Inhaltsverzeichnis
Einleitung S.3
Historische Einordnung der Entstehung der Cultural Studies S.4
Die beiden Paradigmen der Cultural Studies
a) Der Kulturalismus S.6
- Der Kulturbegriff im Kulturalismus S.8
b) Der Strukturalismus S.12
Die Unterschiede zwischen den Paradigmen S.14
Schluss S.16
Literaturverzeichnis S.19
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Einleitung
In dieser Hausarbeit über den Artikel „Die zwei Paradigmen“ von Stuart Hall wird wie folgt vorgegangen. Nach der Einleitung soll zu Beginn ein kurzer Überblick über die gesellschaftliche Situation von Großbritannien in den 50- und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts gegeben werden, um die Rahmenbedingungen, die zur Entstehung der Cultural Studies beitrugen, zu verdeutlichen, denn die Entwicklung der Cultural Studies muss immer in Verbindung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen gesehen werden. Im Anschluss hieran folgt die Beschreibung der beiden Paradigmen, welche die Entwicklung der Cultural Studies in den letzten Jahrzehnten maßgeblich bestimmt haben. Zunächst wird dabei auf den Kulturalismus eingegangen. Bei der Behandlung dieses Paradigmas soll der Kulturbegriff, wie er von den Kulturalisten erarbeitet und verwendet wurde, im Zentrum der Betrachtung stehen.
Als zweites bedeutendes Paradigma innerhalb der Cultural Studies ist der Strukturalismus anzuführen. Claude Levi-Strauss war es, der den Strukturalismus nach de Saussure auf die Sozialwissenschaft übertrug und somit weiterentwickelte. Neben Strauss sollen die Arbeiten von Louis Althusser besondere Aufmerksamkeit erhalten, da Althusser den Strukturalismus mitgeprägt hat.
Anschließend an die Herausarbeitung der beiden Paradigmen werden die signifikanten Unterschiede zwischen Kulturalismus und Strukturalismus dargelegt. Darauf aufbauend folgt dann eine Beurteilung der Vorteile der jeweiligen Paradigmen nach Hall, der mit einer Kombination der besten Elemente aus den beiden Paradigmen dem Ziel der Cultural Studies näher kommen will, die Kultur als begrifflich klar strukturiertes und theoretisch durchdrungenes Forschungsgebiet zu konstruieren.
Zum Abschluss wird dann versucht anhand des Textes noch etwas genauer auf die Leistung von Stuart Hall auf dem Gebiet der Cultural Studies einzugehen und gleichzeitig die Hauptthemen innerhalb der Cultural Studies so kurz zu erwähnen. Als Literaturquellen wurde vor allem der Text von Stuart Hall verwendet, darüber hinaus dienten mir aber auch noch andere Texte aus dem Reader zum Seminar „Einführung in die Cultural Studies“ als Material für diese Hausarbeit, hier sind besonders die Aufsätze von Bromley und Winter zu erwähnen.
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Historische Einordnung der Entstehung der Cultural Studies
Um das Verständnis zu erleichtern, erscheint es sinnvoll zunächst eine kurze Beschreibung der Situation in Großbritannien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 60er Jahre zu liefern, da die Entwicklung der Cultural Studies stets stark durch die gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Entscheidungen beeinflusst wurde. Nach dem totalen wirtschaftlichem Zusammenbruch am Ende des Zweiten Weltkrieges, gelang auch in Großbritannien ein recht zügiger Wiederaufbau, wobei die Wirtschaft bis zum Jahre 1959 durchschnittlich um 2-3 % wuchs. Dennoch konnte das Land dem eigenen Anspruch als Weltmacht nicht mehr gerecht werden, was 1956 mit der Suez- Krise deutlich wurde. Ende der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre vollzog sich auch die zweite Entkolonisierungswelle, durch die mehr als 500 Millionen Menschen in die politische Unabhängigkeit entlassen wurden. Großbritannien war von den Vereinigten Staaten als führende Weltmacht verdrängt worden und auch von der sich bildenden Europäischen Gemeinschaft blieb Großbritannien zunächst isoliert. Die Cultural Studies sind „in einer zutiefst konservativen, von kolonialer Mentalität und imperialem Selbstverständnis geprägten Zeit“ (Bromley 1999: 9) entstanden. So sind die Cultural Studies von diesem Standpunkt aus betrachtet, als eine Lösung von einer „kolonisierenden Staatsgewalt“ (Bromley 1999: 11) zu sehen (Zwischen 1951- 1964 war durchgehend die konservative Tory- Partei an der Regierung).
Gleichzeitig traten am Ende der 50er Jahre auch erstmals wieder innenpolitische Probleme auf, die starken Einfluss auf die Cultural Studies hatten. Die Arbeitslosigkeit stieg, besonders in den strukturschwachen Industriegebieten im Nordosten, in Südwales und in Schottland, wodurch sich die soziale Lage der Arbeiterklasse wieder deutlich verschärfte, außerdem blieb das Land auf ausländische Kredite angewiesen (Kluxen 1991: 834-840). Viele der `Gründungsväter` der Cultural Studies entstammten selbst der Arbeiterklasse oder sympathisierten bzw. identifizierten sich mit den Angehörigen dieser Klasse und versuchten deshalb die Lage der Arbeiter zu verbessern. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt der frühen Studien innerhalb der Cultural Studies auch auf der Untersuchung der Nationalkultur. Um die Ziele der Cultural Studies besser zu verstehen, erscheint es außerdem nützlich anzumerken, dass viele ihrer Vertreter im Bereich der
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Erwachsenenbildung tätig waren und ein demokratisches und emanzipiertes Bildungsideal vertraten.
