2
S 3
1. Einleitung Thomas Hobbes als politischer Philosoph
2. Aspekte der politischen Biographie von Thomas Hobbes
2.1 Der Bildungsweg des baccalaureus artium S 7
2.2 Politische Verhältnisse und gesellschaftlicher Wandel im frühen 17 Jahrhundert S 8
2.3 Vordenker und Leitbilder Hobbes der antiken Historiographie S 12
3. Das Wirken von Thomas Hobbes im Englischen Bürgerkrieg
3.1 Ursachen des Konfliktes und die Elements of Law Natural and Politic S 14
3.2 Das französische Exil und Hobbes Intention während des Krieges S 15
3.3 Behemoth Von der Destruktion eines Staates S 17
S 22
4. Zuspruch und Kritik Die Wirkungen der Denkansätze von Hobbes
S 27
5. Schlussteil
S 29
6. Biographischer Anhang
7. Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellenverzeichnis S 32
7.2 Literaturverzeichnis S 32
8. Abbildungen und Verzeichnis
8.1 Abbildungen S 35
8.2 Verzeichnis S 37
3
1. Einleitung – Thomas Hobbes als politischer Philosoph
„Und somit bin ich am Ende meiner Abhandlung über die bürgerliche und kirchliche Regierung, die von den Wirren der Gegenwart veranlaßt wurde, angelangt, ohne Parteilichkeit, ohne Schmeichelei und ohne eine andere Absicht zu verfolgen als die, den Menschen die gegenseitigen Beziehungen zwischen Schutz und Gehorsam vor Augen zu halten, deren Beachtung die Beschaffenheit der menschlichen Natur und die göttlichen Gesetze, die natürlichen wie die positiven, unabdingbar fordern. Und obwohl in Zeiten von Staatsumwälzungen die Konstellation für die Geburt einer Wahrheit dieser Art nicht sehr gut sein kann (…), so kann ich doch nicht glauben, daß sie in dieser Zeit (…) verurteilt wird.“ 1 Die Hoffnungen Hobbes´ in den Schlussbemerkungen des Leviathan 2 erfüllten sich in der Betrachtung der umfassenden Kontroversen im Zuge der Veröffentlichung seines Hauptwerkes anno 1651 nicht, vielmehr bleibt der Staatstheoretiker sowohl in den Geistes- wie auch Naturwissenschaften und der Theologie bis in das 21. Jahrhundert hinein umstritten; der Name Hobbes scheint allgegenwärtig Diskussionen hervorzurufen. Doch welche Gründe sind hierfür maßgeblich?
Zum einen beeinflusste die Totalität 3 der Hobbesschen Werke seit jeher die Forschungserkenntnisse; zum anderen riefen sowohl die naturalistische Anthropologie 4 als auch Hobbes´ Ansatz der politischen Philosophie 5 ambivalente Ergebnisse in den unterschiedlichsten Wissenschaften hervor.
Die Begrifflichkeiten, die Symbolik und Darstellung des Leviathan und des Behemoth, der im Folgenden ausführlich analysiert werden soll 6 , entspringen dem Alten Testament 7 , in dem diese Wesen als unbesiegbare, Furcht einflößende, aber gleichsam schützende Kreaturen beschrieben werden. Deren Verwendung bei Thomas Hobbes besitzt jedoch weder eine mythologische noch eine theologische Ursache, sondern symbolisiert des Engländers Einstellung als Akteur der „(…) Theorie von der Politik als Politik (…)“ 8 und stellt damit jene neuzeitliche Denkauffassung dar, die von Wilhelm von Ockham (um 1285-1347) eingeleitet 1 Zit. nach Willms, B.: Thomas Hobbes. Das Reich des Leviathan. München 1987, S. 45.
2 Vgl. Hobbes, T.: Leviathan. Oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Hrsg. von I. Fetscher. Übersetzt von W. Euchner. Frankfurt/Main 1989.
3 Vgl. Schelsky, H.: Die Totalität des Staates bei Hobbes. In: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 31(1938), S. 176-193.
