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Inhaltsverzeichnis
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Inhaltsverzeichnis
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Vorbemerkung und Quellenbeurteilung
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1. Einleitung
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2. Historie der Kulturrevolution
2.1 Februar-Mai 1966:
Beginn der Kulturrevolution - die „Peng-Luo-Lu-Yang Anti Party Clique“ 6
2.2 Mai-Juni 1966:
Entstehung der ersten Roten Garden 8
2.3 Juni- Juli 1966:
Die „50 days“ - Das erste „big character poster“ und die Reaktion der
Partei 9
2.4 Mitte Juli-Ende September 1966:
Ereignisse um das 11. Plenum des Zentralkomitees 14
2.4.1 Verurteilung der „50 days“ und Kehrtwende 14
2.4.2 Auswirkungen auf die Machtverhältnisse und Strukturen an der
F ührungsspitze 18
2.5 Oktober - Dezember 1966:
Die bourgeois-reaktionäre Linie - Ausgrenzung von Liu Shaoqi und
Deng Xiaoping 24
2.6 Oktober - Dezember 1966:
Erweiterung der Kulturrevolution auf die breiten Massen 30
2.7 Januar 1967:
Der „January Storm“ in Shanghai - „Power seizures“ und landesweites
Chaos 33
2.8 Februar-März 1967:
„February Crackdown“ / „February Adverse Current“ - Machtrückgewinn
der konservativen Kräfte und des Militärs 36
2.8.l „February Crackdown“ 36
2.8.2 “February Adverse Current“ 39
2.8.3 Auswirkungen auf die Machtverhältnisse 41
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Vorbemerkung und Quellenbeurteilung
Historische Betrachtung der Kulturrevolution in Bezug auf das gesamte Staatsgebiet der Volksrepublik China:
Überblick der Herangehensweisen und Begründung der Wahl einer historischen Perspektive.
Das grundlegende Problem bei der historischen Beschreibung der ersten Phase der chinesischen Kulturrevolution (1966-1968/69), wie es im zweiten Kapitel der Arbeit geschehen wird, besteht in der Vielschichtigkeit der Konflikte. Diese Vielschichtigkeit kommt vor allem durch unterschiedliche Beweggründe einzelner Gruppen für ihren Eintritt in die Konflikte zu Stande. In den Jahren 1966 bis 1969 bildeten sich in ganz China die unterschiedlichsten politischen Kleingruppen, die je nach Region völlig verschieden zusammengesetzt sein konnten und unterschiedliche Ziele verfolgten. Je nach Sichtweise auf die Geschehnisse kann man behaupten, die chinesische Kulturrevolution sei keine wirkliche Kulturrevolution des gesamten chinesischen Volkes gewesen, da die Konflikte von Ort zu Ort in ihrer Natur und Intensität völlig unterschiedlich waren. An einigen Orten bildeten sich aus ökonomischen Gründen bestimmte Interessensgruppen, die z.B. für höhere Löhne kämpften. Dieser entgegen stand die jeweils konkurrierende Interessensgruppe mit gegenteiligen Zielen. An anderen Stellen stellten persönliche Rachemotive von verfeindeten Familien eine Rolle, wieder woanders war Fremdenfeindlichkeit ein Grund für Konflikte. Das Dilemma, in das man eintritt, wenn man solch komplexe Vorgänge beschreiben will wie sie in der chinesischen Kulturrevolution geschehen sind besteht in der Schaffung einer bestimmten Herangehensweise an die Komplexität der historischen Ereignisse.
Manche Autoren fokussieren sich auf die Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen und beschreiben seine Erlebnisse in den Wirren der Kulturrevolution. Sie beschränken sich somit mehr oder weniger auf eine Beschreibung der subjektiven Erlebnisse eines Einzelnen in einem beschränkten Raum.
Andere legen sich zunächst auf eine bestimmte Region fest, z.B. eine bestimmte, als bedeutend erscheinende Stadt, und beschreiben detailliert die regionalen Besonderheiten, die zur Bildung bestimmter Gruppen mit verschiedenen Zielen geführt haben. Anschließend verfolgen sie den Kampf der Gruppen um die Durchsetzung ihrer Ziele bis zur eventuellen Machterlangung auf regionaler Ebene nach.
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Wieder andere versuchen sich an einer Mischung der beiden Ansätzen und strukturieren ihre historischen Beschreibungen in mehrere Abschnitte, die biographische Elemente und regionale Elemente mit einfließen lassen.
Ein vierter Ansatz der historischen Analyse hat den Anspruch, die Geschehnisse in der Kulturrevolution als eine nationale Bewegung zu sehen. Dabei werden die Ereignisse an bestimmten Orten als auslösende Kernpunkte und Signalgeber für die Entwicklung der Bewegung in ganz China gesehen. Ebenfalls wird versucht, ähnliche Motivationslagen regional gebildeter politischer Interessensgruppen zu suchen und verschiedene Gruppen auf diese Weise gedanklich zusammenzufassen. In der Regel wird bei diesem Ansatz in zwei große Interessensgruppen unterschieden. Die erste Gruppe stellen die Rebellen bzw. die revolutionären Roten Garden dar, die zweite die Konservativen bzw. „Blutlinien Roten Garden“. Dieser letzte Ansatz wurde für diese Arbeit als Perspektive der historischen Betrachtung gewählt. Diese Betrachtung bringt durch die Zusammenfassung der Konfliktgruppen auf nur zwei wesentliche einige Probleme mit sich. Unter den großen Labels „Rebellen“ und „Konservative“, die aufgrund des Namens eine gewisse Homogenität innerhalb der Gruppen vortäuschen, verstecken sich nämlich eine Vielzahl einzelner kleiner Gruppen, die in der Regel aus nicht mehr als 100 Mitgliedern bestanden. Weil Gruppen auf regionaler Ebene allerdings mehr oder weniger aufgrund gleicher Interessen oder zumindest gleicher Feinde miteinander kooperierten und sich z.T. auch zusammenschlossen und einen Dachverband bildeten, kann man allerdings zumindest regional von relativ homogenen Rebellengruppen bzw. Gruppen aus Konservativen ausgehen. Weiterhin hatten regional miteinander kooperierenden Rebellengruppen meist durch diesen Dachverband eine gemeinsame Verbindung zur zentralen Führung, welche die meiste Zeit zwischen 1966 und 1969 einen großen Einfluss auf diese Gruppen hatte. Die Konservativen waren aufgrund ihrer Nähe zu den Verwaltungsverantwortlichen vor der Revolution bzw. den Verantwortlichen in der Armee, von Anfang an durch Beziehungen, die sich über die Jahre gebildet hatten, durch soziale Netzwerke verbunden.