Sie strebten eine gleichberechtigte demokratisierte Kultur an, weg von der Unterteilung in Hochkultur und Nichtkultur, wobei die Gesellschaft aus einer Klassenperspektive betrachtet wurde.
Dabei wurde besonderen Wert darauf gelegt, diejenigen Entwicklungen zu fördern, die an den Universitäten nicht beachtet wurden.
Die Texte „The Uses of Literacy” (1957) von Hoggart, „Culture and Society“ (1958) von Williams und „The Making of the English Working Class“ (1963) von Thompson sind als die Gründungswerke der Cultural Studies anzusehen, aber ihnen kommt noch eine viel größere Bedeutung zu, denn sie sind auch Teil einer neuen Auseinandersetzung mit den Begriffen Tradition, Klasse, Arbeitswelt sowie Freizeit, welche von der bis dato vorherrschenden intellektuellen Betrachtungsweise abwich (vgl. Hall 1999: 15). Dies wird allerdings in vielen Berichten zur Entstehung der Cultural Studies vernachlässigt, da hier oft vermehrtes Gewicht auf die bedeutenden historischen Entwicklungen zu dieser Zeit, wie etwa dem Kalten Krieg, dem Ungarnaufstand 1956 oder der McCarty-Ära, den Atombombenabwürfen, aber auch der zunehmenden politischen Bedeutung der Vereinigten Staaten, gelegt wurde.
Der Anspruch der Personen, die sich mit den Cultural Studies befassten, war ziemlich groß. „Ohne Übertreibung lässt sich sagen, daß diejenigen, die in den 50er und den frühen 60er Jahren mit Cultural Studies befaßt waren (auch wenn viele diese Bedeutung nicht verwendeten), sich selbst als Reformer der britischen Gesellschaft verstanden“ (Bromley 1999: 12). Die kulturellen Privilegien, die politische Macht und Autorität der gesellschaftlichen Elite sollte beendet werden. Ihr Ansatz kann mit den drei Begriffen `Vermittlung`, `Eingreifen` sowie `Wirkung` charakterisiert werden, wobei Bildung als das entscheidende Mittel zum Machtgewinn und einem demokratischen Wandel angesehen wurde. Der Begriff der Klasse diente als wichtigstes analytisches Instrument. Dem Verhältnis zwischen Bildung und Macht auf der einen Seite und zwischen Produktion sowie Konsum auf der anderen, wurde besonderer Bedeutung zu gemessen, analysiert und diskutiert.
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Die beiden Paradigmen der Cultural Studies
Das Entstehen der Cultural Studies in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist nach Stuart Hall ein bedeutender Einschnitt in der wissenschaftlichen intellektuellen Arbeit gewesen, wenngleich die Problemstellungen, die in den Cultural Studies behandelt werden, bereits zuvor bearbeitet worden sind.
Die Cultural Studies wurden in ihrer Entwicklung besonders durch zwei Paradigmen geprägt, zum einen durch den Kulturalismus und zum anderen durch den Strukturalismus.
a) der Kulturalismus
Zunächst wird hier auf den Kulturalismus, der besonders durch Richard Hoggart, Raymond Williams und Edward P. Thompson entwickelt wurde, eingegangen. Richard Hoggart und Raymond Williams, deren Bücher „The Uses of Literacy“ (1957) und „Culture and Society“ (1958) für die Entwicklung der Cultural Studies Weg weisend gewesen waren, beziehen sich auf Studien, die bereits zuvor ähnliche Thematiken behandelt haben. Zunächst sind diese beiden Bücher auch deshalb nur als einfache Aktualisierungen im Zusammenhang mit den veränderten Verhältnissen der Nachkriegszeit betrachtet worden. Doch Hall ist der Überzeugung, diese beiden Werke stellen Brüche mit alten Denktraditionen dar.
In „The Uses of Literacy” beschreibt Hoggart die Veränderungen innerhalb der Arbeiterklasse in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und in wieweit die aufkommenden Massenmedien Einfluss auf diese Veränderungen gehabt haben. Er versucht die Kultur der Arbeiterklasse aufzuwerten, indem er die Kultur der Arbeiterklasse beschreibt als eine aufrechte, tief in die Tradition verwurzelte, geradlinige und vernünftige Lebensweise; die negativen Veränderungen schreibt er den Organen der Massenkommunikation zu, denen er ein „außergewöhnliches niedriges Niveau“ (Bromley, Roger: S.13) attestiert. Die Gefahren, welche von der Massenproduktion, Standardisierung und dem Verlust der natürlichen Ordnung ausgehen, lassen ihn zu der Erkenntnis gelangen, dass die Arbeiterklasse in die demokratischen Prozesse miteinbezogen werden muss, um die Aufmerksamkeit und Wachsamkeit für negative Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zu schulen, um so diese zu verhindern.
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Hoggarts Ansatz ist in sofern neu gewesen, als dass er die Kultur der Arbeiterklasse unter der Betrachtung ihrer Werte und Bedeutungen, als eine besondere Art von Texten ansieht. Die Anwendung dieser Methode auf eine lebendige Kultur und die Zurückweisung der Terminologie von Hoch- und niederer Kultur, ist ein absolutes Novum gewesen. Darüber hinaus gelang Hoggart in seiner Analyse zudem eine neue Unterscheidung zwischen der `Masse` und dem `Populären`, diese Begriffe wurden bis dahin weitestgehend synonym verstanden , wodurch er einen Zugang zu der Vielschichtigkeit, Vermitteltheit und der kreativen Verwendung kultureller Ressourcen schuf (vgl. Hall 1999: 14).
Ebenfalls von besonderer Wichtigkeit für die Entwicklung des Kulturalismus sind die Arbeiten von Raymond Williams.
