GLIEDERUNG
1. EINLEITUNG: DER MAUERFALL - KRISE UND CHANCE DER SOZIALWISSENSCHAFTEN 3
2. DER FORSCHUNGSGEGENSTAND OSTDEUTSCHLAND 4
2.1 TRANSFORMATIONSFORSCHUNG VERSUS THEORIEN SOZIALEN WANDELS 4
2.2 INSTITUTIONEN DER OSTDEUTSCHLANDFORSCHUNG 4
2.3 DIE AKTUELLE LAGE IN OSTDEUTSCHLAND 5
3. ERGEBNISSE DER OSTDEUTSCHLANDFORSCHUNG 6
3.1 INFRA- UND SOZIALSTRUKTUR. 8
3.1.2 Infrastruktur 8
3.1.2 Sozialstruktur. 9
3.2 INSTITUTIONELLER WANDEL. 11
3.3 MENTAL-KOGNITIVER WANDEL. 13
4. DEFIZITE DER OSTDEUTSCHLANDFORSCHUNG 17
5. RESÜMEE. 19
6. LITERATURVERZEICHNIS 20
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1. Einleitung: Der Mauerfall - Krise und Chance der Sozialwissenschaften
Wie sehr die Ereignisse der Nacht des 9. Novembers 1989 auch von allen begrüßt wurden, der Fall der Berliner Mauer, als Auftakt für den anschließenden Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in nahezu ganz Europa, wird mitunter auch als „schwarzer Freitag der Sozialwissenschaften“ 1 bezeichnet. Die „friedliche Revolution“ kam für die etablierten westdeutschen Forscher und vermeintlichen Experten geschichtlicher und sozialer Prozesse völlig überraschend. Ost-West-Konflikt und Nachkriegsordnung galten seit Jahrzehnten als scheinbar unveränderliche Axiome des wissenschaftlichen Blicks auf Europa. Als die drei dominierenden Erklärungsmuster des Sozialismus, Totalitarismus-, Konvergenz-, und Modernisierungstheorie, aber nun mit einem Schlag empirisch widerlegt waren, befand sich die westdeutsche Sozialforschung zweifellos in einer Krise. Die Deutungsparadigmen für die Gegenwart hatten versagt, Prognosefähigkeit konnten die Sozialwissenschaften nicht mehr für sich in Anspruch nehmen.
Gleichzeitig aber boten der einsetzende Systemwechsel und die Veränderungsprozesse in Ostdeutschland eine einmalige Chance zur Rehabilitation. Nie zuvor gab es eine vergleichbare Möglichkeit, die Transformation eines sozialistischen Landes in eine marktwirtschaftliche Demokratie dokumentieren und analysieren zu können. Aufgrund der Sonderstellung unter den postsozialistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas, betrachteten die Wissenschaftler Ostdeutschland fortan als „Testgelände mit Modellcharakter“. So waren tatsächlich schon kurze Zeit nach den Wendeereignissen zahlreiche Forschungsprojekte mit den Wandlungsprozessen in Deutschlands Osten beschäftigt - die „Ostdeutschlandforschung“ war geboren. Bis heute liegen weit über 3000 deutschsprachige Publikationen vor, die sich mit dem spezifischen Verhältnis von Kopplung und Entkopplung zwischen dem neuen westlichen System und der „real-sozialistischen“ Lebenswelt der DDR- Bürger beschäftigten. Mittlerweile gerät jedoch die Ostdeutschlandforschung immer mehr aus dem Blickfeld der Sozialwissenschaftler, mit der wirtschaftlichen und sozialen Stagnation in Ostdeutschland, scheint allmählich auch das Forschungsfeld Ostdeutschland an ein Ende zu gelangen. 2 Anlass genug, nach 16 Jahren Ostdeutschlandforschung ein Resümee zu ziehen. In der folgenden Arbeit sollen nun die wichtigsten Ergebnisse der Ostdeutschlandforschung präsentiert werden, anschließend aber auch deren Defizite angeführt werden.