Die Benennung von zwei großen Gruppen, die gegeneinander in einem größeren, nationalen Kampf für ihre Interessen gegeneinander kämpfen stellt daher eine sinnvolle vereinfachende Darstellung der Entwicklungen in China dar. In dieser Arbeit wird gemäß dieser Vorgehensweise im Rahmen der historischen Schilderung der Ereignisse der Kulturrevolution versucht, mit Hilfe dieser
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vereinfachenden Herangehensweise einen Überblick zu geben, der einerseits die Geschehnisse der Kulturrevolution möglichst realitätsnah nachverfolgt und andererseits Unwesentliches möglichst ausschließt.
Kurzbeschreibung der Quellen in Bezug auf die Wahl der Herangehensweise bei der historischen Betrachtung der Kulturrevolution
Barnouin et al. wählen, wie viele andere, die Sichtweise der doppelschichtigen Spaltung. Einerseits sehen sie eine Spaltung in der höheren chinesischen Politik auf Zentralebene. Andererseits beschreiben sie die Spaltung des chinesischen Volkes in die Faktion der Rebellen und die der Konservativen als eine Nachvollziehung der Spaltung der Spitze an der Basis. Barnouin et al. nehmen dabei vor allem Bezug auf chinesische Analytiker der Vorgänge in der Kulturrevolution und versuchen diese mit westlichen Quellen in Verbindung zu bringen, die sich häufig auf die Geschehnisse und Verhältnisse an der damaligen politischen Spitze und deren Einflüsse auf die Entwicklung der Revolution beschränken.
Esherick et al. melden schon im Titel ihres Buches den Anspruch an, die chinesische Kulturrevolution geschichtlich darzustellen. Sie beziehen sich dabei, neben älteren Quellen, auch auf neue Quellen, die erst in den letzten Jahren verfügbar geworden sind. Diese Quellen schließen vor allem Protokolle von Sitzungen, Dokumente von interner Kommunikation und auch Tagebücher wichtiger Personen (z.B. von Zhou Enlai) an der politischen Spitze und auf regionaler Ebene ein, so dass anhand dieser Quellen die Beziehungen der Politiker klar werden. Zusätzlich haben einige Bezirke, Regionen und auch Universitäten in der letzten Zeit offizielle Historien betreffend der Zeit der Kulturrevolution herausgegeben, die Esherick et al. verwenden. Neben diesen entklassifizierten Dokumenten aus Regierungshänden verlassen sie sich, als Gegengewicht zu möglicherweise veränderter Darstellungen der chinesischen Regierung, außerdem auf inoffizielle Quellen aus den Händen der Roten Garden z.B. Rote Garden Zeitungen, Propagandamaterial u.ä. Auch individuelle Berichte einzelner Betroffener der Kulturrevolution, ob als Opfer oder Täter, fließen mit ein. Liu Guokai ist selbst ein Akteur in der Kulturrevolution und rechnet sich selbst der Faktion der Rebellen zu, denen er einerseits in verschiedenen Gruppen als Angehöriger einer Behörde und später als Arbeiter in einer Fabrik beide Male in Guangdong (Kanton) angehörte. Dadurch, dass ein Betroffener schon in den 1970er Jahren sich selbst als Mitglied einer nationsweiten Organisation der Rebellen nennt, zeigt, dass
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trotz der kleinen Gruppen ein Bewusstsein dafür vorhanden gewesen zu sein scheint, dass die einzelne Gruppe Teil einer größeren, nationalen Organisation war. Liu versucht, nach eigenem Anspruch, in seinem Buch die Geschehnisse möglichst objektiv darzustellen und dabei, über seine persönlichen Erlebnisse hinaus, die Kulturrevolution aus nationaler Perspektive darzustellen. Er versucht rational Erklärungen für die Geschehnisse zu finden, kann aber nicht über eine Bewertung der Dinge hinausschauen. Immer wieder wird seine persönliche Ablehnung gegenüber bestimmten Ereignisse auch in drastischen Worten klar. Diese emotionale Befangenheit wird verständlich, wenn man sich klarmacht, dass Liu über 10 Jahre an seinem 150 Seiten umfassenden Buch schrieb und die fertiggestellten Seiten aufgrund der politischen Situation im China der 1970er in Zwischenwänden und Böden verstecken musste. Seine Darstellungen sind aber vor allem dahingehend aufschlussreich, dass klar wird, welche Auswirkungen die ständige Veränderung der politischen Richtlinien aus Beijing auf die Menschen und speziell auf die einzelnen Gruppen hatten. Wegen dieser Mischung aus einer Einzelperspektive eines Zeitzeugen, die gleichzeitig eine Analyse der Politik versucht, ist diese Quelle ein interessanter Beitrag.
MacFarquhar et al. beziehen sich auf ähnliche Quellen wie Esherick et al., versuchen allerdings eine komplette Geschichte der Geschehnisse in ganz China von 1965 bis 1969 zu erzählen und nicht nur wie Esherick et al. in Ausschnitten einzelne Entwicklungen in beschränkten Zeitrahmen zu beschreiben. MacFarquhar et al. gehen vor allem wiederum von den Geschehnissen an der zentralen politischen Ebene aus und beschreiben die Auswirkungen der Wirrungen, Spaltungen und Entscheidungen an der politischen Spitze. In ihrem Buch wird das Bemühen klar, die Entwicklungen möglichst lange frei von einer Einteilung der Konflikte in Kämpfen zweier Faktionen zu sehen. Sie beschreiben die Ereignisse bis zum März / April 1967 völlig frei von einer Benennung von Faktionen, können sich danach jedoch bei der Beschreibung der Verschärfung der Konflikte bis hin zum bewaffneten Kampf nicht von einer Einteilung der Beteiligten in zwei große Faktionen fern halten. Yan et al. beschreiben in ihrem Buch die gesamte Periode der chinesischen Kulturrevolution aus der Perspektive eines objektiv beobachtenden Chinesen. Ihre Rolle in der chinesischen Kulturrevolution wird nicht klar. Es wird aber klar, dass Yan in der intellektuellen Szene in Peking sehr angesehen und zumindest bis Mitte der 1980er ein politischer Berater hochstehender chinesischer Politiker war. Er engagierte sich allerdings bis 1989 für demokratische Ideale und musste im Jahr 1989 das Land
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verlassen, da er nach den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf der Top 12 Liste der meistgesuchten Chinesen aufgeführt war. Das Buch „Turbulent Decade“, das hier als Quelle dient, ist in der VR China nicht zur Publikation zugelassen. Yan et al. beziehen sich in ihrem Buch auf chinesische Publikationen aus der Zeit der Kulturrevolution und auf Augenzeugenberichte, die ihnen nach einer ersten Publikation eines ähnlich gearteten Buchs im Jahr 1986 zugespielt wurden. Daher ist das Buch eher aus einer „Perspektive des Volkes“ geschrieben und bildet einen Gegenpol zu den Beschreibungen westlicher Autoren wie MacFarquhar et al. und Esherick et al.