In seinem Hauptwerk „Culture and Society“ beschreibt Williams die Demokratisierung und die Industrialisierung als die beiden Ereignisse bzw. Prozesse, die die Bedeutung von Kultur grundlegend verändert haben. Williams richtete sich gegen die konservative Tradition der Kulturbetrachtung, welche der Demokratie, dem Sozialismus, der Arbeiterklasse sowie der Volksbildung überwiegend kritisch und ablehnend gegenüber stand. Nach Williams beruht eine Gesellschaft „auf gemeinsamen Bedeutungen und Zielen“ (Bromley 1999: 16). Auch er arbeitet für die Idee einer demokratischen Kultur und setzt sich für Volksbildung ein, die kommerzielle Massenkultur lehnt er ebenfalls ab. Williams entwickelt mit seinem Buch „Culture and Society“ eine neue Tradition; die Kultur-und-Gesellschaft-Tradition. Dieses Thema setzt er auch in seinem darauffolgenden Buch „The Long Revolution“ fort, indem er konstatiert, dass die Bearbeitung des Themas Kultur-und-Gesellschaft in einer grundsätzlich anderen Art der Analyse fortentwickelt werde müsse, um sie zu vervollständigen und weiter zu entwickeln, wodurch dieses Buch selber zur Umstrukturierung beitrug (nach Hall 1999: 14).
Will man die Entwicklung des Kulturalismus darstellen, so dürfen auf keinen Fall die Werke von Edward P. Thompsons vergessen werden. Seine Rezension von Williams „The Long Revolution“ und sein Werk „The Making of the English Working Class“(1963) zählen zu den wichtigsten Werken für die Entstehung der Cultural Studies. Mit dem Werk „The Making of the English Working Class“(1963) geschrieben auf der Basis der marxistischen Geschichtsschreibung, der Ökonomie und der englischen Labour Geschichte, vollzieht Thompson einen Bruch mit dem technologischen Evolutionismus, dem reduktionistischen Ökonomismus und dem organisatorischen Determinismus.
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Thompson sieht hierin die Geschichte als Austragungsort von Konflikten, dabei geht er davon aus, dass nicht kulturelle Muster wie bei Williams, sondern Klassenverhältnisse die Lebensweise bestimmen. Er definiert Klasse als kulturelle und historische Formation. Mit den drei Werken „The Uses of Literacy“, „Culture and Society“ und „Making of the English Working Class” lässt sich somit der Zeitpunkt bestimmen, an dem die Cultural Studies begründet worden sind (vgl. Hall 1999:15).
Die Institutionalisierung, das sei hier nur kurz am Rande erwähnt, zuerst am Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham und dann durch Lehrveranstaltungen sowie Publikationen in unterschiedlichen Bereichen und an verschiedenen Orten, beginnt erst in den sechziger Jahren und danach (Bromley 1999:18).
Der Kulturbegriff im Kulturalismus
Wie der Begriff Kulturalismus schon andeutet steht im Mittelpunkt dieses Paradigmas der Kulturbegriff.
Die auf die Bedeutung von Kultur konzentrierenden Fragen sind direkt durch die großen Veränderungen in der Industrie, in der Demokratie und im Begriff der Klasse verursacht worden.
Die Kultur ist das Hauptuntersuchungsgebiet der Kulturalisten gewesen, dennoch sind keine allgemein anerkannten Definitionen entstanden. Besonders Raymond Williams hat sich in seinem Werk „The Long Revolution“ unterschiedliche Kulturkonzeptualisierungen erarbeitet.
Das erste Konzept sieht Kultur als die Gesamtzahl aller verfügbaren Beschreibungen, mit denen die Gesellschaftsmitglieder ihren gemeinsamen Erfahrungen machen und ausdrücken. Damit bricht dieses Konzept mit der Vorstellung von Kultur als das Beste, was je in den verschieden Bereichen erschaffen worden ist - dem Ideal der Perfektion. Das zweite Konzept von Kultur nach Williams bezieht sich auf die gesellschaftlichen Praktiken und ist die Gesamtzahl ihrer Beziehungen untereinander. Die Kultur organisiert danach das menschliche Leben bzw. die gesellschaftlichen Praktiken und Abläufe, ist damit gleichzeitig auch deren Grundlage.
Die Kulturanalyse ist somit das Suchen und Entdecken von Organisationsmustern, um zu verstehen wie die Interaktion zwischen den gesellschaftlichen Praktiken funktioniert, in der Gesellschaft gelebt und erfahren werden. Hier spricht Williams von der Gefühlsstruktur (structur of feeling) (vgl. Hall 1999:17-19).
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In seinem Kulturbegriff bezieht Williams die Begriffe der „Idee“ und der „Bildung“ mit ein. Dabei argumentiert er gegen die Basis-Überbau-Metapher des klassischen Marxismus und gegen den ökonomischen Determinismus. Alle gesellschaftlichen Praktiken seien Teil der Praxis - einer allgemein menschlichen Aktivität und Energie -. Die gesellschaftlichen Praktiken sind weiterhin durch bestimmte Muster immer und überall gekennzeichnet, wobei die Muster die grundlegenden Organisationsformen sind, denen alle Praktiken zugrunde liegen.
