Institut für politische Wissenschaft
Intensivseminar: Politik und Gedächtnis
Thema: Vergangenheitsbewältigung in
Frankreich: Algerienkrieg
Schriftliche Ausarbeitung:
Abgabetermin: 15.04.2002
Semester SS/2001 WS/2002
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 3
2 Die Verdrängten Bilder des Algerienkriegs
und die blutige Logik des Kolonialismus 6
2.1 Historischer Überblick 6
2.2 Erinnerungen an vergessene Verbrechen 7
2.3 Algerienkrieg im Spiegel des Geschichtsunterrichts 9
2.3.1 Leugnung und Verschleierung der Wahrheit. 9
2.3.2 Ideologische Einflussnahme des Staats. 10
2.3.3 Algerienkrieg als Randthema im Geschichtsunterricht. 11
3 Algerienkrieg und seine Folgen:
Die Vergangenheitsbewältigung à la francaise. 12
3.1 Algerienkrieg: Stachel im Fleisch
der französischen Politik und Gesellschaft. 12
3.2 Hochdekorierte Militärs:
Folter und Mord als Pflichterfüllung? 14
3.3 Massaker auf höchstem Befehl? 15
4 Das Massaker vom 17. Oktober 1961:
Die Erinnerung als Geheimnis der Republik 17
4.1 Massaker ohne Namen und Erinnerung mit Gesicht. 17
4.2 Aufklärung nach 40 Jahren:
Gedächtnisschwund oder Exzessive Erinnerung? 19
5 Schlussbetrachtung 21
Literaturverzeichnis
3
1 Einführung
Am 8. Mai 1945, am Tag der Befreiung Europas und des Waffenstillstands nach dem brutalen zweiten Weltkrieg, schossen französische Truppen auf der anderen Seite des Mittelmeers im algerischen Constantine auf Demonstranten, die für die Autonomie ihres Landes innerhalb des französischen Staatsverbandes eintraten. Dem brutalen Vorgehen der französischen Armee fielen Hunderte, wenn nicht Tausende von Algeriern zum Opfer. Der Versuch der Kolonialmacht Frankreich, die Unabhängigkeitsbewegung vom Anfang an im Keim zu ersticken, ist damit entgültig gescheitert.
Was danach folgte, war eine brutale militärische Auseinandersetzung zwischen der Front de Libération National (FLN) und der französischen Armee, die erst 40 Jahre nach dem Ende des Konfliktes offiziell von der französischen Regierung als Krieg bezeichnet werden konnte. In diesem von der FLN und der ALN ( Armée de Libération National) geführten Unabhängigkeitskrieg kamen mehr als 1 Millionen Algerier und 24.000 Franzosen ums Leben.
Bei den “Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung „- wie man offiziell 38 Jahre lang diesen schmutzigen Krieg bezeichnete- mobilisierte Frankreich seine ganzen militärischen Kräfte und im Dienste der La Grande Nation waren 2 Millionen französische Soldaten in Algerien stationiert. Mit allen zur Verfügung stehenden Gewaltmitteln sollte verhindert werden, dass 132 Jahre koloniale Herrschaft in Algerien beendet wird. Folter, Vergewaltigungen, willkürliche Ermordung von FLN-Militanten und Massenhinrichtungen gehörten zur tagtäglichen Praxis der französischen Armee während des offiziell von 1954 bis 1962 dauernden Algerienkriegs 1 .
Die Enthüllungen von in Algerien begangenen Massakern sorgten vor einem Jahr für eine heftige Debatte über die Verstrickung Frankreichs in Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Anders kann man die Geständnisse und die Kriegserinnerungen von ehemaligen französischen Generälen in Algerien, die zugaben, im Dienste der französischen Kolonialmacht verdächtige FLN-Militanten gefoltert und anschließend exekutiert zu haben, nicht bewerten.
Diese an die französische Öffentlichkeit gelangten Informationen über die unmenschlichen Methoden der französischen Armee waren den Politikern des Landes von rechts bis links schon längst bekannt. Doch die Erinnerung an die „ Ereignisse“ in Algerien während der französischen Besatzung rührt an eine immer noch nicht geheilte Wunde der
1 Thankmar von Münchhausen: Kolonialismus und Demokratie, die Französische Algerienpolitik von 1945-
1962, München 1977. S, 221-229.