4 S. Heger, R.: Die Politik des Thomas Hobbes. Frankfurt/New York 1981, S. 15.
5 S. Bohlender, M.: Die Rhetorik des Politischen. Zur Kritik der politischen Theorie. Berlin 1995, S. 212f. 6 Vgl. Hobbes, T.: Behemoth. The History of the causes of the Civil Wars of England. In: The English Works of Thomas Hobbes of Malmesbury. Vol. VI. Hrsg. von W. Molesworth. Aalen 1966 (Zweiter Repr. London 1840), S. 161-418. Zur Analyse des Behemoth in der vorliegenden Ausarbeitung s. insb. Kap. 3.3: „Behemoth – Von der Destruktion eines Staates“.
7 S. Buch Hiob Kap. 40/15-32 und Kap. 41/1-16. In: Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984 (Hrsg. von der Evangelischen Kirche in Deutschland). Stuttgart 1999, S. 535f.
8 Zit. Willms 1987, S. 18.
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und von Niccolò Machiavelli (1469-1527) und schließlich Hobbes bearbeitet wurde. 9 Deren Aufrechterhaltung erfolgte endlich über Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und noch im 20. Jahrhundert durch das Wirken Carl Schmitts (1888-1985). In der politischen Philosophie, die im Speziellen Hobbes als Instrument einer mechanischen Naturphilosophie per se verstand 10 , setzten sich die genannten Gelehrten für eine Entfaltung der Politik als eigenständige Wissenschaft mit einer eindeutigen Abgrenzung zur Theologie bzw. der theologisch begründeten moralischen Intention des menschlichen Seins ein. Vor diesem Hintergrund gilt Thomas Hobbes in der Moderne neben Machiavelli als bedeutendster Protagonist des 17. Jahrhunderts.
In diesem Kontext müssen also auch der Leviathan und der Behemoth interpretiert werden. Jener Umstand wird explizit an dem Titelblatt des Hobbesschen Hauptwerkes 11 deutlich und erscheint als Element der politischen Philosophie in der Mitte des 17. Jahrhunderts, da es eine Definition der Realitäten der Welt anstrebt und deren Sinnhaftigkeit in Wort und Bild darzustellen versucht. 12 Gleichwohl stand Hobbes diesbezüglich im unmittelbaren Gegensatz zu Immanuel Kants (1724-1804) Vernunftbegriff. 13 Im Hobbesschen ius naturalis hingegen ist der Mensch im deterministischen Sinne zunächst handlungs- und somit entscheidungsunfähig; das Muss ist hier ein fundamentaler Widerspruch zu Kants vernunftorientiertem Soll. 14 Das Naturgesetz beschreibt Hobbes in seinem Leviathan wie folgt: „Ein Gesetz der Natur, lex naturalis, ist eine von der Vernunft ermittelte Vorschrift oder allgemeine Regel, nach der es einem Menschen verboten ist, das zu tun, was sein Leben vernichten oder ihn der Mittel zu seiner Erhaltung berauben kann, und das zu unterlassen, wodurch es seiner Meinung nach am besten erhalten werden kann.“ 15 Bereits unter Hobbes´ Zeitgenossen 16 herrschte in der Auseinandersetzung mit dessen Werken eine erhebliche Ambivalenz. Dabei standen sich Kritiker aus dem Klerus sowie