Mit dieser Auswahl der Quellen wird in dieser Arbeit durch die Miteinbeziehung möglichst vielfältiger Quellen eine Zusammenführung mehrerer Betrachtungsweisen angestrebt, die allerdings im Großen und Ganzen einer Perspektive der historischen Darstellung verfolgen - der Einteilung der Gesellschaft in zwei in Konflikte verwickelte Faktionen. Es wird damit versucht ein möglichst objektives Bild der Ereignisse zu erhalten, trotz immer noch limitierter schriftlicher Primärquellen und bei Interviews zum Tragen kommender Einschränkungen der Redefreiheit in der VR China und einer anzunehmenden ideologischen Voreingenommenheit der Beschreibungen von in die USA, nach Taiwan oder Hong Kong ausgewanderter Chinesen.
Vorbemerkung zum Begriff der „Kulturrevolution“
Der Begriff der Kulturrevolution lässt bei der ersten Betrachtung vermuten, dass im Zentrum der damit verbundenen politischen Bewegung und der revolutionären Konflikte eine Revolution der Kultur gestanden haben muss. Eine Revolution der Kultur würde eine „schnelle, radikale Veränderung der gegebenen ... Bedingungen“ 1 , in diesem Kontext also eine schnelle, radikale Veränderung der kulturellen Bedingungen bedeuten. Eine Kultur schließt, in vereinfachter Definitionsweise, die Art der Wahrnehmung, des Urteilens, des Denkens und Handelns einer bestimmten Personengruppe ein, die diese Art der Wahrnehmung, des Urteilens, des Denkens und des Handelns bis zu einem gewissen Grad teilen. 2 Im Mittelpunkt der chinesischen Kulturrevolution hätte also eine radikale Veränderung der Arten der Wahrnehmungen, des Urteilens, des Denkens und Handelns des chinesischen Volkes stehen müssen. Tatsächlich war es Teil der allgemeinen Ziele Maos, wie in allen anderen kommunistischen Systemen, die Kultur der Menschen zu verändern und die Menschen
1 Vgl. Schubert et al. (2003), S. 246.
2 Vgl. Thomas et al. (2003), S.21-22.
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zu „neuen Menschen“ im kommunistischen Sinne zu machen. Wie in den folgenden Kapiteln beschrieben wird, mobilisierte Mao tatsächlich das gesamte Volk und dabei besonders die junge Generation, um ihnen vordergründig eine neue Kultur einzuhauchen. Nach der Rhetorik der kommunistischen Partei sollten sie sich in ihren revolutionären Handlungen aus sich selbst heraus und gegenseitig zum neuen Menschen erziehen. Nach dem Verständnis Maos sollte eine große Unordnung entstehen und große Zerstörung herbeigeführt werden, um auf dem Zerstörten eine neue Ordnung zu schaffen, die vom „neuen Menschen“ und seiner neuen Kultur aufgebaut wird. In der Phase der Zerstörung sollte alles kapitalistische und feudalistische sowohl physisch als auch in den Gedanken der Menschen zerstört werden, um Platz für die neue Kultur zu schaffen.
Wie den folgenden historischen Beschreibungen der Ereignisse zu entnehmen sein wird, spielte die eigentliche Zerstörung und Zerschlagung des alten Denkens, der alten Traditionen, der alten Gewohnheiten und der alten Kultur (im Sinne der kommunistischen Ideologie: „4 olds“) z.B. durch die körperliche Zerstörung von kulturellen Artefakten und Symbolen jedoch für den Fortgang der Kulturrevolution nur eine untergeordnete Rolle. Nur in der Phase des „Roten Terrors“ kam es tatsächlich zu gezielten Aktionen gegen solche Ziele. Bei genauerer Betrachtung erkennt man auch, dass die Massen eigentlich nur im Sinne des Machtgewinns Maos mobilisiert wurden und höchstens sekundär für die Erschaffung einer neuen Kultur im kommunistischen Sinne begeistert werden sollten.
In der Zielsetzung der Führung war die Kulturrevolution primär ein Machtkampf zwischen zwei sich gegenüberstehenden Faktionen an der Spitze. An den Geschehnissen im Volk orientiert kann man zwar durch die Gewalt, die jeden einzelnen Einwohner Chinas zu jener Zeit erreichte, von einer Zerstörung der Kultur unter den Menschen reden. Allerdings wurde zu keinem Zeitpunkt von Seiten der Massenorganisationen versucht, eine neue Kultur aufzubauen. Auch auf der Ebene des Volkes war die Hauptmotivation in der Gewinnung von Macht und Privilegien zu suchen und nicht im Aufbau einer neuen Kultur.
Im Mittelpunkt der Kulturrevolution stand daher eigentlich gar nicht die Zerstörung einer alten Kultur und deren Ersetzung durch eine neue. Eine Revolution der Kultur fand zwar statt, stellte aber von Seiten der Führung keine Priorität dar. Sie stellte zwar eine Revolution der Kultur rhetorisch in den Mittelpunkt. In Wirklichkeit ging es insbesondere für Mao jedoch zentral um das Ausschalten von Konkurrenten um die
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Macht an der politischen Spitze unter Instrumentalisierung der Volksmassen. Der Begriff der Kulturrevolution folgt daher eigentlich nur der Rhetorik der kommunistischen Führung, verfehlt aber den eigentlichen Hintergrund dieser Massenbewegung.
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1. Einleitung
Die chinesische Kulturrevolution (1966-1976) war aus vielerlei Hinsicht ein einzigartiges Ereignis sowohl in der chinesischen Geschichte als in auch der Weltgeschichte. Aufgrund Chinas damaliger Bedeutung als zweites Zentrum des Weltkommunismus nach der Sowjetunion war die Kulturrevolution ein Weltereignis, das viele als Richtungsgeber für den weltweiten Kommunismus sahen. Dabei zeigten die Ereignisse in China auch Wirkung in westlichen Ländern, wo während der 1968er Studentenbewegungen, die Maobibel wie in China das Symbol des Protests und die Auflehnung gegen diejenigen, die an der Macht waren, darstellte. Allerdings ist die Kulturrevolution nicht nur aufgrund ihrer weltgeschichtlichen Reichweite herauszustellen. Einzigartig in der Geschichte ist auch, dass die Regierung v.a. in der Person von Mao Zedong, in einem totalitären Staat die Bevölkerung dazu aufrief gegen die Machtstrukturen, die ihn eigentlich stützten, zu rebellieren. Natürlich handelte es sich bei dieser Handlungsweise um politisches Kalkül, das auch ein Stück weit motiviert war durch einen praxisfernen Ideologieglauben auf Seiten Mao Zedongs. Dennoch bleibt einzigartig, dass ein Diktator zum Sturz seines eigenen Regimes aufruft.