Nach der Beschäftigung Williams mit Lucien Goldmann und der Aufnahme der Kritik von Edward P. Thompson an „The Long Revolution“ entwickelte er seine Theorie weiter. Nun versucht Williams die Schlüsselprobleme von Determination und Herrschaft mittels Gramscis Konzept der „Hegemonie“ zu lösen. Allerdings beharrt er auf seiner früheren Schwerpunktsetzung, nach der alle gesellschaftlichen Praktiken untrennbar miteinander verbunden sind. Gegen die strukturalistische Betonung der Besonderheit und Autonomie von Praktiken und ihrer Auftrennung der Gesellschaft in ihre einzelnen Instanzen, betont Williams die grundlegende Tätigkeit von Praktiken auf sinnlich menschliche Tätigkeit als Praxis`, auf die verschiedenen Praktiken, die gemeinsam eine Einheit bilden. Im Vergleich zwischen dem Werk Williams und dem von Thompson besteht trotz verschiedener schematisch theoretischen Einteilung doch eine grundsätzliche Übereinstimmung (vgl. Hall 1999: 24). Dabei sind aber die zentralen Bereiche Thompsons Arbeit: Klassenverhältnisse, Volksaufstände, historische Bewusstseinsformen sowie Klassenkulturen; der eher reflektierenden und generalisierenden Weise der Williamsschen Arbeit fremd. Zu Beginn der Auseinandersetzung stand die Kritik Thompsons an einigen Thesen von Williams “The Long Revolution“. Ein Unterschied besteht daran, wie die beiden Autoren zwischen Kultur und Nicht- Kultur unterscheiden. Thompson verwendet hier die von Marx übernommenen Begriffe „gesellschaftliches Sein“ und „gesellschaftliches Bewusstsein“, während Williams auf das Eingebundensein aller Praktiken in die Totalität von realer, unauflöslicher Praxis besteht. Dennoch unterscheidet sich Thompsons Definition von Kultur nicht wesentlich von Williams`: „Wir müssen das Rohmaterial der Lebenserfahrung (the raw material of life experience) als eine Dimension voraussetzen und als eine andere all die unendlich komplexen menschlichen Ordnungen und Systeme, artikuliert und unartikuliert, in institutioneller Form oder in lockeren Zusammenhängen informell vorhanden, welche das Rohmaterial handhaben, übermitteln oder verzerrt darstellen“ (Hall 1999: 23).
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Auch bei dem Begriff der „Praxis“, der den unterschiedlichen Praktiken zugrunde liegt, herrscht weitestgehend Übereinstimmung. Und auch über andere Bezugpunkte sind sich die Positionen näher gekommen. So sind beide Positionen gegen die Basis-Überbau-Metapher und eine ökonomistische Definition von Determiniertheit gerichtet. Den Reduktionismus lehnen beide gleichsam ab.
Aus den Positionen von Williams und Thompson ist eine bedeutsame Linie des Denkens entstanden, so Hall, die sich gegen die nur wiederspiegelnde Rolle der Kultur in der BasisÜberbau-Metapher richtet. Kultur wird, zwar auf unterschiedliche Weise, doch grundsätzlich, mit allen gesellschaftlichen Praktiken als verbunden angesehen, und diese Praktiken selbst werden als eine Form menschlicher Aktivität verstanden, als sinnliche menschliche Praxis, mit der die Menschen ihr Leben gestalten. Kultur wird demnach definiert als : „die Bedeutungen und Werte, welche innerhalb spezifischer sozialer Gruppen und Klassen auf der Basis ihrer gegebenen historischen Bedingungen entstehen und mittels deren sie ihre Existenzbedingungen handhaben und mit ihnen umgehen, als auch die gelebten Traditionen und Praktiken, durch welche solche Deutungen ausgedrückt und verkörpert werden“ (Hall 1999: 24).
Aber auch hier gibt es kleine Unterschiede. Williams führt die beiden Aspekte -Definitionen und Lebensweisen- im Begriff der Kultur selbst zusammen, während Thompson die Begriffe -Bewusstsein und Bedingungen- mit dem Konzept von „Erfahrung“ zusammenbringt. Dies führt zu unterschiedlichen Vorstellungen von diesen Kernbegriffen. So lässt Williams die Definition von Erfahrungen vollkommen in den „Lebensweisen“ aufgehen, die wiederum ein Teil der immer vorhandenen realen materiellen Praxis ist, um jede Unterscheidung zwischen Kultur und Nicht-Kultur zu vermeiden.
Thompsons hingegen verwendet den Begriff der Erfahrung variabel. Zum einen im Sinne von Bewusstsein als die gemeinschaftlichen Formen, in denen die Menschen mit ihren Existenzbedingungen zurechtkommen und zum anderen ist es für ihn der Bereich des gelebten, der Mittelbegriff zwischen „Bedingungen“ und „Kultur“; manchmal aber auch die objektiven Bedingungen selbst.
Aber trotz der unterschiedlichen Terminologie besteht eine Übereinstimmung der beiden Positionen darin, dass sie die Strukturen von Beziehungen unter dem Gesichtspunkt verstehen, wie sie gelebt und erfahren werden (nach Hall 1999: 25). Williams „Gefühlstruktur“ ist hierfür charakteristisch, aber auch für Thompsons historische Analyse der Struktur der Beziehungen und Bedingungen, in denen sich Menschen
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wiederfinden sowie der Aufnahme der Determiniertheit von Produktions- und Ausbeutungsbeziehungen im Kapitalismus, trifft dies zu. Die Hinwendung zur Erfahrung und die Betonung der kreativen und historischen Handlungsfähigkeit sind die wesentlichen Elemente dieses Paradigmas. In der Erfahrung überschneiden sich all die verschiedenen Praktiken und interagieren untereinander, auch wenn es eine ungleiche und gegenseitig determinierende Basis gibt. Diese Idee einer kulturellen Totalität, die den gesamten historischen Prozess umfasst, verhindert die Trennung der Instanzen und Elemente. Daraus ergibt sich eine Ablehnung gegen jede Form der analytischen Abstraktion, die Praktiken unterscheidet oder aus der Komplexität der Totalität einzelne Praktiken heraus löst, um diese zu untersuchen. Die Positionen von Williams und Thompson sind das genaue Gegenteil der Hegelschen Suche nach einem zugrundeliegenden Wesen. Dennoch schätzt Stuart Hall ihren Versuch, Praktiken auf Praxis zu reduzieren und gemeinsame homologe Formen zu finden, die allen Bereichen zugrunde liegen, als sehr wichtig und folgenreich für die zukünftige Entwicklung ein. Sie verstehen die Totalität, als konkret und historischbestimmt und uneinheitlich in ihren Zusammenhängen. Da beide Autoren sich von der traditionellen Analyse gelöst haben und sich auf die Ebene der Erfahrung begeben haben und die Strukturen und Beziehungen danach interpretieren, wie sie gelebt werden, werden die beiden nach ihrer Akzentsetzung als Kulturalisten bezeichnet (vgl. Hall 1999: 26).