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Kolonialgeschichte Frankreichs, genauso wie die Erinnerung an das Vichy-Regime an den Mythos der Résistance rührt.
Anders als in der Bundesrepublik, wo der deutsche Teilstaat nach der Niederlage des NS-Regimes die Verantwortung für das begangene Verbrechen übernahm, weigerte sich Frankreich bis heute jede Verstrickung und Verantwortung für die Untaten der französischen Armee in Algerien anzuerkennen. Eine Entschuldigung für die Opfer ist nicht in Sicht. Dennoch kehrt die Geschichte unangemeldet in die Politik zurück nicht immer nur als Stoff, aus dem sich die Diskussionen der Intellektuellen ableiten lassen, sondern auch als Erinnerungen an konkrete Schicksale von Verfolgten, Vertriebenen, Gefolterten und Inhaftierten, die noch bis heute an den Folgen einer bedrängten, verfehlten und beschädigten Lebensgeschichte leiden und deshalb jetzt Respekt, Wiedergutmachung und die Erklärung von Schuld und Verantwortung verlangen.
In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, den Umgang Frankreichs mit seiner Kolonialgeschichte zu untersuchen und seine Vergangenheitsbewältigung im Hinblick auf den Algerienkrieg zu analysieren. Dabei wird festgestellt, dass man in diesem Zusammenhang nicht von einer öffentlich initiierten und organisierten Bewältigung der Vergangenheit reden kann, sondern es sich eher um eine Überwindung und Vermeidung des Erinnerns an die dunklen Facetten der „ zivilisatorischen Mission Frankreichs“ in Nordafrika handelt. Dass Frankreich Leichen im Keller der Geschichte hat, ist heute unbestritten. Wie die französische Regierung damit umgeht und wie der Staat versucht, Erinnerung zuzulassen, andere zu verdrängen und das kollektive Vergessen zu organisieren, macht unter anderem einen wichtigen Aspekt dieser Arbeit aus.
Zuerst wird wird ein Überblick über die historischen Hintergründe des Konflikts vermittelt, in dem die blutige Logik des kolonialen Denkens Frankreichs, verkörpert von dem Demokratieforscher Alexis de Tocqueville, unverzichtbar ist. Dabei werden vor allem die in die Vergessenheit geratenen Massaker der französischen Kolonialmacht in die Erinnerung gerufen.
Dass Frankreich Erinnerungen verbietet und andere zulässt, gehörte anscheinend immer zu den beachteten Lebensaufgaben jener Regierungen mit den unterschiedlichen politischen Farben, die aus „Staatsraison“ sogar den Geschichtsunterricht so gestalten, dass er eindeutig von einer Mischung aus Selbstzufriedenheit einerseits und permanenter Leugnung und Verschleierung der Wirklichkeit andererseits geprägt ist. Im nächsten Kapitel wird demzufolge das in den Schulen vermittelte Geschichtswissen bezüglich des Algerienkriegs
5
unter der Lupe genommen, um den schon in den Grundschulen in Angriff genommenen Prozess der offiziell organisierten Verschleierung der nationalen Geschichte ins Licht zu bringen.
Danach wird auf die durch ehemalige Militärangehörige ausgelöste Polemik über die totgeschwiegenen Greueltaten der französischen Armee in Algerien eingegangen, wo sowohl die Eingeständnisse der Generäle, als auch die politischen Auswirkungen dieser neuen Enthüllungen auf die seit 40 Jahren verfolgte „Verdrängungspolitik“ im Vordergrund stehen. Verdrängt und von dem Gedächtnis gelöscht wurden indessen nicht nur Verbrechen in den Kolonien im Übersee, sondern auch Hinrichtungen Hunderter von algerischen Demonstranten mitten im Herzen der Metropole, in Paris. Hierbei ist das Massaker vom 17. Oktober 1961 ein lebendiges Beispiel dafür, wie tief der Gedächtnisschwund in der französischen Gesellschaft ist. Bei der Rekonstruktion dieses tragischen Ereignisses wird wegen des von Frankreich bewusst inszenierten kollektiven Vergessens, das sich auf die Quellenlage niederschlägt, auf Zeugenaussagen von direkt Beteiligten gestützt.