Auch die Wirkung auf das heutige China ist bei Kenntnis des Hintergrunds der historischen Ereignisse im Grunde unverkennbar. In vielen Literaturquellen ist zu lesen, dass man das heutige China nur im Kontext der Ereignisse der Kulturrevolution verstehen darf.
Tatsächlich stellte die Kulturrevolution ein tiefgreifendes Ereignis in der jüngeren chinesischen Geschichte dar. Im Positiven taten sich für das Volk in vielerlei Hinsicht vor allem in den ersten drei Revolutionsjahren bis dahin undenkbare Freiheiten auf. Es organisierten sich Gruppen mit z.T. politischen Zielen, die miteinander konkurrieren durften. Auch Karrieren außerhalb der Pfade, die durch die Partei vorgegeben waren, schienen plötzlich möglich.
Auf der anderen Seite durchzieht die Kulturrevolution eine Spur von abwechselnd vom Staat ausgehender und vom Volk initiierter Gewalt verschiedener Art. In der Verfolgung von Feinden des Volkes verrieten sich Nachbarn, Freunde und auch Familienmitglieder, folterten sich und brachten sich um. Eine andere Form der Gewalt war der auf dem Höhepunkt bürgerkriegsähnliche Konflikt einzelner Gruppen untereinander mit Beteiligung der Armee.
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Tatsächlich sind viele der tragenden Personen der Kulturrevolution heute in verantwortlichen Positionen in Politik und Wirtschaft. Viele von ihnen waren damals junge Schüler oder Studenten, die sich im blinden Glauben an die Vorgaben der politischen Führung in den revolutionären Kampf stürzten. Erfahrungen fehlgeleiteter politischer Führung und auch die letztendliche Zwecklosigkeit der Auflehnung gegen grundsätzliche Machtverhältnisse in der Jugend prägen diese Menschen bis heute. Hinzu kommt die Erfahrung in einer Welt aufgewachsen zu sein, in der man im Grunde niemand vertrauen konnte, wenn es sich um etwas handelte, das nicht politisch war. Aus dieser Perspektive ist es umso wichtiger, die Erfahrungen dieser Menschen in ihrer Jugend zu kennen, um ein Verständnis für ihre heutigen Denk- und Entscheidungsweisen zu erlangen.
In Wirklichkeit ist es aufgrund der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Vorgänge von der hohen politischen Ebene über die verschiedenen Organisationen und geographischen Regionen schwierig, die Kulturrevolution „verstehen“ zu wollen, ebenso wie es schwierig ist, das heutige China als Außenstehender wirklich zu verstehen.
Man kann aber einzelne, wichtige Elemente der Kulturrevolution herausgreifen und versuchen die möglichen Ursachen zu erklären. Vor allem im zweiten Teil der Arbeit soll es daher um die Ursachen v.a. für das gewalttätige Verhalten der Roten Garden in den ersten Jahren der Kulturrevolution gehen. Die Roten Garden rekrutierten sich aus Schülern und Studenten und waren im Auftrag Mao Zedongs die tragenden Säulen der Kulturrevolution v.a. in den ersten Monaten. In den Jahren ihres Bestehens begingen die Roten Garden unglaubliche Verbrechen an sogenannten Klassenfeinden, zu denen z.T. ihre eigenen Lehrer, Kommilitonen, Freunde und Verwandte gehörten. Im zweiten Teil der Arbeit sollen aus der Erklärung des politisch-ideologischen Umfelds, das sie während ihrer Kindheits- und Jugendjahre prägte, untersucht werden, wie diese Jugendlichen zu einem solchen Gewaltpotenzial auch gegen Vertraute fähig wurden. Auch psychologische und soziologische Aspekte der Ursachen solcher Gewalt werden dabei mit einbezogen.
Im ersten Teil soll jedoch zunächst die Geschichte der Kulturrevolution beschrieben werden. Auch hier ist es aufgrund der Größe des Landes und der Vielzahl und unterschiedlichen Natur der Ereignisse in den unterschiedlichen Regionen des Landes schwierig den Anspruch zu erheben, wirklich die einzig wahre Geschichte der Kulturrevolution zu erzählen. Diese Geschichte kann sich daher nur auf die
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Schlüsselereignisse und die Hauptströmung der Entwicklung der Ereignisse hauptsächlich in den großen Städten beziehen. Dennoch soll im ersten Teil auf der Grundlage neuer Quellen ein Überblick über die Ereignisse in den Jahren des Bestehens der Roten Garden vom Frühjahr 1966 bis im Sommer 1968 gegeben werden.
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2. Historie der Kulturrevolution
Im Grunde stellte die chinesische Kulturrevolution zunächst eine Säuberungsbewegung wie viele andere zuvor auch dar. Der Begriff „chinesische Kulturrevolution“ suggeriert allerdings, dass etwas viel grundsätzlicheres und tiefgreifenderes geschehen sein muss als bei einer „normalen“ politisch organisierten Säuberungsbewegung gegen politische Feinde im Volk.
Tatsächlich war die Kulturrevolution eine Bewegung neuer Art, da sie zwar von der politischen Führung - und hier vor allem von Mao - ausgelöst und gesteuert, aber durch das Volk gegen die eigene politische Führung ausgeführt wurde. Eigentlich war die Bewegung gegen seine eigene Machtbasis gerichtet, die bürokratische Struktur der kommunistischen Partei. Die Gründe, warum Mao eine solche Bewegung dennoch startete sind in vielfältigen Ursachen zu suchen. Zunächst ist ein Grund in der Historie des Verhältnisses der beiden führenden kommunistischen Staaten der damaligen Zeit, der Sowjetunion und der Volksrepublik China, zu suchen. Schon während der Zeit vor der Machtübernahme der kommunistischen Partei in China im Jahre 1949 galt die Sowjetunion und besonders ihr Modell der Gewaltherrschaft unter Stalin der VR China als Vorbild. Die Sowjetunion unterstützte die KPCh (Kommunistische Partei China) zunächst vor allem finanziell und materiell in ihrem jahrzehntelangen Kampf gegen die nationalistische Guomindang und nach 1949 auch aktiv z.B. durch die Verschickung von Beratern zum Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft in China nach dem Vorbild der Sowjetunion. Nach dem Tod Stalins und der Machtübernahme Chruschtschows musste Mao allerdings zusehen, wie sein langjähriges Vorbild Stalin von seinem Nachfolger Chruschtschow kritisiert und verurteilt wurde, um im Anschluss eine vergleichsweise moderate Politik zu betreiben. Mao sah Chruschtschow als Verräter an, der anstatt des gewaltsamen Aufeinanderprallens der konkurrierenden Systeme des Kapitalismus und des Kommunismus und ihres Gedankenguts sowohl auf außenpolitischer Ebene als auch im Innern die Linie der „friedlichen Evolution“ verfolgen wollte. In der folgenden Zeit beobachtete Mao außerdem, dass sich unter den Mitgliedern der Parteibürokratie in der Sowjetunion immer mehr typisch kapitalistisches Gedankengut wie das Anhäufen von persönlichem Besitz und das Ausnutzen von Privilegien breit machte. Dadurch erhob sie sich, nach Mao, wie eine neue kapitalistische Ausbeuterschicht über das Volk.