9 S. ebd., S. 18.
10 S. Dießelhorst, M.: Ursprünge des modernen Systemdenkens bei Hobbes. Stuttgart 1968, S. 11.
11 S. Abb. 1: „Titelblatt des Leviathan“. Am fernen Horizont erstreckt sich der Leviathan, in der Rechten das
Schwert als Symbol weltlicher Macht; in der Linken trägt er den Bischofsstab als Zeichen klerikaler Gewalt. Die Vereinigung beider lässt den Leviathan zur allmächtigen Symbiose von Weltlichkeit und Geistlichkeit werden. Der Corpus desselben setzt sich aus einer Vielzahl von Menschen zusammen, die ihre Antlitze der scheinbar übermächtigen Gestalt zuwenden. Vor dem Leviathan erstreckt sich eine offenbar friedliche Landschaft. Die jeweils fünf Felder an den Seiten des Titels symbolisieren den Charakter und verschiedene Faktoren weltlicher und geistlicher Macht – eine Festung, die Krone als Zeichen der Herrschaft, als Stellvertreterin des Militaristischen eine Kanone, mehrere Gewehre und Flaggen sowie das Schlachtfeld als Realität weltlicher Konfliktpotentiale einerseits; andererseits die Kirche als Zeichen des klerikalen Symbolismus, die Mitra als Pendant zur Krone der Weltlichkeit sowie Bannstrahlen der römischen Kurie, die bildhafte Darstellung der Rhetorik des Klerus mit waffenähnlichen Objekten und die scheinbar dunkle Zusammenkunft der Bischöfe auf Konzilien. Als erste Definition der Macht und Unbezwingbarkeit des Leviathan dient der aus dem Buch Hiob entnommene Spruch non est potestas super terram quae comparetur ei.
12 S. Willms 1987, S. 22.
13 S. Wergen, R.: Naturzustand und Staat bei Thomas Hobbes. Univ. Diss. Bonn 1984, S. 70f.
14 S. Dießelhorst, S. 13.
15 Zit. Hobbes, T.: Leviathan, S. 99.
16 Im Folgenden soll lediglich ein kurzer Überblick über einige der Zeitgenossen gegeben werden, die Hobbes
entweder kritisch oder aber in relativer Weise positiv gegenüberstanden. Für nähere Analysen bezüglich der Wirkungen Hobbes´ auf seine Zeit s. insb. Kap. 4.: „Zuspruch und Kritik – Die Wirkungen der Denkansätze von Hobbes“.
5
adligen Kreisen und jener Gruppierung von Anhängern der Theorien des politischen Philosophen gegenüber. Der Erzbischof John Bramhall (1594-1663; A Defence of True Liberty, 1655; Castigations of Mr. Hobbes, 1658; The Catching of the Leviathan, 1658), die Theologen Henry More (1640-1687; Antidote to Atheism, 1653), Alexander Ross (1591- 1654; Leviathan drown out with a hook, 1653) und Ralph Cudworth (1617-1680; A Discourse concerning the True Notion of the Lords Supper, 1642) sowie aus dem Bereich der Orientierungs- und Naturwissenschaften Robert Filmer (1588-1653; Observation…on Mr. Hobs´s his Leviathan, 1652), John Wallis (1616-1703; Elenchus geometriae Hobbianae. Sive, Geometricorum, quae in ipsius elementis philosophiae a Thoma Hobbes proferuntur, refutatio, 1655), Seth Ward (1617-1689; In Thomae Hobbii philosophiam exercitatio epistolica, 1656) und John Eachard (um 1636-1697; Mr. Hobb´s State of Nature Considered…, 1672) waren etwa Persönlichkeiten, die gegen Thomas Hobbes argumentierten. Diesen traten Hobbes´ enge Freundschaften zu den Cavendishs 17 und angesehenen Gelehrten gegenüber, unter anderem Petrus Gassendi (1592-1655; De Septo cordis pervio observatio, 1663), Galileo Galilei (1564-1642; Discorsi e Dimostrazioni Matematiche intorno a due nuove scienze, 1635/36), René Descartes (1596-1650; Lettres. Esemplare annotato dell´ Instituto de France, 1666/67), der Pariser Pater Marin Mersenne (1588-1648) sowie Benedict de Spinoza (1631-1677; Tractatus theologico-politicus, 1670). Die Geradlinigkeit der Kontroversen um Hobbes´ Thesen blieb bis in das 20. Jahrhundert hinein erhalten; so standen die Ideale David Humes (1711-1776; An abstract on a treatise of human nature, 1740) genauso im unmittelbaren Gegensatz zu den Hobbesschen Intentionen wie der Argumentationsgang von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778; Abhandlung von dem Ursprunge der Ungleichheit unter den Menschen, und worauf sie sich gründe, 1756). In der neuzeitlichen Geistesgeschichte verstand sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Geschichte der Philosophie [Vgl. Hegel. Werke. Hrsg. von E. Moldenhauer und K.M. Michel. 1970ff]) als analytischer Widersacher der Schriften des Engländers. Schließlich reichten die Wirkungen des Thomas Hobbes über den von dessen Thesen inspirierten Carl Schmitt (Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes, 1938) sowie Ferdinand Tönnies (1855- 1936; Thomas Hobbes. Leben und Werk, 1896) 18 bis zu jenen Wissenschaftlern der modernen Hobbes-Forschung. 19 17 Bezüglich der tatsächlichen Dimension der Beziehung des Thomas Hobbes zur Familie Cavendish s. insb. Kap. 2.1: „Der Bildungsweg des baccalaureus artium“ sowie Kap. 2.2: „Politische Verhältnisse und gesellschaftlicher Wandel im frühen 17. Jahrhundert“.
