die Bedingungen für eine dem Wohl des
Kindes oder des Jugendlichen förderliche Wahrnehmung der Elternverantwortung
zu schaffen“. (§ 17 KJHG) 5
Gegenstand der Erziehungsberatung sind emotionale, soziale und kognitive Schwierigkeiten oder Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen, sowie die emotionalen Beeinträchtigungen von einzelnen Familienmitgliedern und beziehungsmäßige Spannungen oder Konflikte innerhalb der Familie, soweit sie sich auf die Entwicklungsbedingungen von Kindern und Jugendlichen auswirken. In diesem Zusammenhang spielt Trennung und Scheidung eine bedeutende Rolle, da in Erziehungsberatungsstellen immer mehr Klienten vor dem Hintergrund dieses Problembereichs Rat suchen [siehe Anhang S. 4 „Problembereiche der Klienten in der Erziehungsberatung“].
Durch gesetzliche Vorgaben, die in der Erziehungsberatung ein multidisziplinäres Beraterteam (z.B. Psychologen, Sozialpädagogen, Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeuten), sowie eine Vielfalt von Wertorientierungen, Inhalten, Methoden und Arbeitsformen fordern (§ 3 KJHG), gibt es für betroffene Kinder unterschiedliche Interventionsangebote zum Thema Trennung und Scheidung. 6 Auf ausgewählte Konzepte werde ich im Verlauf dieser Arbeit eingehen. Bei der Trennungs- und Scheidungsberatung im Kontext der Erziehungsberatung geht es im weitesten Sinne darum, den Klienten zu helfen, den Scheidungszyklus, der im Folgenden beschrieben wird, auf bestmögliche Weise und im Hinblick auf die Gewährleistung des Kindeswohls zu durchlaufen, sowie die Kinder bei der Bewältigung von Anforderungen und Problemen im Zusammenhang mit Trennung und Scheidung der Eltern zu unterstützen.
4 Vergleiche hierzu: Hundsalz, Andreas: Die Erziehungsberatung. Grundlagen, Organisation, Konzepte und
Methoden. Juventa Verlag, Weinheim und München 1995, S. 15
5 Menne, Klaus: Kinder im Scheidungskonflikt. Beratung von Kindern und Eltern bei Trennung und
Scheidung. Juventa Verlag, Weinheim und München 1993, S. 96
6 Vergleiche hierzu: Hundsalz, Andreas: a. a. O., S. 19
6
2. Trennungs- und Scheidungsphasen
Die Trennung, bzw. Scheidung wird nicht als einmaliges kritisches Lebensereignis, sondern vielmehr als langfristiger Prozess der Veränderung und Umstrukturierung betrachtet. Dieser bezieht sich zum einen auf äußerlich erkennbare Phasen des Scheidungsgeschehens und auf die Reorganisation der Familie als Gruppe, zum anderen auf den inneren Prozess der Trennungsverarbeitung, in welchem jeweils bestimmte Themen, Gefühle und Konflikte vorherrschen. Während die äußeren Trennungs- und Scheidungsphasen eher einen generellen Charakter aufweisen und durch Ereignisse wie Auszug eines Elternteils oder das Scheidungsverfahren selbst, zeitlich strukturiert sind, können der Verlauf und das Tempo der inneren Scheidungsverarbeitung innerhalb einer Familie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. 7
Der Trennungs- und Scheidungsprozess wird in der Regel in vier verschiedene Phasen unterteilt, in denen jeweils unterschiedliche Ereignisse, Belastungen, individuelle Reaktionen und notwendige Anpassungsleistungen im Vordergrund stehen. Diese Phaseneinteilung erleichtert die Beschreibung der Art der Anforderungen an die Familie und den einzelnen zu bestimmten Zeitpunkten. 8
1. Stadium der Unentschiedenheit (Ambivalenzphase)
Eheprobleme werden manifest, ein gegenseitiger Rückzug beginnt, eine Trennung wird aber noch vermieden. Die Ehepartner wägen die Vorteile einer möglichen Trennung gegenüber dem Verlust der Partnerschaft und den zu erwartenden Schwierigkeiten in der künftigen Lebensbewältigung ab. Dieser Zeitraum ist aufgrund der großen inneren Konfliktspannung für Erwachsene und Kinder besonders belastend. 9
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche:
- Die Kinder werden durch das Streitpotential der Eltern belastet und sind stark auf die elterliche Auseinandersetzung fixiert
- Die Ungewissheit bedingt Angst, Ohnmacht und Unsicherheit
7 Vergleiche hierzu: Goldstein, Peter: Kindergruppen bei Trennung und Scheidung. Ergebnisse eines
Expertengespräches. Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, Fürth 2000, S. 23
8 Vergleiche hierzu: Jaede, W.: Gruppentraining mit Kindern aus Trennungs- und Scheidungsfamilien.
Psychologie Verlags Union, Weinheim 1996, S. 10
9 Vergleiche hierzu: Jaede, W.: a. a. O., S. 11
7
- Beide Eltern sind wenig verfügbar für die Kinder
- Die Kinder fühlen sich verantwortlich für die Aufrechterhaltung der elterlichen Beziehung
- Es besteht die Gefahr einer Allianzbildung mit einem Elternteil
- Die Kinder unterdrücken eigene Gefühle und ziehen sich zurück 10
2. Stadium der endgültigen Trennung ( Trennungsphase) Diese Phase erfordert von den Eltern ein hohes Maß an äußeren und inneren Anpassungsleistungen. Sie sind emotional stark betroffen. Finanzielle, rechtliche und räumliche Fragen müssen geklärt werden. Ökonomische Probleme, sowie Probleme in Verbindung mit Elternschaft und Sorgerecht stehen im Vordergrund. Die erzieherische Zuständigkeit ist nicht klar geregelt und die Verfügbarkeit der Eltern für das Kind, welches jetzt besonders auf emotionale Unterstützung und äußeren Halt angewiesen ist, ist stark eingeschränkt. 11 Präventive Interventionsprogramme und Beratung sind in diesem Stadium vorrangig indiziert.
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche:
- Gerade bei jüngeren Kindern entstehen existentielle Ängste, den ausziehenden Elternteil ganz zu verlieren oder auch vom anderen Elternteil verlassen zu werden
- Die Beziehung zum abwesenden Elternteil muss neu gestaltet werden
- Schuldgefühle, Gefühle der Ungläubigkeit und des Protests hinsichtlich der Trennung werden wach und die Verfügbarkeit beider Eltern ist weiterhin durch die neuen Aufgabenstellungen stark eingeschränkt
- Die Rolle zum Elternteil, mit dem das Kind zusammenlebt, ändert sich, ggf. auch die Geschwisterbeziehung
- Bei einem Umzug tritt ein möglicher Wechsel in der Umgebung, dem Freundeskreis und dem Schulbesuch ein
10 Vergleiche hierzu: Jaede, W.: Gruppentraining mit Kindern aus Trennungs- und Scheidungsfamilien.
Psychologie Verlags Union, Weinheim 1996, S. 11
11 Vergleiche hierzu: Montada, Leo: Entwicklungspsychologie. Psychologie Verlags Union, Weinheim 1995,
S. 1102
8
Arbeit zitieren:
Corinna Walte, 2008, Eskalierende Elternkonflikte – Interventionsmöglichkeiten der professionellen Trennungs- und Scheidungsberatung im Hinblick auf die Gewährleistung des Kindeswohls, München, GRIN Verlag GmbH
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