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Für Mao musste eine solche politische Linie zur schleichenden Rückkehr des Kapitalismus führen, da ein solches System typisch kapitalistische Verhaltenstendenzen wie Eigensinn und Individualismus förderte. Dies wollte Mao energisch bekämpfen. Besonders nach dem katastrophalen Ausgang des „Großen Sprungs nach Vorne“, der durch Mao mit dem Ziel des wirtschaftlichen Aufschließens der VR China zum Westen gestartet hatte, verstärkten sich durch die gestärkte Machtposition von Deng Xiaoping und Liu Shaoqi nach dem Scheitern der Initiative Maos ähnliche Tendenzen wie in der Sowjetunion. Mao war Anfang der 1960er Jahre zwar nicht im Ansehen im Volk, aber doch in der Führung in seinem Einfluss geschwächt und zog sich sogar monatelang völlig aus der aktiven Politik zurück. Deng Xiaoping und Liu Shaoqi verfolgten derweil eine moderatere Wirtschaftspolitik, die ähnlich wie bei Chruschtschow, zu der Herausbildung einer privilegierten Führungsschicht führte. Schon in den frühen 1960ern versuchte Mao die Aufmerksamkeit immer wieder auf innerparteiliche Gegner zu lenken, wobei sich verschiedene Debatten um den revolutionären oder konterrevolutionären Gehalt von Literatur und Theaterstücken drehten. Die im folgenden Kapitel thematisierte Absetzung der Peng-Luo-Lu-Yang „Anti Party Clique“ geht auch primär auf die Diskussion eines Theaterstückes zurück. Diejenigen, die das Theaterstück verteidigen, wurden allerdings ihrer Ämter enthoben, da sich der politische Wind unmittelbar vor dem Start der Kulturrevolution verschärft hatte. Der Grund für den Start einer so breit angelegten Massenbewegung wie der Kulturrevolution lag aber nicht in dem Willen zur Säuberung der chinesischen Kulturszene. Die Gründe waren vielfältiger und tiefergehender. Einerseits entsprach es seiner ideologischen Auffassung, dass die Partei - in seinem Verständnis der Demokratie - immer das Instrument des Volkes bleiben und die Partei im Sinne des Volkes handeln sollte. Daher war eine Parteibürokratie, die vor allem in ihrem eigenen Sinne existierte für ihn inakzeptabel.
Andererseits war Mao frustriert über seine relativ machtlose Position vor allem am Anfang der 1960er Jahre. Daher wollte er sich an seinen innerparteilichen Gegnern in der Gestalt von Liu Shaoqi und Deng Xiaoping rächen und die wirkliche Macht zurückgewinnen.
Gleichzeitig war Mao wohl auch um sein politisches Erbe besorgt. Er wollte in jedem Fall verhindern, dass nach seinem Tode ebenso ein politischer Richtungswechsel in die seiner Meinung nach falschen Richtung einsetzen würde wie es im Falle Stalins in der Sowjetunion geschehen war. Zu diesem Zweck suchte er vor allem den Kontakt zu
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Schülern und Studenten, die in seinem Sinne ideologisiert werden sollten, um die kommunistische Revolution nach seinem Tod weiterzuführen. Nachdem Mao einerseits durch die Ereignisse in der Sowjetunion schon in den 1950er Jahren alarmiert worden war und nun ähnliche Tendenzen in China ebenfalls unverkennbar waren, wollte Mao zum großen Kampf gegen die innerparteilichen Gegner blasen. Die Mischung aus ideologischen Gründen, Rache und der Sorge um sein politisches Erbe bewogen Mao primär dazu, die Kulturrevolution zu starten.
2.1 Februar-Mai 1966:
Beginn der Kulturrevolution - die „Peng-Luo-Lu-Yang Anti Party Clique“
Über den Startpunkt der Kulturrevolution gibt es in der Literatur keine Einigkeit. Die offizielle Geschichtsschreibung der KPCh nennt die Veröffentlichung des sogenannten „May 16th Circular“ als Startpunkt. 1 Schon vor dem Mai 1966 gab es allerdings innerhalb der Führung der kommunistischen Partei Ereignisse und auch Veröffentlichungen in diversen Zeitungen 2 , die in der Retrospektive betrachtet als Wegbereiter zur Durchführung der Kulturrevolution interpretiert werden können. Schon im Februar 1965 legte Mao in Zusammenarbeit mit späteren Mitgliedern der „Chinese Cultural Revolution Group (CCRG)“ Jiang Qing, Zhang Chunqiao und Yao Wenyuan die Grundlage für die Amtsenthebung des als Bürgermeister von Peking v.a. in der Hauptstadt aber auch in der Kulturszene der Zentralregierung wichtigen Peng Zhen. Im April 1966, noch vor der Absetzung Peng Zhens, wendete sich Mao erstmals- wenn auch noch lokal auf die Pekinger Region beschränkt - direkt gegen den Parteiapparat, indem er von „little devils“ sprach, die von einem „big party-tyrant“ gedeckt seien. 3 Schon hier deutet sich folglich eine größere innerparteiliche Säuberungsaktion an. Bis Mai 1966 wurden aus unterschiedlichsten z.T. ideologisch wenig nachvollziehbaren Gründen der Stabschef der Volksbefreiungsarmee, Luo Ruiqing, der Kulturminister und Direktor der zentralen Propagandaabteilung, Lu Dingyi, und der Direktor des Generalbüros des Zentralkomitees, Yang Shangkun, aus ihren Ämtern enthoben. 4 Sie wurden später die Peng-Luo-Lu-Yang „anti-party clique“ genannt. 5 Die Aktionen waren offenbar von Mao gesteuert. Die dahinterstehenden Gründe lagen für Mao und seine Unterstützer in der Einsetzung von Mao gegenüber Getreuen und Ergebenen in
1 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 51.