18 Ferdinand Tönnies interpretierte Thomas Hobbes an der Schwelle zum 20. Jahrhundert erstmals als tragenden Denker, Theoretiker und Analysten der frühen Neuzeit.
19
Vgl. Bermbach, U.; Kodalle, K.-M. (Hrsg.): Furcht und Freiheit. Leviathan-Diskussion 300 Jahre nach Thomas Hobbes. Opladen 1982. Vgl. Euchner, W.: Hobbes und kein Ende? Probleme der neueren Hobbes-Forschung. In: Archives européenes de sociologie, 12(1971), S. 89-110. Vgl. Willms, B.: Systemüberwindung und Bürgerkrieg. Zur politischen Bedeutung von Hobbes´
6
Die Problematik der erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Objektivität in der Auseinandersetzung mit Hobbes´ Wirken und Werken erweist sich in der Betrachtung des
21. Jahrhunderts zum einen als übergroßer Fundus der Kritik und divergenter
Forschungsergebnisse; andererseits liefert die Vielzahl der Publikationen nicht selten Erkenntnisse bzw. Erkenntnisansätze, die von individuellen Motivationen durchdrungen zu sein scheinen und somit ausgeprägte Subjektivität implizieren. Dies könnte jedoch zu einer Verklärung des Thomas Hobbes führen. Vor diesem Hintergrund sind umfangreiche Studien zu Hobbes selbst und bezüglich dessen Position im 17. Jahrhundert ebenso unumgänglich wie der Gewinn fundierter Kenntnisse zu den politischen, gesellschaftlichen, aber auch wirtschaftlichen 20 und theologischen Gegebenheiten zu Hobbes´ Lebzeiten. 21 In der Zusammenführung dieser Bereiche ergibt sich daher das quellenkritische Moment, das dieser Ausarbeitung zugrunde liegt. 22 In der kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen Thomas Hobbes´, aber auch dessen Kritikern und Anhängern sowie im Rahmen der Betrachtung der allgemeinen Realitäten in England im 17. Jahrhundert und vor dem Hintergrund der Kontroversen um Hobbes bis in das
21. Jahrhundert hinein entstand das zentrale Thema der Arbeit: Der politische Philosoph. Das
Wirken Thomas Hobbes´ und zeitgenössische Kritik an seinen Werken vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels unter besonderer Berücksichtigung des Englischen Bürgerkrieges im 17. Jahrhundert. Mit Hilfe einer Symbiose der Chronologie der Ereignisse, der Methodologie im historischen Sinne sowie unter Berücksichtigung der Wirkungen Hobbes´ auf Zeitgenossen sollen schließlich Antworten auf fundamentale Fragen in der Auseinandersetzung mit dessen Schriften gefunden werden: wie stellen sich die Destruktion und die nachfolgende Neukonstruktion eines Staates bei Hobbes dar? Welche soziologisch- anthropologischen Faktoren durchdringen neben den bereits genannten die Hobbesschen Ideen? Und: verstanden sich Klerus und Adel in England zu Lebzeiten des Philosophen als bloße Kritiker oder seriöse Analysten?