Am Ende wird eine Zusammenfassung aller hier behandelten Aspekten unternommen und die Ergebnisse der Untersuchung komprimiert dargestellt. Die für das Thema entnommenen Informationen stammen sowohl von deutschen und französischen Monographien als auch von in Deutschland und Frankreich veröffentlichten Zeitschriftenaufsätzen und Zeitungsartikeln, die - aufgrund der Aktualität und der Folgen des Algerienkriegs auf die gegenwärtige Politik in Frankreich- einen signifikanten Beitrag zur Untersuchung des innerfranzösischen Verhältnisses zur Kultur der Erinnerung und zur Kunst des Vergessens leisten.
Was den neusten Forschungsstand anbelangt, zeichnet sich mit der Debatte über die in Algerien angewendete Folter eine neue Entwicklung gerade in der Geschichtsforschung ab. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die junge Historikerin, Raphael Branche, eine mehrjährige Untersuchung über die von der französischen Armee begangenen Folter in Algerien, eine Studie, die auch in den bisher verriegelten Archiven im Verteidigungsministerium stattgefunden hat. 2
Dazu kommen noch zahlreiche Dissertationen in verschiedenen Disziplinen. In der Psychologie untersucht die Psychologin, Marie-Odile Godard, die posttraumatischen und psychischen Folgen des Kriegs, wo sie sich vor allem mit den systematisch praktizierten
2 Raphael Branche: La Torture et l´armée. (Gallimard), Paris 2001
6
Vergewaltigungen von algerischen Frauen und parallel mit ihren Vergewaltigern in der französischen Armee während des Algerienkriegs beschäftigt 3 .
2 Die Verdrängten Bilder des Algerienkriegs und die blutige Logik des Kolonialismus
2.1 Historischer Überblick
In der entfachten Debatte über das grausame Vorgehen der französischen Armee im Algerienkrieg könnte unbewusst der falsche Eindruck entstehen, dass das Verbrechen und die menschenverachtenden Zügen der französischen Kolonialpolitik nur auf den Zeitraum des Algerienkriegs beschränkt wären.
Wegen der staatlich kontrollierten „ politique de la mémoire 4 “ sind in diesem Zusammenhang eine Fülle von tragischen und die Republik beschämenden Ereignissen einfach vom kollektiven Gedächtnis gelöscht worden.
Dennoch bleiben die Massaker unter der Zivilbevölkerung und die summarischen Liquidierungen der Algerier mit ihrer langen Geschichte, die mit den ersten geleisteten Wiederständen von Emir Abdelkader gegen die französischen Besatzer bis zum 19 Jahrhundert zurückzuverfolgen ist 5 , ein noch nicht gewendetes Blatt im Schwarzbuch des französischen Kolonialismus, dessen blutige Logik in Algerien schon 132 Jahre alt ist.
Von Glanz und Reichtümern des Orients angezogen, eroberte am 31. Januar 1830 die Kolonialmacht Frankreich das Nordafrikanische Land. Doch das Land, wo „ Milch und Honig“ flossen, ist unter der Gnade der blutigen Kolonialpolitik Frankreichs gefallen. Ausbeutung, Versklavung der Autochthonen und Ignominie der Besatzer verbreiteten sich rasch und brachten die Eingeborenen zu einem asymmetrischen Krieg gegen die französische Kolonialherrschaft.
Was danach folgte, ist für die nacheinander etablierten französischen Regierungen anscheinend nicht erinnerungswürdig.
3 « Le tabu du viol des femmes pendant la guerre d´Algérie », Le Monde, 08.11.2001.
4 « Pour une Politique de la mémoire », Le Monde, 01.11.01.
5 Elsenhans, Hartmut. Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962. Entkolonisierungsversuche einer kapitalistischen
Metropole. Zum Zusammenbruch der Kolonialreiche. München 1974, S. 89.
Arbeit zitieren:
MA Youssef Fargane, 2002, Die Vergangenheitsbewältigung in Frankreich - Der französische Algerienkrieg: Kultur der Erinnerung oder Kunst des Vergessens?, München, GRIN Verlag GmbH
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