2 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.53.
3 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 61.
4 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.14-39.
5 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 63.
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für die erfolgreiche Durchführung der geplanten Kulturrevolution wichtigen Positionen. Als Nebeneffekt wurden mit der Beseitigung der Köpfe der jeweiligen Institutionen diejenigen, welche mit den Denunzierten zusammen gearbeitet hatten, ebenfalls aus ihren Ämtern beseitigt. Viele, auch z.B. Lu Dingyi selbst, wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1966 als Rechtsabweichler oder „capitalist roaders“ öffentlich dargestellt und misshandelt. 6 Unter anderen Kadern und Intellektuellen verursachte die Nachricht der Entlassung der genannten Clique Angst, da die Begründungen der Entlassungen für sie nicht erkennbar aus marxistisch-leninistischen Theorien herzuleiten waren. 7 Diese Ereignisse verschafften u.a. Jiang Qing, Zhang Zhunqiao, Yao Wenyuan und Wang Li Macht, die allesamt Mitglieder einer vergrößerten Politbürositzung waren, in welcher die Peng-Luo-Lu-Yang „Anti Party Clique“ offiziell in der „16th May Notification“ verurteilt wurde. Dieses Gremium wurde später die CCRG, welche als Instrument Maos zur Steuerung der Kulturrevolution ab dem ersten Drittel des Jahres 1967 mit einer außergewöhnlichen Machtfülle ausgestattet war. 8 Die „16th May Notification“ verurteilte vor allem den Teil der akademischen und kulturellen Szene, der eine auf akademischen Debatten beruhende Durchführung der Kulturrevolution befürwortete. Mao wollte statt dieser akademischen Debatten einen gewalttätigen Klassenkampf gegen die Bourgeoisie durchführen und verurteilte deswegen die Vertreter der moderaten Linie als Beschützer der von bourgeoisem Gedankengut durchsetzten Kulturszene. 9
Als vorausweisenden von Mao persönlich eingefügten Teil ist der letzte Abschnitt der Notiz hervorzuheben. Hier werden zum ersten Mal, recht vage aber aus heutiger Perspektive klar, die Ziele der Kulturrevoution aus Sicht Maos offengelegt, indem Chruschtow-ähnliche Repräsentanten der Bourgeoisie genannt werden, welche in die Partei eingedrungen sind und welche bekämpft werden müssen. 10
6 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.42-44.
7 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.46-47.
8 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.45.
9 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 71-72.
10 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.47-48.
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2.2 Mai-Juni 1966:
Entstehung der ersten Roten Garden
Ab Ende Mai bzw. Anfang Juni 1966 bildete sich die erste Gruppierung, die sich „Rote Garde“ nannte an der zur Qinghua Universität gehörenden Kaderelite-Mittelschule (Esherick et al. datiert die Bildung einer ersten der Universitätsführung politisch entgegenstehenden Gruppe auf 1964 11 , Barnouin et al. nennt den 29. Mai 1966 an der Qinghua Mittelschule als Gründungsdatum ) 12 . Diese ersten Roten Garden waren aus der Opposition gegenüber den politischen Positionen Peng Zhens und seinen Mitarbeitern entstanden. Kurz darauf bildeten sich an 6 weiteren Mittelschulen in Peking weitere solcher Gruppen. 13 14
Die Mitglieder der ersten Roten Garden gehörten alle den 5 red Klassenkategorien (Vgl. Kapitel 3.2.1) an und stammten zum großen Teil aus Familien mit Angehörigen hoher Parteioffizieller oder Militärangehöriger. 15 Sie verstanden sich selbst als Elite, die Mao und seinen politischen Zielen treu ergeben waren und in diesem Bewusstsein die Anweisungen Maos mit besonderem Fanatismus ausführten. 16 Aufgrund ihrer geographischen (die meisten stammten aus Peking) und ideologischen Herkunft bildeten sie eine recht homogene Gruppe, welche die gleichen Ziele verfolgte. Sie sahen sich als Nachfolger ihrer revolutionären Vater- und Großvatergeneration und wollten ähnlich revolutionär wirken wie ihre Vorfahren. 17 Ihr ideologisches Ziel war, die Mao Zedong Gedanken, in deren Mittelpunkt nach ihrer Auffassung Rebellion und die Zerstörung der alten Welt steht, in ihrer extremsten Form ausführen. 18 Die meisten Roten Garden waren während ihres Bestehens hauptsächlich aus den 6,4 Millionen (1966) Schülern aus Mittelschulen zusammengesetzt. Zu dieser Zeit waren demgegenüber nur 534000 Studenten an den Universitäten eingeschrieben, so dass diese, wenn auch ideologisch bestimmend, aufgrund diesem Verhältnis in der Unterzahl waren. 19
Die Erziehung der Roten Garden verlief entlang der Richtlinie „two upholds and one obedience“, welche sie während ihrer ideologischen Erziehung an der Mittelschule und
11 Vgl. Esherick et al. (2006), S.37.
12 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 95.
13 Vgl. Yan et al. (1996), S.57.
14 Gruppen, die sich „Rote Garden“ nannten erschienen zunächst nur an Mittelschulen; die „combat teams“, welche sich zum Zweck des Kampfes gegen die „work teams“ bildeten, waren zwar ideologisch gleich ausgerichtet, nannten sich aber nicht „Rote Garden“. Im folgenden werden dennoch, dem Gebrauch in der Literatur folgend, alle ursprünglichen „Roten Garden“ und die „combat teams“ als Rote Garden bezeichnet.
15 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 97
16 Vgl. Liu (1987), S. 26-27.
17 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.105.