20 Vgl. Smith, A.: Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Unter Zugrundelegung der Übersetzung M. Stirners, aus dem englischen Original nach der Ausgabe letzter Hand (4. Auflage 1786) ins Deutsche übertragen von E. Grünfeld und eingeleitet von H. Waentig. Sammlung sozialwissenschaftlicher Meister (hier Bd. 1 und 2), Jena 1923.
21 In der vorliegenden Ausarbeitung werden die genannten Aspekte, die in der modernen Hobbes-Forschung als essentiell beschrieben werden, aufgrund der Art und des begrenzten Umfanges jeweils in knapper Form bearbeitet und bezüglich des zentralen Themas bewertet.
22 Vgl. Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Vgl. Euclides: Die Elemente. Nach Heibergs Text aus dem Griechischen übersetzt und hrsg. von C. Thaer. Leipzig 1984 (Repr. nach der 1. Auflage, Leipzig 1933- 1937). Vgl. Hobbes, T.: Philosophical Rudiments concerning Government and Society. The English Works of Thomas Hobbes of Malmesbury. Vol. II. Hrsg. von W. Molesworth. Aalen 1966 (Zweiter Repr. London 1840). Vgl. Ders.: Behemoth. Vgl. Ders.: Leviathan.
7
2. Aspekte der politischen Biographie von Thomas Hobbes
2.1 Der Bildungsweg des baccalaureus artium
Thomas Hobbes wurde als Sohn eines Landgeistlichen und einer Bauerntochter – im Allgemeinen eher ungebildete Menschen des niederen Klerus 23 – am 5. April 1588 bei Malmesbury geboren. Der Knabe selbst war hochgradig intelligent. Seine Begabung, erlerntes Wissen unmittelbar anzuwenden, verhalf ihm zu einer klassisch-scholastischen Erziehung durch den Onkel und einer gezielten sprachlichen Förderung durch seine Lehrer. So beherrschte Hobbes alsbald die griechische und lateinische Sprache; darüber hinaus erwarb der Jüngling die fundamentalen schulischen Kenntnisse in rasanter Weise. Im Alter von 14 Jahren nahm Thomas Hobbes anno 1603 das Studium der Philosophie in Magdalen Hall an der Universität in Oxford auf 24 , das durch eine Ambivalenz der Motivation des Jünglings geprägt war. Zum einen fiel Hobbes durch logisch-stringentes Argumentieren und einem außergewöhnlich hohen Grad von sprachlicher Gewandtheit auf, sodass er bereits im Jahre 1607 die akademische Prüfung als baccalaureus artium ablegen konnte, die ihm gleichsam gestattete, selbst als Dozent tätig zu werden; andererseits wirkte Hobbes häufig lustlos und von Unbehagen befallen. Trotz seiner exzellenten Leistungen fühlte sich der klassisch Erzogene mehr zu aktuellen geographisch-astronomischen Kontroversen hingezogen und schien von ungestillter Reiselust durchdrungen.
„My Phancie and my Mind divert I do, With Maps Celestial and Terrestrial too.
Rejoyce t´accompany Sol, cloath´ d with Rays, Know by what Art he measures out our Days;
How Drake and Cavendish a Girdle made Quite round the World, what Climates they survey´ d (…)” 25 Daher betrachtete er den universitären Betrieb im Allgemeinen und den erheblichen Einfluss der Kirche auf die Gelehrten seiner Zeit im Speziellen äußerst kritisch.