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b) der Strukturalismus
Neben dem Kulturalismus ist das zweite Paradigma, welches die Entwicklung der Cultural Studies nachhaltig beeinflusst hat, der Strukturalismus.
Obwohl der marxistische Strukturalismus sich als dominierend erwiesen hat, sind es Levi-Strauss und die ersten Semiologen gewesen, die den Strukturalismus erarbeitet haben. Levi-Strauss hat sich das „linguistische Paradigma“ nach de Saussure, der es als Aufgabe der Sprachwissenschaft ansah, die inneren Gesetzmäßigkeiten der Sprache als System zu untersuchen, angeeignet, um es auf die auf die „Humanwissenschaften der Kultur“ anzuwenden und somit ein korrekteres Arbeiten zu ermöglichen (nach Hall 1999: 27). Levi- Strauss ist davon überzeugt gewesen, dass Praktiken nicht direkt aus Praxis folgen, sondern es benötigt einen Vermittler zwischen Praxis und Praktiken und dies ist das begriffliche Schema, durch dessen Operation Inhalt und Form als Strukturen verwirklicht werden.
Nach Claude Levi- Strauss können gesellschaftliche Strukturen am besten verstanden werden, wenn sie so betrachtet werden, als ob sie wie eine Sprache gegliedert sind. Er arbeitete auch viel mit dem Begriff der Kultur, aber die Art wie er ihn konzeptualisiert, steht im Gegensatz zum Kulturalismus, da er Kultur, als die begrifflichen und sprachlichen Rahmen mit denen Gesellschaften ihre Lebensverhältnisse einordnen, versteht. Außerdem betrachtet er die Art und Weise sowie die Praktiken, durch welche die Kategorien und Rahmenbedingungen erschaffen und verändert worden sind, als analog zu den Vorgehensweisen nach denen die Sprache selbst funktioniert. Ein weiterer Unterschied ist die Untersuchung Levi-Strauss der internen Beziehungen innerhalb bedeutender Praktiken gewesen (nach Hall 1999: 29). Die ursächliche Logik der Determiniertheit wird für einen strukturalen Zusammenhang von Ursache und Wirkung aufgegeben, womit er eine Logik der Gruppierung, der internen Beziehungen von Teilen innerhalb einer Struktur geschaffen hat.
Dies hat auch Althusser beeinflusst, der im Anschluss die klassischen marxistischen Themen mit den Begriffen des linguistischen Paradigmas bearbeitet hat. In „Das Kapital lesen“ vertritt auch er die These, dass z.B. die Produktionsweise am besten verstanden werden kann, wenn sie so betrachtet wird, als ob sie wie eine Sprache strukturiert ist. Hieran lässt sich die Bedeutung von Levi-Strauss für Althusser und die marxistischen Strukturalisten erkennen, doch Althusser geht in seinem Werk „Marx` gewaltiger theoretischer Revolution“ noch weit über Levi-Strauss hinaus, indem er den Begriff der
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Ideologie mit in seine Überlegungen einbezieht.. Er definiert Ideologie, als die Themen, Begriffe und Repräsentationen, mittels deren Männer und Frauen in einem imaginären Verhältnis zu den realen Existenzbedingungen stehen, unter denen sie leben. Der Begriff Ideologien wird hier nicht als Inhalte und Oberflächengestalt von Ideen betrachtet, sondern als die unbewussten Kategorien, mittels deren die Existenzbedingungen dargestellt und gelebt werden. Hierbei ist zu beachten, dass der Ideologiebegriff von den Vertretern des Kulturalismus nicht bearbeitet wurde.
Althusser neigt dazu, die relative Autonomie verschiedener Praktiken, ihre internen Besonderheiten, Bedingungen und Wirkungen, auf Kosten der Konzeption von Totalität mit ihren typischen Homologien und Übereinstimmungen zu verstärken (Hall 1999: 29). Mit dieser Betonung der relativen Autonomie der kulturell- ideologischen Ebene richtet sich Althusser gegen die im westlichen Marxismus tief verwurzelte Vorstellung, dass durch den gesellschaftlichen Prozess ein homogener Raum mit einer einzigen Zeit und einer einzigen sozialen Auseinandersetzung entsteht (Winter 1999: 146-195). Für Althusser sind gesellschaftliche Prozesse durch jeweils eine eigene Zeitlichkeit und durch die Offenheit ihrer Entwicklung bestimmt. Die Gesellschaft „konstruiert ihre Verhältnisse ganz aus sich heraus, aus der jeweiligen Konfiguration ökonomischer, politischer und kulturellideologischer Prozesse“ (Althusser, und Balibar 1972: 112). Dabei bleibt er aber bei der Marxschen Bestimmung durch die Produktionsweise und er verwendet weiter den Begriff des Überbaus, dem er eine relative Autonomie und eine spezifische Wirksamkeit zuweist. „Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Struktur gegliedert bzw. artikuliert ist, bedeutet, daß ökonomische Phänomene ideologisch und politisch verankert sind, und weiterhin, daß ideologische Phänomene ökonomische Existenzbedingungen haben. Trotzdem sind das Politische und das Ideologische als autonome Teilbereiche aufzufassen (Winter 1999: 174). Hier weicht er von der klassischen Basis-Überbau-Metapher, wie Marx sie 1858 in seinem Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ formuliert, ab. Marx sieht als Basis die ökonomische Ebene, also letztlich die materiellen Lebensbedingungen, die den Überbau, der wiederum in zwei Ebenen unterteilt wird: die rechtlich- politische Ebene und die Ideologie, bestimmt (Tomberg 1974: 9-43).