18 Vgl. Yan et al. (1996), S.58.
19 Vgl. Lin (1991), S.4.
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Hochschule kennen gelernt hatten. Die „two upholds“ sind einerseits die Führung der KP und den Sozialismus zu ehren und andererseits dem Staat gegenüber bei der Ausführung der Arbeit gehorsam zu sein. Die Ideale, welche es zu erfüllen galt, um später in die Parteielite aufzusteigen, was ihr ausdrückliches Ziel war, waren es nach den oben genannten Kriterien „rot“ und gleichzeitig „Experte“ zu sein. „Experte“ konnte man nur durch gute akademische Leistungen werden. Da die besten Roten Garden auch in ihrem eigenen Verständnis „rot“ und „Experte“ sein mussten, gehörten die Führungspersönlichkeiten der Roten Garden zu den besten Studenten ihres Jahrganges und hatten sich entsprechend der Richtlinie „two upholds and one obedience“ als „Rote“ ausgezeichnet. 20
Für die Politik hatten junge Menschen mit den genannten Eigenschaften und Einstellungen einen enormen Nutzen. Mao hatte früh erkannt, dass er für sein Ziel, die Beseitigung der Parteibürokratie, Verbündete außerhalb der Parteihierarchie brauchte. In diesem Zusammenhang erschienen ihm prinzipiell fanatische Jugendliche und junge Erwachsene als nützlich. 21 Im der Kulturrevolution vorhergegangenen „Socialist Education Movement“ hatte sich schon herausgestellt, dass besonders an Grund- und Mittelschulen gewaltbereite und ideologisierte Mao-Unterstützer zu finden waren (Bsp.: Rede Peng Zhen, Januar 1965). 22 Für Mao stellten sie daher aufgrund ihrer Beeinflussbarkeit und Gewaltbereitschaft die optimale in seinem Sinne instrumentalisierbare Waffe im Kampf gegen seine innerparteilichen Gegner dar. 23 Die Roten Garden spielten in den ersten Wochen und Monaten der Kulturrevolution dementsprechend eine entscheidende Rolle.
2.3 Juni- Juli 1966:
Die „50 days“ - Das erste „big character poster“ und die Reaktion der Partei
Nachdem die Vorläufer der Kulturrevolution mehr oder weniger hinter verschlossenen Türen abgelaufen war, wurde die Kulturrevolution erstmals Ende Mai 1966 für das Volk sichtbar. Als eigentlichen Auslöser der für das normale Volk spür- und sichtbaren Kulturrevolution werden oft der Anschlag eines Plakats an der Beida Universität in Peking am 25. Mai 1966 genannt. 24 Inhaltlich wurden auf diesem Plakat Mitglieder des
20 Vgl. Esherick et al. (2006), S.34.
21 Vgl. Liu (1987), S. 25.
22 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.103-104.
23 Vgl. Yan et al. (1996), S.42-43.
24 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.54 ; Vgl. Liu (1987), S. 16.
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Universitätskomitees der Partei als Mitglieder der „black gang“ und als Agenten des Kapitalismus kritisiert. Dieses Ereignis alarmierte die hochgestellten Parteiführer, weil diese (scheinbar) freie öffentliche Meinungsäußerung bis dahin für sie völlig unmöglich gewesen war. 25 Sie fürchteten, dass durch diese Kritik auf sie eine Kritikwelle losrollen würde, die sich in Unruhen manifestieren könnte.
Genau diese Auslösung einer breiten Kritik an der Partei war allerdings Ziel des Anschlags des Plakats. Die Veröffentlichung des Plakats wurde nämlich von Teilen der Parteiführung bewusst initiiert. Dies war für die Kritisierten und vor allem für die Parteiführung jedoch nicht sofort erkennbar. Die Veröffentlichung des Plakats war einem engen Verbündeten Maos, Kang Sheng, ein wichtiges Mitglied der späteren CCRG bzw. von dessen Ehefrau in seinem Auftrag initiiert und der Inhalt maßgeblich bestimmt worden. 26 Somit ist eine direkte Mitwirkung Maos an der Initiierung der Massenbewegung höchstwahrscheinlich.
Ein weiteres Indiz für die direkte Beteiligung Maos war die Übernahme der wichtigen nationalen Tageszeitung People’s daily am 31. Mai 1966 von einem Mao Nahestehenden. Am 1. Juni 1966 wurde über den Anschlag des Plakats berichtet und dieser Vorgang positiv bewertet. 27 Ebenso verbreitete die Rundfunkanstalt „Xinhua News“ diese Nachricht am 2. Juni landesweit. 28 Darüber hinaus wurde am 6. Juni die Propagandaabteilung der KP von Mao-Freundlichen übernommen, 29 die ab diesem Zeitpunkt zum Kampf gegen innerparteiliche Gegner des Maoismus in ganz China aufrief. 30 Die Übernahme der Medien war für Mao ein wichtiges Instrument, da er nun dem Volk über mehrere Kanäle seine „Gedanken“ einprägen und die öffentliche Meinung und somit die Bewegung zumindest im ersten halben Jahr seit Mai 1966 weitgehend lenken konnte.
Die gewollte Wirkung des Anschlags des Kritikposters trat in den folgenden Tagen ein: Die Bewegung gewann durch die Veröffentlichung von weiteren die Universitätsleitung kritisierenden Plakaten an anderen Universitäten im ganzen Land an Fahrt. 31 Im Post-und Telekommunikationssektor Beschäftigte verfassten zwischen dem 4. Juni und 30. Juni 1966 im Schnitt 7,3 Poster. In Shanghai waren nach Berechnungen der kommunalen Parteiverantwortlichen innerhalb weniger Tage 2,7 Millionen Menschen
25 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 73-74.
26 Vgl. Yan et al. (1996), S.40.
27 Vgl. Liu (1987), S. 16.
28 Vgl. Böke (2007), S.73.
29 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.64.
30 Vgl. Yan et al. (1996), S.41-42.
31 Vgl. Liu (1987), S. 16.
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in der Bewegung engagiert. 32 Auf den Postern der breiten Masse wurden hauptsächlich Professoren, Lehrer und in der Verwaltung der Universitäten Beschäftigte angegriffen, wobei die Anschuldigungen objektiv meist nicht viel Substanz hatten und offensichtlich von den Autoren verfasst wurden, um aus der Bewegung nicht ausgeschlossen zu sein oder gar Ziel der Bewegung zu werden. 33
In Opposition dazu wurden von der Universitätsleitung viele ihnen gegenüber treue Studenten allerdings angewiesen, Poster anzuheften, welche die Position des Originalposters verurteilten und die Leitung verteidigten. 34 Zur weiteren Anheizung der Situation wurde von der KP Zentrale verfügt, ab dem 13. Juni alle regulären Schulveranstaltungen in sämtlichen Schularten auszusetzen, so dass durch die Freizeit, die den Schülern und Studenten zur Verfügung stand, mehr Zeit für die Revolution blieb. 35
In der Parteiführung führte dieser Ausbruch der freien Meinungsäußerung zu Konfusion. Liu Shaoqi, Vizevorsitzender der KP nach Mao und Präsident der VR China, wurde vor der breiten Veröffentlichung der Poster nicht informiert und wusste, wie sich später herausstellte, den Hintergrund der Aktionen nicht zu deuten. 36 Deng Xiaoping war gegen die Bewegung. 37
Die Gruppe um Liu Shaoqi - der offizielle Vertreter Maos in Abwesenheit (Mao hielt sich von Juni bis September aus taktischen Gründen in Hangzhou auf) - verschickte deshalb ab 3. Juni 1966, der Standardprozedur zum Umgang mit Aufruhr entsprechend, 38 „work teams“ in größerer Anzahl in die Universitäten und Mittelschulen, welche die aufkeimende Kritikbewegung unter Kontrolle bringen sollten 39 (Mao hatte dazu sogar am 29. Mai zugestimmt zeichnete sich ansonsten jedoch v.a. durch Vagheit in seinen Äußerungen und Abwesenheit aus 40 ). Liu Shaoqi und seine Gruppe hatten vor allem das Ziel, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Deshalb folgte am 6. Juni ein Beschluß mit dem Namen „Eight Points decision by the center“, mit dem Poster, Demonstrationen, Kampfsitzungen und Versammlungen außerhalb des Campus verboten wurden.