Aufgrund dieser Tatsache wählte Hobbes 1608 nicht den Weg der akademischen Karriere, sondern folgte der Anfrage William Cavendishs (gestorben 1626), dem Baron von Devonshire in Hardwick, und ließ sich als Hauslehrer der Familie anstellen. Schon früh erkannte der junge Gelehrte, welch kluge Entscheidung er getroffen hatte: die ihrerseits
23
S. Fetscher, I.: Einleitung. Leviathan, Teil 1: Vom Menschen. In: Hobbes, T.: Leviathan, Einleitung XI.
24
S. Willms, B.: Die Antwort des Leviathan. Thomas Hobbes´ politische Theorie. Berlin/Neuwied 1970, S. 51.
25
Zit nach Fetscher, I.: Einleitung. Leviathan, Teil 1: Vom Menschen. In: Hobbes, T.: Leviathan, Einleitung XI.
8
ebenfalls hoch gebildeten Cavendishs, gleichsam aufgeschlossen in geistigen wie theologischen Disputationen engagiert und von unstillbaren Erkenntnisinteresse getrieben, ermöglichten Hobbes Einblicke in aristokratische Kreise, die ein von Philosophie und wissenschaftlichem Arbeiten bestimmtes Leben ohne einen übersteigerten Einfluss der Kirche fördern konnten. Die kritischen Auseinandersetzungen mit den Abhängigkeiten der Universitäten von den oftmals dogmatischen Klerikern wirkten sich in Hobbes´ jungen Jahren noch nicht negativ aus; so war es kaum verwunderlich, dass er Zeit seines Lebens – mit Ausnahme der kontinentalen Reisen und dem elfjährigen Exil in Frankreich – im engsten Kreise der Familie verblieb.
Der Philosoph fand jedoch nicht nur einen offenen, unmittelbaren Bezug zu den Diskussionsrunden des mittleren Adels, sondern erhielt im Rahmen der Erziehung des Filius William (1591-1628) Zugang zu allen für wissenschaftliche Tätigkeiten relevanten Aspekte 26 : Bücher und umfangreiche Bibliotheken höchster Aktualität, einen gesicherten Lebensstandard, Umgang mit zeitgenössischen Gelehrten und Denkern – auch abseits adliger Herkunft –, sowie die Möglichkeit des Reisens auf den Kontinent, um in Kontroversen aller Art ständig neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Die Disputation mit ausländischen Größen der Wissenschaft galt nicht nur im 17. Jahrhundert als unabdingbare Voraussetzung der Erweiterung des Intellekts. 27 Auf diese Weise lernte Hobbes alsbald die Dramaturgen Ben Jonson (1573-1637), John Dryden (1631-1700) und Sir William Davenant (1606-1668), die Naturwissenschaftler William Oughtred (1575-1660) und John Pell (1611-1685) sowie Pater Marin Marsenne kennen – jeder für sich ein angesehener Zeitgenosse, wobei vor allem Letztgenannter in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Paris als zentrale Persönlichkeit im direkten Austausch der Gelehrten untereinander galt.
Für die ethische, naturalistisch-anthropologische und kirchenkritische Entwicklung Hobbesscher Ideen war dessen Mitgliedschaft in der Gruppierung bedeutender Hochadliger um den Lord Falkland (um 1610-1643) maßgeblich. 28 Im zentralen Interesse jenes Kreises stand die Diskussion um die Dimensionen englischer Politik im Allgemeinen und der Zukunft des Landes und der Gesellschaft im Speziellen. Vor allem in diesem Klientel gewann Thomas Hobbes mehr und mehr Einblicke in aristokratische Denkansätze und politische Entfaltungsmöglichkeiten, die ihm in einer akademischen Laufbahn unter dem Eindruck des klerikalen Einflusses wohl verborgen geblieben wären. 29 26 S. Willms 1987, S. 30.
27 S. Fetscher, I.: Einleitung. Leviathan, Teil 1: Vom Menschen. In: Hobbes, T.: Leviathan, Einleitung XIIf. 28 S. Willms 1977, S. 31.
29 S. Willms 1970, S. 51.
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Holger Skorupa, 2008, Der politische Philosoph, München, GRIN Verlag GmbH
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