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Die Unterschiede zwischen den beiden Paradigmen
Um die Entwicklung der Cultural Studies beurteilen zu können, ist es sinnvoll die offensichtlichen Unterschieden zwischen Strukturalismus und Kulturalismus heraus zu stellen. Am deutlichsten werden diese anhand des Begriffs der Erfahrung. Im Kulturalismus ist die Erfahrung das Fundament, auf dem sich das Bewusstsein und die Bedingungen überschneiden. Im Strukturalismus hingegen wird betont, dass die Erfahrung nicht das Fundament von irgend etwas sein kann, weil die Existenzbedingungen nur in und durch die Kategorien, Klassifikationen und Rahmen der Kultur erfahrbar sind. Diese Kategorien entstehen jedoch nicht und basieren nicht auf der Erfahrung; vielmehr ist die Erfahrung ihr Effekt.
Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Übertragung des Levi-Strausschen Begriff der Kultur von Althusser auf die Ideologie. Hier wird die Erfahrung nicht als eine authentische Quelle betrachtet, sondern als Wirkung; nicht als eine Wiederspiegelung des Wirklichen, sondern als eine imaginäre Beziehung. Im Kulturalismus ist die Erfahrung das Fundament auf dem sich das Bewusstsein und die Lebensbedingungen der Menschen überschneiden.
Während im Strukturalismus die Position vertreten wird, dass die Existenzbedingungen nur in und durch bestimmte Kategorien und Rahmen erfahrbar sind und deshalb die Erfahrung nur als Effekt dieser Kategorien angesehen werden kann. Die Erfahrung kann somit nicht das Fundament von irgend etwas sein. Diese Kategorien sind kollektiv und unbewusst, sodass Althusser an dieser Stelle den Kulturbegriff von Levi-Strauss mit dem Ideologiebegriff verknüpfen konnte. In diesem Kontext wird die Erfahrung nicht als eine authentische Quelle betrachtet, sondern als eine Wirkung; als eine imaginäre Beziehung, welche zur Herrschaft der besitzenden Klasse über die ausgebeutete Arbeiterklasse beiträgt. Daraus ergibt sich der Grundunterschied zwischen den beiden Paradigmen, nämlich die Vorstellung im Strukturalismus vom Menschen als Träger und Vollzugsorgan von Strukturen, die ihn bestimmen und ihm einen Platz zuweisen, gegenüber der Vorstellung der Kulturalisten von einem aktiv handelnden Menschen, der sein Leben frei gestaltet, sich seinen realen Existenzbedingungen bewusst ist und sich organisieren kann, um diese zu verändern.
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Hall ist sich hierbei der Unzulänglichkeit beider Paradigmen bewusst, die Hauptaufgabe der Paradigmen innerhalb der Cultural Studies zu erfüllen, nämlich die Untersuchung der Kultur als ein begrifflich klar strukturiertes und theoretisch durchdrungenes Forschungsgebiet zu konstruieren. Aus diesem Grund er führt die Vorteile der beiden Paradigmen auf, um diese Aufgabe mit einer Kombination aus Elementen des Kulturalismus und des Strukturalismus lösen zu können.
Er beginnt dabei mit den Vorzügen des Strukturalismus. Einen großen Vorteil dieses Paradigmas besteht in ihrer Betonung der determinierten Bedingungen. Denn auch die Tatsache, dass sich die Menschen ihrer historisch-sozialen Bedingungen bewusst werden, sich organisieren, um gegen diese Verhältnisse anzukämpfen, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass in kapitalistischen Verhältnissen die Menschen gegebenen Beziehungen vorfinden, nach denen sie sich als Handelnde richten müssen. Der Strukturalismus ermöglicht die Beziehungen einer Struktur nicht bloß auf die Beziehungen zwischen den Menschen zu reduzieren, so wie es Marx beabsichtigte hat.