32 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.67.
33 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.67-71.
34 Vgl. Esherick et al. (2006), S.38.
35 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.60.
36 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 73.
37 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.55, S.63.
38 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.63-64.
39 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 75.
40 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.65.
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Die work teams setzten sich vor allem aus Parteikadern aus den Ministerien bzw. Regierungen der Provinzen und an den Universitäten aus Mitgliedern der „Communist Youth League“ zusammen. 41 Die work teams übernahmen die Macht von den paralysierten Parteiorganisationen an den Schulen und Universitäten. 42 Die Studenten selbst (ebenso wie Mao) lehnten die Einwirkung der „work teams“ ab, die sie als Schutzschild der „black gang“ wahrnahmen und auch aufgrund von schlechter Vorbereitung und Inkompetenz sie nicht als Führer in der Kulturrevolution akzeptierten. 43 Sie wollten eine offene Revolution unter ihrer eigenen Führung und keine Bevormundung durch Aktionsanweisungen. 44 Als Reaktion auf dieses Widersetzen gegen ihre Vorstellungen, verfolgten die „work teams“ die ihnen entgegenstehenden Studenten als „Rechtsabweichler und Konterrevolutionäre“. Diese Verfolgung mündete durch die starke Opposition der Studenten in einer von der Regierung losgetretenen Anti-Rechtskampagne gegen diese Studenten, welche sich von Juni 1966 bis September 1966 erstreckte. 45 Die Kampagne bestand u.a. im Abhalten von Arbeitssitzungen zur Kritisierung von ehemaligen Führungspersönlichkeiten und Studentenkadern. In diesen Sitzungen erfolgte eine Einteilung des Beschuldigten in eine von 27 Klassen. Entsprechend dieser Einteilung wurden sie bestraft (Selbstkritik, öffentliche Vorführung, Gewaltanwendung usw.). Die work teams delegierten diese Bestrafungen vor allem an die parteitreuen Engagierten in der Studentenschaft. Sie übergaben ihnen jedoch nicht die Entscheidungsmacht über die Auswahl der zu Bestrafenden und den Umfang der Bestrafung sondern wollten im Sinne Liu Shaoqis die absolute Kontrolle über den Verlauf der Bewegung behalten. 46 Die Gruppe um Mao Zedong, hielt sich in dieser Phase zunächst zurück in der Bewertung der Situation, befürwortete aber zu diesem Zeitpunkt, in Kenntnis der wahren Ziele Maos 47 , eher eine freie Entfaltung der Bewegung mit allen Konsequenzen (Bsp.: Chen Boda, 15. Juli 1966). 48 Für etwas mehr als 50 Tage ließ Mao Liu Shaoqi und seine Politik gewähren, welche trotz aller inhaltlicher Vagheit gegen die Linie der May 16th Notification und somit gegen die Linie Maos gerichtet war, um nach seiner Rückkehr zurückzuschlagen.
41 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 75.
42 Vgl. Yan et al. (1996), S.43.
43 Vgl. Liu (1987), S. 18.
44 Vgl. Esherick et al. (2006), S.40.
45 Vgl. Liu (1987), S. 18.
46 Vgl. Esherick et al. (2006), S.39-40.
47 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.77-78.
48 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.71-76.
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Aktionen der Roten Garden während der „50 days“
Zunächst richteten sich die Aktionen der Roten Garden, einer Bemerkung Lin Biaos folgend, welcher die Schulen unter der Herrschaft bourgeoiser Intellektueller sah, gegen Lehrer, Professoren und die Schul- bzw. Universitätsautoritäten. 49 Sie wollten zunächst vor allem eine Änderung der Verhältnisse an den Schulen und Universitäten erreichen. 50 Als work teams an die Universitäten geschickt wurden, erweiterten sich die Ziele der Roten Garden allerdings auf die Ablehnung und Bekämpfung der work teams und zumindest der dahinterstehenden lokalen Parteileitung. Beim sogenannten „June 18 incident“ an der Peking Universität wurden z.B. den Beschuldigten (Universitätspräsident und vorrevolutionäres Parteikomitee) Hüte aufgesetzt, ihre Gesichter geschwärzt und anklagende Poster auf ihre Brust geheftet. Anschließend wurden sie an den Haaren gezogen und unter Tritten und Schlägen durch die Straßen geführt. Die work teams konnten dies aufgrund ihres Auftrags, Aufruhr und Gewalt zu verhindern, nicht hinnehmen und griffen nach einer Bestätigung durch die Zentralregierung entsprechend ein. Studentengruppen, welche die Partei in ihrer bisherigen Form und somit die Politik der work teams unterstützten (Bsp.: Die Kinder hoher Kader), wurden, wo möglich, anstatt der work teams auf die ihnen entgegenstehenden Studenten gehetzt, um auf die Gewalt mit Gewalt antworten zu können. 51 Die Roten Garden wichen allerdings nicht zurück sondern verstärkten sogar ihre körperlichen und verbalen Angriffe gegen die work teams. 52 Dies führte in erster Linie zu einer verstärkten Gegnerschaft der work teams und der Roten Garden, die ihr Handeln als revolutionär und im Sinne Maos betrachteten. Zu dieser Zeit bildeten sich jedoch auch die ersten sich in der Sicht der Dinge gegenüberstehenden Gruppen unter den Studenten. 53 Diese Spaltung war ein Vorbote der späteren Entwicklungen, als es zu einer Spaltung der gesamten chinesischen Gesellschaft bis hin zum Bürgerkrieg kam.
49 Vgl. MacFarquhar et al. (2006), S.105-106.
50 Vgl. Barnouin et al. (1993), S. 95.
51 Vgl. Yan et al. (1996), S.46-47.
52 Vgl. Yan et al. (1996), S.58.
53 Vgl. Yan et al. (1996), S.46-47.
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