Am 8. Mai 1945, am Tag der Befreiung Europas und des Waffenstillstands nach dem brutalen
zweiten Weltkrieg, schossen französische Truppen auf der anderen Seite des Mittelmeers im
algerischen Constantine auf Demonstranten, die für die Autonomie ihres Landes innerhalb des
französischen Staatsverbandes eintraten. Dem brutalen Vorgehen der französischen Armee
fielen Hunderte, wenn nicht Tausende von Algeriern zum Opfer. Der Versuch der
Kolonialmacht Frankreich, die Unabhängigkeitsbewegung vom Anfang an im Keim zu
ersticken, ist damit entgültig gescheitert.
Was danach folgte, war eine brutale militärische Auseinandersetzung zwischen der Front de
Libération National (FLN) und der französischen Armee, die erst 40 Jahre nach dem Ende des
Konfliktes offiziell von der französischen Regierung als Krieg bezeichnet werden konnte. In
diesem von der FLN und der ALN ( Armée de Libération National) geführten
Unabhängigkeitskrieg kamen mehr als 1 Millionen Algerier und 24.000 Franzosen ums
Leben.
Bei den “Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung „- wie man offiziell 38 Jahre lang
diesen schmutzigen Krieg bezeichnete- mobilisierte Frankreich seine ganzen militärischen
Kräfte und im Dienste der La Grande Nation waren 2 Millionen französische Soldaten in
Algerien stationiert. Mit allen zur Verfügung stehenden Gewaltmitteln sollte verhindert
werden, dass 132 Jahre koloniale Herrschaft in Algerien beendet wird.
Folter, Vergewaltigungen, willkürliche Ermordung von FLN-Militanten und
Massenhinrichtungen gehörten zur tagtäglichen Praxis der französischen Armee während des
offiziell von 1954 bis 1962 dauernden Algerienkriegs1.
Die Enthüllungen von in Algerien begangenen Massakern sorgten vor einem Jahr für eine
heftige Debatte über die Verstrickung Frankreichs in Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Anders kann man die Geständnisse und die Kriegserinnerungen von ehemaligen
französischen Generälen in Algerien, die zugaben, im Dienste der französischen
Kolonialmacht verdächtige FLN-Militanten gefoltert und anschließend exekutiert zu haben,
nicht bewerten.
Diese an die französische Öffentlichkeit gelangten Informationen über die unmenschlichen
Methoden der französischen Armee waren den Politikern des Landes von rechts bis links
schon längst bekannt. [...]
1 Thankmar von Münchhausen: Kolonialismus und Demokratie, die Französische Algerienpolitik von 1945-
1962, München 1977. S, 221-229.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Die Verdrängten Bilder des Algerienkriegs und die blutige Logik des Kolonialismus
2.1 Historischer Überblick
2.2 Erinnerungen an vergessene Verbrechen
2.3 Algerienkrieg im Spiegel des Geschichtsunterrichts
2.3.1 Leugnung und Verschleierung der Wahrheit
2.3.2 Ideologische Einflussnahme des Staats
2.3.3 Algerienkrieg als Randthema im Geschichtsunterricht
3 Algerienkrieg und seine Folgen: Die Vergangenheitsbewältigung à la francaise
3.1 Algerienkrieg: Stachel im Fleisch der französischen Politik und Gesellschaft
3.2 Hochdekorierte Militärs: Folter und Mord als Pflichterfüllung?
3.3 Massaker auf höchstem Befehl?
4 Das Massaker vom 17. Oktober 1961: Die Erinnerung als Geheimnis der Republik
4.1 Massaker ohne Namen und Erinnerung mit Gesicht
4.2 Aufklärung nach 40 Jahren: Gedächtnisschwund oder Exzessive Erinnerung?
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Umgang Frankreichs mit seiner kolonialen Vergangenheit im Kontext des Algerienkrieges. Ziel ist es, den Mechanismus der "Kunst des Vergessens" und die staatliche Verdrängungspolitik aufzudecken, die bis heute eine kritische Aufarbeitung der französischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erschwert.
- Historische Aufarbeitung des französischen Kolonialismus in Algerien
- Analyse der staatlich gelenkten Erinnerungskultur und Geschichtsvermittlung
- Untersuchung von Folter und Massakern als Instrumente der Macht
- Die Rolle der französischen Politik und Militärführung im Algerienkrieg
- Der Einfluss des kollektiven Gedächtnisses auf die aktuelle politische Identität Frankreichs
Auszug aus dem Buch
2.2 Erinnerungen an vergessene Verbrechen
Die Geschichte des kolonialen Verbrechens begann am 29. Dezember 1840, als der frisch zum Gouverneur der Kolonie ernannte General Thomas Bugeaud in Algerien eintraf. Mit ihm fangen die ersten wahren „ zivilisatorischen Missionen Frankreichs “ an, deren Mittel an Grausamkeiten nicht zu überbieten sind. In den französischen Geschichtsbüchern heißt es dennoch bis heute, „ die kulturspendenden Mission Frankreichs sei mit ein paar Ausnahmen unblutig und mit großer Begeisterung von den Autochthonen in den Kolonien aufgenommen worden.