Damit ist auch die zweite Stärke des Paradigmas verbunden. Der Strukturalismus erkennt nämlich nicht nur die Notwendigkeit der Abstraktion als Instrument des Denkens an, sondern auch das Vorhandensein einer kontinuierlichen und komplexen Bewegung zwischen verschieden Abstraktionsebenen im Werk von Karl Marx. Denn um die Komplexität der Wirklichkeit analysieren zu können, ist das Denken erforderlich; also die Abstraktion und Analyse, die damit verbundene Bildung von Begriffen, mit denen man in die Komplexität der Wirklichkeit eindringen kann, um Beziehungen sowie Strukturen zu enthüllen und deutlich zu machen. Der Strukturalismus beharrt darauf, dass das Denken nicht die Wirklichkeit wiederspiegelt, sondern sie gliedert, um sich ihrer zu bemächtigen. (Um an dieser Stelle voran zu kommen, schlägt Hall vor, eine Methodik zu entwickeln, die sich von der falschen Zweiteilung in Theoretizismus und Empirizismus löst.) Der dritte Vorteil des Strukturalismus gegenüber dem Kulturalismus besteht in dessen Konzeption des Ganzen, da hier der Einheit eine Struktur gegeben ist. Dieser Ansatz ermöglicht die Vorstellung einer Einheit, welche eher durch Differenzen zwischen als durch die Homologien von Praktiken zusammengesetzt wird. Auch wenn dieser Aspekt mit der Gefahr verbunden ist, zu einer totalen Autonomie der Praktiken zu gelangen, so verdeutlicht er doch, wie spezifische Praktiken zusammen gedacht werden können. Ebenso ein Vorteil des Strukturalismus ist dessen Dezentrierung der Erfahrung und die Bemühungen innerhalb des Paradigmas den Begriff der Ideologie weiterzuentwickeln, da die Betonung der Erfahrung im Kulturalismus eine Bearbeitung des Begriffs der Ideologie
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verhindert. Es wird daran gearbeitet den Begriff der Ideologie als einen Bereich des Kampfes zu begreifen und einzuarbeiten (vgl. Hall 1999: 31-36) Die Vorzüge des Kulturalismus können beinahe aus den Schwachpunkten der
strukturalistischen Position, ihren Auslassungen und ihrem Schweigen abgeleitet werden. Hier ist besonders die positive Bedeutung der Entwicklung des bewussten Kampfes und der Organisation als einem notwendigen Element in der Analyse von Geschichte, Ideologie und Bewusstsein hervor zuheben, da der Kulturalismus an dieser Stelle die Dialektik zwischen der Unbewusstheit kultureller Kategorien und dem Moment bewusster Organisation betont. Hier entdeckt der Kulturalismus nicht nur den Prozess wieder durch den die Klassen zu aktiven historischen und politischen Kräften wird, sondern darüber hinaus fordert der Kulturalismus, dass jeder Moment gemäß der Abstraktionsebene, auf der die Analyse operiert, verstanden werden muss (nach Hall 1999: 36).
Schluss
Stuart Hall sieht seine Aufgabe nun trotz dieses Unterschiedes zwischen den beiden Paradigmen zu vermitteln bzw. die Kulturanalyse mit Hilfe der besten Elemente aus beiden Paradigmen voranzutreiben und somit eine eigene Position zu erarbeiten (Winter 1999: 173).
Deshalb distanziert er die Cultural Studies von der humanistischen Kulturdefinition, in der Kultur als Text betrachtet wird und formuliert Kultur unter Einbezug sowohl des kulturalistischen als auch des strukturalistischen Paradigmas in Tradition der Anthropologie als die kulturellen Praktiken, die nicht als universal verstanden werden, sondern jeweils in ihren historischen Ausprägungen betrachtet werden müssen, indem ein Bezug zwischen ihnen den Sozialstrukturen, den Herrschaftsstrukturen und den sozialen Auseinandersetzungen hergestellt wird. Darüber hinaus werden die Verhältnisse unter kulturellen Praktiken und anderen Praktiken und die Beziehungen zwischen kulturellen, ökonomischen, politischen und ideologischen Instanzen anhand von klar abgegrenzten sozialen Strukturen untersucht, womit der Frage nach der Determination von Lebensbedingungen und Vorstellungen mehr Bedeutung zu gemessen wird. Die kulturellen Praktiken werden hierbei nicht mehr bloß als Teil des Überbaus angesehen. Also wird hier die vom Kulturalismus geforderte Suche nach Einheiten aufgegeben und dem Vorschlag
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Althussers von der sozialen Totalität gefolgt, die durch die relative Autonomie der einzelnen kulturellen Praktiken gekennzeichnet ist.
In diesem Versuch der Zusammenführung der beiden Paradigmen lässt sich Stuart Halls Anliegen feststellen, die Entwicklung der Cultural Studies voran zu treiben. Mit diesem Aufsatz kann aber auch gesehen werden, wie sich Stuart Hall selbst mit den Cultural Studies weiterentwickelt hat. Zunächst standen die Arbeiten von Hoggart, Williams und Thompson im Vordergrund mit denen sich Hall intensiv auseinander zu setzte. Aber die Cultural Studies sind seit jeher eine diskursive Formation. „Sie hatten keinen simplen Ursprung, obgleich einige von uns dabei waren, als sie sich zum ersten Mal diesen Namen gab. Ein großer Teil der Arbeiten, aus denen sie sich entwickelte, waren [...] schon in den Arbeiten anderer Leute enthalten.