1 Vgl. Ettrich, Frank, 2005: Die andere Moderne, Soziologische Nachrufe auf den Staatsozialismus, S.4.
2 Vgl. Kollmorgen, Raj, 2003: Das Ende Ostdeutschlands?, in: Berliner Debatte Initial (14)
3
2. Der Forschungsgegenstand Ostdeutschland
2.1 Transformationsforschung versus Theorien Sozialen Wandels
„Transformation“ darf nicht mit „Sozialer Wandel“ verwechselt werden. Während Theorien des Sozialen Wandels den Verlauf und den prognostizierbaren Wandel von Sozialstrukturen über einen längeren Zeitraum betrachten, beschäftigt sich die Transformationsforschung, zumindest in dem in folgenden gemeinten Sinne, mit dem radikalen Systemwechsel, der mit der Ablösung einer zentralen Verwaltungswirtschaft durch die Marktwirtschaft und dem Wechsel von der Diktatur einer Partei zu einer freiheitlichen Demokratie einhergeht. Die Ostdeutschlandforschung ist Transformationsforschung in dem speziellen Fall dieser Veränderungen in den fünf „neuen“ Bundesländern. Auch wenn sozialer Wandel und Transformation zwei unterschiedliche Prozesse bezeichnen, steht die Wissenschaft vor dem Problem, dass beide Phänomene gleichzeitig ablaufen. Welche Veränderungen sind Folgen des Systemwechsels, welche die Folgen gesamtdeutscher, europäischer oder gar globaler Veränderungstendenzen? Je weiter der Systemwechsel zurückliegt, desto mehr scheinen Aspekte des sozialen Wandels in den Vordergrund zu rücken. Mitunter werden beide Phänomene in ihrer Synchronität auch in der Begriffsbestimmung berücksichtigt, Schäfers bezeichnete die Nachwendeereignisse als „geplanten sozialen Wandel.“ 3 Der Begriff „Transformation“ als scheinbar wertfreie Bezeichnung für den bundesdeutschen Vereinigungsprozess stößt allerdings auch aus anderen Gründen gelegentlich auf Ablehnung. Einige ziehen den Begriff der „strukturellen Kolonialisierung“ vor, der die Dominanz des westdeutschen Systems in diesem Prozess verdeutlichen soll (Kolonialisierungsthese). 4
2.2 Institutionen der Ostdeutschlandforschung
Unmittelbar nach den Wendeereignissen begannen zahlreiche private und öffentliche Einrichtungen mit zunächst hauptsächlich empirischen Forschungen bezüglich der einsetzenden Transformation Ostdeutschlands. Die wichtigsten Arbeiten legten unter anderem das „Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung“ und die Arbeitsgruppe „Transformationsprozesse in den neuen Bundesländern“ vor. Auch die Universität Bamberg präsentiert im Rahmen des Projektes „Integration und Transformation in Europa“ regelmäßig Ergebnisse zu diesem Themengebiet. Ein Großteil der Studien der Ostdeutschlandforschung
3 Schäfers, Bernhard, 1991: Der Vereinigungsprozess in sozialwissenschaftlichen Deutungsversuchen, in:
Gegenwartskunde 40, Heft 3, S. 273 - 284.
4 Freis, Britta, 2001: Spuren der deutschen Einheit, S. 34.
4
entstanden als echte Auftragsforschung, die Bedeutsamkeit der Dokumentierung des Transformationsprozesses schien Politik und Wirtschaft somit sehr wohl bewusst zu sein. Auch die Bundesregierung veröffentlichte fortan regelmäßig den „Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit“.
Aufgrund der ungeheuren Menge veröffentlichter Studien, des heutigen Theorienpluralismus und den unterschiedlichen Intentionen der Forscher, ist die Ostdeutschlandforschung jedoch ein äußerst schwer überschaubares Forschungsfeld. Ein „knapper“ Überblick scheint unmöglich. Das Deutsche Institut für Urbanistik zog vor kurzem ebenfalls das erste mal eine Bilanz und benannte allein dreizehn Themenfelder der Ostdeutschlandforschung : Lebensqualität privater Haushalte, Wohnungswesen, Städtebau und Stadtumbau Ost, Verkehr, Grundversorgung und soziale Infrastruktur, Bildung und Forschung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, öffentliche Finanzen, Wirtschaftspolitik, Verwaltung, Raumordnung, Regionalpolitik und EU-Osterweiterung. 5
Um die Vielzahl an Einzelbefunden, die bis heute veröffentlicht wurden, in einen größeren Zusammenhang zu stellen, schlossen sich im Frühjahr 2005 sieben außeruniversitäre Institute (Berliner Debatte/GSFB,BISS,IPRAS,SFZ, WISOC, Thünen-Institut, ZSH) zu dem Netzwerk „Ostdeutschlandforschung“ 6 zusammen. In naher Zukunft sind von dieser Seite erste Veröffentlichungen geplant, die die verschiedenen Forschungen zu einem einzigen Gesamtbild vereinen sollen.
2.3 Die aktuelle Lage in Ostdeutschland
Die wirtschaftliche und soziale Situation in den fünf neuen Bundesländern ist ein regelmäßig in den Medien intensiv diskutiertes Thema. Von Bundespräsident Köhlers Aussagen über die Unwahrscheinlichkeit gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West 7 , bis zur gegenwärtigen Unterschichtendebatte zeigt die Öffentlichkeit großes Interesse an Forschungsergebnissen zum Stand des Transformationsprozesses.