In der offiziellen Geschichte Frankreichs ist nirgendwo erwähnt, dass die Armeeoffiziere, welche an Massakern, massenhaften Deportationen der Bevölkerung, Raub von Frauen und Kindern, die als Geiseln benutzt werden, an Aneignung der Ernten und des Viehs und an Verwüstungen von Obstplantagen beteiligt waren und dafür noch vom Staat belohnt wurden. Doch schon damals brachten die Berge von algerischen Leichen den Generälen der Afrika-Armee, die für ihren Einsatz zum Marschall und sogar zum Kriegsminister gefördert wurden, glänzende Karrieren ein.
Unter den Befürwortern dieser Politik der „verbrannten Erde“ in Algerien, befand sich einstmals ein in der offiziellen Geschichte in Frankreich als Demokrat bekannter Forscher, der mit seinen ausführlichen Arbeiten über Algerien die gegen die französische Expansion erhobenen Stimmen in der Nationalversammlung zum schweigen brachte. Alexis De Tocqueville, Stratege der französischen Kolonialpolitik und Autor des berühmten Werks „ Die Demokratie in Amerika“ rechtfertigte diese militärische Intervention in Nordafrika und bezeichnete schon damals die Massaker an den Algeriern als notwendige Maßnahmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung umreißt die blutige Historie des Algerienkrieges, die offizielle staatliche Verleugnung und die Diskrepanz zwischen kolonialem Mythos und realen Verbrechen.
2 Die Verdrängten Bilder des Algerienkriegs und die blutige Logik des Kolonialismus: Dieses Kapitel analysiert die historischen Wurzeln des Kolonialismus und zeigt auf, wie der Geschichtsunterricht in Frankreich systematisch zur Leugnung und Verschleierung dieser Vergangenheit beiträgt.
3 Algerienkrieg und seine Folgen: Die Vergangenheitsbewältigung à la francaise: Hier werden die parteipolitischen Verstrickungen in Folter und Morde thematisiert sowie der Widerstand gegen die Aufarbeitung der Greueltaten durch Politik und Militär untersucht.
4 Das Massaker vom 17. Oktober 1961: Die Erinnerung als Geheimnis der Republik: Dieser Teil rekonstruiert das unterdrückte Massaker an algerischen Demonstranten in Paris und beleuchtet die langwierige Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels nach 40 Jahren.
5 Schlussbetrachtung: Die Zusammenfassung unterstreicht die Notwendigkeit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte und die Rolle des Staates, der durch Geheimhaltung und Verdrängung die Aufklärung weiterhin behindert.
Schlüsselwörter
Algerienkrieg, Vergangenheitsbewältigung, Kolonialismus, Frankreich, Erinnerungskultur, Folter, Massaker, Geschichtsvermittlung, Staatsraison, 17. Oktober 1961, Verdrängungspolitik, Erinnerungsindustrie, Dekolonisierung, FLN, Armee.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie Frankreich den Algerienkrieg in seinem kollektiven Gedächtnis verankert – oder vielmehr, wie es versucht, die traumatischen und blutigen Aspekte dieser Vergangenheit durch staatliche Zensur und Verdrängung aus der nationalen Erinnerung zu tilgen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ideologie des französischen Kolonialismus, der Rolle von Militär und Politik, der Instrumentalisierung des Geschichtsunterrichts sowie der spezifischen Aufarbeitung des Pariser Massakers vom 17. Oktober 1961.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu ergründen, warum Frankreich bis heute Schwierigkeiten hat, seine Verstrickung in koloniale Verbrechen offen anzuerkennen, und wie sich die "Kultur der Erinnerung" versus die "Kunst des Vergessens" im politischen Handeln manifestiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische und politikwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung von Monographien, Zeitschriftenartikeln, Zeitzeugenaussagen sowie offiziellen Dokumenten und historischen Archivmaterialien basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Logik der Gewalt seit 1840, der systematischen Verschleierung von Fakten in Schulen, der Rolle hoher Militärs und Politiker bei Folter und Unterdrückung sowie der Aufdeckung des 1961er Massakers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Vergangenheitsbewältigung, kollektives Vergessen, Algerienkrieg, Staatsraison, französische Kolonialgeschichte und institutionelle Verdrängung.
Welche Rolle spielt Alexis de Tocqueville in der Argumentation des Autors?
Tocqueville dient als Beispiel für die theoretische Rechtfertigung der französischen Kolonialpolitik. Der Autor zeigt auf, wie selbst anerkannte Demokraten im 19. Jahrhundert die Gewalt gegen Algerier als notwendiges Mittel zur Durchsetzung der Kolonialherrschaft legitimierten.
Wie bewertet der Autor die Rolle des ehemaligen Innenministers François Mitterrand?
Der Autor legt dar, dass Mitterrand trotz seines Wissens über die Missstände in Algerien aus machtpolitischen Gründen schwieg, um seine eigene Karriere nicht zu gefährden und die französische Position in Nordafrika zu stützen.
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- MA Youssef Fargane (Author), 2002, Die Vergangenheitsbewältigung in Frankreich - Der französische Algerienkrieg: Kultur der Erinnerung oder Kunst des Vergessens?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11215