[...] Cultural Studies haben vielfältige Diskurse; sie haben eine Reihe unterschiedlicher Geschichten. Sie sind eine ganze Reihe von Bewegungen; sie haben ihre verschiedenen Konjunkturen und wichtigen Momente in der Vergangenheit“ (Hall 1990: 35). Hall versuchte nun die wichtigsten Elemente der verschieden Richtung aufzunehmen und weiter zu entwickeln. Dabei setzte er sich auch intensiv mit dem Marxismus und dem marxistischen Strukturalismus auseinander. In dem Text „Die zwei Paradigmen der Cultural Studies“ können wir dies an der Bearbeitung Halls von Althusser beobachten. Für Hall war am Marxismus als Denkform einiges problematisch, besonders der Determinismus, der dem Marxismus eigene Reduktionismus und seine ehernen historischen Gesetzmäßigkeiten. So dass am Beginn der Auseinandersetzung der Cultural Studies mit dem Marxismus die Bearbeitung des Basis-Überbau-Modells stand (vgl. Hall 1990: 38). Ein Kritikpunkt von Hall ist der Eurozentrismus der Marxschen Theorie. Hall wehrt sich gegen die Annahme, dass sich der Kapitalismus aus sich selbst organisch entwickelt, da dies nicht auf die kolonialisierten Gebiete zutrifft, denn dort wurde vielerorts das kapitalistische System erst durch die Eroberung und Kolonialisierung durch die europäischen Kulturen eingeführt. Der Marxismus ist nicht universell übertragbar, da die europäische Entwicklung als natürlich (organisch) vorausgesetzt wird (vgl. Hall 1990: 38f). Hieraus wird auch deutlich, dass es falsch wäre zu behaupten, die Cultural Studies und der Marxismus wären auch nur zu einem Zeitpunkt eins gewesen. Dennoch boten sich innerhalb des Marxismus Ansatzpunkte für Halls Arbeit. So setzte er sich dann ausführlich mit Gramsci auseinander, wie auch in dem Text „Die zwei Paradigmen der Cultural Studies“. Gramsci war für die Cultural Studies hilfreich, da er „ viel über die Natur der Kultur, über die Ordnungen der jeweiligen Konjunktur, über die
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Bedeutung geschichtlicher Spezifik, über die enorm produktive Metapher der Hegemonie, darüber, dass man Klassenverhältnisse nur denken kann, wenn man die deplatzierten Begriffe des Ensembles und der Blöcke benutzt“ (Hall 1990: 40) beitrug. Mit diesen Erkenntnissen konnte Hall dann anschließend weiter arbeiten, insofern, dass Gramsci mit seiner Arbeit viele der Fragen abdeckte, die auch in den Cultural Studies von Bedeutung waren. Außerdem verfolgten Gramsci und Hall an anderer Stelle ein gemeinsames Ziel, nämlich die „Produktion organischer Intellektueller“. Als Aufgabe der organischen Intellektuellen sah Gramsci erstens, mehr zu wissen als die traditionellen Intellektuellen, also tiefgreifend und umfassend zu wissen und zweitens, was für Hall wichtiger war, das erlangte Wissen den Menschen mitzuteilen und zu vermitteln (nach Hall 1990: 42). Also besteht nach Gramsci und Hall eine gewisse Verantwortung der Intellektuellen gegenüber den Menschen, zu versuchen durch die gewonnenen Erkenntnisse die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, also auch auf die Politik Einfluss zu nehmen. Aber wie bereits gesagt, fanden in den Cultural Studies stets vielfältige Diskurse statt, so dass Hall nun die gewonnenen Erkenntnisse auch auf andere Themengebiete übertrug. Dabei zogen besonders zwei Themenkomplexe große Aufmerksamkeit innerhalb der Cultural Studies auf sich. Zum einen die neu aufgeworfenen Fragen im Zuge des Feminismus und zum anderen die Problematik, die sich durch die Bearbeitung des Begriffs der „Rasse“ ergaben (Hall 1990: 43-47). Diese Themen bearbeitete Hall ebenfalls, wie wir auch in dem Reader zum Seminar „Einführung in die Cultural Studies“ sehen konnten. Ein weiterer Schwerpunkt in den Arbeiten von Hall lag in der Medien- und Rezeptionsanalyse.
Anhand der Betrachtung der Arbeit von Stuart Hall, der als einer der wichtigsten Vertreter, vielleicht sogar als der wichtigste Vertreter, der Cultural Studies betrachtet werden muss, haben wir somit auch einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Cultural Studies von ihren Anfängen bis in die heutige Zeit hinein erhalten.
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Literaturverzeichnis:
(- Bernsdorf, Wilhelm und Horst Knospe(Hg.), 1982: Internationales Soziologenlexikon Bd. 2: Beiträge über lebende oder nach 1969 verstorbene Soziologen, Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag)
- Bromley, Roger, 1999: Cultural Studies gestern und heute, S. 9-24 in: Roger Bromley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, Lüneburg: zu Klampen
- Hall, Stuart, 1999: Die zwei Paradigmen der Cultural Studies, S.13-42 in: Karl H. Hörning, Rainer Winter (Hg.): Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt am Main: Suhrkamp
- Hall, Stuart, 1990: Das theoretische Vermächtnis der Cultural Studies, S.34-51 in Lawrence Großberg, Cary Nelson, Paula A. Treichler (Hg.) Cultural Studies. New York, London 1992
- Kluxen, Kurt, 1991: Geschichte Englands, S.834-840, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag
- Marchand, Suzanne, 1997: Foucault, die moderne Individualität und die Geschichte der humanistischen Bildung, S. 323-350 in: Mergel, Thomas und Thomas Welskopp (Hg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft- Beiträge zur Theoriedebatte, München: Verlag C.H.Beck
- Piaget, Jean, 1973: Der Strukturalismus, S. 94-115, Freiburg: Walter Verlag
- Thompson, Edward P., 1999: Kritik an Raymond Williams` The Long Revolution, S. 75-91 in: Roger Bromley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, Lüneburg: zu Klampen
- Tomberg, Friedrich, 1974: Basis und Überbau, Sozialphilosophische Studien, S. 9-43, Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag
- Williams, Raymond, 1999: Schlussbetrachtungen zu Culture und Society 1780- 1950, S. 57-74 in: Roger Bromley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, Lüneburg: zu Klampen
- Winter, Rainer, 1999: Die Zentralität von Kultur. Zum Verhältnis von Kultursoziologie und Cultural Studies, S.146-195 in: Karl H. Hörning, Rainer Winter (Hg.): Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt am Main: Suhrkamp
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Arbeit zitieren:
Klemens Bock, 2003, Die zwei Paradigmen der Cultural Studies, München, GRIN Verlag GmbH
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