Die aktuelle Lage in Deutschlands Osten kann nicht anders als zwiespältig bezeichnet werden: „moderne Infrastruktur und neue, hochproduktive Betriebe neben veralteten und stillgelegten Industrieanlagen, neu erbaute Eigenheimsiedlungen neben leerstehenden Plattenbauten, aufwendig restaurierte historische Stadtzentren, Marktplätze, Rathäuser, Kirchen, Schlösser und Parks inmitten halb entvölkerter Landstriche, umgeben von
5 Vgl. Brettschneider, Michael, 2005: Der Aufbau Ost als Gegenstand der Forschung -
Untersuchungsergebnisse seit 1990. Materialien des DIFU.
6 Ergebnisse und Materialien zur Ostdeutschlandforschung werden vom Netzwerk
Ostdeutschlandforschung unter www.ostdeutschlandforschung.de bereitgestellt.
5
Industriebrachen und verlassenen Dörfern.“ 8 Bevölkerungsentwicklung, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Situation sind die drängendsten Probleme der Gegenwart, das makroökonomische Ungleichgewicht Deutschlands ist nach wie vor nicht in Abrede zu stellen. Würde Ostdeutschland, für sich allein genommen, einen Antrag auf eine EU-Mitgliedschaft stellen, könnte man aufgrund der wirtschaftlichen Daten bis zum Jahr 2019dem geplanten Ende des Programms Aufbau Ost - womöglich nicht einmal ein Verhandlungstermin erreichen. 9
Ähnlich ambivalent fällt der Versuch aus, die mentale und kognitive Situation der Ostdeutschen zu beschreiben, so durchschritt die Bevölkerung nach der Euphorie des Umbruchs die fünf Phasen eines Kulturschocks, 10 die der amerikanische Anthropologe Kalvero Oberg 1960 beschrieb: Euphorie, Entfremdung, Eskalation, Missverständnisse und dann doch Verständigung. Aber auch wenn wohl mittlerweile die Phase der Verständigung schon längst erreicht ist, noch immer unterscheiden sich westdeutsche und ostdeutsche Befindlichkeiten.
3. Ergebnisse der Ostdeutschlandforschung
Das eingangs beschriebene Versagen der Sozialwissenschaften bei der Beurteilung der Situation Ende der 80er Jahre erzeugte nach der Wende eine „gewisse Nachdenklichkeit“ 11 und die Prozesse der Transformation wurden nun bewusst durch zahlreiche Forschungsinitiativen begleitet. Als Ziele der Ostdeutschlandforschung nannte Kollmorgen: die Beschreibung und Archivierung dieses welthistorischen Vorgang für die internationale Wissenschaftsgemeinde, zweitens, das Schließen der Wissenslücken über die ostdeutsche Gesellschaft um der Politik empirisches Wissen über den Staus Quo zu liefern und drittens, den Aufbau der Sozialwissenschaften vor Ort. 12 Für die Gliederung, der dabei erzielten Ergebnisse, stehen nun mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Die Möglichkeit der Aufteilung der Ostdeutschlandforschung nach ihren thematischen Feldern wurde schon erwähnt, daneben lässt sich die Ostdeutschlandforschung aber auch zeitlich in zwei Phasen trennen. Zunächst in die Phase der Nachwendezeit (Jahre 1990 -1994). In dieser Zeit spielten grundlegende Untersuchungen, teilweise im Ost- und Westvergleich, Fallstudien und Ergebnisse von Expertentagungen eine wichtige Rolle.
7 Vgl. Einmischen statt abwenden, Interview mit Horst Köhler, in: „Focus“ am 13.09.2004.
8 Busch, Ulrich, 2005: Aufbau Ost - Bilanz und Perspektiven, in Berliner Debatte Initial, (16) S.79.
9 Vgl. ebd. S. 83.
10 Vgl z.B. Becker, Ulrich,1992: Zwischen Angst und Aufbruch. Das Lebensgefühl der Deutschen in Ost
und West nach der Wiedervereinigung, S. 56-58.
11 Esser, Hartmut, 2000: Der Wandel nach der Wende. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik in
Ostdeutschland, S.7.
12 Vgl. Kollmorgen, Raj, 2003: Das Ende Ostdeutschlands?, in: Berliner Debatte Initial (14), S. 9.
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Arbeit zitieren:
Thomas Puchta, 2007, Ergebnisse der Ostdeutschlandforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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